The Project Gutenberg EBook of Memoiren einer Sozialistin, by Lily Braun

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Title: Memoiren einer Sozialistin
       Lehrjahre

Author: Lily Braun

Release Date: July 15, 2005 [EBook #16301]

Language: German

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Memoiren einer Sozialistin


Lehrjahre


Roman

von

Lily Braun

Albert Langen, Mnchen

1909




An meinen Sohn


Die Rosen blhen und die Linden duften. ber dunkle Wlder und saftgrne
Matten ragen die Berge meiner Heimat zum Himmel empor, an dem die Sterne
funkeln und strahlen, ungetrbt von den Dnsten der Stdte und den
Nebeln der Niederung. Die grauen Felsriesen schimmern silbern im
Mondlicht, und in ihren tausend Furchen und Spalten glnzt noch der
Schnee.

Das ist die schnste Nacht des Jahres, die Nacht, in der's in Wald und
Feld von alten Mrchen raunt und flstert, die Nacht, mein Sohn, die
dich mir geschenkt: ein Sonnwendskind, ein Sonntagskind. Elf Jahre sind
es heute. Ist es mir doch, als wre es erst gestern gewesen, da du an
meiner Brust gelegen, da du die ersten Worte lautest, zum erstenmal die
Fchen setztest. Und nun bist du ein groer Junge! Die Kindheit
bereitet sich aufs Abschiednehmen vor.

Fast am gleichen Tage war es, und mehr als drei Jahrzehnte sind es her,
da auch ich zu Fen dieser Berge meinen elften Geburtstag feierte. Die
Tafel bog sich damals unter der Flle der Geschenke -- auf deinem Tisch,
mein Sohn, lagen heute neben dem duftenden Kuchen unsrer alten Marie nur
ein paar Bcher! --, und Eltern, Verwandte und Freunde umgaben mich,
mit schumendem Sekt und schmeichelnden Reden das Geburtstagskind
feiernd, -- wir dagegen waren heute allein und hatten nur tiroler
Landwein in den Glsern. Das Geburtstagskind von damals war ein blasses,
langaufgeschossenes Mdchen mit einem alten, hochmtig-sarkastischen Zug
um den Mund, dessen Lcheln der Dankbarkeit nur die Frucht guter
Erziehung war; du aber bist ein blhender Knabe, der im berschwang
seiner Freude seine Mutter und die alte Marie abwechselnd in tollem Tanz
auf der Wiese umherwirbelte. Nur zweierlei ist sich gleich geblieben --
damals und heute --: auf deinem Tisch wie auf dem meinen lag das erste,
langersehnte Tagebuch, dessen weie Bltter so verlockend sind fr ein
elfjhriges Herz, wie der Eingang ins Zauberreich des Lebens selbst, und
vor dir wie vor mir ragten dieselben Bergesriesen, und derselbe Wald
umrauschte unsre Kindertrume.

Mich hat mein Tagebuch durch's ganze Leben begleitet, und der
Gewohnheit, mir allabendlich vor ihm Rechenschaft abzulegen ber des
Tages Soll und Haben, bin ich immer treu geblieben. Am Schlusse jeden
Jahres habe ich an seiner Hand den verflossenen Lebensabschnitt berlegt
und sein Fazit gezogen. Seine lakonischen Bemerkungen -- ein bloes
trockenes Tatsachenmaterial -- bildeten den festen Rahmen, den die
Erinnerung mit den bunten Bildern des Lebens fllte, und unverzerrt
durch jene schlechtesten Portrtisten der Welt -- Ha oder Bewunderung
--, blickte mein Ich mir daraus entgegen.

Als ich diesmal aus der Tretmhle und der Fabrikatmosphre meines
Berliner Arbeitslebens in unsre stille Bergeinsamkeit floh, nahm ich die
zweiunddreiig Jahreshefte meines Tagebuches mit mir. Generalabrechnung
mu ich halten.

Auf steilem Felsenpfad bin ich bis hierher gestiegen, meinem wegkundigen
Blick, meiner Kraft vertrauend, weit entfernt von den Lebenssphren, die
Tradition und Sitte mit Wegweisern versah, damit auch der Gedankenlose
nicht irre gehe. Jetzt aber mu ich stille stehen, mu Atem schpfen,
denn die groe Einsamkeit um mich her lt mich schaudern. Wohin nun?
Hinab zu Tal, zu den Wegweisern? Oder weiter auf selbstgewhltem Steige?

Die Menschen zrnen mir, und alle nennen mich fahnenflchtig, die
irgendwann auf der Lebensreise ein Stck Weges mit mir gingen; mir aber
erscheinen sie als die Ungetreuen. Wer hat recht von uns: sie oder ich?
Um die Antwort zu finden, will ich den letzten Wurzeln meines Daseins
nachspren, wie seinen uersten Verstelungen; und an dich, mein Sohn,
will ich denken dabei, auf da du, zum Manne gereift, deine Mutter
verstehen mgest.

In der Sonnwendnacht, die dich mir geschenkt, in der Sonnwendnacht, in
der ringsum auf den Hhen die Feuer glhen, in der Sonnwendnacht, wo
aufersteht, was ewigen Lebens wrdig war, seien die Geister der
Vergangenheit zuerst heraufbeschworen.

Obergrainau, den 24. Juni 1908




Erstes Kapitel


Wo die kurische Nehrung beginnt, ihre Dnen in die Ostsee
hinauszustrecken, und das Meer auf der einen, das Haff auf der andern
Seite das Land besplt, steht das Haus meiner Groeltern, in dem ich
geboren bin. Vor Jahrhunderten haben deutsche Ordensritter es als festes
Bollwerk gegen das heidnische Volk des Samlands erbaut; der breite,
viereckige Turm, die dicken Mauern und der Graben ringsum erinnern noch
an seinen Ursprung. Ein Ordensbruder soll es gewesen sein, der als einer
der ersten im Samland zur Lehre Luthers bertrat, -- nicht aus
Gewissenszwang, denn das htte dem blonden derben Junker aus dem
thringischen Geschlecht der Golzows wenig hnlich gesehen, sondern aus
Liebe zu einem schnen Frulein, die ihn das Keuschheitsgelbde brechen
hie. Er wurde auf dem Schlo von Pirgallen der Stammvater des
preuischen Zweigs der Familie und der Vorfahr meines Grovaters. Mit
dem Besitz schien sich aber auch die lebenbestimmende Liebesleidenschaft
des Ahnherrn von Generation zu Generation zu vererben. Nur selten fgte
sich ein Golzow dem Rate der Familiensippe, wenn es galt, sich die
Eheliebste zu whlen, und so wurden viele fremde Blumen in den
nordischen Garten verpflanzt. Manch eine mag dabei im Frost erstarrt,
vom Meersturm zerzaust worden sein, andere aber blhten, trugen Frucht
und streuten den Samen ihrer Heimaterde in das Land, wo er ppig
aufging, so da es zwischen den gelben Dnen, den weien Birkenstmmen
und knorrigen Eichen gar seltsam anzuschauen war.

Auch meine Gromutter war solch eine fremde Blume gewesen: ein Kind der
Liebe, dem heimlichen Bund eines Knigs mit einem kleinen elsssischen
Komtechen entsprossen. Und sie war wohl nie recht heimisch geworden da
oben. Sie fror immer, sa auch im Sommer gern am Kaminfeuer der Halle,
und schwere schleppende Samtkleider, mit Pelz verbrmt, trug sie am
liebsten. Sie blieb auch einsam trotz der groen Kinderschar, die sie
umgab. Das Blut der Golzows war lebenskrftiger als das ihre, denn all
die Buben und Mdeln, die sie gebar, waren nicht eigentlich ihre Kinder:
mit hellen blauen Augen aus rosigweien Gesichtern blickten sie in die
Welt, und Jagd und Tanz, Spiel und Liebe blieb ihnen Lebensinhalt.

An meine Mutter, ihr jngstes Kind, die goldblonde Ilse, hatte sie sich
mit aller Kraft ihrer Sehnsucht geklammert. Lange hoffte sie, sich
selbst in ihr wiederzufinden, und verdeckte mit den bunten Gewndern
ihrer Phantasie in zrtlicher Selbsttuschung alles, was ihr fremd war
an ihrer Tochter. Sie half ihr auch den Starrsinn des Vaters brechen,
der sich ihrer Verbindung mit einem armen Infanterieleutnant
widersetzte. Die Ehe mit dem ernsten, strebsamen Mann wrde, so meinte
sie, ihr eigentliches Wesen erst zur Entfaltung bringen, -- das Wesen,
das sich schon deutlich genug dadurch auszudrcken schien, da ihre Wahl
unter allen ihren glnzenden Bewerbern grade auf diesen gefallen war.
Sie wute nicht, da nur der Rausch Golzowscher Liebesleidenschaft --
hei und kurz, wie die Sommer Pirgallens -- Ilse beherrschte. Ihr Gatte
kannte die Tochter besser als sie, darum gab er die Hoffnung nicht auf,
statt des heimatlosen Landsknechts, wie er ihren Erwhlten, den
Leutnant Hans von Kleve, spttisch nannte, einen der Standesherrn des
Landes als Schwiegersohn zu begren.

Kleve besa nichts als seinen guten Namen und seinen Ehrgeiz. Nachdem
sein Vater, ein leichtsinniger Gardeleutnant, mit dem sprlichen Rest
seines rasch verjubelten Vermgens und einer lustigen kleinen Frau,
deren brgerliche Herkunft ihn den schnen bunten Rock auszuziehen
zwang, ein Gtchen in der Nhe Berlins erworben hatte, um dort nichts zu
tun, als zu sterben, war seiner Mutter kaum das notwendigste brig
geblieben, um ihn und seine vier Geschwister zu erziehen. Wie gut, da
sie an Arbeit gewhnt gewesen war ihr Leben lang! Zu stolz, die reichen
Verwandten ihres Mannes, die sie ihrer Herkunft wegen nie hatten
anerkennen wollen, in Anspruch zu nehmen, zog sie sich in eine kleine
mrkische Stadt zurck, wo sie ihre Kinder mit eiserner Strenge und in
spartanischer Einfachheit erzog. Hans war zwlf Jahre alt, als er in
diese harte Schule genommen wurde. Er empfand die Beschrnktheit des
Lebens am tiefsten und litt stndig unter den Anforderungen, die seine
Mutter an seine geistige und moralische Leistungskraft stellte. Sein
Liebesbedrfnis fand wenig Verstndnis bei ihr, die unter dem dauernden
Druck qulender Sorgen die Zrtlichkeit glcklicher Mtter eingebt
hatte. Eine Schwester, die ihm im Alter am nchsten stand, und der er
sein ganzes Herz zuwandte, wurde ihm frh durch vterliche Verwandte,
die sich pltzlich der armen Witwe und ihrer Kinder erinnert hatten,
entrissen; so blieb er ganz auf sich allein angewiesen und konzentrierte
all seine Energie auf das eine Ziel: sich selbst das Leben zu erobern.

Mit sechzehn Jahren machte er das Abiturientenexamen und trat in ein
Knigsberger Infanterieregiment ein. Kavallerist zu werden, was er sich
gewnscht hatte -- denn die Reiterleidenschaft sa ihm tief im Blute --,
erlaubten seine Mittel ihm nicht, und die Schwester, die von ihrem
reichen Onkel wie ein eignes Kind gehalten wurde, hatte dem Bruder, --
um ihre persnliche Stellung besorgt, -- rundweg abgeschlagen, eine
Zulage fr ihn zu erbitten. Von selbst reichte des Onkels Generositt
ber das Geburtstags- und Weihnachtsgoldstck und gelegentliche
Urlaubsreisen nach dem Familiengut in Oberfranken nicht hinaus, und so
bestand des jungen Mannes Dasein in unaufhrlichen Verzichtleistungen.
Er lebte nur seinem Beruf; sein Empfindungsleben schien durch die Arbeit
vllig erstickt zu sein.

Um diese Zeit lernte er Ilse Golzow kennen, und alles, was an
Liebessehnsucht in seiner Seele gelebt hatte von klein auf, brach
ungestm hervor. Das Weib war ihm unbekannt geblieben bis dahin; die
Arbeit hatte ihn taub und blind gemacht, und eine angeborene Reinheit
der Gesinnung hatte ihn das Gemeine stets als gemein empfinden lassen.
So vereinte sich in der ersten Liebe des Achtundzwanzigjhrigen die
volle phantastische Schwrmerei des Jnglings mit der tiefen Neigung des
reifen Mannes. Die Erfllung alles dessen, was er in seinen stillsten
Stunden fr sich an Glck ertrumt hatte, erwartete er von dem Besitz
dieses holden blonden Mdchens. Da ihm dies Glck nicht kampflos in den
Scho fiel, erhhte nur seinen Wert fr ihn.

Um ihretwillen vertauschte er seine Studierstube mit dem Ballsaal; er
entwickelte gesellige Talente, die bisher niemand in ihm vermutet hatte,
er wurde das belebende Element aller groen und kleinen Feste. Auf dem
Wege zwischen Knigsberg und Pirgallen ritt er sein Pferd fast zu
Schanden, das er sich endlich als Regimentsadjutant halten konnte, und
auf den Schnitzeljagden stellte er durch seine Reiterkunst smtliche
Krassierleutnants in den Schatten. Ein instinktives Verstndnis fr die
weibliche Natur lehrte ihn, da Mdchen, wie die schne Ilse, durch die
Bewunderung, die man ihnen abntigt, am sichersten zu gewinnen sind. Von
dem Vater der Geliebten aber mute er sich eine zweimalige Ablehnung
gefallen lassen; erst als er zum drittenmal wieder kam und die Trnen
Ilsens sich mit seinen Bitten vereinigten, whrend ihre Mutter alle
Grnde der Liebe und der Vernunft zu seinen Gunsten zur Geltung brachte,
hie er ihn -- mit aller Reserviertheit des Bezwungenen, nicht des
berzeugten -- als Schwiegersohn willkommen.

An einem Maiensonntag des Jahres 1863 fand die Trauung des jungen
Paares in der alten Pirgallener Dorfkirche statt. Als Burg des
Christengottes, so erzhlt die Sage, galt sie einst dem heidnischen
Volk, und an eine Burg mehr als an eine Kirche erinnern noch heut die
aus ungefgen Steinblcken zusammengesetzten Mauern und der viereckige
Turm mit den kleinen Fenstern, den dichter Efeu fast ganz berwucherte.
Die dmmerige Halle verstrkte diesen Eindruck: vor dem Zeichen des
Speeres, dem Wappenbilde der Golzows, verschwand fast das des Kreuzes,
und statt der Bilder des Heilands und der Apostel reihte sich ein
Grabstein neben dem andern an den Wnden, mit Ritterhelmen und
Schwertern geschmckt, oder mit steinernen Bildnissen, die alle
denselben Typus ostdeutschen Adels aufwiesen, ob ihr Antlitz mit den
regelmigen, etwas leblosen Zgen und den hochmtig geschrzten Lippen
nun unter dem Stechhelm oder der Allongepercke hervorsah. Auf den
Grabsteinen der Frauen erzhlten die Doppelwappen, wie selten nur die
ritterbrtige Ahnenreihe unterbrochen worden war. Und da sie alle zu
einem Geschlechte gehrten: diese stummen Zeugen der Hochzeit Ilsens und
die vielen derer von Golzow, die sich in der alten Kirche
zusammenfanden, -- das bewiesen diese schlanken Menschen mit den
schmalen Handgelenken und den langen spitzen Fingern, die an harte
Arbeit nie gewhnt gewesen waren. Nur da die Kraft der Ahnen sich in
lssige Grazie verwandelt und ihre rassige Vornehmheit einen leisen
Schein mder Dekadenz angenommen hatte.

Auch des Brutigams Verwandte waren vollzhlig erschienen. Sie hatten
sich die Teilnahme an dem Familienfest um so weniger entgehen lassen,
als Hans Kleves Heirat die Mesallianz seines Vaters verschmerzen lie.
Von anderem Schlag waren sie als die Golzows: Das Blut fahrender
Landsknechte und alt-nrnberger Patrizier mischte sich in ihren Adern,
und breit, gro und stmmig waren ihre Gestalten. Die Kniehosen und
Wadenstrmpfe ihres bayerischen Berglands lieen ihnen besser, als Frack
und Zylinder, und seltsam stach vor allem des Brutigams ppige
rotblonde Schwester Klotilde ab gegen die zarte Elfengestalt seiner
Braut.

Als Menschen eigner Art jedoch, nicht als bloe Glieder einer Familie,
traten zwei Erscheinungen aus dem groen Kreise hervor: die Mtter des
jungen Paares waren es. Das Leben hatte sie beide auf seine Hhen
gefhrt und in seine Abgrnde hineingerissen, sie waren von ihm
gezeichnet; die eine -- das Knigskind, das Kind der Liebe --, um deren
hohe Gestalt das Samtgewand wie ein Krnungsmantel niederflo, deren
schwermtig-dunkle Augen Geist und Gte strahlten, -- die andere --, ein
Kind des Volkes und der Arbeit, die sich nicht zu Hause fhlte in dem
schwarzen Seidenkleid, deren harte Hnde von zhem Fleie, deren
durchfurchte Zge von eiserner Willenskraft sprachen, und in deren
braunen Augen doch der kecke Humor noch lachte, der ber alles Ungemach
hinweghilft.

Knigsberg, die Garnison meines Vaters, als er heiratete, war mit dem
raschen Golzowschen Gespann von Pirgallen aus in drei Stunden zu
erreichen. Es war daher fr die Tochter kein Abschied von zu Hause, der
den Schmerz langer Trennung in sich birgt. Ja, sie blieb im Grunde
daheim, denn im alten Stadthaus ihrer Eltern wurde dem jungen Paare die
Wohnung eingerichtet.

Whrend es auf der Hochzeitsreise war, schmckte die Gromutter das
knftige Nest ihrer Kinder. All ihren Geschmack, all ihre Trume und
Gedanken ber die Schnheit, Harmonie und Behaglichkeit einer
Familienwohnung verwirklichte sie hier. Da war der grne Salon mit den
tiefen englischen Lehnsthlen, dem gerumigen Sofa am breiten
Fensterpfeiler, mit dem runden, von einer Tuchdecke bedeckten groen
Tisch davor, dem mchtigen roten Marmorkamin an der Lngswand ihm
gegenber; daneben, nur durch Portieren getrennt, das helle Boudoir mit
seinen kretonneberzogenen Wnden und Mbeln, dem Schreibtisch voller
Familienbilder, berragt von Thorwaldsens segnendem Christus; und auf
der andern Seite des Vaters Zimmer mit seinen schweren geschnitzten
Eichenmbeln, in deren Arabesken das Wappentier der Kleves, die gekrnte
Eule, sich vielfach wiederholte. Fr das Speisezimmer hatte die
Gromutter die alten Empirembel ihrer Mutter hergegeben: Mahagoni mit
Bronzebeschlgen und gelbseidnen Sesselbezgen. Hier prangte auch eine
Reihe alter Familienbilder an den Wnden: Frauen im Reifrock mit
mrchenhaft dnner Taille und gepuderten Haaren, Mnner in
goldstrotzender Uniform und mchtiger Lockenpercke, und mitten unter
ihnen ein rosiges, lchelndes, goldlockiges Frauenkpfchen, das die
Mutter in sptern Jahren immer in den dunkelsten Winkel zu hngen
pflegte: Alix, die Urgromutter, das Knigsliebchen.

Ein groes, helles Schlafzimmer, eine Fremdenstube und ein sorgfltig
abgeschlossner, von der Gromutter streng behteter Raum -- als htte
Blaubart seine Frauen darin -- vollendeten die Wohnung. In Ost und West,
in Sd und Nord -- wohin immer das Soldatenschicksal uns getrieben hat,
-- dieser Rahmen des Lebens ist sich stets gleich geblieben. Ein
Gesellschaftszimmer, ein Tanzsaal kamen spter wohl hinzu, sie haben
mich aber immer wie etwas Fremdes angemutet. Ihr habt keine Heimat,
pflegte die Gromutter zu sagen, da mt ihr sie als Ersatz, wie die
Schnecke ihr Haus, mit euch tragen.

Als die Eltern nach der Hochzeitsreise diese Rume, die geschaffen
schienen, Liebe und Freude in sich zu schlieen, betraten, war auf ihr
Eheglck schon ein Reif gefallen. Ahnungslos, wie alle wohlgehteten
Mdchen ihrer Zeit und ihrer Lebenskreise, war Ilse in die Ehe getreten.
Keusch wie sie war der Mann, dem sie sich vermhlt hatte, aber um so
gewaltiger war die Glut seiner Liebe und seines Begehrens, whrend ihre
Sinne noch schliefen und das groe, tiefe Geheimnis des Geschlechts sich
ihr wie eine grliche Untat offenbarte. Sie hat mir oft erzhlt, da
sie in den ersten acht Tagen ihres Zusammenlebens mit ihrem Mann am
liebsten davongelaufen wre, wenn sie sich nicht vor ihren Eltern
geschmt htte. Erst ganz allmhlich kam ihr die Erkenntnis, da ihr
Gatte kein Verbrecher, ihr Schicksal kein abnormes war. Zu den
seelischen Leiden, mit denen sie ihn, der so liebevoll, so zartfhlend
und weichherzig war, wohl noch mehr qulte als sich selbst, kamen
krperliche Beschwerden hinzu, deren Ursachen sie ebenso verstndnislos
gegenberstand. Sie suchte sie mit der ihr eignen Energie zu
beherrschen, um so mehr, als sie sich unter den ihr fremden Kleveschen
Verwandten befand; sie teilte auch ihrer Mutter nichts davon mit, um die
berngstliche nicht unntig, wie sie meinte, aufzuregen. Tapfer
beteiligte sie sich an allen Ausflgen, allen lndlichen Festen; tanzte
und ritt, obwohl es ihr oft vor den Augen dunkelte und der Schwindel sie
zu bermannen drohte. So kehrte die junge Frau bleich und mde zurck,
die, ein Bild blhender Gesundheit, das Elternhaus verlassen hatte. Der
Schatten dieser ersten Schmerzen und Enttuschungen fiel ber ihr ganzes
Leben.

Der Gromutter blutete das Herz, als sie ihr Kind wiedersah. Bald aber
war sie beruhigt und zrtlicher Freude voll in dem Gedanken an das junge
Leben, das sich im Schoe der Tochter entwickelte. Nur allzu frh sollte
die Hoffnung, die von Ilse selbst nur qualvoll empfunden wurde, zerstrt
werden; und statt einer Wchnerin pflegte die Gromutter eine schwer
kranke junge Frau. Erst die wrzige Herbstluft von Pirgallen heilte sie,
und der Knigsberger Karneval sah sie als eine der schnsten der Schnen
im frhlichen Kreise der Jugend wieder. Sie tanzte gern, sie sah sich
gern von Bewunderern umgeben, und ihr Mann war berglcklich, wenn er
sie heiter wute.

Im zweiten Jahre ihrer Ehe stellten sich wieder Hoffnungen ein; mit
hellem Jubel begrte sie Hans Kleve, mit tiefer Rhrung die Gromutter;
nur die, unter deren Herzen das neue Leben erwachte, sprte nichts von
alledem. Die Fassung, mit der sie sich in ihr Schicksal ergab, das
Vorgefhl ernster kommender Pflichten war das einzige, was sie ihm
gegenber aufbringen konnte.

Indessen richtete die Gromutter des Enkelkindes erstes Stbchen ein:
Alles darin war wei und rot, einfach und freundlich, nur das Sofa war
mit braunem Rips bezogen und der Tisch davor mit braunem Wachstuch. Du
gutes altes Sofa! Auf dir hab ich die Glieder im ersten Lebensgefhl
gestreckt, auf dir bin ich umhergeklettert, als ich die Beinchen regen
konnte; in deinen Winkeln hab ich mein Lieblingsspielzeug geheimnisvoll
verwahrt, habe, tief in deine Polster geschmiegt, meine Mrchenbcher
verschlungen und meine ersten Trume auf dir getrumt!

Mitten in den Vorbereitungen zum Empfange des kleinen Erdenbrgers warf
eine Lungenentzndung den alten Golzow aufs Krankenlager. Bei einer der
hufig wiederkehrenden berschwemmungen, die durch die wilden, alle
Dmme durchreienden Wogen des kurischen Haffs entstanden und die Wiesen
stets auf Jahre hinaus wertlos machten, hatte er stundenlang, bis an die
Kniee im Wasser, mit den Knechten um die Wette die Lcher der Dmme zu
verstopfen gesucht und sich dabei eine Erkltung zugezogen. Auf die
Nachricht seiner Erkrankung siedelte Ilse, die ihrem Vater besonders
nahe stand, nach Pirgallen ber. Noch wochenlang sah sie dem wilden
Kampf des starken Mannes gegen den Allberwinder zu, der ihn
schlielich sanft in seine Arme nahm.

Ein Maiensonntag war es abermals, als der Gutsherr mit all dem Pomp, der
die Sprossen eines der ltesten Geschlechter des Landes von jeher zu
Grabe leitete, in die Gruft seiner Vorfahren gesenkt wurde. Vollzhlig
war wieder die Familie versammelt, vollzhlig war auch das Offizierkorps
des Knigsberger Krassierregiments zugegen, dem Walter, der lteste
Sohn des Verstorbenen, angehrte, und seine Trompeter bliesen die
Trauerchorle. In langem Zuge folgten die Knechte und die Instleute dem
Sarge, den der greise Frster, des Toten Lebensgefhrte, mit seinen
Jgern trug. Ehrliche Trauer blickte aus den Zgen aller der
wettergebrunten Mnner der Arbeit. Werner Golzow war ihnen ein guter
Herr gewesen. Sie hatten nie seine Faust und nie seine Peitsche gesprt,
wie ihre Kollegen ringsum auf den Nachbargtern, und sie frchteten sich
vor dem Junker, seinem Erben. Sein junges hbsches Gesicht war hart und
hochmtig, auf die unbeholfenen, teilnehmenden Worte der Diener seines
Vaters antwortete er nur mit einem leichten Neigen des Kopfes, die Hand,
die sie, der alten preuischen Sitte gem, kssen wollten, zog er
ungeduldig zurck. Als die Gutsleute nach der Beisetzung in der groen
Halle des Herrenhauses von der Gromutter empfangen wurden, sprten sie
doppelt ihre Gte, die nichts Herablassendes hatte, die den Untergebenen
niemals den Abstand zwischen Herrn und Diener fhlen lie. Und einer
nach dem andern richtete die angstvolle Frage an sie: Unsre Frau Baronin
wird uns doch nicht verlassen? Sie schttelte nur wehmtig lchelnd den
Kopf dazu, und halb und halb beruhigt ging alles auseinander.

Sechs Wochen spter wurde ich geboren. Es war ein glhheier
Junisonntag; in voller Pracht blhten die Rosen, und in der alten
dunkeln Gespensterallee, wo die bse Frau von Pirgallen
nchtlicherweile mit dem Kopf unter dem Arme umging, dufteten
berauschend die Linden. Das Gelut der Glocken begleitete gerade die
heimkehrenden Kirchgnger, als ich zur Welt kam. Ich konnte das Leben
nicht erwarten, denn den Weg hinein fand ich ohne Hilfe, -- die weise
Frau kam erst, als die Gromutter mich schon in den Armen hielt und dem
Vater beim Anblick seines Kindes groe Trnen der Rhrung ber die
Wangen liefen.

In der alten Kirche, ber der Gruft der Golzows und unter ihren Speeren,
wurde ich getauft. Die Gutskinder hatten den dstern Raum in eine Laube
von Jasmin verwandelt, -- darum hab ich wohl mein Lebtag keinen
Blumenduft so geliebt wie den dieser weien Sterne. Selbst im geweihten
Wasser des Taufsteins schwammen ihre Bltter, und als der greise Pfarrer
es mir auf die Stirn trufelte, blieb eins davon auf meinem dunkeln
Kpfchen haften. Und wenn ich mit Menschen- und Engelzungen redete und
htte der Liebe nicht, ich wre ein tnend Erz und eine klingende
Schelle -- lautete der Text der Taufpredigt und Alix der Name, der mir
gegeben wurde. Beides hatte die Gromutter gewhlt; den Namen hatte sie
gegen den Widerstand der Tochter fr ihr erstes Enkelkind durchgesetzt,
-- den Namen ihrer Mutter, die sie um so inniger geliebt, je mehr die
Welt sie verdammt hatte.

Ich blieb in Pirgallen. Vergebens hatte man versucht, mich an die Brust
meiner Mutter zu legen. War es ihre innere Abneigung, die sie nur im
Gefhl, eine Pflicht erfllen zu mssen, berwinden wollte, war es mein
frh erwachter Eigensinn, -- kurz, Mutter und Kind schienen nichts von
einander wissen zu wollen, und eine derbe Fischerfrau, die mich mit
ihrem Shnchen zusammen nhrte, wurde meine Amme. Behtet von ihr und
der Gromutter, der das schwarzhaarige, dunkelugige Baby so hnlich
sah, verbrachte ich auch den Winter bei ihr; seufzend hatte es mein
Vater zugegeben, da er sah, da ich hier besser aufgehoben war als in
Knigsberg, wo die Freuden der Geflligkeit meiner Mutter ganze Zeit in
Anspruch nahmen. Oft aber packte ihn die Sehnsucht so sehr, da er Sturm
und Wetter nicht scheute und, wie einst zu der Geliebten, zu der Braut,
nun zu dem Tchterlein hinausritt, um es zu kssen, und in den Armen zu
schaukeln. Die Gromutter hat immer dabei weinen mssen, erzhlte mir
die Amme spter. Lange wute ich nicht, warum.

Dann kam der Krieg, der bse deutsche Bruderkrieg. Mein Vater wurde
Kompagniefhrer in einem jener Regimenter, die durch die mrderischen
Kmpfe in Bhmen fast vllig aufgerieben wurden. In den Wldern um
Kniggrtz warf ihn eine Kugel zu Boden. Wren nicht ein paar seiner
treuen Grenadiere, die ihn wie einen Vater liebten, der eignen
Erschpfung nicht achtend, noch spt des Nachts ausgezogen, um, wie sie
meinten, die Leiche ihres Hauptmanns zu suchen, er wre elend verblutet.
Puckchens, unseres Affenpinschers, klgliches Winseln fhrte sie auf
die Spur des Verwundeten. Sobald er transportfhig war, brachte man ihn
nach Knigsberg. Die Mutter, sonst eine so starke Frau, brach zusammen
beim Anblick des entkrfteten, vollkommen entstellten Mannes. Er war es,
der sie lchelnd trsten mute.

Viele, viele Wochen lag er auf dem Krankenlager, das ihm in seinem
Wohnzimmer errichtet worden war. Je mehr seine Genesung vorschritt,
desto eifriger beschftigte er sich mit mir. Ich habe nie einen Mann
gesehen, der wie er mit kleinen Kindern spielen konnte.

Meine erste traumhafte Erinnerung, -- ich bin immer ausgelacht worden,
wenn ich von ihr erzhlte, da ich doch damals noch nicht zwei Jahre alt
war --, fhrt mich in einen dunkel verhngten Raum vor ein groes
braunes Bett, aus dem mir ein blasser Mann die Arme entgegenstreckte.
Ich wei, da ich laut aufschrie, da der Mann den Kopf mde zurcklegte
und ich mich ausatmend in meinem hellen Stbchen wiederfand. Und spter
sah ich ihn im Rollstuhl wieder und mich auf seinem Scho mit seiner
groen, dicken Uhr spielend, die, weil sie mit so zrtlichem, feinen
Stimmchen alle Viertelstunden schlug, fr mich immer etwas Lebendiges
gewesen ist. Wende ich ein andres Blatt der Erinnerung um, so seh ich
groe rote Blumenkerzen in mein Fenster hereinleuchten. Das war in
Potsdam, wohin mein Vater nach dem Feldzug versetzt wurde, und wo wir in
einem gartenumsumten Haus, vor dem ein alter Kastanienbaum Wache hielt,
das erste Stockwerk bezogen. Neben uns, nur durch den Gartenzaun
getrennt, wohnte meiner Mutter zweiter Bruder Max, der bei den
Gardehusaren Leutnant war und eine elsssische Cousine geheiratet
hatte. Werner, ihr Sohn, war nur um wenige Monate jnger als ich. Unter
uns aber, in die Parterrewohnung mit der groen Terrasse, auf deren
Balustrade kleine Steinengelchen saen, die in meinen Trumen immer
lebendig wurden, zog, kaum ein Jahr nach unsrer bersiedlung, die
Gromutter ein.

Walter Golzow hatte nach dem Kriege den bunten Rock mit dem schnen
himmelblauen Kragen ausgezogen und das Gut bernommen, dessen Geschfte
die Gromutter bis dahin mit Hilfe des erprobten Verwalters gewissenhaft
und in der alten Weise geleitet hatte. Sie versuchte dann noch eine
Zeitlang, neben dem Sohn zu wirken und zu arbeiten, wie sie es frher
gewohnt gewesen war. Aber zu hart stieen die Gegenstze aneinander: in
ihrer Milde sah Walter Schwche, in ihrer Wohlttigkeit Verschwendung.
Es kam auch tatschlich zuweilen vor, da ihre Gte mibraucht wurde,
da man die allzeit Hilfsbereite, die an jedem Menschen etwas Gutes sah
oder herauszulocken verstand, hinterging und betrog. Das nahm ihr Sohn
zum Vorwand, ihrem barmherzigen Wirken mehr und mehr Hindernisse in den
Weg zu legen. Doch dies alles htte sie nicht so schwer getroffen, da
sie als Herrin ihres Vermgens damit machen konnte, was ihr gut schien;
unertrglich wurde ihr die Existenz vielmehr erst durch die fast
fieberhafte Neuerungssucht Walters: nichts in der Wirtschaft und im
Hause schien ihm mehr gut genug, und Umwandlungen und Neuanschaffungen,
die ein vorsichtiger, auf alle Mglichkeiten schlechter Jahre
vorbereiteter Gutsherr auf einen langen Zeitraum verteilt, sollten jetzt
in wenigen Monden vor sich gehen. Die Gromutter sorgte, warnte, bat,
-- sie predigte tauben Ohren. Die Stlle fllten sich mit Luxuspferden,
die Wirtschaftsrume mit neuen Maschinen aller Art, deren Handhabung
selten einer verstand, das Herrenhaus mit modernen Mbeln, vor deren
geschmacklosem Prunk der alte, solide Hausrat aus Urvter Tagen weichen
mute. Es kam zu scharfen Auseinandersetzungen zwischen Mutter und Sohn,
die ihren Hhepunkt erreichten, als sie sah, wie er auf die Wange eines
ungeschickten Reitknechts die Peitsche niedersausen lie, so da der
junge Mensch blutend zu Boden sank. Wenige Tage darauf entfhrte der
alte breite Kutschwagen mit den wohlgenhrten Braunen davor die
Gromutter von der Sttte ihrer jahrzehntelangen Wirksamkeit, von dem
erinnerungsreichen Boden ihrer zweiten Heimat. Sie sah sich nicht um,
und sie weinte nicht; zu tief empfand sie das schwerste Geschick, das
ein Weib treffen kann: fremde Kinder zu haben.

Ich war vier Jahre, als die Gromutter nach Potsdam kam. Ein lbild von
Tochter und Enkelin, das damals fr sie gemalt worden war, zeigt, da
auch ich meiner Mutter solch ein fremdes Kind gewesen bin: von ihrer
lichten Erscheinung mit dem hellblonden Haar, der durchsichtigen Haut,
den meerblauen Augen sticht das kleine Mdchen seltsam ab, um dessen
schmales gelbliches Antlitz dunkle schwere Locken sich ringeln, dessen
schwarze Augen fragend und vertrumt ins Weite sehen. Von klein an
bewunderte ich neidvoll meiner Mutter nordische Schnheit, und wenn
meine Freunde mir Trnen des Zorns entlocken wollten, brauchten sie mich
nur schwarze Alix zu rufen; sie waren selbst alle blond, und schon
bei den Unmndigen wirkt die Majoritt berzeugend. Die Anfhrer bei
solchen Spen, die mir den Umgang mit meinesgleichen frh verleideten,
waren meist mein Vetter Werner und Adda, das Tchterchen eines der
Regimentskameraden meines Vaters. Mit jener Grausamkeit, die nur den
kleinen Menschentieren eigen ist, rchten sie sich durch ihre Neckereien
an meiner Besonderheit. Einig waren wir drei eigentlich nur, wenn es
galt, unseren franzsischen Bonnen einen Schabernack zu spielen. Wir
konnten sie alle nicht leiden und empfanden sie nur als notwendiges
bel, unter dem wir gemeinsam zu leiden hatten.

An jedem schnen Morgen fhrten sie uns in den Park von Sanssouci; kein
Wort Deutsch durften wir sprechen, und artig muten wir nebeneinander
gehen. Wenn die drei Fruleins aber erst hkelnd auf einer der Bnke
saen und die Lebhaftigkeit ihres Gesprchs einen gewissen Hhepunkt
erreicht hatte, benutzten wir schleunigst die Gelegenheit, aus ihrem
Gesichtskreis zu verschwinden, und dann war ich die Anfhrerin. Wo die
Bsche am dichtesten waren, versteckten wir uns und spielten im grnen
Dmmerlicht phantastische Mrchen. Meine blhende Phantasie steckte die
beiden andern an: unter halbverwitterten steinernen Gttern gruben sie
eifrig nach den Schtzen, von denen ich ganz genau zu erzhlen wute,
oder sie umschlichen geduldig immer wieder des alten Fritzen Schlo oben
auf den Blumenterrassen, die Ritter und die Feen mit Herzklopfen
erwartend, die ich schon soo oft gesehen hatte. Wenn freilich durchaus
nichts von dem Erwarteten sich zeigen wollte, mute ichs bitter ben,
und wenn wir unsrer schmutzigen Hnde und zerdrckten Kleider wegen von
unsern drei Gestrengen gescholten wurden, war allemal ich die
Hauptschuldige. Allmhlich gewhnte sich mein sehr robuster und
prosaischer kleiner Vetter daran, den lebhaften Ausbrchen meiner
Einbildungskraft mit einem verchtlichen zu dumm zu begegnen, was mich
bis zu Trnen krnkte und mehr und mehr verstummen lie. Spielte ich
dann artig mit Ball und Reifen, ohne in die Bsche zu kriechen, dann
lobte mich Mademoiselle: Comme elle devient raisonable! sagte sie.

Noch stand ich nicht fest auf dieser Staffel der guten Erziehung, als
mir ein schwerer Kummer widerfuhr. In unserm Garten, in dem wir
nachmittags zu spielen pflegten, lagen auf den Wegen viele bunte
Kieselsteine. In einem Winkel, unter einem Jasminstrauch -- zu den
weien Blten trug ich immer meine tiefsten Geheimnisse -- sammelte ich
die schnsten, die ich finden konnte. Ich war fest berzeugt, da sie in
ihrem Innern goldne Wagen mit weien Pferdchen davor, blitzende
Knigskronen und schimmernde Schlsser bargen, und versuchte, sie mit
einem Hammer aufzuschlagen. Schlielich kamen Werner und Adda hinter
mein Geheimnis; mein Vetter, den meine glhende Begeisterung fr die zu
erwartenden Herrlichkeiten anstecken mochte, bemhte sich auch
seinerseits, die Kiesel zu ffnen, und es gelang. Bist du dumm, rief
er rgerlich, als er die grauen Splitter in der Hand hielt, es sind ja
nur ganz gewhnliche Steine!

Noch oft hab ich spter hinter dem Leblosen wundervolle Offenbarungen
vermutet und im Schweie meines Angesichts versucht, zu ihnen
vorzudringen, aber die Enttuschung hat mich kaum je so heftig
geschmerzt und bis zu so wilder Verzweiflung getrieben, wie damals, wo
ich, ein fnfjhriges Kind, weinend vor den zerschlagenen Kieseln sa.

Wenn die andern mich verhhnten, wenn der Schmerz mich bermannte und
sie nicht verstanden, warum, dann blieb mir ein Zufluchtsort und ein
Mensch, der immer die rechten Worte des Trostes fand: Gromama. Wie oft
flchtete ich in ihr stilles Reich, wo sie zwischen blhenden Blumen und
dunkeln Palmen lesend, schreibend oder still vor sich hintrumend in
ihrem tiefen, grnen Lehnstuhl sa. Sie hatte immer Zeit fr mich, sie
lachte mich niemals aus und antwortete nie auf meine tausend Fragen mit
jenem ein weiches Kindergemt so verletzenden: Das verstehst du nicht.
Und wenn sich mir Park und Garten, Wasser und Wald mit tausend Gestalten
bevlkerten, wenn die allabendlich in buntem Reigen um mein Bettchen
tanzten, so wute ich: Gromama sah sie, wie ich; nur die andern hatten
keine Augen dafr. War ich allein bei ihr, so erschienen mir ihre Zimmer
wie ein einzig Mrchenreich: Zwischen den Palmen lchelte der schne
weie Jnglingskopf ihres Vaters mir entgegen -- halb ein Csar, halb
ein Antinous --; von den Wnden sahen Mnner und Frauen mich an, mir
vertraut seit meinem ersten Augenaufschlag, wenn auch fremd nach Art und
Gewandung, und unter einem von ihnen, auf kleinem Postament, stand
Winter und Sommer ein frischer Blumenstrau. Das war der Dichter, zu
dessen Fen die Gromutter gesessen hatte, als sie ein Kind, ein junges
Mdchen gewesen war, der die Geschichte vom Heiderslein gedichtet
hatte, die erste, die ich wiedererzhlen konnte, und bei deren Schlu
mir immer die Stimme brach: ... Doch es half kein Weh und Ach, mut es
eben leiden!

Auf dem Fubnkchen neben Gromama, den Kopf vergraben in den weichen
Falten ihres Sammetkleids, die Augen auf die tanzenden und zuckenden
Flammen des Kaminfeuers gerichtet, whrend ihre leise Stimme ber mir
klang, von Schneewittchen und Dornrschen erzhlend oder von der kleinen
Seejungfrau, die dem Prinzen zuliebe unter tausend Schmerzen zum
Menschen wurde und dann doch wieder hinabsteigen mute in die Fluten, --
das waren die schnsten Stunden meiner frhen Kinderjahre. Und das alles
waren Erlebnisse fr mich, viel bedeutungsvollere, als die Ereignisse
des ffentlichen Lebens, deren Kunde an mein Ohr schlug. So wei ich vom
deutsch-franzsischen Kriege, obwohl ich ihn als fast Sechsjhrige
erlebte, nicht allzuviel. Ich sehe mich zwar Charpie zupfend am Fenster
sitzen oder mein Frhstcksbrtchen mitleidig fr die armen Soldaten in
die Kiste legen, die die Mutter allwchentlich zu packen pflegte; ich
erinnere mich, da ich mit Hurra schrie bei jeder Siegesnachricht und
die Illuminationskerzen nach dem Fall von Sedan mit in die sandgefllten
Glser steckte. Ich wei auch, da mir das bunte Schauspiel des Einzugs
der Sieger in Berlin, dem ich in einem neuen blauseidnen Kleidchen mit
meiner Mutter von irgend einem Lindenhotel aus beiwohnte, sehr gefiel,
und da mein Lorbeerkranz statt auf die Lanze eines Kriegers auf den
aufgespannten Schirm irgend einer biedern Berliner Brgerfrau
niederfiel; aber von hochgeschwellter patriotischer Begeisterung wei
ich nichts. Vielleicht, da die gedrckte Stimmung zu Haus mich
beeinflut hatte, denn hier kam eine reine Siegesfreude nicht auf. Nicht
nur, weil Shne und Gatten allen Wechselfllen des Krieges ausgesetzt
waren, sondern auch, weil nahe, liebe Verwandte der Gromutter im
franzsischen Heere dienten. Neffen von ihr kamen als Gefangene nach
Potsdam; der alte Bruder ihrer Mutter, der sich als Jngling unter
Napoleon I. die Sporen verdient hatte, kmpfte jetzt mit derselben
glhenden Vaterlandsliebe unter seinem Nachfolger. Von dem Franzosenha,
der den deutschen Kindern spterer Zeit eingeprgt wurde, wuten wir
infolgedessen nichts. Ich glaube, jener Hurrapatriotismus, der sich
heute breit macht, gedeiht nur in Friedenszeiten. Wer dem Kriege Aug in
Auge sieht, dessen Vaterlandsliebe wird vielleicht nicht weniger tief,
wohl aber ernster und stiller sein. Erst wenn die groen Kmpfe der
Vlker lange vorber sind, werden sie zu Mitteln, die Begeisterung auch
der Kinder anzufachen. So kam es wohl, da meine Phantasie von dem, was
vor sich ging, ebenso unberhrt blieb wie mein Gemt. Nur der Heimkehr
meines Vaters sah ich voll jubelnder Freude entgegen.

Er brachte uns allen Geschenke aus Frankreich mit, die er mit Sorgfalt
und in der freudigen Aussicht auf die glcklichen Gesichter der
Empfnger ausgewhlt und wofr er wohl auch viel Geld ausgegeben hatte.
ber all das schne Spielzeug, das ich erhielt, war mein Jubel ohne
Grenzen, und ein zierliches goldnes Kettlein, das mich noch mehr
entzckte, schlang ich mir grade vor dem Spiegel um den Kopf, so da die
Perle, die wie ein Tautropfen daran hing, just unter dem Scheitel auf
die Stirne fiel -- meine schwarzen Locken erschienen mir pltzlich gar
nicht mehr so hlich --, als das Antlitz meiner Mutter hinter mir
auftauchte. Angstvoll erstaunt wandte ich mich um; Seiden- und
Samtstoffe lagen vor ihr ausgebreitet, mit zrtlich-fragenden Augen sah
der Vater sie an, und sie -- sie freute sich nicht! Worte des Vorwurfs
ber die unntzen Ausgaben war das erste, was ich sie sagen hrte, und
mit ungewohnt heftiger Geberde nahm sie mir die Kette aus den Haaren,
die nun -- ich wute das nur zu gut -- in der unergrndlichen Tiefe des
Silberschranks verschwinden wrde, wie so manche der schnsten Dinge,
bis Alix gro sein wird. Dann dankte sie dem Vater mit einer khlen
Phrase, aus der ich das Erzwungene mit dem feinen Gefhl des
Kinderherzens herausempfand. ber unsre Festtagsfreude hatte sich ein
dunkler Schatten gelegt. Papa ging verstimmt hinaus, ich spielte
verschchtert in einem mglichst versteckten Winkel. Freude ist eine der
sensitivsten Pflanzen, die es gibt, das hab ich damals unbewut zum
erstenmal empfunden: wenn sie in vollster Blte steht, gengt ein kalter
Lufthauch, sie zu tten. Sie will gehtet sein und gepflegt, und nur ihr
natrliches Welken ist schmerzlos. Verschleiert blieb von da an die
Stimmung; um Liebe werbend, dankbar fr jeden wrmeren Blick, bemhte
sich mein Vater um seine schne khle Frau. Wie oft nahm er mich auf den
Scho, legte mein Bckchen an seine Wange und herzte und streichelte
mich, whrend seine Augen ihr folgten, die im Zimmer umherging, jedem
Staubfserchen nach, das etwa von einem Mbelstck nicht entfernt worden
war.

Bald hie es, die Mutter sei krank und brauche lngere Zeit der
Erholung. Groe Koffer wurden gepackt, und wir reisten -- Gromama, Mama
und ich, meine Mademoiselle und die Jungfer -- nach der Schweiz. Wie
schnell war da der arme, einsame Papa vergessen! Wundervolle Bilder von
weileuchtenden Gletschern, blauen Seen, brausenden Wasserstrzen und
Schauerlichen Abgrnden zogen an mir vorber. Nirgends war mir meine
Bonne mit ihrem ewigen: Tiens-toi droite -- ne court pas si vite -- sois
raisonable so widerwrtig vorgekommen wie hier. Ins Moos sich werfen mit
ausgebreiteten Armen, laufen und springen, wie von Flgeln getragen, und
ber Stock und Stein aufwrts klettern, hher, immer hher, bis zu den
silbernen Huptern der Berge mitten in den Himmel hinein -- ach, wer das
knnte! Eines Tages hielt es mich nicht lnger. Irgendwo am
Vierwaldstdter See wars, wo ich davon lief, gedankenlos, ziellos, nur
erfllt von dem Wonnegefhl der ungebundenen Kraft. Erst als es anfing
zu dunkeln, kam ich zum Bewutsein meiner Verwegenheit. Da pltzlich
geschah etwas so Wundersames, da ich alles verga: die weien Berge
bekamen rotglhendes Leben. -- Mnnergeschrei und ngstliches Rufen
schreckten mich auf aus der Verzauberung; vom Hotel aus suchte man die
Ausreierin. Stumm kehrte ich heim, unempfindlich blieb ich fr alle
Vorwrfe, die mich sonst so bitter trafen; das Erlebte hatte jede andre
Empfindung in mir ausgelscht. Nur der Gromutter vertraute ich
flsternd das groe Geheimnis an: wie die Bergriesen vor mir lebendig
geworden waren.

Im Herbst desselben Jahres kehrte Gromama nach Potsdam zurck, Mama
und ich aber reisten nach Augsburg zu meines Vaters Schwester Klotilde.
Sie hatte sich mit Baron Artern, dem jngeren Bruder ihrer Tante Kleve,
bei der sie erzogen worden war, vermhlt gehabt und war nach kurzem
strahlendem Glck Witwe geworden. Monatelang schien es, als ob ihr
sehnschtiger Wunsch, dem Toten zu folgen, erfllt werden wrde, und es
war mein Vater, der ihr in dieser Zeit mit der ganzen hingebungsvollen
Liebe und zarten Rcksicht, deren er fhig war, zur Seite gestanden und
sie dem Leben zurckgewonnen hatte. Er war es wohl auch gewesen, der ihr
den Gedanken nahe legte, uns zu sich einzuladen. Es gibt kaum eine
heilendere Kraft fr alle Lebenswunden als die weichen Hnde, die klaren
Augen und das helle Lachen eines Kindes, -- ihr war sie versagt
geblieben; in mir, so hoffte mein Vater, sollte sie sie finden.

An einem trben Oktoberabend kamen wir in Augsburg an. In Trauerlivree
empfing uns der Diener am Bahnhof, dunkel war die Equipage, dunkel waren
die engen winkligen Straen, und grau, wie leblos, starrten die alten
Huser mir entgegen. In einen hallenden Torweg, den nur eine unruhig
flackernde Lampe sprlich erhellte, bog der Wagen, und vor einer
breiten, teppichbelegten Treppe mit kunstvollem schmiedeeisernem
Gelnder stiegen wir aus. Eine alte Dienerin mit groem Schlsselbund
ber der schwarzseidenen Schrze begrte uns zuerst; oben, wie eine
Frstin, wartete des Hauses Herrin auf uns. Der Kreppschleier verhllte
sie fast ganz, nur das weie Gesicht und die roten Haare leuchteten
daraus hervor. Weinend umarmte sie ihre Gste, und erschttert von dem
Eindruck der neuen Umgebung weinte ich mit ihr. Du gutes Kind, sagte
sie und kte mich zrtlich; ich hatte ihr Herz gewonnen.

Ein seltsames Leben begann fr mich in dem grauen Hause mit seinen
langen, dstern Gngen, an deren Wnden ein dunkles Bild neben dem
andern hing, mit seinen mchtigen schwarzbraunen Schrnken und den
tiefen, tiefen Teppichen, ber die der Fu unhrbar hinglitt. Die Tren
waren mit Fries eingefat, um jedes Gerusch zu vermeiden, und die
Klingeln hatten einen dunkeln Ton. Meine Tante vertrug nicht den
geringsten Lrm. Man hatte mir das streng eingeschrft, aber ich wre
hier auch ohnedies ganz still gewesen. Nur im Stbchen bei der alten
Kathrin, der Wirtschafterin, die mich schnell in ihr Herz schlo, durfte
ich lachen und toben, und drauen bei allen den vielen Verwandten und
Freunden fhlte ich mich aus dem Traumreich in die Welt zurckversetzt.
Die erste Mdcheneitelkeit ist damals von ihnen in mir grogezogen
worden. Sie umgaben mich frmlich mit der wohligen weichen Treibhausluft
der Bewunderung; und wenn meine Mutter auch, sobald wir allein waren,
Worte wie Hagelschauer und Gewitterregen abkhlend hernieder brausen
lie, so sah ich darin doch nichts weiter, als da sie mir die Freude
eben wieder einmal nicht gnnen wolle. Hatte ich mich frher, weil ich
anders war, zurckgesetzt gefhlt, war ich mir im Vergleich zu meinen
hellugigen Gespielen hlich vorgekommen, so wurde ich allmhlich
meiner Besonderheit als eines Vorzugs bewut.

In meinem Zimmer, das ich allein bewohnte -- Mademoiselle war auf
Urlaub bei ihren Eltern in der Schweiz geblieben --, stand ein
verschlossener Schrank. Ich studierte durch die Glastren die Titel auf
den Rcken der Bcher, soweit das meine ziemlich unzureichende Kenntnis
der deutschen Buchstaben zulie; franzsisch war mir bisher allein
gelufig geworden. Auf einer Reihe groer Quartbnde wiederholten sich
immer dieselben Worte: Die Geschichten aus tausend und einer Nacht.
Tausend und eine Nacht, -- hie nicht so das Buch mit den bunten
Bildern, aus dem mir Gromama Aladins seltsame Abenteuer vorgelesen
hatte? Niemand erzhlte mir Mrchen in Augsburg, die alte Kathrin wute
nur immer dieselben Gespenstergeschichten, ach, wenn ich doch selber
lesen knnte! Heimlich versuchte ich, mit allen Schlsseln, die mir
erreichbar waren, den Schrank zu ffnen, um zu den Schtzen zu gelangen,
die er barg. Endlich, endlich sprang er auf. Wie gut, da ich Halsweh
hatte und Tante und Mama allein spazieren gefahren waren! Mit klopfendem
Herzen nahm ich einen Band nach dem andern heraus -- ich sehe noch ihr
gebruntes Leder vor mir und ihr gelbes, stockfleckiges Papier! -- und
betrachtete die vielen Bilder darin: Geister und Ungeheuer, Mnner auf
sich bumenden Rossen mit krummen Sbeln und hohem Turban und wunder-,
wunderschne Frauen. Von nun an hatte ich hufig Halsschmerzen und
lie mir mit rhrender Geduld Einreibungen und Umschlge gefallen, trug
auch klaglos das rote Flanelllppchen, das ich sonst nicht rasch genug
hatte abreien knnen. Sobald ich allein war, vertiefte ich mich in die
Bcher. Es waren unverkrzte bersetzungen des herrlichen
Mrchenschatzes; ich lernte lesen darin; der ganze Farbenreichtum, die
ganze Glut des Orients umgaben mich wie mit einem Zaubermantel. Wie oft,
wenn ich mit glhenden Wangen und heien Augen den Heimkehrenden
entgegentrat, wurde mir der Fieberthermometer besorgt unter den Arm
gesteckt. Aber ich hatte kein Fieber, -- ich hatte ja auch nur mit den
Ausschneidepuppen gespielt, die in buntem Durcheinander auf meinem
Tische lagen!

Warum ich mein Geheimnis verschwieg? Nicht nur, weil die Mutter ganz
gewi die Bcher verschlossen htte, sondern weit mehr noch, weil alles,
was mich am tiefsten ergriff, auch am tiefsten verhllt bleiben mute.
Es erschien mir entweiht, seines Wertes beraubt, wenn andre es sahen,
besprachen, betasteten. Gromama allein htte ich davon erzhlen knnen.
Niemand merkte das Geheimnis, in dem ich lebte, niemand ahnte, da ich
in den dunkeln Gngen und tiefen Nischen alle Spukgestalten meiner
Bcher leibhaftig vor mir sah, da sie mir aus den Bildern an den Wnden
entgegentraten, da ich eine seltsam schwle, schwere Luft durstig
einatmete.

Seit meiner ersten Kinderzeit hatte ich die Gewohnheit, mir abends im
Bett Geschichten zu erzhlen; das waren meine kstlichsten Stunden! Da
strte mich nie die rauhe Hand der Wirklichkeit, da lachte mich keiner
aus. Von nun an wurden meine Phantasten wilder, so da ich mich oft vor
ihnen frchtete und zitternd unter die Bettdecke kroch. Hufig genug
wartete ich mit fieberhafter Erregung auf den Schritt der Mutter im
Nebenzimmer, aber zu rufen wagte ich nicht, nachdem sie mich einmal
meiner dummen Aufregung wegen arg gescholten hatte.

Inzwischen war mein Vater nach Karlsruhe versetzt worden. Er und die
Gromutter besorgten den Umzug, suchten die Wohnung und richteten sie
ein. Beide erwarteten uns, als wir nach einer beinahe halbjhrigen
Abwesenheit endlich heimwrts reisten. Mir war der Abschied von Augsburg
sehr schwer geworden, denn mochte ich mir noch so sehr den Kopf
zerbrechen, -- meine lieben Bcher heimlich mitzunehmen, gelang mir
nicht. Papa und Gromama erschraken, als sie mich wiedersahen. So bla
ist mein Alixchen, sagte sie. So dunkle Rnder hat sie um die Augen,
fgte er hinzu. Als ich zuerst sein Zimmer betrat, einen langen Raum mit
einem einzigen breiten Fenster, sah ich eine durchsichtige, weie
Gestalt mit gesenktem Haupt an mir vorberschweben. Ich schrie auf und
erzhlte nach vielem Zureden, was mir begegnet war; schon wollte die
Mutter auffahren, und der Vater murmelte etwas von dem Unsinn, den man
dem armen Kinde beigebracht hat, als die Gromutter mich still beiseite
nahm und lange und liebreich auf mich einsprach. Was sie sagte, wei ich
nicht mehr, aber es lste mir Herz und Zunge. Ach, bleib doch bei mir,
Gromama! rief ich, whrend die Angst sich in Trnen lste. Andre
jedoch bedurften ihrer noch mehr als ich; ihr jngster Sohn, Max, zog
sie an sein Krankenlager, und ich war wieder allein.

Es war tiefer Winter damals. Trbselig und neidvoll sah ich oft durch
die geschlossenen Fenster auf den Platz, wo die Kinder tobten,
Schneeball warfen und Schneemnner bauten. Ich durfte nur selten
hinaus. Von klein an war ich Halsentzndungen ausgesetzt gewesen, und
meine Mutter lie mich, ebenso pflichttreu wie gedankenlos, bei kaltem
Wetter nur ins Freie, wenn es vllig windstill war. Aber auch dann wurde
ich dick verpackt und durfte nicht laufen wie die andern. Das lie mich
noch mehr vereinsamen. Mir ist, als htte ich die Winter stets
verschlafen, so wenig wei ich von ihnen. Vom Frhling aber und vom
Sommer wei ich um so mehr. Wir hatten einen groen Garten hinter dem
Hause mit alten Bumen, blhenden Bschen und bunten Blumen. Hier war
mein Reich. Hier durfte ich ungestrt umherspringen, mir Hhlen bauen,
die zu unterirdischen Schtzen fhrten, auf der Schaukel bis zu den
Wolken fliegen, die im Grunde gar keine Wolken, sondern Drachen und
Zaubervgel waren. Hier konnte ich mit meinen Bllen, die alle
Mrchennamen trugen, geheimnisvolle Zwiesprach halten, so da die
Nachbarn oft meinten, ich htte Scharen von Gespielen im Garten. Puck,
unser alter Pinscher, dem zwei Feldzge schon die Haare gebleicht
hatten, mute sich hier zu jugendlichen Sprngen bequemen, war er doch
das Flgelpferd, das mich ins Zauberland tragen sollte.

Ich war den grten Teil des Tages mir selbst berlassen. Mademoiselle
war froh, wenn sie den Mund nicht aufzutun brauchte und mit ihrer
unendlichen Hkelei friedfertig auf dem Sofa sitzen konnte. Papa war den
ganzen Vormittag auf dem Bureau des Generalkommandos ttig, nachmittags
ritt er mit Mama spazieren und arbeitete dann allein bis zum Abend.
Mama hatte immer schrecklich viele Besuche zu machen und zu empfangen;
und was beiden an freier Zeit etwa noch brig blieb, das verschlang die
groe, zu jeder Jahreszeit uerst lebendige Geselligkeit. Nur
vormittags zwischen ein und zwei Uhr pflegte meine Mutter mich bei
schnem Wetter zum Spaziergang mitzunehmen. Mit dem Reifen, meinem
unzertrennlichen Gefhrten, lief ich voraus durch eine jener
menschenleeren, langen, graden Straen, die in Fcherform smtlich am
Schloplatz mnden, und trieb mein Spiel durch die stillen Laubengnge
des Parks, bis es Zeit war, Papa vom Bureau abzuholen. Pnktlich, wenn
wir vor dem Hause standen, schlo der Kommandierende, General von
Werder, der Sieger von Wrth, die Vormittagsarbeit und kam mit Papa
hinaus, um uns heim zu begleiten, denn er mochte alle schnen Frauen
gern, meine Mutter insbesondere. Ich sehe ihn noch, den kleinen Mann,
mit den Hnden auf dem Rcken und den blitzenden Augen in dem scharf
geschnittenen Gesicht, wie er neben uns herging, immer zu einem derben
Scherz bereit und stets einen Leckerbissen fr mich in der Tasche.

Mein Reifen ruhte auf dem Heimweg, denn dann hatte der Vater mich an der
Hand, und des Fragens und Erzhlens war kein Ende. Wenn er fr meine
Phantasien auch nur wenig Verstndnis hatte und ich mich htete, sie ihm
anzuvertrauen, so wute er doch wie kein anderer meine Wibegierde zu
stillen. Er hatte eine Art, mir die Dinge klarzumachen und selbst
schwierige Probleme meinem kindlichen Verstndnis nahezubringen, mir
Naturerscheinungen, chemische oder physikalische Vorgnge zu erklren
und mich das Leben der Pflanzen und Tiere beobachten zu lehren, die die
kurzen Stunden des Zusammenseins mit ihm wertvoller fr mich machten,
als wenn ich den ganzen Vormittag in der Schule gesessen htte. Kamen
wir nach Haus, so gingen wir zusammen in den Stall, und ich brachte den
Pferden meinen Frhstckszucker, den ich mir tglich vom Munde absparte,
seitdem Mama mich wegen meiner Zuckerverschwendung gescholten hatte.
August, unser Kutscher und Faktotum, der mir trotz seiner verdchtig
roten Nase viel lieber war als alle Mademoiselles zusammen genommen,
mute den kleinen Braunen herausfhren, und ich durfte auf Mamas Sattel
im Hof umherreiten, whrend Puckchen steifbeinig nebenher trabte, die
Augen ernsthaft auf mich gerichtet, als mte er Sitz und Haltung ebenso
beobachten und kritisieren wie Papa. Der war kein bequemer Lehrmeister,
und ich frchtete diese halbe Stunde vor Tisch mehr, als da ich mich
daran freute. Ja, reiten, -- das mute herrlich sein! Frei, mit
verhngtem Zgel ber Felder und Wiesen, -- vor Wonne klopfte mein Herz,
wenn ich daran dachte! Aber im engen Hof, immer im Schritt, bestenfalls
im kurzen Trab in der Runde, jeden Moment gewrtig, vom Vater heftig
angefahren zu werden, wenn ich krumm sa, die Zgel verkehrt hielt, die
Ecken nicht ausritt oder die Peitsche verlor, -- grlich wars! Laute,
harte Worte zu hren, verwundete mich aufs tiefste, und die
Liebesbeweise, mit denen mein Vater mich nach jedem Ausbruch seiner
Heftigkeit in doppeltem Mae berschttete, vermochten den Eindruck
nicht auszulschen. Ich bemhte mich, sie nicht hervorzurufen -- man
nannte das lobend artig sein --, aber mein Herz krampfte sich dabei
zusammen, und ich zog mich mehr und mehr in das Gehuse meines
verborgenen Lebens zurck, was meine Mutter als ein erfreuliches
Resultat ihrer Erziehungsmethode betrachten mochte, die nur ein Prinzip
kannte: Selbstbeherrschung. Ein gut erzogenes Mdchen zeigt seine
Gefhle nicht, pflegte sie zu sagen, und so vergrub ich mich in die
Kissen meines Betts, wenn ich weinen mute, und lief in den Garten
hinaus, um mich hoch in die Lfte zu schaukeln, wenn ich mich freute.

Eigentliche Freunde und Spielkameraden hatte ich nicht, wohl aber
geselligen Verkehr, der mich Sonntags fast immer, schn geputzt, aus dem
Hause fhrte. Im Schlo bei Groherzogs war ich ein hufiger Gast:
Prinzessin Viktoria und Prinz Ludwig, zwei blhende Kinder damals, waren
lustige Gefhrten, und beim Baumplndern zu Weihnachten, beim Eiersuchen
zu Ostern hallte das Schlo wieder von unserm Lachen und Lrmen, an dem
das freundliche Elternpaar stets die meiste Freude hatte. Nur das Kochen
in Vickis groer Kche, die das Ideal aller andern kleinen Mdchen war,
langweilte mich entsetzlich, -- die Fee, die dem Wickelkind die
Hausfrauentugenden in die Wiege legt, war offenbar zu meinem Tauffest
nicht geladen worden! Da wars bei Max und Marie doch schner, den
Kindern des Prinzen Wilhelm, deren kaiserlicher Grovater ihnen aus
Ruland das kostbarste Spielzeug zu schicken pflegte: Eisenbahnen mit
richtigen Schienen, Puppen, die laufen und reden konnten, -- lauter
Dinge, die zu jener Zeit fr gewhnliche Sterbliche unerreichbar waren.
Am allerbesten aber gefiel es mir in einem Hause, dessen Herrin, eine
Tochter Bettinens auch dem Geiste nach, es verstand, Mrchen zu
Wirklichkeiten zu machen. Mit ihren beiden reizenden Tchtern, die um
ein paar Jahre lter waren als ich, fertigte sie aus buntem Seidenpapier
die kstlichsten Gewnder an, mit denen geschmckt wir lebende Bilder
stellten, Scharaden auffhrten und uns als Helden Grimmscher Mrchen in
unsre Rollen so einlebten, da die Rckkehr in die prosaische Erdenwelt
uns hart ankam. Unsre Feste wurden bald die groe Attraktion der
Gesellschaft; oft genug sah auch der Groherzog uns zu, und ich erinnere
mich noch recht gut, wie ich einmal als kleiner Amor im rosa Hemdchen,
mit goldenen Sandalen und blitzenden Flgeln aus einem Strau lebendiger
Blumen meinen Pfeil auf ihn zu richten hatte und auf seinen lachenden
Zuruf: Nun, schie los! das strenge Schweigegebot vergebend,
antwortete: Aber das tut weh! Bald lernte ich besser, bei solchen
Gelegenheiten die Fassung zu bewahren, denn lebende Bilder und
Kostmfeste waren auch bei den Groen an der Tagesordnung, und fast
berall wirkte ich mit. In Scheffels Dichtung vom Rockertweibchen, die
unter seiner persnlichen Leitung dargestellt wurde, war ich ein kleines
Schwarzwaldmdchen, das sich der besonderen Gunst des Dichters erfreute.
Er hatte immer eine Dte fr mich in der Tasche, und das erste Glas
Sekt, das mir warm und wohlig bis in die Fuspitzen niederrieselte,
verdanke ich ihm. Auch ein Rokokodmchen war ich, mit hoch aufgetrmtem,
gepudertem Haar, und ein Elfenkind, und das Veilchen auf der Wiese, --
was Wunder, da ich immer unlustiger morgens vor meinem alten,
pedantischen Lehrer sa, der mich Buchstaben malen, Gesangbuchverse und
Bibelsprche hersagen lie. Im Strudel rauschender Freude untertauchen
oder lesen und trumen fr mich ganz allein, -- was dazwischen lag: das
Alltagsleben mit seinen Pflichten und Leiden, war wie eine staubige
Strae, die ich am liebsten zu gehen vermied. Pflichten besonders
waren mir verhat; ich definierte sie schon als sechsjhriges Kind auf
eine Frage hin als das, was immer unangenehm ist. Alles, was Mama z. B.
tat, wenn sie ein recht unzufriedenes Gesicht dazu machte, erklrte sie
fr Pflichterfllung: die schmutzige Wsche selber zhlen, obwohl drei
Dienstboten daneben standen, die Zutaten zum Kochen herausgeben, obwohl
wir eine vortreffliche franzsische Kchin hatten, nachmittags mit mir
spazieren fahren, obwohl wir uns beide schrecklich dabei langweilten, --
ja selbst die Dmmerstunden bei Papa, wo er zu Frau und Kind gern
zrtlich war, schienen mir, nach ihrem Ausdruck zu schlieen, in dieses
Gebiet zu gehren. Ganz gewi, ich wrde nie meine Pflicht erfllen,
schwor ich mir heimlich und suchte meine Theorie nur zu oft in die
Praxis umzusetzen, indem ich tat, was mir zu tun gefiel, und Befehlen,
deren Ursache und Zweck ich nicht einsah, hartnckigen Widerstand
entgegensetzte. Der meiner freien Bewegung gezogene Umkreis konnte daher
fr meine Bedrfnisse nicht weit genug sein; darum war der Sommer so
schn, wo ich den Garten fast fr mich allein hatte, wo ich auf dem
Lande bei Verwandten und Freunden der weitgehenden Ungebundenheit mich
erfreute.

Eingebettet zwischen wei- und rotblhenden Obstbumen, berragt von
grnen Hgeln, zu denen schmale, nubaumbeschattete Wege emporfhrten,
noch nicht erobert von dem Feinde aller vertrumten Poesie, der
fauchenden, qualmenden Maschine, lag Weinheim damals zu Fen der
Bergstrae. Dem Grafen Whring, dem Bruder meiner Urgromutter, hatte
das Schlo gehrt, das mit seinen Grten und Weinbergen das Stdtchen
beherrschte. Jetzt hauste seine Witwe, eine achtzigjhrige Greisin dort
oben, der niemand ihr Alter ansah, und bei der wir oft wochenlang zu
Gaste waren. Wie eine Marquise aus dem achtzehnten Jahrhundert war sie
anzuschauen: klein, zierlich, sprudelnd von Geist und Leben, mit
winzigen weien, von Juwelen bedeckten Hnden, allerhand seltenes
Tierzeug -- weie Angorakatzen, schlanke Windspiele, lockige
Zwergpinscher -- um sich herum. Sie pflegte sich stets nur mit Jugend zu
umgeben, -- es sei genug, da der Spiegel sie an ihr Alter erinnerte,
meinte sie. Je toller es um sie her zuging, je mehr Liebesgeschichten
sie sich entspinnen sah, desto frhlicher war sie. Immer hatte sie
Schrnke voll Pariser Toiletten bereit, um ihre weiblichen Gste -- die
schnsten am hufigsten -- damit zu beschenken, und Juwelen, Ringe und
Armbnder aller Art, mit denen sie sie schmckte. Wer harmlos irgend
etwas, was nicht niet- und nagelfest war, bei ihr bewunderte, dem wurde
es als Geschenk aufgentigt. Und was fr merkwrdige Dinge gab es in
ihren Salons mit den Louis XV. Mbeln, den hohen Spiegeln und vielen,
vielen Bildern und Bilderchen: da waren Sessel, Fubnke, Bcher, aus
denen in tollem Durcheinander Mozartsche und Offenbachsche Melodien
ertnten, sobald sie benutzt wurden; Gemlde, die pltzlich in der Wand
verschwanden, um einem Schrnkchen voll sem Naschwerk Platz zu machen;
Tischchen, die in den Boden sanken, wenn man sie anstie, um mit Wein
und Kuchen besetzt wieder zu erscheinen, kurz -- ein Paradies fr ein
wundergieriges Kinderherz! Und dann der Garten mit seiner Flle von
Beeren und Blumen, mit seinen dichten Laubengngen und lustigen
Wasserspielen -- und die Freiheit vor allem, die ungebundene!

Wenn ich bei Tisch erschien, musterte die alte Tante mich zuvor
sorgfltig, rckte da eine Falte zurecht, steckte mir dort eine Schleife
an, wickelte meine Locken ber ihre feinen Fingerchen, zog das Kleid
noch tiefer von meinen magern Schultern und holte die Puderquaste aus
ihrer kleinen goldnen Taschenbchse, um den Rest Vormittagsbermut von
meinen Wangen zu entfernen. Est-elle gentille, la petite?! sagte sie
dann, mich vor dem Spiegel drehend. Mit Seide und Spitzen, mit Kettchen
und Armbndern, mit Worten und Ratschlgen, die fr die Seele einer
Siebenjhrigen nichts andres waren als ses Gift, warb sie um mich und
modelte an mir. Was sie sagte, wei ich heute nicht mehr, aber ich wei,
da ich von ihr erfuhr, des Weibes Aufgabe sei, zu gefallen und zu
herrschen, und all die Spiegel und Bchschen und Flschchen des
Toilettentischs, all die Geheimnisse des Boudoirs seien nichts als
Etappen auf dem Wege zu ihrer Erfllung. Das Bewutsein, hbsch zu sein,
machte mich stolz, und mit der Koketterie des kleinen Mdchens suchte
ich zum erstenmal ein mnnliches Wesen mir gefgig zu machen. Die alte
Tante hatte einen Heidenspa daran, nur war leider der arme Rudi, ihr
Enkel und mein Spielgefhrte, ein gar zu ungeeignetes Objekt fr meine
Knste! Er stotterte und war infolgedessen scheu und ngstlich; und ich,
die ich mit jener unbewuten Grausamkeit der Kinder, mein Licht vor ihm
leuchten lie, verschchterte ihn nur noch mehr. Armer Rudi! Das
Stottern hat man ihm spter abgewhnt, aber in seinem Gemt ist doch
irgend etwas Angstvoll-Zitterndes zurckgeblieben: auf der Hhe des
Lebens hat er sich eine Kugel in die Schlfe gejagt, und keiner wute,
warum.

Meine Erziehung durch die alte Tante war gewissermaen nur eine
theoretische; am Anschauungsunterricht sollte es auch nicht fehlen. Wir
verbrachten die Herbstwochen hufig bei franzsischen Verwandten auf
ihrem Schlosse im Elsa, einer sagenumwobenen alten Ritterburg.
Gefallene Gren des napoleonischen Hofes -- mnnliche und weibliche --
gaben sich dort zur Jagd und Weinlese ein Rendezvous. Ein Stck Pariser
Leben spielte sich vor meinen erstaunten Augen ab: da war der Herr des
Hauses, ein schwer reicher Emporkmmling, dessen kurze, dicke Hnde, mit
denen er meine Wangen streichelte, mir in fatalster Erinnerung sind, --
neben ihm seine vornehme zarte Frau, immer in Spitzen gehllt, an denen
ihre durchsichtigen Hnde nervs hin und her zerrten. Eine ihrer Tchter
war Onkel Maxens Frau, die Mutter meines alten Spielgefhrten Werner,
den ich zu meiner hellen Freude hier wiedersah. Sie war die schnere von
den beiden Schwestern, dabei still und phlegmatisch, eine
Haremsfrauennatur, whrend die andere von Geist und Leben sprudelte und
der Mittelpunkt eines Kreises ausgelassener junger Leute war. Mich
beachteten sie wenig, sie taten sich keinerlei Zwang an vor mir; la
petite hatte ihrer Meinung nach ebensowenig Augen und Ohren wie die
Zofen und Lakaien, ja sie galt zuweilen als der harmloseste Liebesbote.
Aber ich war nur allzubald gar nicht mehr harmlos: mit zitternder
Neugier beobachtete ich ihre Tndeleien, ihre Stelldicheins, ihr
Flstern, ihre Ksse, und Wellen heien Lebens, die mir ber den Rcken
fluteten, lieen mich dabei erbeben.

Als wir das letztemal vom Elsa nach Karlsruhe zurckkehrten -- acht
Jahre war ich damals --, kamen mir mein Garten und mein Spielzeug
merkwrdig fremd vor. Ein Stck harmloser Kindheit war mir inzwischen
verloren gegangen. Gierig strzte ich mich ber alle Bcher, deren ich
habhaft werden konnte, und wenn jemand mich zu ertappen drohte, steckte
ich sie rasch unter Puckchens Kissen, der fast immer auf dem alten
braunen Sofa neben mir lag. Wenn ich mir jetzt des Abends im Bett
Geschichten erzhlte, so klopfte mein Herz nicht aus Angst vor den
Geistern, die ich rief und nicht zu bannen vermochte, sondern in heier
Erregung ber das abenteuerliche Schicksal, als dessen Heldin ich mich
selber trumte. Liebe, wie ich sie um mich gesehen hatte, Liebe, deren
Wonnen und Schmerzen im Mittelpunkt all der Lieder, all der Erzhlungen
standen, die ich las, wurde zum Inhalt meiner Phantasien, und je khler
ich die Luft empfand, die mich daheim umwehte, um so durstiger wurde
mein kleines Herz. Hatte ich doch schon lange den Feuerbrand im Innern
heimlich genhrt und gehtet, weil ich niemanden besa, vor dem ich ihn
als Opferflamme htte aufsteigen lassen knnen, -- nun mute ich mir
selber den Gegenstand meiner Leidenschaft schaffen. Eines der
erschtternsten Erlebnisse meiner Kindheit half mir dazu: das Theater.
Wagners Lohengrin war das erste, was ich sah. Konnte es fr mich etwas
Herrlicheres geben als den Schwanenritter? Er erschien mir als die
Verkrperung idealen Heldentums. Meinen Eindruck vermochte ich nicht in
Worte zu fassen -- undankbar und empfindungslos wurde ich deshalb
gescholten --, aber meinem Herzen hatte er sich unauslschlich
eingeprgt. In demselben Winter sah ich die Jungfrau von Orleans, und
nun stand es fest fr mich: nicht eine Elsa, die dem Geliebten die Treue
brach, wollte ich sein, sondern eine Johanna, die seiner wrdige Heldin
welterlsender Taten.

Bald aber gengte mir der Lohengrin als Gegenstand meiner Liebe nicht
mehr, -- er lebte nicht, und der seine Silberrstung trug, hatte die
Rolle nur gespielt, mich aber verlangte nach einem lebendigen Menschen.
Wenn das Herz auf die Suche geht und die Phantasie die Fhrung
bernimmt, dann wird gar rasch gefunden! -- Bei meinen Eltern gingen
viele Gste aus und ein. Ein junger, schlanker Dragonerleutnant mit
einem schmalen, blassen Gesicht war unter ihnen, der sich oft mit mir
unterhielt, -- nicht wie die andern nur mit mir scherzte und spielte.
Und durch nichts konnte man mich leichter gewinnen, als indem man mich
ernst nahm; -- da man es immer nur drollig und kindisch findet,
erbittert jedes geistig reifere Kind. So flog denn mein sehnschtiges
Herz ihm zu, und meine Phantasie umkleidete ihn mit aller Romantik des
Lohengrinhelden meiner Trume. Er war nicht von Adel, also namenlos wie
Elsas Ritter: gewi wrde er sich einmal als eines Knigs verschollener
Sohn entpuppen, und mir fiele die Aufgabe zu, ihm Reich und Krone zu
erobern! Die schnsten Blumen aus meinem Garten legte ich heimlich auf
seine Mtze im Flur, ehe er ging, und der ganze Tag war mir verklrt,
wenn er morgens vorberritt und mich grte.

Rohe Menschen mgen lachen ber solche Kinderliebe und moralische sich
darber entrsten. Mir ist, als wre sie die reinste meines Lebens
gewesen.

Im Frhling 1874 wurde mein Vater nach Berlin versetzt. Zum letztenmal
versammelten sich des Hauses Freunde um unsern Teetisch. Noch wei ich,
wie mirs vor den Augen dunkelte, als ich meinem Helden die Hand zum
Abschied reichte. Hei lag sie in der seinen. Dann strich er mir noch
einmal ber den Kopf. Wenn wir uns wiedersehn, bist du ein groes
Mdchen, sagte er, wer wei, wir tanzen vielleicht noch einmal
miteinander! Wortlos lief ich hinaus in mein Zimmer und bi verzweifelt
in mein Kopfkissen, um mein Schluchzen zu ersticken.

Kinderschmerz ist so gut echter Schmerz wie der der Erwachsenen, -- nur
da wir ihn so leicht vergessen.

Am nchsten Morgen schrieb ich meine ersten Verse in ein altes
Schreibheft:

    Maiglckchen zart und rein,
    Lut'st schon den Frhling ein?
    Nein, nein, er kommt noch nicht,
    Du gehst zu frh ans Licht.

    Werd ich dich welken sehn,
    Dann werd auch ich vergehn,
    Und in das khle Grab
    Senkt man uns beide hinab.

Bis ich erwachsen war, hat es niemand zu sehen bekommen, wie man eine
getrocknete Blume -- eine Zeugin holder Stunden -- vor der Berhrung
bewahrt, die sie zerstren wrde.

Mein Garten stand in vollem Frhlingsflor, als wir Abschied nahmen. Ich
lief durch das Haus, wo die Packer hantierten, in den Stall, wo August
die Wagen in Decken hllte. Puckchen, mein Puckchen, rief ich. Noch
nie war ich fortgefahren, und wre es auch nur auf ein paar Tage
gewesen, ohne ihm ein Stckchen Zucker zu geben. Aber diesmal kam
Puckchen nicht. Ich frug den August nach ihm, er sah verlegen zur Seite
und murmelte etwas Unverstndliches. Da fiel mir ein, da Mama vor
kurzem von seinem Alter, der Mglichkeit seines Todes gesprochen hatte.
Das Herz stand mir still. Noch einmal suchte und rief ich, die Stimmen
von Mademoiselle und Mama absichtlich berhrend, die mich zur Eile
mahnten. Geh nur, geh, Alixchen, sagte August, der mir nachgekommen
war, beruhigend, Puckchen findest du nicht -- --.

Er ist tot! schrie ich auer mir und warf mich weinend in Augusts
Arme. Alles lief zusammen, mich zu trsten, aber fassungslos blieb mein
Schmerz. Sieh, mein Kind, sagte schlielich Mama, die mich auf den
Scho genommen hatte, Puckchen war alt und krank, er htte sich mit
seinen blinden Augen in der fremden Stadt nicht mehr zurecht gefunden.
Eine Wohltat wars fr ihn, da ich ihn vergiften lie ... -- Ich
zuckte zusammen, wie unter einem Peitschenschlag. Meine Trnen waren
versiegt. Von der Mutter Scho glitt ich herunter und sah sie gro an:
Du -- du -- hast mein Puckchen vergiftet?!

Dann lie ich mich still zum Wagen fhren. Irgend etwas war entzwei
gegangen in mir. Ganz ruhig und empfindungslos sah ich vom Coupfenster
aus, wie die Stadt allmhlich vor mir verschwand.




Zweites Kapitel


Wer sich von Partenkirchen westwrts wendet, wo lockend in geheimnisvoll
dsterer Pracht die Zugspitze in die Wolken steigt, und, die staubige
Chaussee verschmhend, auf schmalem Pfad durch bunte Wiesen wandert, dem
zeigt sich pltzlich ein Bild voll stillen Friedens: in leisen
Wellenlinien erhebt sich das Tal, Hgel an Hgel von alten Baumriesen
gekrnt und blhenden Bschen; gradaus aber, wohin der Weg sich glnzend
wie ein Silberstreifen durch die Grnde schlngelt, schmiegt sich
vertrauensvoll, wie ein kleines Kind in den Scho der Ahne, ein weies
Kirchlein an die grauen Wnde des Waxensteins. So oft ich es sah, -- mir
war immer, als lchele es. Und ein lichter Schimmer von Lebensfreude lag
auch auf den kleinen Husern ringsum: ein heller Goldton berzog die
Wnde des einen, in einem satten Himmelblau strahlte das andere, und
selbst die Heiligen und die Mrtyrer, die irgendwo unter einem Baldachin
oder in einer Nische standen, hatten so lustige bunte Kleider an, da
wohl keiner, der vorberging, sich bei dem Anblick ihres gottseligen
Leidenslebens erinnerte. Von der Zeit gebrunt waren First und Dach und
Altanen, aber so leuchtend war der Nelkenflor, der von Fensterkasten
und Gelndern niederschaukelte, da das Dunkel auch hier nur da zu sein
schien, um den Glanz noch strker hervorzuheben. Dazu pltscherte der
kleine Bergbach lustig durchs Dorf, der ganz, ganz oben in den Furchen
und Spalten dem Felsen entspringt und vom Schnee sich nhrt und vom Eis,
um erst unten im Tal, berauscht von den Blumen, die ber ihm nicken, die
helle Stimme zu verlieren.

Vor den letzten Husern beginnt der Wald. Als mte er ein Kleinod
schtzen, so schlingt er sich dicht um den leuchtenden Smaragd des
Badersees, der seine grne Farbe auch unter der schnsten Himmelsblue
nicht verliert und trotz des bsesten Unwetters durchsichtig bleibt bis
zum Grunde. Aber whrend eine breite Strae ihm den Strom der Menschen
zufhrt und den Wald gezwungen hat, Platz zu machen, liegt sein
kleinerer Zwillingsbruder, der Rosensee, noch immer still und versteckt
zwischen den Bumen. Selten nur verirrt sich einer auf die engen Steige,
die in seine Nhe fhren, und das Riesenpaar ber ihm -- der Waxenstein
und die Zugspitze -- scheint sich darum besonders wohlgefllig in seinen
stillen Wassern zu spiegeln. An seinem Ufer, das an dieser Seite von
Rosen in allen Farben und Formen umkrnzt ist, steht nur ein einziges
kleines Haus; von wildem Wein und Efeu ist es so dicht umsponnen, da es
an dunkeln Tagen mit dem Wald, der es umgibt, in eins verschwimmt.

Vor vier Jahrzehnten kaufte Ulysses Artern den Rosensee und baute seinem
jungen Eheglck das grne Nest daran. Jedes Jahr, wenn die Maiglckchen
blhten und ihr Duft s und schwer ber Wasser und Wald sich legte,
zog seine Witwe auch nach seinem Tode hierher und blieb, bis der Schnee
ber die Bergspitzen hinunter ins Tal sich streckte.

Seitdem wir in Augsburg bei ihr gewesen waren, hatte sie uns jedes Jahr
zu sich eingeladen. Aber nur mein Vater hatte sie besucht; meiner Mutter
war die Schwgerin nie sympathisch gewesen, und so hatte sie lange
gezgert, zu ihr zu gehen. Mich freilich zog die Sehnsucht in die Berge,
seitdem sie mir in der Schweiz Augen und Seele entzckt hatten; und wenn
der Vater von Grainau erzhlte und vom Rosensee, so wnschte ich nichts
mehr, als dort zu sein. Und nun hatte sich mein Wunsch erfllt!

Schon in Weilheim, der Endstation der Eisenbahn damals, wo das Tor des
Loisachtals sich vor mir ffnete und tief im Hintergrunde die Umrisse
der weien Bergspitzen in den Wolken verschwanden, waren mir die Augen
bergegangen -- wie stets, wenn ein Eindruck mich berwltigte. Still
und stumm lie ich ihn auf der ganzen langen Wagenfahrt auf mich wirken,
und als ich dann abends oben im Giebelstbchen des Rosenhauses stand,
den Blick auf die vom dunkelblauen Nachthimmel grausilbern sich
abhebenden Berge gerichtet, whrend die reine, khle Luft mir um die
Stirne wehte, da fiel all mein Kinderleid von mir ab, wie ein schwerer,
drckender Mantel. Frei atmen konnte ich wieder.

Mit jedem Morgen, an dem ich erwachte, nach festem, traumlosem Schlaf,
mit jedem Abend, an dem ich mich niederlegte, mde von dem Reichtum des
Tages, steigerte sich diese Empfindung. Ein Vollgefhl des Lebens
durchstrmte mich, und wenn niemand mich sah, dann warf ich mich wohl
vor lauter Seligkeit mit ausgebreiteten Armen in die blhende Wiese und
lag so still und atmete so leise, da die Schmetterlinge sich ruhig auf
den blauen Glockenblumen, die ber mir blhten, niederlieen, oder ich
legte den Kopf ins Waldmoos, wo die Maiglckchen am dichtesten standen,
und sah den tanzenden Sonnenstrahlen zu. Keine Mademoiselle legte meiner
Freiheit Zgel an; meine Tante fand mich zwar schlecht erzogen, weil
ich nicht ruhig mit meiner Handarbeit neben ihr sa, und lie es meiner
Mutter gegenber an Anspielungen darauf nicht fehlen, aber da sie mit
Kindern gar nichts anzufangen verstand, lie sie mich laufen und
beschrnkte ihre Erziehungsknste auf strenge Toilettenvorschriften,
wenn ich zu Tisch erschien oder mit ihr spazieren fuhr. Dann sa ich
nach guter karlsruher Gewohnheit steif und grade auf dem Rcksitz der
Equipage, wie Johann auf dem Bock, der Kutscher, der mit dem gndigen
Frulein nur vertraut war, wenn es morgens in den Stall kam und -- ohne
vterliche Aufsicht! -- auf dem groen Fuchs, von allen Bauernkindern
bewundert, durch das Dorf ritt. Ich hatte bald viele Freunde unter den
Buben und Mdeln. Alle Waldwege und Bergsteige lernte ich durch sie
kennen; die schnsten Erdbeerpltze zeigten sie mir und lehrten mich
klettern, wenn es galt, zu den Alpenrosen zu gelangen, die rotleuchtend
die grauen Felsen belebten.

Die Kinder des Landvolks im Norden Deutschlands tragen das Zeichen der
Dienstbarkeit noch immer auf der Stirn: wie selbstverstndlich ordnen
sie sich im Spiel mit dem Herrschaftskind diesem unter und sehen es
fast als Auszeichnung an, die Rolle der Untergebenen zu bernehmen. Wo
die frische Luft der Berge weht, hat selbst die Sklavenmoral der
katholischen Kirche Freiheitsgefhl und Selbstbewutsein nicht zu
unterdrcken vermocht. Der Sepp vom Brenbauern, der am verwegensten
kletterte und am schnsten jodeln konnte, -- mein Hauptspielgefhrte, --
behandelte mich ganz auf gleich und gleich, ja er sah zuweilen mit
unverhohlenem Stolz auf mich herab, und seiner urwchstgen Kraft
gegenber kam selbst meine sonst so ausgeprgte Empfindlichkeit nicht
auf: ich bi nur in stillem Ingrimm die Zhne zusammen, wenn er mich
verspottete, weil ich ohne seine Hilfe den Fels nicht hinaufkam. Es gab
viel zerrissene Kleider dabei; und wre die alte Kathrin nicht gewesen,
die sie heimlich flickte und immer dafr sorgte, da ich in mglichst
tadelloser Toilette bei den Mahlzeiten erschien, -- ich htte mich nicht
lange meiner Freiheit erfreuen drfen.

An einem heien Julinachmittag kam ich einmal, einen groen Buschen
Alpenrosen im Arm, eilig vom Ochsenhgel heruntergelaufen, in heller
Angst, zur Teestunde zu spt zu kommen. Ich suchte darum mglichst
schnell an dem Wagen vorbeizuschlpfen, der vor unserem Gartentor hielt,
als eine Hand mir in die wehenden Locken griff und eine lachende Stimme
rief: Das ist doch die Alix, das Nichtchen! Eine groe blonde Frau,
von einem kleinen Mdchen und einem halberwachsenen Knaben begleitet,
stand vor mir, und nun mute ich Rede und Antwort stehen, whrend meine
Augen ngstlich an meinem fleckigen Lodenrock und den schmutzigen
Stiefeln hingen. Kurz vor dem Haus ri ich mich unter dem Vorwand, die
Blumen ins Wasser stellen zu wollen, los, und erschien, noch glhend vor
Erregung, nach zehn Minuten im weien Musselinkleid wieder, das mir die
alte Kathrin mit einem Kind, Kind, was wird die Tante sagen -- das war
ja die Prinzessin Friedrich! hastig bergeworfen hatte. Aber es kam
nicht einmal zu einem strafenden Blick, denn die Prinzessin nahm mich in
die Arme und erzhlte lachend, wie sie eben schon meine Bekanntschaft
gemacht habe. Ihre Worte berstrzten sich wie ein Wasserfall und wurden
von ebenso hastigen und burschikosen Gebrden begleitet. Eine komische
Prinzessin, dachte ich mir im stillen und sah mit gesteigertem
Erstaunen zu ihren Kindern herber, die sich grade nach allen Regeln der
Kunst zu prgeln begannen und des wohlgepflegten Rasens nicht achteten,
auf den sich sonst nicht einmal mein Ball verirren durfte.

Der Helmut sagt, die Alix wr eine Zigeunerin, schrie das kleine
Mdchen pltzlich.

Zigeunerinnen sind viel hbscher als semmelblonde Frauenzimmer, wie du
eins bist, entgegnete der Knabe, und es bedurfte des Dazwischentretens
der Mutter, um mit einer Ohrfeige nach rechts und links dem Streit ein
Ende zu machen.

Mein Schicksal hatte sich dabei entschieden: selbst der Kuchen, in den
das Prinzechen mit Behagen hineinbi, hinderte sie nicht, mir
feindselige Blicke zuzuwerfen, whrend ihr Bruder mir die
Aufmerksamkeiten eines vollendeten Kavaliers erwies. Er mochte sieben
Jahre lter sein als ich, war schlank und hochaufgeschossen, mit
lustigen grauen Augen und aufgeworfenen roten Lippen. Die kleine
Friederike glich ihm wenig; sie war ein drftiges Persnchen mit jenen
neidisch heruntergezogenen Mundwinkeln, die die Gesichter solcher Kinder
zu entstellen pflegen, die sich frh ihrer Reizlosigkeit bewut werden.
Als Helmut nach dem Tee zum Badersee hinber wollte, um dort Kahn zu
fahren, weigerte sie sich, mitzukommen, wohl in der Hoffnung, da er
dann allein gehen msse und der Spa ihm verdorben wre. Ihre Mutter
aber meinte: Um so besser werden sich Helmut und Alix amsieren, und
so brachen wir auf, vom Diener begleitet, der uns rudern sollte.

Geheimnisvoll und spiegelklar, wie immer, lag der See vor uns. Vor dem
kleinen Wirtshaus, das damals noch bescheiden an seinem Ufer lag, saen
nur wenige Touristen.

Jetzt wollen wir uns erst gtlich tun und den schlabbrigen Tee
heruntersplen, sagte Helmut und bestellte Tiroler Wein, mit dem wir
lustig unsre neue Freundschaft leben lieen. Als der Diener im
Hintergrund, vertieft in die Fliegenden, ruhig vor seinem Seidel sa,
schlichen wir davon. Die Abneigung gegen irgendwelche Beaufsichtigung,
die Helmut dadurch bekundete, steigerte meine Sympathie fr ihn. Er
lste den Kahn selbst von der Kette, und wir ruderten, glckselig ber
unsre gelungene Kriegslist, in den See hinaus. Bald kamen wir in
lebhafte Unterhaltung; Helmut erzhlte mir von Berlin, wo er wohnte, und
wo ich nun bald hinkommen sollte, soviel des Schnen und Interessanten,
da meine Abneigung dagegen sich rasch in erwartungsvolle Neugierde
verwandelte. Die uns zugestandene Stunde war lngst verstrichen, als
heftige Rufe vom Ufer her uns zur Rckkehr mahnten. Die ganze Familie
war dort versammelt: unsere Mtter, die Tante, das schadenfroh lchelnde
Prinzechen, -- und wir wurden mit Vorwrfen berschttet, kaum da wir
das Boot verlassen hatten.

Mach dir nichts draus, flsterte Helmut und wandte sich mit eleganter
Verbeugung meiner Tante zu. Alix ist unschuldig, Frau Baronin, sagte
er lchelnd, sie wollte nicht ohne den Diener fahren und mahnte dann
unausgesetzt zur Rckkehr. Mit einem raschen dankbaren Blick lohnte ich
Helmuts Ritterlichkeit, und mit einem herzlichen Aufwiedersehn
schieden wir.

Auf dem Wege heimwrts konnte die Tante es nicht unterlassen, ihrer
Befriedigung ber den passenden Verkehr, den ich nun endlich gefunden
htte, und ihrer Hoffnung Ausdruck zu geben, da er mich hindern wrde,
weiter mit den Dorfbuben herumzuschlampen. Das emprte mich, und ich
nahm mir vor, ihre Hoffnung auf das grndlichste zu tuschen. Schon am
nchsten Tag lief ich in aller Frhe mit dem Sepp in die Wlder und lie
mich nur grade zu den Mahlzeiten sehen. Aber ganz so wie ehemals wurde
es trotzdem nicht mehr. Wir fuhren oft nach Partenkirchen hinauf, wo die
Prinzessin eine Villa besa, und sie kam hufig ins Rosenhaus. Vergebens
hatte ich versucht, meine alten Freundschaften mit meiner neuen in
Einklang zu bringen; Helmut kehrte dem Sepp und seinen Kameraden
gegenber zu sehr den Herren heraus, so da sie sich fern hielten, wenn
er da war. Auch sonst war irgend etwas nicht mehr so recht in Ordnung;
wie mir die Adern stets hoch auf zu schwellen pflegen, wenn ein Gewitter
im Anzuge ist, so empfand ich auch seelischen Atmosphrendruck mit
peinvoller Sicherheit.

Meine Tante und meine Mutter hatten sich nie gemocht. Sie waren beide
gewhnt, in der Gesellschaft eine Rolle zu spielen: die eine um ihrer
Schnheit und Vornehmheit willen, die andere ihres Reichtums und der
unangefochtenen Selbstndigkeit ihrer Stellung wegen. Schmeichelei und
Unterwrfigkeit begegneten der Baronin Artern auf Schritt und Tritt;
jeder, der von ihr etwas erreichen wollte -- und wer htte das nicht
gewollt! --, beugte sich ihrem Willen und ihren Ansichten. So kam es,
da sie allmhlich Widerspruch berhaupt nicht mehr ertrug ... Um mit
ihr auszukommen, mute man Ja und Amen zu allem sagen, was sie
behauptete, -- oder schweigen. Meine Mutter schwieg, aber sie schwieg
mit allen Zeichen inneren Widerspruchs: einem sarkastischen Lcheln,
einem hochmtigen Achselzucken. Das reizte die Tante; was sie jedoch
weit mehr reizte, war der Schwgerin unzweifelhafte Vornehmheit, die
kein Reichtum und keine Toilettenpracht ersetzen konnte. Da ihre Mutter
einer einfachen Brgerfamilie entstammte, das war fr sie ein dunkler
Punkt ihres Lebens, und in ihr lebte etwas von jenem Pbelha, der stets
das eine Ziel verfolgt: Rache zu nehmen an den Vornehmen. Sie tat es in
grober und feiner Weise: sie lie in Gegenwart meiner Mutter das Licht
ihres berlegenen Geistes am hellsten strahlen; sie zeigte ihre
vollendete Meisterschaft am Klavier und lie in ihrer dunkeln Altstimme
alle Skalen der Leidenschaft vor dem entzckten Zuhrer tnen. Gengte
ihr das nicht, um meine Mutter, die nichts Gleichwertiges zu bieten
hatte, in den Schatten zu stellen, so griff sie sie an ihrer schwchsten
Stelle an: ihrem preuischen Patriotismus. Wie oft ging meine Mutter mit
hochrotem Kopf und zusammengepreten Lippen hinaus, wenn die Schwgerin
wieder einmal preuische Sitten, preuische Ansichten, preuische
Politik geringschtzig kritisiert hatte. Da sie es trotzdem bei ihr
aushielt, war nur ein Ergebnis ihres Pflichtgefhls: von der reichen,
kinderlosen Frau hing die Gestaltung meiner Zukunft ab, ihr galt es
Opfer zu bringen.

Eines Tages kam es zur Explosion. Meine Mutter machte irgend eine
wegwerfende Bemerkung ber die zweifelhafte Herkunft einer Dame, die
eben, eine Wolke von Parfm hinterlassend, die Terrasse verlassen hatte;
die Tante widersprach und redete sich so in den Zorn hinein, da sie
schlielich Mama vorwarf, ihren eignen Mann beleidigt zu haben, denn
nach der von ihr ausgesprochenen Ansicht, wre auch seine Mutter von
zweifelhafter Herkunft. Mama verteidigte sich; ein Wort gab das andere,
Tante Klotilde spielte ihren letzten Trumpf aus, indem sie mit
hafunkelnden Augen hervorstie: Du am wenigsten hast ein Recht von
zweifelhafter Herkunft zu sprechen. Wei man doch, wer deine Gromutter
war!

Zwei Tage spter verlieen wir das Rosenhaus, nicht ohne da vorher eine
konventionelle Vershnung stattgefunden htte. Unsre Zeit war sowieso
beinahe abgelaufen, und das kalte, trbe Wetter, das meinem
empfindlichen Halse schaden konnte, war Erklrung genug fr unsre
beschleunigte Abreise. Die Rosen am See waren lngst entblttert; bis
tief ins Tal hingen die Wolken, als das weie Kirchlein mehr und mehr
meinen Blicken entschwand. An einer Biegung des Wegs kam der Sepp
gelaufen, einen Strau von blauem Enzian in der Hand, aus dessen Mitte
zwei groe weie Sterne leuchteten. Von der Zugspitz, stotterte er,
auf die Edelwei zeigend, dann brach ich in Trnen aus und weinte --
weinte noch, als schon Garmisch weit hinter uns lag. Das Wetter hellte
sich indessen allmhlich auf, und wie ich von Weilheim aus rckwrts
sah, lagen die Wolken, wie bezwungene Sklaven, tief im Tal, whrend die
Berge, mit der glnzenden Silberkrone des Neuschnees auf ihren Huptern,
stolz und siegesbewut gen Himmel ragten. Dies Bild nahm ich mit, und
ich wute: nie wird es mir entschwinden.

Papas Freude, als er uns in Berlin empfing, war grenzenlos. In unserm
neuen Heim in der Hohenzollernstrae hatte er mir einen Aufbau von
Geschenken vorbereitet, grade wie zu Weihnachten. Ich wagte zunchst gar
nicht, mich zu freuen in Erwartung von Mamas bekannten, vorwurfsvollen:
Aber Hans! Doch diesmal blieb es aus; stand doch mein guter Engel
daneben: die Gromutter. Wie einst in Potsdam, so war sie jetzt mit uns
in ein Haus gezogen; wir glaubten eines langen Aufenthalts in Berlin
sicher zu sein.

Ist mein Herzenskind aber gro geworden! rief sie, mich gerhrt in die
Arme schlieend. -- Gromama, wie alt wurdest du, -- htte ich beinahe
erwidert, wenn die Regeln der guten Erziehung mich nicht rasch genug
daran gehindert htten. Ihr glnzendes dunkles Haar war ganz grau, und
tiefe Falten zogen sich von Nase und Mund herab. Sie schien mich auch
ohne Worte zu verstehen, denn mit einem wehmtigen Lcheln sagte sie:
Ich bin jetzt eine alte Frau, mein Alixchen, -- das Leben ist nur
selten ein Jungbrunnen!

War meine Stimmung jetzt schon gedmpft, so wurde sie noch mehr
herabgedrckt, als ich mich umsah bei uns: alles kam mir beschrnkter
vor als sonst, fremde Leute wohnten mit uns im gleichen Haus, und statt
des groen Karlsruher Gartens fand sich nur ein Vorgrtchen an der
Strae, dessen Rasen man nicht zertrampeln, dessen Blumen man nicht
abpflcken durfte. Ich frug nach August und nach den Pferden. Der Stall
lag jenseits der Strae, Papa fhrte mich hinber; meine Enttuschung
ber diese Entfernung war gro, sie steigerte sich, als ich eintrat:
unsre Goldfchse waren fort, nur drei Pferde standen darin, ein fremder
Reitknecht trat mir entgegen. Weit du, in Berlin gibt es so schne
Droschken, da braucht man Kutscher und Wagen nicht, sagte Papa
lchelnd, aber ich sah recht gut, da seine Schnurrbartenden
verrterisch zuckten und seine Harmlosigkeit Lgen straften. Ich bi mir
auf die Lippen und ging nachdenklich nach Hause, und mehr als einmal
zuckte ich angstvoll zusammen, wenn Papa -- ein Zeichen seiner tiefen
inneren Erregung -- ohne besondere Ursache heftig wurde.

Bald darauf kam ich in die Schule, ein Privatinstitut in der Knigin
Augustastrae, das erst seit kurzem bestand und nur wenig Zglinge
hatte. Meine Gromutter stellte mich der Vorsteherin vor, einer
kleinen, dicken Dame mit fettglnzendem Gesicht und feuchten Hnden, mit
denen sie mir zu meinem Entsetzen die Backen ttschelte. Der erste
Eindruck, den ich von den Stunden empfing, war der einer grenzenlosen
Langenweile. Erst als man mich in eine hhere Klasse nahm, wo die
Mdchen alle lter waren als ich, gewann die Sache mit dem Erwachen
meines Ehrgeizes an Interesse. Der trockne Memorierstoff, auf den der
ganze Unterricht hinauslief, vermochte mich freilich auch hier nicht zu
fesseln, aber es den andern zuvortun, die Beste in der Klasse sein, --
das spornte mich an. Und ich brauchte mich nicht einmal anzustrengen, um
mein Ziel zu erreichen, denn ich lernte leicht und bekam immer die
besten Noten. Meine Kameradinnen konnten mich deshalb alle nicht leiden,
und ich hatte vor ihnen ein unbestimmtes Schuldbewuten, da ich berdies
ihre Interessen nicht teilte, -- spielte ich doch trotz meines groen
Kochherds und meiner vielen Puppen nur selten mit dergleichen, und den
Austausch bunter Oblaten, ein Hauptsport damals, fand ich albern, -- so
blieb ich ganz isoliert. Neben mir in der Klasse sa ein Mdchen, das
mir zuerst auch nichts andres war, als eine Konkurrentin, durch die ich
mich nicht berflgeln lassen durfte, und eine gefhrliche dazu. Bald
merkte ich, da sie noch mehr gemieden wurde als ich, da man sie mit
Neckereien und Bosheiten verfolgte. Judenmdel stand einmal mit roter
Tinte auf ihrem Pult, ein andermal mit weier Kreide auf ihrem Mantel.
Sie weinte stets, wenn sie es sah, wagte aber nicht, sich zu
verteidigen.

Einmal, nach der Religionsstunde -- wir hatten grade die
Leidensgeschichte Christi durchgenommen -- sah ich sie pltzlich
inmitten der andern, die sie dicht umdrngten und auf ein gegebenes
Zeichen gemeinsam losbrllten: Judenbalg hat Christus gekreuzigt --
Judenbalg hat Christus gekreuzigt! Dann tanzten sie im Kreise um sie
herum, und auf ein Eins, Zwei, Drei der Anfhrerin spieen sie alle vor
ihr aus. Ich kochte vor Wut und strzte mich besinnungslos zwischen sie.
Gemeine Bande, schrie ich, whrend sie berrascht auseinanderprallten,
schmt ihr euch nicht: zehn gegen eine? -- Sie ist aber doch eine
Jdin, knurrte die mir Zunchststehende. Und wenn sie es ist -- wit
ihr denn nicht, da Christus auch ein Jude war? gab ich zur Antwort.
Dann wandte ich mich der noch immer Weinenden zu: So heule doch nicht,
Edith, flsterte ich, sonst lassen sie dich gar nicht in Ruh.

Von da ab befreundeten wir uns mehr und mehr. Wir waren beides einzige
Kinder, die durch ihr stetes Zusammensein mit Erwachsenen reifer zu sein
pflegen als andre; Bcher waren unsre Leidenschaft, und ein eifriger
Austausch zwischen uns begann, gab auch stets neuen Stoff zur
Unterhaltung. Wir wohnten berdies Haus an Haus, so da wir unsern
Schulweg zusammen machen konnten. Aber das sollte nicht die einzige
Wirkung meines Eintretens fr die Angegriffene sein. Eines Tages lie
mich die Schulvorsteherin zu sich rufen. Du hast gesagt, Christus sei
ein Jude, fuhr sie mich mit zornigem Stirnrunzeln an, wie kommst du
dazu? Maria und Joseph, stotterte ich in hchster Verlegenheit,
waren doch auch Juden, und -- und David doch auch, von dessen Stamm er
ist. -- Christus ist Gottes Sohn, merke dir das, schrie sie, wobei
ihre Stimme sich berschlug, und streue nicht Unfrieden in die
glubigen Seelen deiner Kolleginnen. Ich schluckte krampfhaft an den
aufsteigenden Trnen. Ich sehe, du bereust deine Snde, sagte sie
wrdevoll, so sei dir fr diesmal vergeben, und ihre feuchten Hnde
fuhren mir bers Gesicht. Am liebsten wr ich davongelaufen, aber meine
Emprung ber die gemeine Art, wie die Mdchen sich an mir gercht
hatten, hielt mich fest, und ich erzhlte den ganzen Zusammenhang der
Geschichte. Die Wirkung war fr mich verblffend. Das ist ja natrlich
sehr, sehr unartig von ihnen gewesen, erklrte sie mit hochgezognen
Augenbrauen, entschuldigt aber in keiner Weise deine weit grere
Snde.

Verwirrt und erregt trat ich den Weg nach Hause an. Religise Zweifel
hatten mich noch nie geqult. Ich glaubte an den lieben Herrn Jesus, von
dem Gromama mir immer erzhlte, der die Unglcklichen trstet, den
Armen Hilfe, den Kranken Heilung bringt und die Kinder lieb hat. Da
Christi Gotteskindschaft von so ungeheurer Bedeutung sein sollte, -- das
war mir noch nie in den Sinn gekommen. Geradenwegs zu Gromama ging ich
und erzhlte ihr alles.

Das hat Frulein Patze gewi nicht so schlimm gemeint, wie du das
auffat, sagte sie, wir sind alle Gottes Kinder; wer aber, wie
Christus, den Willen des Vaters in hchster Vollkommenheit erfllt, der
ist sein liebster Sohn. Ich war zunchst beruhigt, merkte aber in den
Religionsstunden mehr auf den Sinn der Worte als vorher und fhlte bald
den Widerspruch zwischen dem, was dort gelehrt wurde, und dem, was
Gromama sagte, heraus. Mein Herz und mein Verstand entschieden fr sie,
und fr die Lehrerinnen blieb nichts als Geringschtzung brig. Ich
lernte zwar nach wie vor vortrefflich, aber fr mein inneres Leben, fr
meine geistige Entwicklung blieb die Schule ebenso bedeutungslos, wie
jede Art von Unterricht bisher.

Mein Schulerlebnis sollte auch nach andrer Richtung nicht ohne Folgen
bleiben. Edith und ich waren natrlich noch mehr als frher aufeinander
angewiesen, und oft genug hatte sie mich schon zu sich eingeladen, ohne
da es mir erlaubt worden wre, der Einladung zu folgen. Erst nachdem
sich Gromama ins Mittel gelegt und ich Papas Herz erweicht hatte,
durfte ich zu ihr gehen. Es war alles sehr schn bei ihr, und ihre
Eltern, die die Tochter nicht ohne Absicht in die vornehme Schule
schicken mochten, wuten sich vor Freundlichkeit gar nicht zu lassen.
Mein Besuch galt ihnen vielleicht als die erste Stufe zu dem Ziel, das
ihnen fr ihr einziges Kind vorschwebte, eine adlige Heirat, -- denn er
sollte den Verkehr mit aristokratischen Kreisen einleiten. Mir war es
unbehaglich in der Nhe des Ehepaars: der Frau mit dem bei jeder
Bewegung krachenden Korsett und den vielen Ringen auf den fleischigen
Hnden, des Mannes mit der dicken Uhrkette ber dem Spitzbauch. Nach
einem reichlichen Imbi spielten wir ein Gesellschaftsspiel. Ich verlor,
wie immer, -- meine Ungeschicklichkeit in solchen Spielen war nicht
leicht zu bertreffen, da meine Gedanken dabei stets spazieren gingen
--, bekam aber trotzdem eine Menge der reizendsten Gewinne, unter denen
ein kleiner Muschelwagen mit einem silbernen Ziegenbock davor das
schnste war.

Daheim schttete ich meine Schtze vor den Eltern aus, aber sie teilten
meine Freude nicht; Papa rusperte sich heftig, und Mama kniff die
Lippen zusammen. Und dann kams, das viel gefrchtete Ungewitter: sie
warfen einander gegenseitig vor, da sie mich zu der protzigen
Judensippschaft gelassen hatten, die sich erlaubte, dem Kinde solche
Geschenke zu machen. Schluchzend kroch ich in mein Bett. Ich durfte nie
wieder hinber. In der Schule ging ich Edith, die vergebens auf eine
Gegeneinladung wartete und von den gekrnkten Eltern nun wohl auch ihre
bestimmten Instruktionen bekommen hatte, scheu aus dem Wege. Im
sonntglichen Familienkreis bei Gromama kam noch einmal die Rede auf
die Geschichte. Tante Jettchen, ihre Schwgerin, der gefrchtete
Kleinkinderschreck und Sittenwchter, geriet heftig aneinander mit ihr
und erklrte schlielich kategorisch: Juden sind kein Umgang fr
Mdchen, die eine Position in der Gesellschaft haben. Manch einer
lchelte verstohlen zu diesem Ausspruch, wute man doch, da sie um so
empfindlicher war, was diesen Punkt betraf, als sie es nie verwinden
konnte, da Baron Wolkenstein ihr Schwiegersohn geworden war. Sein
Ahnherr war Hofjude bei Friedrich dem Groen gewesen, und dieser hatte
ihn mit der Bemerkung geadelt: Machen wir den Kerl zum Baron, ein
Edelmann wird doch nie draus. Selbst in der vierten Generation hatte
das Taufwasser die Erinnerung an den Familienstammbaum nicht zu
verwischen vermocht.

Es war eine Ironie des Schicksals, da mir als Ersatz fr Edith Onkel
Wolkensteins ltester Sohn Hermann als Spielkamerad zudiktiert wurde. Er
war etwas lter als ich, in der Schule sehr zurckgeblieben, und ich
sollte ihm zum Vorbild dienen. Wir kamen einander demnach nicht gerade
mit liebevollen Gefhlen entgegen, vertrugen uns aber schlielich doch
ganz leidlich. Auf der Erde in meinem Zimmer bauten wir Drfer und
Gutshfe auf, die wir aus bunten Bilderbogen selbst ausschnitten.
Hermanns Vater besa ein Gut in Sachsen, so da landwirtschaftliche
Interessen ihm am nchsten lagen; die Erinnerung an Grainau zauberte mir
alle Wonnen des Landlebens vor Augen und belebte mein Spiel. Wenn aber
Hermann anfing, sich aufs Kaufen und Verkaufen von Vieh, Korn und Heu
beschrnken zu wollen, wobei er stets in den hchsten Eifer geriet, und
ich Ediths Muschelwagen als Feenfahrzeug durch die Lfte fliegen lie,
um den Menschen in meinen Drfern alle mglichen Herrlichkeiten zu
bringen, dann wars mit dem Frieden vorbei. Hermann liebte nur die
wirklichen Geschichten, und ich erklrte seinen Handel fr ekelhaft.
Schlielich verschlo ich gekrnkt den silbernen Ziegenbock in meinem
Schrank, gerade, wie ich lernte, meine Trume fr mich zu behalten. Es
war nun einmal nicht anders mit den Menschen, philosophierte ich, jeder
war immer nur fr eine Seite meines Wesens zu brauchen; es galt daher,
die andre zu verstecken, bis auch fr sie die rechten Gefhrten sich
finden wrden.

Mit einer Schar kleiner Mdchen und Knaben bekam ich in demselben Winter
die ersten Tanzstunden, die abwechselnd in ihren Familien stattzufinden
pflegten. Da saen dann all die Mamas und Gromamas und Tanten
ernsthaft im Kreise herum und musterten die junge Generation und
spannen Zukunftsplne und wetteiferten mit unserm Tanzmeister, der uns
besonders interessant war, weil er in Flick und Flock den groen Krebs
zu tanzen pflegte, in der Ausbung ihrer Erziehungsknste. Sie konnten
stolz sein auf ihr Werk: So gut wir franzsisch parlierten, so zierlich
tanzten wir Quadrille und Polka, -- der Walzer war als unschicklich zu
jener Zeit in der Hofgesellschaft verboten --, und so tadellos war unser
Hofknix. Eine Position in der Gesellschaft war uns gesichert, ja wir
besaen sie, dank unsrer Familienbeziehungen, schon jetzt. Mir war sie
etwas so Selbstverstndliches, da jener Hochmut, der nur entstehen
kann, wenn man sie als etwas Besonderes ansieht, der daher am sichersten
den Emporkmmling kennzeichnet, bei mir gar nicht aufkam. So war mir die
Ehrfurcht und die Bewunderung, mit der Edith mich ber die
Kindergesellschaften bei Kronprinzens auszufragen pflegte, immer
komisch erschienen. Ich htte wirklich nicht gewut, was mich im
kronprinzlichen Palais zum Bewundern und Verehren htte bewegen knnen:
die kleine unansehnliche Kronprinzessin, die mit der Miene einer
Gouvernante unsre Spiele beaufsichtigte, der lustige Kronprinz, dessen
derbe Spe die Mrchenprinzenillusionen unsrer Kindertrume gar nicht
aufkommen lieen, die einfachen, mit Spielzeug wenig verwhnten Kinder,
der Teetisch, auf dem ich bald aufgegeben hatte, etwas zu suchen, was
Kindergaumen reizt, -- es gab doch immer nur dieselben Albert-Kakes --
das alles gab ein Gesamtbild, das der Glanz der Kaiserkrone nicht zu
treffen schien. Ich ging nicht allzu gerne hin: Prinzessin Charlotte,
die mir am besten gefiel, war viel lter als ich; Prinzessin Viktoria,
mit der ich spielen sollte, hatte nur Spa am Kommandieren, was ich mir
nicht gefallen lie, die jngern Geschwister waren Babys in den Augen
der bald Zehnjhrigen. Kam Prinz Wilhelm dazu mit dem kurzen lahmen Arm
und dem finstern Gesicht, so wurde mirs vollends unheimlich. Es war
jedesmal ein Seufzer der Erleichterung, mit dem ich mich in die Kissen
des Wagens lehnte, der mich heimwrts fuhr. Schn waren nur die groen
Feste: das Baumplndern, die Kinderblle, die Auffhrungen. Wenn ich mit
offnen Locken, im Spitzenkleid und Atlasschuhen die lichterstrahlenden
Sle betrat und gndig die ersten Huldigungen kleiner Kavaliere
entgegennahm, -- dann ging mir eine Ahnung vom ppigen Freudenmahl des
Lebens auf, die mir alle Fibern mit Sehnsucht fllte. Bei einem solchen
Fest war es, als Helmut mir entgegentrat und mir auf dem Wege zum
Ballsaal den Arm reichte. Wie eine Prinzessin aus Tausendundeiner Nacht
siehst du aus, flsterte er dicht an meinem Ohr. Tausend und eine
Nacht! Hei berflutete es mich! Und als wir uns dann im schimmernden
Glanz der Kerzen, bei rauschender Musik im Tanze wiegten, war mirs, als
hrte ich verlockend die Worte zu seiner Melodie: schn sein --
herrschen -- genieen!

Eine Kugel, die ich mir einst im Schlo vom Weihnachtsbaum
herunterholte, und in der sich noch heute alljhrlich die Lichter unsres
Tannenbaums spiegeln, ist das einzige, was mir zur Erinnerung an jene
Feste brig blieb. Ich hielt sie damals fr eitel Silber. Aber sie ist
auch nur aus Glas und hat schon lange einen Sprung! ...

Im Frhjahr wurde ich krank. Wiederholte Schwindelanflle waren der
Anla gewesen, mich schon Wochen vorher aus der Schule zu nehmen. Dann
bekam ich die Masern und lag lange Zeit zu Bett. Als ich wieder
aufstehen durfte, konnte ich mich durchaus nicht erholen. Eine
Herzschwche war zurckgeblieben. Ich sollte viel an der Luft sein und
war daher vor- und nachmittags im Zoologischen Garten, wo ich mit
Gromama auf einer sonnigen Bank zu sitzen pflegte, die recht schmal
gewordenen Hnde mig im Scho, den Kopf, der mir immer so schwer war,
hinten bergelehnt. Sie las mir vor und hatte sich zu dem Zweck eine
besondre Art von Lektre ausgewhlt: Schilderungen der Jugendzeit
bedeutender Mnner, die sie ihren Lebensbeschreibungen und
Selbstbiographien entnahm. Zwei davon machten mir einen unauslschlichen
Eindruck: die Napoleons und die Goethes. Wie der groe Kaiser ein armer
Junge gewesen war und sich dem niederdrckenden Einflu von Not und
Verlassenheit nicht nur nicht unterwarf, sondern beide ihm zu Mitteln
seiner Strke wurden, und wie der Genius des groen Dichters sich schon
an des Knaben Puppentheater, vor den staunend aufhorchenden Freunden
offenbarte, denen er seine Mrchen erzhlte, -- wundervoll war es! Das
mu das Schnste sein im Leben, Gromama: zu sein wie ein Stern, der
allen leuchtet -- sagte ich einmal nachdenklich. Und ihre Antwort tnt
mir noch in den Ohren: Den alle lieben, meinst du wohl, weil er alle
wrmt!

Legte sie das Buch weg, so erzhlte sie von ihrer eignen Jugendzeit,
die sie in der Stadt des Dichters, fast stndig in seiner Nhe, verleben
durfte. Wie arm kam mir, mit der ihren verglichen, meine Kindheit vor!
Ich konnte berhaupt gar nicht mehr recht froh werden. Es lag irgend
etwas Dumpfes, Schweres in der Luft, das die Mienen immer verstrter,
das Lachen immer seltner werden lie. Selbst meines Vaters Humor
versiegte mehr und mehr, und hufiger als je flchtete ich vor seiner
tobenden Heftigkeit zu Gromama hinunter. Aber auch sie war zerstreut
und sorgenvoll, so sehr sie sich auch vor mir zusammen nahm. Jeden
Morgen vertiefte sie sich in den Kurszettel, und die mir rtselhafte
Bemerkung: Die Lombarden fallen strte unsre sonst so gemtliche
Frhstcksstunde. Eines Abends hatte Papa meine Mutter aus irgendeinem
geringfgigen Anla heftig angefahren, was mich immer ganz besonders
entsetzte, und ich lief, so rasch ich konnte, davon, um mich verngstigt
im tiefen Sessel von Gromamas Boudoir zu vergraben. Da hrte ich
nebenan das Gerusch von Stimmen: Onkel Walter war tags vorher aus
Ostpreuen angekommen und betrat mit Gromama in starker Erregung, wie
es schien, den Salon.

Sie setzten sich zusammen auf das weiche, grne Sofa, das mir so oft zum
Schmollwinkel diente, und nun hrte ich jedes Wort ihrer Unterhaltung:
Gromamas weiche, von aufsteigenden Trnen verschleierte Stimme, Onkel
Walters hartes, durch die Aufregung immer rauher klingendes Organ.

Du kennst unsre finanzielle Lage, sagte sie. Hans hat sein kleines
Vermgen vllig verloren, und was Ilsens Mitgift betrifft, so frchte
ich das Schlimmste. Dazu haben sich meine Einknfte bedeutend
verringert, und ich mu mich jetzt schon sehr einschrnken, um Ilse und
Max, die beide Familie haben, nicht im Stich zu lassen. Du hast nicht
Frau, nicht Kind, hast ein schnes Gut, -- du solltest ohne weiteres
auskommen.

Klotilde kann bei Hansens fr dich eintreten, entgegnete er.

Klotilde! Gromama seufzte. Jede Inanspruchnahme ihrer Hilfe heit
Alixchens ganze Zukunft gefhrden.

Onkel Walter sthnte schwer.

Hast du noch etwas, was du mir verschweigst? -- Sprich dich doch aus,
mein Junge! schmeichelte Gromamas Stimme.

Und nun kams, wie ein Sturzbach wilder, leidenschaftlicher Worte, die
schlielich Gromamas leises Weinen so wehevoll begleitete, da sich mir
das Herz schmerzhaft zusammenzog.

Ich verstand nicht alles, aber die Hauptsache prgte sich mir ein:
irgendwo in der Schweiz oder in Italien bei einer der vielen
Spielbanken, die damals wie Pilze aus der Erde schossen, hatte Onkel
Walter sehr, sehr viel Geld verloren, und in Pirgallen standen die Dinge
schlecht, da die Heuernte wieder einmal durch berschwemmungen zerstrt
worden war -- ich schiee mir eine Kugel durch den Kopf, wenn du nicht
hilfst, schlo er auer sich. Ich schrie entsetzt auf. Gromama erhob
sich, ich hrte ihre Kleider rauschen, duckte mich schnell tief in die
Kissen und hielt den Atem an.

Also ein Verschwender und ein Feigling dazu! sagte sie; ihr hatte
seine Drohung zu meinem Erstaunen keinen Eindruck gemacht. Schmst du
dich nicht? Wie viele fristen ihr und ihrer Familie Leben mit wenigen
Groschen am Tag, und du wirfst Tausende zum Fenster hinaus, noch dazu
Tausende, die dir gar nicht gehren! Oder ist es etwas andres als
Diebstahl, wenn du deine Lieferanten, deine Handwerker und ihr Geld dem
schlimmsten aller Teufel, dem Spielteufel, in den Rachen wirfst?! Wenn
du noch eine Spur von Ehrgefhl hast, so wirst du dir selber helfen und
nicht verlangen, da deine Schwester und dein Bruder sich dir opfern.
Setz dich auf dein Gut und arbeite!

Niemals hatte ich Gromama so reden hren, auch Onkel Walter mochte
erstaunt sein, denn er schwieg lange Zeit. Dann brachs von neuem los,
nicht heftig, wie vorher, sondern jammernd, verzweifelnd. Und nun
trstete ihn Gromama, wie ein krankes Kind, ohne in der Sache
nachzugeben. Sie wollte zu ihm ziehen, ihm ein neues Leben aufbauen
helfen, in der Wirtschaft nach dem Rechten sehen, bis er eine gute Frau
gefunden haben wrde ...

Ich habe eine Geliebte, stie er hervor.

Auch das noch! murmelte sie. Kannst du sie heiraten? fgte sie rasch
hinzu.

Damit wir beide am Hungertuch nagen? hhnte er.

Auf Gromamas Bitten berichtete er von seinem Verhltnis zu dem Mdchen.
Ich glaube, sie war anstndiger armer Leute Kind; Onkel Walter hatte sie
frs Theater ausbilden lassen und an irgendeiner Bhne untergebracht:
Talent hat sie keins, aber sie ist hbsch, damit wird sie sich schon
weiter helfen! Fr das Kind aber, dessen Vaterschaft mir einigermaen
sicher ist, mu gesorgt werden!

Und du -- du bist mein Sohn! hrte ich Gromama mit halberstickter
Stimme sagen. Htte ich ihr nur zu Fen fallen und ihre Hnde kssen
knnen!

Nach langer, peinvoller Stille fing sie wieder zu sprechen an: mit
ruhiger Geschftsmigkeit, wie zu einem vllig Fremden, setzte sie
Onkel Walter auseinander, welche Schritte zur Regelung seiner
Angelegenheiten zu tun seien, und zu welchem Zeitpunkt sie ihre
bersiedlung nach Pirgallen vornehmen wrde. Fr das unschuldige
Wrmchen und die arme Mutter sorge ich, schlo sie, und nun gute
Nacht!

Ohne ein Wort zu erwidern, verlie Onkel Walter das Zimmer.

Wieviel Schleier, unter denen bisher das Leben sich mir verborgen hatte,
waren in dieser kurzen Stunde zerrissen! Wild klopfte mir das Herz. Da
trat Gromama ber die Schwelle. Alixchen! rief sie entsetzt. Ich
sprang auf, und den heien Kopf in die khlen Sammetfalten ihres Kleides
pressend, erzhlte ich ihr, da ich alles, alles gehrt htte.

Ich, ich will dir helfen, Gromama, rief ich, ohne eine Antwort von
ihr abzuwarten, whrend die abenteuerlichsten Plne sich in meinem Hirne
kreuzten. Ich komme mit nach Pirgallen, und dann pflege ich das kleine
Kind, und du brauchst keine Kinderfrau. Bittend sah ich auf zu ihr; mit
wehmtigem Lcheln streichelte sie mir die glhenden Wangen, und durch
ihre Liebkosung ermuntert, fuhr ich noch eifriger fort: Weit du, wenn
ich das tue, sind doch auch die Eltern mich los und brauchen kein Geld
fr mich auszugeben -- -- Gromama war noch immer still -- --
vielleicht kann ich sogar selbst Geld verdienen. Du hast einmal
gesagt, da viele arme Kinder fr Geld arbeiten mssen. Ich tanze doch
so gut -- Herr Ebel hat mich doch selbst unterrichtet -- der nimmt mich
gewi zum Theater.

Du kleiner Hitzkopf du -- was fr trichte Gedanken du dir machst,
unterbrach mich Gromama. Komm, la uns ruhig miteinander reden, damit
lie sie sich in dem tiefen Stuhl nieder, dessen Bezug noch Spuren
meiner Trnen zeigte, und ich kauerte mich ihr zu Fen, wie in jenen
glcklichen Stunden, wo ich ihren Mrchen lauschte. Lange und liebreich
sprach sie auf mich ein: da ich mir die Dinge nicht so schwarz ausmalen
solle, da wir zwar nicht mehr reich, aber auch nicht arm seien, da ich
viel helfen knne, wenn ich meiner Mutter das Leben erleichtere, wenn
ich berflssige Wnsche unterdrcke und tchtig lerne, damit ich
einmal, falls es ntig sein sollte, auf eignen Fen zu stehen
vermchte. Meine heroische Opferwilligkeit wurde nicht wenig
herabgestimmt. Gar klglich kam mir vor, was Gromama mir als eine
Aufgabe ans Herz legte. Und -- das kleine Kind? wagte ich noch einmal
schchtern zu bemerken. Die feinen Adern auf Gromamas Schlfen
schwollen. Versprich mir, da du niemandem sagst, was du von ihm gehrt
hast, sagte sie, mir ernst und fest ins Auge blickend. Ich verspreche
es, hauchte ich.

Gromama kte mir beide Wangen. So, nun komm! Ich bring dich in dein
Bettchen, und morgen ist das alles nichts als ein Traum fr dich. Still
und in mich gekehrt folgte ich ihr.

Als sie aber die Decke an den Bettpfosten befestigt hatte, -- ich
pflegte sie sonst im Traume von mir zu werfen --, und, die Hnde
gefaltet, neben mir stand, mein Abendgebet erwartend, richtete ich mich
noch einmal auf: Gromama, liebe Gromama, kam es mit Anstrengung ber
meine Lippen, sag mir doch, ist eine Geliebte dasselbe wie eine Frau?
Und sie gab mir eine Antwort, wie ich sie noch auf keine Frage von ihr
erhalten hatte: Kind, das verstehst du nicht.

Mein Abendgebet vergaen wir danach alle beide.

Trotz des gemeinsamen Geheimnisses, um das meine Gedanken sich in der
Stille unaufhrlich drehten, trat seitdem eine leise und noch lange
nachwirkende Entfremdung zwischen uns ein. Ich aber achtete von nun an
genau auf meine Umgebung, auf alles, was geschah und was gesprochen
wurde. Ich merkte, da Papa mir seltner etwas mitbrachte als frher, wo
er fast immer eine Schachtel Bonbons oder ein Spielzeug fr mich in der
Tasche gehabt hatte. Und wenn er es jetzt noch tat, so war Mamas
Emprung ber die Verschwendung so gro, da mir von vornherein jede
Freude verging. Ich sah, wie im stillen berall gespart und geknausert
wurde, ohne da sich nach auen viel vernderte: unsre alte franzsische
Kchin machte einer deutschen Platz, die keine Kuchen und Pasteten
backen konnte, an Stelle der Jungfer trat ein Hausmdchen, unter deren
Hnden Mamas blonder Kopf nicht mehr zu einem Kunstwerk wurde wie
frher. Nur der Wilhelm, der Diener, blieb, und seine stets gleichmig
unbeweglichen Zge verrieten niemandem, wie anders es im Hause der
Herrschaft geworden war; er schenkte den billigen Mosel bei Tisch mit
derselben Wrde ein, wie den teuren Rheinwein frher.

Aber noch mehr, als ich sah, hrte ich, und lernte rasch ein halbes
Wort, ein vielsagendes Lcheln verstehen: da mute der eine den Abschied
nehmen, weil er sein Verhltnis geheiratet hatte, und der andre
ruinierte sich eines Frauenzimmers wegen; da wurde einer im Duell
erschossen, weil seine Frau auf dem Zimmer eines Schauspielers gefunden
worden war, und eine andre wurde in der Gesellschaft unmglich, weil
sie ihren Mann heimlich verlassen hatte. Bei alledem schwebte mir immer
Onkel Walters Geliebte vor, die Mutter seines Kindes, der meine
Phantasie die Gestalt der duldenden Madonna gegeben hatte, und ich nahm
im Innern unentwegt Partei fr ihre Leidensgefhrtinnen.

Im Sommer gingen wir wieder nach Oberbayern. Mein schwaches Herz, das
sich in Ohnmachtsanfllen allzu hufig bemerkbar machte, bedurfte der
Strkung durch die Bergluft. Aber meine Freude ber das Reiseziel sollte
eine erhebliche Einbue erfahren: statt im Rosenhaus zu wohnen, bei
Tante Klotilde, blieben wir in Garmisch im Hotel. Als wir das erstemal
zu ihr kamen, war ich steif und still. Selbst als der Sepp mit einem
Strau von Orchideen, die ich ihrer mrchenhaften Formen wegen immer
besonders liebte, vor mir stand, lie ich mich nicht bewegen, mit ihm zu
spielen. Das Frulein ist wohl ganz preuisch geworden, sagte Tante
Klotilde spttisch. Ich sah sie bse an. Sie hatte keine Spur von
Verstndnis fr mich; sie wute nicht, da ich die Kosthppchen des
Lebens nie leiden konnte. Wer nicht das ganze kstliche Gericht haben
kann, fr den ist eine Probe davon nur eine grausame Mahnung an das, was
er entbehrt.

Es blieb bei kurzen Besuchen am Rosensee; nur selten holte die Tante
uns zum Spazierenfahren ab und unterlie es dabei nie, ihrem rger ber
die Nichte, die eine gelbe Hopfenstange geworden wre, Luft zu machen.
Ich war bisher so gewhnt gewesen, bewundert zu werden, da mich ihre
Bemerkung einigermaen in Erstaunen setzte. Der Spiegel sprach fr ihre
Richtigkeit. Diese Entdeckung steigerte nur meine morose Stimmung. Ich
hatte niemanden, der mich ihr htte entreien knnen; Mama hielt mich
abwechselnd fr unartig oder fr launisch; sie befand sich berdies bald
in einer ihr sehr angenehmen Gesellschaft und war daher ganz zufrieden,
da ich gar keine Ansprche an sie stellte, sondern am liebsten allein
mit meinem Buch im Hotelgarten sa. Die Bume darin standen in Reih und
Glied, wie Soldaten, und verbargen, trotz ihrer Drftigkeit, den Kranz
der fernen Berge; um aber jedes Gefhl fr die Groartigkeit der Natur
vollends zu verwischen, pltscherte ein dnner, kleiner Springbrunnen in
der Mitte. Hier konnte ich zeitweise vergessen, da ich dem alten grauen
Freund, dem Waxenstein, so nahe und er mir doch so unerreichbar fern
war.

Ich blieb nicht lange allein. Ein junger Mensch mit fuchsig rotem Haar
und einem Gesicht voll gelber Sommersprossen, der mit seiner Mutter,
einer Schriftstellerin, an der Table d'hote neben uns sa, gesellte sich
immer hufiger zu mir und rmpfte immer deutlicher die Nase ber meine
Lektre. Freilich: das ganze Elend der damaligen Jugendliteratur konnte
nicht deutlicher zum Ausdruck kommen als hier. Gegen den grlichen
Nieritz mit seiner Zuckerwassermoral hatte ich schon selbst protestiert,
dafr herrschten jetzt Ottilie Wildermut und Elise Polko, die der
gesitteten hhern Tochter in hundert Variationen stets dasselbe
predigten: der Mann ist deines Lebens Ziel und Zweck. Hans Guntersberg,
froh, eine so dankbare Zuhrerin fr seine Primanerweisheit gefunden zu
haben, erzhlte mir von seinen Lieblingsbchern, und von niemandem
schwrmte er mehr als von Paul Heyse. Ein Buch nach dem andern brachte
er mir, um mir daraus die seiner Meinung nach schnsten Stellen mit dem
Pathos eines Vorstadttragden vorzulesen. Sein ganzer Koffer steckte
voller Bcher und sein Kopf voller Liebesgeschichten, wobei es kein
Wunder war, da es in dem einen an Platz fr frische Kragen, in dem
andern an Interesse fr klassische Sprachen fehlte. Er war nmlich schon
zwanzig Jahre alt. Seine krperliche Nhe war mir widerwrtig, und meine
Sehnsucht nach seinen Bchern stand immer in hartem Kampf mit meiner
Antipathie gegen seine Persnlichkeit. Er mochte fhlen, was ihn allein
fr mich anziehend machte und gab daher seine Schtze nicht aus der
Hand. Pltzlich kam er nicht mehr und antwortete mir ausweichend, als
ich ihn abends nach der Ursache frug. Am nchsten Tag schlich ich ihm
nach und fand ihn in der Laube des Nebenhauses mit einem Mdchen, das
nicht nur erheblich lter, sondern auch viel hbscher war als ich. In
seiner bekannten Schauspielerpose stand er vor ihr und deklamierte,
whrend der Schwei ihm in Perlen auf der sommersprossigen Stirn stand.
Halb belustigt, halb verrgert wandte ich mich ab. Ich gnnte der
Rivalin den Kurmacher, aber seine Bcher gnnte ich ihr nicht.
Vielleicht gab er sie mir jetzt, da seine Person anderweitig
untergebracht war. Er lachte mich aus, als ich ihn darum bat: Fr
dumme Ghren wie dich ist das noch nichts. Mir fiel ein Laden in
Partenkirchen ein, der alle leiblichen und geistigen Bedrfnisse der
Sommergste zu befriedigen pflegte. Heyses Novellen hatte er gewi. Das
Schlimme war nur, da ich kein Geld besa. An meinem Geburtstag hatte
ich in Erinnerung an Gromamas Ratschlge das Goldstck von Tante
Klotilde unberhrt gelassen. Mama sollte mir zum Winter ein Kleid davon
kaufen, dieser Wunsch -- ein erstes Zeichen praktischen Verstndnisses
-- war durch einen der seltnen mtterlichen Ksse belohnt worden. Sie
fr diesen Zweck nun doch um das Geld zu bitten, wre tricht gewesen;
bestenfalls htte sie meinen Lesehunger durch einen neuen Band Wildermut
gestillt. Und doch hatte ich ein Recht darauf -- es war mein Eigentum
--, ich konnte tun damit, was ich wollte; Mama hatte es sogar selbst in
mein Portemonnaie gesteckt, das in der Kommode unter den Taschentchern
lag. Tagelang kmpfte ich mit mir, -- aber das Verlangen wurde um so
strker, als ich Stunden und Stunden nichts mit mir anzufangen wute;
endlich konnt ich nicht lnger widerstehen: unter dem Vorwand, ein
Taschentuch haben zu mssen, verschaffte ich mir den Schlssel und nahm
mein Portemonnaie an mich. In fliegender Hast, als brenne der Boden
unter mir, lief ich die Treppen hinunter durch die Strae nach
Partenkirchen. Fr meine Mutter, sagte ich verwirrt und stotternd im
Laden, sollte ich Heyses Novellen kaufen. Verwundert sah man mich an,
als ich ein ganzes Goldstck vorwies. Mit mehreren Bnden beladen lief
ich zurck; die Eile, die Angst vor Entdeckung, das klopfende Gewissen
lieen mein Herz immer strmischer schlagen. Glhende Funken tanzten
vor meinen Augen; zuweilen wars dann wieder, als hllten schwarze
Schleier sie ein. Ungesehen kam ich ins Hotel zurck und hatte noch
gerade so viel Kraft, mein Paket in die leere Reisetasche zu stecken,
als der Schwindel mich packte und ich zusammenbrach. Auf meinem Bett,
umringt von der Mutter, dem Arzt, dem Stubenmdchen, das mich zuerst
gefunden hatte, fand ich mich wieder. Die Hotelkche sei nichts fr mich
-- es fehle mir an Bewegung -- Garmisch sei zu hei -- die Baronin
Artern msse mich ins Rosenhaus nehmen, da wrde das dumme Herzchen
schon zur Rson kommen -- hrte ich des alten Doktors freundliche Stimme
sagen. Er fuhr selbst nach Grainau, um mit der Tante zu reden. Schon am
nchsten Tag sollte ich hinber. Der Gedanke an die versteckten Bcher
lie zunchst meine Freude nicht aufkommen. Ich benutzte den Augenblick,
wo Mama zum Essen hinunter ging, um mich hastig anzuziehen, nahm das
verhngnisvolle Paket und trug es mit wankenden Knien in den Garten.
Dort, unter einem Fliederbusch, vergrub ich ein Buch nach dem andern in
der Erde; nur eins -- das letzte, ein dnnes Bndchen, versenkte ich in
meine Kleidertasche. Dann erst kam mir die bedenkliche Moralitt des
Ereignisses zum Bewutsein: statt der Strafe fr meine Snden erwartete
mich das Rosenhaus, meiner stndigen stillen Sehnsucht Ziel!

Ich verlebte stille, wundervolle Wochen dort. Da ich weder Kraft noch
Lust hatte, soviel umherzuklettern wie im vorigen Jahr und die alte
Kathrin mich berdies mehr denn je in ihren Schutz nahm, fand die Tante
nicht allzuviel Ursache zum Schelten. Und der Sepp erwies sich als der
treuste, rcksichtsvollste Kamerad. Er strahlte ber das ganze braune
Gesicht vor Freude ber meine Ankunft; er lie sich willig mit Plaid und
Mantel bepacken, wenn ich dafr nur wieder mit ihm gehen durfte; er hob
mich, das lange Mdel, das ihn an Gre betrchtlich berragte, ber
jeden Bach, jede sumpfige Stelle. Und gleich am ersten Tage fhrte er
mich mit geheimnisvoll verlegenem Lcheln durch den Wald bis zu dem
Hgel, unter dem der Badersee grn aufleuchtete und Waxenstein und
Zugspitze herbergrten, als wre es nur ein Vogelflug bis zu ihnen.
Dort unter der alten Buche hatte er mir eine Bank gezimmert und in
ungefgen Buchstaben ein Alix in die Lehne geschnitten. Dort nahm ich
zum erstenmal mein gerettetes Buch aus der Tasche: L'Arrabiata war es.
Ich wei heute nichts mehr von seinem Inhalt; ich wei nur, da das
kleine Werk mich in einen Traum von Schnheit verstrickte, da ein
Gluthauch von Leidenschaft mir daraus entgegenstrmte, die mich mir
selbst entrissen. Wenn ich morgens erwachte, solange noch alles still im
Hause war, zog ich immer hufiger mein Notizbuch unter dem Kopfkissen
hervor und schrieb in Versen nieder, was mich bewegte, und was ich
niemandem htte sagen knnen.

Im Sptherbst kehrten wir heim. Es war mir eine Erleichterung, Gromama
nicht mehr vorzufinden, -- ich htte ihr nicht in die Augen zu sehen
vermocht. Wie wenig hatte ich mich ihres Vertrauens wrdig gezeigt, wie
schwach, wie schlecht war ich gewesen! Das sollte nun anders, ganz
anders werden. Durch tgliche Opfer wollte ich gut machen, was ich
verbrochen hatte. Mit wahrer Leidenschaft strzte ich mich in die
selbstgewhlte Aufgabe und nahm gleich das schwerste auf mich, was es
fr mich geben konnte: Handarbeiten. Der Eifer, mit dem eine bende
Nonne sich geielt, konnte nicht hingebungsvoller sein als der, mit dem
ich Strmpfe stopfte! Rascher, als er erlahmte, machte meines Vaters
Versetzung nach Posen ihm ein Ende. Ich sah dieses Verschlagenwerden
nach einer Stadt, von der niemand etwas Gutes zu sagen wute, als eine
gerechte Strafe fr meine Snden an. Keine Lockungen der Eitelkeit und
des Vergngens wrden mich dort dem Ernst des Lebens entreien.

An einem der letzten Abende vor der Abreise saen wir zwischen
hochaufgetrmten Kisten um den Ezimmertisch. Schwarz starrten die
vorhanglosen Fenster zu mir herber, vor denen ich stets ein Grauen
empfand, wie vor offenen Grbern. Mama trug ihren unscheinbarsten
Morgenrock, ich -- im Vollgefhl grter Selbstentsagung -- eine
Schrze. Nur der Wilhelm wahrte auch inmitten der Unordnung des Umzugs
die Form: tadellos, wie stets, war sein Frack, blank geputzt, wie immer,
der silberne Teller, auf dem er Mama einen Brief prsentierte. Aus dem
Kabinett Ihrer Majestt der Kaiserin, sagte er mit der Miene
ehrfurchtsvoller Devotion. Mamas Gesicht erhellte sich, whrend sie las.
Das ist wirklich ein Glcksfall, -- damit reichte sie den Brief meinem
Vater. Ihm stieg das Blut zu Kopf bei der Lektre; die Adern schwollen
ihm auf der Stirn; er rusperte sich immer heftiger. Das hast du ja mal
wieder fein eingefdelt, rief er schlielich mit drhnender Stimme,
warf den Brief auf den Tisch und sprang vom Stuhl auf. Ich erhob mich
gleichfalls, um mglichst rasch zu verschwinden. Du bleibst! schrie
Papa wtend, mein Handgelenk umklammernd. Alix ist schlielich die
Hauptperson, -- mag sie entscheiden, fgte er hinzu und reichte mir
trotz Mamas entrstetem Aber Hans, wie unpdagogisch! den gewichtigen,
groen Bogen. Er enthielt die kurze Mitteilung, da Ihre Majestt
gndigst geruht habe, Frulein Alix von Kleve eine Freistelle im
Augustastift zu bewilligen, und die Bemerkung von der Kaiserin eigener
Hand sie freue sich, die Enkelin ihrer lieben Jugendfreundin Jenny in
die ihrem Herzen so nahe stehende Anstalt aufnehmen zu knnen. Im Fluge
erschienen all die Bilder des Stifts vor mir, die ich bei meinen
Besuchen mit Gromama oft genug gesehen und meinem Vater oft genug
geschildert hatte: Alles war Uniform dort, von der Kleidung bis zur
Gesinnung, und von den weiten Schlafslen bis zum Garten atmete alles
denselben Geist: den der Hygiene, der Pnktlichkeit, der Ordnung. Da gab
es kein stilles Pltzchen und keine Zeit zum Trumen. Das, was mir von
klein auf das tiefste Bedrfnis gewesen war: allein sein zu knnen mit
meinen Gedanken, wre hier Tag und Nacht unbefriedigt geblieben. Aber
war es nicht vielleicht die Hand Gottes, die mir grade diesen Weg der
Bue wies? Wrde ich nicht mit einem Schlage meine Eltern von drckenden
Sorgen befreien, wenn ich ihn, ohne Rcksicht auf meine Wnsche, tapfer
betrat? Erwartungsvoll fragend sah Papa mich an. Und leise, mit
gesenkten Augen sagte ich: Es wird wohl das beste fr mich sein!

Ihr habt ja das Mdel gut klein gekriegt, hhnte Papa, aber ich geb
das nie und nimmer zu! So stehts noch nicht mit mir, da ich meine
Tochter das Gnadenbrot essen liee! -- Sie bleibt zu Hause, wo sie
hingehrt, sie wird nicht zum Hofschranzen erzogen -- und damit basta!

Mama blieb still. Ich wurde ins Bett geschickt, hrte aber noch lange
des Vaters heftige Stimme: mein Schicksal, das fhlte ich, wurde dort
drben entschieden.

Am Tage darauf mute ich mich auf des Vaters Kniee setzen, und mit einer
weichen Zrtlichkeit, die er selten zu zeigen pflegte, sprach er auf
mich ein:

Du bist mein einziges Kind, Alixchen, und meine ganze Lebensfreude.
Wenn ich dich von mir gebe, so heit das, dich verlieren, denn fremde
Einflsse werden auf dich wirken, die meinem Denken und Fhlen
entgegengesetzt sind. Glaube mir: niemand meint es so gut mit dir wie
ich, wenn ich auch oft grob und heftig bin, -- und niemand kann dich
lieber haben. Mit feuchten Augen sah er mich an: Willst du deinen
armen alten Vater wirklich verlassen, mein Kind?

Schluchzend schlang ich die Arme um seinen Hals: Ich bleibe bei dir,
Papa.




Drittes Kapitel


Wir saen um den runden Mahagonitisch beim Nachmittagskaffee; von der
Hngelampe mit dem grnen Schirm fiel ein warmes Licht auf den zierlich
gedeckten Tisch mit seinen Kristalltellern und Sahnennpfchen und seinen
alten, weien, wappengeschmckten Porzellantassen; die dickbauchige
silberne Kaffeekanne blitzte, und der groe Napfkuchen duftete
sonntglich. Mit lustigem Prasseln bertnten die brennenden Holzscheite
im Kamin die grmliche Herbststimme des Novemberregens drauen.

Doktor Hugo Meyer, meldete der Diener und ffnete die Tr vor dem
Erwarteten. Mein Vater stand auf. Dein Erziehungsapparat, flsterte er
mir lchelnd zu. Ich war wenig neugierig. Sie waren bisher einander alle
hnlich gewesen: grauhaarige Mnner mit krummen Rcken und schmutzigen
Fingerngeln, ltliche, bebrillte Fruleins mit blutleeren Lippen --
wirklich: nur gleichmig funktionierende Erziehungsapparate, aber
keine Erzieher.

Pflichtschuldigst erhob ich mich, als Papa mich dem neuen Lehrer
vorstellte, den er nach vielem Suchen fr mich gefunden hatte. Hier ist
unsere Alix, Herr Doktor! Ein groes Mdel, nicht wahr? Sie werden sich
tchtig anstrengen mssen, damit der Geist sich streckt, wie der
Krper. Ich reichte ihm die Hand; sein warmer, krftiger Hndedruck
lie mich erstaunt zu ihm aufsehen, -- meine frheren Lehrer hatten mir
immer nur die Fingerspitzen berhrt, was mich von vornherein hatte
frsteln lassen.

Ein groer, breitschultriger Mann stand vor mir; ein paar gute Augen von
einem so reinen Blau, wie es mir noch bei keinem Menschen begegnet war,
sahen mich forschend an. Und doch konnte ich nur schwer ein Lcheln
verbergen: wie schlecht pate der Mann, dachte ich, in den langen
korrekten schwarzen Rock. Eines Arminius Lederwams und Panzer htte ihm
besser gestanden, und unter einem Bffelhelm wrde der breite
Germanenkopf mit dem gelockten rtlichen Haar und dem dichten Bart nie
den Gedanken an einen preuischen Gymnasiallehrer haben aufkommen
lassen. Er errtete unter meinem Blick und setzte sich mit einer
ungeschickt verlegenen Bewegung, den Zylinder immer noch in der Hand,
auf den Rand des ihm angebotenen Stuhles. Es bedurfte der ganzen
gesellschaftlichen Geschicklichkeit meiner Mutter und der jovialen
Liebenswrdigkeit meines Vaters, um eine Unterhaltung in Flu zu
bringen. Erst als das Gesprch sich ausschlielich auf des Besuchers
eigentliches Gebiet konzentrierte, wurde er lebendig, und je mehr er den
schwarzen Rock und das Zeremoniell der Salonkonversation verga, desto
strker trat seine Natur hervor: die eines Menschen voll Jugendkraft und
Enthusiasmus. Ich empfand sie, wie ich den schumenden Giebach und die
dunkeln, schattenden Bume in dem khlen, grnen Grund der Maxklamm
empfand, wenn ich von den sommerschwlen Wiesen Grainaus dorthin
flchtete. Ein tiefes Aufatmen ging durch meine Seele. Ich ffnete den
Mund nicht whrend des ganzen Besuchs, und er richtete nie das Wort an
mich. Da ich seinen Hndedruck beim Abschied herzhaft erwiderte, war
das einzige Zeichen meines Willkommens.

Am Abend desselben Sonntags war es; die Stunde, in der mein Vater fr
Wnsche am zugnglichsten, fr Widerspruch am wenigsten empfindlich war.
Dann pflegte Mama mit gekreuzten Armen tief in der Sofaecke seines
Zimmers zu sitzen, der Patience zuschauend, die er, als bestes
Nervenberuhigungsmittel, wie er meinte, allabendlich zu legen pflegte.
Ich las whrenddessen oder trumte vor mich hin.

Wir htten Alix doch in die Schule schicken sollen, begann Mama.

Damit sie mit fnfzig Cohns und Goldsteins in einer Klasse sitzt! Na,
Gottlob, ist das Thema seit heute erledigt, antwortete er.

Und da er ihr keine Religionsstunde geben will, ist doch auch
bedenklich, fuhr sie fort.

Das ists grade, was mir pat, sagte er mit etwas erhobener Stimme,
den Katechismus kann sie am Schnrchen, die Kirchenlieder auch, alles
brige lt sich nicht lehren und nicht lernen, wenn mans nicht erfhrt.
Und zu dieser Religionserziehung sind die Herren Eltern da.

Ich freue mich auf die Stunden, unterbrach ich das Gesprch, in der
Angst, es knne sich zu einer Szene steigern.

Jedenfalls mu ich immer dabei sein, seufzte darauf Mama.

Ich erschrak. Vor niemandem vermochte ich so wenig aus mir herauszugehen
wie vor ihr. Lhmend wirkte ihre Khle auf mich. Wie eine stumme Geige
war ich in ihrer Nhe: gehorsam geben die Saiten dem Spiel der Finger
nach, aber mit keinem Ton antworten sie ihnen.

Warum denn, Mama? frug ich mit zuckenden Lippen, die Augen bittend auf
sie gerichtet, ich werde sicher gut aufpassen und immer fleiig sein.

Glaubst du vielleicht, ich tus aus Vergngen?! Ihre Stimme wurde
schrfer: Es schickt sich einfach nicht, euch allein zu lassen!

Eine unklare Empfindung, als habe mich etwas Unreinliches berhrt, trieb
mir die Schamrte in die Wangen.

Wir verstummten alle. Tiefer senkte ich den Kopf auf mein Buch, aber ich
sah die Worte nicht; ich hrte auf den Regen, der eintnig gegen die
Fensterscheiben schlug. Das Kaminfeuer nebenan war erloschen.

Am nchsten Nachmittag begann der Unterricht. Mama sa richtig mit einer
Handarbeit dabei. Ihre Gegenwart schien auch der Lehrer peinlich zu
empfinden, er kam nicht in die Stimmung, die mich an ihm mit so viel
Hoffnung erfllt hatte, und wir waren schlielich sichtlich enttuscht
voneinander. Wochenlang blieb alles beim alten, und ich sagte mir mit
altkluger Bitterkeit, da ich mich eben wieder einmal umsonst gefreut
htte. Aber mit dem nahenden Winter nahm die Geflligkeit zu, und
schlielich war sie dermaen ausgedehnt, da ich meine Eltern fast nur
zu Tisch noch sah. Besuche, Diners, Blle, Wohlttigkeitsvorstellungen
folgten einander auf dem Fu. Meine Mutter hatte nur noch Zeit, die
pflichtgeme Mittagspromenade mit mir zu machen und meinen Lehrer zu
begren, wenn er kam. Tglich wiederholte sich dabei dieselbe Szene:
mit linkischer Verbeugung und verlegenem Hsteln, das sein gewaltiger
Brustkasten Lgen strafte, trat er ein. Sind Sie zufrieden mit Alix?
frug Mama. O sehr, antwortete er. Ihm freundlich zunickend, mir rasch
die Stirne kssend, verabschiedete sie sich, und mit einem Gefhl der
Erleichterung nahmen wir einander gegenber Platz. Der Diener brachte
den Kaffee, der, wie Papa gemeint hatte, eine Unterhaltung und damit ein
nheres Bekanntwerden von Lehrer und Schlerin herbeifhren sollte. Aber
es kam nie dazu. Dr. Meyer schluckte hastig den gebotnen braunen Trank
herunter und zerbrckelte schweigsam den Kuchen zwischen den Fingern,
whrend er meine Hefte durchsah. Erst durch den Lehrstoff, den er
vortrug, taute er auf, und je mehr die Zeit vorrckte, desto heller
leuchteten seine Augen, desto reicher strmten ihm alle Mittel
eindrucksvoller Rede zu. War mein ganzer bisheriger Unterricht nichts
als eine Anhufung von Regeln, Versen Namen, Zahlen und Daten gewesen,
so leblos und reizlos fr mich, wie das Spielzeug, mit dem Onkels und
Tanten meine Schublden fllten, so strmte jetzt mit ihm das Leben
selbst mir zu, dessen Flle ich in atemloser Aufmerksamkeit, in
herzklopfender Erregung zu fassen und zu halten versuchte. Die toten
Helden der Geschichte wurden lebendig vor mir; alle, die um der Freiheit
und der Gerechtigkeit willen geblutet hatten, -- von Leonidas und
Tiberius Gracchus bis zu den Amerikanern, den Griechen, den Polen der
Neuzeit --, zeigten mir ihre Narben und Wunden, und meine Begeisterung
entflammte sich an ihren Taten und Leiden. Die Dichter sprachen zu mir,
und die Lehrer und die Propheten der Menschheit brachten dem kleinen
Mdchen die unvergnglichsten ihrer Schtze. Wenn sie auch ihren Wert
noch nicht zu wrdigen verstand, so erkannte sie doch mit inbrnstigem
Schauern ihren Reichtum, und die Welt, bisher fr sie nur erfllt mit
den Nebelgestalten ihrer eignen Schpfung, sah sie nun aus tausend
lebendigen Augen an.

Mndlich und schriftlich hatte ich Gelesenes und Gehrtes nicht nur
automatisch wiederzugeben, sondern meine eignen Eindrcke und Gedanken
daran zu knpfen. Stets verteidigte ich leidenschaftlich meine Helden,
und um ihre Widersacher zu malen, war mir das tiefste Schwarz nicht
schwarz genug. Suchte der Lehrer meine Engel in Menschen zu verwandeln,
so bumte sich meine Empfindung feindselig gegen ihn auf; und geschah
es, da mein Verstand ihm recht geben mute, so trauerte ich verzweifelt
vor dem gestrzten Heros, als wre mir ein Freund gestorben.

Ein hoher hlzerner Fuschemel war meine Rednertribne. Ich konnte nicht
zusammenhngend sprechen, wenn ich am Tische sa oder stand; ich
bedurfte eines merkbaren rumlichen Abstands zwischen mir und dem
Zuhrer und war daher instinktiv auf diesen Ausweg verfallen. Nur in
Mamas Gegenwart half auch der Fuschemel nichts, seitdem sie einmal
zugehrt und ber mein Pathos Trnen gelacht hatte. Mein Lehrer
verstand mich; kam sie zufllig herein, whrend ich sprach, so
wechselte er stillschweigend den Gegenstand des Unterrichts. Aber nicht
nur der Stoff und die Form, auch der Tenor des Inhalts wurde ein andrer,
wenn wir nicht allein blieben.

Meine Mutter hatte einmal ausnahmsweise der Geschichtsstunde beigewohnt,
als Dr. Meyer Friedrichs des Groen Polenpolitik einer abflligen Kritik
unterzog. Er war Hannoveraner und hatte sich als solcher trotz aller
Begeisterung fr das Deutsche Reich den Hohenzollern gegenber einen
scharfen kritischen Blick bewahrt. Seine Auseinandersetzung unterbrach
meine Mutter pltzlich mit einer Leidenschaftlichkeit, die bei der sonst
so vornehm khlen Frau wie etwas vllig neues erschien: Herr Doktor,
rief sie, vergessen Sie nicht, wen Sie vor sich haben. Wir sind
Preuen! -- Verzeihen Sie, gndige Frau, entgegnete er, whrend
das Blut ihm in Wangen und Schlfen scho, die objektive
Geschichtsforschung ... -- Was geht mich die objektive
Geschichtsforschung an, warf sie heftig dazwischen, wir haben unser
angestammtes Frstenhaus zu lieben und unsre Kinder im Respekt vor ihm
zu erziehen. Lehren Sie Alix einfache Tatsachen, keine zersetzende
Kritik. Sie ist sowieso schon superklug genug. Ich erwartete eine
energische Antwort. Doch der groe, starke Mann schien in sich zusammen
zu fallen, er senkte die Augen, und sein Gesicht frbte sich noch
dunkler. Als wollte er einen bsen Gedanken vertreiben, fuhr er sich mit
der Hand, deren Weie zu ihrer breiten Derbheit einen seltsamen Kontrast
bildete, ein paarmal ber die Stirn, sah mechanisch nach der Uhr, atmete
tief auf, da die abgelaufene Zeit seinen Aufbruch gestattete, und
verabschiedete sich noch unbeholfener als gewhnlich. Mir gab es einen
Stich ins Herz: es war zwar nicht ein Heros, dessen Sturz mich
verletzte, es war nur ein erster schchterner Trieb beginnenden
Vertrauens, der mir aus dem Herzen gerissen wurde. Ein Mann, der sich so
herunterputzen lie! Der seine berzeugung nicht zu vertreten vermochte!
Da Mutter und Schwester daheim mit jedem Groschen rechnen muten, den
er verdiente, -- das freilich wute ich damals nicht.

Fr mich, fr die ein Erlebnis, das andre kaum empfanden, so oft zum
erschtternden Ereignis wurde, blieb diese Stunde bedeutungsvoll. Noch
immer sah ich Tag fr Tag meinem Lehrer voll Erwartung entgegen, aber er
war doch nur der Trhter am Museum der Menschheitsgeschichte, nicht der
Fhrer, dessen Leitung sich der Laie anvertraut: er ffnete mir einen
Saal nach dem andern, aber ich ging schlielich doch allein. Wenn es
auch sein hchstes Verdienst war, da ich allein gehen lernte, -- nicht
auf den Stelzen fremder Anschauungen, die unbrauchbar werden, sobald es
gilt, ber Felsen zu klettern --, so ist doch die Seele des Kindes zu
weich, zu schutz- und anlehnungsbedrftig, als da sie auf einsamer
Wanderung durch das fremde Leben nicht Wunden ber Wunden davontragen
mte und ihr beim Sammeln von Blumen und Beeren nicht allzuviel giftige
in die Hnde fielen.

Ich war ein frommes Kind gewesen -- mit jener Frmmigkeit, die an den
lieben Gott und an die Engel und an den Herrn Jesus ebenso innig glaubt,
wie an die sieben Zwerge, an die Knusperhexe und an die kleine
Seejungfrau; mit jenem Glauben, der gar kein Glauben ist, weil noch
kein Schatten eines Zweifels ihn erprobte.

Bei mir wie bei jedem Kinde wiederholte sich, was die Kindheit der
Vlker kennzeichnet: ihre Phantasie ist das Mittel, durch das sie sich
mit dem ungeheuern Geheimnis des Lebens und des Schicksals
auseinandersetzen. Sie berwinden die Furcht vor dem Unbegreiflichen
durch den Glauben an die waltenden Wesen ber ihnen. Schon als kleines
Kind flchtete ich, wenn irgend ein Ereignis mich aus dem Gleichgewicht
brachte, in die Stille, um inbrnstig den Vater im Himmel um Hilfe zu
bitten. Auf meine religisen Empfindungen blieben die Gebete, Sprche
und Gesangbuchverse, die ich in der Schule gelernt hatte, und der
Luthersche Katechismus vor allem, der, wre er chinesisch geschrieben,
den Kindern nicht weniger verstndlich sein wrde, so einflulos wie die
nchterne Ode der protestantischen Kirche. Die Heiligenbilder, das
geweihte Wasser, die durch rotes Glas mystisch schimmernde ewige Lampe
unter dem geheimnisvollen Bilde der schwarzen Madonna von Ezenstochau,
die die Wnde in der Kammer unsrer polnischen Kchin schmckten, zogen
mich weit mehr an.

Das Licht des grellen Tages fiel nun in diese unberhrte traumdunkle
Mrchenwelt meiner Religion.

In der Geschichtsstunde, zu der in sptern Jahren ein besondrer
religionsgeschichtlicher Unterricht hinzukam, lernte ich, wie nicht nur
innerhalb des Christentums eine Kirche, eine Sekte die andre auf das
heftigste bekmpfte, wie jede im Besitz des alleinseligmachenden
Glaubens zu sein behauptete, und fr jede Mrtyrer geblutet hatten, ich
sah auch, da Juden, Muhamedaner und Buddhisten nicht weniger fromm
waren als die Nachfolger Christi und mit derselben Hingabe wie sie fr
ihren Glauben lebten und starben. Die Fabel von den drei Ringen kannte
ich noch nicht, aber ich empfand schon die Schwere ihrer Fragestellung.
Mein Lehrer, der dem Mitrauen meiner Mutter, als er sich weigerte, mir
Religionsstunden zu geben, dadurch begegnet war, da er versprochen
hatte, keinerlei Glaubenszweifel in mir zu erwecken, beschrnkte sich im
wesentlichen auf die Darstellung historischer Ereignisse und wich meinen
bohrenden Fragen so lange aus, bis ich es aufgab, sie zu stellen. In
meinem Innern aber wurden sie zu Quadersteinen eines babylonischen
Turms, von dem auch ich ber die Wolken zu sehen hoffte. Da ich noch zu
schwach und ungeschickt war, sie ohne Hilfe fest und sicher aufeinander
zu schichten, brach mein Bau frhzeitig zusammen. Nicht zu neuen Wundern
hatte er mich emporgefhrt, doch meinen Kinderglauben begrub er unter
seinen Trmmern.

Im mystischen Dunkel der Tempel und Kirchen waltet die Phantasie
ungestrt, die groe Bannertrgerin allen Glaubens, und flt den
Marmorsteinen der Gtter und den Bildern der Heiligen rotes, warmes
Leben ein. Dringt aber Licht und Lrm durch zerrissene Vorhnge und
zerbrochene Scheiben, so wandeln sie sich wieder zu toten Gebilden von
Menschenhand. Die Phantasie aber baut in stillen Winkeln neue Tempel fr
die glaubensdurstigen Kinderseelen, die Denker und Dichter noch nicht
sind, oder niemals werden knnen.

Einmal, nach der Rckkehr von einer lngeren Sommerreise, fhrte mich
mein Vater mit besondrer Feierlichkeit in unsre Wohnung. Hatte ich
bisher ein Zimmer neben der Schlafstube der Eltern bewohnt, in dem sich
tags ber meist auch die Jungfer aufzuhalten pflegte, so ffnete er mir
jetzt die Tr zu einem bis dahin unbenutzten Raum. Das ist dein Reich,
mein Kind, sagte er. Ich konnte das Glck kaum fassen: ein eignes
Zimmer! Dieser Traum jedes zu selbstndigem Leben reifenden
Menschenkindes sollte mir so wundersam in Erfllung gehen! Keine
rasselnde Nhmaschine durfte mich hier mehr stren, niemand konnte mir
den Platz am eignen Schreibtisch streitig machen! Nur das alte braune
Sofa erinnerte trotz seines neuen blau-weien Kleides noch an die
Kinderstube. Die erste Nacht unter dem schneeigen Betthimmel und der
roten Ampel fand ich keinen Schlaf: mein Zimmer, und doch -- das
allereigenste fehlte ihm noch, das geheimnisvolle, das niemand sehen
durfte als ich allein. Ich richtete mich auf, zndete die Ampel an und
schlpfte aus dem Bett. Bunte Seidenreste und einen groen gelben Schal
holte ich aus meinem Wscheschrnkchen und kauerte damit am Fenster
nieder, wo zwischen dem Sofa und der Wand eine Ecke leer war. Mit Nadeln
und Reingeln spannte ich den gelben Schal wie ein Zeltdach zwischen
der hohen Seitenlehne des Sofas und der Fensterwand, ftterte die Wnde
innen mit rotem Atlas und breitete himmelblauen Sammet als Teppich auf
dem Boden aus. Einen weien, mit Blumen bemalten Kasten stellte ich wie
einen Altar in die Mitte, bunte Kerzen von meinem Geburtstagskuchen
befestigte ich ringsum, und eine kleine Schale von Malachit, mit
Rosenblttern gefllt, legte ich als Opferstein davor. Nur der Gott
fehlte noch, dem der Weihrauch duften sollte. Leise, mit angehaltnem
Atem, schlich ich zum Ezimmer hinber, holte vom Ofensims die kleine
Statuette des Apoll vom Belvedere und erhob ihn zum Heiligen meines
farbenglhenden Tempels. Tief mut ich mich neigen, um hineinzusehen;
aber da ich fast die Erde mit den Lippen berhrte, entsprach nur meiner
feierlichen Andacht. Baldur nannte ich den Apollo, denn die Gtterwelt
der Germanen war mir vor allem vertraut geworden, und mit einer ersten
instinktiven Auflehnung gegen die Schmerzensgestalt des Gekreuzigten
betete ich den blhenden Gott des steigenden Lichtes an.

Kindisch mags denen erscheinen, die nichts wissen von den Tiefen der
Kindesseele, ich aber wei, da keines glubigen Christen Frmmigkeit
inniger sein konnte als die, die mich erfllte, wenn ich vor dem
selbstgeschaffnen Heiligtum in die Knie sank.

Meiner Mutter erzhlte ich herzklopfend, da ich den Apollo zerbrochen
htte, und bat sie, wie alle Hausbewohner, die mit einem dunkeln Tuch
sorgfltig verhllte Ecke meines Zimmers nicht zu untersuchen, der
Weihnachtsberraschungen wegen, die ich dort verwahrt htte. Als aber
Weihnachten vorber war, machte ich keinerlei Anstalten, meinen
geheimnisvollen Bau dem Besen und dem Scheuertuch zu opfern. Heimlich
kaufte ich mir Blumen, um ihn stets frisch zu schmcken, und eine kleine
ewige Lampe, an deren Brennen und Erlschen sich allmhlich allerlei
aberglubische Vorstellungen knpften, und Rucherkerzchen, die
allabendlich den Gott auf dem Altar in bluliche Wolken hllten. Schon
oft hatte Mama mich gemahnt, das unntze Zeug fort zu rumen;
schlielich, als ich eines Morgens von der Klavierstunde kam, trat sie
mir mit hochrotem Gesicht entgegen. Wirst du dir denn nie das Lgen
abgewhnen?! rief sie und zog mich in mein Zimmer. Mein Tempel war
verschwunden, in wirrem Durcheinander lagen Stoffe und Blumen, Lichter
und Rucherwerk auf dem Tisch, erloschen stand das Lmpchen neben
Baldur-Apoll. Weit du, wie man das nennt, wenn man sich fremdes
Eigentum aneignet?! Vor diesen Worten wich die Erstarrung des ersten
Entsetzens von mir. Aufschreiend warf ich mich vor meinem Bett in die
Kniee; meine Glieder flogen, und mein Herz klopfte, als wollte es mir
die Brust zersprengen. Meine Mutter hielt diesen Ausbruch der
Verzweiflung offenbar fr Reue. Na, beruhige dich, Alixchen, sagte
sie, mir die Hand auf den Kopf legend, eine Berhrung, die mich zwang,
ihn nur noch tiefer in die Kissen zu vergraben, ich will die ganze
Geschichte noch einmal als bloe Kinderei betrachten. Belgst du mich
aber noch ein einziges Mal, so mu ich andre Saiten aufziehen.

Ich baute von nun an keine Tempel mehr. Mein ueres Leben war das einer
korrekten Schlerin und wohlerzogenen Tochter. In der schwlen
Treibhausluft meines Innern aber wucherten die Wunderblumen meiner
Trume, und berauschend umwehte mich ihr Duft, wenn ich allein war und
zu mir selber kam. Oft hielt ich mich krampfhaft wach, bis alle
schliefen, um dann bei der trbe flackernden Kerze noch lange am
Schreibtisch zu sitzen, wo ich mit glhendem Kopf und frostbebendem
Krper Verse zu Papier brachte, die nach Freiheit schrieen und nach
Liebe.

Nur der Unterricht meines Lehrers wirkte noch beruhigend auf die Strme
meines Innern und lenkte mein Interesse in andere Bahnen. Die
Literaturgeschichte besonders fesselte mich mehr und mehr. Sie bestand
nicht nur aus den Namen der Dichter, den Titeln ihrer Werke und fix und
fertigen Urteilen ber sie, mit denen ausgerstet unsere Jugend Bildung
zu heucheln pflegt, sie vermittelte mir vielmehr, soweit es meiner
geistigen Entwicklung entsprach, die Kenntnis der Werke selbst. In
kleinen gelben Heftchen brachte sie mir mein Lehrer, der nicht die
Mittel hatte, kostbarere Ausgaben anzuschaffen. Die nordische und die
ltere deutsche Literatur, die griechischen und rmischen Klassiker
lernte ich auf diese Weise kennen; mit der Lektre wuchs mein Verlangen
nach immer neuen Bchern, und statt des Weihrauchs und der Blumen fr
meinen Tempel kaufte ich mir ein Reklamheft nach dem andern. Nachdem ich
erst den Katalog in Hnden hatte, lie es mir keine Ruhe mehr: ich mute
lesen, lesen -- alles lesen. Was mir der Lehrer empfahl, gengte meinen
von Neugierde und Wissensdurst aufgepeitschten Wnschen lngst nicht
mehr, noch weniger, was mir die Eltern gaben und erlaubten. In acht
Tagen pflegte ich meine Weihnachts- und Geburtstagsbcher auszulesen,
und wenn ich mich auch immer aufs neue in Grubes Charakterbilder --
meine Fundgrube, wie Papa sagte -- und in Gustav Freytags Bilder aus
der deutschen Vergangenheit vertiefte, so fllte das alles die freie
Zeit doch nicht aus.

Andere Kinder meines Alters spielten; meine Puppen und mein Kochherd
wurden nur dann der Vergessenheit entrissen, wenn ich Besuch hatte, was
ich darum zumeist nur als unangenehme Strung empfand. Was hatte ich
gemeinsames mit den dummen Schulghren? Ihren Schulklatsch verstand
ich nicht, und lie ich mich hinreien, ihnen meine Interessen zu
verraten, so lachten sie mich aus. Mama hielt es fr ihre Pflicht, mir
Verkehr mit Altersgenossen zu verschaffen, auch ich empfand ihn nur als
eine Pflicht, die nach meiner Erfahrung stets das Gegenteil des
Vergngens war. Mit in die Hhe gezogenen Beinen in der Sofaecke kauern,
vertieft in ein Buch, vor dessen Zauber die ganze Welt um mich versank,
-- diesem Genu glich kein andrer! Nur die stndige Angst, entdeckt zu
werden, beeintrchtigte ihn. Denn, was ich las, -- dessen war ich sicher
--, gehrte nicht zu der erlaubten Mdchenlektre, und doch fhlte ich
instinktiv, da es tausendmal wertvoller war als die zuckersen
Backfischgeschichten von Clementine Helm, fr die sich meine Freundinnen
damals begeisterten.

In dem neuen Bezug meines alten Sofas hatte ich eine Naht aufgetrennt;
hrte ich Schritte drauen, so verschwand mein gelbes Heft in dies
sichere Versteck, und ich beugte mich rasch andachtsvoll ber Webers
Weltgeschichte, die auf dem Tische bereit lag. Nach und nach wurde das
gute verschwiegene Mbel meine Schatzkammer. Da lagen sie alle friedlich
beisammen, deren Gestalten in meinem Hirn und Herzen in tollen Tnzen
durcheinanderwirbelten: Die Arnim und Brentano, die Hauff und Zschokke,
die Scott und Bulwer, die Gogol und Turgenjeff. Sie lieen mich nachts
oft nicht zur Ruhe kommen, und wenn ich schlief, verfolgten sie mich bis
in meine Trume.

Eines Winterabends war mir der Lesestoff ausgegangen. Meine Eltern
waren nicht zu Haus; ich konnte unbemerkt zum nchsten Buchhndler
laufen, um zu holen, wonach ich Verlangen trug. Von E. T. A. Hoffmann
hatte ich in der Literaturgeschichte gelesen -- das ist noch nichts fr
dich war mir geantwortet worden, als ich, in der Meinung, es handle
sich um Kindermrchen, den Lehrer darum gebeten hatte. Und dies das ist
nichts fr dich war mir lngst zum Empfehlungsbrief der Bcher
geworden. Mit Klein-Zaches und dem Goldnen Topf in der Tasche kam
ich zurck. Dann fing ich an zu lesen. Mein Abendbrot, das man mir
brachte, blieb unberhrt, die Mahnung der Jungfer, schlafen zu gehen,
unbeachtet. -- Sa ich nicht selbst unter dem Holunderbusch und sah die
grne Schlange, und hrte die klingenden Glcklein? Grinste mir nicht
von der Tr her das Bronzegesicht der zauberhaften pfelfrau entgegen?
-- Da ffnete sich die Tr. Wie, du bist noch nicht im Bett?! tnte
mir die Stimme meines Vaters entgegen. Ich mu wohl eingeschlafen
sein, stotterte ich und versteckte hastig mein Buch. So zieh dich
rasch aus -- ich werde Mama nichts sagen -- gute Nacht. Damit schlo er
die Tre wieder. Ich lschte die Lampe und kroch mit den Kleidern ins
Bett; als Mama leise eintrat, glaubte sie mich schlafend. Und dann las
ich weiter: von Klein-Zaches mit den drei goldnen Haaren, von der
Nachtigall und der Purpurrose, von der Lotosblume und dem Goldkfer. Es
lie mich nicht los, bis ich zu Ende war, und ich lebte von da an in der
Welt Hoffmanns, so da mir jede Berhrung der Wirklichkeit weh tat, wie
ein Nadelstich. Schwerer als je wurde mir jetzt der Unterricht, der mir
schon immer qualvoll gewesen war: die Musikstunde. Ich liebte die Musik;
durch Hoffmann erschien sie mir wie ein Himmelszauber; -- schon als
kleines Kind konnte ich stundenlang still zuhren, wenn jemand sang oder
spielte, -- meine eigne Klimperei, bei der ich nie ber den Kampf mit
der Technik hinauskam und vor Noten und Vorsatzzeichen von der Musik
nichts hrte, wurde mir immer unertrglicher. Vergebens bat ich Mama,
mich meiner offenbaren Talentlosigkeit wegen davon zu befreien --
Klavierspielen gehrte zur guten Erziehung, also bliebs dabei. Ich
suchte mir selbst einen Ausweg: statt zur Lehrerin, ging ich spazieren,
oder ich entschuldigte mich mit Kopfweh. Um niemanden von den Meinen
zu begegnen, mut ich dann freilich abgelegene Wege suchen.

In einem regenreichen Frhjahr des Jahres 1877 war der polnische
Stadtteil Posens, wo die rmsten wohnten -- die Walischei -- durch die
aus den Ufern tretende Warthe vollkommen unter Wasser gesetzt
worden. Krankheit und Not nahmen berhand, so da auch in den
Gesellschaftskreisen meiner Eltern auf dem blichen Wege der
Wohlttigkeitsvorstellungen Hilfe geschaffen werden sollte. Ich wirkte
nicht mit, wie frher in Karlsruhe, -- mit dem langen, dnnen, blassen
Mdchen war wohl kein Staat zu machen --, aber den Proben und
Auffhrungen wohnte ich bei, weil meine Mutter zu den Hauptdarstellern
gehrte. Da erfuhr ich denn mancherlei von den Unglcklichen, denen der
Ertrag dieser Eitelkeitsparaden zugute kommen sollte. Armut -- was wute
ich von ihr? Sie hatte mich bis zu Trnen erschttert, als sie mir in
den hungernden Sklaven Roms zur Zeit Neros, in den um Brot schreienden
Weibern von Paris zu Beginn der groen Revolution, in den
Jammergestalten der schlesischen Weber in den Elendsjahren Preuens
entgegengetreten war. Aber jetzt, in der Herrlichkeit des Deutschen
Reichs, unter dem Zepter des guten alten Kaisers -- jetzt gab es doch
keine Armut mehr! Da uns gegenber in der polnischen Kneipe Tag fr Tag
Betrunkene vor der Tre saen, da selbst Weiber im Rausch in den
Rinnstein fielen, erregte nur meinen Ekel, nicht mein Mitleid. Ihr
Laster wars ja und nicht ihr Elend, dem sie verfallen waren. Ich
beschlo, die Armut, die ich nicht kannte, zu suchen; und die Angst, die
mich angesichts des Abenteuers zittern lie, erhhte noch die Romantik
meines Unternehmens. All die phantastischen Irrwege der Helden
Hoffmannscher Erzhlungen standen mir lockend vor Augen.

Es war ein nakalter Mrzmorgen, als ich, mit der Musikmappe am Arm,
ber den Wilhelmsplatz zum Markt hinunterging. Ein bekanntes Gesicht
trieb mich in den dunkeln Dom, wo mir eine schwere Wolke von
verbrauchter Winterluft, von Menschendunst und Weihrauch entgegenschlug.
Die Tapsen vieler schmutziger Fe hatten den Boden mit einer schwarzen
klebrigen Schicht berzogen. Von ein paar dicken Altarkerzen flackerte
das Licht blulich in den Raum, und die Zge des Priesters, der mit
heiserem Krchzen in der Stimme die Messe zelebrierte, erschienen fahl,
wie die eines Toten. Von unbestimmten Grauen getrieben, lief ich der
nchsten Tre zu; kurz vorher aber glitt ich aus und fiel auf die
Fliesen. Der zhe Schmutz blieb an Hnden und Knien kleben, mhsam nur,
unter aufsteigender belkeit, rieb ich ihn ab. Ein bser Anfang! dachte
ich, als ich durch immer engere und dunklere Straen meinem Ziele
zustrebte. Schon sah ich hie und da, wie das Wasser aus den Kellern
gepumpt und mit Eimern heraufgetragen wurde; dann wurden die Huser
immer kleiner, so da die Dcher fast mit den Hnden zu fassen waren,
und ber immer breitere Wasserrinnen vermittelten primitive Brcken den
bergang. In den tiefer gelegenen Gassen stand das Wasser so hoch, da
Fle aus Brettern die Passanten hin und her fhrten. Auf den
schwarzgelben Fluten schwammen Kchenabflle, zerbrochene Tpfe,
belriechende Kehrichthaufen, in denen drftig gekleidete Kinder, oft
bis zu den Knieen im Wasser watend, mit schmutzigen Fingern nach
Spielzeug suchten. Mir wars, als stiege eine Klte an mir empor, mich
umwindend wie eine graue, feuchte Schlange. Der gellende Ton eines
Glckchens lie mich zur Seite sehen: ein Chorknabe schwang es, dem der
Geistliche folgte. Vor der Tr des grellgelben Huschens, hinter der sie
verschwanden, drngten sich Weiber und Kinder, barfig, schmutzig,
zerlumpt; nur ein paar faltige rote Rcke und bunte Kopftcher zeugten
von einstigen, besseren Zeiten. Ihr Schwatzen wurde allmhlich zum
Gekreisch, ihre Gebrden machten, je lebhafter sie wurden, den Eindruck
konvulsivischer Zuckungen; aus allen Husern der Strae strmten sie
zusammen, -- wie war es nur mglich, da ihrer so viele darinnen wohnen
konnten?! Angstvoll hatte ich mich in einen Torweg verkrochen, als sich
neben mir eine Tr knarrend ffnete: rckwrts torkelnd, fluchend und
schimpfend kam ein Mann heraus, eine Flasche als Waffe gegen seine
Verfolger schwingend. Da klang der gellende Ton des Glckchens wieder,
und jeder andere verstummte vor ihm; die schwatzenden Weiber, die
betrunkenen Mnner und die johlenden Kinder sanken in die Kniee, wo
irgend ein Stein oder eine Stufe aus dem Wasser hervorsah. An ihnen
vorber schritt der Gebete murmelnde Priester; schwarz und schwer
breitete sich sein Talar hinter ihm auf den Fluten aus.

Ein Mann und ein Weib folgten ihm, hager und gebckt alle beide; in
wirren Strhnen hingen strohgelbe Haare ihr in das von Weinen
aufgedunsene Gesicht; ihre grauen knochigen Finger umklammerten den
Griff des schmalen schwarzen Schreines, den sie gemeinsam trugen; ein
Myrtenkrnzlein aus Papier, mit dem Bilde der schwarzen Madonna war sein
einziger Schmuck. Stumm, wie die beiden, folgte ihnen die Menge, -- ein
langer Zug des Elends, den der Betrunkene, die leere Flasche zwischen
den gefalteten Hnden, schwankend beschlo. Kein Laut war mehr hrbar,
als das Pltschern des Wassers zwischen den vielen, vielen Fen der
langsam Schreitenden.

Wie aus bsem Traum erwachend, fuhr ich zusammen. An der weit offnen Tr
des Hauses, aus dem der Sarg getragen worden war, mut ich vorber. Es
war ganz dunkel darin, und doch sah ich, da etwas am Boden hockte und
mich anstarrte mit groen, leeren Augen, -- die Armut. -- So rasch meine
zitternden Beine mich tragen konnten, entfloh ich. Frostgeschttelt warf
ich mich zu Hause auf mein Bett. Am nchsten Morgen erkannte ich
niemanden mehr.

Viele Wochen schwebte ich zwischen Tod und Leben. Noch Jahre darnach
konnte ich mich nicht ohne Entsetzen der wilden Fiebertrume erinnern,
die mich damals gepeinigt hatten. Den Dom sah ich, und der Priester am
Altar war ein Gerippe, und in den unergrndlich tiefen schwarzen Schlamm
des Bodens zogen mich lauter schmutzige Knochenhnde; -- durch gelbe
Fluten lief ich atemlos, hinter mir endlose Scharen von Mnnern und
Weibern, denen Hunger, Betrunkenheit, Mordlust aus den rot unterlaufenen
Augen glhte. Dazwischen tanzte Klein-Zaches auf der Bettdecke und
bohrte mir seinen winzigen Degen ins Gehirn, und Serpentine mit den
groen blauen Augen ringelte sich erstickend um meinen Hals.

Wie kommt sie nur zu solchen Phantasien? hrte ich dazwischen meine
Mutter sagen, die in aufopfernder Pflichterfllung nicht von meinem
Lager wich.

Wie ists nur mglich, da die Malaria sie packen konnte? sagte wohl
auch der Arzt, der dem mrderischen Sumpffieber nur unten bei den
berschwemmten begegnet war.

Ich schwieg, viel zu mde, viel zu apathisch zum Sprechen; denn einer
groen Schwche machte das Fieber Platz. Ich glaubte fest an meinen
baldigen Tod, wunschlos, widerstandslos. Auch durch meiner Mutter
gleichmig-freundliches Lcheln, das so beruhigend auf einen Kranken
wirken konnte, wollte ich mich nicht tuschen lassen. Die Angst, die
sich in meines Vaters Zgen malte, wenn er an mein Bett trat, schien mir
mehr der Wahrheit zu entsprechen.

Und doch erholte ich mich, und langsam, ganz langsam kam mit der
wachsenden Kraft die Freude am Leben wieder. Als ob er mir Dank schuldig
wre, weil ich lebte, so berschttete mich mein Vater nun mit
Geschenken: erwartungsvoll sah ich schon nach der Tr, wenn ich mittags
den Schritt des Heimkehrenden hrte; Bcher, Blumen, Obst, Bonbons, --
irgend etwas brachte er mir tglich. Wie gut waren berhaupt die
Menschen, sie kmmerten sich alle um mich: jeden Tag hatte mein Lehrer
den Arzt vor dem Hause erwartet, um direkte Nachricht zu haben, und
jetzt schickte er mir seine schnsten Bcher; kein Regiment in der Stadt
gab es, dessen Musikkorps der Genesenden nicht ein Stndchen gebracht
htte, und der gute alte General Kirchbach kam selbst in mein
Krankenzimmer, um mir eine -- Puppe auf die Kissen zu legen.

Mit der Puppe, Mama, soll mal mein Tchterchen spielen! sagte ich
lchelnd, als er weg war, -- denn mit dem Spielen war es fr mich
endgltig vorbei.

Nach drei Monaten sollte ich aufstehen; als ich mich grade erheben
wollte und, von heftigem Schwindel gepackt, nach dem Bettpfosten griff,
sah ich Blut auf dem Laken. Ich erschrak, denn ich wollte gesund sein.
Aber schon hatte der Arzt mich umfat und sanft in die Kissen
zurckgedrckt. Er lachte: Also so stehts mit dem kleinen Frulein! Die
Kinderschuhe hat es richtig ausgetreten. Verstndnislos sah ich die
Mutter an, der das Blut in die Schlfen gestiegen war. Alles Ntige
werden Sie Ihrer Tochter erklren, damit wandte er sich zum Gehen. Sie
ist erst zwlf Jahre, Herr Doktor -- entgegnete sie zgernd. Tut
nichts -- tut nichts -- so schwere Krankheiten bedeuten immer eine
groe Umwlzung; er drckte mir nochmals die Hand: Nun stehen wir
hbsch ein paar Tage spter auf.

Du brauchst dich nicht zu ngstigen, Alixchen, damit wandte Mama sich
mir wieder zu, als er fort war, und erklrte mir mit wenig Worten meinen
Zustand. Ein Gefhl des Stolzes erfllte mich: nun war ich also wirklich
kein Kind mehr, -- und meine Trume suchten die Zukunft: so kam denn
endlich das Leben, das lockende, zauberreiche!

Whrend meiner Krankheit hatte ich mich so sehr gestreckt, da kein
Kleid mir mehr pate. In den Wochen, die ich noch zwischen Bett und Sofa
verlebte, trug ich meiner Mutter schleppende Schlafrcke, was mir sehr
gefiel. Mein Bild im Spiegel, das mir so lange gleichgltig gewesen war,
suchte ich wieder; und so bla und so schlank ich auch war, es gefiel
mir nicht bel: die groen dunkeln Augen, die schwarzen Locken ber der
weien Stirn, die schmalen Hnde mit den rosigen Fingerspitzen, -- wer
wei, ob nicht doch noch etwas aus mir werden konnte!

Als wir mit unsern Koffern zum Bahnhof fuhren, von wo der Zug uns wieder
gen Sden tragen sollte, hatte ich kein einziges verbotenes Buch mit
durchzuschmuggeln versucht; mich verlangte es nicht, zu lesen, denn
leben -- leben und genieen -- wollte ich!




Viertes Kapitel


Nach monatelangem Aufenthalt in den Bergen kehrten wir heim. Der Wind,
der um den weien Schaum der Giebche und ber das blauschimmernde
Firneis fegt, bringt soviel frische Khle zu Tal, da krankhafte
Fieberhitze ihm nimmer stand hlt; und der friedliche Klang der
Herdenglocken und das nchtliche Zirpen der Grillen im Gras zaubert den
ruhigen Schlaf zurck, auch wenn er noch so lange untreu war. Ein
berraschtes Aber, Alixchen! von einem strahlenden Lcheln begleitet,
war alles, was mein Vater zu sagen vermochte, als er uns in Posen wieder
in Empfang nahm. Am nchsten Tage besuchten uns Verwandte, die dorthin
versetzt worden waren; meine Kusine, die so alt war wie ich, ein kleines
unansehnliches Geschpfchen im kurzen Kinderkleid, sah staunend zu mir
empor und sagte: Du bist ja ein Frulein! Bald darauf kam mein Lehrer.
Wortlos blieb er einen Augenblick an der Tre stehen. Wie -- wie geht
es -- Ihnen? kam es dann zgernd ber seine Lippen. Noch nie hatte er
mich bis dahin Sie genannt! Der Sepp von Grainau fiel mir ein, den ich
in diesem Sommer nur mit Mhe dazu gebracht hatte, bei dem gewohnten
Du zu bleiben, und der Hans Guntersberg, der wieder in Garmisch
gewesen war, und dessen huldigende Gedichte mir nur darum keinen
Eindruck machten, weil ich die unreine Haut und die Schweihnde ihres
Verfassers nicht vergessen konnte.

Ich war wirklich kein Kind mehr! Stillschweigend packte ich all mein
Spielzeug in einen groen Korb und lie ihn auf den Boden schaffen.

Die neugewonnene Lebenskraft war wie ein Motor, der das ganze Rderwerk
der Maschine auf einmal in Bewegung setzt: mit Feuereifer strzte ich
mich ber meine Studien; dabei galt mir jeder Tag fr verloren, an dem
ich nicht ein Gedicht gemacht oder an irgend einem meiner Dramenentwrfe
gearbeitet htte, zugleich aber schmckte ich mich mit Vergngen fr die
Tanzstunde, und geno die Erlaubnis, an der Geselligkeit im Hause der
Eltern teilzunehmen, mit vollen Zgen...

Da liegen sie vor mir mit vergilbtem Umschlag und verblater Schrift,
die alten Aufsatzhefte jener Tage, in denen ich vom Lehrer gestellte
oder selbstgewhlte Themen behandelte: kindischer Unsinn und frhreife
Weisheit in buntem Gemisch. Da meine Ansichten denen des Lehrers oft
widersprachen, beweisen seine kritischen Randbemerkungen; trotzdem
findet sich meist ein Gut oder Recht gut darunter, -- als ein
Zeugnis fr seine Objektivitt mehr als fr die Richtigkeit meiner
Auffassungen. Meine Frondeurnatur, die mich dazu trieb, allem, was ich
hrte, zunchst einmal meinen Widerspruch entgegenzusetzen, zeigt sich
fast in jeder dieser Arbeiten. Whrend mein Lehrer z. B. Schiller ber
alles liebte, pries ich Goethe; so heit es in einem Aufsatz ber die
Balladen der beiden Dichter: Goethe ist ein Naturdichter, das heit
ein Dichter von Gottes Gnaden. Da das Werk, welches er schafft, ein
Kunstwerk sein wird, ist ihm die Hauptsache. Schiller dagegen ist von
andrer Art, denn ihm ist das Werk nur ein Mittel zum Moralpredigen, --
hier steh ein Oh!! des Lehrers daneben -- das sieht man an allen
seinen Balladen, denen alle mglichen Lehren zugrunde liegen: Der Gang
nach dem Eisenhammer lehrt, da Gott die Unschuld beschtzt; der Kampf
mit dem Drachen, da der Sieg ber sich selbst grer ist als der ber
das Ungeheuer; die Brgschaft und Ritter Toggenburg zeigen den Wert der
Treue, und die Glocke ist fast ganz ein Lehrgedicht. Vergleichen wir
damit Goethes Erlknig, der nicht einen reflektierenden Gedanken
enthlt, aber den Hergang so plastisch malt, da wir ihn mit erleben,
oder seine prachtvollste Ballade, Die Braut von Korinth, woraus uns der
vernichtende Gegensatz des Heidentums gegenber dem Christentum deutlich
entgegentritt, hier steht ein Fragezeichen, so sehen wir ein, da
Goethe mehr ein Dichter und Schiller mehr ein Prediger ist. -- An einer
andren Stelle sage ich ber den Meistersang, den mein Lehrer sehr
schtzte: Er war trocken und langweilig und zeigte deutlich den
Gegensatz des braven, aber engherzigen Handwerkertums gegenber der
ritterlichen Bildung der Minnesnger; und ber Luther, fr den mein
Lehrer mich trotz aller Mhe nicht erwrmen konnte, heit es: Er hat
das groe Verdienst, die Macht des Papsttums gebrochen zu haben, aber
seine Roheit, sein Unverstndnis fr die Kunst hat seiner Kirche den
Charakter des Gewhnlichen und Nchtern-Hlichen aufgeprgt, --
daneben steht: Der Klner Dom? Drer? Bach? -- In den zahlreichen
historischen Aufstzen schwelgte ich frmlich im Tyrannenha߫. In einer
Arbeit von nicht weniger als vierundsechzig Seiten, die die politischen
Umwlzungen in Europa vom Dreiigjhrigen Krieg bis zur franzsischen
Revolution zum Gegenstand hatte, suchte ich nachzuweisen, wohin
ungerechte Regierung, Volksbedrckung, Verachtung alles Gttlichen fhrt
... Schlechte, nur auf ihr Vergngen bedachte Frsten, eine verdorbene
Aristokratie, ein armes, durch bertriebene Aufklrungsschriften
irregeleitetes Volk standen sich gegenber. Alles bereitete eine Zeit
vor, die schrecklich, aber notwendig war. Unter den Frsten der Neuzeit
beehrte ich Friedrich Wilhelm III. mit meinem ganz besondern Zorn, den
die Taten seiner Untertanen berhmt gemacht haben, und der sich dadurch
bei ihnen bedankte, da er sein Versprechen brach ... Stein feierte ich
als den Retter des Vaterlandes, der in Frieden erreichen wollte, was
der Zweck der franzsischen Revolution gewesen war.

Hufig pflegte mein Vater meine Aufstze einer Kritik zu unterwerfen,
die fast immer dem Stil, sehr selten nur der Gesinnung galt. Nach
rckwrts radikal zu sein, wie sein Tchterchen, sich fr vergangene
Vlkerfreiheitskmpfe zu begeistern, sich ber die Schandtaten der
Frsten, die lange schon moderten, zu entrsten, widersprach im
allgemeinen nicht den Ansichten der Offizierskreise, in denen wir
lebten. Sie befanden sich damals, besonders in der Provinz, in einem
scharfen Gegensatz zu den Ideen und Gewohnheiten, die an unsern
Frstenhfen herrschten. Der Luxus galt als verchtlich, die Ehrbarkeit
eines einfachen Familienlebens als grtes Gut. Das persnliche
Verhltnis, in dem der unbemittelte Linienoffizier noch oft zum Soldaten
stand, war die Brcke des Verstndnisses fr viele Wnsche und
Bedrfnisse des Volks. Mit wieviel Heftigkeit hrte ich oft darber
reden, da es oben an der ntigen Sorge fr vorhandene Not fehle, da
das Hofgeschmei߫ vor lauter Lustbarkeit die preuische Tradition der
Pflichterfllung immer mehr vergesse. Als mein Vater einmal von
irgendeiner Meldung aus Berlin zurckkam, vermochte kein warnendes Aber
Hans! meiner Mutter, keiner ihrer bedeutungsvollen Seitenblicke auf
mich seine Emprung zu besnftigen, die sich in drastischen Erzhlungen
ber das, was er gehrt und gesehen hatte, Luft machte. Der zunehmende
Einflu der Finanzkreise, die Demoralisierung der Garde durch ihre
Intimitt mit Theaterprinzessinnen und ihre Verschwgerung mit
Brsenjobbern, der unpreuische Prunk der Hoffeste, die
Vetternwirtschaft, wo es sich um Avancements handelte, -- das alles
wurde immer wieder besprochen, und ein Da wird noch was Gutes dabei
herauskommen blieb der Refrain. Aber Hand in Hand mit dieser abflligen
Kritik derer oben, ging eine schroffe Verurteilung jeder
Auflehnungsversuche derer, die unten sind. Das patriarchalische
Verhltnis war das Ideal, was dagegen verstie, ein Verbrechen. So war
mein Vater ein grimmiger Feind des groindustriellen Unternehmertums, --
Worte wie Ausbeuter und Blutsauger hrte ich oft von ihm --, mit
derselben Heftigkeit aber verurteilte er die Ausgebeuteten und
Ausgesogenen, die sich selbst Recht verschaffen wollten. Beide standen
nach seiner Auffassung auf demselben Standpunkt materiellen
Lebensgenusses; nur da die einen ihn besaen, ihn bis zum letzten
Tropfen auskosten wollten, die andern mit allen Mitteln um seinen Besitz
kmpften. Inhalt und Ziel des Lebens war fr beide gleich; -- so schien
es auch mir nach allem, was ich hrte und las, darum habe ich bei all
meiner Begeisterung fr die Freiheitshelden der Geschichte, die
Sozialdemokraten nicht mit ihnen zu identifizieren vermocht, und meine
Abneigung stieg zu fanatischem Abscheu, als Kaiser Wilhelm, der fr uns
alle das geweihte Symbol der Einheit und Gre Deutschlands war, von
Hdel bedroht und von Nobiling verwundet wurde.

Oben auf dem Fort Winiary, wo ein groer schattiger Kasinogarten die
Posener Offizierskreise im Sommer zu vereinigen pflegte und ich, die
verwhnte Tochter des allmchtigen Korpschefs, mit den Erwachsenen
Krocket und Boccia spielt, saen wir gerade frhlich um den Kaffeetisch,
als ein blutjunger Leutnant atemlos auf uns zugestrzt kam. Herr
Oberst, Herr Oberst -- mehr brachte er nicht heraus, die dicken Trnen
liefen ihm ber die Wangen. Zum Donnerwetter, was gibts denn?
herrschte mein Vater ihn an. Seine Majestt unser allergndigster
Kaiser -- er versuchte stramm zu stehen wie zur Meldung, aber die Knien
zitterten ihm -- ist -- ist erschossen. Mit einem wilden Aufschluchzen
brach er ab. Mein Vater wurde aschfahl. Das ist nicht wahr, schrie er.
Stumm reichte ihm der Unglcksbote ein halb zerknlltes Papier, -- das
Extrablatt. Aus dem ganzen Garten waren inzwischen die Menschen
zusammengelaufen, Soldaten und Offiziere, Mnner und Frauen, jung und
alt. Alle weinten. Mein Vater allein stand wie erstarrt zwischen ihnen,
nur das stahlblaue Funkeln seiner Augen verriet, wie es in ihm aussah.
Wortlos, von jener gemeinsamen Empfindung getrieben, die uns angesichts
erschtternder Ereignisse stets beherrscht: da etwas geschehen msse --
irgend etwas, das die grliche Spannung lst --, eilten wir alle dem
Ausgang zu. Als wir uns der Stadt nherten, -- aus den Fenstern der
ersten Huser wehten vereinzelt schon schwarze Tcher, vom Turm der
Garnisonkirche luteten die Glocken --, und wir die weite Sandflche des
in der Sonne glhenden Kanonenplatzes betraten, kam uns ein Mann mit
einem Stelzbein entgegen, auf dem abgetragnen Arbeitsrock ein sichtlich
in aller Eile befestigtes eisernes Kreuz. Der Kaiser lebt, der Kaiser
lebt, rief er, eine neue Depesche hochhaltend. Wir hatten das Neue,
berraschende noch kaum gefat, als er seinen schbigen Hut zwischen die
harten Fuste prete: Lieber Vater im Himmel, -- alle Mtzen flogen
von den Kpfen, alle Hnde falteten sich --, schtze unsern guten
Kaiser!

Mein Vater war in jenen Tagen in unbeschreiblicher Aufregung; mitten im
Gesprch oder bei der Lektre konnte er auffahren und zhneknirschend
murmeln: Aufhngen soll man die Kerle -- einen neben den andern! Ich
aber verkroch mich in mein Zimmer und versuchte die groe Erschtterung
dadurch zu bemeistern, da ich sie in Worte fate. In Versen und in
Prosa brachte ich meine Empfindungen zu Papier, und eines Morgens legte
ich meinem Vater das Niedergeschriebene auf den Schreibtisch. Seine
Freude war so gro, da er es kopieren lie und Bekannten und Freunden
zeigte; auch mein Lehrer, der entzckt schien, verbreitete es. Wenn auf
einen Punkt konzentrierte, fieberhaft gesteigerte Empfindungen die
Massen beherrschen, so wird von ihnen stets begrt, was diesen Gefhlen
Ausdruck verleiht. So kommts, da oft knstlerisch Wertloses in
aufgeregten Zeiten Bedeutung erlangt; so kam es wohl auch, da meine
Verse mich ber den engern Kreis der Freunde hinaus bekannt machten.
Begegnete man mir schon anders als sonst dreizehnjhrigen Mdchen, weil
ich erwachsen aussah und hbsch und meines Vaters Tochter war, so umgab
man mich jetzt mit einer Treibhausluft, in der Eitelkeit und Hochmut wie
Tropenpflanzen wuchern konnten. In der Tanzstunde, die ich besuchte,
nahm ich die Huldigungen der Gymnasiasten entgegen, die nicht nur meiner
frischen Jugend galten, sondern auch den literarischen Leistungen, die,
wie ich erfuhr, in Gestalt meiner Aufstze durch meinen Lehrer in der
Klasse bekannt wurden. In den huslichen Gesellschaften und auf dem Fort
Winiary suchten die jungen Offiziere die Unterhaltung des
interessanten Backfischs, und meine einzige Freundin Mathilde -- jenes
blasse Kusinchen, das mich bei der Heimkehr begrt hatte, -- war eine
Bewunderung fr mich. Meine Mutter war die einzige, die ernchternd
wirken wollte. Da sie aber meine Interessen in Bausch und Bogen als
dummes Zeug bezeichnete und die Methode hatte, jede, auch die reinste
Flamme meiner Begeisterung mit dem kalten Wasser ihrer sarkastischen
Kritik zu begieen, so erreichte sie das Gegenteil von dem, was sie
bezweckte, und entfremdete mich ihr dadurch vollkommen. So allein wurde
es mglich, da sie ahnungslos neben mir hergehen konnte, als die
schwersten krperlichen und geistigen Kmpfe mich zu vernichten
drohten.

Seit meiner Krankheit hatte ich allerlei Beschwerden, die sich von Jahr
zu Jahr steigerten. Blutwallungen, die mir den Kopf zu sprengen drohten
und den Herzschlag bis in die Kehle hinauf trieben, hatten mich schon in
Grainau geqult. Instinktiv war ich dann auf die Berge gelaufen, oder
war beim ersten Morgengrauen heimlich im eisigen Wasser des Rosensees
untergetaucht. In Posen aber war ich fast immer zu Haus; die kleinen
Spaziergnge, das in Rcksicht auf meinen stets empfindlichen Hals nur
bei Sonnenschein und Windstille gestattete Schlittschuhlaufen halfen mir
natrlich nichts; turnen durfte ich nicht, weil das -- wie Mama sagte --
die Hnde breit macht; und die Tanzstunde mit der guten Bowle, an der es
nie fehlte, steigerte nur das Qulende meines Zustands. Etwas Heies,
Dunkles beherrschte mich mehr und mehr; abends, wenn ich schlafen
wollte, flogen Glutwellen ber meinen Krper. Meine tobenden
Freiheitsgesnge machten Liebesliedern Platz, die ich aus Scham und
Furcht zu tiefst in meinem Schreibtisch versteckte. Ihr Gegenstand war
zuerst ein Phantasiegebilde, ein erlsender Lohengrin, wie in meiner
frhen Kindheit, bald aber wurden es Menschen von Fleisch und Blut.
Nicht aus der Schar meiner Tanzstundenfreunde whlte ich sie, sondern
aus dem Bekanntenkreise meiner Eltern. Die Schnheit gab dabei allein
den Ausschlag, mit allem brigen -- dem Glanz der Geburt, dem
berragenden Geist und der Gte des Herzens -- schmckte sie meine
Phantasie verschwenderisch. Ganze Romane erlebte ich in wachen Trumen;
alle Stadien der Leidenschaft empfand ich: Abschied und Wiedersehen,
Eifersucht und Untreue, Besitz und Verlust; und mit fieberheien Hnden
fllte ich Bcher um Bcher mit meinem ertrumten Glck und Leid.

Wie sie mich seltsam anmuten, die alten Poesiealbums mit ihren bunten
geschmacklosen Einbnden: Asche, die von verpufftem Feuerwerk stammt.
Der Schmerz bildet berall den Grundakkord, die Qual der Verlassenheit
kommt immer wieder zum Ausdruck, und der Wunsch, zu sterben, steigert
sich oft zu brennendem Verlangen nach dem Tod:

    Einstmals blhtest du wunderbar,
    Rose, du prchtige, se,
    Sandtest zum Himmel blau und klar
    Duftend-berauschende Gre.

    Einstmals fllte der Liebe Macht
    Mich mit Wonnen und Schmerzen,
    Und es strahlte des Lenzes Pracht
    Wider in meinem Herzen.

    Jetzt ist die Rose verwelkt, verweht,
    Herbstlich umbraust mich das Wetter;
    Eines nur blieb, das den Sturm besteht:
    Dornen und drre Bltter.

       *       *       *       *       *

    Im dunklen Buchengang
    Zur schnen Frhlingszeit
    Hast du mich hei gekt
    Voll Liebesseligkeit.

    Im dunklen Buchengang
    Fielen die Bltter ab,
    Als ich zum Abschied dir
    Weinend die Hnde gab.

    Im dunklen Buchengang
    Liegt unter Eis und Schnee,
    Begraben all mein Glck --
    Wach blieb mein Weh.

       *       *       *       *       *

    Ich mchte zu Ro durch die Wlder jagen,
    Ich mchte, der Meersturm umbrauste mich,
    Ich mchte jauchzen und schluchzend klagen,
    Zu deinen Fen, ach, strbe ich!

    Ich mchte entfliehen und dich vergessen,
    Den Lippen fluchen, die ich dir bot.
    Ich mchte noch einmal ans Herz dich pressen,
    Und dann umarmen den Brut'gam Tod.

       *       *       *       *       *

In artigen Reimen mit wohlerzogenen Gefhlen stellte ich zu gleicher
Zeit meine arme Muse zu allen Festtagen in den Dienst der Familie und
nahm fr mein hbsches Talent die allgemeine Anerkennung entgegen. Nur
eine erfuhr zuweilen von den Geheimnissen meines Schreibtisches:
Mathilde, das blasse Kusinchen, die allsonntglich zu mir kam, und zu
der ich lief, wenn das Herz mir gar zu voll war. Sie war, als ich sie
kennen lernte, noch ein Kind ihrem Alter, ihrer geistigen und
krperlichen Entwicklung nach, und ich htte sie nicht beachtet, wenn
sie mir nicht in einem Moment begegnet wre, wo ich einen Menschen
brauchte, wie der schmelzende Schnee auf den Bergen ein Bett, in das er
sich ergieen kann. Ich hatte kein andres Interesse fr sie als das, da
sie mich aufnahm. Abends in der Dmmerstunde, oder in den Zeiten, wo ich
zu Bett lag, halb verhllt von den weien Vorhngen, whrend das rote
Licht der Ampel ber mir strahlte, mute sie bei mir sitzen. Dann
erzhlte ich von meiner Liebe, meiner Sehnsucht. Was ich im Traum
erlebte, gestaltete sich vor ihr wie Wirklichkeit. Sie glaubte mir
alles, sie weinte und seufzte mit mir; und je mehr sie es tat, desto
mehr verwischte sich vor mir selbst Phantasie und Leben, desto mehr
verirrte ich mich in den Irrgngen meiner Einbildungen.

Um jene Zeit war es, da meine Mutter eine neue Kammerjungfer
engagierte, die, im Gegensatz zu der entlassenen, auch mich anzuziehen
und zu frisieren hatte. Sie war ein hbsches, blondes Ding mit einem
unschuldigen Madonnengesichtchen, Tochter einer ehrbaren Beamtenwitwe,
die durch Zimmervermieten ihre groe Familie erhielt und ihre Kinder in
strenger Zucht und Frmmigkeit erzog, weshalb sie meiner Mutter ganz
besonders empfohlen worden war. Anna -- so hie unsre neue Hausgenossin
-- fand besonderes Gefallen an mir und wiederholte mir tglich, wie
hbsch ich sei, wobei sie es nicht unterlie, jeden einzelnen meiner
Vorzge zu preisen und mir alle Mittel anzugeben, um sie ins rechte
Licht zu setzen. Ich war eitel, aber es war mir von selbst nie
eingefallen, auf gut sitzende Korsetts, enge Schuhe und feine Strmpfe
irgend ein Gewicht zu legen. Jetzt wurde ich Annas gelehrige Schlerin,
und freudehei stieg mir das Blut ins Gesicht, wenn sie nicht mde
wurde, mir zu versichern, da der und jener mich bewundernd anshe, da
ich die Herzen einmal im Sturm erobern werde. Allmhlich nahm sie die
Gewohnheit an, bei mir zu bleiben, wenn ich nicht schlafen konnte und
die Eltern nicht zu Hause waren. Flink, wie ihre geschickten Hnde die
Nadel fhrten, um aus einem scheinbaren Nichts immer noch ein hbsches,
kokettes Etwas zu machen, war ihre Zunge im Erzhlen. Aber sie kannte
nur ein Thema: Liebesgeschichten, die sie gelesen oder erfahren hatte.
Von der unnahbaren Hhe ihrer Tugend herab war ihre Entrstung ber das,
was sie berichtete, eine ganz ehrliche, und doch schwelgte sie mit kaum
versteckter Lsternheit in ihren Schilderungen. Und so ri sie nach und
nach einen Schleier nach dem andern von all den Dingen, die mir trotz
meiner heimlichen Lektre doch unbekannt geblieben waren. Schon als Kind
hatte sie durchs Schlsselloch die Zimmerherrn ihrer Mutter beobachtet,
hatte Damen aller Art bei ihnen aus und ein gehen sehen. Sie selbst, --
das erzhlte sie voll Stolz --, war niemals den Verfhrungsknsten der
Herren erlegen, wie die dummen, jungen Dinger, die sie mit aufs Zimmer
nahmen. Aber all die guten Sachen, den Sekt und die Austern, hatte sie
servieren helfen und neugierig beobachtet, wie die Mdels sich an Liebe
und Alkohol berauschten. Freilich -- nachher muten sie ihre Dummheit
ben; denn sobald das Kind da war, lieen die Herren sie laufen. -- Das
Kind! -- Noch fhle ich, wie etwas Schreckhaft-Geheimnisvolles mir die
Glieder lhmte, als mir, der Dreizehnjhrigen, dies Wort aus Annas Mund
feuerrot entgegensprang. -- Das Kind! -- An den Storch glaubte ich
lngst nicht mehr, aber wie die Liebe in meinen Augen immer von
berirdischem Strahlenglanz umgeben erschien, so schwebte um das
Geheimnis des der Liebe entspringenden Lebens ein mystischer
Heiligenschein.

Wie Anna mich auslachte, mit einem hellen quiekenden Lachen, als ich
zgernd meine Unkenntnis gestand! Und wie das junge Ding mit den naiven
blauen Frageaugen mich aufklrte! -- -- Sie war so vertieft in alle
Details der Beschreibung, da sie gar nicht bemerkte, wie das Entsetzen
mich schttelte und meine Brust vor verhaltenem Schluchzen flog; das
frhliche Kichern, mit dem sie ihre Rede begleitete, verriet ihre Freude
an ihrem Gegenstand, so da sie schlielich ratlos und kopfschttelnd
vor der Verzweiflung stand, die mich gepackt hatte. Am Ende -- so
mochte sie denken -- frchtet sie jetzt schon den Moment des Gebrens,
dessen Analen ich beschrieb?! Und mit noch grrer Zungenfertigkeit
erzhlte sie von den Vorsichtigen und Klugen, die sich vor solchen
Konsequenzen zu hten verstehen, und von den Dirnen, die in die Gefahr
gar nicht kommen und von den Mnnern darum am meisten begehrt werden.

Ich hrte zu weinen auf und horchte hoch auf. O, die Kleine war gut
orientiert! War sie doch oft genug zu Botengngen benutzt worden und zur
intimsten Kenntnis des Lebens und Treibens der Halbwelt gelangt! Feine
Damen gab es darunter, die in Samt und Seide gingen und sich teuer
bezahlen lieen. Bezahlen?! -- ich kmpfte schon wieder mit den
Trnen. Liebe bezahlen?! Anna kicherte: Liebe! -- und sie verfiel
wieder in Detailschilderungen. Pfui! -- Pfui! schrie ich auf und
prete die Hnde um den Kopf; mir war, als brchen drhnend die Mauern
ber mir zusammen. Halb von Sinnen richtete ich mich auf im Bett und
stie mit der Faust gegen das Mdchen, so da es aufheulend vom Stuhle
fiel.

Mama erkundigte sich am nchsten Morgen teilnehmend um ihr
geschwollenes Gesicht; sie sprach von Zahnschmerzen, ich schwieg.
Nicht ein Wort von dem, was geschehen war, htte ich zu sagen vermocht.
Ich ging umher, und meine Scham war wie ein glhender Mantel, der meinen
ganzen Krper dicht umschlo. Ich wurde die Bilder nicht los, whrend
der Ekel mir die Kehle zukrampfte. Das -- das war Liebe -- Liebe, von
der ich getrumt hatte, an der alle meine Gedanken sich entzndeten, die
alle Dichter als das Schnste und Hchste priesen! -- Ich wollte nicht
mehr daran denken, -- ich wollte nicht. Aber dann stiegen neue Fragen
auf, und Zweifel, und an leise Hoffnungen klammerten sich die alten
Ideale. An wen htte ich mich wenden sollen, als an Anna, vor der die
Scham am leichtesten berwunden war? Nur die ganz schlechten, ganz
gemeinen Mnner, nur die Verbrecher sind -- so? Welch eine Erlsung
wre ein Ja gewesen! Aber Anna unterstrich und erluterte das Nein
doppelt und dreifach. Und nur in ganz hellen, frohen Stunden, -- sie
waren selten genug --, triumphierte mein Idealismus, und die alte
Schpferkraft meiner Phantasie schuf sich reine Lichtgestalten.

Wenn aber nachts mein Herz und mein Blut mir keine Ruhe lieen, so
verfolgten mich unablssig die grlichsten Trume. Verzweifelt kmpfte
ich dagegen an, -- wie um meiner zu spotten, kamen sie mit doppelter
Gewalt wieder. Am Tage war ich totmde, dunkle Ringe umschatteten meine
Augen, und die berzeugung meiner abgrundtiefen Schlechtigkeit machte
mich scheuer und verschlossener noch als vorher. Wenn meine Mutter
abends an mein Bett trat und, dunkelrot im Gesicht, mit drohender Stimme
sagte: Hte dich vor der geheimen Snde! so verstand ich sie zwar gar
nicht, senkte aber doch schuldbewut die Augen.

Mehr als je war ich damals mir selbst berlassen, aber nur ein Zufall
lie mich erfahren, warum. Das Flstern um mich her, das vielsagende
Lcheln, all die weien Linnenhaufen, die genht und sorgfltig vor mir
versteckt wurden, hatten mich schon neugierig gemacht. Da Mama vielfach
leidend war, jeder Frage danach aber auswich und tief errtete, wenn sie
dennoch antworten mute, erschien mir auch seltsam genug. Ein Satz in
einem Brief der Gromutter, den man mir achtlos zu lesen gegeben hatte,
klrte mich auf: Mama war guter Hoffnung. Guter Hoffnung, -- beinahe
komisch kam mir der Ausdruck vor, wenn ich sie beobachtete: ihre
zusammengezogenen Brauen, ihre aufeinandergepreten Lippen, die sich
kaum mehr zu einem Lcheln ffneten, ihr Klagen und Seufzen. Nein, die
Hoffnung war fr sie keine gute. Es schien fast, als schme sie sich
ihrer, da sie sie sorgfltig verbarg. Und in Gedanken an Annas
Erzhlungen errtete auch ich, wenn ich in Gegenwart der Eltern daran
dachte. Sie sprachen niemals von dem, was sich vorbereitete; und erst
als mein Schwesterchen geboren worden war, wurde mir das Ereignis vom
Vater angekndigt. Seine rhrende Freude wirkte ansteckend auf mich, und
es gab Stunden, wo der Gedanke an das hlflose kleine Wesen in der Wiege
wie eine Erlsung ber mich kam: hier war eine Aufgabe fr mich, die
mich mir selbst entreien konnte. Und hielt ich es in den Armen, das
se weie Krperchen, so gingen mir die Augen ber vor zrtlicher
Liebe, und heimlich schwor ich mir zu: dich will ich behten vor all der
Qual, die ich erlitt. Aber die polnische Amme, ein leidenschaftliches
Geschpf, das mit der angstvollen eiferschtigen Liebe wilder Tiere an
dem Sugling hing, als wre er ihr eignes Kind, tat, was sie konnte, um
mich fernzuhalten; auch meine Mutter schien mich in der Kinderstube
ungern zu sehen, und so ging ich bald wieder meine einsamen ueren und
inneren Wege.

Eines Tages, als ich versptet wie immer an den Frhstckstisch trat, --
ich pflegte erst gegen Morgen tief und ruhig zu schlafen --, belehrte
mich ein Blick auf die Eltern, da sie eine heftige Auseinandersetzung
gehabt hatten. Das war mir zwar nichts Neues, denn Mama sah neuerdings
hufig verweint aus, und Papa wurde beim kleinsten Anla heftiger denn
je, -- an der kurzen Begrung merkte ich aber, da ich die Ursache
ihres Streits gewesen sein mute.

Da lies! sagte mein Vater und reichte mir ein lngeres Schreiben mit
der Unterschrift unseres Garnisonpfarrers. Es lautete:

                                              Posen, den 6. Januar 1879
Hochverehrter Herr Oberst!

Sie werden es mir nicht verbeln knnen, wenn ich als Seelsorger unsrer
Gemeinde, dem das ewige Heil aller ihrer Glieder am Herzen liegt, im
Interesse Ihrer Tochter diese Zeilen an Sie richte.

Schon seit lngerer Zeit habe ich beobachtet, und aus vielen mir
zugegangenen Berichten wohlwollender Mnner und Frauen schlieen
knnen, welch ernster Gefahr Alix entgegen geht. Das vielleicht durch
eine grere geistige Begabung irre geleitete Kind hat viel von jener
echten jungfrulichen Demut und Bescheidenheit, die der Schmuck jeder
christlichen Familie ist, verloren, und ihre junge Seele dem Teufel des
Hochmuts zu berliefern schon begonnen. Ich htte mich aber trotzdem in
Ihre Entschlsse und die Ihrer hochverehrten Frau Gemahlin noch nicht
einzumischen gewagt, wenn mir nicht krzlich eine Mitteilung gemacht
worden wre, deren Richtigkeit ich nicht anzweifeln kann. Darnach hat
Ihre Tochter einem jungen, noch ganz unverdorbenem Mann gegenber
erklrt, da der Opfertod unsers Herrn und Heilandes ihr nicht
anbetungswrdig erscheine; jeder Mensch wrde freudig zu sterben bereit
sein, wenn er wte, da er dadurch die Menschheit erlsen knne. Fr
einen Gottessohn, der seiner ewigen Seligkeit gewi sei, wre dies also
keine bewundernswrdige Tat. Sie fgte noch hinzu, da Unzhlige aus
weit geringeren Ursachen ruhig in den Tod gegangen wren.

Es ist mir, Gott sei Lob und Dank, mit des Herrn gndiger Hilfe
gelungen, den jungen in seiner christlichen berzeugung durch Ihre
Tochter erschtterten Mann auf den Weg des Glaubens zurckzufhren;
nunmehr aber habe ich die Pflicht, Sie, hochverehrter Herr Oberst,
instndig zu bitten, Ihr irregeleitetes Kind dem Einflu eines
Seelsorgers anzuvertrauen, der diese Menschenblume in das Licht des
Gotteswortes rckt, und sie von all dem bsen Ungeziefer befreit, das an
ihr nagt.

Ich wrde mich glcklich schtzen, wenn ich in persnlicher Unterredung
meinen Rat zu einer Tat werden lassen knnte.

Genehmigen Sie, hochverehrter Herr Oberst, den Ausdruck meiner
ausgezeichneten Hochachtung,

                                     mit der ich verbleibe
                                             Ihr ganz ergebener
                                                           Eberhard
                                                            Pfarrer

Nun, was sagst du dazu? fragte mein Vater, der immer ungeduldiger mit
den Fingern auf dem Tisch trommelte, so da Glser und Tassen klirrten.

Gemein! war das einzige, was ich zunchst hervorbringen konnte.

Genau dasselbe habe ich gesagt! polterte Papa. Ein netter
unverdorbener Jngling, der mit frommen Augenverdrehen hingeht und meine
Tochter beim Herrn Oberbonzen verpetzt. Ich htte Lust, dem Kerl die
Hosen stramm zu ziehen und dem Eberhard die blauen Flecke als einzige
Antwort zu zeigen!

Du solltest aber doch erst hren, lieber Hans, wie weit Alix schuldig
ist, warf Mama erregt ein.

Ich habe gesagt, was er schreibt, und bin bereit, es ihm ins Gesicht zu
sagen! rief ich und warf trotzig den Kopf zurck.

Mama prete die Lippen zusammen, was ihrem schnen Gesicht etwas
Grausames gab. Da hrst du es, sagte sie; das sind die Frchte der
religionslosen Erziehung. Du hast es nicht anders gewollt, und ich habe
um des lieben Friedens willen nachgegeben. Jetzt aber hab ich genug,
bergenug davon! Pfarrer Eberhard werde ich antworten.

Damit ging sie hinaus. Mein Vater sprang wtend auf. Mich packte die
Angst: nur keine neue Szene! Und all die Snden fielen mir ein, deren
ich mich tatschlich schuldig fhlte. Ich trat Papa in den Weg. Sei
nicht bse, bitte, bitte nicht, bat ich schmeichelnd, es ist
vielleicht wirklich das Beste, wenn ich Religionsstunden bekomme. Ich
bin ja doch bald vierzehn Jahre alt. Und schaden werden sie mir gewi
nichts! Mein Vater, der mit ein wenig Zrtlichkeit gelenkt werden
konnte wie ein Kind, zog mich gerhrt in die Arme, als ich, um meiner
Bitte Nachdruck zu geben, meine Wange auf seine Hand prete. Und der
Bengel, das schwatzhafte alte Weib? brummte er noch. Den strafe ich
mit Verachtung, lachte ich.

Meine Mutter trat wieder ein. Hier ist meine Antwort, sagte sie: Sehr
geehrter Herr Pfarrer! Sie sind unsern Wnschen zuvorgekommen. Die
rasche Entwicklung unsrer Tochter macht eine frhere Einsegnung ntig,
als es sonst blich ist. Wir haben sie daher auf das nchste
Jahr festgesetzt und bitten Sie, uns mitzuteilen, wann der
Vorbereitungsunterricht beginnt, zu dem wir Ihnen unsre Alix anvertrauen
wollen. Auf die Klatscherei des jungen Mannes einzugehen, widerspricht
unsern elterlichen Empfindungen ...

Ich habe damit nicht etwa dich, sondern unseren guten Ruf in Schutz
genommen, fgte sie rasch, zu mir gewendet hinzu.

Bald darauf begann der Unterricht. Sehr befriedigt, von einer neuen
frohen Hoffnung erfllt, kam ich aus der ersten Stunde nach Hause.
Meine Tre und mein Herz stehen Euch jederzeit offen, hatte der
Pfarrer gesagt, Ihr knnt mit allem, was Euch bedrckt, mit Euren
Leiden und Zweifeln zu mir kommen. Ich werde mich immer bemhen, Euch zu
verstehen und Euch zu helfen. Die harmlosen Kindergesichter meiner
Mitschlerinnen -- Offizierstchter wie ich, die natrlich von den
brigen Gemeindekindern gesondert unterrichtet wurden -- legten mir
unwillkrlich whrend unseres Zusammenseins bei ihm Schweigen auf. Um so
hufiger wollte ich allein zu ihm gehen. Herzklopfend trat ich das erste
Mal bei ihm ein. In vagen Andeutungen, die gewi nur ein guter und
gtiger Physiologe htte verstehen knnen, sprach ich ihm von den bsen
Gedanken und hlichen Phantasien, die ich vergebens zu vertreiben
versuchte. Ein hm, hm, und so, so und ein erstauntes Kopfschtteln
war zunchst die einzige Antwort. In sichtlicher Verlegenheit, die
Handflchen nervs aneinanderreibend ging er im Zimmer auf und ab, blieb
abwechselnd vor dem Gummibaum am Fenster, dem Stahlstich des
Gekreuzigten ber seinem Schreibpult und der Sammlung von
Familienphotographien auf dem Bcherbrett stehen, die er eingehend zu
betrachten schien, um sich endlich, wie unter dem Einflu eines raschen
erleuchtenden Gedankens, mir wieder zuzuwenden. ber den Tisch hinweg
streckte er mir beide Hnde entgegen, fleischige, weiche Hnde, die sich
anfhlten, als htten sie weder Knochen noch Muskeln. Eine physische
Abneigung lie mich zgern, die meinen hineinzulegen. Nun, mein Kind,
sagte er und hob sie auffordernd, habe Vertrauen zu Deinem Seelsorger!
Wie ich jetzt Deine Hnde fasse, -- seine runden Finger legten sich um
die meinen, als wren es lauter nackte, klebrige Schnecken, -- so wird
Gott die flehend zu ihm erhobenen Hnde deiner Seele ergreifen und dich
aufrichten vom Staube! Das sind Versuchungen des Bsen, denen du
ausgesetzt bist. Je mehr dein Glaube lebendig werden wird, je inniger du
zu beten lernst, desto sicherer wirst du ihn berwinden. -- Ich zog
leise meine Hnde aus den seinen und rieb sie unter dem Tisch heimlich
an meinem Kleide ab. Er fing an, mich zu examinieren, ob, wie
oft und wann ich bete, ob ich zu unserm Herrn und Heiland in
kindlich-vertrauendem Verhltnis stnde, ob ich fleiig die Bibel lse.
Nach kurzem Kampfe gegen ein starkes inneres Widerstreben antwortete ich
ihm, wie es der Wahrheit entsprach, war ich doch zu ihm gekommen,
beseelt von dem aufrichtigen Wunsch, erlst zu werden von meinen Qualen,
getrieben von der Sehnsucht, mir einen neuen, dauernden Tempel bauen zu
knnen, wo ich zu einem lebendigen Gott zu beten vermchte! Er runzelte
die Stirn, das ist ja sehr, sehr traurig und unerhrt fr eine
christliche Familie! rief er aus. Ich beeilte mich, die Eltern zu
verteidigen: O wir beten immer bei Tisch, Mama liest jeden Morgen eine
Andacht, und in die Kirche gehen wir auch jeden Sonntag! -- Um so
unbegreiflicher, da ein so junges Kind, wie du, der Verfhrung des
Bsen erliegen konnte. Ein neuer Gedanke schien ihm durch den Kopf zu
gehen, scharf sah er zu mir hinber; Was liest du denn? frug er. Ich
erschrak; sollte ich ihm das Geheimnis meiner schnsten Stunden
verraten?! Ein tiefes, schmerzliches Aufatmen -- es mute sein -- mute
sein, um meines Heiles willen! Zu jener Zeit hatte ich angefangen, mir
aus Papas Bcherschrank Goethes Werke zu holen, -- einen Band nach dem
anderen. Wenn ich mich darin vertiefte, so war ich am sichersten vor mir
selbst: wie hatte ich mich fr Iphigenie begeistert, um Gretchen
geweint, und Werthers Leiden hatte ich mir gekauft, um sie immer in der
Tasche tragen zu knnen. Ich pflegte sie heraus zu ziehen, wie der
katholische Priester sein Brevier, wenn er sich vor Anfechtungen
schtzen will.

Das ist ja unerhrt, unerhrt! unterbrach der Pfarrer meine Beichte,
und seine Stimme berschlug sich, wie in der Kirche, sobald er von der
Fleischeslust sprach. Da es dein ernster Wille zu sein scheint, dich zu
bessern, sagte er dann so laut, als htte er die Rekruten der ganzen
Garnison vor sich, so wirst du tun, was ich von dir verlangen mu:
du rhrst diese verwerflichen Bcher whrend der Zeit des
Konfirmandenunterrichts nicht mehr an. Du liest nur, was ich dir gebe.
Du kommst jedesmal eine Viertelstunde frher zur Stunde zu mir als die
andern Kinder, damit sie in ihrer Unschuld nicht gefhrdet werden.
Versprichst du mir das? Ich senkte stumm den Kopf; noch einmal legten
sich seine Finger um die meinen, dann war ich entlassen. Wie zerschlagen
schlich ich nach Hause. Aber ich war fest entschlossen, zu tun, was er
verlangt hatte.

Am nchsten Morgen gab es zu Haus eine bse Szene: Pfarrer Eberhard
hatte meinen Eltern ber meinen Besuch Bericht erstattet und sie
aufgefordert, sein schweres Rettungswerk zu untersttzen. Ich sah
wohl, da meines Vaters Zorn sich mehr gegen den Pfarrer, als gegen mich
richtete, aber wie immer, wenn Mama mit ihrer ganzen Energie auftrat,
berlie er ihr das Feld, mir nur unter heftigem Hndedruck ein
verdammte Pfaffen zuflsternd. Alle meine Schubfcher wurden
untersucht, alle Bcher konfisziert, die in die Rubrik: Lehrbcher und
Backfischliteratur nicht hineinpaten; der Schlssel vom Bcherschrank
wurde abgezogen, -- nur die verborgenen Schtze im Sofa blieben
unentdeckt. Ich befand mich in einer unbeschreiblichen Aufregung: Der
erste Mensch, an den ich mich hilfesuchend gewandt, vor dem ich mein
Inneres enthllt hatte, wie vor keinem bisher, vertraute mir so wenig,
da er mich berwachen lie wie einen Verbrecher! Auch mit meinem Lehrer
hatte Mama an demselben Tage eine lngere Unterredung, von der er sehr
rot und verschchtert zu mir kam. Er umging von da an noch vorsichtiger
als sonst jede Berhrung religiser Fragen. Er wurde berhaupt immer
scheuer vor mir und war seltsam zerstreut.

Eine unberwindbare Bitterkeit lie diese erste Erfahrung mit dem
Pfarrer in mir zurck; das persnliche Vertrauen war ein fr allemal
vernichtet, aber ich hoffte trotzdem, da das, was er lehrte, mir
Befreiung bringen wrde. Und ich klammerte mich an diese Hoffnung. Ich
las in den Bchern, die er mir gab, und in der Bibel, ich klagte mich
vor mir selber an, wenn ich eine rechte Andachtsstimmung nicht
festhalten konnte und immer wieder an den Widersprchen und
Unwahrscheinlichkeiten, die mir aufstieen, Ansto nahm.

War die Bibel von Gott inspiriert, so mute die Schpfungsgeschichte
wahr sein; und war sie es, warum lehrte man uns dann die
naturwissenschaftlichen Forschungsergebnisse der Gelehrten kennen? Bei
allen Wundern, an die ich glauben sollte, stieen mir dieselben
Bedenken auf; und ebensowenig kam ich ber die Lehre hinweg, da der
Gott der Liebe, der Vater im Himmel mit dem grausamen, rachschtigen
Jehova des Alten Testaments identisch sein sollte. Furchtbarer aber als
alles bedrckte mich der Zweifel an der Erlsung der Menschheit durch
Christi Leiden und Sterben. Weder die Snden noch die Sorgen der
Menschheit waren seit seinem Tode aus der Welt verschwunden, und jeder
bte, -- wie schmerzvoll empfand ich es selbst --, nach wie vor seine
eigene Schuld. Ich sprach meine Zweifel und Bedenken offen aus -- wir
waren ja ausdrcklich dazu aufgefordert worden! -- und erwartete
sehnschtig, widerlegt, in unanfechtbarer Weise eines Besseren belehrt
zu werden. Pfarrer Eberhard wurde immer nervser, sobald ich den Mund
auftat, und die andern starrten mich an, und stieen sich kichernd mit
den Ellbogen, wenn ich eine Frage stellte. Schlielich wurde mir ein fr
allemal verboten, in ihrer Gegenwart meine Gedanken laut werden zu
lassen; ich benutzte zunchst die Viertelstunde des Alleinseins dazu,
fr die der Pfarrer immer seltener Zeit zu haben vorgab, und besuchte
ihn schlielich auerhalb der Stunde, wenn meine Zweifel mir gar keine
Ruhe mehr lieen. Er wurde von einem Mal zum anderen ungeduldiger, und
warf mir meinen geistigen Hochmut, der mich verfhre, mit den
unzulnglichen Mitteln menschlichen Verstandes an gttliche Geheimnisse
zu rhren, in immer heftigerer Weise vor. Auf all mein Warum? war seine
Antwort: darber darf man nicht nachdenken, denn der Glaube allein
versetzt Berge, der Glaube allein macht selig, und so wir nicht werden
wie die Kinder, werden wir das Reich Gottes nicht schauen. -- Danach mu
geistiges Streben, Forschungstrieb, Wissenschaft ein Werk des Teufels
sein, -- folgerte ich. Unsere Unterhaltungen -- das sah ich endlich ein
-- waren zwecklos. Ich gab sie auf. In dem Bedrfnis, mich
auszusprechen, machte ich meine Kusine, die ich schon mit meinen
Herzensgeschichten aus allem Gleichgewicht gebracht haben mochte, zur
Vertrauten meiner religisen Kmpfe. Es waren Monologe, die ich vor ihr
fhrte, und ich war so sehr mit mir selbst beschftigt, da ich gar
nicht bemerkte, wie das arme Ding unter mir litt: wie eine Blume war
sie, die in der Knospe welkt, wenn sie zu frh dem Schutz des Schattens
und der Khle entrissen wird.

Zuweilen frug mein Vater mich nach meinen Stunden; er, der menschlicher,
feiner dachte, und der mich so lieb hatte wie niemand sonst, htte mir
vielleicht helfen knnen, wenn nicht eine tiefe, innere Entfremdung
zwischen uns eingetreten wre. Hatte seine aufbrausende Heftigkeit, die
zwar weniger im Verkehr mit mir, als der Dienerschaft und den
Untergebenen gegenber hervortrat, ein inniges Verhltnis zwischen uns
schon nicht aufkommen lassen -- jedes laute Wort lie mich erzittern --,
so machte meine allmhliche Erkenntnis unserer pekuniren Lage, als
deren Ursache ich ihn allein ansah, mich hart und unnahbar. Ich sah, wie
oft meine Mutter weinte, wenn unerwartete Rechnungen kamen; ich las in
den Briefen meiner Gromutter an Mama, die mir zuweilen gegeben wurden,
zwischen den Zeilen, wie die Geldsorgen auf der ganzen Familie lasteten.
Ich fing an zu begreifen, warum Mama sich ber Geschenke ihres Mannes
nicht freute, was mir frher so herzlos erschienen war. Es kam vor, da
ich ihr darin schon nachahmte, und erst ein Blick auf Papas trauriges
Gesicht, auf seine vor Enttuschung zuckenden Lippen, lste meine
natrliche Freude ber hbsche Dinge aus. Mitleid aber ist kein Mittel
des Vertrauens, besonders nicht bei einem Kinde und einem Weibe; Mitleid
erhebt ber den Bemitleideten; das Kind, wie das Weib, mu emporsehen
knnen zu dem Menschen, dem sein ganzes Vertrauen gehren soll. So blieb
ich allein, auch in diesem, dem schwersten Kampf meiner Kindheit.
Niemand half mir, selbst Gott nicht, so oft und so verzweifelt ich ihn
auch anrief.

Um diese Zeit war es, da meine englische Lehrerin mir von Shelley
erzhlte, der mit sechzehn Jahren schon seiner antichristlichen
Ansichten wegen von der Schule entfernt worden war, spter aus denselben
Grnden England verlassen mute und, kaum dreiig Jahre alt, in den
Wellen des Adriatischen Meeres seinen Tod fand. Sein Schicksal ergriff
mich tief. Der berzeugung Stellung, Wohlleben, Familie und Heimat
opfern, -- das erschien mir stets als ruhmwrdigste Tat.

Mit der Versicherung, da ich sie doch nicht verstehen wrde, gab mir
die lange, blonde Mi, die fr mich bis dahin nur die Verkrperung der
Grammatik gewesen war, auf mein dringendes Bitten Shelleys Werke.

Queen Mab war das erste, was ich aufschlug. In einer Nacht las ich es
zweimal. Mir war, als wre ich selbst Janthe, der Geist, dem die
Feenknigin des Weltalls wundervolle Pracht, die Schauer der
Vergangenheit, das Elend der Gegenwart und das verklrte Bild der
Erdenzukunft zeigte: Ich sah die Reichen schwelgen, die Armen hungern;
die Toten sah ich auf den Schlachtfeldern, hingemordet um der Lndergier
der Knige willen, und sah, wie die Menschen einander zerfleischten wie
wilde Tiere, im Namen ihrer Gtter! Und dann verklangen in weiter Ferne
all die Laute der Qual, das Weinen der Verlassenen, das Sthnen der
Hungernden, Verzweiflungsschreie und Todesrcheln. Die Wirklichkeit des
Himmels, die selige Erde zeigte sich, die Welt der Zukunft, wo niemand
vergebens mehr nach Brot verlangen, niemand nach Erkenntnis verdursten,
wo die Menschheit sich selbst erlst haben wird aus der Hlle irdischer
Verdammnis. Spirit, behold thy glorious destiny!, -- rief Mab, die
Knigin, es mir nicht zu? Galt nicht mir ihre Mahnung: Frchte dich
nicht! Fhre den Krieg gegen Herrschsucht und Falschheit und Not, schlag
durch die Wildnis den Pfad hinber in die Welt, die da kommen soll!

Ich empfand Shelleys Atheismus nicht, ich fhlte nur, da er den Gott
verleugnete, an den auch ich nicht zu glauben vermochte, und wie eine
Offenbarung wirkte auf mich sein lebensstarker, hoffnungsreicher
Idealismus, sein Vertrauen in der Menschen eigene Kraft, sein feuriger
Appell an die Macht des Willens.

In langen Nchten voll innerer Kmpfe suchte ich mir klar zu werden ber
den Weg, den ich zu gehen hatte, und baute mir langsam, Stein um Stein
mhselig zusammentragend, die Kirche meiner Religion auf. Ein heies
Glcksgefhl erfllte mich, als ich mein Werk vollendet sah und der
Entschlu in mir fest stand, mich zu keinem andern Glaubensbekenntnis
als zu meinem eigenen zwingen zu lassen, -- koste es, was es wolle.

Um die Weihnachtszeit 1879 besuchte ich Pfarrer Eberhard und erklrte
ihm, da ich auerstande sei, das Apostolikum vor dem Altar zu
beschwren, da er mich daher von der Einsegnung dispensieren mge.
Zugleich legte ich ihm eine schriftliche Zusammenfassung meiner
religisen Ansichten vor, -- ein persnliches Glaubensbekenntnis, das
jeder der Konfirmanden niederzuschreiben verpflichtet war. Es lautet:

   'Ich glaube an Gott den Vater, allmchtigen Schpfer Himmels und der
   Erden.'

Ich glaube nicht an diesen Gott. Ich glaube nicht, da er in sechs Tagen
die Welt geschaffen hat, da er ihm zum Bilde den Menschen schuf. Ich
glaube der Wissenschaft mehr als den unbekannten Fabelerzhlern des
Alten Testaments.

   'Ich glaube an Jesum Christum, Gottes eingeborenen Sohn, unsern
   Herrn, der empfangen ist von dem Heiligen Geiste, geboren von der
   Jungfrau Maria, gelitten unter Pontio Pilato, gekreuziget, gestorben
   und begraben, niedergefahren zur Hlle, am dritten Tage auferstanden
   ist von den Toten, aufgefahren gen Himmel, sitzend zur Rechten
   Gottes, des allmchtigen Vaters, von dannen er kommen wird, zu
   richten die Lebendigen und die Toten.'

Ich glaube nicht an diesen Christus, denn ich halte es fr heidnisch, an
eine Menschwerdung Gottes zu glauben. Ich glaube weder an seine
wunderbare Geburt, noch an seine Hllen-, noch an seine Himmelfahrt,
noch an seine Wunder.

   'Ich glaube an den Heiligen Geist, eine heilige christliche Kirche,
   die Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Snden, Auferstehung des
   Fleisches und ein ewiges Leben.'

Ich glaube nicht an diesen Heiligen Geist, ich glaube nicht an eine
heilige, christliche Kirche, die mordet, brennt, verfolgt, steinigt, die
Seelen martert, die Wahrheit leugnet. Ich glaube nicht an Vergebung der
Snden, weil Snde sich nur durch bessere Taten vergibt. Ich glaube
nicht an Auferstehung des Fleisches, denn das ist wissenschaftlich
unmglich.

Ich glaube an eine hhere Gewalt, die wir Gott nennen, die der Ursprung
des ersten Lebens ist, die die Kraft des Werdens in das erste Atom
gelegt hat. Mein Geist ist ein Teil dieses Gottesgeistes.

Ich glaube an Jesus, als an einen edlen Menschen, der zuerst das Gebot
der Menschenliebe predigte und danach lebte. Ich glaube, da er in
Niedrigkeit geboren wurde, damit wir daran erkennen sollen, da die
Geburt nicht den Menschen macht, sondern eigene Arbeit und eigenes
Streben. Christi Gebot der Menschenliebe wird die nach ihm benannte
Kirche richten.

Ich glaube an den Geist Gottes, der sich in allem Schnen und Groen
offenbart, der nach dem Tode des Krpers in andern fortlebt, sei es auf
oder ber der Erde. Die Kirche und ihre Dogmen halte ich fr menschliche
Einrichtungen, denen ein freier Geist sich nicht zu beugen braucht.

Sollte dennoch die mir gelehrte christliche Religion die wahre sein, so
hoffe ich das mit der Zeit zu erkennen. Wenn es ein Verbrechen ist, da
ich mich jetzt von ihr lossage, so scheint es mir ein noch greres
Verbrechen zu sein, mich zu ihr zu bekennen, wo mein Herz nichts davon
wei.

Pfarrer Eberhard war zuerst keines Wortes mchtig. Dann aber entlud sich
sein Zorn schrankenlos ber mir. Jede Selbstbeherrschung vergessend,
schlug er mit Anklagen, Vorwrfen, Drohungen auf mich ein, -- es war wie
eine Bastonnade! Aber ich ergab mich nicht. Durch Wochen und Monate
setzte der Kampf zwischen uns sich fort, von dem niemand wute als wir
beide. War es Rcksicht, oder war es die Sorge, seine Niederlage
einzugestehen, -- er weihte diesmal auch meine Eltern nicht ein.
Zwischen jeder Zusammenkunft sammelte ich mein Rstzeug aus meinem
verborgenen Bcherschatz, der um vieles gewachsen war, und grbelte zu
gleicher Zeit ber die Ausfhrung abenteuerlicher Plne. Gab der Pfarrer
nicht nach, so war ich entschlossen, zu fliehen. Um mir das ntige Geld
zu verschaffen, schickte ich Gedichte und Aufstze an die
verschiedensten Zeitschriften -- natrlich vergebens! -- und verkaufte
in obskuren Lden ein Schmuckstck nach dem anderen. Als ich gerade im
Begriffe stand, das Kostbarste, -- eine alte Brillantbrosche, die meine
Gromutter mir einmal geschenkt hatte, -- fortzutragen, hrte ich im
Vorbergehen einen heftigen Wortwechsel zwischen meinen Eltern.
Aufhorchend blieb ich stehen: es handelte sich wieder einmal um eine
unbezahlte Rechnung. Mama schluchzte; Papa rief aufgeregt: Ich brauche
mir deine Vorwrfe nicht gefallen zu lassen. Ich saufe nicht, ich rauche
nicht, ich rhre keine Karte an, ich habe keine Weibergeschichten -- was
willst du eigentlich von mir?! -- Du hast immer zwei Pferde zu viel
im Stall -- antwortete Mama heftig, und Alix Privaterziehung, die
Tausende verschlingt, war auch berflssig --. La mir das Kind in
Frieden! brauste Papa auf -- die einzige Freude, die ich habe, la ich
mir nicht vergllen -- --.

Jedes Wort traf mich ins Herz; mir hatten sie so groe Opfer gebracht --
mir, die ich das Schwerste ber sie heraufbeschwor; -- ich war meines
Vaters einzige Freude -- ich, die ihm das Herz brechen wollte! -- Ich
lief davon, verkaufte mein Schmuckstck und kam hochrot und atemlos nach
Hause zurck, nur von dem Gedanken getrieben, den armen Eltern eine Last
abzunehmen. Sie saen vershnt nebeneinander und sahen mich verwundert
an, als ich Mama hastig ein paar Goldstcke in die Hand drckte. Was
soll denn das? frug sie, und Woher hast du das Geld? mein Vater. Ich
erschrak; ich hatte in meinem Eifer an die Mglichkeit dieser Frage
nicht gedacht. Sollte ich die Wahrheit sagen? Das hiee auch meine
brigen Verkufe verraten und meine Flucht von vornherein unmglich
machen. Mein Blick fiel auf das Daheim mit dem Anfang einer neuen
Erzhlung an der Spitze. Es ist -- es ist -- das Honorar fr -- diese
Geschichte, kam es mhsam und stockend von meinen Lippen. Nun war ich
im Netz meiner eigenen Lge gefangen, und die Furcht vor den Folgen
hinderte mich, es zu zerreien. Die Eltern glaubten mir; mein Vater
umarmte mich voll Rhrung, und wenn er auch meine flehentliche Bitte,
das Geheimnis meiner Autorschaft zu wahren, zu erfllen versprach, so
war er doch viel zu stolz auf den Erfolg seiner Tochter, als da er
nicht wenigstens den nchsten Freunden und Verwandten davon Mitteilung
gemacht htte. Die Aufklrung lie nicht lange auf sich warten. Eine
Kusine meines Vaters war mit der Verfasserin des Romans, den ich vorgab,
geschrieben zu haben, befreundet und frug ihn brieflich nicht wenig
erstaunt nach dem Zusammenhang dieser seltsamen Historie. Es kam zu
einem furchtbaren Auftritt. Mein Vater kannte sich selbst nicht mehr.
Mein guter Name! Mein guter Name! sthnte er immer wieder und lief wie
wahnsinnig im Zimmer hin und her. Ich mu mich erschieen! Ich berlebe
die Schande nicht! schrie er dazwischen, whrend Mama still vor sich
hin weinte. Stumm und regungslos stand ich mitten im Zimmer und rhrte
mich auch dann nicht, als Papa mit funkelnden, rot unterlaufenen Augen
vor mir stehen blieb und die hoch erhobene Faust klatschend auf meine
Wange niedersausen lie.

Stumpfsinnig vor mich hinbrtend, lag ich ein paar Tage im Bett. Niemand
kmmerte sich um mich als die Anna, die mir auch mitleidig in die
Kleider half, als Pfarrer Eberhards Besuch mir gemeldet wurde. Mit
gefalteten Hnden und tief bekmmerter Miene trat er ein. Da sie keinem
echten Gefhle Ausdruck gab, sah ich an den Lichtern leisen Triumphs,
die in seinen Augen glnzten: Endlich war der Sieg sein -- endlich! Er
hielt mir eine wohlvorbereitete Rede, die ich mit keiner Silbe
unterbrach. Das furchtbare Ereignis habe hoffentlich, so sagte er,
meinen Hochmut gebrochen und mich belehrt, da Gott seiner nicht spotten
liee. Noch sei es Zeit fr mich, umzukehren vom Wege der Snde, und
demtig dem zu folgen, der allein Wahrheit, Licht und Leben wre. Nach
all dem Kummer, den du deinen Eltern bereitet hast, wirst du ihnen die
Schande nicht antun, vom Altar des Herrn fern bleiben zu wollen. Ich
schwieg auch jetzt, trotz der beziehungsreichen Pause, die er eintreten
lie. Du wirst die Zeit bis dahin zur Einkehr, zur Bue, zum Gebet
verwenden. Wieder eine Pause. Und wie Gott im Himmel seine Hand nicht
von dir abziehen, und Jesu Christi Blut auch dich rein waschen wird von
deinen Snden, so werden deine lieben Eltern dir verzeihn. Ich werde mit
Gottes Hilfe die Schwergeprften aufrichten und dich ihnen wieder
zufhren. Ich schwieg noch immer. Wirst du tun, was ich, der Diener
deines Herrn und Heilandes, von dir fordere? Ein mechanisches Ja war
meine Antwort.

Whrend der Wochen bis zu meiner Einsegnung lebte ich wie ein Automat;
ich fhlte weder Reue noch Kummer, und die Gedanken waren wie
ausgelscht. Nur als ich zum erstenmal das lange weie Konfirmandenkleid
anprobierte, zuckte mir ein krampfhafter Schmerz durch den Krper. Den
Mund kaum zu einem Lcheln verziehend, begrte ich die vielen
Verwandten, die zu dem feierlichen Tage nach Posen kamen: Onkel Walter
aus Pirgallen mit seiner jungen Frau, die eben auf der Hochzeitsreise
waren, Onkel Kleve aus Bayern, Tante Klotilde aus Augsburg, die
befriedigt die wrdige Stimmung ihrer Nichte anerkannte. Als aber am
Sonnabend vor Pfingsten, einem herrlichen lachenden Maientag, vor dem
ich mich verschchtert in mein dmmriges Zimmer verkrochen hatte, die
Tre aufging und wie getragen von einem breiten Strom von Licht, meine
Gromutter in ihrem Rahmen erschien, war mir pltzlich, als fiele ein
schwerer, eiserner Panzer von mir ab, der mich eingezwngt und aufrecht
erhalten hatte. Gromama, liebe Gromama, rief ich und brach
aufschluchzend vor ihr zusammen. Ach, warum war ich nicht zu ihr
geflchtet, warum kam sie erst jetzt, -- jetzt, da es zu spt war?! Tief
erschttert schlo sie mich in ihre Arme, und ich weinte mich aus. Aber
dann kam Mama, und der Abend im Kreise der Familie, und die Nacht ...

Widerstandslos lie ich mich am nchsten Morgen schmcken, nahm den
Strau weier Rosen in die Hand und stieg mit den Eltern in den Wagen.
Die ganze Strae stand voll Menschen, -- wie bei einem Begrbnis, dachte
ich. Auch vor der Kirche sammelten sich die Neugierigen in ihren bunten
frhlichen Festtagskleidern. Durch die Fenster flutete die Sonne, so da
ich geblendet die vom Weinen heien Augen schlo, als ich zwischen Vater
und Mutter auf rotem Teppich durch die weite, weie Sulenhalle schritt.
Die Glocken luteten, brausend setzte die Orgel ein, laut drhnten ber
mir die krftigen Stimmen des Soldatenchors. Jeder Ton schnitt mir
messerscharf in die Seele. Es blitzte und funkelte ringsum von Uniformen
und Orden und raschelte von seidenen Kleidern. Ich sah nicht auf. Da
schlug ein ganz leiser, weher Laut, wie Alix an mein Ohr. Ich hob den
Kopf. Es war mein Lehrer, der mich mit einem Blick ansah, -- einem
Blick, der mir rtselhaft schien. Und dann standen wir vor dem Altar. Er
war ringsum mit einem Wald von Palmen umgeben, ohne eine einzige Blume
dazwischen. Wie beim Begrbnis, dachte ich noch einmal. Ich hrte
nicht, was der Pfarrer sprach; mir war pltzlich, als stnde ich dicht
vor dem Felsentor des Hllentals, und der brausende Bach drohte, mich zu
verschlingen. Mein Strau entfiel mir; der ihn aufhob, war mein Lehrer;
ich begegnete seinen Augen dabei, -- seltsam, wie er mich ansah!
Verwirrt blickte ich um mich; meine Mitschlerinnen sprachen schon das
Apostolikum, und ein strenger Blick des Pfarrers mahnte mich an meine
Pflicht. Einem aufgezogenen Uhrwerk gleich, sagte ich, ohne zu stocken,
die drei Artikel auf. Und whrenddessen fhlte ich die vielen hundert
Augen auf mich gerichtet, -- gespannt, hhnend, triumphierend. Darnach
war es einen Atemzug lang totenstill, ehe der Pfarrer von jeder
einzelnen das persnliche Bekenntnis zu den gesprochenen Worten abnahm
und den Segen erteilte. Ich war die letzte. Er erhob die Stimme
bedeutungsvoll, als er sich mir zuwandte. Sage nein -- sage nein --
klang es in mir. Angstvoll, hilfesuchend sah ich um mich: auf das
gtige, verzeihende Lcheln meines Vaters fiel mein Blick, auf den
leisen liebevollen Gru meiner Mutter -- -- --

Bekennst du dich von ganzem Herzen zu unserm allerheiligsten Glauben,
so antworte: Ja. -- -- --

Irgendwo fiel ein Schirm -- ein Sbel rasselte -- jemand schluchzte auf,
-- und die vielen, vielen Augen durchstachen mich.

Ja! klang es laut und rauh durch die Kirche. War das wirklich meine
Stimme gewesen?! Mechanisch kniete ich nieder, wie die andern. Ob wohl
die Schleppe richtig lag, dachte ich stumpfsinnig, und etwas wie
Neugierde nach dem Spruch, den der Pfarrer mir geben wrde, regte sich
in mir.

Darinnen freuet euch nicht, da euch die Geister untertan sind, sondern
da eure Namen geschrieben sind im Himmel.

Das fuhr wie ein Peitschenhieb auf mich nieder. Mein Name -- und im
Himmel geschrieben!! Hatte ich nicht eben vor Gottes Altar einen Meineid
geschworen?! -- --

Unter Trnen und Glckwnschen und Schmeichelworten umdrngte mich
alles. Zu Hause empfing mich ein Aufbau von kostbaren Geschenken, von
duftenden Blumen; Militrmusik spielte unter den Fenstern, und um die
geschmckte Tafel versammelte sich eine glnzende Gesellschaft. Mir
galten die Reden und Toaste, und immer aufs neue perlte der Sekt in
meinem Glase. In halber Betubung kam ich abends in mein Zimmer; die
rote Ampel brannte ber dem Bett; seltsam bedrckend war nach all den
wirren Geruschen des Tages die Stille. Mein Blick fiel auf ein kleines
Paket, durch dessen Schnre ein paar gelbe Rosen gezogen waren.
Verwundert ffnete ich das Geschenk, das nicht auf dem Tisch der
allgemeinen Gaben gelegen hatte. Es enthielt ein schmales Buch in blauem
Einband -- Deutsche Liebe von Max Mller, und einen Brief:

Gndiges Frulein!

Da ich gezwungen bin, schon morgen Posen zu verlassen, und vor Ihrer
Abreise nicht zurck sein kann, gestatten Sie mir, Ihnen schriftlich
Lebewohl zu sagen und beifolgendes Buch als Andenken zu berreichen.
Seien Sie recht, recht glcklich!

                             In aufrichtiger Freundschaft
                                                   Ihr
                                                     Hugo Meyer.

Ich strich mir ber die Stirn, -- trumte ich denn? Aber nein, das Buch,
das ich las, besttigte mir, was mich pltzlich seinen Blick in der
Kirche hatte verstehen lassen. Und ich -- ich war blind neben ihm
hergegangen, hatte nicht nach seiner Hand gegriffen, die mir aus dem
Abgrund herausgeholfen htte, in den ich versank! Schwarz,
unergrndlich, unberbrckbar sah ich ihn vor mir: Ich hatte heute einen
Meineid geschworen, -- und mein Freund, mein einziger Freund hatte mich
verlassen!




Fnftes Kapitel


Wenn der Sommer im Samland Einzug hlt, dann kommt er nicht als ein
zchtig Werbender, der sich die Erde in zher Treue allmhlich erobert;
er kommt vielmehr, ein strmischer junger Held, der dem Freiwerber
Frhling gar nicht Zeit lt, ihm den Weg zu bereiten. Die Sonne, die
eben noch umsonst mit den Winternebelwolken kmpfte, schiet, wenn er
naht, pltzlich mit glhenden Pfeilen vom blauen Himmel herab, und auf
einmal erwacht Wald und Feld und Wiese und gibt sich schrankenlos dem
ungestmen Liebhaber hin. Die Blumen, die das Jahr, als ein karger
Weiser, sonst ber viele Monde verteilt, blhen hier zu gleicher Zeit in
verschwenderischer Flle; das Schneeglckchen begrt noch das Veilchen
und die gelbe Butterblume; ppig und grade im prangenden Schmuck ihrer
leuchtenden Farben stehen Malven und Georginen im Garten, whrend weie
und gelbe und rote Rosen ihnen den Preis der Schnheit streitig machen.
Mit dem herben Duft des Hollunders eint sich der se, zarte der Linden,
der schmeichelnde der blauen Fliederdolden und der berauschende,
liebeskranke des Jasmins.

Weit, weit hinab, bis zu den graublauen Fluten des Kurischen Haffs
dehnen sich saftgrne Wiesen und gelbe Kornfelder; wenn der Wind darber
streicht, ist es wie ein einziges wogendes Meer, aus dem nur hie und da
die Strohdcher drftiger Huser hervorlugen. Aber auch ihr Elend hat
der Sommer, als knnte er nichts Trauriges sehen, mit rasch wucherndem
Schlingkraut verschleiert, so da ihre trben Scheiben wie verschlafene
Augen verwundert darunter hervorsehen. Es ist so ruhig hier wie im
Dornrschenzauber; nur hie und da unterbricht das klgliche Weinen eines
verlassenen Suglings die tiefe Stille. Was Fe und Arme regen kann,
ist hinaus mit Harke oder Sense, Spaten oder Beil, Ruder oder Fischnetz.
Der heie Sommer weckte jung und alt aus dem langen, dumpfen
Winterschlaf, und von frh bis spt gilt es schaffen, um seiner Gaben
Reichtum rasch, wie er sie brachte, zu bergen. Wie sie alle lebendig
geworden sind, diese schwerbltigen Menschen: sie gehen nicht -- sie
springen --, sie lachen nicht -- sie kreischen, und der Haffwind, des
Samlandsommers treuer Knecht, peitscht ihre strohgelben Haare, da sie
rings von den breiten Schdeln abstehen, wie Bltter der Sonnenblume um
den Kelch, und blht die roten Rcke der Weiber, da die nackten Beine
bei jeder Bewegung darunter hervorleuchten. Sie sind mit der Natur noch
eins, diese Mnner und Frauen: sie schlafen auch den Winterschlaf mit
ihr; denn nach der langen Tagesarbeit klingts und singts noch durch die
helle warme Sommernacht; es kichert und raschelt zwischen den Garben, es
atmet hei und schwer in den Geiblattlauben. Vom Dorfkrug aber lrmt
und tobt es herber: da sitzen sie hinter schwlender Lampe, vertrinken
und verspielen ihre Habe, und wenn sie glhend vom Branntwein
heimkehren, mischt sich wohl auch wilder Wehlaut aus Weiberkehlen in all
die vielen wirren Tne der Nacht.

In solch eines Sommers heies Leben kam das blasse Stadtkind mit den
trben Augen und dem matten Lcheln. Das Turmzimmer von Pirgallen nahm
es wieder auf, wo es zuerst das von der alten Linde vor dem Fenster grn
verschleierte Licht des Tages erblickt hatte. Hier soll mein Alixchen
wieder rund und rosig werden, sagte die Gromama bei der Begrung, das
Enkelkind bekmmert musternd. Und all die Gelehrsamkeit soll sie
vergessen, fgte Onkel Walter lachend hinzu. Und trinken und tanzen
soll sie, bis sie schwindlig wird, rief Tante Emmy, seine Frau, whrend
in ihren lustigen braunen Augen alle Kobolde des Frohsinns ein Feuerwerk
entzndeten. Seit sie vor kaum einem halben Jahr hier Einzug gehalten
hatte, mochte das alte Schlo sich selbst kaum wieder erkennen: Die
Gste kamen und gingen, helle Kleider raschelten durch die sonst so
einsamen Gnge, die Mauern hallten wider von Lachen und Scherzen.

Wenn morgens der Rasenteppich, der hinter dem Schlo bis zum Wasser
herunterfhrt, unter Tauperlen und Sonnenstrahlen glnzte und glitzerte
wie ein Riesensmaragd, dann gingen die Gste von der breiten Terrasse
die hohe Steintreppe hinab und verteilten sich in Park und Wald; die
einen trumten still in der Hngematte, die andern lockte das Haff,
dessen weie Schaumkpfchen vom Horizont herberglnzten, zum Bad und
zur Segelfahrt; die Ruhigen liebten es, am Strande Muscheln zu suchen;
die Waghalsigen wollten, mit Kutschern und Reitknechten um die Wette,
junge Pferde hinter Zaum und Zgel zwingen. Freiheit der Bewegung war
Gesetz fr alle. Nur wenn laut der Gong durch Schlo und Hof und Garten
gellte, fanden sie sich allmhlich wieder zusammen.

Allabendlich fllte sich der dunkle Speisesaal, in dem so lange nur
Mutter und Sohn einander schweigsam gegenbergesessen hatten, mit
lebenslustiger Jugend, und die kulinarischen Gensse, die der
franzsische Koch zu bereiten verstand, steigerten mit dem perlenden
Sekt, den der alte Haushofmeister unermdlich in die Glser schenkte,
die lebendige Stimmung. Wenn dann hinter den Flgeltren die
zrtlich-lockende Weise des Donauwalzers klang, gab es ein heftiges
Sthlercken, und gleich darauf flogen die Paare durch den hohen weien
Saal. Viele schmale Spiegel, von Goldleisten eingefat und von
musizierenden Amoretten bekrnt, warfen das Bild immer wilder tobender
Tnzer zurck, whrend so manche durch das Alter blind gewordene
Scheiben heimlich die Erinnerung an grazis und feierlich im Menuett
sich schlngelnde und wiegende Rokokopaare zu bewahren schienen. Mit
leisem Klirren schlugen die Kristallprismen des Kronleuchters
aneinander, und die Lichter flackerten im Takt, als htte die Tanzweise
auch ihnen Leben verliehen; sie bewegten sich noch lange hin und her,
wenn die duftende Schwle der Sommernacht die Tanzenden durch weit
offene Tren in den dmmernden Park gelockt hatte. Da gab es
verschnittene Laubengnge und weie Bnke im Jasmingestruch, und auf
stillen Weihern kleine Khne. Spt erst, wenn feuchte Nebel vom Haff
herber die nackten Schultern der Frauen unter den Spitzengeweben
zittern lieen, gingen Pirgallens Bewohner zur Ruhe.

Unaufhaltsam ri mich das Leben in seinen Strudel. Geistig mde und
stumpf, getrieben von dem Wunsch, nur nicht zu mir selbst kommen zu
knnen, war es mir zuerst der Rausch, der Vergessen bringt. Aber dann
siegte Jugend und Lebenslust, und der Genu wurde zum Selbstzweck.
Niemand dachte angesichts des groen reifen Mdchens an ihre vierzehn
Jahre; ich galt allen als erwachsene junge Dame, als Tochter des Hauses
berdies, und was an mnnlicher Jugend ins Schlo kam, das teilte seine
Huldigungen zwischen der lustigen Hausfrau und ihrer Nichte. Zuweilen,
das merkte ich wohl, war ich der Tante, die gewohnt war, der Mittelpunkt
der Gesellschaft zu sein, ein Dorn im Auge. Dann begann jener stille
Frauenkampf um den ersten Platz, der, mit allen Waffen der Koketterie
gefhrt, nicht minder aufregend ist als der der Mnner im Fechtsaal oder
beim Hasard. Triumphierte meine Jugend ber ihre Grazie und ihren Witz,
so behandelte sie mich pltzlich als das Kind, das zur Strafe nicht
mitgenommen wird, wenn die Groen sich amsieren; doch das Kind
durchkreuzte nur zu rasch ihre pdagogischen Einflle. So wurde ich
einmal von einer Segelpartie ausgeschlossen -- aus Mangel an Platz,
sagte sie --; im Augenblick aber, als die Jacht den Hafen
verlie, erschien ich hoch zu Ro in Begleitung des feschesten
Krassierleutnants, den meine Tante -- ich wute es genau! -- von allen
Gsten am meisten entbehrte. Und ein andermal, als ihre neuste Pariser
Toilette mich ausstechen sollte, zog ich durch einen rasch
zusammengestellten phantastischen Schmuck von Vogelbeeren auf meinem
weien Kleid und in meinen schwarzen Haaren alle Blicke zuerst auf mich.
Es war gerade von der groen Dampferfahrt die Rede, die der konservative
Verein des Kreises mit seinen Damen durch den Friedrichskanal zum
Moorbruch unternehmen wollte. Wir freuten uns alle darauf, ein Stck
altlitauer Landes und Lebens kennen zu lernen.

Schade, da Alix zu Hause bleiben mu, hrte ich pltzlich die hohe
scharfe Stimme der Tante sagen; nur persnlich Geladene haben Zutritt.
Mir stiegen Trnen der Enttuschung und des Zorns in die Augen. Onkel
Walter, der den Zusammenhang nicht begriff, sah mich an und rief ber
den Tisch hinber: Beruhige dich, Alix, das ist eine bloe Formalitt,
die ich rasch erledigen werde.

Tante Emmys gereizte Stimmung verriet mir am nchsten Morgen, da es
zwischen dem Ehepaar noch eine Szene gegeben hatte und der Sieg nicht
auf ihrer Seite gewesen war. Die offizielle Einladung wurde mir mit
einer gewissen Absichtlichkeit berreicht, und ich konnte das leise
Lcheln nicht unterdrcken, mit dem ich die Tante dabei ansah.

Am frhen Morgen des groen Tages fuhren wir in zwei Vierspnnern gen
Labiau, die Kreisstadt. Als die Wagen ber das holprige Pflaster
rollten, flogen links und rechts die Fenster auf, und neugierige
Gesichter starrten den berhmten Gespannen Pirgallens nach. Auf der
Strae blieben die Leute stehen, zogen die Mtzen oder knixten
respektvoll; und am Anlegeplatz, wo der Dampfer schon fauchte und
prustete, wartete die Menge der Geladenen auf den vornehmsten Mann, den
grten Besitzer und den eben zum Reichstagskandidaten des Kreises
aufgestellten Freiherrn. Er und seine Frau wurden umringt, ich stand
abseits und musterte mit heimlichem Nasermpfen die Gesellschaft: Die
Frauen, fast alle gro und hager, in seidene Staatskleider gezwngt,
ber den kantigen Gesichtern und den glatten Scheiteln kleine
Kapotthtchen, mit allen Zeichen jener nicht zu berwindenden
Verlegenheit, die ungewohnte, mit Wetter und Tagesstunde unvereinbare
Kleidung hervorruft; die Mdchen, hochrot vor Erregung, in
steifgestrkten Kattunfhnchen, Zwirnhandschuhe ber den Hnden,
klirrende Armbnder ber den breiten Gelenken, in einem dichten Haufen
ngstlich zusammengeschart, als gelte es, sich gegenseitig vor den
Angriffen der Mnner zu schtzen. Die hatten sich schwarz und dicht
gegenber postiert, nur hier und da von einer Reserveleutnantsuniform
irgend eines hundertsten Infanterieregiments unterbrochen. Sonst lauter
Bratenrcke und Zylinder. Mich grauste es; ganz anders hatte ich mir die
Sache gedacht, und beinahe wre ich rasch wieder in unseren Wagen
gesprungen, als Onkel Walter sich nach mir umdrehte: Erlaube, da ich
dir einige der Herren vorstelle: Herr v. Trebbin, v. Wanselow, v.
Warren-Laukischken. So alte Namen und solche Bauern! dachte ich,
whrend mein Blick auf ihren roten Hnden sekundenlang haften blieb.

Ah, da sind Sie ja auch, mein lieber Rapp, hrte ich meinen Onkel
lachend sagen, trauen Sie sich wirklich einmal in Damengesellschaft?!
Ich wandte mich rasch nach dem Angeredeten um: das also war der
Frauenfeind, von dem Tante Emmy im Wagen gesagt hatte, er sei der
einzige, der sie interessiere. Sie hatte zweifellos vor, den
wunderlichen Einsiedler zu bekehren und freund-nachbarliche Beziehungen
anzuknpfen. Ich dachte nicht mehr daran, davon zu fahren, sondern
folgte dem Menschenstrom, der ber den Schiffssteg zum Dampfer flutete.
Die Labiauer Stadtkapelle konzertierte, als htten alle verstimmten
Flten und Trompeten sich hier ein Stelldichein gegeben, und zwischen
den Eichenlaubgewinden knisterten die grellbunten Papierblumen. Das
kleine Schiff schien die Geladenen kaum fassen zu knnen. Nur die
Honoratioren, darunter auch meine Verwandten, wurden an einen gedeckten
Tisch gentigt, auf dem ein kreisrunder Strau in weier
Papiermanschette prangte. Alle anderen suchten sich eilig einen Platz;
wie aufgescheuchte Vgel liefen die Mdchen umher, bis sie glcklich
wieder eng gedrngt in einer Ecke beieinander saen. Ich blieb ruhig
stehen; Laufen und Hasten war mir immer antipathisch, und aufs
Geradewohl mich irgendwo einklemmen, vollends. Das Schiff setzte sich
schon in Bewegung, als ich Herrn von Rapp in meiner Nhe sah, sichtlich
unschlssig, in welchen Winkel er sich mit seiner Menschenfeindschaft
flchten sollte. Wir sind Leidensgefhrten, sprach ich ihn an, ich
glaube, in der Kajte sind Sessel, wollen Sie so gut sein, mir einen
bringen? Mit zweien kam er zurck, -- ich wute, als hflicher Mann
konnte er mich nicht allein lassen. Wir unterhielten uns, zuerst geqult
und konventionell, dann immer lebhafter. Der kleine Mann mit dem
frhzeitig kahlen Schdel hatte seine Landeinsamkeit ausgenutzt: er war
belesen, und -- was in dieser Umgebung noch erstaunlicher schien -- er
hatte selbstndig ber Welt und Menschen nachgedacht. Was ich geplant
hatte, um die Tante zu rgern und mir die Zeit zu vertreiben, war rasch
vergessen, -- so sehr fesselte mich unser Gesprch. Inzwischen fuhren
wir im leuchtenden Sonnenschein den Friedrichskanal entlang, durch das
dunkelgrne Moosbruch, an niedrigen Huschen vorbei, um die verkrppelte
Obstbumchen blhten, vorber an Agilla und Juwendt, uralten litauer
Ansiedlungen, wo die Strohdcher fast zur Erde reichten und die kleinen
struppigen Pferdchen, denen des Litauers zrtlichste Sorgfalt gilt,
lustig zwischen den Scharen schmutziger Blondkpfchen umhersprangen.
Mein Nachbar kannte Land und Leute gut; er wute von den hartnckigen
Kmpfen gegen die Ordensritter zu erzhlen, die mit einer -- was die
Religion betrifft, freilich nur scheinbaren -- Unterwerfung der Litauer
erst dann endeten, als die Zahl ihrer Mnner auf das uerste dezimiert
war, und kannte all ihre seltsamen Gebruche, die sich noch aus der Zeit
des Heidentums erhalten hatten.

Ein heftiger Sto, der unseren Dampfer erzittern lie, unterbrach seine
Schilderungen: wir saen fest, vergebens arbeitete die Maschine, der
Kapitn, der gestand, hier noch nie gefahren zu sein, war ratlos, und
alles Geschrei vermochte niemanden ans Ufer zu locken als die Kinder.

Setzen Sie ein Boot aus und fahren Sie hinber, damit wandte sich mein
Onkel an den Kapitn. Unter dem Vorwand, sich mit den Litauern nicht
verstndigen zu knnen, lehnte er es ab. Begleiten wir ihn! sagte
ich, entzckt von der Aussicht auf ein Abenteuer, leise zu Rapp, der
mir eben klangvolle Strophen litauischer Dainos zitiert hatte. Rasch
entschlossen verstndigte er sich mit dem Kapitn, und ebenso
rasch folgte ich den Mnnern in den Kahn, begleitet von dem
erstaunt-unwilligen Gemurmel der Zurckbleibenden. Am Ufer angelangt,
traten wir in eines der ersten Huser und stieen die Tre auf, als uns
auf unser Klopfen niemand antwortete.

Der Raum war fast dunkel, und beiender Rauch hinderte uns berdies, die
Augen zu ffnen; ein paar Hhner flogen vor uns auf, Schweinegrunzen
tnte uns aus dem uersten Winkel entgegen, auf dem Herd, dessen
Glutaugen uns ansahen, wurde hastig ein Topf beiseite gerckt, dann
nherten sich uns schlurfende Schritte. Ein Weib, dem weie lange Haare
wirr und tief ber die Schultern fielen, trat uns entgegen, kreuzte die
Arme ber das grobe Hemd, das mit einem dicken gelben Wollrock ihre
einzige Bekleidung bildete, und kte mit einer Gebrde demtiger
Unterwrfigkeit den Saum meines Kleides. Rapp erklrte ihr rasch die
Situation. War sie es, oder war es der Klang der eigenen Sprache, der
ihr ein Lcheln in das Antlitz trieb? Ablehnend zuckte sie die Schultern
und wies auf die Bank in der Ecke, auf der ein Mann, in eine Pferdedecke
gehllt, schnarchend lag.

Wenn der Litauer nicht trinkt, dann stiehlt er, und wenn er nicht
stiehlt, dann schlft er, sagt das Sprichwort. Rapp wurde ungeduldig
und sprach lauter. Inzwischen hatten sich die Kinder aus der Tre
hereingeschlichen und umringten die Mutter; in all den vielen Augen --
graublau wie das Haff -- spielten feindselige Lichter; und je heftiger
Rapp wurde, desto straffer richtete sich das Weib aus ihrer gebeugten
Stellung auf, bis ihre Stirn den niedrigen Balken der Htte fast
streifte. Wie eine verwunschene Schicksalsgttin, dachte ich und wich
scheu vor ihr zurck. Rapp aber war an ihr vorbei an den Herd getreten
und hatte den Kessel aus Licht gerckt. Rehbraten! rief er. Dacht'
ichs mir doch! Also ein Wilddieb. Schon lag die Frau ihm jammernd zu
Fen, und, sich die Augen reibend, war der Mann bei dem Lrm vom Lager
gesprungen. Es bedurfte nur noch einer kurzen Unterhandlung, um sie
gefgig zu machen. Kaum zum Dampfer zurckgekehrt, entwickelte sich ein
merkwrdiges Schauspiel vor unsern Augen: lange schmale Khne umringten
ihn von allen Seiten, in jedem stand aufrecht, mit dem Ruder krftig
stoend, ein Weib. Eine sah aus wie die andere: gro, schlank,
hellugig, mit buntem Rock, einem Hemd, das oft reiche Stickerei
aufwies, ein grelles Tuch um die weiblonden Haare geschlungen. Sie
wuten so genau Bescheid in ihren heimatlichen Gewssern wie der beste
Lotse, und bald waren wir wieder flott und fuhren in gutem Fahrwasser
den voranrudernden Frauen nach. Allmhlich wurde ihre Zahl immer
kleiner, und nur die grauhaarige Schicksalsgttin blieb brig, um uns
den Weg zu der Mittagsstation, wo das ersehnte Diner unsrer wartete, zu
zeigen. Schlielich verschwand auch sie, nachdem der Weg, wie sie sagte,
nicht mehr zu fehlen sei; irgendwo aus der Ferne hrten wir noch das
Rufen und Lachen, mit dem die Heimkehrende von den Gefhrtinnen
empfangen wurde. Aber zu unserm Mittagessen gelangten wir nicht -- fr
die entdeckte Wilddieberei hatte die Alte sich gercht! Unser Schiff
enthielt Proviant; aber man hatte mehr an den Durst als an den Hunger
der Passagiere gedacht; und da bei stundenlanger Fahrt auch so ergiebige
Gesprchsstoffe wie Getreidepreise, Leutemangel, Erntesorgen und
Viehzucht schlielich erschpft waren, so blieb den biederen
Vereinsgenossen nichts brig, als zu trinken und Skat zu spielen. Um dem
Sehbereich ihrer teuren Ehehlften zu entgehen, zogen sie sich, soweit
es der Raum erlaubte, in die Kajten zurck. Zigarrendampf, knallende
Pfropfen, ein immer brllenderes Gelchter, hier und da aus der Tiefe
auftauchende blaurote Kpfe kndigten an, wie es dort unten aussah. Die
Frauen, bei denen die drei berhmten Gesprchsthemen -- Klatsch, Kche
und Kleider -- zwar etwas lnger vorhielten, waren bald bel daran.
Vorsorgliche Hausfrauen zogen resigniert eine Hkelarbeit aus der
Tasche, die jungen Mdchen, zu denen ein paar unternehmende Jnglinge
sich gesellt hatten, spielten kindliche Spiele, wobei ihr Kichern den
Grad ihres Amsements bezeichnen sollte; viele schliefen mit
Mntelpolstern unter den Kpfen.

Indessen glitt unser Dampfer mit leisem Pltschern durch die traumhafte
Stille endloser gleichmig grner Einsamkeit.

Seltsam, wie wenig Menschen schweigend genieen knnen, wie der Begriff
der Unterhaltung sich bei den meisten mit Schwatzen deckt und ein
Unbeschftigtsein der Zunge oder der Hnde ihnen gleichbedeutend ist mit
Langerweile. Ich sa stundenlang still und sah in die Ferne, wo das Grn
der Wiesen mit dem Blau des Himmels zusammenstie und sich in
schimmerndem Silberglanz aufzulsen schien. Ich trumte von andern
Menschen als diesen hier: von Menschen, die die Kultur ihrer Zeit
verkrpern, Menschen, denen Natur, Kunst und Wissenschaft unendlicher
Gegenstand ihres Genieens, ihres Nachdenkens, ihrer Unterhaltung ist.
Herrn von Rapps Stimme rief mich in die Wirklichkeit zurck. Ich
lchelte: der kleine Mann mit dem glatten Schdel war gewi unter diesen
der beste, aber er sah aus wie ein Bauer, und zu meinem Begriff der
Menschenkultur gehrte das Aussehen eines Mrchenprinzen.

Es fing an zu dmmern als der Nemonien uns aufnahm, ein breiter Strom,
dessen Wellen so weich und melodisch flieen wie sein Name. Wir
erreichten das Haff, von einem Lotsen gefhrt. Gro und rot versank der
Sonnenball langsam hinter dem schmalen gelben Streifen der Nehrung, eine
lange goldene Strae auf dem Wasser malend. Der Weg zum Himmel! sagte
Herr von Rapp, von dem wundervollen Anblick ergriffen wie ich. Zwei
Fischerkinder von Nemonien sind einmal des Abends auf dieser Strae
davongerudert. Sie bekamen daheim nur Schlge und bse Worte und wollten
zum lieben Gott. Sie kamen niemals wieder -- ob sie ihn wohl gefunden
haben?! Wie er mich ins Herz traf mit dieser Zweifelfrage, wie er die
alten Wunden aufri! -- Ich glaube es nicht, antwortete ich mit
zuckenden Lippen. Dann schwiegen wir wieder. Die Nacht brach an, die
Sterne glnzten vom hellen Himmel und die Mondsichel warf lauter Perlen
auf das Haff. Mich fror. Auf eine so lange Fahrt waren wir nicht
vorbereitet gewesen. Herr von Rapp hllte mich sorglich in seinen Mantel
und brachte mir Tee und Wein. Eigentlich ist es doch seltsam, dachte
ich, da die Menschen uns so rcksichtsvoll allein lassen. Ich hatte
mich ja freilich auch nicht um sie gekmmert.

Um Mitternacht waren wir wieder im Hafen von Labiau. Ich war sehr mde
und fhlte nur noch den Druck einer Hand, den ich herzhaft erwiderte.
Schweigsam fuhren wir nach Hause.

Am nchsten Morgen neckte mich Onkel Walter mit meiner Eroberung,
whrend Tante Emmy behauptete, ich htte mich kompromittiert.
Nachmittags fuhr ein Wagen durchs Tor, dem Herr von Rapp, mit einem
Rosenstrau bewaffnet, entstieg. Er war noch verlegener als ich, und sah
in diesem Kreise, wie ich fand, recht plebejisch aus. Whrend der ganzen
folgenden Woche kam er tglich. Ich lief oft davon, aber auch auf
einsamen Wegen, zu Pferd und zu Fu, wute er mich einzuholen, und
schlielich lie ich mir seine Nhe mit einer gewissen Herablassung
gefallen. Als ich eines Morgens auf die Terrasse zum Frhstck kam, fand
ich Onkel und Tante in ausgelassenster Heiterkeit: Herr von Rapp hatte
um mich angehalten. Soll ich leugnen, da meine erste Empfindung die
geschmeichelter Eitelkeit gewesen ist?! Der erste Antrag -- und kaum
fnfzehn Jahre alt! Dann aber dachte ich an den schwerbltigen Mann, der
sich aus seiner menschenscheuen Einsamkeit herausgerissen hatte, um eine
so bittere Erfahrung zu machen. Die Vorwrfe meiner Mutter verschrften
meinen Kummer: meine Koketterie, sagte sie, sei schuld an der ganzen
Sache. Ich war sehr unglcklich und malte mir des armen Abgewiesenen
Zustand in so dsteren Farben aus, da ich mich verpflichtet fhlte, ihn
zu retten, -- ich wollte ihn um Verzeihung bitten, mich ihm heimlich
verloben, ihm ewige Treue schwren.

In aller Herrgottsfrhe lie ich mir die weie Dame satteln und ritt
durch einen feuchtkalten Septembermorgen zu ihm hinber. Vor der
Stalltr sprang ich vom Pferde und warf dem ersten erstaunt
herbeieilenden Knecht die Zgel zu. Mit wild klopfendem Herzen zog ich
die Glocke an dem einstckigen, einfachen Herrenhaus. Wie heldenhaft kam
ich mir vor, wie ungeheuer das Opfer, das ich brachte! Eine dicke
Wirtschafterin trat mir entgegen. Stotternd frug ich nach dem Herrn. Mit
offnem Munde starrte sie mich an, um dann spornstreichs im Hintergrunde
zu verschwinden. Gleich darauf stand Rapp vor mir. In uerster
Verlegenheit vermochte ich nur das eine Wort Verzeihung zu murmeln. O
gndiges Frulein hatten einen Ohnmachtsanfall! rief er so laut, da
die Mamsell, die den Kopf neugierig durch die nchste Tre steckte, es
hren konnte, ich werde sofort fr eine Erfrischung sorgen. Er holte
ein Glas Wein und flsterte mir, whrend ich trank, mit scharfer Stimme
zu: Ich kann Ihnen nur raten, schleunigst in die Kinderstube
zurckzukehren. Spielen Sie vorlufig mit Puppen, statt mit Menschen!
Langsam und mde ritt ich nach Pirgallen zurck.

Mein heimlicher Spazierritt und sein Ziel blieben nicht unbekannt, sogar
Papa erfuhr davon, als er auf Urlaub nach Pirgallen kam. Hast du denn
gar keine Scham im Leibe? schrie er mich wtend an. Gromama suchte
mich zu schtzen, aber ihre dauernde stille Sorge um mich empfand ich so
sehr als einen Vorwurf, frchtete so sehr, da sie, die fromme Christin,
mich nach meinem Seelenzustand fragen und Schmerzen und Erinnerungen
heraufbeschwren knnte, die ich so tief als mglich vergrub, da ich
jetzt auch jedem Alleinsein mit ihr aus dem Wege ging. Der traurige
Blick, mit dem sie mir folgte, tat mir schon weh genug.

Ich atmete auf, als wir Pirgallen verlieen und der alte Turm, um den
die gelben Bltter im Herbstwind tanzten, meinen Blicken entschwand. Und
ohne ein anderes Gefhl als das der Erleichterung schied ich kurze Zeit
darauf auch von meinen Eltern. Papas Schwester in Augsburg erwartete
mich; sie hatte schon lngst mit den Eltern abgemacht, da ich ihr zum
letzten Erziehungsschliff anvertraut werden sollte. Mir war es ganz
gleichgltig, wohin ich ging.




Sechstes Kapitel


Ein Oktoberabend war es wieder, wie vor neun Jahren, als ich in Augsburg
ankam. Aber diesmal empfing mich die Tante selbst am Bahnhof.
Silbergraue Seide schmiegte sich eng um ihre hohe, volle Gestalt; unter
dem groen gleichfarbigen Federhut quollen die roten Locken ppig
hervor, stahlblau glnzten ihre Augen in dem weien Gesicht. Noch nie
war ich mir der Schnheit dieser reifen Frau so bewut geworden. Als
unser Wagen den Knigsplatz erreichte, den ich einst als de Sandwste
gesehen hatte, spielten die letzten Goldstrahlen der Herbstsonne mit dem
bunten Laub seiner Bume und den fallenden Tropfen seiner Springbrunnen.
Und nicht in die enge Gasse, zu dem alten dsteren Hause ging es, -- vor
einem Park, dessen Blumenpracht dem Herbst zu spotten schien, ffneten
sich vielmehr die breiten Flgel des Torwegs, und zwischen den alten
Linden lugten die hellen Mauern eines Gebudes hervor, das in seiner
lichten Vornehmheit an altitalienische Villen erinnerte. Ich hatte es
noch nicht gesehen, aber genug davon gehrt, denn mein Vater war gar
nicht damit einverstanden gewesen, da seine Schwester das alte
Stadthaus verkauft und diesen Landsitz, der wie viele seiner Art vor den
Stadttoren ein Sommeraufenthalt augsburger Patrizier gewesen war, mit
groen Kosten ausgebaut hatte. Mich umfing die Atmosphre von Schnheit
und Reichtum gleich beim ersten Eintritt wie ein weicher, wohliger
Mantel. Das strahlend erleuchtete Treppenhaus glich mit seiner Flle von
exotischen Pflanzen einem Palmengarten, und der se Duft, der die
vielen Rume durchzog, legte sich mir wie ein berauschender Traum auf
die Stirne. Ich wurde in den zweiten Stock in meine Zimmer gefhrt: auch
hier Blumen und viel Licht und frhliche Farben. Viel weiter noch als
von der Warthe bis zum Lech fhlte ich mich fern von all den Sorgen des
Elternhauses und all den Herzens- und Gewissensschmerzen, die mich
niedergedrckt hatten. Zufrieden und dankbar, in der Erwartung lauter
schner Dinge, schmiegte ich mich abends in die weichen Kissen meines
Betts.

Es dmmerte, als ich geweckt wurde. Frau Baronin wnschen, da das
gndige Frulein frh aufsteht, sagte die Jungfer. Nicht wenig
erstaunt, erhob ich mich und fing an auszupacken. Der knurrende Magen
trieb mich schlielich herunter; ich holte mir ein Brtchen aus der
Kche, da ich noch eine Stunde bis zum Frhstck zu warten hatte.
Endlich kam der Diener mit dem Teewasser, und das Klappern hoher Abstze
und Rauschen seidener Rcke kndigte die Tante an. Statt eines
Morgengrues lachte sie mir hell ins Gesicht: Ja wie schaust du denn
aus?! So ein Fratz, und fagotiert sich wie eine junge Frau auf der
Hochzeitsreise. Tief gekrnkt bi ich mir auf die Lippen; ich war so
stolz auf den weichen schleppenden Morgenrock, den mir mein Vater
geschenkt hatte! Da du mir diese Theatertoilette nicht mehr
anziehst! sagte die Tante stirnrunzelnd, whrend sie sich setzte und
die Spitzenflut ihres Kleides sich um ihren Stuhl ausbreitete.

Hast du deine Zimmer gemacht? mit dieser verblffenden Frage begann
sie aufs neue ein Gesprch, in das ich noch mit keinem Wort eingegriffen
hatte. Meine Zimmer?! Ich glaubte mich verhrt zu haben. In diesem
eleganten Haushalt, angesichts einer zahlreichen Dienerschaft mnnlichen
und weiblichen Geschlechts sollte ich die Zimmer machen?! Es ist doch
selbstverstndlich, da ich fr dich keine Kammerjungfer halten werde.
Auer der groben Arbeit hast du selbst Ordnung zu halten. Und zwar mu
vor dem Frhstck alles fix und fertig sein. Die Bissen blieben mir im
Halse stecken, -- so etwas htte ich mir niemals trumen lassen! Aber es
kam noch besser: aus Schrnken und Schubladen wurden meine Sachen
herausgezogen; kaum ein Hut oder ein Kleid fand Gnade vor den Augen der
Tante; und meine Art, die Dinge einzurumen, erklrte sie fr skandals.
Dann forderte sie den Schlssel zum Schreibtisch -- ein Kind hat nichts
zu verschlieen -- und geriet in helle Emprung ber meine poetischen
Manuskripte, die sie durchstberte, und meine Lieblingsbcher, von denen
ich mich nicht hatte trennen wollen.

Eine nette Erziehung! rief sie, und ich kann meine Zeit und meine
Krfte opfern, um so ein von Grund aus verdorbenes Geschpf wie dich zu
einem anstndigen Menschen zu machen! Ich zitterte vor Aufregung, aber
kein Wort kam ber meine Lippen, -- das einzige, was ich durch die
Erziehung meiner Mutter bis zur Vollendung gelernt hatte, war die
Selbstbeherrschung. Erst abends im Bett, nach einem Tag, an dem ich
nicht einen Augenblick mir selbst gehrt hatte, kam die Verzweiflung
ber mich und fassungslos schluchzte ich in die Kissen. Aber auch die
Mglichkeit, mich auszuweinen, sollte mir genommen werden. Sah ich
morgens verweint aus, oder zeigten sich dunkle Rnder um meine Augen, so
erregte das den heftigsten Zorn der Tante, -- ein junges Ding hat
frisch und rosig auszusehen, erklrte sie; und da der bloe Befehl
nichts helfen wollte, kam sie abends, wenn ich zu Bett war, wiederholt
in mein Zimmer, um zu kontrollieren, ob ich schlief. So gewhnte ich
mich rasch an die groe Kunst, nach innen zu weinen. Grund genug hatte
ich dazu. Es verging kein Tag, ohne da ich gescholten worden wre: wenn
an ihrem behandschuhten Finger, mit dem sie ber jede Leiste in meinem
Zimmer fuhr, Staub haften blieb; wenn meine Krawatte nicht richtig
gebunden war, meine Handschuhe nicht sorgfltig ausgereckt in der
Schublade lagen, wenn ihre scharfen Augen einen Fleck auf dem Kleide
entdeckten, oder wenn ich gar zu einer Zeit las oder schrieb, wo ich
Strmpfe stopfen sollte! Briefe, die nicht die Handschrift der Eltern
aufwiesen, wurden von ihr zuerst geffnet und gelesen. Dadurch erfuhr
sie, da ich meiner Kusine Mathilde mein Leid geklagt hatte. Es ist
sehr traurig, da Deine geistigen Bedrfnisse so wenig bercksichtigt
werden und Deine Begabung keine Anerkennung findet, hatte sie mir
daraufhin geschrieben; hhnend las die Tante mir die Stelle vor und
erklrte dann: Ich verbiete dir jede Korrespondenz, auer der mit
deinen Angehrigen. Das fehlte mir noch, da dein dummer Hochmut
heimlich untersttzt wird, statt da du endlich einsiehst, wie viel dir
noch fehlt, um nur den guten Durchschnitt zu erreichen. Sie unterlie
nichts, um mir zu dieser Erkenntnis zu verhelfen, und beleuchtete
mglichst grell alle schwachen Seiten meiner Ausbildung: die
musikalische, die fremdsprachliche, die praktische. Stundenlang qulte
ich mich tglich am Klavier; englische und franzsische
Konversationsstunden wechselten daneben mit Koch- und Nhunterricht ab.
Ein paar Musterexemplare vollendeter junger Damen wurden mir des guten
Beispiels wegen zum Verkehr zugewiesen. Sie konnten alles in der
Perfektion, was ich nicht konnte, sie sangen und spielten, stickten und
schneiderten, und immer war ihre Toilette tadellos. Natrlich fand ich
sie grlich und trumte mich immer mehr in die tragische Rolle einer
verwunschenen Prinzessin.

Ich war klug genug, um bald einzusehen, welches die Triebkraft der
Handlungsweise meiner Tante mir gegenber war: eine grenzenlose, von
allen Menschen, die sich ihr nherten, sorgfltig genhrte Eitelkeit.
Wie ihr Haus und ihr Park die schnsten, ihre Equipage und ihre
Toiletten die elegantesten Augsburgs waren, so sollte ihre Nichte -- am
Mastab Augsburgs gemessen -- die vollendetste junge Dame sein. Es
gehrte eine intensive geistige und krperliche Umwandlung hierzu, um
dieses Ziel zu erreichen.

Wurde die gute Gesellschaft in Norddeutschland durch den
alten ritterbrtigen Adel reprsentiert mit seiner Auffassung
von Ebenbrtigkeit, mit seinen kirchlich-orthodoxen und
politisch-konservativen Gesinnungen, seiner damals noch ausgesprochenen
Geringschtzung jeden Berufs, der auerhalb der Laufbahn des
Gutsbesitzers, des Offiziers oder des hheren Staats- und Hofbeamten
lag, so setzte sie sich hier, getreu den Traditionen, aus dem alten und
dem neuen Patriziertum zusammen, das mit wenigen Ausnahmen nach wie vor
brgerlichen Berufssphren angehrte. Zur Zeit, da die Ahnherren der
preuischen Junker wider Heiden und Trken kmpften, handelte der
Stammvater der Fugger mit Leinwand, segelten die Kauffahrteischiffe der
Welfer nach Westindien, saen die ersten Stettens in der
Goldschmiedzunft. Ihre Nachkommen betrachteten die Frhlich und Forster
und Schtzler -- Industriebarone des neunzehnten Jahrhunderts -- als zu
sich gehrig, whrend der Offizier als solcher ebensowenig eine
gesellschaftliche Stellung besa wie der Landsknecht des Mittelalters.

So gro wie der Gegensatz der Herkunft war der der wirtschaftlichen
Interessen, die in meinem bisherigen Lebenskreise wesentlich agrarische
gewesen waren und hier ausschlielich groindustrielle. Die
verschiedenartige politische Stellung folgte daraus: die gute
Gesellschaft Augsburgs war nationalliberal, und lehnte mit der
politischen auch die kirchliche Orthodoxie ab. Ein lebhafteres Interesse
fr Kunst und Wissenschaft ging damit Hand in Hand, und wurde von der
Allgemeinen Zeitung und den Mnnern, die durch sie nach Augsburg kamen,
stets rege erhalten. Unterhielt man sich in den Schlssern Ostpreuens
von Literatur und Theater, so geschah es nur unter dem Gesichtswinkel
des greren oder geringeren Amsements; in Augsburg gehrte es zum
guten Ton, Neues zu kennen und vom knstlerischen Standpunkt aus
darber zu urteilen.

Die breite Mittelstrae, auf der sich von rechts und links immer die
Leute zusammenfinden, die den Mut nicht aufbringen, vom Wege ihrer alten
Anschauung die entgegengesetzte Grenze zu berschreiten, und die zu
ihrer eigenen Beruhigung jene Strae die goldene tauften, war das
Symbol des ganzen geistigen Lebens. In Preuen vermied man es, ber
ernstere Fragen zu sprechen, weil dabei die Ansichten aufeinanderplatzen
knnten und das nicht zum guten Ton gehrt, hier war man soweit, alles
zum Gegenstand bloer Konversation zu machen.

Wurde es mir sehr schwer, brgerliche Hausfrauentugenden zu lernen, und
noch schwerer, jenen tief gewurzelten Hochmut nieder zu drcken, der
sich durchaus nicht dazu verstehen wollte, einen Fabrikanten oder einen
Bankier als gleichgestellt anzusehen, so war die politische und
religise Richtung der Umgebung im Einklang mit meiner Entwicklung. Und
von dieser Seite aus eroberte mich Augsburg und machte mich schlielich
zum gefgigen Zgling meiner Tante.

Kaum hatte sie mich uerlich ausreichend umgemodelt -- eine kunstvolle
Frisur und ein Pariser Korsett waren ebenso das Attribut sddeutscher
Vornehmheit, wie der glatte Scheitel und das deutsche Mieder das der
norddeutschen waren --, als ich in den Kreis ihrer Verwandten und
Freunde eingefhrt wurde. Was mich zunchst in Erstaunen setzte, war,
bei anerkanntem Reichtum, die groe Einfachheit des ueren Lebens. In
dem alten hochgiebeligen Stettenhaus am Obstmarkt gab es noch
gescheuerte Dielen und servierende Dienstmdchen. In der Zeit der
Renaissancembel und verdunkelnden Gobelinvorhnge behauptete hier die
weie Mullgardine neben dem leichten Biedermeierstuhl ihren Platz. Im
Hause der Schtzler, dessen herrlicher Rokokosaal jedem Knigsschlo zur
Ehre gereichen wrde, buk die Hausfrau selbst den Weihnachtskuchen und
machte das Obst ein. Ich verlernte allmhlich, ber dergleichen die Nase
zu rmpfen; die Vereinigung von Flei, Einfachheit und Reichtum hatte
etwas imponierendes, und die Erkenntnis, da es auerhalb der Welt
meiner bisherigen Umgebung noch Menschen gab, mit denen man verkehren
konnte, war epochemachend fr mich. Aber noch berraschender war der
Eindruck, den das geistige Leben auf mich machte. Zu den Intimsten im
Hause meiner Tante gehrte der Chefredakteur der Allgemeinen Zeitung,
Dr. Otto Braun, der Oberbrgermeister von Augsburg, Ludwig Fischer, und
der Pfarrer von St. Anna, Julius Haberland. Mit einem kleinen Kreis
anderer Gste -- aus dem die mnnliche Jugend streng ausgeschlossen war
-- kamen sie regelmig einmal in der Woche bei uns zusammen. Der
Musiksaal, der mit seinen Goldornamenten und rotseidenen Mbeln dem
brutalen Prachtgeschmack des bayrischen Knigs zu huldigen schien, war
dem Wagner-Kultus geweiht. Im grnen Rokokoboudoir trafen sich die
Plaudernden; in der ernsten dunkeln Bibliothek unter der zimmerhohen
Fcherpalme pflegte Otto Braun vorzulesen.

Er war ein auerordentlich lebhafter untersetzter, kleiner Mann, dessen
Interessen wesentlich literarische waren, und dessen jugendliche
Begeisterung fr seine Lieblingsdichter ansteckend wirken mute. Trotz
des Gegengewichts der Tante, die meine Lektre auf das notwendigste und
kindlichste beschrnken wollte, verstand er es, meine zerfahrenen
Neigungen in feste Bahnen zu lenken, und erschlo mir Gebiete der
Literatur, die mir, und damals wohl auch der Mehrzahl des lesenden
Publikums, noch vollkommen fremd geblieben waren. Hatte ich bisher die
Bcher der Modedichter, eines Heyse, Dahn oder Ebers, andchtig
verschlungen, so wurden mir jetzt die von Gottfried Keller, von Conrad
Ferdinand Meyer und Marie von Ebner-Eschenbach zu knstlerischen
Offenbarungen. Da Braun den Allerjngsten verstndnislos
gegenberstand, sich gegen radikale Auslnder, wie Zola, Ibsen und
manche der groen Russen ablehnend verhielt, vermochte auf mich um so
weniger nachteilig zu wirken, als der Eintritt in seine Interessensphre
schon einen groen Schritt vorwrts bedeutete.

Fr das Gebiet der Politik und der Religion galt dasselbe wie fr das
der Literatur. Wenn Ludwig Fischer, der als einflureiches Mitglied der
nationalliberalen Partei auf der Hhe seines parlamentarischen Ruhmes
stand, seine Ansichten entwickelte, so erschienen sie mir, der die
konservative Politik stets als die eines anstndigen Menschen allein
wrdige dargestellt worden war, beinahe als revolutionr. Die Erinnerung
an den revolutionren Liberalismus von 1848, der mich in der
Geschichtsstunde einmal begeistert hatte, verstrkte diesen Eindruck;
von Freihandel und Schutzzoll verstand ich nichts, hatte also von dem
Umfall der Mehrzahl der Liberalen in jener Schutzzollperiode Bismarcks
keinen Begriff, sondern empfand, was ich hrte, wie eine innere
Befreiung: es gab Menschen, es gab eine groe Partei, die die Ideale
der Freiheit und der Menschenrechte hochhielten, ich konnte mich zu
ihnen bekennen, ohne, wie sonst immer, bei den Meinigen auf heftigen
Widerstand zu stoen. Konservativ kann ich nicht sein, schrieb ich im
Frhjahr 1881 an meine Kusine, mit der ich, seitdem die Tante befriedigt
die guten Resultate ihrer Erziehung konstatierte, wieder korrespondieren
durfte, das wre dasselbe, als wenn ich fr die Prgelstrafe und die
Unterdrckung jedes wissenschaftlichen Fortschritts eintreten wollte.
Der Nationalliberalismus, der nicht eine Kaste und ihre veralteten
Privilegien, sondern die Interessen des ganzen Volkes vertritt, der die
wissenschaftliche Erkenntnis stets zu frdern bereit ist, und daher auch
der religisen Orthodoxie energisch gegenber steht, entspricht meinen
Ansichten.

Der kirchliche Liberalismus, den kennen zu lernen mir noch interessanter
war, und der in Augsburg allgemein vorherrschte, wurde im Kreise meiner
Tante durch den Pfarrer ihrer Gemeinde auf das eindrucksvollste
vertreten. Der sonntgliche Kirchgang -- hier ebenso eine
selbstverstndliche Pflicht wie zu Hause -- hatte darum nichts
abschreckendes mehr fr mich. Wenn Julius Haberlands schne
Apostelgestalt auf der Kanzel erschien und seine sonore Stimme die
Kirche mit Wohlklang erfllte, war ich vom ersten Augenblick an
gefesselt: hier fehlte jede dogmatische Schroffheit; Verstndnis und
Milde fand ich hier fr menschliche Fehler und Irrtmer, wo mir in Posen
nichts als Verurteilung und Hrte begegnet war.

Alle Wunden ffneten sich wieder, die die religisen Kmpfe mir
geschlagen hatten; sie waren nur mhselig berklebt, aber nicht geheilt
worden, und ich sehnte mich mehr denn je nach der Heilung. Auf meinen
dringenden Wunsch bat meine Tante den Pfarrer, mir privaten
Religionsunterricht zu erteilen; er war bereit dazu, und so ging ich
denn allwchentlich ein paarmal in das stille Haus an der Fuggerstrae.
In seiner sonnigen Studierstube sa ich dem gleichmig gtigen Mann mit
den seinen, von blondem Vollbart umrahmten Zgen und den weien,
schmalen, gepflegten Hnden viele Stunden gegenber, und ganz, ganz
langsam gelang es ihm, aus meinem ngstlich verschlossenen Inneren all
meine Zweifel und Verzweiflungen herauszulocken. Sein Christentum, das
den religisen Glauben weit mehr im Sinne des Vertrauens, statt in dem
des Fr-wahr-haltens, auffate, wirkte zunchst auf mich, wie der
Eintritt in die freie Natur auf einen Menschen wirkt, der zwischen den
Mauern enger Gassen lange zu leben gewohnt war.

Mein Glaubensbekenntnis konnte zu Recht bestehen, und ich war doch ein
Christ. Ich brauchte nicht an die gttliche Inspiration der Bibel, an
die Wunder des Alten Testaments, an die Jungfrulichkeit der Mutter des
Heilands zu glauben und war doch keine aus der Kirche Ausgestoene. Als
heiliges Symbol konnte aufgefat werden, was ich wrtlich fr wahr zu
halten verpflichtet worden war, -- demnach hatte ich vor dem Altar
keinen Meineid geschworen! Mein Verstand beruhigte sich dabei. Ich hatte
auch hier die goldene Mittelstrae erreicht, auf der so viele, selbst
alte Leute gehen, die keine Heuchler zu sein brauchen, die aber,
beherrscht von jener gefhrlichsten Eigenschaft unserer Denkkraft -- der
Bequemlichkeit -- da einen Punkt machen, wo die eigentliche Arbeit erst
anfangen sollte.

Aber die Befriedigung des Verstandes konnte auf die Dauer ber den
Hunger des Gemts nicht hinwegtuschen. Es blieb leer in mir, viel
leerer als zu der Zeit, wo der alte strenge Gott der orthodoxen Kirche
sich noch nicht in einen so milden, hinter fernen Nebeln fast
verschwindenden vterlichen Greis verwandelt hatte. In kalte Schauer des
Entsetzens hllte mich diese trostlose de, je lnger ich in dem
glnzenden Blumenhaus am Knigsplatz wohnte, je mehr ich mich unter den
rastlos formenden Hnden der Tante der Idealgestalt, die ihr
vorschwebte, nherte. Nie lie sie mir Zeit fr mich selbst; mein Tag
war, was das Arbeitpensum und die Art der Erholung betrifft, so genau
eingeteilt, da fr meine persnlichen Neigungen kein Platz brig blieb.
Wenn mich aber einmal in den langen Stunden, die ich bei irgend einer
Handarbeit sa, die Gestalten meiner Trume berwltigten und ich mich
ihrer nicht anders zu erwehren vermochte, als da ich heimlich nachts
darauf zu Feder und Tinte griff, um mit klopfenden Pulsen in Worte und
Reime zu fassen, was mich erfllte, so konnte ich sicher sein, da die
Tante oder die Jungfer mein streng verbotenes Tun entdeckten. Unntze
Phantasien hatte ich zu beherrschen; mute durchaus gedichtet werden,
so boten Familienfeste Gelegenheit genug dazu.

Einmal, im Frhjahr wars, als die Tante zu einer rztlichen Konsultation
nach Mnchen hatte fahren mssen. Da benutzte ich die Erlaubnis eines
Besuchs bei einer Freundin, um allein nach Herzenslust in der Stadt
umherzustreifen. Einem tiefen inneren Bedrfnis folgend, das sich aus
knstlerischen und religisen Motiven merkwrdig zusammensetzte, war es
mir schon zur Gewohnheit geworden, bei jedem Ausgang in irgend eine der
alten Kirchen einzutreten, wo ich im weihrauchduftenden Dmmer
wenigstens zu Augenblicken stiller Sammlung kam. Heute durfte ich mir
ein paar Stunden gnnen, nachdem ich den Besuch mglichst abgekrzt
hatte. Das Portal des Doms stand offen, als ich nher trat, und Scharen
kleiner Kinder trugen lange Girlanden bunter Frhlingsblumen hinein, um
die vielhundertjhrigen Sulen und Altre zu den Maiandachten der
heiligen Jungfrau zu schmcken. Kniglich und liebreich zugleich schien
sie vom Pfeiler des groen Tores auf all die jungen Glubigen
herabzulcheln. Innen, in den weiten Hallen, die so wunderbar deutlich,
und eindringlicher als irgend ein gelehrtes Buch, von der Entwicklung
deutscher Kunst erzhlen, verklangen die vielen trippelnden Fchen, und
es war ganz still. Die helle Nachmittagssonne glnzte durch die alten
gemalten Fenster, so da Daniel und Jonas, Moses und David von neuem
Leben durchglht erschienen. Im Gegensatz zu diesem Licht waren die
schwarzen Schatten des dunkeln Querschiffs um so tiefer, und wie hinter
grauen Florschleiern schimmerten die Grabsteine in den Seitenschiffen.
Dumpfkalte Winterluft schwebte noch um die Mauern. Dem hellen Chorgang
schritt ich daher zu, aus dem die Kinder mir gerade entgegenstrmten;
sie hatten ihm schon sein frisches Festkleid angetan, und es trieb mich,
zu sehen, wie sie der Mutter Gottes als heidnischer Frhlingsgttin die
Erstlinge des Lenzes geopfert hatten. Da stockte mein Fu vor einem
steinernen Grabmal: ein Totenschdel mit breitem Mund und leeren Augen
grinste mich an, lang gestreckt dehnte sich der ausgedrrte Leib auf dem
Sarkophag, von Krten und Schlangen ringsum grlich benagt. Entsetzt
floh ich hinaus; aber in der Erinnerung verstrkte sich nur noch der
Eindruck: die steinerne Maria am Portal, die blumentragenden Kinder aus
Fleisch und Blut, und der tote Peter von Schaumburg, der lebenslustige
Kardinal, der sich selbst, da er noch im Golde whlte und Augsburgs
schnsten Tchtern die Beichte abnahm, dieses furchtbare Denkmal gesetzt
hatte, gingen neben mir her, traten mir in den Weg, oder folgten mit
leisen Sohlen meinen Schritten. Oben in meinem Zimmer angekommen, warf
ich hastig Hut und Mantel von mir, setzte mich an den Schreibtisch und
schrieb -- schrieb -- schrieb, ohne die wiederholte Mahnung zum
Abendessen zu bercksichtigen, eine phantastische Geschichte, in der der
Kirchenfrst zu der holdseligsten Jungfrau der Stadt in sndiger Liebe
entbrannte und die sittsame Maid auf ihr Gebet zum Steinbild auf dem
Pfeiler verwandelt wurde, whrend er in ihrer Nhe sich bufertig dieses
dauernde memento mori schuf. Ich achtete nicht der Stunde, ich hrte
nicht die Schritte der Tante hinter mir, erst als sie sich ber mich
beugte und ihr warmer Atem meine Stirne streifte, fuhr ich erschrocken
aus meinem wachen Traum.

Also nur den Rcken zu kehren brauche ich, und die alte Geschichte
fngt von neuem an, rief sie emprt und nahm die beschriebenen Bltter
vom Schreibtisch. Statt deinen englischen Aufsatz zu machen, treibst
du Narrenspossen. Damit zerri sie meine Kardinalsnovelle in tausend
Stcke. Ich fhlte, wie alles Blut mir aus den Wangen wich; mit der
Selbstbeherrschung war es vorbei. Du willst mich umbringen -- langsam
zu Tode martern -- stie ich hervor; tue ich nicht alles, was du
willst, lasse mich sogar einsperren und kontrollieren, wie einen
Verbrecher? Gnne mir doch mein bischen eigenes Leben -- schenk mir ein
paar Stunden am Tag --. Gefllt Dir nicht, was ich schreibe, so la es
mir wenigstens. Ich werde ja niemanden damit qulen. -- Das wre auch
noch schner, wenn du mich mit dem eiteln Herumzeigen solchen
Geschreibsels blamieren wolltest! entgegnete sie. Ich kann
tintenklexende Frauenzimmer bei mir nicht dulden. Und du willst, ich
soll dir noch extra Freistunden dafr ansetzen! Eine Frau hat berhaupt
nicht fr sich zu leben, sondern fr andere. Geqult lachte ich auf --
ich dachte daran, wie die Tante fr andere lebte! Ich halte es aber
nicht aus, ich mu los werden, was mich gepackt hat. Andere denken auch
nicht wie du. Gromama ist immer dafr gewesen, da ich dem inneren
Zwang gehorche.

Deine Gromama! -- hhnisch schrzte die Tante die vollen Lippen; ich
will ja gewi der alten Dame nicht zu nahe treten, aber du solltest doch
besseres tun, als sie zum Kronzeugen anzurufen!

Emprt fuhr ich auf: Gromama ist die beste Frau, die ich kenne, der
einzige Mensch, der mich lieb hat und mich versteht!

Mag sein, da sie dich versteht! rief die Tante. Sie ist gerade so
berspannt wie du. Kein Wunder -- bei der problematischen Herkunft!
Ich ballte unwillkrlich die Fuste, da mir die Ngel ins Fleisch
drangen und warf hochmtig den Kopf zurck: Mit deinen Augsburgern
Krmern kann sie sich freilich nicht messen! Kochender Zorn verzerrte
die Zge der Tante. Wirst du sofort wegen dieser unerhrten Frechheit
um Verzeihung bitten?! schrie sie mich an. Mit einem kurzen Nein
wandte ich mich ab und ging in mein Schlafzimmer.

Ich warf mich aufs Bett und bi die Zhne zusammen, um nicht laut auf zu
schreien: krampfhafte Schmerzen in der Seite lieen mich die seelischen
Leiden momentan vergessen. Andeutungen davon hatte ich schon in
Pirgallen beim Reiten gesprt; jetzt, in Augsburg waren sie immer
strker geworden, und steigerten sich nach jeder groen Erregung zu
einem heftigen Anfall. Schlielich hatte ich mich entschlossen gehabt,
der Tante davon zu sprechen; sie hatte es zum Anla genommen, mir zu
erklren, da ein gut erzogenes junges Mdchen nicht krank zu sein
htte, und ihr Hausarzt hatte mir dann, nach einem kurzen Blick auf mein
blasses Gesicht Beefsteak und Rotwein empfohlen. Daraufhin sagte ich
nichts mehr, auch wenn ich mich vor Schmerzen krmmte. So wie diese
Nacht war es freilich noch nie gewesen. Ich tat kein Auge zu.

Am nchsten Morgen wurde mir mitgeteilt, da ich oben zu bleiben htte.
Auch vor den Dienstboten sollte ich gedemtigt und so zur Abbitte
gezwungen werden. Als auch der zweite Tag verstrich, ohne da ich dazu
Miene machte, kam Pfarrer Haberland zu mir. Er sprach mir viel von
Tantens Liebe zu mir, ihrer Sorge um mich, den Opfern an persnlichem
Behagen, die sie mir stndig brchte, ihrem Alter und meiner zur
Unterordnung verpflichteten Jugend. Zeigen Sie, da Sie jetzt wirklich
eine Christin sind! sagte er. Demtigen Sie sich, auch wenn Ihnen
wirklich Unrecht geschehen wre! Bringen Sie freudig das Opfer Ihrer
selbst -- Sie werden reichen Lohn davon haben! Vielleicht hat er
wirklich recht, dachte ich; und in dem stolzen Bewutsein, einen Sieg
ber mein bses Ich errungen zu haben, ging ich mit ihm herunter, und es
gab eine rhrende Vershnungsszene mit viel Trnen, Kssen und
Segenswnschen. Ich hatte mich wieder einmal unterworfen. Als eine Art
Selbstkasteiung sah ich es an, wenn ich nunmehr mit Feuereifer alle mir
unangenehmen Arbeiten bernahm: ich stickte altdeutsche Deckchen, als
ob ich es bezahlt bekme, kmpfte stundenlang am Klavier mit meiner
Talentlosigkeit, strickte unentwegt Strmpfe fr die Negerkinder,
whrend die Tante nach dem Abendbrot spielte und sang. Aber die Leere im
Innern blieb, und wenn abends die Nachtigallen vor meinen Fenstern
flteten und der Duft der weien Akaziendolden hereinstrmte, dann
erfate mich eine Sehnsucht, eine tiefe, heie -- wonach, ach wonach?!

Im Sommer fuhren wir nach Grainau. Ich freute mich kindisch darauf, aber
durch die strenge Abgeschlossenheit des Lebens wurde mir der Aufenthalt
sehr verbittert. Ich durfte nicht einmal mit dem Sepp auf die Hochalm,
und als Hellmut Besuch machte, der inzwischen ein flotter Gardeleutnant
geworden war, und seinen Urlaub in Partenkirchen bei der Mutter
verlebte, nahm ihn die Tante allein an; sie mute ihm wohl bedeutet
haben, da sie den Verkehr mit dem Kinde nicht wnsche, denn er kam
nicht wieder.

Wir fuhren tglich spazieren, -- wie ich von meinem Wagen aus die
Touristen beneidete, die mit dem Rucksack auf dem Buckel frisch und
frhlich in die Welt hineinmarschierten!

Nach Augsburg zurckgekehrt -- ich war inzwischen sechzehn Jahre alt
geworden -- erffnete mir die Tante, da ich mich nunmehr, nachdem sie
einen Rckfall nicht wieder beobachtet habe, freier bewegen drfe. Da
ich aber weder einen Schreibtisch-, noch einen Stubenschlssel bekam,
beschrnkte sich die Freiheit nur auf ein geringeres Ma von
Kontrolle, auf den Besuch von Gesellschaften, die nicht ausschlielich
aus Damen und alten Herren bestanden, und auf den des Theaters, wo zwei
Logenpltze uns jeden Abend zur Verfgung standen. Die Konferenz und
Energie meiner Tante, ihre unablssigen, in den verschiedensten Formen
sich wiederholenden, und neuerdings durchaus freundschaftlich gehaltenen
Auseinandersetzungen ber die Pflichten eines jungen Mdchens von
vornehmer Geburt, hatten berdies allmhlich auf mich gewirkt wie ein
Opiat, das die Seele stumpf macht. Wachte irgend etwas wieder auf in
mir, so hielt ich es selbst schon fr ein Unrecht, und beeilte mich, es
wieder einzuschlfern. An meine Kusine schrieb ich damals: Du fragst,
ob ich irgend etwas schreibe? Es lebt vieles in meinem Kopf und Herzen,
aber ich finde keine Zeit dazu, es zu gestalten. Das ist ein wunder
Punkt in meinem Leben. In mir kocht und glht es, und ich glaube wohl,
da ich Talent habe, und da es hinausstrmen will. Da mu ich denn
doppelt hohe Barrieren bauen. Ich mu soviel Prosaisches tun, -- und
wenn ich erst zu Hause bin, wo ich Mama viel abnehmen mu, wird meine
Zeit vollends ganz ausgefllt sein. Es mag Menschen geben, die fr die
Prosa des Lebens geboren sind; ihnen werden die gewhnlichen Pflichten
nicht schwer; mir werden sie schrecklich schwer ... Mein armer Pegasus
hat zuerst daran glauben und am Altar der Pflicht verbluten mssen! ...
Es ist am Ende das Beste so. Was soll ein armes Mdel mit ihm anfangen?
Die Phantasie war das Unglck meines Lebens; sie aus mir
herauszuschneiden war eine grlich schmerzhafte Operation. Nun, da sie
gelungen ist, will ich das, was blieb, nur benutzen, um Haus und Leben
damit zu schmcken, meinen Eltern und einmal meinem Mann zu dienen.

Ich war wirklich eine junge Dame geworden; ich fhlte nicht einmal
mehr, da die hoffnungsvollen Triebe meines Lebensbodens
niedergetrampelt waren. Man beurteilt ein junges Mdchen nach seinem
Aussehen, weniger nach seinem Wissen, schrieb ich, mir die Ansichten
der Tante zu eigen machend, sie wird mit Recht fr arrogant gehalten,
wenn sie schon eine eigne Meinung haben will. Mein Tagebuch, das ich
seit dem Augsburger Aufenthalt nicht berhrt hatte, weil ich es nicht
durfte, blieb auch jetzt unausgefllt, obwohl mich niemand mehr daran
hinderte. Gromama frug einmal brieflich danach, und ich antwortete mit
schnippischem Selbstbewutsein: Ich schreibe keins, weil ich finde, da
man sich in meinem Alter darin Dinge vorlgt, die man nicht denkt, und
aus Ereignissen wichtige macht, die man besser vergit. Mein Leben
brauche ich nicht aufzuschreiben, denn die Nachwelt wird es nicht
kmmern. Auch Verse mache ich nicht mehr, denn mein Streben ist darauf
gerichtet, mein eignes Ich und die Welt um mich so poetisch wie mglich
zu gestalten -- durch bemalte Teller und Schachteln, bestickte Deckchen
und ein mihandeltes Klavier! -- damit ich einmal meinem Mann eine
hbsche Huslichkeit schaffen kann.

Mein Mann! -- Die Tante sorgte dafr, da meine Trume sich mehr und
mehr um ihn drehten und meine Phantasie, die wir so tief eingesargt
whnten, nach dieser Richtung ppigste Blten trieb. War nicht das Ziel
all ihrer Erziehungsknste der Mann? War es nicht wie ein glattes
Rechenexempel, wenn sie mir auseinandersetzte, warum und wann und wen
ich heiraten sollte? Da ich kinderlos bin, wird fr dich reichlich
gesorgt sein, sagte sie, als wir einmal im Siebentischwald spazieren
gingen und ihr Arm schwer und schmerzhaft wie stets auf dem meinen
ruhte, aber natrlich erst nach meinem Tode. Jetzt bist du arm und bei
der schlechten Wirtschaft deiner Eltern kannst du kaum auf eine Zulage
rechnen. Mach also keine Dummheiten. Sorgen treiben gewhnlich die Liebe
zum Hause hinaus. Und wenn ich versucht habe, dich aus deinem
Wolkenkuckucksheim in die nchterne Alltglichkeit zurckzufhren, so
doch nur, damit du dich nicht mit irgend einer konfusen Leidenschaft
verplemperst. Du kannst jetzt die grten Ansprche machen -- verscherze
dir das nicht! Ich hrte ruhig zu, ich war so gut erzogen, da mir das
alles selbstverstndlich klang.

Nur einmal wars, als zerrisse ein dunkler Vorhang vor meinen Augen, und
ich sah pltzlich, wie eine Vision, die tiefe, dunkle, kalte Leere
meines Herzens. Ich suchte spt Abends im Park nach einem Tuch, das
ich irgend wo liegen gelassen hatte, als ich vor mir, eng
aneinandergeschmiegt, zwei Menschen gehen sah: unsre Lina, das
Stubenmdchen, und Johann, den Kutscher. Von Zeit zu Zeit blieben sie
stehen und kten sich -- endlos verzehrend. Maria und Josef, schrie
die Lina als sie mich sah, das gn Fruln! Mit Wangen, die glhten und
Augen, die glnzten, mehr vor Glck als vor Scham, streckte sie die
Hnde nach mir aus: Gn Fruln werdens nit der Frau Baronin sagen, gel
ja? bat sie schmeichelnd, de Liab is ja koan Unrecht nt. Wers freili
so noblich haben kann wie das gn Fruln, der ka ruhig aufn Prinzen
warten, der glei mitn Trauring kimmt und gradaus in die Kirch eini
fhrt. Aber mir -- sie lchelte den verlegen daneben stehenden Johann
zrtlich an, mir haben nix als das bissel Liab -- und ds -- ds mssen
wir haben ... So red doch auch was, Hannsl! Sie stie ihn aufmunternd
in die Seite. Recht hast! stotterte er, a Freud mu der Mensch haben,
so a rechte herzklopfete Freud! Es dunkelte mir vor den Augen, laut
aufgeschluchzt htte ich am liebsten. Wie arm, wie schrecklich arm war
ich! Aber ich war ja so gut erzogen! So versicherte ich denn das Paar
meiner Verschwiegenheit und kehrte in meine nobliche Gefangenschaft
zurck.

Whrend der folgenden Monate in Augsburg wurde meiner Erziehung durch
die Einfhrung in die Wohlttigkeitsbestrebungen der guten Gesellschaft
der letzte Schliff gegeben. Meine Tante war Vorstandsmitglied der
verschiedensten Vereine und galt allgemein fr uerst hilfsbereit. Mir
waren darber schon oft Zweifel aufgestoen, wenn arme Leute, deren
Unglck sichtlich rasche Hilfe verlangte, von der Schwelle des
glnzenden Hauses abgefertigt und ihre Angelegenheit dem Bureaukratismus
irgend eines Vereins berwiesen wurde. Aber meine Tante wute so viel
von der Groartigkeit der augsburger Armenfrsorge -- sowohl der
kommunalen, als der privaten -- zu erzhlen, da ich meine Bedenken
zurckhielt und mir von dem, was geleistet wurde, die glnzendsten
Vorstellungen machte. Schon meine erste Teilnahme an der Sitzung eines
Krippenvereins lie mir die Dinge in anderem Licht erscheinen. Da saen
lauter reiche Frauen in seidenrauschenden Kleidern um den Tisch; keine
einzige unter ihnen hatte keine Loge im Theater, keine Equipage vor der
Tre, -- und doch berieten sie stundenlang, auf welche Weise die zur
Erweiterung der Anstalt notwendigen paar hundert Mark aufgebracht werden
knnten. Ein Bazar wurde beschlossen. Schon auf der Heimfahrt jammerte
meine Tante ber all die damit verbundenen Mhen und Scherereien, ber
ein neues Kleid, das ich -- als Verkuferin -- notwendig dafr haben
mte, ber einen neuen Hut, den sie nur in Mnchen bekommen knnte, --
kurz, ich konnte die Frage nicht unterdrcken, ob nicht die Kosten
erheblich geringer sein wrden, wenn jede der Damen durch Zahlung von
fnfzig Mark die ganze Sache rasch und glatt erledigt htte. Aber da kam
ich schn an. Du hast doch gar keinen Begriff von Geld und Geldeswert
sagte sie, wenn du meinst, wir knnten alle Augenblicke solche Summen
einfach hergeben. Was wir fr uns tun und unsere Toilette, ist unsere
Sache, fr die Bedrftigen aber mu die ganze Bevlkerung herangezogen
werden.

Auch zu Recherchen wurde ich mitgenommen oder durfte sie hie und da
selbst machen. So kam ich einmal zu einer armen Witwe in die
Wertach-Vorstadt, die sich und ihre vier Kinder mit Wschenhen zu
ernhren bemhte und um Untersttzung nachgesucht hatte. Durch einen
engen, dunkeln Hof mute ich gehen, in dessen dumpfer Kellerluft eine
Schar blasser, kleiner Buben und Mdeln sich herumtrieb. Sie scharten
sich alle mit offnen Mulchen um mich, als ich nach Frau Hard frug.
ber drei Stiegen links wohnt Mutta, sagte ein blasser Junge mit einem
ernsthaften Altmnnergesicht, und die Schwester, deren Zge auch vom
Lachen so wenig zu wissen schienen wie dieser Hof vom Sonnenschein,
fhrte mich hinauf.

Mit jenem angstvoll nervsen Ausdruck gehetzter Tiere, der sich den
Gesichtern all der Menschen einprgt, die den Kampf ums tgliche Brot
jeden Morgen in gleicher Schrfe aufs neue beginnen mssen, sah die arme
Frau mir entgegen. Whrend sie Heftfden aus all den vielen weien
Wschestcken zog, die fast das ganze winzige Zimmer fllten, und
dazwischen hie und da aufsprang, um nach dem brodelnden Topf in der
dunkeln Kche nebenan zu sehen, von dem ein widerlicher Geruch nach
schlechtem Fett sich allmhlich berallhin ausbreitete, erzhlte sie mir
ihre Leidensgeschichte. Der Mann, ein Maler, war vor drei Jahren an der
Schwindsucht gestorben, -- ka Wunder nt bei dera Fabrik am Stadtbach
drauen --, die Direktion hatte ihr eine einmalige Untersttzung von
hundert Mark zugewiesen. Gott vergelts ihna viel tausendmal fgte sie
tief gerhrt hinzu, als sie davon sprach; trotz allem Flei konnte sie
aber doch nicht das Ntigste schaffen. Inzwischen kamen die Kinder
herein und drngten sich halb neugierig halb eingeschchtert in einer
Zimmerecke zusammen. Mit die Kinder is halt a Kreuz, sagte die Mutter
seufzend, eins -- das ginge noch an, aber vier, da wei man nicht aus
noch ein vor Sorg und Kummer. Der Kleinste stolperte in diesem
Augenblick ber seine eignen dnnen rachitischen Beinchen und fiel auf
einen der Leinwandhaufen. Die Mutter patschte ihm erregt auf die
Hndchen, zankte gleich alle Vieren, da sie so arg im Wege stnden
und stie sie unsanft in die Kche, mit der Mahnung, dort ganz still zu
sitzen. Mir krampfte sich das Herz zusammen vor Mitleid mit diesen armen
Geschpfen, die der eignen Mutter nur eine Last waren und es mit
brutaler Deutlichkeit von ihr selbst erfahren muten. Fast war ich schon
fertig mit meinem Urteil ber die Hartherzigkeit der armen Nherin, als
sie mir weinend erzhlte, wie sie des besseren Verdienstes wegen ein
Jahr lang in die Fabrik gegangen wre, da sei aber ihr Jngstes aus dem
Fenster gestrzt, whrend sie abwesend war, und seitdem knne sie die
Kinder nicht allein lassen. Aus lauter Angst um sie nhme sie alle Vier
sogar mit, wenn sie liefern ginge. Glei sprng i nach, wenn noch eins
da nunter fiele!

Ich verlor alle Selbstbeherrschung, -- nie hatte ich auch nur im
entferntesten von solch einem Elend gewut --, die Trnen strmten mir
aus den Augen. Ein schwaches Lcheln huschte ber die verhrmten Zge
der Frau; sie lie die Arbeit sinken und streichelte mir trstend die
Hnde: So a guts Herzerl sans -- das hat mir gwi der liebe Herrgott
geschickt! -- mich durchstach das Wort mit Messerschrfe: Ja, war es
denn mglich, da Gott solchen Jammer mit ansehen konnte?! Was hatte die
Mutter, was hatten die kleinen Kinder getan, da sie so leiden muten?
Warum lebten sie denn eigentlich, da doch ihr Leben gar keins war? Und
wie kam ich dazu, nicht zu sein wie sie? Dunkel errtend sah ich an
meinem eleganten Kleide hinab und blickte scheu zu den vielfach
geflickten drftigen Rckchen der Kinder hinber, die sich wieder der
Tre genhert hatten, um mich anzustaunen. Und ich fhlte pltzlich die
Spitzen meines Hemdes auf meinem Krper brennen, -- hatten nicht am Ende
ebenso arme durchstochene Finger sie genht, wie die der Witwe vor mir?
O, wie ich mich schmte! Wren die Kinder auf mich zugestrzt und htten
mir das weiche Tuch meines Kleides vom Leibe gerissen, htte die Mutter
sich mit meinem Mantel bekleidet, -- ich htte es in diesem Augenblick
ganz natrlich gefunden. Statt dessen ruhten die Augen der Kleinen mit
keinem andern Ausdruck als dem der Bewunderung auf mir, und die Mutter
pries berschwenglich mein gutes Herz.

Ich zog den gedruckten Bogen aus der Tasche, um das Notwendigste
einzutragen. Mechanisch stellte ich meine Fragen. Wie alt sind Sie? --
Sechsundzwanzig. -- Erschrocken sah ich auf: dies gelbe, faltige
Gesicht, der krumme Rcken, die dnnen Haare, der erloschene Blick, --
und sechsundzwanzig Jahre! Ich sah pltzlich meine Tante vor mir, die
vierzigjhrige -- und ein dumpfer Zorn bemchtigte sich meiner. Wie
lange arbeiten Sie am Tage? -- I steh halt um fnfe auf und leg mich
um zwlfen nieder! -- Und das alles nur um das elende Leben am nchsten
Tag weiter zu fristen!

Was verdienen Sie in der Woche? -- Sechs Mark, und wanns arg gut
geht, achte. In der stillen Zeit gibts oft keine drei und vier. Und fnf
-- sechs Wochen im Jahr is die Arbeit rar. -- Also hatte sie fr sich
und die ihren weniger, als mein Taschengeld betrug, -- und ich
gebrauchte fr bloen Toilettentand mehr als sie mit den Kindern zum
Leben hatte!

Ich ertrug es nicht lnger. Das Weltbild verschob sich mir, und seine
Farben flossen zusammen, so da nichts als ein schmutziges Grau brig
blieb. Ich griff in die Tasche, und in der Empfindung etwas zu tun, was
fr mich weit beschmender war, als fr die arme Frau, schttete ich ihr
den Inhalt meiner Brse in den Scho und lief, so rasch ich konnte,
davon. Als ich, trotz aller Mhe, mich zu beherrschen, atemlos und
erregt von dem Erlebten berichtete, erklrte die Tante mich fr
berspannt. Wie kannst du die Dinge nur von unsern Empfindungen aus
bewerten. Die Leute sind das nicht anders gewhnt, und wenn fr das
Notwendigste gesorgt wird, sind sie zufrieden. Sie bermig zu bedauern
heit, sie zu Sozialdemokraten machen.

Ein andermal kam ich zu einem alten Manne, dessen Tochter
Fabrikarbeiterin war. Die Armenuntersttzung, die er erhielt, reichte zu
seiner Erhaltung nicht aus, und sie hatte erklrt, von ihrem Lohn nur
wenig erbrigen zu knnen. Der Alte sa am Fenster eines reinlichen
Zimmerchens, als ich eintrat; er hustete beinahe ununterbrochen,
rauchte aber trotzdem die Pfeife, und fast undurchdringliche Wolken
umgaben ihn. Meinem Wunsch, ein Fenster zu ffnen, widerstand er heftig.
I hobs auf der Brust und vertrag ka Zugluft nt, sagte er. Unter
Ruspern und Husten begann ich mein Verhr. Er beklagte sich lebhaft
ber die Tochter, die a schn's Stck Geld verdiene, aber alleweil
mehr an Putz denkt als an den alten Vater, und lieber auf die
Tanzbden umanand hupft als bei ihm zu sein, der ds ausgeschamte Ding
doch nu amal in die Welt gesetzt hat. Grade ging die Tre und d' Resi
kam nach Haus, ein schmalbrstiges junges Mdchen mit hektischem Rot auf
den Wangen und fiebrig glnzenden Augen. Sie hustete. Kannst nit a
bissel s' Fenster auftun, bat sie nach einer verlegnen Begrung, wenn
man eh' den ganzen Tag gar nix wie Staub schluckt. Aber der Alte gab
nicht nach, sondern eiferte blo ber die ungeratenen Kinder -- zu
meiner Zeit gab's koanen eignen Willen nt bei die Madl. Heut zu Tg is
aus mit'n schuldigen Respekt. Die Resi bat mich, ihr mit meinem
Fragebogen in die Kche zu folgen. Dort ri sie das Fenster auf, und ein
Hustenanfall erschtterte ihre Brust, so da ihr vor Anstrengung die
Schweitropfen auf der Stirne standen. Seit vier Jahren arbeitete sie,
die eben erst achtzehn geworden war, in der groen Spinnerei, zu deren
Aktionren auch meine Tante gehrte, wie ich aus ihrem eifrigen Studium
der betreffenden Kurszettel erfahren hatte. Sie verdiente sieben Mark in
der Woche, wovon sie dem Vater die Hlfte abgab. Fr mehr langt's gewi
nit, Frulein, fgte sie mit trnenden Augen hinzu, i brauch a bissel
was fr's Gewand, und dann, -- schauen's, wie's mi grad gepackt hat --
ds kommt alle Tag' a paar Mal -- der Herr Doktor hat gesagt, i soll
viel Milli trinken, da hol' i mi heimli an halben Liter am Tag -- aus
dem Winkel des Schrnkchens suchte sie ein Tpfchen hervor, dabei
ngstlich nach der Tre schielend, ob auch der Vater nichts merken
knne. Recht a gute Luft, meint der Herr Doktor, wr' halt auch ntig
-- ein bittres Lcheln huschte um ihre Lippen -- Sie merkend ja selber,
wie's hier damit steht, und schlafen mu i a no bei ihm drinnen! Wie's
aber in der Fabrik is, das wissen's gewi nit, -- da schluckt einer
weiter nix wie Baumwolle.

Zu Hause meinte ich, es wre am besten, der Alte kme ins Spital. Die
Tante war emprt ber meine Herzlosigkeit. Ein Kind gehrt zu seinen
Eltern, sagte sie, und dann am sichersten, wenn sie alt und krank
sind. Nach einer neuen, fachverstndigeren Untersuchung wurde
festgestellt, da die Resi am Sonnabend stets auf dem Tanzboden zu
finden sei und fr bunte Bnder immer Geld brig zu haben scheine. Diese
Entdeckung wurde mir mit allen Zeichen einer Entrstung mitgeteilt, die
ich beim besten Willen nicht zu teilen vermochte. Wir gehen doch auch
in Gesellschaften -- noch dazu ohne die ganze Woche gearbeitet zu
haben, sagte ich naiv, und die Resi ist jung wie wir, dazu arm und
krank -- lat ihr doch das bichen Lebensfreude.

Von da an wurden mir die Armenbesuche verboten. Nur zu Weihnachten
durfte ich an der allgemeinen Bescherung des Krippenvereins teilnehmen.
In einem langen niedrigen Saal standen hlzerne Tafeln mit
geschmacklosen bunten Wollsachen, Schuhen, derben Wschestcken, ein
paar Pfefferkuchen und verschrumpelten pfeln bedeckt; ein drftig
geschmckter Baum streckte seine groen Zweige wie lauter wehklagend
erhobene Arme nach der Zimmerdecke. Lieblos und nchtern -- gar nicht
nach Weihnachten -- sah es aus, und ich mute der Gromutter denken, die
selbst den rmsten immer irgend eine berraschung bereitete, denn les
choses superflus sont des choses trs ncessaires Pflegte sie mit ihrem
gtigsten Lcheln zu sagen. Auf der einen Seite drngten sich die Frauen
und Kinder eng zusammen, auf der anderen saen die Damen des Vorstands,
und unter dem Baum stand Pfarrer Haberland, der die Festpredigt hielt.
Er war mir vllig fremd diesen Abend, als er so viel vom Vater im
Himmel sprach, der die Armen nicht verlt, von den wahrhaft
christlichen Seelen der gtigen Geberinnen, von der gebotenen
Dankbarkeit und Zufriedenheit der Empfangenden. Dann wurde gesungen
und dann beschert, wobei die Mtter ihre Kinder immer wieder ermahnten
vergelts Gott zu sagen, obwohl die kleine Gesellschaft offenbar nicht
recht wute, warum. -- ber eine Gummipuppe und ein Holzpferdchen htten
sie sich tausendmal mehr gefreut, als ber all die prosaischen
Ntzlichkeiten.

Trotzdem von der Riesentanne in unserm Musiksaal wenige Stunden spter
hunderte von Kerzen ein warmes strahlendes Licht verbreiteten und alle
Geschenke meiner Eitelkeit zu schmeicheln schienen, verlebte ich noch
nie ein so trauriges Weihnachtsfest. Ich sei schlechter Laune, meinte
die Tante rgerlich, der mein Dank nicht strmisch genug war. Nachts
darauf hatte ich wieder einen heftigen Anfall von Seitenschmerzen und
wute bald nicht mehr, ob meine Trnen um das krperliche Leid oder um
die Zerrissenheit meines Innern flossen.

Ich mochte die Sitzungen der Vereine nicht mehr besuchen, trotzdem mir
dringend empfohlen wurde, mir die gute Gelegenheit, so viel zu lernen,
nicht entgehen zu lassen. Nur nichts hren und sehen von dieser Hlle,
in die die Armen mir rettungslos verdammt erschienen!

Ich ging aufs Eis, und in Gesellschaften und ins Theater, und je mehr
die natrliche Lebenslust befriedigt und die Eitelkeit genhrt wurde,
desto leichter wurde mir ums Herz. Fuhren wir spazieren, die Tante und
ich, und unser blauer Wagen rollte in der Vorstadt mitten durch den Zug
der heimkehrenden Arbeiter, so schlo ich am liebsten die Augen, nachdem
meine Bitte, diese Gegend zu meiden, als sentimental unerfllt
geblieben war. Aber grade wenn ich nicht hinsah und nur die mden
Schritte hrte und das freudlose Gemurmel vieler Stimmen, war es mir,
als ginge ich mitten unter ihnen und she meinen Doppelgnger bequem in
die seidenen Kissen gelehnt an mir vorber rollen. Und dann packte mich
eine Wut -- eine Wut, da ich am liebsten den nchsten Stein genommen
und ihn den vornehmen Faullenzern ins Gesicht geschleudert htte!

Sah ich dann, wie aus wstem Traum erwachend, um mich, so fiel mein
Blick nur auf gleichgltige oder bewundernde Mienen -- es gab sogar
Mnner, die die Mtze zogen vor uns. Ich wandte jedesmal den Kopf ab.

Im Mai kam mein Vater, um mich heimzuholen. Er war von berstrmender
Freude und Zrtlichkeit, die ich gerhrt und dankbar empfand. Seine
Schwester rhmte mich als das Produkt ihrer Erziehung, wobei sie ihrer
Mhen und Opfer ausgiebig gedachte und es an Seitenhieben auf die Eltern
nicht fehlen lie, die mich in so verwahrlostem Zustand ihr bergeben
hatten. Seltsam, wie mein sonst so heftiger Vater sich das alles
gefallen lie; zwar schwollen ihm oft die Adern auf der Stirn, aber er
schwieg. Ich freute mich auf Zuhause, auf die Liebe, die mich umgeben,
die Freiheit, die ich genieen sollte, auf die Pflichten, von deren
Erfllung ich mir Befriedigung versprach. Alles Bse wollte ich den
Eltern vergessen machen, was sie durch mich erfahren hatten! Meine
Gedanken und meine Empfindungen waren schon lange, lange vor mir daheim.

Als ich zum stillen Abschied am letzten Abend im dmmernden Park auf und
nieder ging, kam es ber mich, wie eine Vision. Ein groes, dunkles Tor
sah ich und eine endlose schwarze Schlange langsam gleichender Menschen,
die daraus hervorkroch: Mdchen, wie die Rest, und Frauen, wie die arme
Witwe, und viele, viele Kinder mit sonnenlosen Gesichtern. -- Ich warf
mich ins Gras und weinte bitterlich. Als ich dann ins helle Licht der
Lampen trat, schlang die Tante, beim Anblick meiner trnenfeuchten
Augen, gerhrt ber so tiefen Abschiedsschmerz, die Arme um mich.

Bleibe mein gutes Kind, sagte sie beim Abschied mit Betonung.




Siebentes Kapitel


Es war eine mondhelle Mainacht, als wir in Brandenburg ankamen, mein
Vater und ich. ber das holprige Pflaster rasselte die groe alte
Mietkutsche durch die schlafende Stadt. Der steinerne Roland am Rathaus
warf einen langen schwarzen Schatten auf die einsame Strae, und in dem
grnen Dachlaubkrnchen auf seinem Haupte spielte leise der Wind. Unter
der weiten Wasserflche am Mhlendamm, der zur Dominsel hinber fhrt,
breitete der Nebel leichte duftige Schleier aus, die ein zitternder
Streifen silbernen Mondlichts mitten durch gerissen hatte, so da sie
flatterten, wie grend von unsichtbaren Hnden bewegt.

Durch einen schmalen Torweg polterte der Wagen auf den Domhof. Dunkel
und wuchtig wie eine Burg ragte das uralte Gotteshaus zum Himmel empor,
das den engen Platz und die einstckigen Huschen ringsum, aus deren
tiefen roten Dchern erstaunte Fensteraugen verschlafen blickten, mit
seinem Schatten zu erdrcken schien. Nur das grte der Gebude, das
breit und massig an der andren Seite den Hof abschlo, war wach: helles
Licht strmte daraus hervor und verscheuchte den Schatten; um das weit
offene Tor ber der grauen Steintreppe schlang sich ein Kranz bunter
Frhlingsblumen, und auf der obersten Stufe erschien, als habe die
grte davon sich losgelst, und sei vom Mondzauber getroffen zu
nchtlichem Elfenleben erwacht, ein kleines, schneeweies Geschpfchen,
Stirn und Wangen von goldenen Locken umwallt. Erst als ihre rmchen warm
meinen Nacken umschlangen, fhlte ich, da es ein Menschlein war, das
mich willkommen hie: mein Schwesterchen. Mit ungewohnter Zrtlichkeit
begrte mich die Mutter, mit einem: Nun bist du endlich daheim, aus
dem die ganze vergangene Sehnsucht klang, kte mir der Vater die Stirn,
und die Freude hielt mich noch wach, als die Kissen meines Bettes mich
schon lange weich und wohlig umfingen.

Mit dem dmmernden jungen Tage trieb die Erregung mich zum Tore hinaus.
Still und vertrumt lag der Hof im Morgenglanze, und die stummen Steine
der Mauern erzhlten von der Vergangenheit. An unseres Hauses Platz
mochte Pribislavs, des letzten Wendenherzogs, Frstensitz sich erhoben
haben, als er Albrecht, dem askanischen Bren, Krone und Land berlie
und Triglaff, den dreikpfigen Gtzen, dem Christengott zu Ehren
verbrannte. Sieben Jahrhunderte hatten zusammengewirkt, um des
Gekreuzigten Haus zu errichten, und viele wilde Kmpfe um Glauben und
Macht, die seiner Friedensbotschaft und Liebespredigt spotteten, hatten
auf dem Raum zu seinen Fen getobt. Jetzt nisteten die Schwalben an
Giebel und Dachfirst, und auf dem Hof, der vor Zeiten von klirrenden
Kettenpanzern und Sporen widerhallte, pickten weie Tauben die Krnlein
auf, die sich in dem wuchernden Unkraut zwischen den Pflastersteinen
verloren hatten.

In tausend und abertausend Lichtern tanzte die Morgensonne auf den
blauen Wassern der Havel rings um die Dominsel und malte alle Farben des
Regenbogens auf die Tautropfen der Wiesengrser. Der Garten hinter
unserem Hause, wo die Obstbume wei und rosenrot blhten, reichte bis
hinab an das Ufer. Ein Kahn lag im Schilf vor dem weiem Pfrtchen, das
die alte verwitterte Mauer hier unterbrach, und eine Bank lehnte sich
auen an die epheuumsponnene Wand. Von den wuchernden Ranken fest
umschlossen, lag ein kleiner, pausbckiger Liebesgott aus grauem
Sandstein daneben; wie lange schon mochte er vom Sockel gestrzt sein
und die schelmischen Blicke grad auf das Himmelsgewlbe richten!
Mitleidig stellte ich ihn auf die runden Beinchen und steckte ihm statt
des verlorenen Pfeils einen Hollunderzweig in die winzige Faust. Mir
wars, als lachte er -- ein helles, zwitscherndes Lachen --, vielleicht
warens auch nur die lustigen Vogelstimmen im Gezweig. Ein feuchter Wind,
der den Duft frischer, lebenschwangerer Erde mit sich trug, strich mir
lind um die Stirne. Es war der Mai, der mich grte, der Mai, dem mein
Herz strmisch entgegenschlug!

Zu sieben feierlichen Schlgen holte die Uhr im Domturm langsam aus. Und
mit einemmal ward es lebendig: die spten Nachfolger der Mnche im
Stiftshaus gegenber, das sich im Lauf der Jahrhunderte in eine
Ritterakademie verwandelt hatte, strmten ber den Hof, -- lauter kecke
brandenburgische Junker, deren harte Schdel der Weisheit der Magister
trotzten, wie die ihrer Vorfahren von je den friedsamen Brgern Trotz
geboten hatten. Sie stutzten, als sie mich sahen, -- die neue
Nachbarin, -- und musterten mich halb neugierig, halb bewundernd; einer,
ein langer, blonder, streckte mir die Hand entgegen und warf mir mit der
anderen lachend einen ganzen Strau von Vergimeinnicht zu, so da die
blauen Sternchen mir in Haar und Kleid hngen blieben. Noch ehe ich eine
Antwort fand, flog mir mein Schwesterchen in die Arme, und im Torweg
tauchten blitzende Helme auf: das Musikkorps von meines Vaters Regiment.
Mich zu empfangen, kamen sie, und all die Lieder von Glck und Liebe,
die sie spielten, schmeichelten sich in mein Herz, und die
Walzermelodien waren wie ein starker Duft von Jasmin, der mich in einen
Rausch seliger Trume hllte. Es war der Mai, der Mai, der mich grte!

Hat sich die Natur seitdem so verndert, ist das Sonnenlicht trber,
sind die Farben der Blumen matter geworden, oder waren es meine siebzehn
Jahre, die ihren Glanz der Sonne und den Blumen liehen?

Morgens spielte ich mit dem Schwesterchen in Hof und Garten. Wie sie
erstaunt und glubig die blauen Augen aufri, wenn ich ihr die
schattigen Winkel zeigte, wo die Zwerglein hausen, und sie in jedem
Bltenkelch nach den Elfen suchen lie! Beladen mit allem, was strahlte
und duftete im Garten und auf der Wiese, stiegen wir dann die weie
Treppe zur Diele hinauf, um dort alle Vasen und Glser zu fllen, die
die Zimmer schmcken sollten. Gegenber, an den Fenstern der
Ritterakademie, pflegten zu gleicher Zeit viele Knabenkpfe
aufzutauchen, und es gab ein lustiges Lachen und Nicken hin und her.
Bald kannte ich die, die zur Freistunde den Platz am Fenster dem Spiel
im Schulgarten vorzogen. Unsere Sonntagsgste waren die meisten von
ihnen, und der lange blonde, der Fritz, der mir die Vergimeinnicht
zugeworfen hatte, war mein Vetter. Die Tertia lie ihn noch immer nicht
los, trotz seiner achtzehn Jahre; sein schmaler Schdel war offenbar
nicht der Sitz seiner besten Kraft. Aber rudern und reiten, tanzen und
Schlittschuh laufen konnt' er dafr, wie kein anderer; und zum Fenster
hinaus und hinein konnt' er klettern, wenn es galt, zu verbotener
Abendstunde unseren Garten zu erreichen, oder mir vor Tau und Tage
Blumen von den Wiesen zu holen. Seit ich da war, lebte er mit den
Wissenschaften auf noch feindseligerem Fu als vorher. Die Junker von
drben waren alle meine Ritter, aber er allein war es mit der ganzen
Hingabe seines treuen Herzens. All meinen bermut lie er ber sich
ergehen, um so dankbarer, je mehr ich von ihm forderte. Geduldig htete
er mein Schwesterchen, wenn ich zum Lesen Ruhe haben wollte; waghalsig
kletterte er ber die Mauer, um Rosen aus dem Nachbargarten zu holen,
die mir duftiger schienen als die unseren; weit lief er in die Felder,
um Kornblumen zu pflcken, die er, von seidenem Band umwunden,
frhmorgens, ehe ich erwachte, in mein offenes Fenster warf; mit den
Havelschwnen bestand er so manchen Kampf, weil ich mir die gelben
Mummeln so gern in die Haare steckte. Den kstlichen Genu heimlich
gerauchter Zigaretten gab er auf, um mir statt dessen fr sein
Taschengeld allerlei Zuckerwerk zu kaufen, das ich liebte.

Am Sonntag morgen pflegte mein Vater ihm eins seiner Pferde zur
Verfgung zu stellen. Ehe ich noch die Treppe hinab kam, die lange
Schleppe meines Reitkleides stolz hinter mir schleifend, stand er schon
rot vor Erregung wartend im Hof, und seine Hnde, die er mir unter den
Fu schob, um mir hilfreich in den Sattel zu helfen, zitterten jedesmal.
Unterwegs strahlte er vor Freude, wenn er sich zum Blitzableiter irgend
einer Heftigkeit meines Vaters machen konnte. Vermied ich sonst
angstvoll jede Ungeschicklichkeit, weil sie unweigerlich einen Sturm
heraufbeschwor, so lie ich, wenn der Fritz dabei war, die Peitsche oft
absichtlich fallen, um zu sehen, wie seine schlanke Jnglingsgestalt
sich geschmeidig aus dem Sattel schwang, um mir das verlorene
wiederzubringen. Vergrerte sich unsere Kavalkade, so kam es wohl vor,
da seine Mundwinkel zuckten, wie die eines kleinen Kindes, das weinen
will, und er wortlos kehrt machte, um in gestrecktem Galopp nach Hause
zu reiten.

Das alte Stdtchen war erfllt von Jugend. Es gab gar keine alten Leute,
glaube ich; vielleicht da sie sich wie die Maulwrfe vor dem lachenden
Tag grmlich verkrochen. Auch nur wenig junge Mdchen gab es in unserem
Kreise, dafr um so mehr junge Mnner. In meines Vaters Regiment war ich
die einzige meiner Art, und da alle Leutnants dem Regimentstchterlein
huldigten, war eigentlich selbstverstndlich. Sie waren zumeist berliner
Kaufmannsshne, die bei den 35ern eintraten, weil ihnen trotz
reichlicher Zulage die Garde verschlossen blieb und sie sich doch nicht
zu weit von der Vaterstadt entfernen wollten. Manch einer unter ihnen
hielt sich eigene Pferde und suchte durch seinen Aufwand wie durch
seinen Hochmut die feudalen Kameraden von der Kavallerie zu
bertrumpfen. Das Offizierkorps der wei-blauen Krassiere dagegen
setzte sich aus dem alten Adel Brandenburgs und Pommerns zusammen, und
zwischen ihnen und den Fsilieren bestanden vor unserer Zeit so gut wie
keine gesellschaftlichen Beziehungen. Die einen verkehrten auf den
Rittergtern der Umgegend, mit deren Besitzern Familienbeziehungen sie
verbanden, die andern zogen den gewohnten Gesellschaftskreis der
Kaufleute und Fabrikanten vor. Das nderte sich bald, als meine Eltern
nach Brandenburg kamen. War meines Vaters Adelsstolz durch das
brgerliche Regiment verletzt worden, so half ihm seine altpreuische
Auffassung von der Vornehmheit des Offiziers als solchen darber hinweg,
und er setzte alles daran, diese Idee auch in den ueren Fragen des
Verkehrs zur Geltung zu bringen. Leicht war es nicht, denn Brgerstolz
ist oft so hartnckig wie Adelsstolz, und manch einer der Besten mute
es als Krnkung empfinden, wenn gesellige Beziehungen als eines
Offiziers unwrdig bezeichnet wurden, die doch seiner eigenen Herkunft
entsprachen. Aber der daraus entstehende Widerstand gegen meines Vaters
Wnsche wurde reichlich aufgewogen durch jene unausrottbare neidvolle
Bewunderung des Brgerlichen fr den Aristokraten, die oft die Maske des
Hochmuts trgt, meist aber kein andres Ziel kennt, als selbst unter
demtigender Selbstverleugnung im Kreise der Bewunderten Aufnahme zu
finden. Unsere eigenen vielfachen freundschaftlichen und
verwandtschaftlichen Verbindungen mit dem Landadel und seinen Shnen im
Krassierregiment untersttzten berdies die Durchsetzung der
Erziehungsprinzipien meines Vaters.

Das Unerhrte geschah: zu Pferd und zu Wagen, wenn es aufs Land hinaus
ging zu den Rochows und Bredows und Itzenplitz, oder zu lustigem
Picknick im Walde, tauchte der rote Kragen des Infanteristen immer
hufiger neben dem hellen blauen des Kavalleristen auf, und nur der
aufmerksame Beobachter bemerkte, da sich hinter der tadellosen
gesellschaftlichen Form eine tiefe innere Feindseligkeit verbarg. Grade
die vollendete Hflichkeit, mit der der Krassier den kleinen Leutnant
von den Fsilieren behandelte, richtete die Schranke auf, die den
Eintritt in das intime Leben unbedingt verwehrte, -- dieselbe
Hflichkeit, die so aufreizend wirken kann, weil ihre khle Gltte
keinerlei Angriffsflche gewhrt.

Mein Vater hatte mir zur Pflicht gemacht, seinen Offizieren ebenso
freundlich entgegen zukommen, wie den andern: Da sie Mller und
Schultze heien, mu dich nicht stren; sie tragen alle denselben Rock,
und heiraten brauchst du sie ja nicht! Nein, gewi nicht! Der bloe
Gedanke kam mir komisch vor! Heiraten --! Der Vornehmste und Schnste
war mir dafr in meinen Zukunftstrumen nur grade gut genug! Warum auch
ans Heiraten denken, wo lachend und lockend ein ganzes freies
Jugendleben vor mir lag! Glcklich und harmlos lie ich mich von den
schmeichelnden Wogen der Bewunderung tragen; bei manchem glhenden Blick
und heien Hndedruck bebte mir wohlig das Herz. Ich sah den einen
lieber als den andern, ich dachte nicht daran, meine Empfindungen zu
verstecken, denn ich liebte dankbar strahlende Augen und zeichnete
freudig den aus, der mir am meisten huldigte.

Entzckend war's, wenn die halbwchsigen Knaben der Ritterakademie sich
im Garten um den Platz neben mir rauften; hoch auf klopfte mein Herz,
wenn der blonde Vetter mich beim Greifspiel strmisch an sich ri;
weiche se Gefhle beschlichen mich, saen wir, lauter lebensprhende
Jugend, im Kahn eng beieinander, und streifte meine Hand im Wasser die
des schwarzugigen Leutnants, meines getreuesten Kavaliers.
Triumphierende Siegesfreude trieb mir das Blut wild durch die Adern,
wenn meine braune Stute mich frh im Morgennebel ber den Exerzierplatz
trug, wo rote Sonnenstrahlen auf den Stahlhelmen der Krassiere blitzten
und Blicke mir folgten und Degen sich vor mir senkten, deren Gru mehr
bedeutete als bloe Hflichkeit.

Und einmal kam ein Tag, hei und gewitterschwl, der uns alle, eine
groe lustige Gesellschaft, in blumengeschmckten und buntbewimpelten
Wagen hinausfhrte in den Wald, wohin unsere jungen Offiziere uns
geladen hatten. Unter grnen Bumen in hellen Zelten waren Tische
gedeckt, Schie- und Wrfelbuden mit allerlei beziehungsvollen Gewinnen
standen im Hintergrund, auf kurzgeschorenem Rasenplan war durch bunte
Fahnenmasten der Tanzplatz abgesteckt. Mit einem Tusch empfing uns die
Musik, und Fredy, mein treuster Kavalier und meines Vaters jngster
Leutnant, begrte mich mit einem Strau dunkler, duftender Rosen. Er
wich nicht mehr von meiner Seite. Ich suchte mich zu befreien, aber --
war's Absicht oder Zufall -- man lie uns immer wieder allein; niemand,
so schien's, wollte dem jungen Mann den Platz neben mir streitig machen.
Es wurde dmmernder Abend. Mde von Scherz und Spiel lagerten wir unter
den Bumen und schpften aus groen Kupferkesseln khle, duftende
Erdbeerbowle, die den Durst nicht lschte und das Blut nicht khlte, es
vielmehr unruhig pochend gegen die Schlfen trieb. Eine halbwelke gelbe
Rose lste sich mir vom Grtel, -- der Mann zu meinen Fen griff
danach, und ich sah seine Hnde zittern, als er sie an die Lippen
drckte.

Es wurde Nacht. Bunte Lichterketten zogen sich von Baum zu Baum, Raketen
und Leuchtkugeln flogen zum Himmel empor, wie lebendig gewordene,
zuckend heie Empfindungen unserer Herzen. Immer weicher und
sehnschtiger klang die Musik. Wir tanzten, eng aneinander geschmiegt;
selig erschauernd fhlte ich das pochende Herz an dem meinen schlagen,
den heien Atem meine Stirne streifen. Tiefer in den Wald lie ich mich
in halbem Traume fhren. Erst als es still, ganz still um mich wurde,
sah ich auf -- in zwei Augen, die sich verzehrend auf mich richteten.
Stumm lehnte ich mich in den Arm, der sich um mich schlang, und mir war,
als versnke ich in ein Meer von rotem Feuer, als zwei Lippen sich
glhend auf die meinen preten. Die Betubung schwand nur halb, als
Geschwtz und Gelchter, Pferdestampfen und Peitschenknallen mir ans Ohr
tnten und die Wagen durch die Nacht heimwrts fuhren. Es
wetterleuchtete am Horizont.

Gewitterregen klatschte gegen die Fensterscheiben und weckte mich am
anderen Morgen. Trbselige Alltagsstimmung lagerte ber Haus und Garten,
und mich frstelte, wie immer, wenn mir ein Traum verloren ging. Mittags
kam der Vater aus dem Bureau herauf; sein erregtes Ruspern, sein
schwerer Tritt kndigten nichts Gutes an.

Du bist ja eine nette Pflanze! rief er, kaum da er eingetreten war
hinter dem Rcken deiner Eltern bndelst du mit meinen Leutnants an und
setzt ihnen Flausen in den Kopf. Hast du denn gar keine Ehre im Leibe?!
Verstndnislos starrte ich ihn an. Tu doch nicht so naiv, schrie er
wtend. Du weit ganz gut, was los ist, und meinst wohl, ich wrde
meine Tochter jedem hergelaufenen Ladenschwengel in die Arme werfen!
Ich erschrak -- war das mglich: der Fredy hatte um mich angehalten!
Aber ich will ja gar nicht! stotterte ich. Ein halbes Lcheln huschte
ber das rote Gesicht meines Vaters: Ja, zum Donnerwetter, was bildet
sich denn dann der Kerl ein --, er versichert hoch und teuer, deiner
Zustimmung gewi zu sein!

Es half nichts -- nun mut' ich beichten. Und als ich so im grauen
Tageslicht den sen, heien Traum der Nacht mit kalten Worten wie mit
Messern zerschneiden mute, fate mich ein tiefer Groll gegen den Mann,
dessen rasches Vorgehen mich dazu zwang. Ein Ku in der Julinacht, --
und frh tritt er an mit Helm und Schrpe und begehrt mich zum Weibe fr
ein ganzes langes Leben!

Man kt doch nicht, wenn man nicht heiraten will! sagte meine Mutter
kopfschttelnd, als der Sturm des vterlichen Zorns sich etwas gelegt
hatte.

Heiraten -- so einen fremden Mann! kam es darauf zgernd ber meine
Lippen. Die Wirkung meiner Worte war verblffend: mein Vater lachte --
lachte, bis ihm die dicken Trnen ber die Backen liefen. Und abends
schenkte er mir einen goldgelben Sonnenschirm, den ich mir schon lange
gewnscht hatte.

Um jede Klatscherei im Keime zu ersticken, verlangte Papa von dem
abgewiesenen Freier, da er sich benehmen msse, als sei nichts
geschehen. Fredy folgte, aber er folgte in einer Weise, die das
Gegenteil von dem erreichte, was beabsichtigt war: sein
finster-verkniffenes Gesicht, das er zu Schau trug, sobald er sich neben
uns zeigte, die offenbare Verachtung, mit der er mich strafte, fielen
weit mehr auf, als seine Abwesenheit aufgefallen wre. Du hast dem
Fredy einen Korb gegeben! rief mir Vetter Fritz eines Tages strahlend
vor Freude zu, und bald pfiffen es die Spatzen von den Dchern. Mit
jenem Solidarittsgefhl, das den preuischen Offizier charakterisiert
und sich selbst strker erweist als die Subordination gegenber dem
Vorgesetzten, wurden Fredys Kameraden nun zu seiner Partei: sie sprachen
nur das Notwendigste mit der Tochter ihres Kommandeurs; und tanzten sie
mit ihr, so waren es nur Pflichttnze. Selbst wenn ich gewollt htte, --
diese geschlossene Phalanx wrde allen Eroberungsversuchen getrotzt
haben. Aber ich wollte gar nicht; zhneknirschende Emprung erfllte
mich, nicht, weil die Kurmacher mir verloren gegangen waren, sondern
weil ich zum erstenmal die Ungerechtigkeit empfand, mit der mein
Geschlecht im Vergleich zum mnnlichen behandelt wurde.

Als ich einmal wieder pflichtschuldigst von einem der Offiziere des
vterlichen Regiments bei einem Diner zu Tisch gefhrt worden war und
mich tdlich gelangweilt hatte, trat ein alter Major, der mir sein
besonderes Wohlwollen zugewendet hatte, lchelnd auf mich zu.

Sie mssen sich darein finden, Kleine, sagte er das Kokettieren ist
nun mal eine bse Sache und straft sich immer.

Kokettieren?! Ich habe gar nicht kokettiert! rief ich in dem
Bedrfnis, einmal auszusprechen, wie ich empfand, ich hab' ihn gern
gehabt, sehr gern sogar, aber doch lange, lange nicht so, um seine Frau
zu werden.

Ein junges Mdchen darf es nicht so weit kommen lassen --

Wenn sie nicht heiraten will! unterbrach ich den braven Mann lachend,
dessen spitze Schnurrbartenden zu zittern begannen. O ich kenne die
Weise, und wei daher, da die ganze Musik falsch ist, grundfalsch!
Warum soll denn ein Mdchen sich gleich mit Leib und Seele verschreiben,
wenn sie Einen freundlicher anlchelt als den andern? Warum soll der ein
Recht haben auf ihre Hand, dem sie an einem schnen Julitag einmal von
Herzen gut war? Verlangen Sie etwa dasselbe von Ihren Leutnants, die
manch armes Ding durch ganz andere Liebesbeweise an die Echtheit ihrer
Gefhle glauben lassen?!

Aber -- mein gndigstes Frulein -- unterbrach der Major mit einer
verzweifelnden Gebrde meinen Redeflu und richtete sich steif und
gerade auf, so da sein Kahlkopf mir bis an die Nasenspitze reichte.
Seine kleinen wasserhellen Augen drckten dabei ein so komisches
Entsetzen aus, da meine Emprung verflog und ich das Lachen nicht
unterdrcken konnte. Beruhigen Sie sich nur, Papa Schrott -- damit
streckte ich ihm begtigend die Hand entgegen -- wenn ich mal so alt
bin, wie Sie, werd' ich gewi gerad' so moralisch sein! Aber er nahm
meine Hand nicht --

Was gings mich an?! Mochten sie alle die Gekrnkten spielen! Mein Vater
irrte sich offenbar: der gleiche Rock macht nicht zu Gleichen! Die
Krassiere tanzten und ritten nicht nur viel besser, sie waren auch
frhlichere Partner bei jenem Spiel mit dem Feuer, -- dem einzigen, das
ich mit steigender Leidenschaft spielte, je mehr Gefahr es in sich
schlo, und je hher der Einsatz war. Wie ein Raubvogel mit weit
gestreckten schwarzen Schwingen schwebte die Phantasie ber den grnen
lachenden Blumenmatten meines Lebens. Stark genug wre sie gewesen, mich
empor zu tragen in ihr Hhenreich, wo ich zu ihrem Herrn geworden wre;
aber zur Furcht vor dieser Fahrt mit ihr hatte man mich dressiert, nun
lauerte sie hungrig und rachgierig auf tgliche Beute, und ich mute
mich ihr unterwerfen.

Das gleichmige Tiktak des Alltags vertrug ich nicht, beschleunigt
mute es werden bis zum Fiebertempo, oder bertnt von Fanfaren der
Freude. Wenn ich den Pflichten des Hauses nachkam, so umwand ich ihre
langweilige Drre mit Blumen, wenn ich mit meinem Schwesterchen spielte,
so spielte ich nicht mit ihr, mich ihrer Kindlichkeit unterwerfend,
sondern fhrte vor ihr meine bunten Trume auf. Mir gengte nicht ein
kurzes, harmlos improvisiertes Tnzchen, es mute ein wogender,
leidenschaftlicher Tanz bis zur Erschpfung daraus werden. Und eine
Stunde zu Pferde in der Morgenkhle stachelte nur mein Verlangen nach
wilden Ritten ber Stock und Stein.

Ich glaube, mein Vater war auf nichts so stolz als auf meine Reitkunst,
die das Ergebnis seiner eigensten Erziehung war, und nie so geneigt, mir
nachzugeben, als wenn meine Wnsche dieses Gebiet berhrten. Schon frh
am Morgen begleitete ich ihn, aber am Nachmittag durfte ich mir die
Stute wieder satteln lassen, oder den groen Braunen mit der
sternzackigen weien Blsse auf der Stirn, dessen spielende Ohren sich
auf jeden leisen Zuruf verstndnisvoll spitzten, der schon dem
sanftesten Druck nachgab und wie ein vom Bogen geschnellter Pfeil ber
Hecken und Grben flog. Fast immer hatte ich Schmerzen, wenn ich ritt,
jene alten Schmerzen in der rechten Seite, die sich in Augsburg so
gesteigert hatten, aber der Genu lie mich die Zhne zusammenbeien. Im
Sattel fhlte ich mich frei; und wie meine Fe nicht den Staub der
Strae berhrten, so war meine Seele fern von allem, was grau und
schmutzig unten liegt. Ich habe mich nie in der Mark heimisch zu fhlen
vermocht, aber wenn ihr weicher Sand den Hufen meines Pferdes nachgab,
so da das Reiten war wie ein sanftes Wiegen und ihre Wiesen und Wlder
sich schier endlos vor mir dehnten, eine wundervolle Bahn fr einen
langen Galopp, -- dann liebte ich sie, dann ergriff ich Besitz von ihr
und trumte mich als Herrin des Bodens, den mein Brauner trat.

Freiheits- und Herrschaftsgefhl, -- das ists, was nur der Reiter kennt,
darum war Reiten von je her Herrenrecht. Im Schweie seines Angesichts,
wie ein Sklave, schwer mit den Muskeln arbeitend, wie er, treibt der
Radler sein Stahlro vorwrts; nur auf gebahnten breiten Wegen vermag
der Kraftwagen ratternd und pustend durch die Welt zu rasen, indes der
Reiter sich leise durch tiefe Waldeinsamkeit tragen lt und das edle
Tier unter ihm den reinen ruhigen Genu der Natur nicht strt. Lockt ihn
die Ferne, begehrt er, seine Krfte zu erproben, um seinem Mute vor sich
selbst ein Zeugnis abzulegen, so gengt ein Druck der Sporen, und er
spottet aller Hindernisse. Er ist der Knstler, der freie, starke, --
arme Arbeiter aber sind jene anderen, abhngig von ihrer Maschine, ihr
untergeben. Wir ritten oft weit: bis nach Rathenow hinber, wo der tolle
Rosenberg seine Husaren zu lauter Meistern der Reitkunst erzog und trotz
Sekt und Morphium von keinem der Schler je bertroffen wurde, oder
westwrts zu den blauen Potsdamer Havelseen, wo die Berliner Touristen
uns freilich oft genug die Laune verdarben. Ein Mensch, der sich auf
Schusters Rappen vorwrts bewegt, ist der geborene Feind dessen, der
vier Pferdebeine unter sich hat, und der strengste Vater steht ohne ein
Scheltwort mit heimlicher Befriedigung seinem Sprling zu, wenn er mit
Steinchen nach den Reitern wirft oder durch lautes Indianergeheul die
Pferde zum Scheuen bringt. Die einstige Identitt von Reiter und Ritter
ist unvergessen, und unter der Schwelle des Bewutseins schlummert
vielleicht irgend eine altmrkische Erinnerung an die Krachts und
Quitzows, die den Ha steigern hilft.

Im Sptherbst wars, an einem jener lichtfunkelnden Oktobertage, wo die
Buchen im Schmuck ihres roten Goldlaubs glnzen und die dunkeln
Silhouetten der Kiefern sich vom hellen Himmel phantastisch abheben. Ein
paar Rathenower Husaren begleiteten uns, und die Eitelkeit reizte mich,
vor ihnen zu zeigen, was ich konnte. Die Stoppelfelder boten freie Bahn,
und kein Hindernis im Gelnde war mir fremd. Bis zur alten Eiche im
Plauer Wald, schlug ich vor, sollten wir reiten.

Der Schleier an Ihrem Hut sei der Preis! rief lachend einer der
Herren. Sie vergessen, da ich siegen werde! antwortete ich, den Kopf
in den Nacken werfend, und klopfte meinem Braunen aufmunternd auf den
schlanken Hals. Fr den Fall wnschen Sie sich ruhig die Krone vom
Kaiser von China! spottete ein anderer, und fort gings in gestrecktem
Galopp. Dicht nebeneinander nahmen wir den ersten Graben, -- aber schon
flog ich voraus, eine halbe Pferdelnge hinter mir der Fuchs meines
Vaters, der unter Vetter Fritzens leichtem Gewicht gewaltig ausgriff.
ber die Mauer setzte ich und wieder ber eine, die das Gehft eines
armen Kthners umschlo. Ich war allein. Jauchzen wollte ich im
Vollgefhl nahen Sieges -- aber der Ton blieb mir in der Kehle stecken
--, ein scharfer Schmerz zuckte durch meinen Krper. Unwillkrlich
fuhren die Sporen meinem Gaul in die Flanke. berrascht von der
unverdient schlechten Behandlung, stieg er mit den Vorderbeinen hoch in
die Luft, um im nchsten Moment in wahnsinniger Pace vorwrts zu jagen.
Jeder Sprung steigerte meine Schmerzen, es dunkelte mir vor den Augen,
-- ich hing nur noch im Sattel. Mit dmmerndem Bewutsein sah ich eine
groe blaue Wasserflche dicht vor mir: den Plauer See. Wie eine Bitte
stieg es auf in mir: trag' mich hinein, mein treues Ro, trag' mich
hinein -- da die brennenden Schmerzen sich khlen! Und mir war, als
schlgen die Wellen ber mir zusammen.

Im grnen Rasen lang ausgestreckt, kam ich zu mir und sah in das guten
Vetters verngstigtes Gesicht, das sich dicht ber mich beugte. Trnen
standen in seinen Augen, und unterdrcktes Schluchzen erschtterte seine
Stimme, als er rief: Du lebst! Gott Lob -- du lebst! Als mein Vater
kam, stand ich schon auf den Fen und machte krampfhafte Anstrengungen,
ihm mglichst sorglos entgegenzulcheln.

Ein Wagen vom Planer Schlo brachte mich nach Hause, und der rasch
geholte Arzt machte mit der Morphiumspritze meinen Qualen ein Ende.

Zwischen Bett und Liegestuhl spielte sich von nun an mein Leben ab. Mein
Lieblingsplatz war drauen vor der Mauer, wo der Hollunderbusch geblht
hatte, als ich im Mai gekommen war. Der kleine Liebesgott stand immer
noch grade auf den dicken Beinchen, aber die Vglein zwitscherten nicht
mehr im Weinlaub. Dunkelrot hatte der Herbst es gefrbt. Darunter lag
ich und sah in den Himmel und hrte die Bltter fallen. Vetter Fritz war
fast immer neben mir, meiner Wnsche gewrtig, -- er hatte das Lernen
nun wohl ganz aufgegeben.

Mit dem berauschenden Gift, nach dem ich immer heftigeres Verlangen
trug, kam der Arzt zweimal des Tages, und se, traumhafte Stunden waren
es, wenn der Krper schwer und schwerer und der Geist immer leichter
wurde. Zu berirdischer Gre fhlte ich ihn wachsen, und Krfte
durchstrmten mich, stark genug, mit einer ganzen Welt den Kampf zu
bestehen. Panzerumgrtet sah ich mich wieder, wie einst, wenn ich zur
Jungfrau von Orleans mich trumte, und ich schmte mich des tatenlosen,
bunten Spiels, das ich getrieben hatte. Aber auch andere Trume kamen,
die mich streichelten oder mir hei das Blut in die Wangen trieben; dann
lie ichs geschehen, da der Knabe neben mir meine Hnde kte und von
der Glut seiner Liebe unsinnige Dinge sprach.

Erlaube nur, da ich dich liebe und da ichs dir sagen kann -- flehte
er -- bald werde ich dich nicht mehr sehen drfen wie jetzt, ferner und
ferner wirst du mir sein, -- eine Balldame, und ich -- ein Schuljunge!
Sthnend vergrub er den Kopf in meine Kleiderfalten, um gleich darauf
mit heien Augen wieder zu mir aufzusehn: Aber lieben -- lieben werd'
ich dich immer!

Immer?! -- Wird nicht ein einziger Herbststurm den kleinen Liebesgott
wieder vom Sockel werfen? -- Ich lchelte wehmtig. Khl wehte der
Abendwind vom Wasser, das die Nebel schon zu verhllen begannen, und
frstelnd wickelte ich mich dichter in mein Tuch.




Achtes Kapitel


Nun wird sie schlafen -- -- hrte ich in halbem Traum den Arzt zu
meiner Mutter sagen, whrend sich leise die Tre hinter ihnen schlo.
Seit vier Tagen hatte ich mich in Schmerzen gewunden, die selbst der
Morphiumspritze stand hielten. Heute war ich chloroformiert worden.
Durstig hatte ich unter der Gazemaske den sen Duft wachsender
Betubung eingesogen. Jetzt lag ich schwer, wie in Ketten gebunden, auf
dem Bett, -- schmerzlos, schlaflos. Ein mattes, rosig flackerndes Licht
ging von dem Nachtlmpchen neben mir aus. Die gelben Bltter auf der
Tapete zuckten hin und her -- zuerst langsam, dann immer schneller,
schneller --, mir wurde schwindlig dabei. Ich schlo die Augen. Gott,
war ich mde! -- Pltzlich sprang die Tre auf, und es schwebte herein,
gro, wei und kalt; Augen sahen mich an, ohne Farbe, wie Mondlichter,
-- und andere tauchten wie aus Nebelschleiern auf, blutunterlaufene, --
in schmerzverzerrten Gesichtern, -- hungrige, die gierig nach Beute
suchten, -- lsterne, in denen kleine, rote Flammen tanzten. Dabei
rauschte es wie von vielen Gewndern, und tappte und klapperte, wie von
zahllosen Tritten ... Die Wnde rckten auseinander vor der schiebenden
drngenden Masse grlicher Gespenster ... Nun stand sie vor mir, ganz,
ganz dicht, die Weie mit den Mondaugen, und eine Hand, wie von Eis und
zentnerschwer, legte sich auf mein Herz. Queen Mab schrie ich auf --
jetzt sa sie schon auf meinem Bett, und ihre Finger bohrten sich in
meine Seite ... Ich aber lag in Ketten gebunden und konnte sie nicht von
mir stoen.

Wir kmpften miteinander -- Tage -- Wochen. Meine Jugend besiegte sie.
Es kamen ganz stille Zeiten, wo die Schneeflocken leise vor meinen
Fenstern niederfielen und nur hie und da von weitem ein lauter Ton an
mein Ohr schlug: das Stampfen der Pferde im Stall, der Schlag der
Domuhr, das lustige Lachen Klein-Ilschens.

Nun wuten die Arzte endlich, woran ich litt: die Nierenentzndung, die
mich so berwltigt hatte, lie keinen Zweifel mehr daran. Ich mute
bewegungslos, grade gestreckt im Bette liegen, auch dann noch, als die
Weie mit den Mondaugen mich lngst verlassen hatte. Statt ihrer spitzen
Eisfinger in meinem Krper bohrten sich viele kalte Gedanken in mein
Hirn.

Wo war ich? Hatte nicht der Morphiumrausch des Leichtsinns alles Gute,
Starke in mir eingeschlfert? War ich nicht meinen groen
Kinderhoffnungen untreu geworden? Oder: sie mir?! Tanzen, reiten,
lachen, mit Herzen spielen, wie mit Federbllen -- das Schwesterchen ein
bichen htscheln, das Haus ein bichen schmcken --, sollte das des
Lebens einziger Inhalt sein? War ich mit sechs Jahren nicht reicher
gewesen, wo ich mich als Jungfrau von Orleans trumte, als heute, nach
einem Jahrzehnt? Und viel reicher damals, da ich mir den Baldurtempel
baute? Ich grub -- grub rastlos im verschtteten Schacht meines Innern.
Halb verhungert im dunkelsten Winkel, sa sie in sich versunken und
grau, meine arme Seele. Wie arm, wie elend war ich! Wo war ein Ziel fr
mich, des Ringens wert? Wo eine groe Flamme, um des Lebens dunkle Asche
wieder anzufachen?!

Ein schmales, blasses Antlitz, von schwarzen Spitzen umschlossen, beugte
sich ber mich. Gromama, flsterte ich, und es war, als ob die
Hoffnung eine Tre ffnete, die ins Helle fhrte. Nur still, mein
Liebling, ganz still -- sagte sie lchelnd, und eine Trne fiel mir auf
die Stirn, eine Freudentrne.

Mit einer Pflichttreue, die keine Schwche aufkommen lie, hatte meine
Mutter mich Tag und Nacht gepflegt. Gromama war gekommen, sie
abzulsen. Sie war es auch, die, wie immer, wenn es zum Wohle ihrer
Kinder und Enkel notwendig war, die Mittel hergab, durch die ich gesund
werden sollte. Als der Arzt mir eine karlsbader Kur verordnete, wute
ich wohl, warum Mama die Lippen zusammenprete und Papa sich unruhig
rusperte: was sie hatten, verschlang des Lebens notwendiger Aufwand.

So fuhr ich denn mit Gromama, sobald ich transportfhig war, nach
Karlsbad, wo sie selbst so oft schon Heilung gefunden hatte. Ihr alter
Arzt, zu dem sie mich brachte, schttelte den Kopf ber mich, einen
dicken kahlen Mnchskopf, der auf einem dnnbeinigen Zwergenkrper sa.
Nur Seelenaufruhr, wo es nicht das Alter ist, fhrt zu solchen
Krperkatastrophen -- ein fragender Blick aus kleinen blitzenden
uglein richtete sich auf mich. Wie alt ist denn das Frulein?

Siebzehn Jahr!

Siebzehn Jahr! Er sprang auf vom Stuhl und durchma das Zimmer mit
kleinen hastigen Schritten, wobei der runde Kopf sich immer von einer
Schulter zur andern neigte.

Liebesschmerzen?! -- Dabei bohrte sich sein Blick in den meinen. Ich
lachte verneinend und schwieg. Htte er andere Schmerzen verstanden,
auch wenn ich sie ihm erklrt haben wrde?

Mit jener taktvollen Zurckhaltung, die jeden Zwang auf das Vertrauen
eines Menschen, -- auch des Nchsten, -- sorgfltig vermeidet, forschte
auch Gromama nicht weiter, und ich, so gar nicht gewhnt, mich
auszusprechen, frchtete mich fast davor. Aber wenn wir im
Morgensonnenschein unsre Spaziergnge machten, auf bequemen Wegen durch
duftenden Tannenwald, der grade seine grnen Frhlingskerzchen
aufgesteckt hatte, und die Gipfel der sanft geschwungenen Hhenzge
erreichten, die dem Kranken Kraftleistungen so freundlich vortuschen,
dann durchstrmte mich linde, lsende Lenzluft, und schchtern tastend
wagten sich Fragen hervor und Gestndnisse.

Ich kann nicht glauben, Gromama, sagte ich einmal, als sie von dem
inneren Frieden durch den Glauben gesprochen hatte. Wir saen grade vor
der groen, alten Fichte, mit dem verwitterten Muttergottesbild daran,
die auf dem Wege zum Freundschaftstempel den ganzen Wald zu beherrschen
scheint.

So la alle Fragen des Glaubens dahingestellt, und handle nur im Geiste
Christi, erflle deine Pflichten, diene den Menschen, unterdrcke die
bsen Triebe in dir und pflege die guten, dann wird der Glaube von
selbst kommen, und es wird stille werden in dir.

Ich schwieg, mechanisch zeichnete mein Schirm Kreise in den Sand. War
der Baum vor mir nicht auf Kosten derer, die er besiegte, denen er die
Sonne nahm, so gewaltig emporgewachsen? Ein lebendiger Protest erschien
er gegen das Madonnenbild mit den Schwertern im Herzen, das sich in
seine Rinde grub. Etwas in mir emprte sich gegen die gtige alte Frau
neben mir. Meine Kraft tglich in kleinen Opfern verbluten lassen, hie
das nicht schlielich mich selber morden? Und ich begehrte ja gar nicht
des Ziels, ich wollte nicht stille werden, ich wollte den Kampf und das
laute, sprhende Leben. Aber der Mut fehlte mir, zu sagen, was ich
dachte. Darum frug ich nur leise: Und das Glck, Gromama?

Sie lchelte, und eine ganz kleine, wehe Falte erschien zwischen ihren
Brauen.

Das Glck! -- Wir sitzen, wenn wir jung sind, immer wie vor einem
Vorhang und starren gebannt darauf hin und erwarten ein Zaubermrchen
von dem Augenblick, wo er aufgeht. Indessen versumen wir all die echten
Gaben des Glcks, die es um uns ausstreut: die Liebe der Unseren, die
Gaben des Geistes, die Frhlingsblumen und den Sommerhimmel. Mache nur
die Augen auf und strecke die Hnde aus, dann hast du sie.

Ist das alles?!

Nein, mein Kind, entgegnete die Gromutter, und ein feierlicher Ernst
legte sich ber ihre Zge. Du wirst Weib werden und Mutter, und Liebe
empfangen und tausendfltige Sorgen. Und dann wirst du wissen, da sie
auf sich nehmen und Liebe geben, mehr als dir gegeben wurde, das Glck
ist.

Wir gingen weiter; ich kmpfte mit den Trnen. Meine Mutter fiel mir
ein: sie erfllte bis zur Erschpfung ihre Pflicht, aber ihre Lippen
preten sich immer enger aufeinander, als mten sie krampfhaft die Qual
zurckdrngen, die nach Ausdruck verlangte. Und an Onkel Walter dachte
ich und an jenen unvergessenen Auftritt mit seiner Mutter in Berlin; und
an all die leisen Zurcksetzungen und Krnkungen, die sie, die immer
Gute, von ihren Kindern zu ertragen hatte. Ich wute: auch sie hatte
gelebt und geliebt und nach schwindelnden Hhen gestrebt, und dies war
das Ende, das von ihr gepriesene, von all dem Sehnen, all den heien
Hoffnungen, die einzige Frucht, die aus dem blhenden Leben so vieler
Talente, so vieler Krfte hervorging? Mich berliefs, wenn ich mein
Leben an diesem ma. Ich fhlte schmerzhaft die groe Kluft zwischen
ihrem abgeklrten Alter und meiner ghrenden Jugend. Liebe und Verehrung
kann bestehen zwischen beiden, auch wohlwollendes Verstndnis, und
starke Wirkungen knnen ausgehen von einem zum anderen, aber jene
magnetischen Strme fehlen, durch die das Feinste und Tiefste lebendig
vom Menschen zum Menschen flutet. Auf dem Wege zu schwindelnden
Bergeshhen kann der Greis nicht mehr Schritt halten mit dem Jngling,
und grausam ist es, wenn er ihn an sich fesselt, aber noch viel
grausamer gegen sich selbst, wenn Jugend, ihre Triebe hemmend, sich
freiwillig dem Alter unterwirft. Trennung -- auch wenn sie Wunden reit
-- ist eine Bedingung des Lebens.

Sich beherrschen, sich unterwerfen war die Quintessenz meiner -- und
aller -- Erziehung gewesen. Darum schmte ich mich meines inneren
Widerstandes, sprach nicht von ihm und versuchte, ihn unter der reifen
Weisheit, die mir zuflo, zu ersticken. Gromama verlangte es freilich
nicht von mir: sie gab nur, wie sie stets nichts als das eine Bedrfnis
hatte, mit dem Besten, was sie besa, andere zu berschtten. Aber ein
junges Pflnzlein ertrinkt nur zu leicht unter der warmen Flle des
Frhlingsregens, die dem starken Baum zur Quelle ppigen Lebens wird.

Mit meiner fortschreitenden Genesung flohen wir die Nhe der Menschen
allmhlich immer weniger, und ein groer Kreis von Bekannten und
Verwandten fand sich allmhlich zusammen, aber nur wenige wurden zu
unserm stndigen Verkehr und zu Begleitern unsrer langen Spaziergnge.
Einen von ihnen hatte ich in Augsburg kennen gelernt: es war Baron Franz
Stauffenberg, der gerade damals wegen seiner scharfen oppositionellen
Stellung gegen die Wirtschaftspolitik Bismarcks eine in unsern Kreisen
berchtigte und gemiedene Persnlichkeit war. Da er, der
Grogrundbesitzer, Freihndler war und blieb, da er, der Aristokrat,
sich der Fortschrittspartei nherte, machte ihn unmglich.

Gromama stand jenseits solcher Vorurteile. Geist und Bildung zog sie
an, gleichgltig, wer ihr Trger auch sein mochte, und Stauffenberg
gehrte zu jenen immer seltener werdenden Menschen, die sie an ihre
Jugend in Weimar gemahnen konnten, wo der Beruf den Einzelnen noch nicht
mit Haut und Haaren auffra und die Vielseitigkeit lebendiger Interessen
einen geselligen Verkehr hherer Art mglich machte. Stauffenberg
vermied es sogar, ber Politik zu sprechen, whrend er auf jedem
anderen Gebiet, das berhrt wurde, zu Hause zu sein schien. Noch nie
war ich mir so klein und unwissend vorgekommen wie im Verkehr mit ihm.
In seiner Vorliebe fr englische Literatur traf er sich mit Gromama;
dabei schlugen Namen an mein Ohr, und von geistigen Strmungen war die
Rede, von denen ich noch nie gehrt hatte: Robert Browning -- Ruskin --
William Morris.

Die bildende Kunst pflegte man in den achtziger Jahren auerhalb der
Museen nicht zu suchen; die Beziehung zu ihr war fr die meisten
dieselbe, wie die zur Religion: sie hrte auf, sobald die Tren der
Galerien und der Kirchen sich hinter ihnen schlossen. Da Leben und
Kunst eins sein knnen, fiel in unseren Kreisen niemandem ein. Eine
gewisse Leichtigkeit der Existenz, ein durch Generationen sich
fortpflanzender Wohlstand ermglichen erst ihr Ineinanderflieen;
Preuen hatte keine knstlerische Kultur. Was ich von Ruskin, und
besonders von Morris, erfuhr, zauberte phantastische Bilder in mir
hervor: ein perikleisches Zeitalter, ein Florenz der Mediceer. Die
Wirklichkeit voll Not, voll Ungerechtigkeit und Hlichkeit, die
Gromama demgegenber heraufbeschwor, weckte mich unsanft aus meinen
Trumen. Es sei so viel, so schrecklich viel zu tun, um fr die Masse
der Menschen nur das nackte Leben mglich zu machen, sagte sie, da es
ihr vermessen erschiene, Bedrfnisse nach Schnheit zu wecken, wo die
vorhandenen Bedrfnisse nach Nahrung und Obdach nicht im entferntesten
gestillt wren. Und meine Phantasie zerflatterte vor den Empfindungen
meines Herzens, die Gromama ohne weiteres recht gaben. Ich blieb auch
dann auf ihrer Seite, wenn sie von diesem Standpunkt aus Bismarcks
Sozialpolitik verteidigte, und ihre innere Erregung, Stauffenbergs
Einwendungen gegenber, sich in der leichten Rte kund gab, die das
feine Elfenbeinwei ihrer Wangen frbte. Warum, wie Stauffenberg sagte,
die Schutzpolitik die mglichen Vorteile der Versicherungsgesetzgebung
illusorisch machen wrde, darber grbelte ich um so vergeblicher nach,
als national-konomische Terminologie fr mich Hieroglyphen bedeutete.
Zu fragen hatte ich nicht den Mut; es gehrt echte Bildung dazu,
Unwissenheit einzugestehen. Mein Bedrfnis nach Heldenverehrung war
berdies zu gro, als da ich Verlangen nach Mitteln getragen htte, die
Bismarck htten entgttern knnen. Von Politik wurde von jener
Unterhaltung ab kaum mehr gesprochen.

Irgend eine naturwissenschaftliche Broschre, wie sie damals, wenige
Monate nach Darwins Tod zahlreich erschienen, brachte die Rede auf den
groen Forscher. Nichts htte mich mehr verblffen knnen, als da ein
ernster Mann wie Stauffenberg, dessen Wissen ich bewunderte, ihn nicht
nur verteidigte, sondern die Ergebnisse seiner Untersuchungen ernst
nahm. Bei Erwhnung seines Namens hatte man doch sonst immer nur
spttisch gelacht, und da wir, nach ihm, vom Affen abstammen sollten,
hatte zu nichts als zu zahllosen Witzen und Karikaturen den Anla
gegeben. Fr mich persnlich kam hinzu, da meine naturwissenschaftliche
Bildung gleich Null war, mir also zu selbstndigem Nachdenken alles
geistige Rstzeug fehlte. Gromama ging es nicht viel besser: zu ihrer
wie zu meiner Zeit war die Bildung der Frauen eine rein schngeistige
gewesen. Stauffenberg hielt uns daher frmliche kleine Vortrge zur
Einfhrung in die Ideenwelt Darwins, -- im Ton des geistvollen
Plauderers, wie immer, und doch so klar und durchdacht in der
Gedankenfolge, da kein Buch aufklrender htte wirken knnen. Gromama
war auffallend still und nachdenklich nach solchen Gesprchen und warf
nur immer wieder die Frage auf, mit welchen Grnden die Gegner Darwins
seinen Anschauungen entgegenzutreten pflegten. Erst allmhlich hellten
sich ihre Zge wieder auf, und einmal sagte sie mit dem ihr eignen, das
ganze Antlitz durchleuchtenden Lcheln:

Sie haben mich alte Frau auf dem gewohnten Wege frmlich taumeln
lassen, lieber Baron. Aber nun gehe ich dafr um so sichrer. Ich empfand
in allem, was Sie sagten, das heraus, was Sie nicht sagten, und wohl
auch gar nicht sagen wollten, was aber, meiner Ansicht nach, der
Grundzug der Lehre Darwins ist: ihre Gegnerschaft zum Christentum. Da
Gott den Menschen schuf nach seinem Bilde, da die Snde die Ursache
alles menschlichen Elends ist und es keine Erlsung daraus gibt, als
durch die gttliche Gnade, -- da es unsre hchste Aufgabe ist, zu leben
wie Jesus, den Schwachen zu helfen, den Niedrigen und Verachteten
beizustehen, und da der rohe Kampf ums Dasein berwunden werden wird
durch die Liebe, -- widerspricht das nicht bis ins Kleinste den Lehren
Darwins? Der Glaube an das christliche Evangelium aber, die Befolgung
dessen, was es verlangt, hat mich nach den Kmpfen meiner Jugend zu
innerem Frieden gefhrt, und die berzeugung lebt unerschttert in mir,
da die tragischsten Probleme der Welt, Armut und Unglck, gelst wren,
wenn nur alle Menschen echte Christen wren. Soll ich mir am Ende
meines Lebens diesen Glauben nehmen lassen? Eine Anerkennung Darwinscher
Theorien bedeutet doch fr uns, die wir Laien sind, auch nichts anderes
als Glauben an ihn. Und Sie sagen selbst, da Koryphen der Wissenschaft
ihn mit wissenschaftlichen Grnden bekmpfen. Wre es nicht heller
Wahnsinn, wenn ich, wie ein ungebter Schwimmer, mich vom sicheren Port
erprobten Glaubens in die brandenden Wogen fremder Ideen strzen wollte,
nur weil vielleicht -- vielleicht! -- irgendwo in weiter Ferne ein neues
festes Land zu finden ist?! Ich bin zu alt dazu -- --

Statt aller Antwort kte Stauffenberg Gromama stumm die Hand. Meine
Erregung war aber so stark, da sie nach Ausdruck verlangte.

Und wenn ich das neue feste Land nie erreichen sollte, -- ich wrde
lieber im Meere untergehen, als immer nur sehnschtig vom sicheren Port
aus zusehen, wie es tobt und schumt, sagte ich, und meine Stimme
zitterte dabei.

Ein Schatten flog ber Gromamas Zge. Sie legte ihre schmale khle Hand
auf meine heien Finger. Das Leben wird schon dafr sorgen, da es beim
bloen Wnschen nicht bleibt, mein Kind, dann sich wieder zu
Stauffenberg wendend, fgte sie hinzu: Sie sehen, wie wenig unsere
Lebenserfahrungen unseren Enkeln ntzen. Jeder fngt von vorn an, und
wir knnen schlielich nur Trnen trocknen und Wunden verbinden.

Bald darauf reiste Stauffenberg ab, und ein andrer trat mehr und mehr an
seine Stelle. Es war Karl von Gersdorff, ein Neffe meiner Gromutter,
der auch zu jenen aus der Art geschlagenen Sonderlingen gehrte, die
aristokratische Familien sich gern von den Rockschen abschtteln. Wie
oft hatte ich in Pirgallen ber ihn spotten hren, der wie ein
Schulmeister aussah, ein Frulein so und so geheiratet hatte, und mit
Kreti und Pleti befreundet war, wie geringschtzig zuckten sie die
Achseln, wenn Gromama ihn verteidigte. Er war ein begeisterter Freund
Friedrich Nietzsches, hatte ihm sogar einmal, zum Entsetzen der
Verwandtschaft, sein Gut zum Asyl angeboten. Durch Nietzsches Abkehr von
Richard Wagner war eine leise Entfremdung zwischen beiden eingetreten,
denn Gersdorff wurde ein um so leidenschaftlicherer Wagnerianer, je mehr
sich der Meister zu den Ideen seines Parsifal entwickelte. Als wir in
Karlsbad zusammentrafen, war Wagner kaum ein Jahr tot, und sein Wesen,
seine Werke, seine Weltanschauung bildeten den Inhalt fast aller
Gesprche. Hatte seine Musik mich in jenen Zustand hchster Ekstase
versetzt, der das ganze Ich in Andacht und Entzcken auflst, so
erschienen mir seine Gedanken berraschend und doch vertraut. Sein Groll
gegen die bestehende Zivilisation mit ihrem Inhalt an materieller und
geistiger Not, sein Glaube an die Mglichkeit einer knftigen
Regeneration, seine Kritik des gegenwrtigen Christentums, mit dem
wahren Geiste des Evangeliums verglichen, und seine Erhebung der Kunst
zur Hhe lebendig dargestellter Religion, -- hatte nicht irgendwo, tief
verborgen, all das auch in mir geschlummert? Ich begrte es jetzt mit
der freudigen berraschung, wie wir lngst vergessene alte Freunde, die
pltzlich aus dem Gewhl der Gleichgltigen vor uns auftauchen, zu
begren pflegen. Im stillen verurteilte ich Nietzsche, -- dessen Namen
ich brigens zum elften Male hrte, -- der dem groen Freunde hatte
untreu werden knnen, und begriff nicht Gersdorffs Anhnglichkeit an
ihn.

Eines schnen Maienmorgens saen wir in groer Gesellschaft eben
eingetroffner Verwandter auf der alten Wiese vor dem Elefanten;
Gromama war mit ihnen in die Besprechung alter und neuer
Familiengeschichten vertieft, die mich immer sehr langweilten; Gersdorff
las in einem der vielen Bcher, ohne die er das Haus nicht zu verlassen
pflegte. Ich machte mich im stillen ber die bademig herausgeputzte,
mit rosa Brottten bewaffnete, rhrig, wie zum ernstesten Geschft,
ihrem Ziel, dem lockenden Frhstck, zustrebende Menge lustig, die an
uns vorberflutete. Mir war sehr wohl, sehr behaglich zumute, wie nur
einem jungen Gesundgewordnen sein kann, der die gekrftigten Glieder in
der warmen Frhlingssonne dehnt. Da fiel mein Blick auf die Frhliche
Wissenschaft, Nietzsches jngstes Werk, das neben Gersdorffs Tasse lag.
Er hatte Gromama zuweilen einzelne Abschnitte daraus vorgelesen, von
denen mir die Empfindung des unheimlich Fremden zurckgeblieben war.
Mechanisch fing ich an, darin zu blttern, bis ein Satz mir ins Auge
sprang: Das Leben sagt: Folge mir nicht nach; -- sondern dir! sondern
dir! Leidenschaft ist besser als Stoizismus und Heuchelei, Ehrlichsein,
selbst im Bsen, besser, als sich an die Sittlichkeit des Herkommens
verlieren ...

Wenn ein eisiger Luftstrom durch pltzlich weit aufgerine Fenster den
im warmen Zimmer Sitzenden trifft, so schauert er zuerst frierend und
angstvoll zusammen, um im nchsten Augenblick mit tiefen durstigen
Zgen den reinen Quell einzusaugen, der ihm die dunstig-schwere Schwle
ringsum erst zum Bewutsein bringt. Wie solch einem war mir zumute.
Kmpfte ich nicht stndig, um mich dem Leben und dem Herkommen
unterzuordnen? Versuchte ich nicht, mir einzureden, jeder Sieg ber
meine innersten Triebe sei ein Zeichen wachsender Tugend? Und hatte doch
stets ein schlechtes Gewissen dabei!

Lustige Stimmen schlugen an mein Ohr:

Auf Wiedersehen beim Konzert nachmittag ...

Gehst du zur Reunion heut abend? ...

Wir gehen ins Theater ...

Halb abwesend starrte ich von einem zum andern.

Alix hat Tagestrume, hrte ich Gromama sagen; verwirrt schlug ich
das Buch zu. Abends vor dem Schlafengehen trug ich den Satz aus dem
Gedchtnis in mein Notizbuch ein -- zwischen lauter Adressen, Gedichten
und Rezepten. Mit Gromama wechselte ich kein Wort darber; ich
frchtete mich; wie ein Dieb kam ich mir vor, der ngstlich den
gestohlenen Brillanten htet, und instinktiv fhlte ich, da es keinen
greren Gegensatz geben knne, als den zwischen diesen Worten und der
Lehre von der Nachfolge Christi, zu der Gromama sich bekannte. Ein
Schleier war zwischen uns niedergefallen, der nicht trennt, aber die
Klarheit der Zge verwischt.

Ende Mai machten wir unserem Arzt die Abschiedsvisite.

Na also! sagte er zufrieden, da wren die roten Backen wieder! Aber
nun gilts brav sein und gehorchen und das Herzchen festhalten! ...

Nachdem er eine Reihe von Verordnungen gegeben hatte, hielt er zgernd
inne. Und nun das Schlimmste fr so ein junges, hbsches Frulein: fr
die nchsten sechs -- acht Monate ist jede Art starker Bewegung
verboten. Also kein Reiten -- kein Tanzen --

Er erwartete offenbar meinen heftigsten Widerspruch und sah mich auf
mein freimtiges Gewi, Herr Doktor mit unverhohlenem Erstaunen an.

Du bist ein tapfres Kind! sagte Gromama, als wir die Treppe
hinuntergingen.

Gar nicht, Gromama! erwiderte ich. Denn nur eins wnsch ich mir,
Ruhe zum Lernen, zum Lesen und Arbeiten.

Ein Besuch in Weimar, den wir vorhatten, und der dem langen Aufenthalt
in Pirgallen vorausgehen sollte, erschien mir zunchst nur wie eine
Strung. Aber je mehr wir uns der Stadt Goethes nherten, desto mehr
freute ich mich darauf. Whrend Gromama versuchte, das Enkelkind mit
dem, was ihrer an Menschen und Dingen dort wartete, vertraut zu machen,
verlor sie sich in den Erinnerungen ihrer Jugend. Und ich sah sie vor
mir, die Mnner mit den feinen glatten Gesichtern ber den hohen
Vatermrdern, die Frauen mit den kunstvoll frisierten Kpfchen und den
schlichten Mullfhnchen, wie sie auf den Wiesen von Tiefurt Blindekuh
spielten und zierlich-gravittisch im Schlosaal die Gavotte tanzten;
ich hrte, wie sie mit Lamartine und mit Byron weinten und schwrmten,
ich fhlte, wie ihre Gemter sich tiefer Freundschaft erschlossen, wie
ihre Herzen schlugen in Liebesglck und Leid. Zu Goethes Fen sah ich
die Gromutter sitzen, stumm, ehrfurchtsvoll -- ein Lauschen, ein
Empfangen. Zur rmsten Zeit Deutschlands, -- wie reich war sie gewesen!
Und eine Heimat hatte sie gehabt, aus der die Wurzeln ihrer Seele noch
heute Lebenskrfte sogen.

Ich sa am Kupeefenster im Abenddmmerlicht; Gromama schlummerte mir
gegenber, noch ein Lcheln der Erinnerung auf den Zgen. Wlder und
Felder, Huser und Grten flogen an mir vorbei. So ist mein Leben,
dachte ich. Alles entschwindet mir, kaum da ichs betrachten konnte;
nirgends wurzle ich. Dabei fielen mir Verse ein, die ich hastig in mein
Notizbuch kritzelte:

    Ein Vagabund bin ich genannt,
    Will niemand von mir wissen;
    Die Sohlen hab ich durchgerannt,
    Mein Wams ist lngst zerschlissen.

    Zur Arbeit ruft man mich umsunst,
    Trag nicht danach Verlangen,
    Steh bei der Lerche hoch in Gunst,
    Die lt sich auch nicht fangen;

    Die singt ihr Lied auf freiem Feld
    Mit freier, lustger Kehle,
    Die schmettert hoch in alle Welt,
    Und hrts auch seine Seele.

    Doch eines ist, das wurmt mich schwer:
    Sie hat ein Nest, ein kleines; --
    Ich zog die Lande hin und her --
    Wo aber, sagt, ist meines?!

In Weimar wohnten wir bei Gromamas Bruder an der Ackerwand, dicht
neben dem Hause der Frau von Stein, wo die Lorbeerbume in ihren groen
Kbeln noch ebenso auf dem Vorplatz standen, wie zu der klassischen
Zeit, da die liebe Lotte unter ihnen zum Nachmittagtee ihre Freunde
empfing. Aus unseren Fenstern sah man weit hinein in den Park.

Am ersten Morgen, als die Sonnenstrahlen nur gerade die Wipfel der alten
Bume trafen, schlpfte ich hinaus. Zauberhaft still und einsam war es;
nur ein heimliches Vogelzwitschern, ein fernes Flstern der Ilm verriet
das Leben. Auf dem grnen Wiesenplan vor dem Hochmeisterhaus funkelten
die Tautropfen an den Zittergrsern; die roten und weien, die gelben
und blauen Blten an den Bschen strahlten im Glanze eben entfalteter
Pracht. Weiter unten, wo im Felsen die steile Treppe abwrts fhrt zum
Ilmtal, stieg feuchter wrziger Erdgeruch zu mir empor. Die
geschlossenen Fensteraugen der Einsiedelei sahen aus wie die eines
Schlafenden, minutenlang stand ich davor, traumbefangen, und wartete auf
den geheimnisvollen Bewohner, der sie ffnen sollte. Aber die Ilm
pltscherte, als lachte sie mich aus.

ber der Brcke, hinter den dunkeln Bschen und Bumen, lag die Erde
noch eingehllt in ein durchsichtig-weies Nebeltuch, das kecke
Sonnenstrahlen zu zerreien sich bemhten. Und ein helles Huschen
schimmerte lockend vom jenseitigen Hgel, das mir vertraut entgegensah,
als wre ich drben daheim. War es nicht aus dem Rahmen getreten, der in
Pirgallen in Gromamas Zimmer hing? Dort hatte ich es gesehen von klein
auf, und wenn ich vom Zuckerhuschen im Walde hatte erzhlen hren,
konnte ich mirs nie anders vorstellen. Ob ich mich wohl hinber wagen
knnte durch den Nebel? Erlknigs Tchter tanzten hier, wie einst, da
sie den hellsehenden Augen des Dichters erschienen.

Und nun war ich drben. Aber die weie Tr zwischen den grnen Hecken
verschlo das stille Reich hinter ihr. Scheu sah ich mich um; niemand
weit und breit! Der niedrige Holzzaun hinter der zweiten breiteren
Pforte war kein unberwindliches Hindernis -- ein paar Risse im Rock,
eine Schramme am Arm --, und in Goethes Garten stand ich. Der Ton
knarrender Wagenrder trieb mich den langen, Unkraut bewachsenen Weg
hinunter bis hinter das Haus. Grnes Dmmerlicht nahm mich auf, kein
Blttchen rhrte sich ber mir; auf der Lehne der morschen Bank sa
regungslos mit hochgestellten Flgeln ein groer blauschwarzer
Schmetterling. Die Stille herrschte -- eine Stille, als wre die Erde
versunken --, und nur dieser Raum mit dem toten Hause davor schwebte in
der ungeheueren Weite des Weltraums. Ich prete meine Hnde auf das
wildklopfende Herz, und groe Trnen tropften unaufhaltsam aus meinen
Augen. Aber dann schmte ich mich: wie konnte ich -- ich! mit meinem
unnennbaren Weh diesen heiligen Ort entweihen! Leise auf den
Zehenspitzen, das Kleid gerafft, damit sein Rascheln nicht stre,
schlich ich davon.

Auf den mchtigen Wrfel aus Granit mit der Kugel darauf lehnte ich mich
und vergrub, bitterlich weinend, das Gesicht in den Hnden. Da stimmte
ein Vglein ber mir sein Morgenlied an, und aus dem nchsten Baum
antwortete ihm ein anderes, bis es zwitschernd, tirlierend und fltend
von allen Zweigen klang, -- ein jubelnder Gru an die siegende Sonne.
Tief aufatmend streckte ich die Arme und dehnte die Brust, und pltzlich
freute ich mich, da ich gar nichts war als ein junges Menschenkind mit
dem ganzen reichen groen Leben vor mir. In schwrmerischer Verzckung
sank ich vor dem Altar des guten Glcks in die Kniee und betete den
Unsterblichen an, dessen Atem ich zu fhlen meinte.

Noch am selben Tage ging ich mit Gromama nach dem Frauenplan, um in
Goethes Stadthaus den letzten seines Namens zu besuchen, der ihr
Jugendfreund war. Still und zurckgezogen, sich ngstlich vor der
Berhrung mit der Welt htend, lebte Walter Goethe oben in den
Giebelzimmern seiner verstorbenen Mutter. Ein groes Bild des Dichters
hing im Empfangsraum; es erdrckte die kleine Stube und noch mehr den
kleinen, armen Nachkmmling darin. Ich konnt es nicht fassen, da dies
ein Goethe war! Erst als die beiden Freunde miteinander sprachen, fhlte
ich die andere Welt, aus der sie stammten. Wie warm und echt waren die
Empfindungen, denen sie Worte liehen, wie lebendig die Interessen, an
denen sie Anteil nahmen, -- so sprach man heute nicht mehr miteinander,
wo Gefhl ein Spott und Blasiertheit Trumpf war.

Je lnger wir in Weimar blieben, desto mehr empfand ich seinen Geist.
Freilich, die Menschen, mit denen Gromama verkehrte, waren alle alt,
alles ihre Zeitgenossen, und doch, weil sie treu ihrer Jugend waren,
seelenjung. Da war der Onkel, bei dem wir wohnten, ein Mann von jener
schlichten Vornehmheit, die allein das Zeichen echter Kultur ist; da
war der Groherzog mit seiner leidenschaftlichen Liebe fr Weimars
Tradition, der er bescheiden sich selbst unterordnete, berall nach
geistigen Werten Umschau haltend und sich der Funde freuend, wie ein
Sammler an seinen Schtzen; da waren Frauen, die begeistert und
begeisternd nicht Namen und Titel und bunte Uniformen zu Gaste luden,
sondern fhrende Geister, werdende und gewordene. Ich taute allmhlich
auf in dieser Umgebung und lernte, ohne Scheu vor dem Ausgelachtwerden
oder dem erstaunten Verstummen der andern, von dem reden, was mich
interessierte, und fragen nach dem, was ich zu wissen begehrte. Der
Vorsatz befestigte sich in mir: ich wollte nicht mehr zurck in die Welt
der Konvention und der khlen Phrase, wo feste Schlsser vor Herz und
Mund Bedingung guter Erziehung sind.

Gromama sprach von einem knftigen Hofdamenposten fr mich. So ganz
nach meinem Geschmack war das allerdings nicht; von all den Tanten und
Kusinen, die ihn inne hatten, wute ich, wie viel drckende
Dienstbarkeit er mit sich brachte. Aber viel besser erschien es mir
immerhin, in Weimar abhngig zu sein, als von einer Garnison zur andern
stets in derselben Leutnantsatmosphre leben. Meine heimlich gehegten
Dichtertrume wrden hier vielleicht reifen knnen, und ganz im
Verborgenen tauchte dazu eine romantische Hoffnung auf: ihn hier zu
finden, den mrchenhaften Schwanenritter, dem mein Herz gehren sollte!

Gegen Ende unseres Aufenthalts ging ich noch einmal mit Gromama zu
Walter Goethe. Er war ungewhnlich freundlich zu mir und erfllte ohne
weiteres meinen Wunsch, allein in Goethes Zimmer gehen zu drfen. Ich
schlo sie mir auf und ffnete die kleinen Lden und stand dann still
und stumm mit gefalteten Hnden vor dem Stuhl, in dem er gestorben war,
an seinem Bett. Wie einem, der auszieht zum Kampf und Abschied nimmt,
unsicher, ob er jemals wiederkehrt, war mir zumute. Goethes Gebet kam
mir unwillkrlich auf die Lippen: Gib mir groe Gedanken und ein reines
Herz.

Ich mochte bla und verweint genug aussehen, als wir abreisten;
sorgenvoll sah mich Gromama an: Bist du nicht wohl, mein Kind?

Da kam mir zum Bewutsein, was ich ihr alles verdankte: Zu dem heien
Wunderquell hatte sie mich gefhrt, der meinen Krper heilte, und
erschlossen hatte sie die Quellen, die meine Seele nhrten. Mit beiden
Hnden griff ich nach ihrer Hand und prete die Lippen darauf: Ich bin
ganz, ganz gesund, Gromama!




Neuntes Kapitel


Auf dem Wege nach Pirgallen machten wir bei einer Reihe von Verwandten
Station. Ich kam mir vor, als wre ich von luftiger Bergeshhe in
schwle Niederung geschleudert worden. Wir haben eine Vetternreise
hinter uns: in Sachsen, in der Mark, in Pommern -- berall derselbe
Schlag Krautjunker, je nach der Gre der Geldbeutel echt oder unecht
berfirnit, bei allen dieselbe souverne Verachtung geistiger Werte --
schrieb ich an meine Kusine Mathilde. Meine Vettern in Ingershausen --
brigens ein pompses Schlo, das August dem Starken, seinem Erbauer,
alle Ehre macht --, die frher an bengstigender Wasserscheu litten,
sind Gigerl par excellence geworden, gardereif. Ihre Schwester, eine
Venus von Milo, hat schon mit siebzehn Jahren geheiratet, kriegt ein
Kind nach dem andern und den fatalen Zug um den Mund, den ich noch bei
jeder jungen Frau entdeckt habe: ich glaube, es ist der der
Enttuschung. Ein paar Kindheitsfreundinnen, die ich wiedersah, und die
mir vor Jahr und Tag mit allen Zeichen des Triumphes -- sie hatten mich
ja im Rennen um den Mann um ein paar Pferdelngen geschlagen! -- ihre
Verlobung mitgeteilt hatten, traten mir jetzt als hochschwangere Frauen
entgegen: bla, mimutig. Ich htte nun gern meinerseits triumphiert,
aber das Mitleid mit den armen Wrmern, die sie mit solcher Giftlaune
unter dem Herzen tragen, berwog. Ein Weib, das ein Kind erwartet,
sollte sein wie eine Siegerin!

Ich atmete auf, als wir endlich in Pirgallen waren, wo ich hoffte, mich
meinen Studien und Arbeiten ganz berlassen zu knnen. Dort hatte sich
inzwischen mancherlei verndert. Mein Onkel hatte sich in den Reichstag
whlen lassen, -- auf vieles Zureden seiner Parteigenossen, denn in ihm
selbst regte sich zu stark das alte Herrengefhl des ostdeutschen
Junkers, als da es ihm nicht widerstrebt htte, die durch das
allgemeine Wahlrecht nun einmal festgesetzte Gleichheit zwischen Herr
und Knecht auch nur uerlich anzuerkennen. Da er, dessen Verkehr mit
den Untergebenen nur im Befehlen, Tadeln und Strafen bestand, von ihrer
Gunst abhngig war, ja sogar um sie werben mute, erschien ihm als eine
Entwrdigung. Er war dabei ein so ehrlich berzeugter Konservativer, so
durchdrungen davon, da jede Erweiterung der Freiheit und der Rechte der
unteren Volksklassen zu ihrem eigenen Verderben ausschlagen wrde, da
er sich vollkommen berechtigt glaubte, auch durch ungesetzliche Mittel
den Einflu liberaler oder gar sozialdemokratischer Strmungen zu
bekmpfen. Seinen ehemaligen Viehhirten, einen notorischen Sufer, der
sozialdemokratisch gestimmt hatte, weil der Herr Baron dem Krugwirt
verboten hatte, ihm mehr als zwei Glas Schnaps zu geben, pflegte er
seiner Mutter gegenber immer wieder zu zitieren, wenn sie das Recht
auf die persnliche berzeugung verteidigte. Gar nichts wute der
Kerl sonst von der Sozialdemokratie, sagte er, er konnte weder lesen
noch schreiben. Jeder, der ihm Fusel gibt, dessen 'berzeugung' hat er.
Stellt Euch vor, alle Viehhirten und Konsorten stimmten wie er und kmen
zur Macht, -- eine nette Wirtschaft wrde das. Und als Gromama
einwarf: So gebt dem Volk eine bessere Bildung, antwortete er: Damit
jeder Instmannsjunge Professor werden und keiner mehr arbeiten will!
Dann sollen wir wohl unsere Frauen vor den Melkeimer setzen und uns
hinter den Pflug stellen?

Vielleicht entsprche solch ein Wechsel der gttlichen Gerechtigkeit,
meinte Gromama lchelnd, seit Jahrhunderten gingen sie hinter dem
Pfluge -- am Ende ist jetzt die Reihe an Euch! Mit hochgeschwollener
Stirnader sprang der Onkel vom Stuhl und warf die Tre hinter sich zu.
Er war reizbarer als sonst. Zu deutlich pochte die neue Zeit an das
schwere Burgtor von Pirgallen, und er selbst hatte die Zugbrcke, die
unliebsamen Gsten den Eingang wehrte, in eine feste, steinerne
verwandelt. Er selbst hatte bei der Regierung all seinen Einflu daran
gesetzt, damit die Eisenbahn bei ihm vorbei gelegt, der Hafen am
Kurischen Haff an seine Gutsgrenze gebaut werde. Nun konnten seine
Steine zu fernen Bauten ber die Ostsee entfhrt werden, und die
Ertrgnisse seines Gutes fanden in Berlin zahlungskrftige Kufer, --
aber neue Gedanken waren mit den fremden Ingenieuren und Arbeitern
eingefhrt worden. Er selbst strebte danach, sein Besitztum, das seine
Vter schlecht und recht ernhrt hatte, in eine kapitalistische
Unternehmung zu verwandeln, von der er Millionen erwartete. Aber mit den
Maschinen, mit den Kanlen, den Wiesenmeliorationen, den neuen
Bebauungsweisen, der ganzen intensiven Art der Bewirtschaftung kamen
Scharen neuer Arbeitskrfte ins Land, von denen die Alteingesessenen
Ansichten und Bedrfnisse rasch, Handfertigkeit und Verstndnis aber um
so langsamer lernten. Die Unzufriedenheit wucherte wie Unkraut, und am
ppigsten in den kleinen strohgedeckten Katen, deren Bewohner seit
Generationen im Dienste der Golzows standen.

In einer der ltesten hauste die alte Maruschka mit Kindern und Enkeln,
ein verhutzeltes, zitteriges Weiblein. Wie braune Fichtenrinden waren
ihre Wangen und ihre Stirn, die Augen eingesunken, wei und gelb wie
versteckte Harzlcher. Nur wenn sie Gromama sah, verzog sie die dnnen
Lippen zu einem Grinsen. Vor Jahren hatte ich sie, die seit ihrer
frhsten Mdchenzeit in der Burg diente, noch in einem der dunkelsten
Rume, dicht ber dem Wassergraben, von morgens bis abends vor dem alten
mchtigen Webstuhl sitzen sehen. Alle Mgde trugen die Stoffe, die sie
wob: feste harte, aus groben blauen und roten Fden. Die junge Frau
Baronin hatte sie aufs Altenteil gesetzt, -- sie brauchte das Zimmer,
und die hbschen Dienstmdchen trugen das altmodische Zeug nicht mehr.
Nun hate die Alte die neue Zeit und alles, was sie mit sich fhrte. An
ihrem schwlenden Herdfeuer in der engen Stube mit dem grauen
schmierigen Lehmboden, wo Hhner, Gnse, Ferkel und Kinder durcheinander
gackerten, quiekten und schrieen, war die Freistatt aller Murrenden. Sie
hetzte die Schchternen auf, die noch in blinder Unterwrfigkeit an der
Herrschaft hingen, sie lobte die Unbotmigen und hatte trotz all ihrer
Armseligkeit stets den Schnaps bereit fr die, die im Krug mit den
Neuen, den Stdtischen nicht zusammen sitzen mochten.

Ihr Jngster, der Franz, war Stallknecht, dem mein Onkel seiner
Gewandtheit wegen hufig die wertvollsten Pferde berlie. Eines abends
sah er, da die Delilah, die der Franz hatte bewegen sollen,
schweitriefend und ohne Decke in ihrer Box stand, whrend er auf seinem
Bett daneben seinen Rausch ausschlief. Ehe ich, die ich dabei stand, es
verhindern konnte, sauste meines Onkels Reitpeitsche ihm quer bers
Gesicht. Taumelnd erhob er sich, sah meinen Onkel mit blden Augen an
und fiel ihm heulend zu Fen. Ich wollte mich schon emprt abwenden, --
emprter noch ber den Feigling, der vor mir winselte, als ber den
Onkel --, als mich aus dem Augenwinkel des auf dem Boden Kauernden ein
Blick traf, wie der eines wilden Tieres. Am nchsten Morgen lag eine der
Zuchtstuten verendet im Paddock. Keiner von uns zweifelte, da Franz der
Tter war, ich, die ich hartnckig schwieg, am wenigsten. All seine
Arbeitskollegen jedoch standen auf seiner Seite und lenkten den Verdacht
auf die Kanalarbeiter. Zu beweisen aber war nichts. Onkel Walter entlie
den Knecht und verbot ihm mit allem Nachdruck, den Boden Pirgallens
wieder zu betreten. Wir saen gerade in der Halle beim Frhstck, als
die alte Maruschken unangemeldet auf der Freitreppe erschien, die
verschrumpelten braunen Hnde ber ihrem Krckstock gefaltet, im
selbstgewebten Sonntagsstaat, den eisgrauen Kopf von einem schwarzen
Tuch umwunden, die kleinen Bernsteinaugen funkelnd auf uns gerichtet,
wie die Waldhexe aus dem Mrchen.

Verzeihen die gndige Herrschaft, hob sie mit stockender Stimme an --

Was willst du, Maruschken? frug Gromama, ihr gtig die Hand
entgegenstreckend, whrend Onkel sich ungeduldig rusperte.

O mai allerkutestes gndiges Frauchen, -- schluchzend strzte die Alte
vor ihrer einstigen Herrin nieder und zog demtig ihren Rock an die
Lippen, mai Jung hat das Perdchen, das liebe kute Perdchen, nich
erstochen! Schickens ihn nich in die Fremde! Mai Vater, mai Grovater,
mai Ahne -- alle, alle haben der gndigen Herrschaft gedient mit Leib
und Leben -- schickens uns nich fort! Ihre Stimme wurde krchzend wie
Rabenstimmen, wenn sie im Herbst auf den Stoppelfeldern sitzen.

Mein Sohn schickt euch ja nicht fort, Maruschken, antwortete Gromama.
Nur den einen von deinen Kindern, und -- wenn er sich drauen gut fhrt
-- bittend sah Gromama zu Onkel Walter herber -- darf er gewi
wieder nach Hause kommen.

Die Alte richtete sich auf. Stumm sah sie von einem zum anderen.

Nimmt der gndige Herr Baron den Befehl zurck? kam es leise und
zischend ber ihre halbgeffneten Lippen.

Nein! Ein Faustschlag auf den Tisch bekrftigte Onkel Walters heftige
Antwort. Und nun geht, Maruschken. Mein letztes Wort habt Ihr!

Fest auf den Stock gesttzt, reckte die Alte den krummen Rcken und hob
den Kopf, da die Sehnen an ihrem Halse wie braunrote Stricke
hervortraten.

Die alte Maruschken geht, mai kutestes Herrchen, -- geht weit -- weit
weg und nimmt mehr mit, viel mehr, als blo ein Perdchen! -- -- Auf
diesen alten Armchen trug ich den jungen Herrn -- gab ihm die Brust,
statt dem eignen Jungchen. Und gearbeitet hab ich an die vierzig Jahr
auf Pirgallen -- und Shne und Tchter hab ich geboren und aufgezogen in
Gehorsam vor der Herrschaft und Gottesfurcht, und sie arbeiten auch auf
Pirgallen, fr die gndige Herrschaft -- --

Ungeduldig unterbrach der Onkel ihren Redeflu. Ich bin der letzte, der
deine treue Arbeit nicht anerkannt und redlich belohnt hat. Aber einen
widerhaarigen Trunkenbold -- und wenn er zehnmal dein Sohn ist -- kann
ich nicht brauchen. Meine Geduld ist erschpft -- hte dich, Alte, mich
noch zu reizen. Ich wei recht gut, wo die Stnker und Hetzer zu Hause
sind!

Gar nichts wei der Herr Baron, gar nichts eiferte sie. Im Krug, wo
die Kanalarbeiter sitzen, beim neuen Inspektor, wo die fainen Herren aus
der Stadt morgens und abends Wein trinken, in der Gesindestube, wo die
vornehmen Diener mit die Stadtmchens schkern, da sind die Stnker; --
bei der alten Maruschken nich! Wir halten noch auf alte Art und Zucht,
wir lieben das liebe Landchen, die Burg, und die Kirche und die Kate.
Aber die anderen, das sind Auslndsche, die blos aufs Geld sind und
keinen Glauben nich haben. Warum holt sie der Herr Baron und unsere
Jungchens schickt er weg, da sie auch so werden wie die Fremden? -- --
Zu Haus wollen wir bleiben -- ihre Stimme kreischte -- mit die
Kindersch. Aber wo die rechte Liebe weg is, geht auch die Ehrfurcht und
der Gehorsam ... Die Peitsche ins Gesicht, -- das haben der alten
Maruschken ihre Jungchen nich verdient um die Herrschaft --

Wtend erhob sich der Onkel: Nun hab ich die Komdie satt, scher dich
zum Teufel.

Mit aufgerissenen Augen starrte die Alte ihn an und beachtete Gromama
gar nicht, die begtigend ihre Hand auf ihre Schulter legte.

Ich scher mich, ich scher mich, aber zum Teufel nich! schrie sie, der
Teufel is zu Haus jetzt auf Pirgallen, -- alle bsen Geister gehen um,
-- im Turm krachts, wo die gndige Herrschaft die faulen Insten in
Ketten legte, und aus dem Haff steigen die toten Fischer auf -- die alte
Maruschken geht -- das liebe Herrgottche suchen --

Wie unter einem Zwang waren wir alle verstummt. Die Steintreppe humpelte
sie hinab -- sie wandte den Kopf nicht mehr -- sie war jetzt ganz klein
und zusammengesunken. Am folgenden Tage stand ihre Kate leer, -- bei
Nacht und Nebel war sie mit ihren Kindern und Enkeln davongegangen,
ihren armseligen Hausrat auf zwei Karren mit sich schleppend. Die Leute
flsterten noch lange mit leisem Grauen davon, wie sie drohend den
Krckstock erhoben habe, als sie an der Burg vorbeikam, und unaufhrlich
vor sich hinmurmelnd dem Zuge der ihren voran geschritten sei, vor jeder
Htte am Wege inne haltend, um den aus dem Schlaf geschreckten Bewohnern
zu erzhlen, da der Herr von Pirgallen sie von Haus und Hof vertrieb.

Auch fr mich war der Eindruck ein unverwischbarer. Ich ging oft ins
Dorf hinab und in die Ortschaften am Strande, und lernte die harten,
einsilbigen Menschen kennen, die fr unaufhrliche Arbeit ein
sprliches freudloses Leben gewannen. Die meisten nahmen es noch hin wie
etwas Selbstverstndliches, aber schon zuckte in ihren Augen hie und da
dieselbe Flamme auf, die in dem Blick der alten Maruschken gebrannt
hatte. Die Zeit, da sie sich vor dem Herren fhlten wie stumme Sklaven
oder wie willenlose Kinder, war vorber. Es gingen wirklich bse Geister
um, auch in der alten Ordensburg.

Mein Onkel war, so viel er sich auch zu bilden strebte, den
Anforderungen moderner Landwirtschaft geistig nicht gewachsen. Man
mte Chemiker, Ingenieur, Naturforscher sein, um nicht von jedem Hans
Narren bersehen und betrogen zu werden; statt dessen hat unsereins nur
Leutnant gelernt, sagte er einmal bitter. Er entschlo sich sogar zum
Verkehr mit einem alten Gegner aus der Nachbarschaft, einem
Freisinnigen, der der beste Landwirt im Lande war. Ich begleitete die
Herren zu Pferde bei ihren Inspektionsritten und hrte oft, wie der alte
Mann das Neue, das der junge schuf und plante, rckhaltlos gut hie.
Nur eins kann ich Ihnen nicht verhehlen, Herr Baron, mit der Angst
wrde ichs kriegen, wenn ich Sie nicht fr einen bedachtsamen Mann
hielte, der wei, da er Hunderttausende hier hineinstecken mu, ehe die
Millionen herausspringen. Ich sah, wie Onkel Walter um einen Schein
blasser wurde, und erschrak mit ihm.

Er war sehr ernst geworden in den letzten Jahren. Sein frhlicher
Leichtsinn brach nur dann immer wieder hervor, wenn seine Frau ihn
umschmeichelte -- wegen neuer Toiletten, neuem Schmuck oder neuen Hunden
-- und sein Shnchen, das sie ihm vor drei Jahren geschenkt hatte, auf
seinen Knieen ritt. Dieser Stammhalter war der Mittelpunkt des Lebens.
Er besa schon seinen eigenen kleinen Hofstaat, und zwei
Miniaturpferdchen -- Shetland-Ponies, die der Vater direkt hatte kommen
lassen -- sprten bereits, wenn er in seinem winzigen Wagen durch den
Park fuhr, die Peitsche des kleinen Junkers. Alle tyrannisierte er; fr
mein Schwesterchen, das selbst gewhnt war, da die anderen sich ihr
unterordneten, war er der gefrchtetste Qulgeist, und vor ihm
flchtend, klammerte sie sich leidenschaftlich an mich an. Mein
liebebedrftiges Herz empfand das sehr wohlttig, und mein, eingedenk
der eigenen Kinderqualen, leicht erregtes Mitleid kam ihren Wnschen
rasch entgegen. Schon frh morgens pflegte ich mit ihr in den
verstecktesten Teil des Parks zu fliehen; ich erfand die
phantastischsten Spiele und die buntesten Mrchen, und der halbe Tag
ging vorber, ehe ich zu mir selbst kam. Dann geschah es wohl, da mich
heftiger Groll gegen die kleine Tyrannin erfate, die mich so in
Anspruch nahm; aber ein bittender Blick ihrer groen Blauaugen, ein
zrtlicher Druck ihrer runden rmchen um meinen Hals machte mich wieder
gefgig. Nein, sie sollte, sie durfte nicht erleben, was ich erlebt
hatte! Allmhlich lernte ich sogar, ihr dankbar sein: die anderen
nannten mich einen Blaustrumpf -- berspannt -- verdreht, dem
sen sechsjhrigen Blondkopf aber konnte ich gar nicht phantastisch
genug sein. Sie wollte immer neue Mrchen hren -- ganz neue, die noch
kein Kind gehrt hat --, und unsere ganze Umgebung wurde zum
Ausgangspunkt meiner Geschichten, in die ich Gtter- und Heldensagen
verflocht. Sie glaubte an mich -- felsenfest: wenn wir auf dem Haff
segelten, warf sie heimlich mitgebrachten Kuchen ins Wasser, -- fr
Neringa, die Hafffrau, die drunten hungert, -- zwischen die Steine der
Parkmauer schob sie Tpfchen mit Milch, -- fr die Wichtelmnnchen, die
dort ihr Wesen treiben.

Lie sie mich frei, so vergrub ich mich in die Bibliothek. Unter dem
Vorwand, die Bcher ordnen zu wollen, hatte ich mir dieses Asyl, das nur
selten jemand betrat, gesichert. Es war dunkel und roch nach moderndem
Papier; aber was kmmerte das mich, die ich tief im Ledersessel kauerte
und ber dem Lesen alles verga! Eine kuriose Sammlung enthielten die
Schrnke: alte landwirtschaftliche Broschren und Zeitschriften,
Reichstagsprotokolle der jngsten Zeit, Modebltter, die sich seit
Jahrzehnten angesammelt hatten, franzsische Romane verfnglicher Art,
-- Zolas Nana und Assommoir mitten darunter, -- deutsche moderne
Familienromane und schlielich in billigen, schlecht gebundenen Ausgaben
die deutschen Klassiker. Mit der Hast einer Heihungrigen verschlang ich
alles: von den Memoiren der Cora Pearl bis zu Wieland und Herder. Ich
mu aber wohl in jener Zeit weder fr die Schlpfrigkeit noch fr den
Realismus sehr empfnglich gewesen sein; was ich von dieser Art las,
interessierte mich kaum, es rief hchstens ein Gefhl des Ekels in mir
wach. Noch weniger fesselten mich die deutschen Romane. Unsere
Unterhaltungsliteratur ist flach, kraft- und saftlos, schrieb ich an
meine Kusine, sentimental und nchtern, weil die Schriftsteller sich
nach ihrem fast nur aus Frauen bestehenden Publikum richten. Mnner
lesen keine Romane mehr, weil sie zu weibisch geschrieben sind, und
Frauen werden immer weibischer, weil sie sich mit dem faden Zeug ihren
geistigen Magen verderben. Am schlimmsten ists, wenn auch noch Frauen
die Romane schreiben: mit der gestohlenen Gloriole der Poesie verklrte
Klatschgeschichten. Ein neuer Grund fr meine Antipathie gegen die
Frauen. Ich frage mich nur: sind wir so klein, so leer, so unweiblich --
oder hat man uns so gemacht?

Mit um so heieren Wangen und klopfenderem Herzen vertiefte ich mich in
Goethe. Auch das, was ich schon lngst kannte, war voll neuer
Offenbarungen fr mich. In ein kleines Heft, das ich stndig bei mir
trug -- sorgfltig in ein grnseidenes Tchlein gewickelt --, schrieb
ich ein, was mir am besten gefiel und schlug es in stillen Stunden auf,
wie der Priester sein Brevier, um zu lesen und wieder zu lesen, bis ich
Satz fr Satz auswendig konnte. Zwei standen doppelt unterstrichen an
der Spitze: Er gehrte zu den vielen, denen das Leben keine Resultate
gibt und die sich daher im Einzelnen vor wie nach abmhen; -- -- und:
Unsere Wnsche sind Vorgefhle der Fhigkeiten, die in uns liegen,
Vorboten desjenigen, was wir zu leisten imstande sein werden. Der eine
sollte sein, wie ein drohend aufgerichtetes Zeichen, eine stete Warnung,
das Leben nicht zu verzetteln, sondern ihm nach groen Zielen die feste
Richtung zu geben, -- der andere ein Trster in Zeiten der Mutlosigkeit,
wenn ich zu mir selbst das Vertrauen verlor oder andere mich dessen zu
berauben versuchten. Mit bewuter Auflehnung gegen die asketischen
Erziehungsmaximen meiner Mutter schrieb ich mir vor allem solche
Stellen ab, die das Recht auf Persnlichkeit und den Wert der Freude
betonten; Ein Kind, ein junger Mensch, die auf ihren eigenen Wegen irre
gehen, sind mir lieber, als manche, die auf fremden Wegen recht
wandeln; -- Frhlichkeit ist die Mutter aller Tugenden; -- ein
glcklicher Mensch, ein Wesen, das sich seines Daseins freut, ist das
Endziel der Schpfung.

Erfllt von dem, was ich innerlich erfuhr, konnte es nicht ausbleiben,
da ich zuweilen auch davon sprach. Meine Begeisterung konnte nicht
immer stumm bleiben; ich sehnte mich nach Menschen, um mich ihnen
mitzuteilen, nach jungen vor allen Dingen, bei denen weder Spott noch
die Weisheit des Alters mich htte zurckstoen knnen. Ich suche
Menschen, wie Diogenes, schrieb ich an meine Kusine, mit der ich aus
demselben inneren Bedrfnis heraus lebhaft korrespondierte, und sehe
dabei immer deutlicher, da unsere miserable Erziehung uns um das Beste
im Leben betrogen hat. Das bichen Kunst und Wissenschaft hat man uns
nur gelehrt, damit wir darber schwatzen knnen. Es ist kein Teil
unserer selbst geworden; es bleibt in Museen und Bchern wie die
Religion in der Kirche. Htten wir den rechten Ernst, das tiefe
Verstndnis fr sie, -- Geist und Herz wrden so sehr davon erfllt
sein, da sie am Gemeinen oder Oberflchlichen gar keine Freude
empfnden.

Kamen junge Leute nach Pirgallen, die, wie Onkel Walter spottend zu
sagen pflegte, beim Alix-Examen noch nicht durchgefallen waren, so
streckte ich vorsichtig die Fhlhrner meines Geistes aus. Meist
begegnete ich einem verlegenen Lcheln, einem erstaunten Blick, und
meine Mutter, die solch einem miglckten Versuch zuweilen zuhrte,
sagte mir einmal:

Da du das Nsseknacken gar nicht aufgeben magst! Du stehst doch, da
sie alle taub sind.

Ich glaubs aber nicht -- ich will es nicht glauben, antwortete ich,
mein eigene Existenz brgt mir dafr, da es noch andere meiner Art
geben mu! Mama kruselte spttisch die Lippen: Die Mehrzahl ist
gemein -- die Dummen sind noch die besten. Aber je hufiger sie ihrer
tiefen Menschenverachtung Ausdruck verlieh, desto emprter lehnte ich
mich dagegen auf, desto bertriebener wurde mein Triumphgefhl, wenn
irgend eine Wesenssaite des Anderen, die ich berhrte, leise zu klingen
begann.

Da war besonders einer, ein junger Nachbar, der oft herbergeritten kam.
Tiefere Bildung besa er nicht, aber das einsame, durch keine
Abwechselung unterbrochene Leben an den grauen Wassern des Haffs hatte
ihn nachdenklich gemacht, so da es uns nie an Gesprchsstoff fehlte.
Unser Verkehr dauerte nicht lange. Onkel Walter nahm mich eines Tages
beiseite und erklrte mir, da der Brandenstein keine Partie fr mich
wre.

Ich denke ja auch gar nicht daran, ihn zu heiraten, rief ich.

So benimm dich nicht so dumm! Die ganze Gegend spricht schon davon, und
er selbst mu sich Hoffnungen machen, wenn du dich stundenlang mit ihm
allein abgibst, entgegnete er. Ich war auer mir: ein junges Mdchen
benimmt sich also unpassend, wenn es lnger als fnf Minuten mit einem
und demselben Herrn redet. -- Die lieben Nchsten drcken nur dann ein
Auge zu, wenn sie dabei eine Verlobung wittern, heit es in einem
Brief an Mathilde. Fhlst du, wie ekelhaft das ist? Welch eine
faustdicke Beleidigung unseres ganzen Geschlechts darin liegt? Die
Hndin wertet man nicht anders als uns. Pfui Teufel!

Ich zog mich nach jenem Erlebnis immer mehr zurck und unterdrckte
meinen Menschenhunger, bis Onkel Walter seinem Unwillen ber meine
Haberei energischen Ausdruck gab. Ich kam grade dazu, als er mit Mama
ber mich sprach.

Sie wird sich die besten Aussichten verscherzen und eine verdrehte alte
Schraube werden, sagte er. Oder willst du am Ende nicht heiraten?
Damit wandte er sich an mich.

Gewi will ich -- sehr gern sogar, wenn der Mann danach ist! lachte
ich.

Mama sah von ihrer Handarbeit auf: Du weit, da ich dich nicht zwingen
werde. Ein Mdchen, das wie du, eine gesicherte Zukunft hat, ist viel
glcklicher, wenn sie nicht heiratet.

Mit eurer Zuversicht auf Alixens Zukunft! warf Onkel Walter rgerlich
dazwischen. Die berhmte Tante Klotilde kann noch zehn Mal heiraten,
oder hundert Jahre alt werden, oder ihr Geld den Hottentotten vermachen.
Wir mssen sie unter die Haube bringen, solange sie hbsch ist, -- das
allein ist eine Gewhr fr die Zukunft. Sie darf sich freilich nicht mit
Flausen den Kopf verdrehen und verzauberte Prinzessin spielen, sonst
nimmt ein vernnftiger Kerl von vorn herein Reiaus.

Hochmtig warf ich den Kopf zurck und sagte spttisch: Beruhige dich,
lieber Onkel, ich kriege noch zehn fr einen. Ich werde dir den Kummer
nicht antun, eine alte Jungfer zur Nichte zu haben.

Und nun nahm ich wieder an der Geselligkeit teil, -- nicht allein, weil
ich ihm beweisen wollte, da ich recht hatte, sondern auch, weil die
Tante mich rgerte, die -- wie ich herausfhlte -- aus reinem Egoismus
das Einsamkeitsbedrfnis ihrer Rivalin zu frdern suchte. La sie doch,
wenn es ihr kein Vergngen macht, -- wir werden auch ohne sie fertig!
hatte sie erst krzlich ihrem Mann zugerufen, als er noch vom Wagen aus
mich zur Teilnahme an einem Ausflug ntigen wollte. Auerdem -- wer
wei?! -- konnte der Gralsritter, von dem ich doch immer wieder heimlich
trumte, nicht auch hier, am grauen Gestade der Ostsee landen?!

Picknicks und lndliche Feste, wo schrecklich viel gegessen, noch mehr
getrunken und wenig geredet wurde, Jagd- und Manverdiners und
huslicher Trubel fingen an, mir sogar wieder Spa zu machen. Wenn ein
paar lustige Leutnants, um vom Manver aus Pirgallen zu erreichen,
meinetwegen ein paar Nchte um die Ohren schlugen; wenn abends am
Strande von Kranz, dem nahen Seebad, wohin wir hufig fuhren,
prasselndes Feuerwerk mir zu Ehren in die Luft stieg; wenn Blicke mir
folgten, die mehr sagten als schmeichelnde Worte, -- dann schlrfte ich
mit wonnigem Wohlgefhl den berauschenden Trank der Bewunderung, und die
kleinen Teufel der Eitelkeit triumphierten ber die guten Geister im
Bcherschrank von Pirgallen. Aber er blieb unsichtbar, und so war
meine Gesellschaftspassion immer nur ein Wechselfieber. Die
Gesellschaft ists gar nicht, die mich amsiert, sondern die Rolle, die
ich in ihr spiele, schrieb ich an Mathilde, denn an sich ist sie
tdlich langweilig und leer -- leer -- leer wie ein ausgeblasenes Ei.
Damit es was taugt, mu ich es erst mit meinen Farben bemalen.

Ein paar Wochen vor unserer Abreise kam ein Freund meines Onkels, Herr
von Ollech, Rittmeister bei den Gardedragonern, nach Pirgallen. Schon
auf den Knigsberger Rennen hatte ich ihn kennen gelernt, und als wir
abends zum Souper in groer Gesellschaft, die aus lauter Dohnas,
Eulenburgs und Lehndorfs bestand, zusammen saen, war er der
Rettungsring gewesen, an den ich mich gehalten hatte, um nicht in dem
unvermeidlichen Meer kindlicher Spiele unterzugehen. Er war eben in
Bayreuth gewesen und hatte den Parsifal gehrt. Das allein htte gengt,
um ihn mir interessant zu machen; sein ernstes musikalisches Verstndnis
war eine weitere starke Anziehungskraft. Ich freute mich, da er mit uns
heimwrts fuhr.

Abend fr Abend sa er dann im Halbdunkel des groen leeren Saals und
entlockte dem alten Klavier klagende und jauchzende, zrtliche und
sehnschtige Tne. Die kleinen Amoretten ber den Tren, auf deren runde
Krperchen das Licht weniger Kerzen einen rosigen Schein warf, schienen
zu atmen, und die Bltter der Linden drauen bebten im Takt. Ich sa vor
der offnen Tre, den mondhellen Garten vor mir, und das Zaubernetz
wogender Rhythmen umspann mir dichter -- immer dichter Herz und Sinne.
Dankbar hingerissen erwiderte ich den Druck der Hand des Spielers, wenn
er schlielich zu mir heraustrat und mir Gute Nacht bot. Sah ich ihn
morgens wieder, den berschlanken, groen Mann, mit den wsserigen
Augen, der roten Nase und den ergrauenden Haaren, hrte ich seine rauhe
Stimme, sein Lachen, das wie tonlos war, so war er mir ein Fremder, --
eine Seele voll Wohlklang, die sich auf der Suche nach Menschwerdung in
den Krper eines Dekadenten verirrt hatte.

Angstvoll empfand ich, da er mich liebte, und sah zugleich an der
Selbstverstndlichkeit, mit der man mich mit ihm allein lie, was alle
erwarteten. Ich frchtete die Aussprache -- aber nicht weniger die
Trennung. Ich krzte den Augenblick des Gutenachtsagens mehr und mehr
ab; ich wute, da ich in seiner Macht war, wenn der Zauber seiner Musik
mich gefangen genommen hatte.

Sein Urlaub ging zu Ende; ich fesselte mein Schwesterchen so sehr als
mglich an mich, um ein Alleinsein zu verhindern. Aber eines schnen
Morgens lief sie mir davon, als wir grade im Begriffe waren, in den Kahn
zu steigen. Stumm ruderte er mich auf dem schmalen Kanal, der sich, von
Bumen und Bschen dicht umstanden, durch den Park zog. Schon tanzten
gelbe Bltter auf seinen dunkelgrnen Spiegel nieder, whrend die Glut
des Sptsommertages wie eingeschlossen unter dem Laubdach lag. Ich
starrte ins Wasser und spielte mit der Hand darin. Ein Frulein von
Kleve, mit rauherer Stimme als sonst hervorgestoen, lie mich
zusammenfahren. Wollen Sie meine Frau werden? -- -- Ich antwortete
nicht. Ich bin nicht jung, nicht schn, fuhr er nach einer Pause leise
fort. Ich habe Ihnen nichts zu bieten, als -- er zgerte, und eine
flchtige Rte stieg ihm hei in die Stirn -- meinen Namen, mein
Vermgen und -- meine Liebe. Wieder eine lange Pause -- ich brachte
keinen Ton ber die Lippen. Mein Gegenber seufzte tief auf. Ich will
keine rasche Antwort, wenn Ihr Herz Sie nicht dazu zwingt. Nur eins
sagen Sie mir, bitte: lieben Sie einen andern?

Nein! entgegnete ich, ihm grade in die Augen sehend. Seine Zge
leuchteten so hell auf, da ich erschrak. Er griff nach meiner Hand.
Dann will ich warten, und -- hoffen. Es ist ja so wie so vermessen, da
ein alter Knabe wie ich so viel Jugend und Schnheit begehrt. Ich reise
morgen frh -- in vier Wochen kommen Sie durch Berlin. Ihre verehrte
Frau Mutter soll mich Ihre Ankunft wissen lassen, wenn -- wenn Sie fr
mich entschieden haben; -- ists recht so?

Ja, war alles, was ich hervorbringen konnte. Wir landeten. Als er mir
beim Aussteigen die Hand reichte, traf mich ein Blick, -- ein Blick so
voll Liebe, so voll Leid, da ich ihm aus lauter Mitgefhl fast in die
Arme gesunken wre. Abends sa er zum letztenmal am Klavier und lie
seinen Phantasien freien Lauf; ich konnte der aufsteigenden Trnen nicht
Herr werden, lief fort und verschlo mich in mein Zimmer, um es erst zu
verlassen, als ich am nchsten Tag den Wagen ber den Burghof rollen
hrte.

Es verletzte mich, da jedermann um unsere Beziehungen zu wissen schien.
Ich wurde rcksichtsvoll behandelt, wie eine Kranke, whrend
widerstreitende Empfindungen mir alle Ruhe raubten. Mute ich wirklich
mit meinen achtzehn Jahren ber solch eine Lebensfrage nachdenken wie
ber ein Rechenexempel? Wenn mein Verstand zehnmal ja gesagt hatte, so
warf das Nein meiner Sinne all seine Weisheit ber den Haufen. Meiner
Sinne -- nicht meines Herzens. Allzu hufig flo es von Mitleid ber,
das der Liebe so hnlich sieht; wenn ich mir dann aber vorstellte: der
Mann soll dich kssen, soll von dir Besitz ergreifen -- krperlich! --,
dann hate ich ihn beinahe.

Wir waren noch in Pirgallen, als ein Telegramm meines Vaters eintraf.
Brigade in Schwerin -- nichts weiter stand darin. Die Freude war
allgemein und bei mir am grten; meine Abneigung, nach Brandenburg
zurckzukehren, beeinflute im Stillen meine Entscheidung Ollech
gegenber. Die neue Garnison, der kleine Hof, die fremde, Neugier und
Hoffnung in gleicher Weise wachrufende Umgebung gaukelten mir lauter
lichte Zukunstsbilder vor. Als wir auf dem Wege nach Berlin im Zuge
saen und meine Mutter die Schicksalsfrage stellte: Soll ich Ollech
benachrichtigen? bedurfte es keiner berlegung mehr. Ordentlich komisch
kam mirs vor, da ich jemals zwischen Ja und Nein hatte schwanken
knnen.

Whrend der bersiedelung der Mbel blieben wir in Berlin. Meine Mutter
kannte keine grere Freude, als ohne Haushaltungs- und
Gesellschaftszwang in der Hauptstadt zu sein. Whrend sie unermdlich
von einem Museum, einem Theater zum anderen ging, jede Ausstellung
durchwanderte, die Lden von innen und auen betrachtete, verschwanden
die scharfen Linien um ihren Mund und machten dem Ausdruck kindlichen
Genieens Platz. Sie verga dabei sogar ihre Erziehungsgrundstze und
nahm mich in Possen und Operetten mit, die sich im Grunde gar nicht
schickten.

Im Oktober kamen wir nach Schwerin. Der erste Eindruck war ein
deprimierender: ein Bahnhof wie in einem abgelegenen Provinznest, dicht
daneben eine riesige Holzbaracke -- das Interims-Theater --, enge,
holprige Straen, kleine Huser mit niedrigen Fenstern, Menschen, deren
Aussehen einen um Jahre zurckversetzte. Aber schon unser neues Heim
vernderte das Bild: eine kleine Villa, dicht am Park, die in frhlichem
Wei zwischen Bumen und Bschen einladend hervorlugte. Und ich hatte
zwei Zimmer darin: das Schlafstbchen, wei und blau wie einst, der
kleine Salon in mattem Grn, -- eine berraschung meines Vaters.
Glckselig war ich: zur Arbeit und zum Trumen ein stiller,
abgeschloner Winkel fr mich! Nicht rasch genug konnte ich meine Bcher
in die zierlichen Etageren rumen, meinen Schreibtisch mit Bildern
schmcken. Viele verborgene Schtze kamen ans Licht, die teils aus
Mangel an Platz, teils aus Angst vor Mama in Koffern und Kisten
verborgen gewesen waren. Da waren Makarts Fnf Sinne in groen
Photographien, Bcklins Insel der Seligen. Ich hatte mich berauscht an
der glnzenden Schnheit Makartscher Frauengestalten, ich hatte die
Wirklichkeit vergessen gehabt vor dem dunkelblauen Wasser und der
leuchtenden Ferne auf Bcklins vielgeschmhtem Bild. Mitten auf meinem
Schreibtisch prangten sie nun. Eine bunte Gesellschaft, von denen jeder
einzelne vom anderen weiter entfernt war als Bcklin von Makart,
versammelte sich auf meinem Bcherregal: Goethe und Julius Wolff, dessen
sentimentale Sinnlichkeit mich vorbergehend fesselte, Gottfried Keller
und Felix Dahn, dessen germanische Gtter- und Heldengeschichten meiner
alten Neigung begegneten, Scherers Geschichte der Deutschen Literatur,
die eben erschienen war, und die ich eifrig studierte, Webers Welt- und
Lbkes Kunstgeschichte und daneben in wirrem Durcheinander griechische
Klassiker, russische Novellisten, altdeutsche Heldenlieder in braunen
Reclambnden, moderne Lyriker in goldberladenem Prachtgewand.

Noch spt am Abend kramte ich in meinem Zimmer, berzeugt, da niemand
mich stren wrde, da sich die Schlafstuben der Eltern ein Stockwerk
hher befanden, als meine Mutter eintrat. Noch nicht zu Bett?! rief
sie und musterte rgerlich meine Umgebung. Dabei fiel ihr Blick auf
Bilder und Bcher. Du bildest dir doch nicht ein, da ich dergleichen
dulden werde: diese schamlosen nackten Frauenzimmer und dies Bild eines
Verrckten?

Mir stieg das Blut zu Kopf. Das ist mein Zimmer, so viel ich wei,
sprudelte ich hervor, meine Worte berstrzend, wie stets, wenn die
Erregung mir den Mut zur Rede gegeben hatte, und ich bin alt genug,
meinem Geschmack zu folgen. Soll ich vielleicht Thumann aufbauen, der
Germanen malt wie Salonhelden, und dessen Frauen aussehen wie lauter
wohl erzogne und gut toilettierte Bazardamen? Solche Verlogenheit mag
ich nicht, -- sie ist schamloser, als nackte Schnheit. Es ist mir auch
ganz gleichgltig, ob die Leute Bcklin fr verrckt halten. Ich finde,
es wre zum davonlaufen in der Welt, wenn nicht die paar Verrckten sie
noch ertrglich machten.

Das magst du halten, wie du willst, antwortete Mama, und nur ihre
heien Wangen verrieten ihren Zorn. Solange du im Elternhause bist,
hast du dich mir zu fgen, und zwar lediglich in deinem Interesse. Was
meinst du wohl, was man von dir sagen wrde, wenn man solche Dinge auf
deinem Schreibtisch she?! Damit ging sie hinaus, und ich nahm tief
verletzt meine Bilder, um sie im Schlafzimmer aufzustellen, -- hier
sollte sie mir niemand verekeln drfen.

Frh am Morgen weckte mich Papa:

Du, Alixchen -- wie wrs mit einem Ritt? Die kleine Braune wartet! Mit
einem Sprung war ich aus dem Bett und in wenigen Minuten in den
Kleidern. Vergessen hatte ich den rger, noch mehr die Vorschrift des
Arztes. Ein herrlicher Herbsttag war es, mit jenem geheimnisvoll blauen
Dunst zwischen den Bumen und jenem leisen Rieseln und Tanzen goldener
Bltter darin. Durch eine grade Allee ritten wir an beschnittenen
Laubengngen und verwitterten Gtterbildern vorbei, vorber an einem
kleinen Gartenhuschen, das zwischen welkenden Rosen trumte, und hinein
in den Dom gewaltiger grauer Buchenstmme, durch deren hohe gelbgrne
Wlbung nur hie und da ein Sonnenstrahl bis zur Erde drang. Wir ritten
langsam und sprachen kein Wort, selbst der Hufschlag der Pferde klang
gedmpft, als ob sie auf tiefen Teppichen gingen. Pltzlich, wo der Weg
sich jh zur Seite wandte, empfing uns ein blendender Strom flimmernden
Lichts: Vergimeinnichtblau dehnte sich der See bis zum nebelgrauen
Horizont, und aus ihm empor stieg mit Trmen und Zinnen, Erkern und
Balkonen, funkelnd und blitzend im hellsten Morgenglanz, ein
Mrchenschlo.

Uns heimwrts wendend, verfolgten wir die Uferstrae bis zur Stadt. Das
Wasser, die feierlich breite Brcke darber; ein der, sandiger Platz
trennte sie vom Palast des Herrschers. Demtig und zusammengeduckt, in
nchternem Werktagskleid, scheu und anbetend, aus kleinen Fenstern
hinberblinzelnd, lag sie zu seinen Fen.

Das ist Mecklenburg! sagte mein Vater.

Die ersten Wochen in Schwerin waren ausgefllt mit offiziellen Besuchen
und Gegenbesuchen, die fr mich lauter Enttuschungen waren. Die
Menschen entsprachen der Stadt, ob es nun Hofmarschlle, Minister oder
Kammerherrn und Leutnants waren. Das Resultat guter Erziehung sprang
in die Augen: vollkommene Gleichartigkeit des Wesens, der Ansichten, der
Bildung; unerschtterlicher Gleichmut, selbstverstndliche Kirchlichkeit
-- eine Vornehmheit, die, in ihrem Abscheu vor jeder Extravaganz,
uerlich und innerlich vollkommen farblos machte. Und die Frauen! Glatt
gescheitelt, streng und khl die Verheirateten; eine Schar alternder
Mdchen -- das Kennzeichen jeder kleinen Residenz -- mit dem bitteren
Zug enttuschter Erwartungen um blutleere Lippen; wenige junge, und auch
die sich zu vorschriftsmigem Gleichma zwingend. Der Hoftrauer wegen
-- im Frhjahr war der alte, sehr geliebte Groherzog gestorben, sein
krnklicher Nachfolger war noch im Sden -- gab es keine groen
Gesellschaften, dagegen zahllose Nachmittagstees von ghnender
Langerweile und steife Abendgesellschaften, die ihnen nichts nachgaben.
Kleine Diners bei der alten Groherzogin-Mutter, der Schwester Kaiser
Wilhelms, bildeten eine wohlttige Ausnahme. Die originelle alte Dame
liebte die Jugend und war, bei allem strengen Urteil ber Manieren, die
ihr nicht vollkommen schienen, ihr gegenber nachsichtig und
freundlich, dabei voll sarkastischen Witzes. In ihrem kleinen Palais,
einem bauflligen Huschen, das sie zu verlassen sich standhaft
weigerte, klang an einem Nachmittag oft mehr frohes Lachen, als an zehn
geselligen Abenden bei den brigen Wrdentrgern der Stadt. Was den
Verkehr noch besonders erschwerte, war die Abneigung der eingesessenen
Mecklenburger Familien gegen die Preuen und die strenge Scheidung der
Gesellschaft nach der Herkunft. Nur der Adel war hoffhig; mhsam hatte
Preuen es durchgesetzt, da wenigstens der Offizier, auch wenn er
unadlig war, empfangen wurde. Seine Frau jedoch empfing man nicht, die
nicht adlig geborene Frau eines Adligen ebensowenig.

Die Rolle der duldenden Teilnehmerin in der de dieser Gesellschaft
hielt ich nicht lange aus. Mich ganz zurckziehen, was ich am liebsten
getan htte, war bei der Stellung meines Vaters, mit der die
Verpflichtung, ein Haus auszumachen, unweigerlich verbunden war, nur
soweit mglich, als die Rcksicht auf meine Gesundheit es verlangte.
Getanzt aber wurde nicht, also blieb mir kein Vorwand; nur hie und da,
wenn ich in ein Buch besonders vertieft war, oder eine Phantasie
unbedingt zu Papier bringen mute, schtzte ich Schmerzen vor, legte
mich zu Bett, und stand, im kstlichen Besitz ungestrter Freiheit,
wieder auf, sobald die Eltern das Haus verlassen hatten.

Dann kamen sie, die holden Gestalten meiner Trume, und viele blaue
Hefte fllten sich allmhlich mit Gedichten und Betrachtungen, Mrchen
und Geschichten.

Ging ich aus, so setzte ich alle Hebel in Bewegung, um der Langenweile
Herr zu werden. Zum Kampf gegen sie zettelte ich unter meinen wenigen
Altersgenossinnen eine frmliche Verschwrung an: wir schnitten die
Alten und Grmlichen, wir protestierten durch die Tat gegen die
Gewohnheit der Trennung der Geschlechter, sobald das Essen vorber war,
wir spielten Theater und stellten lebende Bilder, wozu ich die
verbindenden Texte zu dichten pflegte. Und unsere Jugend siegte
allmhlich; meine geselligen Knste fanden Anerkennung, und ich mute
sie berall glnzen lassen. Aber solche Erfolge gengten mir nicht. Ich
suchte Menschen -- verlangender und sehnschtiger denn je --, und wenn
ich mich scheinbar am besten amsiert hatte, kam ich oft heim, um
verzweifelt in mein Bett zu schluchzen.

Du hast das beste Leben von der Welt. Warum bist du nicht zufrieden?
schrieb mir meine Kusine, die kurze Zeit bei uns gewesen war und meine
Zerfahrenheit nicht begriff.

Ich antwortete ihr:

Du sagst, und zwar mit dem Ton moralischen Vorwurfs, da ich nur darum
die hiesige Gesellschaft so abfllig beurteile, weil ich noch niemanden
fand, der mich persnlich interessiert. Das ist doch selbstverstndlich!

Oder gehst du der vielen Gleichgltigen wegen in Gesellschaft, die sich
nach deinem Befinden erkundigen, obwohl es ihnen ganz einerlei ist, wie
du dich befindest, die die kostbare Zeit mit Geschwtz totschlagen, von
dem du absolut gar keine Anregung empfngst, die ein verbindliches 'Auf
Wiedersehen' flten und schon am nchsten Tag an deiner Leiche
gleichgltig vorbergehen wrden?! Aber du treibst deinen Vorwurf noch
weiter und sagst entrstet, ich wre wieder einmal reif, mein Herz
wegzuwerfen. Ich gebe das ohne weiteres zu: findet mein Geist kein
Interesse, so mu das Herz daran glauben. Hier im heiligen Mecklenburg
ist kein Mensch, den ich nicht schon ausgepret htte wie eine Zitrone,
und der nicht immer sauer geblieben wre wie sie. Nun gilts, ihm das
Zuckerwasser der Verliebtheit beizumengen, um ihn berhaupt geniebar zu
machen. Deine Moralpauke schliet mit den Worten: nicht wieder
'strflich' mit dem Feuer zu spielen. Sei beruhigt: ich bin grade auf
das intensivste mit dem Schren der Flamme beschftigt. Und _wie_ sie
brennt!! 'Er' ist hbsch, elegant, leichtsinnig, oberflchlich, --
kurz, ganz was ich brauche! 'Er' ist Lwe, Herzensbrecher, -- kurz, ein
Holz, aus dem ich mit Vergngen meine Ritter schnitze! Du hast natrlich
wieder Mitleid mit ihm, wie mit Vetter Fritz, mit Fredy usw. _Warum hat
denn niemand Mitleid mit mir_?! Oder ist es nicht vielleicht
mitleidswrdig, da ich mein heies Herzblut tropfenweise mit dem
Allerweltsleitungswasser des Flirts verdnne?! Ich lechze nach Licht,
flammendem Geisteslicht, selbst wenn ich bei seinem Anblick erblinden
sollte, und nach einer Leidenschaft, an der ich mich verzehren kann.

Es kamen Stunden, in denen mein pochendes Herzblut mich in wild
aufwallende Gefhle verstrickte. Dann flatterte es mir vor den Augen in
tausend Flmmchen, heie Schauer liefen mir ber den Rcken, und
feuriger begegnete mein Blick dem des Mannes, der grade neben mir ber
die spiegelnde Eisflche glitt oder beim Diner klingend sein Sektglas an
das meine stie. Ich galt fr kokett; die jungen Mdchen zogen sich von
mir zurck; ich hatte immer eine Korona von Kavalieren um mich.

In grausamer Selbstzerfleischung schrieb ich in eines meiner blauen
Hefte:

Irgendein unheimliches, wildes Tier haust in meinem Innern. Es zerreit
die festesten Eisenketten. Es treibt mich seit meiner Kindheit von
Leidenschaft zu Leidenschaft. Wie erbrmlich, sich erheben zu wollen
ber die Mdchen der Strae. Wren wir nicht so gut erzogen, und wohl
gehtet, wie viele von uns gingen denselben Weg wie sie! Und an anderer
Stelle heit es: O ber das trostreiche Verweisen auf husliche
Pflichten! Als ob ich sie nicht alle erfllte, ohne die geringste
Befriedigung zu spren! Staub wischen, Hte garnieren, Deckchen sticken,
Strmpfe stopfen, -- soll das das Herz beruhigen, den Geist ausfllen?!
Es ist nichts als eine tugendhafte Bemntelung des Zeittotschlagens.
Meine Lebenskrfte schreien nach Bettigung. Ich mchte etwas erleben,
das keine Nervenfaser unberhrt, kein derchen ohne Glut lt, etwas
leisten, das Wunden kostet ...

Einmal -- ich sa grade am Bett meines kranken Schwesterchens und baute
ihr aus Goldpapier ein Walhall auf, dessen gttliche Bewohner aus
Perlen und bunten Knpfen bestanden -- lie mich Papa zu sich herunter
rufen. Herr von Landsberg, der Hoftheater-Intendant, war bei ihm.

Ich habe eine Bitte an Sie, mein gndigstes Frulein, wandte er sich
an mich. Wir wollen nach beendeter Trauer den Geburtstag des
Groherzogs durch eine Festvorstellung feiern. Uns fehlt ein
einleitender Prolog. Drfen wir dafr auf Ihre Mitarbeit rechnen?

Mir klopfte das Herz vor Freude: Ich sollte fr die Bhne dichten!
Sollte von einem groen Publikum gehrt werden! Trotzdem kamen mir
Bedenken:

Ich kenne den Groherzog nicht. Und ihn anhimmeln, blo weil er der
Groherzog ist, -- das widerstrebt mir.

Niemand verlangt das von Ihnen. Das rein Menschliche, da er krank,
fern seinem Lande im Sden ist, da seine Abwesenheit schwer auf Handel
und Wandel, Leben und Geselligkeit drckt, da wir ihm und uns seine
Genesung wnschen, gibt, scheint mir, Anregung genug zu dichterischer
Gestaltung! Mir leuchtete ein, was er sagte; die Gelegenheit, zum
erstenmal ffentlich hervorzutreten, war auch viel zu verlockend, als
da mein Widerstand sich htte aufrecht erhalten lassen.

Ich schrieb in schwungvollen Versen irgend etwas, das von den Seen und
Wldern Mecklenburgs, von den guten heimischen Gttern und dem
trgerischen Zauber des Sdens mehr enthielt als von dem Landesfrsten,
den es feiern sollte. Da man ihn seiner, wie man glaubte, unntig langen
Abwesenheit wegen nicht allzu hoch schtzte, so entsprach meine Dichtung
den Intentionen der Auftraggeber. Bei Landsbergs, in kleinem Kreise, las
ich sie vor und erntete von den anwesenden Schauspielern einen
geruschvollen Beifall, der um so greren Eindruck auf mich machte, als
ich noch nicht wute, da es bei ihnen ebenso blich ist, den Gefhlen
bertrieben lauten Ausdruck zu geben, wie es bei uns guter Ton ist, sie
bis auf ein Mindestma zu unterdrcken.

Hier, -- das schien der eine Augenblick mir zu enthllen --, fand ich
die Menschen, die mich verstanden, denen die Kunst Lebensinhalt war.
Ich nahm an den Proben teil und wurde allmhlich ein immer hufigerer
Gast im Hause des Intendanten. Seine geistvolle, liebend wrdige Frau
verhtschelte mich; er selber -- wie selten war mir das begegnet! --
nahm mich ernst und gab mir derlei gute Ratschlge, um mein Talent zu
frdern. Die Hauptanziehungskraft aber war mir Lisbeth Karstens, die
junge, reizende Schauspielerin, die meinen Prolog sprechen sollte. Aus
Begeisterung fr die Kunst hatte sie das warme Nest ihres Elternhauses
verlassen und war allein und mittellos in die Fremde gegangen. Not,
Gemeinheit und Verkennung hatten sich ihr in den Weg gestellt, -- ihr
Enthusiasmus war strker gewesen als alles. Landsberg, der es wie wenige
verstand, Begabungen zu entdecken und die hliche Bretterbude am
Bahnhof infolgedessen ber viele kostbare Theater Deutschlands erhob,
hatte sie erst krzlich engagiert. Sie war ein ausgezeichnetes
Gretchen, eine rhrende Ophelia, ein hinreiendes Kthchen von
Heilbronn, und selbst der blutleeren Thekla verhalf sie zu lieblichem
Leben. Mein Prolog, von ihr gesprochen, erschien mir wirklich wie ein
Kunstwerk. Aber, ach, wieviel Trnen vergo ich seinetwegen!

Mit aufrichtigem Beifall hatte mein Vater ihn beurteilt; es schmeichelte
seiner Eitelkeit, seine Tochter anerkannt zu sehen, aber seine
hochmtige Miachtung des Publikums war zu gro, als da er ihm ein
Urteil ber mich htte gestatten knnen. Mein Name durfte nicht genannt
werden. Ich suchte vergebens, ihn umzustimmen.

Damit unser guter Name durch die schmutzigen Muler aller Menschen
gezogen wird?! herrschte er mich an, und jeder Federfuchser sich
erlauben kann, dich herunterzureien?! Als der groe Abend hereinbrach,
flsterte man sich meinen Namen nur unter dem Siegel der
Verschwiegenheit zu. Der Beifall aber, der das Theater durchbrauste,
klang wie eine Fanfare bis ins Innerste meiner Seele, und alte
Kindertrume wachten auf, und junger Ehrgeiz breitete seine Flgel aus,
um mich weit in die Zukunft zu tragen, -- dahin, wo der Ruhm auf ehernen
Sthlen thront und immergrner Lorbeer im Glanze der nie untergehenden
Sonne eichenstark gen Himmel wchst.

Seitdem hatte ich keine Ruhe mehr. Oft trieb michs des Nachts aus dem
Bett an den Schreibtisch. Mit Lisbeth Karstens verband mich eine immer
innigere Freundschaft. Sie war meine Vertraute, eine geduldige, leicht
begeisterte, fast immer kritiklose Zuhrerin meiner Dichtungen. Im
Theater, das ich fast tglich besuchte, denn in der Loge des Intendanten
war Platz fr mich, sobald meine Eltern mich nicht begleiteten, fand ich
immer neue Anregung, der Knstlerkreis im Landsbergschen Haus, der fr
nichts Sinn hatte als fr das Theater, fachte die Glut meines Innern zur
Fieberhitze an. Noch waren es Nebelgestalten, die ich sah und nicht zu
fassen vermochte. Sie nahmen festere Formen an, wenn der alte
Wagnerfnger Hill am Flgel stand und seine machtvolle Stimme den Raum
erfllte; wenn Alois Schmitt -- einer der knstlerischsten Menschen, die
ich kannte -- am Dirigentenpult sa und sein geschultes Orchester die
Fidelio-Ouvertre intonierte; und sie wurden mir sichtbar, wie
Geistererscheinungen, wenn ich einsam durch den Wald ritt und droben auf
dem Gtterhgel fern der Stadt, wo vor Jahrhunderten Walvaters
Opferstein rauchte, die rauschenden Buchen miteinander flsterten.

Es war Sigrun, Knig Hgnis Tochter, die ich sah, -- Sigrun, die
Schildjungfrau, die in heiem Freiheitsdrang und starker Liebe den
Todfeind ihres Vaters, Helgi, den Hundingstter, vor seinen Mrdern
schtzte und sich ihm als Gattin verband, -- Sigrun, die Treueste der
Treuen, und die geliebteste, um deretwillen Helgi Walhalls Wonnen
verschmhte. Zu einem Drama wollt' ich ihre Geschichte gestalten; der
Konflikt zwischen kindlichem Gehorsam und Mannesliebe war sein
Mittelpunkt, seine Lsung der freiwillige Tod der Heldin.

Meist schrieb ich des Nachts. Am Tage frchtete ich zu sehr die Strung,
die mich aus allen meinen Himmeln ri. Die Friseuse, die Schneiderin,
die Wsche, die Besuche, -- nichts durft ich versumen. Wre ich ein
Mann, es wrde dir nicht einfallen, mich von der Arbeit abzurufen! rief
ich bei solcher Gelegenheit einmal verzweifelt Mama entgegen.

Gewi nicht! antwortete sie mit herbem Lcheln, da du aber ein Weib
bist, mut du frhzeitig lernen, da wir nie uns selbst gehren.

Tante Klotilde fiel mir ein, die mir vor Jahren etwas hnliches gesagt
hatte, und Groll gegen mein Schicksal erfllte mich.

Mit dem Fortschritt der Arbeit wurde meine Stimmung immer trber. Ich
fhlte, da ich meinem Werk den ganzen Gluthauch des Lebens, den ich
dunkel empfand, nicht einzuflen vermochte. Der guten Lisbeth Beifall
machte mich stutzig, nachdem ich erfuhr, wie wahllos sie fr alles
schwrmte; der laute Ton des Knstlervlkchens bei Landsbergs, der mir
frher ersehnte Offenbarung natrlichen Fhlens gewesen war, tat mir
weh, je mehr ich die falsche Note hrte. Das Tiefste versteckten
schlielich alle: wir durch schweigende Zurckhaltung, sie durch
lrmende Heiterkeit. Ich zeigte Landsberg einige Szenen meines Werks,
die mir am besten gelungen schienen. Bringen Sies mir, wenn es
vollendet ist, vielleicht lt es sich auffhren, sagte er nach der
Lektre, -- nichts weiter. Wre es das Auerordentliche gewesen, das ich
hatte schaffen wollen, er htte sicherlich anders gesprochen!

Ich hielt mich streng an klassische Vorbilder und bertrug das
ursprnglich in Prosa oder in freien Rhythmen Geschriebene in fnffige
Jamben. Alle Wrme, alle Kraft ging dabei verloren. Je mehr ich
umarbeitete, feilte, mit der Form und der Technik kmpfte, desto
nchterner und fremder sah mich meine eigene Arbeit an. Und schlielich
kam ein Tag, an dem ich verzweifelt vor den vollgeschriebenen Blttern
sa, und wute, da ich meiner Aufgabe nicht gewachsen war. Wie ein
steuerloses Schiff auf brandendem Meere war ich wieder; eine Fata
Morgana waren meine Hoffnungen gewesen; das Leben sah mich an, eine
leere, dunkle, feuchtkalte Hhle, die von den Fackeln meiner Trume noch
eben in magischem Zauber geleuchtet hatte.

Ganz oder gar nicht, -- das war mir allmhlich zum Wahlspruch
geworden. So verurteilte ich denn fast alles, was ich seit meiner
Kindheit geschrieben hatte, zum Feuertode, verschnrte und versiegelte
das briggebliebene -- darunter auch mein verunglcktes jngstes Werk
-- und warf den Schlssel der kleinen Truhe, in der ich es verwahrte,
zum Fenster hinaus.

Und nun berfiel mich ein Heimweh nach den Bergen, so stark, so
unberwindlich, als wre ich dort zu Hause und berall sonst in der
Fremde. Auf meine Bitte, zu ihr ins Rosenhaus kommen zu drfen,
antwortete Tante Klotilde umgehend, da sie zwar noch nicht dort sei,
die alte Kathrin aber alles zu ihrer Ankunft vorbereite und ich sie mit
ihr dort erwarten mge. Ehe ich ging, zog ich meinem Schwesterchen noch
zwei Puppen an, -- Helgi und Sigrun. Sie liebte sie zrtlich, und noch
Jahre nachher lachten mir ihre starren Porzelangesichter entgegen, als
hhnten sie meiner, die ich lebendige Menschen hatte schaffen wollen.




Zehntes Kapitel


Allein in Grainau! -- Noch lag der Schnee bis zum Tal hinunter, und die
Sonne stand noch nicht hoch genug am Himmel, um mehr als ein paar
Stunden am Tage das Drflein wieder zu gren, vor dem sie sich im
Winter monatelang hinter den steilen Wnden des Waxensteins versteckte.
Nur im Rosensee spiegelte sie schon lnger ihr strahlendes Antlitz, als
wollte sie sich berzeugen, ob sie wrdig des kommenden Frhlings wre.
Der ri hie und da keck an der grauen Wolkendecke und guckte mit seinem
hellen blauen Himmelsauge neugierig auf die arme, kahle Erde herunter.
Seltsam, wie wohl mir war, kaum da die Loisach, voll und gelb von
Schneewasser, mich lrmend, wie ein bermtiger Bub, willkommen hie.
Mich strten der Regen nicht und der Sturm, die mir khlend um Stirn und
Wangen strichen; in den Lodenmantel gewickelt, ging ich all die
vertrauten Wege, und niemand zankte mich, wenn ich zerzaust und
beschmutzt nach Hause kam, oder gar die Mahlzeit versumte. Die gute
Kathrin schttelte nur nachsichtig lchelnd den Kopf, streichelte mir
mit einem zrtlichen: Ach die liebe Jugend die heien Wangen und lie
es sich nicht nehmen, mir die gewrmten Strmpfe und Schuhe selbst ber
die Fe zu ziehen.

War das eine Wonne, allein zu sein! ber mein Tun und Lassen selbstndig
zu entscheiden! Ein Schmetterling, der aus dem Puppenpanzer kriecht,
konnte nicht froher sein als ich! Pltzlich -- ich sa grade unter
tropfenden Bumen auf der nassen Bank, die der Sepp mir gezimmert hatte
-- fielen mir meine achtzehn Jahre ein; -- Himmel, war ich jung! Ganz
berwltigt von dieser Erkenntnis, lief ich in groen Sprngen den Berg
hinab und konnte mich vor Lachen nicht fassen, als ich der Lnge nach im
Moose lag.

Tante Klotilde verschob ihre Ankunft von einer Woche zur andern. Wenn
sie den Schnupfen hatte und das Wetter schlecht war, zitterte sie um
ihre Stimme, und vor der Rcksicht auf deren Gefhrdung mute alles
andere zurckstehen. Sie schickte mir ermahnende Briefe, in denen sie
genau vorschrieb, wie weit ich allein gehen drfe -- eine Viertelstunde
im Umkreis wars hchstens --, und schrfte der Kathrin ein, gut auf mich
aufzupassen.

Indessen kam der Frhling, und die Bume steckten ihm zu Ehren ihre
ersten grnen Bltterfhnchen aus. Ich sa schon stundenlang auf der
Veranda in Tantens Schaukelstuhl -- ohne Handarbeit, ohne Buch -- und
sonnte mich. Auer mir und der Kathrin waren nur der alte Grtner und
sein uralter Pudel im Haus, der im Stoizismus seines Greisentums das
Bellen sogar schon aufgegeben hatte. Es war daher muschenstill bei uns.
Um so mehr erstaunte ich, als eine krftige Mnnerstimme eines Morgens
an mein Ohr schlug.

Machen Sie mir doch nichts wei, rief sie, ich hab doch meine Augen
im Kopf, -- und wette zehn gegen eins: das Rosenhaus ist bewohnt.

Aber wahr und wahrhaftig, Durchlaucht, die Frau Baronin sind noch nicht
hier! greinte die Kathrin. Ein helles Gelchter war die Antwort.

Da knnten Sie am Ende recht haben -- aber in der ganzen Welt gibt es
nur einen so schwarzen Lockenkopf, wie der Alix ihrer, und den sah ich
vom Ufer drben. Gespenster sind nicht so hbsch.

Hellmut wars! Ich lief hinaus und streckte ihm beide Hnde entgegen. Die
paar Jahre seit unserem letzten Zusammensein waren wie ausgewischt, und
erst als ich sah, da ein hochgewachsener Mann mit gebruntem Gesicht
und keckem Schnurrbrtchen ber den vollen Lippen vor mir stand,
errtete ich unwillkrlich.

Wollen -- Sie nicht nher treten! sagte ich zgernd.

Aber Alix -- 'Sie!' Wir sind doch alte Freunde, damit fate er meine
Hand mit krftigem Druck und ging mit mir an den eben verlassenen
Frhstckstisch, whrend Kathrin uns ganz bla und geistesabwesend
nachstarrte.

Das Ungewhnliche der Situation machte uns verlegen. Schweigend holte
ich eine Tasse aus dem Schrank und go ihm Tee ein, whrend ich fhlte,
wie sein Blick auf mir ruhte.

Wie schn bist du geworden! -- flsterte er wie zu sich selbst. In dem
Augenblick trat die Kathrin herein und rumorte mit eifriger
Geschftigkeit im Zimmer. Das zwang uns zur Konversation, die, zuerst
steif und gezwungen, allmhlich immer natrlicher wurde. Nach dem Wie
und Warum unseres Hierseins frugen wir einander, und ich erfuhr, da ihn
auf dem Wege nach Oberitalien in Mnchen pltzlich die Lust gepackt
habe, die Berge von Garmisch wieder zu sehen. Unserem Verwalter in
Partenkirchen kam ich nicht gerade gelegen, lachte er, der hatte
Gesellschaft in Mamas Salon, als ich eintrat. Ich habe ihm unter der
Bedingung gndig verziehen, da er ber meine Anwesenheit gegen jeden
den Mund halten soll.

Dann sind wir beide inkognito, rief ich frhlich, die Tante findet
nmlich im Grunde mein Alleinsein so kompromittierend, da ich
versprechen mute, mich in Garmisch nicht sehen zu lassen.

Bis gegen Mittag blieb er. Der guten Kathrin warnende Blicke, die ich
zuweilen auffing, nahmen mir den Mut, ihn zu Tisch einzuladen. Am
nchsten Morgen aber, vor seiner Weiterreise, versprach er, mir eine
feierliche Abschiedsvisite zu machen.

Wenn das die Frau Baronin wte! sagte die Kathrin seufzend, als er
weg war.

Es regnete in Strmen, als ich am folgenden Tage erwachte Nun kommt er
sicher nicht, war mein erster Gedanke, und mimutig zog ich die Decke
wieder ber die Schultern. Aber eine leise Hoffnung tauchte gleich
darnach auf und zwang mich, statt des alltglichen Lodenrocks ein
hbsches, helles Hauskleid aus dem Schrank zu holen. Kaum sa ich am
summenden Teekessel, als ich drauen sein frhliches Gr Gott,
Frulein Kathrin hrte. Na bin ich wie 'ne Katze, aber pudelwohl, --
Sie sehen, die Viecher vertragen sich auch im Menschen, fgte er hinzu,
und selbst die wohlerzogene Dienerin erlaubte sich, zu lachen. Sie lie
uns sogar allein -- es war ja das letztemal, mochte sie sich zur eigenen
Beruhigung sagen.

Wie war es behaglich im Zimmer, whrend drauen der Regen an den
Fenstern niedertroff! Wir frhstckten und plauderten miteinander, ganz
wie alte Vertraute, und setzten uns schlielich vor den kleinen Kamin,
der eine wohlige Wrme ausstrahlte. Wie wrs mit einer Zigarette? frug
er und hielt mir die gefllte Dose hin.

In diesen heiligen Hallen? antwortete ich, halb erschrocken.

Bis die Gestrenge kommt, ist der Duft verflogen. -- -- Ich mu dir was
erzhlen, Alix, und das geht nicht ohne den Glimmstengel. Der macht Mut,
weit du! Wir rauchten eine Zeitlang schweigend.

Du mut mich nicht so ansehen, fing er schlielich wieder an, sonst
kommts mir gar zu komisch vor, da ich dir Gestndnisse mache, wie einem
Kameraden. Ich rckte lchelnd den Stuhl zur Seite und sah geradaus ins
Feuer. Ists recht so?

Fein! -- Wenn du nur nicht ein so verdammt hbsches Profil httest! --
Er schwieg aufs neue. Nach ein paar Minuten aber begann er: Ich habe --
Dummheiten gemacht in Berlin. Es hat der armen Mama, die so nicht auf
Rosen gebettet ist, einen tchtigen Happen Geld gekostet, die Sache in
Ordnung zu bringen --. Ein bichen erschrocken wandte ich den Kopf nach
ihm -- es war nichts Gemeines, Alix -- Kind, gewi nicht. Du kannst ja
nicht wissen, wies unsereinem geht. Wir sind nicht von Stein -- die
jungen Mdels der Gesellschaft sind steif und langweilig wie
Holzpuppen, -- und wenn sies nicht sind, ists ihr Unglck. Ich fuhr
zusammen. -- Kannst am Ende selbst ein Lied davon singen, was?! -- Kurz
und gut, siehst du, ich verliebte mich eines Tages in eine Ballettratte
-- einen sen, kleinen Kfer, sag ich dir --, zu dumm, da ich mich in
diesem Augenblick bis zu Trnen rgerte -- aber grlich ungebildet.
Ich habe sie eigentlich nur zwei Tage gern gehabt, nachher wars
Gewohnheit, Mitleid, -- was wei ich -- er war aufgestanden und ging
unruhig im Zimmer hin und her, die Zigarette zwischen den Fingern
zerdrckend. Ich konnte schlielich nicht lnger -- ich mute frei
sein! Ihr Vater lief spornstreichs zu Mama und heulte ihr was von
zerstrtem Leben, geraubter Ehre usw. vor. Mir gegenber hatte er bis
dahin den untertnig-dankbarsten Diener gemimt. Das brige kannst du dir
am Ende vorstellen!

Ich zitterte vor Erregung. Mich hatte ein Gedanke gepackt, der mich
nicht minder los lie. Hat sie -- ein -- Kind? stie ich mit aller
Anstrengung hervor. Verblfft blieb er vor mir stehen. Du bist wirklich
aus der Art geschlagen, Alix, damit streckte er mir die Hand entgegen.
Meine Hand drauf: nein! Wre das Unglck geschehen, ich htte anders
gesprochen! -- Aber wir sind noch nicht zu Ende. Man hat mich auf Urlaub
geschickt -- nach Italien, wie du siehst! --, und wenn die Galgenfrist
zu Ende ist, soll ich -- heiraten! Mit komischem Entsetzen rang er die
Hnde.

Wen? frug ich, whrend mir das Herz hrbar schlug.

Wen?! Ein kleines Prinzechen natrlich, semmelblond -- du weit, wie
ich so was liebe! --, bleichschtig, eine Figur wie ein wohlgehobeltes
Brett. Ich sprte mit heimlicher Freude den raschen Blick, der zu mir
herberzog. Die Ebenbrtigen mit dem ntigen Mammon laufen nicht zu
Dutzenden in der Welt herum. Und eine Ebenbrtige mu es sein, Mama
trumt doch stndig, da ihrem Einzigen Vetter Georgs Krone eines
schnen Tages auf den Dickkopf fllt! Eine Reiche natrlich auch, -- du
weit ja, in wie schmerzlichen Widerspruch unser Portemonnaie zu dem
Glanz unseres Namens steht!

Und du?

Ich wnsche ihm ein langes Leben, eine tchtige Frau und ein Dutzend
Jungens! Zum Regieren hab ich kein Talent, und zum Heiraten am
allerwenigsten. Das wei ich eigentlich erst seit gestern. In der
Stickluft Berlins, angesichts des versammelten Familienrats war ich ganz
klein. Aber wie ich gestern von dir ging, bin ich noch bis in die Nacht
hinein in den Bergen herumgeklettert und habe mir einen ordentlichen
Gletscherwind um die Nase pfeifen lassen. Heute wei ich: es geht nicht
-- mgen sie mich meinetwegen zu den Insterkosaken versetzen, ich kann
die Ebenbrtige nicht heiraten.

Er wandte mir den Rcken und sah in den Regen hinaus.

Ich kann nicht -- wiederholte er leise, ich mu Eine haben, die ich
liebe --

Es war ganz still zwischen uns. Nur die Uhr tickte laut und heftig.

Ich mchte hier bleiben, Alix, sagte er nach einer Weile mit ruhigem
Ernst. Ich brauche die Einsamkeit und -- dich. Du mut mir helfen
berlegen, was aus mir werden soll!

So bleibe, Hellmut, antwortete ich rasch, aber im selben Augenblick
fiel mir die Kathrin ein, und die Tante, und das Gerede der Leute; und
schon kam sie selbst, meine getreue Wchterin, und sagte, nachdem sie
das Geschirr mglichst langsam abgerumt hatte:

Soll der Christoph fr Durchlaucht einen Wagen bestellen? Er geht gerad
ins Dorf hinunter.

Hellmut stieg das Blut in den Kopf. Er verstand. Nein, sagte er, ich
gehe zu Fu. Es ist nicht ntig, da noch mehr Leute von meinem Hiersein
wissen. Die Kathrin sah ihn zweifelnd an. Frchten Sie nichts fr Ihr
gndiges Frulein, Kathrin, fuhr er fort, ich bin ihr bester Freund
und werde nicht dulden, da ihr auch nur ein Hrchen gekrmmt wird. Als
sie sich daraufhin stumm entfernt hatte, wandte er sich zu mir:

O ber die verdammten Rcksichten auf die Gemeinheit der anderen! Ists
nicht das natrlichste von der Welt, da wir hier zusammen sitzen? Und
nun --! Ich kann nicht wiederkommen, -- deinetwegen nicht!

Ich hatte einen bitteren Geschmack auf der Zunge. Zugleich kam mirs
feige und erbrmlich vor, ihn so gehen zu lassen.

Ich bin viel drauen, sagte ich zgernd und verlegen, wenn du mich
brauchst, wie du sagst, dann -- dann knnten wir uns irgendwo treffen.

Hab Dank, herzlichen Dank, Alix. Aber das macht die Sache nicht besser.
-- Uns ein heimliches Rendezvous geben, wie -- wie ... nein, das kann
ich dir nicht antun. Machen wirs kurz: Lebwohl. Er zog meine Hand an
die Lippen und wandte sich, ohne eine Antwort abzuwarten, rasch zur
Tre.

In mir kochte es. Ah, wer diesen Gtzen der Konvention zerschmettern
knnte, auf dessen Altar unsere besten Gefhle und schnsten Stunden
verbluteten, dem zu Ehren wir unsere freien Glieder in Fesseln schlugen.
Gegen Abend, als ich aus der Gartentr trat, sprang mir ein kleiner Bub
in den Weg und hielt mir einen Strau Schneeglckchen entgegen. Schon
zog ich die Brse, um sie zu kaufen, da drckte der berbringer ihn mir
schelmisch lachend in die Hand und rannte davon. Jetzt entdeckte ich
erst den Brief, der um die Stiele gewickelt war.

Im Begriff, abzureisen, schrieb Hellmut sende ich meiner lieben
Freundin diese Blmchen, die einzigen, die ich auftreiben konnte. Ich
fahre direkt nach Berlin. So leid es mir Mamas wegen tut, -- mein
Entschlu steht fest: ich will frei bleiben. Auch wenn ich den Adler auf
dem Helm opfern mu. Ich werde mich zu den Ludwigsluster Dragonern
versetzen lassen und scheide von Dir mit der Hoffnung auf ein frohes
Wiedersehen in Schwerin und auf eine freundliche Fortsetzung unserer
unterbrochenen Gesprche.

               Dein alter Freund
                            Hellmut.

Meine Freude war so gro, da ich sie allein gar nicht tragen konnte.
Die alte Kathrin mute, so sehr sie sich auch zierte, beim Abendessen
neben mir sitzen und den Wein mit mir trinken, den ich mir selbst aus
dem Keller geholt hatte. Schlielich rief ich den Pudel herein und
trieb ihn im Zimmer so lange im Kreise umher, bis vergessene
Jugenderinnerungen in ihm aufdmmerten und er, frhlich mit dem Schwanze
wedelnd, in ein heiseres Bellen ausbrach.

       *       *       *       *       *

Mitte Juni war ich wieder in Schwerin. In vier Wochen stand der Einzug
des Groherzogs bevor, dem eine Reihe von Festlichkeiten aller Art
folgen sollte. Unmglich konnte ich meiner Mutter alle Toilettensorgen
allein berlassen, und meine Tante, die kurz nach Hellmuts Abreise in
Grainau eingetroffen war, schenkte mir aus lauter Rhrung ber meine
Pflichttreue ein rosaseidenes Kleid, von weiem, goldgesticktem Tll
berrieselt. Nun sa ich zu Mamas hellem Erstaunen selbst in der
Schneiderstube. Das sind ja ganz neue Talente, die du entwickelst,
sagte sie, whrend ich unermdlich anprobierte, steckte und heftete, nur
die mechanische Vollendung der Arbeit der Nherin berlassend. Niemand
sollt' es merken, da unsere Kleider nicht bei Gerson gearbeitet worden
waren. Es war mir beinahe strend, da ein paar unentwegte Verehrer vom
vorigen Winter zu meinem Geburtstag eine Landpartie arrangiert hatten,
die mich einen ganzen Tag Arbeitsunterbrechung kosten wrde. Schlielich
aber amsierte ich mich dabei kstlich und lie mir vergngter denn je
den Hof machen. Wir lagerten gerade unter den Buchen und lieen die
Sektpfropfen knallen, als mein Vater erschien, der am Vormittag nicht
hatte abkommen knnen, und eine himmelblaue Uniform neben ihm
auftauchte.

Ich bringe Se. Durchlaucht den Prinzen Hellmut gleich mit, der uns
heute seinen Besuch hat machen wollen, sagte Papa. Alle waren
aufgesprungen und verstummt. Jeder Prinz, selbst der kleinste, ruft in
jedem, selbst dem vornehmsten Kreis, eine Verlegenheitspause hervor.
Hellmut verbeugte sich und trat dann rasch zu mir, die ich mich allein
von meinem Rasenplatz nicht gerhrt hatte. Diesen Tag habe ich mir zu
meiner Antrittsvisite ausgesucht, um Ihnen als alter Freund meine
ergebensten Glckwnsche zu Fen zu legen. Bei der frmlichen Anrede
sah ich erstaunt zu ihm auf.

Ich danke Ihnen, Durchlaucht, da Sie sich meiner erinnern, antwortete
ich mit kaum verhlltem Spott.

Als wir nachher ziemlich isoliert beieinander saen, -- die anderen
hielten sich trotz all ihrer Neugierde in respektvoller Entfernung --,
erklrte er mir sein Verhalten. Mein Vater hatte ihn gebeten, von dem
Du unserer Kindheit Abstand zu nehmen, Sie kennen die Klatschmuler
kleiner Residenzen zu gut, um meinen Wunsch mizuverstehen, hatte er
hinzugefgt. Er war ein schlechter Psychologe, der gute Papa! Er htte
wissen mssen, da dieses Verbot unseren Beziehungen die Harmlosigkeit
nahm und ihnen den Stempel der Heimlichkeit aufdrckte. Wir kehrten ohne
Verabredung zum Du zurck, sobald wir allein waren, und redeten uns vor
anderen, belustigt ber die Komdie, die wir den Dummen vorspielten,
Durchlaucht und gndigstes Frulein an.

Strahlende Sommertage kamen. Die Jahreszeit, in der wir geboren wurden,
hat eine geheimnisvolle Bedeutung fr unser Leben. Nie fhle ich das
Dasein mit seinen Schrecken und Schmerzen, seinen Wonnen und Seligkeiten
so stark und tief, als wenn dem Himmel und der Erde Glutwellen
entstrmen. Wie die Rosenknospe sich ffnet und sich bis zur Tiefe ihres
goldenen Kelchs der leuchtenden Sonne preisgibt, so ffnet sich dann
mein Herz.

An einem Julimorgen zogen unter klingendem Spiel und wehenden Fahnen
Friedrich Franz II. und Anastasia, seine Gemahlin, durch die Straen von
Schwerin zum Schlo. Am Abend desselben Tages, whrend der Mond hoch am
Himmel stand und das Mrchenschlo in silberne Schleier hllte, war der
ganze See von groen und kleinen, mit tausenden bunter Lampen
geschmckten Schiffen belebt. Bis hoch in die Masten schwangen sich die
Lichterketten, und Blumengirlanden schleiften im schimmernden Wasser.

Nur wenige Wrdentrger waren an diesem Abend ins Schlo geladen, um von
den Terrassen des Burggartens aus dem Schauspiel unten zuzusehen. Wir
gehrten dazu, und Hellmut auch, der der Suite des vornehmsten Gastes,
des Knigs von Griechenland, attachiert worden war.

Abseits stand ich unter den Taxushecken, als eine Stimme hinter mir
flsterte: Komm mit. Ich nahm den Arm, der sich mir bot, und fhlte
bebend den Druck, mit der er den meinen an sich prete.

Versteckt zwischen den Rotdornbschen lag drunten ein Boot. Es trug
keine Lichter, nur Kissen und Decken und zu Fen der Sitze in hellen
Krben eine Flle von Rosen. Wir fuhren dicht am umbuschten Ufer entlang
und hinaus, wo der See immer dunkler und einsamer wurde. Wie ein Heer
von Glhwrmchen erschienen von hier aus die Lichter der Schiffe,
whrend der Mond gro und majesttisch zu uns hernieder sah.

Frierst du, Alix? -- Er zog die Ruder ein und hllte mich knieend
fester in die Decken. Seine Hand, die meinen bloen Arm berhrte, war
hei und zitterte, und durch mein Herz zuckte ein schneidender Schmerz,
der dabei doch so seltsam wohl tat ... Wir sahen einander an, -- tief
und fest.

Da tauchte ein anderes dunkles Boot neben uns auf.

Durchlaucht verzeihen -- die Herrschaften brechen auf --, darf ich
meine Hilfe anbieten? Graf Waldburg wars, ein Regimentskamerad des
Prinzen, der rasch entschlossen in unser Boot sprang, mitten in die
bunten Schiffe hineinruderte, wo wir -- zu dritt! -- von allen Seiten
gesehen wurden und mit unseren Rosen in die Blumenschlacht eingriffen;
zusammen erschienen wir im Burggarten in der Gesellschaft und erzhlten
so harmlos als mglich von unsrer lustigen gemeinsamen Fahrt.

Ich danke Ihnen, Waldburg, flsterte Hellmut. Noch ein
Zusammenschlagen der Sporen, ein hflich-khles Kopfneigen als Antwort
von mir, und ich schritt hinter den Eltern dem Wagen zu, der uns heim
brachte.

Wie lauter Trume folgten einander die Sommertage. Krachende, kurze
Gewitter schienen die sonst so schwere Luft Mecklenburgs immer wieder zu
zerstreuen; die Jugend wagte es pltzlich, jung zu sein, und die Alten
lchelten nachsichtig darber.

Der sonst so stille Park war voller Leben: wir tanzten auf glattem
Rasen zwischen buntbewimpelten Masten; wir spielten alte traute
Kinderspiele unter dem Schatten der Bume; und, mde geworden, verloren
wir uns in den geschnittenen Buchengngen, vorbei an springenden
Wasserknsten und verwitterten Gtterbildern. Blind und taub fr die
Welt um uns her, und doch wie gefeit durch die Weihe der Hohenzeit des
Jahres, bewegten wir uns unter den Menschen.

Oft ging es in bekrnzten Wagen weiter hinaus in die Wlder, oder an
einen der ferneren Seen, von denen jeder uns schner dnkte als der
andere: der eine, weil er sich schmal und lang zum Horizont erstreckte,
von freundlichen Drfern rings umgeben, der andere, weil er einsam und
dunkel zwischen bewaldeten Hgeln lag. Oder wir ritten am taufrischen
Morgen mit verhngten Zgeln querfeldein, wo oft meilenweit kein Mensch
uns begegnete, kein Haus zu sehen war, bis ein stattlicher Gutshof
auftauchte, die rmlichen Taglhnerhuser berragend, -- ein
verkleinertes Abbild von Schwerin. Wenn ich sie sah, pflegte ich schon
von weitem Kehrt zu machen.

Sie frchten sich wohl vor den Dorfktern? meinte bei solcher
Gelegenheit eine schnippische Freundin. Das traut mir wohl keiner zu,
antwortete ich, aber ich schme mich vor den armen Leuten. Alles
lachte; nur Hellmut wandte sich mir zu und sagte: Das wrden die armen
Leute am wenigsten verstehen. Ich glaube, da sie fr uns nichts
empfinden als Neugierde und Bewunderung.

Um so schlimmer! Ich verstehe sie nur, wenn sie mit Steinen nach uns
werfen, entgegnete ich laut und drckte meiner Stute die Peitsche in
die Flanke, so da sie gehorsam in langen Galopp verfiel. Hellmut aber
blieb mir dicht zur Seite, griff mit der Rechten krftig in meine Zgel
und sagte, whrend seine hellen Augen mich bermtig anblitzten: Wirst
du mir nicht davongehen, du Se, Wilde! Mein Groll war verflogen, --
da ich mich ihm, dem Starken, unterwerfen durfte, -- welch tiefe
Seligkeit war das!

Einmal waren wir nach Rabensteinfeld hinber gerudert, dem stillen
Witwensitz der alten Groherzogin. Mit dem Dampfschiff war uns eine
groe Gesellschaft vorausgefahren, lauter ltere und gesetzte
Angehrige, die zuweilen die Verpflichtung fhlten, uns Jugend zu
beschtzen. Ich hielt das nie lange aus und war stets die erste, die
Mittel und Wege fand, aus ihrem Gesichtskreis zu verschwinden. Hellmut
benahm sich korrekter und wollte die Form nicht verletzen. Auch jetzt
stand ich mit einem lachenden: Wer kein Philister ist, folgt mir, vom
Teetisch auf und ging hinunter an das Seeufer. Ein paar junge Herren
kamen mir nach, und emprt ber Hellmuts Eigensinn, kokettierte ich mit
ihnen in erzwungner Lustigkeit.

Als wir in der Abenddmmerung zu Fu heimkehrten, gesellte er sich
endlich wieder zu mir. Eine tiefe Falte grub sich zwischen seine Brauen,
die seinem sonst so guten Gesicht einen bsen Ausdruck verlieh. Das
darfst du mir nicht wieder antun -- hrst du, zischte er mich an und
eisern umklammerten seine Finger mein Handgelenk. Verzeih mir --,
flsterte ich, aber warum hast du mich allein gelassen? -- Weit du
nicht, da ich alles nur um deinetwillen tue? -- Ganz weich war seine
Stimme dabei, und schweigsam gingen wir nebeneinander, die Worte waren
zu arm fr die Flle unseres Gefhls.

An einem anderen glhheien Sommertag gab das Grenadier-Regiment ein
Fest im Jagdschlo von Friedrichstal. Hei und ermattet vom Tanz und vom
Spiel, gingen wir alle zum Neumhler See herunter, wo die Buchen und
Birken ber dem Uferweg dichte Lauben bilden. Allmhlich zerstreute sich
die Menge hier- und dorthin; wir blieben nur zu fnfen beieinander, --
zwei Mdchen und drei Herren. An einer kleinen dichtumbuschten Bucht
lagerten wir, und die Lust packte mich, die Fe im Wasser zu khlen.
Meine Gefhrtin errtete dunkel bei meiner Aufforderung, es mir nach zu
tun. Du, das ist unpassend, flsterte sie mir leise zu. Unpassend?
wiederholte ich laut, zeigst du vielleicht nicht deine Hnde, deine
Arme, deinen Hals, -- warum nicht deine Fe? -- Bravo, bravo,
applaudierte einer der Herren. Das stachelte mich auf, und keck von
einem zum anderen blickend, fuhr ich fort: Soll ich euch sagen, was wir
alle wissen und ihr nur nicht zu sagen euch getraut? -- Wir schmen uns
nur unserer Hlichkeit -- Damit hatte ich rasch Schuhe und Strmpfe
abgestreift.

Eine beklemmende Stille trat ein; ich wagte nicht, mich umzusehen, mein
Blick haftete auf meinen nackten Fen, als she ich sie zum erstenmal,
-- sie waren so wei, so schrecklich wei! -- mir stieg das Blut bis in
die Stirne. Ich berhrte scheu das Wasser mit den Zehen. Es -- es ist
-- zu kalt, brachte ich mhsam hervor und zog die Fe rasch unter die
Kleider. Ein Gerusch verriet mir, da die Herren sich entfernten; die
Kleine neben mir, noch rter und verlegener als ich, half mir rasch beim
Anziehen und lief dann auch davon. Langsam erhob ich mich, -- die
Glieder waren mir schwer, -- da stand Hellmut vor mir -- ein paar
Schweitropfen auf der Stirn und doch ganz bla.

Nun baue ich Tag um Tag eine Mauer um dich, damit nichts und niemand
dir zu nahe treten kann, und du -- du gibst dich diesen -- diesen
Schurken preis, kam es stockend ber seine Lippen. Mir strzten die
Trnen aus den Augen, -- doch schon hatten seine Arme mich umschlungen,
und sein Mund prete sich auf den meinen, und die heien, lang
zurckgedmmten Wogen der Leidenschaft schlugen ber uns zusammen.

Wie wir uns trennten, wie ich nach Hause kam, -- ich wei nichts mehr
davon. Ich wei nur, da ich am weit geffneten Fenster sa und die
linde Nachtluft tief und langsam einsog, als htte ich nie vorher die
Wonne des Atmens gekannt. Dann stockte mein Herzschlag, -- ein fester
Tritt, ein schleppender Sbel unterbrachen die Stille, ein lichtes Blau
schimmerte durch die Bsche des Gartens. Alix -- klang es sehnschtig.
-- Und ich nahm die Rose, die mir noch zerdrckt im Grtel hing und warf
sie in zwei geffnete Hnde.

Alles Denken war ausgelscht in meinem Hirn, ich fhlte nur mit
gesteigerter Intensitt. Morgens am Kaffeetisch umarmte ich zrtlich den
Vater, -- es fiel mir pltzlich schwer aufs Herz, da ich seiner
rhrenden Liebe stets so khl begegnet war --. Du hast ja schon in
aller Frhe illuminiert, sagte er und streichelte mir halb erstaunt,
halb beglckt die Wangen. Schchtern und schuldbewut kte ich der
Mutter die Hnde, -- wie schlecht hatte ich bisher ihre Treue gelohnt!
-- ach, und wie ernst und verhrmt sah sie aus! Als aber das
Schwesterchen hereinsprang, hob ich sie auf den Scho und flsterte in
ihr rosiges, von lauter Goldlckchen umspieltes Ohr: Du -- ich wei was
ganz Heimliches: heut nacht tanzten die Nixen mit dem grauen
Schlozwerg, bis er vor lauter Atemnot auf den Rasen plumpste. Ich
glaub' immer, da liegt er noch und schnarcht, und die Nixen haben vor
Lachen den Heimweg ins Wasser vergessen. Komm schnell hinaus, -- am Ende
sehn wir sie noch! Sie jubelte hell auf vor Freude, und richtig, --
zehn Minuten spter waren wir unten am See.

Klein-Ilschen suchte -- ich aber war still und ernst geworden und sah
hinber zum fernen jenseitigen Ufer: sollte das Glck, das mir dort
begegnet war, auch nur ein nchtlicher Spuk gewesen sein? -- Wir fanden
die Nixen nicht -- Klein-Ilschen war bse. Wie wir langsam heimwrts
gingen, kam ein Reiter uns entgegen, -- ich wagte kaum aufzusehen. Doch
schon war er neben mir und hielt den Fuchs am Zgel. Willst du reiten,
Kleine? sagte er und hob das Schwesterchen, dessen Leidenschaft Pferde
waren, in den Sattel. Still gingen wir weiter, unsere Augen aber
versenkten sich ineinander, tief, immer tiefer, -- bis sie Gewiheit
hatten und auch im fernsten Winkel der Seele nichts Lebendiges fanden
als nur das eigene Bild.

Die Nixen waren weg, sagte das Schwesterchen zu Hause zu Mama, aber
Prinz Hellmut lie mich reiten!

Prinz Hellmut?! Ein rascher mitrauischer Blick streifte mich. Ich
wandte mich zu den Fenstern und ordnete eifrig die vielen kleinen
Lichter zur abendlichen Illumination.

Der Groherzogin Geburtstag war heute; mit dem prchtigsten und zugleich
dem letzten Fest dieses Sommers sollte er gefeiert werden. Verwandte und
Freunde des Hofes, Deputationen der Garde-Regimenter, der ganze Adel
Mecklenburgs waren in Schwerin versammelt. Stundenlang rollten auch vor
unserem Hause die Wagen, und die Besucher kamen und gingen;
Staatsvisiten waren es zumeist, aber auch solche guter alter Bekannter.
Im weien Spitzenkleid, ein paar gelbe Rosen im Grtel, stand ich im
Salon, neigte mich vorschriftsmig ber die Hnde der Damen und senkte
den Kopf vor den Herren. Was mich sonst ermdete, machte mich heute
froh, denn mit geschrften Augen sah ich die Menge der bewundernden
Blicke. Wie ich mich dann am spten Nachmittag vor der Abfahrt zum
Schlo im Spiegel sah, umrauscht von rosa Seide, deren starker Farbenton
gedmpft durch goldgestickten Tll schimmerte, -- Rosen auf der langen
Schleppe verstreut und Rosen in den dunkeln Locken --, da war ich
zufrieden.

Dicht gedrngt standen die Menschen auf der Schlobrcke, wo die Wagen
nur Schritt vor Schritt vorwrts kamen. Alix von Kleve -- Alix von
Kleve ging es flsternd von Mund zu Mund. Dankbar lchelnd neigte ich
mich rechts und links aus dem offenen Wagenfenster. Auf den schwarzen
Marmorstufen der groen Treppe, in deren tiefem Dunkel das Gold des
Gelnders und der Sulen sich spiegelte, standen die Lakaien im roten
Rock und die Lufer mit dem seltsamen gewaltigen Blumenstrau ber den
Stirnen. Und droben in den Vorzimmern gleite und glnzte es von
goldgestickten Uniformen, hellen Schleppen und funkelnden Edelsteinen.
Wir wurden zu unseren Pltzen gewiesen. In der Ahnengalerie stand die
Jugend. Ich sah durch die Bogenfenster ber den See hinaus und rhrte
mich nicht. Was gingen mich die andern Menschen an? Wozu war ich hier,
als allein seinetwegen? Worauf wartete ich, als auf ihn? Die Musik im
Thronsaal neben uns intonierte den Einzug der Gste auf der Wartburg,
drei schwere Schlge mit dem Hofmarschallstab kndigten das Nahen der
Herrschaften an. Ich erwachte aus meinen Trumen. Ein Rauschen ab und
auf: wir versanken in unseren Kleidern und tauchten wieder auf -- wie
eine lange hellschimmernde Woge. Mein Blick haftete sekundenlang auf dem
Herrscherpaar, das langsam durch unsere Reihen schritt: der schlanke
Mann mit dem Kennzeichen seines Geschlechts, dem kahlen, glatten
Schdel, darunter ein Antlitz von jener bla-grauen Farbe, die das
Morphium allmhlich auf die Haut seiner Opfer malt, zwei fiebrig
glnzende Augen darin und zwei Lippen, zu jenem wehmtig-freundlichem
Lcheln verzogen, mit dem die frh vom Tode Gezeichneten die Jugend
gren. Neben ihm das Weib: um den ppig-schlanken Leib schmiegte sich
ihr Gewand schillernd wie Schlangenhaut, auf dem hoch erhobenen dunkeln
Kopf trug sie stolz die Krone von Brillanten, dunkelrot wlbten sich die
Lippen ber den kleinen weien Raubtierzhnen, und ein gieriges Leuchten
wie von heiem Lebenshunger tauchte in ihren wunderschnen Augen auf.
ber uns sah sie hinweg, sie brauchte uns nicht zu sehen, -- sie war
mehr als die Jugend. In meinem Herzen aber wallte das Mitleid auf -- mit
dem Mann und mit der Frau.

Dann kam der Knig von Griechenland, -- wie die meisten Knige: kein
Knig. Und dann die Knigin, -- weich und licht und holdselig, wie die
guten Feen aus den Mrchen, und hinter ihnen der Schwarm der anderen. --
Aber ich sah keinen mehr, denn aus dem Zuge heraus war Hellmut zu mir
getreten.

In einem runden Turmzimmer mit bunten Fenstern saen wir zu vier um den
rosengeschmckten Tisch: Hellmut und ich, Graf Waldburg und seine Braut,
die kleine Komte Lantheim. Wir aen nicht viel, aber unsere Glser
klangen immer wieder aneinander, und prickelnd flo der eisige Sekt
durch unsere Kehlen. Leise und schmeichelnd tnte von fern die Musik.

Im goldenen Saal, durch dessen Fenster die Glut des Abendhimmels
hineinstrmte, whrend viele hunderte flammender Kerzen alle Wnde und
Pfeiler aufleuchten lieen wie gelbes Feuer, wurde getanzt. Es war noch
fast leer, als wir eintraten. In wiegendem, lockendem Rhythmus klang die
se Walzerweise der Schnen blauen Donau von der Estrade.

Ich lag in seinem Arm, und die Tne schienen uns zu tragen. Alix -- ich
liebe dich, hauchte mir im weichen Takt der Bewegung seine Stimme ins
Ohr -- verzehrend lieb ich dich -- ich la dich nicht los -- nie --
nimmermehr -- Sein heier Atem berhrte mich wie ein zrtlich kosender
Ku, und meine Haare wehten um seine Wangen.

Durchlaucht -- Galopp -- wenn ich bitten darf! hrten wir pltzlich
neben uns sagen. Aufatmend standen wir still, -- wir hatten wirklich das
strenge hfische Walzerverbot vergessen! Im gleichen Augenblicke trat
der Kammerherr der Groherzogin auf uns zu: Ihre Knigliche Hoheit
befehlen --

Mich auch? frug Hellmut. Er senkte bejahend den Kopf, whrend ein
leises malitises Lcheln seine Lippen kruselte. Sollte die schne
Frstin so konventionell sein und unser Vergehen gar noch persnlich
rgen wollen?

Sie tanzen bezaubernd, -- ich mache Ihnen mein Kompliment, Frulein von
Kleve! sagte sie laut, als ich in tiefer Verbeugung ihre Hand an die
Lippen zog. Die mecklenburger Damen knnen sich ein Beispiel nehmen!
Die Umstehenden horchten hoch auf.

Tanzen Sie noch einmal denselben Walzer, lieber Prinz, den man offenbar
nur verbietet, weil man ihn zu tanzen nicht versteht.

Wie auf Kommando bildete sich ein weiter Kreis um uns. Und wir tanzten.
Aber ich fhlte die vielen musternden, neidischen, feindseligen Blicke,
die mich betasteten, wie mit feuchtkalten Fingern, und durchbohrten, wie
mit Nadelstichen. Ein Schwindel packte mich -- fester, immer fester
lehnte ich mich in Hellmuts Arm -- er trug mich mehr, als da ich
tanzte.

Fhren Sie Ihre Tnzerin auf die Terrasse, -- das wird ihr gut tun --
sagte die Groherzogin, als ich mich bla und zitternd wieder verbeugte.
Ein Ton war in ihrer Stimme, der mich auffahren lie, -- hatte sie unser
Geheimnis erraten?

Wir gingen hinaus. Viele bunte Lampions erhellten die Terrasse und den
Burggarten, plaudernde Gruppen standen ringsumher. Wir aber suchten die
Nacht und die Stille. Tief unten schmiegte sich ein von weien Blten
berster Strauch an die dunkle Mauer, und ein schwerer ser Duft
breitete sich rings um ihn. Jasmin -- meine Blume!

Weit du noch, Hellmut, wie du bermtig in die Zweige griffst und ein
Regen schneeiger Bltter mir auf Schultern und Haare fiel? und wie sie
matt zu Boden taumelten vor dem heien Hauch deines Mundes? Du pretest
mich wild an dein Herz, da der Atem mir stockte, -- du httest mich
morden knnen in jener Nacht, -- mit einem Liebesblick htt ich es dir
vergolten. Warum sagst du mir nicht, da du mich liebst -- warum bist
du so still? frugst du, und ich seufzte, den Arm fest um deinen Hals:
Ich kann dirs nicht sagen -- ich kann nicht -- ich liebe dich viel --
viel zu sehr!

Droben tanzten sie wieder -- wir sahen die Paare hinter den hellen
Fenstern vorberschweben --, und eine Melodie verirrte sich zuweilen bis
zu uns. Wie mit kosenden Stimmen antworteten ihr die Wellen, die
pltschernd ans Ufer schlugen, und fern von den hohen Baumwipfeln des
Parks klang hie und da ein vertrumtes Vogelzwitschern. Immer
verzehrender glhten unsere Augen ineinander, verlangender,
sehnschtiger wurden unsere Ksse.

Da verstummte die ferne Musik, ein heftiger Schreck machte dich zittern.
Wir mssen hinauf -- sagtest du heiser und fuhrst dann hastig fort,
whrend wir die Treppe zur Terrasse emporstiegen: Wir mssen uns
trennen -- mein Dienst ist morgen zu Ende --

Und in der nchsten Woche reisen wir, flsterte ich mhsam, -- es
wrgte mir am Halse.

Im Herbst erst sehen wir uns wieder --

Das ertrag ich nicht -- --

Ich sterbe vor Sehnsucht -- Und noch einmal zogst du mich an dich, und
aufschluchzend barg ich meinen Kopf an deiner Brust.

Weine nicht, Liebling, weine nicht, -- fr ein ganzes Leben voll Liebe,
das uns bevorsteht, ist das Opfer dieser nchsten Wochen am Ende nicht
zu gro, versuchtest du uns Beide zu trsten, dabei fielen heie
Tropfen aus deinen Augen mir auf die Stirn. --

       *       *       *       *       *

Wir fuhren nach Karlsbad, -- Mama, Klein-Ilschen und ich. Wir trafen mit
einem groen Kreise alter und neuer Freunde zusammen. Wir sage ich, --
aber im Grunde war ich gar nicht da, nur mein wandelndes Schattenbild.
Automatisch geschah alles, was ich tat: mein Reden und noch mehr mein
Lachen. Ich selbst sa still im dunkeln Chorgesthl eines hochragenden
Doms, die Hnde im Scho gefaltet, die Augen emporgerichtet zu den in
mystischen Farben glhenden Fenstern, unbeweglich horchend auf den
Gesang ser Engelsstimmen, die Stirn umweht von Wolken duftenden
Weihrauchs ...

Wenn ich neben dem Rollstuhl Stauffenbergs ging, sprach ich wohl mit ihm
von alledem, was mein Interesse sonst erregt hatte; aber eine ganz
andere, eine fremde Alix war es. Ich selbst, ich lachte ber sie und
ihren komischen Eifer. Was ging mich die hohe Politik, was gingen mich
Darwin, Wagner und Nietzsche an? Neben dem Reichtum lebendigen Lebens,
das mir begegnet war, verblate alles zu blutleeren Schemen.

       *       *       *       *       *

Am Abend unserer Rckkehr im Herbst sa ich im Dunkel der
Intendantenloge im Theater. Hoffmanns Erzhlungen, -- jenes geniale
Werk Offenbachs, das er geschaffen haben mu, besessen vom Geiste des
Zauberers, dem es galt, -- gelangte zum erstenmal, und ungekrzt, zur
Auffhrung. Meine Augen durchforschten noch die Logen und Rnge -- ich
war ja nur gekommen, weil ich berzeugt war, ihn zu finden --, als die
ersten Akkorde der Ouverture mich schon gefangen nahmen. Und dann die
Oper selbst! Wie es ihr zukommt, war jede possenhafte Nuance vermieden
worden; Spalanzani und Coppelius, der geheimnisvolle Brillenverkufer im
ersten Akt, wirkten gespensterhaft, und Olympia, die Puppe, war nicht
nur ein Automat, der schlielich zur Erhhung der Lachlust eines
einfltigen Publikums zerbrochen auf die Bhne geschleift wird, -- ein
Stck Leben schien vielmehr in sie hineingezaubert, das mit einem wehen
Laut erstarb. Selbst die Menuetttnzer und Tnzerinnen bewegten sich wie
nichts vollkommen Irdisches.

Schon verdunkelte sich der Zuschauerraum am Ende der Pause, als der
Bogenvorhang sich teilte, -- ein breiter Lichtstreifen fiel herein. Der
erste Ton der Barkarole klang gedmpft aus dem Orchester -- ein Stuhl
wurde zur Seite gerckt -- Alix! hrte ich Hellmuts Stimme hinter
mir, und sein Mund brannte auf meinem Nacken.

Schne Nacht -- o Liebesnacht -- o stille mein Verlangen! tnte es von
der Bhne dicht vor uns; ausgestreckt auf Decken und Fellen lag die
schne Guiletta vor ihren Anbetern; ihre nackten Arme und ihre bloen
Schultern leuchteten im Glanz der roten Ampeln. Das Blut strmte mir zum
Herzen, meine Hand suchte die des Geliebten. Von einer Melodie
durchwogt, wie sie aufreizender, sinnbetrender nicht zum zweitenmal
vorkommt, wurde die Luft immer schwler um uns. Kaum da wir uns im
hellen Licht des Zwischenaktes genug zu ermannen vermochten, um
konventionelle Phrasen mit dem Intendanten zu wechseln. Hellmuts Uniform
verriet seine Anwesenheit auch im Halbdunkel der Loge, Lorgnetten und
Opernglser richteten sich auf uns, und tuschelnd neigten sich die Kpfe
zueinander.

Aber schon setzte das Orchester zum letzten Akte ein. Sie entfloh --
die Taube so minnig sang der blassen Antonia weiche Stimme. Seltsam --
kein Zweifel -- sie sah mir hnlich: der gelbliche Ton der Haut, die
dunkeln Locken. Mich frstelte. O -- und als dann der gespenstische Arzt
erschien mit der hageren Gestalt, dem glatten Totenschdel und den
klirrenden Flaschen in den Hnden -- -- Mir ist nicht ganz wohl!
flsterte ich und stand leise auf. Hellmut begleitete mich. Er hielt
meinen vorzeitigen Aufbruch nur fr einen Vorwand. Whrend er mir den
Mantel um die Schultern legte, flsterte er mir zu: Ich war bei Mama --
ein bichen Trnen hats ihr gekostet --, aber schlielich fand sie sich
ins Unabnderliche. Wir drfen hoffen, Liebling! -- Hier alles Nhere,
er drckte mir ein Papier in die Hand und fhrte mich bis zum Wagen;
schon zogen die Pferde an, als der Schlag sich von der anderen Seite
noch einmal ffnete, -- mit einem raschen Sprung war er neben mir und
ich in seinen Armen, -- einen Augenblick nur, einen kurzen,
glckseligen. An der nchsten Straenbiegung verschwand er ebenso, wie
er gekommen war. Erst zu Hause, im verschlossenen Schlafzimmer, ffnete
ich seinen Brief.

Mein ser Liebling, schrieb er, die Wochen ohne Dich waren eine
grliche Fastenzeit. Zum zweitenmal ertrage ich so etwas nicht. Das
habe ich auch Mama gesagt, und da sie so wie so immer um mich zittert --
begreifst Du solche Anhnglichkeit, Du Einzigste?! --, so hat sie meine
Drohung toternst genommen. Sie wird in den nchsten Tagen Tante Brigitte
Sonderburg, ihre verdrehte alte Schwester, besuchen und sehen, ob sie
bei ihr das ntige Kleingeld zusammenscharren kann; bei Vetter Georg,
dem Knauser, ist nichts zu holen, Mamas eigne Kasse ist vllig
schwindschtig. Ich schme mich, Dir so was schreiben zu mssen, meine
holde, kleine Gttin Du, und doch mut Du wissen, warum ich immer noch
nicht in Helm und Schrpe antrete. Meine Zulage reicht kaum fr mich,
der ich das Unglck habe, ein Prinz zu sein, und diese Wrde tglich mit
barer Mnze bezahlen mu. Aber trotz alledem mu es werden, und ich
trume schon jede Nacht von dem weichen Nest, das ich fr mein
Prinzechen -- viel, viel mehr Prinzechen, als alle Ebenbrtigen
zusammengenommen! -- erobern werde!

Verlobte schicken einander immer briefliche Ksse. Das finde ich fad.
Aber holen tu ich sie mir bei allernchster Gelegenheit fr die langen
sechs Wochen, die Du sie mir schuldig bliebst. Hte Dich beizeiten, da
Du nicht daran erstickst ...

Ich konnte nicht schlafen. Es lag wie ein eiserner Reifen um meine
Stirn. Der Weg zur Ehe geht durch die Kirche pflegte Mama zu sagen, --
aber stand nicht ein goldener Gtze am Altar, statt des Priesters?

Wir sahen uns oft, aber niemals allein. Eine zehrende Sehnsucht
durchwhlte mich wie eine Krankheit. Jeder Hndedruck schien mir die
Haut zu versengen. Wir konnten den Karneval nicht erwarten, der zu
heimlichen Begegnungen tausend Gelegenheiten bot. Ein Ball bei der
Groherzogin-Mutter erffnete ihn endlich. Sie hatte es allen Warnungen
zum Trotz durchgesetzt, da er in ihrem Palais stattfand, dessen
Tanzsaal erst vor jedem Fest von der Baupolizei untersucht werden mute.
Diesmal, so erzhlte man sich, habe sie schon recht bedenklich den Kopf
geschttelt. Als wir kamen, fiel mein erster Blick auf Hellmut, der mit
zusammengezognen Brauen, bla und finster, allein in einer Fensternische
stand. Ewig dauerte es, bis ich all die Verbeugungen und Begrungen und
stereotypen Phrasen erledigt hatte und meine Hand in der seinen ruhte.

Ich habe Nachricht von Mama, prete er mhsam hervor, Tante Brigitte
hat rundweg abgelehnt. Fr dumme Streiche htte sie kein Geld!

Mir wankten die Kniee. Da ging das alte frohe Leuchten ber seine Zge,
gepaart mit einem neuen Ausdruck starker Energie: Sei nicht furchtsam,
Liebling; du weit: und wenn ich mich dafr dem Teufel verschreiben
sollte, -- du wirst mein!

Junge Liebe ist voller Zuversicht, sie glaubt noch an Wunder; und sie
ist sich selbst genug und vergit darber die Welt. Es war eine
strmische Saison damals, -- kaum ein Tag verging ohne ein Diner, einen
Ball, eine Schlittenpartie. Hellmut fehlte niemals. Wenn es nicht anders
ging, ritt er noch in der Nacht nach Ludwigslust zurck. Er verlor
allmhlich die gesunde Farbe, aber wenn ich ihn angstvoll um sein
Ergehen frug, lachte er. Wir wurden immer khner und immer
erfinderischer, um uns allein sehen zu knnen, und die fremdesten
Menschen halfen uns dabei: sie zogen sich zurck, wenn wir ins Zimmer
traten, sie vertieften sich in ein Gesprch, wenn wir am gleichen Tische
saen, sie migten das Tempo ihres Laufs, wenn sie auf der weiten
Eisflche des Schweriner Sees in unsere Nhe kamen. Da die Mdchen mich
mieden, war mir nur eine Wohltat. Hie und da freilich fing ich ein
hmisches Lcheln auf, ein vieldeutiges Augenzwinkern, oder hrte mit
halbem Ohr, wie es um mich her raunte und flsterte. Aber ich dachte
darber nicht nach. Ich vegetierte berhaupt nur noch, und lebte allein,
wenn er um mich war.

In diesem Winter wute ich erst, was Tanzen ist: keine Bewegung, in der
wir nach Vorschrift die Fe so oder so setzen, kein harmlos-kindliches
Vergngen aus reiner Freude am rhythmischen Regen der Glieder, -- Liebe
ist es, Liebe in all ihren tausend Phasen, Liebe, die zwei Menschen zu
Eins verschmilzt, die sie auseinanderzieht, um die Sehnsucht zu steigern
und sie um so glhender wieder zu vereinen. Liebe, die lockt und
kokettiert -- sich demtig neigt und siegesbewut aufrichtet -- die mit
den anderen lchelt, sich ihnen vorbergehend hingibt, nur um des einen,
des Geliebten Glut zu loderndem Feuer zu entfachen.

Die Barkarole beherrschte den Tanz in jenem Karneval. Ich hrte sie
bis in meine Trume.

Zu einem Hofball wurde ein Menuett einstudiert, -- der Tanz, in dem sich
die ganze grazise Sndhaftigkeit und knstlerisch verklrte Erotik
seiner Zeit widerspiegelt. Wir trugen dazu keinen billigen Maskentand,
sondern schwere Kleider von Damast, breit ausladend ber den Hften, zum
Umspannen schmal in der Taille, mit langen hfischen Schleppen. Rosen
und Lorbeer rankte sich auf dem meinen, die alten kostbaren Spitzen
meiner Mutter garnierten den Rock, ihre Perlenschnre schlangen sich mir
um Hals und Nacken. Hoch gepudert die Haare, ein Schnpflsterchen am
Mundwinkel und eins auf der Brust, -- so traf ich im Vorzimmer am Abend
des Festes Hellmut, meinen Herrn. Wir staunten einander an, -- so hatte
ich die ebenmige Schnheit seiner Gestalt noch nie empfunden wie
jetzt, wo sie im Staatsgewand Ludwigs XV. vor mir stand. Aber sein
Gesicht blieb ernst.

Mir pat der Narrentrdel nicht! sagte er, whrend wir uns nach
Mozarts unvergnglichem Don Juan-Menuett neigten und drehten. Ist nicht
die gleiende Pracht ein Hohn auf unsere Armut?

Ich fhle nur, da wir reich sind, die Reichsten der Welt! antwortete
ich und lehnte den Kopf zurck, um ber die Schulter hinweg ihn selig
anzulcheln, wie die Figur des Tanzes es grade befahl.

Aber ich verkomme vor Qual, solang du nicht mein bist! gab er zurck
und beugte das Knie in bittender Gebrde zu dem lang gezognen
Sehnsuchtston der Musik.

Ein Walzer folgte dem Menuett. Hellmut lehnte mit verschrnkten Armen an
einem Pfeiler, und jedesmal, wenn ich vorberkam, fhlte ich seinen
Blick.

Du darfst heute mit keinem anderen tanzen, redete er mich an, als mein
Tnzer mich verlassen hatte, -- er vermochte seiner Erregung kaum Herr
zu werden. Vergebens suchte ich ihm das Unmgliche seines Verlangens
klar zu machen; ich verlasse das Schlo, wenn du nicht tust, um was ich
dich bitte, -- ich halts einfach nicht aus, da jeder Schmutzfink dich
im Arm hlt und seine frechen Blicke sich an deiner Schnheit weiden.
Ich fgte mich beglckt von der Strke seiner Leidenschaft, und um
keinen anderen Verdacht aufkommen zu lassen, bat ich meine Mutter, mir
in der Garderobe eine aus Taschentchern improvisierte Bandage um den
verstauchten Fu zu legen, der mich am Tanzen hindern sollte.

Hellmut und ich trennten uns an dem Abend nicht mehr. Im Ballsaal
drngte sich die Jugend, in den Nebenzimmern saen die lteren an den
Whisttischen. Wir gingen durch die langen Galerien mit ihrer bunten,
phantastischen Dekoration, wo die Lampen immer sprlicher brannten. Wir
standen eng aneinander geschmiegt vor Tristan und Isoldens Liebesmr,
die hier im Schlo der sittenstrengen Obotriten in hellen Farben an den
Wnden prangt, und wie Lebendige tauchten Hero und Leanders Marmorbilder
im rosigen Schein gedmpften Lichtes vor uns auf; ihr Busen schien zu
atmen, an den sein Haupt sich zrtlich lehnte.

Von ferne folgten uns die Tanzmelodien ... Schne Nacht -- o
Liebesnacht -- o stille das Verlangen -- klang es leise -- sehnschtig.

Und Hellmut schlang den Arm um mich, und dicht, immer dichter aneinander
geschmiegt, flogen wir durch den halbdunklen Raum. Mir war, als hrte
ich ein unterdrcktes Gelchter, -- aber im nchsten Augenblick verga
ich es wieder.

Wir tanzten, -- waren wir nicht allein auf mondheller Wiese, von Palmen
umrauscht und groen, weien Blumen umgeben, aus deren Goldkelch
betubende Dfte strmten? Wir tanzten, -- wars nicht ein Schaukeln auf
kristallhellen Fluten, -- sahen wir nicht bis zum Grund, wo die
blendenden Leiber nackter Nixen zwischen Wasserrosen auf und nieder
tauchten und Lieder, die noch kein Menschenohr gehrt, ihren roten
Lippen entstrmten? -- Mein Herzschlag stockte -- auf den nchsten Stuhl
sank ich schwindelnd zurck, zu meinen Fen brach der Geliebte
zusammen, den blonden Kopf vergraben in meinem Scho ...

    Oh, la marquise Pompadour,
    Elle connait l'amour
    Et toutes ses tendresses,
    La plus belle des maitresses --

sang pltzlich eine krhende Sopranstimme hinter uns. Hellmut sprang auf
und griff instinktiv an den zierlichen Galanteriedegen, der ihm an der
Seite hing.

Verdammt -- knirschte er, -- es war eine leere Scheide, die er in der
Hand hielt. Wir hrten noch ein Rascheln und Raunen und das ferne
Schlagen einer Tr, dann wars still.

Morgen noch fahr ich selbst zu Tante Brigitte und, wenns nicht anders
ist, zu Georg. Ich mu ein Ende machen -- so oder so! flsterte er mir
zu, ehe wir den Ballsaal wieder betraten. Ich suchte meine Eltern; --
wir verabschiedeten uns. Am Ausgang, wo sich die meisten Menschen
zusammendrngten, trat Hellmut an meinen Vater heran: Darf ich mich
gleich heute fr die nchsten Wochen verabschieden, Herr General, --
sagte er sehr laut und frmlich -- mein Vetter, Herzog Georg, wnscht
meine Anwesenheit bei den Hofbllen. -- Reisen Sie glcklich,
antwortete mein Vater, und mir schien, als ob er erleichtert dabei
aufatmete. Amsieren Sie sich gut -- brachte ich mhsam hervor und
legte meine kalten Finger flchtig in die seinen.

Nur die fieberhafte Erregung gab mir Kraft, mich in den nchsten Wochen
aufrecht zu halten. Ich fehlte in keiner Gesellschaft, auf keinem Ball;
keine tanzte so unermdlich wie ich, an keinem andern Tisch wurde so
viel Sekt getrunken wie an dem meinen.

Eines Tages traf ich Graf Waldburg im Theater. Er machte in den Pausen
mit groem Eifer Propaganda fr eine Schlittenpartie, die mit einem
Diner im Hotel enden sollte. Seine Durchlaucht Prinz Hellmut bittet Sie
um die Ehre, Sie fahren zu drfen, wandte er sich an mich. Als ich
fragend zu ihm aufsah, zuckte er die Achseln und sagte, nur fr mich
hrbar: Durchlaucht haben mir nichts weiter mitgeteilt, als da ich
rasch fr eine Gelegenheit zu lngerer Aussprache sorgen mchte.

Zweimal vierundzwanzig Stunden noch! Die Erregung steigerte sich bis
zum Unertrglichen. Inzwischen fing es an zu tauen. Ein schmutziges Grau
bedeckte die Straen der Stadt, und dichte Nebel hingen ber den Seen.
Mit hellem Schellengelut erschien trotzdem am festgesetzten Tage
Hellmuts Schlitten vor unserer Tr, -- eine winzige mit Pelzen dicht
ausgeftterte Muschel, vor der ein russischer Traber unruhig den Boden
stampfte. Mein Vater fhrte mich hinunter. Hellmuts erster Blick sagte
mir alles -- ich schwankte, als Papa mir in den Schlitten half. Also um
fnf Uhr pnktlich im Hotel! rief er noch freundlich, dann flogen wir
davon.

Georg hat mich ausgelacht -- Tante Brigitte war zynisch genug, mir zu
versichern: fr ein vernnftiges Verhltnis htte sie Geld -- fr eine
dumme Ehe nicht! Mit rauher Stimme hatte er gesprochen. Was meinst du,
wenn wir statt zum Rendezvous auf dem Schloplatz direkt auf den See
fhren, -- der hlt uns nicht lange!

Ich packte ihn entsetzt am Arm. Nein, Hellmut, nein, flehte ich, wir
haben ja noch gar nicht gelebt! Der Fanatismus des Daseins durchglhte
mich -- so sterben -- so -- nein! Und wie eine Erleuchtung kam es ber
mich: Tante Klotilde, -- sie mute und konnte helfen. Mit schmetternden
Fanfaren begrte die Musik die Ankommenden, als wir beide, die Herzen
von neuer Hoffnung geschwellt, auf den Schloplatz einbogen und uns
frhlich an die Spitze des langen Zuges setzten. War das eine Fahrt
durch den Wald, wo der tauende Schnee eine glatte Bahn geschaffen hatte!
Wie wir den Nebel nicht sprten, obwohl er unsere Pelze mit Millionen
winziger Wasserperlen besetzte, so empfanden wir keinen Zweifel mehr an
der wieder erwachten Sonne unseres Glcks.

Die anderen kamen durchfroren von der stundenlangen Fahrt ins Hotel,
uns, die wir ihnen weit voran gewesen waren und doch als letzte
zurckkehrten, war glhhei. Noch lange saen wir zusammen; die vielen
Gnge des Mahls, bei dem die meisten Paare immer einsilbiger wurden, das
langsame Servieren, das jeden Nichtmecklenburger immer ungeduldiger
machte, -- wir merkten es nicht. Fr uns wars viel zu frh, als es galt,
Abschied zu nehmen. Vor dem halbdunkeln Torweg, im rieselnden Regen,
umschlo eine krftige Hand noch einmal die meine, und spitze Ngel
gruben sich mir ins Fleisch.

Noch in der Nacht schrieb ich an Tante Klotilde. Mein ganzes Herz
schttete ich ihr aus; mit all meiner Hoffnung klammerte ich mich an
sie; jede Seite ihres Wesens suchte ich zu rhren.

Wenige Tage spter wurde ich zu ungewohnter Stunde zu meinem Vater
gerufen. Hochrot im Gesicht, mit meinem Brief in der Hand, trat er mir
entgegen. Mama sa vor Schrecken totenbla im Lehnstuhl. Es gab eine
unbeschreibliche Szene. Demselben Manne, der mir seine Zrtlichkeit nie
genug zeigen konnte, war jetzt kein Wort zu verletzend, um mich zu
beschimpfen. Ich stand vor ihm, wie versteinert. Erst als er Hellmut
einen Ehrlosen nannte und die wahnsinnigsten Drohungen gegen ihn
ausstie, kam ich zu mir. Das duld' ich nicht, da du seine Ehre
angreifst, rief ich und trat ihm dicht unter die Augen, schlag doch
mit Fusten auf mich, wenn du willst, aber ihn -- ihn darfst du nicht
anrhren. Papa sah mich gro an, wandte sich ab und sthnte qualvoll.
Das ertrug ich nicht mehr. Weinend warf ich mich ihm zu Fen. Papachen
-- hab' doch Mitleid mit mir -- mein Unglck ist doch schon gro genug,
schluchzte ich. Und dieselbe Hand, die mich fast geschlagen htte, hob
mich empor. Mein armes, armes Kind, sagte er, und mit dem Ausdruck
eines zu Tode Verwundeten sah er mich an.

Mama war still gewesen bis dahin. Jetzt hrte ich ihre ruhige khle
Stimme wie von weit, weit her. Sie las den Brief der Tante vor, ich
verstand ihn kaum, nur die Worte Pflicht, Opfer, Ehrgefhl
wiederholten sich, wie es schien, hufig. Alix wird, so schlo er
ungefhr, durch diese Erfahrung klug werden und ihre zgellosen
Leidenschaften bndigen lernen. Unser ganzes Leben ist Entsagung und
Pflichterfllung ... Ich lachte gellend auf bei dieser schnen Tirade,
um gleich nachher in einen wilden Weinkrampf auszubrechen. Papa trug
mich in mein Bett. Meine Mutter verlie mich von da an keine Minute.
Gegen Abend lie sie mich aufstehen. Kaum auf den Fen konnt ich mich
halten, und vor Schmerzen htte ich am liebsten geschrien, aber meine
Willenskraft war strker als alles. Ich vermochte es sogar, meinen Vater
dankbar anzulcheln, als er mir mitteilte, er habe die schwere Aufgabe
auf sich genommen, den Prinzen ber den Ausgang der traurigen
Angelegenheit in Kenntnis zu setzen.

Als ich dann, wie immer, im Nebenzimmer den Tee bereitete, hrte ich,
mit meinen fieberhaft geschrften Sinnen, Mama zu ihm sagen: Ich kenne
Alix genug, um keine ernstliche Sorge zu haben. Wo wir bisher gewesen
sind, -- es gab immer irgend eine mehr oder weniger fatale
Liebesgeschichte. In diesem Fall, wo ihre Eitelkeit mitspricht, sieht
die Sache erheblicher aus. Aber du sahst sie doch! -- Eine solche
Verzweiflung lt das uerste frchten! wandte mein Vater ein.
Vertraue mir, lieber Hans -- du siehst sie immer wie in einem goldnen
Spiegel! Ich habe, gottlob, meine sehr nchternen und klaren Augen
behalten, antwortete Mama, wir haben jetzt nichts zu tun, als zu
verhten, da sie sich und uns durch tragische Posen kompromittiert --
alles andre berlasse ruhig der Zeit und --, fgte sie mit einem halben
Lachen hinzu -- dem nchsten Mann!

Was sie sagte, war mir nur willkommen, und ich benahm mich, ihren Worten
entsprechend, whrend ich zu gleicher Zeit mit vollkommener Ruhe an die
Ausfhrung eines Planes ging, der vom ersten Augenblick an, da ich von
der Ablehnung der Tante erfahren hatte, fr mich fest stand. Ich lie
mir zur Gutenacht die Stirn kssen und legte mich ruhig nieder; da Mama
noch einmal kommen und nach mir sehen wrde, wute ich, und wartete, bis
sie zurck in ihr Schlafzimmer ging und jeder Ton im Hause erstorben
war. Dann stand ich auf, zog mich sorgfltig an, packte das Ntigste in
eine bereit stehende Handtasche und schlich mit angehaltenem Atem die
Treppe hinunter. Die Haustr knarrte nicht einmal, als ich sie
aufschlo. Es regnete in Strmen, kein Mensch war zu hren, noch zu
sehen. Ich wartete in meinen Mantel gewickelt, bis ein fester Schritt
mir entgegen klang, ein schleppender Sbel auf das Pflaster taktmig
aufschlug. So kam er jetzt jeden Abend, vom Fenster aus ein verabredetes
Zeichen erwartend, in den dicht an unserem Hause liegenden Park. Er fuhr
zurck, als er mich vor sich sah. Es bedurfte nicht vieler Worte
zwischen uns. Aber was ich gleichgltig, mit einer ganz fremden ruhigen
Stimme erzhlte, das erschtterte ihn so, da er sich schwer auf meine
Schulter lehnen mute. Ich kann dich nicht lassen, Alix! sthnte er
immer wieder. Das sollst du auch nicht, Hellmut! antwortete ich fest.
Da uns zum Ehebund der Goldsegen fehlt, schlieen wir ihn unter dem
Segen der Liebe. Mit weit geffneten Augen sah er mich an. Du wolltest
--? klang es fragend, zgernd. Deine Geliebte werden -- ja.
Selbstverstndlich mu ich Schwerin sofort verlassen -- -- --

Alix, du fieberst -- du weit ja gar nicht, was du sagst, -- das ist ja
heller Wahnsinn! rief er. Ich fhlte pltzlich, wie die feuchte Klte
der Nacht von den Fusohlen an langsam an mir emporkroch. Ich bin nicht
wahnsinnig, Liebster -- sagte ich weich und drckte seine Hand zrtlich
an meine Wange, ganz im Gegenteil: ich will die wahnsinnige Weltordnung
fr mein Teil vernnftig machen! -- Nun la uns nicht lnger hier
stehen, Hellmut, wo jede Minute kostbar ist. Irgend eine kleine Station
wird sich mit deinem Wagen doch noch erreichen lassen, wo ich den ersten
Morgenzug erwarten kann --. Er trat einen Schritt zurck, -- Mach mich
doch nicht zum Schurken -- Alix -- er packte mich am Arm und schttelte
mich, als wolle er mich aus einem Traum erwecken. Und wirklich --
whrend der Regen mir ins Antlitz peitschte -- und die letzten Laternen
erloschen, kam es mit grausamer Klarheit ber mich. Hellmut! rief ich
noch einmal und breitete die Arme aus. Er strzte auf mich zu, bedeckte
mir Mund und Augen und Wangen und Hnde mit wilden Kssen -- und
verschwand, wie von Furien gepeitscht, in der dunkeln Allee.

Minutenlang blieb ich wie angewurzelt stehen, dann strich ich mechanisch
mit den Hnden ber den nassen Mantel. Ich mute mich vergewissern, wer
das eigentlich war, der hier drauen im Regen stand. Auch an die Stelle
griff ich, wo mir das Herz noch eben wild geschlagen hatte. Es war wohl
nicht mehr da -- es war wohl tot -- oder am Ende in den Schmutz
gefallen. Ganz ngstlich sah ich in die schwarzen Pftzen zu meinen
Fen. Jetzt mt ich eigentlich schlafen gehn -- fuhr es mir durch den
Kopf. -- Gott, war das Tschchen schwer und der nasse Mantel. -- Ob ich
mich lieber auf die Bank dort setzen sollte?! -- Nach ein paar Schritten
stockte mein Fu: nein, das ging nicht, ringsumher standen schrecklich
viele Menschen und starrten mich an. Und dann rissen sie alle den Mund
weit auf, und von allen Ecken drhnte und kreischte es --

    Oh, la marquise Pompadour --
    Elle connait l'amour --
    Et toutes ces tendresses --
    La plus belle des matresses -- --

Ich floh die Stufen empor, -- ri die Tre auf und setzte mich erschpft
auf die Treppe. Aber sie krochen mir nach -- auf Hnden und Fen -- wie
Wrmer. Mit den letzten Krften schlich ich in mein Zimmer. Und
pltzlich kam mir zum Bewutsein, da ich -- Alix Kleve -- hier in
triefenden Kleidern auf dem Bette sa. Ein Grauen berfiel mich, als
wre ich mein eigenes Gespenst und schwebte im schwarzen grenzenlosen
Weltraum. Die Sinne vergingen mir.

Acht Tage fast lag ich in vlliger Apathie. Dann ging ich aus, und bald
darauf ins Theater. Man gab Hoffmanns Erzhlungen -- selbst bei der
Barkarole klopfte mein Herz nicht. Es war mir offenbar abhanden
gekommen. Nach weiteren acht Tagen tanzte ich wieder. Mama triumphierte.




Elftes Kapitel


Wissen Sie das Neuste! rief mir eine meiner Konkurrentinnen auf dem
Kampfplatz weiblicher Eitelkeit zu, als wir gerade in der Quadrille
einander gegenber standen; Prinz Hellmut ist -- krank und hat sich auf
ein Jahr beurlauben lassen, -- dabei lchelte sie, halb triumphierend,
halb schadenfroh, wie eben nur eine Frau lcheln kann.

Ich wei, er trug sich schon lange mit diesem Plan, antwortete ich mit
vollkommener Ruhe.

An dem Abend tanzte ich bis zur Erschpfung und hatte fr alle ein
liebenswrdiges Wort, einen koketten Blick, so da die Kotillonstrue
auf meinem Scho sich huften wie noch nie. Als ich aber zu Hause am
offenen Fenster stand und die wrzige Mrzluft das schwle Zimmer mit
einer Ahnung neuen Frhlings fllte, warf ich mit einem Gefhl des Ekels
das glitzernde Ballkleid, die knstlichen Rosen, die seidenen Schuhe von
mir.

Ich kann nicht mehr, sagte ich zu mir selbst; alles erinnerte mich
hier an die Vergangenheit, jeden Blick, jedes Lcheln empfand ich, als
ob schmutzige Hnde mich betasteten. Ich mute fort, weit fort!

Es kostete mich nur geringe Mhe, meine Eltern zu bewegen, mich
verreisen zu lassen. Die gesellschaftlichen Pflichten waren fr diesen
Winter erledigt, meine Gesundheit bot stets willkommenen Vorwand zu
frhen Landaufenthalten; es bedurfte nur einer Ansage, und ich konnte
schon in den nchsten Tagen in Pirgallen eintreffen. Unter dem Schutz
einer Bekannten, deren Anwesenheit mich zur Selbstbeherrschung zwang,
fuhr ich nach Berlin, wo Onkel Walter, der zum Reichstag dort war, mich
in Empfang nahm.

Na, du machst ja nette Streiche, war sein erstes Wort. Peinlich
berrascht sah ich auf. Wir hatten dich eigentlich ein paar Wochen hier
behalten wollen, fuhr er fort, aber deine Affre ist so sehr in aller
Munde, da es besser ist, wir lassen Gras darber wachsen, ehe du dich
zeigst. Seine Frau bentzte die Gelegenheit, um ber meine miglckten
Plne, meinen bestraften Ehrgeiz kleine bissige Bemerkungen zu
machen, so da ich erleichtert aufatmete, als ich im Zuge nach
Knigsberg sa.

Mit einer Zrtlichkeit, die mir noch inniger schien als frher, und die
das einzige war, wodurch Gromama mir ihr Wissen verriet, schlo sie
mich in die Arme. Es war so still, so friedlich in ihren grnen Zimmern,
hinter den dicken Mauern, als ob es in der ganzen Welt gar keine Strme
gbe. Aber schon nach wenigen Tagen sollte ich an sie erinnert werden.
Gleichzeitig kamen von meinen Eltern zwei Briefe an. Ich ffnete den von
Mama zuerst -- ich frchtete mich instinktiv vor dem anderen.

Dein Vater, schrieb sie, ist in einer solchen Aufregung, da ich es
fr ntig halte, seinen Brief nicht ohne den meinen abgehen zu lassen.
Die Versetzung nach Bromberg traf ihn wie der Blitz aus heiterem
Himmel. Wenn sie auch gewi keine direkte Zurcksetzung bedeutet, so
hngt sie sicherlich mit Deiner traurigen Angelegenheit zusammen, die
hhern Orts nicht unbemerkt und nicht ungergt bleiben konnte. Mchtest
Du daraus endlich die Lehre ziehen, da Du Deine Launen und
Leidenschaften im Zaum halten mut, wenn Du nicht Dich und Deine Eltern
zugrunde richten willst ...

Mit zitternden Hnden ri ich Papas Brief auf. Er lautete:

Mein liebes Kind! In der Bibel steht, da die Snden der Vter an den
Kindern heimgesucht werden, aber die andere bittere Wahrheit, die ich am
eignen Leibe erfahren mu, steht nicht darin: da die Vter fr die
Snden der Kinder ben mssen. Ich bin zum Chef der Landwehr-Inspektion
in Bromberg ernannt worden, -- das ist nichts anderes als eine
ehrenrhrige Strafversetzung, die ich mit meinem Abschiedsgesuch
beantworten wrde, wenn ich nicht gentigt wre, weiter zu dienen, um
meine Familie zu erhalten ...

Ich konnte der Trnen nicht Herr werden, als ich Gromama die Briefe zu
lesen gab. Mit ihrer schmalen khlen Hand strich sie mir ber die heie
Stirn und sagte begtigend: Dein Vater bertreibt in der Erregung gern
ein bichen, mein Alixchen; es ist gewi nicht so schlimm, wie es ihm
erscheint, und du wirst es ihm nun auch tapfer und liebevoll tragen
helfen. Aber ich lie mich nicht so leicht beruhigen. Ich schwelgte
frmlich im selbstqulerischen Bewutsein einer Schuld, die mir doch
nicht als bewute Verschuldung erscheinen konnte.

Es ist mein Schicksal, allen, die mich lieben, Unglck zu bringen --
so formulierte ich eines Tages Gromama gegenber das Resultat meiner
Grbeleien. Das ist eine kindliche und -- was schlimmer ist -- alle
Krfte lhmende Auffassung, antwortete sie: tragische Heldinnen
solcher Art gibt es nur in Schicksalstragdien, die auch als Kunstwerke
nichts taugen.

Mit einem unmerklichen Zwang, dessen Konsequenz mir erst viel spter
klar wurde, lenkte sie mich von der Beschftigung mit mir selber ab.

Sie hatte einen Kinderhort ins Leben gerufen, wo die noch nicht
schulpflichtigen Kleinen unter Aufsicht einer alten Frau aus dem Dorfe
spielten und in die ersten Begriffe der Reinlichkeit eingeweiht wurden.
Gromama brachte tglich ein paar Stunden unter ihnen zu und sa, wie
eine Erscheinung aus anderer Welt in ihrem schwarzen Sammtkleid auf
erhhtem Sitz, mit den feinen Fingern Papierpuppen ausschneidend,
whrend sie den Flachskpfen, die sie dicht umdrngten, Mrchen
erzhlte. Dazwischen flocht sie manchem Ruschelkopf die Zpfe, oder
putzte ein triefendes Nslein, oder wusch ein paar gar zu schmutzige
Pftchen. Was sie mit freundlichem Gleichmut tat, das kostete mir viel
Selbstberwindung. Diese Kinder straften die beruhigend-sentimentale
Auffassung von der blhenden lndlichen Jugend Lgen. Nur wenige waren
rund und pausbckig und krperlich fehlerlos. Die meisten wackelten
mhsam auf krummen Beinchen daher, an Ausschlgen an Kopf und Krper, an
triefenden Augen litten viele, selbst Krppel fehlten nicht, und mit
Schmutz und Ungeziefer waren fast alle behaftet. Manche unter ihnen
stierten mit verbldeten Blicken ins Leere, oder saen stundenlang auf
demselben Fleck, wie lebensmde Greise. Andere, laute und lrmende,
fhrten Worte im Munde, deren Sinn, den ich erst allmhlich erriet, mir
die Schamrte in die Wangen trieb. Ob es ihnen wirklich irgend etwas
nutzen konnte, da sie hier whrend ein paar Kinderjahren vom inneren
und ueren Schmutz ein wenig gereinigt wurden?! dachte ich bei mir und
wurde in meiner Vermutung bestrkt, wenn sich ihre eigenen Mtter immer
wieder ber die gesundheitsschdliche Anwendung zu vielen Wassers
beklagen kamen.

Und wenn wir nichts weiter erreichten, als ihnen ein paar frhliche
Stunden schaffen und fr ihr ganzes spteres Leben die wohlige
Erinnerung an etwas Sonnenschein -- so ist das genug, sagte Gromama.

Wir gingen auch ins Dorf und besuchten die Insten. Mit unheimlicher
Regelmigkeit wiederholte sich dabei stets dasselbe: Frauen empfangen
uns, oft kaum dreiigjhrig und schon mit grauen Haaren, schlaffen
Brsten und runden Rcken, Greisinnen unter ihnen, zahnlose, mit tausend
Falten in der Pergamenthaut, aber nur hie und da blhende junge Mdchen.
Die gingen alle in die Stadt, in den Dienst oder in die Fabrik, und
brachten, wenn sie heimkamen, vaterlose Wrmchen mit, die die alten
Eltern schlecht und recht aufziehen muten. Immer warens dieselben
Klagen, die uns entgegenschollen: der Vater, der Gatte, der Sohn
vertrank die paar Groschen Verdienst und lohnte Weiber und Tchter
obendrein mit Schlgen, wenn Schmalhans zuhause Kchenmeister war.

Nicht weniger als drei Schankwirte machten sich in Pirgallen die Gste
streitig. Der scharfe Geruch von Fusel, schlechtem Tabak und
Menschenschwei, der in ihren Rumen klebte, lie mir vor Ekel den Atem
stocken, und doch war der Aufenthalt dort noch besser, als in der
Stickluft der Huser, zwischen lrmenden Kindern und keifenden Frauen.
Mich grauste vor jedem Trunkenbold, -- jetzt fing ich an, ihn zu
verstehen. Vergebens hatte Gromama bei ihrem Sohn die Einrichtung von
Leseabenden, die Einfhrung guter Bcher fr Pirgallens Bewohner zu
erreichen gesucht, damit sie den Weg ins Wirtshaus seltener fnden. Das
hiee Bedrfnisse wecken, die schlielich zur Landflucht treiben, war
seine Antwort gewesen.

Nur weiter drauen, wo die Huser der Fischer einsam am Haffstrand lagen
und die grauen Wellen jetzt im Mrz noch Eisschollen auf ihrem Rcken
trugen, lebten die Familien nach uraltem Brauch friedlich zusammen. Die
kurze Pfeife in Mund, flickte der Hausvater die Netze, und die Hausfrau
sa am Webstuhl, schweigsam wie er. Kam der Feierabend, so las der Alte
aus der vergriffenen Bibel mit schwerer, eintniger Stimme, und ein
Gebet schlo den Tageslauf. Und doch kam mirs hier unheimlicher vor als
im Dorf. Hier herrschte noch mit eiserner Strenge das Gesetz der
Unterordnung der Kinder unter den Willen der Vter. Jeder Wunsch in die
Ferne wurde erstickt, zerprgelt, jede lebenswarme Freude starb, wenn
sie hier in die Tre trat.

Wir kamen nie mit leeren Hnden, der Dank war immer ein
berschwenglicher, der nicht im Verhltnis zur Gabe stand. Mochte er nun
von Herzen kommen oder verlogen sein, mir war er gleich unertrglich.
Gromama meinte, da ich durch sein Abwehren beleidigend wirkte.

Ich kann nicht anders, Gromama, sagte ich, wenn ich der armen Lene
eine Suppe bringe, so schme ich mich, da ich mich am liebsten vor ihr
verstecken mchte. Warum in aller Welt bin ich nicht die Lene?!

Da du es besser hast, mut du mit besser sein vergelten, entgegnete
sie ernst. Meine Empfindung aber steigerte sich nur. Das Rtsel des
Elends in der Welt und seine Unlsbarkeit richtete sich riesengro vor
mir auf, ein Felsentor mit schwarzer Eisenpforte. Rostflecke bedeckten
sie und Blut klebte an ihr, -- Zeichen der vielen, die an ihr rttelnd
vergebens Eingang verlangt hatten. Niemand besa den Schlssel, und der
Glaube, der ber sie hinwegtrgt zu sonnigen Welten jenseitiger
Vergeltung, war mir verloren gegangen.

Abends lasen wir miteinander, Gromama und ich. Die stenographischen
Berichte der Reichstagsverhandlungen, die sie durch ihren Sohn
regelmig erhielt, bildeten damals ihre Lieblingslektre. Mich
langweilten sie zunchst schrecklich, ich verstand ja nicht einmal das
ABC der Sache. Da Bismarck, den wir alle wie einen Halbgott verehrten,
sich mit der ganzen Leidenschaft seiner Sprache, dem ganzen Gewicht
seiner Persnlichkeit fr etwas, meiner Empfindung nach so
Untergeordnetes, wie das Branntweinmonopol ins Zeug legte, kam mir
komisch, ja fast verchtlich vor. Erst als Ende Mrz die Frage der
Verlngerung des Sozialistengesetzes auf der Tagesordnung stand, wuchs
mein Interesse mit der dramatischen Bewegtheit der Verhandlungen.

Meine Gromutter war von je her eine Gegnerin aller Ausnahmegesetze
gewesen, mochten sie sich nun gegen Polen oder gegen Sozialdemokraten
richten. Sie schaffen nur Mrtyrer, und Mrtyrer werben Scharen von
Proselyten, pflegte sie zu sagen; aber sich mit Shnen oder
Schwiegersohn, denen keine Maregel gegen die Umstrzler energisch genug
war, darber auseinander zu setzen, hatte sie lngst aufgegeben. Mir
selbst ging es in bezug auf die Sozialdemokratie, wie den meisten
Menschen in bezug auf die Religion: ich hatte noch nie ber sie
nachgedacht, ich vermochte es kaum, weil gewisse dogmatische
Anschauungen sich mir von klein auf als etwas Selbstverstndliches
eingeprgt hatten, ohne da mein Glaube daran ein irgendwie lebendiger
gewesen wre. Sozialdemokraten sind Verbrecher, auf deren
ungeschriebenen Tafeln der Knigsmord zum Gesetz erhoben wird; sie sind
gemeine Lstlinge, die ein Leben niedrigster Gensse zum Ziel alles
Strebens machen; sie sind Volksverfhrer und Betrger, die, wo es ihren
Vorteil gilt, die Ideale der Freiheit und Brderlichkeit im Munde
fhren, -- nie hatte ich etwas anderes gehrt, noch nie war mir ein
Zweifel an diesen traditionellen Auffassungen in den Sinn gekommen. Die
kalte Atmosphre der Ideallosigkeit, in der auch die Religion zu Eis
erstarrte, und die die Lebensluft der Kreise war, in denen ich lebte,
lie mich immer strker frsteln, je lter ich wurde, und steigerte
meine Sehnsucht nach einem heien Sonnenland des inneren Lebens, wo
Hoffnungsblumen noch wachsen knnen. Die Sozialdemokratie, die auf
unseren alten Kaiser die Mordwaffe gerichtet hatte, die das Vaterland
stndig beschimpfte, die Familie zerstren, die Frauen zum Gemeingut
machen wollte, erschien mir wie die letzte Entwicklungsphase der
Vereisung. Es gab daher Augenblicke, wo ich meinem Vater und meinem
Onkel mehr beipflichtete als meiner Gromutter und deren Wunsch, die
infamen Kerls an den Laternenpfhlen aufzuknpfen, mich nicht emprte.

Mit steigendem Staunen las ich jetzt die Debatten. Als der Minister von
Puttkamer, -- der mir als kirchlicher Reaktionr schon unangenehm genug
war, -- die gegen die bermacht reicher Fabrikanten um ihr Brot
kmpfenden belgischen Kohlenarbeiter, von denen damals die Presse voll
war, als Beispiel jener sozialrevolutionren Bewegung hinstellte, der
die deutsche Regierung mit niederschmetterndem Widerstand begegnen
wrde, frappierte mich diese Identifizierung armer darbender Arbeiter
mit den deutschen Sozialdemokraten auerordentlich, und als Bebel
antwortete, verga ich ber alledem, was er sagte, die Person des
Redners. Da der bermut der durch die Arbeit der Armen reich gewordenen
belgischen Fabrikanten und die Untersttzung, die die Regierung ihnen
angedeihen lie, indem sie mit militrischer Gewalt wie gegen
Vaterlandsfeinde gegen die Bergarbeiter vorging, die revolutionre
Bewegung hervorgerufen htte, -- hervorrufen mute, weil Menschen auf
die Dauer keine stumpfsinnigen Sklaven sind, ebenso wie die Herrschaft
der Knute in Ruland notwendig den Meuchelmord zeugte, -- das alles
wirkte auf mich mit der Selbstverstndlichkeit eigenster Gedankengnge,
und mich emprte die versteckte Absichtlichkeit, mit der dem Redner die
Worte im Munde verdreht wurden und seine politischen Gegner ihm immer
wieder unterstellten, er habe den Mord verherrlicht. Ich fiel erst
wieder -- und recht empfindlich -- aus den Himmeln meiner Begeisterung,
als Stcker von den elenden Lhnen Berliner Mntelnherinnen sprach, und
Singer, der Parteignger Bebels, der sich mir eben als Vertreter aller
Unterdrckten offenbart hatte, dem persnlichen Vorwurf, da er selbst
durch solche Lhne reich geworden sei, nur mit lahmen Ausreden
begegnete.

Es ist wie bei den Predigern des Christentums, sagte ich, wie immer
rasch verbittert durch eine Enttuschung, zu Gromama, richtet euch
nach meinen Worten, aber nicht nach meinen Taten. Und erheblich
ernchtert las ich weiter. Aber schon wenige Seiten spter schlug meine
Empfindung abermals um, -- es war eben nur Empfindung, die sich wie
Sommerfden vom Winde hin und her treiben lie, weil sie nicht zwischen
die festen Pfeiler der Erkenntnis gesponnen war. Ein konservativer
Redner verlas ein Zitat aus dem Kommunistischen Manifest, wonach die
Weibergemeinschaft eines der Postulate der Sozialdemokratie wre. Aus
Liebknechts Erwiderung ergab sich, da es sich auch diesmal um eine
gegnerische Flschung handelte. Seinem ganzen Inhalt nach gab er das
Manifest wieder. Ich fate nur auf, was mich am tiefsten traf: die
Forderung einer von konomischen Rcksichten vollkommen losgelsten Ehe.
Wurde nicht hier die Standarte eines Ideals aufgerichtet, das die ganze
christliche Zivilisation nicht nur nicht verwirklicht, sondern mehr und
mehr in den Staub getreten hatte?!

Ich sprach mit Gromama darber.

Das ist das Verdienst der Sozialdemokratie, sagte sie, ber das man
manche ihrer Snden vergessen knnte, da sie alte wahrhaft christliche
Ideale in ein neues Kleid gesteckt hat und die Menge glauben lt, es
handle sich auch um neue Krper. Aber eine Verwirklichung kann sie
trotzdem nicht dekretieren. Jahrhunderte einer christlichen Erziehung
und Gesetzgebung gehren dazu. Sieh dir doch hier einmal die Menschen
an. Schon die Verwirklichung einer uns so gelufigen Forderung, wie die
des allgemeinen Stimmrechts, erscheint angesichts ihrer verfrht. Oder
meinst du, da es zum Besten der Menschheit ist, wenn die Mehrheit, d. h.
heute noch die Schlechten, die Dummen und Rohen, an ihrer Spitze
stehen? Ich verstummte vor diesem Argument: unsere betrunkenen
Instleute -- entscheidende Faktoren in Fragen der Kulturentwicklung, das
war zweifellos absurd.

Von Disraelis Sybil und Zolas Germinal hatte Liebknecht in derselben
Rede gesprochen. Wir lasen daraufhin beides: das schwchliche Werk des
Englnders, das nur darum erstaunlich war, weil ein Premierminister sich
so offen auf die Seite der schwarzen Arbeiter hatte stellen knnen,
und den Roman des Franzosen, der mir tglich neue Schauer des Entsetzens
ber den Rcken jagte, dessen frchterliche Bilder mich bis in meine
Trume verfolgten. Ich sah die Maheude auf dem Schlachtplatz vor dem
Schacht neben dem toten Mann im schwarzen Schlamme sitzen und Katherine
und Etienne tief in der dunkeln Grube, wo gurgelnd das Wasser hher und
hher an ihnen emporstieg, und der Hunger mit kalten Knochenfingern
ihren Leib zusammen schnrte, whrend der gedunsene Leichnam des
gemordeten Rivalen wieder und wieder von den Wellen zu ihnen empor
getragen wurde; -- aber frchterlicher, als all diese Bilder, haftete
ein anderes unauslschlich in meinem Gedchtnis: jener grauende Morgen,
an dem sich vor dem wieder geffneten Schacht scheu und gebckt, still
und demtig all die zusammen fanden, die eben noch fr ihre Freiheit
Leib und Leben eingesetzt hatten. Was willst du -- ich hab ein Weib!
sagten sie mde, ich habe Kinder -- eine Mutter -- mich hungert; und
die Maheude, die Furie des Aufstands, zhlte schon die Jahre ihrer
Jngsten, bis auch sie reif wren zur Einfahrt, -- sie tragen alle ihre
Haut zu Markte, die Reihe kommt auch an sie! -- Da es Hunger und Not
und Elend gab, -- entsetzlich war es; entsetzlicher noch, da die
Menschen es ertrugen.

Inzwischen war ber Nacht mit all seiner Herrlichkeit der Mai ins Land
gezogen, und vorbei wars mit der Stille in Gromamas grnem Zimmer. Ihr
Sohn und die Seinen kehrten heim, und ein Taubenschlag war aufs neue das
alte Schlo von Pirgallen. Ich wars zufrieden; ein Netz von Schwermut
schnrte mir den Atem ein, leer, zweck- und ziellos erschien mir das
Leben, und alle Mittel versagten, um mir selbst zu entfliehen.

Ich habe in letzter Zeit wieder so unter den einsamen Grbelstunden
gelitten und war so am Ende alles Denkens angelangt, schrieb ich an
meine Kusine, da der Trubel der Geflligkeit gerade zur rechten Zeit
kam; ich mu in diesem betubenden Meer des Vergebens wieder
untertauchen, um nicht zu sterben vor Melancholie. Und ein paar Wochen
spter: Wenn man mit sich und der Welt so zerfallen ist wie ich, so ist
es das Beste, nicht zur Besinnung zu kommen. Ich geniee das Leben, so
lange ich jung bin und man mir huldigt, und betube die warnenden
Stimmen im Innern. Ich reite, ich rauche, ich bin kokett, ich mache
extravagante Toiletten und erlaube mir Dinge, die man zu verdammen
pflegt, -- aber ich wrde mir auch nichts daraus machen, wenn ein Sturz
vom Pferde, ein Umschlagen des Kahns dem dummen Spa ein Ende machen
wrde.

Mit einer gewissen kalten Neugier beobachtete ich meine steigende
Anziehungskraft auf die Mnner. Ihre Huldigungen wurden mir mehr und
mehr zum Bedrfnis; von ihrer Glut sprangen warme Wellen zu mir hinber,
die mir zuweilen die Wohltat eigenen Feuers vortuschten.

An meinem Geburtstagsabend, nach einem durchtanzten und durchspielten
Tag, an dem ich mir aus lauter Angst, an die Vergangenheit denken zu
mssen, keinen Augenblick Ruhe gegnnt hatte, schrieb ich an Mathilde,
die sich gerade im Harz befand und mich dringend in die Stille der
Bergwelt eingeladen hatte: Die Stille mag gut sein fr den, der sich
gern erinnert, unsereins braucht die ewig knarrende Tretmhle des
Amsements. Aber gr mir immerhin den Harz; seine Berge sind freilich
Kinderspielzeug, seine Felsen eines nichtsnutzigen Engels schlechte
Kopien von Gottvaters Wunderwerken, aber er hat einen Vorzug: die nahe
Beziehung zur Hlle, nach der ich ein unbndiges Verlangen trage. Wenn
der Teufel auf dem Brocken seinen Reprsentationsball gibt, sag ihm, er
soll mich nicht vergessen. Er wird dir dankbar sein fr deine
Kupplerdienste, -- ich bin momentan geradezu eine Delikatesse fr ihn.

Wir siedelten bald darauf nach Kranz ber, wo mein Onkel eine gerumige
Villa dicht am Strand gemietet hatte. Das reizende Seebad
war berschwemmt mit dem Adel Ostpreuens, und mit jener
Selbstverstndlichkeit aller Bevorrechteten, die sich unbewut immer als
Mittelpunkt des Weltganzen fhlen und die brige Menschheit nicht anders
ansehen als ihre Kammerdiener, vor denen man sich auch ungeniert gehen
lassen kann, dominierte unser groer lustiger Kreis berall: wir nahmen
die besten Pltze ein, die besten Schiffe beanspruchten wir, und wir
dachten nicht im entferntesten an die Ruhebedrftigkeit anderer
Badegste, wenn wir bis tief in die Nacht hinein im Kursaal tanzten und
vom Strand aus prasselnde Feuerwerke gen Himmel steigen lieen. Unsere
alten Herren saen bei Regen und Sonnenschein beim Skat und kmmerten
sich wenig um uns, so da die Jugend sich doppelt des Lebens freute. Ein
kleiner Graf, den wir, wegen seiner frappanten hnlichkeit mit den
dnnen Spielffchen aus Seide, den Chenille-Grafen getauft hatten, gab
den Ton an. Er war hlich, aber ungemein gewandt und grazis, seine
Schlagfertigkeit, sein beiender Witz, der nicht frei von Zynismus war,
seine chevalreske Art Damen gegenber, die einen Stich von Impertinenz
besa, seine vielseitige knstlerische Begabung, die berall im
leichtfertigen Dilettantismus stecken geblieben war, machten ihn in
diesem Kreis zu einer nicht alltglichen Erscheinung. Eine Partie war
er nicht; er konnte sich daher onkelhafte Freiheiten gestatten, und fr
mich, die ich, wie er, nichts suchte als Amsement, war er der gegebene
Kavalier.

Eines abends -- wir saen wie gewhnlich im Sande und spielten
Pfnderspiele -- mischte sich ein neuer Gefhrte in unseren Kreis: Graf
Ghren. Er erschien mir sofort als des lustigen Chenille-Grafen direktes
Widerspiel, gemessen in den Bewegungen, etwas ungeschickt sogar,
ernsthaft, ein wenig verlegen. Wie ein guter, treuer Pinscher sah er
aus, mit runden erstaunten Augen. Mich genierte seine Anwesenheit, ich
wute nicht recht, warum. Es fgte sich in den folgenden Tagen, da wir
uns nher kennen lernten, und als wir einmal auf einem Spaziergang in
den Dnen vor einem Gewitter die Flucht ergriffen und, von der brigen
Gesellschaft getrennt, in einem verlassenen Pavillon Schutz suchten,
legte er mit ungewhnlich sorglicher Gebrde seinen Mantel um meine
Schultern. Ich wurde bis ins Innerste warm dabei, -- es tat so wohl,
sich unter gutem Schutz zu wissen! Abends am Strande war ich nicht recht
bei der Sache und horchte erst auf, als der Chenille-Graf mit einer
Gitarre unter dem Arm auf mich zu trat. Nun hab ich fr Ihr Lied die
Melodie gefunden, Gndigste, sagte er, wenn wir das anstimmen, kriegen
die Kranzer eine Gnsehaut vor Entsetzen. Mein Lied?! Ach so! -- vor
ein paar Tagen hatte er mein Notizbuch gefunden, und keck, wie er war,
zum Lohn ein Gedicht begehrt, da er darin entdeckt hatte. Darf ich es
sehen? frug Graf Ghren. Seine Stirn runzelte sich, als er es las. Sie
werden es nicht singen lassen -- sagte er darnach mit scharfer Betonung
zu mir gewandt. Erlauben Sie, lieber Graf, warf der andere lchelnd
ein: Frulein von Kleve hat sich des Rechts darber schon begeben. --
Es bleibt trotzdem ihr Eigentum, und ich versichere Sie, da es
niemand anders hren wird --. Graf Ghrens Stimme nahm einen drohenden
Klang an, die Situation wurde kritisch. Mir stieg das Blut zu Kopf, --
mit welchem Recht verfgte dieser Mann ber mich?! Da sah der
Chenille-Graf mich mit seinem bezauberndsten Lcheln und einem kecken
Blinzeln seiner kleinen stechenden Augen an: Ich beuge mich
selbstverstndlich, wie immer, dem Willen der Dame, -- und
herausfordernd griffen seine schmalen gebrunten Finger in die Seiten
der Gitarre. Sie brauchen wirklich nicht um mein Seelenheil besorgt zu
sein; Graf Ghren, spottete ich, wenn mein Lied Sie chokiert, steht es
Ihnen frei, nicht zuzuhren! Mit kurzer Verbeugung reichte er mir das
Papier. Es hatte zu dmmern angefangen, und unsere Gefhrten strmten
von allen Seiten zum gewohnten Platz. Eine Bowle, ein paar Torten, das
Ergebnis einer verlorenen Wette, wurden von der Strandkonditorei
herunter getragen, -- und nun kommt das Beste! rief der Chenille-Graf,
unser knftiges Bundeslied:

    Stot an mit mir! Fllt wieder die Pokale,
    Es schumt der Wein, schumt wie des Lebens Lust;
    Ein heitrer Sinn ziemt diesem Gttermahle.
    Im Fieber schlgt das Herz uns in der Brust,
    Lat uns, damit die Sorgen uns versinken,
                    Trinken!

Die Herren im Kreise wiederholten den Refrain, die Damen schwiegen.

    Lind ist die Nacht, es duften s die Rosen,
    Hei ist der Mund, der sich auf deinen pret;
    Noch ist es Zeit, zu lieben und zu kosen,
    Noch sei ein jeder Augenblick ein Fest.
    Lat uns, so lang die Sommerblumen sprieen
                    Genieen!

Auf der Strandpromenade hinter uns sammelte sich das Publikum. Von einer
flackernden Laterne matt erhellt, sah ich Ghrens Gesicht mitten
darunter, und ihm zum Trotz stimmte ich als einzige unter den jungen
Mdchen, deren Wangen sich vor Verlegenheit mehr und mehr rteten, in
den Refrain ein.

    Es braust das Meer, das Schiff schwankt auf und nieder,
    Helljubelnd gren wir den Wellenschaum,
    Der Sturm singt uns das schnste aller Lieder
    Und wiegt uns ein zu wild-bewegtem Traum --
    Was ist das Ende, wenn die Wellen branden? --
                    Stranden!

Mit einem Akkord fanatischer Lebensfreude, der mir in seiner grellen
Dissonanz zu den Worten schmerzhaft ins Herz schnitt, schlo der Snger.
Man drngte sich um uns, die Glser klirrten aneinander, ich hob das
meine noch einmal hoch empor wie zum Gru an den mignstigen Zuschauer,
der unter der Menge verschwand.

Du hast dir wiedermal eine der besten Partien verscherzt, sagte Onkel
Walter am Morgen rgerlich zu mir; Graf Ghren ist abgereist. Ich
zuckte gleichgltig die Achseln. Du solltest zufrieden sein, wenn
berhaupt noch irgendwer ernsthafte Absichten hat, nach dem Skandal mit
--.

Ich bitte dich, dies Thema ein fr allemal unberhrt zu lassen,
unterbrach ich ihn heftig, im brigen erklre ich dir: lieber gehe ich
betteln, als da ich mich verkaufe.

Onkel Walter wurde dunkelrot. Mige dich, ja? herrschte er mich an,
dann zuckte ein bitteres Lcheln ber seine sonst so gemessen
beherrschten Zge: Glaubst du, da irgend einer von uns seinem Herzen
hat folgen knnen?! berrascht sah ich auf -- welch Licht fiel
pltzlich auf das Glck von Pirgallen?!

Im Sptherbst besuchte ich Gromama noch ein paar Tage, um dann zu
meinen Eltern nach Bromberg berzusiedeln. Die letzten Monate
krampfhaften Lebens waren wie der Sturm gewesen, der dem noch immer vom
Sommer sehnschtig trumenden Baum die letzten Bltter entreit. Sonst,
wenn michs frstelte vor dem nahenden Winter, gaukelte meine treue
Gefhrtin Phantasie mir immer neue lachende Frhlingsbilder vor, und
meine junge, starke Hoffnung hielt sie glubig fest. Jetzt sah ich mich
vergebens um nach den beiden. In jener Nacht, da mein Herz gestorben
war, hatten sie mich wohl verlassen. Sie bleiben nur Lebendigen treu.

Ist es nicht merkwrdig, da Ihr alle meinen Leichnam fr mich selbst
halten knnt?! schrieb ich an meine Kusine, oder meinst Du, ich lebte,
nachdem ich mit vollen Segeln ins Leben hinaus fuhr, um eine neue Welt
zu entdecken, und nun mitten auf dem Ozean treibe und nichts gefunden
habe als das ewige Einerlei der Wogen! -- -- -- Nur um eine Einsicht bin
ich inzwischen reicher geworden: da das Glck, nach dem wir ein so
unbndiges Verlangen tragen, nichts ist als Betubung. Betube durch
Arbeit, Vergngen, Liebe, durch Religion und Kunst Deine berlegung,
betube den Gedanken an all das Elend in der Welt, geistiges und
leibliches, betube die Erinnerung an selbstverschuldete Schmerzen, an
gescheiterte Hoffnungen mit einem dieser Narkotika, und Du wirst
'glcklich' sein. Je jnger man ist, desto leichter gehts; es ist aber
leider wie mit dem Morphium: je mehr man seiner bedarf, desto weniger
wirkt es ...

       *       *       *       *       *

Ich ging sehr ungern nach Bromberg. Ich frchtete mich. Vor Papas bler
Laune, vor der de der Kleinstadt. Nach einer Richtung wurde ich
angenehm enttuscht: mein Vater war bei bestem Humor und erzhlte mir
schon in den ersten zehn Minuten des Zusammenseins, da seine Stellung
nicht nur eine sehr angenehme und selbstndige, sondern infolge der
anzeigenden Kriegswolken an der russischen Grenze eine hchst
interessante wre. Aber in bezug auf die Kleinstadt wurden meine
schlimmsten Erwartungen bertroffen. Es gibt welche, die erfllt sind
von Tradition; die Giebelhuser, die Trme, die Kirchen, die Stadtmauern
erzhlen unablssig ihre alten Geschichten, und wir trumen und
phantasieren schlielich so gern mit ihnen, da wir die Welt drauen
beinah vergessen; und andere gibt es, die liegen warm und wohlig an
breiter schtzender Bergbrust, ein Fllein rauscht und pltschert ihnen
zu Fen, und ringsum breitet Mutter Natur ihr wunderlieblichstes
Spielzeug aus, -- auch da ist gut sein fr arme heimatlose Wanderer;
aber wo Pest und polnische Wirtschaft die Huser und Mauern zerfallen,
die Wlder rasieren lieen und die moderne Industrie lieblos und
gleichgltig an schnurgeraden Straen Kasernen und Fabriken baute, da
ist recht eigentlich die Fremde, die nie und nimmer zur Heimat wird. Da
der alte Fritz hier den Kanal gebaut hatte, der die Weichsel mit der
Oder verband, da er die Schleusen mit vielen schnen Bumen umpflanzen
lie, dankte ihm jeder, der nach Bromberg verschlagen wurde, -- diese
einzige Schnheit des Orts machte es allein mglich, hier und da frei
aufzuatmen.

Wie die Tiere sich in Form und Frbung ihrer Umgebung anpassen, so
nehmen die Menschen allmhlich die Stimmung ihres Wohnorts an. Ein
schweres Grau lagerte daher ber der bromberger Geselligkeit, selbst die
Ballgeigen litten unter einer gewissen Apathie. Dabei tanzte man
unermdlich mit einem erwartungsvollen Eifer, als gelte es, das
Vergngen schlielich doch einzuholen. Aber es lief immer wieder davon.
Der Flirt stand in schnster Blte, und der Klatsch noch mehr, -- womit
htten sich die Leute auch sonst beschftigen sollen?! Es wimmelte von
Uniformen aller Art; aber selbst die schnste kavalleristische
Farbenpracht vermochte nicht ber den Talmiglanz des Lebens hinweg zu
tuschen. Ich verkehrte viel mit jungen Frauen; zwischen mir und den
jungen Mdchen bestand nun einmal ein gespanntes Verhltnis. Ihr Leben
allein widert mich an, schrieb ich an Mathilde, ein bichen Musik, ein
bichen Malerei, ein bichen Wohlttigkeit und unter dieser Maske der
guten Gesellschaft entweder nichts, oder ein unklares Durcheinander von
Romantik und unterdrckten kleinen Passionen. Nie ein starkes Gefhl,
nie ein brennendes Interesse. O, da ihr kalt oder warm wret! Die
Frauen hatten doch einen Lebensinhalt: ihre Kinder, ihren Mann, ihre
Huslichkeit; freilich: Zeit, an ihre Bildung zu denken, hatten sie
nicht. Wie viele, die abends in eleganter Toilette, Lebenslust
heuchelnd, den Ballsaal betraten, standen vom frhen Morgen an am
Kochherd, nur mit dem Burschen, dem gutmtigen Mdchen fr Alles als
Hlfe, und wuschen abends heimlich bei verhngten Fenstern die
Kinderwsche selbst. Zu standesgemer Geselligkeit verpflichtet, gaben
sie zwei langweilig-feierliche Soupers jhrlich, fasteten vor- und
nachher, um sie mglich zu machen, und bezahlten eine groe Wohnung aus
demselben Grunde. Wenn sie aber dann, schlank und vornehm im glatten
Schneiderkleid an der Seite ihrer eleganten, sbelrasselnden Mnner ber
die Straen gingen, folgten ihnen neidische Blicke, denn das Volk hat
die Naivitt der Kinder, die sich den Knig nur in Purpur und Krone, den
Bettler nur im durchlcherten Kleide denken knnen.

Der aus diesem Neide geborene Groll gegen den Offizier -- einem
mnnlichen Seitenstck zu dem neidischen Ha, mit dem die meisten Frauen
jede schn Gekleidete betrachten -- war wohl noch nie so stark zutage
getreten als damals, wo selbst der Kleinstdter, den sonst die Wellen
geistiger Bewegungen kaum erreichten, an den parlamentarischen Kmpfen
um das Septennat lebhaften Anteil nahm.

Bromberg ist eine Industriestadt mit einer zum Teil polnischen
Arbeiterbevlkerung. Was Uniform trug, vermied die Nhe der Fabriken.
Als ich einmal mit meinem Vater spazieren ritt, flog ber eine Mauer weg
ein Hagel von kleinen Steinen unseren Pferden zwischen die Beine. Sie
stiegen erschrocken und sausten dann in Karriere ber die Landstrae, so
da mir Hut und Schleier davonflog und es ein Stck Arbeit kostete, sich
im Sattel zu halten. Papa, der seinen Fuchs besser im Zgel hielt, war
indessen vergebens den heimtckischen Angreifern auf der Spur gewesen;
er konnte sich nicht fassen vor Wut, und ich hrte tagelang nichts
anderes als sein maloses Schimpfen auf diese Satansbrut von
Sozialdemokraten. Niemand als sie waren die Attentter gewesen, sie,
die sich im Reichstag durch ihre Haltung gegenber der Militrvorlage
als Vaterlandsverrter dokumentiert hatten, -- sie, die nichts anders
verdienten, als samt und sonders nach den Kolonien deportiert zu werden.

Die Kriegswolken ballten sich gewitterdrohend zusammen. Da sie nur in
der Phantasie Bismarks lebten, als willkommenes Mittel, seine
Forderungen durchzusetzen, -- das glaubten wir hier, dicht an der
russischen Grenze, nicht. Eine Tag um Tag steigende Erregung bemchtigte
sich unser: die jungen Offiziere strahlten in der Erwartung, da ihr
Leben endlich zum Ereignis werden knnte; mein Vater, der die Schrecken
des Krieges kannte, war bei allem Ernst, mit dem er die Situation
betrachtete, doch in gehobener Stimmung. Soldat sein und nur Krieg
spielen und Rekruten drillen, ist dasselbe wie Knstler sein und nichts
als Malstunden geben, pflegte er zu sagen. In unserer nchsten Nhe an
der Grenze standen die Kosaken, und Woche um Woche wurden die russischen
Garnisonen verstrkt. Mein Vater reiste nach Berlin. Wenige Tage nach
seiner Rckkehr wurden die Weisungen von dort unheildrohender. In aller
Stille wurden die Offiziere benachrichtigt, beizeiten fr rasche
Entfernung ihrer Familien zu sorgen; kam es zur Kriegserklrung, so
konnten die russischen Reiter in wenigen Stunden mitten in Bromberg
sein. Mein Vater, der im Kriegsfall zum Kommandanten der wichtigsten,
weil der feindlichen Grenze am nchsten liegenden Festung Thorn bestimmt
war, bereitete seine Equipierung bis in alle Einzelheiten vor, wir
verpackten Silber und Schmuck, stellten die Koffer bereit; denn
mglicherweise galt es, binnen wenigen Stunden die Stadt zu verlassen.

Da der Kriegslrm auch an der Westgrenze des Reichs immer lauter wurde,
konnte darber kein Zweifel sein: kam es zur Explosion dieses massenhaft
angesammelten Zndstoffs, so war es ein Weltkrieg, an dessen Schwelle
wir standen.

Bismarcks fulminante Rede, sein Appell an die Deutschen, die Gott
frchteten und sonst nichts in der Welt, -- die Ablehnung des Septennats
und die Auflsung des Reichstags steigerten die fieberhafte Erregung, in
der wir alle lebten. Zum erstenmal verfolgte ich mit brennendem
Interesse die Wahlkmpfe und begrte freudig den Sieg der
Vaterlandsfreunde ber die Sozialdemokraten, die uns wehrlos den Feinden
hatten berliefern wollen.

Als aber dann der Kriegslrm so merkwrdig pltzlich verstummte und all
das glhende Feuer patriotischer Begeisterung nur da zu sein schien, um
die Gerichte gar zu kochen, die Bismarck dem Reichstag vorsetzte, war
ich rasch ernchtert.

Droben auf der kurischen Nehrung gibt es unheimliche Berge von Sand.
Sie wandern. Und immer wieder pflanzen die Menschen junge Bumchen in
den Boden, und so oft auch der gelbe Mrder ber Nacht wieder kommt und
das grnende Leben verschlingt, -- sie hoffen stets aufs neue, da die
Wurzeln ihrer Pflnzlein die Erde umklammern und festigen werden. --
Unser Zeitalter ist wie die Dnen auf der Nehrung: es duldet nichts
Grnes. Vernnftige Leute werden darum meine Dummheit verlachen, die
mich zwingt, Hoffnungsbume hineinzusetzen und sie noch dazu mit der
Treibhausluft meiner Begeisterung zu umgeben ... Man will nivellieren,
und es ist, als ob man nach dem Mastab des kleinsten Baumes einen
ganzen Wald zurechtstutzen wollte. Die alten Ideale hat man zerstrt --
schon das Wort 'ideal' entlockt den meisten ein mitleidiges Lcheln --
und hllt sich nur hinein, wie Schauspieler in die Toga der Gracchen, um
dem Pbel wei zu machen, man wre ein echter Volkstribun.

Man jagt nach Bildung im Theater, in Ausstellungen, auf Reisen, in der
Lektre, nicht um Kopf, Herz und Seele zu weiten, sondern um seinen
kritischen Witz vor den Leuten leuchten zu lassen. Man nahm uns
Genufhigkeit und gab uns Spottsucht dafr, wie man den Kindern aus
'Anstandsgefhl' Gtterbilder verhllt und ihnen die Trikotnacktheit des
Ballets statt dessen zeigt. Und dabei verhungern wir im stillen nach
dem, was die notwendigste Speise unseres inneren Menschen ist: nach
geistigem Genu, nach dem Glauben an ideale Gter. Noch schmen wir uns
dieses Gefhls, noch haben wir nicht den Mut zu uns selbst, aber wenn
ich auch in einem Kfig lebe, so spre ich doch die Luft, die drauen
weht, und mir ahnt in jenen lichtesten Momenten des Lebens, die die
vernnftigen Leute phantastische Nachtstunden nennen, da junge krftige
Bume den Flugsand doch noch fesseln und ihre toten Brder an ihm
rchen werden.

Dieser Brief trug mir eine lange Moralpredigt von der Empfngerin,
meiner Kusine, ein; sie gehrte auch zu den 'vernnftigen' Leuten, und
schon lngst hatte unsere Korrespondenz den Charakter des
Gedankenaustausches vollkommen eingebt. Da ich jemanden hatte, dem
gegenber ich mich rckhaltlos aussprechen konnte, war aber fr mich
Grund genug, sie aufrecht zu erhalten. Auf meiner Reise nach
Sddeutschland, die ich, der Einladung von Tante Klotilde folgend, schon
im Mai des Jahres 1887 antrat, hielt ich mich in Magdeburg eine Woche
bei Mathilde auf. Ich wre am liebsten schon nach dem ersten Tage
abgereist: eine Huslichkeit, wo die Armut in jedem Winkel zu hocken
schien und einen stillen siegreichen Kampf mit der Vornehmheit kmpfte,
die verschchtert durch die Rume schlich; ein von des Lebens Not
gezeichneter, in der muffigen Luft der Bureaus stndig mit seiner
Sehnsucht nach der freien Natur ringender Vater, der mit verbissenem Ha
alles verfolgte, was reich, was glcklich war; die Mutter, die trotz
ihrer drei Kinder alle bsen Zeichen vergrmter Altjungfernschaft an
sich trug; die Shne, geistig verkmmert, durch die Schultyrannei um
jeden Rest von Jugendfrohsinn gebracht; die Tochter, meine Freundin,
bla, mde, mit Mdchenfreundschaften, Gesangvereinen, und
Sonntagsschularbeit mhselig ihren Lebenshunger stillend, -- da es
dergleichen gab, da sich solch ein Dasein ertragen lie!

In Mnchen traf ich meinen Vater. Wir reisten zusammen nach Augsburg,
einem schweren Augenblick entgegen. Sein Bruder Arthur, mit dem er sich
seit vielen Jahren, wegen seiner Heirat mit einer Tnzerin, berworfen
hatte, war seit kurzem, nach dem Tode seiner Frau, zu seiner Schwester
gezogen, und diese wnschte eine Vershnung der Brder. Mit jener
Bereitwilligkeit, die mein sonst so starrkpfiger Vater seiner Schwester
gegenber stets an den Tag legte, hatte er sich ihrem Willen gefgt. Wie
schwer es ihm wurde, merkte ich an seiner Aufregung. Es kam auch nur zu
einer konventionellen Verkleisterung des Bruchs, einem hflichen
Hndedruck, einem taktvollen Nebeneinanderhergehen. Ich wre ber diesen
von mir nicht erwarteten friedlichen Ausgang der Dinge sehr erfreut
gewesen, wenn der Zorn ber die Art, wie meine Tante meinen Vater
behandelte, und wie er sich von ihr behandeln lie, mich nicht immer
wieder bermannt htte. Wie an einem Schulbuben nrgelte sie den ganzen
Tag an ihm herum, und schmeichelte in einem Atem dem anderen Bruder. Das
Zivil meines Vaters mifiel ihr -- man sah ihm immer an, wie unbehaglich
ihm darin zumute war --, wie bewundernswert war dagegen Arthurs Eleganz!
Sie spottete ber seine zunehmende Krperflle, -- welch jugendliche
Schlankheit hatte Arthur behalten! Sie verfgte rcksichtslos ber seine
Zeit, ordnete sich selbst dagegen immer den Wnschen Arthurs unter. Sie
hatte ihr Haus seinetwegen auf den Kopf gestellt, ihre Mbel ausgerumt,
um den seinen Platz zu machen, und mit einem liebenswrdigen Egoismus,
der ihren brutalen bertrumpfte, spielte er den Herrn im Hause. Hatte
sich mein Vater den ganzen Tag ihren Launen gefgt, so hrte ich durch
die Tr, wie er sich nachts sthnend im Bett hin und her warf. Eines
Morgens sa ich im Gartenpavillon, als er, anscheinend in heftigem
Wortwechsel, mit der Tante drauen vorber ging. Ich bin nicht dazu da,
euren Aufwand zu bestreiten, sagte sie, es sollte dir wahrhaftig
ausreichend sein, da ich dich in deiner Tochter so bevorzuge. -- Wenn
ich mich nur darauf verlassen knnte, stie er hervor. Ich breche mein
Versprechen nicht -- Gott soll mich vor der Snde bewahren, antwortete
sie laut und fest. Sie gingen weiter. Nach geraumer Weile kehrten sie
denselben Weg zurck. Die Tante hatte den Arm in den ihres Bruders
gelegt. Sie sprachen friedlich, fast zrtlich miteinander. So werd' ich
einmal ruhig sterben knnen, sagte mein Vater mit weicher Stimme, bis
bers Grab hinaus will ich dir dankbar sein, Klotilde!

Milder und gefgiger als je war er in den folgenden letzten Tagen seines
Augsburger Aufenthalts, er schien kaum zu merken, mit welch satanischer
Freude sie die Situation ausntzte. Ich aber suchte ihm mit allen
Mitteln der Liebe und Zrtlichkeit das Leben zu erleichtern, so da er
mich oft verwundert ansah und lchelnd sagte: Ja, was ist denn das mit
dir? So was hat dein alter Vater an seinem Tchterlein ja noch gar nicht
erlebt?! Meinem Onkel ging ich aus dem Wege, die Tante hate ich fast.

Nach meines Vaters Heimkehr reiste ich mit ihnen nach Tegernsee, wo die
Tante auf Wunsch Onkel Arthurs, dem die Einsamkeit von Grainau
unsympathisch war, eine Villa gemietet hatte. An meinem Geburtstag, der
in die erste Woche unseres Aufenthalts fiel, nahm mich der Onkel
beiseite und drckte mir heimlich ein Kuvert in die Hand. Ich wei,
Hans braucht Geld, sagte er beinahe schchtern, von mir nimmt ers
nicht. Schick ihm das -- zur Verwahrung -- als mein Geburtstagsgeschenk
an dich. Er wartete meinen Dank nicht ab; ich schickte noch in
derselben Stunde die braunen Scheine nach Bromberg; das Eis zwischen mir
und Onkel Arthur war gebrochen.

Wir wurden gute Kameraden. Die strenge Tante verwandelte sich unter
seinem Einflu zu einer mehr als nachsichtigen. Er erreichte alles, was
mir Vergngen machte, vorausgesetzt, da es auch seinen Wnschen
entsprach! Endlich durfte ich hoch in die Berge hinauf, -- zu dem
jahrelangen Ziel meiner Sehnsucht! Er war ein ebenso leidenschaftlicher
wie tollkhner Bergsteiger, der Fhrer und gebahnte Wege verschmhte.
Auf dem Leonhardsstein, hinter Dorf Kreuth, der spitz und gerade wie ein
Kirchtum gen Himmel steigt, mute ich erst Probe klettern, ehe er mich
berall hin mitnahm -- auf die Berge der Gegend zuerst und dann weiter,
immer weiter. Eine Sportausrstung eigener Erfindung lie er mir machen:
kurze Hosen und Gamaschen -- etwas Unerhrtes zu damaliger Zeit. Aber
auch das lie die Tante geschehen, sie strubte sich nur im Namen des
Anstands ein bichen, als er den Panzer verbot. Ich fa dich jedesmal
um die Taille und la dich unweigerlich sitzen, wenn du das
Marterinstrument trgst, sagte er, und ich fhlte mit Wonne die
Freiheit starker Atemzge.

Auf den Wallberg kletterten wir zuerst. Es gab damals nur einen
Hirtensteg hinauf und droben nur eine kleine Htte mit einfachem
Heulager. Wir zndeten zum Zeichen unserer Ankunft auf der Spitze ein
mchtiges Feuer an und sahen schweigsam zu, bis es verglhte und das Tal
schwarz und dunkel unter uns lag. Um so leuchtender strahlten jetzt die
Sterne, und wei und gespenstisch glnzten von fern im Mondlicht die
Schneegipfel zu uns herber. Mit einem tiefen, erlsenden Aufatmen
breitete mein Begleiter die Arme aus. Ich lebe! flsterte er. Wie weh
mir der Jubel tat, der in seiner Stimme lag! -- Ich verga seine Nhe,
lehnte den Kopf an den Felsen und weinte -- seit langer, langer Zeit zum
erstenmal! Unten in der Htte, in dem starken Heuduft fand ich keine
Ruhe und sa die ganze Nacht auf der Altane, whrend die Geister der
Vergangenheit aus der Tiefe zu mir aufstiegen, wie Nebel aus
Fiebersmpfen. Die Felsengesichter schnitten mir hhnische Fratzen, und
still und hoheitsvoll sahen weie Riesenhupter auf mich herab.

Mein Onkel war ein guter Reisekamerad, dessen Lebensfreudigkeit seine
grauen Haare vergessen lie, dabei voll rhrender Sorgfalt fr mich.
Einmal saen wir im Sonnenschein vor der Sennhtte zur schwarzen Tenne.
ber dem offnen Feuer an einem primitiven Spie briet er uns ein
Hhnchen; Frauenzimmer sind zu dumm dazu, sagte er, und ich berlie
ihm nur zu gern die Arbeit, um, an die braunen Balken der Htte gelehnt,
durch dunkelgrne Tannenwipfel in die Sonne zu blinzeln. Nach dem Mahl,
das die nie vergessene Flasche Moselwein wrzte, streckte er sich mir zu
Fen ins Gras und pfiff eine Tanzweise trumerisch vor sich hin.
Komisch, sagte ich halb zu mir selber, du bist im Grunde ein Primaner
oder bestenfalls ein Sekondeleutnant. Er lachte. Das bin ich auch;
die Jahre, die zwischen damals und heute liegen, lebte ich nicht.

Aber ... ich stockte.

Sprichs ruhig aus: du hast mit dem Weib deiner Wahl gelebt! Niemand
wei bis heute, da diese zwei Jahrzehnte die Hlle waren. Mein Stolz
hie mich schweigen. Ich wollte nicht, da Mutter und Geschwister Recht
behielten. Endlich kam die Erlsung: sie starb -- seit vielen Monden
eine arme Irre, die nichts dafr konnte, da sie mich qulte, -- ganz
alt sah der Onkel pltzlich aus, -- dann sprang er auf, schttelte sich
wie ein nasser Jagdhund und fgte lchelnd hinzu: die Liebe ist Humbug,
weit du, echt ist allein die Natur, die Kunst, die Wissenschaft. Ich
freue mich auf das Leben wie ein Student!

Unsere Ruhetage in Tegernsee waren beinahe anstrengender als unsere
Wanderungen. Von frh bis spt wimmelte es von Gsten; wenn der Onkel
irgendwo jemanden traf, der ihm interessant zu sein schien, so lud er
ihn ein, ohne nach Nam' und Art viel zu fragen. Es war eine bunte
Gesellschaft, die sich auf die Weise bei uns zusammenfand, denn
Tegernsee selbst schien eine Art neutraler Boden zu sein, wo die
heterogensten Elemente ihre Neugier nacheinander befriedigen konnten. Da
gab es Prinzen echter einheimischer und zweifelhafter exotischer Art;
Finanzgren dunkelster Herkunft; alte Diplomaten, die bei irgend einem
Hofskandal Schiffbruch gelitten hatten; franzsische Marquisen, deren
Emailleur alle vier Wochen aus Paris kam, um ihrem Antlitz die
bezaubernde Frische zu verleihen, mit der sie so siegessicher auf
Eroberungen ausgingen; deutsche Grfinnen, deren grazise Pirouetten
noch vor kurzem die Balletthabitus der Grostdte entzckt hatten; und
um die Galerie moderner Typen der 'guten' Gesellschaft voll zu machen,
fehlte es nicht an sterreichischen Erzherzogen, sogar nicht an einem
Knig, -- wenn es auch nur einer a. D. war, der von Neapel, -- einem
alten Rou, und seiner wunderschnen extravaganten Knigin. Dazwischen
bewegte sich das Knstlervolk -- ein wenig geniert die einen, ngstlich
bestrebt, es den Vornehmen mglichst gleich zu tun, die anderen,
Menschen von genialer Ungebundenheit unter ihnen, und ein paar
Auserwhlte mit jener seltenen angeborenen Gre, die sich berall mit
gleicher Selbstverstndlichkeit zu bewegen vermag. Von mancher schnen
sterreichischen Komte flsterte man sich zu, da sie an der Entstehung
Makartscher Frauengestalten nicht unbeteiligt gewesen war, und noch heut
lie sie es gern geschehen, wenn die Maler sich an ihr begeisterten; ein
Hauch von Romantik, der die Dichter unweigerlich anzog, umschwebte den
rotblonden Kopf einer grazisen Baronin, von deren Beziehungen zum
Kronprinzen von sterreich Frau Fama vernehmlich flsterte. All das
flirtete und rauschte in knisternder Seide und weichem Spitzengeriesel
am hellen Strand des blauen Tegernsees, wo vor Jahrhunderten in
klsterlicher Einsamkeit der fromme Mnch Werinher der allerseligsten
Jungfrau se Weisen gesungen hatte, oder stieg in kokettem Jagdkostm
auf bequemen Wegen zu den Sennhtten hinauf, deren Gste noch vor kurzem
nur Dirndeln, Jger und Wilddiebe gewesen waren. Am spten Nachmittag
rollten die Equipagen ins kreuther Tal, wo hoch oben, von Bergen eng
umschlossen, auf grnem Plateau die Kurmusik des Bades so komisch
quiekte und wimmerte. Man stieg dort aus, lie seine Toiletten
bewundern, trank seinen Kaffee mit sterreichischer Betonung und von
sterreichischer Gte und ging an dem Springbrunnen vorbei hinunter zu
den sieben Htten, wo die Burschen in Kniehosen und Wadenstrmpfen, die
Madeln im Silbergeschnr und weitbauschendem kurzem Gewand sich im Tanze
drehten. Wenn die Dmmerung kam und lustige bunte Lampions sich wie
leuchtende Girlanden von Htte zu Htte zogen, dann nderte sich das
Bild: weie Schleppen wirbelten zwischen den bunten Rcken, und
Lackschuhe glitten zwischen den Nagelstiefeln. Droben auf der
Hohensteinalp die blonde Sennerin und in der Langenau die schwarze Liese
wuten zu sagen, warum manch vornehmer Herr den Weg nicht nach Hause
fand -- ach, und kleinwinzige Buberln gabs im Tal und Mderln,
vaterlose, mit feinen Fingern und schlanken Gliedern, gar wunderseltsam
anzuschaun!

Wo sich im kreuther Tal die Wege kreuzen, der eine zum Bad, der andere
nach dem Achensee fhrt, lag in einem weiten schattigen Park ein Haus,
nicht viel anders als das eines reichen Bauern, mit Galerien ringsum und
buntbemalten Lden. Auf den grnen Rasenflchen davor, auf den
Spielpltzen zu beiden Seiten herrschte alltglich ein frohes Leben und
Treiben. Der Gastfreundschaft schienen keine Grenzen gesteckt, zu jeder
Tageszeit ward man freudig begrt und reichlich bewirtet. Mich lockte
dies Haus schon lange; die ersten Knstler, das wute ich, gingen dort
aus und ein. Aber meine Tante rmpfte die Nase, wenn ich seiner
Erwhnung tat, und mit tadelndem Kopfschtteln wurden diejenigen aus
unsern Kreisen betrachtet, die den Bann gebrochen hatten und sichs wohl
sein lieen in Schwarzeck. Ein Baron Goldberger, ein Wiener Bankier, war
der Besitzer, und sein Aussehen verriet seine Rasse noch mehr als sein
Name, so da sich ihm gegenber jener sthetische Antisemitismus geltend
machte, den auch Vorurteilslose oft nicht abstreifen knnen. Der Magnet
des Hauses waren seine vier Tchter, von denen eine immer hbscher war
als die andre. Nachdem uns zu Ohren kam, da selbst der Herzog Karl
Theodor bei ihnen verkehrte, berwand Onkel Arthur den Widerstand der
Tante, und eines Nachmittags fuhren wir hin, um unsere Antrittsvisitte
zu machen. Schon diese ersten Stunden inmitten eines Kreises von
mnchner Knstlern und Schriftstellern ffneten mir Ausblicke in eine
neue Welt: Fragen des Lebens und der Kunst wurden mit so rckhaltloser
Offenheit besprochen, da ich es zunchst fast peinlich empfand und,
ungewohnt, mich unter Fremden auszusprechen, auerstande war, mich daran
zu beteiligen. Um so aufmerksamer hrte ich zu: war dies ein Abglanz der
Welt, die ich suchte, ein Teil jener Menschheit, die, von neuen Idealen
erfllt, auszog, um sie zu erobern?!

Ich wurde einer der hufigsten Gste in Schwarzeck. Ich trotzte selbst
dem Befehl der Tante, die mich glaubte zurckhalten zu knnen, wenn sie
fr mich nicht anspannen lie, und fuhr mit der Post, oder ging zu Fu.

Eines Nachmittags fand ich die Tee-Gesellschaft in heftigster Debatte
begriffen. Irgend ein Artikel aus M. G. Conrads Gesellschaft schien der
Anla gewesen zu sein. Ich erinnerte mich dunkel, von dieser
sittenlosen, die Sicherheit von Staat und Kirche untergrabenden
Zeitschrift in unserer konservativen, norddeutschen Presse -- der
einzigen, die ich zu Gesicht bekam -- zuweilen gelesen zu haben.

Und ich sage Ihnen, da er recht hat -- tausendmal recht, rief ein
junger blonder Dichter, das gelbe Heft wie eine Fahne schwingend,
Wahrheit, hllenlose Wahrheit ist die Muse der kommenden Dichtung. Nur
indem wir sie ohne Rcksicht auf hypersthetische Altjungfernnerven,
auch in ihrer Hlichkeit, auch mit ihren Schwren und Wunden vor die
Menschheit hinstellen, schaffen wir Kunstwerke, Kulturwerte.

Ernst ist das Leben, heiter sei die Kunst, warf ein Maler Pilotyscher
Richtung ein, sie soll uns erheben, uns auf Momente wenigstens ber das
Elend des Daseins hinweghelfen --

Hinwegtuschen, sagen Sie lieber, mischte sich die junge Frau eines
mnchener Redakteurs ins Gesprch, die, wie man munkelte, unter anderem
Namen Geschichten schrieb, die junge Mdchen nicht lesen durften, sie
soll den groen Kindern Mrchen erzhlen, statt sie zu lehren, mit der
brutalen Wahrheit des Lebens fertig zu werden.

Wenn das ihre Aufgabe sein soll, entgegnete der Maler, dann werden
wir glcklich dahin gelangen, Operationssle und Wochenstuben auf der
Bhne zu sehen. Mit dem Irrenhaus hat ja Ibsen schon den Anfang
gemacht.

Der Name wirkte vollends wie Sprengstoff. Seit dem letzten Winter, wo
der Herzog von Meiningen den unerhrten Schritt gewagt hatte, die
Gespenster auf seine Bhne zu bringen, wo Berlin dem Beispiel gefolgt
war und ein Kreis junger Heisporne den Dichter auf den Schild erhob,
las und hrte ich oft von ihm, als von einem halb Verrckten, einem, der
mit Wollust im Schmutze whle. Ihn kennen zu lernen, hatte ich gar kein
Verlangen getragen, denn auf der Suche nach neuen Idealen konnte er
unmglich ein Wegweiser sein.

Ibsen ist grer als Zola, bertnte eine rauhe Mnnerstimme wie ein
ferner Lawinensturz die Durcheinanderredenden, Zola ist der
Zustandsschilderer par excellence, Ibsen aber legt die kritische Sonde
an die tiefsten bel der Gesellschaft. Wenn Sie sich hier so aufregen,
meine Herrschaften, so zeigt das nur, da es irgendwo einen Punkt gibt,
wo auch Sie unter seiner Berhrung schmerzhaft zusammenzucken. Da wir
vor lauter Moral, vor lauter Pflichten, kurz vor all den groen und
kleinen Stricken und Ketten, die uns formen und einschnren, unser Ich
verloren haben und als Phantome toter Traditionen herumlaufen, statt als
lebendige Menschen, -- das ist es, was jeden trifft, und was Ibsen
zeigt. Neugierig bin ich nur, ob diese Erkenntnis uns schlielich zu
Kettenbrechern machen wird, oder ob irgend welche vorsorglichen
Menschheitswrter nicht schon mit neuen Zwangsjacken bereit stehen --

Das allgemeine Gesprch verlief sich allmhlich in die Rinnsale der
Einzelunterhaltung und versickerte schlielich im Sande der
Alltagsfragen. Whrend die anderen sich im Park zerstreuten, sprach ich
den mit der rauhen Stimme an, einen echten vierschrtigen Bajuvaren.
Knnen Sie mir die Werke Ibsens nennen, die bisher in deutscher Sprache
erschienen sind? Er musterte mich augenblinzelnd.

Hm -- machte er -- obs der gndigen Frau Tante auch recht sein
wird?!

Darauf drfte es kaum ankommen, da ich sie lesen will, entgegnete ich
scharf, gergert ber die spttische Art seiner Antwort. Er lachte
drhnend.

Wir haben ja, scheints, auch so'n Tropfen Rebellenblut in den Adern!
Mit groen, ungefgen Buchstaben schrieb er mir die Titel der Bcher auf
eine Ecke Zeitungspapier, zerdrckte mir mit seiner Riesenfaust fast die
Hand, die ich ihm dankbar gereicht hatte, und stapfte zum Parktor
hinaus.

Wer war das? frug ich eine der Tchter.

Ach -- der! Den hat der Doktor neulich mal mitgebracht. Wie er heit,
habe ich nicht verstanden. Ein ungehobelter Gesell, nicht wahr?

Ich nickte zerstreut. Noch auf dem Rckweg gab ich eine Karte an eine
mnchener Buchhandlung auf und sah von nun an jedem Postboten
erwartungsvoll entgegen, heftige Kopfschmerzen als Vorwand meines
ungewohnten huslichen Lebens vorschtzend.

Und endlich kamen die Bcher! Ich las sie nicht, -- ich trank sie, wie
ein Durstender in der Wste das frische Wasser. Nicht das Kunstwerk
geno ich in ihnen, und nichts sah ich von den handelnden Menschen; mir
war vielmehr, als htte ich lange im Dunkeln erwartungsvoll vor einem
dichten Vorhang gestanden, den pltzlich ein Sturmwind auseinanderri,
um mir den blendenden, kristallhellen Spiegel dahinter zu enthllen, der
scharf und klar mein eigenes Bild zurckwarf, und das der Vielen um mich
her.

Worte las ich, die mich trafen wie Offenbarungen: von den wenigen
Menschen, die auf Vorposten stehen und fr die Wahrheiten kmpfen, die
noch zu neugeboren sind, als da sie die Mehrheit fr sich haben
knnten. Und Tradition und Konvention sah ich ihrer bunten Gewnder
entkleidet als nackte Lgen vor mir, und mit einem einzigen Blick
erkannte ich des Weibes Puppendasein. Lebte ich nicht auch davon, da
ich den anderen Kunststcke vormachte?! Ich habe Pflichten, die ebenso
heilig sind -- Pflichten gegen mich selbst --; ich mu nachdenken, ob
das, was mir gelehrt wurde, richtig ist, oder vielmehr, ob es fr mich
richtig ist -- sagte Nora, und verlie das Puppenheim, um sich selbst
zu finden. Irgend wie und wann werde ich handeln mssen, wie Nora,
heit es in meinem Tagebuch von Sommer 1887, viele Fesseln, -- feine,
die ich kaum fhlte, und grobe, die sich mir ins Fleisch schnitten, --
umschnren mich von klein an. Aber ich erkenne jetzt, da ich jedes Jahr
einige davon abstreifte. Sollte ich nicht auch mit den letzten fertig
werden? Und an meine Kusine, die mir ber meine Ibsenbegeisterung
erschrockene Vorhaltungen machte, schrieb ich: Wer, wie Ibsen, den Mut
hat, das Schwache, das Schlechte, das geistig Tote niederzureien, der
ist kein Pessimist, wie die Leute ihn schelten, die zu feige und zu
bequem sind, um die Augen zu ffnen. Nur der lebensstarke Glaube an eine
Zukunft, fr deren helle Tempel Platz geschaffen werden mu, gibt die
Riesenkraft zu solchem Werk der Zerstrung ... Du warnst mich vor
'unberlegten Handlungen'; daraus sehe ich, wie wenig du mich verstehst.
Denn gerade damit hat es ein Ende. Das Spiel ist aus. Auch ich mu die
Aufgabe lsen, mich selbst zu erziehen, ehe ich irgendwo Hand anlegen
kann, wo es fr mich etwas zu tun gibt.

Der Schnee lag schon bis zum Tal hinunter, als ich mich zur Heimkehr
rstete. Beim Abschied hielt der Onkel meine Hand lange in der seinen.
Schade, da du den Bergen untreu wurdest, sagte er.

Langsam kroch der Zug von Gmund aus den Abhang in die Hhe. Tief unten
lchelte der See mit seinem groen Vergimeinnichtauge; freundliche rote
Dcher und spitze Kirchtrme grten von seinen Ufern, und hinter ihm
bauten sich Ketten um Ketten weiglnzender Firnen auf. Nein, ich war
den Bergen nicht untreu geworden, und Hhenluft wars, die ich mit mir
nahm.




Zwlftes Kapitel


Ein Aufenthalt in Berlin galt mir immer als ein Gipfel des Vergngens,
besonders wenn Onkel Walter der Fhrer war. Niemand wute wie er, in
welchen Theatern man am meisten lacht, in welchem Zirkus am
schneidigsten geritten wird, und wo man am besten it und trinkt. Die
acht Tage, die ich diesmal auf der Durchreise nach Bromberg bei ihm
verbrachte, waren aber mehr eine Qual als ein Genu fr mich, obwohl wir
vor lauter Amsement gar nicht zu Atem kamen und meine lustige Tante
sich ber meine blasierte Miene, mit der ich wohl die neueste Mode
mitmachte, nicht genug moquieren konnte. Wir waren bei Kroll im
Mikado, in der Friedrich-Wilhelmstadt und bei Renz, wir saen auf der
Estrade im Wintergarten, soupierten bei Hiller und im Kaiserhof, immer
in derselben Gesellschaft von Gardeleutnants und konservativen
Parlamentariern, aber von dem modernen knstlerischen und literarischen
Leben, dem mein ganzes Interesse galt, war nur insofern etwas zu spren,
als die einen es verhhnten, die anderen nach dem Staatsanwalt schrieen
und der Rest heimlich und voll zynischer Lsternheit mit ihm
liebugelte, wie ein alter Rou mit der Straendirne. Familien-, Hof-
und politischer Klatsch stand im brigen im Mittelpunkt der
Unterhaltung, und dem rger und der Verstimmung gab man, wie gewhnlich,
wenn man unter sich war, den krftigsten Ausdruck. Des armen kranken
Kronprinzen wurde kaum mit einem Wort des Mitleids gedacht, die Emprung
ber den Einflu der Kronprinzessin, ber die von ihr eingefdelte
Battenberg-Affre, deren Schlueffekt der Sturz Bismarcks htte sein
sollen, ber die ganze allmhlich zu Macht und Ansehen gelangende
Kronprinzenpartei, die aus Juden und Judengenossen zusammen gesetzt sei,
war viel zu gro.

Die von Bismarck kopulierte unnatrliche Ehe zwischen dem
Nationalliberalismus und den Konservativen wurde hier, wo man sich
keinerlei Zwang aufzuerlegen brauchte, drastisch genug beleuchtet.

Hab ichs nicht immer gesagt, rief bei einer solchen Unterhaltung eines
der ltesten Mitglieder des Herrenhauses, der Typus eines echten
Feudalherrn vom guten Schlag, da wir uns nicht strker blamieren
konnten, als durch diese Liierung mit den Industrierittern. Nichts, gar
nichts Gemeinsames haben wir mit den Kerlen. Und 'ne Ehe gibts, wie die
der Bienenknigin, die ihre werten Gatten tten lt, wenn sie ihre
Schuldigkeit getan haben. Ist irgend einer unter uns so dmlich, uns fr
-- die Knigin zu halten?!

Na, hren Sie mal, lieber Graf, Sie werden doch nicht behaupten wollen
-- unterbrach ihn mein Onkel.

Gewi behaupte ich --, polterte der alte Herr lat mal erst das
Gesindel hoffhig werden -- ein 'von' und ein 'Baron' ist heut schon
eine Spielerei fr den, ders Geld hat --, dann wirds bei uns wie in
England und in Frankreich: unsere Jungens reien sich um ihre Mdels,
und von dem ganzen guten preuischen Adel bleibt nichts brig als der
Name.

Nur da die Voraussetzung fr Ihre Folgerungen fehlen wird: der
Kronprinz wird kaum zur Regierung kommen, und mit seinem Tod haben die
Ambitionen der Herren Liberalen ihr Ende erreicht.

Der Graf lachte und klopfte Onkel Walter freundschaftlich auf die
Schulter: Sie sind ein guter Kerl, Golzow, aber das Pulvererfinden ist
ihre Sache nicht! Oder glauben Sie vielleicht, unter dem jungen Herrn
wrde die Geschichte erheblich anders werden?! Der ist heute konservativ
-- aus Opposition, natrlich! Er bleibts vielleicht auch -- dem Namen
nach. Aber ist er erst mal am Ruder, wird er auch mit gegebenen Gren
rechnen mssen. Ich werds ja, Gott Lob, nicht erleben, aber Sie, meine
Herren, werden in zwanzig Jahren mal dem alten Lehnsburg recht geben,
wenn er ihnen heute sagt: bis dahin sind wir amerikanisiert, und nicht
die Ehre, nicht der reinliche Stammbaum bestimmen mehr den Wert des
Mannes, sondern das gute Geschft.

Es wrde uns heute schon nichts schaden, wenn wir geschftskundiger
wren, mischte sich Baron Minckwitz ins Gesprch, der wegen seiner
Teilnahme an allerlei industriellen Unternehmungen schon etwas anrchig
war, man mu mit den Wlfen heulen, will man nicht zugrunde gehen.

Graf Lehnsburg hieb mit der Faust auf den Tisch, da die Glser
klirrten. Ich gehe lieber zugrunde! brllte er. Ein peinliches
Schweigen entstand. Mir gefiel die unverflschte Echtheit des Alten. Er
schien mirs an den Augen abzusehn, und reichte mir ber den Tisch hinweg
die Hand.

Verzeihung, mein gndigstes Frulein, sagte er lchelnd, ich bin
wirklich ein alter Mummelgreis, da ich in Anwesenheit junger Damen so
ein Zeug schwtze! brigens -- ich wills gleich wieder gut machen --
richten Sie Ihrem Herrn Vater mein Kompliment aus. Ich traf ihn vor vier
Wochen in Stettin bei Ihrer Majestt, er lief mir aber davon, ehe ich
ihm selber sagen konnte, wie glnzend seine Fhrung im Manver war. In
der Umgebung Seiner Majestt herrschte nur eine Stimme darber.

Ich hatte bis dahin vom pommerschen Kaisermanver, bei dem mein Vater
das Ostkorps, den markierten Feind, zu kommandieren gehabt hatte, nur
wenig gehrt. Der Kaiser war auerordentlich gndig, hatte er mir
geschrieben, die Ernennung zum Divisionskommandeur kann jeden Tag
erfolgen, hatte Mama hinzugefgt. Ich freute mich nun doppelt, Nheres
zu erfahren. Sie wnschen am Ende eine Kriegsberichterstattung mit
allen Schikanen? frug Graf Lehnsburg und baute aus Brotkrmeln und
Papierschnitzeln ein ganzes Schlachtfeld auf, ohne erst meine Antwort
abzuwarten.

Sehen Sie hier der Teller, das ist Stettin; die Papierschnitzel davor,
das ist das Dorf Brunn, und hier die Semmeln, das sind die Hhen, die
der General von Kleve bereits im ersten Morgengrauen des 14. September
besetzt hielt. Er gehrt noch zu der alten Sorte, wissen Sie, die von
Anno 70 her wei, da der, der am frhsten aufsteht, dem Siege am
nchsten ist. Dort drben von der Ostsee her -- der Rotweinklexs reicht
gerade fr den Tmpel -- kommt das feindliche Korps auf Stettin zu
marschiert, das es, nach dem Ratschlu der obersten Gtter, erobern
soll. Der Kleve war ja eigentlich nur dazu da, um totgeschossen zu
werden und den Ruhm des Gegners zu erhhen. Natrlich war dieser Gegner
-- wie das die Gtter mit ihren Lieblingen so zu machen pflegen -- noch
mal so stark als er und hatte berdies in seiner Mitte so was wie einen
Schutzheiligen, der, wenn alle Stricke reien, immer noch seine
Glubigen heraushaut. Er legte dabei ein dickes Stck Schwarzbrot in
die Mitte der feindlichen Papierschnitzel. Die Anwesenden horchten auf,
lachten und rckten nher zusammen. Nun war aber ein Hundewetter an dem
Tag, es regnete Bauernjungens, darum entdeckte das Westkorps den
General, der schon eine ganze Weile mit allem ntigen Klimbim auf seinen
sieben Hgeln thronte, erst nach einigem unruhigen Hin- und Herfackeln.
Nachdem es die Situation glcklich erfat hatte, ging es marsch, marsch
im Sturm voran. Prinz Wilhelm -- der Schutzheilige, wissen Sie! --
fhrte dabei das Pommersche Grenadierregiment, und ich glaube, jeder
einzelne Kerl darin hatte schon nach dem Kopf gegriffen, der bekanntlich
den Lorbeer zu tragen bestimmt ist, als er morgens in die Stiebeln
kroch. Aber Ihr Herr Vater hlt offenbar nichts von Heiligen, -- er ist
ein ausgemachter Ketzer, fr den schon irgendwo die Dienstbeflissenen
den Scheiterhaufen zusammentragen, -- er empfing den Feind mit einem
mrderischen Feuer, und was von ihm nicht am Platze blieb, das htte
er, wei Gott, noch gefangen genommen, wenn nicht ein weiser
Hoherpriester ihn beizeiten davon abgeraten htte. Der hat freilich zum
Dank dafr ein paar faustdicke Grobheiten einstecken mssen! Es gab dann
noch eine formidable Reiterattacke -- ein thtre par fr die Fremden!
--, wobei ein paar tausend arme Gule sich einbilden sollten, das
Vaterland retten zu mssen; aber auch die Vierfler im Ostkorps zeigen
sich als die strkeren. Ein schauerliches Abschlachten wrs im Ernstfall
gewesen. Sie sehen, Stettin konnte ruhig sein, -- und der alte Herr hat
in der Kritik den General von Kleve ber den grnen Klee gelobt.
Trotzdem wars eine hanebchene Dummheit, wie sie den Tapfersten immer
zustt, da er -- hm! -- da er den -- den Schutzheiligen nicht besser
respektierte.

Mein Onkel, der schon die ganze Zeit ungeduldig mit den Fingern auf der
Stuhllehne getrommelt hatte, schien fr den Humor der Sache keinen Sinn
zu haben. Schon Wochen vorher habe ich meinen Schwager gewarnt, sagte
er, wer den Prinzen kennt, wei, da er alles kann, nur nicht
vergessen.

Angriffe auf meinen Vater konnte ich nie vertragen. Mir stieg auch jetzt
das Blut zu Kopf, und meine Verteidigung fiel heftiger aus, als es ntig
gewesen wre.

Ich finde, eine Rcksicht, wie du sie verlangtest, wre eine
Pflichtverletzung gewesen. Wenn der Prinz, der noch nie eine Kugel hat
pfeifen hren, mit lauter servilen Leuten zu tun bekme, so wrde es
Deutschland mal ben mssen.

Bravo! sagte Graf Lehnsburg. Grospuriges Geschwtz! brummte der
Onkel.

Am frhen Morgen des nchsten Tages kam ein Telegramm: Division in
Mnster. Mit beiden Fen zugleich sprang ich aus dem Bett. Westfalen:
Das nordische Rom -- die Wiedertufer -- Annette Droste -- der
Westflische Friede -- die Hermannsschlacht, -- es war eine verwirrende
Vielheit bunter Bilder, die bei diesem Namen vor mir aufstiegen. Ich
fuhr noch am Nachmittag nach Bromberg. Merkwrdig ernst empfing mich
mein Vater. Kaum da ich eine Frage an ihn zu richten wagte. Und auch zu
Hause blieb er still, whrend mein Schwesterchen voll Freude ber den
Wechsel im Zimmer umhersprang und Mama die nchsten Plne erwog. Erst
spt am Abend, als er seine gewohnte Patience gelegt hatte und sich
befriedigt, weil sie mit Mamas Hilfe richtig aufgegangen war, in den
Stuhl zurcklehnte, fing er an, sich ber die Zukunft auszusprechen. Wir
orientierten uns mit Hilfe der Rangliste ber die Verhltnisse seiner
Division; bis nach Aachen und Paderborn dehnte sie sich aus; lauter
Stdte voll historischer Bedeutung gehrten zu ihren Garnisonen. In
Mnster erwartete uns eine gerumige Dienstwohnung, eine glnzende
Geselligkeit; der Kommandierende war meinem Vater als liebenswrdiger
Vorgesetzter bekannt.

Und trotzdem --? Ich stockte vor dem finsteren Blick, der mich traf.
Gleich darauf lchelte er ein wenig gezwungen und strich sich halb
nachdenklich, halb verlegen den Bart. Ihr merkt eben nichts, gar
nichts, sagte er, mit der Nase mu man euch darauf stoen; damit wies
er mit dem Finger in die Rangliste: Die 13. Division stand dort, fett
gedruckt. Die 13 aber war rot unterstrichen.

Mein Vater verlie die Gesellschaft, wenn dreizehn bei Tische waren, er
drehte um, wenn eine Katze ihm ber den Weg lief, und machte drei
Kreuze, wenn ihm beim Morgenritt als Erste ein altes Weib begegnete. Ich
lchelte leise und drckte schmeichelnd meine Wange an die seine. Den
Spuk werden wir bannen, Papachen -- auf immer.

Glaubst du?! meinte er zweifelnd und starrte mit groen Augen an mir
vorbei ins Leere.

Wir blieben nur noch wenige Tage. Der alte Packer aus Berlin, der jedes
Stck unserer Einrichtung kannte und seine Kisten stets so wiederfand,
wie er sie beim letzten Umzug verlassen hatte, pflegte uns, wenn er kam,
ebenso entschieden wie freundlich hinaus zu komplimentieren. For ne
Exzellenz is der Dreck nu jar nischt, sagte er diesmal, als er mit
seinem Zeitungspaket unter dem Arme eintrat. In Berlin hielten wir uns
noch auf der Durchreise auf. Whrend Papa sich meldete, machten wir
Besorgungen. Die Gre der knftigen Wohnung hatte eine erhebliche
Vermehrung unserer Einrichtung notwendig erscheinen lassen, und die
alten Mbel waren schon lange eines neuen Gewandes bedrftig. Auch an
Toiletten fr den nchsten Karneval fehlte es uns. Unter dem Eindruck,
nun nicht mehr mit jedem Groschen rechnen, nicht mehr an allen
verlockenden Auslagen als bloe Zuschauerin vorbeigehen zu mssen,
verjngte sich meine Mutter frmlich; ich entdeckte zum erstenmal und
nicht ohne Beschmung, da sie mit ihren dreiundvierzig Jahren noch
immer eine schne Frau war, und eine Ahnung davon durchzuckte mich, da
sie im Grunde ein rmliches Leben gefhrt hatte und noch Ansprche daran
zu stellen berechtigt war.

       *       *       *       *       *

Es war ein Sptherbstabend, als wir uns Mnster nherten; ein Wald von
Trmen stand schwarz am dunkelvioletten Himmel. Durch dmmernde Straen,
ber die nur hie und da graue Gestalten huschten, erreichten wir
den Gasthof mit seiner gewlbten Eingangshalle und den von
jahrhundertelangen Tritten ausgehhlten Steinstufen der Treppe.

Frh am Morgen weckte mich ein tiefer Ton, wie fernes Donnerrollen;
allmhlich schwoll er strker und strker an, und ein Chor heller
Stimmen mischte sich hinein: die Glocken Mnsters, die zur Frhmesse
riefen. Noch lange, nachdem sie verhallt waren, schien die ganze Luft in
geheimnisvoll klingende Schwingung versetzt.

Ich lugte neugierig zum schmalen Erkerfenster hinaus. Eine breite Strae
sah ich, eingefat von hochgegiebelten Husern mit reichen Zieraten,
Erkern, Bltterwerk und Zinkenkronen; jedes in sich abgeschlossen, die
Trennung vom Nachbarn durch die ragende Spitze betonend; unten aber
verbanden gewlbte Arkaden, deren breite Bogen auf trutzig-krftigen
Pfeilern ruhten, alle Gebude miteinander. Mir war, als sei mir durch
einen Blick der tiefe Sinn alten deutschen Brgertums aufgegangen: wie
es auf breitem Boden der Gemeinsamkeit und des gegenseitigen Schutzes
festbegrndet ruhte und die Einheit und Selbstndigkeit der Familie klar
und scharf sich daraus emporhob. Wie reich war doch jenes viel
gelsterte finstere Mittelalter gewesen, das fr Inhalt und Bedeutung
des Lebens so wundervoll-harmonische Ausdrucksformen fand!

Eine Kirche, ber die der ganze glaubensselige Reichtum der Gotik
ausgegossen schien, schlo mit schlankem Turm, durch dessen Mawerk hoch
oben des Himmels lichte Blue strahlte, und kraftvoll aufwrts
wachsenden Strebepfeilern die Strae gen Norden ab. Muten sich nun
nicht rings die Tore ffnen, um fromme Beter zur Frhmesse zu entlassen,
-- Frauen in langen, reichen Gewndern, mit perlengestickten Grteln,
das Haupt zchtig umhllt, das Gebetbuch mit kunstvoll-geschmiedeter
Silberschliee in den Hnden, -- Mnner mit bunten geschlitzten Wmsen
und der nickenden Feder auf dem Barett? Ich wartete vergebens. Nur ein
paar Weiber in jenen tonlosen Kleidern, die das Ende des neunzehnten
Jahrhunderts, passend zum monotonen Stil seiner Kasernenstdte, erfunden
hat, verschwanden hinter den Kirchentren. Schon wollte ich mich,
unmutig ber den zerstrten Zauber zurck ins Zimmer wenden, als mein
Blick noch einmal gefesselt ward: aus der engen Gasse gegenber wand
sich lautlos ein Zug grauer Nonnen; die Zipfel ihrer Hauben wehten im
Morgenwind, eng aneinander gedrckt, bewegten sie sich unhrbaren
Schrittes vorwrts, -- eine Kette verflogener Nachtvgel, die lichtscheu
ber den Boden strich, bis sie das dunkle Kirchentor jenseits
verschlang. Und einsam wie vorher lag nun die Strae.

Unser erster Gang an demselben Morgen galt unserem knftigen Heim: dem
ehemaligen Kloster der Augustinerinnen, das fast vierhundert Jahre lang
dem strengen Orden der benden Nonnen gehrt hatte, ehe es der
piettlosen, sbelrasselnden Preuenpolitik zum Opfer fiel. Vor dem
langgestreckten grauen Haus mit seinen dicken Mauern und kleinen
Fenstern stand hinter ein paar mchtigen Linden halb versteckt die
uralte dunkle Servatiikirche; die hohen Gartenmauern des Erbdrostenhofes
-- eines jener zahlreichen prunkvollen Stadtschlsser westflischer
Adelsgeschlechter -- umschlossen hinter ihr den engen Platz. Nur zgernd
betrat ich den breiten, fliesengedeckten Flur unseres Hauses; die laute
erklrende Stimme des Intendanturbeamten, der uns fhrte, machte mir
denselben schmerzhaften Eindruck wie die Stimmen all jener Kirchen-,
Gallerie- und Schlodiener, die eigens dazu berufen zu sein scheinen,
den Besucher vor der Tiefe irgend eines Eindrucks zu bewahren. Ich lie
ihn vorangehen und blieb allein. Es war ein heller Herbsttag drauen,
die Sonne berflutete das groe Treppenhaus, aber in die Zimmer hinein
drang sie nicht; hier wehte jene schwere khle Luft der Grfte, die nie
ein Sonnenstrahl berhrt. Alle Wohnrume lagen nach Norden, -- kein
warmer Gru lockenden Lebens durfte die Nonnen berhren, deren Zellen
hier gewesen waren. Eine davon mochte wohl den frmmsten zur Wohnung
gedient haben: auf einen winzigen Hof sah sie hinaus; gerade gegenber,
zum Greifen nah, fiel der Blick auf das hohe gotische Fenster der
Klosterkapelle, aus dessen zerbrochenem Glasgemlde die
schmerzverzerrten Zge eines heiligen Mrtyrers noch zu erkennen waren.
Hier ist der Zugang zur Kapelle vermauert, hatte ich von ferne den
Beamten sagen hren; die Leute erzhlen sich noch immer, da die Nonnen
nchtlicherweile hier umgehen und klagend an den Wnden kratzen, weil
ihnen der Weg versperrt wurde.

Unten im Garten trafen wir uns wieder. Das Wahrzeichen Mnsters -- die
Linde -- schmckte auch ihn, aber jetzt, da sie kahl war, verstrkte sie
nur den Eindruck lebloser Stille, den die Mauern ringsum hervorriefen:
die der Krassierkaserne auf der einen, die des Proviantmagazins, in das
ein Flgel des Klosters umgewandelt worden war, auf der anderen Seite.

Hier war der Kirchhof des Klosters, sagte unser Fhrer. Als vor ein
paar Jahren Exzellenz Melchior durch das Tor dort hereinfuhr, senkte
sich der Boden, und die Rder whlten vermorschte Srge auf. -- Eine
gemtliche Dienstwohnung, -- das mu ich sagen, versuchte mein Vater zu
scherzen. Ich fhlte, da es auch ihm schwer wie ein Alb auf der Seele
lag. Mir gefllt sie ausnehmend, sagte meine Mutter lchelnd, die
armen Toten schrecken mich nicht, und die Wohnung ist prachtvoll.

Die Handwerker brachten von nun an Lrm und Leben hinein. Wir blieben
noch ein paar Wochen im Hotel, und ich benutzte die Zeit, um in allen
Gassen und Kirchen umherzustreichen. Nie hatte ich solch eine Stadt
gesehen: in Augsburg, in Nrnberg hatte die neue Zeit unter der Fhrung
der rcksichtslosen Eroberer Industrie und Technik die alte mehr und
mehr zurckgedrngt, berflutet, vernichtet, -- hier stand das Leben
still, kein Fabrikschlot erhob sich mit all seiner barbarischen
Protzenhaftigkeit neben den Kirchentrmen; hinter hohen Eisengittern,
in vornehmer Zurckgezogenheit prangten die Renaissance- und
Rokokoschlsser der Ketteler, der Heereman, der Droste-Vischering, der
Romberg, der Zwickel der Bevernfrde, der Schmising, der Galen, der
Frstenberg; zwischen hundertjhrigen Linden standen Kirchen und
Kapellen, erfllt von der Pracht und Schnheit romanischer und gotischer
Kunst; in abgelegenen Winkeln tauchten alte Klster auf, deren
grasberwucherte Hfe von Kreuzgngen wie von schtzenden Armen umgeben
waren; manch alte Festungsmauer lugte drauen vor der Stadt zwischen
dickem Efeu und dichtem Gebsch hervor, und heimlich vertrumte
Pltzchen gab es neben pltschernden Brunnen, unter Weinlaub umsponnenen
Bogen, wohin kein anderer Laut des Lebens drang.

Da die blaue Blume der Romantik hier Wurzel gefat hatte, als drauen
in der Welt die Aufklrung umging und sie mit Stumpf und Stiel
auszurotten trachtete, da Freiheitsschwrmer, wie die Brder Stolberg,
sich hier zu Fen der Frstin Galitzin in die Fesseln der katholischen
Kirche schlagen lieen und Hamann, der Magus des Nordens, hier seinen
frommen Phantasien lebte, -- wer verstnde es nicht, dem Mnster seinen
Zauber enthllte?

Mit der Fertigstellung unserer Wohnung hatte die genuvolle Zeit
tglicher Entdeckungsreisen ein Ende. Die huslichen und auerhuslichen
Pflichten nahmen mich wieder in Anspruch. Wir feierten den gestrigen
Einzug in unser Kloster mit dem ersten Besuch der Garnisonkirche und
hrten in einem kahlen, kalten, nchternen Raum eine ebensolche
Predigt, schrieb ich an meine Kusine. Dann kamen Besuche ber Besuche,
-- leider nur solche, bei denen es einem geht, wie dem erwachsenen
Menschen vor dem Marionettentheater: alles Interesse hrt auf, sobald
der Unternehmer die Puppen wieder in den Kasten legt. Am liebsten mchte
ich jetzt still in der Fensternische meiner Zelle sitzen und lesen,
lesen, lesen. Ich habe eine Bibliothek entdeckt -- im Verein fr
Wissenschaft und Kunst --, die mir um so mehr zur Verfgung steht, als
sie niemand sonst zu benutzen scheint. Ein junger Beamter mit einem
strengen Asketengesicht, der mich zuerst sehr abweisend behandelte, ist
jetzt mein bester Berater. Du httest sehen sollen, wie seine sonst halb
geschlossenen Augen aufleuchteten, als ich die Schnheit Mnsters pries!
'Wenn Sie erst ganz Westfalen kennen wrden!' meinte er, und dabei
huschte ein heller Schein kindlicher Schwrmerei ihm ber die Zge. Er
gab mir Ste von Bchern mit, aus denen ich Natur und Kunst seiner
geliebten roten Erde kennen lernen soll. Was mich aber noch weit mehr
anzieht, sind die zahlreichen Werke allgemeinen kulturgeschichtlichen
Inhalts, die der Katalog der Bibliothek aufweist. Mein Berater erklrte
freilich mit aller Bestimmtheit, das wre nichts fr mich, es seien
Bcher darunter, die die Ruhe der Seele gefhrdeten; er wurde bla und
rot, als ich ihm versicherte, da mir nichts wnschenswerter sei; und
als ich von dem alten Bibliotheksdiener Leckys Geschichte der Aufklrung
und Tylors Anfnge der Kultur verlangte, starrte er mich an wie eine
Erscheinung und stotterte schlielich: Aber -- aber es sind nicht
einmal Bilder drin! Nchtlicherweile habe ich sie verschlungen, mein
Verstand hat zu ihnen ja und zehnmal ja gesagt; -- meine Sinne aber
schwelgten im weihrauchgeschwngerten Dmmerdunkel des Doms. Unter
diesem scheinbaren Widerspruch habe ich gelitten, bis mir klar wurde,
da es gar keiner ist: alle Seiten unserer Natur bedrfen der Nahrung,
und die Kunst ist die Nahrung der Sinne. Religion aber ist im Grunde
nichts als Kunst und gestaltende Phantasie. Mir war der Protestantismus
nie sympatisch; da er im Grunde nicht nur eine Vergewaltigung deutschen
Geistes und Wesens, sondern ausgesprochen areligis ist, wurde mir von
diesem Standpunkt aus erst vllig klar.

Leider mu ich mir zum Denken und Lernen jede Stunde erkmpfen. Vor
Rumen, Toilettenkrimskrams, Leute einarbeiten, Besuche machen und
empfangen komme ich am Tage kaum zu mir selbst. Dabei haben sich wieder
ein paar landlufige Weisheitssprche als fadenscheiniger Plunder
erwiesen: 'Nach getaner Arbeit ist gut ruhn,' -- 'Gut Gewissen, sanftes
Ruhekissen' -- 'Pflichterfllung beglckt', -- lauter faustdicke Lgen,
die man uns wie Binden um die Augen legt, damit wir die Wahrheit nicht
mehr sehen knnen, -- die Wahrheit, die uns zeigt: Tue Deine Arbeit,
dann erst findest Du Befriedigung, -- erflle Deine Bestimmung, dann
erst wirst Du glcklich sein.

Mit steigender Virtuositt fhrte ich ein Doppelleben: ich vergrub mich
stundenweise in meine Bcher, ich lebte mit meinen Gedanken in ihnen,
whrend ich Hte garnierte, schneiderte, oder mit den Vorbereitungen zu
den immer zahlreicheren Gesellschaften, Diners und Bllen beschftigt
war. Aber mit dem Augenblick, wo ich im Festkleid in den Wagen stieg
oder die ersten Gste bei uns erschienen, zog ich den Schlssel zu dem
Geheimfach meines Innern ab, und nichts blieb von mir brig als die
Salondame.

Pnktlich mit dem Dreiknigstag ffneten sich die Adelshfe Mnsters.
Der Karneval zog ein. Keiner von denen, die weise Ma halten und Hygiene
und Moral zu Hofmarschllen ernennen, damit die braven Menschenkinder
sich auch den Magen nicht verderben -- sondern ein ungestmer, ein
wilder, zgelloser, der jung und alt in seine Dienste zwingt, der uns
berkommt wie ein Rausch und uns selig-mde zurck lt.

Eine alte Legende, die im Volke Westfalens noch immer lebendig ist,
erzhlt, da der Teufel einmal die Junker der ganzen Welt in seinen Sack
gesteckt habe, um sie der Hlle zu berliefern. Als er just ber
Westfalen flog, zerri der Sack, und es regnete Ritter. Darum gibt es
noch heut auf der roten Erde eine so groe Menge von ihnen, und kein
Knigshof knnte eine vornehmere Gesellschaft um sich versammeln als
Mnster zur Karnevalszeit. Was aber ihrem alten Adel, dessen Ursprung
sich oft bis in die dunkeln Zeiten Wittekinds des Sachsenherzogs
verliert, den Glanz verleiht, ist der gesicherte Reichtum vieler
Generationen. Der preuische, der schlesische, der mrkische Edelmann
mit seinen groen Hnden, seiner breiten Statur, seinem dicken Schdel
verrt noch oft, da sein Vorfahr wie ein Bauer arbeiten und leben
mute, und sein derber Witz, seine Verstndnislosigkeit fr die feineren
knstlerischen Reize des Lebens lassen nicht vergessen, da neben Axt
und Pflug sein einziges Handwerkszeug das Schwert gewesen ist. Seines
westflischen Standesgenossen rassige Schlankheit, seine der harten
Arbeit seit Jahrhunderten entwhnten Hnde verdankt er dagegen der
Freigebigkeit des ppigen Bodens, den Scharen der Hrigen, die ihn
bebauen muten; und die Grazie seiner gesellschaftlichen Formen, die
Schnheit seiner Umgebung erinnert an die prunkvollen Hfe der
Kirchenfrsten von Kln, von Paderborn, von Mnster, wo seine Ahnen
erzogen wurden, und an die knstlerische Kultur, die die katholische
Kirche um sich verbreitete. Mit einem angeborenen Sinn fr Stoffe und
Farben kleiden sich seine schn gewachsenen, ein wenig steifen Frauen
und Tchter mit den feinen, regelmigen, ein wenig leeren Gesichtern;
Perlen und Edelsteine in herrlicher alter Fassung schmcken ihre vollen
blonden Haare, ihre schneeweien Nacken und Arme. Die Mbel, die
Schaustcke, das reiche Silbergert in ihren Husern ist ererbter
Familienbesitz aus den Glanzzeiten der Gotik, der Renaissance, des
Rokoko; von den farbensatten Gobelins, die die Wnde der Sle decken,
sieht die ganze Vergangenheit herab auf das junge Geschlecht, das ihr
auch geistig nicht untreu geworden ist.

Sie sind alle glubige Katholiken; sie versumen die Messe nicht, auch
wenn sie die Nchte durchtanzen; barhuptig, Gebetbuch und Rosenkranz in
den Hnden, schreiten die vornehmsten mit in der groen Prozession am
Montag nach dem Reliquienfeste und am Tage Mari Heimsuchung; die Kirche
ist ihr eigentliches Vaterland; in den Jahren des Kulturkampfes
behandelte der westflische Adel die preuischen Beamten und Offiziere
wie Feinde, und eine gewisse mitrauische Zurckhaltung zeigte sich hier
und da auch jetzt. Aber sie galt weniger dem preuischen Protestanten im
allgemeinen, als dem einzelnen, der mit taktloser Grospurigkeit
auftrat, oder -- dessen Adelsdiplom nicht ganz reinlich erschien. Hier
herrschte noch vollkommenste Exklusivitt, -- ein Brgerlicher, ein
Neugeadelter war nicht gesellschaftsfhig, und dies ungeschriebene
Gesetz wurde den Einheimischen gegenber am strengsten gehandhabt. Eine
Organisation westflischer Damen, die angesichts des Gleichheitstaumels
der franzsischen Revolutionsepoche gegrndet worden war, konnte ber
Sein und Nichtsein entscheiden. Ihre Feste waren unter dem Namen der
Blle des Damenklubs weit und breit berhmt und -- gefrchtet. Wer dazu
nicht geladen wurde, war einfr allemal boykottiert; rckhaltlos
gesellschaftlich anerkannt war nur, wer auch bei den intimen
Veranstaltungen nicht fehlte. Der Klub hatte die Macht, Mitglieder des
westflischen Adels, die sich irgend etwas hatten zuschulden kommen
lassen, durch geheime Abstimmung auf Monate oder Jahre von allem Verkehr
mit seinen Standesgenossen auszuschlieen.

Die Rcksicht auf diese tiefwurzelnden Auffassungen -- spukte nicht hier
sogar die Erinnerung an die Vehme? -- fhrte zu merkwrdigen
Konsequenzen: man hatte zwar durchgesetzt, da auch die nicht adeligen
Offiziere nicht vllig von der Geselligkeit ausgeschlossen wurden, aber
sie wurden nur zu groen Bllen gebeten und htten es auch dort kaum
wagen drfen, eine westflische Dame zum Tanz zu fhren. Die vierten
Krassiere und die sogenannten Papst-Husaren aus Paderborn, --
Regimenter, so vornehm wie nur irgend eins der Garde, in die nicht
einmal ein unadliger Einjhriger Aufnahme fand, -- waren die allein
'hoffhigen'. Und so war es denn auch nicht die Stellung meines Vaters,
sondern sein Name und der Stammbaum meiner Mutter, die uns rasch alle
Tren ffneten. Geistige Ansprche an unsere Gesellschaft zu stellen,
hatte ich aufgegeben; die Alix Kleve, die mit heien Wangen und
brennender Lebenslust zum Klang ser Walzerweisen von einem Arm in den
anderen flog, war nicht dieselbe, die daheim mit klopfendem Herzen und
unstillbarem Geistesdurst ber den Bchern sa.

Die Atmosphre der Vornehmheit und des Reichtums, die Eleganz der
Tnzer, die Schnheit der Menschen und der Rume befriedigte meine
Sinne; es gab Tage und Stunden, wo die prickelnde, fiebernde Lust des
Karnevals mich ganz und gar gefangen nahm, wo eine Tanzmelodie mich wie
ein elektrischer Schlag bis in die Fuspitzen durchzuckte und alle
brigen Lebenstne erschlug. Wir tanzten tglich; in den Fastnachtstagen
fielen sogar die Schranken zwischen den Gesellschaftsklassen und unter
Papierschlangengeschossen und Konfettiregen wagten wir uns unter die
maskierte Menge der Strae. Alle Hfe und Huser standen offen; berall
konnten die Masken sich selbst zu Gaste laden, und doch artete die
sprudelnde Lustigkeit nie in rohe Spe aus.

Am Fastnachtsdienstag gab es ein Frhstck im Krassierkasino, wo die
Sektpfropfen knatterten wie Salven, und darauf einen ausgelassenen Tanz
im Sande der Reitbahn, wo die Herren um die Wette ber Hrden und Grben
sprangen. Abends war der letzte Ball des Damenklubs; noch einmal wurde
getanzt wie rasend, alte Graubrte machten den Jngsten den Rang dabei
streitig, und die Flle der Blumen, die uns gespendet wurden, lie sich
kaum fassen. Mir stoben Funken vor den Augen, und ich fhlte nichts
mehr als die wiegende, schleifende Bewegung und den heien, keuchenden
Atem meiner Tnzer. Pltzlich, mitten im wilden Abschiedsgalopp, stand
alles still, wie von einem Zauber gebannt, die Musik brach ab, mit
kurzem Gru huschten die Damen hinaus, rasch warfen die Herren den
Mantel ber die Schultern -- zwlf schlug die tiefe Glocke vom Domturm,
Aschermittwoch klingelte das schrille Glcklein von der
Liebfrauenkirche.

Mit einem Schlag schien das Leben erloschen. Still, mit verhngten
Fenstern lagen von nun an wieder die Adelshfe. Nur drben im
Erbdrostenhof regte sichs noch: gestern hatte die schlanke Tochter des
Hauses mit uns getanzt, heute nahm sie im Kloster der Ursulinerinnen den
Schleier. Wie eine glckliche Braut ward sie von all den Ihren geleitet,
und sie selbst lchelte wie eine solche. Mit einem Glanz verklrter
Freude auf den Zgen leisteten ihre Brder -- die bermtigsten Tnzer
sonst -- die Ministrantendienste bei der heiligen Handlung. Und doch
wuten alle, da es ein Abschied fr immer war, denn in strenger Klausur
verbringen die Ursulinerinnen ihr nur dem Gebet und der Bue geweihtes
Leben.

Whrend der Fastenzeit kamen Kapuzinermnche nach Mnster, die besten
Kirchenredner ihres Ordens. Sie Sprachen von vier Kanzeln dreimal des
Tags, und Kopf an Kopf drngte sich jedesmal die Menge und hielt
geduldig stundenlang stehend aus. Ich ging wiederholt in den Dom; die
fanatische Beredsamkeit dieser blassen Mnner in ihren braunen Kutten
war berwltigend. Sie sprachen rcksichtslos und griffen mitten ins
Leben, und eine Wirkung ging von ihnen aus, die nicht nur in dem
wachsenden Andrang zu ihren Beichtsthlen zum Ausdruck kam, sondern auch
in den Handlungen der Einwohner Mnsters. Wir hrten hufig, da
gestohlenes Gut zurckgegeben wurde, Verleumder den Verleumdeten um
Verzeihung baten, Treulose zu den verfhrten Mdchen zurckkehrten. Es
geht ein Zug nach Wahrheit und Befreiung durch die Welt, dem, ihrer
selbst nicht bewut, auch die asketischen Diener der Kirche folgen
mssen. Zuweilen, wenn sie mit berwltigender Kraft das Elend armer
Arbeiter schilderten, und den Reihen, die nicht sehen und hren wollen,
mit den Schrecken auch der irdischen Sorgen drohten, schien es wirklich
Christi lebendiger Atem zu sein, der sie beseelte. Mir trumte dabei von
einer fernen Zukunft, wo in heiligen Hallen, wie diese, Missionsprediger
der Freiheit zu den Tausenden sprechen werden. So schrieb ich an
Mathilde. In Mnster aber verstand man meine hufigen Kirchenbesuche
anders. Zufall -- Absicht? -- fhrten mich mit katholischen Priestern
zusammen, und ich merkte bald, welch lebhaftes Interesse sie an mir
nahmen. Sie boten sich mir zu Fhrern in Kirchen und Kapellen an und
verwickelten mich, wenn ich kam, in religise Gesprche. Aus meiner
Stellung zum Protestantismus machte ich kein Hehl, und als ich einmal
freimtig erklrte, da der Katholizismus mir weit anziehender sei,
meinte mein Begleiter vorsichtig: Sie sollten sich mit unserer Kirche
nher vertraut machen, wenn sie Ihnen, wie es den Anschein hat, die Idee
des Christentums deutlicher reprsentiert. -- Die Idee des
Christentums?! erwiderte ich lchelnd. Nein, Hochwrden, mit ihr hat
die katholische Kirche nichts zu tun! Und gerade das ist es, was ich an
ihr liebe und bewundere. Sprachlos starrte der Priester mich an. Ich
begreife nicht -- brachte er schlielich hervor. Darf ich es Ihnen
erklren? Er nickte zustimmend.

Meiner Ansicht nach ist die ursprngliche Lehre Christi mit ihrem
Asketismus, ihrer Verachtung des Lebens, der Freude, der Schnheit,
ihrer Menschenfeindschaft, -- bei aller Betonung der Menschenliebe, --
der Natur der abendlndischen Vlker so widersprechend, da sie sich in
ihrer Reinheit gar nicht durchsetzen konnte. Wir sind Heiden, sind
Sonnenanbeter; mit den Geschpfen unserer Trume beleben wir Feld und
Wald, Berg und Tal. Karl der Groe hat das rasch begriffen, und seine
Missionare mit ihm. Sie hatten hufig genug selbst Sachsenblut in den
Adern. Darum bauten sie an Stelle der Heiligtmer Wotans, Donars,
Baldurs und Freyas die Tempel Ihrer vielen Heiligen; darum erhoben sie
nicht den Gekreuzigten, sondern die Mutter Gottes, das Symbol
schaffenden Lebens, auf den Thron des Himmels. Darum schmcken die
Diener des Mannes, der nicht hatte, da er sein Haupt htte hinlegen
knnen, ihre Gewnder, ihre Altre und ihre Kirchen mit Gold und
Edelsteinen und zogen die Kunst in ihren Dienst. Vom Standpunkt Christi
aus hatten Ihre Wiedertufer Recht, die die Bilder zerstrten, aber die
lebensstarke Natur ihrer Volksgenossen hat sie ins Unrecht gesetzt. Und
wissen Sie, was mich in meiner Auffassung vom heidnischen Charakter des
Katholizismus und seiner Lebensfhigkeit infolgedessen bestrkte: der
eben verflossene Karneval! In keinem protestantischen Lande ist
dergleichen mglich, auch wenn es auf denselben Breitengraden liegt, wie
Mnster, wie Kln, wie Dsseldorf, wie Mnchen. Vor lauter
Verstndigkeit und Nchternheit haben wir die Freude verlernt, die ein
Bestandteil heidnischer Religisitt ist.

Jetzt war die Reihe an meinem Begleiter, berlegen zu lcheln.

Ob Sie, infolge irgend welcher verwirrender Lehren sogenannter
wissenschaftlicher Aufklrung, Heidentum nennen, was christ-katholisch
ist, das drfte zunchst von geringem Belang sein, sofern Sie nur an die
Lehren der Kirche glauben. Wir verlangen von den Novizen nicht die
Gedanken- und Gefhlstiefe des erprobten Bekenners.

Aber ich glaube ja an Ihre Heiligen nicht, wenn ich ihre Existenz auch
verstehe! Der Priester schttelte den grauen Kopf. Wir werden einander
nie nher kommen, Hochwrden. Wo Sie Religion sehen, sehe ich Kunst, und
Ihr Gott und Ihre Heiligen sind fr mich nicht berirdische Wesen, die
ich anbeten mu, sondern Gebilde, die unsere Phantasie erschuf, wie die
Hand des Malers die heilige Jungfrau drben. Da Ihre Kirche diese
Schpferkraft nicht unterband, sondern schtzte, nhrte, anfeuerte, ist
ein Verdienst, das sie mir ehrwrdig macht. Sie werden aber nun selbst
einsehen, da sich aus solchem Material keine Proselyten machen lassen.

Man schien mich trotz alledem nicht aufzugeben. Ich wurde in der
Gesellschaft Westfalens mit mehr Interesse und Aufmerksamkeit behandelt
als sonst ein junges Mdchen und war viel zu eitel, um die Vorteile
dieser Ausnahmestellung nicht angenehm zu empfinden. Da ich mich im
stillen immer weiter aus dem geistigen Bannkreis meiner Umgebung
entfernte, bemerkte niemand. Mit wem htte ich mich auch ehrlich
aussprechen knnen? Mein Vater war in seinen kirchlich und politisch
konservativen Anschauungen immer schroffer geworden, und je hher die
Stellung war, die er einnahm, je mehr er nichts anderes um sich hatte
als Untergebene, desto selbstherrlicher wurde er, desto weniger duldete
er Widerspruch. Meine Mutter wurde von steigender Antipathie gegen meine
Studien beherrscht, jeden Bchertitel musterte sie mit grtem
Mitrauen, und ich konnte sicher sein, mit irgend einer wichtigen
huslichen Aufgabe, wie Wsche flicken, Staub wischen oder dergleichen,
immer dann betraut zu werden, wenn ich am meisten gefesselt war. Unter
unseren vielen Bekannten war niemand, den ich fr wrdig und fhig
gehalten htte, an meinen Interessen teil zu nehmen. Es gab schon
verblffte Gesichter genug um mich her, wenn ich etwa ber politische
Tagesereignisse mitzureden den Mut fate.

So wurde ich denn immer launischer, reizbarer und hochmtiger. Nichts
als meine pessimistischen Ansichten ber die Menschen hatte ich
ausgesprochen, wenn ich auf einem Maskenfest des letzten Winters an die
Rosen, die ich verteilte, statt der Dornen Verse wie diese geheftet
hatte:

    Die Menschen tragen im Leben
    Eine Maske vor dem Gesicht;
    Wnsch' nicht, sie zu demaskieren,
    Denn, wisse, es lohnt sich nicht!

       *       *       *       *       *

    Und frchtest du die Rose,
    Weil stets ihr Dorn dich sticht, --
    So pflcke dir Gnseblmchen,
    Die, Teuerster, stechen nicht!

       *       *       *       *       *

    Du trumst vom Feuer der Liebe,
    Das hoch ein jeder preist?
    Wisse, in unserm Jahrhundert
    Ist es ein Irrlicht meist.

       *       *       *       *       *

    Traue keinem hier von allen,
    Dann erst recht nicht, wenn die Maske fiel;
    Niemals wird die zweite Maske fallen,
    Und was Wahrheit scheint, ist Narrenspiel.

       *       *       *       *       *

    Im Mnster ist's finster,
    Wer wte das nicht?
    Doch sag mir, wo in der Welt
    Ist es licht?

Licht war fr mich nur die Welt der Bcher; Erkenntnisse, die ich
gewann, erfllten mich mit tiefer heier Freude, und die Sehnsucht wuchs
hinaus aus der Enge des Lebens; von der Phantasie nahm sie die
leuchtendsten Farben, um Menschen zu malen, die von Idealen erfllt, mit
den reichsten Waffen des Geistes ausgestattet, eine dunkel geahnte
andere Welt zu erobern ausgingen. Mein Tagebuch und die Briefe an
Mathilde waren die Vertrauten meines eigentlichen, verborgenen Lebens.

Ich bin in meinem Studium der Kulturgeschichte beim fnften groen
Werke angelangt, schrieb ich damals, mein Interesse dafr ist immer
im Wachsen, und immer wieder finde ich, was mich fast von Kindheit an --
damals noch wie eine Ahnung -- erfllte: da wir uns trotz allem, was
den Blick momentan verdunkeln mag, unaufhaltsam vorwrts bewegen. Wehe
denen, die hemmen wollen, sei es in der Kunst, der Wissenschaft, der
Religion, oder der Politik! -- Nur eins schmerzt mich oft bis zur
Verzweiflung: da ich nur Zuschauer bin und weder beim Niederreien des
Alten, noch beim Aufbauen des Neuen tatkrftig eingreifen kann.

An anderer Stelle heit es: Auf dem Wege meiner stillen Studien bin ich
zu der Erkenntnis gelangt, da unsere Entwicklung wie auf einer
Wendeltreppe vorwrts schreitet. Zuerst lernt man mechanisch, ohne zu
verstehen, dann lernt man verstehen; aus beiden folgt das eigene Denken,
und erst auf diesen drei Stufen erhebt sich der persnliche Mensch und
fngt nun scheinbar von vorn an: er lernt, er versteht, er denkt -- oder
er entzndet das trocken aufgehufte Pulver des Verstandes mit dem
elektrischen Funken seines eigenen Geistes und sprengt damit die starren
Formelmauern, um nun selbst Licht und Wrme zu verbreiten. Auf jeder
Stufe bleiben viele Menschen stehen; darum wird man mit dem
Vorwrtsschreiten immer einsamer und lt viele hinter sich zurck, die
nicht gleichen Schritt mit uns hielten.

Soweit meine Kusine sich auf Diskussionen einlie, trat sie mir
entgegen. Sie verteidigte z. B. die Heroengeschichte gegenber der
Kulturgeschichte; sie suchte mir zu beweisen, da die Knige,
Staatsmnner und Feldherrn die Geschichte machen, whrend ich
erklrte, da der einzige dauernde gesunde Fortschritt aus dem Volk
herauswchst und die Groen der Erde oft nichts sind als Marionetten in
der Hand der ungeheuern namenlosen Masse. Ich hatte viel zu sehr das
Bedrfnis, mich irgend jemandem gegenber auszusprechen, und ihr Urteil
war mir berdies viel zu wenig magebend, als da ich mich von ihren
Gegengrnden htte abschrecken lassen. Meine letzte Entdeckung mu ich
Dir mitteilen, obwohl ich von vornherein wei, da Du ber meine
'umstrzlerischen' Ansichten wieder emprt sein wirst. Je mehr ich die
Geschichte der Vlker studiere, desto klarer wird mir, da der groe,
viel zu wenig anerkannte Fortschritt unserer Zeit in der vllig
vernderten Wertung der Arbeit besteht. Kein Volk der Vergangenheit hat
die Arbeit an sich als etwas Ehrenvolles betrachtet. Im Gegenteil: nur
der Sklave, der Kriegsgefangene, kurz, der Entrechtete, Ehrlose
arbeitete. Die Arbeit war eines freien Mannes unwrdig. Das war die
durchgngige Ansicht der antiken Vlker, das war auch die der Germanen.
Und zu jenen Ehrlosen, die zur Arbeit gewissermaen verdammt waren,
gehrten charakteristischerweise nicht nur die Unfreien unter den
Frauen, sondern ihr ganzes Geschlecht. Die Arbeit eine Ehre -- das
Nichtstun ein Laster, -- dahin fangen wir erst an, uns zu entwickeln,
und zu ihrer vollen Bedeutung wird diese Erkenntnis erst in spter
Zukunft gelangen. -- Fr mich persnlich ist sie nicht eine bloe
verstandsmige Einsicht, sondern ein Ereignis, das mich erschtterte.
Wird der Wert des Menschen an seiner Leistung gemessen, -- wie bestehe
ich vor dieser Prfung?! Ich bin dreiundzwanzig Jahre alt, gesund an
Geist und Krper, leistungsfhiger vielleicht als viele, und ich arbeite
nicht nur nichts, ich lebe nicht einmal, sondern werde gelebt!

Wie sich der Heihungrige ber jeden Bissen strzt, so warf ich mich
ber jede Mglichkeit des Erlebens und der Arbeit.

Zu jener Zeit starb der alte Kaiser, und im Mrtyrerschicksal seines
Nachfolgers begann der Tragdie letzter Akt. Mit jener steigenden
Erregbarkeit meiner Nerven, die auch die Ereignisse auerhalb des
eigenen Schicksals zum persnlichen Erlebnis werden lie, verfolgte ich
die Berichte der Presse, dachte des neuen Herrn, der nun kam, dessen
verkmmerter Arm mich vor Jahrzehnten schreckte, und der, seit jenem
Gesprch mit Graf Lehnsburg, seltsam drohend sich meinem Vater
entgegenzustrecken schien. Die alte Welt versank, -- der Todeskampf
Friedrichs III. war auch der ihre. Und mit wilder Zerstrungslust
schienen die Elemente ihn zu begleiten. Unaufhrlich strmte der Regen,
aus ihren Ufern traten die Flsse, die Dmme brachen -- tausende stiller
Heimsttten wurden vernichtet, hunderttausenden armer Menschen drohte
Hunger und Elend. Und ich sa hier im gesicherten Schutz unseres Hauses
mit gebundenen Hnden! -- In fieberhaftem Eifer schrieb ich die Mrchen
nieder, die ich meinem Schwesterchen im Laufe der Jahre erzhlt hatte.
Ich schickte sie aufs geratewohl einem Knigsberger Verleger, mit der
Bestimmung, den etwaigen Erls den berschwemmten zuzufhren.
Verffentlichungen dieser Art liegen auerhalb unseres Gebiets,
schrieb er, und rasch entmutigt warf ich sie ins Feuer. Kurz darauf
wurde ein Dilettantenkonzert zum Besten der Notleidenden arrangiert,
und ich, deren Karnevalsverse in Erinnerung geblieben waren, sollte
einen Prolog dazu verfassen und vortragen. Es wurde mir nicht schwer,
ich brauchte nur auszusprechen, was ich empfand, und als ich am Tage der
Auffhrung im schwarzem Trauerkleid auf hohem Podium stand, eine stumme
dunkle Menge vor mir, und fhlte, wie meine Stimme den Saal erfllte, --
da war mirs, als sprengte mein eigenes klopfendes Herz die Eisenreifen,
die es umschnrt hatten. Von der tiefen Glocke in meiner Brust sprach
man mir, nachdem die einen mir stumm die Hand geschttelt, die anderen,
voll Enthusiasmus, mir gedankt hatten. Besa ich die Macht, die Menschen
zu erschttern, sie zum Groen und Guten aus ihrer Stumpfheit
aufzurtteln? Erffnete sich hier irgend ein Weg fr mich, auf dem ich
endlich, endlich dem nutzlosen Leben entfliehen konnte? O da ich die
Krfte, die ich besitze, in einer jener Pionierarbeiten einsetzen
drfte, die durch die Wste der Welt neue Wege bahnen! schrieb ich noch
in der Nacht darnach an meine Kusine.

Mein Prolog wurde gedruckt und in ein paar tausend Exemplaren verkauft.
Aber dem Hochgefhl folgte bald die Ernchterung. Ein Tropfen auf den
heien Stein war, was ich fr die berschwemmten erreicht hatte; in die
Alltagsstimmung fielen die Begeisterten rasch zurck; in das
Alltagsleben mute ich aufs neue. Ich befand mich in einer frmlichen
Krisis, die mich schttelte wie ein Fieber, mir allen Schlaf und alle
Selbstbeherrschung raubte. Als mein Vater mich daher eines Abends frug,
warum ich so stumm und stocksteif dase, antwortete ich mit einer
Leidenschaft, die sich nicht mehr zurckdmmen lie: Weil das Leben
mir zum Ekel wurde -- weil ich mich selbst nicht lnger ertragen kann.
--

Ja um Himmels willen, was ist denn geschehen? Wieder so 'ne verdammte
Liebesgeschichte? Papa schwollen vor Schreck die Adern auf der Stirn.
Mama dagegen sah mich flchtig forschend an und lchelte dann ihr feines
malitises Lcheln.

Das Gegenteil drfte richtig sein, -- ihr fehlt momentan die
Liebesgeschichte, sagte sie, und sekundenlang fuhr es mir blitzartig
durchs Gehirn, ob sie am Ende recht haben knnte. Dann aber antwortete
ich rasch, um den Gedanken in mir selbst zu erlschen:

Arbeiten mcht ich, -- irgend etwas leisten, das mich ganz und gar in
Anspruch nimmt. Ich beneide den Steinklopfer an der Strae, der abends
wenigstens arbeitgesttigt totmde auf seinen Strohsack sinkt.

Du hast doch genug zu tun, wie ich bemerke, meinte Papa nach einem
kleinen zgernden Nachdenken, du liest, du malst, du schneiderst, du
beschftigst dich mit deiner Schwester, du bist der unersetzliche
Arrangeur unserer Feste --

Mama unterbrach ihn: Das gengt natrlich Alix' Ehrgeiz nicht.
Husliche Pflichten sind ein berwundner Standpunkt. Aber du hast ja
Auswahl genug, wenn du ihrer berdrssig wurdest, damit wandte sie sich
an mich; ihr ganzes Gesicht war rot, und ihre schmalen Lippen bebten,
du kannst Gesellschafterin -- Gouvernante -- Hofdame werden. Sieh dann
selber zu, wie das harte Brod der Fremde schmeckt!

Mir strzten die Trnen aus den Augen. Mir ahnte lngst, da mir kein
Ausweg blieb, und doch erschtterte mich die trockne Aufzhlung dieser
einzigen Mglichkeiten, die fr mich Unmglichkeiten waren. Mein Vater
konnte niemanden weinen sehen, am wenigsten seine Tchter. Er sprang auf
und zog mich in die Arme, mir mit einem leisen: Armes Kind, armes
Kind! die Wangen streichelnd. Es blieb dann eine Weile ganz still
zwischen uns. Und dann sprach er mit derselben weichen Stimme auf mich
ein, wie auf eine Kranke, -- mit langen Pausen dazwischen, als wollte er
mir zum Antworten Zeit lassen. Sei still, mein Kind -- bitte weine
nicht mehr. -- Wie ein Vorwurf ist das fr mich -- da ich nicht besser
fr dich sorgte! Wrst du ein Mann, so htte ich dich schon auf Wege
gefhrt, die einen Lebensinhalt gewhrleisten, aber so -- -- du bist nur
ein Mdchen -- nur fr einen einzigen Beruf bestimmt, -- alle anderen
wren doch nichts als traurige Lckenber. Du sollst diesem einzigen
nicht so krampfhaft -- oder leichtsinnig -- aus dem Wege gehen! Ich bin
ein alter Mann und werde nicht ruhig sterben knnen, wenn ich dich nicht
im Hafen wei!

Papa -- lieber Papa! schluchzte ich auf; dann lief ich hinaus und
schlo mein Schlafzimmer hinter mir zu und sa auf dem Bett stundenlang
mit brennenden Augen und wundem Herzen. Nun hatte ich ein Buch nach dem
anderen heihungrig verschlungen, und dunkel und leer ghnte mein
Inneres mich trotzdem an, -- hatte Erkenntnisse gewonnen, die mich
berauschten, und wenn ich zum nchternen Tageslicht erwachte, war ich
elender als zuvor. So ist das Glck geistigen Werdens und Wachsens denn
auch nichts weiter als Betubung? Ist wirklich das Schicksal des Weibes
nur der Mann? Und hat es kein Recht auf ein eigenes Leben? -- Der Mann!
Ich dachte derer, die mir im letzten Winter gehuldigt hatten, -- gute
Tnzer, lustige Kurmacher, zu einem flchtigen Flirt wie geschaffen --
aber an sie gekettet, ihnen unterworfen sein -- ein ganzes Leben lang --
entsetzlich! Pltzlich aber fhlte ich mich wie eingehllt von einem
Feuerstrom, so da im ersten Schreck das Herz mir stockte: ein Kind! ein
Kind! -- das war des Lebens Zweck und Inhalt. Ein Kind wollt ich haben,
gleichgltig von wem, ein lebendiges Teil meiner Selbst, einen Sohn, --
das Geschpf meines Krpers und meines Geistes --, der meine Trume
erfllen, der werden sollte, was ich zu werden vergebens hoffte! Was
galt mir der Mann: mochte er sein, was er wollte, -- nur den Vater
meines Sohnes brauchte ich!

Und als wir am nchsten Abend wieder um den runden Tisch zusammen saen,
sagte ich: Du sollst dich nicht weiter um mich grmen, Papachen, -- pa
auf, ber kurz oder lang hast du einen Schwiegersohn und bist die bse
Tochter los! Worauf ich lachend einen zrtlichen Ku bekam. Mama nahm
keine Notiz von meiner Bemerkung; erst am folgenden Tag kam sie darauf
zurck. Ich habe dir niemals zur Ehe zugeredet, sagte sie, und hte
mich auch jetzt davor. Das Glck, das ein Mdchen von ihr erwartet,
findet sie nie. -- Ich will auch kein Glck -- eine Lebensaufgabe will
ich -- ein Kind, stie ich widerwillig hervor, denn mich meiner Mutter
anzuvertrauen, kostete mir die grte berwindung. Ein Kind?!
wiederholte sie, um dich vollends mit Sorgen zu beladen?!

Sie hatte mich offenbar nie so wenig verstanden wie heute.

Mein Vater dagegen war noch nie so liebevoll zu mir gewesen. Was er mir
an den Augen absehen konnte, das tat er. Lange Morgenritte machten wir
wieder zusammen, hinaus in die weite Heide, vorbei an all den stolz in
sich abgeschlossenen einsamen Bauernhfen und an manch uraltem Schlo
mit festen Trmen und tiefen Grben ringsum. Und wenn er weiter ins Land
Inspektionsreisen machte -- nach Minden, nach Soest, nach Paderborn --,
nahm er mich mit; whrend er seinen Dienst erledigte, lernte ich all die
Schtze alter Kunst, all die Wahrzeichen alter Geschichte kennen, an
denen Westfalen so reich ist.

In der ersten Hlfte des Monats Juni fuhren wir nach Aachen, der
Garnison des 53. Infanterieregiments, dessen Chef Kaiser Friedrich war.
Das Wetter war so schn, die Stadt und ihre Umgebung so unerschpflich,
da wir lnger blieben, als es der Dienst meines Vaters erfordert htte.

Am Mittag des 15. Juni 1888 -- wir kehrten gerade von einem Spaziergang
in unser Hotel zurck -- kam ein junger Leutnant atemlos von der Kaserne
und bat uns, ihm so rasch wie mglich dorthin zu folgen. Was er
erzhlte, war so seltsam, da wir, wre es nicht heller Tag gewesen, an
seiner Nchternheit htten zweifeln drfen. Ein Zug Soldaten habe, so
berichtete er, auf dem Kasernenhof exerziert; kaum sei er abgetreten,
als einem der Offiziere von seinem Fenster aus groe lateinische
Schriftzeichen im Sande aufgefallen seien, die offenbar von den
regelmig sich wiederholenden Futritten herrhren muten. Man habe
inzwischen rasch zu einem Photographen geschickt, um das merkwrdige
Phnomen auf der Platte festzuhalten, und Exzellenz mssen es
unbedingt auch in Augenschein nehmen -- fgte er eifrig hinzu. Zum
Donnerwetter, was ist es denn? sauste mein Vater ihn an. Es heit fr
jeden deutlich --.

Extrablatt! Extrablatt! unterbrachen den ngstlich stotternden
Leutnant in diesem Augenblick viele Stimmen. Heute Morgen elf Uhr ist
Kaiser Friedrich gestorben!

Der junge Offizier wurde leichenbla. Elf Uhr?! wiederholte er
langsam. Um diese Stunde entstand die Schrift!

Wir traten in den Kasernenhof. Das ganze Regiment schien versammelt und
starrte wie gebannt auf den regenfeuchten Platz. Mitten darauf stand in
riesigen Lettern:

                               W W II.




Dreizehntes Kapitel


                                                  Mnster, 29. Dez. 1888
Liebe Mathilde!

Das Dreibretzeljahr, von dem ich mir so viel versprochen hatte, geht zu
Ende. Es ist nicht s, ja nicht einmal schmackhaft gewesen, und sein
einziges greifbares Resultat ist, da ich meine hochfliegenden Wnsche
und Hoffnungen sauber verpackt zu anderem Urvterhausrat in die alte
Truhe legte, wo ich sie vielleicht an Sonn- und Feiertagen des Lebens
hie und da herausnehmen und mit wehmtiger Resignation betrachten werde,
wie die Gromtter die Liebesbriefe ihrer sechzehn Jahre. Du brauchst
mir zum neuen Jahr kein Glck zu wnschen; ich wei von vorn herein, was
es bringt: das landlufige Mdchenschicksal einer Vernunftheirat. Ich
kenne den Glcklichen noch nicht, der sich an den Resten meines Ich
entflammen wird -- aber ich werde ihn finden, und trainiere mich jetzt
schon zur Khle und Ruhe, damit mir nicht am unrechten Ort das Herz
durchgeht.

Heut nacht hab ich beim mden Schimmer meiner Rosa-Ampel lange wach
gesessen und getrumt, -- gegrbelt wohl eher, denn trumen tut man kaum
mehr, wenn das erste Vierteljahrhundert des Lebens sich seinem Ende zu
neigt; und tut mans trotzdem, so sind es eben -- schlechte Trume. Im
Kamin prasselte das Feuer, und wenn ich aufsah, blickte mir aus dem
Spiegel ein Gesicht entgegen, das das einer Toten htte sein knnen,
wenn nicht die Augen von verhaltenen Trnen geschimmert und die Lippen
wie eine klaffende Wunde blutrot geleuchtet htten. Ein Kindergesicht
wars nie, -- bin ich denn berhaupt ein Kind gewesen? Ein glckliches
Kind? Es mu sehr lange her sein, denn ich besinne mich nicht darauf.
Ich mag auch nicht die Tafeln der Erinnerung aufdecken. Hliche Bilder
zeigen sie. Freilich meist golden umrahmt, auf Elfenbein gemalt in
schillernden Farben, aber sieh dir den Hllenspuk nur genauer an: war
nicht das Schicksal ein wahnwitziger Maler, da es so kostbares Material
an solchen Schund verwandte?

Was hat denn gehalten von alledem? Die Liebe etwa? Armes Menschenkind!
Sie ging an dir vorber und du sahst nur so viel von ihr, um die
Sehnsucht darnach, die fiebernde, heie, ewig zu spren! Und der Glanz?
Wie schnell sah das allzu scharfe Auge, da er nichts war als
Flittergold, -- Raketen, die prasseln und strahlen; wenn sie verglimmt
sind, ist es viel dunkler noch als zuvor! --

Ich habe die Wissenschaft gepflegt, wie eine verbotene Liebschaft, --
die bleibt mir. Ich habe die Kunst geliebt, schchtern nur und von
ferne, um die Hehre nicht mit meiner Pfuscherei zu besudeln, -- die
bleibt mir. Das mag jenen Luxustieren unter den Menschen gengen, die
vom Leben nichts wollen als Genu, -- jenen, die so hohl sind, da sie
immer empfangen knnen. Ich aber wollte schaffen!! -- Wozu lebe ich denn
berhaupt? Wrde mich jemand vermissen, wrde eine Lcke bleiben, wenn
ich nicht wre? Meine Eltern, meine Schwester, meine Freunde wrden
trauern. Wie lange? Ich bin ihnen doch allen fremd geblieben! Wer wird
denn nur wahrhaft vermit? Ein guter Vater, -- eine treue, sorgende
Mutter! --

Pfui, du hast geweint, -- schnell, lache, setze die Maske auf, -- wer
zeigt denn heutzutage sein Gesicht? Es wren der Falten, der Trnen zu
viele!

Verzeih -- ich schrieb in Gedanken ein Romankapitel. Im nchsten Brief
sollst Du hren, wie herrlich ich mich amsiere!

Prost Neujahr! -- brigens eine prachtvolle Phrase, mit der man sich um
das 'Glck' wnschen herumdrcken kann.

                                                Deine Alix.


                                                     Mnster, 30. 1. 89
Liebe Mathilde!

Ein Karneval, der mich kaum zu Atem kommen lt, ist die Ursache meines
langen Schweigens. Ich will ihn durchtollen, bis zum bitteren Bodensatz
genieen, weil es unweigerlich der letzte fr mich ist. So oder so: ich
verlasse den Schauplatz nicht, es sei denn auf der Hhe des Triumphs.
Alle bsen Geister haben wieder von mir Besitz ergriffen und peitschen
mich vorwrts auf der Rennbahn der Eitelkeit, angesichts heftiger
Konkurrenz. Mit dem neuen Kommandierenden -- dem einst allmchtigen und
gefrchteten Chef des Militrkabinetts, der die Vorsehung seiner
Vettern bis ins zwanzigste Glied gewesen ist -- scheinen die Lwinnen
des alten berliner Hofs den Schauplatz ihrer Ttigkeit hierher verlegt
zu haben. Eine komische Gesellschaft: vornehm, blasiert, elegant,
hochnasig, mit einem starken Stich ins Burschikose, nicht ohne
'Vergangenheit'. Diese beiden letztgenannten Eigenschaften sind die
Ursache ihrer nicht ganz freiwilligen Entfernung aus Berlin, wo man im
Zeichen der Tugend und Gottesfurcht steht. Nun ist Mnster aber auch
nicht der Ort, wo Leutnants den jungen Damen kameradschaftlich auf die
Schultern klopfen und mit frischem Stallgeruch und schmutzigen Stiefeln
zum Damenfrhstck erscheinen knnen. Kurz -- wir werden die fremden
Vgel schon ausruchern, und ich tue dazu, was ich an Koketterie, an
Geist und Toiletten aufbringen kann. Mit dem glnzendsten Kavalier
dieses Karnevals, Herrn von Hessenstein, der krzlich hier
Schwadronschef geworden ist, schlo ich ein Schutz- und Trutzbndnis zu
diesem Zweck. Du brauchst keine Kassandrarufe auszustoen -- wir
gefallen einander -- nichts weiter!

Es gibt eine Anziehungskraft zwischen Mann und Weib, die mit Geist und
Herz gar nichts zu tun hat; ich mchte sie krperlichen Magnetismus
nennen. Man ist nicht gemein, wenn man sie empfindet, weil der Instinkt
der Natur nicht gemein sein kann. Zum Unglck wird sie nur, weil das
sentimentale Liebesgewinsel unserer Goldschnitt-Lyriker und unsere
verlogene Erziehung uns dazu gebracht haben, sie vor uns selbst mit
falschen Empfindungen zu umkleiden. Meine fiebernden Sinne werden oft
von Menschen angezogen, von denen Geist und Herz sich abgestoen
fhlen. Und umgekehrt sind diese gefangen, wo jene beinahe Ekel
empfinden. Wrde ich mich des Instinktes schmen und ihn infolgedessen
mit dem Feigenblatt verlogener Schwrmerei bedecken, -- in welch
unselige Ehen htte ich mich schon fesseln lassen! Vielleicht ist die
wahre, dauernde Liebe erst mglich unter den Gatten, die sich ganz
kennen, sich ganz besitzen, und die noch dazu ein gewisser uerer Zwang
zusammenhlt. Alles brige ist Flirt -- Sport, oder sonst ein Fremdwort
... Wenn ich nur nicht die fatale Eigenschaft htte, gegen alle Art
brgerlich ehrbarer, staatlich sanktionierter, zu lebenslnglichem
Gebrauch auf Flaschen gezogener Gefhle einen unberwindlichen Abscheu
zu haben ...

Gegen Ende des Karnevals gab Herr von Hagen, unser Oberprsident, -- ein
gescheiter, feiner, alter Herr, der einzige fast, mit dem ich eine
ernstere Unterhaltung fhren mochte, -- ein Diner, zu dem er mich,
entgegen der sonstigen Gewohnheit, mit einlud. Junge Mdchen waren ja
nur zum Tanzen da; man schlo sie daher berall von den Gelegenheiten
aus, wo Ansprche an den Geist, statt an die Fe gemacht werden
konnten.

Sie sollen heute diesen Botier bekehren, sagte mir unser Gastgeber
lchelnd, indem er mir Herrn von Syburg, den neuen Hammer Landrat
vorstellte, er hat Ansichten ber die Frauen, -- na, Sie werden ja
sehen!

Ein groer schmchtiger Mann machte mir eine steife Verbeugung, und ein
paar helle, weit vorstehende Augen musterten mich ernsthaft. Der erste
Eindruck, den ich empfing, war fast ein feindseliger. Als wir dann aber
ins Gesprch kamen, gefiel er mir. Seine Ruhe, seine Kenntnisse, seine
vielseitigen Interessen erhoben ihn ber den Durchschnitt. Er war
konservativ bis in die Fingerspitzen, und unsere Ansichten platzten
stndig aufeinander. Aber hinter den seinen stand eine so gefestigte
berzeugung, so da mir meine eigene Unklarheit peinlich zum Bewutsein
kam. Im Grunde war ich nur sicher in der Negation; diese Schwche meines
Standpunkts schien Herr von Syburg rasch zu entdecken, sie verlieh ihm
ein bergewicht, das mir in unserem ferneren Verkehr stets peinlich
fhlbar blieb.

Er besuchte uns am nchsten Tage und fehlte dann in keiner Gesellschaft.
Er machte mir auf seine Art den Hof, tanzte fast jeden Kotillon mit mir
und war stets mein Tischherr.

Nun hast du glcklich wieder eine neue 'Briefmarke', meinte mein
Vater; aber whrend er sonst an dieselbe Bemerkung rgerliche Vorwrfe
knpfte, lchelte er diesmal dazu. Er neckte mich, weil ich
fahnenflchtig zum Zivil berginge, und erzhlte wohl auch gelegentlich
von dem groen Besitz der Syburgs in Schleswig, oder von dem
Ministerportefeuille, das der Landrat schon heimlich in der Tasche
trge. Seine Stimmung machte mich weich, -- der Gedanke, da es
vielleicht in meiner Hand liegen sollte, ihn glcklich zu machen, lhmte
meine Widerstandskraft. Dabei wurde ich Syburg gegenber immer scheuer
und bte immer mehr von meiner Lustigkeit ein, weil ich mich stndig
von ihm beobachtet wute.

Sie kommen mir vor wie ein Abiturient im Examen, sagte Hessenstein
eines Tages zu mir, der der einzige war, dem die Entwicklung der Dinge
mifiel, und der kein Hehl daraus machte. Im stillen gab ich ihm recht.
Er unterwirft mich wirklich einer frmlichen Prfung, dachte ich bitter.
Hufig nahm er einen dozierenden Ton an, der mich wild machen konnte.
Und doch wuchs seine Macht ber mich. Es imponierte mir, da er nie den
girrenden Seladon spielte, sich niemals meinen Wnschen fgte, ja, sich
manchen leisen Tadel gestattete, dessen Berechtigung ich anerkennen
mute. Schon vor Jahr und Tag hatte ich meiner Kusine geschrieben: Ich
bedarf der Bewunderung, sagst du, -- gewi! Und doch sehne ich mich nach
einem Menschen, den nicht ich unterwerfe, sondern der mich unterwirft,
der mir nicht demtig die Hnde kt, sondern mich sanft und mitleidig
an sein Herz zieht und spricht: Nun ruh dich aus, du armes, mdes Kind!

Nur die Halbgeschlechtlichen, die der Natur Entfremdeten konstruieren
knstlich eine Weibesliebe, die den Gleichen begehrt. Den Hherstehenden
will sie; denn blindes Vertrauen und kindliche Schutzbedrftigkeit ist
ihres Wesens Inhalt. Mir half die Phantasie, meiner Sehnsucht Erfllung
vorzutuschen, und wenn ich auch oft entsetzt gewahr wurde, da der
Instinkt der Natur mich nicht zu Syburg zwang, sondern es zwischen uns
lag wie eiskaltes Gletscherwasser, so schlugen meine Wnsche immer
wieder die Brcken hinber. Nur des Nachts rchte sich die unterjochte
Natur an mir. Stundenlang lag ich wach und kmpfte mit den warnenden
Stimmen meines Innern; erst wenn der Tag dmmerte, fiel ich in unruhigen
Schlaf. Von der Servatiikirche hrte ich die Stunden schlagen; die
gleichmigen Schritte zhlte ich, mit denen der Posten vor dem Hause
unaufhrlich auf und nieder ging, und verkroch mich zitternd unter die
Decke, wenn die Muse, die unvertilgbar schienen, piepsend ber die
Diele raschelten. Von Kindheit an brach mir der Angstschwei aus, sobald
eins der zierlichen grauen Geschpfchen in meine Nhe geriet.

Ich wurde immer schmaler und blasser, und mde -- immer mder. Die
weiche Frhlingsluft, die merkwrdig frh in diesem Jahr Bltter und
Blten hervorlockte, erschlaffte mich vollends.

Syburg schien meine krankhafte Mattigkeit fr weibliche Sanftmut zu
halten; das verstrkte in seinen Augen meine Anziehungskraft. Ich lie
es geschehen, da er mich fast schon wie sein Eigentum behandelte.
Hessenstein versuchte vergeblich, meine Widerstandskraft wach zu rufen.
Sie rennen sehenden Auges in Ihr Unglck, sagte er einmal, niemals
passen Feuer und Wasser zusammen. Aber das Wasser lscht das Feuer
aus, antwortete ich mit trbem Lcheln, und gerade das ists, was ich
brauche.

Es war schon Ende Mrz, als Prinz Sayn, der Kommandeur der Krassiere
und unermdliche liebenswrdige Arrangeur aller Feste, zum Polterabend
einer bevorstehenden Hochzeit eine Quadrille zu tanzen in Vorschlag
brachte. Die Paare wurden bestimmt; Syburg war selbstverstndlich mein
Partner. Bei einer der vorbereitenden Zusammenknfte wurde die
Kostmfrage besprochen, und wir hatten uns beinahe schon geeinigt, der
Auffhrung den Charakter eines Schferspiels zu geben, als meine Mutter
das Hofkostm der Rokokozeit fr angemessener hielt. Der Prinz und seine
Frau, die mittanzen wollten und an den jugendlichen Gewndern schon
Ansto genommen hatten, stimmten ihr zu; da niemand einen Einwand erhob,
schien die Angelegenheit erledigt. Beim Nachhausewege erfuhr ich erst
den Grund, der meine Mutter zu ihrer Anregung bestimmt hatte. Dein
schweriner Pompadourkostm hast du nur das eine Mal angehabt, sagte
sie, sichtlich befriedigt, wir sparen nun, Gott Lob, jede
Neuanschaffung.

Mein Pompadourkostm! Ich erschrak und rief heftig: Lieber verbrenn'
ichs!

Du bist wohl nicht ganz bei Trost! antwortete Mama rgerlich. Meine
Blsse erst machte sie aufmerksam. Ach -- darum! sagte sie gedehnt,
solch eine Sentimentalitt htte ich dir nicht zugetraut. Ich schwieg.

Bei der ersten Tanzprobe jedoch brachte ich im stillen mit Hessensteins
Hilfe die Jugend auf meine Seite. Die Herren erklrten, da die
Hofkostme ihnen zu kostspielig seien, die jungen Mdchen, da sie die
langen Schleppen nicht leiden knnten. Es war eine frmliche Revolte.
Syburg allein war auf Seite der lteren Mitwirkenden und der Mtter.
Ich kenne die Grnde Ihrer Frau Mutter, sagte er mir leise, und ich
begreife nicht, wie eine so kluge junge Dame wie Sie an diesem
kindischen Tumult teilnehmen kann. Ich rgerte mich ber die
Bevormundung und mehr noch ber das gute Einvernehmen zwischen Syburg
und meiner Mutter, aber die Heftigkeit meines Widerstands war gebrochen;
wir wurden berstimmt.

Und der Abend kam, wo das alte Kleid vor mir lag. Ein leiser Duft von
Jasmin stieg aus den Falten, und seine Bnder und Schleifen, seine
grnen Bltter und roten Rosen sahen mich an, wie lauter lebendig
gewordene Erinnerungen. In leisen Melodien raschelte die Seide: O la
marquise Pompadour -- Elle connait l'amour --. Durch das Mieder, das
sich eng um meinen Krper schmiegte, sprte ich den Arm, der mich einst
so zrtlich an sich gezogen hatte.

Hellmut! sthnte ich leise und brach in Trnen aus. Der Felsen, den
ich vor die Grabkammer meines Innern gewlzt hatte, war zersprengt; und
wo ich nur Totes whnte, strzte wild wie ein Giebach das Leben hervor.

Du weinst?! Mein Vater stand vor mir. Es ist nichts -- Papachen --
nichts! versuchte ich ihn zu beruhigen und trocknete hastig Augen und
Wangen. Er lchelte liebevoll: Sei nur ganz ruhig, mein Alixchen --
alles -- alles wird gut werden! Und als ich, meiner selbst nicht
mchtig, noch einmal krampfhaft aufschluchzte, zog er mir die Hnde vom
Gesicht und sagte leise: Syburg war lngst bei mir und hat -- als ein
ehrenwerter Mann durch und durch -- zuerst deine Eltern gefragt, ob er
um dich werben drfe ... Ich fuhr auf und starrte ihm entsetzt ins
Gesicht. Das darf dich nicht krnken, mein Kind, -- du solltest
selbstverstndlich nichts davon wissen -- die Freiheit der Entschlieung
sollte dir allein vorbehalten bleiben -- Er schlo mich gerhrt in die
Arme, -- er war berzeugt, mich ganz getrstet zu haben -- der gute
Vater!

Er fhrte mich zum Wagen hinunter -- meine Schleppe raschelte ber die
breiten Stufen -- drauen, rechts und links, standen die Menschen, um
mich anzustaunen; -- hatte ich diesen Augenblick nicht schon einmal
erlebt? Damals -- im weien Kleide wars gewesen, als ich zur Kirche
fuhr, um ein Gelbde abzulegen, von dem mein Herz nichts wute!

Auf der Treppe des Hotels ergriff mich ein Schwindel. Hessenstein sprang
zu und sttzte mich. In demselben Augenblick war Syburg neben mir. Ihre
Dame erwartet Sie, sagte er scharf und khl zu meinem Begleiter, und
gehorsam legte ich meine Hand in seinen dargebotenen Arm.

Und dann tanzten wir. War ich ein Automat, da meine Fe sich im Takt
bewegten, whrend meine Seele weit, weit fort war -- oder war ich die
kleine Seejungfrau, die ihre Menschwerdung bei jedem Schritt, den sie
tat, mit schneidenden Schmerzen bezahlen mute?! -- Wie fest schlossen
sich heute die Finger meines Tnzers um meine Hand -- wie
Teufelskrallen, die mich nicht mehr los lassen wollten --; und so
sengend hei wehte sein Atem mir in den Nacken! ngstlich vermied ich
es, ihn anzusehen, ich sah ihn niemals gern, wenn er tanzte, wie auf
Draht gezogen bewegte er sich, -- ach, und heute -- heute tanzte
spukhaft eine andere Gestalt neben mir --

Die Musik intonierte die letzte Tour. Ich mute ihn ansehen, ber die
Schulter hinweg, fcherschlagend, mit einem koketten Lcheln. Und da
traf mich sein Auge, und blieb auf dem tiefen Ausschnitt meines Kleides
haften -- mit schwler, begehrlicher Lsternheit --

Noch eine Verbeugung, und wiegenden Schrittes, sich an den Fingerspitzen
haltend, verlieen die Paare den Saal. Meine Kraft war zu Ende. Ich bat
Syburg, meine Mutter zu rufen, da ich mich leidend fhlte und nach Haus
fahren mte. Ohne Rcksicht auf all die erstaunten Blicke, die mich
trafen, nahm ich den Mantel um und stand schon auf der Treppe, als meine
Eltern mich einholten. Angekleidet, wie ich war, warf ich mich zu Hause
aufs Bett. Mama fhlte mir den Puls und schickte nach dem Arzt. Die
bliche Frhlingskrankheit junger Damen, sagte er, schicken Sie ihr
Frulein Tochter aufs Land. Mit einem Gefhl der Befreiung ergriff ich
den guten Rat und stellte mich krnker, als ich war, nur um ihm folgen
zu drfen.

Es war Ende April damals. Die kleine Frstin Limburg fiel mir ein, die
mich wiederholt nach Hohenlimburg eingeladen hatte. Sie war ein
reizendes Frauchen, das jedoch seiner nicht ganz ebenbrtigen Herkunft
wegen von der Gesellschaft Mnsters schlecht behandelt worden war.
Zuerst aus bloem Widerspruchsgeist, dann aus Sympathie hatte ich mich
ihrer eifrig angenommen und mir ihre Freundschaft erworben. Kommen Sie
sofort, freue mich riesig war ihre telegraphische Antwort auf meine
Anfrage, ob mein Besuch ihr recht wre.

       *       *       *       *       *

Der Frhling des Jahres 89 schien allen Dichterphantasien gerecht werden
zu wollen. In reinem Blau spannte sich der Himmel Tag um Tag ber die
Erde, und es sprote und blhte berall; keinen kahlen Winkel duldete
der Lenz in seiner verschwenderischen Laune. Am ersten Mai fuhr ich ber
die Haar hinunter ins Lennetal; leuchtend wie flssiges Silber,
schlngelte sich der Flu zwischen den Bergen, die ihn links und rechts,
von grngoldigem Glanz bergossen, in weichen Linien begrenzten. So weit
das Auge blickte: Wald und Berg, und hoch oben die Burg mit Trmen und
Zinnen, wie ein starker, trutzig gewappneter Schtzer dieses stillen
Friedens. Aber je nher ich kam, desto mehr verschob sich das Bild:
breit und massig dehnte sich die Stadt unten am Ufer aus, als htte sie
sich mit Ellbogen und Fusten Platz geschaffen; und verletzt von der
Roheit des Eindringlings, der mit seinen schwarzen Fabrikschloten zu ihr
hinauf drohte, zog sich die Burg hinter ihren dunklen Bumen zurck.

Anna Limburg empfing mich am Bahnhof. Und ihr helles Lachen und
Schwatzen begleitete unsere ganze Fahrt hinauf, so da ich Mue hatte,
die Augen wandern zu lassen. Die Stadt verschwand wieder in der Tiefe;
je hher wir kamen, desto mehr wuchsen die Berge empor: dort der Kegel
des Raffenbergs, der Weienstein mit seinen zackigen Spitzen, das
Felsentor der Hnenpforte, und fern am Horizont die blauen Hhen der
Ruhr. O, wer doch immer hoch oben bleiben knnte, wohin kein Lrm und
kein Ru zu dringen vermag!

Durch den langen gewlbten Torweg ratterte der Wagen in den Burghof, den
hohe Mauern, Trme und Wehrgnge umschlossen. Ists nicht schn hier?
lchelte Anna. Aber mit meinem Fritz wrd' ich auch in einer
Rumpelkammer glcklich sein, fgte sie rasch hinzu und flog ihrem Mann
um den Hals, der eben auf uns zu trat.

Stille Tage folgten. Von der Galerie der Schlomauer trumte ich
stundenlang ins Land hinaus; auf der Terrasse unter den hohen,
knospenden Linden sa ich, wo vier alte Geschtze an die Zeit
erinnerten, da die Grafen von Limburg noch selbstndig Kriege fhren und
Mnzen prgen konnten; und zu Fu, zu Wagen und zu Pferde besuchten wir
die Gegend ringsum. Noch gab es hier weltabgeschiedene Tler, mit
lindenumgrnten Bauernhfen, und steile Hhen, mit Burgen gekrnt, von
den Sprossen alter Geschlechter bewohnt; fast berall aber drhnten die
Eisenhmmer, kreischten die Sgen und klapperten die Mhlen; und wer die
Geister der Vergangenheit suchen wollte, der mochte sie wohl nur noch
tief in den Felsenhhlen der Berge finden. Viele Sttten erinnerten
durch Namen und Sage an die Gtter der Alten, an Wodan und Donar, an die
Kmpfe der Rmer gegen das mchtige Volk der Sachsen, an Wittekinds
vergebliches Ringen mit dem gewaltigen Karl und seine Unterwerfung unter
Kreuz und Krone, -- aber schon lauerte das gefrige Ungeheuer, die neue
Zeit, um sie alle zu verschlingen. Sieghaft stieg der Fabrikschornstein
empor, wo der Burgturm langsam zusammenstrzte. Ich floh seinen Anblick
und wre so gern auf den ausgebreiteten schillernden Flgeln der
Phantasie vor mir selbst entflohen ins sonnendurchglhte Mrchenreich,
aber die Wirklichkeit fing mich immer wieder mit ihren grauen, dichten
Spinnenfden.

Mein Vater schrieb mir fast tglich, und selten nur blieb Syburgs Name
unerwhnt in seinen Briefen. Ich sah ihn auf dem letzten Rennen in
Hamm, hie es zuletzt, er frug voll aufrichtiger Teilnahme nach Deinem
Befinden und freute sich Deines Wohlergehens. Er hofft Dich in Brake bei
Bodenbergs zu sehen; Limburgs werden des alten Herrn siebenzigjhrigen
Geburtstag doch sicher mitfeiern helfen.

Da er sich so gewaltsam in mein Leben hineindrngte und die Erwgungen
der Vernunft, die Gefhle der Kindespflicht, die Sehnsucht nach Inhalt
und Zweck des Daseins seine Wnsche untersttzten! Jene geheimnisvolle
Gewalt des Instinkts, die mich in Mnster von seiner Seite gerissen
hatte, schien mich auch jetzt unter ihren Willen zwingen zu wollen. Geh
ihm aus dem Wege -- flsterte sie mir zu. Aber von jeher hielt ich sie
fr meinen bsen Engel, mit dem ich glaubte ringen zu mssen. Zu tief
hatte sich mir der Mutter einziges Erziehungsprinzip eingeprgt, das
Selbstbeherrschung mit Selbstentuerung gleich setzte.

So sa ich denn am nchsten Morgen zur Abfahrt gerstet am
Frhstckstisch -- ohne Mailaune, wie Anna neckend bemerkte, -- als
der Diener die Post brachte: Revolution im Kohlenrevier stand in
fetten Lettern an der Spitze des Kreisblatts, und mein Vater schrieb:
In Gelsenkirchen haben sich ein paar dumme Bengels mausig gemacht, und
die Kohlenfritzen flehen nun mit schlotternden Knien um militrischen
Schutz. Obwohl etwas Angst und eine kleine Tracht Prgel den Protzen,
die die armen Leute zum Besten ihres Geldsacks in die Gruben schicken,
ganz gesund wre, mute ich heute schon eine Kompagnie Dreizehner nach
Gelsenkirchen schicken, denen die Krassiere morgen folgen werden. Ich
finde solche Aktionen eines Soldaten unwrdig ...

Zu dumm! rief Anna rgerlich. Nun ists mit der ganzen Stimmung
vorbei. Statt lustig zu sein, werden uns die Herren mit Politik anden!

Am besten wrs, wir blieben zu Hause, meinte ihr Mann. Davon aber
wollte sie nichts wissen. Sie weinte fast vor Erregung.

Angsthase, der du bist! Wenns in Mnster brennt, wirst du in Limburg
noch nach der Feuerspritze laufen! Der Frst lachte und streichelte der
kleinen Frau begtigend die Wangen.

Sei ruhig, Kindchen -- natrlich fahren wir! Brake ist, Gottlob, weit
vom Schu, und im dortmunder Kreis scheint alles ruhig zu sein.

Aber je mehr wir uns auf der Fahrt aus den grnen Bergtlern entfernten,
und je zahlreicher die zum Himmel starrenden Essen wurden, desto strker
sprach ihr Anblick fr ungewhnliche Vorgnge: das Leben, das ihnen
sonst in grauen Wlkchen, in schwarzen Schwaden, in tollem Funkensprhen
vielgestaltig entquoll, war erloschen. Ungehindert strahlte die
Maiensonne vom wolkenlosen Himmel; wie ein Feiertag wars.

Im grauen Herrenhaus zu Brake, das, von einem Wassergraben umgeben, mit
seinen dicken Mauern und kleinen Fenstern dster ins weite ebene Land
hinaussah, wurden wir freudig empfangen. Viele hatten im letzten
Augenblick abtelegraphiert, vor allem fehlte es an jungen Herren fr die
tanzlustigen Mdchen, sie waren entweder mit ihrer Truppe im
Streikgebiet um Gelsenkirchen oder muten in ihren Garnisonen aller
Befehle gewrtig sein. Nur Syburg trat mir entgegen -- mit einem so
freudigen Aufleuchten in den sonst so unbeweglichen Zgen, da es mir
unwillkrlich warm ums Herz ward -- und Hessenstein, der mit seiner
Schwadron in Dortmund in Quartier lag und herbergeritten war. Am
liebsten htte ich alle meine Kerls mitgenommen, sagte er. Man schmt
sich frmlich seines Sbelrasselns inmitten vlliger Kirchenruhe.

Wenn Sie nur nicht doch noch recht blutige Arbeit bekommen! meinte
Syburg. Eine Rotte Betrunkener, -- und das Unglck ist geschehen.

Anna sollte Recht behalten: trotz der blumengeschmckten Tafel, der
feurigen Weine und der launigen Toaste auf den Hausherrn und das
Geburtstagskind wollte die echte Feststimmung nicht aufkommen. Alles war
voll von den Ereignissen, und jeder wute andere Details zu erzhlen.
Der Ortspfarrer war eben von Castrop zurckgekehrt. Er hatte die
Streikenden der Zechen Erin und Schwerin gesehen und gesprochen. Ihr
Verhalten ist ein so wrdiges, sagte er, da die Aufregung der
Zechenbeamten dem gegenber einen peinlichen Eindruck macht.

Dasselbe habe ich eben vom Oberprsidenten gehrt, den ich in Witten
traf, meinte Graf Recke. Er kam aus Gelsenkirchen, wo er mit den
Arbeitern der Hibernia verhandelt hat. Ihre Forderungen halten sich
zunchst in durchaus diskutabeln Grenzen, und wenn die Presse wegen der
Achtstundenschicht Zetermordio schreit, so wei sie eben nicht, was uns
alten Westfalen von Jugend an bekannt ist: da nach unseren
Bergordnungen vom 17. Jahrhundert an die Schicht schlechthin achtstndig
war und erst das gesegnete 19. Jahrhundert, wie mit so vielen guten
alten Bestimmungen, auch damit aufrumte. Die Knappschaften verlangen
nichts anderes als das Recht ihrer Vter.

Baron Bodenberg besttigte Reckes Behauptung.

Und mit ihren brigen Wnschen steht es im Grunde nicht anders, fgte
er hinzu, in meiner Jugend hatten die Grubenbesitzer den Knappen
gegenber keine freie Hand. ber Annahme und Entlassung der Arbeiter,
Feststellung der Lhne, Regelung des Betriebs usw. usw. stand die
Entscheidung damals ausschlielich der kniglichen Bergbehrde zu.
Jetzt, im Zeitalter der famosen freien Konkurrenz kann jeder Jude, der
sich eine Grube kauft, aber nie in seinem Leben selbst die Nase
hineinsteckt, machen, was er will. Opponieren ihm mal die alten Leute,
so holt er sich polnisches Gesindel und ruiniert uns durch das
hergelaufene Volk den guten Stamm und seine gute Gesinnung. Ich sprach
erst gestern einen Huer von der Zeche Schleswig, der hier vom Gutshofe
stammt, ein Spielkamerad meiner Shne war und ein Knappe vom guten alten
Schlage ist. 'Wir wollen gar nicht randalieren,' meinte der, 'und hauen
unseren grnen Jungens selbst eine runter, wenn sie spektakeln. Auch um
den Lohn ists uns nicht so sehr zu tun, nur krzere Schicht mssen wir
haben und anstndige Behandlung.' Und solche Leute werden wie Aufrhrer
mit Pulver und Blei bedroht!

Ich glaube, die Herren sehen die Dinge zu sehr durch die Brille der
Tradition, mischte sich Frst Limburg ins Gesprch. Alte Bestimmungen
und altes Recht entsprechen doch kaum mehr der ganz vernderten
Betriebsweise. Und das wissen die einsichtsvolleren unter den Knappen
sicher ganz genau. Mir scheint daher, da die eigentliche Triebkraft der
ganzen Bewegung nicht in der Sehnsucht nach der 'guten alten Zeit' zu
suchen ist.

Und worin sonst, wenn ich fragen darf? warf der alte Bodenberg, der so
sehr das Orakel der Gegend war, da er Widerspruch selten erfuhr,
gereizt ein.

In demselben Gegensatz, der auch die Sozialdemokratie gro zieht: dem
zwischen den ungeheueren Reichtmern auf der Seite der Unternehmer und
der Besitzlosigkeit, um nicht zu sagen der Armut, auf der Seite der
Arbeiter --

Armut! Darin steht man wieder Ihre jugendliche Neigung zu starken
Worten! polterte Bodenberg; als ob unsere Bergleute von Armut auch nur
'ne Ahnung htten! Haben alle ihr Huschen, ihren Gemsegarten und
msten sich ein Schwein --

Und doch, Herr Baron, haben wir unten im Dorf manche Ehefrau, die schon
mitverdienen mu, und die Kinder schicken sie gewi auch nicht aus
Vergngen so frh als mglich -- mit geflschten Geburtsscheinen, wenns
nicht anders geht -- in die Grube, lie sich der Pfarrer vernehmen.

Von der verdammten Genusucht kommt das, und von nichts anderem!
unterbrach ihn der alte Baron, zu meiner Zeit gingen die Knappenfrauen
noch in Kopftchern und Schrzen in die Kirche -- heute mu jede einen
Federhut tragen und die Rcke auf dem Tanzboden schwenken --

Wenn die Leute sehen, da die Herren Direktoren mit vierzig- und
fnfzigtausend Mark Gehalt auf Gummirdern fahren und Sektgelage geben
und die Aktionre schmunzelnd enorme Dividenden schlucken, so ists doch
kein Wunder, da sies ihnen auf der einen Seite nachmachen mchten und
auf der anderen vor Neid immer rabiater werden. Die ganze Bewegung ist
dadurch entstanden -- ich komme damit auf meinen Ausgangspunkt zurck
--, da die glnzende Konjunktur der letzten Jahre ausschlielich den
Besitzern und Aktionren, nicht aber den Bergleuten zugute kam. Hier
hakt notwendigerweise die sozialdemokratische Agitation ein.

Sie sehen, was das betrifft, sicher zu schwarz, lieber Limburg, sagte
Graf Recke, jedenfalls, soweit unser hrder Kreis in Frage kommt.
Unsere frommen, knigstreuen Bergleute -- und Sozialdemokraten! Selbst
ihre Versammlungen schlieen sie mit einem Hoch auf den Kaiser!

Hessenstein rusperte sich vernehmlich: Und doch haben mir heute morgen
ein paar Kameraden von den Dreizehnern erzhlt, da die Direktoren der
Zeche Schleswig gleichfalls um militrischen Schutz gebeten haben. Man
frchte Ausschreitungen gegen Streikbrecher, hie es.

Bodelschwing lachte, da ihm die Trnen in den weien Bart liefen: Das
ist wirklich kostbar! -- Die Furcht ist schon die ansteckendste
Krankheit! -- Viel eher mcht' ich glauben, da unsere Dorfschnen sich
auf diese ungewhnliche Weise fr den morgigen Feiertag die Tnzer
bestellten, die ihnen wahrscheinlich ebenso fehlen wie uns!

Schweigsam hatte Syburg bis dahin zugehrt. Sein khler,
hochmtig-wissender Ausdruck -- der typische des altpreuischen Beamten
-- reizte mich.

Ihre landrtliche Wrde verbietet Ihnen wohl, sich auszusprechen?
wandte ich mich spottend an ihn, und als er, unangenehm berrascht,
aufsah, fgte ich rasch hinzu: Oder sollten Sie ketzerische Gedanken zu
verbergen haben?

Ketzerische Gedanken?! -- er warf mir einen tadelnden Blick zu --
vielleicht! Aber andere, als Sie anzunehmen scheinen! So milde, wie die
Herren hier, vermag ich die Dinge nicht zu beurteilen. Nach meiner
Ansicht hat eine gewissenlose sozialdemokratische Agitation die gut
bezahlten Bergarbeiter zum Kontraktbruch verfhrt, und es ist unsere
Pflicht, sie, wenn es sein mu, mit Gewalt auf den Weg des Rechts
zurckzufhren. Wortbruch und Pflichtvergessenheit sind berall der
Anfang vom Ende.

Ganz Ihrer Meinung, Herr von Syburg! antwortete ich, whrend mir das
Blut hei in die Schlfen stieg. Es kommt nur darauf an, auf welcher
Seite Wortbruch und Pflichtvergessenheit zu finden ist! Wenn die
Grubenbesitzer, die in der glcklichen Lage sind, eine Havanna rauchend
vor dem Tischlein-deck-dich zu sitzen, den Arbeitern nicht so viel
geben, da sie anstndig leben knnen, so ist das Pflichtvergessenheit;
und wenn sie, die zu allen Vergngungen der Welt Zeit haben, ihnen das
althergebrachte Recht auf eine geregelte Arbeitszeit vorenthalten, so
ist das Wortbruch!

Syburg prete die Lippen zusammen, -- er zwang sich offenbar zu einer
ruhigen Antwort.

Sie sprechen aus der Gefhlsperspektive der Frau. Das ist
verzeihlich. Sie kennen, Gott sei Dank, diese aufrhrerische, mit
sozialdemokratischen Phrasen vollgeftterte Bande nicht, die jetzt auf
den Gruben und in den Fabriken das groe Wort fhrt und an allem
rttelt, was uns heilig ist.

Wie eine Vision sah ich pltzlich all die Gestalten des Elends wieder,
die mir im Leben begegnet waren: aus den Vorstdten Posens und
Augsburgs, aus den Drfern des Samlands.

Sie mgen recht haben, sagte ich nachdenklich, die kenn' ich nicht --
aber andere kenn' ich. Und das Eine wei ich gewi -- meine Stimme
zitterte vor Erregung -- wre ich eine von denen, meine Geduld wre
erschpft, und ich wrde mich um Treue und Pflicht nicht kmmern.

Syburgs blasses Gesicht hatte sich mit tiefer Rte berzogen; doch die
Herrin des Hauses hob die Tafel auf, und er unterdrckte noch rasch eine
scharfe Antwort, die ihm offenbar auf den Lippen schwebte. Whrend des
ganzen warmen Frhlingsabends, der uns alle in den Park hinauslockte,
mied er mich. Nur beim Abschied hielt er meine Hand fest in der seinen
und flsterte: Ich mchte, da wir uns vershnen -- ganz und auf immer
--, darf ich darauf hoffen, wenn ich nach Hohenlimburg komme? Ich
nickte nur.

Wir blieben ber Nacht in Brake, um den bequemen Frhzug benutzen zu
knnen. Aber als wir am nchsten Morgen herunterkamen, trat uns der alte
Bodenberg mit ernstem Gesicht entgegen. In Witten und Annen hat das
Militr scharf geschossen, sagte er, in Dortmund soll die Haltung der
Arbeiter eine drohende sein -- nach Hrde sind, wie mein Verwalter eben
berichtet, die Krassiere unterwegs. Wenn auch die Stimmung der Leute in
unserer nchsten Nachbarschaft vollkommen friedlich ist, so mchte ich
Sie doch bitten, diesen Tag noch abzuwarten -- oder wenigstens Ihre
Damen hier zu lassen -- So sehr wir uns strubten -- Anna, weil die
Gesellschaft des alten Ehepaars sie langweilte, ich, weil mir nichts
erwnschter gewesen wre, als den Aufstand der Arbeiter in der Nhe zu
sehen, -- wir muten uns fgen.

Ich lief in den Park, -- vielleicht, da sich von hier aus irgend etwas
ersphen lie. Das Abenteuerfieber der Jugend packte mich, dasselbe
Fieber, durch das Schulbuben auf Auswandererschiffe getrieben und
schwrmerische Byron-Seelen in phantastische Freiheitskmpfe gerissen
werden, das Fieber, das berall ausbricht, wo ein Gluthauch pltzlich
die Normaltemperatur des Alltags vertreibt. Hohe Mauern wehrten mir den
Ausblick. Sollten sie mich immer wieder von der lebendigen Welt da
drauen trennen?

Ich trat auf den Gutshof. Feiertgige Stille herrschte auch hier. Aber
drben, wo zwei mchtige Linden am Ausgang zur Strae Wache standen, sah
ich einen Haufen lebhaft gestikulierender Menschen. Ein grauer Kopf mit
der Bergmannsmtze auf den kurzgeschorenen Haaren ragte aus ihrer Mitte
hervor. Ich, ich bin dabei gewesen! hrte ich ihn schreien, als ich
nher hinzutrat, -- ein Wunder, da ich mit heilen Gliedern davon kam!
Sie haben geschossen, wie verrckt.

So erzhlt doch, Mann, erzhlt! -- Wo -- wo ists denn gewesen?
bestrmten ihn die Umstehenden. In Bochum -- gestern abend. Ein
blutjunger Leutnant kommandierte Feuer -- grad, als die Menschen aus dem
Bahnhof strmten. Wie die Hunde die Hammelherde, so umschlossen die
Soldaten die Leute -- lauter harmloses Volk -- kaum einer von uns
darunter, -- und dann lag der Platz voller Toten --

Irgend woher klang eine Kirchenglocke. Der Bergmann schwieg, ri die
Mtze vom Kopf und schlug mit der harten rissigen Hand das Kreuz ber
Stirn und Brust. Erst jetzt sah ich ihn genauer. Der Kohlenstaub schien
sich in die Falten unter den Augen eingebrannt zu haben, so da sie
aussahen wie die groen runden Augenhhlen der Totenschdel. Farblos
fahl waren die Zge; eine breite, gelbe Narbe, die das Gesicht in zwei
Hlften teilte, entstellte sie zur Fratze. Er wandte sich zum Gehen, und
die Menge drngte ihm nach. Die gerade schwarze Strae, mit den kahlen
Pappeln zu jeder Seite und dem schweren Grau trbdunstigen
Frhlingshimmels ringsum, verschlang sie rasch. Drohend wie ein Galgen
ragten in der Ferne die Glockensthle in die Luft, und die
Sonnenstrahlen scheuten sich vor der Berhrung dieser de ...

Langsam, schweren Herzens, wandte ich mich wieder dem Schlosse zu. Die
Hausbewohner waren zur Sonntagsandacht in der Halle versammelt. Auf
hohem Stuhl sa der Hausherr und las aus der alten Bibel: Kommet her zu
mir alle, die ihr mhselig und beladen seid ...

Und die Vertreter christlicher Ordnung schossen auf die Mhseligen und
Beladenen! dachte ich bitter.

Es lt mir keine Ruhe, sagte der alte Bodenberg, nachdem der letzte
Ton auf dem Harmonium verklungen war und die Dienerschaft sich entfernt
hatte. Kommen Sie, Limburg, wir gehen ein Stck Weges zur Zeche
hinunter --

Entsetzt schrie Anna auf: Das darfst du mir nicht antun, Fritz! Aber
begtigend legte die alte Baronin ihre feine Greisenhand auf den Arm der
Erregten: Frchten Sie nichts, kleine Frau, -- die Leute hier krmmen
unseren Mnnern kein Hrchen. Wir blieben trotzdem in kaum zu
bemeisternder Unruhe zurck. Wir horchten auf jeden Ton, whrend einer
den anderen durch eine mglichst harmlos-heitere Unterhaltung ber die
Erregung hinwegzutuschen suchte, und sprangen gleichzeitig erleichtert
auf, als nach einer Stunde Bodenbergs krftige Stimme vom Hof herauf
durch das Fenster klang.

Hab' ichs euch nicht gesagt? lachte er uns entgegen. Sie freuen sich
drunten ihres Feiertags, wie nur je. Die Kinder spielen auf den Straen,
die Frauen stehen im Sonntagsputz vor den Tren und schwatzen mit den
Nachbarn.

Und doch heit es, da Soldaten kommen, unterbrach ihn Limburg mit
einem Ausdruck schwerer Besorgnis in den Zgen.

Mgen sie doch! Gegen die Kinder, die jetzt schon in der Vorfreude
hurraschreiend ihre Fhnchen schwingen, werden sie kaum zu Felde ziehen.
Sahen Sie nicht den krummbeinigen Schlingel, dem seine Gefhrtin, ein
ses Mdelchen mit Haaren wie rote Flammen, den Platz an der Spitze der
kleinen Gesellschaft streitig machte? Gefhrliche Aufrhrer sind das,
nicht wahr?!

Gewi sah ich sie -- aber ich sah auch die Gesichter der Mnner hinter
den Fenstern der Kneipe ...

Ein Gerusch -- wie ein fernes Prasseln von Hagelkrnern auf
Glasscheiben -- unterbrach das Gesprch. Bodenberg wurde aschfahl --
Gewehrsalven -- murmelte Limburg. Wir standen, wie an den Boden
gebannt, -- in atemloser Erwartung. Unten auf dem Hof liefen die Leute
zusammen. Sie schieen, schrie einer. Wir strzten hinunter bis ans
Tor, keiner sprach mehr ein Wort, aber von einer Angst erfllt starrten
wir alle die lange, de, schwarze Strae hinab. Die Zeit schien still zu
stehen, Ewigkeiten dnkten uns die Minuten. Endlich erhob sich in der
Ferne eine Wolke Staubs vom Boden: Menschen, die liefen, als wre der
Teufel ihnen auf den Fersen. Nher und nher kamen sie: Weiber mit
wehenden Haaren und verzerrten Zgen -- schreiende Kinder mit rot
verquollenen Augen -- ihre Sonntagskleider bedeckt mit dem schwarzen Ru
der Strae. Sie morden uns -- sthnte eine weihaarige Alte, warf die
hageren Arme verzweifelt um den Kopf und brach vor uns zusammen ...

Trstend und helfend gingen Brakes Bewohner von einem zu anderen, und
endlich gelang es, aus dem wirren Durcheinander des allgemeinen
Erzhlens ein Bild dessen zu gewinnen, was geschehen war.

Der Ton der Pfeifen und Trommeln hatte alles auf die Dorfstrae gelockt.
Den Groen voran waren die Kinder jubelnd den einziehenden Soldaten
entgegengelaufen, als ein barsches Platz da ihres Fhrers, eines
jungen Leutnants, die Freude in Furcht verwandelt hatte. Die Kinder
hatten sich hinter den Groen verkrochen, die Mnner eine drohende
Haltung angenommen.

Nur das rothaarige Lieserl stellte sich keck mitten auf die Strae,
sagte die Alte, die noch auf dem Boden hockte.

Und den Franz sah ich, wie er einen Stecken aus unserem Zaun ri und
damit wild herumfuchtelte, berichtete zungenfertig eine andere. 'Platz
da' -- rief der Leutnant dann noch einmal, und die Soldaten trieben uns
alle gegen die Huser. Da drngte sich die Mutter vom Franz mit dem
Kleinsten an der Brust durch die Reihen -- der Junge ist ihr ltester,
ihren Mann brachten sie ihr voriges Jahr tot aus der Grube --; sie hatte
ihn grade erwischt, als der Herr Offizier noch mal losschrie --

'Immer die Augen auf den Feind halten,' sagte er. Ich hab' es ganz
genau gehrt, ergnzte ein blasses Ding mit fanatisch funkelnden Augen
die Worte der Erzhlerin.

Den Feind, -- damit meinte er uns! riefen sie alle durcheinander und
selbst auf den Wangen der Mdesten und Stillsten erschienen rote
Flecken.

Da wars aus mit der Ruhe bei den Knappen -- sie drohten mit den
Fusten, sie schimpften, auch ein paar Steine flogen ... Die Erzhlerin
schluchzte auf.

Dann schossen sie auf uns -- sagte mit tonloser Stimme die Alte. Und
nun schwiegen sie alle -- nur verhaltenes Weinen unterbrach die Stille.

Ich griff mir an den Kopf, -- es war doch wohl nur ein bser Traum, der
mich narrte?! Es brauste mir in den Ohren, das Entsetzen schnrte mir
die Kehle zusammen.

Dem Franz seine Mutter war die erste, die fiel -- wie aus weiter Ferne
schlugen die Worte wieder an mein Ohr. Ich sah sie dicht vor mir -- die
Haare ganz voll Blut, -- das Jngste an die Brust gepret -- und den
Stock noch in der Hand, den sie dem Franz entrissen hatte ...

War ich es, die qualvoll aufsthnte -- oder war es _ein_ Ton, der sich
uns allen entri?!

... Ja, und die rote Liefe lag auch mitten auf der Strae -- sie guckte
grade in den Himmel mit den toten Augen ...

Das se Mdelchen mit den Flammenhaaren ... flsterte der alte
Bodenberg mit erstickter Stimme.

       *       *       *       *       *

Wir fuhren noch an demselben Tage auf einem groen Umweg zurck. Dicht
hinter Unna wies der Frst aus dem Fenster. Wir passieren hier den
historischen Boden der Zukunft, sagte er, dort drben auf der Heide
stand noch zu meines Vaters Lebzeiten jener uralte sagenumwobene
Birkenbaum, und jenseits, von den Schlckinger Hhen, sahen die Bauern,
wie die blutige Schlacht um ihn tobte.

Vielleicht ist sie heute schon keine Sage mehr, antwortete ich.

Mit steigender Erregung verfolgte ich in den nchsten Tagen die
Ereignisse. Noch mehr als durch die Zeitungen erfuhren wir durch Briefe
und durch die Erzhlungen der Augenzeugen.

Kaum eine Stimme war, die fr die Zechendirektoren Partei ergriffen
htte, und die Emprung war allgemein, je hufiger sie den Bergleuten,
die im Vertrauen auf ihre Versprechungen die Arbeit wieder aufgenommen
hatten, ihr Wort brachen.

Habt ihr endlich Hunger genug?! Damit empfingen die Zechenbeamten von
Gelsenkirchen die wieder einfahrenden Knappen, und in Hrde trieben sie
kranke Weiber und Kinder aus den Zechenhusern, wenn die Mnner im
Ausstand beharrten.

Ich glaube, da wir vor einer groen Umwlzung stehen, schrieb ich an
meine Kusine, die Macht des Kapitals mu gebrochen werden. Vor hundert
Jahren hat die Revolution den Absolutismus und den Feudalismus gestrzt,
-- sie waren dessen wert! --, eine knftige Revolution wird den
Kapitalismus vernichten, und wir werden das wunderbare Schauspiel
erleben, da der Adel und die Arbeiter zusammen gehen.

Die Deputation der Bergleute zum Kaiser schien mir der Auftakt des
groen Schauspiels, das ich erwartete. Und die ersten Nachrichten von
ihrem Empfang, von der Anerkennung ihrer Wnsche durch den Monarchen
besttigten meine Hoffnungen. Dann aber sickerten allerlei andere
Gerchte durch: die drei Deputierten waren keineswegs befriedigt
zurckgekommen; kaum zehn Minuten hatte er Zeit gehabt, sie anzuhren,
mit einer Drohung gegen alle, die sich den Anordnungen der Behrden
widersetzen wrden, hatte er seine Antwort geschlossen. Und was folgte,
schien die Wahrheit der Gerchte zu besttigen: das ganze Streikkomitee
wurde verhaftet, der Oberprsident, der stets zu vermitteln gesucht
hatte, mute einem Nachfolger weichen, dem der Ruf eines Scharfmachers
voran ging. Studt ist ein glatter Hfling, schrieb mir mein Vater,
der mir neulich mit dem verbindlichsten Lcheln erklrte, da meine
offenbare Verkennung so trefflicher Leute, wie der Grubenmagnaten,
hheren Orts unliebsam empfunden wrde. Mich solls nicht wundern, wenn
wir in Preuen noch mal so weit kommen, vor jedem Geldsack auf dem
Bauche zu rutschen.

Unter den Enttuschungen litt ich, als betrfen sie mich selbst. Mit der
Mrtyrergloriole hatte ich das Haupt der erschossenen Bergmannsfrau und
das rote Kpfchen des Proletarierkindes umwoben und den grlichen
Eindruck in der eigenen Erinnerung verklrt; nun waren sie umsonst
gestorben, und nichts als der schwarze Straenru umgab sie.

Ich war in wehmtig weicher Stimmung, als Syburg kam. Am Morgen
desselben Tages hatte mir Anna mit einem selig-verschmten Lcheln von
ihrer Mutterhoffnung erzhlt, hatte mich in das weie Zimmer gefhrt,
das den jungen Erdenbrger erwartete, und all die weichen, duftigen
Dinge aus Spitzen und Battist waren mir durch die Finger geglitten.
Meine Hnde waren hei geworden dabei, und die Trnen waren mir in die
Augen gestiegen. Und die kleine Anna hatte sich emporgereckt, um mich
mit einem altklug wissenden Ausdruck auf den Mund zu kssen.

Nun lie sie all die Kupplerknste spielen, in denen junge, glckliche
Frauen Meisterinnen sind. Sie pries neckend meine Schnheit und meine
Tugenden, erzhlte allerlei Abenteuerliches von meinen vielen Verehrern
und lie uns schlielich, Mdigkeit vorschtzend, im Park allein. Syburg
schien nur darauf gewartet zu haben.

Ich mchte Klarheit haben zwischen uns, volle Klarheit, Frulein Alix,
begann er, zum erstenmal vertraulich meinen Namen nennend. Ich fuhr
unwillkrlich erschrocken zusammen. Aber die Frage, die er stellte, war
nicht die erwartete -- gefrchtete. Man hat mir erzhlt, Sie htten
sich neulich nach dem Aufstand auf der Zeche Schleswig mit grter
Schrfe fr die Streikenden ausgesprochen.

Ich bezwang meinen Zorn ber diese Art, mich auf Herz und Nieren zu
prfen.

Und wenn ich es getan htte, sagte ich rasch und abwehrend, ist es
nicht eine der ersten Forderungen Ihres Christentums, den Unschuldigen
beizustehen? -- Gebietet es nicht Ihre Religion, sich opfermtig
zwischen die Kinder und ihre Mrder zu werfen?

Mein Christentum?! Meine Religion?! Er sah mich gro an. Sie haben
sich falsch ausgedrckt, wie ich hoffe! Unser Glaube ist der gleiche --
nicht wahr, Frulein Alix?

Sie spielen ein mnnliches Gretchen, Herr von Syburg! fuhr ich auf,
mit welchem Recht behandeln Sie mich wie ihr Beichtkind?!

Mit dem Recht des Mannes, der das Jawort ihrer Eltern erhielt! Er
griff nach meiner Hand, die ich ihm heftig entri.

So erfahren Sie denn, da ich dies Recht nicht anerkenne! Niemand hat
ber mich zu verfgen -- niemand -- als ich, ich ganz allein. Und ich --
ich werfe Ihnen ihr Jawort vor die Fe!

Ich wandte ihm den Rcken, schritt ruhig durch die Lindenallee, ber den
Burghof, die Treppen hinauf in mein Zimmer -- warf die Tr ins Schlo,
riegelte zu -- reckte die Arme weit aus: nun war ich frei!

Anna lie ich vergebens klopfen -- fragen -- bitten. Ich wre
auerstande gewesen, irgend jemandem Rede und Antwort zu stehen. Ich
mute allein sein.

Noch stand ich mit einem Gefhl des Schreckens vor dem Abgrund, der
zwischen mir und meiner Welt auseinanderklaffte. Unter den Speerwrfen
blendenden Sonnenlichts war der Nebel zerrissen, den ich, mich selbst
belgend, so lange fr eine Brcke gehalten hatte. Ich stand auf
fremdem Boden, -- zurecht finden mut ich mich, meine Gedanken sammeln,
ber meine Zukunft entscheiden.

Am nchsten Morgen, in aller Frhe schrieb ich an meine Eltern und trug
den Brief selbst zur Stadt hinunter. Schneidend pfiff der Wind ber die
Hhen, als ich abwrts schritt. In grauen Wolken verschwanden die Trme
der Burg, und aus der Tiefe grten mich sieghaft die schwarzen Schlote.




Vierzehntes Kapitel


Und nun kamen stille Wochen auf Hohenlimburg. Die Mutterhoffnung hatte
Anna vllig verndert. Sie lernte die Einsamkeit lieben und berlie
mich stundenlang mir selbst. In den ersten Tagen frchtete ich mich vor
jedem Postwagen, der ankam. Die Briefe, die er brachte, waren fast noch
schlimmer, als die Ankunft des Vaters gewesen wre, die ich erwartet
hatte. Die Grnde, die mich bewogen hatten, Syburgs Werbung abzulehnen,
hatte dieser natrlich in einer Weise dargestellt, die mich
kompromittieren sollte. ber meine Sympathie mit den Bergarbeitern
wurden, wie es schien, nicht ohne Syburgs Hilfe, wahre Rubergeschichten
verbreitet, denen mein Vater zunchst Glauben schenkte. Und derselbe
Mann, der eben erst gegen die Unternehmer gewettert hatte, gefiel sich
jetzt in wilden bertreibungen und beschuldigte mich, sein Unglck zu
sein. Da ich, ein knigstreuer Edelmann und Offizier, es erleben
mute, da meine Tochter mit diesen wortbrchigen Hallunken
sympathisiert! schrieb er. Aber die Anschuldigungen, mit denen er mich
in der ersten Aufregung berhufte, trafen mich weit weniger als der
tiefe Schmerz ber mein Schicksal, der in seinen spteren, ruhigeren
Briefen zum Ausdruck kam. Wie hatte ich mich gefreut, dich versorgt zu
sehen, ehe ich sterbe -- dies Wort tat mir bitter weh. Meiner Mutter
Briefe dagegen mit ihrem: ich habe es vorausgesehen, -- ich wute,
da du dich nie in geregelten Bahnen bewegen wrdest -- deine Romane
sind nur um ein Kapitel reicher geworden emprten mich.

Auch meine Tante schrieb mir. Deine Ablehnung einer, wie mir Hans
mitteilte, so ungewhnlich guten Partie ist ein Schaden, den du dir
selbst zugefgt hast, und dessen Folgen du ebenso zu tragen haben wirst
wie die sonstigen Folgen deines Eigensinns ...

Schweigend lie ich alle Vorwrfe ber mich ergehen. Ich machte weite
Spaziergnge, auf denen mir der schwarze Csar, der treue Hofhund, nicht
von der Seite wich. Dem Zusammenhang meines Lebens suchte ich
nachzuspren: Was war es gewesen -- was wollte es von mir? Und wenn es
Abend wurde, schrieb ich nieder, was mir durch den Kopf gegangen war,
und meine Feder brachte Ordnung in das Chaos meiner Gedanken.

Der Bildhauer bildet sein Werk aus einem rohen Marmorblock, er behaut
es, er glttet es, er sucht die weichen Formen einer Venus aus dem
harten Material herauszuarbeiten. Es dauert lange, ehe er sich selbst
gengt; nicht das lebende Modell will er kopieren, er will ein
Schnheitsideal, das ihm bestndig vorschwebt, verwirklichen. Anders der
Handwerker, der rasch ein effektvolles Dekorationsstck schaffen will:
er fertigt ein Holzgerst, drapiert es mit Sackleinwand, wirft Gyps
darber und setzt eine fertig gekaufte Allerweltsgipsbste darauf. Aus
einiger Entfernung wirkt seine Arbeit nicht bel, dem Rohen tuscht sie
dauernd ein Kunstwerk vor, -- nur in der Nhe schau sie nicht an und
hte sie wohl vor Regen und Sturm, das Holzgerst mchte sonst allzu
schnell zum Vorschein kommen! -- Hat ein Knstler oder ein Handwerker
mich geschaffen? Habe ich die Nhe zu frchten und das Wetter? Oder
strzt mich kein Sturm? Bin ich, oder scheine ich nur? -- --

Bald lie es mir keine Ruhe mehr, -- kaum da ich den ntigsten Schlaf
mir gnnte --, ich schrieb und nannte das kleine schwarze Buch, ber
dessen Seiten meine Feder fiebernd flog: Wider die Lge. Seine ersten
Seiten lauteten:

Die Lge ist der Anfang alles Verderbens, ist das Verderben selbst.
Alle Schden, an denen unsere Zeit, an denen wir selber kranken,
entspringen aus diesem Grundbel. Wir sprechen in volltnenden Phrasen
von Wahrheit, und doch trennen uns von ihr tote Jahrhunderte. Denn die
Wahrheit der Vergangenheit wird zur Lge der Gegenwart. Wie ein
Verbrechen verstecken wir, was in die alten Formen und Formeln nicht
passen will, und sehen nicht, da es vielmehr Verbrechen ist, diese
Formen und Formeln aufrecht zu erhalten. Wir beugen uns unter Gesetze,
gegen die wir uns innerlich empren, und triumphieren, wenn wir
schlielich selbst das Gefhl der Emprung unterdrckt haben. Und die
Diener der Kirche und des Staates lehren uns, da wir damit den Himmel
erwerben.

Was ist Wahrheit? -- Zweifelnd und verzweifelnd, schchtern und wild
flog diese Frage durch die Jahrtausende. Oft glich die Antwort einem
Achselzucken, noch fter dem Befehl eines Tyrannen, der jeden
Widerspruch mit dem Beil des Henkers lohnt. Der Muhamedaner schwrt auf
den Koran, der Jude auf den Talmud, der Christ auf die Bibel. Und jeder,
der ein neues Gedankengebude gen Himmel trmt, sagt: das ist Wahrheit.

Gibt es eine Wahrheit? Eine unumstliche, an der kein Steinchen sich
lockert? Eine unbedingt gltige fr alle Zeiten, alle Kreaturen, alle
Welten?

Wie ein fernes Licht hinter einem dunkeln Vorhang leuchtet sie, und
langsam, Schritt fr Schritt, dringt die Erkenntnis erobernd vor und
raubt dem Glauben einen Fubreit Boden nach dem anderen. Der Weg wird
heller, aber fern bleibt das Licht. Das Ende aller Dinge fllt zusammen
mit seiner Enthllung. Wir aber leben, und darum haben wir die reine
Wahrheit nicht.

Wir mssen whlen zwischen fremder Wahrheit und unserer Wahrheit. Wir
werden zu Lgnern, wenn wir bequem und gedankenlos nach den fertigen
Wahrheiten der anderen greifen.

Wer wahr sein will, mu frei sein. Frei von den Ketten, in die
Erziehung, Bildung, Tradition uns geschmiedet haben, frei von den
Zauberbrillen, mit denen die Priester unser Augenlicht verdunkelten,
frei von der Tracht der Lakaien, in die die Machthaber der Erde die
Abhngigen zwingen. Was du nicht selbst erwarbst, nicht selbst bist, das
ist Lge und Sklaverei.

Die Erziehung ist wie eine eiserne Form, in die die weichen
Kinderseelen hineingepret werden. Und sollte doch nur ein Stab sein,
zum Halt fr das junge wachsende Bumchen. Im Leben des Kindes bedeutet
das 'Warum?' die Geburt des Menschen. Die Erziehung schlgt es tot, kaum
da es die Glieder regt. Das Schulzuchthaus spannt in dasselbe Joch den
Begabten und den Unbegabten, den Phantasiereichen und den Nchternen. Es
stopft die Gehirne voll mit Namen, Zahlen und Regeln, und der beste
Schler ist, der rasch aufnimmt, der schlechteste, der sich grbelnd das
Gehrte zu eigen machen will. Darber stirbt das 'Warum', das Gehirn
trocknet ein, das Herz verschrumpft, und an Stelle selbstndigen
Denkens, lebendiger Begeisterung fr das Gute, Wahre und Schne treten
Geschichtstabellen, Bibelsprche, Urteile ber Welt und Menschen.

Wehe, wer dem Lehrenden widerspricht: Denken fhrt auf Abwege, Zweifeln
schafft Ketzer und Aufrhrer.

Verschling ihn getrost, den weichen sen Brei, den man dir mundgerecht
vorsetzt, du Pppelkind, du verlernst dabei selbst den Gebrauch deiner
Zhne!

Nicht als mythendurchwebte Geschichte der Juden werden dem Kinde uralte
Urkunden der Menschheit vorgetragen, als Wahrheit vielmehr, daran zu
zweifeln Snde ist. Rauben und Morden, Verfolgen und Betrgen, -- das
Volk Gottes tat es auf Jehovas Befehl, unter seinem Schutz, und
demselben Kinde, das diesen Gott anbeten, seine Auserwhlten verehren
soll, wird die Religion der Liebe gepredigt.

Nimm auch das hin, du arme kleine Menschenmaschine: Rttelst du nur mit
einem eigenen Gedanken daran, so fllt das ganze Haus in Trmmer. Bringe
deinen Verstand hbsch zum Schweigen, werde wie alle, die es in der
Welt zu Geld und Ansehen bringen: eine lebendige Lge.

Ein gebildeter Mensch ist das Ziel der Erziehung. Herrlich! Wenn es
wahr wre. Bilden heit den gegebenen Stoff zur hchsten
Vollkommenheit entwickeln, -- nicht aus Gips Marmorsulen, aus Holz
Eisenkonstruktionen, aus Glas Diamanten machen. Aber an Stelle des Seins
die Tuschung setzen, ist das Zeichen unserer Bildung. Wer ber alles
mitredet, stets mit einem fertigen Urteil bei der Hand ist, selten
bewundert, gilt als gebildet. Urteilsfhigkeit ist Kriterium der
Bildung, aber doch nur dann, wenn das Urteil ein eigenes ist. Zu dieser
Bildung aber ist der Weg lang und steil, und mitrauisch sollte stets
fertiges Urteil machen.

Der Gebildete unserer Tage scheint, was er nicht ist; er belgt andere,
oft auch sich selbst; er begeht geistigen Diebstahl, indem er fremde
Weisheit als eigene ausgibt; er beraubt sich der wundervollsten
Lebensfreude, indem er zwar lernte, sich durch stete Verneinung
hochmtig ber alle zu erheben, nicht aber offnen Sinnes zu genieen,
was Natur und Kunst geschaffen haben. Vergiftet ward uns der frische
sprudelnde Quell der Bildung, erttend rinnt er nun durch die Adern des
Volks und trbt seinen Blick, so da es den Vieles-Wissenden an Stelle
des Selbst-Seienden zum Gtzen erhebt.

Wer wider die Lge streiten will, mu die neue Wahrheit verknden.
Welches ist sie?

Die Wahrheit von den Kindern zunchst:

Das Ziel der Erziehung sei kein Lexikon, sondern ein freier Mensch.
Wissen sei nicht Selbstzweck, sondern Mittel zu dem Zweck, das Leben
reich, den Menschen stark zu machen. Tte kein 'Warum', locke es
vielmehr hervor, wie der Grtner durch sorgsame Pflege die jungen Triebe
hervorlockt. Leite, -- meistere nicht. Wisse, da deine Wahrheit nicht
die des Kindes ist, da du es lgen lehrst, wenn du sie ihm aufzwingst.
Mrchenglaube ist Kindeswahrheit. La sie ihm. Erzhle ihm darum die
Mythen der Vlker wie Mrchen: von Isis und Osiris zu Odin und Baldur,
von Jehova zu Jupiter bis zum himmlischen Vater der Christen. Zeig ihm,
wie die Menschen unter tausend Namen und Formen vor dem heiligen
Geheimnis schaffenden Lebens anbetend knieten. Lehre es ihn schauen und
bewundern in jeder duftenden Blume, jeder Wolke, jedem Stern, jedem
Gesetz der Natur.

Und dann fhre es ein in die Geschichte der Menschen. Schaffe keine
Engel und Teufel aus deiner Machtvollkommenheit -- aber stre das Kind
nicht, wenn es sich eigene Helden bildet. Tritt bescheiden zurck mit
deinem eigenen Ich hinter dem werdenden Ich des anderen. Was er nicht
selbst beurteilen kann, lehre ihn nicht beurteilen. Es ist
Sentimentalitt, durch unsere Erfahrungen dem Kinde die eigenen ersparen
zu wollen. Denn eigene Erfahrung ist die allein sichere Stufenleiter der
Entwicklung. Fhrt sie das Kind fort von dir, so jammere nicht, denn
nicht dein Eigentum ist es, sondern sein eigenes und das der Menschheit.
Prge ihm nicht Lebensregeln ein, weise ihm vielmehr den Weg, um seines
Lebens eigene Regeln zu finden.

Und seines Herzens eigene Religion.

Welches ist die Wahrheit von ihr? Der Entwickelungsgang der Menschheit
ist vom ersten Ursprung an ein stetig fortschreitender. Kindlicher
Mrchenglaube ist der vom verlorenen Paradiese; der Mann glaubt an das
zu erobernde.

In der Natur gibt es keinen Stillstand: der Flu strebt dem Meere zu,
der Baum wchst empor, zum Menschen wird das Kind. Dies 'Vorwrts' ist
ein Gesetz, das sich nie verleugnet; so oft seine Kraft zu schwinden
drohte, so oft brach es auch machtvoll durch alle Schranken, die
menschliche Torheit mhsam aufrichtete. Die berzeugung von der
Unumstlichkeit dieses Gesetzes weitet unser Herz und unseren Geist.
Wir werden es aus allen Verdunkelungen, aus allen Leiden, von denen die
Geschichte der Vlker und der Menschen erzhlt, heraus erkennen, wenn es
unser eigenes Lebensprinzip geworden ist. Wir werden es auch dann
bejahen, wenn es ttet, weil wir wissen, da welke Bltter fallen
mssen, um jungen Trieben Platz zu machen, da die Blte sterben mu,
wenn die Frucht reifen soll.

Der Pessimismus sagt: Es gibt kein Glck; der Pietismus versichert: Die
Erde ist ein Jammertal. Aber die neue Wahrheit lehrt: Es gibt ein Glck,
das ber alles Leid hinweghilft; jede Blume auf dem Felde, jede Eichel
am Baum, jeder Sugling am Mutterherzen zeugt davon. Sein Gesetz ist:
Wachse! Werde! Soll es allein fr die Religion nicht gelten?

Was ist Religion? Der Zug nach oben, die Ehrfurcht vor dem Unerkannten,
Nichtzuerkennenden. Sollte sie unwandelbar feststehen, weil sie sonst
kein Halt, keine Sttze wre fr so viele? Was ist denn das Feststehende
an ihr? Etwa der Glaube, da Gott Eins und doch Drei, oder da Christus
einer Jungfrau Sohn ist? Oder der Glaube an die Speisung der Tausende,
an die feurigen Znglein des heiligen Geistes? Selbst der strengste
Christ wird darin nicht den Urquell seiner Herzensreligion finden. Was
ihn zu dem macht, was er ist, ihm die Kraft gibt zum Handeln und zum
Ertragen, das ist nichts anderes als die berzeugung von der
Unendlichkeit des Werdens, -- theologisch ausgedrckt: der
Unsterblichkeitsglaube. Fr ihn mag er in der Form des persnlichen
Fortlebens, der Auferstehung des Fleisches, Wahrheit sein. Uns ward er
zur Wahrheit im Gesetz von der Erhaltung der Kraft. Wie ein Sto
fortwirkt ohne Aufhren, wirkt die Tat fort und der Gedanke ohne Ende.

Staat und Kirche lehren die Religion Christi wie vor achtzehnhundert
Jahren. Was die Apostel, einfache Mnner des Volks, in orientalischer
Phantasie und kindlichem Glauben von ihres Herren und Meisters Geburt
und Leben erzhlten, soll uns noch Wahrheit sein. Was aber bleibt fr
uns, wenn wir hinter den Mythen die Wahrheit suchen? Die gttliche
Geburt Christi? Des Menschen Geist ist gttlichen Ursprungs, und wer
seiner Bestimmung folgt bis zum Tode, -- der ist Gottes Sohn. Wir aber,
die wir uns nennen nach dem Namen des Nazareners, der, wie wenige vor
und nach ihm, der alten Lge die neue Wahrheit entgegensetzte und sich
ans Kreuz schlagen lie von den Frommen seiner Zeit, -- wir verleugnen
das grte, was uns ward: den Geist. Wir stempeln seine gttliche Kraft
zur Snde und lehren im Namen des Gekreuzigten, da wir nicht zweifeln,
das heit: nicht denken drfen. Aber die neue Wahrheit von der Religion
predigt die Pflicht des Zweifelns, weil der Zweifel die neue Wahrheit
gebiert und die Wurzeln des Werdens in ihm ruhen.

Denke bis zu den letzten Konsequenzen, reie nieder, was deinem Denken
im Wege steht; selbst das Heiligste, das Unantastbare ist unheilig und
ein Frevel, wenn es dem Gedanken zur Schranke ward. Denke, -- und du
wirst reich, denke, -- und du wirst stark und froh. Wer, und ob er
gleich hundert Jahre lebte, wird solchen Werdens ein Ende finden? Darum,
statt Christi wundersame Geburt zu verknden, verkndet die Heiligkeit
unseres Lebens! -- Und sein Opfertod? Wer an ewige Hllenstrafen glaubt,
den lehrt die Angst, da die eigene Schuld von einem anderen geshnt
werden knnte. Jesus aber starb nicht fr andere, sondern fr seine
berzeugung, -- er lehrte die Tat, nicht die Reue. Und seine
Auferstehung? Wer vermchte an ihr zu zweifeln? Lebt nicht sein Geist --
und wird er nicht ewig leben, auch wenn seine Lehre nicht die Wahrheit
an sich ist, sondern nur eine Stufe zu ihr? --

Nun aber bleibt mir noch die Rtselfrage nach der neuen Wahrheit vom
Leben! Warum all die Qual und Not, all das Elend und die Verzweiflung?
Im Kampf ums Dasein sind Milliarden Lebewesen untergegangen, um hheren
Formen, reiferen Gehirnen Platz zu machen.

ber Tote geht alle Entwicklung.

Die rohe Kraft wich den feineren Krften des Geistes, und die Krfte
des Geistes warten ihrer Ergnzung durch die der Seele. Ohne Qualen gbe
es keine Kraft, die an ihnen wchst und sich bewhrt.

Wer am Leiden zugrunde geht, ist des Lebens nicht wert gewesen.

Wchst nicht selbst aus dem Hunger der Massen der Riese, der ihn
berwinden wird? Schafft die Not nicht die Einigkeit und den Kampf,
grnt nicht heimlich unter Blutlachen und Trnen die junge Saat der
kommenden Menschen?

Nur Eins ist not: da wir in dem ungeheuern Triebrade der Entwicklung
kein Staubkorn sind, das hindert, bis es zermalmt wird, kein Rostfleck,
der den Mechanismus anfrit, bis er verrieben ist. Wenn wir kein Teil
der motorischen Kraft sein knnen, seien wir wenigstens ein Trpflein
ls, ein winziges Zhnchen.

Das ist die neue Wahrheit vom Leben.

       *       *       *       *       *

Mir war, als htte ich mir ein Rstzeug geschmiedet, das mich
unberwindlich machte. Glckselig sah ich jedem jungen Tage entgegen und
wanderte mit frischen Krften tief in den Wald, die Lenzluft einatmend,
die starke, wrzige, -- den echten Jugendborn fr Geist und Krper.

Es war hoher Sommer, als ich mich entschlo, meines Vaters Wunsch Folge
zu leisten und zum Kaisermanver nach Mnster zurckkehren.

Am Tage meiner Ankunft prangte die Stadt schon in vollem Schmuck: Fahnen
und Wimpel in bunter Farbenpracht flatterten im Winde, aus den Fenstern
hingen Teppiche, ber die Straen zogen sich grne Girlanden, mit roten
und blauen Sommerblumen besteckt. Eine bunte Volksmenge fllte die
Straen. Alte Trachten tauchten auf: Frauen mit schweren,
goldgestickten Hauben, Mnner mit weien Strmpfen und roten Westen, auf
denen dicke Silberknpfe glnzten. Als am nchsten Morgen in glhendem
Sommersonnenschein das Kaiserpaar einzog, schien die ganze Luft erfllt
von dem gewaltigen Konzert der Glocken, und der Donner der Geschtze
klang nur wie der tiefe Akkord der Begleitung. Alle Pracht und allen
Reichtum hatte der Adel Westfalens aufgeboten; in altertmlichen
Kaleschen, gemalt und goldverziert, gepuderte Kutscher und Lakaien in
roten, blauen, gelben und weien Rcken auf Bock und Trittbrett, fuhren
seine Vertreter mittags zum Empfang ins Schlo.

Kein Prunkzelt der Medizeer konnte ppiger sein als das auf dem
Ludgeriplatz, wo die Mitglieder des Landtags den Landesherrn zum
Mittagsmahl empfingen. Und kein florentinischer Palast konnte greren
Glanz entfalten als das Haus des Damenklubs, das am Abend die
kaiserlichen Gste erwartete. Auf den Treppenstufen standen die Jger
der Herzoge von Croy, von Ratibor, von Rheina-Wolbeck, der Frsten
Bentheim und Salm; mit kostbaren Gobelins, alten Venetianer Spiegeln,
Waffen aller Lnder und Zeiten, goldenen und silbernen Schaugefen
waren die Sle geschmckt, aber die Flle der Edelsteine auf den Kpfen,
den Schultern, und den Armen all der schnen, rassigen Frauen
berstrahlte alles. Mit schimmernden Seidenkleidern und bunten Uniformen
fllten sich die Rume; eine Fanfare, -- und unter dem Bogen der Tre
erschien das Kaiserpaar: in Husarenuniform, den Dolman ber dem kurzen,
linken Arm der Kaiser, in weiem Brokat die Kaiserin. Zum erstenmal sah
ich ihn wieder seit meiner Kinderzeit: das gebrunte Gesicht war noch
finsterer geworden, der emporgewirbelte Bart konnte ber die
herabgezogenen Mundwinkel nicht tuschen, und das gleichmig
verbindliche Lcheln der blonden Frau neben ihm war zu konventionell,
ihr helles Antlitz zu ausdruckslos, als da es den Blick von ihm htte
ablenken, die Empfindung von Eisesklte, die uns alle berkam, htte
vertreiben knnen.

Der Ball begann. Ich fhlte, wie die jungen Damen mehr als sonst von mir
abrckten, wie man, trotz der Erregung des Augenblicks, Zeit fand, ber
mich zu tuscheln und zu raunen. Hessenstein stand wie ein riesiger
Wchter neben mir. Er war es auch, der mir zuflsterte, noch ehe eine
gute Freundin mich schadenfroh davon unterrichten konnte, da Syburg
sich verlobt habe. Und an seinem Arm flog ich durch den Saal, als der
erste Walzer seine Schmeichelweise ertnen lie. Unten, dicht vor der
Estrade, wo die Kaiserin Cercle hielt, stand der Kaiser. Im Rausch des
Tanzes bemerkte ich ihn erst, als die Schleppe meines Kleides ihn
streifte. Einen Augenblick lang sah er mir nach und lchelte, whrend
mir mit einem Gefhl des Triumphes durch den Sinn scho, da kein Tnzer
im Saal so schn war wie der meine und keine Dame so gut tanzte wie ich.
So sollte es sein: nicht allmhlich, wie die alternden Mauerblmchen,
wollte ich mich losreien vom Jugendleben, -- auf der Hhe vielmehr
wollte ich Abschied feiern! In den Pausen drngten sich die jungen
Mdchen in die Nhe der Kaiserin und kehrten mit verklrten Gesichtern
zurck, wenn es ihnen gelungen war, vorgestellt zu werden. Wollen Sie
nicht auch --? meinte Hessenstein bedenklich. Wozu? antwortete ich
lachend um eines Handkusses und einer Phrase willen meine Spitzen in
Gefahr bringen!

Im Speisesaal war auf erhhtem Platz die Kaisertafel gedeckt; aus Gold
waren Bestecke, Schsseln und Schalen, phantastische Orchideen nickten
aus hohen Kristallkelchen, Krnze von gelben Rosen hoben sich leuchtend
von der mattvioletten Seide der Wnde. Tisch an Tisch reihte sich in dem
weiten Raum darunter, und den Dreihundert, die sich hier zusammenfanden,
wurde von silbernen Schsseln auf silbernen Tellern serviert. Ich sa in
einem frhlichen kleinen Kreis abseits unter dem Schatten
grobltteriger Palmen; zwischen ihren Stmmen hindurch konnte ich
hinauf zur Kaisertafel blicken. Das Profil Wilhelms II. stand scharf
gegen den hellen Hintergrund. Ich sah, wie er das Sektglas wieder und
wieder zum Munde hob und wie er lachte, -- der kleine dicke Herzog von
Croy, der ihm gegenber sa, liebte derbe Spe, -- aber es war das
Lachen eines Ausgelassenen, das mit Heiterkeit nichts zu tun hat. Die
starke rechte Hand gestikulierte lebhaft und benutzte nur hie und da das
Doppelbesteck, um ein paar Bissen zu schneiden und zum Munde zu fhren.
Kraftlos, bewegungslos wie ein fremdes Glied hing die behandschuhte
Linke an dem kurzen Kinderarm.

Sommerschwle brtete in den Straen, als wir heimwrts fuhren, und ein
Sommernachtsmrchentraum hielt die alte Stadt umfangen. Exotische
Glhwrmchen schienen um die Pfeiler der Laubengnge zu tanzen, sich,
allen Linien des Mawerks folgend, bis hoch in die Spitzen der
Kirchtrme zu schwingen. Die grauen Steine verschwanden; aus Licht und
Farben waren die spitzen Giebel, die schlanken Sulen, die hohen
Fensterbogen gebaut. Hinter dem dunkeln Laubdach der alten Linden
schimmerte der Dom wie ein gewaltiger Tempel des Lichtgotts.

Wir fuhren langsam in unseren hellen Kleidern, Ballblumen im Haar, und
die Menge jubelte uns zu, wo wir vorberkamen. Aus den offenen Fenstern
und den Grten tnte Gesang und Musik.

Lebensfreudiges Heidentum lachte und leuchtete um uns, jenes Heidentum,
das die katholische Kirche klug zu erhalten verstand. Wo der
Protestantismus mit seiner kunstfeindlichen Nchternheit einzog, entfloh
es; wo der Bischof im goldgestickten Ornat dem Prediger im schwarzen
Trauerkleid Platz machen mute, wo die lustigen rotrckigen Chorknaben
verschwanden und in das mystische, weihrauchgeschwngerte Dunkel der
Kirchen grelles Tageslicht eindrang und duftloser Alltag, da verlor das
Volk allmhlich den Kindersinn, der sich in phantastischem Prunk und
bunten Spielen uert.

Zu Fen der Porta Westfalica waren vierzehn Tage spter die
Kaisermanver. Mit einer Parade vor den Toren von Minden wurden sie
erffnet. Es war dasselbe Bild wie immer bei solchen Gelegenheiten:
schwarze Menschenmassen, graue Staubwolken, geschmacklos dekorierte
Tribnen, von Fremden und Einheimischen dicht besetzt; auf dem Felde
davor, wohin das Auge reichte, blitzende Uniformen, wehende Helmbsche,
stampfende Pferde. In der Ferne die blauen Hhenzge des Wesergebirges,
-- ein ruhig-ernster Abschlu des lebendigen Bildes.

Wenn ein altes Ro, das schon lang vor dem Lastwagen keucht, die
Trompete hrt, so spitzt es die Ohren, hebt den mden Kopf und versucht
mit den lahmen Beinen grazis zu tnzeln; und wenn der Mensch, der die
Soldatenspielerei der Vlker schon lngst fr frevelhaft hlt, die alten
Kriegsmrsche hrt, so mu er an sich halten, um nicht mit zu
marschieren; tauchen aber die Truppen selbst vor seinen Augen auf, --
all die Tausende junger, lebensstarker Menschen zu Fu und zu Pferde, im
silber- und goldverschnrten Rock, im glnzenden Kra und die Sonne
spiegelnden Stahlhelm, mit schwarzweien wehenden Fhnchen, den
rasselnden Sbel zur Seite, oder mit dem drhnenden Gleichma des Tritts
zahlloser Bataillone, -- so pocht das Herz ihm hher, so fest ers auch
halten mchte.

Ich stand in der Mittelloge der Tribne. Dicht vor mir die Suite des
Kaisers, die fremdlndischen Frsten, er selbst, und an ihnen vorber
ein glnzender Strom von Soldaten, den die Tonwellen schmetternder
Fanfaren zu tragen und zu treiben schienen. Ich wollte nicht staunen,
nicht bewundern, aber die Worte des Spottes erstarben mir auf den
Lippen. Wecken jene Klnge verlorene Erinnerungen aus barbarischer
Vorzeit? Peitscht der Anblick kriegerischer Wehr jenen Tropfen Blutes
auf, der von unseren Vorfahren, denen Kampf Lust und Leben war, noch in
unseren Adern rollt? Oder ist es nicht blo die Suggestion der Masse,
der Musik, der Farben, die unsere Sinne berauscht? Wrde es uns nicht in
dieselbe Erregung versetzen, wenn diese Soldaten Mnner der Arbeit
wren, ihre Waffen blanke Werkzeuge, ihre Uniformen Festgewnder, das
ganze strahlendbunte Bild eine gewaltige Revue der Arbeit?

Ich grbelte noch darber nach, als ein brausendes Hurrah mich
aufsehen lie. Der Kaiser hatte sich an die Spitze der 53er gesetzt und
fhrte das Regiment seines Vaters an den Tribnen vorber. Als spontane
Gefhlsuerung wurde jubelnd begrt, was nur eine Ausbung
hfisch-militrischer Sitte war.

Wird ihm diesmal schwer geworden sein, meinte Frst Limburg leise, der
neben mir stand. Warum? frug ich verwundert. Der Spuk im aachener
Kasernenhof soll ihn nicht wenig erregt haben!

Am nchsten Morgen ritt ich mit Limburgs unter Fhrung eines
Korps-Gendarmen ins Manvergelnde. Mit trben Gedanken, die der
regnerische Tag nicht heller machte, war ich zu Pferde gestiegen. Meinen
Vater hatte ich seit meiner Rckkehr so wortkarg und finster gefunden,
wie nie vorher; in diesen Tagen aber war er von haltloser Heftigkeit, so
da alles vor ihm zitterte. Ob er wohl auch an das pommersche
Kaisermanver vom Jahre 87 dachte?! -- In einem Gehft fanden wir Verdy,
den Kriegsminister, dessen sarkastischer Witz mich immer ebenso anzog,
wie sein vernachlssigtes uere mich abstie. Sauwetter! brummte er,
mir die Hand schttelnd Sie htten sich auch was Besseres aussuchen
knnen, als diesem Manver beizuwohnen.

Was bedeutet die seltsame Betonung, Exzellenz? frug ich unruhig.

Na, Sie sehen doch, -- es regnet, wich er aus, und dann -- all das
Hofgeschmei, ber das man stolpert! Wissen Sie brigens, -- Majestt
hat Herrn von Wittich in letzter Stunde die Fhrung des markierten
Feindes bertragen. Ich erschrak. Wittich, der Generaladjutant und
Gnstling des Kaisers, ein Mann, dessen militrische Leistungen mein
Vater zu verhhnen pflegte, -- stand ihm heute als Gegner gegenber!

Wir ritten weiter. Unterwegs begegnete uns ein Ordonanzoffizier vom
Stabe meines Vaters. Er strahlte.

Das war ein Bravourstck, rief er mir schon von weitem entgegen. Die
dreizehnte Division hat einen Marsch hinter sich, der alles in Erstaunen
setzte. Natrlich kam die feindliche Kavallerie zu spt und wurde
glnzend abgewiesen.

Ich atmete auf. Vor der Mhle Habichtshorst wehte die Kaiserstandarte.
Wir ritten so nah heran wie mglich.

Im nchsten Augenblick brauste und drhnte es dicht vor uns: unter
tausenden von Pferdehufen bebte die Erde, die ganze Kavallerie-Division
strmte zum Angriff, -- ein Anblick, der den Herzschlag stocken lie und
jenes Fieber gespannter Erregung auslste, das den Hazardspieler packt,
wenn er die Elfenbeinkugel rollen sieht. Ich verga meine Unruhe -- den
Vater -- den peitschenden Regen --, meine Hand, die den Feldstecher vor
die Augen hielt, zitterte. Einen Moment trat das Antlitz des Kaisers in
mein Gesichtsfeld: seine Augen glhten, und seine Lippen zuckten. Ich
begriff pltzlich seine Leidenschaft fr solch ein Schauspiel.

Gleich darauf hrte ich Trommeln und Pfeifen: im Sturmschritt rckte die
Infanterie von der anderen Seite vor, -- sie kam in unzhlbaren Massen,
wie aus der Erde gestampft, mit Hurra und knatterndem Gewehrfeuer. Ich
sah den Fuchs meines Vaters, -- da pltzlich ein Signal: Das Ganze
Halt!, und still stand der Kampf.

Merkwrdig scheu wichen mir auf dem Heimweg unsere Offiziere aus. Kurz
vor Minden traf ich Hessenstein, den ich anrief. Was ist geschehen?
frug ich verngstigt.

Es soll einen bsen Auftritt gegeben haben, antwortete er. Auf die
Mitteilung, da er geschlagen sei, ist Ihr Herr Vater in helle Wut
geraten. 'Sie sind wohl des Teufels', soll er geschrien haben, 'ihre
ganze Kavallerie ist ja vernichtet'. Alle, die ich sprach, geben ihm
brigens Recht. Der Sturm auf Nordhemmern und Holzhausen htte
zweifellos seinen Sieg gesichert, wenn er nicht abgebrochen worden
wre.

Wir reisten noch an demselben Tage nach Mnster zurck und erwarteten
dort meinen Vater. Er war ruhiger, als ich gefrchtet hatte, und erwog
mit solcher Sicherheit die Aussichten auf ein Armeekorps, da wir selbst
kaum mehr daran zu zweifeln vermochten.

Als der nahende Karneval uns grade wieder an die geselligen Pflichten
zu erinnern begann, starb die alte Kaiserin Augusta, und es war fr
diesen Winter mit Spiel und Tanz vorbei. Nichts htte mich mehr
befriedigen knnen. Nun konnte ich mich ungestrt der Aufgabe widmen,
deren Erfllung ein neues Leben einleiten sollte.

Das kleine Buch, das ich in Hohenlimburg zu schreiben begonnen hatte,
enthielt die Skizzen, aus denen ich ein Gemlde schaffen wollte, so
stark an Farben, so lebendig an Gestalten, da in Zukunft niemand daran
wrde vorbergehen knnen. Aber so rasch jener erste Entwurf entstanden
war, so langsam gings mit der neuen Arbeit. Ich entdeckte Lcken in
meiner Bildung, die durch die mir zu Gebote stehenden Mittel
unausfllbar blieben. Meine Unwissenheit auf den Gebieten der
Philosophie und der Naturwissenschaften strzte mich oft in die tiefste
Verzweiflung. Mein ganzes bisheriges Leben erschien mir dann wertlos,
die Zukunft, wie ich sie ertrumte, auf immer gefhrdet. Oft sa ich bis
in die Nacht hinein grbelnd am Schreibtisch, und erst, wenn das letzte
Scheit Holz im Kamin erlosch und die Finger in der Winterklte
erstarrten, huschte ich frstelnd in mein Schlafzimmer.

Ich war in dieser Zeit so mit meinen eigenen Gedanken beschftigt, da
ich mich automatenhaft in meiner Umgebung bewegte, bis mir eines Tages
meines Vaters klanglose Stimme auffiel. Bist du krank, Papachen? frug
ich besorgt. Er lachte geqult: Ich sollte es sein! Als ich am
nchsten Morgen zum Frhstck in sein Zimmer trat, lag er im Lehnstuhl,
leichenbla, mit weit aufgerissenen Augen. Ich strzte neben ihm in die
Kniee und griff nach seiner schlaff herabhngenden Hand. In dem
Augenblick kam er zur Besinnung; ein Ton, der nichts menschliches an
sich hatte, drang aus seiner Kehle, -- er sprang auf, schlug wild
aufschluchzend die Hnde vors Gesicht, um in der nchsten Minute wieder
zurckzusinken. Da fiel mein Blick auf einen weien Bogen, aus einem
blauen Umschlag halb herausgerissen, -- ich griff danach und las mit
verdunkeltem Blick nur die drei Worte: ... der Abschied bewilligt ...

Die dreizehnte Division! murmelte mein Vater.

Nicht rasch genug konnten wir unseren Haushalt auflsen. Mein Vater
vertauschte noch an demselben Tage die geliebte Uniform mit dem
schwarzen Rock. Aber er wagte sich damit bei Tage nicht auf die Strae;
sein Gesicht frbte sich dunkelrot bei jedem Soldaten, der ohne Gru an
ihm vorberging. Ich folgte ihm wie sein Schatten; er sah aus wie einer,
dem der Tod nachschleicht. Ohne Anteilnahme hrte er zu, wenn meine
Mutter Zukunftsplne schmiedete; wenn sie aber in der Aussicht auf ein
ruhiges Leben frmlich froh zu werden vermochte, erhob er sich
schwerfllig und ging hinaus. Er kmmerte sich um nichts, uerte keinen
Wunsch, lie alles geschehen.

Meine Mutter verkaufte ein gut Teil der Mbel -- er merkte es nicht;
sein Adjutant verhandelte mit Hilfe des Reitknechts mit den
Pferdehndlern, -- er betrat den Stall nicht mehr. Als dann aber der
Morgen kam, wo die Pferde fortgefhrt werden sollten und wir alle
versuchten, ihn in seinem Zimmer festzuhalten, lief er pltzlich auf den
Flur hinaus, -- hell hatte der Fuchs, sein Lieblingspferd, gewiehert,
auf dem Hofe unten stand er, sein goldiges Seidenhaar glnzte im
Sonnenlicht und lustig bellend, wie sonst vor dem Morgenritt, sprang ihm
Percy, der weie Terrier, an die Nase. Gegen die Scheibe prete mein
Vater die Stirn, ein Beben erschtterte seinen starken Krper, und
schwere Trnen rollten ihm ber die Wangen. Der Fuchs verschwand im
Torweg; nur der Hund blieb noch unschlssig stehen, kniff den Schwanz,
sah fragend zu uns hinauf und trottete dann erst nach -- langsam, ganz
langsam.




Fnfzehntes Kapitel


Mrzsturm im Harz. Er schttelte auf den Hhen die schweren Schneemassen
von den Bumen und peitschte durch die Tler feuchtkalten, rieselnden
Regen. Hochauf geschwellt wie ein Giebach rauschte die sonst so
bescheiden flsternde Radau durch das Stdtchen. Unter den kahlen,
schwarzbraunen Eichen stand in grauschillernden Lachen das Wasser; es
hing in hellen Tropfen in den Spinngeweben zwischen den Balken des
Musikpavillons und im drren Weinlaubgerank um die muffig riechenden
Wandelhallen. Mit geschlossenen Fensterlden schliefen Huser und
Gasthfe noch den Winterschlaf, und auf den Wegen in die Wlder hatten
Regen und Schnee all die vielen Fuspuren des vergangenen Sommers
verwischt.

Jeden Morgen, wenn die blecherne Uhr von Juliushall -- das einzig
Lebendige zu dieser Stunde -- sieben schlug, trat aus dem kleinen
Huschen gegenber ein Mann heraus: mit zwei mden, blauen Augen unter
finster gefalteter Stirn sah er khl und gleichgltig zum ewig grauen
Himmel auf; die vollen Lippen, die ein dichter blonder Bart beschattete,
preten sich fest aufeinander, und die eine Faust auf dem Rcken, die
andere um den Krckstock gespannt, ging er rasch die Chaussee hinauf.
Er lief immer mehr, je weiter er kam; tauchte irgendwo ein Mensch auf,
so bog er seitwrts in die Wlder. Zuweilen folgte ihm vorsichtig
sphend ein junges blasses Mdchen, dem die schwarzen Locken im Wind
wild um die Stirne tanzten. Aber sie kam nicht weit, -- sie htte
schlielich laufen mssen, um ihn im Auge zu behalten, und das Herz
klopfte ihr zu stark. So ging sie denn aufseufzend, mit einem
sorgenvollen Zug um den Mund, die schmale Treppe wieder hinauf, in die
Puppenwohnung mit den verschossenen Puppenmbeln, den bunten ldrucken
an der groblumigen Tapete, dem unbehaglich drftigen Pensionsfrhstck
auf dem runden Tisch. Sie schluckte den dnnen Kaffee, a widerwillig
ein winziges Brtchen und sprang mit nervser Hast auf, als nebenan
Stimmen laut wurden. Schwester! rief die eine halb verschlafen --
Alix! klang eine andere, scharfe, spitze durch die zweite Tr. Vor dem
kleinen Mdchen knieend, das sich die goldenen Lckchen wohlgefllig
ber die rosigen Fingerchen wickelte, zog sie ihm Strmpfe und Schuhe
an, um gleich darnach zur Mutter zu gehen, die vor dem Spiegel der
geschickten Hnde ihrer ltesten wartete.

Papa war heute wieder sehr bse ber den schlechten Kaffee, sagte sie,
whrend sie mit dem Kamm durch die noch immer vollen blonden Haare ihrer
Mutter fuhr, und der Ofen will auch nicht brennen, -- wir sollten doch
lieber umziehen!

Du weit, da alle anderen Pensionen erheblich teurer sind, antwortete
die Mutter gereizt, Hans mu sich eben an Einschrnkung gewhnen.

Kam der Vater gegen Mittag zurck, mimutig und mde, so sa seine
lteste schon seit ein paar Stunden neben dem Schwesterchen und spielte
Lehrerin. Des Nachmittags gingen sie zu viert spazieren; aber angesichts
der gramvollen Verschlossenheit des Vaters, der unnahbaren Khle der
Mutter und einer Natur, die von der weiglnzenden Winterpracht und der
grnschimmernden Frhlingshoffnung gleich weit entfernt war, verstummte
selbst Klein-Ilschens Lachen und leichtsinniges Geplauder. Im stillen
atmete jeder auf, wenn der Familienausflug ein Ende nahm, und doch
versicherte einer dem anderen, da er herrlich gewesen wre.

Groe Schmerzen bedrfen der Einsamkeit. Schwl und schwer lasten sie
wie Gewitterluft, wenn sie sich nicht entladen knnen; und die Qualen
des anderen mit ansehen, heit die eigenen verdoppeln. Aber Tradition
und Sitte predigen in verlogener Sentimentalitt, da sie gemeinsam
getragen werden mssen; und ihnen beugten sich die drei Menschen, so
sehr sie auch auseinander verlangten.

Wenn alle schliefen, brannte bei der Schwarzen, Blassen noch lange die
Lampe. Aus den Schulbchern der Schwester bereitete sie sich auf das
Pensum des nchsten Tages vor, -- sie hatte ja nie gelernt, zu lehren,
und mhsam wars, das Notwendige nachzuholen. Dabei war auch noch stets
der Arbeitskorb voll, geflickt mute werden und genht, -- niemand
durfte merken, da die Verhltnisse der Familie ihrem Rang nicht mehr
entsprachen. Sehnschtig schweiften die dunkeln Augen der Arbeitenden
oft genug zu den Bchern, die erwartungsvoll mit blanken Goldlettern auf
dem Rcken von dem kleinen Regal zu ihr herbersahen. Stahlen sich dann
aber gar Trnen zwischen den Wimpern hervor, so zog sie einen
zerknitterten Brief aus der Tasche, mit feinen Schriftzgen dicht
bedeckt, und las ihn, den sie schon fast auswendig wute, wieder und
wieder. Er lautete:

                                              Pirgallen, 10. Mrz 1890
Mein geliebtes Enkelkind!

Deine Mutter schreibt mir, mit welch ruhigem Ernst Du Dich in die neue
Lage gefunden hast, und wie treulich Du all die Pflichten, die sie Dir
auferlegt, erfllst, so da ich Dich nun ganz besonders meiner
zrtlichen Liebe und freudigen Anerkennung versichern mchte. Ich habe
oft gefrchtet, die kleinen Teufel der Eitelkeit mchten von meiner Alix
reinem Herzen schlielich Besitz ergreifen; vielleicht hat die Fhrung
Gottes, die uns kurzsichtigen Menschen oft grausam erscheint, auch fr
Dich den rechten Weg gefunden, auf dem Dein besseres Selbst sich voll
entfalten kann. Ich habe, wie Du weit, von Anfang an den Abschied
Deines Vaters nicht so tragisch genommen als alle anderen, als vor allem
er selbst. Je lter wir werden, desto gleichgltiger erscheinen uns
solch uerliche Begebenheiten. Da es freilich eine harte Schule gerade
fr Hans ist, der an seiner empfindlichsten Stelle, -- seinem
Selbstbewutsein, seinem Ehrgeiz, -- getroffen wurde, wei ich nur zu
wohl. Aber er ist stark und gut genug, um sie schlielich bestehen zu
knnen, wenn Ihr alle, Du besonders, mein Kind, an der er mit all seiner
Zrtlichkeit hngt, ihm in geduldiger Liebe beizustehen nie unterlassen
werdet und er fr seine ungebrochene Kraft eine Ttigkeit findet, die
ihr entspricht.

Aber noch eine andere, und fr Dich vielleicht schwerer zu erfllende
Aufgabe mu ich Dir, meine Alix, bertragen. Ich hoffe, Du wirst daran
den Grad meines Vertrauens zu Dir ermessen knnen und es nicht als
Grausamkeit empfinden, wenn ich gerade Deinen jungen Schultern diese
Last auferlege. Ich bin 78 Jahre alt und kann jeden Tag abberufen
werden. Es ist mir mglich gewesen, meine einzige Tochter, Deine Mutter,
durch regelmige pekunire Zuwendungen, durch Geschenke, Badereisen und
dergleichen, vor qulenden Sorgen zu bewahren. Nichts konnte mich mehr
freuen, als da ich dazu imstande war, denn seine Lieben mit dem zu
untersttzen, was man entbehren kann, ist niemals ein Opfer. Deine
Mutter hat es um so selbstverstndlicher angenommen, als sie stets zu
dem Glauben berechtigt war, da ihr knftiges Erbteil noch unangetastet
in meinem Besitz sich befinde. Um den Frieden ihrer Ehe nicht zu stren,
habe ich ihr die Wahrheit verschwiegen. Sterbe ich, so wird sie
erfahren, da Hans auf Grund dieser Erbschaft von meinem Sohn Walter im
Laufe der Jahre Darlehen empfing, die sie sogar um ein betrchtliches
bersteigen. Das wird fr Deine Mutter nicht nur eine groe Enttuschung
sein, es wird auch Einschrnkungen aller Art nach sich ziehen, und auch
an bitteren Empfindungen zwischen Deinen Eltern wird es nicht fehlen.
Dir, meine Alix, teile ich das schon heute mit, damit Du bereits jetzt
Deinen Einflu dahin geltend machst, da Euer neues Leben sich mglichst
einfach gestalte, und Du fortfhrst, ein fleiiges Hausmtterchen zu
sein. Deine Eltern glauben Deiner Jugend, Deiner Zukunft, einer
mglichen Heirat alle Rcksicht schuldig zu sein, sie werden sich gewi
einen Aufenthaltsort aussuchen, wo Du die gewohnte Geselligkeit finden
und eine gesellschaftliche Rolle spielen kannst. Ich denke zu hoch von
meiner Enkelin, als da ich nicht wte, da Du hhere Werte zu schtzen
und hheren Zielen zu folgen weit. Eine Ehe ist nur selten ein Glck,
am wenigsten eine solche, die im Ballsaal geschlossen wird, und Dich hat
Gott mit so vielen guten Gaben bedacht, da Du auch auerhalb der
natrlichen weiblichen Lebenssphre einen Dich und Andere befriedigenden
Lebensinhalt finden wirst. Suche Dir diesen Inhalt, nicht nur um Deiner
selbst willen, sondern auch, um Deinen Eltern die Sorge um Dich von der
Seele zu nehmen. Dein Vater freilich, immer ein Optimist in diesen
Dingen, rechnet fr seine Tchter mit den Millionen der augsburger
Tante. Deine alte Gromutter, mein Kind, die stets in dem Rufe stand,
schwarz zu sehen, wei aber aus Erfahrung, da es mehr als tricht ist,
auf den wankelmtigen Sinn reicher Frauen Zukunftsburgen zu bauen.
Klotilde ist ebenso egoistisch wie launisch, und ihrer Eitelkeit zu
schmeicheln hast Du, Gott Lob!, noch nicht verstanden. Darum ist der
Rat, der letzte vielleicht, den ich Dir geben kann, der: stelle Dich auf
Deine eigenen Fe. ber das Wie zu entscheiden, wird freilich Deine
Sache sein. Nur an ein paar Beispiele mchte ich Dich erinnern: an Frau
v. W., die ein schnes, gefeiertes Mdchen, eine verwhnte Frau gewesen
ist. Ihr Mann verjubelte, was sie besa, und mute, als unheilbar
Gelhmter, den Abschied nehmen, so da ihr allein die Erhaltung der
ganzen Familie zufiel. Sie setzte sich an den Schreibtisch, schrieb
Romane und erwarb, was ntig war, um zu leben und ihre Kinder zu
erziehen. Oder denke an die kleine Grfin B., deren Eltern starben, als
ihre fnf Geschwister noch unmndige Kinder waren. Mit den Knsten,
durch die sie bisher nur die Verwandten erfreut hatte, erhielt sie von
da an die Ihren. Ihre gemalten Teller, ihre gebrannten Wappen und
gepunzten Ledereinbnde findest Du jetzt in den Auslagen groer Berliner
Geschfte.

Und nun lebwohl, mein Herzensenkelkind; ich fhle, da Du mich recht
verstehst, und wei zuversichtlich, da ich im Vertrauen auf Dich ruhig
meine Augen werde schlieen knnen. Ich drcke Dich an mein Herz, als

                                      Deine treue, sehr alte
                                                       Gromama.

Viele schlaflose Nchte hatte mich dieser Brief gekostet, und noch war
keine Stunde am Tage vergangen, die mich nicht an ihn erinnert htte. Im
ersten berschwang des Gefhls hatte ich Gromama alles versprochen, was
sie von mir erwartete, und freudigen Herzens hatte ich mich in meine
Aufgabe gestrzt. Aber der Eifer erlahmte bald, und es blieb nichts
brig als nchterne, eiskalte Pflichterfllung. Ich mute Gromamas
Wnschen folgen, weil die Verhltnisse mir unweigerlich ihre Erfllung
aufzwangen, und ich konnte es, soweit die huslichen Pflichten in
Betracht kamen. Aber wie sollte ich es fertig bringen, mich auf eigene
Fe zu stellen?! Nach Selbstndigkeit hatte ich mich gesehnt mein
Leben lang, -- nach Selbstndigkeit und nach Freiheit --, aber das wars
ja gar nicht, was Gromama unter ihren eigenen Worten verstand, und was
ich zu erreichen gentigt werden wrde. Nicht meiner berzeugung leben,
mein geistiges Ich befreien sollte ich, sondern im Dienst der Familie
meine Begabungen in blanke Mnze umsetzen.

Aus bunten Lappen, Blumen und Bildern hatte ich mir einst im
Zimmerwinkel einen heimlichen Tempel erbaut, der wertlos fr mich wurde
und entweiht durch den ersten fremden Blick, der hineinfiel, -- und nun
sollte ich meine Gedanken, den ganzen Inhalt meines Seelenheiligtums
preisgeben, sollte fr den Verkauf denken und trumen, wie man Spitzen
klppelt, um sie nach dem Meter an den Mann zu bringen?! Ich hatte
gehofft, mit jenem kleinen schwarzen Bchlein einmal ffentlich wider
die Lge zu kmpfen, -- aber nur um des Kampfes willen! In den Schmutz
ziehen hie es die ganze groe Sache, wenn auch nur ein Gedanke an
Verdienen sich mit ihr verband. Nein -- tief in den Koffer und noch
tiefer in den Hintergrund meines Herzens mute ich das schwarze Bchlein
bannen, solange ich an Verdienen denken mute. Ob ich wohl auch, wie
Frau v. W., Romane schreiben knnte? -- Eine tiefe Ehrfurcht vor dem
Schaffen der Dichter erfllte mich von je her. Als hhere Wesen
erschienen sie mir, Gott hnlich, da sie Menschen schufen, wie er. Sie
wurden geboren durch ein hheres Naturgesetz und nur durch ein solches
zum Schaffen gezwungen. Ein Frevler am Heiligtum, wer sich zu ihnen
erhob, um mit Phantasien und Versen zu schachern, -- lieber Hemden
nhen, oder Strmpfe stricken!

Flchtig fiel mir meine Geschicklichkeit ein, Kleider zu machen und Hte
zu garnieren, -- doch: ein Frulein von Kleve eine Schneiderin, eine
Putzmacherin -- unmglich! Aber wie viel Tischkarten hatte ich nicht
schon gemalt, wie viel Sthle und Tische und Kasten und Rahmen gebrannt,
-- hier war vielleicht ein Weg, der sich betreten lie. Von nun an
benutzte ich jede freie Stunde, um mit dem Pinsel oder dem Brennstift
Seide und Sammet, Papier, Holz und Leder zu bearbeiten.

Komisch, meinte Papa eines Abends, da du pltzlich mit solchem Eifer
Dilettantenknste treibst. Es ist doch noch lange Zeit bis Weihnachten.
-- An Alix' Geistessprnge solltest du eigentlich schon gewohnt sein,
spottete Mama. Hei stieg mir das Blut in die Schlfen; eine heftige
Antwort schwebte mir schon auf der Zunge, als ein fr Hamburgs Stille
ungewohnter Lrm auf der Strae uns alle ans Fenster trieb.

Extrablatt -- Extrablatt! Mein Schwesterchen strmte die Treppe hinab,
-- endlich ein Ereignis in diesem einfrmigen Leben! --, und mein Vater
ihr nach, der immer irgend etwas Ungeheures erwartete und sich seit
seinem Abschied mehr denn je in Prophezeiungen gefiel.

Bismarck ist entlassen -- atemlos rief er es uns von der Strae herauf
zu und stieg mit jugendlicher Elastizitt die hohen Stufen wieder
hinauf. Hochrot war er im Gesicht, die Schweitropfen standen ihm auf
der Stirn, und ein triumphierendes Leuchten war in seinen Augen.
Erstaunt sah ich zu ihm auf.

Er auch! sagte er wie zu sich selbst und lchelte. Nun verstand ich
ihn: ein Grerer war gefallen, von demselben Schtzen getroffen, --
nicht mehr als der Gedemtigte stand er da, sondern als der Gefhrte
dessen, der das Reich gegrndet hatte und von des Reiches drittem
Kaiser aus dem Wege gerumt worden war. Von dem Tage an lebte er auf,
wurde gesprchig wie frher, verfolgte mit steigendem Interesse die
politischen Ereignisse, und seine oppositionelle Stellung zum neuen
Kurs wurde eine immer schroffere.

Wir werden nach Berlin bersiedeln, sagte er mit einer Bestimmtheit,
die jeden Widerspruch ausschlo. Dort erffnen sich mir alle
Mglichkeiten zu literarischer und politischer Ttigkeit. Er begann fr
die konservative Presse schrfster Observanz zu schreiben, die damals
der ra Caprivi all ihren Widerstand entgegensetzte.

Die Aussicht auf Berlin elektrisierte selbst die Mutter: auf Theater,
Konzerte, Ausstellungen freute sie sich wie ein Kind. Ein unterdrckter,
ungestillter Hunger schien pltzlich bei ihr zum Ausbruch zu kommen.
Auch ich war mit der Wahl von Berlin zufrieden; dort wrde es mir
leichter werden als anderswo, meine Arbeiten anzubringen, und die trbe
Nebelstimmung meines von der Pflicht und dem Erwerb ausgefllten Daseins
wrde doch vielleicht hier und da von einem Sonnenstrahl aus der Welt
geistigen Lebens -- der fr mich unerreichbar fernen! -- durchbrochen
werden. Da meine Freude eine so gedmpfte war, begriffen die Eltern
nicht. Mein Vater bemhte sich immer wieder, der Ursache nachzuspren.

Du wirst mit Mama die Hofblle besuchen -- auch wenn ich nicht mittun
kann, sagte er eines Tages mit gtigem Lcheln. Nein, Papachen!
antwortete ich, ihm dankbar die Wange kssend. Ich bin lange genug
ausgegangen -- ich mache mir nicht das mindeste daraus.

Er schttelte bekmmert den Kopf, -- nun war er vollends ratlos. Wie
gut, dachte ich, da seine Jngste, Tischen mit dem Goldhaar, die
allzeit Frhliche, ihm immer wieder die Sorgenfalten von der Stirne
lachte und schmeichelte. Oft schickte ich sie hinein, wenn ich ihn in
trben Gedanken wute. Sie verstand es, wie Sonnenschein, alle
Regentropfen glitzern zu machen. Und jeden Abend trieb sie die bsen
Geister, die sich am Tage heimlich eingeschlichen hatten, mit ihren
Wirbeltnzen zu Tren und Fenstern hinaus. Sie hatte Musik in den
Gliedern; jede Melodie wurde ihr zur rhythmischen Bewegung. Unermdlich
pfiff der Vater, und auf und nieder, hin und her flog sie, ein
flatternder Irrwisch -- mit Feuerfunken in den Augen und glhenden Rosen
auf den Wangen. Ganz verngstigt flackerte die kleine Petroleumlampe, --
aufgestrt aus ihrer wrdevollen Ruhe, mit der sie sonst nur fleiige
Hnde und stille Menschen zu bescheinen gewohnt war. Ich sa indessen am
Tisch und beugte den Kopf immer tiefer auf die Arbeit; oft schlich ich
still hinaus, -- ich wute nur zu gut, da mich niemand vermissen wrde.

Ich wurde bla und schmal, und blaue Ringe umschatteten meine Augen.

Da kam eines Tages ein Telegramm aus Pirgallen: Mama im Sterben.
Walter. Mir lhmte der Schreck die Glieder; stumpfsinnig sah ich zu,
wie meine Mutter in Trnen ausbrach. Ich kannte den Tod ja nur vom
Hrensagen; noch war mir niemand von denen gestorben, die mir die
liebsten waren. Erst als ich sah, wie meine Mutter hastig den Koffer
packte, kam ich zu mir.

Ich komme mit, sagte ich rasch und ri ein paar Sachen aus dem Schrank
und aus der Kommode. Du?! Mama sah erstaunt von ihrer Arbeit auf.
Davon kann selbstverstndlich keine Rede sein. Entweder wir reisen alle
-- und das ist zu kostspielig --, oder du mut bei Haus und Ilse
bleiben. Die Kleine kann nicht allein sein. Ich zitterte vor Aufregung:
Pltzlich ward mir klar, da der einzige Mensch, der mich verstand, der
mich liebte -- mich selbst, so wie ich wirklich war --, mit dem Tode
rang; da ich ihn verlieren sollte, ohne da ich ihn je ganz besa, ohne
in das kostbare offene Gef seines groen Herzens all mein Leid, all
meine Zweifel ausgegossen zu haben und Kraft und Klarheit und
Verstndnis von ihm zu empfangen.

Ilse ist gro genug -- und Papa sorgt fr sie -- besser als ich. Ich
bitte dich -- la mich mit! -- rief ich verzweifelt.

Du weit, da es unmglich ist -- Mamas Stimme wurde scharf, oder
hast du vielleicht das Geld fr die Reise?

Trnen des Zorns, der Emprung, der Scham strzten mir aus den Augen:
Gromama starb, -- und von Geld konnte gesprochen werden! --

Meine Mutter fuhr allein, aber auch sie kam zu spt: in der Nacht vor
ihrer Ankunft hatte die Greisin ausgeatmet.

Jetzt erst dachte ich all dessen, was bevorstand, und der Schmerz wich
mehr und mehr der Angst. Ich beobachtete Papa: er vermochte seiner
Aufregung kaum Herr zu werden. Wenige Tage nach der Beerdigung kam ein
Brief von Mama. Er ffnete ihn nicht, sondern ging damit aus dem Zimmer
und schlo sich in seiner Schlafstube ein. Ich horchte an der dnnen
Wand: ein Stuhl fiel zu Boden -- ein unterdrcktes Sthnen -- ein
bitter-grelles Auflachen klang an mein Ohr. Mein ganzes Herz trieb mich
zu ihm, aber ich hatte den Mut nicht, meinem Gefhl zu folgen. Als Papa
nach ein paar Stunden zu Tisch erschien, sah er so mde, so zerfallen
und verzweifelt aus wie damals, als ihm der Abschied ins Haus geschickt
worden war.

Eine Woche spter kehrte Mama zurck. Ihre Schlfen waren grau geworden,
und noch fester als sonst preten sich die schmalen Lippen aufeinander.
Mit einem khlen Blick streifte sie den Vater und mich, reichte uns
flchtig die Hand und hatte nur fr Ilschen einen zrtlichen Ku. Zu
Hause bergab sie mir ein groes Packet. Ihren schriftlichen Nachla
hat Mamachen dir hinterlassen, sagte sie, du kannst damit machen, was
du willst. Mir traten die Trnen in die Augen. Die liebe, gute
Gromama! Nun wrde sie doch fr mich eine Lebendige bleiben! So rasch
wie mglich zog ich mich mit meinem Schatz in mein Zimmer zurck. Aber
ich hatte kaum die Siegel gelst, die vielen Bnder geffnet, als ein
heftiger Wortwechsel zu mir herbertnte. Hinter meinem Rcken hast du
mein Erbteil verbraucht, sagte Mama, und da auch meine Mutter mir
verschwieg, was mich doch wohl am nchsten anging, -- das verbittert mir
noch die Erinnerung an die Tote ...

Habe ichs etwa fr mich gebraucht?! brauste Papa auf, oder nicht
vielmehr fr dich, deinen Haushalt, deine Toiletten, und fr die Kinder
--

Und fr deine Pferde, und die berflssigen Geschenke, und dein ganzes
grospuriges Auftreten! setzte sie heftig hinzu. Warum hast du mich
behandelt wie ein unmndiges Kind, und mir nicht gesagt, da wir von
deinem Gehalt nicht auskommen?! Ich htte mich, wei Gott, auch an
grere Einschrnkung gewhnt -- wie an so vieles andere!

Weil ich dich schonen, dir ein angenehmes Leben schaffen wollte! --
Aber beruhige dich, liebe Ilse -- beruhige dich. Ich hatte zwar gerade
gehofft, da wir nun endlich ein gemeinsames, ein menschliches Leben
miteinander fhren wrden, -- aber du erinnerst mich beizeiten daran,
da ich auch jetzt nichts weiter bin, als dein Portemonnaie....

Mit solchen Phrasen verschone mich bitte, -- sie tuschen mich ber die
Tatsache nicht hinweg, da es doch nur mein Geldbeutel war, den du --
angeblich in meinem Interesse! -- geleert hast.

Ich erwartete zitternd eine wtende Antwort, -- statt dessen hrte ich,
wie des Vaters Stimme umschlug und weich und flehend wurde.

Ilschen -- sei doch nicht so grausam -- siehst du denn nicht, wie mich
die Selbstvorwrfe schon gemartert haben? -- Im Grunde hast du ja recht
-- ganz recht -- aber es war doch nur meine groe Liebe zu dir -- die
stete Angst, die deine zu verlieren, die mich dir all das verschweigen
lie, die immer wieder -- in jeder Form -- um deine Gunst werben mute,
-- ich wrde auch Millionen fr dich ausgegeben haben, wenn ich sie
gehabt htte...

Das konnt ich nicht mehr mit anhren, -- wie gejagt lief ich in den
Garten hinunter.

Und bse war die Zeit, die folgte: der Vater in der gedrcktesten
Stimmung, jeder Blick, den er auf seine Frau warf, ein Betteln um Liebe,
whrend sie kaum die notwendigsten Worte mit ihm wechselte und mit
peinigender Betonung bei jeder Gelegenheit Sparsamkeit predigte, -- das
Schwesterchen dazwischen, das sich um so leidenschaftlicher an mich
anklammerte, je unheimlicher es ihm bei den Eltern zumute wurde, -- und
schlielich ich selbst, mde und herzenswund, und dabei krampfhaft
bemht, der Kleinen Lehrerin und Spielkamerad zugleich zu sein und dem
Vater Frohsinn vorzutuschen, um ihn zu erheitern.

Drauen glhte und glnzte der Sommer. Ein einziger grner Dom war der
Wald, die grauen Stmme der Buchen seine gewaltigen Sulen, der Duft der
Tannen sein wrziger Weihrauch. Und doch floh ich vergebens hinaus, um
hier zu finden, was ich einst im Hochgebirge gefunden hatte: Kraft und
Weihe. Menschenmassen berfluteten jetzt Berge und Tler; ihre niedrigen
Eitelkeiten, ihre verstaubten Interessen trieben den Frieden und die
Andacht aus den Wldern. Und die Natur hatte sich ihnen allmhlich
angepat: mit ihren geebneten Parkwegen, ihren umzunten Rasenflchen
und gepflegten Blumenbeeten war sie nichts, als ein Salon im Freien.

Alte Freunde aus Mnster, die zur Reitschule nach Hannover kommandiert
worden waren, besuchten uns um diese Zeit, und ihr Entsetzen ber mein
Aussehen machte meine Eltern erst darauf aufmerksam.

Was fehlt dir blo? rief mein Vater besorgt.

Ein bichen Leben, Exzellenz, schnitt Rittmeister von Behr mir die
Antwort ab. Bume, Berge und Wasserflle sind keine rechte Gesellschaft
fr Ihr Frulein Tochter. Geben Sie sie uns mit nach Hannover; hat sie
mit uns erst ein paar Pullen Sekt geleert und ein paar Gule kaput
geritten, dann wird das Blut ihr schon wieder in die Wangen schieen.

Ich lehnte die Einladung ab: Wir sind in tiefer Trauer, Herr von Behr,
und mein schwarzes Kleid pat kaum in Ihre Gesellschaft. Als wir allein
waren, sagte meine Mutter mit einem kaum merklichen Zgern: Wenn das
schwarze Kleid allein dich zurckhlt, so kannst du es ruhig mit einem
weien vertauschen. Hier ist Mamachens letzter Brief an mich, worin sie
den Wunsch ausspricht, da ihre Enkel keine Trauer anlegen sollen. --
Und das sagst du mir jetzt erst?! entfuhr es mir, -- hatte ich es doch
die ganze Zeit ber wie eine Beleidigung der Toten empfunden, die Trauer
um sie den neugierig-mitleidigen Blicken aller Welt preiszugeben. Meine
Mutter verstand mich falsch.

Ich htte nicht geglaubt, da du so wenig Herz hast, meinte sie
gekrnkt, dann wirf nur den Krepp beiseite und geh deinem Vergngen
nach.

In der nchsten Viertelstunde war ich bereits umgezogen, aber bei meiner
Weigerung Herrn von Behrs Einladung gegenber blieb ich. Erst Papas
Bitten, seinen Vorwrfen und seinen sorgenvollen Blicken, die ich stets
auf mir ruhen fhlte, gab ich schlielich nach.

Der schneidigste Kavallerist der Armee war zu jener Zeit Leiter der
Reitschule, und der Kursus der Stabsoffiziere hatte gerade eine groe
Zahl der besten Reiter nach Hannover gefhrt. Kraft und Khnheit,
Lebenslust und Leichtsinn gaben sich ein Stelldichein; der Tretmhle des
Kasernenhofdienstes entronnen, von der Familie entfernt, die mehr als
alles andere an die schmerzvolle Wrde des Alterns erinnerte, feierten
all diese reifen Mnner ein strmisches Wiedersehen mit der Jugend. Sie
tranken und spielten die Nchte durch und saen beim Morgengrauen wieder
im Sattel; sie fanden sich strahlend und heiter, ihrer eigenen grauen
Haare spottend, zur ppigen Mittagstafel ein und tanzten abends
ausdauernder als die jngsten Leutnants. Ich war das einzige junge
Mdchen in diesem Kreis, und der Verkehr inmitten dieser bunten
Gesellschaft, die die Kavallerie ganz Deutschlands vertrat, war um so
ungezwungener, als der Gedanke, der sich sonst strend und trennend
zwischen die mnnliche und die weibliche Jugend schiebt, -- Kann er
mich heiraten? -- Ist sie eine Partie? -- hier nicht aufkam, wo jeder
Mann -- wenigstens solange er in unserer Gesellschaft war -- den
Trauring am Finger trug.

Ah, wie gut tat es doch, wieder frhlich zu sein! Zu vergessen -- im
Lebensrausch der Stunde!

Einmal war ein kleiner schsischer Husar mein Tischnachbar -- Herr von
Egidy, hatte man ihn mir vorgestellt, -- und ich hatte die gedrungene
Gestalt mit dem runden Schdel kaum im Gedchtnis behalten. Jetzt fielen
mir pltzlich ein paar groe blaue Augen auf, die mich mit einem so
reinen Ausdruck anstrahlten, wie er mir bei einem Manne selten begegnet
war. Wir kamen in ein Gesprch, das mich, je berraschender sein Inhalt
wurde, desto mehr fesselte. Dieser Husarenmajor hatte andere Gedanken
hinter seiner breiten Stirn als die ber Schwadronsexerzieren und
Jagdreiten. Man hatte sich gerade ber die jngsten Verordnungen des
Kaisers gegen den Luxus unterhalten, und bei aller Wahrung der Form war
doch der Ausdruck des Unmuts ein allgemeiner.

Mich haben die Worte Sr. Majestt geradezu beglckt, sagte Egidy. Wir
nennen uns Christen, und verleugnen die Lehre Christi fast tglich.

Erstaunt sah ich auf. Noch nie hatte jemand zwischen Austern und
Mocturtle-Suppe ber die Lehre Christi mit mir gesprochen. War das ein
schlechter Witz? Ich begegnete einem ernsten Blick, der meine Vermutung
Lgen strafte.

Wir sollen doch Christen sein, nicht heien! fuhr er fort und der
Heiland sa mit den Zllnern bei Tisch. -- Verzeihen Sie, gndiges
Frulein -- ich verga -- das ist kaum ein Dinergesprch mit einer
jungen Dame -- aber meine Gedanken kreisen immer mehr um denselben Punkt
--

Sie deuten meine Verwunderung falsch, Herr von Egidy, antwortete ich,
Sie warfen meine ganze gesellschaftliche Erfahrung ber den Haufen, --
und das verblffte mich. Wir alle pflegen doch sonst unsere Gedanken,
besonders wenn sie so ketzerischer Natur sind, fr uns zu behalten. Ich
wenigstens --

So haben Sie welche und verschweigen sie nur?! Er lchelte -- sein
ganzes Gesicht leuchtete auf dabei, Meinen Sie denn nicht auch, da
nur einer ffentlich auszusprechen braucht, was alle an -- wie Sie sagen
-- ketzerischen Gedanken in sich tragen, um jedem die Zunge zu lsen?!
Wie ein groes befreiendes Aufatmen wrde es durch die Menschheit gehen
--

In diesem Augenblick schlug einer ans Glas: Das hchste Glck der Erde
liegt auf dem Rcken der Pferde, und am Herzen des Weibes -- -- Es gab
ein allgemeines Sthlercken -- Anstoen -- Gelchter. Alles umringte
mich und forderte von mir eine Antwort. Ohne viel berlegung brachte ich
auf die lustigen Majore, die am Jungbrunnen von Hannover wieder zu
Leutnants geworden wren, einen Trinkspruch aus. Und wieder klangen die
gefllten Glser aneinander, und alle Rosen, die die Tafel geschmckt
hatten, huften sich vor mir. Aber ich lchelte nur mechanisch ber die
Huldigung. Wie ein groes befreiendes Aufatmen wird es durch die
Menschheit gehen, wenn nur einer auszusprechen wagt, was alle an
ketzerischen Gedanken in sich tragen, -- das lie mich nicht los. In
meinem Koffer zu Haus lag ein schwarzes Buch, -- war es wirklich meine
hhere Pflicht, das Schwesterchen zu unterrichten, der Mutter die Haare
zu kmmen und mit schlechter Dilettantenarbeit ein paar Taler zu
verdienen -- statt das erlsende Wort in die Welt zu rufen? Denn
felsenfest glaubte ich daran, da es ein erlsendes Wort sein wrde.

Am nchsten Vormittag besuchte mich Egidy. Er hatte ein Manuskript bei
sich, mit den klaren, groen Schriftzgen des Soldaten bedeckt, wie ich
sie bei meinem Vater gewohnt war. Ernste Gedanken nannte er es. Wir
waren ungestrt, und er begann mir daraus vorzulesen, -- eine Kritik
der Kirchenlehren war es, ein Bekenntnis zu einem Christentum Christi
ohne Dogmen, ohne Wunder, in einfachen lapidaren Stzen geschrieben,
durchglht von einem kindlich-naiven Glauben an die eigene Sache, an
ihren sicheren Sieg, an die Menschheit. Mir war das alles vertraut, und
ich konnte mich einer leisen Enttuschung, da es nicht mehr war, nicht
erwehren. Er schien meine Gedanken zu erraten.

Ihnen ist das nichts Neues, sagte er, das freut mich. Neu daran ist
doch nur, da es jemand ausspricht.

Aber das haben schon viele vor Ihnen getan, wandte ich ein, Strau,
Renan, die Protestantenvereinler --

Ich kenne die Leute nicht, antwortet er brsk, und das beweist, das
sie nichts taugten, -- sonst htten ihre Schriften wirken _mssen_ --

Sie denken an eine Verffentlichung?!

An was sonst? Jedes Wort wendet sich doch an die Masse! Ich mu
handeln, weil kein anderer es getan hat! Seine blauen Augen funkelten
dabei.

Und -- die Folgen?! Bangt Ihnen davor nicht? Mit aufrichtiger
Bewunderung sah ich zu dem Mann in dem bunten Husarenrock auf, der jetzt
erregt, straff aufgerichtet, vor mir hin und her ging. Er lchelte
wieder sein vertrauendes Kinderlcheln.

Ich kann mich doch nur freuen! Ein paar Unverstndige werden
rsonnieren, die wenigen, wirklich noch vorhandenen Altglubigen werden
Zeter-Mordio schreien, aber die Masse des Volkes -- wir alle sind
'Volk', wissen Sie -- wird in Bewegung gesetzt werden. Und der Kaiser
--

Der Kaiser?! rief ich, auf das uerste berrascht.

Ja der Kaiser! wiederholte er mit fester Stimme. Ihm vertraue ich vor
allem. All dein Tun ist von wahrhaft christlichem Geiste erfllt: seine
Erlasse, seine Arbeiterpolitik -- denken Sie nur an die
Arbeiterschutz-Konferenz!

Ich bin ganz und gar anderer Meinung, Herr von Egidy, und Ihr Vertrauen
ist mir viel zu wertvoll, als da ich Ihnen nicht die Wahrheit schuldig
wre, antwortete ich in tiefer Bewegung. Sie sollen Ihre Schrift
erscheinen lassen -- gewi --, aber die Bewegung, die Sie erwarten, wird
ausbleiben. Denn was heute not tut, ist nicht eine Erneuerung, sondern
eine berwindung des Christentums, dazu werden Sie beitragen, weil auch
Ihr Werk Steine abbrckelt vom Bau der Kirche. -- Sie lcheln?! Nun --
ich gebe zu, da in meinem Mund vermessen klingen mag, was ich sage, --
vielleicht irre ich mich, vielleicht haben Sie recht, aber eins wei ich
ganz gewi: der Kaiser wird Sie nicht untersttzen -- doch den schnen
bunten Rock ausziehen, -- das wird er Ihnen!

Unglubig erstaunt sah mich Egidy an: So jung und so pessimistisch!
Dieser Rock und dies Buch sind einander doch nicht unwrdig. Und wenn
ich als Soldat und als Christ meine Pflicht erflle, -- wie knnte mein
Kaiser mich dieses Rocks entkleiden?!

Ich schwieg. Wie eine Entweihung wre mirs vorgekommen, dieses Mannes
rhrenden Kinderglauben noch einmal anzutasten.

Der nchste Tag war der letzte meines Aufenthalts in Hannover, und mit
einer Schleppjagd sollte an demselben Morgen der Kursus der
Stabsoffiziere abgeschlossen werden. Schon frh um fnf Uhr fuhren wir,
Frau von Behr und ich, im leichten Jagdwagen hinaus zum Rendezvous.
Taufrisch lag die weite Heide vor uns, von Grben und Hecken und von dem
im Sonnenlicht glitzernden blauen Band der kleinen Witze durchschnitten.
Zwischen Weidenstmmen und gelbem Ginster hatte sich eine groe
Gesellschaft zusammengefunden: junge Offiziere der Reitschule, Mdchen
und Frauen der Gesellschaft in hellen Sommerkleidern, Burschen und
Ordonnanzen mit Decken und Mnteln und der Koch des Kasinos mit seinem
weibeschrzten Stab vor dem mit Kisten und Fssern hochgetrmten
Kremperwagen. Mit Feldstechern und Opernguckern bewaffnet, warteten wir
alle der Reiter. Und pltzlich brauste es heran, wie ein
farbensprhendes Mrchen aus Tausend und einer Nacht: blau, grn, gelb,
rot, wei, -- hatte ein Regenbogen sich dicht ber die Erde gespannt?!
Nher kam es und nher -- das Schnauben der Rosse, das Sausen der
Gerten, der vielstimmig-aufmunternde Zuruf der Reiter vereinten sich zu
einem einzigen fiebrisch-wirbelnden, wild aufreizenden Ton. Da flog ein
Brauner, den schlanken Leib lang gestreckt dicht vor mir ber das
Flchen, hinter ihm ein Fuchs -- ein Schimmel mit wehendem Schweif kaum
eine Nasenlnge weiter, und nun -- zehn, zwanzig, hundert rassige Tiere,
Schaum vor dem Maul, mit bebenden Nstern, -- mir klopfte das
Herz, und noch minutenlang nachher fhlte ich nichts als die
wundervoll-leidenschaftliche Erregung dieses Augenblicks. Dann lagerten
wir auf dem grnen Rasen, duftige Erdbeerbowle kredenzten die
Ordonnanzen, und mitten in der Schar dieser durch die eigene Leistung
froh bewegten Mnner kam ich mir einmal wieder wie zu Hause vor. Da fiel
mein Blick auf einen, der mit verschrnkten Armen und gefurchter Stirne
abseits stand: Egidy, -- und ich erwachte aus der Betubung. Nein --
hier war meinesgleichen nicht mehr, -- ich erhob mich hastig aus dem
lustigen Kreise und trat auf ihn zu.

Ihre Worte kommen mir nicht aus dem Sinn -- sagte er, ich ging nach
Hannover in der Meinung, noch einmal frhlich sein zu knnen, und
berzeugte mich fr immer, da der Frohsinn gebannt ist und, -- bleiben
die ernsten Gedanken in meinem Schreibtisch --, nimmer wiederkehren
wrde. Und nun empfind' ich, da die Verffentlichung dem Frohsinn erst
recht den Weg sperren wird. Seine Stimme sank. Mit einer raschen
Bewegung legte er die Hand vor die Augen: Und es ist doch so schn
gewesen!

Ein Blick voll tiefem Abschiedsweh flog ber die Haide, den schimmernden
Flu, die lachenden Kameraden. Mir wurden die Augen feucht. Ich griff
nach seiner Hand. Gehen wir, sagte ich leise, losreien mssen wir
uns doch -- ehe die anderen uns verleugnen. Und stumm, schweren
Herzens, zgernd, als schleppten wir eine unsichtbare Kette nach,
schritten wir durch den Wald zur nchsten Station.

Abends war ich wieder in Harzburg. Noch in der Nacht nahm ich mein
schwarzes Bchlein aus dem Koffer, schrieb ein paar Zeilen dazu und
sandte es frhmorgens an Egidy. Eine unbestimmte Hoffnung, da er doch
vielleicht der Befreier -- auch mein Befreier -- werden knnte, lie mir
das Herz dabei hher schlagen. Wenige Tage spter bekam ich seine
Antwort. Wir sind Bundesgenossen, schrieb er, denn nicht darauf kommt
es an, was wir glauben, sondern was wir sind; nicht darauf, wie wir uns
nennen, sondern ob wir wollen, da etwas werde. Ich rechne auf Sie. Zu
wirken gilt es, solange es Tag ist, mein ganzes Dasein gehrt diesem
Wirken.

                          In wahrster respektvoller Ergebenheit
                                                     M. von Egidy.

Nun verflossen meine Tage wieder in alter Einfrmigkeit; aber ihr trbes
Grau war wie Frhlingsnebel, der die Sonne ahnen lt, und meine trge
gewordene Phantasie griff wieder nach der Palette, um Zukunftsbilder zu
malen. Ich konnte unsere Abreise kaum mehr erwarten. In Berlin wrde der
groe Strom des Weltgeschehens die Rinnsale des Eigenlebens aufnehmen,
das enge Beieinandersein innerlich entzweiter Menschen wrde aufhren,
und das Wunderbare wrde vielleicht doch noch erlsend in mein Dasein
treten.

Meine Mutter war, um Wohnung zu suchen, schon vorausgereist, als ich von
Professor Fiedler, dem Herausgeber der Goethe-Zeitschrift, einen Brief
erhielt. Er hatte sich nach Gromamas Tod zuerst an Onkel Walter
gewandt, um zu erfahren, welche Erinnerungen ihr Nachla an den groen
Freund ihrer Jugend enthielte, und dieser hatte ihn an mich verwiesen.
Ob ich fr seine Zeitschrift einen Artikel schreiben wolle, frug er, --
ich staunte: wie kam es nur, da ich bisher so blind gewesen war?! Die
Lebende hatte mich ernst und eindringlich auf den Weg des Erwerbs
gewiesen, und die Tote gab mir die Mittel an die Hand, durch die es mir
mglich sein sollte, ihn zu betreten!

Gewi, mit Freuden wrd' ich den Aufsatz schreiben, antwortete ich;
viele wertvolle Erinnerungsbltter von der Hand der Verstorbenen seien
in meinem Besitz, die ich zu verffentlichen die Absicht htte, und
beraus dankbar wrde ich ihm sein, wenn ich dabei auf seine Hilfe
rechnen knne. Umgehend erhielt ich noch einen Brief, worin mir der
Gelehrte seinen Beistand zusicherte. Ich strahlte: das war ein Anfang,
-- der erste Schritt zur Unabhngigkeit, und vielleicht -- zum Ruhm!

An einem jener leuchtenden Herbstabende, wie sie nur im Norden
Deutschlands vorkommen, nherten wir uns Berlin. In hellem Violett, das
hie und da ins Rosenrote berging, lag der Dunst der Grostadt ber den
Husern, verwischte ihre Hlichkeit und verlieh ihnen einen Schimmer
phantastischen Lebens. Feuchtglnzende Schienenstrnge liefen vor uns
her und dehnten sich nach allen Seiten, -- zahllose Polypenarme, die
sich verlangend dem gewaltigen Ungeheuer der Stadt entgegenstreckten,
das mit roten, grnen und weien grell-glotzenden Augen gierig Ausschau
hielt nach neuer Beute. Ein schwarzer Rachen, ffnete sich die Halle des
Bahnhofs. Mit Gezisch und Geratter brauste der Zug hinein --
Rauchschwaden stiegen auf -- ein letztes Ausatmen seiner Maschine -- ein
kurzer, harter Sto noch -- und Berlin hatte ihn verschlungen.
Aufgeregt, rcksichtslos, erwartungsvoll schoben und drngten sich die
Menschen. Mir aber war, als mten meine Fe den grauschwarzen Asphalt
sanft und schmeichelnd berhren: Neuland war es, das ich betreten hatte.




Sechzehntes Kapitel


                                                    Berlin, 28. 12. 90
Liebe Mathilde!

Du beklagst Dich ber mein monatelanges Schweigen, und solltest doch
froh sein, da ich Dich whrend einer Zeit innerer und uerer
Zerrissenheit mit Briefen verschonte. Womit ich nicht behaupten will,
da ich Dir jetzt das Bild abgeklrter Weisheit geben knnte. Aber ich
habe zum mindesten den Taumel berwunden und sehe das Verwirrende,
Vielgestaltige des neuen Lebens. -- Doch Du willst zunchst seinen
Rahmen kennen lernen. Er ist -- um ihn mit zwei Worten zu kennzeichnen
-- bronzierter Gips, den der Fremde fr vergoldete Holzschnitzerei zu
halten verpflichtet ist. Wir wohnen -- natrlich! -- im 'vornehmen'
Westen, aber an jener Grenzscheide, wo die neuesten Mietskasernen mit
ihren dunkeln Hfen und protzigen Fassaden sich mit den Kartoffelfeldern
begegnen. Unsere Wohnung hat einen Aufgang 'nur fr Herrschaften' und
ist selbstverstndlich 'hochherrschaftlich': ber den Tren tanzen
Stuckamoretten mit verrenkten Armen und Beinen, die fen sind
Prachtgebude aus den buntesten Kacheln, das Ezimmer -- ein wahrer
Tanzsaal -- hat Holzpaneele und eine Holzdecke aus Papier, der Salon
weist gar eine imitierte Seidentapete auf, die der Wirt uns als ganz
besonders 'vornehm' anpries, und das Herrenzimmer prunkt im papierenem
Leder! Dazu hat der Tapezier die Gardinen von acht Zimmern an die
Fenster und Tren dieser drei Rume gehngt, so da die ppigkeit eine
geradezu berwltigende ist und unsere verschossenen Mbel und
zertretenen Teppiche in einem vorteilhaften Zwielicht Glanz und Reichtum
vortuschen. Die nchterne Wahrheit beginnt erst mit dem langen dunkeln
Korridor, an den sich drei Kammern -- Schlafzimmer genannt -- anlehnen.
Eine davon bewohne ich. Es ist mir gelungen, sie mittelst
Kretonnevorhngen in zwei Rume zu verwandeln, die sich freilich beide
mit einem Fenster begngen mssen und von der Existenz des Himmels keine
Ahnung haben, geschweige denn von der der Sonne.

Und doch mu zwischen meiner Seele und der Sonne irgendein
geheimnisvoller Zusammenhang bestehen: mein Denken und Fhlen friert ein
ohne sie. Wenn ich arbeiten will, mu ich darum immer zuerst ber Felder
und Sturzcker laufen, wo kein Haus und kein Baum Schatten werfen.
Trotzdem will meine Arbeit nicht so recht hell und warm werden ...

Bald nach unserer Ankunft besuchte uns Professor Fiedler. Mein Artikel
ber Gromamas Goethe-Erinnerungen gefiel ihm -- unter uns gesagt: mir
gar nicht! --, und fr alles, was ich sonst noch von ihr habe, war er
aufs hchste interessiert. Er empfahl mich an Rodenberg, an Lindau, an
Westermanns Monatshefte, und ich habe auf Monate, vielleicht auf Jahre
hinaus zu tun, ohne da der Eintritt in die Literatur mir irgendwelche
Schwierigkeiten gekostet htte. Auch sonst bin ich vom 'Glck'
begnstigt: Meine Brennarbeiten hat der Offizierverein zum Verkauf
angenommen, und meine Erfindung -- die Vereinigung von Brennen und Malen
auf Sammet und Tuch -- hat eine Frauenzeitung geschildert und mich dabei
als Verfertigerin empfohlen. Ich habe meinen Eltern infolgedessen das
Taschengeld schon 'kndigen' knnen, und dieser erste Schritt zur
Selbstndigkeit ersetzt mir etwas den Mangel an seelischer und geistiger
Befriedigung. Da ich den Eltern berdies durch Schneidern, Putzmachen
und Gouvernantenspielen bei Ilse ein Mdchen fr alles und ein Frulein
erspare, so kann ich mir einbilden, mich bereits selbst zu erhalten. Nur
da dies bloe Erhalten des Lebens vom Leben selbst weit entfernt ist.

Ich sehe dich heimlich lcheln. 'Ihr fehlt einmal wieder der Mann,'
sagst Du. Du irrst: ich komme mir mit meinen 25 Jahren so alt vor, da
ich bereits gromtterlich mitleidig lchle, wenn andere von Liebe
reden. Besinnst Du Dich auf Vetter Fritz in Brandenburg? Du warst damals
sittlich entrstet, da ich dem guten Jungen den Kopf verdrehte. Nachdem
er in den letzten acht Jahren meinen Geburtstag nicht einmal vergessen
hatte, stellte er sich hier wieder bei uns ein, -- noch immer derselbe
kindliche Mensch, trotz seiner Gardeulanenuniform. Mit Blumen und
Blicken wirbt er um mich, und seine Treue rhrt mich oft so, da ich
mich frage, ob es nicht das Beste wre, seine Frau zu werden. Dann htte
die liebe Seele Ruhe, und allen Ambitionen und Befreiungsgelsten wre
ein fr allemal ein Riegel vorgeschoben. Die gesamte Familie -- die
durch Onkel Walters und Maxens, durch Tante Jettchen und ihre Kinder und
Enkel erschreckende Dimensionen angenommen hat -- untersttzt natrlich
im stillen die Sache, und das reizt mich zum Widerspruch.

Na, berhaupt die Familie! Die Familiensonntage vor allem, wo man sich
mittags und abends geniet, meist fnfzehn bis zwanzig Mann hoch! Nur
eins ist fr mich dabei wohltuend: da ich mich wieder einmal so recht
intensiv als das einzige schwarze Schaf empfinde.

Seit Stckers Abschied ist der Antisemitismus geradezu epidemisch
geworden, gerade so, wie der Kultus Bismarcks -- wenigstens in den
Kreisen meiner lieben Verwandtschaft -- erst nach seinem Sturz ins Kraut
scho. Und ein Staatsanwalt wrde Karriere machen, wenn er das
Geschimpfe auf S. M. mit anhren knnte, -- vorausgesetzt, da die
Delinquenten nicht preuische Edelleute, sondern internationale Sozis
wren! Der adlige Klub am Pariser Platz, wo nur die Alleredelsten der
Nation aufgenommen werden und Papa und die Enkels tglich verkehren, ist
der Mittelpunkt der Fronde; Strme von Skandalosa flieen aus seinen
Tren in die Welt, und ich knnte aus lauter Widerspruchsgeist -- der
zuweilen zur Objektivitt erzieht -- fast zur Verteidigerin des 'neuen
Herrn' werden, wenn er nicht selbst der sich kaum schchtern
entwickelnden Anerkennung immer wieder einen Futritt gbe, so da sie
zusammenknickt wie ein Veilchen unter dem Nagelschuh. Du kannst Dir
denken, wie es mich z. B. begeisterte, als er in der Schulreform die
Initiative ergriff, und welche Hoffnungen ich an die Konferenz knpfte.
Und dann stellte ihr S. M. keine andere Aufgabe, als die Schule in ein
Kampfmittel gegen die Sozialdemokraten zu verwandeln und blindwtigen
Hurrapatriotismus noch mehr als bisher zu verbreiten. Natrlich bestand
die Antwort der zusammengerufenen 'Fhrer der Jugend' in devotester
Verbeugung vor dem allerhchsten Willen, und befriedigt von dem 'Erfolg'
des 'offenen' Gedankenaustausches schlo S. M. die Versammlung mit einer
Verbeugung seinerseits vor der Kirche.

Fr Egidy war dies Ereignis, seit er den Abschied bekam, wohl der grte
Schmerz. Ich stehe mit ihm in Briefwechsel, und so sehr ich mich im
Gegensatz zu vielen seiner Grundanschauungen befinde, geniee ich diese
lebens- und glaubensstarke Individualitt, wie ein Durstiger frisches
Quellwasser. 'So schwer auch die Gegenwart mich belastet,' schrieb er
mir krzlich, 'so kraftvoll ich auch ringen mu, um die Erinnerung
niederzukmpfen, die gerade in diesen Tagen furchtbar an mir zehrt, da
das Regiment, das acht Wochen nach dem Erscheinen der Ernsten Gedanken
das meine werden sollte, sein Jubilum feiert, -- so beseelt mich doch
die Hoffnung, da ich dem Vaterlande, der Welt noch dienen kann, und da
das, was ich tat, nicht fruchtlos war. Auch auf den Kaiser ist meine
Hoffnung unzerstrbar, -- es gilt nur sein Ohr zu erreichen....'

Doch ich sehe, da mein Brief sich zu einem Buch auszuwachsen beginnt,
-- hoffentlich ein Beweis fr die knftige Regsamkeit unseres
Briefwechsels.

Was soll ich Dir nun ohne Phrase und ohne Komdie zum neuen Jahre
wnschen? Glck? Wer glaubt daran? Befriedigung? Wer findet sie, solange
das Blut noch hei durch die Adern rollt! Soll ich auf ewige Seligkeit
vertrsten? Ein schwacher Trost fr den, der die irdische noch nicht
durchkostet hat. Lerne dich bescheiden, werde so rasch wie mglich alt
und khl, -- ist das nicht am Ende der beste Wunsch?!

                       In treuer Freundschaft
                                       Deine Alix.


                                                       Berlin, 20. 2. 91
Liebe Mathilde!

Seit meinem letzten Brief und Deiner Antwort -- die meiner Erwartung
vollkommen entsprach, alldieweil Du meine Arbeitswut nur als Intermezzo
zwischen zwei Romankapiteln betrachtest -- sind wieder einige
inhaltreiche Wochen vergangen. Ich fange allmhlich an, den Pulsschlag
des Weltlebens zu empfinden und den meinen auf denselben Takt
einzustellen, wobei ich allerdings immer deutlicher den Gegensatz
zwischen mir und der lieben Verwandtschaft empfinde, deren Blut so trge
fliet, da es eigentlich Anno 70 noch kaum berwunden hat. Der jngste
Familienzuwachs ist nach der Richtung besonders charakteristisch. Du
entsinnst Dich, da Papa einen jngeren Bruder hatte, der Geistlicher
war und im Irrenhaus starb. Er hinterlie eine Wittwe mit fnf Kindern
in bedrngtester Lage, und Tante Klotilde mute sich wohl oder bel
entschlieen, das Ihre zur Erhaltung der Familie beizutragen, was sie
natrlich von vornherein gegen sie einnahm. Die mtterlichen Verwandten
taten desgleichen; Papa verschaffte den Shnen ein Unterkommen im
Kadettenkorps, Mama erreichte, da eine der Tchter die mir zugedachte
Freistelle im Augustastift bekam, so da Tante Marie schlielich nur
fr ein Kind zu sorgen hatte. Jetzt wills das Unglck, da die Mdchen
erwachsen sind und die Shne in die Armee eintreten, und was das Malheur
voll macht: die ganze Gesellschaft ist aus der Art der Kleves
geschlagen. Tante Klotilde entrstet sich darber, und Papa schimpft wie
ein Rohrspatz, da die mtterliche Verwandtschaft das Blut verdorben hat
und er nun gentigt ist, die Jungens weiter zu bringen. Er war ja von je
der hilfreiche Geist, wenn irgendein Vetter durch das Einjhrige
bugsiert werden oder in ein anstndiges Regiment Aufnahme finden sollte.
So hat er denn fr Erich, den ltesten dieser miratenen Kleves, sein
altes Regiment gefgig gemacht und ihm -- in der goldenen Zeit der
eigenen Korpshoffnungen! -- die ntige Zulage versprochen. Das Einlsen
dieses Versprechens wird ihm jetzt gewaltig sauer, und es macht mir eine
Riesenfreude, da ich bald imstande sein werde, einen Teil davon auf
mich zu nehmen.

Tante Marie lebt mit ihren Tchtern in Potsdam, die Shne sind in
Lichterfelde und Frankfurt, und diese Nhe verschafft uns das Glck
ihrer Sonntagsbesuche. Ich sitze dabei immer wie auf Nadeln in Erwartung
von Papas sarkastischen Bemerkungen und berbiete mich in
Liebenswrdigkeit, wenn mir auch gar nicht darnach zumute ist. Alle
miteinander sind kaiserlich bis in die Knochen, ist doch Tante Marie mit
der neuen Hofclique verschwgert, mit den Eulenburgs vor allem, die nahe
daran sind, das Hausmeiertum an sich zu reien. Infolgedessen sind sie
natrlich auch kirchlich-orthodox; -- darnach kannst Du Dir die
Harmonie unserer Beziehungen ungefhr vorstellen! Mama, mit ihrem oft
ganz fanatischen Gerechtigkeitsgefhl ist die einzige, die sie aus
berzeugung verteidigt und es sogar unternahm, Tante Klotilde, die jede
persnliche Zusammenkunft mit ihren Neffen und Nichten bisher vermieden
hat, freundlicher zu stimmen. Sie wirft mir Herzlosigkeit vor, weil ich
sie darin nicht untersttzen mag, und zankt sogar mit ihrem
Lieblingsbruder, der sie warnte, sich 'kein Kuckucksei ins Nest zu
legen'. Die Gefahr ist, scheint mir, sehr gering, denn um bei Tante
Klotilde etwas zu erreichen, mte Mama ungefhr das Gegenteil von dem
verlangen, was sie erreichen will. Auerdem wrde ich den armen Wrmern
einen tchtigen Anteil an Tante Klotildes Reichtmern von Herzen gnnen.

In schroffem Gegensatz zu diesem Zwangsverkehr steht ein anderer, den
ich mir erkmpft habe, -- obwohl Du mich bereits vorher vor meinen
'jdischen Beziehungen' warntest: der im Hause Fiedlers und Rodenbergs.
Papa war zuerst entrstet, als ich ihn um die Erlaubnis bat, den
freundlichen Einladungen der beiden, meine literarische Ttigkeit so
lebhaft untersttzenden, folgen zu drfen. Nach einigem Brummen,
Ruspern und Toben -- wobei ich verngstigt wie immer aus dem Zimmer
floh, whrend Ilschen lachte und den Papa zu meinen Gunsten
umschmeichelte -- entschlo er sich freiwillig zu offiziellen
Familienvisiten und gestattete mir dann, die Gesellschaften allein zu
besuchen. Nun geniee ich den geistig anregenden Verkehr ungeheuer und
fange an, meine Schchternheit angesichts dieser mir doch sehr neuen
Menschen und fremden Verkehrsformen zu berwinden. Ich bin seit langem
daran gewhnt, meine Ansichten nur im hchsten Affekt auszusprechen, so
da ich erst eine gewisse Schwerflligkeit niederkmpfen, ja sogar mit
dem Ausdruck ringen mu. Das steigert sich, wenn Namen genannt und
Ereignisse lebhaft errtert werden, von denen ich keine Ahnung habe.

Im Mittelpunkt des Interesses steht auf der einen Seite die neue
literarische Bewegung, die sich in der Freien Bhne ein eigenes Theater
schuf, und deren Vertreter stark realistische und sozialistische
Tendenzen haben, und auf der anderen der neu aufsteigende Stern am
Dichterhimmel -- Sudermann --, dessen Dramen, wie Du sicher aus den
Zeitungen weit, wahre Strme fr und wider hervorrufen. Ich kenne von
alledem noch nichts. Onkel Walter erklrt, da 'ein junges Mdchen'
Sudermanns Werke unmglich sehen knne, -- aber ins Residenztheater und
in den Wintergarten werde ich ohne Bedenken mitgenommen! --, und im
Kreise meiner literarischen Bekannten sieht man den Jungen von
Friedrichshagen -- einem Vorort von Berlin, wo sie, wie man munkelt, ein
gemeinsames Leben fhren, das das kommunistische Prinzip sogar auf --
die Frauen ausdehnt! -- skeptisch gegenber. Ich bin zwar sehr geneigt,
mich, wenn auch nicht der Autoritt Onkel Walters, so doch dem reifen
Urteil meiner neuen Freunde von vornherein anzuschlieen, um so mehr,
als Dr. Friedrich, der hervorragendste Kritiker Berlins und ein tiefer
Goethe-Kenner, an ihrer Spitze steht, aber mich interessiert jede
moderne Erscheinung viel zu sehr, als da ich sie nicht aus eigner
Anschauung kennen lernen wollte.

Wegen Vetter Fritz sei ganz ruhig. Ich habe besseres zu tun, als zu
kokettieren. Meine Haltung ihm gegenber ist eine ganz passive: ich
empfinde mit wohligem Behagen die Atmosphre seiner Zuneigung, und
vielleicht ist solch ein sich lieben lassen fr mich ein
Lebensbedrfnis, ebenso wie das sich bescheinen lassen von der Sonne.

                            Von Herzen
                                  Deine Alix.

       *       *       *       *       *

Meine Mutter pflegte sich Onkel Walters Ansichten fast immer zu
unterwerfen, weil es im Grunde stets die ihren waren. Aber in Bezug auf
meine Theaterbesuche geriet sie in einen Zwiespalt mit ihrer eigenen
Neigung und mit ihrem Pflichtgefhl. Das Theater wurde mehr und mehr
ihre Leidenschaft, -- es war, als suche diese khle, harte Frau das
Leben, weil sie selbst nicht gelebt hatte --, aber fr sich allein und
ihr persnliches Vergngen Geld auszugeben, wre ihr nie in den Sinn
gekommen. Also nahm sie mich mit, beruhigte ihr Gewissen damit, da uns
doch niemand sehen wird, und schrfte mir ein, nicht darber zu
sprechen. So sahen wir Die Ehre und Sodoms Ende, dessen
ursprngliches Verbot auf des Kaisers direkten Eingriff zurckgefhrt
wurde und den Erfolg des Werks von vornherein gesichert hatte. Der tiefe
Eindruck, den wir empfingen, setzte sich aus Verblffung, Entsetzen und
Ergriffenheit zusammen. Aber whrend er sich bei meiner Mutter durch den
befreienden Gedanken auslste, da hier der verdorbenen Bourgeoisie und
den verhaten Parvens ein grliches Spiegelbild vorgehalten werde,
das sie im Grunde nichts anging, wirkte er in mir schmerzhaft nach. Ich
sah in meinen Trumen Alma, das verdorbene Mdchen aus dem Hinterhaus,
und Frau Adah, die arme Reiche, die nach Glck und Liebe lechzte,
whrend ihr Mann sich mit Straendirnen umhertrieb. Sie waren nichts als
Typen der modernen Gesellschaft, und ihre Wahrhaftigkeit erschtterte
mich.

Und dann las ich mit demselben Feuereifer, mit dem ich einst in Posen
meine heimlich erworbenen Reklambndchen verschlang, die Werke der
Jungen. Jedes Buch ri mir einen neuen Schleier von den Augen.
Kretzers Meister Timpe, Holz-Schlafs Familie Selicke, Gerhart
Hauptmanns Vor Sonnenaufgang, -- mit welcher Grausamkeit enthllten
sie ungeahnte Tiefen des Elends! Dazwischen fielen mir in bunter Reihe
Bcher in die Hnde -- von Strindberg, von Garborg, von Przybyszewski
--, die mit demselben brutalen Wahrheitsfanatismus blutende Herzen und
zuckende Sinne blolegten. Und in diesem grellen Licht, das nur tiefe
Schatten und blendende Helle schuf und milde, zart verschwimmende
Dmmerung nicht duldete, enthllte sich nun auch die Welt in mir. Hatte
ich die zehrende Glut meines Innern, all die Qualen meiner jungen Sinne
doch nur vergebens mit den Feuerlscheimern des Verstandes und der
Pflichterfllung zu ersticken gesucht.

Das Leben hatte in tausend und abertausend bunten Farbenflecken unruhig,
blendend, vor meinen Augen geflirrt; jetzt erst entdeckte ich, da sie
alle notwendig zueinander gehrten und zu einem einzigen, riesigen
Gemlde zusammenschossen. Es galt nur, die Blicke fest und mutig darauf
zu richten, nicht zu schaudern vor der Wahrheit, die im zerschlissenen,
blutbefleckten Gewande der Not der schier endlosen Schar der Hungernden
und Blinden, der Lahmen und Verkrppelten, der Irren und der
Kettentrger voranschritt. Wer sehend war, erkannte unter ihrem
Bettlermantel das Knigskleid, und ihm wandelte sich die Geiel, die sie
trug, zur Fahne des Sieges.

Das Grauen verschwand, ein Gefhl unbezwinglicher Kraft berkam mich. O,
ich war stark genug, um, Seite an Seite mit den anderen, Ruinen
einzureien und Felsen aufeinander zu trmen!

War ich es wirklich?! Beugte ich mich nicht ngstlich jenem pedantischen
Schulmeister, dem Alltag, der mich jeden Morgen aus meinen Trumen
weckte, mich zwang, zwanzig alte, muffig riechende Bcher zu
durchstbern, um ber irgend einen vergessenen Zeitgenossen Goethes
einen kleinen Artikel zu schreiben, oder meinem Schwesterchen beim
Rechnen beizustehen, oder Mamas Winterhut neu zu garnieren, oder fr ein
Dutzend berraschender Abendgste den Tisch zu decken?!

In der Goethe-Zeitschrift waren inzwischen meine Aufstze erschienen,
und von den weimarer Freunden und Verwandten meiner Gromutter wurde mir
eitel Anerkennung zu Teil. Auch der Groherzog lie mir sagen, wie sehr
ihn interessiere, was ich schreibe, und legte mir nahe, nach Weimar zu
kommen, wo ich zu neuen Studien und Arbeiten alle Tren offen und alle
Menschen hilfsbereit finden wrde. Mein Vater strahlte ber diesen
Erfolg und begriff nicht, wie ich auch nur einen Moment zgern knne,
der Anregung Folge zu leisten.

Du bist doch nun einmal dem Tintenteufel verfallen, meinte er, nun
kannst du es wenigstens auf eine standesgeme Weise sein.

Ich schwieg. Sollte ich ihm den Schmerz bereiten und ihm sagen, da die
Fesseln des Standesgemen mir schon jetzt schmerzhaft genug ins
Fleisch schnitten?

Auch im Kreise der Goethe-Zeitschrift verstand man mich nicht.

Der Groherzog selbst fordert Sie auf und bietet Ihnen seine Hilfe an,
und Sie haben noch Bedenken, nach Weimar zu gehen?! sagte Professor
Fiedler, als ich einmal wieder zu einer greren Abendgesellschaft bei
ihm war. Nur Ihre schriftstellerische Jugend bietet mir eine Erklrung
dafr! Was viele Gelehrte vergebens wnschten -- Zugang zu den
verschlossenen Schtzen Weimars --, wird Ihnen hier entgegen getragen,
und Sie greifen nicht mit beiden Hnden zu! Das bedeutet doch nichts
anderes, als eine Sicherstellung Ihrer literarischen Zukunft, als den
Beginn einer groen Karriere. Ich hatte ihm und seiner Untersttzung
schon zu viel zu verdanken, als da sein Zureden ohne Eindruck htte
bleiben knnen.

Sie haben persnliche Beziehungen zum Groherzog von Sachsen-Weimar?
mischte sich ein anderer Gast ins Gesprch, der mich bisher von der Hhe
seiner Berhmtheit und seiner vielbewunderten hnlichkeit mit Goethe
kaum eines flchtigen Grues gewrdigt hatte. Ich erzhlte von Gromamas
Freundschaft mit Karl Alexander. Der Kreis um mich vergrerte sich. Man
erging sich in Lobeserhebungen des Frsten, ber den ich in meinen
Kreisen immer nur hatte lachen und spotten hren.

Wenn Sie sich seiner Gunst weiter erfreuen, -- welche Dienste knnen
Sie dann der Wissenschaft leisten! sagte der Mann mit dem Goethe-Kopf.
Seltsam, wie er pltzlich von meiner Leistungskraft berzeugt schien,
obwohl er alle Zusendungen meiner Artikel mit Stillschweigen bergangen
hatte! Er fhrte mich zu Tisch, und ich, die ich bis jetzt eine
bescheiden abseits Stehende gewesen war, sah mich auf einmal im
Mittelpunkt der Gesellschaft. Das verletzte mich aufs tiefste: waren das
die freien, geistig hoch stehenden Menschen, zu denen ich bewundernd
aufgesehen hatte, deren Verkehr mich in den Strom geistigen Fortschritts
reien sollte?

Auf das angenehmste berrascht wandte ich mich daher meinem Nachbarn zur
Rechten zu, der meinen Aufsatz in der Goethe-Zeitschrift gelesen zu
haben schien und ein paar kritische Bemerkungen darber machte. Er war
ein bekannter sterreichischer Dichter, dessen tapfere Bcher, aus denen
das ganze Leid des jahrhundertelang verfolgten und unterdrckten
Judentums herausschrie, mich ihn schon lange bewundern lieen.

Wie stolz mssen Sie sein, so wertvolle Andenken an Goethe Ihr eigen zu
nennen, wie die Gedichte an Ihre Frau Gromutter, wie den Ring aus der
Hand des Olympiers, meinte er.

Ich zog den schmalen Goldreif vom Finger. Er machte die Runde um den
Tisch. Alles schien entzckt, dankbar, voll Bewunderung.

Mu man das dem Frulein glauben?! rief pltzlich eine helle Stimme
von der anderen Seite der Tafel. Halb verletzt, halb erstaunt, suchte
ich mit den Augen die Sprecherin, -- sie hatte offenbar nicht den
mindesten Respekt vor meinen frstlichen Beziehungen.

Juliane Dry -- flsterte mir mein Tischherr zu, ein berspanntes,
hypermodernes Frauenzimmer. Sie kennen doch ihre Novellen?

Ich kannte nicht einmal ihren Namen. Aber ihre Unart gefiel mir. Nach
dem Souper sprach ich sie an.

Sie sa hingekauert zu Fen des sterreichischen Dichters und ma mich
mit einem feindseligen Blick, whrend sie ungeduldig den tief
herabgesunkenen rmel ihres ausgeschnittenen nilgrnen Kleides auf die
Schulter zurckschob.

Ich habe kein Interesse fr Goethe und nicht das mindeste fr die
Goethe-Philologie, sagte sie gereizt.

Frulein von Kleve sieht mir aber auch nicht aus, als ob sie mit Haut
und Haaren der Philologie verfallen wre, lachte der Dichter, ein wenig
verlegen ob der Ungezogenheit seiner Gefhrtin.

Ich danke Ihnen fr die gute Meinung, antwortete ich und setzte mich
auf einen geraden Holzstuhl, der mit ein paar anderen seinesgleichen,
einigen von Zeitschriften beladenen Tischen und schlichten Bcherregalen
die Einrichtung des Raumes bildete. Es schien als sei diese Einfachheit
wohlerwogene Absicht, denn um so gewaltiger und beherrschender traten
die Goethe-Bilder hervor, die die Wnde schmckten. Tatschlich habe
ich gar keine Neigung zur Philologie, -- sehen Sie nur, wie all der
aufgehufte papierne Wissenskram schon vor dem bloen Abbild des
lebendigen Goethe zusammenschrumpft! Es widerstrebt mir geradezu, ihn zu
vermehren.

Warum tun Sie's denn?! rief die junge Schriftstellerin, spttisch
lachend. Ich schwieg. Ich hatte die Empfindung, schon viel zu viel von
mir selbst verraten zu haben. Der Dichter, bemht, zwischen mir und dem
Mdchen zu seinen Fen eine Brcke zu bauen, lenkte ein: Seien Sie ihr
nicht bse. Sie ist viel besser, als sie sich gibt, und mit der
borstigen Auenseite will sie nur das allzu Weiche ihres Inneren
verstecken.

Sie will?! Juliane Dry sprang auf und whlte mit nervsen schmalen
Fingern, die merkwrdig wenig zu der kurzen breiten Hand und dem
vulgren Handgelenk paten, in ihrem wirren Haarschopf. Sie will gar
nicht. Aber zuweilen mu sie. Und das Mssen widert sie an. Nicht
verbergen, blolegen, was ihr im Innern lebt -- ganz nackt und blo --,
da Ihr guten anstndigen Leute eine Gnsehaut kriegt, das will sie, --
das wollen wir alle, die wir jung sind, und dem Leben dienen, -- und
keinem toten Gtzen. Mir stieg das Blut in die Schlfen. Das Zimmer
hatte sich gefllt. Wie konnte man vor all diesen fremden Menschen die
Pforten seiner Seele aufreien, dachte ich, und doch beneidete ich sie,
weil sie es konnte.

Sie hatte einen Funken ins Pulverfa geschleudert. Eine allgemeine
Unterhaltung ber das Wollen und Knnen der Jungen entspann sich, bei
der die scheinbar ruhigsten Menschen in leidenschaftliche Erregung
gerieten, -- jene Erregung, die immer verrt, da der Kampf aufhrt,
objektiv gefhrt zu werden. Ich hrte mit steigendem Erstaunen zu.
Verteidigten sie nicht im Grunde ihre persnliche Ruhe, wenn sie mit
Keulen auf alle diejenigen losschlugen, die die Wahrheit vom Leben
verkndigten?

Der Pbelruhm Zolas und Ibsens ist den Leuten zu Kopfe gestiegen,
eiferte Dr. Friedrich, der von vielen als zweiter Lessing gepriesen
wurde, und sein schmales bartloses Gesicht rtete sich. Man spekuliert
auf die ganz gemeine Freude am Schmutz, und hat damit natrlich die
Masse auf seiner Seite. Was wrde der Groe hier sagen -- er wies mit
einer theatralischen Gebrde auf die Bilder an den Wnden -- wenn er
diese Entartung der deutschen Literatur htte erleben mssen!

Eine Pause trat ein. Juliane Dry stampfte mit dem Fu und bi sich die
vollen Lippen wund, aber auch sie schwieg. Die Autoritt des
gefrchteten Mannes wirkte lhmend auf alle. Ich allein war noch viel zu
naiv, um von seiner Macht eine Ahnung zu haben.

Ich glaube, niemand wrde die Jungen besser verstehen und wrdigen als
er, begann ich leise und stockend, whrend ngstliche, warnende und
spttische Blicke sich auf mich richteten. Sein Werther, sein Meister,
sein Faust und sein Gretchen vor allem mgen die meisten seiner
Zeitgenossen durch ihre Wahrhaftigkeit nicht minder verletzt haben als
die Enthllungen des ueren und inneren Elends der Gegenwart Sie heute
verletzen. Mir scheint, Dichter und Knstler mssen uns die Wahrheit
zeigen, wie sie ist, weil wir selber nicht den Mut haben, sie aus
eigener Kraft zu sehen.

Man unterbrach mich; Rufe der Entrstung wurden laut, ich wollte schon
verschchtert schweigen, als ein khler, herausfordernder Blick Dr.
Friedrichs mich traf, der jetzt dicht vor mir stand.

Reden Sie nur weiter, gndiges Frulein, reden Sie! Es ist
psychologisch interessant, einmal zu sehen, wie die Dinge auf Menschen
wirken, die, wie Sie, dem Leben so fern stehen.

Ich stehe ihm nher, viel nher, als Sie glauben -- nun flossen mir
die Worte rasch und klar von den Lippen -- und ich wei, da wir nicht
weiter kommen -- der Einzelne nicht und die Gesamtheit nicht --, solange
wir uns scheuen, das Bse und Widerwrtige, das Hliche und
Schmerzhafte zu sehen, wie es ist. Erst daran erprobt sich die
Lebenskraft. Kein greres Zeichen der Dekadenz gibt es als die Furcht
vor dem Schmerz. Sie ist unsere Krankheit, und an ihr geht unsere Welt
zugrunde, wenn sie sich von den Ibsen und Zola und Nietzsche und denen,
die ihresgleichen sind, nicht heilen lt. Ich atmete tief auf. Jetzt
erst sah ich wieder, wer um mich war: man lchelte, halb verlegen, halb
mitleidig, man zuckte die Achseln.

Wenn nichts anderes, so haben Sie doch eins bewiesen, meine Gndigste,
spttelte Dr. Friedrich, Sie haben Ihren Beruf verfehlt: eine Rednerin
ist an Ihnen verloren gegangen.

Ich fhlte mich gedrckt und verlegen und mochte den Mund nicht mehr
auftun.

Auf dem Nachhausewege schlo sich mir pltzlich Juliane Dry an und
schob ihren Arm in den meinen.

Sie sind eine tapfere kleine Person, sagte sie, aber furchtbar dumm
sind Sie auch! -- Das vergit Ihnen der Friedrich nie!

Wenn meine ganze Dummheit darin besteht, -- die Folgen will ich auf
mich nehmen.

Na -- allerhand Achtung vor Ihrer Kurage! -- Aber -- da wir zwei die
Wahrheit zu vertragen scheinen, so sag ichs frei heraus: Ihre Dummheit
ist noch nicht erschpft. Sie haben Ihr Gewissen sogar mit einem
Verbrechen beladen. Sie haben der Kunst ethische Motive angedichtet. Die
Kunst ist Kunst, -- nicht mehr, aber auch nicht weniger. Sie hat eine
neue Schnheit entdeckt, die der Wahrheit -- der Hlichkeit meinetwegen
--, die mu sie darstellen. Im Wort, im Bild, im Ton. Aber ntzen und
bessern will sie nicht, soll sie nicht.

Mag sein, da das nicht ihre Absicht ist. Auch die Blume blht und
duftet und ist schn und vollendet, selbst wenn sie nicht zur Frucht
werden wollte. Aber die Frucht kommt ohne ihre Absicht.

Es zuckte ironisch um die Mundwinkel meiner Begleiterin. Ihr Vergleich
hinkt. Die Blume mu sterben, soll die Frucht ihre Folge sein. Die Kunst
aber blht und ist immer Frucht und Blume zugleich.

Wir waren ber kaum angelegte Straen, an Kartoffelfeldern vorbei bis zu
der alten Linde gelangt, die mitten in der Straenkreuzung des
Kurfrstendamms und der Tauenzienstrae stand, ein letzter Zeuge jener
Vergangenheit, wo die lauernde Schlange der Grostadt die Natur noch
nicht bis zum letzten Rest in ihrer Umarmung erdrosselt hatte.

Wir trennten uns mit einem Hndedruck und doch eben so fremd wie vorher.
Nicht zu jenen gehrte ich, deren Gast ich eben gewesen war, und nicht
zu ihr. Wohin denn?...

       *       *       *       *       *

Am nchsten Morgen schrieb ich an meine Verwandten nach Weimar und
kndigte meinen Besuch an. In die Arbeit wolle ich mich strzen, das
wrde wieder das Beste sein.

Vor meiner Abreise kam die Familie noch einmal vollzhlig bei uns
zusammen: Onkel Walter mit seiner Frau, die Potsdamer Kleves, Vetter
Fritz und Vetter Hermann Wolkenstein, der als Offizier auf keine
Karriere zu rechnen hatte und daher zur Diplomatie bergegangen war.
Auch Tante Jettchen, das Familienorakel, war gekommen, sehr alt, sehr
gebrechlich, aber mit ihren scharfen klugen Augen doch noch alles
sehend, alles beobachtend, und in ihrem Urteil hrter denn je. Ihr Kopf
schien nichts als ein Lexikon der Familie zu sein. Sie kannte die
Schicksale der entferntesten Verwandten. Mich mochte sie nicht: da ich
als Kind auch nur wochenlang eine jdische Schulfreundin gehabt hatte,
war ein unauslschlicher Makel in meiner Erziehung. Heute jedoch lie
sie sich meinen Handku auf das gndigste gefallen.

Es freut mich, freut mich sehr, da du nach Weimar gehst, sagte sie,
fr verschrobene Kpfe wie deinen ist das gut -- sehr gut. Literarisch
angehauchte Frauenzimmer haben dort Aussicht auf Hofkarriere. Ich
lchelte unwillkrlich: Professor Fiedler hatte auch von der Karriere
gesprochen!

Die Unterhaltung drehte sich zunchst um Familienereignisse. Von den
Vettern, die um die Ecke gegangen waren, und die, statt wie frher nach
Amerika, jetzt nach den Kolonien abgeschoben wurden, um als
Kulturtrger aufzutreten; von den sitzengebliebenen Kusinen, die
Krankenpflegerinnen wurden, weil andere Berufe sich doch nicht
schickten, war die Rede. Besser sich die Finger mit Blut als mit Tinte
beschmutzen, krhte die hohe Greisenstimme Tante Jettchens. Und dann
wurde das unerhrte Ereignis krftig glossiert, da ein Golzow die
Tochter eines Groindustriellen geheiratet hatte. Die erste Unadelige in
der Familie, und noch dazu der Sprling eines Kohlenfritzen!

Und der Kerl, der Ernst, hat noch die Frechheit gehabt, mir seine
Verlobungsanzeige zu schicken. Auf Tante Jettchens runzligen Wangen
brannten rote Flecke. Aber freilich, wenn von oben das Beispiel gegeben
wird! -- Wenn Se. Majestt selbst mit dem Kanonen-Krupp und den
Hamburger Kaffeescken fraternisiert! -- Und amerikanische
Milliardrstchter, deren Vter noch mit dem Bndel auf dem Rcken
durchs Land zogen, hoffhig werden! -- Ihre Stimme berschlug sich, der
stockende Atem zwang sie zum Schweigen. Und nun erst griff die rechte
Stimmung Platz, ohne die eine Gesellschaft unserer Kreise kaum noch
mglich schien: Jeder wute einen neuen Hofklatsch, eine neue Variation
einer der vielen Kaiserreden oder flsterte dem Zunchstsitzenden -- aus
Rcksicht auf die anwesenden jungen Mdchen -- einen neuen derben Spa
zu, durch den irgendein Eulenburg oder Kessel die Lachlust Sr. Majestt
gereizt und sich eine neue Gunstbezeugung errungen hatte.

Fr das Modell des Doms, mit seiner berladenen Pracht, hat er selbst
die Zeichnungen entworfen, sagte der eine, dem Darsteller des groen
Kurfrsten in Wildenbruchs neuem Spektakelstck, dem 'neuen Herrn' --
das brigens ein unglaublich taktloser Angriff auf Bismarck ist -- hat
er persnlich gezeigt, wie ein Hohenzoller sich bewegen und benehmen
mu, -- fgte ein anderer hinzu, kurz, der liebe Gott kann alles, aber
der Kaiser kann alles besser, lachte Onkel Walter. Und die alte Tante
schttelte sich vor Vergngen: Als roi soleil hat er sich ja auch schon
malen lassen!

Nur die Kleves waren verlegen und still, und Papa hatte sich mit
bezeichnenden Blicken auf die jungen Offiziere schon oft vernehmbar
geruspert.

Nun aber genug des grausamen Spiels, unterbrach er schlielich den
allgemeinen Redeflu. Ich komme gewi nicht in den Verdacht, ein
Sachwalter des neuen Kurses zu sein, wenn ich daran erinnere, da wir
doch auch Ursache haben, dem jungen Herrn zuzustimmen. Schien er im
berschwang jugendlicher Gefhle den Herren Sozialdemokraten
Konzessionen zu machen und den Arbeitern die Backen zu streicheln, so
hat er doch beizeiten gestoppt und andere Saiten aufgezogen -- --

Doch die Verteidigung steigerte nur die Heftigkeit des Angriffs.
Merkwrdig, welche Reizbarkeit alle Menschen befallen hatte, wie es fast
unmglich schien, eine ruhige Unterhaltung zu fhren.

Du siehst die Dinge wirklich nur von auen, lieber Hans, rief Onkel
Walter, der sich als Reichstagsmitglied fhlte und sich gern das Ansehen
gab, als wre er in alle politischen Kulissengeheimnisse eingeweiht;
tatschlich steuert man direkt in den Sozialismus hinein, und das um so
rascher, je mehr man uns, die einzigen Sttzen der Monarchie, vor den
Kopf stt. Ist es erhrt, da von einem preuischen Knige Ausdrcke
wie der von der Rebellion der Junker kolportiert werden knnen, da
Reden gehalten werden, wie auf dem brandenburgischen Provinziallandtag,
die nichts anderes sind, als ein Kriegsruf gegen uns?!

Meine Mutter stimmte eifrig zu. Der Geist der Unzufriedenheit, von dem
der Kaiser sprach, und der die Seelen vergiftet, ist wahrhaftig anderswo
zu suchen! sagte sie und lenkte die Unterhaltung auf die moderne
Literatur. Seitdem sie Die Ehre und Sodoms Ende gesehen hatte,
schien sie von dem Eindruck ganz beherrscht zu sein und schwankte
zwischen der Emprung, die die traditionelle Auffassung von dem, was
sich schickt, ihr ausprete, und zwischen der Anerkennung, zu der ihr
Gerechtigkeitsgefhl sie zwang. Sie wnschte sichtlich ihre Emprung zu
strken, aber unsere Gste hielten dies Thema nicht fr der Mhe wert,
um sich deswegen zu erhitzen. Wie kannst du dergleichen ernsthaft
nehmen, meinte Onkel Walter achselzuckend; eine neue Form amsanter
Schweinereien -- nichts weiter. Nur Tante Jettchen ereiferte sich:
Anstndige Leute gehen in solche Stcke nicht. Und erleichtert ber
die Wendung des Gesprchs, sekundierte ihr die fromme Tante aus Potsdam.

Am Tisch der Jugend, wo man indessen Schreibspiele gespielt hatte, sa
ich in steigender Erregung. Pltzlich trafen mich die scharfen Augen des
Familienorakels. Ich glaube gar, das Kken mchte mitreden, wo sie
nicht einmal hinhren sollte. Ich wurde rot. Auf der faltigen Stirn der
alten Frau erschienen hundert neue Runzeln. Du erlaubst dir am Ende,
eine andere Meinung zu haben?! forderte sie mich heraus. Verlegenheit
vor all den Blicken, die sich auf mich richteten, Angst vor dem Skandal,
den ich erregen wrde, lieen mich schweigen. Aber als wir Jugend beim
Abendessen, getrennt von den anderen, zusammensaen und Hermann
Wolkenstein eine wegwerfende Bemerkung machte, die mir in seinem Munde
doppelt lcherlich vorkam, verteidigte ich die moderne Richtung in Kunst
und Literatur, und zwar um so schrfer, je mehr mich die Beschrnktheit
und der dumme Hochmut der anderen emprte.

Wei Tante Klotilde um deine Ansichten? frug unvermittelt eine der
Potsdamer Kleves und streifte mich mit einem schiefen, lauernden Blick.

Ich wrde vor ihr am wenigsten Ansto nehmen, sie zu entwickeln,
antwortete ich und warf den Kopf zurck.

Von dir wundert mich schon gar nichts mehr, meinte Hermann
nasermpfend. Wer sich mit jdischen Literaten intimiert ...

Beleidige doch deine Vorfahren nicht noch im Grabe -- spottete ich.

Er warf mir einen bsen Blick zu. Die anderen, ihrer tadellosen
Ahnenreihe bewut, lchelten leise. Das reizte ihn noch mehr. Er hieb
mit der riesigen, weien, gepflegten Hand auf den Tisch, da sein
Kettenarmband klirrend unter der Manschette hervorsprang.

Und du spiel' dich nicht auf, zischte er zwischen den Zhnen hervor;
mit deiner Vergangenheit hast du am wenigsten Grund dazu. Ein
unartikulierter Laut lie mich den Kopf rasch zur anderen Seite wenden,
Fritz hatte ihn ausgestoen. Er sa da, kreidewei im Gesicht, mit
zuckenden Lippen.

Sie werden meine Kusine um Verzeihung bitten, Baron Wolkenstein,
herrschte er Hermann an. Habe gar keine Ursache, Herr von
Langenscheid, antwortete dieser, lehnte sich breit in den Stuhl zurck
und steckte die Hnde in die Hosentaschen. Ich umklammerte hastig die
heien Finger meines Verteidigers. Mach doch keine Geschichten, Fritz
--, Hermann ist taktlos wie immer -- bitte, mir zuliebe, beruhige dich!
-- das ist ja grlich -- hier, im Hause meiner Eltern!

In diesem Augenblick fingen die Verwandten im Nebenzimmer an, sich zu
verabschieden. Fritz zog mich beiseite. Er zitterte vor Erregung.

Und du verteidigst dich nicht einmal gegen solche Gemeinheit,
flsterte er mit erstickter Stimme.

Verteidigen?! Vor solch einem Menschen?!! Soll ich ihm vielleicht
eingestehen, da ich einmal im Leben liebte, -- mit ganzer Seele und mit
vollem Herzen?! Soll vor den Leuten, die gar keiner starken Empfindung
fhig sind, mein Inneres entblen, was ich vor mir selbst zu tun kaum
den Mut habe?

Alix! von weit her schien jemand meinen Namen zu rufen, mit einem
Ausdruck, der mir in die Seele schnitt.

Im nchsten Moment beugte ich mich zum Abschied ber die welke Hand
Tante Jettchens, hrte mit halbem Ohr ein allgemeines Stimmengewirr und
fhlte schlielich noch Papas Lippen auf meiner Stirn.

Gott Lob, murmelte er, den Abend htten wir hinter uns!

Vertrumt und erstaunt sah ich um mich, als ich acht Tage spter in
Weimar ankam. Stand die Zeit hier seit zehn Jahren still?! Derselbe
helle Maienabend wie damals empfing mich. Und in dasselbe alte Haus an
der Ackerwand fhrte mich die Hofequipage, wie einst, als die Gromutter
ihr Enkelkind zum erstenmal hergeleitete. Sie freilich war nicht mehr
da, und doch war mirs, als ob ihr Kleid neben mir die Treppe hinauf
rauschte. Auch ihr Bruder war lange tot, und doch schien's, als wre der
schne, tief brnette Mann mit den schmalen Hnden und dem leicht
gebeugten Nacken, der mich empfing, kein anderer als er.

Im Rokokosalon mit den vielen Miniaturen ber dem grazisen Sofa und den
verblaten Pastellbildern an der mattblauen Seidentapete erhob sich aus
dem goldgeschnitzten Lehnstuhl am Fenster ein schlankes Frauenbild und
streckte mir mit einem s-zrtlichen Lcheln ein weies Hndchen
entgegen. War das wirklich die Grfin Wendland -- meine Tante --, oder
war es nicht Frau von Stein, deren Schatten sich aus dem Nebenhaus
hierher verirrt hatte?! Dann kamen die Kinder und begrten mich, --
lauter kleine Elfen mit allzu schweren Haaren auf den feinen Kpfchen
und allzu groen Blauaugen ber den schmalen Wangen.

Drauen vor meinem Zimmer pltscherte der Brunnen, wie vor uralten
Zeiten, und die Bume rauschten feierlich, als trfe ihre Kronen niemals
ein Wirbelsturm.

Am nchsten Morgen besuchte mich der Groherzog. Er kam zu Fu und
unangemeldet, mit den raschen elastischen Schritten eines jungen
Mannes; ich hatte kaum Zeit, ihm bis zum Treppenaufgang entgegenzugehen.
Und dann sa er mir im Rokokosalon gegenber, und je lnger er sprach --
mit heller Stimme und in dem eleganten Franzsisch des ancien rgime --,
desto tiefer versank die Gegenwart, und in mystischem Halbdunkel stieg
die Vergangenheit empor. Von der Gromutter erzhlte er mir zuerst, wie
schn und wie gut und wie klug sie gewesen wre, wie sie Weimars Geist
in sich verkrpert habe, wie er nie habe verstehen knnen, da sie
anderswo als in ihrer Seelenheimat zu leben imstande gewesen war.
Zuweilen legte er die Hand ber die Augen, eine gelbliche, blutleere
muskellose Hand, die gewi niemals fest zuzupacken vermocht hatte, und
lehnte sich, als kme pltzlich die Erinnerung an das eigene Alter ber
ihn, tief in den Stuhl zurck. Aber gleich darauf reckte sich sein
schmaler Oberkrper krampfhaft auf, die Hnde umschlossen die
Seitenlehnen, die Augen weiteten sich, und mit dem stereotypen
angelernten Frstenlcheln, das ber jede Empfindung hinweg tuschen
soll, begann er wieder zu reden. Nun war ich nicht mehr das Enkelkind
der Freundin seiner Jugend, sondern die Schriftstellerin, von der er die
Erfllung eines langgehegten Wunsches erwartete. Die Geschichte der
Gesellschaft Weimars sollte ich schreiben, jener Gesellschaft, die seit
Goethes Ankunft in der Residenz Karl Augusts getreu ihrer Tradition,
Knstler und Dichter als gleichberechtigte aufgenommen und ihnen den Weg
zum Ruhm gebahnt hat. Und von den Vielen erzhlte er, denen Weimar ein
Sprungbrett ins Leben gewesen war, die hier zuerst die Anerkennung
fanden, die die Welt drauen ihnen versagte. Er begeisterte sich an
seinem eigenen Gedankengang, sein farbloses Gesicht berzog sich mit
einer ganz feinen blulichen Rte, und in seinen verschleierten Augen
entzndete sich ein stilles Licht.

Sie sind prdestiniert, dies Werk zu schaffen: Getrnkt mit Weimars
Erinnerungen, erzogen in Weimars Geist, geleitet von dem unfehlbaren
Takt der Aristokratin, sagte er, indem er sich erhob und mir die Hand
reichte. Von Ihnen brauche ich keine jener widerwrtigen Enthllungen
zu frchten, die die Kunst beschmutzen, das Leben vergiften. Meine
Archive stehen Ihnen offen; dasselbe glaube ich auch im Namen der
Groherzogin versprechen zu drfen. Ich hoffe, Sie oft zu sehen -- --

Zu einer Antwort lie er mir keine Zeit mehr, -- da ich nicht nein
sagen knnte und drfte, war ihm selbstverstndlich. Ich hatte mich nur
noch tief und dankbar zu verneigen.

Und immer enger spann sich Weimars Zaubernetz mir um Geist und Sinne.
Mit offenen Armen, wie eine Heimkehrende, ward ich berall aufgenommen.
Whrend langer Audienzen besprach die Groherzogin meine Arbeit im
Goethe-Archiv mit mir. Sie blieb stets in jedem Wort und jeder Bewegung
die unnahbare Frstin, und doch lag ein mtterlicher Ausdruck auf ihren
Zgen, wenn ich eintrat. Der kleine, derbe Erbgroherzog, in allen
Stcken das Gegenteil seines Vaters, glich ihm mir gegenber in der
Freundlichkeit, die durch seinen breiten Weimarer Dialekt und seine mit
einer gewissen Absichtlichkeit bertriebene Verachtung aller Form noch
um einen Schein herzlicher war, und seine gute, dicke Frau, die gewi
eine prchtige Landpastorin abgegeben htte, untersttzte ihn darin.
Mit der halben Hofgesellschaft verbanden mich verwandtschaftliche
Beziehungen; Vettern und Kusinen sechsten und achten Grades behandelten
einander hier in dem festgeschlossenen Kreise wie nahe Blutsverwandte.
Wir waren in groer Gesellschaft, wenn kaum einer unter uns nicht Du
zu dem anderen sagte.

Wie ein ser Duft verlschter Wachskerzen schwebte die Erinnerung an
das achtzehnte Jahrhundert ber all diesen Menschen und ihrer Umgebung.
Alles war verblat, was damals in Farben und Gefhlen gejauchzt und
geschwelgt hatte: die Rosenteppiche, -- die gemalten Wangen, -- die
Liebe. Und die raschelnden bauschenden Gewnder, die Schnpflsterchen,
die bunten Westen, die weien Percken und Galanteriedegen hatten die
Damen und Herren abgelegt. Sie sahen darum oft recht drftig und
ungeschickt aus. Nur wenn im Schlo die Lster brannten und das blanke
Parkett und die hohen Spiegel ihr Licht tausendfltig wiedergaben,
schienen sie sich des alten Lebens bewut zu werden. Sie tanzten und
lachten und neigten sich und nippten vom sen Weine, und ich selbst
mitten darin kam mir vor wie ihresgleichen: ein Schatten der
Vergangenheit.

Auch in die Brgerhuser kam ich, wo Erinnerungen alter Zeiten in
vergilbten Briefen, zrtlich-himmelblauen Stammbchern, Ringen aus den
Haaren der Liebsten, Prunktassen mit den Bildern der Unsterblichen
verwahrt wurden. Der freundliche, ein wenig sentimentale, ein wenig enge
Geist der dreiiger Jahre herrschte hier. Keine moderne Renaissance
hatte die gradlinigen Biedermeiermbel und die hellen Mullgardinen
verdrngt, und trotzdem der Rausch der Farben und der Tne eines
Bcklin, eines Liszt und Wagner ihr Auge und ihr Ohr getroffen hatte,
standen sie inmitten der weichen Mrchentrume Schwindscher Wlder, und
in ihrem Inneren klangen die Volksweisen Felix Mendelsohns.

Ich arbeitete jeden Vormittag in den Rumen des Goethe-Archivs, hoch
oben im linken Schloflgel, durch dessen Fenster der Blick weit ber
den Park hinweg schweifen konnte und das Ohr nichts vernahm als das
leise Geschwtz zwischen der pltschernden Ilm und den grnen
Baumblttern ber ihr. Die gelehrten Herren, die mit mir arbeiteten,
behandelten mich mit jener ausgesuchten Hflichkeit, die Mauern
aufrichtet zwischen den Menschen. Sie beantworteten meine Fragen, sie
brachten mir, was ich brauchte, sie verbeugten sich tiefer vor mir, als
es ntig gewesen wre, aber ich fhlte trotzdem die Geringschtzung des
deutschen Gelehrten vor dem Weibe, das in seine Kreise dringt. Doch je
lnger ich in Weimar war, desto dichter umhllte mich eine Atmosphre
des Weihrauchs, die mich nicht nur unempfindlich, sondern auch unnahbar
hochmtig machte. Nur einer, der Direktor, ein geistvoller Sonderling,
begegnete mir wie ein Mensch dem Menschen. Zuweilen aber kam es vor, da
ich seine vterlichen Ermahnungen, seine klugen Ratschlge, seine
sarkastischen Kritiken nicht mehr vertrug. Nicht nur die Eitelkeit, die
in der Treibhausluft der Salons so ppig gedieh, auch die Ungeduld, die
mich oft mitten in der Arbeit packte, trug daran die Schuld.

Man degradiert sich zum Lumpensammler bei dieser ewigen
Papierkorbarbeit, rief ich einmal emprt, als ich eine Notiz, die mir
fehlte, durchaus nicht finden konnte.

Der Direktor, der mir whrend der letzten Stunden geholfen hatte, sah
mich stirnrunzelnd an.

Sie sind sehr jung und sehr voreilig, gndiges Frulein, sagte er
scharf. Wer zur Vollendung eines Mosaikbildes ein einziges Steinchen
braucht und Kisten und Kasten, selbst Bergwerke darnach durchforscht,
der leistet eine wertvollere Arbeit, als mancher, der ein ganzes Gemlde
in zwei Stunden hinpatzt. 'Beschrnkung ist berall unser Loos,' sagt
unser Meister, und mit vollem Bewutsein einseitig werden, ist der
Ausgangspunkt tchtiger Leistung.

Beschrnkung ist berall unser Loos, -- das bohrte sich in mein Gehirn
-- ich suchte von da an meine Steinchen und unterdrckte mein Murren.

An einem Lenztag, der so reich war, als htten alle Lieder der Snger
Weimars sich in Duft und Glanz und Farben verwandelt, fuhren wir hinauf
nach Belvedere. Der Groherzog hatte uns zum Frhlingsfest in sein
Schlchen geladen. In eine Laube von Maiglckchen und Rosen war der
runde Gartensaal verwandelt; durch die weit geffneten Trbogen lachte
der blaue Himmel, auf dem blinkenden Silber und den geschliffenen
Kristallen der Tafel glnzte die Sonne, die Zahl der Tischgste
berstieg nicht die der Musen, und ein heiteres Gesprch, das wie der
Wiesenbach alle Ecken und Kanten meidet und selbst die Steine
streichelt, die ihm im Wege liegen, flutete hin und her. Warum nur meine
Gedanken zuweilen den Faden verloren, und der Mrchenwald am grnen
Badersee mir wie eine Fatamorgana erschien und khler Bergwind mir die
Stirn umstrich? -- der Duft der Maiglckchen war es wohl, der den Zauber
hervorrief.

In den Park geleitete uns unser Gastgeber nach dem Diner. Er zeigte mir
das Labyrinth und die Naturbhne und wies mit liebevoller Bewunderung
auf die sanften waldigen Hgelketten, die sich weit bis in die Ferne
dehnten. Das ist Schnheit, sagte er, ruhig-vornehme Schnheit, ein
reiner Rahmen fr echte Kunst, wie wir sie in Weimar gepflegt haben und
pflegen werden. Ich freue mich, da Sie uns helfen wollen. -- Sie werden
in Weimar bleiben, nicht wahr? Ich antwortete ausweichend. Er verstand
mich falsch: Eine Stellung zu finden, die Ihnen entspricht, drfen Sie
mir berlassen, und mit einem freundlichen Hndedruck wandte er sich
anderen zu. Auf dem Heimweg gratulierten mir meine Verwandten. Graf
Wendland, der hinter den Allren eines tadellosen Hofmannes einen
klugen, merkwrdig freien Menschen verbarg, meinte mit einem feinen
Lcheln: Der weie Falke wird der Hofhistoriographin nicht fehlen. Ein
Ziel, aufs innigste zu wnschen, nicht wahr?!

An demselben Abend war ich bei einer meiner vielen Tanten zum Souper.
Aber es war eine, die nicht wie die vielen war, -- ein Original, ber
das die Familie die Achseln zuckte und die Kpfe schttelte. Sie hatte
sich schon in ihrer frhen Mdchenzeit Weimar zum Trotz ihr eigenes
Leben geschaffen. Sie suchte sich ihre Hausfreunde unter den Knstlern
und Dichtern, die sonst in Goethes Stadt doch nur zu wirksamen
Dekorationsstcken der Hofgesellschaften verwendet wurden. So war sie
allmhlich zur mtterlichen Freundin all der jungen Menschen geworden,
die hier auf der steilen Leiter zum Ruhm die ersten Schritte taten oder
knstlerische Offenbarungen suchten. Und wem der Zwang des Hofes lstig
wurde, wer frischere Luft brauchte, wem ein freies Wort auf der Zunge
brannte, der kam zu ihr.

Heute waren sie alle um ihren Teetisch versammelt, die Alten und Jungen:
Lassens jovialer Knstlerkopf tauchte neben dem schnen Schillerprofil
Alexander von Gleichens auf; ein paar auswrtige Freunde, Schriftsteller
und Theaterdirektoren, die zum bevorstehenden Goethe-Gesellschaftstag
schon angekommen waren, fanden sich ein; Richard Strau stand schchtern
in einer Ecke, der blasse junge Kapellmeister, den die meisten
verlachten, und der hier bei der gtigen Frau, die ihn eben in schwerer
Krankheit gepflegt hatte, wie Kind im Hause war. Und schmal und bla wie
er, in altmodischem Sammetkleid und glattgescheiteltem Haar tauchte ein
Mdchen -- nicht jung, nicht alt -- in der Tre auf, das mir die Tante
schon oft als groes dichterisches Talent gepriesen hatte: Gabriele
Reuter. Und eine junge Sngerin kam, eine bayerische Oberstentochter,
die trotz ihrer schnen Stimme auf der Bhne nicht heimisch werden
konnte und ngstlich, wie ein verirrter Vogel, nach Menschen suchte, die
sich ihrer annahmen. Die Hausfrau dirigierte wie ein Feldherr die bunte
Gesellschaft und das Gesprch, -- und warf ein geistvolles Wort hinein,
wenn es auf die Landstrae allgemeinen Klatsches zu geraten drohte.
Schlielich stritt man sich hitzig ber Weimars Bedeutung fr das
geistige Leben der Gegenwart.

Knstler bedrfen der Ruhe, sagte Gleichen, aber sie verkommen und
versauern, wenn sie nicht immer wieder mit einer Ladung von Ideen aus
der Welt drauen hierher zurckkehren.

Lebhaft widersprach Werner von Eberstein, ein junger Historiker, der im
groherzoglichen Hausarchiv ttig war. Fr den Mann der Wissenschaft
gibt es nichts Besseres, als in diesen sicheren Port einzulaufen, wo
nichts ihn von seinen Studien ablenkt.

Die Tante ergriff lebhaft Gleichens Partei. Alten Leuten mag das
entsprechen. Euch Jungen aber mu der Sturm erst tchtig um die Nase
blasen, sagte sie. Ausgegangen sind viele von hier, mit Schaffenskraft
gesttigt, aber etwas geworden sind sie erst auerhalb unserer milden
Luft. So gern ich Euch habe, Kinder, -- hinaustreiben mcht ich Euch
alle miteinander, und damit nickte sie dem schmalbrstigen Musiker und
der schchternen kleinen Schriftstellerin zu, um sich gleich darauf an
mich und an Eberstein zu wenden, der neben mir sa und ihr Neffe war:

Ihr seid beide schon in Vorschulorbeeren eingewickelt bis an den Hals,
aber trotzdem gebe ich euch noch nicht auf. Habt die Selbstverleugnung,
sie abzureien! Hoflust erstickt Talente, genau so wie die der
Hinterhausstuben.

Sie sind ganz bla und still geworden, liebes Frulein, sagte
Gleichen, als er mich spt in der Nacht nach Hause begleitete. Glauben
Sie, ich htte meine verrckten Krautgrten malen knnen, wenn ich die
Blumen und die Sonne nicht anderswo gesehen htte als hier?!

Er kam mir vor wie ein alter Freund, obwohl ich ihm zum erstenmal
begegnet war.

Aber vielleicht bedeutet Weimar fr mich, was fr Sie die brige Welt
bedeutet: Leben -- Befreiung?! antwortete ich.

Nein, sagte er energisch und drckte mir die Hand. Nein -- Sie
brauchen greren Spielraum fr Ihre Freiheit.

Ich wurde mder von Tag zu Tag. War es die tgliche stundenlange
Morgenarbeit in den Archiven, war es die ununterbrochene Geselligkeit am
Mittag und am Abend, die mich allmhlich erschlafften? Ich wurde mir
nicht klar darber. Aber ich sehnte mich in die Stille der Berge, wo ich
mit Hilfe der aufgehuften Materialien mein Buch zu beginnen die Absicht
hatte. Nur die Goethe-Tage wollte ich noch abwarten. Sie fielen in
diesem Jahre mit dem Jubilum des alten Theaters zusammen und zogen
Berhmtheiten aus aller Herren Lndern nach Weimar. Auch meine Berliner
Freunde fehlten nicht.

Habe ich ihnen nicht gut geraten? meinte Professor Fiedler mit
ehrlicher Freude, als er mich im Mittelpunkt der Gesellschaft, von
Anerkennung und Schmeichelei umgeben, wiedersah.

Welch eine Ehre fr mich, mein gndiges Frulein, sagte der Mann mit
dem Goethekopf, als er bei einem Diner neben mir sa.

Und ich sah mit wachsendem Mivergngen, wie tief all die Mnner der
Kunst und Wissenschaft die grauen Kpfe vor den Frsten neigten, wie sie
erwartungsvoll, stumm und aufgeregt in Reih und Glied standen und ein
Ausdruck von Beglckung das Gesicht jedes Einzelnen belebte, wenn der
Groherzog ein paar nichtssagende Worte an ihn richtete. Ich wurde
mitrauisch gegen jeden, der mich zuvorkommend behandelte. Selbst die
Freude an den Versen, die der greise Bodenstedt an mich richtete,
verbitterte mir der Gedanke, da nur der Glanz der Krone, in deren
hellem Umkreis ich stand, mich dem Dichter als das erscheinen lie, was
er besang.

Mit mir selbst zerfallen, sa ich am Vorabend meiner Abreise im dunklen
Hintergrund der kleinen Hofloge des Theaters und sah den Faust. Wie
seltsam geschah mir: Acht Wochen hatte ich in Goethes Stadt gelebt,
hatte tglich die Luft geatmet, die droben im Archiv sein Lebenswerk in
seinen Schriften umgab, und nun pltzlich sprach er selbst, und -- ich
kannte ihn nicht! Als htte ich sie niemals gelesen, niemals auswendig
gewut, trafen seine Worte mein Ohr; lauter grelle Blitze, die das
Dunkel erhellten, lauter Donnerschlge, die mich erbeben lieen.

Das war des Menschen Schicksal, das an mir vorber rollte; mein eigen
kleines Leben sah ich darin verflochten mit seinen Kmpfen und
Niederlagen. Und vor einer Niederlage stand ich wieder. Nur der
verdient sich Freiheit, wie das Leben, der tglich sie erobern mu߫
drhnte es mir in den Ohren.

Am Ausgang des Theaters traf ich Gleichen. Ich drckte ihm die Hand.
Leben Sie wohl, sagte ich. Sie reisen? Er sah mich forschend an.
Ja, -- und ich werde nicht wiederkommen.

Auf dem Frhstckstisch fand ich am nchsten Morgen zwei Briefe: vom
Groherzog, der mich aufforderte, den Hof nach Wilhelmstal zu begleiten,
von Tante Klotilde, die mir mitteilte, da sie mich in diesem Sommer in
Grainau nicht erwarten knne, weil sie, dem Rate meiner Mutter folgend,
eine der Potsdamer Nichten zu sich gebeten habe. Ich zuckte
unwillkrlich zusammen, als habe mir jemand hinterrcks einen Schlag ins
Genick versetzt. Also werd' ich nach Pirgallen gehen, sagte ich laut,
wie zu mir selbst.

Nach Pirgallen?! frug die kleine Rokokogrfin erstaunt. Man rechnet
doch auf dich fr Wilhelmstal! Ich werde ablehnen mssen, -- mein Buch
soll zum Herbst fertig werden, -- ich brauche den Sommer zur Arbeit,
antwortete ich ein wenig zgernd. Es war ein paar Augenblicke still in
dem weien, von der Morgensonne hell durchfluteten Speisesaal. Nur der
Teekessel sang, und drauen ber das holprige Pflaster rasselte eine
Hofequipage.

berlege es dir reiflich, begann Graf Wendland langsam und sah mit
gerunzelter Stirn auf seine blanken Fingerngel. Es ist vielleicht eine
Lebensentscheidung, die du triffst, -- ein langer prfender Blick traf
mich, -- du weit wohl noch nicht -- Prinz Hellmut hat am Mariental das
Schlo seiner eben verstorbenen Tante bernommen ...

Wieder war es still. Ich hrte das Summen einer Biene am Fenster und
sah, wie schwarz und schwer das alte eichene Buffet sich von der weien
Wand abhob. Mein Herzschlag setzte aus, um im nchsten Moment atemlos zu
toben, wie eine rasende Maschine. Hellmut -- --! Er hatte mich gehen
heien, als ich mich ihm geben wollte -- --! Aber hatte er nicht, wie
ich, unter dem Zwang groer, selbstverleugnender Liebe gehandelt -- --?
Doch warum kam er nicht wieder -- jetzt, da er ein freier Mann war? --
Ich strich mir mit eiskalten, zitternden Fingern die Locken aus der
Stirn:

Mein Entschlu steht fest, -- ich gehe nach Pirgallen!

Und nun sa ich in Gromamas stillem, grnem Zimmer unter dem weien
Marmorbild ihres Vaters, und aus dem Garten grten die Jasminstrucher
mit groen, s duftenden Blten. Niemand strte mich in dieser
Einsamkeit. Onkel Walter frchtete die Rume der Toten, als ginge ihr
Geist darin um. Mama glaubte mich bei der Arbeit, der Vater ritt mit dem
Schwesterchen durch die Wlder, wie einst mit mir. Ich hatte arbeiten
wollen. Bcher und Notizen lagen in groen Sten auf dem Tisch der
Altane. Aber sobald ich sie aufschlug, schrumpften mir alle Gedanken
ein. Tot und leer waren all die vielen Papiere, -- wie sollte je etwas
Lebendiges aus ihnen hervorgehen. Und was gingen mich im Grunde die
fremden Dinge und Menschen an? Was wrde die Welt davon haben, wenn ich
des langen und breiten von denen erzhlte, die im Dunkel geblieben
wren, wenn nicht ein ganz Groer sie in seine Nhe gezogen htte?

In Gromamas Bcherschrank standen Goethes Werke in langer Reihe mit
grnen Einbnden und weien runden Schildern auf dem Rcken. Ich begann
zu lesen -- stundenlang, tagelang, wochenlang --. Und je mehr ich las,
desto mehr zog ich mich in die Rume zurck, die eine stille Insel waren
mitten im Weltgetriebe. Tglich schmckte ich sie mit frischen Blumen,
wie Gromama es getan hatte, und zog des Nachts die dunkeln
Sammetportieren vor Tren und Fenster und steckte die Ampel an mit der
groen Flamme unter dem sonnengoldnen Seidenschirm. Wenn ich dann halb
die Augen schlo, sah ich das Zimmer erfllt wie von einem flimmernden
Nebel, aus dem die Statue Goethes immer grer und lebendiger
hervorwuchs.

Rede zu mir, Meister! flehte meine Seele. Und er redete.

Dein Leben sieht einer Vorbereitung, nicht einem Werke gleich, zrnte
er.

Ach, welch ein Werk bleibt mir zu tun?! schrie meine Seele.

Bleibe nicht am Boden haften -- frisch gewagt und frisch hinaus, hrte
ich die Stimme des Mahners, dem Tchtigen ist diese Welt nicht stumm,
-- ttig zu sein, ist seine Bestimmung!

So zeige meiner Kraft eine Tat --, und sehnschtig streckte meine
Seele die gefalteten Hnde empor zu ihm.

Ein edler Held ists, der frs Vaterland, ein edlerer, der fr des
Landes Wohl, der edelste, der fr die Menschheit kmpft....

Zu einem Tempel weitete sich das Zimmer, und von den Marmorwnden
klangen drhnend die Worte seines Hohenpriesters wider.

Der Boden leuchtete wie ein einziger Rubin, -- trnkte ihn der
Menschheit ganzes, blutrotes Leiden?

Hingestreckt lag meine Seele vor dem Altar.

Nenne mir Ziel und Mastab meines Strebens! flsterte sie.

... Solch ein Gewimmel mcht ich sehn -- auf freiem Grund mit freiem
Volke stehn....

Nicht mehr der eine war es, der also sprach, es war ein Chor von
Millionen Stimmen, und alle Hoffnung der Verlassenen, alle Sehnsucht
deren, die zu leben begehren, tnte darin.

Ein Brief von Egidy, erfllt von den Ereignissen der Gegenwart und
seinen Plnen fr die Zukunft, gab mich der Wirklichkeit zurck, und in
unsicheren Umrissen sah auch ich ein Feld der Bettigung vor mir. Ihre
bersiedelung nach Berlin freut mich auerordentlich, antwortete ich
ihm, und wenn ich Ihnen heute auch noch mit keinem Ja auf die Frage, ob
ich Ihre Mitkmpferin werden kann, zu antworten vermag, so steht das
Eine fr mich fest: ich werde meine Kraft nicht im Durchstbern alter
Folianten verzehren und die Luft nicht durch Aufwirbeln ruhenden Staubes
verdunkeln. Ich wei, da dem Christentum des Wortes das der Gesinnung
und der Tat folgen mu, -- nur zweifle ich noch, ob wir dann auf den
Namen Christentum noch ein Recht haben.

Mein Entschlu, Weimar endgltig aufzugeben, hat in meiner Familie viel
Entrstung hervorgerufen. Meine Mutter sieht darin einen neuen Beweis
fr meine Charakterschwche. 'Alix ist noch niemals konsequent bei der
Sache geblieben, -- sie wechselt ihre Neigungen fr Menschen und Dinge
wie alte Handschuhe,' meinte sie. Ich selbst aber fange an zu glauben,
da in dieser Inkonsequenz die einzige Konsequenz meines Lebens liegt.
Alles und Alle sind Stufen, und ich bin noch keine rckwrts gegangen.
Papa war traurig --, was mir immer am meisten weh tut. Mein Onkel
dagegen hat mir eine Rede gehalten, deren Quintessenz war, da ich
lieber heiraten solle, statt modernen Schwarmgeistern zu verfallen.

Wir reisen nchste Woche nach Haus.

Ich gehe noch einmal alle alten Wege, und oft steigen mir pltzlich die
Trnen in die Augen, wenn ich den breiten efeuumsponnenen Turm von
Pirgallen vor mir sehe. Er war etwas Lebendiges fr mich; ein treuer,
starker Freund, ein Wahrzeichen vieler Kinderjahre, die zu seinen Fen
wuchsen und in seinem Schutz. Nun hat er die Seele verloren, seit
Gromama ihn verlie. Es ist auch fr mich Zeit, zu gehen. Aber soviel
Strke auch die Erkenntnis verleiht und der Entschlu, -- der Abschied
von den Toten tut weh. Und mir ist, als she ich sie nie wieder ....




Siebzehntes Kapitel


Septembersonne! In mattem Blaugrn spannt sich der Himmel ber Berlin;
alles Licht ist gedmpft, und die Schatten haben einen silbernen Ton.
Auf den Anlagen der groen Pltze und in den Vorgrten der Huser, die
die Kultur mhsam dem sprden Sandboden abgerungen hat, feiert sie jetzt
ihre grten Triumphe: vom hellen Gelb der Linden bis zum dunkeln Rot
der Blutbuchen leuchten alle Farben des Herbstes; aus dem grnen
Rasenteppich glnzen Astern in sanftem Violett und mdem Blau, whrend
sich in wehmtigem Sterben blasse Rosen an die weien Steinstufen der
Estraden schmiegen. Goldene Bltter tanzen in lind bewegter Luft, und
unter den Bumen sitzen auf weien Bnken jene modernen Frauen der
Grostadt, die starke Farben scheuen wie starke Gefhle und Kleider
tragen, die aussehen, als wren sie in der Sommersonne verblichen.

Tglich, am frhen Nachmittag, gingen wir vier in den nahen Zoologischen
Garten, wo sich die Bewohner des Westens am Neptunteich unter den
Musikkapellen ein Stelldichein gaben. Hier traf sich der behbige
Spiebrger mit Freunden und Verwandten, im stillen beglckt, nach der
vorschriftsmigen Sommerreise wieder ruhig am rotgedeckten Tisch zu
sitzen, statt schwitzend und prustend Ausflge abzuklappern. Hier
erschien in schbiger Eleganz die Offiziers- und Beamtenwitwe, um ihre
schon stark angejahrten, interessant verschleierten Tchter vor
Mnneraugen spazieren zu fhren. Hier lieen sich mit der Stickerei und
dem mitgebrachten Kuchen zu stundenlangem Klatsch all die berflssigen
nieder, an denen das weibliche Geschlecht so reich ist. Droben aber vor
dem Restaurant, wo die weien Tischtcher weithin sichtbar die Klassen
schieden, tauchten elegante Toiletten und bunte Gardeuniformen auf, und
Rcken an Rcken mit der vornehmen Frau der Hofgesellschaft sa im Glanz
ihrer Brillanten und schwarzen Augen die schne Otero und ihresgleichen.
Jenseits jedoch, auf dem Hgel hinter dem Neptun, fanden die Stillen
sich ein, die Musik- und die Naturschwrmer, die Nebenabsichtslosen mit
ihren Bchern und ihren Zeitungen. Sie alle sahen unten auf der
Lsterallee den bunten Strom kokettierender Jugend an sich
vorberfluten: bartlose Knaben mit erzwungener Blasiertheit, kurzrckige
Mdchen mit heien Augen; greisenhafte Jnglinge, lstern nach Beute um
sich schauend; korrekte junge Damen, glatt gescheitelt, mit khlen,
bleichen Wangen.

Nachdem die erste Neugierde gestillt war, ging ich nicht gern hierher;
es kam mir wie Zeitverschwendung vor, und berdies sah ich mit leiser
Angst mein reizendes Schwesterchen im Kreise flirtender Backfische und
Gymnasiasten. Aber mein Vater liebte den Verkehr mit alten Freunden, die
hier immer zu finden waren, und meine Mutter amsierte der
grostdtische Trubel. Bald hatten auch wir unseren Stammtisch unter
der groen Kastanie bei der Musikkapelle, und Menschen verschiedenster
Art gesellten sich zu uns, die nur ein gemeinsames Gefhl aneinander zu
fesseln schien: die Unzufriedenheit. Das Leben hatte ihnen allen nicht
gehalten, was sie sich von ihm versprochen hatten, und sie gaben nicht
sich die Schuld, und nicht den Verhltnissen, -- wodurch Unzufriedenheit
zum Hebel der Tatkraft werden kann, -- sondern den heimlichen Feinden im
Militr- und Zivilkabinett und den Intriganten am neuen Kaiserhof.

Es waren Mnner darunter, die, um die magere Pension zu erhhen und
ihren Frauen und Tchtern standesgeme Toiletten, ihren Shnen die
Leutnantszulage zu sichern, halbe Tage als Agenten der verschiedensten
Versicherungsgesellschaften Trepp auf, Trepp ab liefen, und nachmittags
im Zoologischen den Junker spielten, der von seinen Renten lebt. Andere,
die fr ihre ungebrochene Kraft eine Beschftigung, fr ihre leere Zeit
eine Ausfllung brauchten, griffen zu den seltsamsten Hilfsmitteln. Der
eine vergrub sich in heraldische Studien, ein zweiter sammelte
Briefmarken, ein dritter widmete jede Stunde und jeden Gedanken dem
Studium Dantes, ein vierter ging im Spiritismus auf und hatte tglich
andere Geistererscheinungen. Aus Langerweile lie ich mich mit diesem
seltsamen Kauz, einem Obersten von Glyzcinski, dessen robuste
Erscheinung mit dem breiten roten Gesicht wenig an einen Geisterseher
erinnerte, oftmals in Gesprche ein und amsierte mich im stillen
darber, auf welch vertrautem Fu er mit dem lieben Gott stand, und wie
glhend er zu gleicher Zeit die Kirche und ihre Diener hate. Dankbar
fr mein vermeintliches Interesse brachte er mir tglich andere Bcher
und Broschren und lief geduldig die Lsterallee mit mir auf und ab,
wenn ich es in der von rger und Migunst geschwngerten Atmosphre
unserer Tafelrunde gar nicht mehr aushalten konnte.

So gingen wir gerade einmal wieder von einer Musikkapelle zur anderen,
als der Oberst pltzlich stehen blieb.

Wie gehts dir, Vetter? hrte ich ihn sagen; mein Blick fiel durch den
Schwarm Vorbergehender hindurch auf ein schmales Gesicht, von dichtem
braunem Bart umrahmt, aus dem zwei tiefe, strahlende Kinderaugen
herausleuchteten, wie von groer innerer Freude erhellt. Gut -- sehr
gut, antwortete eine Stimme, die wie ein voller Geigenton klang. Welch
glcklicher Mensch mu das sein, dachte ich mit stillem Neid. In dem
Augenblick schoben sich die Menschen zwischen uns auseinander, -- ich
sah einen Rollstuhl, -- eine dunkle Pelzdecke, -- zwei ganz schmale,
weie Hnde, deren blaues Geder wie mit einem feinen Pinsel gezogen
war, -- einen schmchtigen Oberkrper -- -- unmglich! -- das konnte
doch der Mann nicht sein mit den strahlenden Kinderaugen! Aber schon
richteten sie sich auf mich -- verwirrt sah ich zu Boden. Entschuldigen
Sie ... sagte mein Begleiter im Weitergehen. Wer war das? frug ich
hastig, noch im Bann tiefen Erstaunens.

Professor von Glyzcinski -- mein Vetter, lautete die lakonische
Antwort.

Knnen Sie mich mit ihm bekannt machen? Mein rasch entstandener Wunsch
formte sich ebenso rasch zur Bitte. Der Oberst runzelte die Brauen.

Er ist Atheist und Sozialist, kam es mit harter Betonung ber seine
Lippen.

Ich zuckte zusammen und konnte dem Schauder nicht wehren, der mir
zitternd ber den Rcken lief. Aber mein Wunsch wurde nur noch strker.

Stellen Sie mich vor, bat ich dringend. Er sah mich von der Seite an:
Aber die Verantwortung tragen Sie allein!

Wir drehten um. Ein kurzes Zeremoniell: Frulein von Kleve mchte dich
kennen lernen, Georg, -- sie ist Schriftstellerin.

Des Professors Gesicht schien sich noch mehr zu erhellen. Dann freue
ich mich doppelt Ihrer Bekanntschaft, sagte er, und seine Hand umfate
die meine mit einer krftigen Herzlichkeit, die ich ihr nicht zugetraut
htte. Jede arbeitende Frau ist ein Gewinn fr unsere Gesellschaft.

Auch ein Gewinn fr die Kunst und die Wissenschaft? meinte ich
zweifelnd.

Gewi! Sobald alle Universitten und Akademien ihnen offen stehen, wie
den Mnnern! Ich sah ihn verwundert an. Nur aus Witzblttern hatte ich
bisher vom Frauenstudium erfahren, und hie und da war mir eine russische
Studentin mit ausgetretenen Stiefeln, zerfranstem Rock und kurz
geschorenen Haaren begegnet, die meine tiefe Abneigung gegen die
Verleugnung der Weiblichkeit nur steigerte. Zgernd uerte ich meine
Ansicht. Der Professor lchelte. Die Witwe mit den angejahrten Tchtern
ging gerade vorber.

Sind diese armen alten Mdchen, die nun schon seit Jahren hier auf den
Heiratsmarkt gefhrt werden, vielleicht wrdigere Vertreter der
Weiblichkeit? sagte er, die russische Studentin ziehe ich ihnen
jedenfalls vor; und so arm sie sein mag, -- sie selbst wrde keinenfalls
mit ihnen tauschen mgen. Denn sie hat ihre Freiheit, ihre Arbeit und
ist tausendmal reicher als jene. Er schwieg, aber da ich nicht
antwortete -- das was er sagte war mir in seiner einfachen
Selbstverstndlichkeit doppelt berraschend --, fuhr er nach einer Pause
fort: Stellen Sie sich eine Frau in meiner Lage vor, -- wie unglcklich
mte sie sich fhlen, weil sie nicht nur von vielen Freuden des Lebens
ausgeschlossen, sondern vor allem, weil sie nutzlos, weil sie
berflssig ist. Ich aber bin vollkommen glcklich!

Der Professor lehnte sich tief in den Rollstuhl zurck, legte die Hnde
bereinander auf die schwarze Pelzdecke und sah mit einem Ausdruck der
Verklrung ber die Menschen hinweg in die gelben tanzenden Bltter, in
die rosigen Abendwolken hinein. Mein Herz klopfte zum Zerspringen. Ich
war keines Wortes mchtig und dankbar, da die Eltern, die mich suchten,
mich jeder Antwort berhoben.

Von nun an war ich es, die die Nachmittage nicht erwarten konnte, die,
als es immer herbstlicher wurde, und klter und trber, oft allein den
gewohnten Weg ging, um in dem stiller und stiller werdenden Garten den
Mann zu suchen, dessen durchsichtige Krankenhand mich auf steile Hhen
mit endlosen Fernsichten und in dunkle Tiefen voll berquellender
Schtze fhrte. Ohne da er eine Frage stellte, lockte der warme Strahl
seiner Augen meine verborgensten Gedanken ans Tageslicht, und wo sie
wirr auseinanderfielen, wie vom Sturm zerrissene Telegraphendrhte,
knpfte er sie wieder vorsichtig zusammen. Er brachte mir Bcher,
Zeitungen und Zeitschriften mit und wenn ich damit beladen nach Hause
kam, wurde es mir schwer, mich von ihnen zu trennen und zu meiner Arbeit
zurckzukehren. Ich hatte mancherlei Versprochenes und Begonnenes zu
vollenden und tat es widerwillig, nur von dem Gedanken erfllt, mich auf
eigene Fe zu stellen.

Aber der Professor verstand es, mir selbst diese Arbeit wieder wertvoll
zu machen. Wie viele groe, gute und gefhrlich umstrzlerische Ideen
knnen Sie einschmuggeln, wenn Sie nur Ihren Goethe tchtig ausnutzen,
meinte er, und die vielen kleinen Flmmchen, die Sie entznden,
schlagen schlielich zu einer groen Flamme zusammen.

Da diese Arbeit nicht die meine bleiben drfe, -- davon war er freilich
auch berzeugt, doch er lachte mich aus, -- mit einem hellen frohen
Gelchter, das von Spott nichts wei --, als ich sagte, fr mich gebe es
nichts zu tun. Die Flle der Aufgaben mte Sie vielmehr erdrcken,
wenn Sie nicht so stark wren, alle auf sich zu nehmen, versicherte er
mir.

Ich vertiefte mich auf seinen Rat in die Literatur der amerikanischen
und englischen Frauenbewegung. Ihre Ideen erschienen mir nur als die
notwendige Konferenz meiner eigenen. Unter der Unfreiheit hatte ich
gelitten, die Unmglichkeit, meine geistigen Fhigkeiten auszubilden und
zu bettigen, hatte mich fast erdrckt. Ich las Condorcet und John
Stuart Mill und lernte die Heldenkmpfe der Amerikanerinnen um die
Befreiung der Sklaven kennen. Sie alle haben ein Recht, sich den
Mnnern gleich zu stellen, sagte ich zum Professor, denn wie sie
opferten diese Frauen Gut und Blut fr die Freiheit. Aber wir?!

Die Verleihung politischer Rechte ist doch auch beim Mann nicht die
Konsequenz heroischer Taten! antwortete er. Und wenn sie berhaupt an
irgend eine Bedingung geknpft wre, so wrde mir nur eine gerecht
erscheinen: das Ma des Leidens. Wer am meisten leidet, sollte die
weitestgehenden Rechte haben, um die Ursachen seiner Leiden zu
beseitigen. Meinen Sie nicht, da die Frauen in diesem Fall in erster
Linie stnden?!

Ich dachte an die Arbeiterinnen Augsburgs und konnte ihm nur zustimmen.
Am nchsten Tage brachte er mir ein Paket Zeitungen mit. Rote und blaue
Striche an den Rndern zeugten von der sorgfltigen Lektre. Aber als
ich sie auseinanderfaltete, erschrak ich: Die Volkstribne,
Sozialistische Wochenschrift stand als Titel gro darber. Jetzt zuckte
es doch wie ein ganz leiser Spott um die Lippen des Professors:

Also auch Sie frchten sich vor den Sozis! meinte er lchelnd. Lesen
Sie nur dies Blatt, -- ich habe mehr daraus gelernt, als aus manch
dickleibigem Buch gelehrter Kollegen!

Und ich nahm mir die Bltter mit und las sie und war so vertieft, da
ich erst merkte, wie spt es war, als mein Vater drauen die Entreetr
aufschlo. Er kam aus Brandenburg zurck, wo er an dem Jubilumsfest
seines alten Regiments teilgenommen hatte.

Wie, du bist noch auf? rief er. Da kann ich dir ja noch Egidys Gre
bestellen! Damit trat er ein. Ich wute gar nicht, da er
Fnfunddreiiger gewesen ist, ehe er zur Kavallerie ging. brigens ein
famoser Kerl, tapfer und ehrlich. Und, -- stell dir vor! -- die
Rasselbande hat ihn geschnitten! Kannst dir denken, da ich ihm um so
deutlicher meine Anerkennung fr seine berzeugungstreue aussprach. Er
wre mir beinahe um den Hals gefallen vor Dankbarkeit.

In diesem Augenblick entdeckte mein Vater die Volkstribne, die offen
vor mir lag. Die Ader schwoll ihm auf der Stirn, und blaurot frbten
sich seine Zge. Was fr ein Schuft hat dir diese Zeitung in die Hnde
geschmuggelt? schrie er, vor meine Pistole mit dem infamen Patron!

Ich habe sie mir gekauft, log ich, man mu auch seine Gegner aus
ihren eigenen Schriften kennen lernen.

Mein Vater nahm wtend die Bltter vom Tisch und zerri sie. Bring mir
solche Schweinereien nicht wieder ins Haus! drohte er mit erhobener
Faust. Von Leuten, die das Vaterland verraten, den Meineid predigen und
den Frstenmord, darf meine Tochter nicht einmal einen Fetzen Papier in
Hnden haben! Und wtend warf er die Tr ins Schlo.

Am nchsten Vormittag besuchte uns Egidy. Den Zylinder in der Hand, in
militrisch strammer Haltung wie zu einer dienstlichen Meldung stand er
vor meinem Vater.

Die Wohltat, die Eure Exzellenz mir in Brandenburg erwiesen, rechne ich
zu den hchsten Empfindungen inneren Glcks, die mich bisher in meinem
Leben beseelten. Euer Exzellenz Worte sind -- ich sage nichts, als was
ich fhle, -- die grten, die an mich heranklangen, seit ich tat, was
mir Pflicht schien. Scharf und bestimmt sprach er, und dann erst wandte
er sich zu meiner Mutter und mir.

Darf ich Ihnen meine Tchter bringen? frug er mich. Es sind brave
Kinder, die alles tapfer mit mir getragen haben und doch wehmtig
empfinden, wie sie aus ihrer Bahn gerissen wurden. Ich reichte ihm die
Hand.

Selbstverstndlich, Herr von Egidy! Was ich den Ihren sein kann, will
ich mit Freuden sein, antwortete ich.

Und darf ich nicht nur auf Ihre Freundschaft, sondern auch auf Ihre
Mitarbeit rechnen? Er streckte mir noch einmal die Hand entgegen.

Ich legte die meine zgernd hinein: Auf meine Freundschaft, ja! Meine
Mitarbeit aber kann ich Ihnen noch nicht versprechen!

Sein Blick verfinsterte sich. Ihr Herr Vater ehrt die
berzeugungstreue ... sagte er mit Betonung.

Und ich werde meiner berzeugung zu folgen wissen! entgegnete ich
gereizt.

Am Nachmittag erzhlte ich dem Professor von Egidy und meinen
Beziehungen zu ihm. Ich war noch verrgert, und mein Urteil ber die
Halbheit, die ihn zwang, an dem Namen Christentum festzuhalten, mochte
nicht gerade milde klingen. Der Professor schttelte den Kopf, -- ein
deutliches Zeichen seines Mifallens. Sie verlangen wirklich ein
bichen viel, gndiges Frulein! Ist es nicht schon einzig und unerhrt
und hchst erfreulich, da ein Mann, wie er, in dieser Weise den Kampf
gegen das traditionelle Christentum aufnimmt? -- Zahllose Menschen, die
fr die Worte ausgesprochener Freidenker nur taube Ohren haben, werden
ihn hren, und ihr erster Schritt auf der schiefen Ebene wird dann nicht
ihr letzter sein!

Ich dachte meiner eigenen Erfahrungen und gab ihm Recht. Hatte unser
Gesprch sich bisher wesentlich um die Frauenfrage gedreht, so kamen wir
heute zum erstenmal auf religise Fragen zu sprechen. Ich erzhlte ihm
von meiner Entwicklung. Er hrte mit sichtlichem Interesse zu und sprach
mir dann von der seinen.

Religise Gewissenskmpfe sind mir fremd geblieben, begann er. Bis
ich in die Schule kam, wute ich nichts von Religion. Als meine Mutter
mich zu meinem Klassenlehrer brachte und er mich frug, was ich vom
lieben Heiland wte, gab ich erstaunt zur Antwort, da ich von dem Land
noch nie etwas gehrt htte. Der Schulreligionsunterricht bestand dann
eigentlich nur im mechanischen Auswendiglernen, was ich ebenso
gedankenlos absolvierte, wie irgend welche Tabellen oder grammatische
Regeln. Was dem Gemt vieler Kinder die Religion bieten mag, das bot mir
die Natur; und da ich von klein an schwchlich war und meinen
Altersgenossen und ihren Spielen infolgedessen ziemlich fern blieb,
untersttzten meine Eltern meine Passionen. Mein Zimmer war immer ein
wahres Aquarium, und das Leben der Tiere und der Pflanzen mit all seinen
Wundern lernte ich mit steigendem Entzcken zuerst aus eigenen
Beobachtungen kennen. Jetzt habe ich nur noch ein paar Vgel und ein
Blumenfenster, -- er lchelte wehmtig, seit meine Mutter im vorigen
Jahre starb und ich bewegungslos bin, wrde doch keiner fr meinen
Privat-Zoo sorgen knnen! Mit der ihm charakteristischen Gebrde reckte
er den Oberkrper, als wollte er eine peinliche Erinnerung energisch
abstoen -- und allmhlich sind mir denn doch die Menschen
interessanter geworden als die Tiere. Ich studierte Philosophie, weil es
das einzige ist, was ein Mann wie ich zu seinem Lebensberuf machen kann.
Aber meine unglckliche Liebe zu den Naturwissenschaften ist doch gleich
in meiner Doktordissertation zum Ausdruck gekommen, in der ich die
philosophischen Konsequenzen der Darwinschen Evolutionstheorie
behandelte. -- Sie mssens mal lesen, gndiges Frulein, -- ich habe
noch heute meine Freude dran, obwohl der liebe Gott noch bedenklich
zwischen den Zeilen spukt! Dann hab ich mich hier habilitiert. -- Ich
wohnte bei meiner guten Mutter, einer blitzgescheiten Frau -- schade,
da Sie sie nicht mehr kannten! --, die mit dem lieben Gott auf
besonders gespanntem Fue stand, weil er ihren Jungen zum Krppel hatte
werden lassen. Und ein bichen mag das auch bei mir dazu beigetragen
haben, an seiner Existenz allmhlich zu zweifeln. Bei nherem Nachdenken
konnte ich die geistigen Kapriolen der frommen Leute nicht mitmachen,
die ntig sind, wenn man das unverschuldete Elend in der Welt, wenn man
Unrecht und Verbrechen mit dem allgtigen und allmchtigen Himmelsvater
in Einklang bringen will. Wre er, so mte er entweder ein herzloses
Scheusal oder das unglckseligste aller Wesen sein, das gezwungen ist,
unttig zuzusehen, wie seine Geschpfe sich zerfleischen! Die Stimme
des Professors hatte sich gehoben, seine Augen funkelten, sein ganzer
zarter Krper schien von starker Energie gespannt.

Und doch sind Sie ein glcklicher Mensch geworden! sagte ich mehr zu
mir selbst als zu ihm.

Das habe ich wieder den Naturwissenschaften und meinen vielen lieben
Freunden zu verdanken.

Ihren Freunden?!

Denen, die immer um mich sind und nur reden, wenn ich sie brauche: den
Bchern. Darwins Entwicklungsgesetz war es, das mich zuerst mit einem
unbeschreiblichen, unzerstrbaren Glcksgefhl erfllte, denn es
festigte meinen Glauben an die unendliche sittliche und intellektuelle
Vervollkommnungsfhigkeit der Menschennatur, und er trat an die Stelle
des Glaubens an einen unbeweisbaren Gott.

Das Herz klopfte mir vor Freude; ich umfate unwillkrlich mit meiner
heien Hand seine khlen Finger: Ich danke Ihnen -- danke Ihnen
tausendmal, kam es vor Erregung bebend ber meine Lippen, so bin ich
doch nicht mehr allein mit dem, was ich dachte und fhlte, und was mir
fast schon zu entschwinden drohte. Einmal, in einer glcklichen Stunde,
schrieb ichs auf, -- darf ich es Ihnen bringen?

Ich bitte Sie darum! Ein warmer Blick traf mich, -- er schien mich
ganz und gar zu umfassen. Sollte ich doch am Ende wieder an den lieben
Gott glauben mssen -- der mir eine Frau wie Sie in den Weg geschickt
hat?!

Die Eltern kamen und holten mich ab. Mein Vater war merkmrdig kurz
angebunden. Du wirst deinen Verkehr mit dem Professor beschrnken
mssen, sagte er auf dem Nachhausewege, Walter sagte mir, da er im
Rufe steht, einer der gefhrlichen Kathedersozialisten zu sein. --
Da er Gott verleugnet, hat er neulich mit zynischer Frivolitt selbst
zugestanden, fgte Mama mit hochrotem Gesicht hinzu.

Wenn er es tat, so ist es weder zynisch noch frivol, sondern ein Beweis
derselben tapferen berzeugungstreue, die Ihr an Egidy zu rhmen
pflegt, antwortete ich.

Ein Atheist ist ein Verbrecher, stie Mama aufgeregt hervor; dann
schwiegen wir alle, in dem gemeinsamen Gefhl, auf der Strae keine
Szene provozieren zu wollen.

Als am nchsten Tage der Herbst mit Sturm und Regen durch die Straen
fegte und die Bume arm und kahl zurcklie, die eben noch im Glanz
ihres bunten Kleides geprangt hatten, atmete Mama frmlich erleichtert
auf: Nun haben die Zoo-Nachmittage ein Ende!

Ich aber nahm mein altes Glaubensbekenntnis und mein kleines schwarzes
Buch und verlie das Haus zur gewhnlichen Stunde.

ber den den Wittenbergplatz fhrte mein Weg an einer Reihe von
Neubauten vorbei, aus denen ein feuchter Kellergeruch mir
entgegenstrmte, der mich frsteln machte. Die Kleiststrae ging ich
entlang, deren neue Huser, wie lauter Parvens, sich durch berladenen
Schmuck gegenseitig zu berbieten suchten, und bog dann in die stille
dunkle Nettelbeckstrae ein. Schchterne Sonnenstrahlen, die gerade die
Wolken durchbrachen, trafen nur noch die Dcher der Huser. In eins
davon trat ich.

Professor von Glyzcinski? Die Portierfrau musterte mich von oben bis
unten. Gartenhaus -- parterre! Der Hof war noch enger und lichtloser
als bei uns, und die Treppe war vollkommen finster. Auf mein Klingeln
ffnete der Diener. Im Flur konnte ich die Hand nicht vor Augen sehen.
Im nchsten Moment aber schlo ich sie geblendet. Aus der Tr, durch die
ich ins Zimmer trat, strmte ein Meer von rotgoldenem Licht.

Willkommen, mein liebes, gndiges Frulein! hrte ich des Professors
weiche Stimme sagen.

Und nun erst sah ich ihn: am Fenster sa er, das dicht von wildem Wein
umsponnen, den Blick in lauter Grten schweifen lie. Auf die Bcher und
Papiere, die den Schreibtisch vor ihm bedeckten, malte die Sonne lauter
runde blinkende Silberflecken und streichelte an der Wand gegenber die
vielen, schn aneinander gereihten Bcher. Zwei Vgel mit
buntschillernden Flgeln flatterten, durch meinen Eintritt
aufgescheucht, durch den Raum und lieen langgezogene Fltentne hren.

Auf den breiten Lehnstuhl neben dem Schreibtisch deutete einladend die
weie Hand Glyzcinskis, der mir mit seinen Kinderaugen und dem
wesenlosen, unter Decken verborgenen Krper wie ein Zauberer inmitten
seines Mrchenreichs erschien. Flchtig tauchte mein dunkles Zimmer vor
meinem inneren Auge auf, -- hatte meine Sehnsucht nicht dieses
Mrchenreich lngst gesucht?

Wissen Sie, da ich Sie mit Bestimmtheit erwartet habe?! sagte er,
darum gibt es auch heute Kuchen zum Kaffee, wie an einem Festtag! Er
versuchte von dem Tischchen aus, das der Diener hereingetragen hatte
mich zu bedienen. Das ist Frauensache! lachte ich und nahm ihm die
Kaffeekanne ab. Wie alte Freunde saen wir beieinander.

Und dann las ich ihm Wider die Lge vor.

Da Sie mir nichts Gewhnliches bringen wrden, wute ich, bemerkte er
langsam nach einer kurzen Pause, die mich schon ganz ngstlich gemacht
hatte. Von keinem meiner Studenten drfte ich so viel Geist und Kraft
und Selbstndigkeit erwarten ... Ich habe lange ber Sie nachgedacht,
aber das Resultat dieses Nachdenkens htte ich noch fr mich behalten,
wenn Sie mir nicht diesen Einblick in Ihr Geistesleben gewhrt haben
wrden. Nun mchte ich Ihnen einen Vorschlag machen, dessen
selbstschtige Beweggrnde mein Gewissen freilich arg belasten: Sie
haben keinen Bruder, ich keine Schwester, -- lassen Sie mich Ihren
Bruder sein, und gestatten Sie mir dann als solchem, mich Ihrer
anzunehmen. All die guten Freunde drben -- er zeigte auf den
Bcherschrank -- will ich Ihnen vorstellen; Sie werden rasch nachholen,
was Ihnen an philosophischen Kenntnissen fehlt, -- und dann -- --, er
stockte.

Dann?! frug ich gespannt.

Dann werden Sie tun, was mir versagt ist: unsere Ideen unter die Massen
tragen.

Werde ich es knnen -- -- drfen?! Meine Eltern sind schon jetzt....

Er unterbrach mich. Ein harter Zug grub sich um seine Mundwinkel. Wer
den Pflug anfat und siehet zurck, der ist unserer Sache nicht
wert ...

So lehren Sie mich Ihre Sache kennen, -- ich glaube freilich schon von
vorn herein, da es auch die meine sein wird!

Sie sollen nichts glauben, woran Sie zu glauben noch gar kein Recht
haben! Das ist die Lehre der neuen Tugend, der intellektuellen
Redlichkeit! -- nehmen Sie die Bcher dort mit dem dunkelblauen Rcken,
-- lesen Sie sie in aller Ruhe, und dann sagen Sie mir, was Sie darber
und was Sie ber meinen Vorschlag denken.

Ich erhob mich. Es wurde mir sehr schwer, diesen stillen Raum zu
verlassen, der von dem hellen Geist starker Freudigkeit erfllt schien,
wie von der glnzenden Oktobersonne.

Haben Sie Dank, vielen Dank, sagte ich noch und wandte mich zum Gehen.
Ich stand schon an der Tr, als ich noch einmal seine Stimme hrte:

Nicht wahr -- Sie kommen bald, recht bald -- -- morgen schon? Ich
nickte. Und dann verschlang mich der dunkle Flur, der finstere Hof, die
khle Strae.

Woher kommst du? Mit dieser von einem mitrauischen Blick begleiteten
Frage, empfing mich zu Hause mein Vater. Sie saen alle drei beim
Abendessen. Ich hatte schon irgend eine billige Ausrede auf der Zunge --
aber pltzlich wurde mir klar, da jede verlogene Heimlichkeit mein
Erlebnis beschmutzen wrde.

Von Herrn Professor von Glyzcinski ... Mein Vater hieb mit der Faust
auf den Tisch, da die Glser klirrten.

Unerhrt! rief er und das wagst du mir ins Gesicht zu sagen, nachdem
du meine Meinung ber diesen Verkehr erst gestern deutlich genug gehrt
hast?! -- Und rennst wie ein Frauenzimmer einem unverheirateten Mann in
die Wohnung?! -- Willst du mich denn durchaus ins Grab bringen, mit all
der Schande, die du mir machst? Er lief aufgeregt im Zimmer umher,
whrend helle Schweitropfen auf seiner Stirne standen.

Ich zwang mich zur Ruhe: Du weit wohl nicht, was du sagst, Papa! Herr
von Glyzcinski ist ein Schwerkranker, meinen Besuch kann niemand
mideuten!

Aber die Wut, in die er sich hineingeredet hatte, steigerte sich nur
noch mehr. Ich versuchte das Zimmer zu verlassen, whrend Mama und
Klein-Ilschen, vor Schrecken stumm, sich nicht zu rhren wagten.

Du bleibst! schrie mein Vater und packte mein Handgelenk. Versprich
mir, da dieser Besuch der erste und der letzte war, und ich will ihn
vergessen! Und gleich darauf ruhten seine Blicke mit einem Ausdruck
liebevoll besorgter Bitte auf mir. Mein Herz krampfte sich zusammen:
Sinnlosem Zorn konnte ich die Stirne bieten, -- aber der Liebe?! Ich
schlo eine Sekunde lang die Augen: Wer den Pflug anfat ...!

Ich kann dir diesen Wunsch nicht erfllen, Papa! Mit weit
aufgerissenen Augen starrte er mich an. Dann brach der Sturm von neuem
los. Auch meine Mutter mischte sich hinein, -- von den teuflischen
Verfhrungsknsten des Gottesleugners hrte ich sie etwas sagen, auch
von Weimar sprach sie und versuchte, mich zu bestimmen, meinen fr das
nchste Frhjahr beabsichtigten Besuch auf die allernchsten Tage
festzusetzen. An meinen Ehrgeiz, an meine Eitelkeit appellierte sie,
whrend meines Vaters Stimmung, wie stets nach einem solchen Ausbruch
der Leidenschaft, immer weicher wurde. Wir sind an allem Schuld, wir
allein, sagte er, wir haben dir keinen Verkehr verschafft, wie du ihn
zu fordern ein Recht hast. Aber das soll anders -- ganz anders werden.
Wir werden an den Hof gehen, wo wir hingehren. Und du wirst nun auch
mein gutes Kind sein und gehorchen!

Nein, Papa! -- Ich bin sechsundzwanzig Jahre alt. Wre ich Euer Sohn,
statt Eure Tochter, ihr wrdet es selbstverstndlich finden, wenn ich
meine eigenen Wege ginge. Ich kann nicht denken wie ihr, und ich bin
auerstande, nichts als eine Haustochter zu sein. Pat Euch der Verkehr
nicht, der mir notwendig ist, wollt Ihr Euch nicht mit mir
identifizieren, -- so lat mich in Frieden meiner Wege gehen, -- gebt
mir freiwillig die Freiheit!

Meine Worte wirkten verblffend. Die Eltern waren pltzlich ganz ruhig
geworden. Sie schienen auf das tiefste verletzt. Da wir ber solchen
Wahnwitz mit dir verhandeln, wirst du selbst nicht erwarten knnen,
sagte Papa kalt. Geh in dein Zimmer. Bis morgen frh drftest du wohl
zur Vernunft gekommen sein.

Aber der Morgen kam und fand mich entschlossen, eher das Haus zu
verlassen, als auf meine Besuche bei Herrn von Glyzcinski zu verzichten.
Und die Eltern, die zwischen dem Skandal einer davonlaufenden Tochter
und dem Eingehen auf ihre Wnsche zu whlen hatten, gaben mir nach. Eine
drckende Stimmung, wie geladen von Mitrauen und Feindseligkeit, blieb
zurck. Nur Papa gab sich alle Mhe, meine Interessen auf andere Wege zu
leiten. Meine Teilnahme an den Bestrebungen Egidys schien ihm sogar
erwnscht, um die Einflsse von der anderen Seite zu paralysieren. Er
selbst hielt sich davon zurck. Es widerstrebt mir, mich als
preuischer General in irgendeine ffentliche Bewegung zu mischen. Ich
bin Soldat, -- nichts weiter, sagte er zu Egidy bei unserem
Gegenbesuch, der der erste und letzte war, den er bei ihm machte. Um so
hufiger geleitete mich meine Mutter in die Spenerstrae, zuerst mit
mimutig aufeinander gepreten Lippen, nur aus Pflichtgefhl, -- den
Standesgenossen gegenber mute doch die Form gewahrt werden, die einem
jungen Mdchen nicht gestattete, allein in Gesellschaft zu gehen! --
Dann mit steigender persnlicher Neigung. Diese bunte Welt, die sich
jeden Dienstag Abend in dem gastfreien Hause zusammenfand, war eine
vllig neue fr sie, und mit einer fast kindlichen Neugierde
beschftigte sie sich mit jedem Besucher, whrend bei mir das Interesse
an dem blo Neuen und Fremdartigen um so mehr erlahmte, je
leidenschaftlicher ich nach Gesinnungsgenossen suchte.

Eigenbrdler aller Art fllten die Salons der Familie Egidy, bis zu
solchen herab, deren armer enger Geist durch die unablssige
Beschftigung mit einem einzigen Gedanken mehr und mehr in Verwirrung
geraten war. Da gab es Menschen, die von der Rckkehr zur Natur das Heil
der Welt erwarteten, barfu gingen im Gewande des Nazareners, von
Krnern lebten, die sie in der Tasche trugen; andere mit fahlen,
asketischen Zgen, die mit der ganzen mhselig zurckgedmmten
Leidenschaftlichkeit ihres Inneren die Selbstvernichtung der Menschheit
predigten, und, als ihr Gegensatz, fanatische Anarchisten, die die
Freiheit ihrer eigenen kleinen Gelste mit dem Schlagwort vom
schrankenlosen Ausleben der Persnlichkeit zu rechtfertigen suchten.
Studenten und Studentinnen aller Nationen fanden sich ein, deren
jugendlicher berschwang in Egidy einen neuen Heiland verehrte, und
eine Menge ltliche Damen, die aus dem stillen Winkel ihres leeren
Lebens hervorgekrochen schienen wie Maulwrfe, die die Sonne suchen, und
mit dem Rest ihrer unterdrckten Gefhle verschwrmt zu Egidys Fen
saen; verschmte Arme, die hier nichts wollten als den reich gedeckten
Tisch, an dem sie einmal in der Woche satt werden konnten; mitten darin
Abenteurer aller Art, die den reichen, nur allzu vertrauensseligen Mann
fr ihre Zwecke zu gewinnen suchten, und dazwischen -- vereinzelt --
ernste aufrichtige Anhnger, junge Literaten und Theologen zumeist, die
sich vergebens bemhten, Egidy vor sich selbst zu schtzen. Er hatte fr
Alle Zeit, fr jeden Herzenskummer, der ihm anvertraut wurde, ein
freundliches Interesse; und warnte man ihn vor diesem und jenem seiner
Gste, der ein notorischer Hochstapler war, so sagte er mit fester
berzeugung: Wer zu mir kommt, der beweist dadurch, da er gewillt ist,
ein Anderer zu werden. Und ich sollte ihm mein Haus verschlieen?

Aber auch ernste, reife Menschen erschienen, Mnner und Frauen mit
berhmten Namen, die auf irgend einem reformbedrftigen Gebiet des
ffentlichen Lebens ttig waren und alle versuchten, Egidy auf ihre
Seite zu ziehen: Abstinenzler, Friedensfreunde und Bodenreformer,
moderne Pdagogen und Frauenrechtlerinnen. Warteten sie nicht alle, die
ihre Krfte in dramatischen Gesten oder in der Kleinarbeit winziger
Refrmchen erschpften, ihrer selbst unbewut, auf irgend ein
Zauberwort, das ihre eigenen Fesseln sprengen und sie zu gemeinsamer
groer Leistung vereinigen wrde? War Egidy der Mann, der es
aussprechen sollte?

Ich hatte inzwischen die Bcher Glyzcinskis gelesen: seine eigene
Moralphilosophie und die Schriften der Grnder und Leiter der Ethischen
Gesellschaften Amerikas und Englands. Sie vertraten die Einheit der
Moral gegenber der Vielheit der Religionen, sie waren berzeugt, da
alle Menschen, die ernstlich das Gute wollen, sich, unabhngig von ihren
verschiedenartigen transzendenten Anschauungen, auf dem Boden allgemein
gltiger Ethik zu dem groen Werk sittlicher und sozialer Reform
vereinigen knnten. ber Gott und den Gttern stand fr sie das
Absolute, die Moral; denn nicht darum ist das Gute gut, sagten sie, weil
Gott es seinen Glubigen zu tun befiehlt, er befiehlt es vielmehr, weil
es gut ist, also mu auch fr die Gottglubigen das Gute das
Allumfassende sein. Sie selbst stellten fr das sittliche Handeln keine
Einzelvorschriften auf, sie erkannten vielmehr als dessen Richtschnur
und Prfstein das grtmgliche Glck der grten Mehrzahl.

Auf mich wirkten diese Werke wie eine Offenbarung: hier war das
erlsende Wort, das nicht nur all die auf Seitenwegen Umherirrenden
zusammen rufen und dem gemeinsamen Ziel entgegenfhren wrde, hier war
der Zauberstab, der aus den Felsenherzen der Menschen lebendige Brunnen
tatkrftigen Wirkens hervorlocken knnte; hier breitete sich vor meinen
inneren Augen jungfrulicher Boden aus, den ich mit zu roden und zu
bebauen bestimmt schien. Eine Ethische Gesellschaft in Deutschland zu
grnden, die das ffentliche Gewissen der Nation werden sollte, --
darauf richteten sich alle meine Gedanken.

Ich ging tglich zum Professor. Schon lange hegte er denselben Wunsch
wie ich, ohne, seiner eigenen Gebrechlichkeit wegen, an die Mglichkeit
naher Erfllung zu glauben.

Hatte ich nicht recht, sagte er einmal, wenn ich meinte, ich msse
eigentlich dem lieben Gott dankbar sein fr die merkwrdige Begegnung
mit Ihnen? Durch Sie wird der Lieblingstraum meines Lebens in Erfllung
gehen!

Wir arbeiteten unseren Plan in allen Einzelheiten aus: Mitglieder der
verschiedensten religisen und politischen Richtungen sollten den ersten
Aufruf zur Grndung der Ethischen Gesellschaft unterzeichnen. Ihr Zweck
sollte sein, einen neutralen Boden zu schaffen, auf dem alle Menschen
ihre Gedanken freimtig ber alle brennenden Fragen der Gegenwart
auszutauschen vermchten, von dem aus gemeinsam geschaffene
Gesetzesvorschlge den Regierungen unterbreitet und zu den Ereignissen
des ffentlichen Lebens Stellung genommen werden sollte. Niemand drfe
um seines Glaubens oder seinen politischen Anschauungen wegen bekmpft
oder ausgeschlossen werden, es sei denn, da er dadurch gegen das
Grundprinzip der Gesellschaft verstoe: das grte Glck der grten
Anzahl zu frdern.

Mein Gedankengang geriet bei diesem Punkt ins Stocken. Wenn ichs mir
recht berlege, sagte ich nachdenklich, kann ein echter Christ sich
unserem Bunde nicht anschlieen. Toleranz gegen Andersglubige kann bei
denjenigen kaum erwartet werden, die berzeugt sind, da ihr Glaube der
allein selig machende sei; und das grte Glck als Ziel unseres
Strebens aufstellen, ist vollends ganz und gar unchristlich.

Glyzcinski lachte: Sie haben einen hellen Kopf, liebe Freundin, darum
lassen Sie mich ihnen noch eins verraten. Niemand, der von Herzen an
einen lebendigen Gott glaubt, kann auf unsere Seite treten; oder drfte
er zugeben, da Gott selbst sich der Moral unterordnet?! Die Religion
als vager metaphysischer Glaube, als flchtig berauschendes Genumittel
schwacher Seelen kann innerhalb unserer Reihen Anhnger haben, nicht
aber die Religion als Grundlage der Sittlichkeit, -- und damit wird ihr
Halt und Inhalt zugleich entzogen. Der Kaiser und die Junker haben von
ihrem Standpunkt aus vollkommen recht, wenn sie dem Volke die Religion
erhalten und die Schule der Kirche mit Haut und Haar ausliefern mchten:
nichts hindert die Verbreitung wahrer ethischer Kultur mehr als die
Religion. Die Dankbarkeit fr alles, was wir haben und sind, krperlich
und geistig, wird in sentimentalen Gefhlen auf Gott gelenkt, statt da
sie sich in Taten auslst fr die Menschheit, der wir in Wirklichkeit
alles verdanken. Aller Widerstand gegen das Bse, alle Kampfeslust gegen
das Unglck wird dadurch gelhmt, da man den Menschen lehrt, sich
demtig vor Gottes Willen zu neigen, und ihnen den Glauben an die ewige
Seligkeit einflt. Und alle Tapferkeit, alle Menschenliebe, alle Kraft
zur Selbstbefreiung und zur Befreiung der Menschheit aus Elend und
Knechtschaft wird im Keime erstickt, wenn die Verantwortlichkeit fr das
Leiden auf die Gottheit abgewlzt werden kann.

Ich verstehe Sie nicht, -- Sie scheinen gegen den eigenen Plan zu
sprechen, -- nach Ihnen mte keine ethische, sondern eine atheistische
Gemeinschaft gegrndet werden, wandte ich ein.

Sie irren, -- atheistische Pfaffen, die wir in diesem Fall zchten
wrden, schaden unserer Sache mindestens ebenso viel wie kirchliche.
Ethik wollen wir verbreiten, und in dieser Ethik ruht die Kraft der
Wahrhaftigkeit, die allmhlich alle alten Gespenster austreiben wird.
Fr mich -- wir beide sprechen offen miteinander! -- ist die
Hauptaufgabe der Ethischen Gesellschaft nicht die, fr Gerade und Krumme
ein gleichmig passendes moralisches Mntelchen zuzuschneiden, sondern
im Dienst der sittlichen und sozialen Entwicklung dem Antichristentum
und dem Sozialismus die Wege zu bereiten!

Ich schwieg; ein tiefer Schrecken vor unbekannten Gefahren hatte mich
erfat. Der Sozialismus! -- Mnner mit niedrigen Stirnen und
schwieligen Fusten sah ich, schwindschtige Frauen und Kinder mit
Greisengesichtern, ein Zug von Gestalten, haerfllt die Zge, die
Fuste drohend erhoben wider alles, was unser Leben schn und reich
machte, eingehllt in einen Geruch von Schwei und Blut. Helfen wollte
ich ihnen, -- einen Weg wollte ich hauen durch die Wildnis ihres Elends,
ich frchtete nicht die Dornen, die mir die Hnde zerreien, die
fallenden ste, die mich verwunden wrden, -- aber mich ihrem Zuge
einreihen --, mich schauderte.

Wie sind Sie bla und still geworden! hrte ich Glyzcinskis warme
Stimme. Verzeihen Sie mir -- ich habe mich schon so daran gewhnt, vor
Ihnen laut zu denken, da mir nicht einfiel, wie sehr ich Sie dadurch
erschrecken knnte!

Sie haben nur, wie immer, zu gut von mir gedacht, und ich bedarf ihrer
Verzeihung, -- nicht umgekehrt, antwortete ich. Sie mssen Geduld mit
mir haben, -- ich mu mich erst an die Neuheit des Gedankens gewhnen.
Ich wei ja auch im Grunde gar nichts vom Wesen des Sozialismus. Vieles,
was ich hrte, stimmte wohl mit meinen eigenen Ansichten berein, vieles
aber hat mich immer abgestoen --.

Ich werde wieder meine stummen Freunde fr mich sprechen lassen! Und
Glyzcinski bezeichnete mir die Bcher und Broschren, die ich aus seinem
Bcherschrank nehmen sollte. Nur eins mchte ich Ihnen gleich heute
sagen: Auf dem Wege wissenschaftlichen Studiums bin ich zu meinen
ethischen berzeugungen gelangt, auf demselben Wege habe ich erkannt,
da die Entwicklung zum Sozialismus eine gesetzmige, unabnderliche
ist, gleichgltig, ob unser Gefhl sich dagegen strubt oder nicht.
Nachdem ich das aber einmal erkannt habe, kann es fr mich von meinem
ethischen Standpunkt aus keine andere Wahl geben, als die, mich in den
Dienst der Entwicklung zu stellen und mit allen Krften dahin zu wirken,
da sie eine mglichst friedliche, das Glck der Menschen mglichst
wenig gefhrdende sei. Andere denselben Weg der Erkenntnis zu fhren,
den ich gegangen bin, -- das ist daher meine Aufgabe --, das ist die
Aufgabe, die die Ethischen Gesellschaften haben sollten.

Und Sie glauben, da die Menschen sich dahin fhren lassen werden?!

Des Professors Gesicht nahm jenen kindlich-strahlenden Ausdruck an, der
mich immer an gotische Heiligenbilder erinnerte.

Ich glaube daran! Sonst mte ich mich selbst fr eine Ausnahme aller
Regel halten!

Auch Egidy, dachte ich auf dem Heimweg, ist solch ein Glubiger; bei ihm
soll das Einige Christentum vollenden, was der Professor von der
Ethischen Kultur erwartet.

Und wieder las ich manche Nacht hindurch. Bei jedem Umschlagen einer
Seite erwartete ich das Grliche zu finden, das so vielen Menschen das
Recht gab, den Sozialismus zu verabscheuen und mit allen Mitteln zu
bekmpfen. Aber ich fand es nicht. Nichts entsetzte mich, und wenn ich
berrascht war, so nur ber die Selbstverstndlichkeit jeder Kritik am
Bestehenden und jeder Forderung an die Zukunft. Oft lachte ich im
stillen vor Freude, wenn ich eigene, lngst vertraute Ideen wiederfand;
und wo meine Gedanken nicht Schritt halten konnten, sagte mein Gefhl ja
und tausendmal ja. Gleiche Rechte fr alle: Mnner und Frauen; Freiheit
der berzeugung; Sicherung der Existenz; Frieden der Vlker; Kunst,
Wissenschaft, Natur ein Gemeingut Aller; Arbeit eine Pflicht fr Alle;
freie Entwicklung der Persnlichkeit, ungehemmt durch Fesseln der Kaste,
der Rasse, des Geschlechts, des Vermgens --: wie konnte irgend jemand,
der auch nur ber seine nchsten vier Wnde hinausdachte, sich der
Richtigkeit und Notwendigkeit dieser Forderungen verschlieen?!

Eugen Richters famose Broschre, die ich im Sommer gelesen hatte, und
die Onkel Walter in Pirgallen gratis unter die Arbeiter verteilte, fiel
mir ein. Sollte der Verfasser wissentlich gelogen haben? Und war es
Lge, nichts als Lge, was die Gegner vom Sozialismus verbreiteten? Da
der Professor mir irgend etwas vorenthalten haben konnte, war doch
unmglich!

Ich besprach alles mit ihm: meine freudige Zustimmung und meine Zweifel
und Bedenken. Der erfurter Parteitag war eben geschlossen worden, das
neue Programm lag vor, und Glyzcinski erklrte es mir in allen seinen
Einzelheiten. Ich sah, da die vielverlsterte und mir immer lcherlich
erschienene Forderung nach der Verteilung allen Besitzes in Wirklichkeit
nicht vorhanden war, da nur der Grund und Boden, der seine privaten
Besitzer reich machte, ohne da sie arbeiteten, und die
Produktionsmittel der Industrie, durch die ihre Eigentmer zu
Millionren wurden und ihre Arbeiter zu abhngigen Sklaven, in den
Besitz der Allgemeinheit bergehen sollten. Dabei konnten wir alle nur
gewinnen, -- wir vielen, die wir doch auch nichts als Besitzlose waren!
-- Warum strubten wir uns dann?

Sie sehen selbst: Unwissenheit und Selbstsucht sind die Gegner der
Sozialdemokratie, die Lge ihre Waffe, sagte der Professor, und wir
sollten sie zu besiegen nicht imstande sein?!

Die Zeit damals war geladen mit Elektrizitt. berall schien die alte
Erde von unterirdischen Donnern erschttert, und hie und da klaffte ein
dunkelghnender Abgrund, wo noch eben grne Wiesen gelacht hatten.
Schmutzige Geldgeschichten in preuischen Ministerhotels,
Betrugsanklagen gegen Vertreter der deutschen Regierung im Ausland;
Unterschlagungen von Kirchengeldern und wohlttigen Stiftungen durch
christliche, vom Hof protegierte Bankhuser erschtterten das noch
vorhandene Vertrauen in die Unantastbarkeit preuischen Beamtentums und
christlicher Tugenden. Und wer, wie ich, von den Tiefen menschlichen
Elends und menschlicher Verworfenheit noch wenig wute, dem ri der
Proze Heintze die letzten Schleier von den Augen. Diese gewaltsame
Enthllung der Wahrheit, die selbst die, die nicht sehen wollten, zum
Sehen zwang, wirkte wie Wetterleuchten, das groen Umwlzungen
vorhergeht.

Im Egidyschen Kreise, den ich jetzt um so seltener fern blieb, als ich
gerade hier die erfolgreichste Propaganda fr die Ideen der Ethischen
Kultur glaubte machen zu knnen, trat die durch die ffentlichen
Ereignisse hervorgerufene Erregung deutlich zutage. Egidy pflegte kurze
Vortrge zu halten, in denen Tagesfragen stets berhrt wurden; selten
nur begegnete ihm ein Widerspruch, fast immer konnte er der jubelnden
Zustimmung seiner Gste sicher sein, wenn er in seiner halb kindlichen,
halb herrischen Weise alle Fragen spielend lste. Wir brauchen nur
Christen zu sein, ganz und gar Christen, und wir haben keine Rasse-,
keine Geschlechts- und keine sozialen Probleme mehr, erklrte er, und
mit unerschtterlichem Optimismus hoffte er auf den Kaiser: Nach einem
Fhrer unserer Bewegung, die das ganze Volk ohne Ausnahme umfassen wird,
braucht ein Land nicht zu suchen, dem Frsten _geboren_ werden. Ich war
fast die einzige, die nicht nur skeptisch blieb, sondern alles daran
setzte, die groe Persnlichkeit dieses Mannes, die mir wie geschaffen
zu sein schien, Hunderttausende mit sich zu reien, den Ideen der
Ethischen Bewegung zu gewinnen. Wir debattierten oft stundenlang und
setzten dann noch brieflich unsere Diskussionen fort.

Wir wollen beide dasselbe, sagte er einmal, und auf diesen ernsten
Willen kommt es an.

Ist unser Wille der gleiche, und sind unsere Gedanken dieselben, so
haben Sie so wenig das Recht wie ich, sich fr neuen Wein alter
Schluche zu bedienen! antwortete ich.

Das Christentum -- mein Christentum Jesu ist aber nicht der alte
Schlauch, den die Kirche gemacht hat, mit der ich ganz und gar nichts zu
tun habe, beharrte er.

Ich will berhaupt nur, da etwas wird, schrieb er bald darauf: Wir
wollen die Religion _leben_; setzen Sie fr das Wort: Religion -- Ethik,
so ist's mir recht, aber fr das Wort: leben sollen Sie mir kein anderes
setzen. -- Wir mssen das Christentum ernst nehmen; setzen Sie fr
Christentum -- Ethik, so ist's mir recht, das Ernstnehmen aber lasse ich
mir nicht fortstreichen. Wir haben lange genug entwickelt, -- ich will
nun Entfaltung sehen. Wieder blo reden, blo predigen, blo erziehen,
derweilen die Menschen weiter hungern und die Welt aus Laune einzelner
in Waffen starrt, -- nein! Mein Streben geht darauf hin, Zustnde zu
schaffen, die _verwirklichen_, was Sie predigen. Der Staat soll eine
groe ethische Gesellschaft sein, jede Schule eine in Ihrem Sinne
ethische, in meinem Sinne religise Gemeinschaft erziehen. Glauben Sie
mir: ich marschiere ganz auf realem Boden. Da auch Frulein von Kleve
-- traurig oder lchelnd? -- den Kopf schttelt, tut mir furchtbar weh.
Entmutigen aber darf es mich nicht. Sie waren ja vor mir auf dem
Schlachtfelde, -- ich wei das recht gut. Die Frage wird schlielich
einfach die sein: wer der Menschheit zumeist gentzt haben wird, --
Ethische Gesellschaft oder Angewandtes Christentum. Sie beantwortet sich
allenfalls heute schon daraus: womit begrndet jemand seine Ansprche an
die Gemeinsamkeit wirksamer: indem er auf Grund ethischer Prinzipien --
'neuer Werte' -- fordert, oder indem er auf Grund des 'gerade von euch,
ihr Herren' gepredigten Christentums, im Namen des Jesus von Nazareth
verlangt? ...

Auch ich will, da etwas wird, antwortete ich ihm, aber ich sehe
nicht, da wir, die wir jede gewaltsame Durchsetzung neuer Zustnde
ablehnen, dieses Werden anders frdern knnen, als durch 'reden',
'erziehen', 'predigen', das heit durch Verbreitung neuer Ideen. Sie tun
doch auch nichts anderes! Und Sie werden mir gewi zugeben, da Reden --
'blo reden' (!) -- eine mutigere und an Folgen reichere Tat sein kann,
als Schlachten schlagen. Auf diese Folgen kommt es an, sagen Sie, und
wieder finden Sie mich auf Ihrer Seite. Wenn ich aber wirklich zuweilen
traurig -- niemals lchelnd! -- den Kopf schttele, so nur deshalb, weil
ich berzeugt bin, da die Folgen der von Ihnen ins Leben gerufenen
Bewegung grere sein wrden, wenn Sie sich anderer Mittel bedienten.
Die ursprngliche Lehre Jesu mag mit Ihren Ansichten bereinstimmen --
das zu entscheiden wre Sache gelehrter theologischer Forschung --, aber
das, was heute die ganze Welt unter Christentum versteht, ist etwas im
Laufe der Jahrhunderte historisch Gewordenes, das umzustoen viel mehr
Zeit, viel mehr Kraft erfordern wrde, -- falls es berhaupt mglich
ist! --, als neue Werte unter neuem Namen in die Kpfe und Herzen zu
pflanzen ...

Aber all unsere Auseinandersetzungen, in denen wir im Grunde mit
grerer Leidenschaft um einander, als um Ideen kmpften, blieben
fruchtlos. Also -- ich reite allein! schrieb mir Egidy in einem
Augenblick, wo wir, wie erschpft vom Kampf, mit gesenktem Degen stumm
voneinander gegangen waren, aber -- den Glauben drfen, richtiger:
knnen Sie mir nicht rauben, da Sie und ich im kleinsten Finger
dasselbe meinen; ich habe Sie erfat, nur Sie mich nicht! Warum? ich
werde es Ihnen einmal sagen, -- nicht schreiben; ich habe ein ganz
klares Bewutsein davon ...

Glyzcinski gegenber gab ich meinem Unmut ber das Vergebliche meines
Bemhens lebhaften Ausdruck. Er selbst hatte ursprnglich auf Egidy, als
einen unserer knftigen Mitkmpfer, auerordentlichen Wert gelegt.
Allmhlich grub sich eine kleine Falte zwischen seine Brauen, wenn ich
von ihm erzhlte. Sie sollten Ihre Krfte nicht lnger an eine
verlorene Sache verschwenden, meinte er dann. Aber ich konnte mich um
so weniger beruhigen, als mir ein Zusammensto zwischen den beiden
Bewegungen unvermeidlich schien, je mehr sie an Bedeutung gewannen.

Einer der Leiter der Ethischen Gesellschaften Amerikas war auf
Glyzcinskis Veranlagung nach Berlin gekommen, seine Vortrge hatten
groe Aufmerksamkeit erregt und im Kreise der Intellektuellen lebhafte
Debatten hervorgerufen. Ich sah, wie schmerzlich Egidy und seine
Anhnger das Auftreten des Ethikers empfanden. An den folgenden
Dienstagabenden drngten sich die Menschen mehr als sonst in den Salons
der Spenerstrae; die hektisch gerteten Wangen vieler Besucher
verrieten ihre krankhaft gesteigerte Aufregung; und welcher Gruppe ich
mich auch nherte: die Plaudernden verstummten oder stoben scheu
auseinander.

Man hat Sie als Spitzel der Ethischen Bewegung verdchtigt, sagte
lachend Wilhelm von Polenz, ein treuer Freund und stndiger Gast des
Egidyschen Hauses, den ich um Aufklrung bat. Bande! -- stie ich
zwischen den Zhnen hervor. Sie haben mit Ihrer Bezeichnung, frcht'
ich, mehr recht, als Sie ahnen, -- des jungen Dichters Zge waren
ernst, fast traurig geworden -- es ist ein Jammer, da unser Freund
diese Umgebung hat und duldet. Aber es mu anders werden! fgte er nach
einer Pause hinzu. Ich denke an solche, die fhig und wrdig sind,
Trger seiner Ideen zu sein, und die -- vielleicht unbewut -- nach
Vertiefung und Bereicherung ihres Innenlebens lechzen: an unsere jungen
Knstler und Literaten. Egidy begann zu reden und unterbrach unser
Gesprch. Meine Gedanken waren aber noch dabei; Polenz hatte recht, ganz
recht: die Dichter der Ehre, der Familie Selicke, des Vor
Sonnenaufgang waren unsere geborenen Mitkmpfer. Unsere?! -- die der
Ethischen Bewegung natrlich!

... Jetzt haben die Ethiker den Triumph, da Orthodoxe und Liberale
ihnen Beifall rauschen, hrte ich Egidys klare, scharfe Kommandostimme,
weil sie erklren, die allgemein menschliche Moral zu vertreten und den
religisen Glauben des einzelnen nicht tasten. Ich aber mu es ber mich
ergehen lassen, da man sich schaudernd von mir wendet, weil ich dem
dogmatischen Christentum zu Leibe gehe. Ich sage Ihnen, da ich jedem
Dogma zu Leibe gehe, -- aber mit offenem Visire, nicht so, da man erst
gar nichts Bses hinter mir ahnt und ich mich dann erst als Erzketzer
entpuppe, sondern: erst Ketzer -- dann ganzer und wahrer und Nur-Mensch,
-- -- so sind noch nicht viele in die Schranken des ffentlichen Lebens
eingeritten ... Ein langer Blick traf mich, und irgend etwas
Unbestimmtes -- wars rger, wars Beschmung? -- lie mich errten ...
Doch im Namen wahrer Religion tue ich es. Die Ethiker haben keinen
Namen, der so alles in sich schliet, wie Religion. Hat man den Namen
bisher mibraucht, so soll man ihn jetzt zu Ehren bringen: Religion
nicht mehr neben unserem Leben, unser Leben selbst Religion! Und diese
Religion bezeichne ich mit dem Worte Christentum. Mgen die Ethiker es
doch versuchen, mit einem anderen Wort etwas zu erreichen! Aufs
Erreichen kommt es an, nicht auf den Widerwillen, den man gegen Begriffe
und Worte hat, die achtzehnhundert Jahre lang der Deckmantel schndester
Frevel waren. Jetzt aber soll es anders werden. Wille wird! aber nicht,
indem man das Banner fortwirft, und es der Menge berlt, kopfscheu
auseinander zu rennen, sondern indem man es hher denn je erhebt und
mutig ausruft: Alle hierher! Eben entdecken wir erst, da es noch nie
richtig entrollt war -- in den Falten, die man unseren Blicken entzog,
steht ja ganz was anderes --, die ganze Menschheit soll dies Banner
sttzen, und nicht die Kirche!

Es war sekundenlang still. Egidy hatte sich ein fr allemal jede
Beifallsuerung streng verboten. Die Zunchststehenden sahen mich
erwartungsvoll an. Das Herz klopfte mir bis zum Halse herauf -- mir
wurde hei und kalt --, ich fhlte, ich mute sprechen. Es dunkelte mir
vor den Augen, die Angst schnrte mir fast die Kehle zu, -- wie sollt'
ich die Worte finden, wie reden, wenn all die vielen feindseligen Blicke
mir entgegenblitzten?! Und doch: durft' ich zum erstenmal, wo die
Gelegenheit sich bot, die groe Sache zu verteidigen, -- meine Sache!
--, durfte ich feige schweigen?!

Herr von Egidy stellte die Lage so dar, als ob es hiee: Hie
Christentum -- hie Ethik, begann ich, die zitternden Hnde krampfhaft
auf die Stuhllehne vor mir sttzend, whrend wir alle, deren gleiches
Ziel die Wohlfahrt der Menschheit ist, nicht die Verschiedenheiten
unserer Anschauungsweisen hervorsuchen, sondern die Einheit unserer
Aufgaben betonen sollten ...

Die Zerstrung der Kirche ist unsere Aufgabe! rief eine krchzende
Stimme dazwischen. Ich suchte einen Augenblick verwirrt nach dem
zerrissenen Faden meiner Rede und fuhr dann fort. Wir Vertreter der
Ethischen Bewegung legen auf das gemeinsame Handeln den grten Wert und
meinen, da es weit richtiger ist, gegen Hunger und Not zu kmpfen, als
gegen die Kirche ...

Eine lebhaft gestikulierende Dame, der das Haar in stumpfblonden
Strhnen ber die Stirne hing, reckte die drren Hnde pltzlich hoch
empor und schrie gellend: Sie verleumdet Egidy, -- duldet das nicht,
duldet das nicht! Egidy machte eine kurze, beruhigende Bewegung und
stand dann wieder mit verschrnkten Armen, die Blicke starr auf mich
gerichtet, unter dem Trrahmen. Ich wei, da ich in diesem Moment, wo
die Aufregung um mich stieg, wie um Hilfe flehend zu ihm hinbersah.

Wir sind der berzeugung, da das Gemeinsame der Menschen -- fast
mechanisch sprach ich jetzt und ausdruckslos -- nicht die Religion, die
im Gegenteil die Welt in feindselige Lager teilt, wohl aber eine
allgemeine Moral sein kann, auf Grund deren wir handeln. Mir wurde,
angesichts der greren Ruhe um mich her, freier ums Herz. Das grte
Glck der grten Anzahl -- diese sittliche Richtschnur kann von allen
anerkannt werden, ohne da der Glaube des einzelnen verletzt zu werden
braucht.

Dazu sind Sie ja viel zu feige! -- wie ein gut gezielter Pfeilscho
flogen mir die Worte zu.

Ich sah auf Egidy -- noch rhrte er sich nicht -- das Herz tat mir weh,
und zugleich kam mir blitzartig die Erkenntnis, da er im Grunde in
seiner Rede dasselbe gemeint hatte. Ich zwang mich zur Ruhe und wrdigte
den Zwischenrufer keiner Antwort. Herr von Egidy rhmte sich mit Recht,
da er mit offenem Visir kmpfe, -- und wir und meine Freunde sind die
letzten, die seinen Mut bezweifeln. Wir ehren jede berzeugung, indem
wir sie nicht antasten und ber ihre Schranken hinweg den anderen die
Hnde reichen ...

Ein spttisches Gelchter neben mir reizte meinen kaum unterdrckten
Zorn, und alle Selbstbeherrschung verlierend, strzten mir die Worte
ber die Lippen: Sie sind feige, die Sie mich hinterrcks angreifen, --
nicht ich! Viel rcksichtsloser als bei irgend einem unter Ihnen ist
meine Gegnerschaft zur Kirche, zu den Dogmen, ja, zum Christentum
selbst, dessen Inhalt, dessen Tendenz volks- und kulturfeindlich ist.

Alix! -- meiner Mutter Stimme war's, -- in ein fassungsloses
Schluchzen brach sie aus. Meine harte Mutter, die Empfindungen kaum zu
kennen schien, sie zum mindesten immer in eisernen Fesseln hielt, --
meine Mutter weinte! Wir fhrten sie hinaus, Egidy und ich. Er sprach
ihr beruhigend zu, und ihre Augen wurden trocken, ihre Lippen bewegten
sich zu mhsamem Lcheln. An der Tr streckte er mir die Hand entgegen,
-- ich bersah sie. Wir fuhren wortlos nach Haus. Erst als ich vor
meinem Schlafzimmer ein leises Gute Nacht flsterte, schien sie sich
des Geschehenen wieder zu erinnern.

Du -- du wagst es, mir eine gute Nacht zu wnschen?! kam es stoweise
ber ihre Lippen. Hast du mir nicht schon genug Kummer gemacht, und nun
mu ich noch das Frchterliche erleben, da du in aller ffentlichkeit
unseren Herren und Heiland verleugnest?! ... Dazu also hast du die
Freiheit benutzt, die wir trichte, mehr als rcksichtsvolle Eltern dir
gewhrten, hast dir von dem Professor, der uns gegenber die Maske des
duldsamen Ethikers trgt, den Kopf verdrehen lassen! Ein schner Dank
fr all unsere Liebe -- -- Aber das schwr' ich dir zu: keinen Fu setzt
du mehr ber die Schwelle dieses Elenden! Ich wollte heftig erwidern,
aber schon war sie fort und schob geruschvoll den Riegel vor ihre Tre.

Noch in der Nacht schrieb ich zwei Briefe, den einen an Egidy, worin ich
mich bitter beklagte, da er mich in seinem eigenen Hause den Angriffen
seiner Anhnger schutzlos preisgegeben habe, und da ich dafr nur eine
Antwort htte: ihm von nun an fern zu bleiben, und einen anderen an
meine Kusine Mathilde, durch den ich sie bat, mich so rasch wie mglich
zu sich einzuladen, da ich Berlin auf einige Zeit verlassen msse. In
aller Frhe steckte ich beide in den Kasten und ging zu Glyzcinski. Als
ich bei ihm eintrat, in dies stille, vertraute Zimmer voll Licht und
Frieden und Vogelgezwitscher, berfiel mich ein Schwindel, --
sekundenlang lehnte ich mit fest auf das Herz gepreten Hnden an der
Tre. Er hatte sich krampfhaft aufgerichtet und starrte mich an, die
Augen angstvoll aufgerissen, die Zge leichenfahl. Und dann hielt er
meine Hand in der seinen und lie sie nicht los, so lange ich erzhlte.

Meine liebes, armes Schwesterchen! sagte er immer wieder. Aber es
mute einmal so kommen, -- Sie werden sich mit dem Gedanken vertraut
machen mssen, da schlielich ein Bruch zwischen Ihnen und den Ihren
unvermeidlich ist. Ich lie mutlos den Kopf sinken. Dann erst werden
Sie leisten knnen, was Sie zu leisten berufen sind.

Ich sprach von meiner Absicht, abzureisen. Es legte sich wie ein
Schleier ber seine Augen, und ein fast unmerkliches Zucken ging durch
seinen Krper. Aber ich bleibe ohne Besinnen, wenn es Ihnen lieber
ist, fgte ich rasch hinzu. Er lchelte gezwungen: Mir scheint es
freilich fast unmglich, Sie zu missen, -- aber gehen Sie -- gehen Sie
nur! Wie knnt' ich verlangen, da Sie mir ein Opfer bringen?! ...

Ein Opfer?! scho es mir durch den Kopf, -- ist nicht der Gedanke fr
mich selbst beinahe unertrglich, ihn zu verlassen?! -- --

Noch am Nachmittag kam ein Brief von Egidy. Der Vorwurf, den Sie mir
machen, bekmmert mich sehr, hie es darin. Ich habe nicht den
Eindruck gehabt, da mein Schutz Ihnen ntig war. Ich fand, da Sie sich
selbst an besten verteidigen konnten. Am tiefsten aber betrbt es mir,
da Sie jetzt von einem Wegbleiben reden. Der Gedanke, Sie missen zu
mssen, ist mir schmerzlich. Ich habe Herz und Kopf noch so voll fr
Sie, -- ich habe sie richtig lieb. Am schmerzlichsten aber ist der
Stachel, den Ihre Worte mir ins Herz gesenkt: da Ihnen dies Wegbleiben
gar etwa so schwer nicht wrde! Ich meine: andernfalls drften Ihnen
Vorkommnisse solcher Art einen solchen Gedanken nicht eingeben, vielmehr
mten Sie eine Befriedigung im berwinden derartiger Dinge finden; dies
um so mehr, als Sie meiner ritterlichen Verteidigung wohl berzeugt sein
drfen, sofern ich sehe, da Sie derselben irgend bentigen. So
wenigstens denke ich von der Aufrechterhaltung eines Bandes, das zu
keinem anderen Zwecke besteht als zu dem: den Menschen zu dienen; -- --
ganz abgesehen von einem Gefhl wohltuender Freundschaft: 'oh rei den
Faden nicht der Freundschaft kurz entzwei -- wird sie auch wieder fest
-- ein Knoten bleibt dabei --' Wir werden uns aussprechen, -- ich bin in
wenigen Stunden bei Ihnen ...

Und er kam. Ich wollte ihn nicht sehen, meine Mutter empfing ihn; er
blieb lange bei ihr, und als er gegangen war, trat sie mir mit ganz
verndertem Ausdruck entgegen. Egidy lt dich gren, sagte sie,
danke es diesem prachtvollen Menschen, da ich dir noch einmal
verzeihe und deine Freiheit nicht antasten will.

Noch am Abend brachte der Diener Glyzcinskis mir ein paar Zeilen von
ihm: Eben verlt mich Egidy. Sein Besuch war mir eine doppelte Freude:
Ich erfuhr, da er Ihre Mutter beruhigen konnte, und lernte einen Mann
kennen, wie es -- trotz all seiner Schrullen und Eigenheiten -- wenige
geben mag. Nicht wahr, nun darf ich auch hoffen, da Sie bleiben werden
und bei mir wieder jeden Nachmittag Sonntag ist?!

Egidy selbst schrieb mir nur vier Worte: Hab ichs recht gemacht?!

       *       *       *       *       *

Ein politisches Ereignis von weittragender Bedeutung sollte dem Einigen
Christentum Egidys und der Ethischen Bewegung, die bisher beide einen
verhltnismig kleinen Kreis Getreuer umfaten, gewaltigen Vorschub
leisten: der Zedlitzsche Volksschulgesetzentwurf. Wer die Wissenschaft
vertrat, oder einen auch nur gemigten Fortschritt, fhlte sich in
seinen Idealen persnlich verletzt und suchte nach Gleichgesinnten, um
den Mut zu gemeinsamen Protesten zu finden, den er fr sich allein nicht
aufbrachte. Die sich Christen nannten, strmten Egidy zu, die Juden und
die Freidenker zeigten ein tglich wachsendes Interesse an der Ethischen
Bewegung. Egidy selbst war zuerst so gedrckt durch die Tuschung, die
sein Vertrauen auf den Kaiser gefunden hatte, -- denn da der Entwurf
dessen persnlichstes Werk war, daran zweifelte kaum einer --, da die
neue Anhngerschaft ihn dafr nicht zu entschdigen vermochte. Vor der
Menge zeigte er sich stark und hoffnungsfroh; sprach ich ihn allein, so
schien mirs, als snke dieser stramm aufgerichtete Soldat zum erstenmal
mde zusammen. Kam ich dagegen zu Glyzcinski, so fand ich den Gelhmten
in einer Stimmung, die strahlend aus seinem Antlitz sprach und tglich
zuversichtlicher wurde. Denen, die das Gute wollen, mssen alle Dinge
zum Besten dienen, rief er mir zu, kaum da ich eintrat. Sehen Sie
hier: -- und er schwenkte ein paar Briefbogen wie eine Fahne, nichts
als Beitritts- und Zustimmungserklrungen. Mein alter Traum geht
wirklich in Erfllung: wir werden in Deutschland eine Ethische
Gesellschaft haben!

Ich erzhlte es Egidy, -- seit jenem bsen Dienstagabend war die
Ethische Bewegung zwischen uns nicht mehr erwhnt worden --, er
schttelte langsam den Kopf: Wenn es doch bei der bloen Bewegung
geblieben wre! sagte er, wie ganz anders flssen unsere Bestrebungen
nicht nur neben- sondern ineinander, wenn Sie die Ihrigen nicht durch
Satzungen zu einem knstlich gemauerten Kanal formen wrden. Gedanken
verbreiten, -- das ist das einzig Not tuende! -- Sie werden vor lauter
Statutenberatungen und Vorstandssitzungen fr diese Hauptsache gar keine
Kraft und Zeit mehr brig haben. Ein Verein -- nun ja, -- das ist ja
ganz nett, aber -- und nun glauben Sie mir einmal! -- ber kurz oder
lang arten sie alle in Sport aus. Der Starke ist am mchtigsten allein!

Das sagen Sie! antwortete ich, ein wenig rgerlich, und doch tun Sie
nichts anderes als Anhnger werben, die sich zwar nicht auf Statuten,
wohl aber auf Ihren Namen verpflichten mssen. Sogar an Bebel hat sich
Ihr Freund, der asketische Kandidat der Theologie, neulich
gewandt -- --

Gewi -- und mit meiner Zustimmung, unterbrach mich Egidy, das
Christentum schliet, wie alles andere Entwicklungsfhige, so auch den
Sozialismus in seinen lebensfhigen und wrdigen Forderungen in sich.
Und einem Fhrer, wie Bebel, htte ich eine richtigere Einsicht
zugetraut. Wollen Sie seine Antwort lesen?

Ich bejahte lebhaft und las den Brief nicht nur, sondern schrieb ihn
auch ab, um ihn Glyzcinski zeigen zu knnen. Es hie darin:  ... Das
Brgertum sieht die Religion heute als eins der wirksamsten Kampfmittel
gegen die Sozialdemokratie an. Daher die Macht, die seit zwlf bis
fnfzehn Jahren das Pfaffentum erlangte, und die Erscheinungen, die
Herrn von Egidy zu seinem Kampfe gegen die herrschende Strmung
aufreizten. Die Brgerklasse, obwohl meist freigeistig, wird sich daher
in ihrer Masse den Bestrebungen des Herrn von Egidy fernhalten,
andererseits kann sich auch die Sozialdemokratie nicht fr diesen Kampf
begeistern, weil seine Ziele ihrer Natur nach nur eine Halbheit sein
knnen und an dem sozialen und politischen Zustande, der hauptschlich
auf den Massen lastet, und dessen Beseitigung ihre Hauptaufgabe ist,
nichts ndert. Sich fr die Bestrebungen des Herrn von Egidy
unsererseits zu engagieren, hiee unsere Krfte zersplittern, aber auch
zugleich seine Bestrebungen als sozialdemokratische stigmatisteren und
ihm die Mehrzahl seiner Anhnger vertreiben ... Voller Sympathie also
fr die Sache an sich, insofern uns jeder Kampf gegen bestehende bel
willkommen ist und den bestehenden Bau erschttern hilft, knnen wir
doch nicht gemeinsam wirken, weil unser Ziel weit ber das von Herrn von
Egidy gesteckte hinausfhrt ... Da also der Berg nicht zu Mohammed
kommen kann, mu Mohammed eben zum Berge kommen! ...

Hier war kein Satz, dem ich htte widersprechen knnen: gewi, seine
Partei konnte sicher und ruhig ihren Zielen entgegen gehen; sie bedurfte
unser nicht. Aber eines, so schien mir, verga Bebel: da es neben dem
Proletariat Millionen Menschen gibt, die nicht nur der endlichen
Erlsung ebenso wrdig und bedrftig sind, die sich vielmehr auch im
Augenblick, wo die Arbeiterklasse schon die Fahne des Sieges
aufzupflanzen imstande wre, ihr wie eine Barriere in den Weg stellen
wrden. Mich und meinen Glauben an unsere Sache entmutigte weder Egidy
noch Bebel. Und der Professor -- dessen war ich gewi -- wrde nicht
anders denken als ich.

Mit Bebels Brief in der Hand, berschritt ich wieder einmal den engen
Hof, die dunkle Treppe, den lichtlosen Flur, und stand schon vor seiner
Tre, als eine Stimme von innen meinen Fu stocken lie. Sie klang tief
und warm und hatte jenen sterreichischen Akzent, der uns Norddeutsche,
wie alles, was vom Sden kommt, so seltsam anheimelt.

Alle Strme flieen in unser Meer ... sagte sie.

Ich bin ganz Ihrer Meinung und wnschte, da Ihre Partei uns ebenso
einschtzt: als einen Nebenflu, der ihr reiche Schtze zuzutragen
vermag, antwortete der Professor. Noch ein Sthlercken, ein paar
Hflichkeitsphrasen, ein fester Tritt, -- ich ffnete rasch die Tre, um
nicht als Horcherin ertappt zu werden. Ein groer, blonder Mann stand
mir gegenber, wir sahen einander einen Augenblick lang ins Gesicht, und
mit einer stummen Verbeugung ging er an mir vorbei zum Zimmer hinaus.

Wer war das? frug ich erstaunt und strich mir mechanisch mit der Hand
ber die Stirne, -- ich mute diesen Menschen schon irgendwo gesehen
haben.

Dr. Brandt, -- der bekannte sozialdemokratische Schriftsteller, sagte
Glyzcinski, er strahlte noch vor Freude ber den Besuch. Was meinen
Sie, sollen seine Worte der geheime Wahlspruch werden, den wir Beide an
die Spitze unserer Satzungen stellen?

Alle Strme flieen in unser Meer, wiederholte ich und drckte fest
die Hand, die er mir entgegenstreckte -- hier haben Sie mich zum
Bundesgenossen!




Achtzehntes Kapitel


                                                       Kranz, 15. 6. 92
Verehrter Herr Professor!

Wir sind wohlbehalten hier angekommen und ich benutze den herrlichen
Morgen, um Ihnen gleich die erste Nachricht zu geben. Seit gestern
Abend, wo Onkel Walter, kaum da ich den Reisestaub abgeschttelt hatte,
mich bereits ganz gegen seine Gewohnheit in ein politisches Gesprch
verwickelte, zweifle ich nicht mehr daran, da nicht meiner Schwester
Bleichsucht, sondern mein 'gefhrlicher' Geisteszustand die Eltern
veranlate, uns Beide so unerwartet rasch auf Reisen zu schicken. Der
Onkel erzhlte mir, da die Regierung, d. h. heute kaum etwas anderes als
S. M., Egidy, diesem 'kompletten Narren', nur aus Rcksicht auf seine
Familienbeziehungen noch 'keinen Maulkorb' vorgebunden habe, man werde
dafr bei Zeiten seinen Parteigngern an den Kragen gehen, die im
Polizeiprsidium als Anarchisten wohl bekannt seien. 'Aber Dein
Professor ist viel gefhrlicher', fgte er dann hinzu, 'und er wre
lngst beseitigt worden, wenn er nicht ein kranker Mann wre.' Da mir
die schlechte Gewohnheit des Schweigens inzwischen glcklich abhanden
gekommen ist, gab es eine erregte Aussprache. 'Das kommt davon, wenn
Frauen sich in Dinge mischen, die sie nichts angehen,' sagte der Onkel,
als ich Ihre Stellung zum seligen Volksschulgesetzentwurf und zur
Arbeitslosenbewegung verteidigt und als die meinige bezeichnet hatte.
Wir seien nichts anderes als Helfershelfer der Sozialdemokratie,
erklrte er mit der Hellsichtigkeit des Hasses. Und nun war es mir nicht
nur hchst interessant, ihn seinen eigenen Standpunkt auseinandersetzen
zu hren, sondern -- lachen Sie mich bitte nicht aus! -- zum erstenmal,
seit ich ihn kenne, fing ich an, ihn ernst zu nehmen und zu begreifen.
Wer, auch ohne den Dogmenglauben zu besitzen, gesttigt von dem ganzen
Pessimismus des Christentums, alle Menschen fr Snder und die Welt fr
ein Jammertal, bestenfalls fr eine fegefeuerhnliche Durchgangsstation
hlt, daneben aber sich der ungeheuern Vorteile alter Kultur und
angestammter Herrenrechte voll bewut ist, der kann den Sozialismus und
alle seine Begleiterscheinungen nur fr das Ende aller Dinge halten,
gegen das er sich naturgem wehren mu. Offen gestanden, sind mir solch
ehrliche Junker hundertmal lieber als die Richter und Konsorten, die wir
ja eben zur Genge kennen gelernt haben. brigens nahm ich die
Gelegenheit wahr, um Onkel auf seinen Monarchismus hin festzunageln,
'der mir angesichts der Haltung seiner Partei gegenber den
Handelsvertrgen einigermaen fadenscheinig vorkme.' -- 'Unser
Monarchismus besteht nicht in hndischer Treue gegenber dem einzelnen
Monarchen,' antwortete er 'sondern in der Hochhaltung und Verteidigung
alles dessen, was die Monarchie sttzt und krftigt, -- auch gegen den
Monarchen, wenn es sein mu!' Mich wrde diese geistreiche Definition
in seinem Munde verblfft haben, wenn mir nicht rechtzeitig eingefallen
wre, da in letzter Zeit seine ganze geistige Nahrung in den
Apostata-Artikeln der 'Gegenwart' bestanden hat.

Hoffentlich hre ich bald von Ihnen, von Ihrem persnlichen Ergehen, von
der Entwicklung der Beratungen. Soll ich Ihnen gestehen, da ich ohne
Bedenken auf die Teilnahme an ihnen verzichtet htte, wenn meine Eltern
mir dafr erlaubt haben wrden jeden Nachmittag bei Ihnen allein meine
Tasse Kaffee zu trinken?!

Mit herzlichen Gren

                                            Ihre dankbar ergebene
                                              Alix von Kleve.


                                                      Berlin, 18. 6. 92
Gndigstes Frulein!

So rasch eine Nachricht von Ihnen zu bekommen, war eine aufrichtige
Freude, und Ihre Schilderung Ihres Gesprchs mit Ihrem Herrn Onkel
interessierte mich natrlich lebhaft. Da man die Ethische Bewegung
'oben' nicht ohne Besorgnis betrachtet, wei ich. Geheimrat Althoff lie
sich dieser Tage von mir alles auf sie bezgliche Material kommen, und
in der Universitt, wo der Gestrenge mich, wenn wir uns begegneten,
hchst liebenswrdig zu begren pflegte, ging er heute stirnrunzelnd an
mir vorber.

Ihr Urteil ber die Junker teile ich nicht. Nur der krasseste Egoismus
ist es, der sie, die Jahrhunderte lang alle Vorzge des Besitzes und der
Kultur genossen haben, den Forderungen der neuen Zeit verschliet. Mit
vollem Recht kann von ihnen verlangt werden, da sie auf dem Wege
wissenschaftlicher -- das heit in diesem Fall ethischer und sozialer --
Einsicht zu denselben berzeugungen kommen, die sich die Armen und
Entrechteten nur durch die Erkenntnis ihrer konomischen Lage zu
erwerben vermgen. Adel verpflichtet! Und sind wir nicht auch 'Junker'?!

Die letzte Sitzung unserer Kommission verlief ziemlich strmisch, und
mir kamen wieder arge Bedenken ber deren Zusammensetzung. Die einen
forderten in erregtester Weise, da die Religion innerhalb der Ethischen
Gesellschaft berhaupt nicht berhrt werden drfte, die anderen,
Professor Seefried an der Spitze, erklrten das Hineinziehen der
sozialen Frage fr auerordentlich bedenklich, worauf ich mich zu der
Erklrung gezwungen sah, da eine Ethische Gesellschaft, die ihr aus dem
Wege ginge, nicht wert sei, zu existieren. Die milde, vershnliche Art
unseres Vorsitzenden go l auf die Wogen unserer Erregung, aber was er
zu berichten hatte, wirkte wieder wie ein Sturm. Eine hiesige Zeitung
wollte aus 'bester Quelle' erfahren haben, die Haupttendenz unserer
Gesellschaft sei eine antisozialistische; im Anschlu daran hielt
Geheimrat Frommann eine hchst charakteristische kleine Rede, deren
Hauptpunkte ich Ihnen nicht vorenthalten will. 'Ich kann nur insoweit
mit der Sozialdemokratie mitgehen, als ich die Verstaatlichung des Grund
und Bodens fr notwendig und durchfhrbar halte,' sagte er, wobei ich
ihn mit dem Zitat 'du wirst dich weiter noch entschlieen mssen,'
unterbrach. Die 'irdische Zukunftspoesie' der Sozialdemokratie erklrte
er fr utopischer als den Himmel der Frommen, und den Glauben an die
Verwirklichung solcher Trume fr eine gefhrliche Ablenkung von ernster
Arbeit. Ich lie es bei meiner Erwiderung natrlich wieder an dem
ntigen ethischen Ma fehlen. Was ich sagte, war etwa dies: da ich das
Emporkommen der Arbeiterklasse und einen sozialistischen Staat im
Gegensatz zu dem so vielfach herrschenden anarchischen Individualismus
fr das erstrebenswerteste Ziel anshe, das sich auch ohne Zweifel
verwirklichen werde, -- in vernnftiger Weise, wenn die leitenden Kreise
vernnftig, in unvernnftiger, wenn sie einsichtslos bleiben; und ich
habe hinzugefgt, da ich mich sofort von einer Bewegung lossagen wrde,
welche dem Sozialismus direkt oder indirekt entgegenwirken wolle. Damit
war der Ansto zu einer erregten Sozialistendebatte gegeben, und Helma
Kurz, deren Wirken in der Frauenbewegung sie mir so ungemein sympatisch
machte, enttuschte mich bitter, indem sie all ihre Waffen gegen die
Sozis aus Eugen Richters Rstkammer holte: 'Auflsung der Familie', --
als ob es nicht der Kapitalismus wre, der Vter, Mtter und Kinder in
die Fabriken hetzt! -- 'Weibergemeinschaft', -- als ob nicht die heutige
Gesellschaftsordnung die armen Frauen zur kuflichen Waare machte!

Da ich mich etwas beschmt als den eigentlichen Ruhestrer empfand, bin
ich nachher still gewesen, und das endliche praktische Resultat unserer
Sitzung waren der beifolgende Aufruf und Statutenentwurf. Sie werden
selbst empfinden, wie wenig mir deren Farblosigkeit gefallen kann. Da
unsere Aufgabe sein soll, 'der Feindseligkeit und dem Unma in der
Menschenwelt Schranken zu ziehen und eine entsprechende Gestaltung der
Erziehung und der Lebensfhrung zu frdern', heit, frchte ich, Egidys
Vershnung noch bertrumpfen, und da aus dem  2 der Statuten die Worte
'Besitzlose' und 'Schutz vor Ausbeutung' gestrichen wurden, gab mir
ordentlich einen Stich ins Herz. Fr die Zukunft brauche ich dringend
Ihre Untersttzung, wenn anders unsere Idee sich nicht allmhlich in ihr
Gegenteil verwandeln soll. Ich habe Sie darum als Kommissions-Mitglied
vorgeschlagen und bin beauftragt, Sie um Annahme der erfolgten Wahl zu
bitten. Ich hoffe bestimmt, da Sie sich nicht auch jetzt noch durch
falsche Bescheidenheit und ebenso falsche Rcksicht auf Ihre Eltern
abhalten lassen, in den Dienst unserer Sache zu treten.

brigens hatte ich gestern die Ehre des Besuchs Ihrer Frau Mutter. Sie
suchte mich zu bestimmen, meinen 'groen Einflu' auf Sie geltend zu
machen, um Sie wieder in den Scho Weimars und unter den Schutz des
weien Falken zurckzufhren. Ich lehnte entschieden ab und betonte, da
Sie zu Grerem berufen seien, und da es Pflicht der Eltern wre, Ihnen
vollkommen freie Bahn zu lassen. Daraufhin empfahl sich Ihre Exzellenz
recht khl und, wie es schien, verletzt.

Auch Egidy war vor ein paar Tagen bei mir. Ich frchte, da er mehr und
mehr alle Distanz zu sich selbst und der Welt verliert. So sieht er uns
-- ernstlich! -- als ein Konkurrenzunternehmen an und vermag in seiner
ungeheuern Selbstberschtzung nicht einzusehen, da er doch nur, wie
wir, einer der vielen Arbeiter ist, die von den Ruinen der Vergangenheit
Stein um Stein abtragen, um dem Bau der Zukunft Platz zu machen.

Ich habe meine einsamen Zoo-Fahrten wieder aufgekommen. Auch zu
Pfingsten war ich dort und lie die Menschen an mir vorberfluten. Diese
Physiognomien knnten selbst mich beinahe glauben machen, da wir vom
Zukunftsstaat noch grenzenlos weit entfernt sind! -- Alle alten
Bekannten fanden sich um den Stammtisch ein, -- wie schrecklich
gleichgltig und langweilig sie mir doch inzwischen geworden sind! Wie
gern ich auf sie und den ganzen Zoo verzichtete, wenn Sie auch nur einen
einzigen Nachmittag wieder neben mir sen!

Sie herzlichst grend, verbleibe ich

                  Ihr treuergebenster
                        Georg von Glyzcinski.

Allerlei Lektre, auch der 'Vorwrts', folgt anbei!


                                                      Kranz, 29. 6. 92
Verehrter Herr Professor!

Haben Sie vielen Dank fr Ihren Brief, den ich erst heute beantworte,
weil wir inzwischen von einem sogenannten Vergngen zum anderen hetzten
und Ilschen den Rest meiner Zeit mit ihrer Kur in Anspruch nahm. Die
Gesellschaft, in der ich mich stndig befunden habe und die doch
eigentlich die meine ist, wird mir bis zur Verstndnislosigkeit fremd.
Ihre Atmosphre legt sich mir beklemmend aufs Herz, wie die eines
berfllten Saales; und wenn ich versuche ein Fenster zu ffnen, so
schreit alles, aus Angst vor Erkltung.

Nach Ihrem letzten Bericht ber die Kommissionsverhandlungen und nach
dem Empfang des Programms und der Statuten ist das glhende Feuer meiner
Hoffnung freilich durch einen recht abkhlenden Wasserstrahl getroffen
worden. Ich finde -- verzeihen Sie mir meine Ehrlichkeit! --, da beide
stark nach Phrase schmecken. Der Ausdruck 'Unma in der Menschenwelt'
strt mich besonders. Zu sehr Ma halten, zu ngstlich darauf sehen, es
mit keinem zu verderben, mag an sich ethisch sein, kann aber zu sehr
unethischen Konsequenzen fhren. Und zu der Stellung von Professor
Seefried und Helma Kurz kann ich nur sagen: wer nicht fr uns ist, der
ist wider uns.

Nach alledem ist es fr mich selbstverstndlich, da ich die Wahl in die
Kommission annehmen mu. Wenn ich nur nicht auch zu einer Enttuschung
fr Sie werde! Es mu wohl doch nicht allein ein Ergebnis meiner
Erziehung, sondern ein Teil meines Wesens sein, da es mir so
schrecklich schwer wird, vor Fremden meine innersten Gedanken zu
entwickeln, -- als ob ich mich vor allem Volk nackt zeigen mte! Da ich
aber einsehe, da die geistige Nacktheit das groe Opfer ist, das die
Menschheit von denen verlangt, die sich in ihre Dienste stellen, so will
ich versuchen, mich dazu zu erziehen.

Bei den Ausflgen, die wir in die Umgegend gemacht haben, bin ich durch
das, was ich sah, in meinem Vorsatz bestrkt worden: wie viel Jammer und
Elend auf dem Hintergrund des blauen Himmelsgewlbes und des unendlichen
brandenden Meeres! Fast mchte man, wie die Menschen bisher, verzweifelt
darber die Hnde unttig in den Scho legen, oder, wie die Anarchisten,
Vernichtung predigen, weil anders eine Rettung nicht mglich erscheint.
Je mehr ich offenen Auges um mich sehe, desto mehr entwickelt sich bei
mir ein Zug zum Fanatismus, und ich mu mir immerfort das Gebot der
Toleranz und die Pflicht, leidenschaftslos zu urteilen, vorhalten. Von
dem Augenblick an, da man sich klar wird, -- es mag vielleicht paradox
klingen, aber die meisten werden sich wirklich niemals klar darber! --,
da jenes in Schmutz, Hunger und Stumpfheit aufgewachsene Fischerkind
auch ein Mensch ist, genau wie man selber, kein fremdartiges Geschpf,
-- von dem Augenblick an beginnt man berhaupt erst zu sehen. Und wenn
mir jetzt vorgehalten wird: die Leute empfinden ihr Elend nicht, -- so
kann ich mich nicht mehr dabei beruhigen. Ich fhle vielmehr, -- und
fhls mit allen Schmerzen peinigenden Selbstvorwurfs, -- da gerade
dies, was ein Trost sein soll, das grte Unglck ist und jeder einzelne
von uns die Verantwortung dafr trgt.

Das Erwecken der Menschen zu dem Bewutsein ihres Elends ist sicher der
erste Schritt zu ihrer Erhebung, und wenn ich jetzt den 'Vorwrts', dank
Ihrer Gte, regelmig lese, so scheint mir das Hauptverdienst der
Sozialdemokratie darin zu bestehen, da sie berall die Sturmglocke
lutet. Womit ich mich aber nicht befreunden kann, -- das ist die
unterschiedslose Verdammung aller Bestrebungen, die nicht von vornherein
rot abgestempelt sind. Warum entdeckt der Vorwrts nicht, wie Dr.
Brandt, die 'Strme, die in sein Meer flieen'? So ist sein Angriff auf
die Ethische Bewegung ebenso tricht wie ungerecht. Er mte uns
wahrhaftig von Bildungsanstalten Richterscher und Stckerscher Art
unterscheiden knnen! Und warum Ha und hmischen Neid gegen die
einzelnen Mitglieder anderer Klassen gro ziehen, -- der nichts zur
Folge hat, als lhmende Bitterkeit --, statt nur den Ha gegen die
Zustnde, der Mut und Kampflust auslst? Gerade der Sozialismus lehrt
doch, da die Menschen Ergebnisse der sozialen und wirtschaftlichen
Verhltnisse sind; man setzt sich also in Widerspruch zu den eigenen
Grundprinzipien, wenn man den Ha gegen Personen verbreitet, die doch so
werden muten, wie sie wurden.

Damit komme ich noch mit einem Wort auf unseren alten Streitpunkt, die
Junker betreffend, zurck. Sie erinnern mich daran und werden es
vielleicht jetzt wieder tun, da wir beide doch auch Junker wren und
uns trotzdem, lediglich auf Grund unserer ethischen Einsicht, zum
Sozialismus bekennen. Nun denn -- lachen Sie mich nur ruhig aus, ich
hre Sie so gerne lachen! --, ich bestreite Ihre Behauptung! Sind wir
nicht von Jugend an Abhngige gewesen, -- wir und unsere Eltern, -- von
unserem Brotgeber, dem Staat? Htten meine Eltern sich frei bewegen
knnen, ohne sich den Kopf an der Mauer einzurennen, die der Staat um
sie gezogen hat? Knnen Sie es? Und diese Abhngigkeit -- macht sie
nicht den Proletarier? Ich aber, die ich ein Weib bin, gehre von Rechts
wegen noch tausendmal mehr als Sie zu der groen, dunkeln, darbenden
Masse der Enterbten!

Mich hat diese Erkenntnis mit neuer Freudigkeit erfllt und mit neuer
Hoffnung; gilt doch dann dasselbe fr unseresgleichen wie fr das arme
Fischerkind: es bedarf nur der Erweckung, und Tausende neuer Kmpfer
gesellen sich brderlich zu denen, die vorangingen! Wie viele gibt es,
deren ganzes Wesen nach Befreiung und Bettigung verlangt, deren
geistige Krfte, ihnen selbst vielleicht oft kaum bewut, schon im
Dienst der groen Menschheitssache stehen, -- denken Sie nur an all
unsere jungen Knstler und Schriftsteller!

Wenn der Kaiser jetzt gegen die moderne Kunst redet, Burgen mit
Schiescharten baut und Wildenbruch und Lauff zu Hofpoeten macht, so
spricht das nicht nur fr seinen Scharfsinn, der die Revolution wittert,
wo andere nur die blaue Blume neuer Dichtung sehen, sondern er zeigt
sich abermals als unser bester Agitator, der nun auch die geistigen
Arbeiter in die Schranken ruft. Wir sollten jetzt zur Stelle sein und
das Eisen ihrer Entrstung schmieden, solange es warm ist.

Vielleicht, da ich demnchst nach dieser Richtung einen ersten Versuch
machen kann. Eine alte Freundin von mir, einstiges Mitglied des
Schweriner Hoftheaters, die mit einem Knigsberger Professor verheiratet
ist, lud mich ein. Zuerst zgerte ich, hinzugehen: sie konnte, solange
sie Schauspielerin war, das gutbrgerliche Milieu, aus dem sie stammte,
nicht vergessen; und nun, da sie dorthin zurckkehrte, klebt ihrem Wesen
die Erinnerung an die Bhne an. Aber die Aussicht, Sindermann, einen
jungen Schriftsteller, bei ihr kennen zu lernen, war entscheidend, und
ich warte nur noch auf die Bestimmung des Tages, um hinzufahren. Ein
Mann, der durch seine Werke der brgerlichen Welt das Verdammungsurteil
ins Gesicht schleudern konnte, gehrt von vornherein zu uns und mte
der Bannertrger des Emanzipationskampfs der geistigen Arbeiter werden.

Verzeihen Sie den langen Brief. Ich habe hier niemanden, mit dem ich
mich auszusprechen vermchte, und Sie haben mich so sehr verwhnt!

Meine Eltern sind seit gestern hier; vergebens bat ich sie, nach Berlin
zurckkehren zu drfen. Allein in unserer Wohnung zu sein, halten sie
fr unpassend, und zu Egidys zu gehen, die mich in freundlichster Weise
einluden, ist ihnen auch bedenklich! Bin ich notwendig, so komme ich
ohne ihre Erlaubnis.

                   Mit herzlichsten Gren
                          Ihre dankbar ergebene
                                        Alix von Kleve.


                                             Berlin, den 1. Juli 1892
Mein liebes gndiges Frulein!

Wundern Sie sich nicht ber meine rasche Antwort: jeden Tag huft sich
so viel an, was ich Ihnen sagen mchte, und Ihr Brief weckt berdies
solch eine Menge Empfindungen und Gedanken, da ich nicht anders kann,
als schreiben, sobald ich Ihre Schrift vor mir sehe. Entschuldigen Sie
nur meine hlichen zitternden Krakelfe, -- ich bin nicht ganz auf dem
Posten und mu ausgestreckt liegen.

Fr die Annahme Ihrer Wahl danke ich Ihnen ganz persnlich: Sie werden
unserer Sache von grtem Nutzen sein und -- was mich besonders
befriedigt! -- das weibliche Geschlecht allein zu vertreten haben. Helma
Kurz und Frau Schaper haben -- infolge 'starker Arbeitslast'! -- ihre
mter niedergelegt. Ich habe nun die Wahl von zwei Sozialdemokraten
vorgeschlagen, so da wir uns mglicherweise sehr verbessern werden. Sie
werden dann auch Gelegenheit haben, sich mit diesen ber Ihre
Erweiterung des Begriffs Proletarier auseinandersetzen, der, wie ich
glaube, durchaus im Rahmen marxistischer Entwicklungslehre liegt: der
Arbeiter, der 'mit dem Hirne pflgt' wird als Gleichberechtigter und
Gleichentrechteter neben den Handarbeiter gestellt.

Mit Ihrer Kritik des Vorwrts freilich wrden Sie sich weniger in
bereinstimmung mit den 'Genossen' befinden, -- auch mit Ihrem getreuen
'Genossen' Glyzcinski nicht! Ich kann seine Haltung uns gegenber nicht
verurteilen: ohne Zweifel werden in der Ethischen Gesellschaft alsbald
viele sein, welche von dessen Urteil getroffen werden und nichts als
'Harmonieduselei' treiben wollen. Wer aber brgt dafr, da sie nicht
schlielich herrschen und 'gefhrliche' Elemente hinausdrngen?!

Suchen Sie Sindermann fr uns zu gewinnen. Mein Vetter Paul, den Sie
einmal bei mir sahen, und der dem Friedrichshagener Kreis angehrt, hlt
zwar nichts von ihm und meint, Eitelkeit und Ehrgeiz wrden ihn eher
immer weiter von uns entfernen, als ihn uns nher bringen. Er rhmte mir
dagegen den jungen Dichter des Dramas 'Vor Sonnenaufgang', den er fr
den 'Kommenden' hlt; aber bei der Manier dieser Art junger Leute, aus
jedem bunten Klbchen einen Gtzen zu machen, vor dem sie anbetend auf
dem Bauche liegen, bin ich vorlufig noch sehr skeptisch.

Unsere Kommissionssitzungen sind einstweilen eingestellt worden. Alles
denkt ans Reisen, und es wird im Zoo immer stiller. Wie schn und
ungestrt liee sichs jetzt dort plaudern! Nicht wahr, Sie gnnen mir
die Vorfreude und teilen mir zeitlich mit, wann ich Sie erwarten darf?

Mit herzlichsten Gren

                             Ihr treuergebener
                                         Georg von Glyzcinski.

Ich vermochte den Brief kaum zu Ende zu lesen, nichts als leere Worte
tanzten mir vor den Augen; denn nur ein Satz hatte sich mir schreckhaft
eingeprgt: ich bin nicht auf dem Posten -- mu ausgestreckt liegen.
Und ich sah ihn deutlich vor mir, den kranken Mann mit dem Apostelkopf
und dem wesenlosen Krper, wie er allein, von einem ungeschickten Diener
kaum bedient, geschweige denn gepflegt, in seinem stillen Zimmer lag,
die weien schmalen Hnde auf der schwarzen Pelzdecke, die Kinderaugen
sehnschtig ins Weite gerichtet. Mein Herz klopfte zum Zerspringen, und
ich wute auf einmal, wohin ich gehrte.

Mechanisch faltete ich einen zweiten Brief auseinander: von Lisbeth; --
noch heute sollte ich zu ihr kommen, Sindermann habe sich zum Abend
angesagt, schrieb sie. Ich ging in mein Zimmer, raffte das Notwendigste
eilig zusammen und hinterlie meiner Mutter, die mit allen anderen auf
ein Nachbargut gefahren war, zwei Zeilen: Frau Professor Landmann ldt
mich soeben ein, noch heute nach Knigsberg zu kommen. Da ich Eurer
Erlaubnis sicher zu sein glaube, fahre ich mit dem nchsten Zug.

Unterwegs erst wurde ich Herr einer Erregung, die mich den fernen Freund
schon mit geschlossenen Augen und erblaten Lippen auf dem Totenbette
sehen lie. Ich hatte beschlossen, den Nachtzug nach Berlin zu
benutzen, -- aber konnte -- durfte ich den Kranken durch meine
berraschende Ankunft erschrecken? Sah das nicht doch vielleicht nach
einem unwrdigen Sichaufdrngen aus? Ich errtete unwillkrlich. Auf dem
Bahnhof bat ich ihn telegraphisch um Nachricht ber sein Befinden und
kndigte meine Rckkehr an. Dann erst fuhr ich hinauf in die stille
Tragheimer Kirchenstrae mit ihrem ausgefahrenen Pflaster und ihren
altersgrauen Husern. Welch eine strenge, ernste Stadt ist doch dies
Knigsberg, dachte ich; eine Stadt, die in jedem Winkel an den Ernst des
Lebens erinnert und ihre Brger zwingt, still in sich selbst Einkehr zu
halten. Wre ich hier aufgewachsen, vielleicht htte meine Sehnsucht nie
ber ihre Wlle und Grben hinaus verlangt!

Im phantastischen Kostm einer Zarewna, Augen und Wangen glhend vor
Eifer, empfing mich Lisbeth. So -- gerade so hatte ich sie einmal in
Schwerin auf der Bhne gesehen. Was sie spielte, verga ich oder wute
es nie. Wie schn sie ist! hatte ich damals bewundernd geflstert Du
-- du bist viel tausendmal schner -- war mir aus dem Dunkel der Loge
hei ins Ohr geklungen ...

Ein Wortschwall zrtlicher Begrung entri mich dem Taumel der
Erinnerung. Still -- ein bichen verlegen, die Augen in offenbarer
Bewunderung auf seine Frau gerichtet, stand ihr Mann daneben, der
typische deutsche Professor, mit kurzsichtig zwinkernden uglein und
linkischen Bewegungen. Ich wurde hineingezogen. In eine Laube von
blhenden Sommerblumen war das Wohnzimmer verwandelt, grne Girlanden
hingen von der Decke herab, bunte Lampions schaukelten dazwischen. Und
pltzlich trat hinter dem Epheugerank am Fenster ein weies,
goldhaariges Geschpfchen lchelnd auf mich zu. Lisbeths sprudelndes
Plaudern brach ab, ihr erhitztes Gesicht nahm einen Ausdruck
still-seliger Verklrung an; -- mein Kind! sagte sie leise und legte
die Hand auf das schimmernde Haar des Kleinen. Mir stiegen Trnen,
brennendheie, in die Augen: Ihr Kind! -- Wie reich mute sie sein!

Wir brachten ihn gemeinsam zu Bett, den herzigen Buben; seine rosigen
Fchen, seine runden rmchen, die Grbchen in den Hnden und in den
Knieen mute ich bewundern. Dann trat ich still beiseite: Mutter und
Kind, die einander Gute Nacht sagen, sind wie inbrnstig-fromme Beter,
die selbst der Unglubigste nicht zu stren wagt. In diesem Augenblick
lag es um mich wie ungeheure Einsamkeit.

Noch war ich zerstreut und bedrckt, als Sindermann kam.

Wir ertragen angesichts eines tiefen inneren Erlebens nur die
Allernchsten, und seine Erscheinung wirkte vllig fremd. Ein bel
homme -- es gibt keinen deutschen Ausdruck, der denselben Sinn htte --
mit liebevoll gepflegtem schwarzem Vollbart, erzwungen aristokratischen
Allren, groen breiten Hnden und runden fleischigen Fingern daran.

Es herrschte jene spezifisch norddeutsche Stimmung reservierter
Verschlossenheit, die zu der phantastischen Umgebung und dem
romantischen Kostm der Hausfrau in demselben peinlich-komischen
Gegensatz stand wie die Nchternheit aller Ostelbier zum
Karnevalstrubel. Nur einem Gegner pflegt sie allmhlich zu weichen: dem
Wein. Als in Lisbeths von dem gedmpften Kerzenlicht bunter Lampions
erhellten knstlichen Garten die Erdbeerbowle auf dem Tische stand und
die Ketten und die Rheinkiesel auf Kopf und Hals und Armen der falschen
Zarewna leuchteten und glnzten wie Perlen und Brillanten, verschwand
nach und nach jener erste Eindruck der Fremdheit.

Wir sprachen von allem, was die Zeit bewegte: von der Kunst der Moderne,
von der Frauenfrage, von der Sozialdemokratie. Ich bin Sozialist,
sagte Sindermann, weil ein denkender Mensch heute nichts andres sein
kann, -- schon klopfte mir das Herz hher vor Freude -- aber ich
glaube nicht, da die Ideen des Sozialismus sich in absehbarer Zeit
erfllen werden. Und nun entwickelte ich die Prinzipien und die
Zukunftshoffnungen der Ethischen Bewegung und fhrte all meine Grnde
ins Feuer, um ihn zu einem der unseren zu machen. Er lchelte; in dem
rtlichen Dmmer des Raums vermochte ich nicht zu unterscheiden, ob es
das Lcheln des Sptters oder das tragisch-resignierte des Pessimisten
war. Wir Deutschen sind vorlufig unfhig, uns zu wrdigeren inneren
und ueren Zustnden aufzuschwingen, meinte er dann, und so sehr ich
alle Ihre Ideen anerkenne, so wenig glaube ich, da Sie unter den
Knstlern Proselyten machen werden. Nicht viele fassen ihre Aufgabe auf
wie ich -- er schwieg und betrachtete nachdenklich seine Fingerspitzen.
Dann warf er einen kurzen, erwartungsvollen Blick auf mich.

Und Ihre Auffassung wre?! frug ich gespannt.

Der Dichter mu das Leben wiedergeben, wie es sich ihm darstellt; das
vermag er nur dann, wenn sein Herz weit genug ist, um das ganze Leid
der Gegenwart mit zu fhlen. Whrend die Dichter der Vergangenheit
Tugend und Laster auf die Bhne brachten und den Zuschauer dadurch
befriedigten, da eine vergeltende Gerechtigkeit den Schlu
herbeifhrte, zeichnet der moderne Dichter das wahre Bild des Lebens und
ruft den Zuschauern zu: so ist es, geht hin und helft! Ich will mein
Publikum nicht amsieren, ich will ihm nicht die Zeit tot schlagen
helfen, ich will es aufrtteln, will es zur Erkenntnis von Wahrheiten
fhren, denen es im Leben aus dem Wege geht. Heit das nicht auch
ethisch handeln?

Ich war entzckt. So hatte ich mir das Wirken des Knstlers vorgestellt!
Er wurde wrmer und lebhafter.

Glauben Sie mir, sagte er mit einer groen Geste, wenn ich knnte,
wrde ich nur vor Arbeitern meine Stcke auffhren lassen, -- die
verstehen, die wrdigen mich! Und dann erzhlte er von der berliner
Gesellschaft der Kunstkenner, stheten und Mcene, die wahl- und
kritiklos jeder neu auftauchenden Gre nachliefen. Bewundert haben
mich alle als den berhmten Mann, und wieder zeigte sich jenes
unbestimmte tragisch-resignierte Lcheln, -- ich erinnerte mich flchtig
eines Schauspielers, dem meine Altersgenossinnen in Posen um solch eines
Lchelns willen zu Fen lagen -- aber die meisten wuten nicht, ob
dieses notwendige Salonrequisit ein Bildhauer oder sonst was wre.

Es mochte Mitternacht geworden sein, als auf sein neuestes Werk die Rede
kam, das im nchsten Winter das Licht der Rampen erblicken sollte. Ich
horchte um so gespannter auf, je mehr ich von seinem Inhalt erfuhr. Ein
Weib sollte die Heldin sein, deren Knstlernatur sie aus dem engen
Zuhause einer Offiziersfamilie hinaustrieb in die Welt.

Und meine Phantasie arbeitete noch rascher, als der Dichter zu erzhlen
vermochte: Ich selbst war dies Weib, das sich endlich losri, um die
Heimat seines Wesens zu finden, -- war nicht am Ende auch der alte
Oberst, der in der Verzweiflung zur Pistole griff, -- mein Vater?! Die
Heimat, -- das ist das Schicksal, es vernichtet uns, wenn wir die
Schwcheren sind, und es ist wie die antike Tragdie, die immer Tote auf
der Wahlstatt lt.

Ich war ganz still geworden, versunken in die Gedanken, die des Gastes
Werk in mir ausgelst hatte.

Drauen dmmerte der Tag. Die Blumen im Zimmer hingen erschlafft die
Kpfchen; ein feiner Zigarettenrauch zog seine Kreise um die
verglimmenden Kerzen. Und pltzlich bermannte uns bleierne Mdigkeit.
Sindermann erhob sich. Verwirrt sah ich auf: da war er ja wieder, vom
ersten Frhlicht beleuchtet, der bel homme, der Mann mit dem liebevoll
gepflegten Bart, den groen Hnden und den runden fleischigen Fingern
daran. Seltsam, wie fremd, wie strend er wirkte. War er es wirklich
gewesen, der mir eben mein Schicksal gedeutet hatte?

Zwei Stunden schlief ich den unruhigen Schlaf der Erschpfung. Das
rasche Klingeln des Telegraphenboten weckte mich: Befinden wechselnd.
Freue mich unbeschreiblich auf Ihre Rckkehr. Glyzcinski. Ich hatte
noch gerade Zeit, die Eltern schriftlich meines raschen Entschlusses
wegen um Entschuldigung zu bitten. Der Professor ist krank; Ihr wit,
sein Leben hngt nur an einem Faden; ich wrde es mir nie verzeihen,
wenn er einsam und ohne Pflege leiden und sterben mte, schrieb ich.

Am Abend war ich bei ihm. Er sa vor dem Schreibtisch am Fenster wie
immer, und schon wollt' ich freudig berrascht auf ihn zueilen, als
seine Augen mir entgegensahen: flackernde Fieberlichter brannten darin;
auf seinen schmalen Wangen glhten rote Flecken, und die Hand bebte, die
er mir bot. Sie haben sich meinetwegen aus dem Bett gewagt! rief ich
erschrocken.

Darf ich denn dies glckliche Ereignis nicht auf meine Art feiern?! --
sein ganzes Antlitz strahlte -- es geht mir ja besser, viel besser --
und ich glaubte schon -- seine Stimme senkte sich -- ich glaubte, ich
wrde Sie niemals wiedersehen!

Minutenlang blieb es still zwischen uns. Er lehnte den Kopf zurck, mit
halb geschlossenen Augen, ich sah nichts als sein Gesicht, das ein
Ausdruck seligen Friedens verklrte. Und dann hatten wir einander so
viel zu sagen, da selbst die schlagende Uhr uns an die vorrckende
Stunde nicht zu erinnern vermochte.

Der Diener trat ein. Es ist zehn Uhr, Herr Professor, sagte er und sah
mich halb verwundert, halb mibilligend an. Erschrocken sprang ich auf.
Wie komm' ich nun ins Haus -- und wie in die Wohnung! Ich hatte
vergessen, mich dem Mdchen anzukndigen.

So bleiben Sie eben hier, entschied Glyzcinski, nebenan auf dem Sofa
hat mein Bruder oft geschlafen, -- Friedrich braucht Ihnen nur die
Betten aus dem Schrank zu geben.

War das eine stille Nacht! Nur aus der Ferne drang das Gerusch der
Grostadt durch die offenen Fenster. Wie geborgen kam ich mir vor! Am
nchsten Morgen beeilte ich mich, auf dem grnumbuschten Balkon den
Frhstckstisch zu decken und achtete wenig auf das mrrische Gebahren
des Dieners. Erst als er seinen Herrn im Rollstuhl hinausfuhr, traf mich
aus zwinkerndem Augenwinkel ein hmisch-vielsagender Blick, vor dem mir
fast der Morgengru im Munde erstickte. Gott Lob -- Glyzcinski bemerkte
nichts. Seine Augen hatten den alten, klaren Schein, seine Wangen die
gleichmige Frbung.

So gut habe ich es in meinem Leben nicht gehabt! sagte er und behielt
meine Hand in der seinen.

Zu Hause fand ich ein Telegramm von der Mutter: Papa ber deine Abreise
uerst emprt, verlangt sofortige Rckkehr oder bersiedlung zu
Egidys. Noch am gleichen Tage zog ich auf Glyzcinskis Rat in die
Spenerstrae. Egidy selbst war verreist, und so konnte ich, ohne zu
verletzen, den Tag ber abwesend sein. Fast immer war ich bei
Glyzcinski. Wenn er es auch niemals zulie, da ich ihn pflegte, so
konnte ich doch berwachen, ob die Vorschriften des Arztes befolgt, die
verschiedenen Umschlge und Kompressen zur rechten Zeit gewechselt
wurden. Meiner alten Kochknste erinnerte ich mich wieder und freute
mich wie ein Kind, wenn ich zusah, mit welch wachsendem Behagen der
liebe Kranke meine Suppen a. Einmal gelang es mir, den Arzt allein zu
sprechen: Nur der Geist hlt diesen Krper aufrecht, sagte er ernst.
Leidet er? frug ich und lehnte mich, um meine Angst zu verbergen, tief
in den dunkelsten Schatten der Treppe.

Ein gewhnlicher Mensch wrde dies Dasein kaum ertragen, aber er, --
wir Gesunden knnten ihn fast um das Glcksgefhl beneiden, das ihm
unvernderlich aus den Augen strahlt.

Wird er genesen und -- leben? brachte ich mhsam hervor.

Mit einem prfenden, langen Blick sah mir der Arzt ins Auge und reichte
mir die Hand zum Abschied:

Genesen, -- niemals! Leben?! Glck und Liebe sind Elixire, die schon
Sterbende ins Dasein zurckriefen. Verordnen knnen wir sie leider
nicht!

Glyzcinski wurde von Tag zu Tag frischer und froher. Morgens, wenn ich
kam, begrte er mich, als wre ich Jahre fort gewesen, und des Abends,
wenn ich ging, zuckten seine Lippen, wie die kleiner Kinder, die weinen
wollen. Unsere Tage verliefen in ruhigem Gleichma. Der Philosophie war
der Vormittag gewidmet -- in einem Jahr mssen Sie Ihr Doktorexamen
machen knnen, hatte Glyzcinski mir versichert, und es war ein
frmlicher systematischer Unterricht, den er mir erteilte. Er wollte
dabei niemals zugeben, was ich immer deutlicher empfand: da mir fr
groe Gebiete des Wissens die sprachlichen und -- noch mehr -- die
mathematischen und naturwissenschaftlichen Vorkenntnisse fehlten. Oft
wnschte ich, mich noch auf irgendeine gymnasiale Schulbank setzen zu
knnen, aber dann lachte er mich aus: Sie kennen das Leben, -- das ist
mehr wert, als aller Wissenskram; und Sie sollen handeln, -- das ist
besser, als mathematische Aufgaben lsen und den Plato im Urtext
verstehen knnen.

Whrend der Nachmittagstunden beschftigten wir uns mit der
Tagespolitik und der modernen Literatur. Die Militrvorlage warf damals
ihre Schatten voraus; die sozialdemokratische Presse entfaltete eine
lebhafte Agitation dagegen und kritisierte auf das schrfste das
Verhalten der Regierung, die, statt alte feierliche Versprechungen auf
dem Gebiet der Sozialpolitik einzulsen, die Lebenshaltung des Volkes
nur durch neue, ungeheure Lasten herabdrcke. Ich lernte durch drre
Zahlen belegte Tatsachen ber Lhne, Lebensmittelpreise, Arbeits- und
Existenzbedingungen kennen, durch die die graue Nebelwelt des Elends,
wie ich sie hie und da vor mir hatte aufsteigen sehen, eine immer
deutlichere, fest umrissenere Gestalt annahm. Meine philosophischen
Interessen traten mehr und mehr zurck: hier war ein Gebiet, das empfand
ich instinktiv, das zu erschpfen die ganze Kraft erforderte. Und die
Zeit, die mich trug, kam mir auch darin entgegen: von allen Seiten
strmten mir in Form von Bchern, Broschren und Zeitungsartikeln
Aufklrungen aller Art zu. Wir vertieften uns mit brennendem Eifer in
den ersten Band von Marx Kapital und in die Schriften von Friedrich
Engels, wir lasen Paul Ghres Drei Monate Fabrikarbeiter, dessen
ungewollte agitatorische Kraft uns mit sich fortri; und als Dr. Brandt
dem Professor eines Tages die Probenummer einer von ihm ins Leben
gerufenen Zeitschrift zuschickte, die ausschlielich Fragen der
Sozialpolitik behandeln sollte, las ich sie mit brennendem Eifer und sah
von da an jeder Nummer mit einer Spannung entgegen, wie der Backfisch
einer Romanfortsetzung. Auch Egidy, der inzwischen heimgekehrt war,
erblickte nicht mehr in der berwindung der Dogmen den Ausgangspunkt
allen Heils, sondern im Kampf gegen Not und Unterdrckung.

Es ist eine Lust, zu leben, wo alles sich rhrt, und alles wchst, --
dem gleichen Himmel zu, ob auch die Wurzeln im verschiedensten Erdboden
stehen, pflegte Glyzcinski zu sagen. Und wenn ich ungeduldig seufzte:
Knnten wir nur den Anfang der knftigen Ordnung der Dinge noch
erleben, so antwortete er: Aber wir sind ja schon mitten darin!

Tatschlich schien diese eine Bewegung mit einer ungeheuern magnetischen
Kraft alles an sich zu ziehen. Die Wissenschaft trat in ihre Dienste,
die Kunst schmiedete Waffen fr sie. Was waren Hauptmanns Weber
andres, als ihr drhnender Schlachtgesang?! Jener Fanatismus, der nichts
sieht als sein Ziel, der ihm entgegenstrmt mit blutenden Fen und
keuchendem Atem, die stillen Stege nicht kennt, die abseits von seinem
Wege auf duftende Blumenwiesen, in dmmernde Wlder und hoch auf die
Berge der weiten Ausblicke fhren, den kein Ausruhen lockt im Schatten
der Dorflinde und der Kirchenpforten, -- derselbe Fanatismus, der die
ersten Christen zwang, die weien Marmorleiber heidnischer Gtter in die
pontinischen Smpfe zu werfen, hatte von mir Besitz ergriffen.

Und meine Seele schlo leise, da keiner es merkte, die Pforte der
Kammer zu, hinter der lebte, was zu tiefst mein Eigen war.

Fast wie eine Strung empfand ichs, als Sindermann mich zur Vorlesung
seines nunmehr vollendeten Dramas einlud. Aber war er nicht auch einer,
der mit uns kmpfte?

Wir fuhren miteinander hinaus nach Chorin, einem jener stillen
melancholischen Waldwinkel der Mark, wo schwarze Kiefern sich in kleinen
tiefen Seeen spiegeln und in zerbrckelnde Klosterruinen der mattblaue
Himmel hineinscheint. Freunde des Dichters erwarteten ihn hier, und ein
fremder Kollege, wie er sich mit einem seltsam feinen Lcheln nannte,
war dabei: Detlev von Liliencron.

Niemand ist in seiner Wahrhaftigkeit so unbarmherzig wie die Natur. Sie
scheidet grausam Echtes vom Unechten, ihr Licht, das durch keine
Schleier und keine Papierlaternen gedmpft wird, beleuchtet grell, was
am Menschen ihr entspricht, und was ihn von ihr trennt. Frauen mit
kunstvollen Lockengebnden auf zarten Kpfchen, in modischen Kleidern
und zierlichen Hackenschuhen, die in der Stadt schn sind und im Salon
blenden, wirken, wo die Natur herrscht, pltzlich halb lcherlich, halb
gespensterhaft. Und moderne Mnner mit lstern-blasiertem Lcheln und
der interessanten Blsse endloser Kaffeehausnchte auf den Zgen,
richtet sie ohne Nachsicht, als das, was sie sind. Werfen sich diese
Damen und Herren in dem instinktiven, unbehaglichen Gefhl, zu sein, wo
sie nicht hingehren, aber gar in Dirndlkostme und Lodenjoppen und
setzen naiv grne Htchen auf ihre gebrannten Haare und mden Glatzen,
so tritt ihre grliche Disharmonie zur Natur in tragischer Deutlichkeit
hervor, und von den geistreichen Helden und Heldinnen grostdtischen
Lebens bleibt nichts brig als die armselige Maske kleiner
Vorstadtkomdianten.

Aber auch groe Menschen vermgen der Natur nicht immer Stand zu
halten. Wer zu sehen gelernt hat, dem enthllen sie ihre Blen, da es
einem beinahe wehe tut.

Wir gingen vom Bahnhof durch den Wald bis zu dem kleinen Wirtshaus am
See. Warum hatte nur unser Dichter solch glnzend-schwarzen Bart und so
geistreiche Augen -- so fleischige Finger und eine so starke Mnnerhand?
Auch hier war eine Disharmonie, die schmerzte. Wie ein Stck dieser
mrkischen Natur selbst schritt dagegen der andere, mir noch vllig
fremde, neben uns, ein Mann aus einem Gu, bei dem alles zueinander
pate.

Ein Gewitter stand drohend am Himmel, als Sindermann zu lesen begann,
und Blitz und Donner begleiteten die sich entwickelnde Katastrophe.
Rasch war ich wieder im Bann des Werkes. Das war ja alles mein eigenes
Erleben: wie dieser Maria die Heimat zur Fremde wurde, in der die
Menschen eine unverstndliche Sprache sprechen, wie sie sich selbst
retten mu vor den Schlingen, die die Heimat wieder nach ihrer Freiheit
auswirft. Und ich war es selbst, die sprach: Es mu klar werden
zwischen der Heimat und mir!

Der Beifall in dem kleinen Kreis der Zuhrer war gro. Da man jede
Szene stundenlang unter dem Gesichtspunkt der Bhnenwirksamkeit
besprach, verletzte mich freilich. Erst auf dem Rckweg zur Bahn fing
man an, die Tendenz des Stckes zu errtern.

Da das individualistische Prinzip darin zu so starkem Ausdruck kommt,
befriedigt mich ganz besonders, sagte einer.

Diese Maria ist die Personifizierung der Idee Nietzsches! fgte
enthusiastisch ein anderer hinzu, sie hat die Umwertung aller Werte fr
sich vollzogen, sie steht jenseits von gut und bse, sie ist der
bermensch, obwohl sie ein Weib ist!

Der bermensch, -- diese Maria, die sich von einem Elenden hatte
verfhren lassen?! dachte ich. Und die Umwertung aller Werte sollte sie
vollzogen haben, weil sie die Heimat berwand?! Wre es mglich, da ich
meinen Nietzsche so gar nicht verstanden hatte? -- Die Unterhaltung
wurde lebhafter. Man sprach ber die Notwendigkeit, den Sozialismus
durch den Individualismus zu berwinden, die Sklavenmoral durch die
Herrenmoral.

Wir Knstler haben inmitten der gefhrlichen Nivellierungsbestrebungen
unserer Zeit die Aufgabe, das Recht der Adelsmenschen zu vertreten,
rief ein kleiner Mann mit einem Spitzbauch, whrend ihm die hellen
Schweitropfen ber das runde Gesicht liefen.

Und worin besteht dieses Recht? frug ich neugierig, das Lachen mhsam
verbeiend.

Verblfft sah er mich an. In dem Recht, sich zu behaupten, seine
Persnlichkeit auszuleben, sagte er schlielich und hieb sich mit der
flachen Hand auf den breiten Sportgrtel, da die dicke Goldkette
klirrte, die weithin leuchtend darber hing.

Sofern man eine hat, meinte Liliencron lakonisch, der bisher fast
immer geschwiegen hatte.

Gewi -- gewi, echote der erhitzte Individualist, sichtlich froh, da
der einfahrende Zug ihn einer weiteren Errterung berhob.

Am nchsten Tag fiel mein philosophischer Unterricht aus: wir stritten
uns ber Nietzsche, und zum erstenmal seit unserer Bekanntschaft
verteidigte Glyzcinski seine Ansichten mit offenbarer Heftigkeit. Wie
im Anarchismus die groe Gefahr fr die Verbreitung des Sozialismus in
der Arbeiterklasse zu suchen ist, sagte er, so kann die Ausbreitung
der Ideen Nietzsches die Wirksamkeit der Ethischen Bewegung in den
oberen Klassen vllig untergraben. Die Ausbildung der Persnlichkeit als
Selbstzweck steht zu unserem Ziel -- dem grten Glck der grten
Mehrheit -- in direktem Gegensatz.

Verzeihen Sie mir, wenn ich das bestreite, antwortete ich schchtern,
aber doch im Augenblick meiner gegenteiligen Ansicht sehr sicher. Mir
scheint nmlich, als ob gerade sie unser Ziel wre. Hchstes Glck der
Erdenkinder ist nur die Persnlichkeit, -- so hnlich heit es schon bei
Goethe. Und der Sozialismus soll eben die Mglichkeit fr alle schaffen,
ein Glck sich zu erringen, das heute nur wenige genieen knnen.

Wenn der arme Nietzsche geistig nicht tot wre, lachte Glyzcinski, so
wrde ihn diese Ihre Auslegung daran mahnen, zum Weibe nicht ohne
Peitsche zu kommen! -- Sehen Sie doch um sich: sind seine lautesten
Anhnger nicht unsere rgsten Feinde?

Weil sie es sind, die ihn miverstehen, nicht ich! Sich ausleben,
bedeutet doch nichts anderes, als alle Fesseln zerreien und
zersprengen, die uns hindern knnen, die Glieder im Dienst der
Menschheit zu regen!

Das, mein liebes Schwesterchen, ist aber kein Originalgedanke
Nietzsches, sondern eine Forderung, die schon Fichte und Kant und viele
andere mehr ausgesprochen haben, antwortete der Professor. Ich
frchtete schon, wir beide knnten uneins werden, und nun sehe ich, da
selbst Ihre Verteidigung Nietzsches nur ein neuer Beweis unserer
Einigkeit ist.

Ein unbestimmter Widerspruch, ber dessen Inhalt ich mir nicht klar zu
werden vermochte, regte sich zwar noch in mir, aber ich war viel zu
glcklich ber die Brcke des Verstndnisses, die wir betreten hatten,
als da ich weiter darber htte nachdenken mgen.

       *       *       *       *       *

Die Eltern kehrten zurck. Die Stimmung des Vaters mir gegenber
wechselte tglich: er konnte zrtlich sein und voller Interesse fr
mich, meine Studien, meinen Verkehr; und in der nchsten Stunde schon
wandelte sich seine Liebe in rauhen Zorn, seine Teilnahme in ungerechte
Verdammungsurteile, wenn irgendein politisches Ereignis, eine
sozialdemokratische Demonstration, eine Darstellung der Ethischen
Bewegung in der konservativen Presse, den Aristokraten, den General, den
Monarchisten in ihm ber den Vater siegen lieen. Die Mutter dagegen
blieb fast immer khl, zurckhaltend, beobachtend. Klein-Ilschen ging
mir scheu aus dem Wege. Und als ich sie nach der Ursache frug, gestand
sie, da der Konfirmandenunterricht ihr eine nhere Beziehung zu mir
unmglich mache.

Bisher hatte ich es stumm ertragen, die Rolle der ungern Geduldeten zu
spielen, -- an dem Tage aber, wo dies blonde Kind sich von mir wandte,
weinte ich.

Die konstituierende Versammlung der Ethischen Gesellschaft stand vor
der Tr. Aus allen Teilen Deutschlands strmten uns Begrungsschreiben,
Beitrittserklrungen, Zustimmungskundgebungen zu, -- es schien wirklich,
als htten sich viele im stillen nach einer geistigen Vereinigung auf
dieser Basis gesehnt. Selten nur traf ich Glyzcinski nachmittags allein:
Gelehrte und Ungelehrte, Leute mit berhmten Namen und mit Wrden
beladen erschienen neben armen Handwerkern, und Frauen aus allen Kreisen
fanden sich ein. Es war ein anderes Publikum, als das bei Egidy gewesen
war: entschiedener in seiner antireligisen Gesinnung, von sozialem
Pflichtbewutsein strker durchdrungen. Und die nahende Vollendung
des lange vorbereiteten Werks gestaltete auch die letzten
Kommissionssitzungen harmonischer. Wir waren alle voll Zuversicht und
voll guten Willens, uns auf dem Boden allgemein menschlicher Ethik
zusammenzufinden.

Von jener Begeisterung getragen, die die Geburtsstunde jeder neuen
humanitren Schpfung begleitet und die Teilnehmer glauben lt, der
Beginn sei schon die Vollendung, verliefen die offiziellen Grndungstage
unserer Gesellschaft. Es tat frmlich weh, zu der Nchternheit der
Alltagsaufgaben zurckzukehren, und die meisten Menschen, die uns eben
noch zugejubelt hatten, ergriffen vor ihnen die Flucht. Mir, die ich von
der Welterlsung getrumt hatte, wurde es besonders schwer, an all den
internen Beratungen und Zusammenknften teil zu nehmen, wo ber Fragen,
wie die der Versammlungslokale, der Einkassierung der Beitrge, und
dergleichen mehr oft stundenlang verhandelt wurde. Ich ging regelmig
hin, um Glyzcinski darber zu berichten, der nur ausnahmsweise an den
Sitzungen teilnehmen konnte, und daher auch oft den Grad meiner
Ernchterung nicht verstand. In Rcksicht auf ihn, dessen Freundschaft
mit mir kein Geheimnis war, mehr als in Anerkennung meiner sehr geringen
Verdienste um die Gesellschaft, wurde mir, statt seiner -- der jede Wahl
von vornherein abgelehnt hatte -- der Schriftfhrerposten im
Hauptvorstand angeboten. Ich zgerte keinen Augenblick, ihn anzunehmen,
da ich mir wohl bewut war, gerade durch ihn den grten Einflu
gewinnen zu knnen. Zu Hause erzhlte ich nicht ohne Stolz von der mir
widerfahrenen Ehre. Der Vater kam gerade aus seinem Klub, und ich hatte
in meiner Freude auf seine Mienen nicht geachtet und Mamas heimliche
Zeichen nicht bemerkt.

Wie --, fuhr er los, ein Mensch, der meinen ehrlichen Namen trgt,
offizieller Vertreter dieser Gesellschaft internationaler Schwindler?!
Ich wollte ihn unterbrechen, aber er lie mich nicht zu Worte kommen.
Habt ihr vielleicht nicht soeben, wie ich natrlich von Fremden
erfahren mute, fr die wahnwitzige Utopie ewigen Friedens demonstriert,
was nichts anderes bedeutet, als diesen Schuften, den Sozialdemokraten,
Wasser auf ihre Mhle treiben! Seine Stimme schwoll an, als stnde er
auf dem Kasernenhof, und die Religion wollt ihr schon den Kindern durch
euren sogenannten Moralunterricht austreiben. Eine nette Moral das --
wahrhaftig! Er trat auf mich zu: Ich verbiete dir ein- fr allemal,
mit diesen Gottesleugnern und Vaterlandsverrtern gemeinsame Sache zu
machen -- sonst --

Du erlaubst, da ich mich entferne -- unterbrach ich den Tobenden und
ging hinaus.

Am nchsten Morgen kam er mir entgegen: ganz bla, mit berwachten,
mden Augen. Hre auf deinen alten Vater, mein Kind, der es gut mit dir
meint, -- du bist auf falschem Wege, -- schneide dir nicht die Rckkehr
ab, indem du dich ffentlich engagierst!

La mir Zeit zum berlegen, lieber Vater, bat ich stockend, innerlich
fast schon berwunden; nur bei Glyzcinski wollte ich mir noch Rats
erholen.

Geben Sie nach, -- fr diesmal noch! sagte er, das geringste Ma von
Schmerz sollen wir anderen zufgen. Und am schnsten ists, wenn der
Gegner sich uns aus berzeugung schlielich selbst ergibt.

Meinen Vater berwltigte fast die Rhrung, als ich ihm sagte, da ich
mich seinem Wunsche fgen wolle. Er ging selbst zum Professor und
unterhielt sich ruhig und eingehend mit ihm, wie ein vollendeter
Ethiker. Dann mut ich mit ihm in die Stadt, um mir ein Kleid
auszusuchen: Ich will nicht, da du durch die ewige Nherei in der
Arbeit gestrt wirst, die dir am Herzen liegt!

Es dauerte jedoch nicht lange, und ich fhlte, da es nur
eines geringfgigen Anlasses bedurfte, um einen neuen Sturm
heraufzubeschwren.

Ich schwebte in stndiger Angst. Schon der Tritt meines Vaters auf der
Treppe machte mich zittern, und mglichst leise verlie ich nachmittags
das Haus, um erst dann erleichtert aufzuatmen, wenn die Tr von
Glyzcinskis Studierstube sich hinter mir schlo.

Jetzt mt' ich Sie pflegen knnen, wie Sie mich, sagte er dann wohl,
und sein warmer Blick voll Liebe und Mitleid ruhte auf mir.

Eines Novemberabends -- ich hatte infolge eines heftigen
Erkltungsfiebers ein paar Tage das Bett hten mssen -- kam ein Brief
vom Professor:

Mein gndigstes Frulein!

Wir haben schon oft miteinander besprochen, da die Schaffung eines
Ethischen Journals sich angesichts der Entwicklung der Gesellschaft als
eine immer strkere Notwendigkeit erweist. Dieser Tage habe ich
innerhalb unserer literarischen Gruppe die Frage errtert, und der
Verleger unserer Flugbltter hat sich bereit erklrt, eine Zeitschrift,
wie wir sie brauchen, in Gemeinschaft mit mir ins Leben zu rufen; da ich
jedoch auerstande bin, sie allein zu leiten, -- der Redakteur eines
solchen Blattes mu persnlich bei wichtigen Vorkommnissen zugegen sein
knnen --, liegt die letzte Entscheidung der Sache in Ihrer Hand. Die
Stellung als mein Mitredakteur wird Ihre Arbeitskraft stark in Anspruch
nehmen, und im Anfang ist der Verlag leider auerstande, Ihnen ein
hheres Honorar, als etwa fnfzehnhundert bis zweitausend Mark jhrlich
zu bieten. Aber ich hoffe und glaube, da Ihre Liebe zur Sache gro
genug ist, um ber diese Schwierigkeiten hinwegzusehen.

Mit verbindlichen Empfehlungen den Exzellenzen und herzlichen Gren an
Sie

                                            Ihr treuergebenster
                                           Georg von Glyzcinski.

Das ist die Befreiung! jubelte ich -- und zitterte doch vor Angst, als
ich den Brief meinen Eltern gab. Die Szene, die folgte, war schlimmer
als je vorher. Solange du meinen Namen trgst, niemals -- niemals!
Dabei blieb der Vater. Ich lief in die Nettelbeckstrae und brach,
aufschluchzend, neben dem Stuhl des Freundes zusammen. Minutenlang
vermochte ich nicht zu sprechen und fhlte nur, wie der schmalen Hand,
die mir leise ber die Stirne strich, wohlttige Ruhe entstrmte. Und
dann erzhlte ich --

'Solange du meinen Namen trgst' -- das sagte Ihr Vater? Glyzcinski
wandte den Kopf und sah zum Fenster hinaus, wo die roten und gelben
Bltter im Herbststurm tanzten. Es dunkelte schon, -- eine Mahnung zum
Aufbruch.

Ich frchte mich so -- murmelte ich mit neu hervorstrzenden Trnen.
Und aus dem Zwielicht und der Stille hrte ich seine leise Stimme sagen:
Mchtest du bei mir bleiben, mein Schwesterchen? -- Immer -- immer
-- sthnte ich und prete meine Lippen, ehe ers hindern konnte, auf die
Hand, die wei und unirdisch im Dmmer leuchtete.

Am frhen Morgen des nchsten Tages erhielt ich diesen Brief:

Mein liebes, gndiges Frulein!

Schon vor Monaten habe ich mir oft gedacht: wenn Sie eine Anzahl Jahre
lter geworden wren, ohne das Glck gefunden zu haben, das Sie in so
reichem Mae verdienen, -- wenn Sie sich mit dem Gedanken, auf Liebe und
Glck verzichten zu mssen, vertraut gemacht htten, dann wollte ich
fragen: Liebe Freundin, wollen wir zueinander ziehen, Mann und Frau
werden, dabei aber -- wie es mir beschieden wre -- als Bruder und
Schwester weiterleben?!

Der Umstand nun, da sich jetzt ein Arbeitsplan fr uns meldet, dessen
Verwirklichung, nach dem Standpunkt, den Ihr Herr Vater einnimmt, zu
schlieen, durch jene Lebensvereinigung sehr erleichtert werden wrde,
ist der Grund, da ich schon heut mit dieser Frage an Sie herantrete.

Wir wrden keine Liebes-, sondern eine Freundschafts- und Arbeitsehe
fhren; sie wrde fr Sie alles andere eher als eine 'Versorgung' sein;
wir wrden wie die Zukunftsmenschen leben, wo auch die Frau sich durch
eigene Arbeit erhlt. Ich bin ohne Vermgen und habe nur ein geringes
Einkommen. Im brigen wissen Sie, da mein Leben jeden Tag zu Ende sein
kann.

Und nun drfen Sie rasch 'nein' sagen. Meine Freundschaft zu Ihnen wrde
auch dann immer dieselbe bleiben. Das 'ja' wrde jedenfalls eine lange
berlegung notwendig machen. Handelt es sich doch um etwas hnliches,
als wenn ein Mdchen den Nonnenschleier nimmt. Sollten Sie trotz alledem
einmal 'ja' sagen, so knnte es doch eine in ihrer Art schne Ehe
werden.

                                          Ewig
                                             Ihr treuer Freund
                                          Georg von Glyzcinski.

Ich hatte kaum zu Ende gelesen -- mit klopfendem Herzen und tiefen
Atemzgen --, als ich schon am Schreibtisch sa und meine Feder ber das
Papier flog:

Mein lieber Freund!

Es bedarf fr mich keiner berlegung, um meine Hand mit einem
freudig-dankbaren Ja in die Ihre zu legen. Und es geschieht nicht im
Gefhl, auf Glck und Liebe verzichten zu mssen: fr mich gibt es nur
ein Glck, und das ist bei Ihnen; und alles was an Liebe in mir ist,
gehrt Ihnen. Auch ich habe, wie die Kinder, einmal von einem Paradies
getrumt, das dem Himmel der Frommen hnlich sah. Jetzt knnte es mir
fast wie die Hlle erscheinen, -- whrend Sie mir bieten, was die
Erfllung meiner heiesten Wnsche in sich schliet.

Ich sehe einen Urwald, bewohnt von allerhand Raubzeug, oft
undurchdringlich dicht, da die Sonne nicht bis auf den Boden dringen
kann. Und mitten darin wir beide, eng verbunden, mit den Beilen
bewaffnet, die Du uns schmiedetest. Und aus der Nhe und aus der Ferne
tnen die Axtschlge vieler anderer Arbeiter zu uns herber. Das ist
Musik fr unser Ohr. Freilich fehlt es nicht an niederfallenden sten,
die uns verwunden, an giftigen Schlangen, die uns umdrohen. Aber solange
wir uns selber haben, solange uns das Werkzeug nicht entfllt, solange
wir offnen Auges das Licht immer mchtiger in die Tiefen des Waldes
fluten sehen, -- solange ist er uns das Paradies unseres Lebens ...

Ich schickte meine Antwort voran und folgte ihr auf dem Fue. Leise trat
ich ins Zimmer -- Georg bemerkte mich nicht. Auf dem Schreibtisch vor
ihm lag mein Brief, die Hnde hatte er darber gefaltet und die Stirn
wie versunken darauf gepret.

Georg --

Alix --, er fuhr zusammen, ein Antlitz wandte sich mir zu, berstrmt
von Trnen. Und er nahm meine Hnde und kte sie und zog meinen Kopf zu
sich hernieder, und ich fhlte, wie sein Mund sanft meine Augen
berhrte.

Mit ruhiger Fassung sah ich den Ereignissen entgegen, die nun folgen
muten, -- da meine Eltern gegen meine Heirat wesentliche Einwnde
erheben wrden, nahm ich nicht an: Georg war von gutem, alten Adel --
und im brigen konnte es von ihnen nur als Erleichterung empfunden
werden, mich endlich aus dem Hause zu haben. Ich war wie versteinert vor
Schreck, als Georgs offizieller Brief an meinen Vater gekommen war und
ich in seinem Zimmer vor ihm stand. Schwer atmend, mit dunkel gefrbtem
Gesicht, die Augen rot unterlaufen, sa er auf seinem Stuhl, den Rock
geffnet, mit den Fingern ungeduldig an seinem Kragen zerrend, als
frchte er, zu ersticken. Heiser, ruckweise, mit einer Stimme, die die
seine nicht war, begann er zu reden, whrend die Mutter, im Sofa
zusammengekauert, leise vor sich hin weinte.

Das mir -- das mir! -- hat Gott mich nicht schon genug gestraft?! --
Dich -- dich -- auf die ich so stolz gewesen bin! -- Die du mein -- mein
Kind warst vor allem! -- Dich, um die ein Knig noch htte betteln
mssen! -- Dich will dieser -- dieser -- den Gott selbst als einen
Ausgestoenen brandmarkte --

Papa --! schrie ich und taumelte bis an die Tr zurck.

Er sprang auf, um sich im nchsten Augenblick, wie von einem Schwindel
erfat, mit beiden Fusten schwer auf den Tisch zu sttzen. Den Kopf
weit vorgestreckt, die Augen stier auf mich gerichtet, fuhr er mich an:

Du lufst mir nicht wieder davon, -- und wenn ich dich mit Gewalt
festhalten mte! Und deinen sauberen Galan -- er lachte grell auf --
ein Kerl, der nicht einmal ein Mann ist, -- niederschieen tu ich ihn,
wie einen tollen Hund -- --. Mit einem unartikulierten Laut fiel er in
den Stuhl zurck. Ich lief nach Wasser, -- benetzte ihm die Lippen, --
rieb ihm die Stirn, -- es war ja ein Kranker, den ich vor mir hatte!
Aber kaum war er zu sich gekommen, stie er mich auch schon von sich.

Mama, Ilse und der Diener brachten ihn zu Bett. Fast die ganze Nacht sa
ich horchend vor seiner Schlafzimmertr. Wie eine Mrderin kam ich mir
vor. Als der Morgen graute, schrieb ich ein paar Zeilen an Glyzcinski,
und kaum da der graue Novembertag mit schwerfllig-langsamen Schritten
durch die Straen geschlichen kam, hrte ich den Vater schon wieder in
seinem Zimmer auf und nieder gehen. Er rief nach mir, -- die Angst
schnrte mir die Kehle zu, aber ich folgte. Wie entsetzlich sah er aus!
In einer einzigen Nacht, -- wie furchtbar gealtert!

Frchte dich nicht, -- ich tue dir nichts -- sagte er und verzog den
Mund mit den gesprungenen Lippen zu einer Grimasse, die ein Lcheln sein
sollte. Ich will nur mit dir reden, will dir klar machen, -- was du
nicht weit -- nicht wissen kannst, und was der Professor -- es war ihm
offenbar unmglich, den verhaten Namen zu nennen -- vielleicht auch
nicht wei. Die einzige Entschuldigung, die ich ihm zubilligen kann!
Ich mute mich neben ihn setzen, wie in frheren Jahren, und er behielt,
whrend er sprach, meine Hand in der seinen.

Ich sagte dir schon, -- du bist mein Kind! Du hast meine
Leidenschaften, mein heies Herz, mein wildes Blut. Bist du die -- die
Frau dieses Mannes, so wird -- ich wei es genau, ganz genau! -- eine
Zeit kommen, frher oder spter, wo dein Herz sich vor Qualen
zusammenkrampft, wo dein Blut nach Liebe schreit -- schreit!! -- hrst
du? -- Nach einer Liebe, die dieser Mann dir nie wird geben knnen! --
Dann wirst du unglcklich werden, totunglcklich -- oder --, er brachte
nur mit uerster Anstrengung die letzten Worte hervor -- eine Ehrlose,
-- eine -- eine Dirne!

Papa, lieber Papa! ich streichelte ihm die Hnde, du knntest so
nicht sprechen, wenn du mich besser kennen wrdest! -- Ich bin kein Kind
mehr -- ich habe viel erlebt, -- sehr, sehr viel gelitten, mein Blut hat
endgltig ausgetobt, mein Herz wei von keiner anderen Liebe als von
der, die Georg mir bietet!

Du irrst, -- und dieser Irrtum wird dein Unglck werden. Ich kenne dich
besser, als du dich in diesem Augenblick kennst --. Seine berwachten
Augen sahen ins Weite, er schien immer mehr zu vergessen, da ich neben
ihm sa. Auch ich liebte -- und verzehrte mich nach Liebe! Und warb ein
viertel Jahrhundert lang um sie, die mein Weib war. Ich wollte nicht
begreifen, da all meine Leidenschaft sie nicht erwrmen konnte --! Bis
ich ein alter Mann geworden bin, bis ich einsehen lernte, da nichts --
nichts im Leben mir Wort hielt, -- auch meine Liebeshoffnung nicht! --
Er schwieg, berwltigt von der Erinnerung.

Verstehst du nun, da ich den Gedanken nicht ertragen kann, dich ebenso
-- nein -- noch viel unglcklicher werden zu sehen als mich? -- Du wirst
ja nicht einmal Kinder haben!

Ich zuckte zusammen, -- aber rasch und gewaltsam hatte ich die
Empfindung auch schon niedergekmpft, die ihm Recht htte geben knnen.

Alle armen, alle verlassenen Kinder in der Welt werden meine Kinder
sein -- antwortete ich, fr sie werde ich denken und arbeiten!

Papa stand auf: So habe ich dir nichts mehr zu sagen. Du bist majorenn,
du bedarfst meiner Erlaubnis nicht. Nur um eins bitte ich dich, und
deine Mutter wird dieselbe Bitte dem -- dem Professor vortragen -- ich
selbst fhle mich nicht stark genug, ihn zu sehen --: Warte nur noch ein
halbes Jahr, -- prfe dich whrenddessen. Du kannst, ungehindert durch
mich, deinen Verkehr in derselben Weise fortsetzen wie bisher, -- bist
du dann noch entschlossen, -- so strecke ich die Waffen.

Ich wollte danken, -- war doch dies Zugestndnis weit mehr, als ich nach
dem gestrigen Auftritt noch glaubte erwarten zu drfen, -- aber er
entzog mir seine Hand und verlie hastig das Zimmer.

Noch am Abend schrieb mir Georg, den meine Mutter inzwischen aufgesucht
hatte:

... Wir hatten eine lange ernste Unterredung miteinander, die mir um so
greren Eindruck machte, als kurz vorher der Oberst Glyzcinski hier
gewesen war, dem ich mich in meiner Aufregung verriet, und der mir aus
meinem Vorgehen die heftigsten Vorwrfe machte. 'Geschieht, was du in
deiner Unkenntnis der Welt und der Menschen als dein Glck ansiehst, so
geht Ihr zugrunde,' sagte er. Meine geliebte Alix, -- sind wir nicht in
einer Hinsicht wirklich unwissende Kinder? Es sollte doch keiner von uns
zugrunde gehen! Wir haben doch beide eine Mission! Es gibt so gar
wenige, die unseren Enthusiasmus fr unsere Sache haben! Sollten wir uns
beide nicht dieser Sache erhalten? Vielleicht ist es ein Verhngnis, das
der schnen Tochter der Exzellenz den alten Professor zurseite schob und
in ein stilles, beschauliches, von allen irdischen Freuden
abgeschlossenes Gelehrtenleben pltzlich eine Fee hineinversetzte.
Sollten wir dies Verhngnis nicht in ein segensreiches Schicksal
verwandeln knnen, wenn wir, wenn vor allem ich mich selbst
bezwinge? ...

Drei Stunden tglich Liebe und Sonnenschein? Ist das nicht viel? Die
armen Millionen, denen sie nimmer scheint, die liebe Sonne! Ich freilich
drste nach mehr, aber dann geht einer von uns zugrunde!! -- Und lieber
lebe ich dauernd in tiefster Nacht, als da ich ber das Haupt des
liebsten Menschen solch Schicksal heraufbeschwre!

Machen wir also den ernsten Versuch, geliebte Freundin, uns mit ein
wenig Glck -- fr mich ist das schon berschwenglich viel! -- und viel
Arbeit zu begngen, und bitte Deine Eltern, da sie es Dir leicht machen
sollen ...

Aber seine Blicke straften die scheinbare Ruhe dieser Verzichtleistung
Lgen. Das strahlende Licht war aus seinen Augen verschwunden, wie das
sonnige Lcheln um seine Lippen. Und verlie ich ihn des Abends, so
hielt er mich oft mit einem Ausdruck fest, als litte er alle Qualen
eines Abschieds auf immer. Wir sahen uns tglich. Bald aber merkte ich,
wie mein Vater durch Einladungen und Verabredungen aller Art meine
Besuche bei Georg zu hindern suchte. Erinnerte ich ihn an sein
Versprechen, so wurde er heftig, setzte ich seinen Wnschen Widerstand
entgegen, so konnte ich sicher sein, bei der Heimkehr die Mutter
verweint, die Schwester verschchtert, den Vater stumm und finster
wieder zu finden. Blieb ich des Abends fort -- Versammlungen und
Kommissionssitzungen, ber die ich in unserer Zeitschrift berichten
mute, machten es hufig genug notwendig --, so schlich ich mich in
zitternder Furcht nach Hause, weil der Vater mich schon oft mit den
ungerechtfertigsten Vorwrfen empfangen hatte. Jeder Artikel, den ich in
unserem Blatt unter meinem Namen schrieb -- die Anonymitt war mir als
eine Feigheit verhat --, gab Anla zu den peinlichsten
Auseinandersetzungen, und die politischen Ereignisse der Zeit benutzte
er, um das, was mir heilig war, malos zu verunglimpfen. Ich wurde
schlielich von einem so dauernden, Angstgefhl gefoltert, da ich oft
meinte, vom Verfolgungswahn gepackt zu sein. Der tglich wiederholte
Versuch, vor Georg heiter zu sein, milang immer vollstndiger, und
eines Tages gestanden wir einander das Unertrgliche unseres Zustands.

So willst du wirklich -- wirklich diesen Krppel heiraten, den man im
Mittelalter der Zauberei angeklagt, und ganz gewi verbrannt haben
wrde? sagte er mit unglubigem Lcheln.

Ich will! antwortete ich fest und wenn es sein mu, ohne den Segen
der Eltern. Da ich wute, da meines Vaters Heftigkeit mich nicht wrde
zu Worte kommen lassen, so schrieb ich ihm einen langen, liebevollen
Brief, in dem ich ihm klar zu machen versuchte, da ich alt genug sei,
um nach eigener berzeugung mein Leben zu gestalten, da es im hheren
Sinne gewissenlos und pflichtwidrig wre, statt der eigenen Einsicht und
dem eigenen Gefhl sklavisch dem Machtgebot anderer zu gehorchen, da es
schlimmer sei als tten, wenn ein Mensch den anderen zeitlebens zur
Unmndigkeit und Unfreiheit verdamme.

Einen ganzen Vormittag lang schien mein Vater meinen Brief zu
ignorieren, erst als ich das Haus verlassen wollte, trat er mir im Flur
entgegen.

Du bleibst! rief er und umklammerte mein Handgelenk. Die sechs Monate
Frist, die ich dir gestellt habe, sind noch nicht um, -- aber du zwingst
mich, meine Bedingungen zu ndern. Du wirst von heute ab deine Besuche
einstellen. Dieser sittenstrenge Ethiker soll mir nicht ganz und gar
deine Seele vergiften.

Du brichst dein Versprechen, Papa -- stie ich hervor und ri mich
gewaltsam los. In demselben Augenblick griff er nach der alten
Reiterpistole auf seinem Schreibtisch --.

Ein Schritt noch und ich schiee --. Aber schon lief ich die Treppe
hinunter -- ber die Strae -- ber den Platz, -- Menschen und Wagen und
Huser sah ich wie Schatten an mir vorberfliegen.

Wie ich zu Georg kam, -- ich wei es nicht, -- der gelle Angstschrei,
den er ausstie, als ich mitten in seinem Zimmer niederfiel, brachte
mich zur Besinnung. Noch an demselben Abend fuhr ich zu Freunden von
ihm, die mir auf alle Flle ihr Haus schon zur Verfgung gestellt
hatten. Ohne Angabe meiner Adresse teilte ich den Eltern mit, da ich
nicht mehr zu ihnen zurckkehren werde. Aber noch ehe mein Brief sie
erreicht haben konnte, benachrichtigte mich Georg, da Onkel Walter mich
zu sprechen wnsche. Er erwarte mich im Reichstag. Ich ging hin. Und
whrend im Plenarsaal die Redeschlacht um die Militrvorlage tobte,
gingen wir ruhig und gemessen in der Wandelhalle auf und ab, und niemand
konnte ahnen, da sich hier ein Schicksal entschied.

Hans war bei mir, -- gleich nach jener Szene. Er sprach, dramatisch wie
immer, von Verstoen, Verfluchen und dergleichen, begann Onkel Walter
in geschftsmigem Ton. Ich habe ihm erklrt, da es unser aller
Pflicht sei, einen Familienskandal zu vermeiden, und da ich -- wenn er
auf seinem Standpunkt beharren wolle -- meine Nichte, die Tochter meiner
Schwester, in mein Haus nehmen, und da sie dort unter meinem Schutz
heiraten wrde. Ilse ist, Gott Lob, ganz meiner Meinung. Ein Zustand,
wie der bisherige, ist fr alle Teile auf die Dauer unhaltbar. Von mir
aus ist Hans bei Geheimrat Frommann gewesen, der ihm zugeredet hat,
nachzugeben, und dich und deinen Verlobten in den hchsten Tnen pries.
Infolgedessen hat dein Vater sich wesentlich beruhigt. Er wird morgen
meine Frau nach Pirgallen begleiten und erlaubte deiner Mutter, alle
Vorbereitungen zu deiner Hochzeit zu treffen, an der er natrlich selbst
nicht teilnehmen wird.

Mir traten die Trnen in die Augen, -- die Erschtterung dieses neuen
pltzlichen Umschwungs war zu gro fr mich!

Du hast keine Ursache, mir zu danken, schnitt Onkel Walter schroff
jede Antwort ab, ich tat nur meine Pflicht im Interesse der Ehre
unserer Familie. Im brigen ist es hohe Zeit, da wir Ruhe vor dir
haben. Damit war ich entlassen.

Ich kehrte nach Hause zurck, nachdem mein Vater abgereist war.

Mit ihrem khlsten Gesichtsausdruck empfing mich die Mutter. Deiner
Heirat steht nichts mehr im Wege, sagte sie, auer einer Kleinigkeit,
die du natrlich vergessen hast: der Ausstattung. Wir sind, wie du
weit, nicht in der Lage, sie dir zu beschaffen, du wirst dich also mit
der kleinen Summe aus der Kleveschen Familienstiftung begngen mssen.
Und was die Wohnung betrifft, so -- --

Ich mute wider Willen lachen: Das sind aber doch wirklich nichts als
Kleinigkeiten, Mama! unterbrach ich sie. Wir haben, was wir brauchen,
-- und Georgs Wohnung ist viel zu hbsch, als da ich sie aufgeben
mchte!

Eine Hofwohnung -- und nur drei Zimmer! Mama kruselte verchtlich die
Lippen.

bergenug fr uns! -- du siehst: wenn das Aufgebot morgen erfolgt,
knnen wir in vierzehn Tagen getraut werden -- --

Selbstverstndlich! -- Ich werde heute noch mit Euren Papieren auf das
Standesamt und womglich auch gleich zum Geistlichen gehen.

Zum -- Geistlichen?! Ich starrte sie verstndnislos an. Wir
dezidierten Nichtchristen sollten uns geistlich trauen lassen?!

Georg ist Atheist --

Schlimm genug! rief die Mutter, aber du heiratest unter dem Schutz
deiner glubigen Eltern und wirst es nach unserem Glauben tun -- oder
gar nicht.

All meine Erklrungen und Bitten prallten an ihrem unbeugsamen Willen
ab. Ich sah aufs neue die schwer erkmpfte Zukunft gefhrdet. Aber als
ich Georg mit vor Aufregung zitternder Stimme von der mtterlichen
Entscheidung erzhlte, zog nur ein leichter Schatten ber seine Zge.

Wenn deiner Mutter Herz an dieser Zeremonie hngt, so lassen wir ihr
die Freude, meinte er nach kurzem berlegen. Drfen wir unser Leben
und seine Aufgabe von einer bloen Formel abhngig machen?! Ich senkte
stumm den Kopf, so recht aufrichtig htte ich seiner Ansicht doch nicht
zustimmen knnen.

Den nchsten Verwandten war meine bevorstehende Heirat mitgeteilt
worden. Mit einer gewissen Genugtuung zeigte mir die Mutter, um deren
Mundwinkel sich die Falten der Bitterkeit tglich tiefer gruben, ihre
teils entsetzten, teils mitleidigen Briefe. An Tante Klotilde hatte ich
selbst geschrieben; ein paar Tage vor der Hochzeit antwortete sie mir:
Was du tust, ist Wahnsinn, ja, schlimmer noch: ein widernatrliches
Verbrechen. Auf welch traurigen Abwegen du dich befindest, habe ich
schon durch deine potsdamer Kusinen erfahren. Da es aber soweit mit dir
kommen wrde, htte ich nimmer gedacht. Wolle Gott, da meine
schlimmsten Befrchtungen fr die Zukunft nicht in Erfllung gehen! Das
ist der einzige Wunsch, mit dem ich deine Heirat begleite...

Aber je nher ich meinem Ziele war, desto gleichgltiger lieen mich all
die Nadelstiche des tglichen Lebens.

Als ich jedoch am Abend vor der Trauung zum letztenmal in die elterliche
Wohnung zurckkehrte, stockte mir schon vor der Tre der Atem, und in
den dunkeln Rumen legte sich mir die Luft zentnerschwer auf das Herz.
In dem verlassenen Zimmer des Vaters war es totenstill, selbst die Uhr
tickte nicht mehr; -- hatte ich -- ich, die Tochter, die er am meisten
liebte, ihn nicht hinaus getrieben?! Stumm und in sich gekehrt saen
Mutter und Schwester und ich um den gedeckten Tisch und zerbrckelten
das Brot zwischen den Fingern. Die Lampe wollte heute nicht leuchten,
und der Teekessel summte schwermtig, -- gro und vorwurfsvoll sah mir
zuweilen das blaue Augenpaar der Schwester entgegen, -- die Mutter
vermied meinen Blick; und was sie sagte, kam ihr rauh und hart aus der
Kehle. In mein Zimmer trieb es mich frher als sonst. Ich legte
mechanisch meine letzten zurckgebliebenen Sachen in den Koffer. Da
klopfte es leise -- und in den unruhigen Schein der Kerze trat
Klein-Ilse mit hei-geweinten Wangen, einen Kranz von Orangenblten in
der Hand und einen weien Schleier. Sie wollte sprechen, -- sie konnte
es nicht, -- unaufhaltsam flossen ihr die Trnen aus den Augen; -- mit
einer Bewegung, die Schmerz, Ha und Liebe zugleich zu diktieren
schienen, warf sie ihre Gabe auf den Tisch und war im nchsten
Augenblick wieder verschwunden. Ich lchelte mde, -- einen anderen
Kranz hatte ich mir wohl vor langen Jahren ertrumt; -- fort mit allem
blassen Erinnern, -- drauen stand die Arbeit, stand das Leben und
begehrte meiner!

Noch einmal klopfte es: ein Brief von Georg:

Mein Liebling! Zum letztenmal sag ich Dir aus der Ferne Gute Nacht. Von
morgen ab wirst Du bei mir sein und bleiben. Eine heilige Lebensaufgabe
liegt vor uns, die wir zum Wohle der Menschheit erfllen wollen, und
eine, die unsere brutliche Ehe uns persnlich auferlegt.

Nach meinem Tode kannst Du -- aber ganz aufrichtig, meine tapfere Alix!
-- der Welt erzhlen, wie ihre Lsung gelang, -- anderen zur Warnung,
oder zur Nachahmung. Nur ein Versprechen verlange ich heute von Dir:
sollte jene Liebe Dich jemals gefangen nehmen, vor der die Menschen uns
warnen, und die sich auf mich, Deinen Gatten, nicht richten kann, -- so
denke, ich sei Dein Vater, und schenke mir Dein Vertrauen. Ich werde
mich seiner wrdig erweisen, und nie soll ein Stck Papier fr Dich eine
Fessel werden. In keiner Lebenslage wrdest Du mich verlieren.

                                     Dein in Zeit und Ewigkeit!
                                                            Georg.

Und die Schatten der Vergangenheit zerstoben; ruhig und glcklich
schlief ich dem Morgen entgegen.

Meine Kusine Mathilde war gekommen, -- auch sie mit einem Gesicht, als
sollte sie an einer Beerdigung und nicht an einer Hochzeit teilnehmen.
Zu Fu gingen wir vier in die Nettelbeckstrae. Wir gingen rascher --
immer rascher, als wollte einer dem anderen entlaufen. Kein Wort der
Liebe war meiner Mutter bisher ber die Lippen gekommen. Vor der Haustr
blieb sie aufatmend stehen. Nun hast du deinen Willen durchgesetzt,
stie sie zwischen den Zhnen hervor.

In meinem knftigen Schlafzimmer, einem groen Raum, dessen einziges
Fenster auf den dunklen Hof hinaussah, zog ich mein Brautkleid an. Kranz
und Schleier lagen bereit; niemand kam, mir zu helfen. Sie waren alle
vorn und schmckten den Altar! Da hrt' ich eine zaghafte Stimme an der
Tr: Darf ich?, und eine kleine Frau schlpfte herein, verlegen und
lchelnd an der groen weien Schrze zupfend, in den roten Hnden einen
bunten Nelkenstrau. Ich kannte sie flchtig: die Frau vom Tischler
nebenan war's, dem Georg aus dem Elend geholfen hatte, und der jetzt
tglich kam, um sich den Vorwrts zu holen. Ich konnt' doch heut
nicht fehlen, stotterte sie, ich mut' doch dem gndigen Frulein
zeigen, wie mchtig wir uns freuen, mein Karl und ich! So schn ist's,
da der gute Herr Professor nu nich mehr so alleinich is, -- so heilig
schn, da Sie seine Frau werden! Dabei faltete sie die Hnde und sah
mich aus ihren hellen runden Augen an, wie der gute Katholik ein
wunderttiges Heiligenbild. Und dann nahm sie vorsichtig den Schleier
und steckte ihn mir auf die Locken und legte mit ihren groben
Arbeitshnden ganz leicht und zart den Kranz darauf: Der liebe Gott
segne Sie! --

War es, weil ich aus dem Dunkel kam, oder weil helle Freudentrnen mir
in den Augen standen, -- ich sah, als ich in Georgs Zimmer trat, nichts
als Wogen goldschimmernden Glanzes. Wie Schattenbilder, die uns nichts
angingen, bewegten sich die Menschen darin. Ich hrte Worte, mit denen
sich mir kein Sinn verband, und leises Schluchzen, das von weit her kam.
Um den Tisch hinter der schwarzen Gestalt des Pfarrers schwebte eine
Woge weichen Blumendufts zu mir herber, ein weies Kreuz leuchtete auf
grnem Grund, -- es hatte einst auf Gromamas Schreibtisch gestanden --
und die schwarze Schrift darauf war die Traupredigt, die ich allein
vernahm: Die Liebe hret nimmer auf. Ein paar Hndedrcke fhlt' ich
noch, eine paar zeremonielle Ksse auf der Stirn -- Kleiderrauschen --
halblautes Schwatzen -- Tren schlagen -- und noch einmal den grellen
Ton der Glocke: Ein Telegramm. In zrtlichster Liebe bin ich bei dir
und Georg. Dein Vater.

Dann ward es still, ganz still bei uns. Wir waren allein.




Neunzehntes Kapitel


In einem Tal des Friedens lebte ich. Sanfte Hhenzge hteten es vor der
Welt, wie freundliche Wchter. Meine Wege kannten keine jhen Abhnge
mehr, an denen der Fu ngstlich strauchelt, nirgends drohte ein Fels,
kein Habicht lauerte auf meine singenden Vgel. Die Bche dmpften ihr
Geschwtz, der Wind streichelte leise Bltter und Blumen, der Sonne
Licht war wie ein mtterliches Lcheln.

Wie kam es nur, da die Tage vorberflossen ohne Angst -- ohne Streit,
da die Stunden nicht mehr erfllt waren von der lastenden Luft
heimlichen Zornes? Und da ich sagen durfte, was ich dachte?! Wie war es
mglich, da ich kein Kettenklirren hrte, wenn mein Fu neue Pfade
betrat, da ich nicht allein war und mich doch niemand scheltend
zurckri, wenn ich vom Berge weit -- weit in die Ferne sah? Einer war
neben mir und htete jeden meiner Schritte und ging mir zugleich voran,
ein Pfadfinder.

Der Pbel strmte herzu mit seiner Neugierde und seiner Niedrigkeit,
aber unsichtbare Krfte verschlossen ihm unser Tal des Friedens. Wir
allein gingen ungehindert ein und aus. Aber ob wir gleich in der Welt
wandelten und unsere Schwerter kreuzten mit Krmern und Philistern, so
war doch unsere Seele immer in ihm. Und seine Quellen heilten alle
unsere Wunden ...

Fieberhaft rasch klopfte damals das Herz der Zeit. Sie war, wie ein
geniales Kind, das ber dem Reichtum seines Innern unruhig von einem der
goldenen Schtze zum anderen springt.

Der Kaiser hatte den Reichstag aufgelst. Wieder einmal war der Monarch,
der unter dem nivellierenden Rock des Europers stets den
mystisch-schimmernden Herrschermantel des Gottesgnadentums trug, mit dem
Volk aufeinandergestoen. Da er es nicht begriff, nicht begreifen
konnte, war weniger seine Schuld als die des unlsbar-tragischen
Widerspruchs zwischen der uralten Tradition der Knige und der zum
Bewutsein ihrer selbst erwachten Menschheit. Vter pflegen selten zu
begreifen, da ihre Kinder Menschen werden. Fr ihn blieb das Volk --
mein Volk!, -- das Kind, das willenlose, und immer nur waren es
Hetzer und Unberufene, die sich als seine Wortfhrer aufspielten.
Darum galt ihm das Heer, -- ein durch die Macht der Disziplin in das
Stadium der Kindheit zurckgedrngtes Volk --, stets als die einzige
Sule, auf der unser Reich besteht, und ein Volksverrter war, wer
seine Entwicklung hemmte. Im festen Glauben an die ihm von Gott selbst
gegebene Macht, -- suprema lex regis voluntas, hatte er ein Jahr
vorher in das goldene Buch Mnchens geschrieben --, verkndete er seinen
Willen allen hrbar, und nahm die stummen Verbeugungen deren, die um ihn
standen, als Zeichen fr die allgemeine Ergebenheit.

Um die Militrvorlage tobte der Wahlkampf, der alte Parteien
auseinanderri und wie Scheidewasser die Geister voneinander trennte. In
atemloser Spannung sah ich zu. Auch Egidy, der tapfere Trumer, der
Edel-Anarchist, der keine Partei anerkannte und doch, getrieben von
der unbestechlichen Wahrhaftigkeit seines Wesens, die Wahlparole der
Sozialdemokratie nur in seine Sprache bersetzte, stand auf der
Wahlstatt.

Was sagen Sie dazu, da unser gemeinsamer Freund sich zum Reichstag
aufgestellt hat? schrieb mir Wilhelm von Polenz. berrascht er nicht
immer wieder durch seinen Mut und die Konsequenz seiner Entwicklung? Ich
komme dieser Tage nach Berlin und mchte Sie gern in eine seiner
Wahlversammlungen begleiten.

Wenigen Ereignissen stand ich erwartungsvoller gegenber als diesem
ersten Besuch einer Volksversammlung!

Es war ein halbdunkler Raum, niedrig und verruchert, in den wir
eintraten. Er fllte sich nur langsam. Zuerst kam der Kreis der engeren
Gemeinde Egidys, die seit seinem entschiedenen Eintritt in das
praktisch-politische Leben sehr zusammengeschmolzen war; dann erschienen
die vielen, die berall dabei sein mssen: sensationslsterne Weiber,
khl-neugierige Skribenten; ganz nach vorn drngten sich die russischen
Studenten und Studentinnen, die stets mit sicherem Instinkt die Luft
geistiger Revolutionen wittern, und schlielich strmte es herein von
Mnnern und Frauen, von denen ich nicht recht wute, wohin sie gehrten.
Arbeiter! sagte Polenz. Arbeiter?! Diese ernsten, ruhigen Menschen,
deren brgerliche Kleidung in nichts an den Kittel und das Schurzfell
erinnerte?! Sie waren die stillsten, als Egidy sprach. Nur zuweilen
warf einer eine ironische Bemerkung, einen derben Witz dazwischen, und
die feinen Damen vorn entrsteten sich und klatschten barbarischen
Beifall, den der Redner vergebens zu beschwichtigen suchte.

Kurage hat er! flsterte ein blasses Mdchen mit wund gestichelten
Fingern am Tisch neben mir. Wat ick mir dafor koofe! brummte ihr
Begleiter. Jetzt red' er uns zum Mund, weil er in 'n Reichstag will --
un nachher is er doch man blo ein Junker mehr!

Bahn frei! Den neuen Mnnern und den neuen Zeiten! -- tnte es von der
Rednertribne, aus dem Wege rumen, was eine kulturentsprechende, Gott
gewollte Entwicklung hemmt -- irgendwo pfiff einer durch die Finger --,
wir Deutschen wollen das Christentum verwirklichen -- Quatsch!
schrie jemand -- Sst -- sst! antwortete einmtig die Menge, -- ein
Reich des Friedens grnden, wo jeder -- Mnner und Frauen -- ein Recht
an das Leben hat, wo niemand hungernd daneben steht, wenn die andern
schwelgen. -- Die Studenten schrieen, und ihre Gefhrtinnen winkten mit
Hten und Taschentchern. -- Wir sind ein mndiges Volk und werden uns
aus eigener Kraft andere Zustnde schaffen. Die nchsten Wochen sollen
uns einen tchtigen Schritt vorwrts bringen. Das Alte strzt, und neues
Leben blht aus den Ruinen, -- damit an die Arbeit! Ein kurzer Beifall,
wie ein pltzlich ausbrechendes Gewitter, dann Stille, -- die Damen
rckten an den Sthlen, die kleine Gemeinde bildete erwartungsvoll an
der Tre Spalier. Da pltzlich stand das blasse Mdchen mit den
zerstochenen Fingern auf der Tribne; sie war sehr klein, ein echtes
Proletarierkind, dem die Not von je her die schwere Hand auf den Kopf
gedrckt hatte, so da es nicht wachsen konnte, und die Zge formte, so
da sie zeitlos blieben. Sie wechselte ein paar Worte mit Egidy, strich
sich ber den glatten, stumpfblonden Scheitel und begann mit einer
Stimme zu reden, deren Ton etwas rauhes, knarrendes an sich hatte.

Der Herr Referent sagte mir, da es in seinen Versammlungen nicht
blich ist, sich zur Diskussion zu melden. Er hat mir aber erlaubt, ihm
eine Frage zu stellen, die mir und manchen meiner Parteigenossen -- ein
paar Journalisten riefen hhnend Aha, reckten die Kpfe, und klemmten
sich den Zwicker auf die Nase, um die Rednerin genauer ins Auge fassen
zu knnen -- whrend seiner Ausfhrungen auf den Lippen schwebte. Was
er sagte, ist fr uns nichts Neues gewesen. Es gehrt seit Jahrzehnten
zum eisernen Bestand der Sozialdemokratie, die dafr von seiten der
herrschenden Klassen unterdrckt, verfolgt und miachtet wird, -- ein
paar Damen steckten tuschelnd die Kpfe zusammen --, die Gleichheit vor
dem Gesetz, die allgemeine Einheitsschule, die Abschaffung der stehenden
Heere, -- das alles sind Forderungen des Erfurter Programms. Und fr die
Befreiung des weiblichen Geschlechts aus politischer und sozialer
Versklavung kmpft eine Partei von anderthalb Millionen
deutschen Arbeitern, whrend die brgerlichen Damen in ihren
Wohlttigkeitskrnzchen so was nicht einmal unter vier Augen zu flstern
wagen. -- Aber -- aber! rief eine Frauenrechtlerin kopfschttelnd und
hob die schweren Lider wie eine gut geschulte Tragdin. Ich jedoch
zuckte zusammen, als mt' ich mich persnlich getroffen fhlen. -- Und
wenn der Herr Referent mit so viel dankenswertem Eifer fr den
gesetzlichen Arbeiterschutz eintritt, so htte er -- zur Aufklrung fr
all die Herrschaften, die in unsere Versammlungen doch nicht kommen --
wohl ein Wrtchen darber sagen knnen, da wir es waren und sind, deren
rastloser Arbeit, nach Frst Bismarcks eigenem Ausspruch, das bichen
Arbeiterschutz zu verdanken ist, das wir haben. Den Herren da oben ist
das schon zu viel, sie schreien nach Flinten und Kanonen gegen den
inneren Feind und winseln nach Liebesgaben fr ihre Taschen ... Sie
brach ab, ihre Stimme war kreischend geworden. Egidy stand ruhig mit
verschrnkten Armen und einer tiefen Falte auf der Stirn neben ihr.

Und Ihre Frage, mein Frulein? frug er.

Ach so -- meine Frage -- ein verlegenes Lcheln lie sie pltzlich
ganz jung erscheinen, dann reckte sie sich, stemmte die Arme fest auf
das Pult vor ihr, sah Egidy gerade ins Gesicht und sagte. Wenn Sie
dasselbe wollen, wie wir, -- warum sind Sie nicht Sozialdemokrat?

Ein spannender Moment: tausend Augenpaare bohrten sich in das blasse,
erregte Gesicht Egidys. Das hab' ich gefrchtet -- flsterte Polenz
neben mir.

Ich habe den Soldatenrock ausgezogen um meiner berzeugung willen, --
darnach gibt es fr mich kein Opfer mehr, das ich ihr nicht leichten
Herzens bringen knnte. Ich bin nicht Sozialdemokrat, weil Ihre Partei
das tiefste Bedrfnis der Menschenseele, das religise, niederhhnt und
niedertrampelt -- --

Das ist gelogen! schrie eine Stimme ihm entgegen; er wurde noch um
einen Schein blasser.

Ich lge nie, drhnte es in den Saal. Und ich bin nicht
Sozialdemokrat, weil Ihre Partei fr eine gute Sache mit schlechten
Waffen kmpft --

Ein allgemeiner Tumult verschlang, was er noch sagte. Bravo -- sehr
richtig klangs von der einen Seite -- Pfui -- drhnte es langgedehnt
aus dem Hintergrunde. Der Polizeileutnant griff nach dem Helm, Egidy
stand regungslos wie eine Mauer und starrte auf die sich erschrocken
hinausdrngende Menge, die kleine Nherin suchte sich vergebens Gehr zu
schaffen.

Ein Mann, auf eine Krcke gesttzt, wirre schwarze Haarstrhnen um
gelbe, eingefallene Zge, brach sich in diesem Augenblick Bahn bis zur
Tribne. Genosse Reinhard, -- Gott Lob, die kleine Nherin streckte
ihm von oben die Hand entgegen, ein paar andere sprangen helfend herzu,
und neben ihr stand er.

Genossen -- wie unter einen Zauberschlag schwieg alles, -- der
Polizeileutnant legte den Helm auf den Tisch, die sich ins Freie
Schiebenden wandten sich um, und blieben stehen, in Egidys steinerne
Ruhe kehrte das Leben zurck; -- es ist unser unwrdig, eine
Versammlung durch Lrm zu stren, in der wir nichts als Gste sind. Noch
weniger haben wir einen Grund, uns darber aufzuregen, da Herr von
Egidy die Frage der Genossin Bartels ehrlich beantwortet hat. Mir war
seine Antwort vielmehr hchst interessant. Alle jene brgerlichen
Ideologen, von den Ethikern an, die die Welt durch die Moral erobern
wollen, bis zu den Christlichsozialen um Naumann wrden uns eine
hnliche haben geben knnen. Und weil Sie so ehrlich sind, Herr von
Egidy, -- er wandte sich mit einer kleinen Kopfneigung zu dem neben ihm
stehenden, darum lassen Sie sich auch unsere ehrliche Antwort gefallen:
rechnen Sie nicht auf unsere Stimmen. Sie sind ein braver Mann -- Sie
mgen allerlei brave Leute hinter sich haben, -- aber unsere Sache
bedarf solcher Kerle, wie wir sind -- die den Dreschflegel und den
Hammer -- 'die schlechten Waffen!' -- zu fhren gelernt haben, denen die
Maschine die Glieder zerri, -- er hob die Krcke wie ein Trophe --
an deren Leibern die Tuberkelbazillen fressen -- er reckte den mageren
Arm in die Hhe. Neunzehnhundert Jahre haben wir gewartet, da Eure
christlichen Liebes- und Barmherzigkeitspredigten uns helfen mchten, --
jetzt ist unsere Geduld erschpft. Und wenn Euch unsere Waffen nicht
ritterlich genug sind, -- Ihr selbst seid daran schuld, da wir sie
brauchen mssen! --

Die Augen des Redners weiteten sich, sie sahen ekstatisch in die Ferne,
hinweg ber die Menschen unter ihm, die Krcke fiel krachend zu Boden,
und die Arme streckten sich aus. Still war's sekundenlang, man hrte nur
die eigenen Atemzge, -- dann brach es los: Hoch Genosse Reinhard --,
Hoch die Sozialdemokratie -- Nieder der Militarismus, -- und
pltzlich vereinigten sich die durcheinanderschreienden Stimmen zu einem
einzigen vollen Gesang: der Schritt heranrckender Massen, die
berwltigende Einheit eines beherrschenden Gefhls, die rcksichtslose
Kraft der Jugend lag darin.

Kommen Sie -- sagte Polenz leise. Wie aus einem Traume sah ich auf.
Der Saal war schon halb leer. Nur droben auf der Tribne stand Egidy
noch mit der kleinen Nherin.

Lassen Sie mich -- antwortete ich hastig und trat rasch auf die beiden
zu. Darf ich einmal zu Ihnen kommen? -- ganz zaghaft nur sprach ich
dem jungen Mdchen meine Bitte aus. Sie sah mich an, noch mit dem Glanz
strahlender Freude auf den Zgen: Sicherlich! -- Und ich notierte ihre
Adresse.

Nicht schnell genug konnte ich zu Hause sein und lie mir nicht die
Zeit, Hut und Mantel abzulegen, um Georg zu erzhlen, was ich erlebt
hatte. Er hrte mich lchelnd an. Was ist mein Liebling fr ein
feuriger Redner, sagte er, als ich endlich schwieg.

Ich wollte, ich wre es! Auf alle Tribnen der Welt wrde ich steigen
und die steinernen Herzen warm machen und die Schlafenden
aufrtteln ... Mit einem tiefen Seufzer warf ich mich in den Stuhl.

So versuch es doch einmal ...

Ich sprang auf: Meinst du?!

Schon am nchsten Morgen ging ich zu Martha Bartels. Weit drauen im
Osten wohnte sie. Durch zwei schmutzige Fabrikhfe mute ich hindurch
bis zu dem niedrigen Huschen mit der wackligen Holztreppe, die an einem
Stall vorbei hinauf in ihre Wohnung fhrte. Das Rattern der Nhmaschine
wies mir den Weg; eine laute gleichmig lesende Mnnerstimme begleitete
es. ... die Befreiung der Arbeiterklasse kann also nur ein Werk der
Arbeiterklasse selbst sein, hrte ich durch die Tre. Ein graubrtiger
Alter ffnete mir. La die Dame nur herein, Vater, rief Martha Bartels
aus dem Zimmer, das ist sicher die Frau Professor -- Mit
ausgestreckter Hand kam sie mir entgegen.

Ein freundlicher Raum wars, in den ich eintrat: auf den beiden Betten
lagen rotgewrfelt und glattgestrichen die Kissen, vor dem alten braunen
Sofa mit dem sorgfltig geflickten Bezug stand auf drei geschwungenen
Beinen ein runder Tisch, auf dem nicht ein Stubchen sich zeigte. Nur um
die Maschine am Fenster bauschte sich weie Leinwand, sonst herrschte
peinlichste Ordnung berall. Als einziger Schmuck prangten die Bilder
von Marx und Lassalle an den Wnden.

Mit Fragen begann ich das Gesprch; Vater und Tochter ergnzten einander
im Erzhlen: wie er einst, als kleiner Schuhmachermeister, lange und
hartnckig den Kampf gegen die bermchtige Fabrik gefhrt habe, wie sie
-- frh mutterlos -- schon als Schulkind mit verdienen mute und der
kleine Haushalt berdies auf sie allein angewiesen war.

Damals haderte ich mit dem Geschick, sagte der Alte, an den lieben
Gott zu glauben hatte ich lngst aufgehrt, und oft wut ich nicht,
sollt ich den Fabrikanten erschlagen, oder lieber mit dem Kinde zusammen
dem elenden Leben ein Ende machen.

In der Werkstatt, wo ich mit immer mden Augen und einem Stumpfsinn,
der mir bald alles gleichgltig machte, Knopflcher nhte, -- Tag aus,
Tag ein, vom grauen Morgen bis tief in die Nacht immer blo Knopflcher!
-- fuhr die Tochter fort lernte ich einen Bgler kennen, der nahm mich
zuerst in Versammlungen mit und steckte mir heimlich Zeitungen und
Flugbltter zu. Wie mir da die Augen aufgingen!

Der Alte streichelte mit der runzligen Hand die Wange der Tochter.
Sehen Sie, und damit hat mir die Kleine das Leben gerettet! Wir waren
auf einmal nicht mehr allein, und der Mhe wert wars auch fr uns arme
Leute, zu leben! Hier in diesem Zimmer sind wir whrend des
Sozialistengesetzes oft genug mit den Genossen zusammen gekommen, und
drauen in der Fabrik, wo ich arbeitete -- der Meisterhochmut war mir
glcklich vergangen! --, und in der Werkstatt, wohin die Martha ging,
haben wir ganz im stillen immer neue Freunde geworben.

Die Tochter lachte: Jetzt gehts dem Vater eigentlich viel zu friedlich
zu! Sie htten ihn sehen sollen, wie er mit seinem ehrlichen Gesicht den
Spitzeln eine Nase drehte und unsere Zeitungen berall einzuschmuggeln
verstand! -- Na, lange dauerts nicht mehr, und er wird sich seiner alten
Knste erinnern mssen!

Und dann erfuhr ich von ihrer jetzigen Ttigkeit: wie sie fr ihre
Gewerkschaft auf Agitationsreisen ging, wie sie in tglicher Kleinarbeit
fr die Partei die Kollegen und Kolleginnen zu gewinnen suchte, wie sie
im Arbeiterinnenverein die Proletarierfrauen durch Vorlesen aus Bchern
und Zeitschriften zu geistigen Interessen erzog.

Wo aber nehmen Sie blo die Zeit und die Kenntnisse her? frug ich mit
steigendem Erstaunen. Sie mssen doch wohl verdienen, wie ich sehe!

Gewi mu sie das und fr Zwei sogar! antwortete der Vater, mich will
sie durchaus nicht mehr in die Fabrik gehen lassen.

Er ist mir zu ntig! unterbrach sie ihn. Er liest mir vor, wenn ich
nhe, und wenn wir Feierabend machen, brauch' ich ihn wieder. Er hat
eine bessere Schulbildung als ich und erklrt mir, was ich in unseren
Bchern nicht verstehe. Sie sah nach der Uhr: Seien Sie nicht bse --
aber jetzt mu ich fort, -- wir tragen heut in unserem Bezirk
Wahlflugbltter aus --

Wir gingen zusammen. Unterwegs erzhlte sie mir von ihrem Frauenverein,
von den polizeilichen Verfolgungen, denen er ausgesetzt wre. Sie
sollten mal hinkommen, Frau Professor!

Mit Freuden, wenn ich darf! Aber -- bitte -- nennen Sie mich nicht
'Frau Professor', Frauentitel sind mir zuwider, wenn sie nicht selbst
erworben sind.

Sie blinzelte mich von der Seite an: Ja -- wie soll ich Sie sonst
anreden -- ich verschnappe mich am Ende noch mal und sage: Genossin!

Sie hatte ihr Ziel erreicht. Vor einer kleinen Kneipe strmten die
Menschen zusammen, Frauen und Mnner, junge und alte Leute. Sie grten
einander, wie lauter Freunde. Still trat ich beiseite. Wie sie alle
frhlich waren und siegesbewut! Ein paar mitrauische Blicke streiften
mich, mit spttischem Augenzwinkern gingen Arm in Arm ein paar Mdchen
an mir vorber. Und mit jhem Schmerzgefhl empfand ich: da ich hier
eine Fremde war.

Acht Tage spter begleitete ich Georg zum Wahllokal. Whrend er im
Rollstuhl vor der Tr stand, streckten sich ihm von allen Seiten die
Hnde mit den Wahlzetteln entgegen. Wir whlen den Sozi, sagte er laut
und lustig, meine Frau und ich!

Aber der Rollstuhl ging nicht ber die Stufen. Der Diener, der ihn
schob, mute den Gelhmten hineintragen. Ein Auflauf Neugieriger
entstand. Ich deckte rasch die schwarze Pelzdecke ber den armen,
schmalen Krper -- Frauen raus! sauste mich eine rauhe Stimme an, kaum
da ich den Fu auf die Schwelle setzte. Ich ballte unwillkrlich die
Fuste und schritt mit zurckgeworfenem Kopf an dem Schreier vorbei in
den Saal, wo ich vor dem Tisch des Bureaus stehen blieb, bis Georg
seinen Zettel in die Urne geworfen hatte.

Da wir uns innerlich mit wachsender Sicherheit zum Sozialismus
bekannten, spiegelte sich in jeder Nummer unserer Zeitschrift wieder.
Wir hatten des alten Bartels Selbstbiographie verffentlicht und,
dadurch angeregt, durch die sozialdemokratische Presse Aufforderungen
zur Einsendung solcher Lebensbilder verbreiten lassen. Von allen Seiten
kamen sie uns zu, und wir erwarteten Wunder von den Folgen der in ihrer
Einfachheit doppelt erschtternden Bekenntnisse. Aber statt dessen
liefen aus den Mitgliederkreisen der Ethischen Gesellschaft Klagen um
Klagen ein ber den aufreizenden, unethischen Ton, den wir anschlgen,
und Professor Seefried, Georgs alter Gegner, erschien in Berlin, um
durch einen ffentlichen Vortrag die politische Neutralitt der
Gesellschaft aufs neue scharf zu betonen und sich in ihrem Namen gegen
die einer hheren ethischen Welt- und Lebensauffassung widerstreitenden
Ideen des Kollektivismus zu erklren. Eine heftige Debatte in unserer
Zeitschrift schlo sich daran; und in den Sitzungen und Versammlungen
der Gesellschaft traten die tiefen geistigen Gegenstze zwischen
Sozialisten und Antisozialisten trotz aller Aufrechterhaltung ethischer
Formen immer deutlicher hervor. Ich beteiligte mich bald genug nur aus
Rcksicht auf Georgs Wnsche an den Vereinsversammlungen.

Wir mssen uns vor dem zweisamen Egoismus hten, Kindchen, mahnte er
oft; das hiee den Frieden und die geistige Eintracht unseres
persnlichen Lebens hher stellen, als unsere Sache.

Und so mut ich denn so manchen Abend opfern und kam doch fast immer mit
einem Gefhl peinlicher Leere nach Hause. Gearbeitet wurde, --
zweifellos. Da war eine kluge, warmherzige Frau, die eine
Auskunftsstelle fr Bedrftige und Verlassene gegrndet hatte und der
Sorge fr die vielen Fragenden all ihre Zeit opferte; da war eine
andere, die voll tiefen Erbarmens Tag aus, Tag ein denen nachging, die
eigene Leidenschaft und mnnliche Lsternheit in des Lebens tiefste
Abgrnde ri; eine Gruppe gab es, die zu einer knftigen Volksbibliothek
die Bcher Stck fr Stck mhselig zusammentrug. Und Reden wurden
gehalten, zu Tagesfragen Stellung genommen, und manch ein Schwankender
sicherlich auf neue Wege gefhrt.

Aber was galt das alles mir? Entsprach dieser Verein mit seinen paar
hundert Mitgliedern jener groen Bewegung, wie ich sie erwartet hatte?
Vergebens erinnerte mich Georg daran, da wir im ersten Anfang unserer
Entwickelung stnden. Mir kam es vor, als ob die mit vielem Eifer
ergriffene praktische Arbeit innerhalb der Gesellschaft den groen
starken Strom der Idee in hundert klgliche Wasserleitungen teile, deren
jede grade nur ausreichte, ein paar dnne Sppchen zu kochen.

Oder fehlte es unserer Sache nur an den richtigen Menschen? Unsere
Zeitschrift und unser Haus wurden allmhlich der Mittelpunkt, um den
sich scharte, was unseres Geistes war. Eine gefhrliche
Nebenregierung! hatte Dr. Jacob mir einmal mit sauersem Lcheln
gesagt, -- derselbe Dr. Jacob, der, wie mir dienstfertige Freunde
berichteten, jedem anvertraute, da Frulein von Kleve den Professor von
Glyzcinski nur geheiratet htte, um eine Rolle zu spielen.

Selten nur waren wir nachmittags an unserem Teetisch allein. Georgs
Beziehungen zu den Gelehrten des Auslands zogen uns Gste aus aller
Herren Lndern zu; Amerikaner und Englnder fehlten nie; aber auch
Russen, Rumnen und Japaner fanden sich ein: Studenten und Studentinnen,
die heihungrig in wenigen Monden Deutschlands ganze Kultur in sich
aufzunehmen verlangten, Professoren, die dem alten Witzblattypus in
nichts mehr glichen, fr die das Leben Wissenschaft und die Wissenschaft
Leben war.

Ein geistvoller Kopf, mit den Spuren mancher Sbelmensur auf den Zgen,
tauchte hufig zwischen ihnen auf: der des Sozialdemokraten Schnlank.
Niemand verstand wie er, die Ideen der Partei darzustellen und zu
verteidigen, und stets umgab ihn eine aufmerksame Zuhrerschaft. Auch
Egidy kam, und Martha Bartels und ihr Vater. Eines Tages brachte sie
sogar den lahmen Reinhard mit, den Professor Tondern, unser
sozialpolitisch am meisten links stehendes Vorstandsmitglied, sofort mit
Beschlag belegte, um mit der Gewerkschaftsbewegung Fhlung zu gewinnen.
Auch der Leiter der Neuen Freien Volksbhne war ein hufiger Gast, und
manch ein junger Theologe, voll ehrlicher Begeisterung fr die neuen
Aufgaben, die der christlich-soziale Kongre den Vertretern der Kirche
stellte, fand den Weg zu uns. Bertha von Suttner erschien, sobald sie in
Berlin war, beseelt von jenem strahlenden Glauben an die Sache, der das
Kennzeichen geborener Reformatoren ist, und ber den nur engherzige
Alltagsleute lcheln. Denselben heiteren Optimismus, der die ganze
Atmosphre in starke Schwingungen zu versetzen scheint, brachte Frances
Willard in unseren Kreis, die tapfere Amerikanerin, die auf dem Feldzug
gegen Laster und Not entdeckt hatte, da ihrem Geschlecht zu seiner
Durchfhrung die Waffen fehlten, und die nun mit einer Energie ohne
Gleichen den Gedanken des Frauenstimmrechts von einem Ende der Welt zum
anderen trug.

So verschiedenartig die Menschen waren, die ber den dunkeln Hof und die
finstere Treppe den Weg in unsere hellen Zimmer fanden, -- zweierlei war
ihnen allen gemeinsam: die berzeugung, da unsere Welt sich das
Lebensrecht verscherzt habe, und die Kraft, die Welt der Zukunft mit der
Hingabe des ganzen Lebens aufzubauen.

Ist das nicht recht eigentlich unsere Ethische Gesellschaft? sagte
Georg eines Tages, als unsere Gste all ihre Reformplne und
Umsturzideen miteinander ausgetauscht hatten und im Rausch der eigenen
Begeisterung bis zum spten Abend bei uns geblieben waren. Von allen
Seiten bohren sie schon den Felsen an, der unser Nordland vom
Zukunftssden trennt! Er strahlte wieder wie ein Kind.

Ich mchte auch bohren, Georg! meinte ich -- eine tiefe
Unzufriedenheit mit mir selbst hatte mich innerhalb dieses Kreises
selbstndig schaffender Menschen ergriffen --, nicht immer blo
nachschleichen, wo die anderen schon den ersten Schritt getan haben.
Schon lngst beschftigte mich der Gedanke, da die Frauen vor allem
berufen seien, Trgerinnen der sozialen Bewegung zu werden, die
notwendig zum Sozialismus fhren msse.

Unsere politische Rechtlosigkeit, unsere wirtschaftliche Abhngigkeit,
unsere soziale Unterdrckung stellt uns auch ohne unser Wissen und
Wollen auf die Seite aller Entrechteten. Unsere mtterlichen
Empfindungen machen uns berdies hellsichtiger fr Not und Elend. Htten
wir die Frauen, -- wir htten die Welt! Ich lief aufgeregt im Zimmer
umher -- das ist eine Aufgabe, die sich der Mhe lohnt -- --

Und die meine Alix erfllen kann, unterbrach mich Georg, mir beide
Hnde entgegenstreckend.

Gleich am nchsten Tage lie ich mich in die Vortragsliste der Ethischen
Gesellschaft einzeichnen. Da es immer an Rednern fehlte, wurde meine
Anmeldung mit Freuden begrt. Und nun ging ich an die Vorbereitung.
Durch amerikanische und englische Frauenzeitschriften war ich ber den
Stand der Bewegung im Ausland vollkommen orientiert; der Vorwrts, die
Arbeiterinnenzeitung, die Versammlungen des Arbeiterinnenvereins, die
ich mit Martha Bartels besuchte, hatten mir ein Bild von der Lage der
Proletarierinnen, ihren Wnschen und ihren Bestrebungen gegeben; nur von
der deutschen Frauenbewegung wute ich noch nicht viel.

Seit einem halben Jahrhundert kmpfte sie um die Erffnung brgerlicher
Berufe, um hhere Bildung. Sie kmpfte?! Ach nein; sie hatte in Vereinen
und Vereinchen Resolutionen und Petitionen verfat, -- aber die Welt
auerhalb ihrer Kreise wute nichts von ihr. Ich las die Broschren von
Helma Kurz; ich besuchte Frau Vanselow, die ich bei Egidy kennen gelernt
hatte, und deren Ruf, von allen Frauenrechtlerinnen die radikalste zu
sein, sie mir sympathisch machte. Aber die Tendenzen ihres Vereins und
seines kleinen Organs waren keine anderen als die der Kurz.

Ich begreife nicht, wie Sie bei solchen Forderungen stehen bleiben
knnen! rief ich, als Frau Vanselow mir ihre Prinzipien
auseinandersetzte. Und wenn wir schon Pastoren, Professoren und
Advokaten werden knnen, was haben wir dann besonderes, als einige
Berufsphilister und Bildungsproleten mehr! Damit ist die Frauenfrage
ebenso wenig gelst, wie sie etwa bei den Arbeiterinnen gelst ist, die
lngst das Recht haben, zu schuften wie die Mnner.

Ich bin ganz Ihrer Meinung -- ganz und gar -- nickte Frau Vanselow
eifrig und hob die schweren Lider von den berhmt schnen Augen -- aber
wir mssen vorsichtig -- sehr vorsichtig sein, um zunchst nur einzelne
Konzessionen zu erringen. Sie sind jung, -- kmpfen Sie erst so lange
Jahre wie ich, meine liebe Freundin, und Sie werden einsehen, da wir
Frauen nur Schritt fr Schritt vorgehen drfen. Ich besonders habe
schwer zu ringen -- niemand versteht mich -- meine Vereinsdamen sind die
ngstlichkeit selbst --, sie griff nach meiner Hand und behielt sie in
der ihren -- wie froh wre ich, in Ihnen eine frische Hilfskraft
gewinnen zu knnen! Ich errtete erfreut; hier bot sich mir eine neue
Gelegenheit, um zu wirken. Ich danke Ihnen fr Ihr Vertrauen,
antwortete ich, aber ehe ich mich Ihnen verpflichte, sollten Sie erst
abwarten, was ich leisten kann.

Mit steigendem Eifer arbeitete ich an meinem Vortrag. Ich lernte ihn
Satz fr Satz auswendig. Am Abend vor der Versammlung war Generalprobe
vor Georg als meinem einzigen Zuhrer. Wenn ich mich schon vor dir so
frchte, wie soll das blo morgen werden! sagte ich, und das Papier
zitterte in meinen Hnden. Da klingelte es, -- ich hrte eine Stimme,
die mir in diesem Augenblick gespannter Erregung die Trnen in die Augen
trieb: mein Vater! Ich hatte seine Rckkehr noch nicht erwartet und nun
stand er vor mir -- sehr gealtert, ganz bla, die Hnde schwer auf den
Stock sttzend --, wie an den Boden gewurzelt.

Papa!

Mein liebes Herzenskind! Ich lag in seinen Armen. Und dann nahm er
meinen Kopf zwischen seine Hnde und sah mich an. Wie rosig du
aussiehst -- und wie -- wie glcklich! Mit einer raschen Bewegung
nherte er sich Georg und reichte ihm die Hand. Verzeiht mir, Kinder,
verzeiht! -- Und du, hab Dank, tausend Dank, da ich meine Alix so
wiederfinde! Er konnte sich nicht trennen; jedes Bild an der Wand,
jeder Zimmerwinkel mute einmal und noch einmal besichtigt werden. Wie
hbsch und friedlich es bei Euch ist! Er legte mit einem Seufzer die
Hand ber die Augen. Da werdet Ihr mich so leicht nicht mehr los
werden!

Von allem erzhlte er, was ihn in den Monaten seit unserer Trennung
beschftigt hatte, und verga in der Lebhaftigkeit rasch, wen er vor
sich sah: Diese Rasselbande, die die Militrvorlage ablehnte, -- und
dann diese infamen Wahlen -- --.

Wir schwiegen, aber ein harter Zug trat auf Georgs Gesicht. Er rusperte
sich vernehmbar. Der Vater stockte. Ach soo -- sagte er gedehnt, bi
sich heftig auf die Lippen und stand auf. Ich begleitete ihn hinaus. An
der Tre hielt er meine Hand noch einmal fest: Auf allen Litfasulen
steht dein Name -- mich hat das nicht wenig entsetzt -- du wirst kaum
auf mich rechnen in der Versammlung -- Mama wird mir berichten. -- Gute
Nacht, mein Kind.

       *       *       *       *       *

Am Abend darauf trat ich in den hellen, dicht gefllten Saal des
Langenbeck-Hauses. Einen Augenblick lang schien die Erde zu schwanken,
die Lichter tanzten einen wahnsinnigen Ringelreihen, und mir war, als
mten die vielen Menschen auf den amphitheatralisch hoch aufsteigenden
Bnken wie eine Lawine auf mich niederstrzen. Da fiel mein Blick auf
Georg: seine strahlenden Augen ruhten fest auf mir, und ein Gefhl
sicherer Ruhe berkam mich. Ich sprach zuerst nur fr ihn. Allmhlich
aber strmte etwas mir entgegen wie ein lebendig gewordenes Verstehen,
-- ich fhlte die Menschen, die unter meinen Worten _ein_ Mensch
geworden waren, -- mit _einem_ klopfenden Herzen, _einem_ horchenden
Verstand.

Jedes Stck unserer Kleidung, von der Leinwand an bis zu dem
Seidenkleid, von den Ngeln unserer Stiefel bis zu dem feinen Leder
unserer Handschuhe knnte von hohlugigen, mden Frauen, von blassen um
ihre Jugend betrogenen Mdchen qualvolle Leidensgeschichten erzhlen.
Der hohe Spiegel, der das Bild der schnen, glcklichen Frau
wiederstrahlt, hat vielleicht ein keimendes Leben vernichtet ... Und der
Damast, der unsere Tafeln deckt, -- Leopold Jakoby singt von ihm:
'Daraus hervor grauenhaft -- das Gespenst des Hungers grinst mich an --
ber den Tisch ...

Ein Aufseufzen ging durch den Saal wie eine schwere Woge, die mich trug
-- mich empor hob -- hoch -- immer hher, so da meine Stimme ber alle
hinweg in die Ferne drang.

... die Prostitution ist das einzige Privilegium der Frau ... Ein
Mdchen darf, solange es minorenn ist, ohne die Einwilligung ihres
Vaters nicht heiraten, aber es darf sich preisgeben, ohne da sein Vater
es daran hindern kann. Die Frau darf -- bei uns in Deutschland! -- nicht
Medizin studieren, weil man fr ihre Weiblichkeit so zrtlich besorgt
ist und ihre Sittlichkeit hten will, aber sie darf sich einen
Gewerbeschein verschaffen, der sie berechtigt, sich und andere physisch
und moralisch zugrunde zu richten. Sie darf -- bei uns in Deutschland!
-- an keiner ffentlichen Wahl sich beteiligen, aber sie darf von ihrem
durch den Verkauf ihres Krpers schmhlich erworbenen Geld dem Staate
Abgaben zahlen ...

Jetzt war es der Sturm, der von drben mir entgegenschlug, -- der Sturm
der Emprung, und mein war die Macht, ihn zu lenken, wo es Ruinen
einzureien, drre Bume zu strzen galt!

... Was tun? fragen wir mit dem groen russischen Dichter, dessen Werk
nur ein Ausdruck des Gefhls von Hunderttausenden ist. Wir werden nicht
mehr petitionieren, sondern fordern, uns nicht mehr hinter den
verschlossenen Tren unserer Vereine ber unsere frommen Wnsche
unterhalten, sondern auf den offenen Markt hinaustreten und fr ihre
Erfllung kmpfen, gleichgltig, ob man mit Steinen nach uns wirft ...

Brausender Beifall unterbrach mich, -- ich sah nur Georg, der weit
vorgebeugt in seinem Rollstuhl sa und die Augen nicht von mir lie.

... Aber was wir auch fordern mgen zugunsten unseres Geschlechts, das
die wirtschaftliche Entwicklung aus dem Frieden des Hauses hinaus in den
Kampf ums Dasein trieb, -- man wird uns mit Phrasen und klglichen
Pflastern fr unsere Wunden abspeisen, solange die politische Macht uns
fehlt ...

Erneuter, drhnender Beifall, -- aber von irgendwo her mischte sich ein
giftiger, zischender Laut hinein.

... Von der geistigen Inferioritt der Frau hre ich groe und kleine
Leute sprechen, die, darauf gesttzt, unsere Forderung der politischen
Gleichberechtigung glauben ablehnen zu drfen. Aber erst wenn die Frauen
ebenso viele Jahrhunderte lang wie die Mnner die Hilfe der
Wissenschaften, die Schulung des Lebens und den Sporn des Ruhmes
genossen haben werden, wird es an der Zeit sein, zu fragen, wie es mit
ihrem Verstande steht. Das weibliche Geschlecht -- so wirft man weiter
ein -- habe noch kein Genie hervorgebracht. Hat man bei den Negern
Amerikas auf das Genie gewartet, ehe man ihnen politische Rechte gab?
Hat man ihre Gewhrung beim Mann von einer Prfung seiner Geisteskrfte
abhngig gemacht?... Sie knnen der Wehrpflicht nicht gengen, darum
kommt den Frauen das Stimmrecht nicht zu, lautet das letzte Argument der
in die Enge getriebenen Gegner. Ich aber frage: der Mann, der sein Leben
vor dem Feinde in die Schanze schlgt, und die Frau, die mit Gefahr
ihres Lebens dem Staate die Brger gebiert -- haben sie nicht die
gleiche Berechtigung ber das Wohl und Wehe des Vaterlands zu
entscheiden? Jede dreiigste Frau stirbt an diesem ihrem natrlichen
Beruf, und sie wird trotz aller Fortschritte der Wissenschaft auch dann
noch in Lebensgefahr schweben, wenn der Vlkermord lngst der Erinnerung
angehren wird ...

Ich hatte geendet -- mir war, als versnke ich in einem vom Orkan
gepeitschten Ozean. Es dunkelte mir vor den Augen -- ich fhlte
Hndedrcke -- sah in hundert unbekannte Gesichter, -- -- vor all diesen
fremden Menschen hatte ich eben gesprochen?! Wie war das nur mglich
gewesen?! -- Meine Mutter stand auf einmal vor mir, mit heiem, erregten
Gesicht -- meine Schwester umarmte mich strmisch. -- An der Tr drngte
sich Martha Bartels durch die Menge, -- ich fhlte nur, wie sich ihre
heien Finger schmerzhaft fest um die meinen preten. Endlich -- endlich
sah ich Georg! Was galten mir die anderen alle, -- von ihm allein
erwartete ich die Wahrheit: seine Augen waren feucht, -- er beugte den
Kopf ber meine Hand und kte sie.

Die Menschen hatten sich verlaufen. Fast unbemerkt traten wir in die
stille, dunkle Ziegelstrae, und leise rollten die Rder des Fahrstuhls
ber das Pflaster. An einer Straenecke legte sich mir eine Hand auf
die Schulter. Erschrocken wandte ich den Kopf: Mein Vater stand vor
uns. Ich habs zu Hause nicht ausgehalten, -- und nun lie ich all deine
Zuhrer Revue passieren. Wie stolz bin ich auf deinen Erfolg! Und er
ging den ganzen langen Weg durch die Karlstrae und den nachtdunkeln
Tiergarten mit uns.

Diese Nacht schlief ich nicht: die alten wachen Kindertrume umgaukelten
mich. Strahlte nicht auf meiner Fahne, wie auf der Johannas von Orleans,
das Bild der Mutter des Menschen? Heute hatte ich sie entfaltet, -- im
Sturme wrde ich sie zum Siege fhren!

Als mir Professor Tondern am nchsten Tage spttisch von der
Premieren-Publikums-Begeisterung sprach, an deren Feuer sich kaum ein
Nachtlicht anznden lt, empfand ich seine Bemerkung nur als Ausflu
seiner pessimistischen Weltanschauung. Georg bestrkte mich darin.

Ihr Unglauben an die Menschennatur lhmt Ihre Tatkraft, sagte er ihm.

Und Ihr weltfremder Idealismus wird zwar nicht Sie, wohl aber Ihre Frau
in einem Meer von Enttuschung untergehen lassen, antwortete er
rgerlich und fuhr sich nervs mit allen zehn Fingern durch die langen,
roten Haare.

Warum halten Sie mich allein fr gefeit? frug Georg lchelnd.

Weil Sie vom Frieden Ihres Zimmers aus die Welt betrachten -- und Ihre
Frau mit beiden Fen zugleich mitten in den Strudel springt --,
Professor Tondern ging aufgeregt im Zimmer auf und ab. Weil Ihnen
gegenber alle bsen Triebe der lieben Nchsten sich in den dunkelsten
Winkel verkriechen -- Verleumdungssucht, Ehrgeiz, Neid -- und sie Ihrer
Frau um so zhnefletschender an die Gurgel springen ...

Ich sah ihm fest in die Augen: Sie wrden so nicht sprechen, wenn Sie
nicht gewichtige Grnde htten. -- Trotzdem: ich will -- ich darf nicht
Ihrer Ansicht sein! Auf meinem Glauben an die Menschen beruht meine
Kraft.

Er nagte nervs an der Unterlippe. Glauben Sie an die Sache, -- das
wre besser fr Sie und uns!

Frau Vanselows Besuch unterbrach unser Gesprch. Sie hatte nicht Worte
genug, um die Gre meines Erfolgs zu schildern. Und nun drfen Sie
sich uns nicht mehr entziehen, sie richtete ihre feucht gewordenen
Augen mit einem Ausdruck zrtlichen Flehens auf mich, sie mssen ihren
Vortrag in unserem Verein wiederholen!

Nein, verehrte Frau! Meine Energie lie mich fast erschrecken.
Ich wiederhole weder diesen Vortrag, noch spreche ich vor
Vereinsmitgliedern. Veranstalten Sie eine Volksversammlung! Wir mssen
die gewinnen, die noch nicht die unseren sind, -- wir mssen vor der
breitesten ffentlichkeit die Forderung des Frauenstimmrechts erheben!

Sie starrte mich entgeistert an: Eine Volksversammlung?! Aber das ist
ja -- das ist ja -- sozialdemokratisch! Es bedurfte jedoch nur eines
kurzen Zuredens, an dem Georg sich lebhaft beteiligte, um sie zu
gewinnen.

Sie haben ganz und gar meine Ansicht ausgesprochen, mein teuerster Herr
Professor, und der Verein Frauenrecht wird es sich nicht entgehen
lassen, auch in diesem Fall an der Spitze zu schreiten! -- Aber nicht
wahr -- meine liebe junge Freundin --, Sie werden ihre Wnsche vor
unserem Vorstand selbst vertreten?

Ich versprach ihr, was sie wollte, und wandte mich, als sie fort war,
mit einem triumphierenden Nun?! an Tondern. Er fuhr, wie erschrocken,
aus seiner Schweigsamkeit auf: Erlassen Sie mir die Antwort! Sonst
entdecken Sie am Ende noch Ihre Seelenverwandtschaft mit S. M., und
verlangen von dem Nrgler, da er den Staub von seinen Pantoffeln
schttele! Und mit berstrzter Hast empfahl er sich.

Frau Vanselow fhrte mich im Vorstand des Vereins Frauenrecht ein: Sie
werden sich mit mir freuen, meine Damen, da es mir gelungen ist, diese
junge vielversprechende Kraft gerade unserem Verein gewonnen zu haben.
Die Damen begrten mich mit neugierig-khler Reserviertheit. Ich war
doch wieder in recht beklommener Stimmung. All diese Frauen, die seit
Jahrzehnten in der Bewegung standen, die an Wissen, an Erfahrungen, an
Verdiensten reich waren, sollte ich -- ein Neuling auf allen Gebieten --
meinem Willen gefgig machen!

Aber je fter ich mit ihnen zusammenkam -- und es bedurfte zahlreicher
Sitzungen, um nur um kleine Schritte vorwrts zu kommen --, desto mehr
erstaunte ich. Es war, als ob der Verein um ihr Denken und Streben eine
Mauer gezogen htte. Von dem, was jenseits lag, wuten sie nichts, und
nur widerstrebend lieen sie sich von mir an einen Ausguck ziehen, von
wo aus sie den Feminismus im Ausland, seine groen Kmpfe und Siege und
den Stand der Stimmrechtsbewegung berschauen konnten.

Das ist alles ganz schn und gut, aber nichts fr uns deutsche Frauen,
meinte kopfschttelnd ein rundliches, bebrilltes Persnchen, dessen
Doktortitel sie mir uerst interessant erscheinen lie; wir wrden das
Wichtigste gefhrden: die endliche Zulassung der deutschen Frauen zum
Medizinstudium, wenn wir so bedenkliche Fragen wie die politischer
Rechte berhren wollten!

Und unser Verein, der sowieso schwer genug kmpfen mu, wrde
zweifellos seine einflureichen und opferwilligsten Mitglieder
verlieren, jammerte ein drre alte Jungfer.

An das Gefhrlichste denken Sie natrlich zuletzt, meine Damen, fgte
eine Dritte hinzu und setzte eine geheimnisvoll-wissende Miene auf.
Angesichts der jetzigen Strmung innerhalb der Regierungskreise wrde
es unseren Verein politisch anrchig machen und der Gefahr der Auflsung
aussetzen, wenn wir ffentlich eine sozialdemokratische Forderung
aufstellen wrden.

So lassen Sie doch den Verein zugrunde gehen; sein Mrtyrertum wird nur
der groen Sache ntzen! rief ich ungeduldig. Mitleidiges Lcheln,
mibilligendes Kopfschtteln waren die Antwort. Es blieb bei der
Ablehnung, das letzte Argument war ausschlaggebend gewesen.

So werde ich versuchen, Helma Kurz und ihren Verein zu gewinnen. Ohne
jeden Nebengedanken hatte ich ausgesprochen, was mir eben durch den Kopf
gegangen war.

Frau Vanselow, die mir bisher nur vielsagend-melancholische Blicke
zugeworfen hatte, war aufgesprungen. Helma Kurz?! -- Niemals! rief
sie. Das, meine Damen, werden Sie nicht zugeben! Eine erregte, von
allen zugleich gefhrte Debatte entspann sich. Ihr Resultat war, da der
Verein als solcher sich statutengem fr die Stimmrechtsfrage nicht
engagieren knne, da er jedoch unter der Hand das Arrangement und die
Kosten einer ffentlichen Versammlung und seine Vorsitzende ihre Leitung
bernehmen wolle.

Ich mute mich nur noch verpflichten, meinen Vortrag vorher in extenso
der Zensur des Vorstandes zu unterwerfen.

Nicht wie eine Siegerin kam ich nach Hause. Vergebens suchte Georg mich
zu trsten: Das Wichtigste ist doch, da du die Sache durchgesetzt
hast!

Meinst du? -- Wenn aber der Sache die Trger, die Menschen, fehlen?!

Bist du nicht da? -- Und bin ich nicht bei dir? Er streichelte mir
leise den herabhngenden Arm, eine Bewegung, bei der mich immer ein
Gefhl tiefer Ruhe berkam.

Dankbar kte ich seine Stirn, -- unter meinen Lippen stieg es auf wie
eine Flamme.

Sag, Georg -- lieber Georg -- sag es mir ganz ehrlich -- flsterte ich
und trat beschmt von ihm zurck, hast dus nicht gern, wenn ich dich
ksse?

Mit einem langen, tiefen Blick aus dunkel erweiterten Pupillen sah er zu
mir auf. Und ich sank vor ihm in die Kniee, prete das erglhende
Gesicht in die schwarze Pelzdecke und fhlte, wie seine zitternden
Finger mir zrtlich die Locken von den Schlfen strichen ...

Meinen neuen Vortrag schrieb ich wie im Fluge, kaum da die Feder den
einstrmenden Gedanken zu folgen vermochte. Und die Stimme zitterte mir
vor Erregung, als ich ihn das erste Mal vorlas. Meine gestrengen
Zuhrerinnen aber blieben merkwrdig khl. Nur Frau Vanselow nahm meine
beiden Hnde mit einem verstndnisinnigen Druck zwischen die ihren.

Ich habe mir die Punkte notiert, die Sie ndern, respektive fortlassen
mssen, sagte das rundliche Frulein Doktor und rckte die Brille
fester auf ihr viel zu kurz geratenes Nschen. Zunchst drfen Sie
nicht sagen, da die Existenz von Wohlttigkeitsvereinen ein
Armutszeugnis fr den Staat sei und die Gebenden sich ihrer
Wohlttigkeitsakte ebenso schmen mten, wie die Empfangenden. Sie
schlagen damit die Besten vor den Kopf --.

Ich verteidigte meine Anschauung, aber die Abstimmung entschied gegen
mich.

Auch Ihre Elendsschilderungen sind viel zu bertrieben und wirken in
hchstem Mae aufreizend, meinte die Hagere.

So sollen sie wirken! entgegnete ich, und berdies stammen all meine
Angaben aus amtlichen Quellen. Nach einer kurzen, scharfen
Auseinandersetzung gab meine Kritikerin seufzend nach.

Unbedingt notwendig aber ist es, da Sie den Satz ber die
Sozialdemokratie streichen, erklrte eine andere Vorstandsdame, deren
verwandtschaftliche Beziehung zu einem freisinnigen Abgeordneten ihr
eine Art Respektstellung geschaffen hatte.

Das ist im Rahmen meines Vortrags einfach unmglich; widersprach ich.
Die Sozialdemokratie ist die einzige Partei, die fr die
Gleichberechtigung des weiblichen Geschlechts eintritt.

Schlimm genug! Wir werden darum immer verdchtig erscheinen, wenn wir
ihre Wnsche zu den unseren machen, -- das habe ich ja schon oft betont,
ohne Gehr zu finden.

Ich hielt hartnckig an dem beanstandeten Satze fest und war nahe daran,
den ganzen Vortrag zurckzuziehen. Aber mute ich nicht Konzessionen
machen, um nur berhaupt etwas durchzusetzen?! Ich wurde wieder
berstimmt, -- Frau Vanselow allein enthielt sich mit einem bedauernden
Achselzucken der Abstimmung.

In dem groen Saal des Konzerthauses in der Leipzigerstrae fand an
einem Sonntag Vormittag die Versammlung statt. Bis in die Gallerien
hinauf drngten sich die Menschen. An langen Tischen unter der
Rednertribne saen mit blasierten Gesichtern und gespitzten Bleistiften
die Journalisten. Mit triumphierendem Lcheln, den Kopf von einem
Spitzenschleier malerisch bedeckt, die ebenmige Gestalt eng von
schwarzer Seide umschlossen, stand Frau Vanselow neben mir. Helma Kurz,
-- sehen Sie nur! Ganz grn ist sie vor rger -- hatte sie mir noch
hastig zugezischelt. Ein Polizeileutnant sa an meiner anderen Seite,
ein weies Papier breit vor sich auf dem Tisch, an dessen Kopf zunchst
nichts weiter als mein Name stand.

Und dann sprach ich, und wieder trug mich die Woge, und ich empfand die
dunkle Menge vor mir wie Ton, der sich nach meinem Willen formte.
Achtlos zerknitterte ich mein Manuskript zwischen den Hnden. Ich
bedurfte seiner nicht. Vor dem Rednerpult fielen mir krftigere Worte
und strkere Beweisfhrungen ein als am Schreibtisch. Gestern erst hatte
Martha Bartels mir von der polizeilichen Auflsung eines
Arbeiterinnenvereins berichtet. Gab es ein besseres Beispiel als dies,
um die Rechtlosigkeit der Frauen zu beleuchten? Die Rcksicht auf die
Weiblichkeit gebietet solch ein Vorgehen, sagen die Mnner, rief ich
aus, aber die Rcksicht auf dieselbe Weiblichkeit hat noch keinen Mann
verhindert, Frauen in die Steinbrche und Bergwerke zu schicken, und
werdende Mtter in die Giftluft der Fabrik! Frenetischer Beifall von
den Galerien herunter lie mich minutenlang nicht zu Worte kommen. Der
Polizeileutnant stenographierte, -- entgeistert sah Frau Vanselow mich
an: Das ist gegen die Abmachung! flsterte sie erregt. Ich lchelte.

Und nun frage ich euch, meine Schwestern, habt ihr wirklich nichts zu
tun fr euer Geschlecht? -- Denkt an die jngste Vergangenheit, wo der
Vertreter Sr. Majestt des Kaisers, der Kanzler Leist, Frauen schndete,
aber dessen ungeachtet fr einen 'tchtigen und pflichttreuen Beamten'
erklrt wurde, -- und dann wagt es noch, zu sagen: wir haben keine
Brgerpflicht!... Von Ort zu Ort will ich wandern und jene heilsame
Unzufriedenheit, die die Mutter aller Reformen ist, in die Herzen der
Frauen pflanzen!... Der Polizeileutnant wurde rot vor Eifer, ich hrte
das Kritzeln seines Stifts durch alles Klatschen hindurch. Und ich
verga mein Versprechen und sprach von der Sozialdemokratie, von den
Rittern der Arbeit, die heute die einzigen Ritter der Frauen sind.

Jetzt brauste der Beifall wie der Frhlingssturm, der die drren Bltter
jauchzend niederschttelt, um den jungen Knospen Licht und Luft zu
schaffen ...

Die folgenden Tage waren ein einziger Ikarussturz, -- nur da die Arme
der Liebe mich auffingen, ehe ich den harten Boden berhrte. Im Verein
Frauenrecht kam es fast zu einem Staatsstreich, um den Vorstand aus dem
Sattel zu heben; mit Vorwrfen wurde ich berschttet. Die Zeitungen
berichteten halb hhnisch, halb wegwerfend ber die verkappte
Genossin, konservative Bltter unterlieen nicht, den unerhrten
Seitensprung der Frau eines preuischen Universittsprofessors an die
groe Glocke zu hngen, und Georg kam eines Morgens ernst und versonnen
aus seiner Vorlesung zurck: Althoff hat mir einen wohlmeinenden Wink
gegeben! sagte er. Auch mein Vater erschien und machte mir eine Szene,
als wre ich noch zu Haus.

... Mit Fingern weisen die Leute auf mich ... Im Reichstag -- im Klub
kann ich mich nicht mehr sehen lassen ... schrie er. Georg hatte sich,
auf beide Hnde gesttzt, hoch aufgerichtet.

Exzellenz vergessen, sagte er kalt und scharf, da Sie sich bei mir
befinden! Einen Moment lang maen sich die beiden Mnner mit einem
Blick angriffsbereiter Feindschaft, dann verlie mein Vater wortlos das
Zimmer, und erschpft sank Georg in den Stuhl zurck.

Von Mama erhielt ich einen langen Brief: Ich bin viel zu erregt, um
Dich sehen zu knnen. Wie knnt Ihr Ethiker es vor Eurem Gewissen
verantworten, dem eigenen Vater die Tre zu weisen! In welche Abgrnde
die Gottlosigkeit Euch treibt, das hast Du freilich durch Deinen Vortrag
schon bewiesen: Was ist es anders als eine teuflische Eingebung, in
einer Zeit, wo dem Volke nichts so nottut als christliche Ergebenheit
und Demut, die Unzufriedenheit zu predigen!...

So schwer es mir wurde, Georg allein zu lassen, dessen fahle Blsse mich
jetzt oft entsetzte, so empfand ichs persnlich doch wie eine
Erleichterung, da meine Delegation zur Generalversammlung der Ethischen
Gesellschaft mich fr einige Tage von Berlin fortfhrte. Wir fuhren
zusammen: Geheimrat Frommann, Frau Schwabach, die Leiterin der
Auskunftsstelle, Professor Tondern und ich. Schon unsere
Eisenbahnunterhaltungen gaben einen Vorgeschmack der kommenden
Diskussionen. Mit einer Schrfe, die von der milden, vershnlichen Form
kaum abgeschwcht wurde, gab unser Vorsitzender mir zu verstehen, wie
wenig unsere Zeitschrift der Aufgabe, allgemein menschliche Ethik zu
verbreiten, entsprche, und Frau Schwabach hielt mir ernstlich vor, wie
unethisch meine Angriffe auf die brgerliche Gesellschaft in meiner
letzten Rede und in jedem meiner Artikel wren.

Sie wrden unendlich viel strker wirken, wenn Sie alle Negation
beiseite lieen -- sagte sie.

Und die guten Leute streichelten, damit sie im besten Fall schnurren
wie die Katzen, fgte Tondern hhnisch hinzu. Wer keine Kritik
vertrgt und dem Spiegel nicht dankbar ist, der alle Flecken und Falten
wiedergibt, -- der soll sich nur gleich begraben lassen!

Noch am Abend in Leipzig zeigte er mir den Antrag, den er stellen
wollte: Die Ethische Gesellschaft nimmt mit Genugtuung davon Kenntnis,
da der Kongre fr Hygiene sich fr den Achtstundentag ausgesprochen
hat, und erklrt, von ethischen Gesichtspunkten ausgehend, sich dieser
Forderung anzuschlieen.

Das wird uns vorwrts bringen! sagte ich und gab ihm freudig meine
Unterschrift.

Er verzog die Mundwinkel zu einem spttischen Lcheln: Vorwrts
bringen?! Gewi, die reinliche Scheidung der Geister ist allemal ein
Fortschritt!

Zwei Tage spter saen wir einander an demselben Tisch gegenber: seine
Augenwinkel zuckten nervs, unruhig trommelten seine Finger auf der
Tischplatte, whrend ich, totmde von den langen Verhandlungen,
gedankenlos in einer Zeitung bltterte.

Was sagen Sie nun?! unterbrach er unser langes Schweigen. Ich -- ich
bin noch ein Optimist gewesen! Eine Ethische Gesellschaft, die
geschlossen gegen uns beide den Achtstundentag ablehnt! -- Weil er ein
'Schlagwort' ist! -- Weil seine Annahme den Verein sprengen wrde! --
Weil es 'unethisch' ist, andere zu 'verletzen'! -- Was meinen Sie: ist
es vom Standpunkt unserer Privatethik aus zu rechtfertigen, wenn wir
immer noch nichts als heimliche Sozis sind?!

Ich senkte den Kopf tiefer. Ich dachte an Georg, an seine strahlenden,
hoffnungsvollen Kinderaugen, an seine zarten, schmalen Hnde, seinen
armen gelhmten Krper. Nur eine Aufgabe kann ich erfllen, hatte er
einmal gesagt, von meinem Katheder aus die Jugend 'vergiften'! Und
dann fiel mein Blick auf den breiten Trauring an der Hand meines
Gefhrten, -- er hatte ein Weib daheim und vier kleine Kinder.

Sind wir so frei, um tun zu knnen, was wir wollen? kam es mir leise,
wie im Selbstgesprch ber die Lippen.

Sie haben recht -- wir mssen uns abfinden -- so oder so! ...

Frher, als Georg mich erwartet hatte, kam ich nach Haus. Ganz leise
schlo ich die Wohnungstr auf, -- um die Zeit war er immer in seine
Studien vertieft, dann hrte und sah er nichts. Aber kaum hatte ich den
Fu ber die Schwelle gesetzt, klang mir schon seine Stimme entgegen --

Alix!! -- Ein einziger Laut, -- und der Jubel, die Sehnsucht, die
Liebe eines ganzen Herzens darin! Ach, und wie seine Lippen bebten und
brannten, -- zum erstenmal hatte er mich auf den Mund gekt.

Das Leben ist kurz, Alix, viel -- viel zu kurz! Du mut mich nie mehr
verlassen!

Nie mehr, Georg -- nie mehr! -- Angstvoll forschte ich in seinen
Zgen. -- Hast du gelitten, -- mehr als sonst?

Sprechen wir nicht davon, -- jetzt ist es ja gut -- alles gut! Und er
lchelte mit seinem strahlendsten Lcheln.




Zwanzigstes Kapitel


An einem schnen Sommersonntag besuchten uns die Eltern wieder. Sie
berhrten das Vergangene nicht mehr. Und von da an kamen sie oft, aber
meist jeder allein. Bei Euch ist's so schn ruhig! pflegte Mama zu
sagen, wenn sie sich tief in den Lehnstuhl gleiten lie. So viel Sonne
habt Ihr! bemerkte der Vater und stellte sich mit dem Rcken ans
Fenster in die hellsten Strahlen, als frstle ihn. Auch das
Schwesterchen lief oft herber. Sie war ein bildhbscher Backfisch
geworden, mit einem suchenden Glanz in den Augen. Papa brummt immer, --
wir gehen ihm so viel als mglich aus dem Wege! erzhlte sie.

Sonntags mute ich zu Tisch zu den Eltern kommen, oder zu Onkel Walters.
Es war jedes Mal eine Qulerei, denn um zwecklosen Auseinandersetzungen
aus dem Wege zu gehen, blieb mir nichts brig, als zu schweigen, whrend
mir das Blut oft vor Zorn in den Schlfen klopfte. Man vermied zwar von
der Ethischen Bewegung zu sprechen, schimpfte aber um so mehr auf Juden,
Kathedersozialisten und Egidyaner, als den Hilfstruppen der
Sozialdemokratie, und die Tante besonders fand ein Vergngen darin, mich
durch ihre schwrmerische Kaiser-Verehrung zu reizen.

Einmal nahm mich der Onkel beiseite, und ich erwartete schon eine
wohlgemeinte politische Belehrung, als er von Egidy zu sprechen begann.
Er ist ein Phantast, aber trotz alledem ein Edelmann und dein Freund,
sagte er, da gehrt sich's, da du ihn vor Schaden bewahrst. Er hat
sich droben bei uns mit einem meiner Nachbarn, einem notorischen
Schwindler -- Wohlfahrt heit der Kerl zum berflu! --, wie ich hre,
das Nheren eingelassen. Warne ihn, ehe es zu spt ist. Ich lie mir
die ntigen Details geben und bat Egidy um seinen Besuch.

Wir hatten einander ein paar Monate lang nicht gesehen. Er aber sah um
Jahre gealtert aus. Kaum hatte ich den Mut, diesem mden Gesicht
gegenber zu sagen, was ich wute. Er starrte mich an, die Finger
ineinandergekrampft, die Augen weit aufgerissen. Und pltzlich sank sein
Kopf auf die gefalteten Hnde, und seine breiten Schultern bebten, von
lautlosem Schluchzen erschttert. Fassungslos stand ich vor ihm: er, der
dem Spott und Ha einer ganzen Welt getrotzt hatte, dessen sieghafter
Glaube an die Menschen ihn unberwindlich zu machen schien, -- er sa
hier vor mir, zusammengebrochen, als wre ein Fels ihm auf den starken
Nacken gestrzt, -- und weinte!

Meine Kinder -- meine armen Kinder! stie er abgebrochen hervor --
alles habe ich diesem Menschen geopfert, -- mein Letztes!

Georg kam nach Hause. Egidy raffte sich auf, um ihn zu begren, aber
die Kniee wankten ihm. Und dann war's, als mte er sein Herz
ausschtten, aussprechen, was er vielleicht vor sich selbst noch
verhehlt hatte: Wie seine Hoffnungen ihn betrogen, die Scharen seiner
Gefolgschaft ihn verlassen hatten, sein Haus leer geworden war, seitdem
er nicht mehr Wein und Braten aufzutischen vermochte.

Jetzt erst, wo die Menschen Sie nicht mehr als einen Mrtyrer
bewundern, werden Sie zeigen knnen, da Sie ein Mann sind! sagte
Georg, als er schwieg.

Mit einer raschen Bewegung, als wolle er jeden Rest von Schwche
verscheuchen, strich sich Egidy ber die Stirn und reichte Georg die
Hand: Wei Gott, -- ich werde es beweisen! Und sich zu mir sich
wendend, fuhr er fort: Erinnern Sie sich, was ich Ihnen in Hannover
sagte: 'Im schlimmsten Fall reite ich allein -- langsamen Schritt
vorwrts -- nach Zhlen -- im Kugelregen.' -- Leben Sie wohl.

Mich lie er schweren Herzens zurck. Allein -- im Kugelregen!
wiederholte ich leise und kreuzte frstelnd die Arme unter der Brust.

Meine Alix frchtet sich?! -- Vergi niemals, was der groe
Sklavenbefreier William Lloyd Garrison sagte: Einer mit der Wahrheit im
Bunde ist mchtiger als alle. In diesem Glauben siegte er! Georgs
blasse Haut leuchtete im Abenddmmer.

War ich so schwach, da ich immer Menschen suchte -- Gleichgesinnte? --
und mich freute wie ein Kind, das hinter den Felsen hundert Gespielen
whnt, wenn irgendwo ein Echo meiner Stimme mir entgegenklang?...

Der Verein Frauenrecht hatte mich trotz meiner Snden in seinen
Vorstand gewhlt: Ich war ein Name, -- damit hatte Frau Vanselow die
Mitglieder fr ihren Plan gewonnen. Und ich hatte trotz meiner inneren
Abneigung die Wahl angenommen: der Verein war am Ende doch ein wirksames
Mittel zum Zweck. Vor allem galt es eins durchzusetzen: die deutsche
Frauenbewegung aus ihrem Veilchen-Dasein zu befreien. Fnfundzwanzig
Jahre hatte ich selbst gelebt, ehe ich von ihrer Existenz etwas erfuhr.
Die deutsche Presse nahm noch jetzt kaum je irgendwelche Notiz von ihr.

Es gelang mir zunchst -- nachdem ich von vornherein die Arbeit dafr
auf mich genommen hatte --, eine Zeitungs-Korrespondenz durchzusetzen,
und ich hatte die Genugtuung, da meine Notizen in zahlreichen Blttern
Aufnahme fanden. Nun mute ein Organ geschaffen werden, -- eine weithin
sichtbare Fahne fr unsere Sache. Ich gewann den Verleger der Ethischen
Bltter fr die Idee und kam strahlend ber diesen Erfolg in die
Vorstandssitzung des Vereins. Aber statt allgemeiner Freude begegnete
ich allgemeinem Widerstand. ber die Verantwortung, die wir damit auf
uns nehmen mten, jammerte die eine, ber die seit Jahren
liebgewordenen Vereinsmitteilungen, an deren Stelle die Zeitschrift
treten sollte, die andere.

Und die Frage der Redaktion ist doch vor allem eine schwer zu
entscheidende, meinte mit bedenklich hoch gezogenen Augenbrauen Frau
Vanselow und sah mich prfend an. Ich begriff.

Selbstverstndlich wird sie unserer verehrten Vorsitzenden anvertraut
werden, sagte ich rasch. Und meine liebe Frau von Glyzcinski wird mir
hilfreich wie immer zur Seite stehen, ergnzte Frau Vanselow und
streckte mir ber den Tisch hinweg die Hand entgegen.

Ich halte dies Vorgehen fr unethisch, tnte Frau Schwabachs scharfe
Stimme dazwischen. Erstaunt sah ich auf: Das begreife, wer kann!

Unser liebes, heute leider fehlendes Frulein Georgi hat die
Mitteilungen bisher als Schriftfhrerin zu unser aller Zufriedenheit und
-- unentgeltlich -- ein vielsagender Blick traf mich -- in selbstloser
Hingabe an die Sache geleitet. Ich gebe meine Zustimmung nicht, wenn man
sie beiseite schiebt!

Emprt fuhr ich auf: Es handelt sich hier um die Sache und nicht um die
Personen, um ein ffentliches Unternehmen und nicht um ein
Vereinsblttchen! Jeder Fortschritt verletzt irgendwen, -- und wenn Ihre
Ethik im Gegensatz zum Fortschritt steht, so gebe ich sie preis und
whle diesen!

Ich erhob mich rasch und berlie den Vorstand sich selber.

Vier Wochen spter erschien die erste Nummer der Frauenfrage unter
Frau Vanselows und meiner Redaktion. Georg erffnete sie mit einem
Artikel fr das Frauenstimmrecht. Etwa zu gleicher Zeit versandte Helma
Kurz ein Zirkular an die deutschen Frauenvereine, durch das sie zur
Grndung eines nationalen Frauenbundes aufforderte, der sich dem bereits
bestehenden in Amerika ins Leben gerufenen internationalen Verbande
anschlieen sollte.

Mit einem harten Niemals begegnete Frau Vanselow meiner Begeisterung
fr diesen Zusammenschlu. Aufspielen will sich die Kurz, von sich
reden machen, nachdem ihr angesichts unserer Erfolge lngst schon die
Galle berluft ... Nur schwer gelang es mir, sie zu beruhigen und zur
Teilnahme an den vorbereitenden Sitzungen zu bewegen. Ein Heer von
Frauen, in der ganzen Welt zu einer Organisation zusammengeschlossen, --
war das nicht die welterobernde Macht der Zukunft?! Hier wrde die
Arbeiterin neben der Bourgeoisdame, die Sozialdemokratin neben der Frau
des Ostelbiers zu Worte kommen; im friedlichen Austausch der Ideen wrde
schlielich die lebenskrftigste siegen, -- durch die Mtter der
kommenden Generation wrde leise und natrlich die Quelle in die
Menschheit gelenkt werden, die bestimmt war, als Strom die Schiffe der
Zukunft zu tragen!

Also eine Ethische Gesellschaft der Frauen, -- nach unserem Plan!
meinte Georg. Ich benutzte den nchsten freien Augenblick, um mit Martha
Bartels die Sache zu besprechen. Seltsam: sie wute von nichts, das
Zirkular war ihr nicht zugegangen. Und wenn ich es schon erhalten
htte, sagte sie, es ist mir zweifelhaft, ob meine Genossinnen eine
Beteiligung fr ntzlich gehalten haben wrden.

Aber bedenken Sie doch, welch ein Agitationsgebiet sich Ihnen erffnen
wrde -- eiferte ich, auf das schmerzlichste berrascht durch ihre
ablehnende Haltung, -- denn da die Aufforderung sie nur durch irgend
einen Zufall nicht erreicht hatte, davon war ich berzeugt, -- es war ja
im Zirkular die Rede von allen Frauen.

Unser Agitationsgebiet ist das gesamte Proletariat, -- gro genug fr
die gewaltigsten Arbeitskrfte! Eine Vereinigung mit der brgerlichen
Frauenbewegung wrde zersplitternd und verwirrend wirken. Die groe
Masse unserer Arbeiterinnen ist noch nicht so selbstbewut, um sich den
Damen gegenber als Gleichberechtigte zu fhlen.

Mir schien, als ob aus ihren Worten mehr Gekrnktheit ber die
Zurcksetzung als berzeugung sprach.

Wir reden noch darber, sagte ich, innerlich ordentlich froh ber die
Aufgabe, die sich mir erffnete: Ich sah sie schon erfllt, sah in
Gedanken Martha Bartels auf der Tribne stehen und durch ihre schlichte
Wahrhaftigkeit die Frauen gewinnen. Ich schrieb an Helma Kurz, um sie
auf das Versumte aufmerksam zu machen, -- ich erhielt keine Antwort.
Bei dem Begrungsabend der deutschen Delegierten erwartete ich mit
Ungeduld das Ende des Diners, um sie persnlich zu sprechen. Ich fand es
zum mindesten geschmacklos, solch ein Werk bei Wein und Rehbraten in
groer Toilette zu beginnen und einander durch Toaste anzuhimmeln, noch
ehe irgend etwas geschehen war. Endlich erreichte ich Helma Kurz; sie
wurde dunkelrot, als sie mich sah. Hier ist nicht der Ort, prinzipielle
Fragen zu errtern, sagte sie heftig und drehte mir den breiten Rcken
zu.

Am nchsten Morgen in der Sitzung meldete ich mich als eine der ersten
zur Debatte. Es wurden endlose Reden gehalten: ber die Einigkeit aller
Frauen, ber die gemeinsamen groen Ziele, -- vergebens wartete ich
Stunde um Stunde, da mir das Wort erteilt werden wrde. Ich meldete
mich noch einmal. Sie mssen Ihren Antrag schriftlich formulieren!
schrie Helma Kurz mich bitterbse an. Ich tat es. Ein erregtes Tuscheln
um den Vorstandstisch -- Ihr Antrag steht auerhalb der Tagesordnung
-- verkndete die Vorsitzende. Ich versuchte mir gewaltsam Gehr zu
verschaffen. Um mich kreischten erregte Stimmen: Schweigen Sie! --
Hinaus! -- Wie unethisch!

Majesttisch richtete sich die schwere Gestalt der Kurz hinter dem
Vorstandstisch auf: An dieser Strung unserer schnen Harmonie sehen
Sie, meine Damen, wes Geistes Kind diejenige sein mu, die sie
hervorrief! erklrte sie mit feierlicher Wrde, jedes Wort betonend.
Ich werde trotzdem, nicht aus Rcksicht auf die Delegierte des Vereins
Frauenrecht -- sie lchelte spttisch -- sondern auf unsere hier
anwesenden bewhrten Mitkmpferinnen die Erklrung abgeben, die in einer
Weise gefordert wird, wie sie bis dato nur in sozialdemokratischen
Radauversammlungen blich war. Smtliche deutsche Frauenvereine
sind zu dieser Zusammenkunft aufgefordert worden, mit Ausnahme
derjenigen natrlich, die nicht auf dem Boden unserer Staats- und
Gesellschaftsordnung stehen. -- Ein langanhaltendes Bravo-Rufen
unterbrach sie -- Ihre Teilnahme wrde die Auflsung des Verbandes zur
notwendigen Folge gehabt haben ... Ich sprang auf und warf noch einmal
meine Karte auf den Vorstandstisch. Im Interesse der ruhigen
Fortfhrung unserer Verhandlungen haben wir beschlossen, Frau von
Glyzcinski das Wort zu verweigern. Erneuter allgemeiner Beifall --

Ich hatte rasch einen Protest gegen den Ausschlu der
Arbeiterinnenvereine zu Papier gebracht und benutzte die Pause zum
Sammeln von Unterschriften. Aber wem ich auch in die Nhe trat, --
schon vor meiner Person zog man sich scheu zurck. Entrstet blitzte
mich Frau Schwabach mit ihren klugen dunkeln Augen an: Und Sie sind
eine Ethikerin, die das allen Gemeinsame pflegen und betonen soll! Ich
fand in der groen Versammlung nur zwei Stimmen, die sich mir
anschlossen, unter ihnen die Frau Vanselows. Sie schicken das an die
Presse? -- Famos! Ein empfindlicher Schlag fr Helma Kurz! sagte sie.

Rom ist nicht an einem Tage gebaut worden, trstete mich Georg, als
ich verstimmt und enttuscht nach Hause kam. Es dauerte lange, ehe der
heilende Trank seines Menschenglaubens mir die tiefe Verbitterung aus
dem Herzen trieb. Aber den letzten Keim der Krankheit ttete er nicht.
Was ich in unserer Zeitschrift und in der Frauenfrage verffentlichte,
wurde immer schrfer im Ton. Die Menschen, denen ich begegnete, die
Bcher, die ich las, die dramatischen Werke, die ich sah, -- ich
beurteilte sie alle nur von dem einen Gesichtspunkt aus: ihrer Stellung
zur sozialen Frage, zum Sozialismus.

       *       *       *       *       *

Aus der Dichtung und aus der bildenden Kunst verschwand damals
allmhlich die Elendsschilderung, die in Hauptmanns Webern noch die
Peitsche gewesen war, die rcksichtslos blutige Striemen zog, und in
seinem Hannele das Bettlerkind schon in Mrchenkleidern zeigte.
Knstlerische Begeisterung entzndet sich an jungen Ideen, solange sie
flackernde Flammen sind und die Gefahr des Erlschens ihnen
phantastisch-spannenden Reiz verleiht. Mit ihrer Reife erstarren sie zu
Schwertern, die der Kmpferarme bedrfen, whrend das Seherauge des
Knstlers schon sehnschtig nach neu auftauchenden Lichtern im fernen
Dunkel Ausschau hlt. Aber was Notwendigkeit ist, erschien mir wie
Treulosigkeit und Schwche, und der Ich-Kultus, der an Stelle des Kultus
der Menschheit trat, wie ein frevelhafter Rckschritt.

Gegen eine Welt von Widersachern hatten die Ibsen und Nietzsche die
Freiheit der Persnlichkeit verkndet, in jahrelangem, schmerzvollem
Ringen hatten wir sie erobert; ein Heiligtum war sie uns, dessen ewige
Lampe sich von unserem Herzblut trnkte. Und nun kamen die vielen
lrmenden Leute und griffen nach ihr ohne Ehrfurcht, und nichts als ein
neues Spielzeug war sie ihnen. Dem gebildeten Pbel galt jeder als ein
Freier, der schrankenlos seinen Begierden folgte. Die entgtterte
Menschheit suchte nach Gtzen, und jeder fand eine anbetende Gemeinde,
der alte Werte mit Fen trat.

Die sexuelle Freiheit ist doch nicht die Freiheit an sich! sagte ich
einmal voller Emprung zu Polenz, der mir Hartlebens Hanna Jagert
gebracht hatte. Gewi gibt es Frauen mit denselben sinnlichen
Leidenschaften, wie Mnner sie haben, aber in ihnen den 'groen freien
Weibtypus der Zukunft' zu suchen, ist ebenso frevelhaft, als wenn man
den modernen Lebemann fr das Ideal der Mnnlichkeit erklren wrde.

Sie kennen eben unsere jungen Dichter nicht, die zumeist aus dem
engsten Kleinbrgertum stammen und von da aus direkt der Grostadtbohme
in die Arme laufen. Eine andere Welt ist ihnen fast allen fremd und
bleibt ihnen fast immer verschlossen. Gerade Sie sollten es wagen, in
die Hhle der Lwen zu kommen, antwortete Polenz.

Ich zgerte noch, aber Georg, dem jedes Mittel willkommen war, das ihm
geeignet schien, mich heiterer zu stimmen, redete zu, und so folgte ich
eines Abends Polenz' Einladung. Er hatte eine heterogene Gesellschaft
zusammen gebeten: alte Regimentskameraden und anarchistelnde
Schriftsteller, schsische Gesandschaftsattachs und die Blte der
berliner Kaffeehaus-Literaten. Eine unbehagliche Stimmung herrschte; die
Herren von der Feder fhlten sich sichtlich nicht wohl in ihren Frcken,
und die Damen, die sich von ihnen etwas ungeheuer Interessantes erwartet
hatten, vermochten trotz aller Mhe die genierte Steifheit der fremden
Gste nicht zu berwinden. Erst bei Tisch und beim Wein wurde es ein
wenig lebendiger. Einer der modernsten und beliebtesten Schriftsteller,
der mit einer gewissen Grazie die gewagtesten Dinge zu schildern
pflegte, sa neben mir, ein anderer, der die Hoffnung der Moderne war,
mit dunkler Brille ber den lebhaften Augen, mir gegenber. Ich lie
alle meine oft erprobten, geselligen Knste spielen, schlug alle Saiten
an, von denen ich einen Ton erwarten konnte, -- vergebens. Wie
Backfische, die zuerst in Gesellschaft kommen, antworteten sie mit einem
Ja, einem Nein und einem verlegenen Lcheln, wenn ich glaubte, gerade
ihre Interessen berhrt zu haben. Ich sah forschend die lange Tafel
herauf und herunter: berall dasselbe Bild, -- und langsam legte sich
eine bleierne Langeweile ber die zu krampfhaftem Hflichkeitsgrinsen
verzerrten Zge. Man atmete schlielich erleichtert auf, als das Essen
zu Ende war; und so rasch sie konnten, verschwanden die Herren im
Nebenzimmer, von wo bei Kognak und Zigarrren bald drhnendes Lachen
herrberscholl.

Als ich, die Elektrische erwartend, auf der Strae stand, trat eine
kleine Frau mit blitzenden Saphiraugen, ein Spitzentuch lssig ber den
dicken, blonden Schopf geworfen, auf mich zu. Er ist wohl noch immer da
drin, der Franzl, sagte sie und wies mit dem Daumen zu der erleuchteten
Etage herauf, die ich eben verlassen hatte. berrascht sah ich sie an --
Juliane Dry! Was machen Sie denn hier? -- Ich warte! -- mit dem
letzten Bissen im Munde wollte er diesem Menschenragout entlaufen. Aber
es mu doch pikanter ausgefallen sein, als ich prophezeite ... Ich
lachte hellauf und gab ihr eine Schilderung der letzten drei Stunden.
Und Sie dachten wirklich an gedeckten Tischen, zwischen Grafen und
Baroninnen, unsere jungen Genies kennen zu lernen?! Sie konnte sich vor
Vergngen nicht lassen, amsiert blieben die Vorbergehenden bereits
neben uns stehen. Kommen Sie! mahnte ich leise und schob meinen Arm in
den ihren.

Richtig! -- Wir haben ja schon einmal eine nchtliche Promenade
gemacht! Seitdem sind Sie ethisch geworden und haben -- sie stockte ein
wenig -- geheiratet!

Und Sie? Ich frug ohne Interesse, im Grunde nur, um irgend etwas zu
sagen.

Ich? -- Gott -- Sie sehen: ich lebe! Was sollte unsereins auch sonst
noch tun! Ein dsterer Schatten verdunkelte einen Augenblick lang ihre
Augen, dann lchelte sie wieder: Wissen Sie was? Kommen Sie heute mit
mir, -- ich bin ein besserer Cicerone der Bohme als Ihre Gastgeber
eben! berdies -- sie musterte mich unter der nchsten Laterne von
oben bis unten -- werde ich mit Ihnen Furore machen.

Bis zu unserem Ziel, einer kleinen Weinstube in der Friedrichstadt,
erzhlte sie mir mit der ihr eigenen sprhenden Lebhaftigkeit von all
den freien Geistern, die ich finden wrde. Der groe..., der
geniale..., der einzige..., -- mit diesen Adjektiven begleitete sie
Namen, die mir kaum bekannt waren.

Als wir eintraten, schlug ein Wolke dicken Rauches uns entgegen; ein
paar Lampen, ein paar Lichtpnktchen brennender Zigaretten leuchteten
hindurch. Ein Chor schwatzender Stimmen machte jedes Wort
unverstndlich. Erst als wir im Lichtkreis der Gasflammen standen,
verstummte die Gesellschaft. Die Herren erhoben sich und umringten uns.
Sie rochen nach Kognak, -- unwillkrlich trat ich einen Schritt zurck.
Man hrte meinen Namen. Bist wohl verrckt geworden, Juliane! brummte
eine Mnnerstimme, und ein Arm legte sich um ihre Taille. Ich setzte
mich abseits in eine Ecke. Nach einer Weile schien ich vergessen und
fhlte mich wie eine Zuschauerin vor der Bhne. Es war zweifellos ein
interessantes Spektakelstck, das ich sah, und Menschen eigener Art, die
darin spielten.

Zu Fen eines groen, tiefbrnetten Mannes, um den sich allmhlich die
leeren Flaschen huften, sa eine blasse Frau mit blonder Haarkrone auf
dem vornehmen Kpfchen. Das mute die dnische Grfin sein, die der
satanische Dichter, wie die Dry ihn nannte, entfhrt hatte. Wenn er
redete, sah sie andchtig zu ihm auf, und die Nchststehenden schwiegen.

Ja -- was ich sagen wollte -- -- er sprach mit einem scharfen
slawischen Akzent -- was -- was war es doch? Er go sich roten Wein in
das Glas, -- ein paar Tropfen spritzten der Frau zu seinen Fen auf die
weie Stirn, -- er verga zu trinken und starrte sie an: wie schn das
ist: die Dornen deines unsichtbaren Kranzes haben dich verwundet, -- wie
ein Rubin leuchtet dein knigliches Blut ...

Zum Donnerwetter, was schweigt ihr, brllte er im nchsten Augenblick
und strzte den Wein hinunter, was geht das Euch Kanaillen an?! Die
anderen lachten.

Du hast uns deinen Helden schildern wollen! sagte jemand.

Meinen Helden! begann er wieder, das wird ein Kerl sein! Kein
waschlappiger Schmachtfetzen, der die Weiber anhimmelt, sondern einer,
der zupackt, wie ich! -- seine Riesenfaust umklammerte den Arm der
blonden Frau, die schmerzhaft zusammenfuhr, -- keiner, der den Lahmen
Krcken schenkt und den Blinden Brillen, sondern einer, der beiseite
stt, was ihm im Wege steht. Oder meint ihr, das Gesindel um uns sei
was besseres wert?! Glaubt mir, wenn wir nicht empor kommen, die
Starken, die Hartherzigen, dann wird das Gewrm, das Junge wirft wie die
Kaninchen, uns auffressen. Den Schwachen helfen, winselt ihr mit dem
verwsserten Christenblut in den Adern? Nein, sage ich: den Schwachen
den Gnadensto geben, damit die Starken Platz haben!

Ich hielt mich nicht lnger. Es mu sich aber erst erweisen, wer die
Starken sind, rief ich.

Erweisen? Nein, schnste Frau, -- wenn wirs nur von uns selber wissen,
antwortete er, stand auf und trat auf mich zu, -- er schwankte ein
wenig -- Sie sind ja so Eine, die sich opfert -- der Menschheit -- der
Ethik -- pfui Teufel! Mit so einem Gesicht und solcher Gestalt -- seine
groe Hand streckte sich, ich wich ihr erschrocken aus -- sich
behaupten sollten Sie, -- Glck schenken und Liebe, -- das ist mehr als
Trakttchen -- und -- und -- Kinder kriegen --

Er fiel wie ein gefllter Baum der Lnge nach zu Boden. Ich strebte
hastig der Tre zu. Juliane Dry kam mir nach und drngte ihr glhendes
Gesicht dicht an das meine.

So bleiben Sie doch -- Schnste -- Beste, schmeichelte sie -- ich
fhlte ihre Hand auf meiner Hfte. Ist er nicht gro? -- herrlich? Und
jetzt wird es erst schn -- komm! komm! -- la uns Freundinnen sein --
Sie versuchte mich zu kssen. Ich schttelte sie ab. Hochmtige Nrrin
-- knirschte sie.

Sie -- sie hat kein Herz -- kein Herz -- wie all die -- die
Tribnenweiber! lallte der Betrunkene, der sich halb aufgerichtet
hatte.

Ich lief hinaus wie gejagt und sprang in den nchsten Wagen. Warum nur
brach ich schluchzend in den Kissen zusammen, -- warum?!

Leise schlich ich in die Wohnung, in mein Zimmer. Zum erstenmal
verschwieg ich Georg, was ich erlebt hatte; nur von dem Abend bei Polenz
erzhlte ich und von den Menschen dort, die auch nicht die unseren
sind.

Er hrte kaum zu, seine Gedanken waren bei dem Brief, den er zwischen
den Fingern rollte und mir lchelnd reichte.

Hier werden wir die unseren finden! sagte er.

Es war eine Einladung zu einem Festkommers unserem verehrten Genossen
Friedrich Engels zu Ehren, von den Mitgliedern des Parteivorstands
unterschrieben. Du willst hingehen? frug ich erstaunt, als
preuischer Universittsprofessor?!

Die Freude will ich mir nicht entgehen lassen, einmal im Leben dazu zu
gehren! -- und den Kragen wird es nicht kosten!

       *       *       *       *       *

Ein groer Saal. Grne Girlanden, mit roten Blumen besteckt, schwebten
in runden Bogen um die Galerien, von einer Sule zur anderen.
Proletarier aller Lnder, vereinigt euch! leuchtete es in riesigen
Goldbuchstaben auf rotem Grund von der Tribnenwand herab den
Eintretenden entgegen. Unter Lorbeerbschen glnzten die weien Bsten
von Marx und Lassalle. Als wir kamen, war der Riesenraum schon dicht
gefllt: Mnner im Festtagsrock, Frauen und Mdchen in bunten Blusen und
hellen Kleidern, die Gesichter verklrt, wie die der Kinder von
Weihnachtsvorfreude. Ein Glanz der Jugend strahlte aus allen Augen und
verwischte die Furchen, die Leidenszge, die Kummerfalten, und gab den
frh gebleichten Wangen die Rte der Kinder des Glcks.

Neugierig richteten sich alle Blicke auf uns: den bleichen Mann im
Rollstuhl und die junge Frau ihm zur Seite. Der alte Bartels fhrte uns
bis nach vorn, wo an gedeckten Tischen die Pltze fr die Gste
reserviert waren.

Da ich das noch erlebe -- Herr Professor -- das noch erlebe,
wiederholte er immer wieder, mit dicken Freudentrnen in den kleinen,
zwinkernden uglein.

Brausende Hochrufe erschtterten die Luft. -- Alles erhob sich --
schwenkte die Hte und wehte mit den Taschentchern -- auf die Tische
und auf die Schultern wurden die Kinder gehoben, so da ihre Kpfchen
wie Blumen aus dichtem Wiesengrund ber die Massen emporragten. Und
durch den breiten Mittelgang, an dem sich rechts und links, eine
undurchdringliche Mauer, die Menge staute, kamen sie alle, die alten
Kmpfer, deren Namen ein blutiger Schrecken fr die einen, ein Symbol
knftiger Glckseligkeit fr die anderen war.

Mein Blick blieb nur auf den vier Voranschreitenden haften, die ich um
mich herum immer wieder flsternd nennen hrte: Liebknecht -- Bebel --
Auer -- Engels. Gro war der eine, mit grauem Vollbart, hoher Stirn,
geistvoll sprhenden Augen, einen feinen Zug von Sarkasmus um den Mund,
klein der andere, mit widerspenstiger voller Haarstrhne, die ihm immer
wieder nach vorne fiel, so da sein Blick sich noch mehr verschleierte,
-- jener merkwrdige Blick, wie ihn nur Dichter und Trumer haben. Einen
breiten, hellen Germanenkopf trug der Dritte stolz auf den starken
Schultern, ein paar Augen, die gewi kampflustig zu blitzen verstanden
wie die alter Huptlinge, sahen ber die Menge hinweg. Vorne aber ging
der alte gefeierte Gast mit einem Lcheln so voll gerhrter Gte und
freudiger Menschenliebe, als wren das alles seine Kinder, die ihm
entgegenjauchzten.

Gesang, Musik, Begrungsreden wechselten miteinander ab, wie bei einem
groen Familienfest. Nichts Pathetisches, aber auch nichts, das an
Aufruhr und revolutionre Schrecken erinnerte, strte die Stimmung. Das
Rot der vielen Schleifen und Fahnen im Saal schien heute nur die Farbe
der Freude zu sein, nicht die des Bluts. Auch die 'Freiheit', die
auftrat, mit der phrygischen Mtze auf dem schwarzen Krauskopf, ihre
Verse skandierend wie ein Schulkind, glich mehr einem Boten des
Frhlings als der Revolution.

Drunten im Saal, wie oben auf der Tribne herrschte eitel Frhlichkeit.

Von einem Tisch zum anderen begrten sich die Bekannten, und er, der
Held des Tages, drngte sich mit den Freunden immer wieder durch die
Reihen und schttelte die Hnde alter Kampfgenossen aus den schweren
Zeiten der Verfolgung. Sie kamen auch zu uns und setzten sich um Georgs
Rollstuhl, und seine Lippen zuckten, und seine Augen wurden feucht vor
Bewegung. Mit einer altvterisch-chevaleresken Verbeugung schenkte mir
Engels ein paar Blumen aus der Flle, die ihm gegeben worden war. Ein
gefhrliches Zeichen, lachte Liebknecht und wies auf die rote Nelke
darunter. Eins des Sieges, wie ich hoffe, antwortete ich.

Wir gingen still nach Haus. Eine groe Freudigkeit erfllte uns.

       *       *       *       *       *

An einem grauen, nakalten Dezembertag war es. Das Reichshaus sollte
eingeweiht werden. Am Brandenburger Tor stand ich, Eindrcke zu sammeln
fr das, was ich schreiben wollte. Man lachte -- schwatzte -- hhnte
rings um mich her: vom Gipfel der Geschmacklosigkeit sprach der Eine,
-- so hatte S. M. jngst in Italien den Bau Wallots bezeichnet --, von
der leeren Tafel ber den Toren erzhlte der andere, die auf die
Inschrift Dem deutschen Volke vermutlich vergebens warten wrde; --
den Junkern und Pfaffen, -- wirds statt dessen heien, fgte bissig
ein Dritter hinzu. Wenn man die Umsturzvorlage det janze Dings nich
umstrzen wird, zischelte es dicht neben mir. Der stramme
Polizeileutnant, der hier Wache hielt, wandte stirnrunzelnd den Kopf. In
offenem Wagen fuhren die Abgeordneten vorber: Zivilisten mit glnzenden
Zylindern auf dem Kopf und bunten Bndchen im Knopfloch, auf den Zgen
den Ausdruck ernsthafter Wichtigkeit, Geistliche in der schwarzen
Soutane mit runden glnzenden Gesichtern; Reserveoffiziere, denen der
enge Kragen das Blut blaurot in die Stirne trieb, und deren bunter Rock
sich in Falten ber Brust und Leib spannte. Drum mssen sie doch alle
stramm stehen vor dem obersten Kriegsherrn, -- die M. d. R.s --
zischelte dieselbe Stimme wie vorhin.

Aufgeregt sprengten die Polizisten noch einmal hin und her, -- ihre
Pferde drngten die angstvoll aufkreischenden Zuschauer zur Seite.

Vom Schlo die Linden hinunter trabte eine Schwadron Garde du Korps in
glnzender Uniform mit wehenden Fhnlein. Da pltzlich ein klirrender
Sto -- ein Schrei, -- und zwei Reiter wlzten sich unter ihren Pferden.

Im gleichen Augenblick nahte ein Wagen: der Kaiser! Schweigend --
erwartungsvoll -- kaum, da ein paar Hte von den Kpfen flogen --
harrte die Menge, -- schwankend, mit totblassem Gesicht richtete der
eine der gefallenen Soldaten sich auf die Kniee, -- dicht vor ihm
schlugen die Hufe des Viergespanns schon auf das Pflaster.

Das Bronzegesicht des Monarchen tauchte sekundenlang auf -- ein einziger
kalter Blick streifte den Garde du Korps -- die feindselig-stumme Menge
hinter ihm, -- und vorber raste der Wagen.

Erregt, mit verbissenem Grimm stoben die Menschen auseinander. Das war,
so schien mir, der rechte Auftakt fr das kommende Schauspiel: den Kampf
um die Umsturzvorlage, die als erster Gesetzentwurf den Volksvertretern
im neuen Hause zur Entscheidung vorlag.

Unter kriegerischem Geprnge war es heute geweiht worden, --
Kriegszeiten standen bevor.

Auf dem Wege durch den feuchtdunstigen Tiergarten war mein Plan gefat,
und noch ehe Georg aus der Universitt zurckkam, lag meine Erklrung
schon auf dem Schreibtisch. Im Namen des weiblichen Geschlechts
protestieren wir unterzeichneten Frauen gegen die Umsturzvorlage,
begann sie, und weiter hie es darin: 'Beschimpfende uerungen gegen
Ehe und Familie' gefhrden das sittliche Leben des Volkes nicht so sehr
wie die gesetzliche Sanktionierung der Unsittlichkeit; und nicht durch
'Kundgebungen' werden 'weite Bevlkerungkreise' zu dem Glauben verfhrt,
da die Grundlagen unseres Lebens auf 'Unwahrheit und Ungerechtigkeit'
beruhen, sondern durch eine Gesetzgebung, die die Hlfte des
Menschengeschlechts, die Mtter der Staatsbrger, mit Unmndigen,
Wahnsinnigen und Verbrechern auf eine Stufe stellt und durch
wirtschaftliche Zustnde, die Millionen von Frauen in den Kampf ums
Dasein treiben, das Familienleben zerstren, die Ehe erschttern ...

Ich versandte noch an demselben Abend meine Erklrung mit der Bitte um
Unterschriften an die Presse. Kaum war sie verffentlicht, als Onkel
Walter mich mit seinem Besuch berraschte. Ich komme, dich zu warnen,
sagte er, man hat ein Auge auf dich, man kennt im Polizeiprsidium
deine geheimen Beziehungen zur sozialdemokratischen Partei, und heute im
Reichstag hat der Minister des Innern mir im Vertrauen gesagt, da, wenn
die Umsturzvorlage oder ein dem Sinne nach ihr hnliches Gesetz in Kraft
treten sollte, du zu den Ersten gehren wirst, die davon getroffen
werden; -- vorausgesetzt natrlich --, er sprach langsam und betonte
jede Silbe -- da du nicht klug genug bist, vorher andere Wege
einzuschlagen.

Ich danke dir fr deine Freundschaft, lieber Onkel, -- aber da ich
deinem Rat folgen werde, wirst du von mir kaum erwarten.

So sind wir geschiedene Leute! rief er, und krachend fiel hinter ihm
die Tr ins Schlo.

Seltsam, -- er hatte mir niemals nahe gestanden, und doch: in diesem
Augenblick krampfte sich mir das Herz zusammen, -- ein Stck der
Kindheitsheimat nahm er mit sich fort. Was wird der Vater sagen, dachte
ich furchtsam. Aber er kam nicht, er schrieb mir nur zwei Zeilen ohne
Anrede und Unterschrift: Nach Deinem letzten Benehmen wirst Du Dich
nicht wundern, wenn wir Dir eine Zeitlang fern bleiben. Wir hoffen zu
Gott, da er Dich wieder auf den rechten Weg leiten mge! ...

       *       *       *       *       *

Eisig fegte der Ostwind durch die Straen, feine, schimmernde
Eiskristalle tanzten in der Luft, und der Rauhreif wandelte den
Tiergarten in ein Wintermrchen. Jeden Morgen begleitete ich jetzt Georg
in die Universitt. Seine Vorlesungen ber soziale Ethik fllten das
Auditorium bis in den fernsten Winkel und leidenschaftlich erregte
Menschen -- alte und junge -- Mnner und Frauen -- begrten ihn mit
heftigem Beifallsgetrampel. Hinter dem Pult war nichts von ihm zu sehen
als der bleiche, dunkel umrahmte Kopf mit den strahlenden Kinderaugen.
Er sprach, wie er noch nie gesprochen hatte, er geielte die Snden des
Kapitalismus mit einer Schrfe, wie sie in diesen Rumen noch nie gehrt
worden war, und verteidigte die Rechte der Frauen und die der Arbeiter
mit einer Begeisterung, die alles mit sich fort ri.

Der Glaube, da wir jetzt vor tief gehenden Wandlungen, vor einer
Weltwende stehen, wie die Menschheit noch keine erlebt hat, ist eine
berzeugung, die immer weitere Kreise ergreift ... Jetzt ist keine Zeit
mehr zu beschaulichem Trumen ... -- Seine Stimme hob sich in
ungewohnter Kraft und bekam einen Klang wie eine tiefe Glocke. ... Wir
mssen uns klar werden ber die Lage der Dinge und wach sein fr die
Nte des Tages ... Wir mssen uns bewut werden, wohin wir gehren ...

Er spricht sein Todesurteil ... hrte ich leise flstern. Kirchenstill
war es. Er wurde vom Katheder heruntergehoben, sein Rollstuhl setzte
sich in Bewegung, mit scheuer Ehrfurcht grten ihn die Studenten.

Fauchend schlug ihm der Wind in das heie Gesicht, als wir ins Freie
traten, und frstelnd zog er sich den Pelzkragen hher. Vergebens bat
ich ihn, sich aus seinem offenen Rollstuhl in einen geschlossenen Wagen
heben zu lassen. Den ganzen langen Weg ber die Linden, durch den
Tiergarten, ber den Ltzowplatz kmpften wir mhsam wider den
Schneesturm.

Vor unserem Hause ging ein Herr auf und ab: gro und schlank, den
feingeschnittenen Kopf zurckgeworfen, den Bart keck in die Hhe
gewirbelt, -- Hessenstein! rief ich berrascht.

Kein anderer, gndige Frau! sagte er und kte mir die Hand -- ich
warte auf Sie -- ich konnte Europa nicht verlassen, ohne von Ihnen
Abschied zu nehmen --

Wir begaben uns zusammen in unsere Wohnung. Seltsam fragend betrachtete
Georg den Gast, den ich so freudig willkommen hie.

Sie verlassen Europa? frug ich, und warum?

Seit meinen kriegerischen Erfahrungen im Bergwerksbezirk war mir nicht
mehr wohl im bunten Rock -- antwortete er, whrend sein Blick
sekundenlang peinlich berrascht zwischen Georg und mir hin und her flog
-- und die neu erffnete Aussicht, gelegentlich einmal auf Eltern und
Geschwister schieen lassen zu mssen, hat meinen militrischen Ehrgeiz
auch nicht wesentlich steigern knnen. -- -- Ich habe einen Bruder in
Java, -- dorthin will ich. Eigentlich auch kein erstrebenswertes Ziel!
Aber -- was soll man tun --, wenn man den Mut nicht aufbringt, unter die
Roten zu gehen!

Dann ist Ihre Wahl sicherlich die beste, sagte Georg mit feindseliger
Schrfe. Rote Flecken brannten ihm ber den Backenknochen.

Sichtlich verletzt, erhob sich Hessenstein. In dem Wunsch, gut machen zu
wollen, was Georg verfehlt hatte, war ich doppelt herzlich.

Vielleicht treffen sich unsere Wege doch einmal wieder! Mchten Sie
recht, recht glcklich werden -- damit reichte ich ihm beide Hnde. Er
senkte tief den Kopf darauf. Ich danke Ihnen! flsterte er bewegt.

Kaum war er fort, als Georg mich zu sich rief. Sein Kopf glhte -- seine
Hnde waren hei.

Du fieberst! rief ich erschrocken.

Mir war schon diese Nacht nicht recht wohl, -- ich wollte nur heute die
Universitt nicht versumen -- ein harter Husten lie ihn verstummen.
Aber es ist nichts, Kindchen, nichts, -- ein Katarrh vielleicht!
Wieder eine Pause. -- Komm einmal her zu mir, Liebling, -- ganz nah --
ich kniete neben ihm -- sein rascher, heier Atem berhrte mein Gesicht
-- du -- du -- liebtest wohl jenen Hessenstein?

Georg!! Mir stieg das Blut in die Schlfen. Wie kommst du darauf?

Ihr -- ihr saht euch an -- wie -- wie Menschen, die zusammen gehren!

Lchelnd drckte ich meine Wange an seine schmalen Hnde. Nie -- Georg,
-- nie -- gehrten wir zusammen! meine Augen richteten sich klar auf
ihn. Und wenn es gewesen wre, -- bin ich heute nicht dein -- nur
dein?!

O du -- du! sthnte er; seine Arme preten sich sich um meine
Schultern, -- in meinen Haaren vergrub er sein Gesicht, -- gegen meine
Brust pochte sein Herz in wilden Schlgen.

Er hatte keine Ruhe mehr vor dem Schreibtisch, ich mute ihn auf und ab
fahren; der Husten nahm zu, und jedesmal, wenn er den armen Krper
schttelte, verzogen sich schmerzhaft die Zge. Ich schickte zum Arzt.
Er untersuchte ihn und lchelte beruhigend, als Georgs Blick in
angstvoller Frage den seinen suchte.

Eine Erkltung. Halten Sie sich hbsch ruhig, -- dann ists bald
vorbei.

In der Nacht stieg das Fieber. Er lie meine Hand nicht los. Von Zeit zu
Zeit sah er mich flehend an, und flsterte kaum hrbar: Ksse mich!

Ich wich nicht von seiner Seite, drei Tage und drei Nchte lang.

Sie mssen Hilfe haben, -- sagte schlielich der Arzt. Ich schttelte
nur den Kopf. Am Nachmittag des vierten Tages schien das Fieber zu
sinken. Die Augen wurden wieder klar.

Ich habe mit dir zu sprechen, meine Alix, begann der Kranke mit
ruhiger, fester Stimme. Es geht zu Ende mit mir, -- weine nicht,
Kindchen, -- bitte, weine nicht! -- Ich habe, glaube ich, meine
Schuldigkeit getan --; was ich ungetan lie, -- du, du wirst es
vollenden! -- -- Du wirst mir treu sein, -- im hchsten Sinne treu --
fassungslos brach ich neben ihm zusammen -- seine Hnde lagen auf meinem
Kopf -- ber alles in der Welt habe ich dich geliebt --. Nur wie ein
Hauch kamen die Worte ber seine Lippen -- zum Paradiese hast du mir
das Leben gemacht, -- hab Dank, -- Dank --. Ich verlor die Besinnung --

Auf meinem Bett fand ich mich wieder; es war tief in der Nacht, nur ein
Licht brannte im Zimmer, die Mutter war neben mir, -- so sanft und gut
und leise, wie immer, wenn sie Kranke pflegte.

Alix -- klang es tonlos aus dem Nebenzimmer. Ich strzte hinein.
Aufrecht auf seinem Stuhl sa Georg. Ich schlang den Arm um seine
Schulter.

Warum -- warum lt du mich sterben?! flsterte es vor meinem Ohr.
Sein Kopf sank an meine Schlfe. Tiefe, rchelnde Atemzge kamen aus
seiner Brust.

Wie lange ich regungslos sa, -- ich wei es nicht. -- Fahl dmmerte der
Tag durch die Scheiben. Der Arzt trat ein und umfate die wachsbleiche
Hand --

Es ist vorber --




Einundzwanzigstes Kapitel.


Ein heier Sommertag. Auf den Wiesen Grainaus brannte die Sonne. In
ppiger Farbenpracht glnzten die bunten Blumen, ein sprhender
Perlenregen war der Bach. Die Zugspitze spiegelte ihre leuchtenden
Schneefelder im Rosensee. Schwl duftete um das Haus der Jasmin.

Ich lag in Decken gehllt auf der Altane, -- ich sah das alles, und doch
sah ichs nicht. Tante Klotilde ging ab und zu. Sie war in Berlin eines
Tages in mein Zimmer getreten, hatte mich trnenberstrmt in die Arme
geschlossen und immer wieder die zwei Worte wiederholt: verzeih mir! Ich
hatte ihr versprechen mssen, im Sommer zu ihr zu kommen.

Und nun war ich hier, -- zu einer letzten, stillen Rast. Ich wute, was
ich zu tun hatte, wenn ich ihm, der unter grnem Epheu und roten Rosen
lag, treu sein wollte. Mein Entschlu war gefat. In meinem Schreibtisch
lag mein Abschiedswort an die Leser der Zeitschrift, die wir miteinander
geleitet hatten, -- und der Brief an meine Eltern, von dem ich wute,
da er sie schmerzen wrde, wie nichts vorher. Sie werden es berwinden
-- dachte ich in meinen schlaflosen Nchten, -- ich werde ihnen von
da an eine Gestorbene sein!

All das war mir nicht einmal schwer geworden, solange ich zu Hause in
meinen einsamen Rumen war. Losgelst fhlte ich mich schon von aller
Vergangenheit: Zu den Eltern zurckkehren sollte ich, hatten Vater und
Mutter in sorgender Liebe gemeint, -- so wenig wuten sie von mir!
Gromamas Heim im Schlo von Pirgallen hatte mir Onkel Walter als
Ruhesitz angeboten, -- so wenig ahnten sie, da ich nicht ruhen durfte!

Nur Martha Bartels hatte mich verstehen gelernt, whrend sie mir in den
schwersten Tagen der ersten Einsamkeit viele Arbeitsstunden opferte.

Sie werden uns eine liebe Genossin sein -- hatte sie gesagt.

Eine Genossin! -- Keines Menschen Geliebte, keines Kindes Mutter, --
eine Gefhrtin nur der Elenden und der Verfolgten. Es war fast ein
Gefhl von Freude gewesen, mit dem ich Abschied genommen hatte.

Und nun wurde es mir auf einmal so bitter schwer!

O du Sommertag ber den Bergen, wie wunderschn bist du!

Es liegt in der Luft wie eine groe Sehnsucht, -- und jubelnde Erfllung
zwitschern die Vgel und duften die Blumen. In den Sonnenstrahlen glht
jedes Blatt wie Gold, blutrot frben sich zur Abendstunde die grauen
Felsen. Und ein ganzer, groer Korb blhender Alpenrosen steht vor mir.
-- Ich will die Augen schlieen, will das prangende Leben nicht sehen,
-- aber dann schleicht auf unhrbar linden Sohlen die Erinnerung in
meine Trume ... Hier begegnete mir vor Zeiten das Glck ...

In der Morgenfrhe gleitet mein Kahn ber den Badersee. Tief, tief bis
zum Grund kann ich sehen, wo um samaragdne Moose glitzernd die Forellen
streichen und versteinerte Baumriesen schlafen. Langsam schlepp ich
meine mden Fe heimwrts durch den Wald, wo die Orchideen blhen.

Drben beim Brenbauern herrscht jetzt der Sepp als Hausherr. Sein
junges blondes Weib trgt den ersten Buben an der Brust. Verlegen, die
Mtze zwischen den Hnden drehend, hatte er die alte Spielgefhrtin
begrt. Sie wuten im Dorf von mir: da ich die heilige Kirche
bekmpfte und es mit den Freidenkern hielt! Warum schmerzt mich das
alles so sehr? Was konnten die Wenigen mir sein, da ich den Vielen
gehrte?

       *       *       *       *       *

bermorgen mu ich fort, sagte ich entschlossen zu meiner Tante, --
du weit, die Arbeit wartet nicht, und ich bedarf ihrer --

Bleib noch, mein Kind, bleib noch, -- du bist noch so schwach -- bat
sie.

Ich werde dir morgen beweisen, da ich stark bin -- lchelte ich ...

       *       *       *       *       *

Es lutete gerade zur Frhmesse, als ich aus dem Gartentor trat. Einen
Atemzug lang stand ich still, die Hnde auf dem pochenden Herzen. Mir
war, als htte ich drben, zwischen den Bumen einen Menschen gesehen,
-- eine Erscheinung aus ferner, ferner Vergangenheit.

Dann ging ich festen Schrittes weiter und warf ohne Besinnen meine
Briefe in den blauen Kasten an der Post. Hrte ich nicht einen Schritt?
-- Es war wohl nur das Klopfen und Rauschen meines eigenen Blutes in den
Ohren.

Auf den Stock gesttzt, schritt ich langsam bergauf. Wie doch die Bume
gewachsen waren auf der Schonung! Frher reiften hier in der Sonne die
sesten roten Beeren. Und weiter droben war ein neuer Schlag, --
kleinwinzige Tannenpflnzchen guckten schon neugierig zwischen
Grasbscheln und alten Wurzeln hervor.

ber die Steinhalde lief ich sonst, -- heute wurde mir das Atmen recht
schwer!

Nun gings durch den Wald ber Sturzbche, hher und hher, bis der Weg
nur als schmales Band an der schroffen Felsenwand des Waxensteins
entlang fhrt. Tief unten braust und schumt der Hllentalbach.

O, ich kenne noch keinen Schwindel, -- findet meine Sohle nur einen Fu
breit Erde, so stehe ich sicher!

Wie frei weht die Luft hier oben, -- wie leicht lt es sich atmen! ber
himmelhohem Abgrund schwingt sich die eiserne Brcke von Berg zu Berg,
und jenseits fhren Leitern wieder empor. Auf weichem Moos unter einer
Tanne, die ihre Wurzeln keck um einen Felsvorsprung klammert, halte ich
Rast. Im Halbkreis schieben sich hier die Berge aneinander, ein Zirkus,
von Riesen gebaut, bestimmt fr die Spiele unsterblicher Gtter.

Da hr' ich Schritte, -- Nagelschuhe auf Felsstufen, -- ein Wilddieb
vielleicht, oder ein Bergfhrer, der ber die Knappenhuser zur Hochalm
will. Ich stehe auf -- die Hand fest um den Stock --, hier gibt es kein
Ausweichen. Und schon sehe ich ihn vor mir, den einsamen Wanderer, die
Spielhahnfeder am grnen Hut, ein gebruntes Antlitz darunter, mit Augen
-- --! Ein Zittern durchluft meinen Krper --

Warum erschrickst du vor mir, Alix, -- ich bin ja nur ein Gespenst
unserer Jugend --

Ich raffe mich zusammen und seh ihm gerad' ins Gesicht. Wie hart sind
die weichen Zge geworden, denke ich. Das Blut strmt mir wieder zum
Herzen.

La mich vorber, -- ich glaube nicht an Gespenster, sag' ich, den Ton
meiner Stimme zur Klte zwingend.

Du gingst denselben Weg, wie ich: hinauf! gibt er leise zurck und
rhrt sich nicht von der Stelle.

Denselben Weg?! Nein, -- unsere Wege sind lngst auseinandergegangen,
-- und da der deine emporfhrt, -- daran erlaubst du mir wohl, zu
zweifeln! antworte ich hhnisch, -- meine eigenen Worte stechen mich
wie lauter Nadeln.

Ich suchte dich, Alix, -- seit Wochen, -- kein Zufall ists, da ich
hier bin --; aus seinen Augen dringt ein blaues Blitzen --

Du -- mich?! Ich lache, da es vom Felsen wiederklingt, -- aber in
meinem Herzen weint es.

Ich liebe dich, flstert er -- ich habe geglaubt, ich knnte dich
vergessen, -- aber meine Sehnsucht bliebst du, -- mein ganzes Leben war
ein einziges Warten auf dich. Endlich hab' ich dich gefunden! Alix, mein
Lieb, -- verla mich nicht wieder! Und flehend, wie ein Hungernder,
streckt er die geffneten Hnde mir entgegen.

An eine Nacht denke ich, Hellmut, in der ich vor dir stand und dir
schenken wollte, was du heut' begehrst; -- jetzt hab' ich nichts mehr,
bin bettelarm! -- Ich liebe nur noch die Erinnerung, -- nicht dich; --
du bist ein fremder Mann fr mich, -- an dem ich vorber mu --

In meinem Herzen zuckt es, wie ein verborgenes Leben, das mit dem Tode
ringt --

Ich will um dich werben, Alix, -- demtig -- geduldig, -- an meiner
Liebe wirst du Kalte wieder warm werden --

Ich schttle den Kopf. Nein! sagt eine harte Stimme. War das die
meine?!

Er richtet sich auf, sein Blick erstarrt, -- er tritt zurck, und ohne
aufzusehen, schreite ich an ihm vorbei, -- sehr langsam, schwer atmend,
auf den Stock gesttzt.

Hoch oben, wo auf grner Halde um die Ruinen der Knappenhuser in
dichten Bschen dunkelblaue Vergimeinnicht blhen, sah ich noch einmal
hinab: auf dem Wege zu Tal steht eine graue Gestalt, vom Dunst der Tiefe
halb verwischt: meine Jugend.

Und der steile Steg, den ich gehen will, wohin fhrt er?





End of Project Gutenberg's Memoiren einer Sozialistin, by Lily Braun

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MEMOIREN EINER SOZIALISTIN ***

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