Project Gutenberg's Kriegsbchlein fr unsere Kinder, by Agnes Sapper

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Title: Kriegsbchlein fr unsere Kinder

Author: Agnes Sapper

Release Date: April 18, 2004 [EBook #12075]

Language: german

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KRIEGSBCHLEIN FR UNSERE KINDER ***




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Kriegsbchlein

fr unsere Kinder


Von

Agnes Sapper


1914




Meinen lieben Enkeln

  Theo
  Otto
  Eduard

gewidmet im Kriegsjahr 1914




Inhaltsverzeichnis


Heimkehr aus sterreich
Der 4. August
Das Pfarrhaus in Ostpreuen
Die Konservenbchsen
Zu welcher Fahne?
Der kleine Franzos
In Gefangenschaft
Der junge Professor
Allerlei Kriegsbilder




Die Heimreise aus sterreich


"Ist das ein kstlicher Friede hier oben! Kinder, wie haben wir's gut,
wie wollen wir die vier Wochen genieen!" Frau Limann stand auf der
Altane eines kleinen Bauernhauses in einem weltentlegenen
sterreichischen Drfchen. Sie war am Vorabend mit ihren zwei jngsten
Kindern hierher in die Sommerfrische gekommen. Die Kinder--ein Knabe von
zehn und ein Mdchen von zwlf Jahren sahen auch aus, als ob sie eine
Erfrischung brauchten. Beide hatten im Frhjahr Scharlachfieber gehabt
und sich schwer davon erholt; auch die Mutter war angegriffen durch die
Pflege. So hatte Herr Limann, der in Mnchen Lehrer an einer
Kunstschule war, fr diese drei Glieder seiner Familie einen stillen
Sommeraufenthalt in den Tiroler Bergen ausgewhlt. Er selbst hatte Ende
Juli eine Studienreise nach Paris angetreten. Sein ltester Sohn Ludwig
war in Passau, wo er sein Einjhrigenjahr abdiente. Es blieb noch
Philipp, der siebzehnjhrige, der Gymnasiast, zu versorgen. Der wre
wohl gerne mit Mutter und Geschwistern ins Gebirge gereist; allein er
war ein etwas leichtsinniger Schler und hatte im Schuljahr so wenig
gearbeitet, da er in den Ferien lernen mute. So bergaben ihn die
Eltern einem Lehrer, der alljhrlich eine Anzahl Ferienschler aufnahm,
und Philipp mute sich darein ergeben, statt nach Tirol oder gar nach
Paris nach Hinterrohrbach zu reisen!

Wieviel hatten all diese Plne zu berlegen gegeben, und welche Mhe war
es gewesen, fr die nach verschiedenen Richtungen Abreisenden alles
Ntige herbeizuschaffen und die Koffer zu packen! Und dann die groe
Wohnung abzuschlieen und alles gut zu versorgen fr die lange
Ferienzeit! Kein Wunder, da Frau Limann jetzt, nachdem all das hinter
ihr lag, aufatmete und mit Wonne in die stille Landschaft blickte.

"Herrlich ist's!"

Auf diesen Ausruf der Mutter waren beide Kinder herbeigeeilt und auf die
Altane getreten. Wie schn war's, die Mutter fr sich zu haben, die
Mutter, die nun Zeit und Ruhe hatte und so beglckt in die schne
Landschaft hinausschaute.

Ja, es war herrlich; zwar regnete es die ersten Tage, und in dem
Drfchen wurden die Wege bodenlos; aber man war doch traulich beisammen,
konnte sich recht ausruhen und erholen. Nur eins vermiten unsere
Sommerfrischler: Nachricht von den fernen Lieben. Man war wie von den
Menschen abgeschlossen, in diesem von der Bahn weit abliegenden rtchen,
in das nur zweimal wchentlich ein Postbote kam.

Eines Morgens brach die Sonne durch, wrmte, trocknete und vertrieb die
Nebel. Die bisher verhllten Bergspitzen hoben sich vom tiefblauen
Himmel ab und lockten hinaus. So wurde denn auch fr den nchsten Tag
ein groer Ausflug geplant, und am frhen Morgen brachen sie auf, die
Mutter, Karl und Lisbeth mit Bergstcken bewaffnet, mit Ruckscken
versehen. Ihr Ziel war der Bergpa, von dem aus man hinbersehen konnte
in die Gletscher der Venedigergruppe. Gute Fugnger machten das leicht
in einem halben Tag, aber sie wollten sich einen ganzen Tag dazu nehmen
und auf der Pahhe bernachten, wo eine einfache Unterkunft fr
Sommergste war und von wo aus sie am nchsten Morgen den Sonnenaufgang
sehen konnten. "Wenn es uns gar zu gut gefllt dort oben, bleiben wir
vielleicht zweimal ber Nacht, also haben Sie keine Sorge um uns," sagte
die Mutter noch beim Abschied zu der freundlichen Buerin, bei der sie
wohnten.

Wie war das schn fr unsere drei Sommerfrischler, auf dem
Bergstrchen, das sachte anstieg, immer weiter hinter in das enge Tal,
immer nher auf die hohen Berge zu zu marschieren! Hie und da traf man
auch andere Wanderer, die den schnen Tag bentzten. Gegen Mittag wurde
im Freien getafelt und nach einer lngeren Rast ging es mit frischen
Krften vorwrts. Die Strae wurde steiler, der Anstieg mhsamer. "Nur
sachte voran," mahnte die Mutter, "wir haben viel Zeit vor uns. Schaut
euch um, es wird immer schner."

Je hher sie kamen, um so mehr neue Bergspitzen stiegen auf, und
pltzlich--die Pahhe war erreicht--leuchtete das groe Schneefeld des
Venedigers vor ihnen auf. Ein paar Schritte noch, und man stand an der
Unterkunftshtte und hatte vor sich das herrlichste Gebirgspanorama.

So groartig und erhebend war der Anblick, da sie wie aus _einem_ Mund
riefen: "Da bleiben wir, o da gehen wir nicht so schnell wieder
herunter!"

Und so kam es auch. Als einzige Gste der munteren Sennerin, die allein
die Htte bewirtschaftete, brachten sie zwei Tage in der stillen,
friedlichen Bergeinsamkeit zu. Nichts war zu sehen, als die erhabene
Gebirgswelt, nichts zu hren von dem, was tief unter ihnen die Menschen
in ihren Stdten beschftigte.

Am dritten Tag umwlkte sich der Himmel, die hohen Berge waren verhllt,
das erleichterte den Abschied. Mutter und Kinder traten den Heimweg an,
und hochbefriedigt von diesem ersten Ausflug planten sie weitere fr die
nchsten Wochen.

Als gegen Abend in der Ferne das Drfchen erschien, freuten sie sich
doch wieder auf dieses Heim. Endlich muten ja auch Nachrichten
eingetroffen sein von den Lieben, die so weit zerstreut waren. Wie oft
hatten sie sie herbeigewnscht, fast am meisten den siebzehnjhrigen
Philipp, den lustigen Jungen, der nach Hinterrohrbach verbannt war und
arbeiten sollte, whrend sie durch die herrliche Gebirgswelt streiften.
Nun kamen sie am ersten Huschen vorbei; unter der Tre standen der
Bauer, seine Frau und die Kinder und vor ihnen zwei Burschen, jeder mit
einem Militrkoffer in der Hand. Sie hatten voneinander Abschied
genommen. "B'ht Gott, b'ht Gott, kommt g'sund wieder," riefen ihnen
die Dorfbewohner nach. Der eine der Burschen wandte sich noch einmal um
und rief frhlich zurck: "Eine jede Kugel, die trifft ja nicht!"

"Hast du gehrt, Mutter?" rief Karl, "die ziehen in den Krieg!"

"Ja, offenbar," sagte die Mutter, "aber es hie doch, die Tiroler mten
nicht einrcken. Blo die Regimenter an der Grenze sollten gegen Serbien
ziehen."

Sie gingen weiter, kamen wieder an einem Haus vorbei, an dem eine Gruppe
von Leuten beisammen stand, die lebhaft miteinander sprachen. Im
Vorbeigehen hrten sie sagen: "In Kufstein ist es schon vorgestern
angeschlagen gewesen."

"Was denn?" fragte Frau Limann und trat zu den Leuten.

"Da die Russen den Krieg erklrt haben."

"Nein, wirklich?" sagte Frau Limann zweifelnd; "es wird ein falscher
Lrm sein."

Nun redeten alle zusammen: "Gestern ist's bekannt gemacht worden:
Allgemeine Mobilmachung.--Es geht nicht nur gegen die Serben, nein auch
gegen die Russen; die stecken dahinter. Ja, jetzt wird's ernst."

Ein Mdchen stand dabei, das schlug die Schrze vor die Augen und ging
weinend ins Haus zurck. Ihre Eltern sahen ihr nach: "Es ist hart fr
sie, am Sonntag htte die Hochzeit sein sollen, nun mu er in den
Krieg."

Frau Limann konnte kaum glauben, was sie hrte. "Kommt, Kinder, kommt
heim; vielleicht ist ein Brief da oder eine Zeitung, ich habe noch
keine gesehen, seit wir hier sind; es wre ja schrecklich, wenn dies
alles wahr wre!"

Sie eilten; wenn sie nur irgend eine Nachricht vorfnden! Als sie sich
dem Huschen nherten, kam ihnen die Buerin schon entgegen: "K die
Hand, gn' Frau! Gottlob, da Sie da sind! Wir haben alleweil nach Ihnen
ausgeschaut. Da Sie nur nicht erschrecken: zweimal ist der
Telegraphenbote da gewesen. Zwei Telegramme hat er fr Sie gebracht. Es
wird halt alles wegen dem Krieg sein. Droben auf dem Tisch liegt alles
beisammen."

Nun eilten sie die Treppe hinauf. Telegramme, Zeitungen, einen ganzen
Pack, fanden sie vor. Das erste Telegramm, das Frau Limann ffnete, kam
von dem Lehrer in Hinterrohrbach und lautete: "Bin einberufen, mu
Philipp heimschicken." Die Mutter und die Geschwister waren bestrzt!
Heimschicken! Das Heim war ja verschlossen!

Nun das zweite Telegramm, das kam vom ltesten Sohn Ludwig, von dem
Einjhrigen: "Unser Regiment kommt an die franzsische Grenze! Ich komme
noch fr einen Tag nach Hause."

Ja, war denn nicht nur mit Serbien und Ruland Krieg? Und nicht nur
sterreich, auch Deutschland machte mobil? "Die Zeitungen her, Kinder!"
Sie griffen alle drei gierig danach; da stand es ja in groen Buchstaben
ber das ganze Blatt: _Krieg mit Ruland! Krieg mit Frankreich_!
Entsetzt stand Frau Limann. Krieg nach beiden Seiten! Und vom Vater,
der eben nach Paris gereist war, von ihm keine Nachricht? Und der
lteste Sohn mute sofort mit in den Krieg! Und der jngere, wo trieb
der sich herum?

Einen Augenblick stand sie wie niederschmettert von all diesen
Nachrichten, die so viel Sorgen auf einmal brachten; und auch die Kinder
verstummten. Krieg! Das war etwas, von dem man nur in der
Geschichtsstunde gehrt hatte, und nun trat das pltzlich herein, ins
eigene Leben, in die Familie! Die Mutter raffte sich auf: "Kinder, wir
mssen heimreisen so rasch wie mglich!"--"Ja, Mutter, schnell,
schnell," rief Lisbeth ngstlich. "Die Brder knnen ja gar nicht ins
Haus herein!" Karl war nicht so schnell gefat. "Jetzt sollen wir schon
wieder abreisen? Einen einzigen Spaziergang haben wir erst gemacht!
Knnen wir nicht wenigstens morgen noch an den Schwarzsee? Kommt es denn
auf einen Tag an?"

Aber die Mutter antwortete darauf kaum. Sie fate sich mit beiden Hnden
an den Kopf, alle Gedanken mute sie zusammennehmen. Sie holte den
Fahrplan, aber sie war kaum imstande, die kleinen Zahlen pnktlich
anzusehen. Krieg! Krieg! Das schreckliche Wort, das so aufdringlich
vorne in der Zeitung stand, raubte ihr die Besinnung. Sie konnte es noch
gar nicht fassen, da sie so ahnungslos, so vergngt und glcklich in
den Bergen herumgestiegen war, whrend ein so grenzenloses Unglck ber
das Vaterland hereinbrach. Aber sie mute nun handeln, mute packen,
abreisen! Es war sechs Uhr abends; wenn sie den Wagen bestellte, der
sie von der Bahnstation hiehergebracht hatte, so konnte sie noch den
Nachtzug nach Mnchen erreichen. "Lisbeth, fange an einzupacken; wie es
kommt, nur schnell! Ich gehe mit Karl ins Wirtshaus, um den Wagen nach
der Bahn zu bestellen."

In der Dorfstrae, an einem Scheunentor, war ein groes Plakat
angeschlagen. "Sieh, Mutter," sagte Karl, "vom Kaiser von sterreich:
'An meine Vlker!' Das mchte ich lesen."--"So lies, ich gehe zum Wirt."
Der Wirt aber war mit den Pferden fort. Er hatte einen Leiterwagen voll
einberufener Burschen zur Station fahren mssen und konnte erst nachts
zurckkommen. Andere Pferde gab's nicht--vor dem nchsten Morgen war
nichts zu machen. "Aber dann gewi?" fragte Frau Limann. "Um wieviel
Uhr knnen wir wohl abfahren?" Die Wirtin konnte dies nicht sagen, sie
mte erst mit ihrem Manne sprechen. Sie lasse dann durch einen Burschen
Bescheid sagen. "Um neun Uhr vielleicht."--"So spt?"--Ja, die Pferde
mten doch ausruhen und ihr Mann auch; der Knecht sei schon einberufen,
und ihre zwei Shne, ihre einzigen Kinder, auch. Die Trnen traten ihr
in die Augen. Bekmmert verlie Frau Limann das Haus.

Karl hatte inzwischen den Ausruf des Kaisers gelesen, mit der
begeisterten Aufforderung, in den Krieg zu ziehen, der dem Vaterland
aufgezwungen war. Und unter dem Ausruf war ein Telegramm angeschlagen,
das besagte, da auch Deutschland, als treuer Bundesgenosse
sterreichs, seine ganze Heeresmacht mobil mache. Da fhlte der Junge,
was das Groes bedeute; er sprte keine Lust mehr, spazieren zu gehen.
Nein, er begriff, da der Mutter der Boden unter den Fen brannte und
da sie unglcklich war, nicht heim zu knnen, wo man sie so ntig
brauchte. Aber man mute sich bis zum nchsten Morgen gedulden. Die
Koffer wurden gepackt und alles zur Abreise gerichtet--daran sollte es
wenigstens nicht fehlen! Dann kam die Nacht. Sie brachte doch den Mden
Schlaf; sie konnten sich ihm ja auch ruhig berlassen, wenn doch vor
neun Uhr keine Mglichkeit war, fortzukommen.

Aber um fnf Uhr morgens klopfte die Hausfrau. Die Wirtin schicke her;
ihr Mann msse Burschen zum Frhzug fahren, im Leiterwagen; wenn sie
aufsitzen wollten, es wre noch Platz. Aber sie mten gleich kommen, es
sei schon angespannt.

Keinen Augenblick besann sich Frau Limann. "Jawohl, wir kommen, der
Wirt soll doch ganz gewi warten!--Auf, auf, Kinder! Nicht waschen,
nicht kmmen! Nur Kleider und Stiefel anziehen!" Die Kinder fuhren aus
den Betten und waren gleich munter. Sie lachten: Nicht waschen, nicht
kmmen? So ein Befehl von der Mutter? Nur so vom Bett aus fort und mit
Bauernburschen auf einen Leiterwagen!

Solch ein Abenteuer! Und wie die Mutter alles zusammenraffte und in die
Reisetasche stopfte und wie sie sich alle den Mund verbrannten an der
frisch abgekochten Milch, die die Burin schnell brachte! Und wie sie
dann, noch mit dem Frhstcksbrot in der Hand, ber die Dorfstrae dem
Wirtshaus zuliefen und die Burin ihnen noch nachsprang mit Schwamm und
Kamm, die sie vergessen hatten!

Als sie vor dem Wirtshaus ankamen, stand da der Leiterwagen, aus dem
fnf Bauernburschen ihnen neugierig entgegen sahen und der Wirt sa
schon oben, die Peitsche in der Hand, stieg aber noch einmal ab, als er
sah, wie Frau Limann ratlos am Wagen stand und nicht wute, wie man den
erklettern mute. Er half krftig nach und so saen sie bald alle drei
nebeneinander auf quer herber gelegtem Brett und die Fahrt ging los.
Mit viel Jauchzen und Winken, das aus allen Fenstern erwidert wurde,
verlieen die Burschen das Drfchen. Sie waren aus benachbarten Hfen
und Weilern zusammengekommen, lauter groe, krftige Leute; guten Muts
fuhren sie hinaus in den Krieg.

Die Zeit drngte, die Pferde wurden tchtig angetrieben und der
Leiterwagen stie, da unsere drei leichten Stdter, die noch nie in
einem Wagen ohne Federn gefahren waren, ordentlich in die Hhe flogen
und gar nicht wuten wie ihnen geschah. Lisbeth hielt sich krampfhaft
fest an den Brettern. Sie hatte noch immer Schwamm und Kamm in der Hand
und traute sich nicht loszulassen. Karl lachte und hatte seinen Spa an
dem "Hopsen". Der Mutter war es weniger zum Lachen; das Stoen tat ihr
weh. Einer der Burschen mute es ihr anmerken. Neben dem Wirt lag eine
Pferdedecke, die langte er herunter. "Frau," sagte er, "da setzen Sie
sich drauf und das kleine Frulein auch."

Sie nahmen es dankbar an und nun war Freundschaft geschlossen zwischen
den Reisenden, ohne viel Worte, denn die holperige Fahrt machte das
Verstehen schwer.

"Mein Sohn mu auch mit in den Krieg," sagte Frau Limann und sah die
jungen Leute warmherzig an, als knftige Kriegskameraden ihres Sohnes.

"Mu er sich in Wien stellen?"

"Nein, wir sind Deutsche, aber wir halten ja mit den sterreichern."

"Wohl, wohl; gegen den Russen und den Franzos. Das gibt Arbeit! Ein Volk
allein knnt's nicht ausrichten, aber Deutschland und sterreich
zusammen, die knnen's machen!"

Auf der Strae sah man einen Burschen mit dem Militrkoffer in der Hand.
Vom Wagen aus wurde er angerufen: "Steig ein, Kamerad!" Der Wirt murrte:
"Sind so schon genug!" Aber er fuhr doch langsamer und mit einem Satz
sprang der Soldat auf; sie rckten kameradschaftlich zusammen und nun
ging's weiter im Galopp; denn der Wirt sah manchmal bedenklich auf seine
Uhr, ob es wohl noch bis zum Zugabgang reichen wrde. Als endlich die
Stadt sichtbar wurde und der Leiterwagen ber das Straenpflaster
holperte, stimmten die knftigen Krieger ein Soldatenlied an, wodurch
die Leute an ihre Fenster gelockt wurden und mit lauten Zurufen und
Winken grten. Unsere drei Reisenden winkten ebenso eifrig, man hielt
sie natrlich fr die Angehrigen dieser Burschen, so galten auch ihnen
die Gre.

Das Aussteigen war wieder ein Kunststck, aber die Burschen kannten sich
jetzt schon aus und einer, der ein besonders groer, stmmiger Kerl war,
hob ohne weiteres zuerst die Kinder, dann die Mutter herunter, die sich
ganz elend und zerschlagen fhlte von dieser Fahrt im Leiterwagen. Aber
sie achtete nicht darauf; wenn es nur nicht zu spt war!

Ein furchtbares Getriebe war am Bahnhof; eine Menschenmenge drngte sich
an den Schalter, wie es diese kleine Stadt vielleicht noch nie erlebt
hatte; zum Teil waren es Einberufene, zum greren Teil aber
Sommerfrischler, die alle des Krieges wegen heimreisen wollten. Mitten
in das Drngen und Drcken der Leute, die frchteten zu spt zu kommen,
klang jetzt der Ruf eines Bahnbeamten: "Nichts zu eilen, der Zug hat
drei Stunden Versptung!"

Das war eine Nachricht! Allgemeiner Schrecken und Entrstung! "Nun, das
geht gut an! Ja, da erreicht man ja den Schnellzug nicht mehr! Ist das
ein Unfug, eine Rcksichtslosigkeit!" Da erhob ein lterer Herr mitten
im Gedrnge den Arm, man sah unwillkrlich auf ihn und da das Murren
etwas verstummte, sprach er mit ernster Stimme: "Meine Herren, das ist
kein Unfug, das ist der Krieg. Wir werden noch ganz andere Dinge erleben
mssen als das!"

Da schwiegen die Leute und ergaben sich; holten sich ruhig nach
einander die Karten und suchten sich da und dort ein Pltzchen zum
Ausruhen, eine Gelegenheit zur Strkung, eine Zeitung mit neuen
Nachrichten. Sie zerstreuten sich, aber es zog sie doch alle bald wieder
an die Bahn. Jeder ahnte, da es schwierig sein wrde, im Zug Platz zu
bekommen. Auch Frau Limann stand bald wieder mit ihren Kindern im
dichten Gedrnge. In ihrer Nhe bemerkte sie die Gruppe der jungen
Leute, mit denen sie gefahren war, und es berkam sie das Verlangen,
diesen ins Feld ziehenden Burschen noch eine Freundlichkeit zu erweisen.
Welch' schweren Zeiten mochten sie entgegen gehen! Ihr junges, gesunden
Leben muten sie einsetzen frs Vaterland. Htte sie doch frher daran
gedacht, wenigstens ein paar Zigarren zu kaufen! Sie sagte es den
Kindern. Die nahmen den Gedanken eifrig auf.

"Mutter, es dauert ja noch eine Viertelstunde, wir haben noch Zeit!
Drauen, am Obststand, waren auch Zigarren zu kaufen!" Sie drngten,
baten um das Geld, wollten durchaus noch einkaufen. Da gab die Mutter
nach. Es war schwierig, gegen den Strom der Menschen nach rckwrts zu
drngen. Mit Mhe schoben sie sich durch und erwarben die Zigarren. Aber
dann gelang es ihnen nicht mehr, ihren frheren Platz in der Nhe der
Burschen zu erobern; andere hatten sich vorgedrngt.

"Allein kme ich schon durch," versicherte Karl.

"So nimm die Zigarren, gib sie ab und sage einen Gru; wir wnschten
ihnen von Herzen Glck in den Krieg!" Der Knabe schlngelte sich
geschickt zwischen den Leuten zu den Burschen hindurch. Die Mutter sah
von ferne, wie sie berrascht waren und einer nach dem andern dem jungen
berbringer freundlich dankte. Der fand sich auch glcklich wieder
zurck und sie freuten sich zusammen ber die kleine Liebesgabe, die sie
bergeben hatten. Es war vielleicht eine der ersten von den Tausenden,
ja Millionen, die im Laufe des Krieges gespendet wurden.

Endlich--es war heie Mittagszeit geworden--kam der Zug an! Aus allen
Fenstern johlten Burschen denen entgegen, die am Bahnhof standen und ein
unbeschreiblicher Lrm, ein bengstigendes Drngen entstand. Die Wagen
wurden von den Mnnern gestrmt, Frauen und Kinder blieben zurck, und
wo sie hinein wollten, hie es: "Voll, bervoll!"

Die Beamten trsteten: "In drei Stunden kommt wieder ein Zug."

Aber wer wollte noch einmal warten, und wer wute, ob es dann mehr Platz
gbe? Frau Limann mit den Kindern lief hin und her, berall standen die
Leute bis an die Trittbretter und wollten niemand mehr einlassen. Da
pltzlich hrte sie eine Stimme: "Nur herein, es geht schon noch!" Ein
starker Arm streckte sich ihr entgegen und ehe sie wute, wie es
zugegangen, stand sie mit den Kindern eingekeilt in dem schmalen Gang
eines Wagens dritter Klasse, obwohl sie Karten zweiter Klasse gelst
hatte. Der Zug fuhr ab, eine Menge verzweifelter Leute zurck lassend.
"Gottlob!" rief Frau Limann, sie zitterte noch vor Erregung. "Wo ist
denn mein Hut?" fragte Karl, "man hat ihn mir vom Kopf gerissen!" "Macht
nichts," trstete die Mutter, "das ist der Krieg, hat der Herr gesagt.
Gottlob, da wir alle drei im Zuge sind. Irgend jemand hat uns geholfen,
sonst wren wir nicht herein gekommen."

"Das war ja der groe Soldat, der uns aus dem Leiterwagen gehoben hat,
hast du ihn denn nicht erkannt, Mutter?"

"Nein, ich habe nur einen Arm gesehen, der sich nach uns ausgestreckt
hat. Ich konnte ihm auch gar nicht dafr danken."

Ein Mitreisender hatte das Gesprch gehrt, er mischte sich ein: "Da ist
nichts zu danken. Sie sind Deutsche, wir sind sterreicher; wir sind
Verbndete und helfen einander. Ich werde Ihnen jetzt einen Sitzplatz
schaffen" und er nahm seinen Handkoffer und stellte ihn auf den Boden
des Ganges. "So, nun nehmen Sie Platz," sagte er freundlich. "Fr das
Tchterl bleibt auch noch ein Eckerl und der Bub, der will doch auch
einmal Soldat werden, der bt sich einstweilen im Stehen."

Langsam fuhr der berfllte Zug. An jeder Station gab es lngeren
Aufenthalt; eine Menge Einberufene drngten noch herein und immer wurden
sie mit frhlichen, heiteren Zurufen begrt. Ein Wiener Zug, schon voll
eingekleideter Soldaten, die ins Feld zogen, fuhr vorbei. Aus den
Gterwagen schauten die Bursche Kopf an Kopf, ihnen wurde besonders
lebhaft zugejubelt. Allerlei Aufschriften, mit Kreide an den Wagen
angeschrieben, bezeugten die frhliche Stimmung der Krieger. An einem
war zu lesen:

  Serbien
  Du mut sterbien!

Und unter dem Briefschalter des Postwagens stand: 'Hier werden noch
Kriegserklrungen angenommen.' Unter Lachen und lautem "Heil, Heil"
rufen, fuhr man an dem Zug vorber.

So verging Stunde um Stunde; immer dumpfer und drckender wurde es in
dem Wagen. Ein kleines Kind schrie unablssig; seine blasse Mutter
entschuldigte sich: sie kam schon aus Italien, fuhr seit zwei Tagen
ununterbrochen. Einer Frau wurde es schlecht; ein Bub stie des Vaters
volles Bierglas um, das zum Fenster herein gereicht worden war; klebrig
und belriechend wurde der Boden. Aber niemand klagte--es war ja
Krieg--man mute sich in alles fgen, mute froh sein, da man berhaupt
noch fahren durfte; vom nchsten Tag an wurden nur noch Soldaten
befrdert.

Gegen Abend kam man an die Grenzstation: Zoll, neuer Sturm auf einen
ebenso berfllten Zug.

Wie ein Traum erschien es Frau Limann, als sie endlich spt abends in
den Mnchner Bahnhof einfuhren. Eingekeilt in die Menge lieen sich
unsere mden Reisenden vom Strom treiben, dem Ausgang zu. Nicht wie
sonst warteten hier die Angehrigen; der Zutritt war fr jedermann
gesperrt. Um so dichter stand die Menge an den Ausgangstoren des
Bahnhofgebudes und hier war es, wo pltzlich eine Stimme, eine liebe,
bekannte, frhliche Stimme rief: "Mutter, gr dich Gott, endlich kommt
ihr! Gebt nur euer Gepck her! Hergeben, Lisbeth, ich trage alles! Nur
her, Karl!"

"Philipp!" riefen sie alle erstaunt, "ja woher hast du denn gewut, da
wir jetzt kommen?"

"Einmal habt ihr doch kommen mssen! Siebenmal habe ich euch schon
erwartet, vorgestern, gestern und heute; ganz heimisch bin ich geworden
am Bahnhof. Warum seid ihr so spt gekommen, habt ihr meinen Brief nicht
erhalten?"

"Nein, keinen Brief, auch nicht vom Vater."

"Der Vater kommt morgen. Hat telegraphiert. Auch Ludwig kommt morgen.
Das wird sein, wenn wir erst alle beisammen sind, Mutter. Jetzt kommt
nur heim, ihr seht gar nicht aus, als ob ihr aus der Sommerfrische kmt.
Aber daheim ist schon der Tisch fr euch gedeckt. Nmlich schon seit
zwei Tagen."

"Wie bist du denn ins Haus gekommen, es ist doch alles gesperrt?"

"Es gibt ja Schlosser! Ich habe dir alles geschrieben, Mutter, aber es
scheint, die Briefe gehen nicht mehr nach sterreich. Die ganze
Haushaltung habe ich in Gang gebracht, die Kathi herbeigeholt, ihr
werdet staunen. Drft euch nur aufs Sofa setzen und es euch wohl sein
lassen."

Ja, es wurde ihnen jetzt schon wohl bei der freundlichen Aussicht. "Aber
weit du, da Krieg ist?" fragte Karl. Philipp lachte hell auf. "Besser
als du. Wit ihr schon das Neueste? England hat uns den Krieg erklrt!"

Die Mutter blieb mitten auf der Strae stehen: "England! Kinder, das ist
ja schrecklich! England auch! England mit den Slaven gegen uns? Ist es
denn amtlich mitgeteilt?"

"Amtlich, an allen Ecken kannst du das Telegramm lesen. Aber Mutter, nur
keine Angst, du wirst sehen, wir werden mit allen fertig. Aber wir
mssen auch alle zusammenhelfen. Jetzt heies: Alle Mann auf Deck! Du
hast also meinen Brief nicht bekommen? Ich habe dir geschrieben, Mutter,
da ich mich als Freiwilliger gemeldet habe."

Wieder stand die Mutter vor Schrecken still: "Philipp, du mit deinen
siebzehn Jahren!"

"Mit siebzehn wird man angenommen. Mutter, du warst nicht da und der
Vater nicht, da habe ich nicht lange fragen knnen. Ich habe mich
gemeldet, gleich wie ich hier angekommen bin. Und, Mutter, denke nur,
ich sei der erste, der sich hier gemeldet hat als Freiwilliger, sagte
der Kommandeur. Er war sehr freundlich, es hat ihn sichtlich gefreut."

"Aber er mu doch nach der Eltern Erlaubnis gefragt haben?"

"Freilich, das hat er getan. Ich habe gesagt: Der Vater ist in Paris,
die Mutter in sterreich, da kann ich natrlich nicht warten, bis sie
heimkommen. Ich bringe aber den Erlaubnisschein, sobald sie da sind. Das
war ihm recht. Dann fragte er nach dem rztlichen Zeugnis. Das habe ich
mir auch einstweilen verschafft. Auch einen Kriegskoffer, wie man ihn
so braucht, habe ich gekauft. Ich habe nicht mehr warten knnen, sie
gehen reiend ab, sind schon kaum mehr zu haben."

"Aber Philipp, alles ohne unsere Zustimmung!"

Bei diesem Vorwurf traten aber beide Geschwister auf einmal fr den
Bruder ein. "Er hat doch geschrieben, wir haben nur keine Briefe mehr
bekommen!"

Philipp aber griff nach der Mutter Hand, seine Worte klangen jetzt
ruhiger, ernster, als es sonst seine Art gewesen: "Mutter, es ist eben
Krieg! Und was fr ein Krieg! Da leidet es keinen zu Haus, der kmpfen
kann. Der Vater wird's begreifen, Ludwig auch!"

"Ich auch," "und ich," riefen die Geschwister. Die Mutter schwieg einen
Augenblick, dann sagte sie nachdenklich: "Die Englnder auch--eine Welt
von Feinden! Philipp, ich will dich nicht zurckhalten!"

       *       *       *       *       *

Eine Weile spter saen sie beisammen am gedeckten Tisch. Die Mutter sah
Philipp nach, der hin und her ging und fr die erschpften Reisenden in
liebevollster Weise sorgte. Ihr Philipp, ihr unntzer Schlingel; nein,
ihr Philipp, der knftige Soldat, der sein Leben geben wollte frs
Vaterland; der zum Mann wurde durch den Krieg!




Der 4. August


Die Mutter und ich sind schon seit drei Wochen auf dem Landgut der
Groeltern. Der Vater hat uns hieher begleitet, mute aber gleich wieder
abreisen. Wir sollen wegen der Mutter Gesundheit ber die ganzen Ferien
hier bleiben.

Es ist herrlich hier bei den Groeltern. Die Gromutter hat mir ein
reizendes Mdchenstbchen eingerichtet und der Grovater, der im
siebziger Krieg als Offizier dabei war, erzhlt uns viel und kann alle
Kriegsnachrichten fein erklren. Aber noch lieber htten die Mutter und
ich doch diese Kriegszeit mit dem Vater erlebt und darum waren wir ganz
berglcklich, als er uns neulich telegraphierte, er wrde uns auf der
Heimreise von Berlin besuchen. Heute ist er wieder abgereist, aber wir
sind noch ganz erfllt von seinem Besuch und ich will mir alles
ausschreiben, was er uns erzhlt hat; ich mchte garnichts davon
vergessen; denn ich bin stolz und glcklich, da der Vater so Groes
miterlebt hat, und whrend er uns erzhlte, kamen mir vor Begeisterung
fast Trnen.

Der Vater kam also von Berlin; denn der Reichstag war wegen des Krieges
zu einer auergewhnlichen, ganz kurzen Tagung einberufen.

Schon das Wiedersehen mit all den Reichstagsabgeordneten mu ganz
anders gewesen sein als in gewhnlichen Zeiten. Der Vater sagt, jedem
habe man angesehen, da er die Wichtigkeit dieser Tage empfinde. Fast
vollzhlig waren sie da, aber doch nicht _ganz_, weil einige schon zu
ihrem Regiment einberufen waren.

Um ein Uhr, glaube ich, war die feierliche Erffnung im Weien Saal des
kniglichen Schlosses. Der Reichskanzler, die Mitglieder vom Bundesrat,
Generale und andere Offiziere und die Reichstagsabgeordneten
versammelten sich. Die Kaiserin, die Kronprinzessin und die Prinzessin
Eitel Friedrich saen in der Hofloge. Das war, glaube ich, alles nicht
viel anders, als es jedesmal bei der Erffnung des Reichstags ist. Aber
das war dann anders, und der Vater sagt, das mahnte gleich so ernst an
den Krieg, da der Kaiser in der grauen, feldmarschmigen Uniform
erschien und auch der Kronprinz und die fnf andern Prinzen, alle in
Felduniform. Der Kaiser schritt die Stufen des Thrones hinauf, bedeckte
sein Haupt mit dem Helm und las die Thronrede, laut, mit tief bewegter
Stimme. Er rief die Welt zum Zeugen auf, da wir durch Jahrzehnte
unermdlich bestrebt waren, den Frieden zu erhalten und da nur mit
schwerem Herzen der Befehl zu mobilisieren ergangen sei. Dann sprach er
von unserer Bundestreue gegen sterreich und von der Feindschaft im
Osten und Westen, und der Vater sagt, man fhlte bei dem begeisterten,
strmischen Beifall, wie sehr er all den Anwesenden aus dem Herzen kam.
Am Schlu bat der Kaiser, der Reichstag mchte doch einmtig und schnell
die ntigen Beschlsse fassen.

Nach dem Vorlesen der Thronrede geschah etwas ganz Ungewhnliches: der
Kaiser sprach noch frei einige persnliche Worte. Davon habe ich mir das
gemerkt, was mir besonders gut gefiel, er sagte: "Ich kenne keine
Parteien mehr, ich kenne nur Deutsche." Und dann bat er die Vorstnde
der Parteien, ihm in die Hand zu geloben, da sie mit ihm durch dick und
dnn, durch Not und Tod zusammen halten wollten.

Da traten die Prsidenten und die Parteivorstnde, zu denen ja auch der
Vater gehrt, vor, und gelobten es durch Hndedruck. Ich wei nicht, ob
der Vater dadurch dem Kaiser noch treuer gesinnt ist, als er schon
vorher war, aber ich bin's, das kann ich fr ganz gewi sagen.

Und ich begreife so gut, da alle Anwesenden nach dem "Hoch" auf den
Kaiser, das sonst immer das letzte war, diesmal die Nationalhymne
angestimmt haben und alle mitsangen. Ich mchte nur gerne wissen, wer
den ersten Ton angestimmt hat, aber der Vater wei es nicht; er sagt,
man hatte den Eindruck, als htten es alle zugleich getan.

Die Sozialdemokraten waren ja bei dieser ganzen Feier nicht dabei; das
ist schade; aber spter waren sie sehr nett, das kommt nachher. Vorher
mu ich noch was Lustiges erzhlen.

Als nmlich die Feierlichkeit vorbei war und die Hymne gesungen, verlie
der Kaiser den Saal. Im Vorbeigehen gab er noch einigen der Herrn, wie
z.B. dem Reichskanzler, dem Grafen Moltke und andern die Hand. Unter
diesen Herrn war auch ein Abgeordneter, ein Professor, der trug nicht
wie die Mehrzahl der Abgeordneten den schwarzen Gehrock oder den Frack,
sondern wie manche andere seine Uniform, ich glaube als Major der
Garde-Landwehr. Das fiel wohl dem Kaiser auf; er sah ihn einen
Augenblick an, drckte ihm die Hand und dann machte er mit der geballten
Faust eine drohende Geberde wie einen Hieb nach unten und sagte zu dem
Herrn: "Nun aber wollen wir sie dreschen!"

Dies krftige Wort hat ganz Deutschland so gefreut, da es zur Losung
fr den Krieg geworden ist und auf allen mglichen Postkarten sieht man,
wie wir uns das "Dreschen" ausmalen knnen.

Nachmittags um drei Uhr war dann die erste Reichstagssitzung.

Schon gleich der Anfang war groartig. Von all den umstndlichen
Vorbereitungen, die sonst immer die ersten Stunden des Reichstags so
unerquicklich ausfllen, wollten die Abgeordneten diesmal gar nichts
wissen. Kein Namensaufruf, keine Neuwahl von Prsident und
Schriftfhrern. Das war ihnen jetzt alles Nebensache. Einmtig standen
die Abgeordneten aller Parteien auf zum Zeichen, da ihnen der frhere
Prsident und seine Mitarbeiter recht seien. Dann erhob sich der
Reichskanzler. Der Vater sagt, es sei bei seinen ersten Worten im ganzen
Haus eine Stille eingetreten, die man nicht mit einem lauten Atemzug
htte stren mgen. Die ersten Worte des Reichskanzlers waren: "Ein
gewaltiges Schicksal bricht ber Europa herein." Dann legte er dar, wie
es nur durch die Schuld unserer Feinde zum Krieg gekommen sei. Wie die
Russen sich so heimtckisch benommen htten und wie die Franzosen ohne
Kriegserklrung in die Reichslande eingedrungen seien, so da wir nicht
lnger zuwarten konnten und nach Belgien hinein muten, weil uns sonst
die Franzosen von dieser Seite angegriffen htten. Wir knnten mit
reinem Gewissen in den Krieg ziehen, in dem wir unser Hchstes
verteidigen mssen.

Im Lauf der Rede gab es immer mehr begeisterte Zurufe. Ganz hinreiend
sei der Schlu gewesen, als der Reichskanzler mit erhobener Stimme rief:
"Unsere Armee steht im Felde, unsere Flotte ist kampfbereit, hinter ihr
ist das ganze deutsche Volk!" Da brauste es durch den groen Saal und
von den dicht gefllten Tribnen; der Beifall wollte garnicht enden und
der Reichskanzler wiederholte noch einmal die Worte: "das _ganze_
deutsche Volk!" Dabei machte er eine Handbewegung, mit der er ber die
Sozialdemokraten hinwies, die ebenso strmisch Beifall riefen, wie alle
andern Parteien.

Bei der zweiten Sitzung, die noch am Abend gehalten wurde, ging's ebenso
groartig zu. Ich wei aber nur noch das eine, da alles, was die
Regierung beantragt hatte, einmtig ohne irgend einen Widerspruch
durchging; so z.B. wurden gleich 5 Milliarden fr die Kriegsausgaben
bewilligt. Das ist doch eine Riesensumme, aber keine Partei, nicht
einmal die Sozialdemokraten, erhoben irgend einen Widerspruch; im
Gegenteil, einer der Sozialdemokraten, der Abgeordnete Haase, sagte:
"Wir lassen in der Stunde der Gefahr das Vaterland nicht im Stich."

Das freute mich am allermeisten. Am Schlu der Sitzung dankte der
Reichskanzler im Namen des Kaisers dem Reichstag und es gab noch einmal
einen strmischen Beifall, als er sagte. "Was uns beschieden sein mag,
der _4. August 1914_ wird bis in alle Ewigkeit einer der grten Tage
Deutschlands sein."

Der Vater war selbst ganz bewegt, als er uns von diesem Tag erzhlte. Er
sagte, den grten Sieg htten wir schon errungen, den ber unsere
eigene Uneinigkeit; jetzt knnten wir guter Zuversicht sein. Der Kaiser
hat es ja auch in dem Ausruf: "An mein Volk" gesagt: "Noch nie ward
Deutschland berwunden, wenn es _einig_ war."

Die Eltern sprachen dann noch davon, wie sich all unsere Feinde rgern
werden, wenn sie in den Zeitungen die Berichte ber diesen Reichstag
lesen. Sie rechnen immer auf unsere Uneinigkeit, das haben sie schon im
Jahr 1870 getan. Aber sie verrechnen sich. Wir sind einig gegen sie; wir
streiten nur untereinander, wenn es nach auen nichts zu streiten gibt,
und das finde ich ganz natrlich.

Der Vater ist noch ein paar Tage in Berlin geblieben, er hatte noch
einige Besprechungen, ber die er aber nichts mitteilen darf. In diese
Tage fiel die Kriegserklrung der Englnder. Diese taten, als mten sie
Belgien schtzen und leider deshalb in den Krieg ziehen.

Aber der Vater sagt, man htte gleich gewut, da das nur ein Vorwand
sei und England habe sich durch diese Ausrede nur verchtlich gemacht.
Es sei eine groe Schande, da sie sich mit den Russen verbnden und sie
wrden dieses Unrecht schwer ben mssen.

Fr den Vater gibt es jetzt vermehrte Arbeit und wir werden ihn nicht
viel fr uns haben, wenn wir heimkommen. Aber die Mutter kann ihm
wenigstens manches helfen, manches schreiben, was er den Schreibern
nicht gern anvertraut.

Wenn ich nur schon 18 Jahre alt wre statt 13, dann wrde ich vielleicht
auch in manches eingeweiht. Statt dessen mu ich in die Schule gehen,
als wenn kein Krieg wre. Die Mutter versteht, da ich keine Lust dazu
habe; als ich es aber vor dem Vater sagte, kam ich nicht gut an. Er sah
erstaunt auf mich und sagte: "Ich hoffe doch von meinem Mdel, da es
dasselbe tut, wie unsere Soldaten!" Ich verstand nicht gleich, was er
damit meinte, bis er sagte: "Die Soldaten tun ihre Pflicht; mancher tut
sogar noch mehr. Wenn du in diesem Schuljahr noch mehr lernen willst,
als nur das Ntige, so soll es mich freuen."

Da schwieg ich ber die Schule. Es ist ja auch einerlei; denn ob man zu
Hause ist, oder in der Schule, bei den Groeltern auf dem Land oder bei
den Eltern in der Stadt, man denkt doch an gar nichts anderes, als an
den Krieg und man hat keinen andern Wunsch, als da wir Deutsche siegen!




Das Pfarrhaus in Ostpreuen.


In Ostpreuen waren die Russen eingebrochen. Das herrliche, blhende
Land, das an das riesige russische Reich grenzt, mute den ersten
Anprall der Feinde aushalten. Wohl kmpften die todesmutigen preuischen
Grenadiere gegen den eindringenden Feind und hinderten ihn, weiter nach
Deutschland vorzurcken; aber Ostpreuen war der Kampfplatz und ehe das
Volk nur recht wute, da der Krieg erklrt sei, begann schon die
Verwstung des Landes.

Ein Teil der Bewohner war noch rechtzeitig geflohen, aber wer Haus und
Hof, cker und Vieh besitzt, verlt nicht so leicht die Heimat.

Da lag ein Pfarrdorf friedlich in fruchtbarer Gegend. Mit Entsetzen
hrten die Einwohner von der nahen Gefahr, aber sie flohen nicht. "Wir
knnen nicht," sagten sie zueinander, "wie sollten wir das machen?
Wohin? Wovon sollen wir uns ernhren? Was mit den Kranken anfangen, und
wo das Vieh unterbringen? Nein, es geht nicht."

Vom Nachbarort hatte man freilich gehrt, da viele Familien geflchtet
waren, auch der Pfarrer.

"Unser Pfarrer wird auch gehen," sagten sie zu einander, "er hat seine
Mutter in Danzig. Dorthin wird er seine Frau und seine Kinder bringen;
da sind sie gut aufgehoben und bekommen ihr Brot umsonst. Wir wollen ins
Pfarrhaus gehen und hren, was der Herr Pfarrer meint."

Der Pfarrer sa am Schreibtisch und hatte die Zeitung aufschlagen vor
sich. Seine junge Frau lehnte neben ihm und sah zugleich in das Blatt,
aus dem er ihr die Kriegsnachrichten vorlas.

Jetzt wurden Schritte laut vor dem Studierzimmer. Die Pfarrfrau ffnete
die Tre. Eine ganze Anzahl Mnner und Frauen standen da. Sie sagten,
da sie des Herrn Pfarrers Meinung hren wollten, ob man fliehen sollte.

Der Pfarrer riet zur Flucht: "Morgen schon knnen die Feinde hier sein,"
sagte er, "und wir wissen ja, wie sie hausen. Wir Mnner sind unseres
Lebens nicht sicher, Frauen und Kinder sind ihren Schandtaten
preisgegeben. Jetzt knnen wir noch flchten; die Landsleute in
Westpreuen und in der Mark werden uns barmherzig aufnehmen, das bin ich
berzeugt."

"Also wollen Sie gehen, Herr Pfarrer?"

"Wenn ihr geht, ja."

"Und wenn wir nicht gehen?"

"Dann werde ich bei euch bleiben."

Einer sah den andern an, sie waren still und berlegten. Die Pfarrfrau,
die neben ihrem Manne stand, hatte noch kein Wort gesprochen; aber jetzt
unterbrach sie das Schweigen und sagte fast bittend mit erregter Stimme:
"Warum wollt ihr denn nicht fort? Ihr knnt ja doch Haus und Hof nicht
schtzen, rettet doch wenigstens das Leben! Ach wir wollen fliehen,
gleich heute, sonst ist es zu spt!"

Da wandte einer der Bauern sich an sie: "Frau Pfarrer, ich glaube es
nicht, da die Russen hier durchkommen; unser Ort liegt nicht an der
groen Strae; die Russen wollen doch auf Berlin marschieren, nach
Sudehnen werden sie schwerlich kommen. Wenn wir unsere Heimat verlassen,
dann geht sie uns verloren, denn allerhand Raubgesindel treibt sich
herum in solcher Zeit. Und in der Fremde werden wir alle ins bitterste
Elend kommen. Ich meine, wir sollten bleiben."

Die Andern stimmten zu. Die Pfarrfrau erblate. Wohl legte ihr Mann den
Leuten noch mit der Landkarte in der Hand die Gefahr dar, aber sie
fhlte: es ist umsonst, was er redet, sie knnen sich nicht trennen von
ihrer Heimat.

So kam es auch; die Leute verabschiedeten sich: "Wir danken auch, da
Sie bei uns bleiben, Herr Pfarrer."

Sie gingen hinaus durch den Pfarrgarten. Dort spielten noch die Kinder
der Pfarrleute. Der Kleine sa in der Schaukel, das fnfjhrige Fickchen
kam zutraulich heran, sie kannte fast alle die Leute. Im Fortgehen
deutete einer der Mnner auf die Kinder: "Die haben wir auf dem
Gewissen, wenn sie in die Hnde der Kosaken fallen. Was die Frau Pfarrer
betrifft, die wre gern geflohen."--"Ja, und der Herr Pfarrer war auch
dafr."

"Kein Wunder; den Herrn Pfarrer Amelung aus Tenlauken sollen die Kosaken
erstochen haben, weil er ihnen nicht sagen konnte oder mochte, wo die
deutschen Truppen stehen."

Mit schwerem Herzen gingen sie heim; zur Sorge kam noch die innere
Unruhe, ob sie recht taten. Sie hatten den Pfarrer um Rat gefragt und
dann doch beschlossen, gegen seinen Rat zu handeln.

Die Leute hatten kaum das Studierzimmer verlassen, so zog der Pfarrer
seine Frau an sich mit groer, innerer Bewegung: "Wir mssen uns
trennen, Luise, du und die Kinder sollt in Sicherheit kommen."

"O Johannes!" rief sie, "warum hast du ihnen versprochen zu bleiben! Ich
habe im stillen schon angefangen die Koffer zu packen, wir wollten doch
zu deiner Mutter!" Sie weinte bitterlich. Er drckte sie innig an sein
Herz: "Du sollst auch zur Mutter, sollst fort mit den Kindern; nur ich
kann nicht, unmglich. Ich darf doch meine Gemeinde in dieser schweren
Zeit nicht verlassen. Denke dich hinein! Sie htten keinen Gottesdienst,
keinen Zuspruch in Unglck, Krankheit und Todesnot. Keine Einsegnung auf
dem Friedhof, wenn einer stirbt. Luise, denke an den Spruch: Sei getreu
bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben. Ich will
mein Amt treu verwalten; mache mir's nicht schwer, jetzt, wo wir uns
trennen mssen."

"Trennen?" sagte sie, "wenn du bleibst, bleiben auch wir. Du hast das
rechte Wort gesagt. Sei getreu bis in den Tod. Auch ich bleibe bei dir
bis in den Tod."

Es gelang ihm nicht, sie zu berreden, da sie sich mit den Kindern
flchtete. Von dieser Stunde an klang es immer in dem Herzen der
Pfarrfrau: "Sei getreu bis in den Tod." Ruhig und mutig sah sie dem
entgegen, was kommen sollte; die Angst war von ihr gewichen.

Ein Tag und eine Nacht waren vergangen und ein strahlend schner Sonntag
war angebrochen. Die Kirche fllte sich wie an einem hohen Festtag.
Jeder wollte im Gotteshaus beten, jeder wollte die Predigt des Pfarrers
hren, der treu bei seiner Gemeinde ausharrte. Nie hatte so stille
Andacht die ganze Kirche erfllt wie heute. Als nach dem Gottesdienst
der Pfarrer im Talar dem nahen Pfarrhaus zuging, sah er von ferne eine
Anzahl Leute von der Landstrae her auf das Dorf zurennen. Schon von
weitem hrte man ihren Schreckensruf: "Die Kosaken kommen! Ein ganzer
Trupp ist hinter uns her!"

Der Pfarrer eilte zu seiner Frau. "Luise, es wird ernst! Die Feinde
kommen! Gott sei uns gndig!" Er wollte den Talar ablegen.

"Behalte ihn an," bat seine Frau, "vielleicht achten sie dies Gewand!"

"Meine gute, kluge Frau!" rief er und drckte sie an sein Herz, "was
wird nun ber uns kommen?"

"Was sollen wir tun?" fragte sie dagegen, "das Hoftor und die Haustre
schlieen?"

"Das hat keinen Wert; sie schlagen die Tren ein und dringen dann schon
in feindlicher Stimmung ins Haus. Nein, wir wollen sie wie
Einquartierung behandeln, gutwillig geben, damit sie keine Gewalt
brauchen. Trage auf, was du irgend Gutes im Haus hast und zeige keine
Furcht." Er rief seinen beiden Kleinen, die noch ahnungslos im
Nebenzimmer spielten: "Kinder, es kommen Soldaten ins Dorf,
wahrscheinlich kommen auch welche zu uns zum Mittagessen."

"Keine Feinde, gelt Vater?" sagte Fickchen, als es des Vaters ruhige
Worte hrte.

"Hungrige Soldaten," erwiderte dieser ausweichend. "Hilf der Mutter den
Tisch decken, Sthle herbei tragen; so ist's recht, meine Kleine."

Die Pfarrfrau breitete ein frisches Tafeltuch auf und richtete den Tisch
wie fr Gste.

In diesem Augenblick kam aus der Kche Maruschka, das Mdchen, totenbla
herein; sie hatte vom Fenster aus in der Ferne russische Reiter traben
sehen und konnte vor Schreck kaum stammeln.

"Still, Maruschka, still; wir bekommen wahrscheinlich Einquartierung.
Sieh, da das Essen recht gut ausfllt. Man mu den hungrigen Soldaten
gut zu essen und zu trinken geben. Geh in die Kche, ich komme gleich
nach."

"Ei, Mutti," sagte Fickchen, "ich glaube, Maruschka ist bange vor den
Soldaten. Ich gar nicht, ich habe gern Einquartierung."

Eine Weile herrschte tiefe Stille im Ort; kein Mensch wagte sich auf die
Straen, alle verkrochen sich in Todesangst in ihre Huser.

Dann pltzlich hrte man von ferne Pferdegetrabe, hrte ein Signal, die
Kosaken hielten im Dorf. Ihr Anfhrer lie in deutscher Sprache
ausrufen, da keiner der Einwohner den Ort verlassen drfe. Bei
Todesstrafe sei es verboten, durch Signale, durch Glockenluten oder
sonst auf irgend eine Weise die Anwesenheit der Kosaken zu verraten.
Nach dieser Androhung stiegen sie vom Pferd und zerstreuten sich im Ort.

Es dauerte nicht lange, so hatten sie das schne Pfarrhaus, obwohl es
abseits lag, entdeckt. Ein Trupp von vier Mann kam mitrauisch um sich
schauend durch den Garten auf die Haustre zu; voran einer, der der
Anfhrer zu sein schien. Der Pfarrer kam ihnen zuvor und machte die Tre
weit auf. Als seine groe Gestalt im langen, schwarzen Talar pltzlich
vor ihnen auftauchte, stutzten die Kosaken einen Augenblick. Der Pfarrer
machte eine einladende Handbewegung und sagte ruhig und furchtlos in
russischer Sprache: "Kommt herein, der Tisch ist schon fr euch
gedeckt!"

Sie folgten ihm. Es war ein freundlicher Anblick, dieses Wohnzimmer mit
dem groen weigedeckten Etisch. Die Kosaken mochten in solchem Raum
noch nicht oft gewesen sein. Eine Christusfigur an der Wand, die Hnde
segnend ausgebreitet, schien die Eintretenden willkommen zu heien. Die
Frau des Pfarrers mit den Kindern stand gerade unter der Figur.

"Das ist meine Frau und meine Kinder," sagte der Pfarrer ruhig. Die
beiden Kleinen traten zutraulich heran. "Meine Frau kann nicht russisch,
aber sie kann gut kochen. Bringe du das Essen selbst auf den Tisch,
Luise," fgte er in deutscher Sprache hinzu.

Neugierig sahen die Kinder zu, wie die Soldaten nun ihr Gepck ablegten.
Der eine warf das seinige auf das Sopha; da bedeutete ihm der Anfhrer,
es auf den Boden zu legen. In der feinen Umgebung, bei der gastlichen
Aufnahme, wollten sie auch nicht die rohen Kerle sein. Und nun trug die
Pfarrfrau das Essen auf, die Kinder traten an den Tisch und falteten die
Hnde. Der Pfarrer sprach das Tischgebet, die Kosaken taten mit, sie
waren ganz im Bann des Pfarrhausfriedens.

Was drauen in der Kche Maruschka zitternd und bebend zubereitet hatte,
was sie aus dem Keller herausgeholt, das schmeckte den Kosaken aufs
beste.

Whrend des Essens besorgte Maruschka eifrig, was ihr die Pfarrfrau
aufgetragen: die schnen Betten im Gastzimmer berzog sie mit frischer
Wsche. Nach Tisch geleitete der Pfarrer die mden Soldaten hinauf und
lud sie ein, es sich behaglich zu machen. Die Pfarrleute atmeten
erleichtert auf; der Pfarrer wagte den Talar abzulegen, seine Frau
sorgte voraus fr das Abendessen und hatte die gute Zuversicht, da die
Kosaken in den weichen Betten wohl bis zum Abend schlafen wrden.

So kam es auch; aber nach dem Essen gingen die Soldaten fort und suchten
ihre Kameraden im Wirtshaus auf. Dort war ein wstes Treiben; das ganze
Wirtshaus lag voll Kosaken, die aen und tranken bis tief in die Nacht
hinein, und zuletzt brach Streit aus. Der Wirt wollte den
Kellerschlssel nicht ausliefern, den die Kosaken verlangten. Er
weigerte und wehrte sich; pltzlich zog einer der Soldaten die Pistole
und scho den Wirt nieder.

Noch in der Nacht kam die Nachricht von der Gewalttat ins Pfarrhaus und
am frhen Morgen, whrend die Russen noch schliefen, schickte die Wirtin
einen Buben zum Pfarrer, er mchte doch den Toten beerdigen, den die
Soldaten nicht im Haus dulden wollten.

Der Pfarrer lie sagen, man mge das Grab richten, er werde den Toten
beerdigen, aber es msse in aller Stille und Heimlichkeit geschehen, um
die Feinde nicht zu weiterer Gewalttat zu reizen.

Vom Dorf aus brachten vier Trger den Sarg mit dem Toten. Niemand als
seine Frau und seine Kinder begleiteten ihn. Am Eingang des Friedhofs
trat der Pfarrer zu ihnen und ging dem Zug voraus. Als sie durch das Tor
des Friedhofs traten, wurde, wie es der Brauch war, das
Friedhofglcklein gelutet. Der Pfarrer blieb bestrzt stehen: "Wer
lutet? Wit ihr nicht, da die Kosaken auch das Luten bei Todesstrafe
verboten haben?"

"Ach, Herr Pfarrer," sagte die Frau erschreckt, "es ist ja nur das
Sterbeglckchen! Ich habe den Mener gebeten, da er lutet. Das werden
die Unmenschen doch erlauben. Mein Mann soll doch nicht ohne Gelute zu
Grabe getragen werden."

Der Pfarrer hrte kaum auf sie, er wandte sich an ihren ltesten Buben:
"Spring zum Mener! Er soll das Luten sein lassen, es kann ihm das
Leben kosten!"

Der kleine Leichenzug war am Grab; der Sarg wurde eingesegnet und
versenkt. Aber in das Gebet, das der Pfarrer in tiefem Ernst ber dem
Grab sprach, drang von ferne wildes Geschrei. Die Kosaken waren beim
ersten Glockenton vom Lager aufgefahren, sie hielten sich fr verraten.
Im Nu war ein ganzer Schwarm beisammen. Wtend strmten ein paar von
ihnen nach der Kirche. Der Glckner wurde in einem Augenblick
berwltigt und lag tot im Glockenturm. Nun suchten sie nach dem
Pfarrer, denn der hatte gewi das Zeichen zum Verrat gegeben. Sie
drangen in den Friedhof ein, der hinter der Kirche lag. Beim Anblick der
wilden Rotte liefen die Sargtrger und die Wirtin mit ihren Kindern
unter lautem Geschrei davon. Der Pfarrer allein blieb, das Kruzifix in
der Hand, an dem noch offenen Grab stehen. Er deutete hinein. "Ich habe
nur getan was meines Amtes ist," sagte er zu ihnen in ihrer Sprache,
"das Luten der Sterbeglocke geschah gegen meinen Willen." Da wechselten
sie ein paar Worte mit einander und beschlossen, den Pfarrer gefesselt
fortzufhren. Im Augenblick waren ihm die Hnde auf den Rcken gebunden.
Dabei ri einer der Kosaken ihm das Kruzifix aus der Hand. "Versndige
dich nicht," sagte der Pfarrer, "lege es dem Toten auf sein Grab," und
der Kosak gehorchte seinem Gefangenen.

Sie fhrten den Gefesselten durch das Dorf. Die Straen waren leer,
niemand traute sich hinaus, denn alle Bewohner waren in Todesangst. Aber
hinter ihren Fenstern schauten sie auf die Strae und mit Entsetzen
sahen es viele, wie ihr Pfarrer gefesselt auf den Platz vor dem
Wirtshaus gefhrt wurde, auf dem sich die Kosaken sammelten.

Nur die Pfarrfrau wute nichts von allem, was geschehen. Zwar ber das
Luten war sie erschrocken; aber sie hatte keine Zeit, darber
nachzusinnen. Ihre Kosaken, oben im Gastzimmer, waren auf einmal munter
geworden; sie hrte sie lebhaft reden und eilte, Frhstck fr sie zu
bereiten. So frh hatte sie sie nicht erwartet. Und sie wollte sie doch
wieder durch gastliche Behandlung in gute Stimmung versetzen. Eilig trug
sie auf, hoffte auch jeden Augenblick, da ihr Mann wieder vom Friedhof
zurck kme.

Schwere Tritte kamen jetzt die Treppe herunter; sie mute sich wohl
darein finden, die Kosaken allein am Tisch zu haben; wenn sie nur ihre
Sprache gekonnt htte! Sie ffnete die Tre; aber die Soldaten schienen
nicht vor zu haben, zum Frhstck zu kommen, sie gingen auf die Haustre
zu.

"Tee?" fragte die Hausfrau und deutete auf das Zimmer. Durch die offene
Tre war der einladende Teetisch zu sehen. Einen Augenblick zgerten bei
diesem verlockenden Anblick die Kosaken und wechselten ein paar Worte;
dann traten sie ein, setzten sich aber nicht, sondern schoben nur in
Eile in ihre Taschen alles, was da stand an Brot und Speck, an Ks und
Eiern, und verschwanden dann eiligst durch den Garten auf die Strae.
Sie konnte sich dies sonderbare Benehmen nicht erklren, ging hinauf in
das Gastzimmer, um nachzusehen, ob die Kosaken wohl all ihr Gepck
mitgenommen hatten. Ja, das war so. Also muten sie wohl heute frh
schon wieder weiter ziehen? Waren vielleicht schon versptet und deshalb
so eilig? O Wonne, diese Gste glcklich los zu sein!

Vom Gastzimmer aus konnte man hinber blicken nach dem Friedhof. Der
lag still und verlassen. Aber wo war dann nur ihr Mann? Wohin konnte er
so frh gegangen sein? In das Trauerhaus zu der Wirtin? Mit dem Talar?
Ja, vielleicht; in dieser Kriegszeit tat man manches, was vorher
unmglich schien.

Es war so ruhig im ganzen Haus und nach all den Aufregungen hatte diese
Stille etwas Bedrckendes. Es frstelte sie. Sie ging wieder hinunter in
die Wohnstube. Ihr Blick fiel auf die groe Teekanne. Ja, eine Tasse Tee
wrde ihr jetzt gut tun; und dann die Teekappe ber die Kanne, da der
Tee schn hei bliebe, bis ihr Mann endlich kme. So sa sie ganz allein
an dem groen gedeckten Tisch und trank langsam, weil sie immer wartete
auf ihren treuen Gefhrten, der doch auch noch kein Frhstck hatte.

Jetzt endlich hrte sie Schritte, rasch kamen sie durch den Garten,
durch die Flur; die Wohnzimmertre ging auf--ihr Mann stand vor ihr.

"So, endlich!" sagte sie und streckte ihm die Hand entgegen, "jetzt
komme nur gleich, der Tee wird kalt!"

Er aber war sprachlos. Er, der sich schon im Geist nach Sibirien
transportiert gesehen hatte, er, der seine Frau in Jammer und
Verzweiflung vorzufinden glaubte, fand sie ruhig am Teetisch mit der
einzigen Sorge: der Tee wrde kalt.

Sie sah jetzt seine Erregung. "Was ist denn geschehen?" fragte sie
ngstlich.

"Du weit wohl von gar nichts?"

"Nein, wo warst du denn?"

"Nun, ich war in russischer Gefangenschaft! Freilich nur eine
Viertelstunde; aber eine Viertelstunde, die ich nie vergessen werde.
Gefesselt bin ich vom Friedhof herein gefhrt worden, ganz nahe an
unserem Haus vorbei. Luise, wie mir da zu Mute war! Ich mag dir's
gnnen, da du mich nicht gesehen hast! Sie haben das Luten der
Sterbeglocke fr Verrat gehalten; dem Glckner hat es das Leben
gekostet, mich wollten sie fortschleppen. Sieh die roten Striemen an
meinen Handgelenken! Aber du wirst ganz wei, Luise; es ist nichts mehr
zu frchten. Du siehst ja, ich bin wieder frei, dank unserer
Einquartierung. Unsere vier Leute sind fr mich eingetreten, haben fr
mich gesprochen, bis man mich losgebunden hat. Und jetzt ist die ganze
Horde abgezogen, Gott Lob und Dank!"

"Ja, Gott Lob und Dank!" Die Pfarrfrau war so erschttert, sie konnte
sich gar nicht fassen. Freilich fr diesmal war die Gefahr berstanden;
aber noch heute konnten grere feindliche Heere das Land berfluten.

Aus der Ferne hrte man noch Pferdegetrabe, die Kosaken waren abgezogen.

Und nun trauten sich die Leute wieder auf die Strae und wieder kamen
sie in groer Menge ins Pfarrhaus; aber jetzt waren sie anders gesinnt.
Sie wollten flchten; alle waren einig, so schnell wie nur mglich;
keinen zweiten Einfall wollten sie abwarten. Der Tod des Wirtes, des
Glckners, das Bild ihres gefesselten Pfarrers, das alles hatte ihnen
einen Schreck eingeflt, so da es von Mund zu Mund ging:

"Nur fort, nur fort!"

Die Pfarrfrau packte ihre Koffer, das ganze Dorf trug seine
Habseligkeiten zusammen, Wagen um Wagen wurden gefllt, Kranke und
Kinder auf Betten gelegt, ja auch Hunde, Kanarienvgel u. dgl. durften
mit. Das Vieh wurde losgebunden und mitgetrieben.

Unterwegs stie man auf Leidensgenossen, bei denen die Russen ganz
anders gehaust und Greuel verbt hatten, bei deren Bericht man
schauderte. Ein unabsehbarer Zug bewegte sich landeinwrts; ngstliche,
bekmmerte Leute, die mit bitterem Schmerz ihre Heimat verlieen und mit
schwerer Sorge in die Zukunft sahen.

Als unsere Pfarrfamilie in Danzig ankam, sah sie Scharen von solchen
geflohenen Familien. Eine endlose Flucht. Von Wagen erfllte die Straen
und Pltze, ganze Herden heimatlosen Viehs stauten sich brllend in den
engen Straen.

Aber es wurde Ordnung geschafft und mit rhrender Nchstenliebe wurden
in kurzer Zeit all die armen Flchtlinge untergebracht, wurde Dach und
Fach, Arbeit und Verdienst fr sie geschafft.

Am besten hatten es freilich solche, die wie unser Pfarrer mit Frau und
Kindern von der Mutter mit offenen Armen aufgenommen wurden. Aber auch
sie trauerten um das schne Land, das vom feindlichen Heer verwstet
wurde, und um die unglckseligen Opfer russischer Grausamkeit. Keiner
konnte froh sein, wenn auch ihm selbst nichts abging; alle Deutschen
Ostpreuens hatten _ein_ gemeinsames Leid, _eine_ gleiche Sehnsucht.
Und sie warteten Tag um Tag, Woche um Woche, ob die Heimat nicht aus der
Hand der Feinde gerettet wrde.

Und der groe Tag kam; der Retter Ostpreuens erschien: Generaloberst
_von Hindenburg_, der die Russen bei Tannenburg und an den masurischen
Seen besiegte und dadurch das Land wieder befreite.

Was war das fr ein Jubel im ganzen deutschen Vaterland!

Am Abend, da diese herrliche Nachricht durch ein Telegramm des
Generalquartiermeisters von Stein bekannt worden war, gingen unser
Pfarrer und seine Frau in jedes Haus, wo Leute aus ihrer Gemeinde
untergebracht waren. Sie wollten sie selbst sehen, die armen
Flchtlinge, die nun mit leuchtenden Augen davon sprachen, da sie bald
wieder in die geliebte Heimat zurck knnten. Alles Schwere, alles Leid
versank, jetzt galt nur die Siegesfreude und die Dankbarkeit gegen Gott,
der dem Leid ein Ende gemacht.

Freilich, noch lange wird es dauern, bis alle wagen drfen
zurckzukehren, denn noch immer knnen sich feindliche Einfalle an der
Grenze wiederholen. Inzwischen ist der Winter gekommen und bringt harte
Not fr die Flchtlinge, die all ihr Hab und Gut verloren haben. Wir
wollen an sie denken und ihnen Gaben schicken, wir alle, die wir so
glcklich sind, weit weg vom Feind zu wohnen. Unsere Heimat blieb
verschont, erbarmen wir uns der Heimatlosen!




Die Konservenbchsen.


In der Mittagsstunde stand der Sattlermeister Krau unter seiner
Ladentre und sah die Strae hinunter, immer nach einer und derselben
Ecke. Offenbar erwartete er jemand von dorther. In dem Haus gegenber
sah eine Frau durchs Fenster, ebenso beharrlich nach derselben Ecke, und
sie rief dem Nachbar zu: "Kommt sie noch nicht?"--"Sie mu gleich
kommen."

Des Sattlers Buben spielten vor dem Haus; der grere von beiden sah
aber nebenbei auch immer wieder die Strae hinunter. "Jetzt kommt sie!"
rief er und rannte davon.--Sie, nach der sich alles sehnte, war die
Zeitungsaustrgerin, eine dicke Frau, die so schnell watschelte, als sie
es mit dem schweren Pack Zeitungen vermochte, den sie unter dem Arm
trug. Sie war froh, da ihr viele Bltter auf der Strae abgenommen
wurden und sie sich manche Treppe ersparen konnte; heute besonders. Man
hatte in der Stadt schon etwas von einem groen Sieg der Deutschen
gehrt und war gespannt, ob es auch gewi wahr sei. Wer seine Zeitung
glcklich in Hnden hatte, las sie schon auf der Strae. Auch Georg, so
schnell er mit dem Blatt auf den Vater zulief, las doch schon
unterwegs, was mit groen Buchstaben ber das ganze Blatt gedruckt stand
und rief dem Vater zu: "_Groer Sieg ber die Russen, sechzigtausend
Mann gefangen_."--"Wirklich? gib her, Georg!" Der Vater verschwand im
Laden, die Buben folgten ihm. Bald lag das Blatt auf dem Ladentisch,
auch die Mutter lehnte sich darber; der Vater las laut und alle freuten
sich. Aber nun kam ein Offiziersbursche in den Laden, der brachte
Riemenzeug, an dem etwas zu verbessern war, und die Zeitung mute
beiseite gelegt werden. Die Mutter ging an ihre Arbeit in der Kche, die
Jungen folgten ihr. "Das htte ich so gerne noch gehrt," sagte
Georg, "was der Vater eben angefangen hat zu lesen von den
Konservenbchsen."--"Was fr Bchsen sind denn das?" fragte der kleine
Hans.--"Blechbchsen, in denen allerlei eingekocht ist, Obst, Gemse und
Fleisch, was die Soldaten im Krieg zum Essen ntig brauchen, wenn sie
gerade nichts Frisches haben knnen. Der Vater wird schon nachher
weiterlesen. Geh du einstweilen, Georg, und hole den Ks zum Vesper fr
den Vater und den Gesellen. Ein Viertelpfund, es darf auch um ein paar
Pfennige mehr sein, wenn es ein schnes Stck ist. Ich gebe dir 35 statt
30 Pfennig mit."

Georg ging mit dem Geld in die nchste Strae und verlangte in dem
Warengeschft ein Viertelpfund Ks. Ein Stck wurde abgeschnitten und
gewogen. "Diesmal haben wir's gerade erraten, ein Viertelpfund, 30
Pfennig," sagte die Verkuferin. Whrenddessen hatte Georg auf dem
Ladentisch einen Glaskasten mit sehr verlockend aussehenden
Schokoladestangen erblickt. Das Stck fnf Pfennig, stand auf dem
Kasten. Und fnf Pfennig hatte er doch gerade auch in der Hand. Auf
diese fnf Pfennig kam es der Mutter nicht an; sie wren ja auch weg
gewesen, wenn er sie fr den Ks ausgegeben htte. "Und eine
Schokoladestange fr fnf Pfennig," sagte er; bekam sie, ging hinaus,
lie sich die Schokolade schmecken und hatte auch kein schlechtes
Gewissen dabei; "wegen der fnf Pfennig". Er war schon mit Essen fertig,
als er heimkam. Die Mutter nahm ihm den Ks ab. "Komm, der Vater ist
allein im Laden, er liest uns noch mehr aus der Zeitung vor." Bald
standen sie wieder zu vieren beisammen, und der Sattler las: "Unter den
Gepckwagen, die unsere wackeren Soldaten den Russen abnahmen, fand sich
zur groen Freude unserer Krieger auch ein mit Konservenbchsen
angefllter. Die Bchsen waren verltet und jede trug die Gewichts- und
Inhaltsangabe der verschiedenen Gemse- und Fleischgerichte. Als aber
eine und dann immer mehr dieser Bchsen geffnet wurden, fand sich, da
sie, anstatt mit Ewaren, mit Sand und Spnen gefllt waren. Dieser
Betrug ist wieder ein Beispiel von der tiefen Verderbtheit, die im
russischen Volk herrscht."

"Nein, solch eine Gemeinheit, so etwas gibt's doch bei uns Deutschen
nicht!" rief die Frau emprt.--"Ja es ist unglaublich!"--"Was denn,
Mutter, was ist denn so schlimm, erklre mir's doch," drngte
der Kleine, der mit Aufmerksamkeit zugehrt, aber doch die
Zeitungsmitteilung nicht recht verstanden hatte.

"Begreifst nicht?" sagte die Mutter, "wenn ich dir einen Nickel gebe und
sage, du sollst mir Salz holen, dann darfst du nicht hingehen und dir
Gutele darum kaufen; gelt das wre nicht recht? Da hat aber der
russische Kaiser vielleicht 1000 Mark hergegeben, hat zu seinen Leuten
gesagt, sie sollen Bchsen mit Fleisch und Gemse fllen fr die
Soldaten. Die haben aber das Geld fr sich behalten, haben kein Fleisch
und Gemse gekauft, sondern sie haben Sand geholt und in die Bchsen
getan und haben sie zugeltet."

"Die Russen haben das getan?" fragte Hans, der mit grter Spannung
zugehrt hatte.

"Ja die Russen, die Deutschen nicht, die tun so etwas nicht, die sind
ehrlich."

"Mit wieviel Jahren wird man denn ein Deutscher?" fragte Hans wieder,
"ich mchte auch ein Deutscher werden."

Sie lachten ber den Kleinen und die Mutter streichelte ihm den
Blondkopf: "Bist schon lngst einer, Hans, schon seit du auf der Welt
bist. Bist kein Russe, nein, sondern ein ehrlicher, deutscher Bub!"
Georg, der am Ladentisch lehnte, hatte aus den Worten der Mutter gehrt,
da der Deutsche ehrlich sei; und er wurde ganz nachdenklich. Die fnf
Pfennig, die fr den Ks bestimmt waren, hatte er fr Schokolade
ausgegeben; wie die Russen, dachte er. Aber ich bin doch ein Deutscher.
"Wenn einer einmal ein wenig unehrlich ist, deswegen bleibt er doch ein
Deutscher, gelt Mutter?" sagte er, "nur natrlich so etwas, wie mit den
Bchsen, darf er nicht tun!" Der Vater blickte von der Zeitung auf und
sah Georg an. "Mit der kleinen Unehrlichkeit fngt's allemal an," sagte
er, "es hat keiner gleich 1000 Mark. Aber wenn er zuerst um einen
Pfennig betrgt, so kommt er immer weiter."

"Das ist doch ein Unterschied, auf fnf Pfennig kommt's doch nicht an,"
beharrte Georg.

"Auf die Pfennige kme es vielleicht nicht an, aber auf die Ehrlichkeit,
die darf eben keinen Flecken haben; da mu sich einer rein halten, schon
als Bub, dann bringt er's auch als Mann zustand. Was meinst du, warum
soll es leichter sein, auf 1000 Mark zu verzichten, die man sich
erschwindeln kann, als auf fnf Pfennig? Wer das eine nicht kann, wird
auch das andere nicht knnen."

Jetzt wurde es Georg ganz angst; er wrde doch nicht spter einmal so
etwas tun, wie es die Russen getan hatten?

"Gelt, dich drckt etwas," fragte die Mutter ihren Groen, der in
sichtlichem Unbehagen dastand, "hast was auf dem Gewissen, Georg?"

"Ja, fnf Pfennig vom Ks. Die waren brig und ich hab mir Schokolade
dafr gekauft und schon gegessen, sonst mcht' ich sie gleich hergeben."

"So, so!" sagte der Vater und besann sich ein wenig. Eigentlich gehrte
doch Strafe auf so etwas; aber er strafte so ungern. Whrend er sich so
besann, faltete er das Zeitungsblatt zusammen, soda die erste Seite
wieder obenauf lag mit der groen, frohen Siegesnachricht ber die
Russen. "Ja, ja," sagte er pltzlich und sah hell auf, "die Russen haben
wir besiegt; die ganze Russenart mssen wir unterkriegen; denn etwas
davon gibt's auch bei uns Deutschen, aber wir kmpfen dagegen an. Wir
sehen's jetzt im Krieg, wohin das fhrt. Ehrliche Deutsche wollen wir
sein, keinen Fnfer erschwindeln, dann gibt's keinen Sand in den
Bchsen, gelt du?"--"Ja, Vater!"--"Da drben ziehen sie die Fahne auf!"
rief der Kleine und sie traten alle unter die Ladentre. "Ja, Sieg ber
die Russen und ber die Russenart!"




Zu welcher Fahne?


Unter den vielen Deutschen, die sich in Paris aufhalten, war zur Zeit
des Kriegsausbruchs ein Bankbeamter namens Kolmann. Er war von Geburt
Elssser; auch seine Frau stammte aus dem Elsa. In Straburg hatten sie
ihren Hausstand gegrndet, dort waren auch ihre beiden ltesten Kinder,
zwei Knaben, geboren, die jetzt sechs und acht Jahre alt waren. Spter
war die Familie Kolmann nach Paris bergesiedelt, wo dem Manne eine gute
Stelle an einem groen Bankgeschft angeboten war. Sie lebten nun seit
drei Jahren in Paris und dort war zu den beiden kleinen Brdern noch ein
Schwesterchen gekommen. Fr die Elssser war das Eingewhnen in Paris
leicht gewesen; von Jugend an war ihnen die franzsische Sprache
vertraut; sie sprachen auch mit ihren Kindern franzsisch und jedermann,
der nicht nher mit ihnen bekannt war, hielt sie fr Franzosen. Paul und
Emil, die beiden kleinen Jungen, gingen mit den franzsischen
Altersgenossen zur Schule.

Aber jetzt kam der Krieg. Er drohte schon in der letzten Woche des Juli
und brachte schwere Sorgen und berlegungen fr viele Deutsche in Paris.

In dem Bankgeschft, fr das Kolmann arbeitete, waren mehrere junge
Deutsche angestellt. Sie waren schnell entschlossen abzurufen; wuten
sie doch, da ihres Bleibens nicht mehr war, und da sie jeden Tag ihre
Einberufung erwarten muten. So verlieen sie Frankreich noch vor dem
eigentlichen Ausbruch des Krieges und eilten in ihr Vaterland zurck.

Der Direktor der Bank, fr den die pltzliche Abreise mehrerer
Angestellter sehr strend war, sprach mit Kolmann. Er sagte ihm, da er
darauf rechne, ihn, den Elssser, zu behalten. Im Kriegsfall kme ja
Elsa doch wieder an Frankreich. Die Elssser wrden alle gleich bei
Beginn des Kriegs zu den Franzosen bergehen; daran sei gar nicht zu
zweifeln.

Darauf entgegnete Kolmann, er habe in Deutschland gedient und wrde im
Kriegsfall einberufen werden.

"Dagegen gibt es ein sehr einfaches Mittel," meinte der Direktor; "Sie
drfen sich nur naturalisieren lassen, das heit wieder Franzose werden.
Im brigen ist ja immer noch Hoffnung, da es nicht zum Krieg kommt; die
Gefahr kann auch wieder vorber gehen. Einstweilen mchte ich Sie
ersuchen, mglichst die Arbeit der abgereisten Kollegen zu bernehmen,
wofr ich Ihren seitherigen Gehalt verdoppeln werde."

Sehr nachdenklich kam an diesem Abend Kolmann vom Geschft heim. Seine
drei Kinder waren schon zu Bett gebracht. In einem reizenden, kleinen
Salon erwartete ihn seine Frau.

"Wie spt du heimkommst," klagte sie. "Das kann doch nicht so weiter
gehen! Der Direktor kann nicht von dir verlangen, da du die Arbeit der
Herrn bernimmst, die abgereist sind."--"Ich mu es ja nicht umsonst
tun. Der Direktor hat mich heute darum gebeten und mir den doppelten
Gehalt angeboten."

"O wie fein!" rief Frau Kolmann, "den doppelten Gehalt! Ja, dann werde
ich nicht murren, wenn du spter von der Bank kommst; wir werden den
Abend um so vergngter verbringen. Gehen wir gleich heute noch ins
Odeon? Oder wo feiern wir sonst diese frohe Botschaft?"--"Bitte, la uns
nur ruhig zuerst zu Abend essen. Ich bin wirklich mde und gar nicht in
der Stimmung auszugehen."

"Schade," sagte die junge Frau, "wie kann einer nicht in guter Stimmung
sein, wenn man ihm unvermutet einen so glnzenden Gehalt anbietet? Aber
ich will dich nicht plagen, mein Lieber; mich hat diese Nachricht
wirklich in die allerbeste Stimmung zersetzt. Komm ins Ezimmer, der
Tisch ist gedeckt. Wir werden Champagner aus dem Keller holen lassen und
auf das Wohl deiner Herrn Kollegen trinken, die ihren Gehalt im Stich
gelassen haben und uns zu reichen Leuten machen. Wie tricht sie waren,
so schnell abzureisen; es kommt garnicht zum Krieg gewi nicht, ich habe
es heute erst im Figaro gelesen."

"Glaube den franzsischen Zeitungen nicht, sie lgen!"

"Aber nein, gewi nicht; was ich gelesen habe, kann nicht erlogen sein:
der Zar hat dem deutschen Kaiser telegraphiert, er wolle keinen Krieg.
Auch der Knig von England versichert, er habe den ernsten Wunsch,
einen europischen Krieg zu verhindern. Da die Franzosen den Krieg
frchten, wissen wir doch ganz gewi und ebenso, da die Deutschen nie
anfangen. Also, wie soll es einen europischen Krieg geben? Komm, sei
nicht so schwarzsichtig, la dir das Essen schmecken. Denke nicht mehr
an den Krieg. Du hast noch gar nicht nach den Kindern gefragt."

"Ja, wie geht es ihnen?"

Die Mutter erzhlte nun frhlich, da die kleine Mimi, die einjhrige,
schon die ersten Schrittchen allein mache und wie Emil und Paul zrtlich
seien mit dem kleinen Liebling. ber diesem Geplauder wurde auch der
Vater wieder heiter, die Kinder waren seine Herzensfreude.

Am nchsten Morgen machte sich Kolmann frhzeitig auf den Weg zur Bank.
Er wute, da viel Arbeit auf ihn wartete, und verabschiedete sich von
Frau und Kindern mit den Worten: "Auf Wiedersehen um zwei Uhr." Zrtlich
kte er seine zwei Knaben, die mit der Mutter beim Frhstck saen,
ging auch noch in das Kinderzimmer, wohin ihn das Stimmchen der Kleinen
lockte. Sie wurde eben von der "Bonne" in ein weies Kleid gesteckt und
streckte verlangend dem Papa die rmchen entgegen. Nur einen Augenblick
hatte er Zeit, das Kind auf den Arm zu nehmen; dann gab er es wieder der
Kinderfrau zurck und verlie eilends das Haus.--Er war noch keine
hundert Schritte gegangen, als ihm ein Junge ein Zeitungsblatt anbot:
"Es ist der Krieg!" rief der Junge, erhielt einen Sou und eilte zum
nchsten Vorbergehenden mit dem Ruf: "Es ist der Krieg!"

Kolmann hielt mit vor Aufregung zitternden Hnden das Blatt und las, da
die Franzosen ber die deutsche Grenze geschritten und in die Vogesen
eingedrungen waren. Daraufhin hatte Deutschland an Frankreich den Krieg
erklrt.

Da wandte Kolmann seine Schritte zurck und nach wenigen Minuten war er
wieder in seinem Haus, trat in das Zimmer, in dem seine Frau friedlich
mit den beiden Knaben am Frhstck sa, und sagte auch nur die vier
Worte: "Es ist der Krieg!" Sie griff nach dem Blatt, das er ihr
hinhielt. Sie las es. "Also wirklich?" Nun mute auch sie an den Krieg
glauben. Das Blatt fiel ihr aus den Hnden, Paul nahm es auf. Er las,
was mit groen Buchstaben dastand, und weil er mit seinen Kameraden gern
Krieg spielte, so dachte er sich hinein, wie die groen Leute nun wohl
den Krieg fhren wrden. Vater und Mutter sprachen halblaut miteinander
und sprachen deutsch, wie sie es meist taten, wenn das franzsische
Dienstmdchen im Zimmer nebenan war. "Papa," fragte Paul--er redete
franzsisch--"Papa, die Bonne hat gestern gesagt, die Russen und die
Englnder halten zu uns, ist das wahr?"--"Zu uns?" Der Vater sah seinen
Jungen an. Er hatte nie mit ihm darber gesprochen, da sie Elssser und
also Deutsche waren, denn er wollte, da seine Kinder sich ganz heimisch
und wohl fhlten unter den franzsischen Kameraden. Und jetzt, in dem
Augenblick, da Krieg ausbrach, war es noch bedenklicher, davon zu
sprechen. "Bitte Papa, sage mir's!" wiederholte Paul, "hlt England zu
uns?"

"Franzosen, Englnder und Russen halten zusammen," sagte Herr Kolmann
ausweichend.--"Dann werden wir leicht fertig mit den Deutschen; oder
haben die auch Freunde?"

"Ja, sterreich geht mit Deutschland."

"Papa, wer wird's gewinnen?"

"Wir, Paul," sagte der Vater und er dachte dabei "wir Deutschen", aber
er merkte wohl, da Paul dachte: Wir Franzosen. Paul war befriedigt; er
forderte den jngeren Bruder auf, mit ihm hinber zu gehen ins
Kinderzimmer, sie wollten Soldaten spielen.

Die Eltern blieben allein zurck. "Paul meint, wir seien Franzosen,"
sagte Kolmann. "Das ist ja nur gut," entgegnete seine Frau, "Elsa kommt
nun sicher wieder an Frankreich. Ich hrte es neulich erst sagen, ganz
Elsa freue sich auf einen Krieg und werde in der ersten Stunde zu
Frankreich bergehen."

"Was man wnscht, das glaubt man gern. Charlotte, ich glaube es nicht,
und von all den Elsssern, die wie ich im deutschen Heer gedient haben,
wird das keiner glauben. Denke an deinen Bruder; weit du nicht mehr,
wie er begeistert war fr das deutsche Heer? Meinst du, da er berginge
zur franzsischen Fahne?"

"Der freilich nicht," sagte sie nachdenklich und nach einer Weile fgte
sie hinzu: "Gottlob, da du nicht in den Krieg mut; es wre ja
schrecklich, wenn man nicht wte, zu wem man halten sollte." In
sichtlicher Unruhe ging Herr Kolmann hin und her. Sie sah ihm nach.

"Was beunruhigt dich so?" fragte sie teilnehmend.

Er schwieg.

"Sage es mir doch, lieber Freund," bat sie zrtlich.

Da blieb er vor ihr stehen. "Ich mu es dir ja freilich sagen, wenn du
es dir nicht selbst denken kannst. Du irrst dich, wenn du meinst, meine
dreiiger Jahre entheben mich der Militrpflicht. Mir bleibt nur die
Wahl: entweder ich stelle mich sofort in Deutschland--dann mssen wir
alles aufgeben, was wir hier haben und Paris verlassen--; oder ich werde
Franzose, wie mir der Direktor geraten,--dann gehren wir knftig der
franzsischen Nation an. Schon lange habe ich gefrchtet, da ich einmal
vor diesen Entscheid gestellt wrde, nun ist die Stunde gekommen."

"Aber Liebster, wir knnen uns doch gar nicht besinnen. Hier haben wir
unser reizendes Heim, hier hast du eine glnzende Stellung; so bleiben
wir doch natrlich hier und werden Franzosen. Denn was sollten wir in
Deutschland tun? Ganz von vorne anfangen, das wre doch zu tricht!"

"Ja, ja, ganz recht; es wre tricht und fr dich zu schwer," antwortete
er; aber wieder trieb es ihn unruhig im Zimmer herum.

"Unsere Groeltern waren noch Franzosen," sagte sie, "so knnen wir es
doch wieder werden. Sag, Liebster, was spricht dagegen?"

"O nichts," sagte er bitter, "nichts als das, da ich als Soldat zur
deutschen Fahne geschworen habe. Und da es mir ein sonderbares Gefhl
ist, den Fahneneid, den ich in voller Begeisterung geschworen hatte, zu
brechen, in der Stunde, wo ganz Europa sich gegen das deutsche Heer
rstet, dem ich als junger Mann angehrt habe mit Leib und Seele. Es ist
das schnste, beste Heer mit seinen prchtigen Offizieren und seinem
edlen Kaiser. Aber jetzt, in der Stunde der Not, verlasse ich es. Pfui!
All die deutschen Offiziere--voran mein Hauptmann, der etwas auf mich
hielt und den ich verehrte--alle drften mir zurufen: Pfui!"--

Charlotte stand ergriffen.

In diesem Augenblick kamen die zwei Knaben hereingesprungen, mit roten
Kpfen; lustig war ihr Eifer anzusehen: "Mama, wir sind schon in Berlin
gewesen und haben die Deutschen besiegt. Und ihren Kaiser haben wir
gefangen, dem soll es schlecht gehen!"

"Schweigt!" rief der Vater und in aufwallendem Zorne gab er dem ltesten
eine Ohrfeige. Sehr bestrzt ber diese ganz ungewohnte Behandlung
verzogen sich die zwei kleinen Soldaten. Ihrer Mama kamen die Trnen.

"Verzeih," sagte der Mann, "ich war zu heftig. Aber ich kann's nicht
hren, da meine Kinder gegen den Kaiser sind; es regt mich auf. Am
besten ist's, ich gehe jetzt fort, auf die Bank. Adieu!"

Er streckte ihr die Hand hin, sie griff darnach, aber sie weinte nur
noch bitterlicher. Begtigend sagte er: "Ich werde Paul noch ein
freundliches Wort sagen, ich wei ja, er hat die Ohrfeige nicht
verdient. Du mut nicht mehr darber weinen!"

"Ach, das ist's nicht," sagte sie schluchzend, "aber geh nur jetzt, wir
knnen ja mittags alles besprechen."

Da verlief er das Haus, ging durch die Straen zwischen der aufgeregten
Menge hindurch, hrte nichts als Krieg und wieder Krieg; fand in der
Bank ein groes Gedrnge von Menschen, die alle besorgt waren um ihr
Geld; sah den Bankdirektor selbst an einem Schalter stehen und hrte,
wie er die ngstlichen zu beruhigen suchte. Sein sptes Kommen mute dem
Direktor aufgefallen sein. Er hatte wohl schon Sorge gehabt, auch dieser
Beamte mchte abreisen. Nun winkte er Kolmann freundlich zu und dachte,
es sei doch gut gewesen, da er ihm schon gestern doppelten Gehalt
angeboten hatte. So etwas schlgt keiner aus--meinte der Direktor.

Sobald der Vater die Wohnung verlassen hatte, suchten die Kinder ihre
Mutter auf. Aber sie fanden die Mama nicht heiter und frhlich wie
sonst; verweint sah sie aus, gab ihnen ein paar Bonbons und sorgte, da
sie mglichst schnell mit dem Schwesterchen unter der Aufsicht der
Kinderfrau spazieren gingen. Denn sie wollte allein sein, um ordentlich
nachdenken zu knnen. Bisher hatte sie das Nachdenken ihrem Mann
berlassen; er hatte alles fr die Familie aufs beste eingerichtet und
jederzeit gewut, was geschehen mute. Nur heute nicht. Es war ihr
ungewohnt und schrecklich, ihn so unsicher und aufgeregt zu sehen. Die
Ohrfeige, die kam doch nur daher, da er es nicht ertragen konnte, wenn
sein Bub gegen die Deutschen Partei nahm. Also war er mit seinem Herzen
auf deutscher Seite und es zog ihn jetzt hinber zum deutschen Heer.
Aber sie konnten doch nicht fort und alles preisgeben, was sie hatten!
Bei dem bloen Gedanken war ihr, als wankte der Boden unter ihren Fen.
Whrend sie so in der Stille darber nachdachte, glaubte sie im
Kinderzimmer die Stimme ihres Paul zu hren. Aber der war doch wohl fort
mit der Kinderfrau? Sie ging nachzusehen. An dem groen Tisch stand Paul
ganz allein, eifrig beschftigt Soldaten aufzustellen, denen er laute
Befehle gab.

"Mama," sagte er, "die Bonne hat mir erlaubt daheim zu bleiben, wenn ich
ganz still im Zimmer spielen wrde. Sie meinte, es werde dir schon recht
sein, und wir wollten dich nicht stren. Mama, warum bist du so traurig,
und warum ist Papa auch nicht wie sonst?"

"Das kommt vom Krieg, Kind."

"Mama, die Bonne hat mich gefragt, ob wir richtige Franzosen seien, weil
wir alle Deutsch knnten. Der Hausmeister hat ihr gesagt, wir seien
Elssser. Wie ist das eigentlich?"

"Es ist am besten, du redest nicht mit den Leuten darber."

"Das will ich auch nicht, nur wissen mchte ich es, Mama. Sieh, da
stehen meine Franzosen und da die Deutschen; wenn ich nun Elssser
habe, wohin mu ich sie stellen?"

Er sah auf und wunderte sich, da die Mutter keine Antwort gab. "Bitte,
sage mir nur noch das eine, dann lasse ich dich wieder ganz in Ruhe.
Sieh, da ist unsere franzsische Fahne und hier die schwarzwei-rote,
das ist die deutsche. Zu welcher gehren die Elssser?"

Der Mutter, die nicht gern antwortete, kam von auen Hilfe. Es
klingelte. Sie erkannte an der Stimme einen Freund ihres Mannes, der
anfragte, ob er sie in so frher Morgenstunde einen Augenblick sprechen
knnte. Sie empfing ihn im Salon. Er und seine Frau waren Deutsche. "Ich
wollte nur noch schnell Abschied von Ihnen nehmen," sagte Herr Frank.
"Meine Frau lt Sie herzlich gren, sie hat alle Hnde voll zu tun.
Wir reisen heute ab. Man kann nicht schnell genug fortkommen aus dem
Feindesland. Was sagt Kolmann zu diesem Krieg? Wie falsch und tckisch
fallen die Feinde von allen Seiten ber Deutschland her! In Lug und Trug
sind sie verbndet. Aber ganz Deutschland wird aufstehen. Kein Mann wird
zurckbleiben. Mir brennt das Herz, zur Fahne zu eilen. Wann reisen
Sie?"

"Ich wei nicht," sagte Frau Kolmann; "vielleicht--ich wei nicht; was
macht Ihre Frau?"

"Meine Frau drngt fast noch mehr, sie mag die Franzosen nicht mehr
sehen, ihnen kein Wort gnnen."

"Aber was wird aus Ihrem Geschft? Wo werden Sie Unterkunft finden mit
Ihren Kindern?"

"Das wissen wir alles noch nicht. Wer kann jetzt an sich denken, wenn
das ganze Vaterland in Gefahr ist! Wir wissen nur, da wir nach
Deutschland mssen, und wenn es auch nur wre, um mit ihm zu leiden. Ihr
Mann denkt sicher ebenso. Ich mu gehen, gren Sie ihn. Wir treffen uns
unter der Fahne! Meine Frau und ich, wir danken Ihnen fr alle
Freundschaft. Vielleicht fhrt uns das Leben noch einmal zusammen im
stolzen, sieggekrnten Vaterland!" Er drckte ihr die Hand zum Abschied
und ging.

Frau Kolmann stand allein. Aber der Freund hatte etwas zurckgelassen,
einen Hauch der Begeisterung, der in sie drang, sie erfllte und ihr,
der unsichern, verzagten Frau, den Weg wies. Wie gro war das, zu sagen:
Wer kann an sich denken, wenn das Vaterland in Gefahr ist? Sie hatte
sich geschmt, dem Freund nur auszusprechen, da sie daran dchte, in
Frankreich zu bleiben. Wieviel mehr mte ihr Mann sich schmen, er, der
Deutschland Treue geschworen hatte! Nein, er sollte nicht um ihretwillen
zurckbleiben! Alle Unsicherheit und Schwche war von ihr gewichen.
Raschen Schrittes kehrte sie ins Kinderzimmer zurck.

"Nun, Paul," sagte sie in ihrer gewohnten, frischen Weise, "was wolltest
du wissen? Wohin die Elssser gehren? Zu den _Deutschen_ gehren sie,
das mut du doch wissen! Wir sind Elssser und Elsa gehrt zu
Deutschland."

"So?" sagte der Knabe nachdenklich, "ja, dann mu ich alles anders
aufstellen; dann mssen die Deutschen meine besten Kanonen bekommen und
mssen oben stehen, damit sie siegen knnen!"

"Ja, mach' das so. Und wenn Papa heimkommt, zeigst du ihm das, es wird
ihn freuen."

"Das httest du mir schon lang sagen sollen, Mama. Ich habe mit den
Schulkameraden immer gegen die Deutschen gekmpft und zu den Franzosen
gehalten."

"Das wird jetzt alles anders, Paul, jetzt ist Krieg!"

       *       *       *       *       *

Kolmann empfand eine helle Freude, als er bei seiner Heimkehr eine
entschlossene, tapfere Frau fand, die auf Reichtum und Behagen
verzichten wollte und bereit war, mit ihm nach Deutschland zu ziehen,
wohin ihn Ehre und Treue riefen. Alle Unsicherheit war nun vorbei. In
aller Eile wurde die Abreise vorbereitet, jedes Opfer, das damit
verbunden war, wollten sie bringen und alles Schwere auf sich nehmen.

Und das Schwere kam bald genug. Gegen diejenigen Elssser, die nicht,
wie man von ihnen erwartet hatte, zu Frankreich bertreten wollten,
wandte sich der grte Ha der Franzosen. Der Bankdirektor wollte den
Gehalt nicht zahlen, den er Kolmann schuldete; der Hausherr forderte die
Miete frs ganze Jahr; die Kchin wurde durch ihn aufgehetzt, verlangte
ihren Lohn und verlie sofort das Haus. Das Gasthaus weigerte sich,
Speisen abzugeben, und der Gepcktrger kehrte den Rcken, als er
aufgefordert wurde, das Gepck zu besorgen. Die Leute aus dem
Hinterhaus warfen Steine nach den Fenstern der Wohnung.

Kolmann ging auf die Polizei und erbat Schutz. Die Beamten zuckten die
Achseln und erklrten, sie knnten nichts machen. Auf dem deutschen
Konsulat waren alle Rume berfllt mit ausgewiesen Deutschen, denen das
Reisegeld fehlte, und mit hilflosen Mdchen, die Schutz suchten. Da
sagte sich Kolmann: "Hilf dir selbst!" Mit viel Geld, mit guten und
bsen Worten, mit List und Klugheit gelang es doch, da er am nchsten
Morgen mit seiner Familie am Bahnhof stand, wo ein besonderer Zug die
Ausgewiesenen bis an die Grenze bringen sollte.

Der Zug hatte nicht genug Wagen, trotzdem die Leute Kopf an Kopf, sogar
in den Viehwagen standen. In dem furchtbaren Gedrnge, bei der
boshaften, schadenfrohen Gesinnung der Bahnbeamten geschah es, da,
whrend die Mutter mit der Kleinen und der Vater mit Emil einstieg, Paul
weggestoen wurde und zu Boden fiel in dem Augenblick, da der Zug sich
in Bewegung setzte. Niemand kmmerte sich um den Jammer der
Zurckbleibenden, kein Schaffner achtete auf den verzweifelten Schrei:
"Mein Kind, mein Kind!", der aus dem Wagen drang, in dem die Familie
Kolmann davon fuhr. Sie wuten nicht, war ihr geliebtes Kind berfahren
oder stand es hilflos und verzweifelnd in der feindlichen Stadt.

Der Zug fuhr ohne Aufenthalt immer weiter, immer zu. Keine Mglichkeit,
irgend etwas zu tun fr das verlorene Kind; kein mitleidiger Beamter,
kein hilfreicher Telegraph stand zur Verfgung, feindselig waren alle
Einrichtungen; es war Krieg.

Und doch kam nach einer Stunde Fahrt ein kleiner Trostschimmer. Eine
Mitreisende, ein junges deutsches Mdchen, das in einem der hintersten
Wagen gewesen, drngte sich allmhlich vor und fragte in jedem Wagen:
"Sind hier die Eltern, die einen Knaben verloren haben?" Schlielich kam
sie mit der Frage in den richtigen Wagen. "Ja, ja!" riefen Pauls Eltern
wie aus einem Mund. "Ich wollte Ihnen nur sagen, da ich vom Fenster aus
gesehen habe, wie der Junge, den man zu Boden geworfen hatte,
aufgestanden ist und offenbar keinen Schaden genommen hatte." Frau
Kolmann strzten die Trnen aus den Augen: "Aber verloren ist er!"
schluchzte sie laut. "Ich sah noch," fuhr das Frulein fort, "da eine
Frau, es schien mir eine einfache deutsche Brgersfrau, die mit ihren
kleinen Kindern abreisen wollte, Ihren Jungen angeredet hat. Sie sah ihn
mtterlich freundlich an; ich denke mir, sie wird sich seiner annehmen
und ihn mit nach Deutschland nehmen. Ich wollte Ihnen dies nur zum Trost
sagen."--"Danke, danke!" Frau Kolmann konnte nichts weiter
hervorbringen; sie wandte alle Kraft an, um Herr zu werden ber ihre
Trnen. Es war doch schon ein Trost fr die Eltern, da sie wuten, ihr
Kind war nicht unter die Rder gekommen, und sie hielten das Bild fest,
wie eine deutsche Frau sich ihm teilnehmend zugewandt hatte. Kam er
wirklich nach Deutschland, so wrden Eltern und Kind sich auf allen
Wegen suchen und endlich auch sich zusammenfinden.

Es war eine greuliche Fahrt, die all' die Deutschen in diesem Zug
durchzumachen hatten. In grausamer Weise wurde ihnen alles verweigert,
was sie begehrten; an keiner Station durften sie aussteigen, keinen
Trunk Wasser, keinen Schluck Milch fr die kleinen, schreienden Kinder
konnten sie sich verschaffen, und wo sie Aufenthalt hatten, wurden sie
vom Pbel beschimpft, ohne da es irgend einem Beamten eingefallen wre,
die Wehrlosen zu schtzen.

Frau Kolmann graute vor dem Volk, das sich so gehssig zeigte. So
Schweres sie jetzt schon erlebt hatte, sie bereute doch nicht, da sie
Paris den Rcken gewandt hatte. Ihre Kinder sollten nicht Franzosen
werden; fort, fort aus diesem Land, das unschuldige Menschen so grausam
behandelte!

Die bedauernswerten Reisenden wurden nicht einmal bis zur Grenze
gebracht. Zwei Stunden vor dem Grenzort muten alle aussteigen und von
da an konnten sie selbst zusehen, wie sie mit Kindern und Gepck
vollends hinber kmen.

Aber mit dem Augenblick, wo sie endlich die Grenze erreicht hatten, trat
ihnen deutsche Herzensgte entgegen. Man hatte den Strom der
Vertriebenen erwartet und fr die Nacht Unterkunft bereitet. Mnner und
Frauen, die das Zeichen des Roten Kreuzes auf ihren Armbinden trugen,
standen bereit, sie zu empfangen. Den todmden Mttern wurden die Kinder
abgenommen und mit warmer Milch gelabt, fr die Erwachsenen waren
Kessel voll Tee und Kaffee zur Stelle, und so viele der Ausgewiesenen es
auch waren, alle bekamen Obdach und Lager fr die Nacht. Manche waren zu
Trnen gerhrt ber diese unerwartete Hilfe, alle segneten ihr
wiedergewonnenes deutsches Vaterland!

       *       *       *       *       *

Wochen waren seitdem vergangen. Die Familie Kolmann hatte in Straburg
eine kleine Wohnung genommen. Jetzt waren sie noch beisammen, aber schon
in dieser Woche konnte Kolmann ausmarschieren mssen. Er brachte seine
Tage auf dem Exerzierplatz zu, nur in den Mittagspausen und abends war
er daheim. Unermdlich waren in dieser Zeit seine Bemhungen, durch
Anfragen bei Behrden, durch Briefe und Zeitungen Erkundigungen ber das
verlorene Kind einzuziehen. Bis jetzt war alles vergeblich gewesen.
Bahn, Post und Telegraph waren fast nur fr das Militr zu haben und
auch die Teilnahme der Beamten konnte man nicht so viel in Anspruch
nehmen. Schon waren groe Schlachten geschlagen und viele Opfer
gefallen; lange Verlustlisten erschienen und in jeder derselben kam das
Wort "vermit" vor. Wie konnte man verlangen, da alle sich bemhen
sollten, nach dem einen kleinen Vermiten zu forschen?

Das groe Leid, das der Krieg so vielen auferlegte, wollte still und
tapfer getragen sein. Auch Frau Kolmann trug ihren Schmerz im
verborgenen; sie wollte ihrem Mann, der nun bald in den Krieg ziehen
sollte, das Herz nicht schwer machen. Vielleicht kam er nicht wieder aus
dem groen Kampf, dem kein Ende abzusehen war; fr die kurze Zeit, die
sie ihn noch bei sich haben durfte, wollte sie ihm die kleine
Huslichkeit behaglich machen, die ihr doch selbst so gering vorkam,
nach den glnzenden Pariser Verhltnissen. Sie waren glcklich,
beisammen zu sein, aber im stillen frchteten sie beide den Tag, an dem
sie sich trennen sollten, und wenn sie daran dachten, wie Unzhligen
derselbe Abschied bevorstand, so fhlten sie, da es ihnen schwerer
wurde als anderen, weil der Schmerz um das verlorene Kind sie so tief
bedrckte.

Eines Abends saen sie in Gedanken verloren, Hand in Hand. Die Kinder
schliefen, es war stille im Haus. Die Hausglocke strte die Stille. "Wer
kommt so spt noch?" Herr Kolmann ging zu ffnen. Ein Brieftrger stand
auen. "Der Herr Postmeister schickt Ihnen ein Zeitungsblatt, er meint,
es knnte Sie interessieren; die Stelle ist angestrichen." Der Bote
ging.

"Gewi eine erfreuliche Kriegsnachricht," sagte Kolmann, indem er sich
wieder zu seiner Frau setzte. Nein; der angestrichene Satz lautete: "Auf
Ersuchen aus unserem Leserkreis sind wir gerne bereit, in unserem Blatt
eine Liste solcher Familienglieder aufzunehmen, die durch die
Kriegswirren--namentlich in Ostpreuen und im Elsa--von ihren
Angehrigen getrennt wurden, und zugleich die Adressen derer, die nach
solchen suchen."

Es folgte eine Liste. Sie begann:

  "Berta Schwarz, Lehrerin aus Lyck, gesucht von Frau Elise Schwarz
  in Berlin, Passauerstrae 6."

  "Ernst und Max Gullasch, 12 und 14 Jahre alt, gesucht von Lehrer
  Gullasch in Heinrichswalde."

  "Familie Schneider, gesucht von Anna Schneider in Altkirch im
  Elsa."

  "Administrator Bajohr mit 40 Familien aus Milluhnen, gesucht von
  Grau Donalus, Fasanenstrae."

  "Dienstmdchen Ida Kern, gesucht von Dr. Mayer in Mhlhausen im
  Elsa."

So ging das weiter, eng gedruckt, eine lange Spalte.

"Ja," sagte Herr Kolmann, indem er die Liste berflog, "an diese Zeitung
wollen wir uns wenden, ich werde gleich schreiben." Er stand auf, das
Schreibzeug zu holen.

Im selben Augenblick stie seine Frau einen Schrei aus: "Liebster, hre
nur: 'Bankier Kolmann und Frau gesucht von ihrem Sohn Paul in Ulm,
Walfischgasse 3, bei Frau Peter.' Sieh doch, lies nur, ist's denn wahr?
Herzensmann, lies!"

Die Freude benahm ihnen schier den Atem, als sie zusammen lasen und aus
den wenigen Worten herausfanden, da ihr geliebtes Kind wieder gefunden
war. "Er sucht uns!" rief Frau Kolmann bewegt, "'gesucht von ihrem Sohn'
heit es. Wer hat ihm nur geholfen, da er diesen Ausweg fand? O diese
Frau Peter, die mchte ich in Gold fassen! Wre nur schon die Nacht
vorbei! Was machen wir nun? Soll ich gleich abreisen?"

"Zuerst telegraphieren, morgen in aller Frhe!"

Am nchsten Tage gingen Telegramme hin und her. Soviel erfuhren die
Eltern, da Paul gesund sei und gleich abreisen wrde; ihn abzuholen,
sei unntig.

"Also wird ihn Frau Peter bringen," schlo Frau Kolmann, "denn allein
kann das Kind doch nicht reisen."

Sie telegraphierten noch einmal; es kam die Antwort: Paul sei schon
abgereist.

Die Zge gingen so unregelmig, man wute nie, wann einer kam.

Aber Frau Kolmann machte unermdlich mit ihren zwei Kindern den Gang an
die Bahn und einmal, als sie wieder am Bahnsteig stand, da sprang ein
Junge aus dem Zug--ihr Junge; und war im Nu bei ihr, herzte und kte
sie, lachte vor Glck und weinte vor Freude; gab dem Bruder einen Ku,
hob die Kleine auf den Arm und rief: "Ich kann sie ganz nach Hause
tragen. Unseren Kleinen, weit du, den von Frau Peter, habe ich auch
immer getragen. Wir haben keinen Kinderwagen. Wir waren sehr arm, Mama,
in der ersten Zeit; aber jetzt haben wir eine Nhmaschine, da kann Frau
Peter viel mehr verdienen, jetzt geht es schon besser."

"War sie gut, die Frau Peter?"

"O ja, Mama. Sie hat mich von Paris mitgenommen an die Grenze. Dort darf
niemand hinber, der nicht auf dem Pa genannt ist. Da hat sie mich
Johann genannt, weil so ihr Kleiner heit und auf dem Pa stand. Der
Beamte wollte uns aber doch nicht durchlassen, er sagte, es stehe nur
ein Kind auf dem Pa. Da hat Frau Peter den Kleinen, der gerade
mrderisch nach seiner Milch schrie, dem Mann hingehalten und hat ihn
angefahren: "So nehmen Sie den Schreihals, den geb ich billig!" Da ist
der Beamte ordentlich zurckgebebt und hat uns durchgelassen. Ich habe
so lachen mssen, da ich uns fast verraten habe.--Dann sind wir nach
Ulm, in Frau Peters Heimat gefahren. Dort hat sich eine Dame um uns
angenommen und uns ein Stbchen und Arbeit verschafft. Fr mich htte
sie eine Familie gewut, die mich aufgenommen htte, aber Frau Peter und
ich wollten doch lieber beisammen bleiben. Die Dame hat auch die Anzeige
in die Zeitung gesetzt und dann ist Euer Telegramm gekommen."

Immerzu erzhlte Paul; sein Herz war bervoll von all den Erlebnissen.

Als sie zu Hause ankamen und die kleine Wohnung betraten, bewunderte er
die Zimmer, die ihm schn und gro vorkamen. Darber mute sich sein
Bruder Emil wundern. "Uns gefllt es gar nicht"; sagte er, "wir haben
doch in Paris eine schnere Wohnung gehabt!"

Aber Paul lie sich nicht beirren, ihm kam alles wunderschn vor, und
die Mutter war froh darber. Sie merkte es aus allem: in groer Armut
hatte ihr Kind diese Wochen verlebt, aber es hatte ihm nicht geschadet,
im Gegenteil.

Nun kam der Abend und brachte den Vater. In Uniform trat er, strammer
als sonst, herein--Paul war einen Augenblick ganz befremdet; aber der
Vater zog ihn so warm an sein Herz, da die alte Vertraulichkeit gleich
wieder da war.

"Der Papa geht jetzt in den Krieg," erklrte Emil.

"Gegen die Franzosen, gelt, Papa, ich mag sie nicht mehr. Sie haben die
Mama so grob gestoen beim Einsteigen, und mich haben sie auf den Boden
geworfen. Aber die Deutschen waren so gut gegen mich. Frau Peter hat
gesagt, ich soll nur ruhig allein nach Straburg reisen--es tue mir
niemand was in Deutschland und es koste sonst so viel Geld, und wir
hatten nicht mehr viel. Papa, hast du noch welches? Weit du, die
Nhmaschine haben wir natrlich nicht gleich ganz bezahlen mssen, die
mu monatlich abbezahlt werden. Das macht so viel Sorgen. Kannst du Frau
Peter nicht etwas schicken?"

"Wieviel habt ihr denn noch abzubezahlen?" fragte der Vater lchelnd.

Paul machte ein sehr ernstes Gesicht: "Fnfzig Mark! Aber wenn du ihr
zehn schicken knntest? Frau Peter ist wirklich eine sehr gute Frau!"

"Wir schicken ihr fnfzig und das gerne, mein Kind; und alles was sie
fr deine Kost und deine Reise ausgegeben hat, soll dieser guten Frau
reichlich bezahlt werden. Wir wollen sie auch spter nie vergessen."

Paul strahlte vor Freude. Es war ein unbeschreibliches Glck an diesem
Abend.

Freilich, wenige Tage nachher kam der Ausmarsch, die Trennung. Aber sie
wurde standhaft ertragen. Kann nicht wieder ein so beglckendes
Wiedersehen folgen?

Sie hoffen darauf in guter Zuversicht und denken treulich aneinander.




Der kleine Franzos.


Als das deutsche Heer im August nach Frankreich einmarschierte, kam es
gar schnell auf den groen Straen, die nach Paris fhren, vorwrts.

Die Franzosen hatten sich das ganz anders gedacht. Sie wollten auf
unsere Hauptstdte losgehen, wir sollten nicht wieder in _ihr_ Land
eindringen wie im Jahr 1870. Als sie nun doch wieder sehen muten, wie
unsere Soldaten unaufhaltsam vordrangen, da wurde die ganze franzsische
Bevlkerung von furchtbarem Grimm gegen die Deutschen erfat. Mnner und
Frauen lieen ihre Wut sogar noch an unsern Verwundeten aus und nach der
Schlacht, wenn unsere Soldaten friedlich durch ein Dorf zogen, schossen
sie heimtckisch, hinter den Fenstern versteckt, aus ihren Husern
heraus.

Da machten unsere Offiziere bekannt, wenn unsere Soldaten friedlich in
ein Dorf einzgen, drfe keinem von ihnen etwas geschehen. Die Einwohner
sollten sich hten und wenn knftig nur auch _ein_ Schu fiele, so wrde
das ganze Dorf verbrannt.

Aber die Wut und der Ha waren zu gro; auch glaubten die Leute nicht,
da unsere Soldaten mitten im Krieg gegen die Mnner, die keine Waffen
trugen, und gegen die Frauen und Kinder freundlich sein wrden. Man
hatte ihnen so viel vorgelogen, da sie meinten, die Deutschen seien
grausame Barbaren. So kam es immer wieder vor, da sie wie Meuchelmrder
aus dem Hinterhalt auf die einziehenden Deutschen schossen; dann gaben
die Offiziere den Befehl, das ganze Dorf in Brand zu schieen, und das
geschah.

So kam es, da eine ganze Anzahl von Drfern niederbrannten. Viele der
Bewohner flchteten in die nchsten Orte und erzhlten dort die
Schauergeschichte von dem Brand; aber das erzhlten sie nicht, da sie
selbst an diesem Unglck schuld waren. So wurde die Angst vor den
Deutschen und der Ha gegen sie immer grer.

Ein groes Dorf, das durch einen Bach in zwei Teile geteilt war, wurde
auf diese Weise auch in Brand geschossen; aber nur _der_ Teil, aus dem
geschossen worden war. Kirche, Schule und eine Reihe von Husern rings
herum waren verschont geblieben. Dort quartierten sich die Deutschen am
Abend ein; aber sie lieen auch die franzsischen Familien ruhig in
ihren Husern.

So war auch ein deutscher Leutnant ganz friedlich bei zwei alten Leuten
einquartiert, die ihren kleinen Enkel bei sich hatten, einen etwa
neunjhrigen Knaben. Der Junge gefiel dem Offizier, er sah sehr klug aus
und war artig gegen seine Groeltern. "Komm doch einmal her zu mir!"
rief der Offizier, der beim Frhstck sa, in franzsischer Sprache dem
Jungen zu.

Ohne Scheu folgte der Knabe.

"Wie heit du denn?"--"Pierre".

"Bist du immer bei den Groeltern?"

"Ja, wenn Schule ist. Aber in den Ferien bin ich daheim bei meinen
Eltern im nchsten Dorf; dort ist keine Schule."

"So; komm einmal mit mir, Pierre, und fhre mich in die Schule!"

ngstlich sahen die alten Leute den Knaben an der Hand des Offiziers
hinausgehen. Unter der Tre blickte der Kleine noch einmal zurck und
rief: "Keine Angst, gute Gromama!" Die Straen waren noch von Rauch und
Brandgeruch erfllt; im untern Teil des Dorfes glhten noch die
Brandsttten des gestrigen Abends. An der Kirche vorbei fhrte der Knabe
den Leutnant zum Schulhaus. Die Tre stand offen. Sie gingen hinein.
Rechts vom Eingang deutete der Kleine auf ein offenes Schulzimmer: "Das
ist unsere Klasse. Gestern waren wir gerade in der Schule, als es hie:
"Die Ulanen kommen!"

"Dann seid ihr alle ausgerissen."--"Ja."

Der Offizier ging zu der groen Schultafel, die vorn beim Fenster war.
Die ersten Zahlen einer Rechnung standen darauf. Der deutsche Offizier
nahm vom Boden die Kreide, die wohl gestern dem franzsischen
Schulmeister im Schrecken aus der Hand gefallen war, und nun schrieb er
mit groer Schrift in franzsischer Sprache an: Die deutschen Soldaten
tun keinem Menschen etwas zuleide, wenn man ihnen nichts zuleid tut. Die
deutschen Soldaten verbrennen jedes Dorf, aus dem geschossen wird.

"So, kannst du das lesen?"

"Ja, gut!" sagte der kleine Bursche und las laut und deutlich das
Geschriebene vor.

"Nun, Pierre, gehe und sage allen Leuten, was da steht, und da sie
kommen sollen und es lesen. Hast du nicht selbst gesehen, da es wahr
ist? Haben wir nicht das Unterdorf verbrannt, weil man von dort auf uns
scho? Haben wir nicht das Oberdorf geschont? Sind wir zwei nicht ganz
gut Freunde?" Er streckte dem Brschchen die Hand hin. Es hat verstanden
und schlug ein. "Nun so spring, kleiner Kamerad." Der Knabe rannte davon
und machte sich sehr wichtig mit seiner Nachricht. Alle Leute muten die
Schrift lesen.

Einen Tag hatte die Truppe auf nachfolgendes Militr zu warten, am
nchsten Abend traf dieses ein und nun sollte es weiter gehen in der
Richtung nach Paris. Aber ehe noch die Truppen abzogen, war ihnen der
kleine Pierre vorausgeeilt in das Drfchen, wo seine Eltern lebten. Es
lag in der Richtung nach Paris, zwar nicht an der groen Strae, aber
nahe dabei, in einem Seitental. Wer konnte wissen, ob nicht ein Teil der
Soldaten sich dorthin wenden wrde? Er lie sich nicht von den
ngstlichen Groeltern zurckhalten, ihn trieb es ins Elternhaus, er
wollte warnen.

Die Kunde vom Nahen der Feinde, von verbrannten Drfern, war schon in
das abgelegene rtchen gedrungen und allerlei unwahre Schauergeschichten
waren dazugedichtet worden; mit Entsetzen sah man der Zukunft entgegen.
Die einzige Hoffnung war, da die Flut nicht bis in das Seitental
dringen mchte!

Unwillkrlich sahen die wenigen Leute, die da hinten lebten und ihre
Felder bestellten, unzhlige Male nach dem Weg hinunter, der von der
groen Strae ab zu ihnen fhrte und beruhigt waren sie, da sie keinen
Menschen sahen.

Niemand ging in dieser Zeit ohne dringende Not von Ort zu Ort. Aber
einmal entdeckten sie in der Ferne einen kleinen, schwarzen Punkt, der
sich vorwrts bewegte und der allmhlich grer wurde. Da hielten sie an
mit der Arbeit.

"Nur ein Kind," meinte jetzt einer.

"_Unser Kind_," sagte eine Frau. Es war die Mutter von Pierre; sie
erkannte ihn und rief den andern, die weiter oben im Feld arbeiteten,
zu: "Pierre kommt und wie er luft und winkt! Er hat etwas zu sagen.
Heilige Maria, Mutter Gottes, wie das Kind springt!"

Da legten sie alle ihr Gerte aus der Hand und gingen dem Knaben
entgegen.

Der war nicht wenig stolz, als sie ihn nun alle umstanden und lauschten,
was er zu Berichten wute. Da das untere Dorf in Brand geschossen war
und viele Menschen dabei umgekommen seien.

Aber bald geriet der kleine Mann in Zorn; denn sie hrten ihn nicht ganz
an. Von der Schule und der Schrift an der Tafel wollten sie nichts
wissen, und ihm war das doch die Hauptsache. Er wute doch, wie man es
machen mute, damit die Huser nicht verbrannt wurden, und war deshalb
in solcher Eile zwei Stunden weit gelaufen, da er noch glhte und kaum
Atem fand.

Nun jammerten die Weiber: "Was tun, wohin fliehen vor diesen Barbaren?"
Die Mnner waren ja fast alle in den Krieg gezogen, nur einer stand
dabei, der ganz verwachsen war. Dieser stie wilde, drohende Flche aus
gegen die Deutschen. Sie sollten nur kommen, ganz nahe heran, und aus
dem Heuschober an der Strae wollte er sie niederknallen.

"Ja, ja, holt eure Bchsen," schrieen die Frauen.

"Ich hole die von meinem Mann!" rief Pierre's Mutter und alle liefen in
ihre Huser.

Wren die Deutschen in dieser Stunde gekommen, es wre vielleicht einer
von ihnen getroffen worden, und ganz gewi wren die Bauernhfe mitsamt
ihren Bewohnern in Brand geschossen worden. Aber zum Glck zeigten sich
noch keine Deutschen und allmhlich beruhigten sich die Leute ein wenig.
Pierre folgte seiner Mutter, die nach des Vaters Pistole suchte. Da
griff er nach ihren vor Aufregung zitternden Hnden und flehte sie an:
"Mutter, ich schwre dir's bei allen Heiligen, es geschieht uns nichts,
wenn ihr nicht schiet! Ich habe es doch gesehen: Im obern Dorf haben
sie nicht geschossen und es ist keinem was geschehen und ich war doch
selbst dabei, wie es der Offizier an die groe Schultafel geschrieben
hat, und er hat neben uns geschlafen heute Nacht, hat an unserm Tisch
gefrhstckt und freundlich mit mir geredet. An seiner Hand bin ich ganz
allein mit ihm im Schulhaus gewesen und es ist mir nichts geschehen."

"Du ganz allein mit einem deutschen Offizier! Das ist ein Wunder Gottes!
Hrt man doch immer, da sie die Kinder aufspieen, die Unmenschen!" Da
stampfte der Bub zornig auf den Boden. "Es sind keine Unmenschen, es
ist verlogen! Aber natrlich, wenn ihr schiet, dann knnen wir alle
braten in den Flammen unserer Huser!"

Jetzt staunte die Mutter ber ihren Buben und sie legte die Pistole weg.
"Wenn das so ist, Pierre, warum hast du es den andern nicht gesagt?"

"Sie haben mich ja nicht hren wollen, haben alle
zusammengeschrieen."--"So komm mit, Pierre, komm, du mut es ihnen allen
erzhlen; mach schnell, schnell, da sie's hren, ehe die Deutschen
kommen."

Sie gingen miteinander, um den Buckeligen aufzusuchen; die Frauen kamen
auch herzu und jetzt horchten sie alle und staunten den Pierre an, der
Hand in Hand mit einem deutschen Offizier gegangen und nicht aufgespiet
worden war. Dann wurden sie nachdenklich, ob man wirklich trauen knne,
sprachen lebhaft hin und her, bis eine rief: "Da unten kommen sie!"

Ein kleiner Trupp Deutscher bewegte sich zwischen Wiesen das Tal herauf.
Ein Offizier mit Mannschaften, die einen leeren Wagen mit sich fhrten.
Wie gebannt standen die Leute; wuten nicht, sollten sie davonlaufen
oder sich verstecken. Aber es war kein Wald in der Nhe, Felder und
Wiesen ringsum.

Als die Feinde nher kamen, zogen sie sich alle in das nchste groe
Bauernhaus zurck und beobachteten mit Todesangst, was nun geschehen
wrde. Pierre und seine Mutter waren auch dabei. Pltzlich rief der
Knabe: "Seht ihr den groen Offizier, es ist derselbe, der so freundlich
gegen mich war. Das ist gut, den verstehen wir auch, er redet
franzsisch. Dem kann man gleich sagen, da von uns niemand auf ihn
schiet. Sagst du es ihm, Mutter?"

"Wie werde ich den Offizier anreden, ich frchte mich zu Tode, wenn er
kommt!"

"Ich nicht, ich gar nicht, ich springe ihm gleich entgegen!" Und
richtig, der kleine Bursche sprang die Wiese hinab, dem Feinde entgegen.
Mit Herzklopfen sahen alle ihm nach. Die Truppe mochte wohl sehr
erstaunt sein, da hier ein Knabe zutraulich ihnen entgegenkam, anstatt
von ihnen davonzurennen, wie es sonst geschah. Aber der Leutnant
erkannte den kleinen Burschen sofort wieder, redete ihn freundlich an
und fhrte ihn an der Hand.

Pierre verstand nicht die deutschen Worte, in denen der Offizier seinen
Leuten die Bekanntschaft erklrte und ahnte nicht, da er sagte:
"Vorsicht! Es kann eine List sein, mit der man uns in irgend einen
Hinterhalt locken will. Bleibt nahe bei mir! Solange wir das Kind vorne
haben, werden sie schwerlich auf uns schieen."

Nun kamen sie den Husern ganz nahe. "Dort ist meine Mutter," sagte
Pierre und vom Haus aus sahen alle die Gengstigten, da Pierre den
Soldaten den Weg zu ihnen wies. Pierre wollte nun vorausspringen.

"Bleib bei mir, kleiner Freund," rief der Leutnant und hielt den Knaben
fest. Da sah dieser betroffen auf.

"Hab' keine Angst, wir tun niemand etwas, wenn sie uns nichts tun. Aber
bis ich das wei, mut du bei mir bleiben."

Das kluge Brschlein verstand sofort, wie das gemeint war. Wute er doch
selbst, da dem Buckligen nicht zu trauen war. Der Kleine mute den
groen Offizier schtzen.

Nun waren sie am Haus. Das Kind an der Hand, trat der Leutnant ein,
gefolgt von seinem Trupp. Er machte die Stubentre auf, sah vor sich ein
paar Mnner und eine ganze Anzahl Weiber und Kinder, die sofort anfingen
zu schreien, wie wenn sie schon am Spie steckten.

Der Leutnant rief mit fester, lauter Kommandostimme: "Wir kommen nicht
als Feinde in euer Haus. Keinem wird ein Haar gekrmmt, wenn ihr nicht
feindlich gegen uns seid. Wenn aber irgend etwas gegen uns geschieht,
wird sofort auf euch geschossen und die Huser verbrannt!"

Totenstille herrschte jetzt. Da wagte doch Pierre's Mutter ein Wort:
"Mein Kleiner hat uns schon gesagt, da der Herr so gut ist und niemand
wird etwas Feindseliges tun."--"Nein, niemand," bettigte der Chor der
Weiber. Aber das scharfe Auge des Offiziers hatte im Hintergrund den
bsen Blick des Buckligen gesehen und--eine Pistole in seiner Hand. "Die
Pistole weg oder ihr seid alle des Todes!" Die Weiber kreischten auf vor
Schrecken, aber der Bucklige hatte die Pistole schon auf den Tisch
gelegt und lchelnd entschuldigte er sich: "Pardon, es war nur Zufall,
ich wollte nichts mit der Pistole, wirklich nicht, im Krieg hat man eben
seine Waffe bei der Hand!"

Der Offizier ging an den Tisch, nahm die Pistole zu sich und sagte ruhig
zu dem Buckligen: "Sie werden einstweilen bei meinen Leuten bleiben, bis
wir fertig sind." Ein Wink und die Soldaten fhrten den Buckligen ab.

"Hnde hoch!" befahl der Offizier. Alle Anwesenden hielten die Hnde
hoch--keine Waffe, kein Messer zeigte sich.

"Es ist gut," sagte der Offizier und lie seinen kleinen Kameraden frei.
Dann erklrte er den Leuten in freundlichem Ton, da er gekommen sei,
bei ihnen Lebensmittel einzukaufen fr die Soldaten. Sie sollten nun
alle aus ihren Husern bringen, was sie an Butter und Eiern, an Gemsen,
Fleisch und sonstigen Lebensmitteln irgend entbehren knnten und sollten
es an den Wagen bringen. Es wrde alles gut bezahlt werden, was sie
freiwillig brchten; nur wer nichts brchte, dem wrden seine Leute
nachhelfen ohne Bezahlung. Da sprang nun wieder Pierre allen voran, zog
seine Mutter mit sich und trieb sie an, soda sie die ersten waren, die
einen Korb mit Lebensmitteln brachten. Stolz war Pierre, als er sah, wie
"sein" Offizier alles bar zahlte. Allmhlich kamen aus allen Husern die
Frauen mit Vorrten und fllten den Wagen. Auch aus dem Haus des
Buckligen wurde viel herbeigeschleppt; denn dem war es angst und bang
zwischen den Soldaten. Die hatten ihn der Bequemlichkeit wegen an den
Wagen angebunden, damit sie ihn nicht immer bewachen muten. Er aber
wollte sie gut stimmen, denn er traute den Feinden nicht, so rief er
seiner Schwester, die mit ihm hauste, immer zu: "Noch mehr, bringe noch
dies und das!" Die leerte Kche und Speisekammer, aber ihr allein wurde
nichts bezahlt.--Der Wagen war voll. In aller Freundschaft
verabschiedeten sich die Soldaten, die einen guten Trunk bekommen
hatten, von den Leuten.

Der Offizier sah sich den Buckligen an, er traute ihm nicht. Der konnte
ihnen noch whrend sie abzogen schaden, er mochte wohl noch eine Bchse
besitzen. Er besprach sich mit seinen Soldaten. Darauf gingen zwei von
diesen noch einmal in das Haus zurck, suchten, machten da und dort eine
Tre auf und zu; was wollten sie wohl? Neugierig folgte ihnen Pierre.

"Hier," riefen sie, "hieher bringt ihn!" Der Bucklige wurde
hereingebracht, der Offizier folgte. Sie standen vor einer
Getreidekammer ohne Fenster. "Hier nehmen Sie Platz," sagte der
Offizier. Wortlos folgte der Bucklige, glcklich, da er nicht, wie
gefrchtet, fortgefhrt wurde. Die Kammertre hatte ein groes, schweres
Schlo, der Offizier schlo zu und schob den Schlssel ein. "So,
Pierre," sagte er, "du kannst uns noch ins Tal hinunter begleiten und
dann darfst du den Schlssel wieder heraufbringen und den Herrn wieder
befreien!"

Da lachte Pierre laut auf vor Vergngen, denn er hatte einen Grimm auf
den Buckligen wegen der Pistole.

Frhlich zog er mit den Soldaten hinunter. Sie setzten ihn auf den
Proviantwagen, hatten ihren Spa mit ihm, und fragten sich: wie es wohl
ohne diesen kleinen Franzosen abgegangen wre? Und die von oben sahen
dem Zug nach und dachten: Wer wei, ob wir nicht alle dem Kleinen unser
Leben verdanken?




In Gefangenschaft.


Als in die Familie des Buchhndlers Schreiber die erste Kunde vom Krieg
kam, da wuten Vater und Mutter, da ihre beiden Shne Lutz und Wilhelm
sofort mit muten. Denn der eine stand eben beim Militr, der andere
hatte im vorigen Jahr gedient. Beide waren gesunde, krftige Leute; wenn
die nicht ausziehen wrden, wer dann? Darber war also kein Zweifel! Es
galt nur, so schnell wie mglich alles zu bedenken und zuzursten, was
die Krieger im Felde bedurften. Die Mutter war unermdlich ttig und
Anna, die 14jhrige Schwester, half, soviel sie nur konnte; denn ihre
beiden Brder standen ihr sehr nahe, ihnen sollte nichts fehlen von
allem, was sie im Krieg brauchen konnten. Auch der Vater, der sonst den
ganzen Tag in seinem Geschft, einer groen Buchhandlung, ttig war, kam
nun gar oft herauf, um auch guten Rat zu geben und noch bei seinen
Shnen zu sein; er nannte sie immer noch "seine Buben", obwohl sie ihm
beide ber den Kopf gewachsen waren. Die tchtigen, jungen Burschen
waren sein Stolz und seine Freude.

Lutz und Wilhelm waren in heller Begeisterung seit der Kriegserklrung.
Wohl wuten sie: der Krieg ist ein Unglck; aber da er gerade _jetzt_
ausbrach, wo sie beide mittun konnten, das war doch ein unerhrtes
Glck! Losziehen gegen die Feinde, die ringsum anstrmten, das Vaterland
schtzen, das von allen Seiten bedroht wurde, das war eine herrliche
Aufgabe, keine groartigere konnte das Leben bringen.

Im ganzen Haus kam keine andere Stimmung auf als diese; fr Vater,
Mutter und Schwester gingen die Tage der Vorbereitung wie in einem
groen Begeisterungssturm dahin.

Und dann wurde es pltzlich still; der erste Abend ohne die Brder! Die
waren nun fort, in der Richtung nach Frankreich,--mehr wute man nicht.
Aber die Zurckgebliebenen begleiteten sie in treuem Gedenken, und der
Vater, der den Krieg 1870 mitgemacht hatte, erzhlte jetzt mehr von
seinen Kriegserinnerungen, als in den vier Jahrzehnten vorher.

"So glnzend wie damals wird es jetzt nicht mehr gehen," sagte er. Aber
siehe da, keine acht Tage waren seit dem Ausrcken der Truppe vergangen,
da verkndete ein Telegramm des Generalquartiermeisters von Stein: _Die
Festung Lttich erobert!_

Das war ein glnzender Anfang und Wilhelm hatte auch seinen Anteil
daran. Bald kam ein Brief voll Glck und Stolz: "Ich bin in Lttich
dabei gewesen und habe mitgekmpft! Ihr habt gewi in der Zeitung
gelesen von dem Riesengeschtz, der "fleiigen Berta", womit wir so
schnell die stolze Festung zu Fall gebracht haben. Ihr knnt Euch nicht
vorstellen, was das fr ein Hllenlrm ist, wenn unser groer Brummer
loslegt und wie der Boden wankt von der Erschtterung. Und ist es nicht
groartig, da niemand etwas ahnte von solchem Riesengeschtz? Ganz im
geheimen wurden sie in Krupps Fabrik angefertigt und alle Welt ist damit
berrascht worden. Es ging aber hei her und es waren schwere Gefechte,
bis wir am 7. August als Sieger in die Stadt einziehen konnten. Dann
aber war's schn! Anna, einmal htte ich dich hergewnscht, du httest
gelacht, wenn du gesehen httest, wie ein paar von uns eine
schwarz-wei-rote Flagge zusammen nhten, denn es war keine bei der
Hand. Wir nahmen zum schwarzen Streifen ein Stck aus einer schnell
zerschnittenen belgischen Hose, zum weien ein Handtuch, der rote fiel
etwas dnn aus, war ein halbes belgisches Halstuch. An einen abgehackten
Besenstiel genagelt, gab das die Flagge, die auf dem Wall aufgepflanzt
wurde. Es kann nichts Schneres geben, als nach hartem Kampf eine
deutsche Flagge hissen!--Was wohl Lutz erlebt, wir wissen nichts
voneinander. Grt ihn."

Kaum zwei Wochen spter luteten wieder die Siegesglocken in der Stadt,
und von Mund zu Mund ging's: _Groer Sieg in Lothringen_, 10000
Franzosen gefangen, 50 Geschtze erobert. Diesmal war es Lutz, der
jubeln konnte: Ich war auch dabei! Und sein Brief zeigte, da er den
Lieben daheim das Herz nicht schwer machen wollte. Er schrieb: "Von all
den Toten und Verwundeten schreibe ich nicht, Ihr werdet genug davon
lesen und hren. Aber ich sage Euch, nichts Erhebenderes gibt es als
mitzuerleben, wie so viele Tausende mit Kampfesmut ins Feuer sehen und
nichts Beglckenderes, als nach gewonnener Schlacht die Freude und den
Stolz unserer Offiziere zu sehen und ihren Dank, ja den Dank von unserem
obersten Kriegsherrn, von unserem Kaiser, zu hren. Wohin wir jetzt
kommen, wei ich nicht."--

Ja, jetzt wurde es still; eine Woche, zwei Wochen vergingen, von den
beiden Brdern kam keine Nachricht. Das war eine bange Zeit daheim!
Warum schrieben sie nicht? War die Post schuld oder lagen sie irgendwo
schwer verwundet oder tot? Es kamen immer neue Verlustlisten. Mit
Herzklopfen wurden sie durchgelesen; das tat der Vater unten im
Geschft. Er suchte so eifrig nach den Namen seiner Shne und suchte
doch mit der Hoffnung, sie nicht zu finden. Und wenn er die Listen
durchgesehen hatte, kam er herauf ins Wohnzimmer und sagte beruhigend:
Nichts gefunden.

Aber eines Tages--die Mutter und Tochter waren eben beschftigt fr
jeden der Brder ein Pckchen mit warmen Socken zu packen--da trat der
Vater mit der Verlustliste in der Hand herein.

Die Mutter sah ihn an und wurde bleich. "Was ist's?" "Keine
Todesanzeige, keine Verwundung. Aber hier; Lutz Schreiber, vermit." Und
er fgte hinzu: "Wir brauchen uns nichts Schlimmes vorzustellen. Ihr
werdet euch erinnern, da erst krzlich in einem Artikel ausgefhrt
wurde, wie bei jeder Schlacht einzelne versprengt werden, von ihrer
Truppe abkommen und sich einem andern Regiment anschlieen, weil sie
nicht gleich die Mglichkeit finden, zu ihrer Truppe zurckzukehren."
"Ja," sagte Anna, "bei dem Bruder meiner Freundin war es ja auch so,
weit du noch, Mutter?" Vater und Tochter hatten dasselbe Gefhl: sie
wollten der Mutter Mut machen. Sie hatte nach dem Blatt gegriffen; das
zitterte aber so sehr in ihren Hnden, da sie nicht lesen konnte. Sie
legte es weg. "Setze dich, Mutter!" Anna schob ihr einen Stuhl hin; die
Mutter griff nach der Hand ihres Mannes und sagte: "Bleibe noch ein
wenig oben bei uns, es ist so schwer!"

Und wie in der ersten Stunde, so hielten die drei zusammen in den
langen, schweren Zeiten der Ungewiheit, die nun folgte. Gegenseitig
machten sie sich Mut und trugen in Geduld die Sorge.

Dann kam wieder ein Lichtstrahl, eine Karte von Wilhelm: "Wochenlang
habe ich nichts von euch gehrt, ihr wohl auch nicht von mir? Die Post
hat versagt. Aber heute: sechs Paketchen und Briefe von euch und dazu
vier gewaltige Kisten voll Liebesgaben fr unser Regiment. Warme,
saubere Hemden! Ihr wit nicht, was das fr eine Wonne ist! Ich und fnf
Kameraden steckten seit vierzehn Tagen in feinen, weien,
spitzenbesetzten Damenhemden; die fanden wir in einer halb abgebrannten
Villa eines verwsteten Dorfes und zogen sie an, weil unser Zeug in
Lumpen war. Jetzt schwelgen wir in warmer Unterwsche, in Zigarren und
Wrsten und sagen tausend Dank fr alle Liebesgaben. Was wit ihr von
Lutz?"

Die Wochen vergingen. Wieder kam der Vater mitten am Nachmittag herauf;
er hatte einen Brief in der Hand. "Von Lutz," sagte er; aber es klang
nicht frhlich, und auf die gespannten, fragenden Blicke von Frau und
Tochter antwortete er: "Er ist gesund, aber gefangen ist er!"--"Also
doch, o Gott, gefangen!" rief die Mutter.--"Aber er lebt doch und ist
gesund," trstete Anna; "bitte, Vater, lies seinen Brief vor!"

"Ja, es steht nicht viel darin; jedenfalls werden die Briefe gelesen und
deshalb ist er in einem unnatrlich gezwungenen Ton geschrieben; manches
ist wunderlich." Er las vor: "Liebe Eltern! Ich bin gefangen in
Frankreich; man sagt uns nicht wo. Ich habe ber nichts zu klagen und
bin gesund. Schreibt mir an die Adresse, die auen auf dem Brief
angegeben sein wird. Ich wte so gern, wie es Euch und Wilhelm geht. Es
ist hier eine schne Gegend und wrmer als bei uns. Ich gre Euch alle.
Meine liebe Schwester Anna soll Pater Renatus, Onkel Valentin, Exzellenz
Neuburg und Christine Ebner, mein Liebchen, von mir gren. Hebt auch
fr meine Markensammlung die franzsischen Marken gut auf. Euer treuer
Sohn und Bruder Lutz."

Sie sahen sich alle drei betroffen an. "Der Brief ist gar nicht von
Lutz!" rief Anna. "Die Leute, die wir gren sollen, kennen wir ja gar
nicht. Einen Pater, einen Onkel Valentin, die Exzellenz."--"Ja, es ist
ganz wunderlich; und wie sollte Lutz so ganz gewhnliche Marken fr
seine Sammlung wollen. Es sind vier Fnfcentimes-Marken."--"Aber doch
fragt er nach Wilhelm, und es ist ja seine Schrift, seht nur, darber
kann doch kein Zweifel sein."

"Dann ist er verwirrt im Kopf, fieberkrank vielleicht."

Sie schwiegen alle drei und grbelten ber den merkwrdigen Brief. Da
leuchtete es pltzlich in Annas Gesicht auf: "Darf ich den Umschlag
haben, Vater? Ich mchte die Marken ablsen."

"Warum?"

"Er mchte sie doch haben!"--"Da nimm!"

Mit groer Vorsicht befeuchtete Anna den Umschlag mit Wasser. Die Marken
fingen an sich zu lsen, behutsam hob sie ein Eckchen und sah darunter.

"Da steht etwas geschrieben," rief sie, "ich habe mir's doch
gedacht!"--"Nur sachte, sachte!"

Alle drei waren in hchster Spannung, bis die vier Marken glcklich
gelst waren. Es kamen Worte zum Vorschein, in winzigen Buchstaben mit
spitzem Bleistift geschrieben, und sie entzifferten folgendes:

  Drfen die Wahrheit nicht schreiben. Behandlung schlecht, aber wir
  sind gesund, halten es gut aus. Sorgt Euch nicht, wir leiden frs
  Vaterland, dem Gott den Sieg geben wird. Frhliches Wiedersehen im
  Frieden.

Ja, aus diesen Worten erkannten sie ihren tapfern Sohn und Bruder
wieder! Immer aufs neue lasen sie das winzige Brieflein und waren tief
bewegt.

"Bitte Vater, gib mir den andern Brief, sagte pltzlich Anna lebhaft,
ich glaube, ich bringe auch da noch einen Sinn heraus. Er schreibt ja,
ich soll seine Gre ausrichten. Warum soll gerade ich den Onkel
Valentin und die andern Herrschaften gren, die doch gar nicht
existieren? Das bedeutet etwas. Die Brder und ich haben ja frher zum
Spa oft Geheimschriften betrieben. Ich werde schon etwas
herausbringen!"

Da sa sie nun eine Weile mit Bleistift und Papier, sann nach ber die
geheimnisvollen Namen und endlich kam sie darauf, die Anfangsbuchstaben
zusammenzusetzen von _P_ater _R_enatus, _O_nkel _V_alentin, _E_xcellenz
_N_euburg, _C_hristine _E_bner, und diese Buchstaben zusammen ergaben
das Wort: Provence. "In der Provence ist er," rief sie triumphierend und
sie lachte frhlich, wie in der glcklichen Zeit, wo sie mit den Brdern
ihren Spa gehabt hatte. "Mutter," sagte sie, "du darfst dich nicht zu
arg bekmmern um Lutz, der ist noch ganz fidel; er htte doch ebensogut
einfache Namen whlen knnen. Aber das hat ihm nun gerade Spa gemacht,
und ich kann mir denken, wie er gelacht hat ber den Pater, die
Excellenz und gar ber das Liebchen, Christine. Ich werde ihm auch einen
schlauen Brief schreiben, mit dem soll er sich die Zeit vertreiben."

So kam es, da Eltern und Schwester, trotzdem sie Lutz in der
Gefangenschaft wuten, doch getroster waren, als in den vorhergegangenen
Wochen der Unsicherheit. Sie wuten nun doch, wo sie mit ihren treuen
Gedanken den Sohn zu suchen hatten, und wenn er auch schlecht behandelt
wurde, er nahm es ja tapfer auf. Auch sie wollten tapfer bleiben;
manchem, der frs Vaterland in den Krieg zieht, fllt dies traurige Los.
Keiner darf sagen: alles nur dies nicht! Nein, was da kommt, mchte es
auch das Schwerste sein, willig mu es ertragen werden.

Einige Tage nach dem Eintreffen dieses Briefes kam in die Stadt ein
groer Transport von franzsischen Gefangenen. Eine Menge Menschen lief,
sich diese anzusehen, als sie vom Bahnhof durch die Stadt hinausgefhrt
wurden auf den Schieberg, wo groe hlzerne Baracken fr sie errichtet
und mit starkem Stacheldraht umzunt waren.

Aber aus der Familie Schreiber mochte niemand hinausgehen, die
Gefangenen zu sehen. Es war ihnen zu traurig, sie muten dabei zu
schmerzlich an ihren Gefangenen in Frankreich denken. Es lockte sie
nicht, die Waffenlosen zu sehen, die mit gesenktem Kopf an der gaffenden
Menge vorbeizogen, und auch die nicht, die frech oder haerfllt mit
feindlichen Blicken nach den Deutschen sahen.

Dennoch beschftigten sich die Gedanken des Buchhndlers immer mit den
Gefangenen und ganz im stillen reifte in ihm ein Plan. Aber er konnte
sich nicht entschlieen, davon zu sprechen; denn es war etwas, das
seiner Frau sehr schwer fallen wrde, und sie hatte doch schon so viel
zu tragen.

Eines Abends kamen sie miteinander aus der Kirche. Ein
Kriegsgottesdienst war gehalten worden und die mahnenden Worte klangen
in ihnen noch nach: "_Helfen_, wo wir irgend helfen knnen, _tragen_,
was immer uns auferlegt sein mag." Da fand Herr Schreiber den Mut,
seiner Frau den Plan mitzuteilen; und er sprach zu ihr, whrend er sie
am Arm durch die dunkelnden Straen fhrte: "Pauline, wenn du noch etwas
mehr _tragen_ willst zu allem, was dir schon auferlegt ist, so knnte
ich noch etwas _helfen_."

Auch sie war noch erfllt von dem, was sie eben im Gottesdienst gehrt
hatte. "Natrlich tragen wir und helfen wir so viel wir irgend knnen.
Was meinst du?"--"Ich habe mich erkundigt, ob man mich trotz meiner
Jahre noch brauchen knnte zur Aufsicht bei gefangenen Offizieren. Und
ich bekam den Bescheid, da dies bei meiner frheren militrischen
Stellung wohl sein knnte und da meine gute Kenntnis der franzsischen
Sprache hierfr wertvoll wre. So wrden sie mich also wieder in Uniform
stecken und auf irgend einer Festung anstellen. Also mtest du auch
deinen Mann noch hergeben."

"Knntest du nicht bei den hiesigen Gefangenen sein?"

"Hier sind keine Offiziere und das, was ich erstrebe, kann ich am ersten
bei Offizieren erreichen. Sieh, meine Hoffnung ist, da ich mit meinem
Dienst bei franzsischen Gefangenen den deutschen Gefangenen dienen
kann. Unter den franzsischen Offizieren ist eine ganze Anzahl, die in
ihrem Land eine hohe Stellung einnehmen und deshalb Einflu ausben,
sogar whrend der Gefangenschaft durch ihre Briefe und Beziehungen.
Gelingt es mir, diesen Offizieren Achtung einzuflen durch gerechte
Behandlung und ihnen ein besseres Verstndnis fr deutsche Art
beizubringen, so knnte das guten Einflu ausben auf die Behandlung
unserer Gefangenen in Feindesland. Wer kann sagen, das sei unmglich?"

"Ich nicht, ich gewi nicht. Nur denke ich, bei uns behandelt jedermann
die Gefangenen gut."

"Gut, was heit gut? Neulich erzhlte mir jemand, da elf franzsische
gefangene Offiziere, denen Schweinebraten und Sauerkraut vorgesetzt
worden waren, diese Speise, die ihnen nicht behagte, mitsamt den Tellern
unter die Bank geworfen haben. Diese Gefangenen waren zu gut behandelt
worden, sonst htten sie sich solche Frechheit nicht erlaubt. Zu gut ist
aber nicht mehr gut, zu gut ist schlecht, macht uns lcherlich und
verchtlich in den Augen der Feinde. Nur wer streng ist und mit festem
Charakter auftritt, kann _die_ Gte zeigen, die nicht mibraucht wird."

Da erwiderte seine Frau nachdenklich: "Ja, ich glaube, da dir das
gelingen wrde; du knntest da Gutes wirken. Du _knntest_ nicht, du
kannst. Wenn du mich fragst, ich halte dich nicht zurck, zu helfen, ich
will die Trennung tragen."

"An der tragen wir beide gleich schwer," sagte der Mann und fhlte, wie
weh ihm der Abschied tun wrde, den er doch freiwillig auf sich nahm.

Schon nach kurzer Frist kam die Einberufung, kam die Trennung und die
groe Stille im Haus. Aber an dem Abend, da Mutter und Tochter zum
ersten Male zu zweien am Tisch saen und ihre Vereinsamung so recht
schmerzlich empfanden, traf ein Telegramm ein von Wilhelm. Es lautete:
"Komme morgen mit ganz leichter Verwundung einige Wochen heim."

Ja, eine schwere Zeit, aber eine Zeit voll berraschungen ist der Krieg!




Der junge Professor


Als das neue Schuljahr begann, hatten wenige von den Schlern und auch
wenige von den Lehrern Freude daran. Whrend der Ferien war der Krieg
ausgebrochen; seitdem mochte man nichts hren, nichts reden, nichts
lesen als vom Krieg; und nun sollte wieder Schule gehalten werden, wie
wenn es gar keinen Krieg gbe!

Einer aber freute sich doch darber. Das war der junge Lateinschullehrer
Jahn. Er lebte mit seinen alten Eltern zusammen, war ihr einziger,
geliebter Sohn, und die drei verstanden sich prchtig. Aber still war es
in diesem Heim, und so freute sich der junge Mann immer schon am Ende
der Ferien auf die Zeit, bis er wieder seine Jungen in der Klasse um
sich hatte.

In diesem Jahr ganz besonders. Mit ihnen zusammen wollte er die groen
Kmpfe durchleben und sich ber die deutschen Siege freuen, mit ihnen,
den knftigen Soldaten Deutschlands!

Er selbst wre ja so gerne gleich mit hinausgezogen ins Feld! Aber bis
jetzt war er noch nicht einberufen, und die Eltern waren glcklich, da
ihnen ihr Einziger blieb. So sprach er nicht viel davon, wie es ihn
drngte, mit ins Feld zu ziehen. Er sagte sich: Vielleicht kannst du
auch unter deinen Jungen etwas frs Vaterland wirken. Er wute noch
nicht auf welche Weise; aber die warme Liebe, in der sein Herz frs
Vaterland glhte, die mute doch auch die Herzen der Jungen erwrmen.

Der erste Schultag kam. Im Gymnasium war vieles verndert. Mehrere
Lehrer fehlten; sie waren einberufen worden. Die Klazimmer waren anders
eingeteilt; denn man hatte Platz machen mssen fr einige Klassen
Volksschler. Das groe, neue Volksschulgebude, das nahe dem Gymnasium
lag, war als Lazarett fr Verwundete eingerichtet und die Schler muten
in andere Schulen verteilt werden. Solch eine Klasse Volksschler war
auf demselben Stock und gerade gegenber dem Klassenzimmer
untergebracht, in dem nun Professor Jahn seine Schler wiederfand. Es
waren Jungen im Alter von 11-12 Jahren, die er schon im Vorjahr gehabt
hatte. Frisch und gesund sahen sie fast alle aus nach der Ferienzeit und
lebhafter als frher blickten sie aus den Augen, hatten sie doch alle so
Groes erlebt. Erwartungsvoll schauten sie nun ihren Lehrer an; der
wrde gewi etwas ber den Krieg sagen; oder sollte er doch gleich mit
dem Latein anfangen?

Bewahre! Das konnte er nicht. Er redete mit seinen Schlern ber das,
was das deutsche Vaterland in den letzten Wochen erlebt hatte. Er wollte
auch wissen, ob es ihnen allen ganz klar sei, da wir ohne Schuld zu
diesem furchtbaren Krieg gezwungen wurden. Dann fragte er nach den
Feinden und sie riefen durcheinander: Russen, Franzosen, Serben,
Englnder, Belgier, Japaner, Montenegriner.--Und unsere Freunde? Da
schallte das einzige Wort durch die Klasse: sterreich!

"Ja, so viele Feinde und nur einen Freund! Da haben wir armen Deutschen
wohl auch noch gar keinen Sieg erfochten? Oder wit ihr einen zu
nennen?"

Da brllten sie durcheinander: "In Lothringen, Lttich, in Ostpreuen,
Namur, Maubeuge, Brssel!"

Einer rief: "Paris!"

"Halt, halt, soweit sind wir noch nicht!"

"Aber soviel wie besiegt ist's!"

"Aber doch nicht besiegt. Nur kein Wort mehr sagen, als wahr ist! ber
was beschweren wir uns denn so sehr bei unseren Feinden, wer wei es?"

"ber die Grausamkeit," rief einer.

"Ja, ich meine aber etwas anderes."

"ber das, da sie gegen uns Krieg fhren," meinte ein kindliches
Brschlein.

"Ja freilich, aber das tun die Feinde meistens. Ich meine etwas, das mir
eingefallen ist, weil einer von euch schon Paris gerufen hat."

Jetzt kam es vielen zumal: "ber die Lgen."

"Jawohl, sie lgen. Pfui, das wollen wir ihnen nicht nachmachen; und wer
sonst manchmal bertrieben oder geschwindelt hat, der soll sich's in
diesem Krieg abgewhnen. Wer ein ehrlicher Deutscher ist, der sagt nicht
mehr als die Wahrheit."

Pltzlich unterbrach sich der Lehrer: "Kinder, es ist schon halb neun
Uhr, schnell die Bcher her! Um zehn Uhr sprechen wir weiter. Ich mchte
von euch allen wissen, ob jemand aus euer Familie im Krieg ist. Das
erzhlt ihr mir dann. Jetzt mu gelernt werden und zwar fest. Stramm an
die Pflicht wie unsere Soldaten!"

Es war heute ein guter Geist in der Klasse, fast ein militrischer;
etwas vom Krieg war hereingeweht.

Um zehn Uhr wurde Professor Jahn zum Rektor gebeten, so konnte er nicht
bei seinen Schlern bleiben. Als er nach der Pause zurckkam und ber
den groen Vorraum ging, in dem sich sonst seine Klasse tummelte, traf
er dort nur die Knaben der Volksschule, keinen einzigen seiner Schler.

"Seid ihr die ganze Zeit ber im Schulzimmer geblieben?" fragte er, als
er wieder in seine Klasse trat. Erwin Planck, ein frischer Bursche, der
oft den Sprecher fr die Klasse machte, gab auch jetzt aufrichtige
Antwort: "Drauen ist ein ganzer Haufen Volksschler; da knnen wir
nicht hinaus. Wir haben oft Hndel mit ihnen gehabt, wenn wir an ihrer
Schule vorbeigekommen sind."--"Die gehren auch nicht herein ins
Gymnasium!" Der ganze Schlerchor stimmte zu.

Der junge Lehrer dachte daran, wie soeben der Rektor darber gesprochen
hatte, es werde schwierig sein, da sich die Schler der verschiedenen
Anstalten gut miteinander vertragen. Er hatte recht gehabt. "Vielleicht
lt es sich so einrichten, da auf unser Stockwerk keine
Volksschulklasse kommt," entgegnete er, "ich werde noch mit dem Herrn
Rektor darber sprechen."

Die Arbeit begann nun wieder, aber dem jungen Lehrer gingen allerlei
Gedanken durch den Kopf und eine halbe Stunde vor Schulschlu hielt er
es nicht mehr aus. "Macht eure Bcher zu," rief er, "ich will das schon
verantworten vor dem Herrn Rektor. Wir mssen uns doch erst miteinander
aussprechen. Wir gehren zusammen, haben das letzte friedliche Schuljahr
miteinander verbracht und wollen auch diese Kriegszeit zusammen erleben.
Das ist aber nicht ein Krieg, der uns so fern steht wie die andern
Kriege, die wir ganz khl in der Geschichtsstunde durchnehmen; das ist
ein Krieg, der uns allen zu Herzen geht und in unsere Huser, in unser
Leben eindringt; hat er ja doch bis in unser Schulhaus herein seine
Wirkung gezeigt. So drfen wir uns auch die Zeit gnnen, miteinander
davon zu reden. Einer ist unter uns, der hat schon seinen Vater
verloren. Helmut Hartmann, nicht wahr, dein Vater ist als Offizier in
der Schlacht bei Luneville gefallen? Du tust mir herzlich leid; aber
einen schneren, ehrenvolleren Tod als den im siegreichen Kampf gibt es
nicht. Ich fordere euch, ihr Kameraden von Helmut Hartmann, auf, da ihr
alle aufsteht, um eurem Mitschler die Teilnahme und seinem Vater die
Ehre zu erweisen!"

Da erhoben sich alle und standen lautlos still; Helmut aber war tief
bewegt von der Ehrung.

"Nun sage uns doch, Helmut, habt ihr Nheres gehrt ber den Tod deines
Vaters?"

"Ja," antwortete dieser, nahm sich fest zusammen und stand stramm, wie
er's wohl von klein auf bei den Offiziersburschen gesehen hatte, die
seinem Vater etwas zu melden hatten. "Ja, wir haben gehrt, da mein
Vater im Gefecht von einem Schrapnell getroffen und am linken Arm
verwundet wurde. Ein Soldat, der hinter ihm stand, sah, wie er blutete,
mein Vater achtete in der Hitze des Gefechtes nicht darauf und drang mit
seiner Truppe weiter auf den Feind ein. Da traf ihn wieder ein Gescho,
diesmal an den Kopf. Er strzte, war aber nicht tot. Soldaten hoben ihn
auf und trugen ihn beiseite hinter ein Gebsch, da ihn der Feind nicht
she, und legten ihm einen Notverband an. Dann muten sie wieder ins
Gefecht, das sich noch eine Stunde weiter hinzog, und es wurde Nacht,
bis der Feind zurckgedrngt und geschlagen war. Man konnte die vielen
Verwundeten in der stockfinstern Regennacht nicht mehr heimholen; aber
die zwei Soldaten, die meinen Vater geborgen hatten, gewannen noch zwei
aus ihrer Truppe, da sie doch noch miteinander auszogen, ihren Offizier
zu suchen, obwohl es fast unmglich schien in dem fremden Gelnde und in
der finsteren Nacht. Aber sie fanden ihn, und er lebte noch und dankte
ihnen, da sie zu ihm gekommen waren. Sie gaben ihm Wein, legten ihn auf
einen Mantel und trugen ihn sorgsam bis in das Dorf, in dem ein
Feldlazarett aufschlagen war. Dort wurde er verbunden, dort hat er auch
noch erfahren, da die Schlacht gewonnen war, und hat uns Gre
schreiben lassen.--Am Tag darnach ist er gestorben. Vor seinem Tod hat
er gesagt: 'Lat mich auf dem Schlachtfeld begraben.' Seine Soldaten
haben ein Grab geschaufelt und Ehrensalven darber abgegeben. Aus zwei
Latten haben sie, ehe sie weiter ziehen muten, ein Kreuz gemacht und
haben das Grab mit Feldblumen bestreut."

Der tapfere Offizierssohn hatte mit klarer Stimme vom Tode seines Vaters
berichtet. Sein Lehrer war ergriffen. "So liegt er auf dem Schlachtfeld
begraben," sagte er, "das ist das ehrenvollste Soldatengrab. Habt ihr
gelesen, was man nach dem Tode des Prinzen Ernst Ludwig von Meiningen in
seinem Feldnotizbuch aufgezeichnet fand? 'Wenn ich auf dem Feld der Ehre
fr Deutschlands Gre fallen sollte, so begrabt mich nicht in meiner
Frstengruft, sondern scharrt mich in das Grab meiner tapferen Kameraden
ein. Grt mir meinen Kaiser.'--Seht, so schreibt ein Frst. So mag sich
auch jeder Sohn, jede Frau, jede Mutter trsten, wenn ihr gefallener
Held nicht auf dem heimischen Friedhof ruht.

"Nun aber mchte ich euch auch etwas zu bedenken geben. Wer hat denn
diesem tapferen Offizier, von dessen Tod wir gerade gehrt haben, den
letzten Liebesdienst erwiesen? Wer hat ihn aus dem Gefecht getragen? Wer
hat ihn nach stundenlangen Kmpfen, selbst todmde und durchnt noch
nachts gesucht, gestrkt, getragen und den Sterbenden auf ein Ruhebett
gebracht? Das waren gemeine Soldaten. Kinder, das waren vielleicht alle
einmal Volksschler. In der Schlacht, im frchterlichsten Ernst des
Lebens, da erkennt man, wie nichtig diese Klassenunterschiede sind. Und
nun mchte ich euch fragen: wollt ihr nicht das in dieser Kriegszeit
beweisen, da wir Deutsche alle Brder sind, alle zusammen gehren,
reich und arm, vornehm und gering, Lateinschler und Volksschler! Unser
Kaiser hat gesagt: 'Nun kenne ich keine Parteien mehr, ich kenne nur
noch Deutsche.' Wollt ihr sagen: 'Wir kennen keinen Klassenunterschied
mehr, nur deutsche Kameraden?'"

"Ja, bei Gott, das wollen wir." Helmut, der Offizierssohn, hatte das
gerufen, und das "ja" ging durch die ganze Klasse.

Am Abend dieses ersten Schultags suchte Professor Jahn den
Volksschullehrer auf, dessen Klassenzimmer dem seinigen gegenber lag.
Er sprach mit diesem Lehrer, der schon ein lterer, erfahrener Mann und
Oberlehrer der Volkschule war. Die beiden Herren verstanden sich gut. Am
nchsten Morgen, vor der Pause, redete der Oberlehrer seine Volksschler
an: "Haltet Frieden mit den Lateinschlern, die alberne Feindschaft
verbitte ich mir. Wenn drauen Krieg ist, mu im Land Frieden sein, auch
unter den Buben. Verstanden?"

Einer gab Antwort: "Die wollen gar nichts von uns, die sind
hochmtig."--"Ja manche, aber nicht alle; und ihr seid neidisch--auch
nur manche, nicht alle. Da tut mir die Wahl weh, was schlimmer ist. Aber
den Hochmtigen vergeht der Hochmut im Krieg und den Neidischen der
Neid; weil sie alle zusammen _eine_ groe Aufgabe haben und nur _einen_
Wunsch: da wir siegen. Siegen knnen wir nur, wenn wir alle einig
sind. Und siegen mssen wir doch oder nicht?"--"Ja, ja!" das kam allen
aus dem Herzen.

Um zehn Uhr, whrend der Pause, kam die ganze Klasse von Professor Jahn
auf den Vorplatz, in dem sich schon die Volksschler des gegenber
liegenden Zimmers aufhielten. Heute kam auch der Oberlehrer und
Professor Jahn dazu. Die beiden Herrn traten am Ende des gerumigen
Ganges zusammen und standen schon eine Weile plaudernd unter dem
Fenster. Nun kamen sie zu den Knaben, die zwar friedlich, aber doch
fremd einander gegenberstanden. Der Oberlehrer redete sie an:
"Wahrscheinlich sind an der Post wieder neue Telegramme angeschlagen.
Herr Professor Jahn und ich wollen jeden Tag um zehn Uhr zwei von euch
abschicken, da sie nachschauen und dann berichten." Darauf erfolgte ein
groes Hallo, natrlich wren am liebsten alle davon gesprungen,
Volksschler und Lateinschler, die einen so gut wie die andern.

"Herr Professor, schicken Sie mich," baten alle Gymnasiasten und
umdrngten ihren Lehrer.

"Ihr kommt alle an die Reihe, habt keine Angst, der Krieg geht nicht so
schnell zu Ende. Wir nehmen zuerst solche, die ihren Vater oder ihre
Brder im Feld stehen haben, die haben den Vorzug." Noch ehe er
weiterreden konnte, rief ein kleines Brschlein: "Ich, Herr Professor,
ich, meine drei Brder sind im Feld!"

Jetzt lie sich ein Volksschler vernehmen: "Von mir vier Brder!"

Dagegen konnten die andern nicht aufkommen; der Lateinschler und der
Volksschler sprangen also miteinander davon.--Die zwei Klassen waren in
dem Gedrnge durcheinander gekommen und jetzt sprachen sie zusammen ber
die Brder und wo sie standen; ber die Vter, und da die Briefe so
lange ausblieben. Da fand es sich, da einer von der Volksschule und
einer von dem Lateinschule ihre Brder in dem gleichen Bataillon hatten,
und da sie in den Vogesen gekmpft hatten. Nun lagen sie beide schwer
verwundet in dem gleichen Feldlazarett; der eine hatte sechs Wunden, der
andere hatte ein Bein verloren. Daraufhin kamen alle berein, da diese
beiden morgen miteinander nach den Telegrammen laufen drften.

Die zwei Klassen verstanden sich immer besser. Einmal als die beiden
Abgesandten die Nachricht von dem Fall der Festung Antwerpen brachten,
gab Professor Jahn ein kleines Fest. Er lud aus beiden Klassen die
Schler zu sich, deren Angehrige in Belgien fochten. Es waren ihrer
acht, die sich nicht wenig darber freuten. Sie wurden bewirtet von der
freundlichen Mutter des Professors und erzhlten aus den Feldpostbriefen
ihrer Angehrigen.

Und wieder gab es fr einen Teil der Schler ein kleines Fest, als ein
Telegramm von neuen Heldentaten der tapferen "Emden" berichtete; diesmal
waren solche geladen, die Verwandte bei der Marine hatten. Einer
derselben, ein Volksschler war es, war selbst schon in Kiel gewesen,
hatte die groen deutschen Kriegsschiffe gesehen und wute es schon
ganz gewi, da es einmal wie sein Kieler Vetter, zur Marine gehen
werde. Auf ein Unterseeboot wollte er und dann so khne Unternehmungen
mitmachen wie die Mannschaft von _U 9_, von deren Heldenmut alle
Zeitungen voll waren.

Aber einmal hielten die beiden Lehrer eine Trauerfeier. Eine groe
Verlustliste war herausgekommen, aus der mehrere Schler den Tod ihrer
Angehrigen erfahren hatten. Unter diesen war auch der Volksschler, der
vier Brder im Feld gehabt hatte; drei waren in _einer_ Woche gefallen.
Der Oberlehrer sprach von den herben Verlusten und schilderte die
schweren Kmpfe. Da war groe Teilnahme in allen Herzen. Professor Jahn
sagte am Schlu der kleinen Trauerfeier: Besser als ich's vermchte
spricht ein Gedicht aus, was uns bei dieser langen Reihe von
Todesanzeigen bewegt. Ein Freund von mir, ein junger Pfarrer, hat es
gemacht. Ihm ist der Tod so vieler Tapferen tief zu Herzen gegangen. Ich
mchte es euch vorlesen und will es jedem von euch, der in Trauer
gekommen ist, abschreiben und mit heimgehen.--Er las das Lied vor:

  Die Toten.

  Herr Gott, nun schlie den Himmel auf,
  Es kommen die Toten, die Toten zuhauf,
  Aus schwerem Kampf, aus blut'gem Krieg,
  Reich' ihnen den Lorbeer und ewigen Sieg!
      Wir knnen sie nicht mehr schmcken,
      Nicht mehr die Hnde drcken
      Den vielen, vielen Scharen,
      Die unsre Brder waren.

  Herr Gott, nun trockne selber du
  Die Trnen im Aug', gib Fried' und Ruh'
  Dem wunden Herzen, dem stillen Haus,
  Fhr alles Dunkle zum Licht hinaus.
      Dieweil wir Eltern und Frauen
      In zuckender Wehmut schauen
      Die vielen, vielen Scharen,
      Die unsre Brder waren.

  Herr Gott, nun segne dem deutschen Land
  Seinen gefallenen Heldenstand
  Gib _allen_ freudigen Opfergeist,
  Der auch im _Frieden_ sich stark erweist,
      Weil doch ihr herrliches Leben
      Fr uns zum Opfer gegeben
      Die vielen, vielen Scharen,
      Die unsre Brder waren.

  _Georg Merkel._

Zwei Wochen spter an einem Montag frh, als die Schler von Professor
Jahn in ihre Klasse kamen, stand da ein fremder Lehrer. Professor Jahn
war einberufen worden. Und wieder nach kurzer Frist hrten die Schler,
da ihr geliebter Professor auf dem Schlachtfeld von Ypern gefallen und
begraben sei.

Am Tag darnach sprach der Oberlehrer in der Pause die Klasse der
Lateinschler an und sagte: "Die Eltern von Professor Jahn haben mir
erzhlt, da er kurz vor seinem Tode in sein Notizbuch schrieb: 'Grt
mir meine Buben!' Ihr habt einen edlen Lehrer gehabt, bleibt ihm treu;
denn wie es in seinem Lieblingsgedicht steht, auch er hat 'sein
herrliches Leben fr uns zum Opfer gegeben!'"




Allerlei Kriegsbilder

nach Briefen und Zeitungen.


Der Turmbau zu Babel.


Zwei Offiziere der Kavallerie ritten zusammen und besprachen sich ber
das Vlkergemisch, das gegen uns in den Krieg zieht, ber die Neger, die
Inder, Turkos und Japaner, die mit Franzosen, Belgiern, Englndern und
Russen vermischt uns angreifen, und einer sprach den Zweifel aus, ob wir
auch wirklich ber all' diese Herren Herr wrden. Der andere sagte:
"Gerade das Vlkergemisch gibt mir die Zuversicht, da wir siegen
werden, denn das ist schon in der Bibel beim Turmbau von Babel zu
finden. Im nchsten Quartiere werde ich mir eine Bibel verschaffen und
vorlesen, was da steht."

Sie waren noch keine 50 Meter weitergeritten, so sah der Offizier auf
der Strae, von einem Huf in den Schmutz getreten, ein Buch. Er lie es
sich von einem Radfahrer geben: es war eine Bibel. Nun konnte er seinem
Kameraden sofort die Stelle ber den Turmbau zu Babel, 1. Mose 11,
vorlesen. So kam der eine der Offiziere zu einer Kriegsbibel, der andere
zu der beruhigenden berzeugung, da das Sprachgewirre den Feinden zum
Schaden gereichen werde.


Erbprinz Luitpold.

Im Monat August durchbrauste ganz Deutschland die frohe Kunde von dem
glnzenden Sieg, den der bayrische Kronprinz Rupprecht mit seiner
tapferen Armee in Lothringen errungen hatte. Von nah und fern jubelte
man dem Sieger zu und wnschte ihm aus dankbarem Herzen alles Gute. Aber
mitten in diese Glckwnsche traf den Kronprinzen die Botschaft eines
schweren Unglcks. Sein ltester Sohn, der Erbprinz Luitpold, erkrankte
an einer Halsentzndung und starb fern vom Vater, in Berchtesgaden.

Tief erschttert war der Kronprinz von der Trauerkunde; aber er gab sich
nicht dem Schmerz hin, sondern sprach die tapfern Worte: "Jetzt ist
nicht Zeit zu trauern, es gilt zu handeln."

Die Teilnahme am Tod des jungen Prinzen war ganz allgemein. Man kannte
in Mnchen Prinz Luitpold wohl. Er besuchte das Gymnasium und wollte
dort keinen Vorzug vor anderen Schlern haben. Wenn ihn ein Lehrer mit
"Knigliche Hoheit" oder ein Schler mit "Sie" anredete, so verbat er
sich dies und verkehrte ganz kameradschaftlich mit den Klassengenossen.
Als er zum Sommeraufenthalt in Berchtesgaden weilte, fehlte es dort--wie
berall--in der Kriegszeit an Erntearbeitern; und es erging an die
Jugend die Bitte, zu helfen und die Mnner auf dem Feld zu ersetzen.
Prinz Luitpold war sogleich bereit, dem Ruf zu folgen und half tapfer
mit bei der schweren Feldarbeit. Die Erinnerung daran ist in dem
folgenden Gedicht festgehalten:

  Auch ein junger Knigsprosse,
  Dem der Sinn nach "Dienen" stand,
  Steigt von seiner Vter Schlosse,
  Bietet freudig seine Hand.

  Zu der ungewohnten Mhe
  Auf dem Feld im Sonnenbrand,
  Gleich den Andern spt und frhe,
  Tapfer in der Reih' er stand.

  Schweigend schau'n die Berge nieder,
  Dunkel liegt der Knigssee,
  Nirgends tnen frohe Lieder,
  Auf der Welt rings lastet Weh.

  Zarter, lieber Knigsknabe,
  Banges Ahnen fat mich an,
  Da du dort zu deinem Grabe
  Selbst den Spatenstich getan!

  Denn indes dein Heldenvater
  Sieg auf Sieg der Welt verschafft,
  Hat dich kleinen Erntehelfer
  Schnitter Tod hinweggerafft.

  Mag des Helden Herz erschauern,
  Da von fern dies Wort er spricht:
  "Jetzt ist nicht Zeit zu trauern,
  Handeln heischt allein die Pflicht!"

  Doch indes er weiter lenken
  Mu das Schicksal der Armee,
  Sehnend wird er heimwrts denken,
  Manche Nacht in tiefen Weh:

  Deine Mutter mut ich geben
  Lngst der Erde schon zurck,
  Doch sie lie von ihrem Leben
  Mir in dir ein kstlich Stck.

  Nun auch dieses hingeschwunden,
  Auf, mein Schwert! Fest fa' ich dich!
  Ringsum bluten tausend wunden--
  _Eine_ wei ich, die traf _mich_.

  _Johanna Klemm_


Kein Standesunterschied.

Eine Berliner Zeitung hat eine groe Menge Liebesgaben gesammelt und sie
dann durch ihren Vertreter an eines unserer Regimenter bringen lassen,
das dicht am Feind stand. Als er einem jeden gegeben hatte, was er sich
ausgebeten hatte, trat ein Soldat an ihn heran, der eben zwei Eimer voll
Wasser herbeigeschleppt hatte. "Haben Sie vielleicht noch ein Hemd
brig?" fragte er bescheiden, "ich habe seit vier Wochen keines bekommen
knnen."--"Ja, hier haben Sie ein Hemd," entgegnete der Verteiler, sah
sich dabei den Soldaten genauer an und erkannte in dem Mann, der ihn um
ein Hemd bat, einen Universittsprofessor.

Bei St. Quentin wurden an einem Tag eine ganze Menge Verwundete in ein
Lazarett gebracht, das von deutschen Schwestern versorgt wurde. Es gab
viel Krankenbetten zu richten, Strohkissen zu fllen, Matratzen zu
tragen und dergl. Ein Verwundeter bemerkt zwei Soldaten in einer ihm
unbekannten Uniform; sie fielen ihm durch die liebenswrdige Art auf,
mit der sie den Schwestern halfen, berall anpackten und fr die
Verwundeten Karten schrieben. "Was sind das fr Kameraden?" fragte er.

"Das sind unseres Kaisers Shne, die uns heute besucht haben, Prinz
Adalbert und Prinz August."


Der Hornist.

Eine feine List gelang einem wrttembergischen Hornisten. Sein Regiment
stand im Gefecht mit franzsischer Infanterie und geriet in bedrngte
Lage durch die berzahl der Feinde. Der Hornist erkannte die Gefahr.
Rasch entschlossen blies er das franzsische Rckzugssignal. Die
Franzosen lieen sich tuschen, folgten dem Signal und machten Kehrt.
Der Hornist wurde mit dem eisernen Kreuz ausgezeichnet.


Der Lokomotivfhrer.

Ein sterreichischer Lokomotivfhrer hatte einen Eisenbahnzug mit
Schievorrat zu befrdern. Die russische Artillerie hatte Nachricht
davon bekommen und bescho den Zug. Obwohl sie weit entfernt war,
schlugen doch die Kugeln in unmittelbarer Nhe des Zuges ein und seine
wertvolle Ladung war uerst gefhrdet. Da kam dem Lokomotivfhrer ein
guter Gedanke. Als wieder ein Gescho in nchster Nhe platzte, ffnete
er rasch den Dampfhahn, so da der Dampf mit Gewalt entwich und der
ganze Zug in einer weien Wolke verschwand. Die Russen in der Ferne
muten meinen, ihre Geschosse htten die Lokomotive in die Luft
gesprengt. Sie stellten ihr Feuer ein und der Zug war gerettet.


Das Extrablatt.

In einer deutschen Mdchenschule ist der Beschlu gefat worden, keine
Fremdwrter mehr zu gebrauchen. Wer es doch tat, mu fnf Pfennig in die
Rotkreuzkasse einlegen. In kurzer Zeit hat eine Klasse 13 Mark
gesammelt. Aber der Herausgeber des Tagblattes erhlt von den Mdchen
dieser Klasse einen Brief des Inhalts: "Es kostet uns unser ganzes
Taschengeld, wenn Sie tglich ein _Extra_blatt ausgeben; denn wir mssen
immer fnf Pfennig zahlen, wenn wir Extrablatt sagen."

Der Herausgeber des Blattes hatte Mitleid mit der Klasse und schon vom
nchsten Tag an erschien bei ihm ein _Sonder_blatt.


Die allgemein verstndliche Sprache.

Eine Truppe Deutscher kam nach schweren Gefechten in ein eben
eingenommenes franzsisches Dorf. Seit 24 Stunden hatten sie nichts zu
essen gehabt und den strksten Hunger mit rohen Kartoffeln gestillt, die
sie sich gelegentlich aus dem Acker gruben. Nun wollten sie sich's wohl
sein lassen im Dorf. Viel gibt's da nicht zu essen, aber ein Huhn wre
doch wohl aufzutreiben. Wie kann man sich nur verstndigen mit den
franzsischen Bauern! Doch man wei sich zu helfen. Ein Soldat geht in
die Kche, wo die Buerin, zitternd vor der deutschen Einquartierung,
wartet, was nun geschehen werde. Der Soldat nimmt einen Kochtopf, fllt
ihn mit Wasser, hlt ihn der Buerin unter die Nase, deutet in den
Kochtopf und ruft Kikeriki! Da nickt sie verstndnisvoll und bald kocht
ein Huhn im Topf.


Die Gefangenen.

Ein preuischer Wachtmeister hatte gefangene Russen zu bewachen. Aber
seine bermdung ist zu gro. Er fllt um und schlft. Entsetzt fhrt er
morgens aus dem Schlaf--ob die Gefangenen nicht entwichen sind? Er
schaut nach, traut seinen Augen kaum: es sind 120 mehr als es am Abend
waren. Die haben sich aus Gefangenenlager herangeschlichen und lassen
sich gefangen nehmen. Sie wissen, bei den Deutschen geht es ihnen gut.


Der Generaloberst v. Hindenburg.

Ein Mann von gewaltiger Gre und Strke, mit einem Angesicht voll Gte
und Wohlwollen ist unser Generaloberst v. Hindenburg, der Retter
Ostpreuens, der Russenschreck, wie ihn die Soldaten nennen, seitdem er
bei Tannenberg und an den masurischen Seen die russische Armee
geschlagen und in die Smpfe gedrngt hat.

Dieser ungeheure Erfolg war das Ergebnis seiner Lebensarbeit, seiner
lngst erprobten Plne. Schon seit Jahrzehnten vertrat Herr v.
Hindenburg die Ansicht, da, wenn einmal die Russen kmen, sie in die
masurischen Seen gedrngt werden mten. Andere Offiziere meinten im
Gegenteil, die Russen drften gar nicht in die Nhe der Seen kommen. Er
gab aber nicht nach. Hindenburg war irgendwo in der Provinz
Korpskommandant, als eines Tages im deutschen Reichstag die Idee
auftauchte, es gehe nicht an, da ein so groes Gebiet unfruchtbar
bleibe: die masurischen Seen mten ausgepumpt und aus ihnen fruchtbarer
Boden geschaffen werden. Der alte General hatte keine Ruhe mehr; man
wollte _seine_ Seen, _seine_ Smpfe, die er alle persnlich kannte,
anrhren! Er reiste sofort nach Berlin, erklrte, protestierte,
agitierte! Er lief zu Abgeordneten, zu Parteifhrern, zu Kommissionen
und, als alles nichts ntzte, zum Kaiser. Er hat auch den Kaiser solange
nicht verlassen, als er ihm nicht versprach, da man die Seen in Ruhe
lassen werde.

Alljhrlich zu den Manvern wurde Hindenburg zu den masurischen Seen
geschickt. Dort, wie bei allen Manvern, trug der eine Teil der Armee
ein weies, der andere Teil ein rotes Band auf der Kappe. Die Roten
waren die Russen, die Weien wurden von Hindenburg befehligt; sie hatten
Ostpreuen zu verteidigen. Wenn die Soldaten bei den bungen erfuhren,
da sie gegen Hindenburg zu kmpfen htten, wiederholte sich alljhrlich
der anllich der bernahme der roten Bnder fast sprichwrtlich
gewordene Ausruf: "Heuer gehen wir baden!" Denn sie wuten, da da alles
vergeblich ist: ob sie von links, ob von rechts kommen, ob sie von vorn
angreifen, oder von rckwrts jagen, ob sie mehr oder wenig sind, das
Ende ist doch immer dasselbe: da Hindenburg sie in die masurischen Seen
einklemmt. Und jedes Jahr, wenn abgeblasen wurde, stand die rote Armee
bis zum Hals im Wasser. Die Offiziere gingen nur noch in wasserdichten
Uniformen zu den Hindenburg-Manvern.

Dann ging der alte General in Pension. Doch weiterhin verbrachte er die
Sommermonate bei den masurischen Seen. Er entlehnte sich in Knigsberg
eine Kanone und lie sie von frh bis spt aus einer Lache in die andere
schleppen. Er wute genau, welcher Sumpf von der Artillerie passiert
werden kann und in welchem der Feind stecken bleibt.

Da brach der Krieg aus und was so lange nur Manverbungen gewesen
waren, jetzt wurde es ernst.

Sobald der Kaiser hrte, da die Russen in Ostpreuen eingebrochen
seien, berief er Hindenburg und forderte ihn auf, jetzt seine Kunst zu
zeigen. Unverzglich reiste dieser vom westlichen Kriegsschauplatz nach
Osten. Schon whrend der Fahrt erteilte er telegraphische Befehle und
als er ankam, war alles vorbereitet.

Auch die Russen waren da; die Russen, die nun unerbittlich samt Pferden
und Geschtzen in die masurischen Seen gejagt wurden.

Seitdem ist durch ganz Deutschland Hindenburgs Ruhm erklungen, wir sind
ihm dankbar und sind stolz auf ihn. Er selbst aber ist wie alle wirklich
groen Mnner bescheiden geblieben. Er nimmt die Ehre nicht fr sich
allein an, er erkennt gern an, was andere leisten. Von seiner Armee
rhmt er: "Sie hat einen herrlichen Geist; jeder vom obersten General
bis zum untersten Mann ist voll sieghafter Zuversicht. Prachtvoll sind
auch meine Flieger, sie haben schon heldenmtige Aufklrungsdienste
geleistet. Auch unsere Verbndeten, die sterreicher, sind ausdauernd,
tapfer und zh."

Wohl uns, da wir solches hren drfen! Es bestrkt uns in der stolzen
Zuversicht:

  _Wir werden siegen_!






End of Project Gutenberg's Kriegsbchlein fr unsere Kinder, by Agnes Sapper

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KRIEGSBCHLEIN FR UNSERE KINDER ***

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