The Project Gutenberg EBook of Deutsche Charaktere und Begebenheiten, by 
Jakob Wassermann

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Title: Deutsche Charaktere und Begebenheiten

Author: Jakob Wassermann

Release Date: April 26, 2006 [EBook #18258]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DEUTSCH CHARAKTERE ***




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                          Deutsche Charaktere
                                  und
                             Begebenheiten


                      Gesammelt und herausgegeben
                                  von
                           Jakob Wassermann



                      S. Fischer, Verlag, Berlin
                                 1915



                         Mit elf Abbildungen.

          Alle Rechte vorbehalten, besonders die der bersetzung.
                      _Erste bis vierte Auflage._



[Illustration: Hochzeitsfeier im Jahre 1548, nach einem Bildteppich im
Kunstgewerbemuseum zu Berlin.]




Inhalt


Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .   9

Szene zwischen Friedrich dem Groen und Ziethen . . . . .  23
    nach Vehse

Bttiger  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  25
    nach Vehse
    und Schmieder, Geschichte der Alchimi

Moritz von Sachsen  . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  41
    nach Vehse

Wallenstein . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .  65
    nach Vehse

Leonhard Thurneyer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 111
    nach Vehse
    und Dr. Mhsen

Danckelmann . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125
    nach Vehse

Kaiser Rudolf II. und sein Hof  . . . . . . . . . . . . . 131
    nach Vehse

Hochzeit Frulein Reginens, Herrin von Tschernembel,
mit Herrn Reichard Strein . . . . . . . . . . . . . . . . 145
    nach Hohenecks
    Stnde streichs ob der Ems

Friedrich Wilhelm I. von Preuen  . . . . . . . . . . . . 148
    nach Vehse

Joachim Nettelbeck  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 192
    nach seiner Autobiographie

Christian Holzwart  . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 223
    nach dem Neuen Pitaval

Karl August von Weimar  . . . . . . . . . . . . . . . . . 251
    nach Vehse, Briefen
    Eckermanns Gesprchen mit Goethe




Vorwort


Die folgende Zusammenstellung deutscher Schicksale und Ereignisse ist
zum grten Teil bereits vor drei Jahren abgeschlossen gewesen, ich
hatte aber die Verffentlichung in dem Gefhl verschoben, da ein
solches Buch mehr als ein anderes von einem Bedrfnis gefordert werden
msse. Der gegenwrtige Krieg, den wir Deutsche als einen Nationalkrieg
empfinden, macht es zur Pflicht, in der Erinnerung des Volkes die Bilder
einiger seiner merkwrdigsten Mnner wachzurufen. Es kam darauf an, das
festzuhalten, was im allgemein Gltigen zugleich das begrenzteste
Persnliche gibt; darum mute ich den ursprnglichen Plan des Werkes
verndern und diejenigen Lebensbeschreibungen, Erzhlungen und Anekdoten
entfernen, die mehr Romanhaftes und Interessantes hatten als
Exemplarisches, mehr ueren Bezug als inneren, mehr Oberflche als
Gehalt. Die Darstellung ist nicht die meine, sie ist zumeist wrtlich
die der Historiker und der Quellen, die im Inhaltsverzeichnis namentlich
angefhrt werden; ich habe das Material bernommen, wie es sich bot, mit
keinem andern Mastab messend, als mit dem der fhl- und sprbaren
Wahrheit und Wahrscheinlichkeit, nur nach dem Gesichtspunkt ordnend, den
ein natrlicher berblick ergab. Den auerordentlichen Schicksalen,
dient nur das Wort treu ihrem Verlauf, wohnt soviel berzeugungskraft
von selber inne, da Stilknste sie nur verschleiern und verzerren
knnen, und wenn irgendwo, gilt hier der Feuerbachsche Ausspruch: Stil
ist die Weglassung des Unwesentlichen. Es ist dieselbe Prozedur, die von
der Geschichte, der berlieferung in den meisten Fllen so gesetzmig
und methodisch besorgt wird, wie von einem Strom, der alles trbe
Gemengsel und unreinen Stoffe alsbald an die Ufer schwemmt oder auf den
Grund sinken lt.

Ich habe es auch unterlassen, zwischen den losen Stcken durch
Ausdeutung oder Betrachtung knstliche Brcken herzustellen; das
Gemeinsame liegt in ihrem Geist und Wesen, die scheinbare Willkr in der
Wahl kann sich nur auf einen Zwang der Phantasie berufen, die
Entscheidung gab allein ihre deutsche Herkunft und deutsche
Beschaffenheit.

Unabweisbar drngt sich hier die Frage auf: Was ist ein deutscher
Charakter, was ist ein deutsches Schicksal, was ist ein deutsches
Ereignis?

       *       *       *       *       *

Spreche ich vom Deutschen schlechthin, so postuliere ich eine Gestalt,
die aus der Erfahrung gezogen und zur Idee gesteigert ist; als solche
schliet sie eine Summe von Eigenschaften in sich, welche sowohl dem
Wesen des Volkes als Ganzes zukommen, als auch dem uns berlieferten
Bilde reprsentativer Mnner entsprechen. Den Mastab hierzu liefert
mir das lebendige und flieende Element der Geschichte. Indem sie mir
eine zergliederte, beseelte Nachricht ber das Ereignis gibt, wie auch
ber die Personen, die in ihm eine Rolle gespielt haben, erlaubt sie mir
zugleich, Ereignis und Figur zu deuten, in freier Betrachtung zu
erweitern und zu verallgemeinern. Das Gesetz begreifen, das Schicksal
fhlen, die auf dem von der Menschheit bisher beschrittenen Weg gewaltet
haben, ist das einzige Mittel, die Wege ihrer Zukunft wenigstens
flchtig und ahnend zu erleuchten.

In diesem Sinne hat man vom deutschen Charakter zu reden und ihn als ein
Umgrenztes und Unterscheidendes zu erklren. Es wre nicht einmal
notwendig, auf Stammeseigentmlichkeiten zu verweisen, auf ausgebildete
und in jeder Landschaft anders geartete Merkmale der Sprache, auf die
Landschaftsformen selbst, auf die wechselnden Lebensbedingungen, das
grere oder geringere Ma von Freiheit, von Wohlfahrt, von
Begnstigungen, die die Natur gewhrt oder die durch vornehmliche Kraft,
Tapferkeit, durch Flei oder Glck erworben wurden; man kann in einem so
reichen, ja unendlich scheinenden Organismus, wie es eine Nation ist,
eine unendliche Vielfalt und Variabilitt der Lebenskristallisationen
feststellen, und doch wird die Nation in ihrer Gesamtheit gegen eine
andere, sei es auch benachbarte, sogar verwandte Nation ein vllig
verschiedenes Lebens- und Wesensbild zeigen. Es eignet eben jeder
Nation, genau wie jedem einzelnen, ihr besonderes Fundament, ihre
besondere Willenskraft, ihre besonderen Ziele, und in der
Zusammenfassung erleidet sie jenes Schicksal, zu dem ihr Charakter den
Grund legt.

Der Deutsche ward nicht in einem Garten geboren, die Natur hat ihn nicht
verschwenderisch beschenkt. Die Berichte aus der Vorzeit erzhlen schon
von dem rauhen Klima und der Kargheit des Landes, das seine Bewohner zu
unermdlicher Arbeit aufforderte und durch berflu nicht verwhnte.
Seitdem ist die Erde williger geworden, die Atmosphre milder, aber die
Flle oder nur die unerwartete Gabe hat der Bauer nie erfahren, der
Grtner, der Obstzchter nie; genau nach dem Ma seines Tuns ward ihm
gelohnt.

Das Leben des Urvolks war gewi dem Kindheitszustand aller andern Vlker
hnlich; an den Grenzen finden die Feinde nur wenig natrliche
Hindernisse; kriegerische Horden, von Osten und Westen her eindringend,
zerstampfen die Saaten, verwsten die Siedlungen; kann der Aufruf des
Frsten Bewaffnete genug erreichen und sammeln, so zieht er dem Bedroher
entgegen und stellt ihn in freier Feldschlacht; ist er zu solchem
Unternehmen zu schwach, so verschanzen sich die Mannen in ihren festen
Pltzen. Immerhin mute der Deutsche als Bewohner des Herzlands Europas
mehr als andre drauf gefat sein, da alles, was er baute und schuf, was
er ste und sparte, was er liebte und schmckte, seine Bume und sein
Vieh, sein Heim und seine Kinder, sein Land und alle Werke darin, die
Beute von schweifenden Eroberern wurde.

Aber da eine feste politische Grenze nicht vorhanden war, konnte jeder
Nachbar jederzeit zum Gegner, der Freund von gestern zum Feind von
morgen werden. Die Folge davon, eine immer grere Zerstckelung des
Gebiets, eine bestndige Lostrennung einzelner Teile, die sich dann zu
selbstwilligen und der Gesamtheit trotzig entgegengesetzten
Interessensphren entwickeln, trat gar bald ein und enthllte sich als
ein nationales Unglck. Um das Jahr 1200 war ganz Deutschland der
Schauplatz aufreibender egoistischer Kmpfe und eines Faustrechts, das
jeden Besitz und jede friedliche Arbeit gefhrdete. Um ihren Handel zu
schtzen, auf welchem allein der Wohlstand, ja die Existenz des
Brgertums beruhte, muten die Stdte zu Mitteln greifen, die sie auch
als wehrhafte Macht in Achtung setzten, und nach und nach wurde jede
Stadt, auch die nicht reichsfreie, zu einer Art von Republik. Da
entstand nun die schnste und eigentmlichste Blte der Volkskraft, ein
bestndiges inneres Wachstum bis in die Zeit der Reformation. Die groen
Schwurgesellschaften bernahmen den Schutz des Privatlebens und
ersetzten so den Staat, alle einzelnen traten in Genossenschaften
zusammen, und diese wieder standen durch Bnde gegeneinander.

Drohende Gefahr macht Wachsamkeit zur ersten Tugend. Ordnung mu die
Vielzahl ersetzen, Zucht ist das Gebot, das die Freiheit frdert. Der
Mann ist Knig in seinem Haus, Diener in brderlichen Verbnden. Nur
Arbeit verleiht Wrde, nur Bewhrung einen Vorrang, und ohne Hingebung
an eine Sache wird der Geist fr nichts geachtet. Wenn aber der Geist
sich zur Sachlichkeit gesellt, entsteht die Idee, die das Individuum
formt und das Gemeinwesen entwicklungsfhig macht. Welche Wege auch
immer der Ritter, der Junker, der Gutsherr, der Bauer einschlug, die
Zukunft der Nation lag in den Hnden des Brgers.

Fast jede Stadt hatte etwas trotzig Ernstes, ja Finsteres; ihre Huser
drngten sich wie Mnner, die Achsel an Achsel stehen, so dicht
zusammen, da fr ein Blumenbeet der Raum nicht blieb. Die
spitzgiebeligen Dcher erschienen als Wahrzeichen der zur Hhe
gedrngten Kraft, die engen Gassen gaben das Gefhl der Umschlossenheit,
und alles Schmuckwerk wuchs gleichsam aus der Not: die Zierlichkeit
massiver Gitter, die geschwungenen Steinquadern unerschtterlicher
Brcken, die Feinheit und zarte Gliederung erhabener Dome, deren
ursprnglich fremde Formen dem deutschen Leben und Wesen immer mehr zu
eigen wurden.

Whrend alle andern abendlndischen Vlker verhltnismig frh zur
Bildung eines staatlichen Organismus gelangten, war dies bei den
Deutschen erst im Verlauf des neunzehnten Jahrhunderts der Fall.
Deutsche Zerrissenheit war das Merkwort, mit dem sich der Deutsche
selbst in die Unabnderlichkeit eines Weltzustandes ergab. Dies ist eine
Tatsache, deren Grund zu erforschen sich wohl lohnt.

Nach allem, was wir von dem Volk der Germanen wissen, scheint es, als ob
ihr religises Leben durch den Eintritt in das Christentum eine
bedeutende Strung erlitten, als ob eine natrliche Entfaltung ihrer
religisen Anlage ein andres Ergebnis gehabt htte als das durch die
Geschichte hervorgebrachte. Darauf lt namentlich die immer wieder
zutage tretende Abneigung der Deutschen gegen den Klerus, gegen das
Papsttum und seine unumschrnkte Gewalt schlieen. Der Papst strebte
nach Weltherrschaft; ein Weltimperium zu schaffen war auch der tiefe
Wille der Deutschen; ist es nicht denkbar, da die eingeborne Macht
dieser Idee dadurch gebrochen worden ist, da die Kaisergeschlechter der
Salier, Franken und Schwaben eine Art Kompromi schlossen, indem sie
eine rmische Weltherrschaft auf deutschem Boden grnden, die Nation in
ein rmisches Kaisertum verwandeln wollten? Es war dies eine poetische
Idee und nicht eine politische, und darin liegt das Verhngnis, darin
der Irrtum, der Stillstand, die Unfruchtbarkeit. Der Zug ber die Alpen:
das romantische Abenteuer; Italien, die zweite Heimat, Provinz des
Lichtes und der Schnheit, der holde Traum, die Lockung der
Jahrhunderte.

Immer wieder setzen die Krfte an diesem Punkte an, immer wieder brechen
sie hier. Es lebte im Volk ein unbeirrbarer, bis ins Unbewute
gedrungener Glaube, da es die Herrenrolle in Europa wieder bernehmen
werde, die nach alten berlieferungen die Ahnen der Vorzeit innegehabt;
aber diese berzeugung kam stets nur in den Leistungen und Werken
einzelner zum Ausdruck und entbehrte dann auch nicht der Schwermut und
Klage; das Staatswesen schien davon unberhrt zu bleiben. Whrend die
Reformation, diese deutscheste Bewegung in der deutschen Geschichte, die
langersehnte geistige Befreiung schafft, findet der Staat im Kaiserhaus
selbst einen Feind, der ihn bestndig an Rom und an die Romanen verrt,
und die Hoffnung der Freien und Befreiten wird durch den Dreiigjhrigen
Krieg, das grte Unglck, von welchem je ein Volk getroffen wurde,
erstickt. Langsam sammeln sich die Krfte wieder; es ist ein erhabenes
Zeugnis fr die der Nation innewohnende Tchtigkeit und Kraft, da sie
kaum eines Jahrhunderts bedarf, um zu einer Blte der Bildung und des
geistigen Lebens zu gelangen, wie sie die Geschichte keines andern
Volkes kennt, eine Blte allerdings, die nach Gustav Freytags tiefem
Wort die wundergleiche Schpfung einer Seele ohne Leib ist.

Erst mit dem Heraufkommen des preuischen Staates kndigt sich eine neue
und verheiungsvolle Periode des nationalen Lebens an. Ein neues
Lebensgesetz wird von den einzelnen ergriffen und bindet sie. Gleichsam
gereinigt in der Glut geistiger Erlebnisse, vor einen reinen Spiegel
hingestellt durch das Genie der Dichter, das Beispiel groer Feldherrn,
groer Frsten und im wahren Sinn protestantischer Volksfreunde,
erkennen die Fhrer, erkennt das Volk die Notwendigkeit politischer
Sammlung und finden den Weg, das Ideal praktisch zu verwirklichen. Alte
Instinkte trotziger Selbstndigkeit werden niedergezwungen und dem
Allgemeinen dienstbar gemacht, schdliches Fremdes wird ausgeschieden,
ntzlich und tchtig Fremdes angeschmolzen.

[Illustration: Ziethen, nach einem Stich von Townley.]

In preuischer Zucht und Schule wchst das neue Deutschland zur
Erkenntnis und zur Erfllung seiner Aufgabe heran. Dort vollzieht sich
die Sonderung, die Wandlung, der Zusammenschlu. Ein Knig, dessen
unerschtterliche Energie im Bewahren, Sammeln und Vorbereiten ihn zum
Werkzeug des Schicksals und zum wahren Zimmermann der Fundamente macht,
gibt aus scheinbar brgerlicher Enge das ungeheure Wort von der
Suvernitt, die er als einen #rocher de bronze# statuiere, und ein
Philosoph in ebenso scheinbarer brgerlicher Enge formuliert den
kategorischen Imperativ als Sttzpunkt einer die ganze moderne Welt
berwlbenden Moral- und Sittenlehre.

Friedrich der Groe war dann der Gestalter, wenn auch nicht der
Vollender, die Verkrperung wesentlicher politischer und
organisatorischer Eigenschaften, mit denen die neue Zeit ihre Arbeit
beginnen konnte. Vielleicht war ihm am Ende seiner unvergleichlichen
Laufbahn noch nicht einmal bewut, wie sehr er Brger war, indem er
Knig war. Und da seine Taten ihn zum Helden machten, schuf er eben
dadurch, da er Knig und Brger zugleich war, einen neuen Begriff des
Heroischen, der durch seine Einfachheit und Menschlichkeit vorbildlich
wurde. In ihm hat das deutsche Gesicht seine krnende Gltigkeit
erhalten und seinen beredtesten Ausdruck.

Das deutsche Gesicht! Es schwebt mir Christoph Ambergers Bildnis eines
Augsburger Patriziers vor, und Holbeins Bildnis des Brgermeisters
Meyer, und Lukas Cranachs Bildnis eines alten Mannes; ich denke an
Luthers Gesicht, an Keplers Gesicht, an Scharnhorsts und Nettelbecks
Gesicht, an Sebastian Bachs und an Moltkes Gesicht; es sind immer
dieselben Zge wie die von Brdern und Gefhrten in der Reihe der
wechselnden Geschlechter.

Sie wissen den Tod, ohne ihn zu sehen, sie spren ihn, ohne ihn zu
frchten. Wie der Tod innerstes Gefhl wird, ist in dem Drerschen
Portrt des Patriziers Oswald Grell ber alle Beschreibung wahr
ausgedrckt, neben einem Antlitz von feierlich ernster Versunkenheit ist
eine Landschaft mit zarten Bumen hingesetzt wie die Vision einer
hheren Welt.

Was macht ihr Auge so schn, so merkwrdig? Ist es der traumvolle Blick,
der dennoch im Lichte badet, die Gte ohne Weichheit, die Strenge ohne
Hrte? Oder das Wissen um menschliche Dinge, um die deutsche Not, die
Menschennot? Es wohnt ein Horchen in ihm, wie durch Stimmen aus der
berwelt erzeugt, ein ungewisser Schimmer, der auf Vertrautheit mit den
letzten Entscheidungen des Schicksals deutet. Im Schlu der Lippen liegt
ein bewltigter Zorn, der sich bald in Trauer wenden mag, oder eine
Stille, die die Resignation trotzig ablehnt; die Nase ersteht aus
Gruben, die von Seelenleiden ausgehhlt sind, und um die Schlfen zuckt
es wie Nachgewitter von Leidenschaften, die gegen die Mitte der Stirne
hin sich in einen See ruhiger und reiner Gedanken auflsen.

Dem Deutschen ward verliehen, die Dinge zu sehen und durch die Dinge
hindurch sich in ein Verhltnis zu Gott zu begeben. Zwischen ihm und
Gott steht das Ding; das Ding wird sein eigen oder Gott wird sein eigen,
er wird Gottes oder auch des Dinges. Symbolisch gro sieht man deshalb
auf der Drerschen Melancholia eine Leiter, eine Sanduhr, einen Zirkel,
einen Wrfel, ein Winkelma und manche andere Dinge.

In vielen deutschen Mrchen ist der schlummernde Knigssohn, der
Schlfer, Siebenschlfer, Scheinschlfer eine Figur wie aus
Selbstanklage und dunkler Verheiung gewebt. Leicht versank der Deutsche
in sich selbst, verlor sich, verga sich, verspielte sich, versumte die
Stunde, die Gelegenheit, die Tat. Kehrte er aber einmal sein Inwendiges
nach auen, so war seine Tat so heftig, wie vorher der Traum von ihr
glhend. Es mute aber ein Unbedingtes sein, ein Hheres, gleichsam
nicht mehr das Ding, sondern Gott, was ihn wandelte. Dann bot er sich
zum Opfer an, und das Opfer war ihm selbstverstndlich, die eigene
Person stets der Preis, den er ohne Prahlerei, mit vollkommener
Einfachheit des Gemtes einsetzte.

Niemand kann kleiner sein als der Deutsche, wenn ihn die Alltglichkeit
beherrscht, niemand platter und lichtloser; niemand aber auch grer,
wenn das Unbedingte an ihn herantritt, das Pathos groer Ereignisse ihn
hinaufreit. In keiner Sprache gibt es ein Wort, das den Zustand
unntzer und spielerischer Wehrhaftigkeit so in den Bereich des
Komischen stellte wie das Wort Spiebrger; aber in keiner auch ein
Wort, das hchste Tugend so karg und metallen ausdrckte, wie das Wort
Held. Spiebrger und Held, das sind die Pole deutschen Lebens, und da
aus einem Spiebrger ein Held werden kann, hat der Deutsche in jeder
Stunde der Gefahr bewiesen. Hierzu brauchte er nur den Glauben an die
Gerechtigkeit der Sache; es durfte nur der Sache nichts Erschlichenes
anhaften, nichts Knstliches, nichts Verfeinertes, nichts Advokatisches;
sie mute sozusagen rauh und urtmlich sein und ihn im Mittelpunkt des
Herzens treffen, dann wurde sein Herz zum Mittelpunkt der Welt.

Seine Anteilnahme kann bis zur Unbequemlichkeit lrmen, doch seine
Begeisterung ist fast immer von stiller Art. Romanischen Vlkern eignet
oft eine Begeisterung ohne Tiefe, eine mige und eitle, der
begleitenden Tat ermangelnde; deutsche Begeisterung ist wie Essenfeuer;
Hammer und Ambo, Huf und Schwert sind nicht weit davon entfernt. Der
still Begeisterte, mehr Erglhte als Entflammte, das ist der Mensch, der
des Fanatismus nicht fhig ist, und die Zustnde jenseit der
Selbstbesinnung finden wir beim Deutschen mehr im Gebiet des Religisen
und rein Geistigen, der Mystik und des Prophetentums, als in dem der
Politik und des gemeinen Lebens.

So ist auch das Exzentrische dem deutschen Wesen fremd; seine Anlage ist
konzentrisch. Er ist gefat; er wei um seine Grenzen, wennschon sein
Verlangen stets nach dem Grenzenlosen geht. Er ist beschaulich, bleibt
aber nicht im Bilde ruhen, sondern verirrt sich gern in die Labyrinthe
der Spekulation. Alles mu fr ihn Bezug haben, Verbindung, Folge, --
insoweit es das Geistige betrifft; daher seine Schwerflligkeit, seine
Pedanterie, sein Respekt vor dem Wissen, sein Zuviel an Schulbildung,
sein Mangel an Gltte, an Schmiegsamkeit und an Manier. Insoweit es
aber das Gemthafte betrifft, braucht er keinen Bezug und achtet keine
Folge; da wird ihm die Welt zum einheitlichen Gebilde, das Schicksal ein
gerechter Herr, und in seiner Seele ist die Menschheit.

Wichtig vor allem ist ihm die Scholle; erstes Gesetz, die Hantierung,
die er gelernt, zur Vollkommenheit auszubilden; einem Herrn zu dienen
Bedrfnis und Freude; einen groen Gedanken in seiner Brust zu hegen und
zu wrmen beinahe Kultus. In den Zeiten seiner politischen Unreife
bersah er, da die Scholle nur ein winziger Teil des Ganzen ist und
segensvoller gedeiht, wenn auf der Nachbarscholle nicht der beargwhnte
Gegner, sondern der mitwirkende Freund haust; bedachte er nicht, da die
Hantierung vom Allgemeinen aus- und zum Allgemeinen zurckgehen mu,
damit ineinanderwachsende Krfte durch berlieferung erstarken und
erblhen knnen und nicht das einzelne vereinzelt mit sich selber
stirbt; mikannte er, da es keinen Herrn gibt, der nicht der Diener
seiner Diener ist; versumte es, sich zum Herren seiner Herren zu machen
und so, im Geflecht von Ordnung und Herrschaft, von Brgerpflichten und
Herrenrechten, von Herrenpflichten und Brgerrechten das glckliche
Glied eines glcklichen Volkes zu werden.

Dies ist anders geworden. Es war ein Proze, so schwierig und
langwierig, da die Besten immer wieder an ihrer Hoffnung verzweifelten
und das Blut edler Mrtyrer vergeblich geopfert schien. Der Proze ist
gewonnen. Das verflossene Jahrhundert hat die deutsche Nation
wiedergeboren, sie aus romantischer Dmmerung an den lichten Tag der
Geschichte gefhrt und ihr, in Pflicht und Liebe, in Neigung und
Interesse das Reich der Realitt geffnet. Der Realismus, welchen man
rhmend oder zrnend die Signatur der Gegenwart nennt, sagt Gustav
Freytag, ist in Kunst und Wissenschaft, im Glauben wie im Staate nichts
als die erste Bildungsstufe einer aufsteigenden Generation, welche das
Detail des gegenwrtigen Lebens nach allen Richtungen zu vergeistigen
sucht, um dem Gemt neuen Inhalt zu geben.

Der Deutsche hat die ihm geme Art von Politik gefunden; ich mchte sie
die Politik des unbeirrbaren Triebes nennen; die Politik der Entfaltung,
der Erkenntnis und der Bestimmung. Sie kann der Winkelzge, der
veralteten Rezepte und geheimen Wege entraten, da sie auf den
natrlichen Rechten des Geistes und Herzens ruht, nicht auf
willkrlichen Machenschaften, sondern auf einer Notwendigkeit und einer
welthistorischen Idee.

Der Siebenschlfer, aufgewacht ist er ja lngst, hat sich auf diesem
Planeten ein gewaltiges Haus gebaut. Gestern ist es unter Dach gebracht
worden. Schon gren die Tannenreiser vom First.




Szene zwischen Friedrich dem Groen und Ziethen


Nach dem glcklich beendeten Siebenjhrigen Krieg sah Friedrich unter
seinen Tischgenossen vorzglich gern den alten General Ziethen. Wenn
gerade keine frstlichen Personen zugegen waren, mute Ziethen immer an
der Seite des Knigs sitzen. Einstmals hatte er ihn auch zum Mittagessen
am Karfreitag eingeladen, aber Ziethen entschuldigte sich; er knne
nicht erscheinen, weil er an diesem hohen Festtag immer zum heiligen
Abendmahl gehe und dann lieber in seiner andchtigen Stimmung bleibe; er
drfe sich darin nicht unterbrechen und stren lassen. Als er das
nchstemal zur kniglichen Tafel in Sanssouci erschien und die
Unterredung wie stets einen heiteren, frhlichen und geistreichen Gang
genommen hatte, wandte sich der Knig mit scherzender Miene an seinen
Nachbar. Nun, Ziethen, sagte er, wie ist Ihm das Abendmahl am
Karfreitag bekommen? Hat Er den wahren Leib und das wahre Blut Christi
auch ordentlich verdaut? Ein lautes spttisches Gelchter schallte
durch den Saal der frhlichen Gste. Der alte Ziethen aber schttelte
sein graues Haupt, stand auf, und nachdem er sich vor seinem Knig tief
gebeugt, antwortete er mit fester Stimme: Eure Majestt wissen, da ich
im Kriege keine Gefahren frchte und berall, wo es darauf ankam, fr
Sie und das Vaterland mein Leben gewagt habe. Diese Gesinnung beseelt
mich auch heute noch, und wenn es ntzt und Sie es befehlen, lege ich
meinen Kopf gehorsam zu Ihren Fen. Aber es gibt einen ber uns, der
ist mehr als Sie und ich und mehr als alle Menschen, das ist der Heiland
und Erlser der Welt, der fr Sie gestorben und uns alle mit seinem Blut
teuer erkauft hat. Diesen Heiligen lasse ich nicht antasten und
verhhnen, denn auf ihm beruht mein Glaube. Mit der Kraft dieses
Glaubens hat Ihre brave Armee mutig gekmpft und gesiegt. Unterminieren
Eure Majestt diesen Glauben, so unterminieren Sie die Staatswohlfahrt.
Das ist gewilich wahr. Halten zu Gnaden.

Die Tafelgesellschaft war totenstill geworden. Der Knig war sichtbar
ergriffen. Er erhob sich, reichte dem General die rechte Hand, legte die
linke auf seine Schulter und sagte: Glcklicher Ziethen! Mchte ich es
auch glauben knnen! Ich habe allen Respekt vor Seinem Glauben. Bewahre
Er ihn. Es soll nicht wieder geschehen.

Kein Mensch hatte den Mut, ein Wort weiter zu reden. Auch der Knig fand
zu einem andern Gesprch keinen schicklichen bergang, er hob die Tafel
auf und gab das Zeichen zur Entlassung. Dem General Ziethen befahl er:
Komme Er mit in mein Kabinett.




Bttiger


Unter die groe Zahl merkwrdiger Mnner, die das achtzehnte Jahrhundert
in Deutschland hervorbrachte, gehrt auch Johann Friedrich von Bttiger,
der zufllige Erfinder des Porzellans. Bttiger war ein geborener
Sachse; er ward geboren zu Schleiz im Vogtlande, wo sein Vater bei der
Mnze angestellt war. Da seine Mutter sich zum zweitenmal mit dem
magdeburgischen Stadtmajor und Ingenieur Tiemann verheiratete, erhielt er
frhzeitig Unterricht in der Mathematik und in der Fortifikationskunst,
zeigte aber eine auffallende Neigung zur Chemie. Schon mit zwlf Jahren
kam er als Lehrling in die Zornsche Apotheke nach Berlin, wo er sich
sofort aufs Goldlaborieren legte. Er wurde dabei durch den berhmten
Johann Kunkel aufgemuntert, der im Zornschen Haus verkehrte und von dem
jungen Menschen so bezaubert war, da er berall seine Talente und
Kenntnisse rhmte.

Um diese Zeit reiste ein groer Unbekannter durch Europa, der unter
mancherlei Namen und vielfach verkleidet auftrat. Er schien kein anderes
Ziel zu haben, als die Ehre der Alchimie zu retten, und verwendete
darauf ungeheure Summen, wenn auch mit groer Vorsicht. Wenn die
Transmutationen nach seinen Angaben versucht wurden und Aufsehen
erregten, war er immer schon weit entfernt und durch Namenwechsel
unerreichbar geworden. Er kehrte nicht leicht dahin zurck, wo er schon
gewesen, oder doch in ganz vernderter Gestalt. Dieser Unbekannte,
welcher Goldsamen ausstreute, bezeichnete sich, wenn man nach Pssen und
dergleichen fragte, als einen griechischen Bettelmnch und nannte sich
Laskaris; er wollte Archimandrit eines Klosters auf der Insel Mytilene
sein und fhrte als solcher auch ein Beglaubigungsschreiben des
Patriarchen von Konstantinopel mit sich. Da er das Griechische vollendet
sprach und sich auch sonst keine Ble gab, wurde seinen Angaben
geglaubt, und man war sogar geneigt, ihn fr einen Abkmmling der
kaiserlichen Familie Laskaris zu halten. Er sammelte Almosen zur
Loskaufung von Christen, die in trkische Gefangenschaft geraten waren,
allein man wollte bemerkt haben, da er weit mehr an die Armen
verschenkte, als ihm die Kollekte eintrug, und demnach mochte es ihm mit
seiner Mission wenig ernst sein. Die Nachrichten ber ihn beruhen auf
dem Zeugnis glaubhafter Personen, die ihn als einen Mann von geflligem
Betragen schildern, sehr unterrichtet und voll von Interessen, was eher
auf einen gebildeten Abendlnder, als auf einen morgenlndischen
Klosterbruder schlieen lt.

Als der geheimnisvolle Fremde im Jahre 1701 nach Berlin kam, erkundigte
er sich bei dem Gastwirt, ob es in Berlin auch Alchimisten gebe. An
dergleichen Narren sei kein Mangel, antwortete treuherzig der Wirt und
nannte unter anderen den Apotheker Zorn. Der Fremde ging bald darauf in
die Zornsche Offizin und fragte nach einem chemischen Medikament. Der
Provisor befahl einem Gehilfen, den Laboranten zu rufen. Es erschien ein
junger Mensch, der Lehrling Bttiger. Auf die Frage des Fremden, ob er
dem Laboratorium vorstehe, weil man ihn den Laboranten nenne, erwiderte
er gutmtig lachend, man tue dies zum Spa, weil er in seinen
Nebenstunden zuweilen chemische Experimente mache. Dem fremden Herrn
gefiel der Jngling, und zur Einleitung einer nheren Bekanntschaft trug
er ihm auf, ein Antimoniumprparat herzustellen und ihm dieses ins
Gasthaus zu bringen.

Als Bttiger das bestellte Prparat brachte, plauderte der Fremde mit
ihm. Bttiger wurde zutraulich und gestand, da er den Basilius
Valentinus besitze und unverdrossen nach ihm arbeite. Er wiederholte
seine Besuche und gewann die Gunst des Fremden immer mehr. Als dieser
endlich abreisen wollte und die Pferde schon warteten, lie er Bttiger
noch einmal rufen und erffnete ihm, da er selbst das groe Geheimnis
besitze, und schenkte ihm zwei Unzen von seiner Tinktur, mit der
Anweisung, da er noch einige Tage davon schweigen, dann aber die
Wirkung der Tinktur zeigen mge, wenn er wolle, damit man in Berlin die
Alchimisten nicht mehr Narren schelte.

Nach der Entfernung des Fremden sumte Bttiger nicht, sich von dem Wert
des Geschenks zu berzeugen. Bald zeigte er den Gehilfen, die ihn bis
dahin verspottet hatten, gutes Gold als Produkte seiner Kunst und sagte,
er sei entschlossen, die Pharmazie aufzugeben, nach Halle zu gehen und
Medizin zu studieren. In der Tat nahm er den Abschied von seinem
Prinzipal und bezog eine Mietwohnung. Er verkehrte mit Alchimisten,
vornehmlich mit einem Laboranten namens Siebert. Eines Tages wurde er
von dem Apotheker Zorn zu Tisch gebeten. Er traf dort zwei Freunde, den
Pfarrer Winkler von Magdeburg und den Pfarrer Borst von Malchow. Die
beiden Geistlichen vereinigten sich, dem achtzehnjhrigen Menschen
vorzustellen, da er zum sicheren Broterwerb zurckkehren und nicht
einer eingebildeten Kunst nachhngen solle; das Unmgliche, sagten sie,
knne er doch nicht mglich machen. Er aber erbot sich, das Unmgliche
sogleich mglich zu machen, und forderte sie auf, Zuschauer zu sein. Die
ganze Tischgesellschaft verfgte sich nun mit ihm in das Laboratorium.

Hier nahm Bttiger einen Tiegel und wollte Blei darin schmelzen, als
aber die Gegner sein Blei verdchtig finden wollten, whlte er statt
dessen Silbergeld von bekanntem Gehalt. Die preuischen
Zweigroschenstcke waren damals fnfltig, und von diesen nahm er
dreizehn Stck. Whrend sie zusammenschmolzen, brachte er eine silberne
Bchse hervor, die den Stein der Weisen in Gestalt eines feuerroten
Glases enthielt. Er lste davon einige Krnchen ab, streute sie auf das
flieende Metall und verstrkte die Glut. Danach reichte er den
Zweiflern das ausgegossene Metall dar, und staunend berzeugten sich
diese, da es zum reinsten Gold geworden war.

Dem Laboranten Siebert zeigte Bttiger eine grere Transmutation in
andern Metallen. Siebert mute acht Lot Quecksilber in einem Tiegel hei
machen; auf die Masse warf Bttiger soviel als ein Handkorn gro von
einem braunroten Pulver, das er zuvor in Wachs impastiert hatte. Dadurch
wurde das Quecksilber ganz und gar in Pulver verwandelt, dieses Pulver
wickelte er in Blei und lie es schmelzen. Nach einer Viertelstunde war
alles Metall zu Gold geworden.

Diese und andere Proben, welche Bttiger neugierigen Bekannten zeigte,
machten ihn bald zum Helden des Tages, und das um so mehr, als er nicht
fr gut fand, die Wahrheit zu gestehen, sondern sich selbst als Erfinder
des Pulvers bewundern zu lassen. Die Erfahrenen nannten ihn Adeptus
ineptus und prophezeiten ihm Unheil, welche Prophezeiung sich auch bald
erfllte. Die Stadtgesprche drangen in die kniglichen Vorzimmer und
bis zu Knig Friedrich I. selbst. Der Knig lie nachfragen und fand es
geboten, sich des jungen Adepten zu versichern. Schon war Befehl
erteilt, ihn zu verhaften, als ein Bekannter ihn warnte. In der Nacht
verlie er Berlin zu Fu und eilte, Wittenberg zu erreichen. Whrend er
ber die Elbe gesetzt ward, sah er hinter sich ein preuisches Kommando,
das man ihm nachgeschickt hatte. In Wittenberg wohnte seiner Mutter
Bruder, der Professor Kirchmaier, der auch als alchimistischer
Schriftsteller von sich reden gemacht hatte. Bei ihm wre Bttiger
geborgen gewesen, allein der preuische Hof reklamierte ihn in Dresden
als preuischen Untertan. Der Grund hierzu blieb bei dem erregten
Aufsehen kein Geheimnis; der schsische Hof ward aufmerksam. Man
verweigerte die Auslieferung, weil sich ergab, da er in Sachsen geboren
sei. Knig August II. lie ihn nach Dresden bringen und freute sich, da
ihm ein so seltener Vogel zugeflogen war, denn die Nachrichten aus
Berlin lieen ihn nicht daran zweifeln, da Bttiger wirklich ein Adept
sei.

Bttiger zeigte dem Statthalter Frstenberg die Tinktur und ihre
Wirkung. Er berlie ihm eine Probe seines Arkanums, auch ein Glschen
voll Merkur, und damit reiste Frstenberg zum Knig nach Warschau.
Frstenberg mute einen Eid leisten, da er mit dem Knig nicht frher
eine Probe machen wrde, als bis er auf Ehre und Gewissen versprochen
habe, Zeugen nicht zuzulassen, auch weder jetzt noch knftig jemandem
das Geheimnis zu entdecken. Ferner hatte Bttiger es ihm eingeschrft,
nicht ohne Gottesfurcht und Frmmigkeit ans Werk zu gehen, weil darauf
unendlich viel ankomme.

Kaum war Frstenberg beim Knig angelangt, als im Zimmer des Knigs ein
Hund die Schachtel umwarf, in der sich das Glas mit Merkur befand, so
da dieses zerbrach. Bttiger hatte versichert, der Merkur sei von ganz
besonderer Beschaffenheit, er war also in Warschau nicht zu ersetzen.
Nichtsdestoweniger nahmen am zweiten Weihnachtsfeiertag, in tiefer
Nacht, in einem der innersten Zimmer des Schlosses und bei verriegelten
Tren der Knig und Frstenberg die Probe vor. Die beiden Tiegel, die
Bttiger mitgegeben hatte, wurden mit Kreide bestrichen, in den greren
Tiegel die Tinktur mit Merkur, wie er in Warschau zu kaufen war, und
Borax getan, der zweite Tiegel darauf gestrzt und die Masse anderthalb
Stunden lang ins Glhfeuer gestellt. Das Resultat des Prozesses war
nicht Gold, sondern ein so fester Krper, da man die Tiegel zerschlagen
mute, um ihn zu gewinnen. Frstenberg schrieb an Bttiger, da der
Knig selbst ber zwei Stunden beim Feuer gesessen sei; an der gehrigen
Frmmigkeit habe es bestimmt nicht gefehlt, da der Knig zwei Tage
vorher das heilige Abendmahl genossen und er, der Frst, seine Gedanken
ebenfalls einzig auf Gott gerichtet habe; trotzdem sei das Experiment,
dessen Gelingen Bttiger dem Knig so sicher vorgespiegelt habe,
gnzlich milungen.

Im Januar 1702 kehrte Frstenberg wieder nach Sachsen zurck. Er traf
Bttiger, der in seinem Hause wie ein Gefangener behandelt wurde, hchst
unzufrieden; der lebenslustige junge Mensch drohte sich zu ermorden,
wenn man ihm nicht die Freiheit gebe. Frstenberg lie ihn deshalb auf
die Festung Knigstein bringen, doch hier wurde Bttiger noch viel
wilder. Nach einem Bericht des Kommandanten schumte er wie ein Pferd,
brllte wie ein Ochse, knirschte mit den Zhnen, rannte mit dem Kopf
gegen die Mauer, arbeitete mit Hnden und Fen, kroch an den Wnden
entlang und zitterte am ganzen Leibe. Zwei starke Soldaten konnten
seiner nicht Herr werden; er hielt den Kommandanten fr den Engel
Gabriel, verzweifelte wegen der Snde an dem heiligen Geist an seiner
ewigen Seligkeit und trank dabei oft zwlf Kannen Bier tglich, ohne
betrunken zu werden. Man konnte nicht klar sehen, ob alles dies auf
Verstellung beruhte.

Nun kam aber der Befehl vom Statthalter, ihn nach Dresden zu schaffen,
und Frstenberg nahm ihn wieder in sein Haus. Hier war es, wo er mit dem
berhmten Tschirnhausen bekannt wurde. Ehrenfried Walter von
Tschirnhausen gehrte zu Frstenbergs vertrautesten Freunden. Sooft er
von seinem alten Stammgut Kieslingswalde nach Dresden kam, wohnte er
beim Statthalter und arbeitete beim Frsten in dessen Laboratorium. Er
war einer der ausgezeichnetsten Naturverstndigen seiner Zeit, durch ihn
sind in Sachsen die Glashtten eingefhrt worden. Er hatte zwlf Jahre
lang ganz Europa bereist und war Mitglied der Pariser Akademie der
Wissenschaften. Wie Kunkel in Berlin, so nahm sich Tschirnhausen in
Dresden Bttigers an, und dies verlieh Bttiger auf einmal wieder groe
Wichtigkeit, so da man jahrelang Geduld mit ihm hatte und immer hoffte,
er werde das groe Werk leisten. Er selbst hoffte es.

[Illustration: Joh. Friedr. Bttiger, nach einem Medaillon im Museum zu
Gotha.]

Bttiger erhielt nun seine Einrichtung im kniglichen Schlo. Er
bewohnte zwei Zimmer mit der Aussicht auf den Hofgarten, den sogenannten
Probiersaal und einige Gewlbe zum Laborieren, die groe Opernstube als
Billardzimmer und das Kirchstbchen des Grtners zu seiner Andacht. Alle
Rume waren neu mbliert worden. Er durfte in dem an seine Wohnung
stoenden Feigengarten spazieren gehen, und wenn er ausfahren wollte,
stand ihm eine knigliche Equipage zur Verfgung. Zu seiner
Beaufsichtigung wurde der Sekretr Nemitz bestimmt, der dafr ein
besonderes Zimmer im Schlo hatte, nach Belieben Gste einladen konnte,
aber bei Verlust seiner Freiheit fr Bttiger verantwortlich war. Auer
Tschirnhausen durfte niemand ohne seine Erlaubnis zu Bttiger gehen. Ein
Baron Schenk war angewiesen, Bttiger in dessen freien Stunden
Gesellschaft zu leisten, ihm die Zeit zu vertreiben und, wenn er es
verlangte, im roten Zimmer mit ihm zu speisen. Es speisten auch viele
andere Personen bei ihm, so der Bergrat Pabst von Ohain, der berhmte
Metallurg, der geheime Kammerier Starke, ein Liebling des Knigs, der
seine Schatulle besorgte, und der Sekretr Malhieu; Tschirnhausen, der
Bttiger so lieb gewonnen hatte, da er sich mehr in Dresden als in
Kieslingswalde aufhielt, war hufig sein Gast und brachte manchmal den
Statthalter mit. Bttigers Deputat im Schlosse waren mittags und abends
fnf Gerichte mit Wein und Bier. Das Tafelgert war aus Silber. Er
konnte Geld haben soviel er wollte, man hielt ihm sogar Mtressen wie
einem vornehmen Kavalier.

Bttigers Umgang hatte, wenn er bei Laune war, ungemein viel
Anziehendes. Er war ein jovialer Mensch mit der lebendigsten
Unterhaltungsgabe, mit der er alle zu bezaubern wute. Der Statthalter
lebte mit ihm auf vertrautem Fu, fuhr oft mit ihm nach Moritzburg auf
die Jagd, die Bttiger leidenschaftlich liebte, und schrieb ihm die
zrtlichsten Briefe. Auch der Knig, der sich mit Bezug auf Bttiger
berschwenglichen Hoffnungen hingab, behandelte ihn in seinen Briefen
mit groer Rcksicht. Er gratulierte ihm zum neuen Jahr, versichert ihm
wiederholt, da der Statthalter die Vollmacht habe, alles nach Bttigers
Belieben einzurichten, und ihm niemand aufdringen drfe, der von
widrigem Naturell sei. In Briefen des Knigs an andere wird er
Monsieur Schrader genannt oder die Person oder der Bewute oder
l'homme de Wittenberg; Bttiger selbst unterzeichnete sich nur mit
seinen beiden Vornamen oder mit Notus.

Anderthalb Jahre lang war Bttiger vor dem Mitrauen des Knigs durch
den Hund geschtzt, der in Warschau die Schachtel mit dem Merkurglas
umgeworfen hatte und der Vorwand genug gab, zu sagen, der Knig und sein
Minister seien bei dem Tingierversuch ohne Geschick verfahren. Whrend
dieser anderthalb Jahre lebte Bttiger in Herrlichkeit und Freude. Sein
Aufenthalt kostete dem Knig vierzigtausend Taler. Bttiger war bei den
Leuten von gutem Ton allgemein beliebt. Man speiste gern bei ihm, denn
er legte jedem Gast eine groe, goldene Schaumnze von eigener Arbeit
unter den Teller; dies bewog sogar die Damen, sich zahlreich bei ihm
einzufinden. Man spielte auch gern mit ihm, weil er gern verlor.

Die hohe Ehre hatte seinen Kopf so gnzlich eingenommen, da er kaum der
Mglichkeit gedachte, sein Schatz knne erschpft werden. Allenfalls
erwartete er von einigen Winken, die Laskaris im Gesprch hatte fallen
lassen, da sie ihn auf den rechten Weg fhren wrden, wenn es Zeit sei,
ihn zu suchen. Diese Zeit schob er leichtsinnig hinaus, bis endlich
Bedrfnis und Verlegenheiten mahnten, an die Auffindung der Goldquelle
mit Ernst zu denken. Da fand er sich aber in seiner Hoffnung bedroht.
Was er auch probierte, alles schlug fehl, und er berzeugte sich, da er
sich die Sache zu leicht gedacht habe und weit vom Ziel entfernt sei.
Die berechnende Politik seiner Gnner whnte sich jetzt am Ziel.
Bttigers sechs Bediente waren schon lngst gewonnen und belauerten ihn
Tag und Nacht. Was sie berichteten, gefiel nicht mehr. Man argwhnte,
da er die Umstellung merke und absichtlich das Rechte verfehle, um
seine Kunst fr sich zu behalten. Da erfuhr man, da er Vorbereitungen
treffe, um heimlich nach sterreich zu entweichen, und nun wurde seine
Wohnung, sogar sein Zimmer mit Wachen besetzt.

Indessen hatte Laskaris, der noch in Deutschland reiste, seinen jungen
Freund nicht aus den Augen verloren, und der ble Ausgang, welchen
Bttigers Angelegenheiten in Dresden zu nehmen drohten, machte ihm
Sorge, da er sich vorwerfen mute, den Jngling in Versuchung gefhrt zu
haben. Er entschlo sich daher, ihn zu befreien und groe Opfer nicht zu
scheuen. In solcher Absicht wagte er sich im Jahre 1703 zum zweitenmal
nach Berlin. Er lie einen jungen Arzt, den Doktor Pasch, zu sich
kommen, der mit Bttiger vertrauten Umgang gehabt hatte und unternehmend
genug zu sein schien. Diesem erffnete er alle Schwierigkeiten, trug ihm
auf, nach Dresden zu gehen, dem Knig Bttigers Unwissenheit zu erklren
und ihm fr dessen Freilassung die Summe von achtmalhunderttausend
Dukaten zu bieten, die man in Holland oder in einer beliebig zu
bestimmenden deutschen Reichsstadt erheben knne. Um den Sendboten von
der Aufrichtigkeit seines Anerbietens zu berzeugen zeigte er ihm einen
Vorrat von Tinktur, der ber sechs Pfund wog. Er bewies ihm durch
Versuche, da mit dieser Masse ein Zentner Gold in lauter Tinktur
verwandelt werden knne, die dann noch drei- bis viertausend Teile
Metall in Gold zu veredeln vermge. Er gab ihm eine Probe fr den Knig
mit und versprach, ihn ebenso reich wie Bttiger zu beschenken, wenn er
sich seines Auftrages gut entledigte.

Doktor Pasch begab sich auf den Weg. Er war mit zwei Herren verwandt,
die am Dresdner Hof groen Einflu hatten. Durch ihre Vermittlung hoffte
er leichter zum Knig zu gelangen und machte ihnen deshalb sein Anliegen
bekannt. Sie urteilten aber, ein so hoher Preis werde den Knig eher
bestimmen, den Verhafteten noch besser zu bewahren, weil es ja den
Anschein habe, als lasse Bttiger selbst durch dritte Hand soviel fr
seine Freiheit bieten. Auerdem meinten sie auch, da dem Knig an ein
paar Millionen Talern nicht soviel gelegen sein knne als ihnen, und sie
kamen berein, Bttiger in der Stille fortzuschaffen und den Preis mit
Doktor Pasch zu teilen.

Auf ihre Veranstaltung bezog Pasch eine Wohnung dicht neben dem Hause,
worin Bttiger bewacht wurde. Er konnte ihm aus dem Fenster zuwinken,
wurde sogleich von ihm erkannt, fand Mittel, ihm Briefe zu schicken,
erhielt auf demselben Weg die Antworten, gab ihm Kunde von der nahenden
Hilfe und verabredete mit ihm den Plan der Flucht.

Bttigers Bediente lieen sich das Hin- und Hertragen der Briefe gut
bezahlen, berichteten aber hheren Orts ber den Briefwechsel und
lieferten die folgenden Briefe aus. Nichtsdestoweniger gelang es
Bttiger zu fliehen. Er kam bis nach Enns in sterreich, wurde aber dort
aufgegriffen und nach Sachsen auf den Sonnenstein zurckgebracht. Doktor
Pasch war dritthalb Jahre lang Gefangener auf der Feste Knigstein. Nach
vielen Bemhungen zeigte sich ein Soldat willig, ihm zur Flucht zu
verhelfen. Beide lieen sich an einem Seil herab, welches aber nicht bis
zum Boden reichte; der Soldat kam glcklich an, Pasch jedoch fiel auf
einen Felsen und zerbrach das Brustbein. Sein Gefhrte trug ihn bis zur
bhmischen Grenze, und von da gelangte er auf Umwegen nach Berlin
zurck. Den Adepten Laskaris sah er nicht wieder, und seine Klagen, wie
er vergeblich Jugend und Gesundheit zugesetzt habe, wurden stadtkundig
in Berlin. Der Knig lie ihn vor sich kommen und hrte seine Erzhlung
an. Sein Krper blieb siech von jenem Fall; nach anderthalb Jahren starb
er.

Auf dem Sonnenstein wurde Bttiger sehr streng bewacht. Im Januar 1704
kam der Knig August nach Sachsen und lernte Bttiger persnlich kennen.
Er bestand darauf, da der Bergrat Pabst zur Bereitung des groen Arkans
bei Bttiger frmlich Unterricht nehme. Pabst, Tschirnhausen und der
Statthalter beschworen nun feierlich sechsunddreiig Kontraktpunkte, die
auch der Knig durch seinen schriftlichen Eid unverbrchlich zu halten
versprach. Bttiger machte zur Bedingung, da von dem gewonnenen Golde
nichts zur ppigkeit sndhaften Aktionibus, boshafter Verschwendung,
unntigen und unbilligen Kriegen verwendet werden drfe; auch drfe, wer
das Arkan besitze, nie einem Herrn dienen, der ffentlichen und
schndlichen Ehebruch treibe und unschuldiges Blut vergiee.

Im September 1705 bergab Bttiger auf zwanzig Folioseiten einen Proze
zum Universal; kurz darauf machte er einen Tingierversuch, welcher
gelang, aber der Kmmerer Starke sagte, es wren verschiedene Umstnde
passiert, die zu einem konzentrierten Betrug ziemlichen Soupson
gegeben. Wiederholt bat nun Bttiger um seine Freiheit und machte den
Knig vor Christi Richterstuhl dafr verantwortlich. Der Knig lie ihn
aber nicht los; vom Sonnenstein wurde er auf die Albrechtsburg bei
Meien geschafft, dann kam er wieder auf den Knigstein und im Herbst
1707 nach Dresden zurck.

Hier lie er nun Materialien aller Art herbeischaffen und verfuhr nach
der berhmten mephistischen Tafel, das heit, er kochte alles
durcheinander. Und so, ganz zufllig, erfand er eines Tages, es war das
sechste Jahr seiner Haft, das braune Jaspisporzellan und spter, als er
schon etwas methodischer zu Werke ging, das weie Porzellan. Nach
Tschirnhausens Rat bildete er diese Erfindungen technisch aus, wobei er
seiner enthusiastischen Natur gem so eifrig war, da er mehrere
Nchte in kein Bett kam. In einem Schreiben an den Knig gestand er
endlich, da er kein Adept sei.

Der Knig begngte sich jedoch mit dem Porzellan, das ihm bei der
damaligen Kostbarkeit des chinesischen Porzellans beinahe so lieb wie
eine Goldfabrik war. Die Manufaktur wurde sofort im groen durch
herbeigezogene hollndische Steinbagger betrieben. Das auf der
Albrechtsburg zu Meien hergestellte Porzellan verdrngte bald das
chinesische und japanische, fr das der Knig August noch Millionen
ausgegeben hatte, und wurde einer der begehrtesten Luxusartikel der
eleganten Welt. Eine Menge Dinge, die bisher aus Marmor, Metall oder
Holz gemacht waren, wurden jetzt aus Porzellan fabriziert, sogar Srge;
die Witwe eines Oberstallmeisters wurde in einem Porzellansarg begraben,
der aber beim Hinuntersenken in die Gruft zerbrach. Wahrscheinlich
hatten neidische Tischler die Leichentrger bestochen. Die
Hauptkunstwerke, die man in Meien herstellte, waren die kleinen, aufs
feinste und schnste bemalten Figuren, und wie der zerbrochene
Spiegel, das Blumenmdchen, die fnf Sinne beweisen, brachte man es
darin zu einer hohen Vollendung. Der Vertrieb der Fabrik stieg bis ber
zweimalhunderttausend Taler, und die Kosten betrugen nur die Hlfte;
gegen achtzig Kommissionslager und Handelshuser fhrten das
Verkaufsgeschft.

Des Fabrikgeheimnisses wegen mute Bttiger noch eine Zeitlang
Gefangener bleiben, doch zeigte sich der Knig sehr gndig gegen ihn,
besuchte ihn hufig auf der Bastei und scho mit ihm nach der Scheibe.
Er erhielt Zutritt zu den Privataudienzen, sooft er wnschte, und
wiederholt befahl der Knig, ihn vor rgernis zu schtzen. Er schenkte
ihm einen Ring mit seinem Bildnis, einen jungen Bren und ein Paar Affen
und gab ihm offenen Kredit bei dem Hofjuden Meyer. Sechs Jahre nach der
Erfindung wurde ihm die Meiner Porzellanfabrik zur freien Disposition
ohne alle Rechnungslegung berlassen. Er lebte in Dresden auf groem
Fu, hielt eine zahlreiche Dienerschaft und eine Menge Hunde.
Ausschweifungen in der Liebe und im Trunk verkrzten sein Leben; er
starb im Mrz 1713, erst vierunddreiig Jahre alt.




Moritz von Sachsen


Kurfrst Moritz war der Sohn Herzog Heinrichs des Frommen und am 21.
Mrz 1521 geboren. Er war ein krftiger Mann, geschmeidigen Krperbaus;
sein braunes Gesicht verkndete den Helden. Seine Augen waren so
glnzend, da sie funkelten und wie von Flammen sprhten; schaute er
unversehens jemand an, so mute dieser den Blick niederschlagen. Seltsam
waren in seiner Erziehung die Elemente gemischt. Sein Vater, den die
Untertanen wegen seiner Gutmtigkeit liebten, war bei aller Frmmigkeit
ein Mann ganz eigenen Schlages. Er hatte einen sonderbaren Geschmack am
Bunten und eine sonderbare Vorliebe fr Kanonen. Er lie anstige
Bilder auf die Kanonen malen, und Lukas Cranach mute ihm dazu die
Zeichnungen machen. Er kaufte alle schnen Gemlde fr seine Kanonen,
die er nur auftreiben konnte, und obgleich er das Geschtz nie brauchte,
konnte man ihm doch keine grere Freude bereiten, als wenn man ihm
sagte, Kaiser Karl habe von seinen Kanonen gesprochen. Vom Hof seines
Vaters kam Moritz an den des Kurfrsten von Mainz und sah hier das ppig
schwelgerische Treiben eines katholischen Kirchenfrsten. Und dann
weilte er bei seinem Vetter Johann Friedrich von Sachsen, wo er die
traurige Einfrmigkeit eines protestantischen Hofes der damaligen Zeit
kennen lernte. Johann Friedrich hatte groe Schwchen, der kluge Moritz
durchschaute sie, er fate einen Widerwillen gegen den Vetter, er konnte
ihn nicht leiden, den dicken Hoffart, wie er ihn zu nennen pflegte.

Noch ehe er zwanzig Jahre alt war, vermhlte er sich mit Agnes, der
Tochter Friedrichs des Gromtigen von Hessen. Sein Vater war ber die
verfrhte Ehe so unglcklich, da der Kummer sein Leben verkrzte; er
starb wenige Monate nach der Hochzeit, und Moritz folgte ihm in der
Regierung. Trotz seiner Heiratsungeduld mute aber seine Frau spter
ber ihn klagen, da er die Wildschweinsjagd ihrer Gesellschaft
vorziehe.

Moritz bekannte sich zur evangelischen Lehre wie sein Vater, aber er
trat nicht in den schmalkaldischen Bund, so oft ihn auch sein Vetter,
der Kurfrst, und sein Schwiegervater, der Landgraf, darum mahnten. Er
vermochte in der neuen Lehre nicht die Summe alles Heils zu sehen. Er
weigerte sich, eine Verbindung gegen den Kaiser abzuschlieen, im
Gegenteil, er nherte sich dem Kaiser, je mehr sich die Bundesgenossen
von ihm entfernten. Er wollte nicht der Trabant _dieser_ Bundesgenossen
sein, er fand seinen nchsten und unmittelbaren Vorteil beim Kaiser.
Deshalb lie er durch seinen Vertrauten Christoph Carlowitz mit
Granvella unterhandeln und kam dann im Mai 1546 persnlich zum Kaiser
nach Regensburg; hier trat er in den Dienst des Kaisers ein. Karl
ernannte ihn nicht nur zum Exekutor, Konservator und Schirmer von
Magdeburg und Halberstadt, nach deren Besitz Moritz schon lange
getrachtet hatte, sondern er versprach ihm auch die Kur Sachsen. Der Tag
von Mhlberg verschaffte ihm den Kurhut wirklich, und es schien ihn
nicht zu beirren, da durch diese Schlacht sein Vetter in das bitterste
Unglck geriet. Luther hatte wohl recht gehabt, als er einmal bei der
Tafel den Kurfrsten davor gewarnt hatte, in Moritz einen jungen Lwen
aufzuziehen.

Ende April 1547 rckten das kaiserliche Heer und die Scharen Herzog
Moritz' gegen Mhlberg. Der Kaiser Karl war ritterlich anzusehen, er sa
auf einem andalusischen Ro, das mit einer rotseidenen, goldbefransten
Decke behangen war; er war ganz in blanken Waffen, sein Helm und Panzer
vergoldet, mit dem roten burgundischen Feldzeichen geschmckt; in der
Rechten hielt er eine Lanze. Die Gicht hatte ihn grau und mde gemacht,
sein Gesicht war leichenbla, die Glieder wie gelhmt, die Stimme so
schwach, da man sie kaum vernahm. Zu frh aber hatten die Protestanten
ihn wie einen Verstorbenen betrachtet. Karl zitterte jedesmal, bevor er
die Waffenrstung anlegte, aber dann erfllte ihn pltzlich der Mut. So
war es auch am Tag von Mhlberg.

Die ersten, die das Ufer der Elbe erreichten, waren Moritz und Herzog
Alba. Ein Bauer verriet ihnen, da Johann Friedrich in der Stadtkirche
zu Mhlberg den Sonntagsgottesdienst abwarte, da er sein Fuvolk schon
nach Wittenberg vorausgeschickt habe und nach der Predigt mit den
Reitern folgen wolle. Die spanischen Hakenschtzen erhielten sofort den
Befehl, hinber zu schwimmen; sie taten es, indem sie sich entkleideten
und die Sbel zwischen die Zhne nahmen. So bemchtigten sie sich der
Brcke, die die Kurfrstlichen vergebens anzuznden versucht hatten, und
die sie zerstrten. Der Kaiser hatte schon ber den dichten Nebel
geklagt, der ber der ganzen Gegend lag, jetzt gegen Mittag erhob sich
der Nebel langsam. Er erblickte die Elbe, die Sonne trat heraus, aber
sie war rot wie glhendes Eisen und schien den ganzen Tag ber still zu
stehen. Als spter der Knig von Frankreich den Herzog Alba fragte, ob
sich denn wirklich bei dieser Schlacht die Geschichte Josuas erneuert
habe, erwiderte dieser: Sire, ich hatte zu viel auf Erden zu tun, um
bemerken zu knnen, was am Himmel vorging. Gegen alles Erwarten wurde
dem Kaiser durch einen Mller namens Strauch, dem die Kurfrstlichen
zwei Pferde weggefhrt hatten, eine Furt gezeigt; Moritz, sein
Landesherr, versprach ihm dafr hundert Kronen, zwei andere Pferde und
einen Herrenhof. Die Furt war von festem Boden, sieben Pferde konnten
nebeneinander gehen, das Wasser reichte den Reitern bis an die Sttel.
Einige Kavaliere des Kaisers hatten groe Furcht, wenn der Kaiser selbst
nicht vorangeritten wre, htten sie nicht gewagt, sich einer solchen
Gefahr auszusetzen. Am jenseitigen Ufer angelangt, schickte Moritz
einen seiner Offiziere mit einem Trompeter an den Kurfrsten und lie
ihn auffordern, sich dem Kaiser zu ergeben. Johann Friedrich schlug es
ab. Er glaubte nicht an den Ernst der Dinge. Er konnte nicht glauben,
da ein ganzes Heer die Elbe durchwaten knne; er vermutete ganz und gar
nicht, da der Kaiser selbst gegen ihn anziehe; er zog sich vorsichtig
zurck, und seinem bedchtigen Sinn wurde die Situation erst klar, als
die Angriffe der kaiserlichen Armada immer ungestmer wurden. Jetzt
empfand er mit einemmal die groe Verantwortlichkeit, da er sich gegen
den ihm von Gott gesetzten Herrn, gegen das allerhchste Reichsoberhaupt
vergangen habe. Auf freiem Felde fiel er vor seinen Leuten auf die Knie,
hob die Augen und Hnde empor und betete: Ach Gott im Himmel! Bin ich
mit meinem Vornehmen gegen die Majestt ungerecht, so strafe mich, aber
nicht mein Volk.

Er stellte sein kleines Heer in Schlachtordnung auf und bestieg einen
schweren friesischen Hengst; er trug einen schwarzen Harnisch mit weien
Streifen und darunter noch ein Panzerhemd mit kleinen Ringen.

Es war vier Uhr nachmittags. Der Vortrab der Kaiserlichen rckte zur
Hauptattacke zusammen; es waren die Reiter von Herzog Moritz, die
Neapolitaner und die Husaren. Mit dem Ruf Hispania und das Reich
brachen sie los. Die Kurfrstlichen feuerten. Aber von der anderen Seite
her rckten die vollen Gewalthaufen des Kaisers an. Die Haltung ihres
Kriegsfrsten hatte der kleinen schsischen Armee wenig Zuversicht und
heldenmtiges Vertrauen eingeflt. Da nun die Gefahr sich deutlich
offenbarte, rief er sie an, getreu bei ihm zu stehen, wie er getreu bei
ihnen stehen werde. Trotzdem kam allgemeine Verwirrung ber die Leute.
Aber es traf noch etwas weit schlimmeres ein. Der Patrizier Imhof aus
Nrnberg, der unter Karls Fahnen diente, erzhlt: Es ist seltsam zu
vernehmen, wie des Kurfrsten Rte und groe Hansen, so er bei sich
gehabt, mit ihm umgegangen sind. Wie die Schlacht angegangen, hat der
Kurfrst seinem Volke zugeschrien: 'er wolle auf diesen Tag Leib und
Blut bei ihnen lassen, sie sollten auch ehrlich halten bei ihm.' Als nun
das Treffen angegangen, haben seine Rte und groen Hansen, auf die er
sich verlassen, zur Flucht geschrien, auch unter sein eigenes Volk
gehauen und gestochen und die Ordnung seiner Haufen getrennt. Das habe
ich zu Torgau von etlichen von Karl gehrt, auch habe ich an der
Walstatt gesehen, da alles durch Verrterei zugegangen.

Das Heer stob auseinander, die Ritter zuerst, und als das Fuvolk die
Ritter fliehen sah, warf es Gewehre und Piken weg und suchte sein Heil
gleichfalls in der Flucht. Die Ritter entkamen, aber das Schicksal des
Fuvolks war schrecklich; obwohl es die Waffen weggeworfen hatte und um
Pardon bat, ward es samt und sonders niedergehauen. Karl, von Gottes
Gnaden rmischer Kaiser, allzeit Mehrer des Reiches, zu Hispanien Knig,
hatte ausdrcklichen Befehl erteilt, alles ber die Klinge springen zu
lassen. Damals lernte man im Herzen von Deutschland das Haus
Hispanien-Habsburg mit seinen Husaren kennen.

Johann Friedrich, den seine Ritter verlassen hatten, sah sich pltzlich
ganz allein im Wald, wo alles voller Leichen lag, von Husaren vorn und
hinten umgeben. Der schwerbeleibte Herr mute sich zur Wehr setzen, er
tat es ritterlich. Ein Ungar hatte ihn in die linke Backe gehauen, das
Blut rann ihm ber das Gesicht auf den schwarz und weien Harnisch
herab. Dennoch wollte er sich diesen Husaren und auch den
neapolitanischen Reitern, die ihn umdrngten, nicht ergeben. Endlich
sprengte ein Herr vom Hofgesinde des Herzogs Moritz heran, Thilo von
Trotha; dieser rief ihn auf deutsch an, Pardon zu nehmen. Johann
Friedrich ergab sich an diesen Deutschen; er zog einen Ring unter seinem
Panzerhandschuh hervor. Die Waffen des schsischen Kurfrsten, Schwert
und Dolch, fielen den Ungarn zur Beute zu.

Thilo von Trotha brachte den gefangenen Kurfrsten unter einer Bedeckung
von neapolitanischen Reitern zum Herzog von Alba. Dieser erstattete dem
Kaiser Meldung. Karl wollte den edlen Fang sogleich sehen, aber dreimal
weigerte sich der sonst so pflichtbewute Alba, denn aus politischen
Grnden frchtete er mit Recht, da Karl in der ersten Hitze den
Kurfrsten allzu ungndig behandeln werde. Der Kaiser bestand aber auf
seinem Willen. Er hielt in der Heide zu Pferd.

Als der noch aus seinen Wunden blutende Johann Friedrich des Kaisers
ansichtig wurde, den er in seinen Absagebriefen als Karl von Gent, der
sich rmischer Kaiser heit betitelt hatte, seufzte er tief und rief
aus: #Miserere miserere mei domine, nos sumus jam hic!# Der Kaiser
erkannte den friesischen Hengst wieder; es war derselbe, den Johann
Friedrich vor drei Jahren auf dem Reichstag zu Speier geritten hatte.
Von Alba untersttzt stieg der Kurfrst vom Pferd, wollte nach
spanischer Sitte vor dem Kaiser aufs Knie fallen und zog auch wieder
nach deutscher Sitte seinen Blechhandschuh aus, um als Kurfrst dem
Kaiser die Hand zu reichen. Karl lehnte sowohl die spanische Devotions-
als die deutsche Vertraulichkeitsbezeigung ab. Er war sehr finster; er
wendete sich zur Seite. Endlich brach der Kurfrst das Stillschweigen
mit der Titulatur, mit der ihm die Kurfrsten schrieben. Er sprach:
Gromchtigster, allergndigster Kaiser. Karl erwiderte: Ja, ja, nun
bin ich Euer gndiger Kaiser; Ihr habt mich lange nicht so geheien.
Der Kurfrst fuhr fort: Ich bin auf diesen Tag Euer Gefangener und
bitte um ein frstlich Gefngnis. Kaiserliche Majestt wolle sich gegen
mich als einen geborenen Frsten halten. Darauf sagte der Kaiser
zornig: Ja, wie Ihr verdient habt. Ich will mich so gegen Euch halten,
wie Ihr Euch gegen mich gehalten habt. Fhrt ihn hin! Wir wissen uns
wohl zu halten.

[Illustration: Moritz von Sachsen, nach einem Holzschnitt aus der
Werkstatt Cranachs.]

Erst spt in der Nacht kam Herzog Moritz von der Verfolgung der Ritter
und Reiter zurck, bei der ihm heller Mondschein geleuchtet hatte. Mehr
als zwanzig Stunden hatte er an diesem Tag zu Pferde gesessen, war mehr
als einmal dem Tod entgangen, und nun fand er den Stammvetter in
Gefangenschaft. Die Kur Sachsen war auf seinem Haupte fest.

Karl zog nun vor Wittenberg und belagerte die Stadt. Die Brger wollten
sich bis auf den letzten Mann wehren, und Johann Friedrich weigerte
sich, sie zur bergabe aufzufordern. Da lie der Kaiser durch ein
spanisches Kriegsgericht das Todesurteil ber ihn aussprechen, welches
lautete, da bemeldeter Hans Friedrich, der chter, ihm zur Bestrafung
und andern zum Exempel durch das Schwert vom Leben zum natrlichen
Gericht frgebracht und solch Urteil auf der im Feld aufgerichteten
Walstatt vollzogen werden solle.

Der Kurfrst, dem es im Glck so sehr an der ntigen Energie gemangelt
hatte, bewies im Unglck den ganzen Heldenmut des Glaubens, der sein
einfaches Gemt durchdrang. Er vernahm das Todesurteil, als er eben mit
seinem Leidensgenossen Franz von Grubenhagen beim Schachbrett sa. Er
erwiderte gelassen: Ich kann nicht glauben, da der Kaiser also mit mir
handeln werde, ist es aber bei der kaiserlichen Majestt gnzlich
beschlossen, so begehre ich, man soll es mir fest zu wissen tun, damit
ich bestellen kann, was meine Frau und meine Kinder angeht.

Neun Tage lang lie Karl seinen Gefangenen in der Todesfurcht schweben.
Dem Kurfrsten von Brandenburg und dem Herzog von Cleve gelang es aber,
das Unheil abzuwenden: die Wittenberger kapitulierten. Johann Friedrich
blieb Gefangener des Kaisers so lange als es diesem gefallen wrde;
selbst nach Spanien sollte er ihn schicken drfen. Zum Unterhalt fr ihn
und sein Haus wurde ein Teil von Thringen mit einem Jahreseinkommen von
fnfzigtausend Gulden bestimmt. Es war ein Artikel in der Kapitulation,
demzufolge Johann Friedrich alles annehmen sollte, was das Konzil zu
Trident oder die kaiserliche Machtvollkommenheit in Sachen der Religion
beschlieen werde; diesen Artikel anzunehmen weigerte sich der Kurfrst
beharrlich; Karl strich ihn mit eigener Hand wieder aus.

Auf einer groen Wiese bei Blesern bertrug der Kaiser dem Herzog Moritz
das Kurfrstentum, und Moritz legte darauf sein Heer als Besatzung in
die Stadt Wittenberg. Das Volk nahm sie mit tiefem Herzeleid auf. Moritz
ritt zornig gerade aufs Schlo und sah keinem Menschen ins Gesicht. Zu
den Ratsmnnern, die ihm die Aufwartung machten, sagte er: Ihr seid
eurem Frsten, meinem Vetter, so getreu gewesen, das will ich euch ewig
im guten gedenken.

Von Wittenberg aus zog der Kaiser gegen den Landgrafen von Hessen. Der
war schon lngst kleinmtig geworden, und als er das Schicksal Johann
Friedrichs erfuhr, begann er mit Karl zu unterhandeln. Der Kaiser
forderte, da er sich auf Gnade und Ungnade ergeben, hundertfnfzigtausend
Goldgulden Bue zahlen, seine Festungen schleifen und seine Kanonen
ausliefern solle. Dagegen wurde ihm schriftlich versichert, da er Land
und Leben behalten, auch mit einigem Gefngnis verschont werden wrde.
Die beiden Vermittler, Joachim von Brandenburg und Moritz von Sachsen,
verbrgten sich in dieser Verschreibung mit ihrem Ehrenwort gegen den
Landgrafen. Im Vertrauen auf die Kurfrsten nahm der Landgraf die
Bedingungen an. Moritzens Gemahlin, die Tochter des Landgrafen, tat vor
dem Kaiser einen Fufall fr ihren Vater. Der Kaiser war zu keiner
andern Erklrung zu vermgen, als da der Landgraf sich auf Gnade oder
Ungnade zu ergeben habe. Nun kam der Landgraf nach Halle; er speiste mit
den beiden Kurfrsten zu Abend; am andern Morgen nahmen die drei Herren
ihr Frhstck bei Granvella, und hier unterzeichneten sie das
verhngnisvolle Schriftstck, in welchem, ohne da sie es merkten, der
Ausdruck einiges Gefngnis verndert war in ewiges Gefngnis. Am
Nachmittag fand die Abbitte vor dem Kaiser statt. Der Kaiser sa auf dem
Thron unter einem vergoldeten Himmel, umgeben von seinen spanischen,
italienischen, niederlndischen und deutschen Groen. Der Landgraf
Philipp kniete in schwarzsamtenem Kleid mit roter Binde kleinmtig und
traurig auf dem Teppich vor dem Throne, und hinter ihm las sein getreuer
Kanzler Tielemann von Gnterode die Abbitte vor. Er las mit klglichen
Gebrden und in klglichem Ton; auf dem Gesicht des Landgrafen zeigte
sich ein Lcheln; es war vielleicht die unbewute Hilfe seiner leichten
Natur gegen das Gefhl der Schmach. Aber der gravittische Kaiser hob
langsam den Finger auf und sagte in seiner brabantischen Mundart: Wart,
ik wll dir laken lehr. Nachdem der Reichsvizekanzler die Antwort des
Kaisers verlesen, Gnterode sich dann hflich bedankt hatte, erwartete
der Landgraf des Kaisers Wink, um sich zu erheben. Dieser Wink erfolgte
nicht. Nun stand der Landgraf von selber auf und wollte dem Kaiser die
Hand reichen. Die kaiserliche Majestt jedoch sah sauer und hielt ihre
Hand zurck. Dafr ergriff Alba die Hand des Landgrafen und lud ihn und
die andern Frsten zum Nachtmahl bei sich ein. Alba hatte sein Losament
im Schlo. Als die Tafel aufgehoben war, spielte der Landgraf Brett mit
einem der schsischen Rte, es war zehn Uhr vorber; da kndigte ihm
Alba auf einmal an, da er sein Gefangener sei. Zugleich traten hundert
spanische Arkebusiere in den Saal. Die beiden Kurfrsten, die sich fr
die Freiheit des Landgrafen verbrgt hatten, waren auer sich; Joachim
von Brandenburg rief, das sei ein Bsewichtsstck, zog den Degen, um
Alba den Schdel zu zerspalten, Moritz aber zeigte sich tief betroffen
und blieb bei seinem Schwiegervater die ganze Nacht hindurch. Er
versicherte ihm, da da ein Miverstndnis vorliegen msse, und er werde
mit dem Kaiser sprechen. Dies geschah. Der Kaiser sagte, da sich ihm
der Landgraf auf Gnade und Ungnade ergeben habe; es sei weder Rede noch
Schrift davon gewesen, da man ihn mit einiger Gefangenschaft
verschonen wolle, nur mit ewiger Gefangenschaft habe man ihn
verschonen wollen. Und so fand sich auch die Fassung in der Notel, die
die Kurfrsten am Morgen unterschrieben hatten, ohne sie nher zu
besehen.

Diese spanische Arglist brachte eine groe Wandlung in dem Herzen
Moritzens hervor. Er sah jetzt wohl, da der Kaiser Karl darauf
ausging, Deutschland spanisch zu machen, aus dem von Schatzungen und
fremdem Kriegsvolk erdrckten Reich alles Wasser auf eine Mhle zu
leiten, und da erwachte in ihm der Deutsche. Ohne seinen khn
verborgenen und khn ausgefhrten Widerstand wre die sptere freie
Entwicklung Norddeutschlands unmglich gewesen, und wenn heute nicht
ganz Deutschland ein sterreichisches Gesicht zeigt, so ist es
vielleicht im letzten Grunde der Verwechslung jener Wrtchen einig und
ewig zu danken.

Zunchst freilich mute Moritz warten. Einerseits frchtete er, der
Kaiser knne seine Drohung wahr machen und den Landgrafen nach Spanien
schicken. Anderseits mute er gewrtigen, da der allerdurchlauchtigste,
gromchtigste und unberwindlichste Kaiser, welchen Titel Karl jetzt
mit einer furchtbaren Realitt fhrte, dem Kurfrsten Johann Friedrich
wieder die Freiheit schenke, wodurch im Lande selbst Hader und Krieg
ausbrechen mute. Er war jetzt in der Schlinge. Die Rache mute
aufgeschoben werden.

Er suchte von nun ab sein Heil in der Verstellung. Gerade weil er sich
zumeist sehr offen und rcksichtslos auszusprechen pflegte, konnte
niemand auf die Vermutung kommen, da hinter dieser Derbheit eine
Berechnung verborgen sei. Als auf dem Reichstag zu Augsburg sich ein
protestantischer Frst an den kaiserlichen Tisch setzen wollte, rief er:
Hier ist kein Platz fr Ketzer. Selbst der undurchdringliche Kaiser
Karl konnte sich bisweilen verraten; er hatte sich in Regensburg durch
ein Lcheln verraten, als ihm die Protestanten ihre Schrift gegen das
Tridentiner Konzil berreichten. Moritz verriet sich niemals. Er pflegte
zu sagen: Wenn ich wte, da mein eigenes Hemd, das mir zunchst am
Leibe liegt, meine Gedanken kennte, ich wrde es austun und verbrennen.
Kein Mensch in Deutschland, keiner von seinen Freunden und Vertrauten
erfuhr etwas von dem, was er im Schilde fhrte. Er tuschte den Kaiser,
der ihn einmal getuscht hatte, so sicher und vollkommen, da das Stck,
das er vor dem spanischen Senjor auffhrte, ohne Zweifel das grte
Meisterstck war, das jemals ein Deutscher zustande gebracht hat.

Seiner gewhnlichen Lebensweise nach mute man glauben, da nur das
Vergngen und die Lustbarkeiten Reiz fr ihn htten. In seinem Hoflager
beschftigte ihn unausgesetzt die Wildbahn im Dresdener Forst; er liebte
Trinkgelage, Ritterspiele und die Freuden der Fastnacht; ebenso suchte
er an fremden Hfen und auf Reichstagen das lustige Leben, und er machte
Kundschaft mit schnen Frauen. So schildert ihn Sastrow whrend des
Augsburger Reichstages: Herzog Moritz hatte seine Kurzweil in der
Herberge eines Doktor Haus. Der hatte eine erwachsene Tochter, eine
schne Metze, hie Jungfrau Jakobina, mit der badete er und spielte
tglich Pharao mit ihr und dem wilden Markgrafen Albrecht. Sie lachte
fein lieblich und freundlich zu der Frsten Scherzen und hielten also
Haus, da der Teufel sich drber freuen mochte und viel Sagens in der
ganzen Stadt davon war. Die Befreiung seines Schwiegervaters schien ihm
nicht besonders am Herzen zu liegen. Der Landgraf, der fter geuert
hatte, Gefngnis frchte er weit mehr als den Tod, wurde in Donauwrth,
wohin er gebracht worden war, sehr hart behandelt. Seine spanische Wache
lrmte Tag und Nacht in seinem Quartier; er beklagte sich bitter, da
sie ihn auch bei Nacht visitierten, ob er nicht durch einen Ritz oder
durch ein Museloch entwischt sei. Einmal schrieb er an Moritz: Wenn
Euer Liebden so fleiig wren in meinen Sachen als im Bankettieren,
Gastladen und Spielen, wre meine Sach lang besser.

Kein Wunder, da der Kaiser glaubte, der vermge am meisten bei Moritz,
der ihm bei seinen Vergngen Vorschub leiste. Aber der bedchtige und
weitschauende Karl durchschaute den bedchtigeren und viel weiter
schauenden, scheinbar so uninteressierten und doch so interessanten
Moritz mit nichten. Auch die Venezianer, die grten Diplomaten der
damaligen Zeit, durchschauten ihn nicht. Der Gesandte Mocenigo sagt von
ihm: Moritz hat viel Mut, aber, wie man glaubt, nicht viel Urteil, und
dazu ist er ein sehr leichter Herr. Von ihm hat Karl wenig zu frchten.

Und doch wurde Moritz der Verderber des Kaisers. Als er alles zu seinem
groen Plan vorbereitet hatte, strzte er wie ein Sturmwind ber Karl
her und vernichtete ihn im Wetter. Lange zuvor, ehe der Schlag
ausgefhrt wurde, hatte er sich mit dem ntigen Geld zu versehen gewut.
Bereits im Jahre 1547 hatte er die Kleinodien des Meiner Domkapitels
einliefern lassen. Es waren darunter ausbndige Stcke: das silberne
Bild des Bischofs Bruno, mit Edelsteinen geschmckt, in der einen Hand
den Bischofsstab, in der andern ein Buch haltend, dreiundsiebzig Mark
schwer; Donatis silbernes Bild, zweiundfnfzig Mark schwer; Briccii
Haupt mit goldener Inful; dazu einhundertvierzig Kelche, alles zusammen
im Wert von hundertfnfzigtausend Gulden. Wo diese Schtze hingekommen,
wute spter niemand zu sagen, hchstwahrscheinlich hatte Moritz sie
heimlich einschmelzen lassen. Auerdem hatte er nach und nach bedeutende
Summen aufgenommen; nach seinem Tode hatte sein Bruder eine Schuldenlast
von ber zwei Millionen Gulden zu tilgen.

Im Sommer des Jahres 1550 finden sich die Spuren der ersten Annherung
an Frankreich, mit dessen Hilfe Moritz den Kaiser zu demtigen dachte.
Im November darauf unternahm er, von Karl hierzu bestimmt, die
Belagerung von Magdeburg. Im Frhjahr des nchsten Jahres hatte er
Zusammenknfte mit dem Bruder des Kurfrsten von Brandenburg und seinem
Schwager Wilhelm von Hessen und mit dem Herzog von Mecklenburg. Einige
Monate spter verhandelte er mit Jean de Bresse, Bischof von Bayonne,
und das Bndnis mit Frankreich kam zustande. Es ward als eine
merkwrdige Vorbedeutung angesehen, da ein Blitzstrahl durch das Zimmer
fuhr, in welchem der Vertrag abgeschlossen wurde. Im Januar 1552
beschwor der Knig von Frankreich die Allianz mit Moritz und den
Kurfrsten. In deren Namen beschwor den Eid der Markgraf Albrecht von
Brandenburg-Kulmbach, der mit Schrtlin nach Chambord gegangen war. Der
franzsische Knig erhielt die Aussicht auf die deutsche Kaiserkrone und
unterdessen die drei Bistmer Metz, Toul und Verdun.

Moritz entlie die vor Magdeburg versammelte Armee nicht, er vermehrte
sie im Gegenteil bis auf fnfundzwanzigtausend Mann. Er nahm Offiziere
in Dienst, die im schmalkaldischen Krieg gegen den Kaiser gedient
hatten. Er war so schlau, die Strke seines anwachsenden Heeres dadurch
zu verbergen, da er es verteilte und die Quartiere in den Drfern
oftmals wechseln lie. Wohl hatte der Kaiser seine Spione im Lager.
Moritz aber hinterging alle. Der Kaiser besoldete zwei geheime Sekretre
am schsischen Hof; Moritz wute es, verstellte sich, zog sie zu allen
Beratungen, rhmte immer seine Treue gegen den Kaiser, und so meldeten
die bestochenen Leute lauter falsche Dinge.

Die Venezianer faten Argwohn, und dieser Argwohn verstrkte sich. Karl
erhielt Warnungsbriefe nach Innsbruck, und sein Bruder Ferdinand riet
ihm, den Landgrafen freizulassen. Der Kaiser antwortete: Es wre
seltsam, wenn Herzog Moritz alles vergessen sollte, was ich fr ihn
getan, wenngleich die rcksichtslose Verwendung von so vielen Rebellen
in seinem Dienst mich auf einigen Verdacht bringt. Die drei geistlichen
Kurfrsten wollten, erschreckt durch die Gerchte, das Konzil zu Trident
pltzlich verlassen. Beruhigend schrieb ihnen der Kaiser: Moritz hat
mir solche Zusicherungen gemacht, da ich mir nur Gutes von ihm
verspreche, wenn es noch Glauben gibt im menschlichen Leben. Seine
ausgesprochene berzeugung war: Die tollen und vollen Deutschen
besitzen kein Geschick zu derartigen Rnken.

Im Mrz 1552 verlie Moritz Dresden und ging nach Thringen. Bei Erfurt
und Mhlhausen stand seine Armee. Er zog mit groer Eile nach Augsburg,
wo er am 1. April ankam und sich damit, nach seinem eigenen Ausdruck,
vor die Spelunke des Fuchses in Innsbruck setzte. Er hatte sich
unterdessen mit dem Heer seines Schwagers vereinigt.

Der Kaiser lie sich trotzig vernehmen, da er den Leib des Landgrafen
in zwei Teile zerlegen und jeder der Parteien, die ihn zwingen wollten,
einen Teil entgegenschicken werde. In Wirklichkeit war die Lage Karls
verzweifelt. Er hatte weder Truppen noch Geld. Sein Bruder hatte ihm
geschrieben, er brauche seine ganze Macht in Ungarn. Die geistlichen
Kurfrsten und der Herzog von Bayern wichen seiner Forderung um Hilfe
aus. Die Wechselhuser in Italien und in den Niederlanden, sowie die
Fugger in Augsburg wollten keine Darlehen mehr geben. Karl hatte allen
Kredit verloren, denn er verfolgte die belste Politik, die man gegen
Handels- und Geldleute treiben kann, nmlich die der Unehrlichkeit. So
erblickte er zum Beispiel die grte Sicherheit fr die Treue der
Genuesen darin, da er beschlo, ihnen die Kapitalien, die er ihnen
schuldig war, nie wieder zu bezahlen; denn, so sagte er sich, sie wrden
sich hten, mit einem Frsten zu brechen, der ihnen so viel Geld
schuldig war.

Der Kaiser wollte von Innsbruck aus nach London entfliehen, aber der
zweimal unternommene Versuch miglckte. In einer Aprilnacht begab er
sich im tiefsten Geheimnis auf den Weg, so schwach und von
Gichtschmerzen geplagt er auch war. In seiner Begleitung befanden sich
nur zwei Kammerherren, zwei Diener und sein getreuer Barbier Van der F.
Sie ritten durch Wald und Gebirge und erreichten in der Frhe das Dorf
Nassereit. Hier blieb der Kaiser bis Nachmittag, und dann ritten sie bis
Paschelbach, eine Stunde von der Ehrenberger Klause. Van der F ward
aufs Schlo geschickt, um den Befehlshaber um Kundschaft zu erfragen.
Dieser berichtete, Moritz sei schon von Augsburg aufgebrochen und habe
Fssen besetzt, der Weg ber Kempten sei unsicher durch des Herzogs
Reiter. Da entschlo sich Karl, wieder nach Innsbruck zurckzukehren. In
demselben tiefen Geheimnis langte er an, kein Mensch erfuhr etwas von
der Reise.

Beim zweitenmal verkleidete er sich als altes Weib. Der Plan war, in
einem bedeckten Packwagen ber Ehrwald und Hohenschwangau zu entkommen.
Der alte Kammerdiener Karls mute sich in dessen Bett legen, und in der
Kche wurde gekocht, als ob der Kaiser noch im Schlosse wre. Zwei kurze
Tagereisen wurden zurckgelegt, der neugebahnte Fernpa berstiegen, und
im Dorfe Lermos stieg Karl aus, um eine Mahlzeit zu nehmen. Ein Mdchen,
das einmal sein Bildnis gesehen, rief bei seinem Anblick: Ei, wie sieht
die alte Frau dem Kaiser so gleich. Da erschrak Karl und kehrte
abermals um.

Inzwischen war es dem Knig Ferdinand gelungen, Moritz zu einem
Waffenstillstand zu berreden, damit man zu Passau eine Versammlung
einberufen knne, die zu beraten habe, wie die Gebrechen der deutschen
Nation abzustellen seien. Diesen Stillstand benutzte Karl, und es gelang
ihm, einiges Geld und Truppen zu sammeln. Das Heer stand bei Reitti,
unfern der Ehrenberger Klause. Moritz zog zu Felde, schlug die
Kaiserlichen und eroberte die Festung. Nun lag der Weg zum Kaiser offen.
Die verbndeten Frsten entschlossen sich, den Fuchs in seiner Spelunke
zu suchen -- da trat eine unerwartete Hilfe fr den Kaiser ein: Moritz
mute erst einen Aufstand unterdrcken, der unter einem Teil des
Fuvolks ausgebrochen war; die Leute forderten fr den Sturm auf das
Ehrenberger Schlo die doppelte Lhnung. Die Sache stand so schlimm, da
Moritz in Lebensgefahr war; er mute fliehen und sich verbergen. So
erhielt der Kaiser Zeit, Innsbruck zu verlassen. Der Herr zweier Welten
mute in einer kalten Frhlingsnacht, bei strmendem Regen und von
heftigen Schmerzen geplagt, in einer Snfte fliehen; fliehen beim Schein
brennender Windlichter, mit denen die Diener die Engpsse der
Tiroleralpen erhellten. Alle Brcken wurden hinter ihm abgebrochen. Dem
Kaiser folgte der Kurfrst Johann Friedrich mit seinem alten Freund, dem
Maler Lukas Cranach. Zum erstenmal seit fnf Jahren sah der Kurfrst
sich nicht mehr von seiner spanischen Garde umgeben; er stimmte auf
seinem Wagen ein Lob- und Danklied an.

Der Kaiser wandte sich nach Villach in Krnten und blieb dort bis in
die Mitte des Sommers. Moritz zog am vierten Tage nach Karls Flucht in
Innsbruck ein. Alles was den Spaniern, dem Kaiser und dem
Kardinalbischof von Augsburg gehrte, berlie er seinen Landsknechten
als gute Beute; sie stolzierten in den prchtigsten Gewndern herum, auf
ihren Hten glnzten portugiesische Goldstcke, und einer nannte den
andern Don. Moritz' Verbndeter, der Knig Heinrich von Frankreich,
zog ins Elsa und erlie Manifeste, in denen viel von deutscher Freiheit
zu lesen war; auf einem sah man sogar einen Freiheitshut mit zwei
Dolchen und das Wort Libertas an der Spitze. Vor allem nahm der
Befreier Deutschlands Metz, Toul und Verdun weg.

Moritz machte sich nun auf den Weg nach Passau, wo er mit dem Knig
Ferdinand, dem Herzog von Bayern und den Bischfen von Passau, Salzburg
und Eichstdt den welthistorischen Vertrag abschlo, der den
Protestanten ihre Religionsfreiheit wieder sicherte. Nachdem der Friede
abgeschlossen war, fhrte er sein Heer dem Knig Ferdinand zu Hilfe
gegen die Trken, der Kaiser wandte sich gegen die Franzosen nach
Westen, und die gefangenen Herren von Hessen und Sachsen kehrten in ihre
Lnder zurck. Karl entlie Johann Friedrich nicht ohne Zeichen der
Achtung, sogar der Rhrung. Alle protestantischen Stdte, durch die er
auf seinem Weg kam, empfingen ihn wie einen Heiligen und Mrtyrer. In
Koburg traf er seine Gemahlin; sie hatte in den fnf Jahren ihre
Trauerkleider nicht abgelegt und fiel in Ohnmacht, als sie ihn
wiedersah. Die Ratsherren in Amtstracht und schwarzen Mnteln gingen ihm
entgegen, die Brger in ihren Rstungen und Feiertagsgewndern bildeten
Spalier, auf den Mrkten standen die Geistlichen und die jungen Mnner
auf der einen Seite, die eisgrauen Leute und die jungen Mdchen mit dem
Rautenkranz im fliegenden Haar auf der anderen, und die Knaben sangen
das Tedeum. Der Frst schritt mit entbltem Haupt hindurch, seine
Rckkehr ihrem Gebet zuschreibend, und hinter ihm ging sein lieber Lukas
Cranach.

Auch der Landgraf von Hessen kehrte aus den Niederlanden nach Kassel
zurck. Er hatte Moritzens Vorhaben gegen den Kaiser durchaus nicht
glauben wollen und geuert: Wie will ein Sperling den Geier
angreifen? Das Wunderliche geschah jetzt, da man Moritz von allen
Seiten zu mitrauen anfing. Da er so viele getuscht, wenn auch zum
guten Zweck getuscht, verdchtigte man sein Wesen ganz und gar. Wilhelm
von Hessen nannte ihn in einem Wortwechsel einen Verrter. Als er nach
den Passauer Tagen die Stadt Frankfurt am Main auffordern lie, sich zu
ergeben, wurde ihm geantwortet, er mge erst fromm werden und die
Judasfarbe ablegen.

Als er aus dem Trkenkrieg zurckgekehrt war, hielt er zur Fastnacht in
Dresden groes Rennen und Stechen, und dann mute er in den Krieg gegen
seinen ehemaligen Freund und Bundesgenossen, den wilden Markgrafen
Albrecht. Dieser hatte die Friedenspakte nicht geachtet; es gefiel ihm,
das alte Faustrecht noch ferner in Deutschland zu ben, und er war ein
gefrchteter Mann, der seinen eigenen Weg ging. Er behauptete, der
Passauer Vertrag tauge nichts, die Pfaffen mten gedemtigt werden.
Nebenbei suchte er auch die Pfefferscke zu rupfen, wie er die
Kaufherren der Stdte nannte. Er umgab sich mit ein paar Tausend
Eisenfressern und zog im Namen des Evangeliums verheerend durch die
frnkischen und schsischen Lande.

Bei Sievershausen in der Lneburgerheide traf Moritz seine plndernden
Scharen. Es gab ein kurzes Gefecht; hoch zu Ro, die rote Feldbinde mit
dem weien Streifen um die Brust, kmpfte Moritz ritterlich. Eine
silberne Kugel traf ihn von hinten, zerri seinen Panzer und drang durch
seinen ganzen Krper. Wilhelm von Grumbach, der frnkische Ritter, soll
sein Mrder gewesen sein. In einem Zelte, das man neben einem Zaun
aufgeschlagen hatte, empfing er die erbeuteten Fahnen und die Papiere
des Markgrafen, die er eifrig durchsphte. Er diktierte sein Testament,
und nach zwei Tagen starb er, zweiunddreiig Jahre alt. Sein letztes
Wort war: Gott wird kommen, das brige verstand man nicht.

Kaiser Karl V. liebte Moritz so sehr, da er, als man ihm zu Brssel die
Todesnachricht mitteilte, in die Worte ausbrach: O, Absalom, mein Sohn,
mein Sohn!

Der wilde Markgraf wurde in die Acht getan, scheinbar gegen den Willen
des Kaisers. Es ist alles dahin gerichtet, Deutschland eine Kappe zu
schneiden, schrieb der Herzog von Braunschweig, der bei Sievershausen
seine zwei ltesten Shne verloren hatte, an Philipp von Hessen, der
Kaiser will die Frsten nur gegeneinander hetzen. Er hat zwar Albrecht
als seiner Hetzhunde einen gebraucht, wrde es aber gern sehen, wenn ihm
ein Rad bers Bein ginge.

Albrecht flchtete nach Frankreich, kehrte spter nach Deutschland
zurck und starb elend in Pforzheim, erst fnfunddreiig Jahre alt.

So endete die Reformation, die als eine Angelegenheit des Volkes
begonnen hatte, als ein Zusammenbruch der Frsten.




Wallenstein


Albrecht Wenzel Eusebius Baron von Waldstein oder Wallenstein entstammte
einem alten bhmischen Geschlecht, dessen Name schon im zwlften
Jahrhundert zu finden ist. Er war am 15. September 1583 geboren und kam
zwei Monate zu frh auf die Welt. Seine Eltern waren Protestanten, und
beide verlor er bald, den Vater, als er zehn, die Mutter, als er zwlf
Jahre alt war. Sein Oheim, Albrecht Slavata, lie ihn in der Schule der
bhmischen Brdergemeinde unterrichten, aber ein zweiter Oheim, Johann
von Ricam, nahm ihn von dort weg und brachte ihn in das adelige
Jesuitenkonvikt nach Olmtz, wo ihn Pater Pachta der katholischen Kirche
zufhrte.

Die im Volk verbreiteten Sagen ber den hochfahrenden und trotzigen Sinn
Wallensteins beschftigten sich auch mit seiner Kindheit. So hie es, es
habe ihm einst auf der Schule zu Goldberg getrumt, da Lehrer und
Schler, ja selbst die Bume des Waldes sich vor ihm verneigt htten,
und als er diesen Traum erzhlte, sei er lebhaft verspottet worden.

Von Olmtz aus ging er auf Reisen; er machte mit einem reichen jungen
Edelmann aus Mhren die europische Kavaliertur nach Holland, England,
Frankreich und Italien. Ihr gelehrter Begleiter war der Mathematiker und
Astrolog Verdungs, ein Franke; durch ihn und den Professor Argoli in
Padua wurde Wallenstein in die geheimen Wissenschaften der Sterne und in
die Kabbala eingeweiht. Nach seiner Rckkehr diente er dem Kaiser Rudolf
gegen die Trken und dem Knig Ferdinand unter Dampierre gegen die
Venezianer. In diesem Feldzug konnte er schon ein Dragonerregiment auf
eigene Kosten stellen, denn er war durch die Heirat mit einer begterten
alten Witwe zu Vermgen gekommen. Lukrezia von Landeck hie die Frau; um
seine Neigung zu gewinnen hatte sie ihm einen Liebestrank eingegeben,
der ihm fast den Tod gebracht htte. Sie lebte nur wenige Monate an
seiner Seite.

Nach der Kampagne gegen Venedig erhob ihn der Kaiser Mathias in den
Freiherrenstand und ernannte ihn zum Obrist, Hofkriegsrat und Kmmerer.
Beim Ausbruch der bhmischen Unruhen waren seine Fhigkeiten schon
anerkannt; die Bhmen wollten ihn zu ihrem General machen. Er blieb aber
dem Kaiser treu und flchtete von Olmtz aus mit der Kriegskasse nach
Wien. Im Jahre der Prager Schlacht erhielt er die Reichsgrafenwrde, und
nach dem Nikolsburger Frieden schenkte ihm der Kaiser die an Schlesien
und an die Lausitz grenzende Herrschaft Friedland, die aus neun Stdten
und siebenundfnfzig Drfern und Schlssern bestand; seitdem hie man
ihn nur den Friedlnder. Auch wurde er Frst des Reiches. Sein
Vermgen entsprach der frstlichen Wrde; er war allmhlich durch den
Ankauf konfiszierter Gter, die um einen Spottpreis zu haben waren, der
reichste Grundherr Bhmens geworden. Er betrieb den Gterschacher im
allergrten Stil, denn er verkaufte auch wieder. Um dieses Freiwerden
adeliger Besitztmer verstndlich zu machen ist es notwendig, auf die
Ursache hinzuweisen.

       *       *       *       *       *

Als Ferdinand im Jahre 1619 seinem Vetter Mathias folgte, war er bereits
einundvierzig Jahre alt, ein kleiner, korpulenter Herr von gesunder
Leibesbeschaffenheit und gemigter Lebensfhrung. Der beherrschende Zug
seines Wesens war die Frmmigkeit. Khevenhller schildert ihn, wie er
einmal whrend einer Jagd den Trgern des heiligen Sakraments begegnete,
umkehrte und barhuptig bis an das Lager des Sterbenden folgte. Was
Philipp II. fr Spanien gewesen, wollte er fr Deutschland sein. Besser
eine Wste, als ein Land voll Ketzer, war sein Wahlspruch. Die Priester
waren fr ihn die Stimme Gottes, und jeden einzelnen verehrte er als
berirdische Erscheinung. Tritt mir ein Priester und ein Engel zugleich
in den Weg, so soll er sich einst geuert haben, so werde ich dem
Priester zuerst meine Ehrfurcht erweisen. Dies galt freilich nur fr
die spanisch-aristokratischen Geistlichen, die sich zu dem System der
unbedingten Ketzerausrottung bekannten. Er hrte alle Tage zwei Messen
in der kaiserlichen Kapelle, am Sonntag auerdem die Messe in der
Kirche, eine deutsche und eine italienische Predigt und nachmittags die
Vesper; whrend der Adventszeit versumte er keine Frhmette, und an
allen Prozessionen nahm er zu Fue teil. Seine Gewissensrte, die
Jesuiten Lamormain und Weingrtner, hatten sein ganzes Herz in der Hand
und lenkten es, wie der Orden wollte. Er war stark durch seinen
Starrsinn. Alles Unglck ertrug er mit der Geduld des Hasses, den er
gegen die Ketzer empfand; all das selbstverschuldete, durch Mangel an
Treu und Glauben herbeigefhrte Unglck erschien ihm als eine
vorbergehende Prfung Gottes. Er war der unvershnliche Feind der
Protestanten in Deutschland und Bhmen; die Rache, die er an ihnen ben
wollte, war der Mittelpunkt seiner Gedanken und Gefhle.

Nach des Kaisers Mathias Tode zog das bhmische Protestantenheer gegen
Wien. Ferdinand befand sich in der Hofburg. Er war ohne Soldaten und
ohne Geld. Er schien verloren. Seine Rte drngten ihn, nach Tirol zu
fliehen, selbst die Jesuiten stimmten fr Nachgiebigkeit. Ferdinand
weigerte sich. Die Lage war furchtbar; Geschosse flogen in die
kaiserlichen Fenster, Ferdinand mute sein Wohnzimmer verlassen. Er
betete gegen seinen Feind. Seine Bedrngnis nutzend, erschienen sechzehn
protestantische Herren der sterreichischen Stnde vor ihm und
forderten, er solle seine Einwilligung zu der Union mit den Bhmen
geben. Ferdinand weigerte sich, die Schrift zu unterzeichnen. Da fate
Andreas Thonradtel den Kaiser bei den Wamsknpfen und rief ihm zu:
Nandl, gib dich, du mut unterschreiben. In diesem Augenblick
schmetterten Trompeten im Burghof; es waren die Dampierreschen
Krassiere, die durch das Wassertor in die Stadt gedrungen waren. Sie
retteten den Kaiser. Furcht und bses Gewissen trieben die Herren von
der protestantischen Adelskirche aus Wien. Der bhmische General hatte
die Gelegenheit versumt, und Ferdinand entschlo sich rasch und khn,
nach Frankfurt zu reisen und sich dort zum Kaiser krnen zu lassen. Aber
gerade in dieser Zeit sprachen ihm die Bhmen in Prag die knigliche
Wrde ab. Sie entsetzten ihn als einen Erbfeind der Gewissensfreiheit,
als einen Sklaven Spaniens und der Jesuiten, und sie whlten an seiner
Statt den Kurfrsten Friedrich von der Pfalz zum Knig, ein
unglcklicher Schritt, der die Erbitterung aller drei Religionsparteien
auf die Spitze trieb, denn Friedrich war Kalvinist, und nach Luthers
Wort waren die Kalvinisten siebenmal rger als die Ppstlichen.

Friedrich war ein schner, stattlicher und galanter Mensch von
dreiundzwanzig Jahren. Als er zu Amberg die Nachricht erhielt, da er
Knig geworden sei, war er betroffen und konnte keinen Beschlu fassen.
Erst auf das dritte Schreiben der Bhmen reiste er nach Prag und war nun
guten Mutes. Er verlie sich auf seinen mchtigen Schwiegervater, den
Knig von England, er verlie sich auf die Hilfe der deutschen Stdte,
der Hugenotten in Frankreich und der Graubndtner, die ihm versprachen,
den spanischen Armeen die Psse zu sperren, und am meisten verlie er
sich auf seine Jugend.

Doch war er von Anfang an ein verlorener Mann. Wohl stand er an der
Spitze einer evangelischen Union, viel mchtiger aber war die
Vereinigung der katholischen Frsten, welchen aus Ha gegen die
Kalvinisten auch der protestantische Kurfrst Johann von Sachsen sich
gesellte, und als nun gar der Knig von Frankreich Gesandte an die
Frsten der Union schickte, um sie von Friedrich abzubringen, machten
diese ihren Frieden mit der katholischen Liga, und von allen verlassen,
sah Friedrich von allen Seiten her die Feinde gegen sich losstrmen. Er
hatte es nicht verstanden, die bhmischen Herren zu gewinnen; er hatte
es nicht verstanden, sich bei diesen Aristokraten in Respekt zu setzen,
die einen Knig nur zum Schein haben wollten, und da er ihnen ihre
krummen Sachen gerade biege. Sie hatten nur ihre Feudalrechte,
Freiheiten und Privilegien im Sinn, nannten den Kaiser einen blinden
Hund, den Herzog Max die bayrische Sau und den Kurfrsten von Sachsen
den meineidigen, trunkenen Klotz, und als Friedrich sie einmal um sieben
Uhr frh zu einer Ratsversammlung bescheiden lie, wurde ihm erklrt, zu
solcher Tageszeit knnten sie nicht kommen, der Mensch msse nach der
Arbeit seine Ruhe haben.

In der Stadt herrschte die grte Unsicherheit. Jeden Tag wurden ein
paar Menschen ermordet. Ehebruch und Hurerei wurden zur Plage. Die
Ernstgesinnten fanden sich durch Friedrichs Vorliebe fr franzsische
Sprache, franzsische Sitten und Moden beleidigt. Man verspottete ihn,
wenn er im rotsamtenen Pelz, mit weiem Hut und gelben Federn abends im
Schlitten durch die Stadt fuhr. Aber am meisten verdarb er seine Sache
dadurch, da er die Bilderstrmerei zulie. Allenthalben wurden die
Altre zerstrt, die Kruzifixe zerschlagen, die Grber der Schutzpatrone
aufgerissen und beraubt, die Gerte weggefhrt, die schnen Stoffe
verbrannt und das geschnitzte Holzwerk zerhackt. Als das groe steinerne
Kruzifix auf der Moldaubrcke fallen sollte, entstand ein Aufruhr, und
man mute der Wache befehlen, jeden in den Flu zu werfen, der die
Statue anzutasten wage.

So standen die Dinge, als Max und Tilly heranzogen, die glhenden
Katholiken, die vor Eifer brannten, die bhmische Hauptstadt den Klauen
des Ketzers zu entreien. Die Jahreszeit war vorgerckt, es fing an rauh
und kalt zu werden. Der General Boucquoy war gegen rasche Maregeln,
aber Tilly rief jederzeit im Kriegsrat, wo er vor Ingrimm und Ungeduld
stets etwas zu zerknittern oder zu zerreien pflegte: Prag, Prag. Im
Frhnebel des 8. November stand die ligistische Armee endlich vor Prag.
Der Morgen war bitterkalt, der Boden festgefroren. Abermals wollte
Boucquoy den entscheidenden Schlag nicht wagen. Da trat ein spanischer
Karmelitermnch auf, ri ein von den Bhmen verstmmeltes Marienbild aus
der Kutte und hielt es hoch empor. Herzog Max rief berlaut: Heilige
Maria! und heilige Maria wurde das Feldgeschrei des Tages. Es war
Mittag, und die Sonne trat aus den Nebeln. Das Vorrcken zur Schlacht
geschah in Massenvierecken des Fuvolks, die Reiterei zog auf beiden
Flgeln mit. Die bhmischen Kanonen schossen in die Vierecke, und die
ungarischen Reiter machten einen Angriff. Boucquoy und Herzog Max, die
sich im Rcken der Armee befanden, hielten die Fliehenden mit dem Degen
in der Faust auf. Nun fhrte der Reiteroberst Pappenheim seine
Krassiere gegen die Ungarn. Ein junger polnischer Lancier erstach das
Pferd des den Bhmen verbndeten Herzogs von Anhalt. Er strzte und
wurde gefangen. Dieser Zufall war entscheidend. Die Ungarn ergriffen die
Flucht, ihre Flucht verwirrte die ganze bhmische Schlachtordnung, und
die Neapolitaner erstrmten die Schanzen und nahmen die Batterien. Die
Schlacht war nach einer Stunde zu Ende. Eine einzige Stunde hatte das
Schicksal Bhmens, ja das Schicksal Deutschlands fr Jahrhunderte
entschieden.

Im kniglichen Tiergarten hatte Pappenheim gegen eine auserwhlte Schar
von jungen Adeligen gekmpft. Mit zahllosen Hieb- und Stichwunden
bedeckt, fiel er und lag die ganze kalte Novembernacht hindurch ohne
Bewutsein unter Leichen und Pferden. Am andern Morgen kam ein Kroat
ber ihn. Er bi ihn in den Finger, weil der schne Ring, den er trug,
sich nicht anders wollte abziehen lassen. Das herzhafte Zubeien des
wilden Mannes brachte Pappenheim wieder ins Leben. Er blickte den
Kroaten finster an und fragte: Kerl, was willst du? Der Kroat
erwiderte: Du hast gute Kleider an, du mut sterben. Obgleich halbtot,
versetzte ihm Pappenheim eine gewaltige Ohrfeige, versprach aber dann,
ihn gut zu belohnen, wenn er ihn zu einem Wundarzt fhre. Der Kroat
willfahrte.

Am Morgen nach der Schreckensnacht stieg Friedrich, der Winterknig, in
den Reisewagen, lie alles im Stich, Krone, Kleinodien, Archiv und
geheime Kanzlei, und fuhr ber Breslau und Berlin nach Holland.

Die Rache des Kaisers war glnzend. Er wartete; er wartete sieben Monate
lang. Er wollte die bhmischen Landherren sorglos machen und die Vgel
sicher ins Garn locken. Es gelang ihm nur zu gut. Max und Tilly hatten
Amnestie verbrgt. Tilly gab den Rat, die Stnde nicht zur Verzweiflung
zu treiben; aber die Klugen, die den Kaiser lenkten, waren der Meinung,
da Leute, die ein schlechtes Gewissen haben, keine verzweifelten
Schritte tun, sondern da solche Leute es lieben, sich zu ducken.

Eines Tages wurden pltzlich achtundvierzig Hupter des Aufstandes
verhaftet und auf den Hradschin gefangengesetzt. Noch hatte Ferdinand
seine Bedenken, ob er mit den Rebellen auf spanische Art verfahren
solle. Der Jesuit Lamormain machte dem Spintisieren ein Ende, indem er
erklrte, er nehme alles auf sein Gewissen. Am andern Morgen war der
Blutbote auf dem Wege nach Prag, um dem Statthalter die kaiserlichen
Befehle zu berbringen.

Schlag vier Uhr frh ertnte der Knall einer Kartaune vom Hradschin. Die
Gefangenen, von einer Reiterschwadron und zweihundert Musketieren
begleitet, wurden in bedeckten Wagen zur Altstadt heruntergefhrt. Der
Richtplatz war unmittelbar vor dem Rathaus, gegenber der Theinkirche,
wo der goldene Hussitenkelch mit dem Schwerte stand. Das Schafott war
mit rotem Tuch behangen; auf einer Bhne unter einem Baldachin sa der
Statthalter und elf vom Kaiser verordnete Kommissarien. Es war ein
regnerischer Junimorgen, aber zum Trost der Mrtyrer spannte sich ein
schner Regenbogen ber den Lorenzberg.

Der Scharfrichter kpfte innerhalb vier Stunden vierundzwanzig Personen,
drei wurden gehenkt. Es waren lauter protestantische Kpfe bis auf den
des Grafen Czernin, der Katholik war. Er mute sterben, weil man den
Schein retten wollte, da das Blutgericht keine Religionsverfolgung,
sondern eine abgedrungene politische Maregel sei. Es waren meist ganz
alte Leute, die exekutiert wurden; zehn von ihnen zhlten zusammen ber
siebenhundert Jahre.

Der Kaiser tat noch ein briges fr die Opfer: er betete, whrend sie
hingerichtet wurden. Er hatte zu diesem Zweck eine Wallfahrt nach
Mariazell angetreten, lag vor dem Bild der Mutter Gottes auf den Knien
und flehte, da die Bhmen noch vor ihrem Tod in den Scho der
alleinseligmachenden Kirche zurckgefhrt werden mchten.

Elf Monate nach dem Bluttag lie Ferdinand einen Generalpardon
verkndigen. Wer sich schuldig fhlte, sollte sich selbst anklagen, um
die kaiserliche Verzeihung zu erhalten. Die Vgel liefen ins Garn.
Siebenhundertachtundzwanzig Herren vom Adel, Ritter und Barone, stellten
sich freiwillig. Sofort wurden ihre Gter konfisziert. Teils ganz, teils
halb, teils ein Drittel. Im kaiserlichen Kabinett fehlte es an Geld. Die
konfiszierten Vermgen ergaben die Summe von dreiundvierzig Millionen
Gulden, eine ungeheure Summe fr jene Zeit. Sie erlaubte dem Kaiser, den
Krieg fortzusetzen. Alle Gter kamen in andere Hnde. Es wechselte der
ganze Besitzstand. Hundertundfnfundachtzig adelige Geschlechter und
viele Tausende von Brgerfamilien verlieen die Heimat und wanderten ins
Ausland, und ganz Bhmen, ganz Mhren und ganz sterreich wurde mit
Gewalt wieder katholisch gemacht.

       *       *       *       *       *

Der Anteil Wallensteins an der Rebellenbeute betrug nahezu ein Drittel.
Sein Reichtum spielte eine wichtige Rolle in den Ereignissen der Zeit.
Denn als in Deutschland der Krieg erwachte, als der Knig von Dnemark
sich mit Mansfeld und dem Herzog von Braunschweig verband, als Holland,
England und Frankreich sich anschickten, den Protestanten gegen das Haus
Habsburg Hilfe zu leisten, sah sich der Kaiser ohne gengende Mittel zur
Ausrstung und Besoldung eines groen Heeres. Da erbot sich Wallenstein,
der unterdessen durch die Heirat mit der Grfin Harrach, der Tochter
eines Gnstlings des Kaisers, hfische Beziehungen erlangt hatte, zum
Helfer. Wallenstein wollte den Krieg in groem Stile fhren. Der Kaiser
befahl ihm, ein Heer von zwanzigtausend Mann zu werben. Dies schlug er
aus. Ein Heer von vierzig- bis fnfzigtausend Mann wollte er stellen,
denn ein solches Heer, meinte er, werde sich selbst zu ernhren wissen.
Er erhielt darauf die Vollmacht fr diese Zahl und zugleich den
unbeschrnkten Oberbefehl als Generalissimus des Kaisers. Wenige Monate
vergingen, und die Armee war beisammen. Sein Name lockte; nicht blo
unbeschftigte und hungrige Menschen traten unter seine Fahnen, sondern
es kamen auch als Offiziere Mnner von hchstem Rang. Das Hauptquartier
des Heeres war in Eger.

       *       *       *       *       *

Wallenstein war zum Kriegsfrsten geboren. Er trat im hchsten Prunk auf
und imponierte durch seinen Luxus, durch ein glnzendes Geprnge, das
jeden blendete, der ihm nahte. Er wute die strksten Leidenschaften der
Menschen zu erregen und sie dadurch auf Tod und Leben sich dienstbar zu
machen. Seine Belohnungen waren kniglich, seine Tafel bot
unerschpfliche Gensse. Unter der einzigen Bedingung der strengsten
Disziplin lie er alle Ausschweifungen seiner Soldaten hingehen. Sein
Lager war das lustigste, das Soldaten haben konnten. Er duldete einen
riesigen Train von Bedienten, Trobuben, Fuhrknechten und Weibern, nur
Pfaffen duldete er im Lager nicht. Freibeuter aller Konfessionen und
jeden Standes zogen ihm zu. Sein scharfes Auge erkannte den Tchtigen
auf den ersten Blick; der gemeinste Mann vermochte die hchste Stellung
zu erringen. Jede heroische Tat wurde durch Befrderung und Geschenke
ausgezeichnet, aber der Feigling mute sterben, und ber den
Ungehorsamen erging der Befehl, der als Kriegsgerichtsspruch galt: Lat
die Bestie hngen.

Er verachtete die Menschen. Sie waren ihm nur Werkzeuge zu seinen
Zwecken. Als ihm einmal Gustav Adolf vor einer Schlacht den Antrag
machen lie, da man im uersten Fall einander Pardon geben mge,
antwortete er: Die Truppen sollen entweder kombattieren oder
krepieren.

Schon sein ueres flte Ehrerbietung und Scheu ein: eine lange,
hagere, stolze Gestalt, das Gesicht immer ernst, bleich oder gelb, die
Stirn hoch und gebieterisch, das schwarze Haar kurz abgeschnitten und
aufwrtsstehend, die Augen klein, schwarz und feurig-stechend, der Blick
finster und voll Argwohn, Lippen und Kinn mit starkem Schnurr- und
Knebelbart bedeckt. Seine gewhnliche Tracht war ein Reiterrock von
Elensleder, darber ein weies Wams, Mantel und Beinkleider von
Scharlach, ein breiter, nach spanischer Art gekruselter Halskragen,
Korduansstiefel, die des Podagras wegen mit Pelz gefttert waren, und
eine lange, rote Feder auf dem Hut.

Mochte es im Lager noch so laut hergehen, in seiner Nhe mute alles
still sein, seine unmittelbare Umgebung mute die tiefste Ruhe bewahren.
Weder Wagengerassel noch Stimmen im Vorzimmer konnte er ertragen. Man
sagt, er habe einen Kammerdiener aufknpfen lassen, der ihn ohne Befehl
geweckt, und einen Offizier heimlich umbringen lassen, weil er mit
lautklirrenden Sporen vor ihn getreten sei. Er war immer in sich selbst
versunken, in sich selbst webend und brtend, nur mit seinen Plnen und
Entwrfen beschftigt. Er forschte unermdlich und war unablssig ttig,
aber immer nur aus sich selbst heraus und fremde Einflsse schroff
abwehrend. Er konnte es nicht einmal leiden, da man ihn anblickte, wenn
er seine Befehle gab; wenn er durch die Gassen des Lagers
hindurchschritt, muten die Soldaten so tun, als bemerkten sie ihn
nicht. Ein wunderliches Grauen berfiel die Leute, wenn seine hagere
Gestalt gespenstergleich vorberging. Es umgab ihn etwas
Geheimnisvolles, Feierliches und Banges. Er schritt eingehllt in diese
Zauber, und sie bildeten einen Nimbus um ihn. Der Soldat glaubte steif
und fest, da der General mit dunklen Mchten im Bndnis stehe, da ihm
die Sterne Bescheid sagten, da er keinen Hund bellen, keinen Hahn
krhen hren knne, da er hieb-, kugel- und stichfest sei, und vor
allem, da er die Fortuna an seine Fahnen gebannt habe. Die Fortuna, die
seine Gttin war, wurde die Gttin des ganzen Heeres.

Wallenstein war ein Mann von heiestem Temperament, aber uerlich war
er immer kalt und ruhig. Lat fleiig mnzen, schreibt er einmal an
seinen Hauptmann im Herzogtum Friedland, auf da ich nicht Ursach hab,
solches zu ahnden, denn ich hre, da man dem nicht nachkommt, wie ich
es befohlen, welches mir wohl in die Nasen raucht. Ich bin nicht
gewohnt, eine Sache oft zu befehlen. Er war hchst wortkarg und sprach
recht wenig, dann aber mit Nachdruck. Am wenigsten sprach er von sich
selbst. Der glhendste Ehrgeiz flammte still und lautlos in seiner
Brust; ihm opferte er kaltbltig alles. Er war ein Meister in der
Verstellung; keiner wute um seine Absichten, und dem Umstand, da er in
wichtigen Sachen niemals etwas Schriftliches von sich gab, verdankte er
viele seiner Erfolge. Er war zweiundvierzig Jahre alt, als er den
Oberbefehl bernahm.

       *       *       *       *       *

Im Herbst 1625 zog Wallenstein gegen den Knig von Dnemark. Er
berwinterte in Halberstadt, das er erobert hatte. Im Feldzug des
folgenden Jahres schlug er den Grafen Mansfeld bei der Dessauerbrcke.
Dann gewann er dem Kaiser Schlesien zurck, eroberte die dnischen
Besitzungen und Mecklenburg, das sein Herzogtum wurde. Zum Dank dafr,
und weil er dem Kaiser viel Geld vorstreckte, berlie ihm Ferdinand das
Herzogtum Sagan und verkaufte ihm die Herrschaft Priebus fr einen
niedrigen Scheinpreis. Auch wurde er zum General des baltischen und
ozeanischen Meeres ernannt. sterreich wollte nmlich eine Seemacht
werden. Dazu schien alles auf dem besten Wege, Dnemark lag darnieder,
die Hansastdte waren willens, dem Kaiser behilflich zu sein, nur die
Festung Stralsund widerstand. Ein halbes Jahr lang belagerte Wallenstein
diese Stadt; obwohl er schwor, da er sie einnehmen werde, und wenn sie
mit Ketten an den Himmel gebunden wre, mute er unverrichteter Dinge
wieder abziehen. Dieser Mierfolg untergrub sein Ansehen im Norden
Deutschlands. Auch der Kaiser verlor den Glauben an seine
Unberwindlichkeit. Jetzt traten die Frsten mit ihren Klagen ber den
beispiellosen Pomp des Emporkmmlings auf. Ein Notschrei erhob sich ber
die unertrglichen Brandschatzungen, mit denen der General die besiegten
Lnder heimgesucht. Bis dahin hatten alle, verblfft von seinem
fabelhaften Glck, geschwiegen, nun taten sich die Lippen auf und
ergossen sich in Verwnschungen gegen den Tyrannen, der auf Kosten des
allgemeinen Elends im berflu schwelgte. Whrend Tausende ringsumher
den Hungertod starben, whrend sich viele Brger und Bauern entleibten,
um der Not zu entrinnen, lebte jeder Rittmeister der Wallensteinschen
Soldateska wie ein Frst, und in Schlesien, wo der Bruder den Bruder,
die Eltern ihre Kinder anfielen, um sie aus Hunger zu schlachten, war
der bermut der Sldlinge am grten. Die Huser wurden geplndert und
demoliert, ganze Drfer verbrannt, die Weiber geschndet, den Mnnern
Nasen und Ohren abgeschnitten; Offiziere, die kurz zuvor bettelarm
gewesen waren, besaen drei- bis viermalhunderttausend Gulden an barem
Geld.

Aber noch gehorchte ganz Deutschland dem Winke Wallensteins. Er stand
wie ein Alleinherrscher da. Das Unbegreiflichste an dem unbegreiflichen
Manne war, da er die Rstungen umso eifriger betrieb, je mehr die
Feinde schwanden. Das Heer zhlte erst fnfzigtausend, dann
hunderttausend, schlielich hundertfnfzigtausend Mann. Diese furchtbare
Armada des Kaisers erweckte bei allen Frsten Eifersucht und Angst. Die
Kurfrsten und der Papst, die Aristokraten des Reichs und die Jesuiten
standen dagegen auf, aber die Seele aller Ratschlge wider den
bermchtig werdenden Kaiser war der Kardinal Richelieu, der in einem
Bericht an den Papst Urban VIII. unverblmt die Absetzung Wallensteins
forderte.

[Illustration: Wallenstein, nach einem Stich von Peter de Jode.]

Dieser Bericht, erfllt von tiefster pfffischer Schlauheit, sprach von
sterreich als von einer Bestia mit vielen Kpfen, von denen die
abgeschnittenen immer wieder nachwchsen; Gewalt fruchte nichts, man
msse das Blatt umkehren und des Kaisers Frmmigkeit ausnutzen. Derart
msse man seine Gottesfurcht ausnutzen, da man ihn hetze, die seit dem
Passauer Vertrag eingezogenen Kirchengter zurckzuverlangen; so werde
er sich alle protestantischen Frsten auf immer zu Feinden machen.
Ferner msse man seine Frmmigkeit dadurch ausnutzen, da man wegen der
blen Fhrung des Kriegsvolks sein Gewissen rhre und sein Mitleid
reize. Alsdann solle Frankreich ein groes Heer nach Deutschland
schicken, Gewalt brauchen, wo Gewalt vonnten und mit dem Versprechen
von Religionsfreiheit nicht sparsam sein.

Der Papst war mit diesen Vorschlgen einverstanden, und der Kaiser wurde
langsam umgarnt. Sein Beichtvater bedeutete ihm, da der Passauer und
der Augsburger Religionsfriede ungltig seien, weil sie ohne den Konsens
des Papstes abgeschlossen waren. Darauf erlie der Kaiser das
berchtigte Restitutionsedikt, welches alles wieder katholisch machte,
was seit siebenundsiebzig Jahren protestantisch geworden war, und sofort
erfolgte die strengste Exekution. Obwohl die norddeutschen Protestanten
erklrten, sie wrden eher Gesetz und Sitte von sich werfen und
Germanien wieder in die alte Waldwildnis verwandeln als zugeben, da das
Edikt vollzogen werde, wurden sie durch die kaiserlichen Heere dazu
gezwungen. Fortwhrend lagen die Truppen in allen Lndern der
Protestanten, mit Ausnahme Kursachsens, das noch fr zu mchtig erachtet
wurde, und raubten sie aus. Jede Beschwerde wurde hhnisch abgewiesen,
und es fiel das Wort: Der Kaiser will lieber, da die Deutschen Bettler
seien als Rebellen.

Indessen verfolgte Wallenstein schweigend seine Entwrfe. Es kam der
Tag, wo er seine Gedanken offen aussprach: Man braucht keine Frsten
und Kurfrsten mehr. Jetzo ist es Zeit, da man ihnen das Gasthtel
abzieht. In Deutschland soll nur der Kaiser allein Herr sein. Diese
Sprache klang der deutschen Frstenaristokratie furchtbar in die Ohren.
Wallensteins Plan war, smtliche kleinen Reichsfrsten mit Arglist oder
mit Gewalt zu vertreiben, ihren Nachla zu parzellieren und an die
Offiziere seines Heeres zu verleihen. Zum Teil war dies schon geschehen.
Das neue Kaiserreich sollte sich auf den Soldatenadel sttzen.

Natrlich war der Kaiser nicht sehr geneigt, einen Mann zu entfernen,
der ein solches Machtideal fr ihn verwirklichen wollte. Auf dem
Regensburger Frstentag im Juni 1630 befand sich Ferdinand in einer
verzweifelten Lage. Die Frsten bedrngten ihn, das ber jedes Ma
angeschwollene Heer zu verringern und den unertrglichen Diktator, den
Urheber des allgemeinen Elends, zu entlassen. Weigerte sich der Kaiser,
so drohten sie, sich mit den Protestanten und mit Frankreich zu
verbnden. Auf der andern Seite erbot sich Wallenstein, die Frsten in
Regensburg zu berrumpeln und unschdlich zu machen. Noch ganz andere
Plne schwebten vor seinem khnen Geist, und er wartete nur, da der
Kaiser sie gutheie. Er wollte fr den Kaiser gegen den Papst ziehen.
Rom sei schon seit hundert Jahren nicht geplndert worden, lie er sich
vernehmen, es msse jetzt um vieles reicher sein. Er hatte gegen
hunderttausend Mann seines Heeres nach dem sdwestlichen Deutschland
gezogen und wollte sich nicht nur gegen Frankreich und Italien, sondern
auch gegen die katholischen Frsten Deutschlands wenden. Er und seine
Gnstlinge drangen unaufhrlich in den Kaiser, da er seine Einwilligung
zu den militrischen Operationen geben mge. Aber der Kaiser gab nicht
die Frsten auf, wie Wallenstein es wollte, er gab Wallenstein auf, wie
die Frsten es wollten. Dem ppstlichen Nunzius Rocci gelang es,
Ferdinand umzustimmen; es gelang ihm mit Hilfe des feinsten Diplomaten
jener Zeit, des Kapuzinerpaters Joseph, eines Mannes, der, wie sein
Begleiter Herr von Leon sagte, gar keine Seele hatte, sondern nur
Untiefen, in die ein jeder geraten msse, der mit ihm verhandelte. Der
Kaiser unterzeichnete den Absetzungsbefehl des Friedlnders und hieb
sich damit gleichzeitig die rechte Hand vom Arm. In dem Augenblick, wo
alles zu gewinnen war, gab er alles auf. Die kirchliche Politik hat nie
einen greren Triumph gefeiert.

Zwei alte Freunde Wallensteins, der Hofkanzler Werdenberg und der
Hofkriegsrat Westenberg, wurden beauftragt, ihm den Absetzungsbefehl zu
berbringen. Sie trafen ihn in seinem Hauptquartier in Memmingen,
anscheinend tief in astrologischen Studien, in Wirklichkeit vllig
beschftigt mit dem Gedanken an die berrumpelung der deutschen Frsten.
Er empfing und bewirtete die kaiserlichen Rte prchtig. Lange Zeit
wurde von gleichgltigen Dingen gesprochen, die Herren trauten sich
nicht mit der Sprache heraus. Da nahm Wallenstein einige Papiere vom
Tisch und sagte: Diese Dokumente enthalten des Kaisers und des
Kurfrsten von Bayern Nativitt. Aus ihnen knnt Ihr sehen, da ich
Euren Auftrag kenne. Die Sterne zeigen, da der Spiritus des Kurfrsten
den des Kaisers dominiert. Aus dieser Ursach messe ich dem Kaiser keine
Schuld bei. Es tut mir weh, da kaiserliche Majestt mit Abdankung der
Truppen den edelsten Stein aus seiner Krone wegwirft, es tut mir weh,
da kaiserliche Majestt sich meiner so wenig angenommen hat, aber
Gehorsam will ich leisten.

Wallenstein zog sich nun nach Gitschin, der Hauptstadt seines Herzogtums
Friedland, in die Einsamkeit zurck. Von seinem Heere wurden dreiig
Regimenter abgedankt, der Rest vereinigte sich mit Tilly.

       *       *       *       *       *

Es erhob sich aber jetzt fr den gefhrdeten Protestantismus ein Retter
in der Person Gustav Adolfs von Schweden, der Schneemajestt, wie ihn
die Herren in Wien nannten, die freilich noch nicht wuten, was fr
Hitze ihnen dieser Eisknig machen wrde. Bei den Protestanten hie er
wegen seines blonden Haares und Bartes der Goldknig, auch den Lwen aus
Mitternacht hieen sie ihn in ihrer glubigen Hoffnung.

Gustav Adolf war von ungewhnlich hohem Wuchs, starkem Knochenbau und
groer Wohlbeleibtheit, so da nur ein starkes Pferd ihn zu tragen
vermochte. Seine graublauen Augen blickten unter der weiten Stirn mit
freundlichem Ausdruck. Seine Haltung und sein Anstand waren echt
frstlich, seine ganze Erscheinung trug das Geprge der Zuversicht und
Offenheit, und seine wohltnende Stimme flte Vertrauen ein. Er bte
groe Macht ber die Gemter, seine Zunge war beredt, und seine
Unterhaltung voll Anmut und Leutseligkeit. Er liebte die Wissenschaften,
sein Lieblingsbuch war das Buch vom Krieg und Frieden von Hugo Grotius,
das er immer mit sich fhrte. Seit seiner Jugend hatte nur der Krieg fr
ihn Reiz, er war zum Helden und zum Herrscher geboren. Er war fromm und
gottesfrchtig, aber er war auch klug; seine Diplomatie hielt gleichen
Schritt mit seiner Heldenschaft. Seine Geschftsleute wurden hoch
bezahlt, ein Netz von schwedischen Gesandten und Spionen war ber die
europischen Hfe verbreitet, und sein Kabinett war durch seine
undurchdringliche Verschwiegenheit so ausgezeichnet, da die
franzsischen Gesandten bestndig darber klagten, nie hinter die
eigentlichen Absichten der Schweden kommen zu knnen. Fremden Ministern
und Offizieren lie Gustav, wenn sie in sein Lager zu Unterhandlungen
kamen, ihre Geheimnisse beim Wein entlocken, wozu meist ein schottischer
Oberst verwendet wurde, der bermig viel vertragen konnte und dabei
doch den Verstand bewahrte.

Mit blo vierzehntausend Mann kam Gustav Adolf nach Deutschland; die
kaiserliche Macht war wenigstens doppelt so stark. Aber er hatte viel
Zulauf von Wallensteins entlassener Armada, und er verlie sich auf die
Sympathie im Volke; in allen Stdten, die er durchzog, blies man von
den Trmen: nun kommt der Heiden Heiland. Er nahm Stettin ein, rief die
Mecklenburger von Wallenstein ab und zum Gehorsam gegen die alten
Herzge zurck, erstrmte Frankfurt an der Oder, bemhte sich, freilich
vergebens, ein Bndnis zwischen den Kurfrsten von Sachsen und
Brandenburg zu erwirken, und sandte, da Magdeburg in groer Not war,
einen der Obersten seiner vierzig deutschen Kompanien, Herrn Dietrich
von Falkenberg, in die belagerte Stadt. Falkenberg, ein sehr tapferer
Edelmann, verkleidete sich als Schiffer und schlich durch Pappenheims
Scharen in die Stadt, wo er alsbald den Kommandantenposten bernahm.
Pappenheim machte den Versuch, ihn durch das Anerbieten einer groen
Summe zu bestechen, er aber erwiderte: Braucht der Pappenheim einen
Schelmen, so mag er ihn im eigenen Busen suchen.

Aber die Stadt war nicht zu halten. Tilly war mit dreiigtausend Mann
vor den Mauern angelangt und eroberte alle Auenwerke, doch hatte er
erfahren, da der Schwedenknig in der Nhe stehe, und wollte deshalb
die Belagerung aufheben. Nur Pappenheim bestand im Kriegsrat auf einer
Bestrmung. Am folgenden Tag fiel die Stadt. Pappenheim wurde ihr
Mordbrenner. Um die Feinde zu vertreiben hatte er einige Huser in Brand
stecken lassen, der Wind blies in die Flammen, die nun alles ergriffen.
Zornig darber, da ihnen die Feuersbrunst die erhoffte Beute entzog,
schlugen die kaiserlichen Truppen jeden tot, der ihnen in den Weg kam.
Einige ligistische Offiziere, emprt ber das teuflische Wten der
Kroaten, Ungarn und Wallonen, traten vor Tilly und baten ihn, er mge
dem Gemetzel Einhalt tun. Mit finsterem Gesicht antwortete ihnen Tilly:
Drei Stunden Plnderung ist Kriegsregel. Der Soldat will fr Mh und
Gefahr etwas haben. Pappenheim schrieb nach Mnchen: Magdeburgs
Jungfrauschaft ist weg. Wir haben es mit strmender Hand erobert, den
Bischof habe ich gefangen, Falkenberg ist niedergehaut samt allen
Brgern, so in der Wehr gewesen. Was sich von den Menschen in die Keller
oder Bden versteckt hatte, ist alles verbrannt. Ich halt, es seien ber
zwanzigtausend Menschen draufgegangen und ist gewi seit der Zerstrung
Jerusalems kein greulicheres Werk und Straf Gottes gesehen worden. An
den Kaiser nach Wien schrieb er: Es ist mir und meinen rtlichen
Spiegesellen bei dieser wunderbaren Viktori nichts abgegangen, als da
wir nit Eure kaiserliche Majestt und dero kaiserliches Frauenzimmer als
Zuschauer gehabt.

Das war die magdeburgische Hochzeit, wie die kaiserliche Soldateska es
nannte. Der Dom war von den Flammen verschont geblieben, in ihm wurde
Messe gelesen und das Tedeum gesungen.

Das Kriegsvolk aber sang:

    Magdeburg, du stolze Magd,
    Hast dem Kaiser den Tanz versagt,
    Jetzt tanze mit dem alten Knecht,
    Geschieht dir eben recht.

Gustav Adolf hatte nichts zum Entsatz Magdeburgs wagen wollen; in einer
Schutzschrift wlzte er die Schuld auf die beiden Kurfrsten. Endlich
rckte er vor Berlin und forderte eine bestimmte Erklrung. Der Kurfrst
Georg Wilhelm war sein Schwager, aber er war ganz in den Hnden seines
Ministers, des Grafen Schwarzenberg, und dieser stand im Solde der
Jesuiten. Der Kurfrst wollte stille sitzen und bangte davor, Land und
Leute zu verlieren, und er frchtete die bermacht des Kaisers. Gustav
Adolf zwang ihn jedoch, in sein Lager zu kommen, die Allianz zu
unterzeichnen, und besetzte dann Berlin und Spandau. Darauf zog er
sdwrts dem alten Tilly entgegen, und in jenen Herzfeldern
Deutschlands, bei Leipzig, wo mehrmals die deutschen Geschicke
ausgekmpft worden sind, sollte nun die Entscheidung fallen.

Tilly hatte sein Hauptquartier in einem abgelegenen Hause vor Leipzig,
er merkte erst nachher, da es des Totengrbers Haus gewesen. Er hatte
seine Befehle in einem Zimmer ausgefertigt, in dem sich lauter Pyramiden
von Totenschdeln und Gebeinen befanden. Eine dstere Ahnung ergriff
ihn, selbst Pappenheim erbleichte.

Am Morgen des Schlachttages schickte Tilly den Pappenheimer mit
zweitausend Krassieren aus, damit er rekognosziere. Aber der hitzige
Mann lie sich in ein Gefecht ein, und um ihn zu retten mute Tilly
seine ganze Streitmacht entfalten. Seine Vlker trugen weie Bnder auf
Helmen und Hten und weie Binden um den Arm; er selbst kommandierte in
einem sonderbaren Kostm, in einem grnseidenen Schlafrock; auf dem
Kopf hatte er ein Barett mit bunten Federn, und er ritt seinen kleinen
Schimmel.

Der Schwedenknig entwickelte sein ganzes Kriegsgenie und zeigte die
berlegenheit seines leichten Fuvolks. Er machte gegen die andrngenden
Kaiserlichen Front, wendete sich mit der Spitze seiner Kolonne gegen die
Hgel, wo ihre Geschtze standen, und bescho Tilly mit seinen eigenen
Kanonen. Die Reiterei wurde aus dem Feld geschlagen, das Fuvolk floh,
und nur fnf Wallonenregimenter schlugen sich mit ihrem alten Vater
Tilly unter dem Schutze der Nacht in geschlossener Ordnung durch. Tilly
starrte vor sich hin, die Augen voll von Trnen. Er hatte schon drei
Streifschsse. In Halle traf er den Pappenheimer, der wieder mit
hchster Bravur gefochten und vierzehn Schweden teils niedergehauen,
teils, weil ihm das Schwert zerbrochen war, wie ein Br in seinen Armen
erdrckt hatte. Die Schweden erbeuteten das ganze kaiserliche Lager,
alles Geschtz und ber hundert Fahnen.

Jetzt trat in Wien eine andere Stimmung ein; die Hofschranzen und
Weiber, Jesuiten und Kapuziner vermaen sich nicht mehr, das neue
Feinderl, wie sie Gustav Adolf nannten, mit Ruten ber die Ostsee
hineinzupeitschen oder das Schneekniglein zerrinnen zu sehen, wenn es
sich dem Sden nherte. Der Sieg Gustav Adolfs war ein zermalmender
Schlag fr den Kaiser und die Katholiken. Der Knig Sigismund von Polen
jammerte, er knne gar nicht begreifen, warum unser Herrgott lutherisch
geworden sei. Angst und Bedrcktheit wuchsen, als der Schwede durch die
Pfaffengasse ins Reich zog, Erfurt, Wrzburg, Hanau und Frankfurt
nahm, die Pfalz befreite, mit Bayern unterhandelte, Augsburg eroberte
und mit suverner Macht jeden Widerstand zerbrach.

Im Mai des Jahres 1632 hielt er seinen Einzug in Mnchen, und in seiner
Begleitung befand sich der vertriebene Bhmenknig. Das Pfingstfest
feierte er in Augsburg; eine Chronik erzhlt davon also: Am heiligen
Pfingsttag wohnte der Knig dem ffentlichen Gottesdienst nicht bei,
sondern lie sich von seinem Hofprediger Doktor Fabricius in seinem
Kabinett predigen. Abends aber bei der Tafel bekam er jhlingen Lust zu
tanzen, dahero denn sogleich Anstalt gemacht worden, da die
Geschlechterstchter in den Fuggerschen Husern erschienen, mit welchen
sich sowohl der Knig wie die anwesenden frstlichen Personen etliche
Stunden lang mit englischen und deutschen Tnzen erlustiget. Gustav
Adolf war ein groer Frauenfreund; er wollte eine schne Augsburgerin
kssen; sie hie Jakobine Lauber und gefiel ihm sehr, aber sie wehrte
sich und ri dem Knig die Halskrause ab.

In diese friedlichen Tage hinein fiel die Nachricht, da Wallenstein
gegen den Knig von Schweden heranziehe.

       *       *       *       *       *

In stolzer Ruhe hatte Wallenstein in Gitschin und in Prag gelebt. Schon
von Memmingen aus hatte er fr sein neues Schlo Sorge getragen und an
seinen Landeshauptmann geschrieben: Seht, da die zwei Kapellen, meine
und meines Weibes, heuer fertig werden; lat die Altre darin machen,
wie auch die fnf Altre in der Kirche verfertigen, da ich daselbst den
Gottesdienst verrichten knne. So seht ebenmig, da alle Zimmer fertig
werden und mit schnen Bildern versehen, denn in diesem verlasse ich
mich allein auf Euch. So werdet Ihr auch sehen, da der Garten
verfertigt wird und viel Fontanen daselbst gemacht. Die Loggia lat
geschwind mit Zwerchgewlben und #lavor di stucco# zieren. Sagt dem
Baumeister, da gleich in der Mitte auf dem Platz vor der Loggia mu
eine mchtige Fontana sein, dahin alles Wasser laufen wird, alsdann aus
derselben, da sich das Wasser auf die rechte und linke Hand teilt, und
die andern Fontanen laufen macht. Ich vermeine Mitte Oktober zu Gitschin
zu sein und daselbst zu verbleiben; dahero seht, da das Gebu fertig
und die Zimmer mit Damast, Sammet und goldenen Ledern ausgeputzt und
mbliert werden. Lat mir auch bittern Wermutmost anmachen, der #dulce
picante# ist, auf da ich ihn kann desto ehender haben. Lat alle Stlle
verfertigen wie auch den Tummelplatz und das Ballhaus.

In Prag lebte Wallenstein mit kniglichem Aufwand, aber fr seine
Person, wie im Lager, in der tiefsten Abgeschiedenheit. Fr den Palast,
den er auf der Kleinseite hatte bauen lassen, waren hundert Huser
niedergerissen worden, um Platz zu gewinnen. Alle Straen, die die
Zugnge bildeten, waren mit Ketten gesperrt. Sechs Portale fhrten zu
dem Palast; im Schlohof stand eine Leibwache von fnfzig aufs reichste
gekleideten Hellebardieren. Sein Hofstaat zhlte an tausend Personen.
Graf Paul Liechtenstein stand als Oberhofmeister an der Spitze, ein Graf
Harrach war Oberstkmmerer, ein Graf Hardegg Oberststallmeister.
Vierundzwanzig Kammerherren bedienten des Friedlnders Durchlaucht,
trugen, wie die des Kaisers, die goldenen Schlssel, und sechzig
Edelknaben aus den vornehmsten Husern waren um ihn, alle in hellblauen
Samt mit Gold gekleidet. Auch lebten viele seiner ehemaligen Offiziere
bei ihm, denen er Lhnung und freie Tafel gab. Jede Mahlzeit bestand aus
hundert Schsseln. In den Marmorstllen fraen ber tausend Pferde aus
marmornen Krippen, und wenn er reiste, geschah es nicht anders als in
fnfzig vierspnnigen Wagen. Im Festsaal des Prager Palastes hatte er
sich als Triumphator malen lassen, von vier Sonnenrossen gezogen, einen
Stern ber dem lorbeerbekrnzten Haupt. Die langen Zimmerreihen waren
mit astrologischen und mythologischen Figuren geschmckt. Aus einem
Rundgemach fhrte eine geheime Treppe in eine Badegrotte aus knstlichem
Tropfstein. Aus dieser Grotte trat man in eine hohe Sulenhalle und von
da in den Garten mit seinen Fontnen und fischreichen Kanlen.

Wallensteins Vermgen war fr jene Zeit ungeheuer. Man hat seine
Jahreseinknfte auf sechs Millionen Gulden geschtzt; er zog sie teils
aus den Kapitalien, die er in den Banken von Venedig und Amsterdam
liegen hatte, teils aus den bhmischen und mhrischen Gtern und dem
Frstentum Sagan. Unausgesetzt erlie er einsichtsvolle Verfgungen fr
seinen Besitz, suchte die Jesuiten durch groe Stiftungen beim Guten zu
erhalten und berief tchtige Mnner in seinen Dienst. Aber er verkehrte
nur mit sehr wenigen Personen; es lebte der italienische Astrolog Seni
bei ihm, mit dem er viele Nchte in eifrigen Studien verbrachte, und
seine einzigen Vertrauten waren sein Schwager Adam Terzka und dessen
Mutter, die ihm wegen ihrer hohen Klugheit ganz besonders wert war.
Seine Gesundheit hatte durch die Kriegsstrapazen gelitten, er mute
mig leben, und da er vom Podagra geplagt wurde, konnte er nur auf
einen indischen Rohrstock gesttzt gehen.

       *       *       *       *       *

Ununterbrochen hatte der Kaiserhof mit Wallenstein korrespondiert. Nach
der furchtbaren Leipziger Schlacht mute man daran denken, einen Mann
wieder zu gewinnen, dessen Kredit bei der Soldateska ohnegleichen war,
und so wurde Questenberg nach Prag geschickt, um mit Wallenstein wegen
Wiederannahme des Kommandos zu verhandeln. Wallenstein lehnte ab. Darauf
ging Prag fast ohne Schwertstreich verloren. Don Balthasar Maradas zog
mit den Truppen ab, um sie in Sicherheit zu bringen, hatte aber zuvor
Wallenstein um Rat fragen lassen; dieser hatte erwidert, er habe kein
Kommando mehr, Maradas mge tun, was er wolle. Darauf verlie er Prag,
zog nach Gitschin und schickte seine Frau und seinen Vetter Max nach
Wien. Max ward nun vom Kaiser mit einem beweglichen Schreiben an
Wallenstein zurckgeschickt; Ferdinand flehte, er mge ihn doch in der
gegenwrtigen Not nicht im Stiche lassen. Das war es, was Wallenstein
wollte. Er begab sich nun nach Znaim, um mit dem Kaiser weiter zu
unterhandeln. Er bequemte sich, das Kommando wieder zu bernehmen, aber
vorerst nur auf drei Monate. Man drang immer mehr in ihn, und so
entschlo er sich endlich, den Oberbefehl ohne Zeitbestimmung zu
bernehmen, aber #in absolutissima forma#. Weder der Kaiser noch sein
Sohn sollten bei der Armee etwas zu schaffen haben; zwei Artikel des
Vertrags gaben Wallenstein unbeschrnkte Macht, die Gter rebellischer
Reichsstnde einzuziehen, und wen er fr schuldig erachte, zu begnaden
oder zu bestrafen. Ausdrcklich war bedungen, da weder der
Reichshofrat, noch das Kammergericht, noch der Kaiser selbst in solchen
Dingen das geringste einreden drfe. All das liefert den Beweis, da
Wallenstein mit ungebrochenem Willen auf sein altes Ziel losging. Als
#ordinari recompens# verlangte er kaiserliche Assekuration auf ein
sterreichisches Erbland und als #extra ordinari recompens# die
Oberlehensherrschaft in den eroberten Lndern.

Der Vertrag wurde in demselben Monat unterschrieben, in welchem Tilly am
Lech gefallen war. Seine Bedingungen sind von so auerordentlicher Art,
da sie in der Weltgeschichte ohne Beispiel dastehen. Nur ein so
phantastischer Mann wie Wallenstein konnte sich einbilden, da er das
Seil ohne Gefahr so straff spannen knne. Nur ein Charakter so voll
Fatum konnte ohne Erbeben ein Schicksal auf sich nehmen, das jede
Erwartung heuchlerisch erfllt.

Wenige Monate vergingen, und Wallenstein hatte wieder ein neues Heer
von zweihundertvierzehn Schwadronen Reiterei, hundertzwanzig Kompanien
Fuvolk nebst vierundvierzig Kanonen. Sofort suberte er Prag und Bhmen
von den Sachsen und vereinte sich in Eger mit dem Herzog von Bayern, der
ihn vordem gestrzt hatte und ihn jetzt als Kriegsherrn anerkennen
mute. Beide zogen gen Nrnberg, wo der Schwedenknig sich verschanzt
hatte. Wallenstein besetzte die Anhhen des Altenbergs und verschanzte
sich gleichfalls. Sein Plan war, keine Schlacht zu liefern; er wollte
Gustav Adolf zeigen, da er schlagen oder auch nicht schlagen knne, wie
es ihm beliebe. Monatelang stand Wallenstein wie eingefroren. Ringsumher
begannen Hunger und Elend zu wten. Gustav Adolf mute kmpfen oder
weichen. Er versuchte einen Sturm auf Wallensteins Linien, der milang
aber gnzlich. Von diesem Tag an verlor er seinen frohen Mut und erhielt
ihn nicht wieder. Er lie Wallenstein Friedensvorschlge machen, aber
noch ehe die Antwort kam, gab er sein Lager auf. Er zog an Wallenstein
vorbei, der unbeweglich blieb, zog an die Donau und dann, dem Hilferuf
des Kurfrsten von Sachsen folgend, an die Saale. Auch Wallenstein
setzte sich jetzt in Bewegung; er lie sein Lager anznden, das
anderthalb Meilen im Umfang gehabt hatte. Sein Heer war ein wandernder
Raubstaat. berall wurden die Herden weggetrieben, die Obstbume
umgehauen und die Drfer verbrannt.

Wieder in den Feldern bei Leipzig trafen sich die Heere. Wallenstein
hatte an Pappenheim geschrieben: Der Feind marschiert hereinwrts, der
Herr lasse alles stehen und liegen und incaminiere sich herzu mit allem
Volk und Stcken, auf da Er sich morgen frh bei uns befinde. Dieser
Befehl ist noch im Wiener Archiv aufbewahrt; er ist getrnkt mit dem
Blute Pappenheims, der am Tag von Ltzen fiel.

Wallenstein lie am Schlachtmorgen die Generale und Obersten an seinen
Wagen kommen, um die Befehle zu erteilen, dann erst bestieg er sein
Schlachtro, aber die Steigbgel muten mit seidenen Tchern umwunden
werden, da ihm die Fe schmerzten. Auf dem ganzen Gefild lag dichter
Nebel. Gustav Adolf hatte ebenfalls sein Leibro bestiegen und redete
einzeln zu vielen Leuten seines Heeres. Dann lie er zum hellen Schall
der Trompeten und Pauken: Eine feste Burg ist unser Gott und jenes
andere, sein Lieblingslied, anstimmen: Verzage nicht, du Huflein
klein, obgleich die Feinde willens sein, dich gnzlich zu zerstren.

Die Schlacht begann. Nach dreistndiger Bemhung wurden mehrere der
wallensteinschen Vierecke durch die schwedische Infanterie zersprengt.
Da gewahrte der Knig die schwarzen Krassiere Wallensteins mit dem in
blanker Rstung davor haltenden Oberst Piccolomini. Er befahl dem
finnischen Reiterregiment, sie anzugreifen, erhielt aber die Nachricht,
da sein Fuvolk wieder zum Weichen gebracht worden sei. Sogleich eilte
er an der Spitze des smalndischen Regiments zu Hilfe. Dem rasch
Voransprengenden konnten nur wenige folgen. Auf einmal befand er sich
mitten unter den schwarzen Reitern. Sein Pferd wird durch den Hals
geschossen, ihm selbst zerschmettert ein Pistolenschu den linken Arm.
Seine ersten Worte waren: Es ist nichts, folgt mir. Aber die Wunde war
so bedeutend, da die Knochen aus dem rmel hervorstarrten. Er wandte
sich, um aus dem Getmmel zu entkommen, im selben Augenblick erhielt er
einen zweiten Pistolenschu in den Rcken. Mit dem Seufzer: Mein Gott,
mein Gott, sinkt er vom Pferd, bleibt aber im Steigbgel hngen, das
Pferd schleift ihn mit sich fort. Seine Begleiter fallen oder fliehen,
nur ein Page bleibt bei ihm. Er lebt noch, der Page will nicht sagen,
da es der Knig ist, er wird selbst auf den Tod verwundet. Der Knig
wird seiner goldenen Halskette beraubt und entkleidet, er ruft endlich:
Ich bin der Knig von Schweden. Die schwarzen Krassiere wollen ihn
fortschleppen. Da sprengt das Stenbocksche Regiment heran. Die
Krassiere fliehen; da sie den Knig nicht mitnehmen knnen,
durchschieen sie ihm den Kopf und durchstechen ihm den Leib mit vielen
Stichen. Er sinkt zur Erde, der Hufschlag der Rosse braust ber den
Leichnam dahin.

Der verwundete, blutbedeckte, reiterlose Schimmel des Knigs
verkndigte, an der schwedischen Front entlang jagend, das geschehene
Unglck. Zuerst entmutigt, dann in ihrem Schmerz zur Rache angespornt,
griffen die Schweden neuerdings an, und wre jetzt nicht Pappenheim mit
vier frischen Regimentern auf dem Walplatz erschienen, so htte der
heldenhafte Bernhard von Weimar schon um die dritte Nachmittagsstunde
gesiegt. So begann die Schlacht von neuem, aber auch Pappenheim erlag
vor der unwiderstehlichen Gewalt des jungen Bernhard. Das kaiserliche
Heer ergriff die Flucht. Wallenstein schlug in Prag seine
Winterquartiere auf und lie viele Offiziere hinrichten, weil durch sie,
wie er sich ausdrckte, die kaiserlichen Waffen unauslschlichen Spott
erlitten htten. In Bhmen sollte sich sein dunkles Schicksal erfllen;
ihm war nicht der Heldentod auf dem Schlachtfeld beschieden.

Am anderen Morgen suchten die Schweden unter den zahllosen Leichen des
Schlachtfeldes die edelste Leiche, die des Knigs. Man fand sie, nackt
ausgezogen, vor Blut und Hufschlgen kaum erkennbar, mit neun Wunden
bedeckt, unfern des groen Steins, der jetzt noch der Schwedenstein
heit. An der Leiche schworen die Soldaten dem Herzog Bernhard, ihm zu
folgen bis ans Ende der Welt.

Der unerwartete Tod Gustav Adolfs erregte ganz Europa. Der Kaiser lie
in allen Kirchen Dankgebete singen, als wenn er den glorreichsten Sieg
erfochten htte, und er weinte beim Anblick des blutigen Kollers mit den
Schuffnungen im linken rmel, das der Knig in der Schlacht getragen
hatte. In Madrid wurden Freudenfeste veranstaltet und der Tod des Knigs
zum Ergtzen aller Glubigen im Schauspiel dargestellt. Der Papst, der
es im stillen recht gern gesehen hatte, da dem Kaiser ein Bedrnger
aufgestanden war, lie eine Messe lesen. Den vertriebenen Winterknig
rhrte bei der Nachricht vor Schrecken der Schlag, und er starb,
sechsunddreiig Jahre alt; er hinterlie dreizehn unmndige Kinder, mit
denen Eleonora, sein Weib, fast dreiig Jahre lang ohne Heimat und oft
ohne Geld umherirren mute, verfolgt von mancher abenteuerlichen Liebe
und von blutgierigem Ha.

       *       *       *       *       *

Whrend der schwedische Kanzler Oxenstjerna, der nach dem Tode des
Knigs an die Spitze der Geschfte trat, mit Sachsen und Brandenburg
unterhandelte, whrend Herzog Bernhard Franken zurckeroberte und sich
am Oberrhein festsetzte und der Feldmarschall Horn die in Deutschland
zerstreuten kaiserlichen Truppen aus dem Felde schlug, blieb Wallenstein
ruhig in seinem Winterquartier und vermehrte sein Heer. Erst Mitte Mai
brach er auf, zog nach Schlesien, gewann es dem Kaiser wieder, schlo
aber bald einen Waffenstillstand mit dem schsischen General Armin, der
in Schlesien kommandierte. Derselbe auffllige Waffenstillstand wurde
einige Wochen spter erneuert. Es war der Plan Wallensteins wie auch der
beiden Kurfrsten von Sachsen und Brandenburg, eine dritte Macht im
Reich herzustellen, eine Mittelmacht zwischen dem Kaiser und den
Schweden. Es lief damals das Gercht, da alle Ausgewanderten ihre Gter
zurckerhalten, die Jesuiten aus dem Reich verjagt werden und den
Schweden ihre Kriegskosten ersetzt werden sollten; auch hie es, da
Wallenstein in dem geheimen Vertrag mit Kursachsen fr sich selbst die
Krone von Bhmen ausbedungen habe. Gewi ist, da Wallenstein
gleichzeitig mit Frankreich unterhandelte und zwar ber die Krone
Bhmen. Der Kardinal Richelieu, der in den deutschen Angelegenheiten
festen Fu gefat hatte, lie ihm seinen Beistand, eine Million Livre
jhrlich und die Krone anbieten, wenn er vom Kaiser abfallen wolle. Aber
der Botschafter Feuquires brach die Unterhandlungen ab, weil er der
Ansicht war, Wallenstein wolle ihn nur hinters Licht fhren und die
Feinde des Kaisers gegeneinander hetzen. Auch mit den Schweden und mit
dem Herzog Bernhard trat er ins Einvernehmen. Das Mitrauen am Wiener
Hof wurde zur Spannung, als er sich weigerte, dem Herzog von Bayern
gegen Bernhard von Weimar zu Hilfe zu ziehen. Er fhrte das Heer aus
Schlesien in die Winterquartiere und schickte von Pilsen aus ein
Schreiben nach Wien, worin er seine Obristen ihr Gutachten abgeben lie,
da ein Kriegszug in dieser Jahreszeit untunlich sei.

Seit Gustav Adolfs Tode war dem Kaiser der mit Wallenstein
abgeschlossene Vertrag immer lstiger geworden. Er klagte laut, da er
gleichsam einen Mitknig habe und keine freien Dispositionen mehr in
seinem eigenen Lande. Das Wiener Kabinett brach den Verkehr mit
Wallenstein ab, weil die Notwendigkeit drngte, dem Herzog Bernhard in
Sddeutschland entgegenzutreten. Da Wallenstein sich weigerte, dies zu
tun, wurde der Herzog von Feria aus Italien gerufen, und Johann
Altringer, einer von den Generalen Wallensteins, erhielt den Befehl,
sich mit dem Herzog zu vereinigen. Altringer schwankte erst, aber nach
dem Tode Ferias lie er sich vom Wiener Hof gewinnen. Voll Zorn
zitierte ihn Wallenstein vor sich, Altringer verweigerte den Gehorsam.
Nun beschlo Wallenstein, um nicht zum zweitenmal abgesetzt zu werden,
den Oberbefehl freiwillig niederzulegen, wollte sich jedoch
sicherstellen, da die Zusagen erfllt wrden, die man ihm gemacht
hatte. Deshalb versammelte er alle in Bhmen, Mhren und Schlesien
stehenden Generale und Obristen in seinem Feldlager zu Pilsen. Dort gab
ihnen der Feldmarschall Illo ein Bankett, bei dem die Herren schlielich
so betrunken waren, da sie Sthle und Bnke, Ofen und Fenster
zerschlugen. Illo und Graf Terzka, die sich mit Wallenstein verabredet,
stellten ihnen beweglich vor, da der Oberfeldherr wegen der vom Wiener
Hofe erfahrenen Unbill gentigt sei, das Kommando niederzulegen. Diese
unerwartete Nachricht bestrzte die Offiziere nicht wenig. Sie alle
hatten auf Wallensteins Wort und in der Hoffnung, von ihm entschdigt zu
werden, ihre Regimenter auf eigene Rechnung angeworben und ihr Vermgen
zugesetzt; wenn Wallenstein fiel, drohte ihnen der Ruin. Zu ihrer
Sicherstellung wurde ihnen jetzt ein Revers vorgelegt, und darin wurde
der Kaiser, obwohl er nicht genannt war, hart angeklagt. Nach der
flehentlichen Bitte an Wallenstein verpflichteten sich die Generale und
Obristen, mit Gut und Blut fr ihren Feldherrn einzustehen, sich auf
keinerlei Weise von ihm trennen zu lassen, seinen Vorteil nach
Mglichkeit zu befrdern und seine Feinde zu verfolgen.

Vierzig Generale und Obristen unterzeichneten das merkwrdige
Schriftstck. Es befand sich aber in ihrer Mitte auch der Verrter
Piccolomini, der an der Spitze der italienischen Partei stand, und diese
Partei war mit den Jesuiten im Bunde, um den Friedlnder zu strzen.
Wallenstein aber hegte ein unbedingtes Vertrauen gegen Piccolomini, denn
er glaubte aus den Sternen gelesen zu haben, da er sich auf ihn
verlassen drfe. Piccolomini berichtete den Inhalt des Reverses nach
Wien und klagte Wallenstein einer gefhrlichen Verschwrung an. Zudem
teilte der Herzog von Savoyen den Inhalt der Verhandlungen mit, die
Wallenstein mit dem franzsischen Hofe gepflogen hatte. Man beschuldigte
Wallenstein der verwegensten Plne. Es hie, er habe geuert: Ich
dulde Gott nicht, viel weniger werde ich Ferdinand dulden. Der
spanische Botschafter sagte: Wozu zaudern? Ein Dolchsto macht der
Sache ein Ende. Ferdinand sah sich gedrngt, nicht nur die zweite
Absetzung Wallensteins auszusprechen, sondern auch den Mann, der ihm die
Monarchie gerettet hatte, der uersten Rache seiner Feinde
preiszugeben. Niedriger Eigennutz war der strkste Beweggrund der mit
aller Hast herbeigefhrten Katastrophe, denn als die Absetzung noch
tiefes Geheimnis war, stritten sich die Herren mit Erbitterung und bis
zum Zweikampf ber die Teilung der Beute, der Gter, der Huser, der
Grten, ja der Wagen und Pferde Wallensteins und riefen mit schamloser
Stirne sogar den Hof selbst zum Schiedsrichter bei ihren Zwistigkeiten
an.

Der Hof seinerseits verfuhr gegen den gefhrlichen Gegner ungemein
verschlagen. Er schickte einen Erla an die Befehlshaber der
Wallensteinschen Armee, worin die Absetzung des Generalobristfeldhauptmanns
vorsichtig angedeutet war, die Offiziere ihrer Verpflichtung entbunden
wurden, ihnen fr den Fehltritt bei dem Pilsner Bankett mit Ausnahme
zweier Rdelsfhrer Verzeihung zugesichert und der Fortbestand des
kaiserlichen Wohlwollens gelobt wurde. Aber wochenlang nach diesem Erla
korrespondierte der Kaiser scheinbar ganz harmlos mit Wallenstein ber
amtliche Geschfte, nannte ihn nach wie vor hochgeborner lieber Oheim
und Frst und versicherte ihn mit der gewhnlichen Courtoisie seiner
Huld und Gnade.

Unterdessen wurden die Generale und Obristen einzeln nacheinander und im
Geheimen gewonnen. Die Italiener, Spanier und Wallonen waren bald
willig, die Deutschen, Bhmen, Mhrer und Schlesier waren dem
Friedlnder treu, und man traute ihnen in Wien trotz der gewhrten
Amnestie nicht. Nach einem Monat erging ein zweites kaiserliches Mandat,
das schon eine deutlichere Sprache fhrte und nicht nur an die
Befehlshaber, sondern auch an alle gemeinen Soldaten gerichtet war. Es
sprach davon, da ihnen mnniglich wohl bekannt sein werde, wie er, der
Kaiser, seinen gewesenen Feldhauptmann von Friedland mit allerhand
Guttaten, Gnaden, Freiheiten, Hoheiten und Dignitten, als nicht bald
bei einem Menschen seines Standes gleich geschehe, begabt und geziert
habe; welchergestalt aber derselbe aus boshaftem Gemt und ohne Zweifel
lngst gefatem Vorsatz eine Konspiration wider ihn und sein Haus
angesponnen und durch Verkleinerung der kaiserlichen Person und
eigensinnige Ausdeutung seiner Macht in der kaiserlichen Armada zugetane
Obristen verfhrt habe. Der Kaiser erklrt, er habe gewisse Nachrichten
erlangt, da Wallenstein ihn und sein Haus gnzlich auszurotten sich
vernehmen lassen und sich uersten Fleies bemhet habe, solche
meineidige Treulosigkeit und barbarische Tyrannei zu vollziehen,
dergleichen nicht gehrt, noch #in scriptis# zu finden sei.

Wallenstein erfuhr erst, woran er war, als Gallas, Altringer, Maradas,
Piccolomini und Colloredo Ordonnanzen erlieen, welche den Obristen
untersagten, knftig noch Befehle von Wallenstein, Illo oder Terzka
anzunehmen. Die Obristen erhielten die Weisung, gegen Prag zu ziehen, um
sich der Hauptstadt des Landes zu versichern. Wallenstein lie nun in
Pilsen eine feierliche Erklrung ausstellen, da der frhere Revers
nicht das geringste gegen den Kaiser und die Religion bedeutet htte. Er
befahl seinen Truppen, ebenfalls nach Prag zu ziehen, schickte aber zwei
Offiziere an den Kaiser mit einem Handschreiben, in welchem er sich
erbot, sich nach Danzig oder Hamburg zu begeben; er wnsche nur seine
#ducadi,# seine Herzogtmer, zu behalten.

Aber gerade jene #ducadi# wollte man sehr gerne in Wien, das wute
Wallenstein recht wohl. Er beschlo daher, sich in Verfassung zu setzen,
auf alle Flle, nur nicht auf den Fall, den er keineswegs voraussehen
konnte, da er gegen alle Berechnung war. In seiner tiefen Not wandte er
sich jetzt ernstlich an den Herzog Bernhard von Weimar und lie ihn
auffordern, nach Bhmen zu kommen. Herzog Bernhard traute nicht. Er
rief aus: Wer an Gott nicht glaubt, dem kann auch der Mensch nicht
glauben. Und doch drngte die Zeit. Wallenstein erfuhr den Abfall eines
Generals nach dem andern. Altringer entschuldigte sich von Frauenberg
aus mit Krankheit, Gallas kam nicht wieder, Diodati war heimlich
durchgegangen, dreizehn Kuriere flogen nach Regensburg und zurck,
endlich machte sich Herzog Bernhard langsam auf den Weg. Wallenstein
hatte sich nach Prag begeben wollen, der Abfall der Generale hatte den
Plan vereitelt; auch den Vorsatz, nach Zittau zu marschieren, mute er
aufgeben; der dritte Ort, den er whlte, um sich mit den Schweden in
Verbindung zu setzen, war Eger.

Am 22. Februar 1634 morgens gegen zehn Uhr verlie er Pilsen und zog am
24. nachmittags zwischen vier und fnf Uhr in Eger ein. In seiner
Begleitung befanden sich Illo und Terzka mit fnf Kompanien Krassieren,
fnf Kompanien vom altschsischen Regiment zu Pferd, die unterwegs
abfielen und nach Prag marschierten, und zweihundert Mann Fuvolk. Bevor
er das erste Nachtquartier erreicht hatte, stie Oberst Butler mit acht
Kompanien Dragoner zu ihm.

Butler war ein Irlnder von Geburt und Katholik. Er hatte von Pilsen aus
nach seinem Quartier in Gladrup von Wallenstein den Befehl erhalten, mit
seinem Regiment auf Prag zu rcken, -- bei Todesstrafe. Schon diese
Weisung, die Psse zu verlassen, die aus Bhmen nach der Oberpfalz
fhren, hatte seinen Verdacht erregt; jetzt erhielt er die neue Weisung,
Wallenstein nach Eger zu folgen, und er mute mit seinen Dragonern der
Snfte des Feldherrn voranreiten. Er schrieb an Gallas und Piccolomini
ber seinen wachsenden Argwohn, da er notgedrungen mit Wallenstein
ziehe, da er aber vielleicht aus besonderer Schickung Gottes zu diesem
Weg gezwungen werde, um eine besondere heroische Tat zu verrichten. Auf
dem letzten Marsch lie Wallenstein Butler an seine Snfte kommen und
entschuldigte sich, da er bisher nicht mehr fr ihn getan habe; er
versprach ihm zwei Regimenter und ein Geschenk von zweimalhunderttausend
Talern. In Eger mute Butler mit seinen Fahnen in der Stadt bleiben,
whrend seinen Soldaten auf freiem Feld zu kampieren befohlen war.
Wallenstein wohnte im Haus des Brgermeisters Bachhlbel auf dem Markt,
Terzka und Kinsky mit ihren Frauen im Hintertrakt desselben Hauses.

Der Kommandant von Eger war der Obristleutnant in Terzkas Regiment,
Johann Gordon, ein Schotte und Kalvinist. An ihn und an den
Oberstwachtmeister Walter Lesly, ebenfalls einen Schotten, wandte sich
Butler. In der Nacht vom 24. auf den 25. Februar verschworen sich diese
drei Mnner in der Zitadelle bei gezckten Degen, Wallenstein sofort aus
dem Weg zu rumen. Es ward ausgemacht, da am folgenden Abend Gordon die
Generale zu einem Faschingsschmaus auf die Burg laden solle; bei diesem
Schmaus sei die Tat zu vollbringen. Alles drngte zur Eile, schon hatte
Illo frohlockend die Kunde gegeben, da am andern Tag die Schweden in
Eger einrcken wrden.

Am 25. Februar, es war ein Samstag, gab Graf Terzka den Offizieren ein
Gastmahl. Darnach, um sechs Uhr abends, fuhr er mit Kinsky, Illo und dem
Rittmeister Neumann in einer Kutsche zum Faschingsschmaus auf die Burg.
Man setzte sich zur Tafel und speiste und zechte lustig. Nach dem Essen
veranstalteten Gordon und Lesly, da das Obertor der Stadt geffnet und
hundert Mann von Butlers irischen Dragonern und ebensoviele deutsche
Soldaten in die Stadt gelassen wurden; mit ihnen verstrkte man die
Wache auf der Burg, die nun abgesperrt wurde. Unterdessen war das
Konfekt aufgetragen worden. Da erhielt Gordon ein fingiertes Schreiben,
das angeblich von Kursachsen verfat und nun aufgefangen war. Es stand
darin, da der Kurfrst die Absicht Wallensteins, vom Kaiser abzufallen,
nicht billige, und da er gesonnen sei, Wallenstein dem Kaiser
auszuliefern, wenn er ihn in seine Gewalt bekomme. Gordon reichte den
Brief Illo hinber; dieser las ihn und schttelte den Kopf. Auch die
andern lasen ihn, es erhob sich ein Streit; um freier reden zu knnen,
wurde die Dienerschaft hinausgeschickt; sie wurde in ein abgelegenes
Gemach zum Essen gefhrt und dort eingeschlossen. Nun war man mit den
Schlachtopfern allein.

Kaum hatten sich die Diener entfernt, so traten aus den beiden
Nebenzimmern des Speisesaals der italienische Obristwachtmeister
Geraldino und die irischen Hauptleute Deveroux und Macdonald mit
sechsunddreiig Dragonern. Deveroux rief laut: #Viva la casa
d'Austria!# Und Deveroux: Wer ist gut kaiserlich? Butler, Gordon und
Lesly antworteten schnell: Vivat Ferdinandus! Vivat Ferdinandus!
Ergriffen ihre Degen und jeder einen Leuchter von der Tafel und traten
auf die Seite. Die Irlnder schritten auf den Tisch zu und warfen ihn
ber den Haufen. Kinsky wurde zuerst niedergestoen, dann Illo nach
kurzer Gegenwehr; Terzka, der glcklich seinen Degen erlangt hatte,
stellte sich in eine Ecke und verteidigte sich mannhaft. Sein Wams von
Elenshaut schtzte ihn gegen mehrere Hiebe, so da ihn die Dragoner fr
einen Gefrorenen hielten; endlich trafen ihn einige Dolchste im
Gesicht, er fiel und wurde mit den Kolben der Musketen erschlagen.
Rittmeister Neumann hatte sich verwundet ins Vorhaus geflchtet und
wurde drauen erstochen. Die Krper der Gemordeten gab man den Dragonern
preis, die sie bis aufs Hemd auszogen.

Gordon lie nun den Speisesaal schlieen und blieb bei der Wache auf der
Burg, Lesly begab sich auf die Hauptwache am Markt, und Butler besetzte
Wallensteins Wohnung. Es war eine finstere, unfreundliche Nacht, der
Wind heulte und ein feiner Regen klirrte an die Fenster. Es ist, heit
es in den Frankfurter Relationen, sonderlich zu merken, da selbige
Nacht um neun Uhr ein erschreckliches Windsbrausen erstanden, welches
bis gegen Mitternacht gewhret. Hat sich also gleichsam das Firmament
ber die grausamen Mordtaten entsetzet und einen Abscheu getragen.

Deveroux unternahm mit zwlf Mann den Gang zum Herzog. Die Wache am Haus
lie ihn durch, weil sie glaubte, da er eine Meldung zu machen habe. Im
Vorzimmer begegnete er dem Kammerdiener Wallensteins, der seinem Herrn,
welcher eben ein Bad genommen hatte und sich zu Bett begeben wollte, den
Nachttrunk brachte, Bier auf goldener Schale; Deveroux ward von ihm
bedeutet, keinen Lrm zu machen. Sein Astrolog Seni hatte Wallenstein
eben verlassen; er soll ihn aus den Sternen gewarnt haben. Wallenstein
hatte den Lrm gehrt, den die Aufstellung der Soldaten auf dem Markt
veranlat hatte; er hatte das Schreien der Grfinnen Terzka und Kinsky
im Hintergebude gehrt, denn beide hatten schon von der Ermordung ihrer
Mnner auf der Burg erfahren; er war ans Fenster getreten und hatte die
Schildwache gefragt. Deveroux forderte vom Kammerdiener den Schlssel zu
Wallensteins Zimmer, und als der Diener sich weigerte, sprengte er die
Tr mit dem lauten Ruf: Rebell! Rebell! und trat mit seinen
Mordgesellen ein. Wallenstein stand im Nachtkleid an den Tisch gelehnt.
Du mut sterben, Schelm! rief ihm Deveroux zu. Wallenstein eilte ans
Fenster, um Hilfe herbeizurufen, Deveroux folgte ihm mit der Partisane.
Wallenstein breitete die Arme aus, und ohne einen Laut von sich zu geben
empfing der groe Mann den Todessto.

Sein Leichnam wurde in einen roten Futeppich gewickelt und in Leslys
Kutsche auf die Zitadelle gebracht. Da lag er mit den vier Leichnamen
der andern Ermordeten den ganzen Sonntag ber. Am Montag wurden alle
nach Mies auf Illos Schlo gebracht und begraben. Blo Neumann nicht;
wegen seiner lsterlichen Reden beim letzten Bankett, da er ehestens in
der Herren von sterreich Blut seine Hnde zu waschen verhoffe, wurde
er unter dem Galgen eingescharrt.

Wallensteins Sarg war zu klein geraten, und damit er Platz habe, muten
ihm die Beine zerbrochen werden.

Schweigend ist er aus dem Leben geschieden; geheimnisvoll hatte er die
Plne und Entwrfe, die seine Seele nhrten, in tiefster Brust
eingeschlossen, und ber seinem Leben und ber seinem Tode liegt ein
undurchsichtiger Schleier.

Die Gter der Ermordeten wurden smtlich eingezogen; von den Besitzungen
Wallensteins, die auf fnfzig Millionen Gulden geschtzt wurden, fiel
das meiste dem Kaiser zu. Die abtrnnigen Generale wurden reich belohnt,
die Mrder machten ihr Glck und wurden angesehene Leute, aber alle
Anhnger Wallensteins wurden gechtet und vierundzwanzig Obristen und
Hauptleute wurden in Pilsen hingerichtet.




Leonhard Thurneyer


Leonhard Thurneyer, genannt zum Thurn, war ein Goldschmiedsohn aus
Basel und 1530, im Jahr der bergabe der Augsburger Konfession, geboren.
Er sollte wie sein Vater Goldschmied werden, war aber nebenher bei
Doktor Huber, dem er Kruter sammeln und Arzneien zubereiten half und
aus den Schriften des Paracelsus vorlesen mute. Schon in seinem
siebzehnten Lebensjahr verheiratete ihn sein Vater mit einer Witwe, die
ihn mit ihrem Vormund betrog. Durch einen falschen Freund kam er in
Hndel mit Juden und verlie die Heimat im achtzehnten Jahr seines
Alters. Er ging in die weite Welt, zuerst nach England, dann nach
Frankreich, und wurde hier Soldat unter den wilden Truppen des
Markgrafen Brandenburg-Kulmbach. In der Schlacht von Sievershausen, in
der Moritz von Sachsen fiel, wurde Thurneyer von Christoph von
Karlowitz gefangengenommen. Er verlie nun den Kriegsdienst und
verschaffte sich seinen Lebensunterhalt als Arbeiter in Bergwerken und
Schmelzhtten, auch mit der Goldschmiedekunst und mit Wappen- und
Steinzeichnen. Da seine Frau von ihm geschieden worden war, heiratete
er im Jahre 1558 eine Goldschmiedstochter aus Konstanz und zog mit ihr
nach Imst in Tirol, wo er eine Schmelz- und Schwefelhtte anlegte und
Bergbau auf eigene Rechnung trieb. Zwei Jahre spter nahm ihn der
Erzherzog Ferdinand von Tirol, der Gemahl der schnen Philippine Welser,
in Dienst und schickte ihn auf Reisen; er ging nach Schottland und den
orkadischen Inseln, nach Spanien, Portugal und in die Berberei, nach
thiopien, gypten, Syrien, Arabien und Palstina, wurde auf dem Berg
Sinai, im Katharinenkloster vom Orden des heiligen Basilius, Ritter der
heiligen Katharina und kehrte ber Kandia, Griechenland und Italien nach
Tirol zurck.

Durch seine Kenntnisse als Chemiker und Metallurg, als Botaniker und
besonders als Arzt, wurde er der berhmteste Wundermann seiner Zeit. Er
fing jetzt an, seine Schriften herauszugeben, zuerst das in deutschen
Reimen abgefate Buch Archidoxa, darin der wahre Lauf, Wirkung und
Einflu der Planeten auf den menschlichen Krper, auf alle Gewerbe und
Hantierungen der Menschen und die verborgenen Mysterien der Alchimie
enthalten waren. Als Wunderdoktor lernte ihn der Kurfrst Joachim
Friedrich von Brandenburg im Jahre 1571 whrend der Huldigungsfeier zu
Frankfurt an der Oder kennen. Thurneyer besorgte hier die Publikation
einer andern Schrift, die den Titel hatte: Pison, von kalten, warmen,
mineralischen und metallischen Wssern samt Vergleichung der Pflanzen,
und die dem Kurfrsten von Sachsen zugeeignet war. An einer Stelle heit
es: Groe und starke Personen sind von kalter Natur, haben eine bse,
unreine Komplexion, stinken und schwitzen viel, und solcher Art ist auch
Herr Christoph Sparre, der kurfrstliche Oberhofmeister in Berlin.
Oder: Diejenigen, die von Person lang, schmal, drr und kleine runde
Kpfe haben, besitzen gar keine Geschicklichkeit und fhren weibische
Reden wie weiland Kaiser Rudolf von Habsburg. Er war auch Anatom, und
Kaiser Ferdinand hatte ihm im Jahre 1559 erlaubt, eine Frau zu sezieren,
der zur Strafe die Adern geffnet waren, da sie sich totbluten solle.

[Illustration: Leonhard Thurneyer, nach einem 1583 erschienenen
Holzschnitt.]

Das Vertrauen des Kurfrsten erwarb er sich gleich, denn er war ein Mann
von stattlichem Ansehen; die den Schweizern eigene Manier von
Ehrlichkeit, seine Welt- und Menschenkenntnis und sein lebhaftes
Temperament nahmen fr ihn ein. Er verstand es, die Schwchen groer
Herren und ihre Neigungen auszuforschen und sich gegen diejenigen klug
zu betragen, an deren Gunst ihm gelegen war. Die Kurfrstin war krank,
Thurneyer bernahm die Behandlung, und der Erfolg bewirkte, da von
Stund an sein Glck bei den brandenburgischen Herrschaften gemacht war.
Sie nahmen ihn mit nach Berlin, der Kurfrst lie auf seine Kosten
Thurneyers Frau und Kinder, die er seit drei Jahren nicht gesehen
hatte, aus Konstanz nach seiner Hauptstadt bringen.

Thurneyer hatte dem Kurfrsten Bltter aus dem Pison gezeigt, welche
die Flsse in der Mark und deren unerkannte Reichtmer betrafen. So hie
es unter anderm darin: Das Wasser der Spree ist grnfarbig und lauter.
Es fhret in seinem Schlich Gold und eine schne Glasur. Das Gold hlt
23 Karat 1/2 Gramm. Da die Spree Gold fhre, war bisher unerhrt,
blieb auch unerhrt. Ebenso beschrieb Thurneyer Orte in der Mark, wo
man Rubine, Smaragde und Saphire finden knne. Bisher hatte man sie
nicht gesucht und nicht gefunden, fand sie auch niemalen. Aber die
glnzenden Verheiungen lockten bei Hof nicht wenig, den Mann
festzuhalten, der so viele Hoffnungen erweckte. Alle Hofleute waren von
ihm entzckt, und sogar das kurfrstliche Hoffrauenzimmer breitete
seinen Ruhm im ganzen Lande aus. Er erhielt Briefe von einigen Frulein
und verheirateten Damen, die auf dem Lande lebten, worin sie ihn um
Schminke baten, oder um Schnheitsl, oder um Waschwasser, nebst
Beschreibung des Gebrauchs. Sie schlieen gemeiniglich mit dem Ersuchen,
es niemand wissen zu lassen, noch andern davon zu geben.

Thurneyer war ein Mann, der sich wohl darauf verstand, die gute Meinung
zu nutzen, die man von ihm gefat hatte, um sich bedeutende Reichtmer
zu erwerben. Er wute sich in seinen Glcksumstnden bis an das Ende
seines Lebens zu erhalten, -- wo er dann freilich um Geld und Ehre kam.
Er hatte ein vortreffliches Gedchtnis und eine nicht zu ermdende
Wibegierde. Nach dem Vorbild des Paracelsus hatte er die Natur
unmittelbar aus ihren Werken studiert, und da er mit Aufmerksamkeit eine
Menge von Gegenstnden in nahen und weitentlegenen Lndern betrachtet
hatte, war er auch zu einer tiefen Erkenntnis der Natur gelangt. Nicht
so sehr wie Paracelsus war er gegen das Bcherlesen eingenommen; er
hatte mehrere medizinische und historische Werke studiert. Mit dem
Griechischen war er auf seinen Reisen bekannt geworden, auch mit einigen
orientalischen Sprachen, so da er spter eine Schriftgieerei in
auslndischen Lettern anlegen und sogar ein Onomastikon herausgeben
konnte. Lateinisch lernte er noch in seinem sechsundvierzigsten Jahr bei
dem berlinischen Propst Jakob Colerus. Er verstand sich auf die Kunst
des Zeichnens und konnte die fr seine anatomischen Handleitungen und
sein Kruterbuch beschftigten Formschneider wohl anweisen. Er hatte
eine Karte der Mark Brandenburg aufgenommen, wie man sie damals noch
nicht besa. Seine Kenntnisse in der Mathematik, Astronomie und
Astrologie waren nicht unbedeutend, so da er nicht nur die weit und
breit berhmten Kalender verffentlichte und sich mit dem Stellen der
Nativitt abgeben konnte, sondern er vermochte auch fr die Jahre 1580
bis 1590 die ephemeriden und astronomischen Tabellen zu berechnen.

Der Kurfrst bestellte ihn zu seinem Leibmedikus, und sein stehendes
Gehalt betrug 1352 Taler, eine fr jene Zeit ansehnliche Summe. Daneben
hatte er auf vier Pferde Futter, die Hofkleidung, die Hofdeputate und
bei Reisen Vorspann. Kurfrst und Hof gaben ihm vielerlei Bestellungen
von Einkufen, die er zu Leipzig, zu Nrnberg und zu Venedig durch seine
Schreiber und Bekanntschaften besorgen mute. Der Kurfrst war ein
Liebhaber von Silbergert; die Goldschmiede hatten so viel fr den Hof
zu tun, da Joachim Friedrich viel Silberzeug in Leipzig anfertigen
lie, und Thurneyer hatte davon die Kommissionen. Besonders setzte die
Kurprinzessin Katharina von Kstrin ein auerordentliches Vertrauen in
Thurneyer. Ihr Gemahl war Administrator von Magdeburg, sie selbst
residierte in Halle. Sie lie ein Laboratorium bauen und ersuchte
Thurneyer, zu ihr zu kommen. Der Kurfrst gab nur ungern seine
Einwilligung, weil er Thurneyer stets um sich haben wollte. Katharina
brauchte den gewandten Schweizer in allen ihren Geschften; wenn sie
Geld ntig hatte, mute er auf der Leipziger Messe in seinem Namen zwei,
drei und mehrere tausend Taler fr sie aufnehmen. Sie lie durch ihn
Kleinodien und Silberzeug kaufen und verkaufen und schickte ihm Leute
zu, die er zu Laboranten und Provisoren bilden, in der Imitation von
Rubinen und Smaragden und im Wappen- und Steinschneiden unterrichten
sollte.

Bald nach seiner Ankunft in Berlin hatte ihm der Kurfrst eine gerumige
Wohnung in dem ehemaligen Franziskanerkloster, dem grauen Kloster,
gegeben, damit er Platz zu einer weitlufigen Haushaltung haben mge. Er
richtete sich dort in groem Stile ein. Im Laboratorium wurden nach
seinem silbernen Buch die Arkana prpariert, die geheimen Arzneien, die
ihn zum reichen Mann machten: Goldpulver, Goldtropfen, Amethystenwasser,
Saphir-, Rubinen-, Smaragden-, Perlen- und Korallentinktur, auch
Bernsteinl. Er hatte Mittel wider die Vergicht, wider ein Rotgesicht,
dasselbe zu erlutern und zu dealbieren. Ein Lot #spiritus vini#
kostete vier Taler, ein Lot #Spiritus vini correcti# sogar sechs Taler,
ein Lot Rhabarberextrakt zwei Taler. Der Grfin Lynar schickte er einmal
einige le zum uerlichen Gebrauch, die fnfunddreiig Taler kosteten,
und schrieb ihr dazu: Ihre Gnaden wrde zum besonderen Vergngen
gereichen, diese kleinen Unkosten zu tragen, damit Sie nichts einnehmen
drften. Er meinte, weil sie ja die Mittel nicht schlucken msse.

Er hielt im grauen Kloster eine Art von kleiner Hofstatt, seine
Haushaltung bestand aus mehr als zweihundert Personen, aus Dienern,
Schreibern, Laboranten, Boten zum Verschicken und den Arbeitern in der
weitlufigen Druckerei, die mit deutschen, lateinischen, griechischen,
hebrischen, chaldischen, syrischen, trkischen, persischen,
arabischen, sogar mit abessinischen Typen versehen war, in der seine
Schriften fortan gedruckt wurden, auch die Schriften von andern
Gelehrten, zum Teil aus fernen Stdten, jede mit der Aufschrift:
gedruckt zu Berlin im grauen Kloster. Die Arbeiter und Bedienten waren
fast alle verheiratet und wohnten mit Frauen und Kindern bei Thurneyer.
Der Aufwand zu ihrem Unterhalt war so gro, da er monatlich einen
Ochsen schlachten lie. Er selbst ging stattlich, in schwarzsamtenen und
seidenen Kleidern, was ein besonderes Zeichen der Pracht war, auch
tglich mit seidenen Strmpfen. Noch kurz ehe Thurneyer nach Berlin
kam, hatte der Markgraf Johann zu Kstrin seinem geheimen Rat Barthold
von Mandelsloh, der die seidenen Strmpfe aus Italien mitgebracht hatte
und einst an einem Wochentag mit ihnen bei Hof erschien, zugerufen:
Barthold! Ich habe auch seidene Strmpfe, aber ich trage sie nur des
Sonn- und Festtags. Thurneyer prangte nicht nur in seidenen Strmpfen
und Kleidern, sondern er trug um den Hals auch goldene Gnadenketten mit
daran hngenden Kur- und Frstenbildnissen, goldnen Gnadenpfennigen und
Kontrefaitmnzen. Wenn er ausging, begleiteten ihn zwei Edelknaben; 1580
verrichteten diesen Dienst zwei Vettern, Christoph und Hans Christoph
von Tetzel aus dem alten, reichsadeligen Patriziergeschlecht der Tetzel
von Kirchsittenbach und Vohra zu Nrnberg. Ihre Eltern wohnten in
Denelohe, einem im frnkischen Altmhlkreis gelegenen Reichsrittersitz;
1582 dankte der Vater dem Doktor Thurneyer dafr, da er seine Kinder
zu sich genommen; er sei berzeugt, da sie im ganzen Kurfrstentum
nirgends besser als bei ihm zur Ordnung und Tugend erzogen werden
knnten. Oft speisten groe Gesellschaften von den Vornehmsten des Hofes
bei ihm, und wenn auswrtige Herren ankamen, sich seines Rats zu
erholen, nahm er sie im grauen Kloster bei sich auf, wie den Frsten
Radziwill. Er war das Orakel von aller Welt. Knig Friedrich II. von
Dnemark bat ihn, die einst von Heinrich dem Lwen verschtteten
Salzbrunnen zu Adeslon zu untersuchen; Knig Stephan Bathory von Polen,
den er zuweilen mit Antidoten oder Gegengiften versah, sprach ihn um
Hilfe wegen der Bergwerke an; Graf Wilhelm der Weise von Hessen forderte
von ihm eine Erklrung fremder Buchstaben auf einem in der Grafschaft
Katzenellenbogen aufgefundenen Gipsstein. Der Knig von Schweden
schickte ihm einen schnen Luchspelz. Die Schreiber breiteten seine
Wunderkuren aus und brachten reiches Entgelt, seltene gemalte Bcher,
Handschriften, Erzstufen, Versteinerungen und Kruter mit. Sie erzhlten
auch, was an auswrtigen Hfen und in anderen Lndern vorfiel, und mit
diesen Nachrichten wute Thurneyer sich bei seinem Herrn sehr beliebt
zu machen.

Von seinen Kalendern setzte er ungeheure Auflagen ab. Bei den einzelnen
Monatstagen pflegte er Buchstaben und verblmte Worte als Prognostika
beizufgen, und im folgenden Jahr schickte er dann die Erklrungen, wenn
die Begebenheiten richtig eingetroffen waren. Im Kalender auf 1579 steht
beim 17. Dezember: schndliche Tat einer frstlichen Person. 1580
lautete die Erklrung: auf diesen Tag hat Signora Bianca Capelli ihren
Stiefsohn zu Florenz mit Gift vergeben, welcher am 18. Dezember
gestorben.

Als Nativittssteller begrndete er seinen Ruf mit der Versicherung, er
habe dem Knig Sigismund August von Polen ohne Aberglauben und
Teufelsknste Jahr, Monat und Tag seines Todes prophezeit; sowie in
einer frstlichen oder grflichen Familie in Deutschland ein Kind
geboren war, wurde ihm die Geburtsstunde zugeschickt; manchmal kamen
mehrere Boten an einem Tag. Nun suchte er den Stand der Planeten,
forschte, in welchem Zeichen des Tierkreises sie gestanden, bemerkte die
Aspekten gegeneinander und bestimmte daraus die Influenzen auf den
Geborenen. Er beurteilte seine knftigen Schicksale, seine natrlichen
Neigungen und Fhigkeiten, ob er glcklich, reich oder arm, zu Ehren
gelangen werde oder nicht, heiraten werde oder nicht, Kinder bekommen
werde oder nicht, was er fr Krankheiten zu erwarten und in welchem
Alter er sterben wrde. Das alles interessierte damals die Leute
ungemein, jedermann glaubte steif und fest daran, auf den Universitten
wurden Collegia ber das Nativittstellen gelesen, und Bischfe und hohe
Geistliche gaben sich damit ab.

Die Bestimmung der Nativitt hatte keinen Zweck, wenn man nicht die
Talismane trug, die Thurneyer fabrizierte. Er versah die ganze Mark und
die benachbarten Lnder mit Talismanen. Selbst Andreas Osiando, der
berhmte Streittheolog in Knigsberg, trug zum Schutz wider den Aussatz
eine Kette um den Hals. Als Thurneyer, eine goldne Kette um den Hals,
1574 nach Knigsberg reiste, um den bldsinnigen Herzog zu heilen,
benutzte er bei seinen Kuren die Talismane. Es waren sogenannte groe
Jupiter-Talismane, #Sigilla solis#. Sie finden sich noch in den
Mnzkabinetten; Jupiter erscheint auf ihnen wie ein Wrttemberger
Professor mit Bart und Pelzrock und einem groen Buch, aus dem er
doziert; auf dem Revers befindet sich ein Apucus, ein heiliger
Rechenpfennig, der die Summe 34 gibt, man mag die Zahl in den sechzehn
Feldern der Lnge nach oder der Breite nach oder in der Diagonale
addieren. Die #Sigilla solis# waren oft sechs Dukaten schwer. Einer ist
vierzehn Dukaten schwer. Er trgt die Namen Gottes und der zehn Frsten
der Engel und die hebrischen Worte, die der berhmte Abt Trieheim aus
der Bibel und den Rabbinen entlehnt und Agrippa von Nettelsheim in
seinem Werk #De occulta philosophia# erklrt hatte. Die #Sigilla solis#
waren dazu bestimmt, die solarischen Krankheiten abzuwenden, wozu die
des Gehirns zhlten. Es gab auch Talismane mit dem Zeichen der andern
Planeten, und diese verhteten die astralischen Krankheiten. Ferner gab
es Talismane aus sieben verschiedenen Metallen gemischt, in einem
festgesetzten Verhltnis und mit Beobachtung der Konstellation: wann sie
geschmolzen waren und wann der Stempel aufgeprgt war; diese hatten eine
besondere verborgene Kraft, Menschen, in unglcklicher Stunde geboren,
glcklich zu machen. Andere Talismane verschafften die Gunst groer
Herren, befrderten zu Ehrenstellen, lieen Heiratshndel gelingen, und
wenn Mars beim ersten Eintritt in das Zeichen des Skorpions darauf
geprgt war, verliehen sie dem Soldaten Mut und Sieg. Thurneyer
verkaufte Talismane zum Besten des ganzen menschlichen Geschlechtes, vom
Kaiser bis zum Bauer herunter. Das sollte die mit dem Zepter kreuzweis
gelegte Sense andeuten, die sich auf den Mnzen befinden. Er erzeugte
auch sympathetische Ringe, die von der fallenden Sucht befreiten.

Durch alle diese Geldquellen wurde Thurneyer sehr reich. Sein Schatz
bestand aus zwlftausend Goldstcken, teils einfachen und doppelten
Portugalesern, teils vierfachen Kronen, Rosenobeln, Engalotten und
Dukaten. Er besa ber neun Zentner an Trinkgeschirren und einen
silbernen vergoldeten Hirsch, der, nach der Sitte der Zeit mit Leuchtern
ausgeziert, in seinem groen Saale hing. Seine Bibliothek soll
ihresgleichen weit und breit nicht gehabt haben; sein Naturalienkabinett
enthielt eine Sammlung von Pflanzensamen aus allen Teilen der Welt. Er
hatte Prparate von getrockneten Teilen des menschlichen Krpers und von
seltenen Tieren. Er hatte Skorpione in Bauml, die der gemeine Mann fr
entsetzliche Zauberteufel ansah. Sein Garten beim Grauen Kloster war
voll botanischer Kuriositten, und ein Elentier, das ihm der Frst
Radziwill geschenkt hatte, schickte er nach seiner Vaterstadt Basel, um
sich bei seinen Landsleuten in Respekt zu setzen. Die frommen Baseler
hielten es aber auch fr einen Zauberteufel, und ein altes Weib gab ihm
einen Apfel mit zerbrochenen Nhnadeln zu fressen.

Thurneyer zog eine Menge kunstverstndige Auslnder nach Berlin und
brachte auf jede Weise viel Geld in Umlauf. Eine Menge Schriftgieer,
Stempelschneider, Kupferstecher, Illuminierer, Buchbinder, Kaufleute und
Goldschmiede hatten bestndig fr ihn zu tun. Er war der erste, der die
chemischen Arzneien einfhrte, deren kleine aber wirksame Dosen den
verschleimten Ruppiner- und Bernauerbiermagen des brandenburgischen
Adels annehmlicher dnkten, als die bisherigen kopiosen galenischen
Arzneitrnke. Er half den Alaun- und Salpetersiedereien auf, sowie den
Glashtten. Aus der Grimnitzer Glashtte in der Uckermark hatte er einen
glsernen Vogelbauer, in dessen inwendigem Raum ein Vogel sa, whrend
auen Fische schwammen. Dieser Vogel war dem gemeinen Mann gleichfalls
ein Zaubervogel, da er scheinbar mitten im Wasser mit schwimmenden
Fischen lustig herumsprang, als ob er in freier Luft lebte.

Vierzehn Jahre lang erhielt sich Thurneyer in der unverminderten Gnade
des Hofes. Der Kurfrst gab ihm das Zeugnis, da er sich nach seinen
ihm von Gott verliehenen Gaben gegen ihn und dem Hause Brandenburg, auch
vielen anderen hohen und niederen Standespersonen getreu, aufrichtig,
ntzlich und wohl erzeiget habe. Im Jahre 1575 war Thurneyers Frau
gestorben, das Schweizerheimweh kam ber ihn, der Kurfrst wollte ihn
nicht ziehen lassen, nun reiste er wenigstens zu Besuch nach Basel und
heiratete dort 1580 seine dritte Frau, eine Geschlechtertochter aus
Basel, eine Herbrot. Sie war liederlich, er verstie sie, und sie
brachte ihn um Ehre und Vermgen. Es entspann sich ein skandalser
Proze, worin beide Teile Schriften gegeneinander verffentlichten, und
seine smtlichen Habseligkeiten, die er nach Basel geschickt hatte,
wurden mit Beschlag belegt und der Frau zugesprochen. Darauf entstand in
der Mark eine groe Hetze gegen ihn, er wurde als Zauberer, Atheist und
Wucherer gebrandmarkt, ein Professor in Greifswalde predigte ffentlich
gegen ihn, warnte die Gemeinden und erachtete ihn des Kirchenbanns fr
wrdig. Er verlie Berlin, wurde katholisch, ging nach Rom und begab
sich unter den Schutz des Papstes. Beim Kardinal Ferdinand von Medici,
bei dem er speiste, verwandelte er einen eisernen Nagel in Gold. Nach
der Tafel stellte der Kardinal darber ein Zeugnis aus, das man lange
Zeit nebst dem Nagel als groe Merkwrdigkeit den Fremden in Florenz
zeigte. Es fand sich aber spter, da das Wunder durch einen Betrug
zustande gekommen war.

Thurneyer lebte ein paar Monate dann in Belvedere, wanderte dann wieder
nach Deutschland und starb endlich in rmlichen Umstnden in einem
Kloster bei Kln, fnfundsechzig Jahre alt, genau an dem Tage, auf den
er sich selbst das Horoskop gestellt hatte.




Danckelmann


Der Kurfrst Friedrich von Brandenburg und sptere erste Knig von
Preuen berlie sich am Anfang seiner Regierung vllig der Leitung
Danckelmanns, seines ehemaligen Hofmeisters. Eberhard Danckelmann war
1643 geboren; er war ein Fremder, ein Westfale aus der damals noch
nassau-oranischen Stadt Lingen, wo sein Vater, der berhmte gelehrte
Sylvester, Landrichter war. Die Familie war brgerlich, hatte aber die
Tradition, da einer ihrer Vorfahren einem deutschen Kaiser durch treue
Wachsamkeit das Leben gerettet und dieser ihm mit den Worten: Danke,
Mann, den Ritterschlag erteilt habe. Das Wappen, das dieser Tradition
Wahrscheinlichkeit geben sollte, war ein Kranich.

Der junge Danckelmann war eine Art Wunderkind gewesen; er hatte in
Utrecht studiert, hatte hier schon in seinem zwlften Jahr eine
Disputation gehalten und dann die europische Turnee durch England,
Frankreich und Italien gemacht. Er war zwanzig Jahr alt, als ihn der
Groe Kurfrst auf einer Reise nach Holland kennen lernte und zum
Lehrer des damals fnfjhrigen Prinzen Friedrich Wilhelm annahm. Zwei
Jahre spter, 1665, wurde er Titularrat, 1669 Halberstdtischer, 1676
kurmrkischer Regierungsrat, und noch unter dem Groen Kurfrsten
Kammer- und Lehnsrat. Zweimal vor Friedrichs Regierungsantritt rettete
er dem Prinzen das Leben, 1680 bei dem angeblichen Vergiftungsversuch
durch die Stiefmutter, und sieben Jahre darauf bei einem Stickflu, wo
er ihm gegen den Rat der rzte eine Ader schlagen lie und ihn so wieder
zum Bewutsein brachte. Kurz nach seiner Thronbesteigung ernannte ihn
Kurfrst Friedrich zum Regierungsprsidenten in Cleve, und am 2. Juli
1695, bei der Zusammenkunft der sieben Brder Danckelmann, die alle hohe
mter im Brandenburgischen bekleideten, bei offener Tafel zum
Premierminister mit dem ersten Rang am Hofe. Friedrich setzte die
Bestallung eigenhndig auf. Es heit darin, da Danckelmann ein
vollstndiges Exempel ungefrbter Treue, unablssiger Applikation in der
Befrderung der Gloire des Kurfrsten und aller andern, dem Diener eines
groen Herrn wohlanstndigen Tugenden und Qualitten sei. In demselben
Jahre lie ihn der Kurfrst mit seinen sechs Brdern von Kaiser Leopold
in den Reichsfreiherrenstand erheben, und der Kaiser gab ihnen zu dem
bisher im Wappen gefhrten Kranich sieben mit einem Ring
zusammengehaltene Zepter, damit deren Posteritt aus denen sieben
Zeptern die Urheber dieser unserer ihnen erteilten Gnad und Wrde als
sieben Brder, welche gleichsamb an einem Ring beisammen halten
umbsomehr abnehmen und vermerken knnen. So das Diplom; und es besagte
auch, da Eberhard Danckelmann den ihm angetragenen Grafenstand
abgebeten habe, um mit seinen Brdern im gleichen Stand zu bleiben. Der
Kurfrst verlieh ihm noch die Erbpostmeisterwrde, die Hauptmannschaft
zu Neufeld an der Dosse und ansehnliche Lehne und Gter.

Er leitete die Finanzen und alle Hauptgeschfte. Man nannte ihn den
Colbert der brandenburgischen Staaten. Er vermehrte die Jahreseinknfte
aus den Domnen um hundertfnfzigtausend Taler. Er regierte mit seinen
sechs Brdern, von denen er der mittelste war. Man nannte diese
Regierung der sieben Brder Danckelmann, die als rechtschaffene Mnner
im Volk beliebt waren, die Herrschaft der Plejaden oder des
Siebengestirns. Der lteste Bruder war Resident im westflischen Kreis.
Der zweite auerordentlicher Gesandter beim Knig von England, der
dritte Kammergerichts- und Konsistorialprsident, der vierte
Generalkriegskommissr, der fnfte Kanzler zu Halle und
auerordentlicher Gesandter am kaiserlichen Hof und der sechste Kanzler
zu Minden.

Danckelmann war ein tchtiger und verdienstvoller, ein sehr
selbstbewuter und gegen den alten Adel sehr stolzer Mann. Er war von
tiefmelancholischem Temperament; man hat ihn niemals lachen gesehen.
Sein Unglck schwebte dunkel vor seiner Seele, als er noch im hchsten
Glcke war. Eines Tages gab er dem Hof zur Einweihung seines neuen
Hauses ein Fest. Die Gesellschaft tanzte im groen Saal, Danckelmann
befand sich mit dem Kurfrsten in seinem Arbeitskabinett. Mit dem
Wohlgefallen eines Kenners betrachtete Friedrich einige Gemlde, die
dort an den Wnden hingen. Das sind schne Bilder, meinte der
Kurfrst. Ach, erwiderte Danckelmann mit bitterem Lcheln, die Bilder
und was ich sonst noch Kostbares besitze, wird ja doch einst, bald
vielleicht, das Eigentum von Eurer kurfrstlichen Gnaden sein, wenn
meinen Feinden gelingt, wonach sie so eifrig trachten, mir die Liebe
meines Herrn zu entfremden. Da legte der Kurfrst die Hand auf die
Bibel und antwortete, der Fall knne sich nie ereignen.

Der Fall ereignete sich aber doch, und zwar nicht ohne Danckelmanns
Verschulden. Das Zeremoniell war in jenen Tagen, wo sich alles um die
Hofherrlichkeit drehte, die Schlange, die die gescheitesten Kpfe
verfhrte. Danckelmann bezeigte sich gegen seine altadeligen Kollegen
hochfahrend, rauh und unfgsam. Er mochte freilich zu tun haben, sich in
Positur gegen sie zu setzen. Er verlangte von smtlichen Ministern der
auswrtigen Hfe den ersten Besuch; selbst den regierenden Reichsgrafen
wollte er nicht weichen. In die Kirche zu Knigsberg, wo der ganze Hof
versammelt war, kam er einst zu spt, die Predigt hatte schon begonnen.
Sein Nachfolger, der sptere Premier Wartenberg und der Feldmarschall
Barfu sprachen miteinander; Danckelmann fuhr zwischen sie mit den
Worten: Meine Herren, warum heben Sie mir kein Platz auf? Wartenberg
erhob sich und sagte: Hier ist Platz. Kalt entgegnete Danckelmann: Es
ist Ihre Schuldigkeit, mir Platz zu machen.

[Illustration: Eberhard Danckelmann, nach einem Stich von G. P. Busch.]

Dergleichen gab bses Blut. Im Gefhl seiner Vorzge nahm Danckelmann
auch gegen den Kurfrsten einen feierlichen Ton an, der dem hohen Herrn
natrlich zu hoch vorkommen mute. Er verdarb es auch mit den Damen und
brachte die ganze kurfrstliche Familie gegen sich auf. Sein Sturz
erfolgte auf echt orientalische Weise. Im Vorgefhl seines Schicksals
hatte er seinen Abschied erbeten. Der Kurfrst, der fnfunddreiig Jahre
lang um ihn gewesen war, bewilligte den Abschied. Danckelmann blieb in
Berlin; noch am Abend des 10. Dezember 1697 erschien er bei Hof, und der
Kurfrst unterhielt sich mit ihm aufs freundlichste. In der Nacht darauf
erschien der Gardeoberst von Tettau in Danckelmanns Haus in der alten
Friedrichstrae, dem sogenannten Frstenhaus. Er wurde arretiert, seine
Effekten wurden versiegelt, und man brachte ihn nach Spandau, spter
nach Peitz. Erst zehn Jahre darauf wurde er nebst vielen andern
Staatsgefangenen pardonniert; da er Preuen nicht verlassen durfte,
begab er sich nach Kottbus, wo er eine halbe Freiheit geno und
zweitausend Taler Pension. Seine smtlichen Gter wurden ohne Proze
konfisziert; das Frstenhaus, Marzahne, Zimmerbude, Gro- und
Klein-Quittainen in Preuen, Biesenbruch in der Uckermark, Umelingen und
Schnebeck in der Altmark und die Kohlenbergwerke bei Wettin. Die
Familie hat die Gter niemals zurck erhalten. Whrend der ganzen Zeit
seiner Gefangenschaft war nur seine Frau um ihn, die sich ausgebeten
hatte, seine Haft teilen zu drfen. Erst nach Friedrichs Tode erhielt
der siebzigjhrige Greis eine Ehrenerklrung: Knig Friedrich Wilhelm
ging ffentlich mit ihm zur Kirche.




Kaiser Rudolf II. und sein Hof


Rudolf, der lteste Sohn des zweiten Maximilian, war zu Wien geboren und
wurde in Spanien erzogen. Seine Mutter war Maria, die Lieblingstochter
Karls V., eine echte Spanierin, streng katholisch, sehr tugendhaft und
sehr dster. Der Aufenthalt am Hofe des unheimlich kalten, ausschweifenden
und grausamen Philipp und die furchtbaren Ereignisse unter dessen
Regierung hinterlieen nicht zu verwischende Spuren in Rudolfs Seele.
Ehemals war er sanft, schchtern und gerechtigkeitsliebend gewesen; als
er im Alter von neunzehn Jahren nach Deutschland zurckkam, um die
rmische Knigskrone aufs Haupt zu setzen, war er wild, finster und zu
heftigen Zornanfllen geneigt. Mit vierundzwanzig Jahren wurde er
Kaiser. Er schlug seine Hofstatt zu Prag auf.

Es war eine Drohung ber ihm von den Ahnen her. Aber er hatte nicht die
rhrende Melancholie Johannas von Kastilien, auch nicht die durch die
Eitelkeit aller irdischen Dinge niedergebeugte stille Gre Karls V., in
ihm war eine Art von Versteinerung. Mit der Ungeduld eines bsen Kindes
sprach er seinen Widerwillen gegen alle Regierungsgeschfte aus, und
dieser Widerwille endigte erst, wenn er merkte, da ein anderer sich
ihrer mit Liebe und ttigem Flei annahm; dann erwachte in ihm der Neid
und eine verzehrende Eifersucht.

Er kam niemals ins Reich; er besuchte nie einen Reichstag seit jenem
Regensburger, wozu ihn die Trkennot gedrngt hatte. Er kam auch niemals
nach Wien. Er sa fest auf dem Hradschin; dort hatte er seine Zauber-
und Wunderwerkstatt aufgeschlagen. Wenn die deutschen Frsten ihm ihre
Gesandten schickten, lie er ihnen sagen: er sei eben mit andern
Angelegenheiten trefflich molestieret. Ebenso warteten die Boten Ungarns
und sterreichs jahrelang in Prag vergeblich und immer wieder vergeblich
auf eine Audienz. Die Statthalter und Generale wurden ohne
Verhaltungsbefehle gelassen; sie mochten sich helfen, wie sie konnten.
Die Geheimknste fllten seine ganze Welt aus.

Er hatte groe Schtze, verbarg sie aber sorgfltig in seinen Truhen. Es
kmmerte ihn nicht, wenn den Rten und Hofleuten kein Gehalt ausbezahlt
wurde, wenn sogar in der kaiserlichen Hofhaltung sich Mangel einstellte.
Der bayrische Resident schrieb einmal an seinen Herrn: Heute hat das
vornehmste Hofgesinde nichts zu essen gehabt, es war kein Geld
vorhanden, um fr die Kche einzukaufen. Von alledem unberhrt,
berlie sich Rudolf seiner Leidenschaft fr das Mysterise und seiner
Sammelwut.

Er sammelte Naturalien, seltene Steine, auslndische Pflanzen und Tiere.
Lwen, Leoparden und Adler verstand er so zahm zu machen, da sie mit
ihm im Zimmer herumgingen. Die Welser in Augsburg, die fr die zwlf
Tonnen Goldes, welche sie dem Kaiser Karl vorgestreckt, einen
Kstenlandstrich in Sdamerika erhalten hatten, lieen von dort her
peruanische Kuriositten fr ihn kommen. Er sammelte rmische und
griechische Altertmer, die seine Agenten aufkaufen muten, Mnzen,
Gemmen, Kameen und Statuen. So erwarb er zwei der grten Schtze der
Antike, den Sarkophag mit der Amazonenschlacht und die Onyxtasse mit der
Apotheose des Augustus, fr die er fnfzehntausend Dukaten bezahlte.
Seine Schatzkammer war weit und breit berhmt; sie blieb fast
zweihundert Jahre lang im Stande, erst in der Zeit der josefinischen
Aufklrung ging vieles verloren; die Statuen wurden fr ein Spottgeld
veruert, ein herrlicher Torso wurde durch das Fenster in den
Schlograben geworfen, die seltenen Mnzen wurden nach dem Gewicht
verkauft, und die Tizianische Leda figurierte in einem Inventar unter
dem Titel: ein nacktes Weibsbild von einer bsen Gans gebissen.

Ein besonderes Wohlgefallen fand Rudolf an der Stempelschneidekunst. Die
Siegel an seinen Diplomen, goldnen Bullen, Lehn- und Gnadenbriefen sind
so fein und zierlich in vollendetstem gotischen Stil ausgeprgt, da die
Annahme berechtigt erscheint, er habe die grten Meister dieser Kunst
in seinen Dienst gezogen.

Von seinen Hofleuten wurde Rudolf II. Salomon genannt. Er beherrschte
sechs Sprachen, war bewandert in der Mechanik, Physik und Mathematik
und besonders in der Astrologie, Magie und Alchimie. Er verkehrte
schriftlich mit allen gelehrten Mnnern im heiligen rmischen Reich, und
manchen unscheinbaren Doktor erhob er in den Adelsstand, auch wenn es
ein Lutheraner war. Aber hauptschlich waren die sonderbaren Leute seine
Leute. Es lebten an seinem Hof eine Menge Uhrmacher und Maler, eine
Menge Astronomen, die ihm Horoskope stellen und Kalender machen muten;
er verkehrte mit Adepten aller Art, worunter sich viele Scharlatane,
Glcksritter, Quacksalber und Marktschreier befanden; er verkehrte mit
Magiern, Spiegeldeutern, Lebensverlngerern und Menschenmachern; sie
muten dem Kaiser aus kochendem Wasser weissagen, ihm ihre
Phantasmagorien zeigen und allen Ernstes versuchen, Mumien zu beleben
und in der Retorte Menschen zu erzeugen.

Der grte Magus an Rudolfs Hof war der Englnder John Dee. Er schlo
dem Kaiser das Geisterreich auf. Er rhmte sich, zu jeder Zeit seinen
Genius vor sich zu sehen, und wenn er seine Studien unterbreche, setze
sich der Genius an seine Stelle hin und studiere weiter; wenn er dann
zurckkehre, brauche er ihn nur auf die Achsel zu klopfen, so stnde der
Genius auf und entferne sich wieder. Rudolf hielt Dee fr einen
gewaltigen Zauberer, Dee hielt den Kaiser ebenfalls fr einen gewaltigen
Zauberer, und so hatten beide groe Furcht und groen Respekt
voreinander. Ein anderer Wundermann war der Italiener Marco Bragadino.
Eigentlich hie er Mamugna und war ein Grieche. Zu Ende des sechzehnten
Jahrhunderts war er als Graf Mamugnano nach Italien gegangen, trat in
den Kreisen der venezianischen Nobili mit grter Pracht auf und machte
in den Palsten der Dandolo und der Contarini zum Erstaunen aller Gold.
In Prag erschien er stets begleitet von zwei riesigen schwarzen
Bullenbeiern, die er zur Beglaubigung seiner Macht ber die Geister mit
sich fhrte. Er behandelte das Gold wie Messing, verschenkte groe
Stcke und hielt stets auf eine reiche Tafel. Als er sich spter nach
Mnster wandte, verlor er sein Leben am Galgen. Noch greres Aufsehen
als dieser Bragadino machte ein gewisser Hieronymo Scotto. Er war es,
der dem Klner Kurfrsten Gebhardt Truchse durch die Bilder in einem
Zauberspiegel die schne Grfin Agnes Mannsfeld verkuppelte, worber der
geistliche Herr Land und Leute einbte. In Koburg verfhrte der
einschmeichelnde Glcksritter die Gattin des Herzogs, und die
unglckliche Prinzessin schmachtete dafr zwanzig Jahre lang im
Gefngnis.

Alle fahrenden Alchimisten waren Rudolf willkommen, er hatte tglich
Zuspruch von ihnen und beschenkte sie reichlich, wenn sie interessante
Versuche machen konnten. Man nannte ihn den deutschen #Hermes
trismegistos,# und da er wirklich ein Adept gewesen, schien nach seinem
Tode klar, denn man fand unter seinem Nachla eine graue Tinktur, man
fand vierundachtzig Zentner Gold und sechzig Zentner Silber, die in
Ziegelsteinform gegossen waren.

Es lebten aber auch drei groe Mnner an Rudolfs Hof: Tycho de Brahe,
Loncomontanos und der unsterbliche Kepler, der von Prag aus sein
fundamentales Werk #nova astronomia de stella martis# in die Welt
sandte. Er hielt sich zwlf Jahr lang an Rudolfs Hof auf und war seit
dem Tode Brahes, der an der Tafel des letzten Rosenbergs in Krumau aus
Etikettenangst starb, als rmisch-kaiserlicher Majestt Mathematikus
angestellt. Ein Jahrgehalt von fnfzehnhundert Gulden war ihm
zugesichert; aber er erhielt es selten richtig ausbezahlt.

Vielleicht war die Zurckgezogenheit, in welcher der Kaiser auf seinem
Zauberschlo lebte, schuld daran, da sich starke Parteiungen an seinem
Hof bildeten. Den mchtigsten Einflu hatten die Italiener. Davon
liefert die Geschichte des Feldmarschalls Rusworn einen Beweis; Graf
Khevenhller erzhlt sie in seiner altertmlichen Manier, die ich zu
mildern versuche:

[Illustration: Kaiser Rudolf II., nach einem Stich von A. Wierx.]

Dies Jahr sind zu Prag der Feldmarschall Rusworn und der Begliojoso so
hart aneinandergekommen, da sie sich mit Worten bel traktiert, was der
Begliojoso von seinem Feldmarschall hat leiden mssen. Seines Unwillens
hat sich ein von Mailand verbannter Kerl namens Furlan bedient; der
Begliojoso hatte in seiner Heimat eines Rechtsgelehrten Weib verfhrt,
deshalb waren zwlftausend Kronen auf seinen Kopf gesetzt, welche dieser
Furlan zu gewinnen und dabei seiner Acht sich zu entledigen hoffte. Als
nun Begliojoso einmal am Abend auf der Kleinseite spazieren ging, ist
Furlan zu dem Feldmarschall gegangen, der beim Grafen Herberstein
speiste und hat ihm vermeldet, der Begliojoso lauere ihm auf. Darauf
hat der Rusworn um seine Leute und Pistolen geschickt und hat seinen
Kmmerling und den Furlan ihm vorausgehen heien. Als sie nun den
Begliojoso angetroffen, hat dieser, der nichts Bses im Sinn gefhrt,
freundlich zu Furlan gesprochen, der aber hat ihm mit der Pistole
geantwortet und ihn durch den Arm geschossen. Darauf hat der Begliojoso
mit der rechten Hand den Degen erwischt, mit groer Wut auf die zwei
losgegangen und sie gegen den Feldmarschall getrieben; der hat gemeint,
die Verrterei sei erwiesen, hat dem Begliojoso stark mit der Wehr
zugesetzt und ihn fast auf den Tod verwundet. Indem hat Furlan den
Begliojoso hinterwrts durch den Kopf geschossen, ist davongelaufen,
aber spter ertappt und gehenkt worden. Der Kaiser war zuerst bel
zufrieden, da man seinen Feldmarschall so traktiert, aber als Rusworns
Widersacher den Kaiser anders informiert, wurde er verarrestiert und die
Sentenz ber ihn gesprochen. Der Kaiser hat ihm den Pardon gegeben, der
ist aber aus Praktiken zurckgehalten und die Exekution vorgenommen
worden. Der Feldmarschall hat sich trefflich wohl zum Sterben geschickt,
hat ein gemaltes Kruzifix vor sich ausgebreitet und seines Endes
unerschrocken gewartet. Der Kopf ist ihm gleich zu der Wunde Christi
gefallen, und also hat dieser khne tapfere Held, so in Ungarn wider den
Trken ansehnliche Dienste geleistet, mit einem schmhlichen Streich
sein Leben enden mssen, aus Migunst etlicher, die ihn um das Glck
beneidet und denen er im Wege gelegen. Der Kaiser hat seine bereilung
hoch beklagt. Weil aber die Majestt damals sich ganz versteckt gehalten
und fast niemand gehrt, wurde die Sache beschnt und verschwiegen.

Gerade weil Rudolf so eingezogen lebte, bedurfte er der Zutrgereien;
die Kammerdiener brachten sie ihm, und nach seiner argwhnischen
Gemtsart lieh er ihnen ein williges Ohr. Lakaien und Abenteurer waren
es, die im Hradschin kommandierten. Die Stallknechte hatten einen groen
Stand, weil der Marstall des Kaisers Lieblingsaufenthalt war. Viel Macht
bten endlich die listigen Buhlerinnen aus, mit denen der Kaiser in
immer wechselnder wilder Ehe lebte. Die Ursache, weshalb sich Rudolf
nicht vermhlte, war das Horoskop, das ihm Tycho de Brahe gestellt
hatte. Es lautete, er drfe nicht heiraten, denn es drohe ihm Gefahr vom
eigenen Sohn. Zwei Heiratsprojekte lagen vor: mit einer mediceischen
Prinzessin und mit der spanischen Infantin Isabella. Viele Jahre lang
wurde darber verhandelt, aber jeder Versuch, den Kaiser zur Ehe zu
bewegen, schlug fehl. Um das Jahr 1600, als sich die Heiratsprojekte
endgltig zerschlagen hatten, stieg Rudolfs Trbsinn aufs hchste. Gegen
seinen jngeren Bruder Mathias fate er einen unaustilgbaren
Widerwillen. Das Erscheinen des Halleyschen Kometen bestrkte ihn in der
Furcht vor den Anschlgen seiner Verwandten, Anschlge, die der blutige
Schwanzstern ihm recht handgreiflich in der Vorbedeutung anzuzeigen
schien. Vergeblich suchte ihm Kepler seine Angst auszureden. Er war so
mitrauisch, da er nicht nur den niedrigsten Verleumdern zugnglich
war, sondern auch alle Personen, die zu ihm kamen, untersuchen lie, ob
sie heimlich Waffen bei sich fhrten. Selbst seine Geliebten muten sich
diesem Zwang unterwerfen. Aus Furcht verlie er das Schlo nicht mehr.
Sein Schlafzimmer glich einer Festung. Oft sprang er aus dem Bett und
lie durch einen Schlohauptmann alle Winkel der kaiserlichen Residenz
mitten in der Nacht durchstbern. Wenn er zur Messe ging, was nur an
hohen Festtagen geschah, sa er in einem gedeckten und stark
vergitterten Oratorium. Um ganz sicher beim Spazierengehen zu sein, lie
er lange und weite Gnge mit engen schrgen Fensterchen gleich
Schiescharten bauen, durch die hindurch er nicht frchten mute,
erschossen zu werden. Diese Gnge fhrten in seinen prchtigen Marstall;
er hatte hier seine Zusammenknfte mit den Frauen und besah sich gern
seine Pferde, die er liebte, auf denen er aber niemals ritt.

Daniel L'Hermite schildert die Erscheinung des siebenundfnfzigjhrigen
Kaisers wie folgt: Viel zu frhe sind ihm Haare und Bart grau geworden.
Die Stirn ist majesttisch, der Mund nicht unangenehm, die Augen sind
feurig, werden aber von starken Wimpern fast gnzlich beschattet. Seine
Gestalt ist mehr gedrckt als aufgerichtet, von alters her ist diese
gedrckte Leibesgestalt im Hause sterreich angeboren. Er trgt noch
immer Kleider nach der alten Sitte, er hlt auf diese alte Sitte und
setzt ein Zeichen der Gre daran, nichts an ihr zu ndern; er trgt
einen kurzen, mit Gold eingefaten Mantel und ber der gegrteten
weien Hose ein spanisches Wams.

In Prag wute man oft monatelang nicht, ob Rudolf noch lebe. Das Volk
frchtete, die Gnstlinge verheimlichten seinen Tod, um seine Schtze an
sich zu bringen. Einmal brach deshalb ein Aufstand aus, und da zeigte
sich der Kaiser nach langen Bitten am Fenster des Hradschins, um den
andrngenden Volkshaufen zu beruhigen. In dumpfem Brten, und ohne einen
Laut von sich zu geben, sa er oft viele Stunden hindurch und schaute
den Malern und Uhrmachern zu, die in seinem Zimmer arbeiteten. Wurde er
dabei angesprochen, so packte ihn der Jhzorn, und er warf, was er
gerade erreichen konnte, ein Gef oder ein Werkzeug, dem Strer mit
Schimpfworten an den Kopf. Bisweilen auch fuhr er aus seinem wehmtig
stieren Sinnen ohne Grund empor und zerschlug alles um sich her.

Personen, die in Geschften bei Hof erschienen, fanden es ungemein
schwer, zum Kaiser zu gelangen. Entweder war er im Zimmer bei den Lwen,
Leoparden und Adlern, die er selbst ftterte, oder bei Tycho de Brahe
auf der Sternwarte, oder bei Dee und Bragadino, beschftigt mit
Schmelztiegeln, Wunderspiegeln, Traumtafeln und Geistererscheinungen,
oder in den Grten des Hradschins, wo Bume, Gestruche und Blumen aus
fernen Weltgegenden blhten und Zaubergrotten und Wasserwerke sich
befanden, aus denen Musik ertnte. Wer ihn sprechen wollte, mute sich
als Stallknecht verkleiden und ihn im Marstall erwarten. Aber auch hier
war es gefhrlich, sich dem seltsamen und gewaltttigen Herrn zu
nhern. Eva, die Tochter des in Ungnade gefallenen Oberst-Burggrafen
Lobkowitz, hatte sich durch Geld eine solche Audienz erkauft, um fr
ihren gefangenen Vater Freiheit und Leben zu erbitten. Ein ehrlicher
Stallknecht warnte sie in letzter Stunde, indem er ihr erffnete, da
sie zu schn sei, um solches zu wagen, der Kaiser scheue nicht vor
Gewalt zurck. Sie verstand ihn und floh.

Rudolf ahnte nichts von der Not seiner Vlker. Der sturmbewegten Zeit
mute dieser kranke Trumer auf dem Thron alles schuldig bleiben. Die
Trkengefahr und der Aufstand des Siebenbrgerfrsten vereinigte
smtliche Erzherzoge des habsburgischen Hauses zu dem Beschlu, den
Kaiser abzusetzen, und der Urheber dieser Maregel war Clesel, der
Bischof von Wien und Neustadt. Im Juni 1608 mute Rudolf an seinen
Bruder Mathias die Krone Ungarns und die Lande sterreich und Mhren
gegen ein Jahrgeld gnzlich abtreten, und trotz seines leidenschaftlichen
Widerstandes wurde er gezwungen, den berhmten Majesttsbrief
auszustellen, durch den er den bhmischen Herren unbedingte
Glaubensfreiheit sicherte. Nur das tiefe Zerwrfnis mit Mathias drngte
ihm den Majesttsbrief ab, die Scharteke, wie Kaiser Ferdinand spter
die Urkunde verchtlich betitelte, als er sie nach der Schlacht am
Weien Berg verbrannte. Aber eines glaubte sich Rudolf dadurch gesichert
zu haben: als bhmische Majestt in dem teuren Prag ruhig sterben zu
knnen. Es war ein Irrtum. Er wurde in seinem Schlo so eng bewacht,
da ihm nicht einmal verstattet war, in den Garten zu gehen und Luft zu
schpfen. Einmal, als der rmische Kaiser aus dem Tor treten wollte,
schlug die Wache das Gewehr auf ihn an; da kehrte Rudolf in seine
Gemcher zurck, ffnete das Fenster und rief mit erhobener Hand: Du
undankbares Prag! durch mich bist du erhht worden, und nun stt du
deinen Wohltter von dir. Die Rache Gottes soll dich verfolgen und der
Fluch ber dich und ganz Bhmenland kommen.

Die Kurfrsten von Mainz und Sachsen verwandten sich fr den Kaiser,
indem sie betonten, da er doch auch noch ein Mitglied des
kurfrstlichen Kollegiums sei. Darauf entgegneten die Stnde Bhmens
hhnisch den Abgesandten: Wir wollen euch den rmischen Kaiser samt dem
Kurfrsten von Bhmen zugleich in einem Sack zuschicken.

In dieser Bedrngnis war es, wo Mathias seinem Bruder auch die bhmische
Krone raubte. Erbittert darber, da die Bhmen Mathias gehuldigt
hatten, schleuderte Rudolf, als er die Abdankungsurkunde unterzeichnet
hatte, im Zorn seinen Hut auf die Erde, zerbi die Feder und warf sie
dann auf das Diplom, auf dem man noch heutigentags den Tintenfleck
sieht. Ungeachtet seiner hoffnungslosen Lage glaubte der wunderliche
Mann durch die Stiftung eines Ordens von Friedensrittern alles wieder
ins Geleise bringen zu knnen, und Tag und Nacht arbeitete er an den
Ordensketten.

Von seinen smtlichen Kronen besa er jetzt nur noch die rmische
Kaiserkrone. Aber schon lange verachteten ihn auch die deutschen
Frsten und schickten endlich eine Gesandtschaft, um ihn zu ntigen, zur
Wahl eines anderen Kaisers seine Zustimmung zu geben. Er empfing die
Gesandten unter einem Thronhimmel stehend; die linke Hand hatte er auf
einen Tisch gesttzt. Als sie ihr Verlangen vorbrachten, wurde ihm der
Kopf hei, seine Knie zitterten, und er mute sich auf einen Sessel
niederlassen. Spter sagte er zum Herzog von Braunschweig, seinem
vertrautesten Freund: Die mir in meinem Ungemach keine Hilfe geleistet
und zu meinem Dienst nicht einmal ein Ro haben satteln lassen, haben
mir jetzt eine Art von Leichenpredigt gehalten. Ohne Zweifel sind sie
mit unserm Herrgott in geheimem Rat gesessen und wissen vielleicht von
daher, da ich noch in diesem Jahr sterben werde, weil sie gar so stark
auf einen Nachfolger im rmischen Reich dringen.

Erniedrigung, Verlust der Wrden und alle damit verbundenen Leiden hatte
Rudolf ertragen; der Tod seines schnen treuen alten Lwen und zweier
Adler, die er tglich mit eigener Hand gefttert hatte, brach ihm das
Herz.

Sein Leichnam wurde in eine mit rotem Damast ausgeschlagene Bahre
gelegt, ber der sich ein glserner Deckel befand; auf der Brust trug er
ein Kreuz, an der linken Seite die Wehr und an der rechten das goldene
Vlies. Rudolfs Minister wurden verhaftet und zur Folter verurteilt; sein
Schatzmeister Roszky, den er vor andern geliebt, erhngte sich im
Gefngnis mit der Schnur, an welcher er den Kammerschlssel getragen.
Man lie daher seinen Leib vom Nachrichter vierteilen und auf dem Weien
Berg bestatten. Allein es hie, da er sich an derselben Stelle oftmals
auf einem Bock oder Hirsch reitend zeigte, und so wurde der Krper
wieder ausgegraben, wurde verbrannt und die Asche in die Moldau
geworfen. Als dies geschehen war, verschwand pltzlich der
Schlohauptmann, und es entstand der Verdacht, da er den Roszky im
Gefngnis ermordet, ihn aufgehngt und ihm das #aurum purificatum,# das
er aus des Kaisers Schatz zurckbehalten, geraubt habe.

Der Kaiser Rudolf hinterlie von seinen vielen Geliebten wahrscheinlich
viele Kinder, von denen vier Shne bekannt geworden sind, die sein
wildes Blut erbten. Don Carlos d'Austria diente dem Kaiser Ferdinand im
Dreiigjhrigen Krieg, wurde aber in einer Vorstadt von Wien bei einem
Auflauf um eine ffentliche Dirne, in den er sich mutwillig gemischt
hatte, unerkannt erschlagen. Zwei andere fhrten ein anonymes Dasein,
der vierte jedoch, Don Cesare d'Austria, hatte an einem Edelfrulein
Gewalt gebt und sie dann aus dem Weg gerumt. Der Kaiser, sein Vater,
lie ihm in einem warmen Bade die Adern ffnen.




Hochzeit Frulein Reginens, Herrin von Tschernembel, mit Herrn Reichard
Strein, Freiherrn zu Schwarzenau, am 24. September 1581


Als Herr Reichard Strein mit zweiundzwanzig Kutschen, in denen seine
nchsten Befreundeten gesessen, beim Grafen Ortenburg angekommen war,
lie er durch diesen bei Herrn von Tschernembel um die Hand seiner
Tochter Regina werben. Um grere Unkosten zu verhten und auf seine
ansehnlichen Befreundeten weisend, begehrte Herr Strein, da nach
schleuniger Begleichung des Zeitlichen und geschehener Zusage die
Hochzeit sogleich vorgenommen werde, und obwohl der andere Teil
Einwendungen gemacht, wurde dem Begehren schlielich doch willfahrt. Die
Brautleute wurden am selben Tag christlich zusammengetan, und der Abend
ward bei guter Traktation frhlich verbracht. Am folgenden Morgen wurde
die Hochzeitspredigt gehalten; dann fuhr Herr Strein mit Herrn Achaz von
Lohsenstein und seiner Schwester, der Frau Jrgerin, nach Freydek, um
Ordnung zur Heimfhrung zu geben.

Am Mittwoch den 27. September wurde zu frher Tageszeit der Brautwagen
mit fnfzig Reitpferden nach Karlspach bei Melk begleitet, dort setzten
sich die Herren in die Kutschen, das Frauenzimmer auf ihre Wgen und
zogen in folgender Ordnung weiter: erstlich die Handrosse, dann die
andern Pferde, deren Zahl sich ebenfalls auf fnfzig belief; dann die
Kutschen mit den Dienern; dann die Herren selbst in ihren Kutschen; dann
drei berittene Trompeter; dann drei Berittene von Adel in meienischen
Sammetrcken und weien Kranichfedern auf den Hten; dann drei
Edelknaben mit wei und schwarzen Federbschen auf den berzogenen
Sturmhauben; dann die reisigen Knechte mit goldgeschmckten Rcken; dann
Herrn Streins Pferd; dann wieder drei Berittene von Adel mit schnen
Wehrgehngen und zum Beschlu drei junge Freunde des Herrn Strein.
Hierauf folgte der Brautwagen; er war mit schwarzem Leder berzogen und
mit weiem Atlas ausgefttert, und das Eisenwerk war versilbert; sechs
gefrbte Rosse zogen ihn, an deren Lederzeug schwarzseidene Fransen
hingen. Die Kutschen der Frauenzimmer waren mit braunem lndischen Tuch
bekleidet; es waren etwa dreiig Kobelwgen. Herr Strein empfing seine
Gste in Freydek mit ordentlichem Schieen und anderen Ehrenbezeugungen
um zwlf Uhr Mittag.

Als nun die Herren und Frauen in ihre Zimmer gegangen und sich abgetan,
ist die Mahlzeit mittlerweile bereit und die Speisen aufgetragen
worden. Ein Saal war zum Tanzen zugerichtet und in einer gleichgroen
Stube standen sieben gedeckte Tafeln. Die Mahlzeit ist so vertraulich
und lieblich abgegangen, da man weder Fluchen noch unziemliche Reden
gehrt. Es ist kein bermiger Trunk geschehen, frhlich ist jedermann
gewesen und hat sich den Wein wohlschmecken lassen. Als nun das Obst-
und Beschauessen zum Teil aufgetragen war und die Herrentafel aufgehoben
werden sollte, fingen unversehens die Sthle an zu sinken; zudem brach
der Boden acht Klafter in der Lnge und fnf in der Breite auseinander,
und es entstand ein groes Getmmel. Die Restbume waren gebrochen und
die Ziegelpflaster des Bodens, die Tische, Sthle, Bnke, Schrgen,
Messer, Teller und alles, was am Herrentisch gesessen, samt etlichen
aufwartenden Personen strzte dreiundeinhalb Klafter in die Tiefe.

Die Hochzeitsgste meinten nichts weniger, als das Jngste Gericht und
die Auferstehung der Toten sei gekommen. Der vom Schutt aufwirbelnde
Staub war so gro, da ihn die Leute im Hof fr Flammenrauch hielten.
Ist durch sonderliche Fgung und Barmherzigkeit Gottes, so lautet der
Bericht, niemand am Leben verkrzt worden, auer einem, Kleinschopf
genannt, Herrn Gabriel Streinz' Diener, der ist im Saal gewesen und hat
das Krachen gehrt, und ist herausgegangen und etlichen andern solches
gesagt und mit dem Vermelden wieder hineingegangen, er wolle sehen, wo
es brechen will. Indem hat ihn der Fall ergriffen und erschlagen. Einer
vom Adel ist im Saal auf der Bank gelegen und hat geschlafen; dem ist
nichts geschehen, ist auch nicht eher erwacht, als bis Herrn Wolf
Ehrenreich Streinz' Lakai auf ihn gefallen, den er deshalb, unvermerkt
woher er kme, hat schlagen wollen. Herr Adam von Puchheim ist ohne
Schaden auf die Fe heruntergefallen, ist alsbald den andern zu Hilfe
gelaufen und hat zum ersten die Frau Braut Reginam hervorgezogen, welche
auer einem schlechten Ri am Knie keinen Schaden empfangen. Ihr Gemahl
ist an Kopf und Arm ein wenig gestreift worden, zwei Bume sind
berzwerch auf ihm gelegen, Kalk ist ihm in die Augen gekommen, und er
hat nichts sehen knnen.

Die Liste der bei dieser Hochzeit gestrzten Personen der Herren,
Frauen, Frulein und Bedienten gibt die Zahl achtundzwanzig.




Friedrich Wilhelm I. von Preuen


Friedrich Wilhelm wurde am 14. August 1688 als einziger Sohn Friedrichs
des Ersten und der geistreichen, philosophisch begabten Charlotte von
Hannover geboren, nur wenige Monate nach dem Tode seines Grovaters, des
Groen Kurfrsten. Schon als Kind hatte er einen robusten Krperbau, ein
uerst widerspenstiges Naturell und zeigte zum Lernen keine Lust. Der
muntere, fast unbndige Knabe war der Abgott seiner Mutter und seiner
Gromutter. Die Kurfrstin Sophie lie den geliebten Enkelsohn bereits
in seinem fnften Jahre zu sich nach Hannover kommen, aber es war nicht
mglich, ihn dort lange zu behalten, denn er vertrug sich ganz und gar
nicht mit seinem Spielkameraden, dem Prinzen Georg, der spter Knig von
England wurde. Die Abneigung zwischen den beiden blieb eine dauernde;
sie haten einander bis zur Todesstunde, und Friedrich nannte Georg
nicht anders als: mein Bruder, der Tanzmeister, whrend Georg
seinerseits: mein Bruder, der Sergeant, sagte.

Die Personen, die mit dem Prinzen zu tun bekamen, hatten einen schlimmen
Stand mit ihm. Zwei Guvernanten muten ihn beaufsichtigen, und oft
brachte er durch seine tollen Streiche die beiden Frauen zur
Verzweiflung. Frhzeitig legte er einen Widerwillen gegen allen Pomp und
Luxus an den Tag, und er warf einmal ein Schlafrckchen von Goldstoff,
welches anzuziehen man ihn ntigen wollte, ins Kaminfeuer. Dagegen
bestrich er sich das Gesicht mit Fett und lie sich in der Sonne braten,
um eine recht braune Soldatenfarbe zu bekommen.

Wie von dem groen Leibniz besttigt wird, galt Friedrich Wilhelm als
Knabe fr sehr witzig. Auf einem Jahrmarkt in Charlottenburg spielte der
zwlfjhrige Prinz den Taschenspieler zum allgemeinen Ergtzen. Die
Herzogin von Orleans schrieb: Es ist mir immer bang, wenn ich Kinder so
witzig vor dem rechten Alter sehe, denn es ist mir ein Zeichen, da sie
nicht lange leben. Darum ist mir auch bang fr den kleinen Kurprinzen
von Brandenburg. Friedrich Wilhelm blieb aber ungeachtet seines Witzes
beim Leben, und zwar bei recht gesundem Leben. Nur mit dem Lernen wollte
es gar nicht vorwrts; wie er seinem prunkliebenden Vater eine
entschiedene Abneigung gegen Prunk zeigte, so trotzig verhielt er sich
gegen alle Versuche seiner Mutter, die einen gelehrten Mann, #une belle
me,# aus ihm machen wollte. In seinem siebenten Jahre war ihm der Graf
Alexander Dohna als Erzieher gegeben worden, ein ehrenfester,
gravittischer, stolzer Mann. Seine Instruktion besagte, da er alle
Mhe aufzuwenden habe, um dem Prinzen das Lateinische beizubringen, da
solches nicht allein die goldene Bulle erfordere, sondern auch die
ntigen Verhandlungen mit den benachbarten Puissancen. Aber trotz aller
Einreden Dohnas lernte die Knigliche Hoheit gar wenig, obwohl ihr ein
ganz auerordentliches Gedchtnis anerschaffen war. Noch schlimmer ging
es mit den Knsten, er wollte weder das Klavier noch die Flte spielen,
die Musik war ihm geradezu unleidlich.

In schrfstem Gegensatz zu der Vorliebe seiner Eltern fr das
Franzsische trat alsbald sein ausgeprgtes Deutschtum hervor. Hierin
bestrkte ihn sein erster Lehrer, der Ephorus Friedrich Cramer. Cramer
war ein kenntnisreicher und gebildeter Mann, der einst die Schrift des
Abb Bouhours: Kann ein Deutscher Geist haben? mit einer grimmigen
Gegenschrift beantwortet hatte. Cramers Einwirkung blieb fest in der
Seele Friedrich Wilhelms, die, wie rasch sie sich auch nach Sympathien
und Antipathien entschied, daran fr immer und aufs zheste festhielt.
Der Nachfolger Cramers war ein Franzose namens Rebeur, ein Emigrant, den
Graf Dohna aus der Schweiz hatte kommen lassen. Aber dieser Rebeur war
ein trauriger Pedant; er plagte den Prinzen fortwhrend damit, da er
ihn lateinische, franzsische und deutsche Aufstze ber das Alte
Testament machen lie, und die Folge war, da Friedrich Wilhelm fortan
einen unbezwinglichen Ha gegen das Alte Testament hegte; sein ganzes
Leben lang konnte es bei ihm nicht wieder zu Ehren gebracht werden, ein
so guter Christ er auch war.

Seine Mutter verzog ihn gnzlich, und eigentlich hat er ihr das spter
nie verziehen. Gerade aus dem Verhltnis zur Mutter entwickelte sich in
ihm die Forderung eines unbedingten blinden Gehorsams, sonder
Rsonieren, seine unphilosophische starre Rechtglubigkeit nach eigenem
Rezept und eigener Vorschrift und die harte Behandlung, die er seinem
Sohn Friedrich angedeihen lie.

Er nhrte im stillen nur zwei Leidenschaften: die Soldatenliebhaberei
und die konomie in den Finanzen. Schon als Knabe errichtete er von
seinem Taschengeld eine Kompanie adeliger Kadetten. Eine zweite Kompanie
befehligte sein Vetter, der Herzog von Kurland, mit dem er sich auch
sehr bel vertrug, die Mutter kam einmal dazu, wie er ihn wtend bei den
Haaren herumschleppte. Seine Sparsamkeit zeigte sich frhzeitig; er war
acht Jahre alt, als er sich ein Ausgabenbuch anlegte, das den Titel
fhrte: Rechnung ber meine Dukaten. Seine Mutter ngstigte sich, da
der Geiz ihn verhrten werde, und nicht weniger bekmmerte sie seine
immer mehr zutage tretende Unhflichkeit gegen die Frauen, die freilich
in einer unbesiegbaren Befangenheit und Schchternheit begrndet war und
auch in dem Umstand, da die erste zarte Neigung seines Herzens, die zur
Prinzessin Karoline von Ansbach, nicht erwidert wurde. Karoline
heiratete spter den englischen Georg.

In seinem sechzehnten Jahr erhielt der Prinz die Erlaubnis zu einer
Reise nach den Niederlanden und nach England. Der Herzog von Marlborough
hatte ihm bereits ein Schiff zur berfahrt bestimmt, als er nach Berlin
zurckgerufen wurde; seine Mutter war gestorben. Von nun an lebte er
mit Vorliebe in Wusterhausen, dorthin zog er die Leibkompanie seines
Regiments, die er fleiig exerzieren lie und die seine hchste Freude
war. Er machte den Feldzug am Rhein unter Marlborough und Prinz Eugen
mit, und im Jahre 1706 vermhlte er sich mit der Prinzessin Sophie
Dorothea von Hannover, welche die Mutter des groen Friedrich wurde. Sie
war eine groe schlanke Frau mit blauen Augen und braunem Haar, gebildet
und lebhaft, ehrgeizig und stolz.

Als Friedrich Wilhelm nach dem Tode seines Vaters im Jahre 1713 zur
Regierung gelangte, nderte er den ganzen Hofhaushalt vllig um. Wer
seine Gunst erlangen wollte, mute Sturmhaube und Kra anlegen, alles
war Offizier und Soldat, und zwei Mnner gewannen alsbald ausschlielich
sein Vertrauen, der Generalmajor von Grumbkow und der Frst Leopold von
Anhalt-Dessau. Alle wichtigen Geschfte gingen durch Grumbkows Hnde,
und da er des Knigs tglicher Gesellschafter war, wuchs sein Einflu
bestndig. Er fgte sich in des Knigs Launen, wute dessen erste Hitze
abzulenken und leitete ihn, soweit er sich berhaupt leiten lie,
anscheinend treuherzig, freimtig und bieder. Grumbkow war ein groer
Feinschmecker und konnte ungeheuer viel Wein vertragen, so da er den
Ehrentitel Biberius erhielt. Fr zwlftausend Taler Tafelgelder, die ihm
ausgezahlt wurden, bernahm er die Bewirtung der fremden Prinzen und
Gesandten. Whrend der Knig und der brige Hof in der grten
Sparsamkeit lebten, fhrte Grumbkow allein einen glnzenden Haushalt.
Der Knig speiste selbst gern und oft bei ihm und pflegte zu sagen: Wer
besser essen will als bei mir, der mu zu Grumbkow gehen. Grumbkows
Verschwendungssucht brachte ihn aber in eine hchst bedenkliche
Abhngigkeit von fremden Hfen; er stand erst im englischen und spter
im sterreichischen Solde. Seine Hauptfeindin war die Knigin Sophie,
deren Lieblingsplan einer Heirat ihres Sohnes Friedrich mit der
englischen Prinzessin Amalia er hintertrieb. Damals beleidigte er die
Knigin geradezu durch unziemliche Redensarten, und sie verfluchte ihn
dafr. Sein Ehrgeiz verma sich immer hher, geflissentlich ste er
Zwietracht zwischen dem Knig und der Knigin, endlich erschpfte er die
Langmut seines Herrn und fiel in Ungnade. Als der Knig seinen Tod
erfuhr, sagte er: Nun werden die Leute doch endlich einsehen, da der
Grumbkow nicht alles macht. Htte er vierzehn Tage lnger gelebt, so
htte ich ihn verhaften lassen.

Leopold von Anhalt-Dessau, den der Volksmund und die Geschichte den
Alten Dessauer nennt, war ein Vetter des Knigs und seit dem
italienischen Feldzug eng mit ihm befreundet. Leopold verstand sich auf
die Seele des Soldaten, und wenn er fluchte, war es dem gemeinen Mann
wie bei einer Schmeichelei zumute. Er fhrte die groen Neuerungen in
der preuischen Armee ein, die ihr spter in den Schlachten Friedrichs
des Groen die taktische berlegenheit verschafften: den eisernen
Ladestock und den Gleichschritt der Kolonnen.

Grumbkow und der Frst von Dessau waren grimmige Feinde. Den ersten
Streit zwischen ihnen gab es wegen eines merkwrdigen Projektes, das
Leopold dem Knig kurz nach seinem Regierungsantritt vorschlug. Leopold
hatte in seinem Frstentum alle Gter aufgekauft, das Land bestand am
Ende nur noch aus Domnen und war ganz sein Eigentum geworden. Er riet
dem Knig, ein gleiches zu tun, und bewies ihm, da Dessau jetzt
verhltnismig doppelt soviel einbringe, als dem Knig seine Staaten.
Grumbkow widersetzte sich dem Vorschlag lebhaft und malte die
schdlichen Folgen aus, wenn der Knig seinen Adel vom Gterbesitz
vertreibe und sich vom baren Geld entble. Dem Frsten schleuderte er
die Anklage entgegen, da ja in seinem Lande nur noch Juden und Bettler
zu finden seien. Leopold geriet darber in solchen Zorn, da er den
Minister auf Pistolen forderte, und nur mit Mhe verglich sie der Knig
durch sein Dazwischentreten. Von da an war es unmglich, beide Mnner in
leidlichem Einvernehmen zu halten. Zehn Jahre spter kam es wegen des
Vorwurfs der englischen Bestechung abermals zu einem Streit und wieder
zu einer Herausforderung. Grumbkow lehnte ab. Um sich zu rchen
verlangte Grumbkow vom Frsten das Patengeschenk von fnftausend Talern,
das er einst einer seiner Tchter versprochen hatte, wenn sie sich
verheiraten wrde. Der Fall war da. Es kam zum Wortwechsel und zu
Beschimpfungen. Der Frst schickte Grumbkow ein Kartell. Grumbkow
schtzte religise Bedenken vor und sagte, die Duelle seien nach
gttlichen und menschlichen Gesetzen verboten. Endlich kam es aber doch
zum Zusammentreffen, und beide Teile begaben sich vor das Kpenicker
Tor. Sobald der Frst, in weiter Ferne noch, seinen Gegner erblickte,
rief er ihm zu, er solle den Degen ziehen. Grumbkow nherte sich mit
langsamen Schritten, bergab dem Frsten seinen Degen und sagte, er
bitte Seine Durchlaucht untertnigst, das Vorgefallene zu vergessen und
ihm seine Gnade wieder zu schenken. Da warf ihm der Frst einen
verachtungsvollen Blick zu, kehrte ihm den Rcken, schwang sich auf sein
Pferd und ritt wieder gegen die Stadt.

Jetzt trat der Knig ernstlicher als Vermittler auf; er begehrte, da
Leopold eine Bescheinigung unterschreiben solle, worin Grumbkow das
Zeugnis eines Ehrenmanns ausgestellt war; weigere sich der Frst, so
werde er, Friedrich Wilhelm, alle Generale zu sich kommen lassen und
erklren, da, wer den Grumbkow nicht fr einen braven Offizier halte,
ein Erzhalunke sei. Es gab weitlufige Verhandlungen, mit Mh und Not
war der Frst zu einer Abbitte zu bewegen, und bald darauf verlie er
den Hof von Berlin. Sein Regiment stand in Halle und in Magdeburg. In
Halle kam es zu schweren Hndeln zwischen ihm und den Studenten, die
beim Rekrutenexerzieren im Frhjahr ein lrmendes Publikum bildeten und
das linkische Wesen der Rekruten verhhnten.

Das Kabinettsministerium Friedrich Wilhelms blieb in den Hnden des seit
der Verschaffung der Knigswrde bewhrten Heinrich Rdiger von Ilgen.
Der kluge Westfale, den schon der groe Kurfrst nach seinem Verdienst
erkannt, gehrte zu jenen Brgerlichen, welchen die Monarchie ihre
Gre verdankt. Ilgen war ein sehr bedeutender Mann. Er allein hielt
dem hartgesottenen Mylord Raby stand, der am Berliner Hof den Meister
spielen wollte, und entfernte ihn endlich, indem er die Grfin
Wartenberg entfernte. In der gefhrlichen Periode nach dem Utrechter
Frieden, wo der Wind der Politik bestndig umsprang, lenkte er das
preuische Staatsschiff mit hchster Geistesgegenwart, ungetrbtem
freien Blick und bewuter Energie. Von Jugend auf an Arbeit gewhnt,
grndlich unterrichtet, dabei welterfahren klug und scharfsinnig, war er
ein Meister in der Kunst der Verstellung, mit der allein man damals
regieren konnte. Er war immer auf der Hut, er verstand es wie
irgendeiner von seinen geschulten Gegnern der alten Kabinette, seine
Absichten zu verbergen, sich zweideutig auszudrcken, mit glatten Worten
sie hinzuhalten, sie zugleich auf weiten Wegen auszuforschen, durch die
strksten Versicherungen von der richtigen Fhrte abzulenken und unter
den heiligsten Beteuerungen doch zu hintergehen, so wie sie ihn
hintergehen wollten. Er hatte sich vollkommen in der Gewalt und
beherrschte mit stets gleichbleibender kalter Besonnenheit sein
Temperament, seine Zunge, sein Gesicht, ja sogar seine Augen. Nichts
verriet ihn und er erriet immer. Alle Staatsgeheimnisse verschlo er in
sich selbst, arbeitete alles selbst, hatte keine einzige Kreatur, auch
seine Verwandten begnstigte er nicht. Seine Gabe, die Menschen zu
erforschen, brachte ihn bei Hofe in den Ruf, da er die Zukunft
vorhersagen knne. Der Knig, obwohl er ihn nicht liebte, wute doch,
was er an ihm besa.

Trotz der diplomatischen Kunst seines Ministers war es dem Knig doch
immer gegenwrtig, da, um unter den Mchten Europas Bedeutsamkeit zu
erlangen, alles auf Geld und Soldaten ankomme; das brige fnde sich
hernach von selbst. Seine Staatswirtschaft unterschied sich durchaus von
derjenigen aller anderen Reiche und Kronen; sein Muster war und blieb
das Hauswesen eines wohlhabenden Gutsbesitzers. Seine Neigung fr das
Soldatenwesen schien ein Spiel, aber hinter diesem Spiel verbarg sich
ein tiefer, zukunftahnender Ernst. Es gibt eine Mitteilung ber eine
merkwrdige Stelle in Friedrich Wilhelms Testament; sie stammt vom
Ritter Zimmermann und lautet: Mein ganzes Leben hindurch fand ich mich
gentigt, um dem Neid des sterreichischen Hauses zu entgehen, zwei
Leidenschaften auszuhngen, die ich nicht hatte; eine war ungereimter
Geiz und die andere eine ausschweifende Neigung fr groe Soldaten. Nur
wegen dieser so sehr in die Augen fallenden Schwachheiten vergnnte man
mir das Einsammeln eines groen Schatzes und die Errichtung einer
starken Armee. Beide sind nun da, und nun bedarf mein Nachfolger weiter
keiner Maske.

Sobald er den Thron bestiegen hatte, begannen die Werbungen in einem
vorher nicht dagewesenen Umfang. Im ganzen Land wurde eine frmliche
Jagd auf Brger und Bauern veranstaltet. Scharen junger Leute flchteten
vor dem Korporalstock der Werbewtriche, und es kam vor, da die Werber
in Kirchen eindrangen und sich der jungen Mnner whrend des
Gottesdienstes bemchtigten. Es fehlte dem Knig gegenber nicht an
Klagen und Vorstellungen. Einmal wurde ihm ein Brief in die Hnde
gespielt, auf dem zu lesen war: Wer einen Menschen stiehlet und
verkauft, da man ihn bei ihm findet, der soll des Todes sterben. 2.
Moses 21, 16. Wenn jemand funden wird, der aus seinen Brdern eine Seele
stiehlet aus den Kindern Israel und versetzt oder verkauft sie, solcher
Dieb soll sterben. 5. Moses 24, 7. Aber das waren Zitate aus dem Alten
Testament, und das Alte Testament war ja dem Knig verhat; auch konnte
der Hofhistoriograph Comann aus dem 1. Buch Samuelis, Kapitel 8
klrlich erweisen, da es gttliches Recht der Knige sei, Knechte und
Mgde, Shne und Esel wegzunehmen. Friedrich Wilhelm ereiferte sich
sehr, wenn er vernahm, da fremde Staaten Verbote gegen seine Werbungen
erlassen htten; er hielt es fr Unrecht, wenn sie ihm lange Kerle
verweigerten, da niemand sie so gut zu schtzen wisse als er.

Die langen Kerle, das war die berhmte Potsdamer Garde, riesengroe
Leute, die er in seinen eigenen Staaten ausheben, aus allen Weltgegenden
fr ansehnlichen Sold und gutes Handgeld sich verschreiben, von
befreundeten Frsten sich schenken oder im Notfall durch seine Werber
mit Gewalt entfhren lie. Er schrieb einmal an den Grafen Seckendorf:
Wenn ich kann von meinen beiden Vettern in Anspach und Bayreuth
vierhundert oder sechshundert Mann als Rekruten kriegen, will ich fr
jeden nackenden Kerl dreiig Taler geben. Im Lauf von zwanzig Jahren
schickte er ungefhr zwanzig Millionen Werbetaler in die Fremde. Mit
Pssen, die vom Knig unterzeichnet waren, machten die Werber in allen
deutschen und in den benachbarten Lndern Jagd auf lange Kerle. Im
Jlichschen passierte es einmal, da ein Oberstleutnant bei einem sehr
langen Tischlermeister einen Kasten bestellte, der so lang und so breit
sein sollte, wie der Tischler selber war. Als der Oberstleutnant nach
einigen Tagen wiederkam, um den Kasten abzuholen, erklrte er, der
Kasten sei zu kurz. Der Tischler legte sich sofort selbst hinein, um zu
beweisen, da der Kasten die ntige Lnge habe. Geschwind lie der
Oberstleutnant von seinen Leuten den mitgebrachten Deckel zumachen und
den Kasten von seinen Rekruten davontragen. Als aber der Kasten vor dem
Tor aufgemacht wurde, war der lange Tischlermeister erstickt. Der
Oberstleutnant wurde zwar zum Tode verurteilt, der Knig begnadigte ihn
aber zu lebenslnglicher Festung. Der sterreichische Hof, der russische
und der polnisch-schsische kamen der Passion des Knigs freundlich
entgegen. Fr hundert russische Potsdamer, die ihm der Zar Peter, dann
die Kaiserinnen Katharina und Anna zukommen lieen, gab er ihnen als
Gegengeschenk das berhmte Bernsteinkabinett, das sein Vater angelegt
hatte, und spter eine bestimmte Zahl ausgebildeter preuischer
Unteroffiziere. Von August dem Starken erwarb er gegen eine Partie
Porzellan die dafr so genannten Porzellanregimenter.

[Illustration: Friedrich Wilhelm I., nach einem Stich von G. P. Busch.]

Der gewhnliche Preis eines langen Kerls von fnf Fu zehn Zoll
rheinlndischen Maes war siebenhundert Taler; einer von sechs Fu wurde
mit tausend Talern bezahlt, und war er noch lnger, so stieg der Preis
noch hher. Einer der teuersten war der Irlnder Kirkland; fr diesen
zahlte der preuische Gesandte in London neuntausend Taler. Fr einen
andern bekam der General Schmettau fnftausend Taler und eine
Stiftsstelle fr seine Schwester. Im Lande selbst ward alles aufgeboten,
damit man sich der tauglichen Subjekte rechtzeitig versichern konnte.
Kinder in der Wiege, die lang zu werden versprachen, bekamen eine rote
Halsbinde und ihre Eltern das Handgeld. Es gab Dorfschulen, wo alle
Knaben solche Binden trugen. Ein sonderbarer Versuch des Knigs, recht
lange Potsdamer mit recht langen Frauen zusammenzugeben, um von ihnen
wieder recht lange Kinder zu erhalten und auf solche Art ein Geschlecht
von Giganten aufzuziehen, miglckte leider.

Das Infanterieregiment der blauen Grenadiere, das Knigsregiment
genannt, war das schnste in ganz Europa. Es bestand aus Leuten von
allen Ecken und Enden der Welt, Deutschen, Hollndern, Englndern,
Schweden, Dnen, Russen, Walachen, Ungarn, Polen und Litauern. Franzosen
waren grundstzlich ausgeschlossen, aber wenn sie sechs Fu maen,
konnte der Knig nicht widerstehen. Die lieben blauen Kinder waren
seine grte Freude. Er ging mit ihnen um wie ein Kamerad und wie ein
Vater; jeder Soldat hatte bei ihm freien Zutritt. Die grten hatte er
malen lassen, und ihre Bilder hingen in den Gngen des Potsdamer
Schlosses. Der Flgelmann Jonas mute sogar in Stein gehauen werden, und
zwar, befahl der Knig, so hnlich wie mglich. Es war den lieben blauen
Kindern gestattet, Bier- und Weinhuser, Material- und Italienerlden zu
halten und Gewerbe zu treiben. Einigen baute der Knig Huser, andern
schenkte er Geld und Grundstcke, verheiratete sie und hob ihre Kinder
aus der Taufe.

Um eine solche durch Zwangswerbung entstandene Armee in Ordnung zu
halten, bedurfte es der schrfsten Disziplin. Die Truppen wurden
jhrlich neu gekleidet, die Infanterie blau, die Kavallerie wei, die
Husaren rot. Alle trugen, wie der Knig selbst, den langen Zopf und
Puder in den Haaren. Die Monturen waren so eng, da die Leute oft nicht
wagten, sich zu bewegen, aus Furcht, die Rcke knnten zerreien. Einmal
bemerkte der Knig vom Fenster des Schlosses aus einen Offizier, der
einen zu langen Rock an hatte; er lie ihn sogleich rufen und schnitt
ihm eigenhndig mit der Schere das vorschriftswidrige Stck weg.
Exerziert wurde unaufhrlich, und es war das grte Glck des Knigs,
wenn bei jedem Kommando in der ganzen Linie nur ein Griff zu sehen, beim
Marschieren nur ein Tritt und beim Feuern der Rotten nur ein Schu zu
hren war. Der Ton im Heer war streng und rauh, die Strafen waren
furchtbar. Wenn ein Soldat desertierte, muten Brger und Bauern die
Sturmglocken luten, und wer den Flchtling wieder einbrachte, bekam
zwlf Taler. Um dem allmhlich berhand nehmenden Werbeunfug zu steuern,
erlie der Knig im Jahre 1733 das berhmte Kantonreglement, das den
Keim und Anfang des allgemeinen Wehrpflichtgesetzes darstellt. Alle
Einwohner des Landes wurden als fr die Waffen geboren erklrt;
ausgenommen waren nur die kleinen, die Shne des Adels und die Shne
derjenigen Brger, die einen gewissen Reichtum nachzuweisen vermochten.

Zeit seines Lebens bezeugte Friedrich Wilhelm fr Kaiser und Reich eine
Ehrerbietung und Treue der Gesinnung, die man bei einem so mchtigen
Herrn, welcher achtzigtausend Soldaten unter sich stehen hatte, nicht
vermuten konnte. Er warb um die Gunst der kaiserlichen Minister, und
einmal sagte er: Ich wrde mich begngen, wenn ich des Kaisers
Kammerprsident wre.

Alles was nicht deutsch war, war ihm nicht zu Sinne, und sonderlich
waren ihm die Franzosen ein Greuel mit ihren Quinten und franzsischen
Winden. Um den Berlinern die franzsischen Moden zu verleiden, lie er
seinen Profosen franzsische Kleider tragen, grne Rcke mit
gromchtigen Aufschlgen, gelbe Westen und gelbe Strmpfe, dazu
ungeheuer groe Hte wie Wetterdcher und Haarbeutel wie riesige Scke.
Auf dem Theater lie er einmal ein Stck auffhren, das den Titel hatte:
Der anfangs hitzig und grosprechende, zuletzt aber mit Schlgen
abgefertigte Marquis. Ebenso verhat waren dem Knig die hoffrtigen
Leute ber dem groen Wassergraben, wie er die Englnder nannte. Als
ihn zwei reformierte Prediger um die Erlaubnis baten, ihre Shne nach
England zu den Erzbischfen von Canterbury und York schicken zu drfen,
schlug er es mit der Begrndung ab, da in England keine Orthodoxie in
der Religion statuiert werde und es berhaupt ein Sndenland sei. Der
Knig, schreibt Seckendorf 1726 an Prinz Eugen, ist sehr gegen die
englische Nation pikiert und souteniert nicht ohne Grund, da selbige
durch ihre Seemacht das Comercium von ganz Europa an sich nehmen wolle.
Im Jahre 1730 wurden zwischen Deutschland und England Verhandlungen zu
einer Doppelheirat gepflogen; der Kronprinz Friedrich sollte die Tochter
Georgs II. und der Prinz von Wales die Prinzessin Friederike angetraut
bekommen. England forderte nur, da der Knig den Minister Grumbkow als
einen Verrter im Dienst und Solde sterreichs entferne, und der
Gesandte Hotham erbot sich, diese Anklage aus aufgefangenen Briefen
Grumbkows zu beweisen. Der Graf Seckendorf stellte aber dem Knig vor,
da England den treuen Minister nur deshalb entfernen wolle, um mehr
Einflu am preuischen Hof zu gewinnen; die aufgefangenen Briefschaften
seien unterschoben und knstlich fabriziert. Als nun Hotham zur Audienz
kam und die Zuversicht aussprach, da der Knig den Verrter sofort
entlassen werde, geriet Friedrich Wilhelm in solchen Zorn, da er dem
Gesandten Grobritanniens die Dokumente ins Gesicht warf und sogar den
Fu aufhob, als wollte er ihn mit einem Tritt bedienen. Der Gesandte
machte Anstalten zu seiner Abreise, Friedrich Wilhelm erkannte seine
bereilung und lie sich zweimal entschuldigen, aber kurz darauf wollte
er seine Gemahlin, die englische Prinzessin, bei der Tafel ntigen, auf
Englands Untergang zu trinken.

Mit Holland und Sachsen-Polen stand der Knig gut, aber seine grte
Sympathie hatten doch die Russen. Er war sehr fr die russische Allianz,
und der Gedanke des nordischen Drei-Adlerbndnisses schwebte ihm immer
vor der Seele. Der groe Kurfrst war anderer Meinung gewesen und hatte
tiefer gesehen, wie sein Wort beweist: Die Russen sind Bren, die man
nicht loslassen mu, weil es schwer ist, sie wieder anzubinden.

Die Knigin Sophie Dorothea verbelte es ihrem Gemahl sehr, da er sich
allerwegen fr das Interesse des Kaisers einsetzte. Einmal sagte sie bei
Tisch vor seinen Vertrauten und Offizieren zu ihm: Ich will noch
erleben, da ich Euch Unglubige will glubig machen und dartun, wie Ihr
seid betrogen worden. Aber der Knig lie sich nicht irre machen. Einst
schrieb er an Seckendorf: Meine Feinde mgen tun was sie wollen, so
gehe ich nit ab vom Kaiser, oder der Kaiser mu mich mit Fen
wegstoen, sonsten ich mit Treu und Blut sein bin und bis in mein Grab
verbleibe. Er war auch der Ansicht, die deutschen Frsten mten
geradezu gezwungen werden, die pragmatische Sanktion anzuerkennen.
Weigern sie sich, oder wollen sie sich nit explizieren, schrieb er,
so mu man die Laus und Motten nit im Pelz lassen wuchern, da der
ganze Pelz nit verdorben sei. Im Jahre 1729 schon drohte der Krieg, und
da schrieb der Knig an Seckendorf: Ich wnsche, da es losgehe und
kann versichern, da ich mit Gut und Blut beistehen werde, aber es mu
alles reichskonstitutionsmig sein, und die Auswrtigen mssen
attackieren, dann ohne Rsonieren drup! drup! Mit die grte Plsier von
der Welt, die stolzen Leute zur Rson bringen zu helfen, sie sollen
sehen, da das deutsche Blut nit verwstet ist. Aber als es fnf Jahre
spter zum Krieg zwischen Frankreich und sterreich kam, wollte er seine
Truppen doch nicht marschieren lassen und sagte: Ich gebe keinen Mann
und kein Geld. Ich mu wissen woher und wohin. Dann lie er aber doch
zehntausend Blaurcke ins Feld rcken. Der Kardinal Fleury schickte ihm
eine knstlich gearbeitete goldene Birne, in welcher ein Wechsel auf
fnf Millionen Pistolen lag, zahlbar, wenn der Knig sich fr Frankreich
erklren wrde. Er wies das Anerbieten zurck. In der Folge wurde er
aber vom Kaiser mit Undank belohnt, und als es zum Frieden kam, wurde
Preuens Stimme nicht einmal gehrt. Ein halbes Jahr spter sagte er bei
einer Unterredung in Potsdam, indem er auf seinen so lange mihandelten
Sohn Friedrich wies, die berhmten Worte: Da steht einer, der mich
rchen wird. Noch zwei Jahre frher freilich hatte er dieses Genie so
ber die Achsel angesehen, da er sich geuert hatte: Fritzchen #ne
sait rien du tout des affaires.# Wenn du es nicht recht anfangen wirst
und alles drunter und drber gehen wird, so werde ich in meinem Grabe
ber dich lachen.

Als der Kronprinz Friedrich sechs Jahre alt war, erhielt er zwei
militrische Gouverneure von seinem Vater, und diesen ward
eingeschrft, ihn in der Furcht Gottes zu erziehen, denn dies sei das
einzige Mittel, so schreibt der Knig selbst in seiner Instruktion, die
von menschlichen Gesetzen und Strafen befreite suverne Macht in den
Schranken der Gebhr zu erhalten. Man msse ihn zum Guten antreiben und
die Begierde zum Ruhm und zur Bravur in ihm erwecken, von Opern,
Komdien und andern weltlichen Eitelkeiten abhalten und ihm so viel als
mglich Ekel davor machen. Aber alles was zu lernen sei, solle ihm ohne
Ekel und Verdru beigebracht werden. Sie mssen ihn nicht bei Leib und
Leben verzrteln oder gar zu weichlich gewhnen. Vor der Faulheit, als
woraus Verschwendung entsteht, soll ihm der allergrte Abscheu von der
Welt gemacht werden. Er soll nie allein gelassen werden, weder bei Tag
noch bei Nacht, einer der Gouverneure soll jederzeit bei ihm schlafen.
Da sich bei herannahenden Jahren oftmals das Laster der Hurerei
einzuschleichen pflegt, soll sowohl der Oberhofmeister als auch der
Subgouverneur vor allen Dingen achthaben, da solches verhtet werde,
widrigenfalls sie mir mit ihren Kpfen davor haften sollen. Und in
einem spteren Reglement heit es: Am Sonntag morgen soll er um sieben
Uhr aufstehen; und sobald er die Pantoffel an hat, soll er vor dem Bette
auf die Knie niederfallen und zu Gott kurz beten, und zwar laut, da
alle, die im Zimmer sind, es hren knnen. Dann soll er sich hurtig
anziehen und proper waschen, schwnzen und pudern; dann soll er
frhstcken in sieben Minuten Zeit. Dann sollen alle seine Domestiken
und Duhan hereinkommen, das groe Gebet gehalten, auf die Knie, darauf
Duhan ein Kapitel aus der Bibel lesen soll und ein oder ander gutes Lied
singen soll, da es dreiviertel auf acht sein wird. Alsdann wieder alle
Domestiken herausgehen sollen. Duhan soll alsdann mit Meinem Sohn das
Evangelium vom Sonntag lesen, kurz explizieren und dabei allegieren, was
zum wahren Christentum ntig ist, auch etwas von #Katechismo noltenii#
repetieren, und soll dies geschehen bis neun Uhr; alsdann mit Meinem
Sohn zu Mir herunter kommen soll und mit Mir in die Kirche gehen und
essen; der Rest des Tages ist vor Ihn. Des Abends soll er um halb zehn
Uhr von Mir guten Abend sagen, dann gleich nach der Kammer gehen, sich
sehr geschwind ausziehen, die Hnde waschen, dann soll Duhan ein Gebet
auf den Knien halten, ein Lied singen, dabei wieder alle Seine
Domestiken zugegen sein sollen, alsdann Mein Sohn gleich zu Bette gehen
soll. So war auch fr die Wochentage die Stundeneinteilung aufs
genaueste geregelt. Das Budget des Prinzen ward ungemein krglich
bemessen, und der Knig prfte alle Rechnungen selbst.

Friedrich sollte nach dem Willen seines Vaters vor allem ein guter
Soldat werden; aber sein feiner, rascher und feuriger Geist war durch
das pedantische Leben, das er fhren mute, das unablssige Exerzieren,
das Absperren von Musik und Bchern, zu denen ihn seine innerste
Herzensneigung zog und die ihm der Vater beharrlich verwehrte, aufs
tiefste bedrckt. Er lehnte sich auf gegen die Tyrannei, gab sich
Ausschweifungen hin und warf sich mit aller Glut einer jugendlichen und
unbefriedigten Seele der franzsischen Philosophie in die Arme. Der
Knig, dem die nderung im Wesen des Sohnes nicht entgehen konnte,
behandelte ihn nur um so strenger. Die Knigin hatte Friedrich heimlich
Unterricht im Fltenspiel geben lassen; er hatte oft in versteckten
Gewlben Konzerte veranstaltet oder seine musikalischen Freunde in den
Wald bestellt; whrend sein Vater Schweine hetzte, wurden die Flten und
Geigen aus den Jagdtaschen gezogen und im Waldesdunkel konzertiert. Der
Knig kannte diese Neigung und nannte seinen Sohn verchtlich den
Querpfeifer und Poeten. Auf Friedrichs Bitten hatte die Knigin den
berhmten Fltenspieler Quanz nach Berlin kommen lassen; der Knig hatte
Nachricht davon erhalten und den Prinzen berrascht; Quanz konnte zwar
noch glcklich in einem Kamin versteckt werden, er erzhlte spter, da
ihm nie eine Pause so schwer zu halten gewesen sei, aber der Knig hatte
im Zimmer des Prinzen brokatne Schlafrcke und franzsische
Gedichtbcher gefunden. Die Schlafrcke lie er verbrennen, die Bcher
verkaufen. Wtend darber, da sein Sohn den Petitmaitre machte,
schickte der Knig eines Morgens den Hofbarbier Sternemann zu Friedrich
mit dem Befehl, ihm die schnen, langen, braunen Seitenlocken
abzuschneiden und ihn vorschriftsmig einzuschwnzen. Als der gutmtige
Mann den Prinzen weinen sah, legte er die Schere weg und band die Locken
in den Zopf mit ein. Als Friedrich sich bei seiner Tafel statt der
zweizinkigen Eisengabeln gegen den Befehl dreizinkige silberne
anschaffen lie, ward er geschlagen. Auch bei anderen Gelegenheiten
wurde er von seinem Vater mihandelt, und seine Lage erschien ihm
pltzlich so unertrglich, da er den Plan fate, zu entfliehen. Aber
der unvorsichtige Katte, der berall in Berlin mit der Freundschaft des
Kronprinzen prahlte, hatte geschwatzt, und der Knig, den sein Sohn auf
einer Rheinreise begleitete, lie ihn in Wesel verhaften und fragte ihn,
warum er habe desertieren wollen. Weil Sie mich nicht wie Ihren Sohn,
sondern wie einen niedertrchtigen Sklaven behandelt haben, antwortete
Friedrich. Ihr seid also nichts weiter als ein feiger Desertr ohne
Ehre? sagte der Knig. Ich habe so viel Ehre wie Sie, antwortete
Friedrich, und habe nur das getan, was Sie mir hundertmal gesagt haben,
Sie wrden es an meiner Stelle tun. Der Knig zog den Degen und wollte
in der Hitze den Sohn erstechen. Der Mut des Kommandanten von Wesel
rettete Friedrich; er warf sich zwischen Vater und Sohn und rief dem
Knig zu: Sire, durchbohren Sie mich, aber schonen Sie Ihres Sohnes!

Der neunzehnjhrige Prinz ward aus der preuischen Armee gestoen und
auf die Festung Kstrin gebracht. Sein Gefngnis war sehr hart. Die Tr
war mit zwei groen Vorlegeschlssern versperrt, sein Essen, aus der
Garkche mittags fr sechs Groschen und abends fr vier Groschen, mute
ihm vorher entzweigeschnitten werden, Messer und Gabel waren verboten,
ebenso Tinte und Feder, Bcher und Flte. Niemand durfte sich lnger als
vier Minuten bei ihm aufhalten, und um acht Uhr abends hatte der
wachthabende Offizier den Befehl, die Kerzen auszulschen. Einmal
erinnerte er den Prinzen daran, zu Bett zu gehen, und als dieser nicht
darauf achtete, blies er die Lichter aus. Friedrich gab ihm eine
Ohrfeige. Am andern Morgen erscho sich der Offizier. Die beabsichtigte
Desertion allein htte nicht des Knigs Zorn so erregen knnen, wie es
der Fall war. Man hatte ihm hinterbracht, und hier hatte wahrscheinlich
Grumbkow seine Hand im Spiele gehabt, da Friedrich nach sterreich
fliehen gewollt, um katholisch zu werden und sich mit Maria Theresia zu
verheiraten. Katholisch werden, das war fr den Knig der Schrecken und
das Grauen. Grumbkow, der sich berzeugt hatte, da die Knigin und die
Prinzessin Friederike die wichtigsten Papiere beiseite gebracht hatten,
drngte den Prinzen zu Aussagen ber einige Punkte. Friedrich antwortete
mit stolzer Verachtung. Da hatte Grumbkow die Stirn, mit der Folter zu
drohen. Friedrich erwiderte, ein Henker knne nur mit Vergngen von
seinem Henkerhandwerk reden, und er wolle sich nicht zu weiteren
Gestndnissen erniedrigen. Die Untersuchung ergab, da er zur Flucht
fnfzehntausend Taler geborgt hatte, auch wurde ihm ein
Liebesverstndnis mit der schnen Potsdamer Kantorstochter Doris Ritter
zur Last gelegt. Der Knig befahl, das Mdchen auszupeitschen und nach
Spandau ins Spinnhaus bringen zu lassen; der Vater verlor sein Amt. Das
furchtbarste Schicksal aber hatte Katte. Er hatte mit der Flucht
gezgert, weil ein Mdchen ihn hielt, war arretiert und vom
Kriegsgericht zur Ausstoung aus der Armee und zu lebenslnglicher
Festung verurteilt worden. Der Knig verschrfte das Urteil auf die
Todesstrafe. Am sechsten November frh sieben Uhr wurde der
zweiundzwanzigjhrige Mensch am Schlosse vorbei und auf den Wall
gefhrt. Friedrich ffnete das Fenster und rief mit lauter Stimme:
Verzeih mir, lieber Katte. Katte erwiderte: Der Tod fr einen solchen
Prinzen ist s. Damit ging er mutig zum Richtplatz, wo sein Kopf fiel.
Friedrich wurde ohnmchtig und blieb dann bis zum Abend regungslos am
Fenster stehen, den Blick unverwandt auf die Richtsttte gerichtet.
Wahrscheinlich begann mit diesem Tag seine vllige Umkehr und
Verwandlung, zum Heil seines Volkes und der Welt. So ist, was grausam
und dem einzelnen schwer zu tragen scheint, in einem hheren Sinne
Notwendigkeit.

Der Areopag, vor welchem am Berliner Hofe die Angelegenheiten der innern
und uern Politik verhandelt wurden, war das Tabakskollegium. Die
Tabaksstube war auf hollndische Art wie eine Prachtkche mit einem
hohen Gestell von blauen Tellern eingerichtet; jeden Abend gegen sechs
Uhr kam das Tabakskollegium zusammen und blieb bis zehn Uhr und auch
lnger. Es gehrten dem Kollegium an: Grumbkow, der Alte Dessauer, der
Graf Dnhoff, der Oberst von Derschau, die Generale von Gerstorf und von
Sydow, Jean de Forcade, der Kommandant von Berlin, Peter von Blankensee,
bei Hofe der Blitzpeter genannt, Kaspar Otto von Glasenapp, Christoph
Adam von Flanz, der beste Rebhuhnschtze, Dubislav Gundomar von Natzmer,
Heinrich Karl von der Marwitz, Friedrich Wilhelm von Rochow, Wilhelm
Dietrich von Buddenbrock, Arnold Christoph von Waldow, Johann Christoph
Friedrich von Haake und die von Fall zu Fall gebetenen Minister und
Gesandten.

Um den Haupttisch saen die Herren mit ihren breiten Ordensbndern und
rauchten aus langen hollndischen Pfeifen; vor jedem von ihnen stand ein
weier Krug mit Ducksteiner Bier und ein Glas. Die nicht wirklich
rauchen konnten, wie der Alte Dessauer und der Graf Seckendorf, muten
wenigstens eine Pfeife in den Mund nehmen und kalt rauchen; Seckendorf
war sogar so gefllig, sich durch fortwhrendes Blasen mit den Lippen
den Anschein eines gebten Rauchers zu geben. Es ergtzte den Knig
hchlich, wenn fremde Prinzen, die als Gste anwesend waren, betrunken
gemacht werden konnten oder wenn ihnen das ungewohnte Tabakskraut
Sterbensbelkeit verursachte. Er selbst rauchte passioniert, jeden Abend
dreiig Pfeifen. Auf dem Tische lagen die Zeitungen, die Berliner, die
Hamburger, die Leipziger, die Frankfurter, die Breslauer, die Wiener,
auch hollndische und franzsische. Ein Vorleser war bestellt, der sie
vorlesen, und, was unverstndlich war, erklren mute. Dieser Vorleser
hie Jakob Paul Freiherr von Gundling.

Gundling war ein Franke, ein Pfarrerssohn aus Hersbruck bei Nrnberg. Er
war durch Danckelmann nach Berlin gekommen und Professor an der
Ritterakademie gewesen, der Knig erhob ihn auf Grumbkows Empfehlung zum
Hofrat und Zeitungsreferenten beim Tabakskollegium; er erhielt freie
Tafel bei Hof, Wohnung im Schlosse und mute den Knig auf allen seinen
Gngen begleiten, um ihm mit seiner Gelahrtheit und instruktiven
Unterhaltung nahe zu sein. Er galt als ein wichtiger Mann, und der
russische wie der kaiserliche Hof verschmhten es nicht, ihn durch
Gnadenketten zu gewinnen. Um die Gelehrsamkeit, die er wirklich besa,
recht lcherlich zu machen, mute er beim Knig den Hofnarren abgeben.
Der Knig erhob ihn zu einer bereits abgeschafften Wrde, der des
Oberzeremonienmeisters, und schenkte ihm den Anzug des verabschiedeten
Besser, den dieser beim Krnungsfest getragen hatte; es war ein roter,
mit schwarzem Samt ausgeschlagener Leibrock mit groen franzsischen
Aufschlgen und goldenen Knopflchern, dazu eine groe Staatspercke mit
langen Locken aus weien Ziegenhaaren, ein groer Hut mit weien
Straufedern, gelbe Beinkleider, seidene Strmpfe mit goldenen Zwickeln
und Schuhe mit roten Abstzen. Der Knig machte ihn, und zwar an Stelle
des groen Leibniz, zum Prsidenten der Akademie der Wissenschaften. Er
gab ihm den Freiherrntitel und die Kammerherrnwrde.

In der Trunkenheit schnitt man ihm einst den Kammerherrnschlssel ab.
Der Knig drohte, ihn wie einen Soldaten zu behandeln, der sein Gewehr
verloren hat. Nachdem Gundling acht Tage hindurch einen ellenlangen
hlzernen Schlssel zur Strafe auf der Brust hatte tragen mssen, ward
ihm der verlorene wieder eingehndigt, und er lie ihn nun von einem
Schlosser mit starkem Draht an seinem Rockscho befestigen. Alle Wrden
und Chargen, auch die des geheimen Oberappellationsrats, des Kriegs- und
Hofkammerrats, des Hof- und Kammergerichtsrats, des Freiherrn und
Historiographen erhielt Gundling nur, um ihn und die mter damit zu
verspotten. Einmal machte Gundling den Vorschlag, Maulbeerbume in der
preuischen Monarchie anzupflanzen; da ernannte ihn der Knig zum
geheimen Finanzrat mit der Weisung an den vorsitzenden Etatsminister,
man solle Gundling feierlich in das Kollegium introduzieren, ihn #cum
voto sessionis# anstellen und ihm das Departement aller seidenen Wrmer
im ganzen Land bertragen.

Dem armen Gundling ward oftmals so stark zugesetzt, da er seiner nicht
mchtig blieb. Man heftete ihm allerlei Figuren von Eseln, Kamelen und
Ochsen an sein Staatskleid und malte ihm einen Schnurrbart. Man lie ihn
aus den Zeitungen die boshaftesten Artikel ber seine eigene Person
vorlesen, die der Knig eigens an die Redaktionen hatte schicken lassen.
Man setzte einen Affen, der genau wie Gundling gekleidet und mit dem
Kammerherrnschlssel geschmckt war, an seine Seite; der Knig
behauptete, der Affe sei Gundlings natrlicher Sohn, und er wurde
gezwungen, das Tier vor dem ganzen Tabakskollegium zu umarmen. In
Wusterhausen, wo auf dem Schloplatz immer mehrere junge Bren
herumliefen, legte man ihm einige Bren in sein Bett, die Vorderfe der
Bestien waren zwar verstmmelt, dennoch htten sie ihn mit ihren
Umarmungen beinahe totgedrckt, und er bekam den Bluthusten. Einmal im
Winter taumelte er betrunken ber die Wusterhausener Schlobrcke; da
packten ihn auf Befehl des Knigs vier handfeste Grenadiere, und an
Stricken lieen sie den schweren Mann solange in den gefrorenen
Schlograben hinunter und wieder hinauf und wieder hinunter, bis er das
Eis durchgestoen hatte. Diese Szene mute zur besonderen Ergtzlichkeit
des Knigs wiederholt und sogar gemalt werden. Einmal war Gundling zu
Gaste geladen und lie sich in einer Snfte tragen. Pltzlich wich der
Boden der Snfte unter ihm, er schrie den Trgern zu, sie mchten
halten, aber je lauter er rief, je schneller rannten die Trger und
zwangen ihn so, nach Art des Pachter Feldkmmel mit ihnen zu laufen.
Hufig fand Gundling, wenn er nachts nach Hause kam, sein Studierzimmer
zugemauert; anstatt sich zur Ruhe legen zu knnen mute er stundenlang
die Tre suchen und endlich an der Treppe schlafen.

Eines Tages entfloh der schwergeplagte Mann zu seinem Bruder, dem
Professor Nikolaus Hieronymus in Halle. Der Knig lie ihn aber wieder
holen und machte Miene, ihn als Desertr zu bestrafen. Da er aber eine
ungewhnliche Stille an ihm bemerkte, nahm er zu dem alten Kder der
Eitelkeit seine Zuflucht: er erhob ihn in den Freiherrnstand, und zwar
mit der Anciennitt von sechzehn Ahnen vterlicher und mtterlicher
Seite. Es dauerte aber nicht lange, und der Knig lie wieder einen
seiner derbsten Schwnke an ihm verben. Auf seinen Befehl schrieb
Famann, der Autor der damals beliebten Gesprche im Reich der Toten
eine bsartige Satire auf Gundling, betitelt: Der gelehrte Narr, und
erhielt den Auftrag, sie Gundling im Tabakskollegium zu berreichen.
Gundling wurde hochrot vor Zorn und kam so in Harnisch, da er eine der
zum Pfeifenanbrennen mit glhendem Torf gefllten Pfannen ergriff und
sie Famann ins Gesicht schleuderte, wovon diesem die Brauen und Wimpern
versengt wurden. Sofort setzte sich Famann vor den Augen Seiner
Majestt in Avantage, entblte Gundling die hinteren Kleider und
bearbeitete ihn mit der heien Pfanne dermaen, da er vier Wochen lang
nicht sitzen konnte. Seitdem begegneten sich die beiden gelehrten Herrn
im Tabakskollegium niemals, ohne da es zum Faustkampf kam. Der Knig,
die Generale, die Minister und die Gesandten sahen den Turnieren zu.
Schlielich verlangte der Knig, die beiden Herren sollten ihren
Ehrenhandel durch ein Duell zum Austrag bringen. Famann forderte
Gundling auf Pistolen, Gundling mute die Forderung annehmen, er mochte
wollen oder nicht. Als die Kombattanten auf dem Schloplatz erschienen,
warf Gundling die Pistole weg, Famann scho ihm die seinige, die nur
mit Pulver geladen war, in die Percke, welche zu brennen anfing;
Gundling fiel vor Schreck auf die Erde, und ein ganzer Eimer kalten
Wassers, den man ber ihn schttete, konnte ihm nicht die Gewiheit
geben, da er noch lebte.

Achtundfnfzig Jahre alt, beschlo Gundling sein Dasein. Bei der Sektion
ergab sich, da er im Magen ein groes Loch hatte; der Magen war vom
vielen Trinken geborsten. Seit zehn Jahren war vom Knig ein mchtiges
Weinfa zu seiner letzten Ruhesttte bestimmt worden. In seinem besten
Staatskleid angetan, ward er in dieses Fa gelegt und so in Bornstdt
bei Potsdam trotz des Widerspruchs der Geistlichkeit wirklich begraben.
Famann hielt dem preuischen Freiherrn mit der Anciennitt von sechzehn
Ahnen, dem preuischen Kammerherrn, Prsidenten, Finanzrat und
Historiographen die Nach- und Trauerrede ber seine Weinfa-Ruhesttte.

In Potsdam gab der Knig im Winter einige Assembleen, in Berlin
unterlie er dies aus Sparsamkeitsgrnden, da muten die Generale und
Minister auf ihre Kosten Assembleen geben, aber bei den Diners, wo
Friedrich Wilhelm ein freies Gesprch liebte, verbat er sich die
Anwesenheit von Damen. Der Hauptgastgeber war Grumbkow. Ein wegen seiner
Knauserei bekannter General, bei dem sich der Knig zu Gast geladen
hatte, entschuldigte sich einst, da er keine eigene Wirtschaft fhre.
Der Knig verwies ihn zum Gastwirt Nikolai, erschien dort mit groem
Gefolge, und es wurde vortrefflich gegessen und getrunken. Beim
Aufstehen rief der General den Wirt herein und fragte ihn, was das
Gedeck koste. Ohne den Wein einen Gulden die Person, antwortete der
Wirt. Schn, sagte der General, hier ist ein Gulden fr mich und
einer fr Seine Majestt; die andern Herrn, die ich nicht gebeten habe,
bezahlen fr sich. Der Knig lachte und erwiderte, das sei ganz fein;
er habe den Herrn zu prellen geglaubt, und nun sei er selber geprellt.
Darauf bezahlte er die ganze Rechnung.

Spter wurde die Einrichtung der Assembleen einem herumreisenden
Komdianten bertragen, einem gewissen Karl von Eggenberg. Er war ein
Sattlersohn aus dem Bernburgischen, war vom Knig von Dnemark geadelt
worden und hatte Friedrich Wilhelm durch seine Krperkraft in Erstaunen
gesetzt; man hie ihn nur den starken Mann, und er konnte eine zwei
Zentner schwere Kanone samt einem Tambur in die Hhe heben und solange
halten, bis der Tambur ein Glas Wein ausgetrunken hatte. Er kam reich
nach Berlin, baute ein Haus, stand beim Knig, dem er die Husarenpferde,
dnische Hengste, besorgte, in groer Gunst, und er war es auch, der das
Theater wieder einigermaen emporbrachte. Vordem hatten nur Seiltnzer,
Gaukler, Taschenspieler, Marktschreier und Marionettenspieler von Zeit
zu Zeit die Erlaubnis erhalten, in Berlin Vorstellungen zu geben, auch
einzelne herumziehende Schauspieler, nur durfte nichts rgerliches und
Skandalses auf der Bhne erscheinen. Eggenberg bekam nun den Titel
eines Kniglichen Hofkomdianten und durfte mit einer vom Knig
besoldeten Truppe Auffhrungen veranstalten, nur keine gottlosen und
dem Christentum nachteilige Dinge, sondern lauter innozente Sachen zum
honetten Amsement. Sie spielten auf dem Stallplatz und auf der breiten
Strae; Hauptperson war der Hanswurst; es wurde der Doktor Faust
aufgefhrt, wie er vom Teufel geholt, und Haman, wie er gehngt wird.
Der Premierplatz kostete acht Groschen. Zuletzt wurde die Komdie auch
in Halle erlaubt, aber die theologische Fakultt erhob wegen des
Gaukel- und Teufelsspiels beim Knig Protest. Der Knig schrieb zurck,
es wrden auch in Utrecht und Leyden Schauspiele geduldet, und kein
Mensch knne zweifeln, da dies die beiden ersten Universitten der Welt
seien.

Sonst war Friedrich Wilhelm allen Volkslustbarkeiten abhold, er sah
darin nur ppigkeit. Das Scheibenschieen hob er auf, Tee- und
Kaffeeschenken verschwanden, und wer nach neun Uhr abends sich in den
Wirtshusern betreffen lie, wurde von den Patrouillen arretiert. Wenn
der Knig nach der Friedrichstadt kam, flchteten die Leute, machten
Tren und Fenster zu, und die Straen waren de. Fr die Knste hatte
Friedrich Wilhelm keinen Sinn. Er malte zwar selbst, besonders in den
spteren Jahren, wo ihn die Gicht plagte; gewhnlich waren es Bauern,
die er portrtierte, einmal malte er auch Gundling als Polichinell, aber
die Bilder wurden nur von seinen Schmeichlern gelobt. Fr die Musik
hatte er wenig brig; einmal lie er Glockenspiele aus Holland kommen,
die von den Trmen geistliche Lieder spielten. Ein paarmal in der Woche
lie er an Winterabenden Arien und Chre aus heroischen Opern vorfhren,
etwa aus Hndels Alessandro oder Siroe, und zwar auf Blasinstrumenten
von den Hoboisten des Garderegiments. Bei diesen Konzerten standen die
Musiker mit ihren Pulten und Lichtern am einen Ende des langen Saals,
und der Knig sa ganz allein am andern. Zuweilen, nach einem guten
Diner, schlief er auch bei der heroischen Musik ein. Den hchsten Spa
bereitete ihm ein von Kapellmeister Pepusch fr sechs Fagotte
komponiertes Konzert, betitelt: #Porco primo, porco secondo# usw. Er
hielt sich den Bauch dabei vor Lachen. Auch der Kronprinz Friedrich
wollte einmal dieses Konzert hren, und um den Komponisten zu verspotten
lud er eine groe Gesellschaft dazu ein. Pepusch wollte ausweichen,
mute sich aber dem Willen des Prinzen fgen. Er kam nicht mit sechs,
sondern mit sieben Hoboisten, legte die Noten auf die Pulte und schaute
ganz ernsthaft im Saal herum. Der Kronprinz trat auf ihn zu und fragte:
Herr Kapellmeister, sucht Er etwas? Pepusch antwortete, es fehle ihm
noch ein Pult. Ich dachte, versetzte Friedrich lchelnd, es seien nur
sechs Schweine in seiner Musik? -- Ganz recht, knigliche Hoheit, gab
Pepusch zurck, aber es ist da noch ein Ferkelchen gekommen, #flauto
solo#. Und Friedrich, der Fltenspieler, war angefhrt.

Was der groe Kurfrst begonnen hatte, vollendete Friedrich Wilhelm mit
der Niederbeugung des Adels; er setzte die Besteuerung durch. Als der
Graf Alexander Dohna, Marschall der Stnde Preuens, in seinem Bericht
an den Knig die Phrase gebracht hatte: #Tout les pays seront ruins,#
schrieb Friedrich Wilhelm die denkwrdigen, unsterblich gewordenen
Worte: #les pays seront ruins? Nihil credo,# aber das #credo,# da die
Junkers ihre Autoritt wird ruiniert werden. Ich stabiliere die
Suvernitt wie einen #rocher# von Bronze. Friedrich Wilhelms Herz
neigte sich mehr zu den Brgern als zu den Junkern. Wenn er einmal
uerte, da er ein wahrer Republikaner sei, so verstand er eigentlich
seine brgerliche Gesinnung darunter. Er liebte es, mit dem Volke
unmittelbar zu verkehren, und besuchte Gastmhler und Hochzeiten, auch
richtete er sich in Berlin und Potsdam ganz einfach brgerlich ein, wie
ein guter deutscher Haushalter. Fleiige Handwerker und reinliche
Hausfrauen belobte er sehr. Mit der Reinlichkeit konnte er auch an
seinem ganzen Krper nicht genug tun; ferner war er uerst
wahrheitsliebend. In der Instruktion fr die Rte seines
Generaldirektoriums schrieb er: Wir wollen die flatterien durchaus
nicht haben, sondern man soll Uns allemal nur die reine Wahrheit sagen.
Aber er war ein sehr gewaltttiger Herr und Knig, im Zorne wild und
furchtbar. Friedrich der Groe und seine Schwester hatten ihm den
Spitznamen #le ragotin# gegeben. Zuletzt war er so dick geworden, da
seine Weste fast vier Ellen weit war.

Er forderte unbedingten Gehorsam ohne Widerspruch. Die Universitt Halle
stellte einmal beweglich vor, da ein Studiosus von einigen Soldaten des
Abends auf der Strae angefallen und zum Tor hinausgefhrt worden sei.
Der Bescheid des Knigs lautete: Soll nicht rsonieren! Ist mein
Untertan.

Er wollte in seinem Lande nur gute Christen, fleiige Brger und tapfere
Soldaten haben. Voltaire nannte ihn den Vandalen; aber alle seine
Strenge und Hrte entschuldigte Friedrich Wilhelm mit der Pflicht, und
fters uerte er: Ich bin nur der erste Diener des Staates; und den
Staat regierte er nach seiner eigentmlichen Weise mit Gewalt, um ihn
zu beglcken. Dabei war er gewissenhaft; einmal hatte er in Stettin
einen Beamten durch den Henker prgeln lassen, kurz darauf stellte sich
die Unschuld des Mannes heraus, da lie er ihn an seiner Tafel speisen,
um ihm eine ffentliche Genugtuung zu geben. Er glaubte, immer gerecht
zu handeln, doch handelte er nur in dem gerecht, was er selbst fr Recht
erkannte. Er war religis, aber nur in dem, was er bei sich selbst als
Religion gelten lie; es war eine Religion ganz nach eigenem Rezept.
Bisweilen war er ernstlich gesonnen, abzudanken, weil er glaubte, seine
Pflicht nicht gehrig erfllen zu knnen. Er hielt sich in der genauen
Bedeutung des Wortes fr einen Knecht Gottes. So wenig er das Alte
Testament achtete, seine Gesetze waren wie die des Alten Testaments. Aus
kniglicher Machtvollkommenheit kassierte und annullierte er die Urteile
der Richter und verschrfte sie weit fter als er sie milderte. Da galt
kein Ansehen der Person. Ein Kriegs- und Domnenrat von Schlubhut in
Knigsberg hatte Gelder unterschlagen, die fr die Salzburger Emigranten
bestimmt gewesen waren, und das Gericht erkannte auf einige Jahre
Festung. Der Knig wollte das Urteil nicht besttigen, verschob den
Spruch bis zu seiner Reise nach Knigsberg, befahl den Kriegsrat vor
sich und kndigte ihm an, da er ihn hngen lassen werde. Schlubhut
erwiderte frech, das sei nicht Manier, so mit einem preuischen Edelmann
zu verfahren, er werde die fehlende Summe ersetzen. Der Knig geriet in
den hchsten Zorn und schrie: Ich will dein schelmisches Geld nicht
haben. Darauf lie er einen Galgen vor dem Sessionszimmer der Kriegs-
und Domnenkammer errichten und vor den Augen der versammelten Rte
Schlubhut daran aufknpfen.

Er hate die Juristen und htte sie gerne alle vertilgt, besonders die
Advokaten. Auf dem Lande durfte kein Advokat wohnen, damit die Bauern
nicht prozeschtig wrden. Als er an die Stnde Preuens das Verbot
erlie, sich aller Beschwerden und Mahnungen und der Hinweisung auf alte
Verheiungen zu enthalten, wagten die Stnde einzuwenden, Gott, der
allmchtige Vater, gestatte doch auch, da man ihm Beschwerden vortrage,
und bleibe nichtsdestoweniger allmchtig, mithin werde es Seine Majestt
ebenfalls nicht ungndig deuten. Aber Seine Majestt kehrte sich daran
nicht, und in seinen Kabinettsbefehlen hie es gewhnlich: Wir sind Herr
und Knig und tun, was Wir wollen.

In Reden und Schriften war er ausbndig derb. Die Ehrentitel Hundsfott,
Kujon, Halunke schwebten bestndig auf seinen Lippen. Auf Eingaben, die
ihm nicht behagten, malte er Eselskpfe und -ohren an den Rand, und in
den Resolutionen, die er ausgehen lie, hie es fortwhrend: Wenn das
und das nicht geschieht, so werde Ich es scharf ansehen, man wird den
Knig zum Feinde haben, so wird Lrm werden, so wird der Donner
dreinschlagen, eh man es sich vermutet. Wenn ein Minister zu spt in die
Sitzungen kam, mute er hundert Dukaten Strafe zahlen. Die Herrn sollen
arbeiten, wofr Wir sie bezahlen, sagte der Knig. Einer seiner
Kammerdiener sollte ihm einmal den Abendsegen vorlesen. Als die Worte
kamen: Der Herr segne dich, glaubte der einfltige Mensch in seiner
Unterwrfigkeit der Herr segne Sie lesen zu mssen. Da fuhr ihn der
Knig an: Hundsfott, lies, was dasteht, vor dem lieben Gott bin Ich
genau so ein Hundsfott wie du. Die Bedienten waren allerdings ihres
Lebens nicht sicher; er hatte stets zwei mit Salz geladne Pistolen neben
sich liegen, und wenn sie etwas versahen, feuerte er die Pistolen auf
sie ab.

Seine Sparsamkeit war so pedantisch, da er sich alle Kchenzettel
vorlegen lie und an den geringfgigsten Ausgaben mkelte. Die Zettel
muten bis auf jede Zitrone und auf jede Mandel Eier spezifiziert sein,
und einmal schrieb er darunter: Ein Taler zu viel. Auf die Eingaben um
Geldbewilligung schrieb er zumeist: #Non habeo pecunia,# oder: #point
d'argent,# oder: Narrenspossen, Narrenspossen! Sogar auf die
Papierersparnis richtete er sein Augenmerk; auf den Rand eines Berichts
des Kammerkollegiums schrieb er: Der Quark ist das schne Papier nicht
wert, sollen schlecht Papier nehmen, das ist Mir genug.

Bei alledem konnte er auch freigebig sein. Fr den Hofstaat der Knigin
hatte er achtzigtausend Taler ausgesetzt, viel mehr, als die erste
Knigin gehabt. In ihrem Kabinett war smtliches Gert von Gold, Kron-,
Wand- und Armleuchter, Geridone und Tafeln. Einmal schenkte er ihr zu
Weihnachten eine goldene Brandrute fr den Kamin, die sechzehnhundert
Taler kostete.

Er war ein rastlos ttiger Mann, kein Hauch von Phlegma war in ihm.
Der Knig, schreibt Seckendorf im Juni 1726, kann allem menschlichen
Ansehen nach unmglich in die Lnge die Art zu leben kontinuieren, ohne
an Gemt und Leib zu leiden, maen der Herr vom frhen Morgen bis in die
spte Nacht in kontinuierlichem #mouvement# ist, bei sehr frher
Tagesstunde das Gemt mit verschiedenen und differenten Materien,
Resolutionen und Arbeiten angreifet, hernach den ganzen Tag mit Reiten,
Fahren, Gehen und Stehen sich unglaublich fatigiert, mit starkem Essen
und ziemlichem, doch nicht bis zur #debauche# kommenden starken Getrnke
sich erhitzet, wenig und dabei sehr unruhig schlft, folglich sein
ohnedem vehementes Naturell dermaen echauffiert, da mit der Zeit ble
Folgen daraus entstehen drften.

Es kam vor, da Friedrich Wilhelm irgendeinen faulenzenden Berliner
Eckensteher mit eigenen Hnden durchprgelte. Ein andres Mal prgelte er
einen verschlafenen Torschreiber, der die Bauern vor dem Tor warten
lie, mit den Worten: Guten Morgen, Herr Torschreiber aus dem Bette.
Recht milich war es, ihm zu begegnen. Wer ihm auffiel, an den ritt er
so nahe heran, da der Kopf des Pferdes dem Manne an die Brust stie,
und dann begann das Verhr. Sah er einen franzsischen Prediger, so
fragte er jedesmal, ob sie Molire gelesen hatten, um ihnen damit
anzudeuten, da er sie fr Komdianten halte. Am schlechtesten erging es
denen, die vor ihm die Flucht ergriffen; einmal verfolgte er einen
Juden, der Reiaus genommen hatte, und als er ihn gestellt hatte, sagte
der Jude, er habe sich gefrchtet. Da prgelte ihn der Knig mit seinem
Stock und schrie dabei in einemfort: Lieben sollt ihr mich, lieben und
nicht frchten.

So orthodox Friedrich Wilhelm auch war, erklrte er sich doch mit allem
Nachdruck fr die Toleranz. Er duldete alle Religionsparteien, nur die
Jesuiten waren ihm zuwider, die Vgels, die dem Satan Raum geben und
sein Reich vermehren wollen. Schon im Anfang seiner Regierung erlie er
ein Edikt, worin er den lutherischen und reformierten Religionsverwandten
gebot, aller Schmhungen sich zu enthalten und friedlich miteinander zu
verkehren. Den lebhaftesten Anteil nahm er an dem Schicksal der
Salzburger Emigranten. Er schickte nicht nur Kommissre zu den Salzburger
Bauern, um sie einzuladen, sich in seinen Staaten niederzulassen,
sondern griff auch, um den Erzbischof Firmian von weiterer Verfolgung
abzuschrecken, zu Repressalien gegen die Katholiken im Bistum
Halberstadt und drohte die Einknfte der Klster in Beschlag zu nehmen.
Zwanzigtausend Salzburger fanden damals in Preuen Zuflucht; als der
erste Zug eintraf, begrte ihn der Knig selbst am Leipziger Tor und
hie die armen Leute als seine lieben Landeskinder willkommen; von der
Knigin wurden sie in Monbijou bewirtet.

Um das Jahr 1727 verfiel Friedrich Wilhelm in eine tiefe religise
Schwermut. Er sprach unaufhrlich davon, da er die Krone niederlegen
und sich in den Haag zurckziehen wollte, wo ihm aus der Erbschaft
Wilhelms des Dritten das Lustschlo Honslardik zugefallen war. Es war
August Hermann Franke, der einen solchen Einflu auf das Gemt des
Knigs gewonnen hatte. Die Markgrfin von Baireuth schreibt: Dieser
Geistliche machte die unschuldigsten Dinge zur Gewissenssache, er
verwarf alle Vergngungen als verdammlich, selbst die Musik und die
Jagd, man sollte nur vom Worte Gottes sprechen, alles andre war
verboten. Grumbkow und Seckendorf legten dem Knig immer wieder die
Hindernisse dar, die sich seiner Abdankung entgegensetzten, und wie er
einen solchen Schritt spter bereuen wrde. Aber der Knig versank nur
noch tiefer in seine Grbeleien, und man durfte in seiner Nhe nicht
mehr lachen. Da nun alle Worte vergeblich waren, verfielen Grumbkow und
Seckendorf auf ein anderes Mittel. Sie berredeten den Knig, dem
schsischen Hof einen Besuch abzustatten, der damals der glnzendste in
Deutschland war. Politische Grnde bestimmten Friedrich Wilhelm, den
Vorschlag anzunehmen. Sobald er nach Dresden kam, wurde er von Fest zu
Fest fortgerissen, die Freuden der Tafel wurden nicht vergessen, der
Ungarwein nicht gespart, und die Freundschaft der beiden Knige war die
innigste. Eines Tages, als man weidlich geschmaust hatte, fhrte der
Knig von Polen seinen Gastfreund im Domino auf eine Redute. Immerfort
schwatzend, gingen sie von einem Zimmer in das andere, wobei die
Hofleute und der Kronprinz Friedrich folgten. Endlich gelangten sie in
einen schn verzierten Raum, und whrend Friedrich Wilhelm das prchtige
Gert bewunderte, sank eine Tapetenwand nieder, und ein seltsames
Schauspiel bot sich den Blicken dar. Ein Mdchen von vollendeter
Schnheit lag nachlssig auf einem Ruhebette, nackt wie sie Gott
erschaffen, mit einem Krper wie die mediceische Venus. Das Kabinett,
worin sie sich befand, war von so vielen Kerzen erhellt, da sie das
Tageslicht berstrahlten. Der Knig von Polen sowohl als Grumbkow
glaubten, da Friedrich Wilhelm einer solchen Verlockung nicht werde
widerstehen knnen; allein es kam anders. Bei dem ersten Blick nahm
Friedrich Wilhelm seinen Hut, hielt ihn dem Kronprinzen vor das Gesicht
und befahl ihm, sich zu entfernen. Er selbst wandte sich zum Knig von
Polen, sagte trocken: Sie ist recht schn, und ging fort. An
Seckendorf schrieb er ein paar Tage spter: Ich gehe zu kommendem
Mittwoche nach Hause, fatigieret von allen guten Tagen und Wohlleben;
ist gewi nit christlich leben hier, aber Gott ist Mein Zeuge, da Ich
kein Plsier daran gefunden und noch so rein bin als Ich von Hause
hergekommen und mit Gottes Hilfe beharren werde bis an Mein Ende.

Schon im Winter 1735 hatte der Knig an der Wassersucht gelitten, und
sein Leben war in groer Gefahr gewesen. In dem strengen Winter des
Jahres 1740 erkrankte er von neuem. Er lie den lutherischen Propst
Roloff kommen, der ihn zum Tod vorbereiten sollte. Er verzieh allen
seinen Feinden, schlielich sogar seinem Schwager, dem Knig von
England, der ihm doch, wie er sagte, alles gebrannte Herzeleid angetan
habe. Er bereute seine Snden und zhlte sie in Gegenwart vieler
Umstehenden so ausfhrlich auf, da Roloff ihn bitten mute, es zu
unterlassen. Worauf Roloff drang, war Sinnesnderung, dazu aber war der
Herr lange nicht zu bewegen. Er fhrte auf, da er die Geistlichkeit
immer respektiert, Gottes Wort immer fleiig gehrt habe und seiner Frau
immer unverbrchlich treu gewesen sei; er behauptete, immer recht
gehandelt und alles zu Gottes Ehre getan zu haben. Roloff widersprach
dem und erinnerte ihn an die Verschrfungen der Todesurteile, an die
ungerechten Hinrichtungen, an das erzwungene Huserbauen in Berlin, zur
groen Bedrckung seiner Untertanen, und des Knigs Verantwortung wollte
er als vor Gott gengend nicht gelten lassen. Da sagte der Knig: Er
schont Meiner nicht. Er spricht als ein guter Geist und ein ehrlicher
Mann mit Mir. Ich danke ihm dafr und erkenne nun, da ich ein groer
Snder bin. Im April 1740 konnte er noch nach seinem geliebten Potsdam
fahren; er gab Anordnungen fr sein Leichenbegngnis, bei dem das
Leibregiment feuern sollte. Mitten in seinen Schmerzen lie er sich das
Lied vorsingen: Warum sollt ich mich doch grmen? Als die Stelle kam:
Nackend werd auch ich hinziehen, unterbrach er die Snger mit den
Worten: Nein, das ist erlogen, ich will in der Montur begraben sein.
Bescheiden stellte ihm der Feldprediger vor, da es dort oben keine
Soldaten gbe; da rief der Knig: Was? Sapperment! Wieso? Und er
schien nun sehr niedergeschlagen.

Am Sterbetage, den 31. Mai, nahm er Abschied von seiner Frau, seinen
Shnen, allen Ministern, Beamten und Offizieren. Er lie sich ans
Fenster rcken, von wo er den Marstall berblicken konnte, und befahl,
da man die Pferde herausfhre, denn er wollte dem Frsten von Dessau
und dem General Haake noch ein Pferd schenken. Als ihm sein Leibarzt auf
die Frage, wie lange er noch zu leben habe, antwortete, ungefhr eine
halbe Stunde, forderte er einen Spiegel, schaute hinein und sagte
lchelnd: Ich bin recht verndert, ich werde beim Sterben ein garstiges
Gesicht machen. Spter wiederholte er die Frage an den Arzt. Der
Leibmedikus befhlte ihm den Puls, zuckte die Achseln und sagte: Er
steht still. Da hob der Knig seinen Arm, schttelte die Faust und
rief: Er soll nicht stillstehen.

Friedrich Wilhelm starb im zweiundfnfzigsten Jahre seines Alters; er
starb, wie Friedrich der Groe an Voltaire schrieb, mit der Neugierde
eines Naturforschers, der beobachten will, was im Augenblick des
Hinscheidens geschieht, und mit dem Heldenmute eines groen Mannes. Er
ward in Potsdam begraben. Bei der Leichenfeier wurden die von ihm selbst
ausgewhlten Lieder gesungen und beim Trauermahl zwei von ihm eigens
dazu bestimmte Eimer alten Rheinweins ausgetrunken.




Joachim Nettelbeck


Als Sohn eines Brauers und Branntweinbrenners wurde Joachim Nettelbeck
am 20. September 1738 zu Kolberg geboren. Seine Mutter war aus dem
Geschlecht des Schiffers Blanken; seines Vaters Bruder war ebenfalls
Schiffer. Seine grte Kinderfreude bestand darin, auf Schiffen
herumzuspringen, und sobald er lallen konnte, war sein Sinn auf die
Schifferei gestellt. Sein Hang war so gro, da er aus jedem Span, aus
jedem Stck Baumrinde, das ihm in die Hnde fiel, kleine Schiffe
schnitzelte, sie mit Segeln von Federn oder Papier ausrstete und damit
auf Rinnsteinen und Teichen oder auf der Persante hantierte. Kein
greres Vergngen gab es fr ihn, als wenn seines Onkels Schiff im
Hafen lag; da hatte er zu Hause keine Ruhe und bat immerfort, man mchte
ihn nach der Mnde lassen.

Nicht geringere Liebe zeigte er zum Gartenwesen. Sein Grovater war ein
groer Gartenfreund, nahm ihn oft in seinen Garten mit und schenkte ihm
sogar ein Fleckchen Land. Da legte er Obstkerne, pflanzte, verpfropfte
und okulierte.

[Illustration: Joachim Nettelbeck, nach einer Zeichnung von Ludwig
Heine.]

Er mochte etwa sechs Jahre alt sein, da entstand eine Hungersnot im
Lande. Es kamen viele arme Leute nach Kolberg, um Korn zu holen, weil
man Getreideschiffe im Hafen erwartete. Als endlich ein Schiff mit
Roggen auf der Reede anlangte, stie es gegen den Hafendamm und sank in
den Grund. Um es wieder emporzuwinden wurden zwei Schiffe benutzt, deren
eines von seinem Onkel gefhrt wurde, und der Knabe war bestndig
zugegen. Das Fahrzeug wurde gehoben, doch das Korn war durchnt; bald
waren alle Straen mit Laken und Schrzen berdeckt, auf denen das
Getreide der Luft und Sonne ausgesetzt wurde. Endlich kam ein zweites
Kornschiff, und es konnte der Not gesteuert werden.

Im nchsten Jahre schickte der Groe Friedrich von Preuen eine
Wagenladung mit Kartoffeln nach Kolberg. Diese Frchte waren aber damals
noch vllig unbekannt, und die Brger berieten hin und her, was wohl
damit anzufangen sei. Sie warfen sie den Hunden vor, die sie
beschnupperten und verschmhten. Was sollen uns die Dinger? hie es; sie
riechen nicht, sie schmecken nicht, und nicht einmal die Hunde mgen sie
fressen. Man glaubte, sie wchsen auf den Bumen und man msse sie
herunterschtteln wie die pfel. Alles dieses ward auf dem Markte, vor
seiner Eltern Tr, verhandelt. Erst als der Knig im andern Jahr eine
zweite Sendung von einem Landreiter begleiten lie, der des
Kartoffelbaues kundig war, gewann die neue Frucht das Wohlwollen der
Brger.

Der Knabe war auch ein groer Liebhaber von Tauben, und er sparte sich
von seinem Frhstcksgeld so viel ab, da er sich ein paar Tauben kaufen
konnte. Seine Spielereien hielten ihn vom Lernen und von der Schule ab,
und erst die dringenden Ermahnungen seines Paten weckten seinen Ehrgeiz.
In seinem achten Jahre schenkte ihm der Pate zu Weihnachten eine
Anweisung zur Steuermannskunst, und bald ging sein Eifer fr diese Sache
soweit, da er oft im Winter bei strenger Klte des Nachts, wenn klarer
Himmel war, heimlich auf den Wall ging und mit seinen Instrumenten die
Entfernung der Sterne vom Horizont oder vom Zenit ma und danach die
Polhhe berechnete. Kam er des Morgens erfroren nach Hause, so
verwunderte sich alles, erklrte ihn fr einen berstudierten Narren,
und der Vater schlug ihn.

Da ein Seemann sich auf die Kletterkunst gut verstehen mute, bte er
sich in Gemeinschaft mit dem Sohn des Glckners im Balkenwerk der groen
Kirche in dieser Fertigkeit. Sie krochen berall herum, und oft
verirrten sie sich in der gewaltigen Verzimmerung dergestalt, da einer
vom andern nichts mehr wute, und wenn sie wieder zusammenkamen, war des
Erzhlens kein Ende, wo sie gewesen waren und was sie gesehen hatten. In
dem inwendigen Holzverband krochen sie auch bis zur Spitze des Turmes
hinauf, bis sie sich in dem beengten Raum nicht mehr rhren konnten.
Diese Gewandtheit und Ortskenntnis kam ihm viele Jahre spter wohl
zustatten, als ein Wetterstrahl im Turm gezndet hatte und das Feuer
gelscht werden mute.

Als er elf Jahre alt war, nahm ihn sein Onkel als Kajtenwchter mit
auf sein Schiff, und seine erste Fahrt ging nach Amsterdam. Dort sah er
die groen Indienfahrer und versprte eine unbezwingliche Sehnsucht, auf
einem solchen Schiff zu dienen. Bei Nacht und Nebel floh er auf einer
Jolle, betrat eines der Schiffe, das er sonderlich ins Auge gefat, und
wurde nach vielen Verhandlungen als Seemannsjunge geheuert. Das Schiff
war fr den Sklavenhandel nach Guinea bestimmt. Einundzwanzig Monate
spter kam er nach Amsterdam zurck, schrieb an seine Eltern, die, froh
erstaunt, ihn noch am Leben zu wissen, ihn nach Kolberg riefen; dort
blieb er nun bis zu seinem vierzehnten Jahr. Lnger vermochte er aber
seinem Abenteuer- und Ttigkeitstrieb nicht zu widerstehen: er entfloh
neuerdings und verdingte sich auf einem Schiff, das nach Surinam
bestimmt war. Auf der Heimfahrt fiel der Steuermann ber Bord und
ertrank, und Nettelbeck wurde zum Untersteuermann gemacht.

Im Jahre 1756 nahm er Dienst bei seinem Oheim, der eine Schiffsladung
mit Holz von Rgenwalde nach Lissabon zu bringen hatte. Sein jngerer
Bruder, ein Knabe von vierzehn Jahren, und des Oheims junger Sohn waren
ebenfalls auf dem Schiffe bedienstet. Sie erlitten an der flandrischen
Kste Schiffbruch und wurden von sterreichischen Soldaten gerettet. Der
Oheim hatte aber eine tdliche Verletzung erlitten und starb in einem
Kloster, wohin man ihn in Eile transportiert hatte. Als Ketzer und
Preuen verdchtigt und gemieden, muten sich die drei jungen Burschen
durch das feindliche Land schlagen, und erst nach schrecklichen Mhsalen
gelangten sie wieder nach Kolberg. Kaum hatte sich Nettelbeck von der
berstandenen schweren Zeit erholt, so brach der Krieg aus, und die
Werber des Knigs kamen in die Stadt, um alle jungen Leute zum
Soldatenstand zu pressen. Es war eine wahre Hetzjagd, der Schrecken fr
alle Eltern jener Zeit und fr alles junge Volk, das eine Flinte
schleppen konnte und nicht mochte.

Die entschiedene Abneigung des Brgers gegen den Soldatenstand hatte
ihre Rechtfertigung in der unmenschlichen Art, womit die jungen Leute
von den Unteroffizieren behandelt wurden; so sagt Nettelbeck selbst, und
er fgt hinzu: unter den Fenstern der Eltern wurden sie von den rohen
Menschen aufs Grausamste mihandelt, und es war ein klglicher Anblick,
wenn bei solchen Auftritten die Mtter in Haufen daneben standen,
weinten und schrien und von den rauhen Barbaren abgefhrt wurden.

Nettelbeck ergriff die Flucht. Bei Nacht, in Sturm und Schneegestber
wanderte er zu einem Bauern, welcher ihm genannt worden war, und mute
sich im Stadtholz eines Rudels Wlfe erwehren. Endlich erreichte er die
Freistatt, hielt sich zwlf Tage dort verborgen, aber er ertrug es
nicht, unttig zu sitzen, und er begab sich wieder nach der Mnde. Eines
Nachts erweckte ihn ein Klopfen an den Fensterladen des Kmmerchens, wo
er schlief, und die bekannte Stimme einer getreuen Frauensperson rief
ihm zu: Joachim, auf! auf aus den Federn! Die Soldaten sind wieder auf
der Mnde! In der Bestrzung griff er nach einem Bund Kleider, stahl
sich im Hemd auf die Strae und bemerkte, als er sich anziehen wollte,
da er Frauenkleider mitgenommen hatte. Er warf einen roten Friesrock
ber die Schultern, da wurde er von den Soldaten gestrt, er rannte zum
Hafen, sprang in ein Boot und ruderte hinaus. Jenseits ging er an Land,
wanderte so gut als nackend in der bitterkalten Mrznacht vor mehrere
Tren, wurde jedesmal abgewiesen und flchtete endlich in einen alten
Schiffsrumpf, der im Sommer als Bierschank benutzt wurde. Er kletterte
in das Rauchfangloch und duckte sich vor der Klte in einen Winkel
zusammen. Am Morgen suchte er sein verlassenes Boot wieder auf und
ruderte sich zu einem Schiffe heran, das einem Knigsberger Schiffer
gehrte. Der Mann nahm ihn auf und hielt ihn lange bei sich verborgen.
Zwei Wochen spter fuhr er mit einem anderen Schiffer nach Danzig, und
dort wurde er Steuermann auf einer kleinen Jacht, die eine Ladung Hanf
nach Westschottland bringen sollte. Die Schiffahrt in den Gewssern der
Hebriden war der Klippen und starken Strmungen wegen sehr gefhrlich,
das Schiff irrte lange herum, geriet im Kanal mit sieben englischen
Kapern zusammen, und alle diese Schnapphhne, so nennt sie Nettelbeck,
stiegen an Bord seines Schiffes und nahmen mit, was nicht niet- und
nagelfest war, Kessel und Pfannen, Tauwerk und Segel, Karten und Kompa.
Die Aufregung und das bestndige Elend machten Nettelbeck krank. Er
mute in Metemblick zurckbleiben und begab sich zu einem Kompamacher
in die Lehre; was er von ihm lernte, war ihm in der Folge von groem
Nutzen.

Bald darauf rief ihn sein Vater nach Kolberg zurck, und er war noch
nicht vier Wochen in der Heimat, so begann die Belagerung Kolbergs durch
die Russen. Durch die Entschlossenheit der Brgerwehr blieben die
feindlichen Anstrengungen fruchtlos, und nachdem die Russen eine Menge
Pulver unntz verschossen hatten, muten sie wieder abziehen. Nettelbeck
begab sich nach Amsterdam, traf dort mit seinem alten Kapitn Blanken
zusammen und fuhr mit ihm neuerdings nach Surinam; von dort heimgekehrt,
hielt es ihn wieder nicht lange, und er fuhr mit einem andern Schiff
nach Sankt Eustaz. Als er dann in seine Vaterstadt zurckgekehrt war,
wurde diese zum zweitenmal von den Russen belagert, aber der Notstand
dauerte nur drei Wochen. Whrend der Zeit des Siebenjhrigen Krieges
blieb den preuischen Schiffern, wenn sie Erwerb finden wollten, kaum
etwas anderes brig, als unter der neutralen Danziger Flagge zu fahren.
In solcher Weise ging Nettelbeck von Danzig nach Knigsberg und von
Knigsberg mit einem Getreideschiff nach Amsterdam.

Es ist nicht erforderlich, alle diese Fahrten und die spteren im
einzelnen zu verfolgen; diese Begegnungen mit Freund und Feind, dieses
Hin und Her in allen Zonen der Erde, diese Kmpfe mit allen Gefahren und
allen Elementen. Sie bilden ein Leben voll bestndiger Unruhe und
bestndiger Ttigkeit. Die Kaufleute im fremden Land sind listig und
verschlagen; ihrer Tcke Herr zu werden, gegen ihre Vorteilssucht nicht
des eignen Vorteils verlustig zu gehen, verlangt viel Klugheit, ja
beinahe Weisheit und unendliche Selbstverleugnung. Immer wieder Strme,
immer wieder Schiffbruch; kaum ist ein kmmerlicher Verdienst in
Sicherheit gebracht, so geht er durch Wagnis oder Unglck wieder
verloren. Bei einer Fahrt in der Nordsee wird der Kapitn wahnsinnig und
trifft Verfgungen, die den Untergang des Schiffes herbeifhren mssen.
Eines Morgens strzt er vom Steuer in die See und ertrinkt. Nettelbeck
nimmt ein Verzeichnis seiner Habseligkeiten auf, versiegelt die
eingepackten Waren und wirft vor den Augen der Matrosen das hierzu
gebrauchte Petschaft ins Meer. Zu seiner Verwunderung kann er nirgends
die Gelder und Barschaften des verunglckten Schiffers finden, die
Taschenuhr, die silbernen Schuh- und Knieschnallen, die goldenen und
silbernen Galanteriewaren nicht, die er vordem bei ihm gesehen. Als er
mit dem Schiff in den Hafen gelangt, taucht trotz eidlicher Erhrtung
der Verdacht auf, da er das Gut des Schiffers veruntreut habe.
Lsterung und Verleumdung heftet sich an seine Fersen, und der Kummer,
den er darber empfindet, raubt ihm allen Mut. Erst viele Jahre spter
wurde das Eigentum des toten Schiffers zufllig in einem Verschlag der
Kajte entdeckt, die Witwe und die Verwandten leisteten Nettelbeck
Abbitte, und die ihn geschmht und bezichtigt hatten, erhoben ihn in den
Himmel, aber man mu nicht eben Nettelbeck sein, um den von Zufalls
Gnaden gereinigten Schild der Ehre mit bitterem Gefhle zu betrachten.
Allmhlich reifte er in der Schule des Lebens zur Resignation heran;
doch seine Kraft, zu handeln, seine wunderbare Kraft, zu helfen,
erlahmte dabei mitnichten. Whrend des groen Brandes in Knigsberg
rettete er auf einem Boote viele Menschen vor dem sicheren und
schrecklichen Tod. Einige Zeit nachher geriet auf dem Pregel ein
hollndisches Schiff in Brand. Alle Menschen, so viel deren
herbeigekommen, waren damit beschftigt, Lcher in das Verdeck zu hauen,
um von oben Wasser in den brennenden Raum zu gieen. Dadurch gewann aber
das Feuer nur um so greren Zug, und Nettelbeck, der ein so
widersinniges Verfahren nicht gelassen mit anschauen konnte, schrie
ihnen zu, sie arbeiteten sich ja zum Unglck, sie mten das Schiff
versenken. Es lief aber alles verwirrt durcheinander, und niemand wollte
auf ihn hren. Da griff er einen von seinen Zimmerleuten auf, sprang mit
ihm in das Boot, das zum brennenden Schiff gehrte, und zeigte ihm eine
Planke dicht ber dem Wasser, wo er ein Loch ins Schiff hauen sollte.
Das lasse er wohl bleiben, war die Antwort des Mannes, da knne er
schlimmen Lohn dafr haben. Nettelbeck ri ihm die Axt aus den Hnden,
schlug selber das Loch, eilte spornstreichs auf das Verdeck, wo sich
Hunderte von Menschen drngten, und schrie: Herunter vom Schiff, was
nicht ersaufen will, in der Minute wird's sinken. Und das Schiff sank.
Die hollndischen Kaufleute aber verklagten ihn bei der Admiralitt und
forderten von ihm den vollen Ersatz des Schadens. Er wurde vor das
Kollegium zitiert und sollte sich verantworten.

Seine Rede war die: Tausend Augen haben es mit angesehen, wie das
Schiff in hellem Feuer stand. Htte das nur noch eine halbe
Viertelstunde so gedauert, so nahm die Flamme dergestalt berhand, da
es kein Mensch auf dem Schiff aushalten konnte und es mitsamt der Ladung
preisgegeben werden mute. Und wie sollte es dann fehlen, da nicht die
Taue mit verbrannten, die es am Bollwerk hielten; da die flammende
Masse stromabwrts und unter die vielen andern Schiffe trieb und diese
mit ins Verderben zog? Jetzt ist groes und gewisses Unglck mit um so
geringerem Schaden abgewandt, als Schiff und Ladung wohl wieder zu
bergen sein werden. Ich bin daher auch des guten Glaubens, da ich in
keiner Weise strafbar gehandelt, sondern nur meine Brgerpflicht erfllt
habe.

Die Sentenz lautete, da der Schiffer Nettelbeck vollkommen recht und
lblich gehandelt habe und das Kollegium sich vorbehalte, ihm seine
Zufriedenheit und Dankbarkeit durch feierlichen Handschlag zu bezeugen.
Der Kollegiumsdirektor stand von seinem Sitze auf, schttelte ihm
treuherzig die Hand, dankte ihm im Namen aller Schiffer und im Namen der
Stadt und hie ihn einen wackeren Mann. Kaufleute, Schiffer und Advokat
sahen einander verlegen an, dann traten sie einer nach dem andern zu ihm
und gaben ihm ebenfalls die Hand. Der Direktor fragte ihn zum Schlu, ob
er nicht, wie er im vorigen Jahr mit dem Bording der Witwe Rollof getan,
das versunkene Schiff aus dem Wasser zu heben versuchen wolle. Und
Nettelbeck sagte zu. Die Hebung gelang unter groen Schwierigkeiten,
und da er von den hollndischen Kaufleuten auer dem Ersatz seiner
Auslagen nichts annehmen wollte, machten sie ihm ein Geschenk von
hundert preuischen Gulden samt zehn Pfund Kaffee und zwanzig Pfund
Zucker. Er seinerseits schenkte davon fnfundzwanzig Gulden den Armen,
damit sie auch einmal einen guten Tag haben sollten.

Es war das Sonderbare seines Geschicks, da es ihn immer wieder zwang,
gegen die Elemente in den Kampf zu treten und er dem Wasser wie dem
Feuer gegenber stets die gleiche streitbare Rolle spielt. Als er nach
vielen und gefhrlichen Reisen, nach vielen und ermdenden Versuchen, da
und dort seinen Lebensunterhalt zu erwerben, als beinahe Vierzigjhriger
1777 wieder in seiner Vaterstadt sa, schlug eines Tages im April der
Blitz in den Kirchturm, und im Nu brannte der Turm lichterloh. Die helle
Flamme spritzte bei der Wetterstange gleich einem feurigen Springbrunnen
empor, aus den Schallchern sprhten die Funken wie Schneeflocken und
fielen bereits in die Domstrae hinber. Nettelbeck, dies sehend, rannte
nach der Kirche und die Turmtreppe hinan. Im Hinaufsteigen berdachte
er, wie gro das Unglck werden msse, da es wohl schwerlich jemand
unternehmen werde, bis in die hchste Spitze zu klimmen, wo er in den
finstern Winkeln nicht so bekannt sei wie er selbst, der sie in seiner
frhen Jugend oft mit Lebensgefahr durchkrochen hatte. Er wute, da auf
dem Glockenboden stets Wasser und Lscheimer bereitstanden, aber an
einer Handspritze, die hauptschlich nottat, mochte es fehlen. Er
machte auf der Stelle kehrt, drngte sich an den vielen Menschen
vorber, die alle hinauf wollten, eilte ins nchste Haus, dann ins
zweite und ins dritte, bis er endlich eine Spritze bekam. Jetzt wieder,
die Angst und der Eifer gaben ihm Flgel, zum Turm hinauf. In der
sogenannten Kunstpfeiferstube, dicht unter der Spitze, fand er mehrere
Maurer und Zimmerleute mit ihren Meistern, aber keiner wute, was zu tun
sei. Liebe Leute, sprach er, unter sie tretend, hier ist nichts zu
beginnen, wir mssen hher hinauf. -- Leicht gesagt, aber schwer
getan, antwortete einer, wir haben es schon versucht, doch es geht
nicht. Sobald wir die Falltr ber uns haben, fllt ein Regen von
Flammen und glhenden Kohlen herunter und setzt auch hier die Zimmerung
in Brand. Nettelbeck aber lie sich die Falltr ffnen, stieg hindurch,
gebot, da man ihm einen Eimer und die Spritze reiche und die Falltr
wieder schliee, denn das Feuer durfte von unten keinen Zug bekommen. Er
mute sich den Kopf mit Wasser aus dem Eimer anfeuchten, damit seine
Haare nicht in Brand gerieten, und um die Hnde frei zu bekommen,
schnitt er vorn in seinen Rock ein Loch, durch das er die Spritze
steckte. Den Bgel des Eimers nahm er in den Mund und zwischen die
Zhne; so klomm er empor. Die Holzriegel im Innern des Turms muten ihm
als Leitersprossen dienen, allein wohin er griff, um sich emporzuhelfen,
fand er alles voll glhender Kohlen, nur hatte er nicht Zeit, an den
Schmerz zu denken. Endlich hatte er sich so hoch verstiegen, da ihm in
der engen Verzimmerung kein Raum blieb, sich noch weiter hinauf zu
winden, und hier sah er den rechten Mittelpunkt des Feuers acht oder
zehn Fu ber sich zischen und sprhen. Er klemmte den Wassereimer
zwischen die Sparren fest, sog die Spritze daraus voll und richtete sie
gegen den Feuerkern. Wasser, Feuer und Kohlen prasselten ihm ins
Gesicht, aber das Feuer verminderte sich alsbald merklich. Nun war aber
auch der Eimer geleert. Aus Leibeskrften schrie er nach Wasser; einer
der Zimmermeister hob die Falltr und rief: Wasser ist hier, aber wie
bekommst du es hinauf? Er sagte, sie sollten es ihm nur bis ber den
Glockenstuhl schaffen, da wolle er sichs schon selber langen. Jene
wagten es, und er kletterte ihnen von Zeit zu Zeit entgegen, um die
vollen Eimer in Empfang zu nehmen, von denen er dann auch so fleiigen
Gebrauch machte, da er endlich das Glck hatte, den Brand zu
berwltigen und vllig zu lschen. Und es war hohe Zeit, mit jeder
Minute wurde ihm bler: das zurckspritzende Wasser hatte ihn bis auf
die Haut durchnt, und zugleich war eine unertrgliche Hitze im Turm.
Er eilte hinunter, und in der schneidenden Luft bei den Schallchern
vergingen ihm die Sinne. Als er wieder zu sich kam, lag er auf dem
Kirchhof, ihm zur Seite standen zwei Chirurgen, die ihm an beiden Armen
die Adern geffnet hatten, und eine Menge neugieriger Menschen schaute
zu. Seine Hnde waren berall verletzt, die Haare auf dem Kopf
abgesengt, der Kopf selbst wund und voller Brandblasen; an diesen
Stellen wuchsen die Haare nie wieder, und zwei Finger an der rechten
Hand blieben ihm zeitlebens verkrppelt.

Zehn Jahre lang befuhr er noch die Meere, von Danzig bis Lissabon, von
Amsterdam bis Norwegen, von London bis Westindien; bald im eignen
Interesse, das aber nie ein Gelingen bescherte, bald im Auftrag fremder
Reeder. Seine Rechtschaffenheit und Aufrichtigkeit, soviel sie ihm auch
Achtung und Sympathie erweckten, konnten ihm doch nicht zu groem Geld
und Gut verhelfen. Und er war zu unruhig, zu leidenschaftlich und zu
wenig khler Rechner, um aus geringen Vorteilen mit der Zeit und viel
Geduld bedeutende zu machen. Um das Jahr 1787 wurde er in Kolberg
sehaft, und seine Mitbrger erwiesen ihm die Ehre, ihn als Verwandten
des Seglerhauses aufzunehmen, welches ein Kollegium war, vor dem alle
Schiffahrtssachen in erster Instanz entschieden wurden. Auch ernannten
sie ihn zum Schiffsvermesser, dessen Amt es war, die Tragkraft der
Fahrzeuge zu berechnen, und wieviel Lasten sie laden und ber See fhren
konnten. Es gab auch in Kolberg ein Kollegium, die Fnfzehnmnner
geheien, das die Gerechtsame der Brgerschaft beim Magistrat zu
vertreten hatte. In dieser Krperschaft waren groe Mistnde bemerklich
geworden; die Fnfzehnmnner hatten angefangen, ihr Ansehen mehr zu
ihrem Privatnutzen als zum allgemeinen Besten geltend zu machen, und es
war eine enge Verbrderung daraus entstanden, die sich einander zu
allerlei heimlichen Praktiken verhalf. Da waren Depositenkassen
angegriffen, Scheinkufe vorgenommen, Gemeingut widerrechtlich
verschleudert und andere Greuel mehr begangen worden. Furchtlos trat
Nettelbeck in den Sumpf und machte eine lange Reihe von
Ungebhrlichkeiten, Veruntreuungen und krummen Schlichen vor Gericht
anhngig. Es kam darber zu einem langen und verwickelten Proze, und
keine Art von Rnken und Rabulistereien blieb gegen ihn unversucht.
Beinahe vier Jahre lang schleppte sich der Rechtsstreit hin, und so wie
er sich die Sache zu Herzen nahm, hatte er whrend der ganzen Zeit keine
ruhige Stunde. Er gesteht, da er oft mit Feuer und Schwert htte
dreinfahren mgen, wenn das heillose Gezcht immer ein neues Mntelchen
fr seine aufgedeckte Bosheit zu erhaschen suchte. Endlich kam die
unsaubere Geschichte doch zu einem leidlichen Schlu; das Kollegium
wurde aufgelst und durch ein anderes ersetzt, und man bewies ihm das
Vertrauen, ihn in die Zahl der neuen Reprsentanten zu whlen.

Ergreifend sind die wenigen Seiten seiner von ihm selbst erzhlten
Lebensgeschichte, wo er von seinen huslichen und ehelichen
Verhltnissen erzhlt und die Bemerkung macht, da ihm als Ehemann und
Vater sein besserer Glcksstern erst spt erschienen sei. Nur der
Anschein war gnstig, als er sich im Jahre 1762 in Knigsberg zu
heiraten entschlo. Er war ein flinker und lebenslustiger Bursche von
vier- oder fnfundzwanzig Jahren, sein junges Weib war sechzehn, und
solange er dort lebte und als Schiffer ab- und anfuhr, war die Ehe ganz
glcklich. Von drei Kindern, die ihm die Frau gebar, blieb indessen nur
ein Sohn am Leben, der ihn auf seinen letzten Seereisen als
unzertrennlicher Gefhrte begleitete. Nach siebenjhriger Ehe entdeckte
er, da ihn die Frau betrog; er verzieh ihr, aber sie zeigte sich
unverbesserlich, da lie er sich von ihr scheiden, und sie verkam im
Elend. Der Sohn, den er sehr liebte, starb ihm in jungen Jahren, und er
stand nun verlassen in der Welt und wute nicht, fr wen er sich's noch
sauer werden lassen sollte. Es fehlte am festen Kern im inneren
Haushalt, und so wollte er es noch einmal mit der Ehe versuchen. Als
Fnfzigjhriger warf er seine Augen auf eine Schifferswitwe in Stettin,
die er als eine ordentliche und rechtliche Frau zu kennen glaubte. Die
Verbindung kam zustande, aber nun erst gingen ihm die Augen auf. Die
fromme Witwe hatte gern ihr Ruschchen und hielt es eifrig mit
mancherlei andern Dingen, die den Ehefrieden stren muten. An ein
Zusammenhalten des ehrlich Erworbenen war lnger nicht zu denken,
vielmehr sah er den unvermeidlichen Untergang seines kleinen Wohlstands
vor Augen, und was blieb ihm brig, als eine abermalige Scheidung? Mit
trben Blicken schaute er in die Zukunft. Er gehrte keinem Menschen an,
war nachgerade ein alter Mann geworden, und fhlte er gleich sein Herz
noch frisch und seinen Geist lebendig, so wollten doch die
stumpfgewordenen Knochen nicht mehr gut tun. Die paar Jahre, die noch
brig waren, dachte er wohl noch hinzustmpern, und wenn nur noch der
Sarg ehrlich bezahlt werden konnte, mochte man ihn hintun, wo seine
Vter schliefen. Jedoch das Geschick meinte es besser mit ihm. So
klang- und trostlos sollte sein Leben nicht enden.

Das Jahr 1806 war herangekommen. Joachim Nettelbeck, dem feurigen
Patrioten, der die alten Zeiten und des groen Friedrichs Taten noch im
Sinn hatte, blutete gleich so vielen das Herz bei der Zeitung von den
entsetzlichen Tagen bei Jena und Auerstdt und ihren Folgen. Er htte
kein Preue und abtrnnig von Knig und Vaterland sein mssen, wenn ihm
jetzt, wo alle Unglckswellen ber sie zusammenschlugen, nicht so zu
Sinn gewesen wre, als mte er Gut und Blut und die letzte Kraft seines
Lebens fr sie aufbieten. So lautet sein eigenes Gestndnis; nicht mit
Reden und Schreiben, dachte er, aber mit der Tat sei hier zu helfen;
jeder auf seinem Posten, ohne sich erst lange, feig und klug, vor- und
rckwrts umzusehen.

Als nun Magdeburg und Stettin gefallen waren und die ungestme
franzsische Windsbraut sich immer nher und drohender gegen die
Weichsel heranzog, da lie sich's voraussehen, da bald genug auch die
Feste Kolberg an die Reihe kommen mochte, und wirklich erschien im
November ein franzsischer Offizier als Parlamentr in der Stadt und
forderte die bergabe. Diese wurde zwar verweigert, allein mit allem,
was zu einer rechtschaffenen Verteidigung gehrte, sah es trbselig aus.
Wall und Graben waren verfallen, von Palisaden keine Spur. Nur drei
Kanonen standen in einer Bastion auf Lafetten und dienten blo zu
Lrmschssen, wenn Ausreier von der Besatzung verfolgt werden sollten;
alles brige Geschtz lag am Boden, hoch von Gras berwachsen, und die
dazu gehrigen Lafetten vermoderten in den Remisen. Die Besatzung war
gering an Zahl, entmutigt durch die Unglcksbotschaften, und der
Kommandant, Oberst von Loucadou, ein alter abgestumpfter Mann, der seit
dem bayrischen Erbfolgekrieg den Ruf eines tchtigen Offiziers geno und
dessen Geist so blind an altem Herkommen hing, da er sich in der neuen
Zeit und Welt nicht mehr zurechtfinden konnte. Whrend alles, was
Militr hie, den trgen Schlummer mit ihm zu teilen schien, fhlte sich
die ganze Brgerschaft von der lebhaftesten Unruhe und Besorgnis
ergriffen, und Nettelbeck wurde als einer der ltesten Brger
ausgewhlt, sich mit dem Kommandanten ber die Maregeln zur
Verteidigung zu verstndigen. Dem Obersten erschien dies anmaend, und
er wute nicht oder wollte es nicht wissen, da von ltester Zeit her
die Brger von Kolberg sich als die natrlichen und gesetzlich berufenen
Verteidiger ihrer Wlle und Mauern betrachteten. Vormals hatte jeder
seinen Brgereid mit Ober- und Untergewehr geschworen, hatte geschworen,
da diese Armatur ihm eigen angehre, geschworen, da er die Festung
verteidigen helfen wolle mit Gut und Blut. Die Brgerschaft war in fnf
Kompanien eingeteilt, mit einem Brgermajor an der Spitze, und wo es im
Ernst gegolten, hatte der Kommandant sie nach seiner Einsicht gebraucht
und wesentlichen Nutzen von ihrem Dienst gezogen. Nettelbeck erffnete
dem Obersten, da die Brger mit Gott entschlossen seien, in diesen
bedenklichen Zeitluften mit dem Militr gleiche Last und Gefahr zu
bestehen, da sie sich in ein Bataillon mit vollstndiger Rstung
organisieren wollten und bten, sich vor ihm aufstellen zu drfen, damit
er Musterung halte und jedem seinen Posten anweise, sie wrden ihre
Schuldigkeit tun. Als die Brgerschaft sich versammelt hatte, kam der
alte Oberst und sagte: Macht dem Spiel ein Ende, ihr guten Leutchen!
Geht in Gottes Namen nach Hause. Was soll mir's helfen, da ich euch
sehe? Und da Nettelbeck neuerdings Vorstellungen machte und sich und
seine Leute zu den ntigen Arbeiten anbot, erwiderte der Kommandant mit
einem hhnischen Lachen: Die Brgerschaft und immer wieder die
Brgerschaft! Ich brauche die Brgerschaft nicht.

Eine solche Geringschtzung erregte Murren und Unwillen, aber Nettelbeck
lie sich nicht abhalten, zu tun, was ihm Pflicht schien. Er machte den
Oberst darauf aufmerksam, welch gute Dienste in frheren Belagerungen
eine Schanze auf dem hohen Berg, eine Viertelmeile auerhalb der Stadt,
geleistet hatte, und er und seine Freunde seien bereit, die Schanze
wiederherzustellen. Der Oberst antwortete, was auerhalb der Stadt
geschhe, kmmere ihn nicht, die Festung innerhalb werde er schon zu
verteidigen wissen. Und so baute Nettelbeck die Schanze, und es halfen
ihm die Brger, ihre Gesellen, ihre Lehrjungen und Dienstmgde; als die
Arbeit noch immer zu langsam vonstatten ging, warb er Leute am Hafen und
bezahlte sie aus seiner Tasche. Er sorgte fr die Anschaffung von
Lebensmittelvorrten und nahm bei Bckern, Bauern und Branntweinbrennern
ein Verzeichnis der Bestnde auf. Er ging in die umliegenden Drfer und
sah nach, was an Korn und Schlachtvieh vorhanden war. Mit all seinen
Papieren ging er nun zum Kommandanten, um ihn zu bewegen, da er die
Vorrte in die Stadt schaffen lasse. Der Oberst aber, als htte die Pest
an den Papieren geklebt, drckte sie ihm eilig wieder in die Hand und
sagte, er brauche den Plunder nicht und damit Gott befohlen.

Der Oberst hatte auch eine alte Kchin, und die war jedesmal zugegen,
wenn Nettelbeck kam, und gab ihren Senf mit drein. Auch dieses Mal
schimpfte und maulte sie, bis Nettelbeck die Galle berlief und er dem
unverschmten Weibsbild die Meinung sagte, wodurch er aber den Obersten
nur noch mehr gegen sich in Zorn setzte.

Um den Magistrat und seine Anstalten stand es auch klglich, der
Untergang der Stadt schien nicht aufzuhalten, und so entschlo sich
Nettelbeck, der winterlichen Jahreszeit zum Trotz, den Knig selbst in
Knigsberg oder in Memel aufzusuchen und ihm Kolbergs Lage und Not
vorzustellen. Da traf aber der Kriegsrat Wissening von Treptow in
Kolberg ein, ein Mann, der Kopf und Herz auf dem rechten Fleck hatte.
Der machte sich gegen Nettelbeck erbtig, selber zum Knig zu gehen und
sein mglichstes zu tun, um den Platz zu retten. Unter den von den
Truppen Versprengten, die tglich in Kolberg Zuflucht suchten, befand
sich auch der Leutnant von Schill; Nettelbeck gewann ihn bald zum
Freund, und der junge Offizier erklrte sich bereit, in Kolberg zu
bleiben, um bei der Verteidigung zu helfen. Er stimmte mit Nettelbeck
darin berein, da vor allem die Maikule, der Schlssel zum Hafen, um
jeden Preis festgehalten werden msse, und doch war zur Verschanzung
dieses entscheidenden Punktes bis jetzt noch keine Schaufel in Bewegung
gesetzt worden. Es waren keine Hnde da, um auch nur einige Erdaufwrfe
zustande zu bringen, und Nettelbeck trieb unermdlich in der
Geldervorstadt und in allen umliegenden Ortschaften Tagelhner und
Husler zusammen, versprach und zahlte guten Lohn und verwandte gegen
vierhundert Taler aus seiner Tasche. Tag und Nacht arbeiteten etwa
sechzig Menschen nach dem von Schill entworfenen Plan an den
Befestigungen; weder der Kommandant noch sonst jemand fragte und
kmmerte sich, was da geschafft wurde. Indessen war der Kriegsrat
Wissening mit ausgedehnten Vollmachten vom Knig zurckgekehrt. Seine
Hilfe brachte neues Leben in die Verwaltung; ganze Herden Schlachtvieh,
lange Reihen Getreidewagen zogen zu den Toren ein, und Heu und Stroh im
berflu fllte die Futtermagazine. In der Stadt wurde geschlachtet und
eingesalzen und die Bden der Brgerhuser mit Korn beschttet.

Um die Mitte Mrz hatten die Franzosen die Umzingelung der Festung
beendet. Die Schanze auf dem hohen Berg ging unter blutigen Kmpfen
verloren, auch die Anhhen der Altstadt waren besetzt. Es war nun
dringend geboten, die berschwemmung des Gelndes rings um die Festung
zu bewirken, eine Absicht, die auf den hartnckigen Widerstand der
Grundeigentmer stie. Auch der Kommandant wollte nichts davon wissen,
bei der darber gefhrten Unterredung mischte sich wieder die Kchin in
ihrer gewohnten Weise ein. Nettelbeck schob sie ohne viel Federlesens
zur Tre hinaus, der Oberst geriet in Hitze, griff nach seinem Degen und
wrde ihn gegen Nettelbeck gezogen haben, wenn ihm nicht dessen
Begleiter, der Hauptmann von Waldenfels, mit den Worten in den Arm
gefallen wre: Beruhigen Sie sich, Nettelbeck hat recht getan.

Die Franzosen schickten indessen einen Parlamentr, den der Oberst in
aller Freundlichkeit empfing und mit dem er hinter verschlossener Tr
verhandelte. Nettelbeck argwhnte Verrat, und in der Flle seines
beklommenen Herzens schrieb er an den Knig: Wenn Euere Majestt uns
nicht bald einen andern und braven Kommandanten zuschicken, sind wir
unglcklich und verloren.

Die Belagerer schritten zum Angriff, die Geldervorstadt geriet in
Gefahr, Loucadou erteilte den Befehl, sie niederzubrennen, aber Schill
stellte ihm das Unntzliche und bereilte dieser Maregel mit solchem
Gewicht vor, da er nachzugeben gezwungen war; dadurch konnten Hunderte
von Menschen die beweglichen Trmmer ihres Besitzes in Sicherheit
bringen, und erst als dies geschehen war, fand die Zerstrung statt. Der
Kommandant aber bezichtigte Schill der Insubordination und lie ihn in
Arrest setzen. Soldaten und Brger vernahmen mit Unwillen, was ihrem
Liebling geschehen war. Es entstand ein Gemurmel, ein Reden, Fragen und
Durcheinanderlaufen, das mit jeder Minute lauter und strmischer wurde.
Man wollte Schill mit Gewalt befreien und den Kommandanten zur
Rechenschaft ziehen. Nettelbeck, lebhaft bestrzt und das Unselige
dieser Volksbewegung erkennend, warf sich unter die Menge, bat sie,
Vernunft anzunehmen und vor allen Dingen Schills eigene Meinung zu
hren. Dies ward angenommen, und Nettelbeck ging zu Schill. Als der
vernahm, wie die Sachen standen, erschrak er heftig, und Nettelbeck an
beiden Hnden ergreifend, rief er: Freund, ich bitte Sie um alles,
stellen Sie die guten Menschen zufrieden. Aufruhr wre das letzte und
grte Unglck, das uns begegnen knnte. Sagen Sie ihnen, ich sei nicht
arretiert, ich sei krank, sagen Sie, was Sie wollen, wenn sich nur die
Leute zur Ruhe geben. Nettelbeck begab sich wieder auf den Markt, hielt
eine Ansprache, die Leute kamen zur Besinnung und gingen friedlich
auseinander. Schills Arrest blieb ein leeres Wort, das stillschweigend
zurckgenommen wurde.

Die feindlichen Granaten schlugen in die Stadt, und der Oberst befahl,
da die Dcher mit Dnger belegt und das Pflaster aufgerissen werden
sollte, um die Geschosse unschdlicher zu machen. Nettelbeck uerte
Zweifel ber das Frderliche dieses Befehls; da die Dcher eine Neigung
von mehr als fnfundvierzig Grad besaen, meinte er, der Dnger werde
wohl nicht haften bleiben, auch wrden die Bomben vor den so bedeckten
Dchern nicht sonderlich viel Respekt zeigen; das Aufreien des
Pflasters sei aber bei den engen Gassen sogar gefhrlich, weil dann bei
entstandener Feuersgefahr weder Spritzen noch Wasserkufen einen Weg
durch die Steinhaufen und den umgewhlten Boden finden wrden. Whrend
des Gesprchs fuhr in der Nhe eine Bombe nieder und zersprang. Der
Oberst sah sich mit etwas verwirrten Blicken um und stotterte: Meine
Herren, wenn das so fort geht, so werden wir mssen doch noch zu Kreuze
kriechen. Mehr konnte er nicht hervorbringen. Nettelbeck, alle
Selbstbeherrschung verlierend, fuhr auf und schrie: Halt! Der erste,
wer er auch sei, der das verdammte Wort wieder ausspricht, von zu Kreuze
kriechen, stirbt des Todes von meiner Hand. Dabei ri er den Degen aus
der Scheide, sein Nebenmann fate ihn von hinten und zog ihn von
Loucadou zurck. Arretieren, knirschte der Oberst mit schumendem
Mund, gleich arretieren! In Ketten und Banden. Alles drngte sich um
den Oberst zusammen; Nettelbecks Freunde schoben ihn zurck, und er
ging, wenig zufrieden mit sich selbst und seinem Zorneifer, still nach
Hause. Nachmittags berief der Kommandant den Landrat zu sich und teilte
ihm mit, er werde Nettelbeck vor ein Kriegsgericht stellen und auf dem
Glacis der Festung erschieen lassen. Der Landrat erschrak, machte
eindringliche Vorstellungen, jedoch der Oberst beharrte auf seinem Sinn.
Als die Brger vernahmen, was im Werke war, geriet alles in die grte
Bewegung, alles ergriff Nettelbecks Partei; der Haufen sammelte sich und
ward mit jeder Minute grer, wlzte sich zu Loucadous Wohnung, umringte
ihn, und die Wortfhrer bestrmten ihn so lange im guten und im bsen,
bis sie seine Entrstung einigermaen milderten oder vielleicht ihn
ahnen lieen, da er kein so leichtes Spiel haben werde. Gut, gut,
sagte er endlich, so mag der alte Bursche diesmal laufen. Ht er sich
nur, da ich ihn nicht wieder fasse. Nettelbeck hatte von seinem
Fenster aus den Auflauf des Volkes bemerkt, hatte aber kein Arg, da es
ihn so nahe angehen knne. Erst andern Tags erfuhr er, wie schlimm es
auf ihn und sein Leben gemnzt gewesen.

Die Belagerung nahm ihren Fortgang, und Not und Elend stiegen von Woche
zu Woche. Es war am 1. Juli, als die Franzosen endlich letzten Ernst zu
machen schienen. In den Morgenstunden erffneten sie ein furchtbares
Bombardement auf die Stadt. Bald gab es nirgends ein Pltzchen mehr, wo
die zagende Menge vor dem drohenden Verderben sich htte bergen knnen.
berall zerschmetterte Gewlbe, einstrzende Bden, krachende Wnde und
aufwirbelnde Sulen von Dampf und Feuer; berall die Gassen wimmelnd von
ratlos umherirrenden Flchtlingen, die ihr Eigentum preisgegeben hatten
und unter dem Gezisch der kreisenden Feuerblle sich verfolgt sahen von
Tod und Verstmmelung. Geschrei von Wehklagenden, Geschrei von
Suglingen und Kindern, Geschrei von Verirrten, die ihre Angehrigen
verloren hatten, Geschrei der Menschen, die mit dem Lschen der Flammen
beschftigt waren, Lrm der Trommeln, Rasseln der Fuhrwerke, Geklirr der
Waffen, es war herz- und ohrenzerreiend. Im Laufe des Tages erstrmten
die Franzosen die Maikule, und mit dem Verlust dieses wichtigen Punktes
war die Verteidigung gelhmt, und das Mnderfort war nun zur
Beschtzung des Hafens nicht mehr ausreichend, was sich zeigte, als das
englische Schiff, das den Belagerten zu Hilfe gekommen war, beim
Vordringen der Franzosen die Ankertaue kappte, um wieder das offene Meer
zu gewinnen.

Zu spt hatte der Knig Untersttzungsmannschaften geschickt, zu spt
den unfhigen Kommandanten durch den Major von Gneisenau ersetzt; es
schien, da die Stadt nicht mehr zu retten war. Inmitten der ringsum
drohenden Gefahr erzeugte sich allmhlich eine Gleichgltigkeit bei
vielen, die nichts mehr zu Herzen nahmen. War auch nicht der Mut, so war
doch die Natur erschpft; Anstrengung, Schlaflosigkeit, immerwhrende
Spannung des Gemts und Sorgen fr Weib und Kind und Eigentum fielen auf
die meisten mit einem solchen Gewichte, da sie sich in den Trmmern
ihrer Wohnungen ein noch irgend erhaltenes Pltzchen ersahen, um den bis
in den Tod ermatteten Gliedern einige Ruhe zu gnnen.

Da geschah es, da eine Bombe, verderblicher als alle andern, in das
Rathaus fuhr, und ein hell aufflackerndes Feuer war die Folge ihres
Zerspringens. Als naher Nachbar sprang Nettelbeck hin, um schnelle
Anstalten zur Brandlschung zu betreiben, aber ringsum regte sich keine
menschliche Seele. Er lief zu Bekannten, braven und wackeren Mnnern, um
sie zur Hilfe aufzurufen, doch schlaftrunken und ohne Gefhl beachteten
sie sein Bitten und Ermuntern ebensowenig, wie sein Toben und Schelten.
In steigender Angst rannte er auf die Brandsttte zurck und packte
jeden an, der ihm begegnete. Ein vierschrtiger Kerl, dem er einen
gefllten Lscheimer aufdrngte, nahm ihn und schlug das Gef mit
seinem nicht eben sauberen Inhalt Nettelbeck geradezu um die Ohren, so
da er fast die Besinnung verlor und von Schmutz und Ru bedeckt eine
jmmerliche Figur machte. Ohne sich darum zu kmmern eilte er in das
nchste Wachhaus auf dem Walle und strmte wild in das halbdunkle
Wachzimmer. Auf der hlzernen Pritsche regte sich eine Gestalt. Bester
Mann, zu Hilfe, das Rathaus steht in Flammen! schrie Nettelbeck. Der
Offizier erhob sich, schlug die Hnde zusammen und rief aus: Ach, du
armer Nettelbeck! Jetzt erst erkannte ihn Nettelbeck; es war Gneisenau.
Nun wurde die Lrmtrommel gerhrt, die Soldaten erschienen, Patrouillen
durchzogen die Stadt, und die Lschanstalten kamen in Bewegung. Zu
gleicher Zeit hatten die Gefangenen im Stockhaus die allgemeine
Verwirrung benutzt, um auszubrechen, und hatten in den Husern zu
plndern begonnen; auch Nettelbecks Haus wurde von diesem Schicksal
betroffen. Durch den ttigen Eifer des Militrs wurde die Rotte wieder
eingefangen und unschdlich gemacht.

So besonnen, wo es zu handeln galt, so allgegenwrtig gleichsam, wo eine
Gefahr nahte, und so beharrlich, wo nur die unabgespannte Kraft zum
Ziele fhren konnte, hatte sich der Kommandant Gneisenau immer und
berall seit dem ersten Augenblick seines Auftretens erwiesen. Wochen
hindurch war er so wenig in ein Bett als aus den Kleidern gekommen.
Vater und Freund des Soldaten wie des Brgers, hielt er beider Herzen
durch den milden Ernst seines Wesens und durch teilnehmende
Freundlichkeit gefesselt. Jeder seiner Anordnungen folgte das
unbedingteste Zutrauen.

Der Morgen des 2. Juli brach an. Not und Elend, Jammergeschrei und
Auftritte der blutigsten Art, einstrzende Gebude und prasselnde
Flammen, das war das einzige, was bei jedem Schritt den entsetzten
Sinnen sich darstellte. Gneisenaus scharfes Auge hatte mitten im
grlichsten Tumult erkannt, da der Feind Vorbereitungen traf, sich von
der Wolfsschanze aus ber das Mnderfort herzustrzen. Es war drei Uhr
nachmittags. Gegenanstalten wurden getroffen, Befehle flogen, alles war
in der lebendigsten Spannung, pltzlich schwieg das feindliche Geschtz
auf allen Batterien. Auf das Krachen eines Donners wie am Tage des
Weltgerichts folgte eine lange, de Stille. Jeder Atem stockte, niemand
begriff den schnellen Wechsel, das schauerliche Erstarren so gewaltiger
losgelassener Krfte. Da nahte ein feindlicher Parlamentr, neben ihm
ein preuischer Offizier, und alsbald strzte dieser mit den atemlos
hervorgestoenen Worten in den Kreis seiner Bekannten: Friede! Kolberg
ist gerettet.

       *       *       *       *       *

Als im Jahre 1809 der Knig von Memel nach Berlin zurckkehrte, hie es
zuerst, er werde seinen Weg ber Kolberg nehmen; aber die Strenge der
Jahreszeit gebot die krzeste Richtung, und da es bekannt wurde, da das
knigliche Paar einen Rasttag in Stargard machen wollte, schlug
Nettelbeck den Kolbergern vor, eine Abordnung der Brgerschaft dorthin
zu senden. Alles war seiner Meinung, aber alles glaubte auch, da es
dafr zu spt sei, denn um rechtzeitig an Ort und Stelle zu kommen htte
man sich noch den nmlichen Abend auf den Weg machen mssen. Und warum
nicht schon in der nmlichen Stunde? fragte Nettelbeck. Ich bin dazu
bereit, aber ich bedarf noch eines Gefhrten. Wer begleitet mich?
Schweigen und Kopfschtteln ringsherum, und schon wollte der Alte im
feurigen Unmut auflodern, als ihm der Kaufmann Glckel die Hand reichte,
sich ihm zum Gefhrten erbot und in einer Stunde reisefertig zu sein
versprach. Sie kamen nach Stargard so frh am Morgen, da sie noch alles
in Finsternis und Schlaf begraben fanden. An einem Haus stiegen sie ab,
klopften an und verlangten Herberge. Die Antwort lautete, alles sei
dicht besetzt und kein Unterkommen mehr mglich. Aber liebe Leute, den
alten Nettelbeck werdet ihr doch nicht auf der Strae stehen lassen!
Nein, wahrhaftig nicht, scholl eine weibliche Stimme dagegen,
tausendmal willkommen! Da mu sich schon ein Winkelchen finden.

Im kniglichen Quartier wurde Nettelbeck von einem General erkannt und
in das Empfangszimmer gefhrt. Der groe Raum war voll von Offizieren,
Damen und Standespersonen. Alles blitzte von Ordenszeichen, und es gab
eine feierliche Stille, als der Knig und die Knigin eintraten.

Vor Nettelbeck und seinem Begleiter stehend, sagte der Knig gegen die
glnzende Versammlung hin mit bewegter Stimme: Wenn jeder so seine
Pflicht getan htte wie die Kolberger, dann wre es uns nicht so
unglcklich ergangen.

Nach einiger Wechselrede brach aus des alten Nettelbecks Munde das
glhende Wort: Verflucht sei, wer seinem Knig und Vaterland nicht treu
ist. Und dann: Wir hoffen, Eure Majestt werden uns nicht sinken
lassen. Der Knig antwortete und streckte Nettelbeck die Hand entgegen:
Nein, nicht sinken lassen, nicht sinken lasse ich euch.

Diese Stunde war vielleicht die schnste in Nettelbecks Leben, und keine
empfand er dankbarer als Lohn fr alle Opfer und Mhen. Er begann nun
seine Hantierung wieder und fand auch ein notdrftiges Auskommen. Doch
fiel es ihm immer schwerer aufs Herz, da er so abgesondert und
verlassen dastand. Er war nun fnfundsiebzig Jahre alt und sorgte sich
doch noch um die Zukunft. Zuerst lachend, dann in wohlgemeintem Ernst
rieten ihm seine Freunde, es noch einmal mit dem Ehestand zu versuchen,
und nach vielem Bedenken und Zgern folgte er ihrem Rat und heiratete
eine uckermrkische Pfarrerstochter, an deren Seite er noch ein sptes
Glck fand und die ihm sogar im nchsten Jahr eine Tochter schenkte.

Sein rastloser Geist konnte nicht ruhen. Am Abend seines Lebens
beschftigte ihn noch ein Projekt, das er schon Jahrzehnte zuvor
gehegt, der Lieblingswunsch, Preuen auch jenseits der Weltmeere gro,
geachtet und blhend zu sehen. Er verfate eine Denkschrift, worin er
den Lenkern des Staats den Vorteil auseinandersetzte, der mit dem Erwerb
von Kolonien verbunden war, ja, er machte sich trotz seiner
sechsundsiebzig Jahre erbtig, das erste preuische Schiff, das solchem
Zweck dienen wrde, selbst zu fhren. Aber wie leicht zu denken,
erweckte sein Vorschlag zu jener Zeit keine ernstliche Beachtung.

Im Jahre 1824, sechsundachtzig Jahre alt, endete der wunderbare Mann
sein reiches Leben.




Christian Holzwart


Am 29. Dezember 1845, in der Morgenfrhe, kam ein Mann von der
Sudenburg, einer Vorstadt Magdeburgs auerhalb der Ringmauern, und
passierte in Eile durch das eben geffnete Tor. Er war sonderbar
anzusehen; ein Schlafrock hing ber seinem Krper, er war ohne Stiefel,
ohne Strmpfe, ohne Kopfbedeckung, und Haar und Bart waren von Flammen
versengt. Seine Schritte waren ungleich und zeugten von groer
Ermattung. Bei einem Hause an der Johanniskirche, wo der Wundarzt Koch
wohnte, machte er endlich halt und zog hastig die Klingel. Die Straen
waren noch leer, die Leute schliefen noch, und erst auf sein
wiederholtes Klingeln wurde ihm das Tor aufgemacht. Er taumelte in das
Wohnzimmer und fiel ohnmchtig auf das Sofa nieder. Der Chirurgus Koch
und seine Frau, die ihm beide erschrocken entgegengetreten waren,
fragten gleichzeitig, was geschehen sei und von wo er in einem solchen
Aufzug herkomme. Der Wundarzt nahm das Licht vom Tisch, beleuchtete ihn
und sah, da nicht nur sein sonst wohlgepflegter Bart verkohlt war,
sondern da auch seine Hnde blutig waren. Um Gottes willen, Holzwart,
was ist geschehen? fragte er entsetzt, doch der Mann stammelte nur
verworrene Antworten, sprach von Flammen und da seine Familie, die Frau
und seine fnf Kinder wohl erstickt seien. Der Wundarzt schickte seinen
Sohn und den Lehrer Zimmermann sofort nach der Sudenburg hinaus, und sie
kamen mit der Unglcksbotschaft zurck, da man dorten sechs Leichen aus
dem Schutt des niedergebrannten Hauses geschafft habe. Es war auch schon
eine amtliche Anzeige eingegangen, und die Kriminaldeputation fand sich
bei dem Wundarzt Koch ein, um von Holzwart Auskunft ber die furchtbare
Katastrophe zu erhalten.

Sie trafen Holzwart krank und hinfllig durch den erlittenen
Blutverlust, aber doch imstande, ihren Fragen Genge zu leisten. Er
erzhlte, da ihm in der Nacht ein Mensch in seinen Verkaufsladen
eingetreten sei und ihm zwei Stiche in die Brust versetzt habe; er sei
mit dem Menschen ins Ringen gekommen, habe ihn verfolgt, habe neue
Stiche erhalten, sei dann umgekehrt und habe sein Haus in Flammen
stehend gefunden. Er sei zurckgewichen und fast ohne Besinnung in die
Stadt gelaufen, und da sei er vor dem Kochschen Hause angelangt.

Das alles klang weniger wie Lge, als wie die unzusammenhngenden Reden
eines Fiebernden. Die Kleidungsstcke, die Holzwart am Leibe hatte,
waren nicht durchstochen, und die Schnitte am Hals sprachen eher fr
einen Selbstmordversuch als fr Verwundungen von fremder Hand. Das Haus
war nicht nieder-, sondern ausgebrannt; Tren und Fenster boten den
Anblick einer gewaltsamen Zerstrung. Die verkohlten und verstmmelten
Leichname der Frau, des Sohnes und der vier Tchter wurden in dem Zimmer
neben dem Laden gefunden, und es erwies sich bald, da an ihnen ein
zwiefaches Verbrechen begangen worden war. Die Krper zeigten deutliche
Spuren der Ermordung; ihr Blut frbte die Dielen der Zimmer, trnkte die
Polster des Sofas, hing in schweren Tropfen noch ungetrocknet an den
Sthlen, hatte die Geschenke des Christabends, die Spielereien der
unschuldigen Kleinen berspritzt.

Sollte also der Vater dieser schnen, gesunden und wohlgeratenen Kinder
ihr Mrder sein? Aus welchem Grund? Aus Ha? Aus Habsucht? Aus Not?
Htte er sie gehat, so wre es ja leichter gewesen, sich von ihnen zu
entfernen. Die Welt ist gro, und es hat schon mancher die ihm lstig
gewordenen Familienbande abgeschttelt, seine Kinder der Willkr des
Geschicks preisgegeben und mit leichtsinnigem Mut in der Fremde
Vergessenheit seiner Pflichten gesucht. Auch waren die Kinder schon ber
die Hilflosigkeit der ersten Jugend hinaus; die lteste Tochter war
sechzehn, die zweite vierzehn, die dritte zehn, der Sohn neun Jahre, und
nur das jngste Kind, ein Mdchen im Alter von vier Jahren, stand in der
ersten, ganz hilfsbedrftigen Jugend. Das Gercht, da die Kinder htten
erben sollen, erwies sich als falsch. Sie waren arm, hatten nie etwas
besessen und auch keine Hoffnung auf Besitz. Da sich die Familie in Not
befand, war gewi. Man wute, da Holzwarts Verhltnisse von Jahr zu
Jahr zurckgegangen seien, ja da er ein vollstndig ruinierter Mann und
sozusagen am Ende seiner Bahn angekommen war. Dies konnte aber keinen
ausreichenden Anla bilden, fnf Kinder und eine Frau zu ermorden und zu
verbrennen. Schon nach den ersten Tagen nannte man ihn Mrder und
Mordbrenner, und da er selbst tdlich verwundet im Gefngnisse lag und
nach den Berichten der rzte einem Verhr noch nicht ausgesetzt werden
durfte, glaubte niemand. Woher sollten ihm die Wunden gekommen sein? Sie
htten ihn in ein tragisches Licht gestellt, und man wollte von ihm nur
als von einem verworfenen Mrder wissen. Was er gelitten und noch zu
leiden hatte, darum kmmerte sich kein Mensch. Aber der Tag kam, wo
viele in sich gingen.

Am Morgen des sechsten Tages begab sich der Untersuchungsrichter zu ihm
ins Gefngnis. Der Arzt hatte seinen Zustand soweit gebessert gefunden,
da eine schonende Vernehmung mglich war. Doch lag er noch im Bette,
sein ueres zeigte groe Erschpfung. Nachdem ihn der Richter mit
einigen Fragen ber sein krperliches Befinden hingeleitet hatte,
erkundigte er sich, ob er sich zu erinnern vermge, was fr Aussagen er
am Morgen seiner Verhaftung gemacht. Ohne Zgern bejahte Holzwart, fgte
aber sogleich hinzu, da man ihm noch einige Tage Zeit gnnen mge, dann
wrde er sich vollstndig ber die ganze Begebenheit aussprechen. Der
Richter wendete ein, es wre besser, wenn er sich sogleich aussprche,
namentlich wenn er etwas auf dem Herzen htte, und machte ihm
bemerklich, da er in seinem Richter nicht den kalten Menschen suchen
solle, der mit Nichtachtung auf den Gesunkenen herabblicke, sondern
einen Teilnehmenden, der mit schmerzlichem Gefhl die Herzen der
Verbrecher auszuforschen beflissen sei. Ganz ruhig richtete er daran die
einfache Frage: Haben Sie sich vergangen? Holzwart richtete sich von
seinem Lager auf, sttzte sich auf den rechten Arm und sah den Richter
stumm an. Sind Sie schuldig? setzte der Richter hastig hinzu. Holzwart
legte sich zurck, sein Auge ruhte fest auf dem Gesicht des Richters,
und eine tiefe Bewegung malte sich in seinen Mienen, als er antwortete:
Ja, ich bin schuldig.

Mit dieser Erklrung mute sich der Richter vorerst begngen, wenn er
das Leben des Gefangenen nicht in Gefahr bringen wollte, und erst nach
mehreren Tagen schritt er zu einer eindringlicheren Forschung. Holzwart
zeigte von der Stunde ab ein unbedingtes Vertrauen zu seinem Richter,
und seine Aussagen stimmten so vllig mit allen Ermittlungen berein,
da man seine Wahrhaftigkeit nirgends in Zweifel ziehen konnte.

Ja, ich bin schuldig, sagte er mit festem und ruhigem Ton; es ist
aber mein Verbrechen nicht das Werk eines augenblicklichen Einfalls.
Jahrelang hatte ich erfahren mssen, da ein Unglcksstern ber mir und
meiner Familie war. Diese berzeugung hat mich geleitet, als ich die
Hand gegen die Meinen erhob. Kein andrer Grund als die Liebe htte mich
veranlassen knnen, eine so schreckliche Tat zu begehen. Die Liebe gab
mir die Kraft, sie alle, die nach meiner Einsicht bald hilflos und
erniedrigt dastehen wrden, auf die schnellste und schmerzloseste Weise
aus der Welt zu schaffen. Sie haben unbewut und froh die letzten
Minuten ihres Daseins herannahen sehen. Ich begann die Tat mit meiner
Frau und endete sie mit meiner jngsten Tochter. Bei dieser Erklrung
durchzuckte ein furchtbarer Krampf den unglcklichen Mann, er prete die
Augen zu und war unfhig, seine innerliche Erregung mit der Kraft zu
bewltigen, die er bis dahin gezeigt hatte. Erst am nchsten Tage konnte
man das Verhr fortsetzen.

Ich bin an Entbehrungen gewhnt, sagte er, aber zur Niedrigkeit bin
ich nie hinabgesunken, habe mich nach meiner Denkungsweise immer fern
von Gemeinem gehalten, und da es zuletzt mit mir so schlecht stand, da
nur Wohltaten und Almosen mir und meiner Familie das Dasein fristen
konnten, sah ich keinen anderen Ausweg. Wenn mir auch nur der
entfernteste Hoffnungsstrahl geleuchtet htte, wrde ich nicht die Kraft
zu der Tat gefunden haben. Mit dem ersten Januar trat der Zeitpunkt ein,
wo wir als Bettler vor der Welt dastanden; der Entschlu, den ich schon
lange in mir trug, mute also vor dem ersten Januar ausgefhrt werden.
Je nher mir die schauerliche Notwendigkeit trat, desto mutloser wurde
ich, bis endlich beim Anblick des letzten Talers, den ich vor mir liegen
sah, die Gewalt der Not entschied. Jetzt mute ich.

Dieser letzte Taler, von dem er sprach, war in dem Schutt der
verbrannten Wohnung wirklich gefunden worden. Er war geschwrzt und als
Mnze kaum zu erkennen.

Der Richter wendete ein, da er doch willens gewesen sei, nach
Magdeburg zu ziehen und sogar schon ein Quartier fr hundertdreiig
Taler gemietet habe; wie das mit seinem Vorsatz, die Seinen durch Mord
gegen Not zu schtzen, zu vereinen sei. Er antwortete, dies sei nur zur
Beruhigung seiner Frau geschehen; er habe nie geglaubt und nie die
Absicht gehabt, das Quartier wirklich zu beziehen. Meine Existenzmittel
waren verbraucht, ich sollte bedeutende Zahlungen leisten, und es lagen
nur noch drei Tage vor mir, der Sonntag, der Montag, und der Dienstag.
Mein Entschlu schwankte schon seit dem Weihnachtsfeste; von einem Tag
zum anderen schob ich die Ausfhrung hinaus. Ich hatte schon berlegt,
ob ich nicht allein aus der Welt gehen sollte; mir war dann wohl nach
dem frchterlichen Kampf, aber ihnen? Ich sah sie in der Armut, der
Gemeinheit und dem Laster verfallen. Nein, zusammen aus der Welt,
zusammen in den Frieden. Am Sonntag erhob sich der Gedanke in mir in
seiner ganzen Strke. Um neun Uhr machte ich den Verkaufsladen zu. Meine
Familie hielt sich gewhnlich in dem Zimmer hinter dem Laden auf, ich
hatte meine Wohnung daneben. Ich ging aus meiner Kammer durch den Laden
und rief meine Frau. Sie folgte mir in mein Zimmer, und dort gab ich ihr
einen Brief meines Bruders zu lesen. Sie sa mit dem Rcken gegen mich
gewendet, ich ergriff die Axt, die ich mir bereitgestellt hatte, und
schlug ihr den Schdel und die Schlfen ein. Sie war augenblicklich tot
und hatte auch nicht die leiseste Ahnung ihres nahen Endes gehabt. Ich
legte die Leiche auf mein Sofa, wo schon mein Bett gerichtet war, doch
so, da es den Kindern nicht auffallen konnte. Dann ging ich wieder
hinber und holte meine lteste Tochter. Unter dem Vorwand, da ich ihr
etwas diktieren msse, was sie mir aus der Apotheke holen sollte, gebot
ich ihr, sich auf denselben Stuhl zu setzen, auf dem ihre Mutter
gesessen war. Ich diktierte ihr, ich wei nicht ob Kremortartari oder
sonst so etwas; in dem Augenblick, wo sie sich ber den Tisch bckte,
schlug ich ihr ebenfalls den Schdel ein. Sie endete wie ihre Mutter
ohne ein Schmerzgefhl. Ich trug die Leiche ber den Flur in die Kche,
und zur Sicherheit schnitt ich mit meinem Rasiermesser die Halsmuskeln
durch. Dann rief ich die zweite Tochter und ttete sie auf dieselbe
Weise, auf demselben Stuhl, mit demselben Beil. Die brigen drei Kinder
erschlug ich in ihrer Schlafkammer, wo sie in ihren Betten lagen und
schliefen. Allen schnitt ich die Kehle zur Vorsicht durch, damit sie auf
keine Weise noch einen Lebensfunken in sich spren und Schmerz empfinden
sollten. Jetzt war das Werk vollbracht und mir war leicht. Nur ich
fehlte noch, nur ich und alles war gut.

Er erzhlte nun, wie er die Betten angezndet, sich daneben hingesetzt
und seinen Hals durchschnitten habe. Aber er starb nicht, er atmete
weiter. Sein Arm erschien ihm pltzlich wie gelhmt und zurckgehalten.
An Mut und Entschlossenheit habe es ihm nie gefehlt; hatte er bis dahin
Kraft bewiesen, so mute es ihm doch auch gelingen, sein eigenes Leben
zu zerstren. Er versetzte sich noch zwei Stiche in die Brust; es war
umsonst. Sein Blut flo, aber das Leben fhlte er nicht schwinden. Von
diesem Moment trat ein Zustand bei ihm ein, ber den er keine
Rechenschaft geben konnte. Er wute nicht, wie lange er bei den Leichen
gewesen, der Qualm, der sich verbreitete, trieb ihn schlielich auf und
hinaus. Es war ihm, als fliehe ihn der Tod, als msse er den Tod
verfolgen. Du stirbst nicht, rief es in ihm, du kannst nicht sterben. Er
lief fort, weg- und steglos, irrte lange durch einen Garten und kam
endlich an das Haus des Wundarztes Koch.

Der Richter fragte: Was erwarten Sie denn nach einer solchen Tat?
Holzwart schaute mit einem heiteren Blick empor und antwortete ohne
Zaudern: Den Tod erwarte ich. Mit Freuden erwarte ich ihn, ich wollte
ihn mir selbst geben, aber es ist mir leider nicht gelungen.

Der Richter nennt Holzwart einen ungewhnlichen Menschen, der sich meist
gewhlt ausdrckte und bisweilen sogar in ein gewisses Pathos verfiel.
Er war gro und von stattlichem Krperbau. Sein Gesicht war voll Ruhe,
sein Blick frei, sprechend und sanft.

Im Publikum erhoben sich Stimmen, die die Liebe zu den Seinigen in
Zweifel stellten. Es wurde gesagt, er habe seine Kinder mit groer
Strenge behandelt und barbarische Zchtigungen ber sie verhngt. Bei
nherer Beleuchtung verschwanden diese Anklagen. Was den Schein von
Hrte hatte, war Konsequenz gewesen, und es erwies sich auch, da
Holzwart von den Pflichten eines Vaters ganz andere Begriffe gehabt
hatte als mancher ehrbare Brger. Man erinnerte sich eines Aufsatzes,
den er viele Jahre vorher in der Magdeburger Zeitung hatte drucken
lassen und worin er die Unerllichkeit und heilsame Folge strenger
Zucht betont hatte. Darber waren alle Zeugen einig, da es keine
artigeren und besseren Kinder gegeben habe als Holzwarts Kinder,
insbesondere das jngste sei ein hchst anmutiges Geschpf gewesen, der
Liebling des Vaters, wurde gesagt. Dies erklrte auch die tiefe und
mchtige Bewegung, die ihn durchzittert hatte, als er bekannte: Das
jngste Kind war das letzte, das ich ttete.

Der Fleischer Wothge, der Holzwart oft Beistand in seinem
Geschftsbetrieb gewesen ist, bekundete die bemerkenswerte Tatsache, da
Holzwart nicht fhig gewesen sei, ein Schwein zu schlachten. Wenn er
dabei behilflich sein sollte, so bebte er vor innerer Aufregung und
Beklemmung. Er war berhaupt ein sonderbarer Mann, uerte sich dieser
Zeuge; ich kann mich darber nicht so ausdrcken, wie ich mchte, aber
es scheint mir, als htte er sich Vorbilder nach Bchern zum Muster
aufgestellt. Ich habe ihn von Abd-el-Kadr, von Faust, von Ibrahim Pascha
mit Lebendigkeit und Begeisterung sprechen hren. Das waren seine Leute.
Er meinte immer: Groartig sterben msse der Mensch.

Und weiter erzhlte Wothge: Im vergangenen Jahre, als das frchterliche
Gewitter ber uns stand, schlachtete ich eines Abends um elf Uhr bei
ihm. Mitten unter dem schauerlichen Donner sagte er zu mir: 'Ich
wollte, alles wre hin; was ich auch anfange, das Unglck ist immer
hinter mir her.' Es war eine oftmals wiederholte Rede von ihm: 'Man mu
nie mssen, sondern nur wollen. Aber alle im Staate mssen, nur einer
will, das ist der Knig.' Ein andermal fragte er mich ber
Glaubenssachen, und als ich ihm entgegnete, ich glaubte das, was im
Katechismus stehe, rief er: 'Dann sind Sie ein Tor!' und ging von mir
fort. Er war brigens ein sehr reeller Mann, wute sich in Respekt zu
setzen und fhrte immer durch, was er sich vorgenommen hatte. 'Bricht's,
so bricht's', pflegte er zu sagen. Seine Lieblingsbeschftigung war das
Schachspielen. Drei Freunde aus Magdeburg haben ihn fters besucht, blo
um mit ihm Schach zu spielen. Eines Tages kam er auf sein Elternhaus zu
sprechen, und da erzhlte er mir, da zwischen ihm und seinem Vater oft
wilde Szenen vorgekommen seien. Einmal bei einem Streit habe sein Vater
ihm geflucht, und von diesem Augenblick an sei sein Glcksstern
untergegangen.

Holzwarts Bruder erklrte dessen Vermgensverfall aus unglcklichen
Konjunkturen und bekrftigte, da er mit redlichem Willen und
unermdlichem Eifer stets danach gestrebt habe, sich und seine Familie
zu ernhren. Er sei niemals arbeitsscheu gewesen, sondern es habe immer
den Anschein gehabt, als solle seine Ttigkeit vergeblich sein. Er
schrieb ihm eine Anlage zum Tiefsinn zu, die er vom Vater ererbt hatte.
Es sei ihm nicht mglich gewesen, sich an einen Menschen zutraulich
anzuschlieen. In Gte htte man aber alles von ihm erlangen knnen;
wenn er aber Widerstand gefunden, wo er im Recht zu sein geglaubt, oder
wenn er sich verkannt gesehen, habe ihn der heftigste Zorn ergriffen.

Er hatte einen streng rechtlichen Sinn und ein feines Gefhl, uerte
sich weiterhin der Bruder bei einer Zeugenvernehmung. Es lag ein Stolz
in seinem Charakter, der es ihm unertrglich machte, die Hilfe anderer
in Anspruch nehmen zu mssen. Ebenso unertrglich war ihm der Gedanke,
seine Kinder, die er sehr liebte, nach seinem Tode dem Mitleid fremder
Leute preisgegeben zu sehen. Auerdem hatte er die Idee gefat, da
seinen Sohn ein ebenso unglckliches Dasein erwarte, wie er selbst es
gefhrt. Wie gromtig und redlich seine Denkungsart war, zeigte sein
Benehmen, als er vor einigen Jahren in der Lotterie spielte. Bei der
Klasseneinzahlung bot er in einer Anwandlung froher Laune und gewi in
der berzeugung, da er nichts gewinnen werde, seiner Schwgerin die
Hlfte des Gewinnes an. Das Los kam in der letzten Ziehung mit einem
Gewinn von tausend Talern heraus. Holzwart hielt sich seinem Versprechen
gem fr verpflichtet, der Schwgerin die Hlfte davon zu zahlen,
obgleich sie kein Recht geltend machen und die Abmachung nur fr Scherz
angesehen werden konnte. Er blieb dabei, er msse das Geld teilen, weil
er es versprochen habe, und er brche niemals sein Wort. Als ich ihm vor
Jahresfrist aus einer Verlegenheit half, sagte er bewegt zu mir: Glaube
mir, es wird mir schwerer, dein Geld zu nehmen, als es dir vielleicht
ist, es zu geben.

Die Geschichte seines Lebens, die Holzwart vor dem Richter erzhlte,
trug das unverkennbare Geprge der Wahrheit und folgt hier mit seinen
eigenen Worten.

Mein Vater hatte mich zum Seifensieder bestimmt, und da ich nun einmal
nicht studieren sollte und durfte, war mir das recht. Mein Vater hatte
mich so sehr an Gehorsam gewhnt, da es mir nicht eingefallen wre,
mich gegen seinen Befehl zu struben. Die Wahl des Meisters war nicht
gnstig fr mich. Ich merkte bald, da ich unter solcher Anleitung
nichts vom Geschft begreifen wrde. Ich klagte es meinem Vater, da
mich der Lehrherr mehr zu Hausarbeiten als zum Seifensieden verwende,
doch dies wurde nicht von ihm beachtet. Auch meine Mutter hrte nicht
eher auf diese Klagen, als bis es zu spt war. Das Lehrgeld war
weggeworfen, und nach dreijhriger Lehrzeit ging ich als Geselle aus
diesem Geschft nicht um ein Haar klger, als ich hingekommen war. Ich
trat die Wanderschaft an, fand natrlich wegen meiner Unbrauchbarkeit
nirgends lange Arbeit, und um nicht in Not zu geraten, kehrte ich in die
Heimat zurck. Frs erste blieb ich im elterlichen Hause, wo man eine
wnschenswerte Untersttzung an mir fand. Dann versuchte ich es noch
einmal in Eisleben als Volontr in einem Seifensiedergeschft, doch
wurde dies meinen Eltern mit der Zeit zu kostspielig, ich gab die
Seifensiederei fr immer auf und blieb nun fnf Jahre in meines Vaters
Geschft. Ich lebte dort in drckenden, sehr unangenehmen Verhltnissen,
die vornehmlich durch meines Vaters Schwche, mit den Dienstmdchen
allzu vertraulich umzugehen, herbeigefhrt wurden. Mein Vater
behandelte mich sehr nachlssig, was bei meinem ohnehin reizbaren
Ehrgefhl eine bedeutende Wirkung auf mich ausbte. Im Hause meiner
Eltern befand sich auch meine nachherige Frau; nicht eigentlich als
Ladenmamsell, sondern mehr aus Geflligkeit gegen meine Mutter, die die
ganze Last des ausgebreiteten Schmlzergeschfts allein zu tragen hatte.
Ich gewann das Mdchen lieb und wnschte sie zu heiraten. Im Grunde
meines Herzens trieb mich mehr die Unertrglichkeit meiner Lage als die
Sehnsucht nach der Ehe zu dem Eifer, womit ich meine Eltern um Grndung
eines Haushalts fr mich anging. Lange strubten sie sich gegen die
Verbindung, endlich willigten sie ein und gaben mir hundert Taler Gold
zur Errichtung eines Materialladens; meine Frau brachte mir ungefhr
ebensoviel dazu, und mit diesem Kapital begann ich voller Hoffnung mein
selbstndiges Leben und meine Ehe. Die Kaufleute gewhrten mir willig
und gern Kredit, so sah ich trotz des geringen Vermgens einer gnstigen
Schicksalswendung entgegen.

Aber wenn frher meine Verhltnisse drckend waren, so verfolgte mich
jetzt ein Unglck nach dem andern. Mit dem besten Willen ging ich an
mein Geschft, doch schon im ersten Jahre wurde meine Frau nach der
Entbindung krank und blieb volle fnf Vierteljahre in rztlicher
Behandlung. Sie mute teure Bder nehmen, und die Rechnungen fr den
Doktor und den Apotheker beliefen sich auf hundertzweiunddreiig Taler.
Ich mute Schulden machen und erkannte bald die Unmglichkeit, mich in
der Neustadt zu halten. Ehe noch ein Konkursverfahren eingeleitet werden
konnte, wurde ich mit Hilfe meiner Mutter den Glubigern gerecht und gab
das Geschft auf. Ich bernahm nun auf den Vorschlag meiner Eltern den
Laden im Bonteschen Haus auf dem Markt, worin neben einem Schenklokal
ein Handel mit Schmlzerwaren betrieben wurde. Ich sah gleich, da diese
Art von Wirtschaft nichts fr mich war; zu einer Schenkstube gehrte ein
anderes Wesen als das meine. Die Fleischwaren bekam ich aus dem
elterlichen Geschft und verkaufte sie eigentlich auf Rechnung meines
Vaters, wobei mir nur der kleine Gewinn zufiel, den ich in der
Schenkstube machte. Steuern fr das Gewerbe, sowie Ladenmiete mute ich
aber bezahlen. Dazu kam, da bei dem Laden keine Wohnung war und ich die
Wohnung fr meine Familie apart halten mute. Es brach zu jener Zeit die
Cholera in Magdeburg aus und raffte sogleich einen der beliebtesten
Gste meines Lokals, den Goldschmied Schladen, hinweg, die brigen
Mnner bekamen Furcht und mieden meine Schenkstube, sie stand verdet,
und ich mute neue Gste anzuwerben suchen. Es schlug fehl, und nach
abermals zwei Jahren mute ich das Geschft mit einer baren Einbue von
sechshundertsechzig Talern auflsen.

Viele haben den Verfall meines Hauswesens meiner Vorliebe fr
wissenschaftliche Beschftigung zugeschrieben, aber damit hat man mir
unrecht getan. Ich hatte allerdings groes Interesse an der Literatur,
las gerne historische und naturwissenschaftliche Werke, begann auch zur
damaligen Zeit ein Tagebuch, worin ich eigene Ideen und gute
aufgefundene Gedanken verzeichnete, mu auch gestehen, da ich nach der
Erzhlung von Alvensleben Der Racheschwur ein Drama zu arbeiten
anfing; aber alles dies fllte nur meine Muestunden aus, die von
anderen Mnnern beim Kartenspiel und Biertrinken verbracht wurden.

Ich versank nun in groe Not, und meine Mutter untersttzte mich ein
wenig. Ich fate den Plan, in die weite Welt zu gehen und zu versuchen,
ob nicht irgendein Platz fr mich zu finden sei, wo ich meinen
Lebensunterhalt gewinnen konnte. Mein Blick richtete sich auf Prag, wo
ein Bruder meiner Mutter, der Weigerber Grosse, in guten Umstnden
lebte. Ich trennte mich von meiner Familie. Es war ein schmerzlicher
Abschied, aber ich ging nicht eher von ihnen, als bis mir meine Mutter
in Gegenwart meines Bruders das Versprechen geleistet hatte, mtterlich
fr sie zu sorgen. Man schlug mir vor, die franzsische
Handschuhmacherei zu erlernen, und wirklich schien mir dies ein
Erwerbszweig, der eintrglich zu werden versprach. Mein Onkel in Prag
gab das Lehrgeld her, und obwohl ich nicht mehr in den Jahren war, wo
man als Lehrling in einen neuen Beruf tritt und mir die Sache sehr sauer
wurde, strkte mich doch der Gedanke an meine Familie soweit, da ich
meinen Vorsatz glcklich durchfhrte. Nach zehn Monaten war ich Gehilfe
des Meisters, der sich redlich Mhe mit mir gegeben hatte. Wieder in der
Heimat angelangt, setzte ich alles daran, ein Handschuhmachergeschft
zu grnden. Mit etwas Geldmitteln wre es mir wohl gelungen, allein ich
hatte kein Geld, mein Vater wollte mir keins geben, die Mutter gab mir
fnfzig Taler. Davon mute ich die Hlfte fr Arbeitszeug verwenden, und
es blieb mir nicht einmal soviel, wie zum Ledereinkauf notwendig war.
Dennoch versuchte ich mein Heil und hielt mich wirklich einige Zeit.
Aber schlielich ging es bergab, und mein Ruin war tglich zu erwarten.
Da starb mein Vater, und ich trat jetzt in das elterliche Geschft als
Pchter ein. Anfangs machte ich gute Geschfte, aber bald wurde der
Verdienst geschmlert durch die vielen neuerrichteten Schmlzerlden. Es
trat noch das Migeschick hinzu, da die Schweine pltzlich sehr teuer
wurden, und dies ist ein harter Schlag fr den Schmlzer, da die Waren
noch eine Zeitlang in den alten Preisen bleiben, also bei jedem
Schlachten zugesetzt werden mu. Ich blieb mit der Miete an meine Mutter
rckstndig, der Magistrat erhhte die Pacht des Ladens unter dem
Rathaus von sechzig auf hundert Taler, und im dritten Jahre wurde ich
bankrott. Ich bergab meiner Mutter ihr Eigentum wieder, sie verkaufte
das Haus und lie mir unter Anrechnung auf mein spteres Erbteil
fnfhundert Taler zum Kauf eines kleinen Hauses in der Junkerstrae, wo
ich von neuem eine Schmlzerei anlegte. Ich mute viel Geld verbauen; es
wre aber doch gegangen, wenn nicht ein Glubiger der zweiten Hypothek
mir sein Kapital gekndigt und ich einen neuen htte erhalten knnen.
Ich mute wieder verkaufen und habe groen Schaden erlitten.

Jetzt war ich vollkommen herunter. Meine Mutter konnte nicht mehr
helfen, mein Bruder hatte ein Gut in Lendorf gekauft und bot mir eine
Freistatt. Ich ging zu ihm, als Arbeitsmann im wahren Sinn des Wortes.
Fnf Monate hielt ich es aus, da trieb mich die Sehnsucht nach den
Meinigen wieder zurck. Meine Frau hatte sich mit dem Schmlzerladen im
Rathaus, der uns noch verblieben war, kmmerlich durchgebracht. Ich
versuchte nun in Magdeburg einen neuen Erwerb und erlernte das
Oblatenbacken. Meine Mutter scho mir fnfzig Taler vor, und ich begann
dies Geschft. Aber es war, als htte das Schicksal nur darauf gewartet,
bis ich wieder Hoffnung gefat hatte. Kaum hatte ich einigen Vorrat
liegen, so kamen die neuen Blttchen mit der Namenchiffre auf, meine
Oblaten blieben als altmodisch unverkauft, und ich war wieder fertig. Da
ging ich mit meiner ganzen Familie nach Lendorf zurck, und wir blieben
dort ungefhr ein Jahr. Um diese Zeit verkaufte mein Bruder das Gut, und
meine Mutter starb. Jetzt hatte ich freilich ein Erbteil zu erwarten,
mit dem sich etwas beschaffen lie. Ich bekam tausend Taler. Mit diesem
Gelde kaufte ich ein Gehft in Gommern, wo Gastwirtschaft betrieben
wurde. Whrend meines Aufenthaltes in Lendorf hatte ich mich als
Landwirt tchtig gebt und Lust zum Feldbau bekommen. Die Frequenz des
Gasthofs war gering, das Feld bestand nur aus zehn Morgen Ackerland, ich
sah, da nicht viel zu gewinnen sei, und da ich nach einem Jahre
vorteilhaft verkaufen konnte, entledigte ich mich der Wirtschaft frh
genug, um keinen Schaden zu erleiden. Damals gewann ich auch tausend
Taler in der Lotterie, von denen ich die Hlfte meiner Schwgerin gab.
Ich wollte mir nun ein kleines Gtchen kaufen, dazu reichten die Mittel
nicht. Obwohl ungern, entschlo ich mich endlich, wieder eine
Schmlzerei zu errichten, und zwar in der Sudenburg.

Ich hatte tausend Taler im Besitz. Die Herstellung des Ladens und die
Anschaffung der Utensilien kosteten hundertsechzig Taler. Verdient wurde
wenig. Die Schweine waren in dem Jahre sehr wohlfeil. Der Bauer hatte
kein Futter fr das Vieh und mute verkaufen. Ich glaubte richtig zu
spekulieren, wenn ich Schweine kaufte und steckte zweihundert Taler in
den Handel, um einen ordentlichen Wintervorrat zu haben. Ich hatte mich
leider verrechnet. Alle Leute hatten selbst Schweine gekauft und
geschlachtet. Man holte mir nichts ab. Das Geschft geriet ganz und gar
ins Stocken. Schinken und Schlackwrste bewahrte ich fr den Sommer auf.
Eine entsetzliche Hitze kam und verdarb mir die Vorrte. Im nchsten
Jahre stiegen die Schweine zu einem ungeheuren Preis, aber unsre Ware
blieb auf dem alten Fu. Ich hatte jetzt nur noch hundertvierzig Taler.
Die Einnahme war erbrmlich; der tgliche Erls betrug oft nur fnfzehn
Silbergroschen. Wir muten vom Kapital leben. Beim Ablauf des Jahres war
ich dem Viehhndler hundertsechzig Taler schuldig. Mein Bruder erbot
sich, mir vierhundert Taler zu leihen, und einer von meinen Bekannten
legte hundert Taler dazu. Von diesem Gelde lebte ich mit meiner
Familie, nachdem ich den Viehhndler bezahlt hatte. Ich schlachtete
immer weniger. Im Jahre 1845 war alles Geld rein aufgezehrt. Es nahte
der Winter, und die Not wurde bedrohlich. Abermals mute ich meinen
armen Bruder um Hilfe ansprechen. Er sendete mir zwanzig Taler, und dann
wieder zwanzig Taler, und gegen Weihnachten aus freien Stcken fnf
Taler zu Geschenken fr meine Kinder. Meine Schuld beim Viehhndler war
wieder auf anderthalb hundert Taler gestiegen.

Jetzt trat der Gedanke immer unwiderstehlicher an mich heran, mich und
meine Familie schmerzlos aus der Welt zu schaffen, wo unserer nur Elend
wartete, ich hatte keine Aussicht, keine Hoffnung mehr. Es blieb nur das
Verhungern brig. Ich war auerstande, die Meinen vor dem Untergang zu
retten. Diese Gedanken machten mich fast krank, aber ich verriet sie
nicht, und sie kehrten wie im Kreise immer wieder auf den Punkt zurck:
Du bist dem Bettelstab verfallen. Vorwrfe ber mein Leben und meine
Geschftsttigkeit konnte ich mir nicht machen. Ich habe immer geglaubt,
richtige Maregeln zur Verbesserung meiner Lage ergriffen zu haben, aber
meine Bemhungen sind stets fehlgeschlagen. Verlust ber Verlust, was
ich angriff, milang. Bei der Erinnerung an all dies Leiden wurde mein
Entschlu fester, und mein Gemt sthlte sich. Die Notwendigkeit trieb
mich zur Tat.

Bei gebessertem Gesundheitszustand konnte Holzwart nach einiger Zeit in
das Verhrzimmer gefhrt werden. Seine Erscheinung war jetzt die eines
zufriedenen und ergebenen Mannes. Es schien, als betrachte er das ihm
neugeschenkte Leben mit einem mitleidigen Lcheln, als wollte er fragen:
wozu? Er wiederholte sein Gestndnis, und es war ersichtlich, da die
Schilderung der Mordnacht ihm eine unaussprechliche Pein verursachte.
Und wieder behauptete er feierlich, seine Tat sei das letzte Werk der
Liebe gewesen. Auf den Einwand, weshalb er bei seiner ersten Vernehmung
im Kochschen Hause nicht sogleich offen bekannt, sondern eine Lge
angegeben habe, erwiderte er, es sei diese Lge die einzige in seinem
ganzen Leben. Er habe nur den Fragen gengen, lstiges Zudringen
abwehren wollen, weiter nichts. Da er verhaftet und vor dem Gesetz
verantwortlich gemacht werden knnte, daran hatte er nicht gedacht. Nach
seiner Meinung war er niemand auf der Erde eine Auskunft zu geben
verpflichtet, und seine Tat mute vor Gott allein verantwortet werden.

Eine Tat, straf- und todeswrdig vom Standpunkte des Rechtes, verworfen
und abscheulich von dem der Moral. Der frchterliche Irrtum, eine
Familie verloren zu glauben, wenn die Hilfsquellen der Existenz
versiegen, beruhte hier auf Charakterfehlern nicht allein, sondern auf
Gemtsanlagen, die mit tragischer Liebe Bande des Blutes als
unauflslich betrachten. Der Gedanke, da die geliebten Menschen einzeln
ihre Nahrung suchen sollten, berstieg die Geisteskraft des Vaters; bis
dahin im Schoe der Familie vor dem Unheil geborgen, sollte er sie jetzt
der Verfhrung und der Verderbnis preisgeben? Die lteste Tochter war
schn, vorzeitig entwickelt, blhend in Gesundheit und reizend durch
freundliches Betragen. Sie wrde ihre Kufer schon gefunden haben,
warf Holzwart einst im Gesprch mit bitterem Hohne hin, aber ich habe
ihre Unschuld bewahrt und gerettet. Der Richter wandte ein, das Mdchen
htte ja bei seiner Schnheit eine gnstige Wendung des Geschickes
erleben knnen. Da antwortete Holzwart: Die Mglichkeit lag ferne, denn
sie war arm; jetzt ist ihr Schicksal gesicherter.

Im Dezember des Jahres 1846 wurde Holzwart verurteilt, nach dem
Richtplatze geschleift, um mit dem Rade von unten herauf vom Leben zum
Tode gebracht zu werden. Mit derselben Fassung und Haltung, die er
bisher gezeigt, vernahm er das Urteil. Als ihm mitgeteilt wurde, da ihm
das Rechtsmittel der Appellation zustehe, erwiderte er ohne Besinnen, er
habe die Strafe erwartet und durchaus nichts dagegen einzuwenden; er
wnsche in krzester Frist zu seinem Ziele zu kommen und wolle auch
nicht von seinem Rechte Gebrauch machen, des Knigs Gnade um Milderung
der Strafe anzurufen, um den Vollzug des Verdikts nicht zu verzgern.
Bei dieser Erklrung blieb er, trotzdem sein Verteidiger ihn zu anderer
Ansicht zu bringen suchte. Es blieb diesem nichts weiter brig, als
seinem Willen entgegen zu handeln und aus eigener Machtvollkommenheit
sich an den Knig zu wenden. Damit verging Tag um Tag, Woche um Woche,
und Holzwart erwartete vergeblich das Ende eines Lebens, das fr ihn
allen Wert und Reiz eingebt hatte. Er glaubte, durch seine
Verzichtleistung auf jeden Einspruch alle Hindernisse am besten
beseitigt zu haben, und es gewann den Anschein, als siege wieder sein
altes bses Schicksal, das immer seine Hoffnungen durchkreuzt hatte.
Durch die seltene Verzichtleistung wurde ein Bericht nach dem anderen
ntig, eine Formalitt nach der anderen; bis zum September zogen sich
die Verhandlungen hin, bevor man endlich dem Knig das Todesurteil
vorzulegen bereit war.

Whrend der Zeit sa Holzwart geduldig im Gefngnis und harrte auf
seinen Tod. Man gestattete ihm zu lesen, zu schreiben und Schach zu
spielen. Er verfertigte die Schachfiguren aus Brot und malte mit Tinte
ein Schachbrett auf Pappe. Es gehrte zu seiner grten Freude, wenn der
Aufseher Zeit gewann, mit ihm Schach zu spielen.

Unter den Aufzeichnungen, die er zu Papier brachte, fanden sich Gedichte
wie dieses:

    Ich bin belohnt, da ich euch glcklich whne,
    Euch berhoben wei alljeder Erdentrne.
    Gibt's ein Elysium, so ist's fr euch errungen,
    Durch euer Blut hab ich es euch erzwungen.
    Nichts lastete auf euch, und schuldlos, schn und rein
    Gingt ihr verklrt zur ewigen Ruhe ein.
            Ich bin belohnt.

Dann Tagebuchbltter.


                                                  Am 10. Mrz.

O knnt ich dem Zauber Worte geben, der wie ein Glck meinen Schlaf
durchzieht. Nicht gaukelnd beschleicht mich der Trume Spiel -- nein,
gttlich beglckend -- o, welche Wonne, wenn mein Bruder, wenn meine
Kinder, die Mutter, die Eltern erscheinen. -- Vor den Richterblicken der
Welt mag es unverdient heien, doch in Trumen liegt mein Glck. Mein
liebstes Kind sa mir auf meinen Knien -- so war es mir heute, ich sa
mit ihr bei allen Meinen. Das Kind umschlang mich s und dicht, die
andern schmiegten sich an mich -- von ferne sah die Mutter dieser Teuern
auf uns und sprach: Ach, da du diese Tat hast tun knnen -- wie schwer
mu sie dir geworden sein!


                                                  Im April.

Bedarf es denn vor jenem Weltenrichter des Eingestndnisses der Tat?
Nein! Nein! Er wut sie ja, er braucht nun nicht zu fragen, er sah sie,
kennt sie also schon genug. Rechtfertgen soll ich sie? Es blieb den
Meinen nur Schmach und Elend -- damit rechtfertige ich mich in Ewigkeit.
Verkndet nur bald, wenn alles vollbracht, dem Lebensmden die ewige
Nacht.


                                                  Im April.

Ich will nichts glauben, will nichts denken, was die Vernunft nicht
fat. Annehmen und feststellen nichts, was gegen die Natur verstt. Und
doch komme ich immer darauf zurck -- es gibt noch ein Etwas, nach
welchem der Blick der Sterblichen vergeblich forschend sich richtet.


                                                  Im August.

Fnf Monate nach dem verkndeten Spruche. Himmel, diese Umstnde um
einen einzigen Menschen. Ich wei nicht, ob man bei einer Frage von
Krieg und Frieden so viel Zeit gebraucht, und daran hngt das Leben von
Tausenden!

Es gibt ein Etwas im groen Weltenraume, das unheilvoll sein Wesen
treibt, und eine dunkle Ahnung sagt mir nur: es waltet gegen dich! Es
waltet unsichtbar, es waltet stumm und grausig, dies dmonische Wesen
des Geisterreichs.

       *       *       *       *       *

Das Jahr ging zu Ende, ohne das vom Knig besttigte Urteil zu bringen.
Das Gercht von der Freigeisterei des seltsamen Verbrechers drang in die
hheren Kreise und fllte manches glubige Herz mit Entsetzen. Die
entschiedene Weigerung Holzwarts, den Geistlichen zu empfangen, seine
ebenso entschiedene Ablehnung einer geistlichen Begleitung zum
Richtplatz, und das finstere und verschlossene Wesen, das er zeigte,
wenn der Gefangenenprediger bei ihm eintrat, verbreitete ein wahres
Grauen vor ihm. Es wurden Versuche gemacht, ihn zu erleuchten, aber man
stie auf klare und festgegrndete berzeugungen statt auf bsen Willen
und dumpfe Verstocktheit, die man vorausgesetzt, und dagegen war aller
fromme Bekehrungseifer machtlos.

Das Jahr 1848 regte seine gewaltigen Schwingen. Die Unruhen wurden
strmisch. Im Februar unterzeichnete der Knig das Todesurteil, und
endlich wurden Anstalten zur Hinrichtung getroffen. Es gab bei Magdeburg
einen Anger, wo manches blutige Haupt gesunken, mancher menschliche
Leib von den Rdern zerstampft worden war. Hier sollte auch fr Holzwart
das Schafott errichtet werden; die knigliche Gnade hatte die Strafe des
Rderns in die der Enthauptung verwandelt. Der Tag wurde anberaumt, eine
Truppenabteilung war schon kommandiert. Noch wute Holzwart nichts von
den Veranstaltungen zu seinem nahen Ende, aber ihm ahnte etwas. Die
Nachgiebigkeit des Wrters verriet ihm zuerst die Nhe seines Endes.
Aber er fragte nicht, er zagte nicht; sein Auge blieb ruhig und sein
Herz stark. Alles war bereit, der Scharfrichter bestellt, da brach der
Volksaufstand los. Die Bande des Gesetzes waren gelst, und die Behrde
scheute sich, eine Hinrichtung vollziehen zu lassen. Der Termin wurde
vertagt.

Vielleicht war dem Gefangenen doch manches Wort zu Ohren gedrungen, das
ihm den Stand der Dinge verraten hatte, und wieder wie ehedem rief es in
ihm: du stirbst nicht, kannst nicht sterben. Es bemchtigte sich seiner
eine schmerzliche Unruhe; seine Geduld wich zuzeiten einer kurzen aber
tiefen Erregung, und seine Papiere bezeugen es, da ihm davor bangte,
das Leben noch lange ertragen zu sollen.


                                                  Im Mai 1848.

Ein Mann, der edlen Trotz besitzt, sollte der voll ruhigen Gleichmuts
nicht in Freude und Leid die Grenzen wissen? Welch ewiges Schwanken
zwischen Leben und Tod, von heute zu morgen, von morgen noch weiter.
Armer Knig, immer Schach! Immer Schach! Schach bis zum matt.


                                                  Im Juni.

Sie zgern. Und ich grble. Was hlt mich? Was mchte ich noch? Das Grab
der Meinen sehen, die Erde kssen, wo die Schlummernden ruhen.
Unbegreiflich, da ich mich bis jetzt lie vertrsten.

       *       *       *       *       *

Es findet sich die amtliche Anzeige des Gefngnisinspektors an den
Richter, da Holzwart seit fnf Tagen die Speisen unangerhrt lasse und
auf alle Vorwrfe die Antwort erteilt habe, er werde sein Ziel zu
erreichen wissen. Der Richter stellte ihn ernstlich zur Rede, und
Holzwart scheint Reue empfunden zu haben, denn er schrieb am 4. Juli:

Genug, genug! Ich will alles ertragen. Der Ernst in seinem Auge; das
harte Wort: Wenn Sie sich der verdienten Strafe entziehen, mu ich Sie
fr einen Feigling halten! Ich beuge mich. Mein Leben sei ein
tributpflichtiges Opfer.

Er kehrte zu der geduldigen Gelassenheit zurck, nachdem er vergeblich
den Kampf mit seinem Geschick gewagt hatte. Als im preuischen Staate
die Ordnung wiederhergestellt war, wurde das Todesurteil Holzwarts in
lebenswierige Zuchthausstrafe verwandelt. Es mu ihn ein ungeheurer
Schrecken bei der Verkndigung dieses neuen Urteils erfat haben; eine
mit flchtiger Schrift gemachte Aufzeichnung, die letzte, die berhaupt
vorhanden ist, lautet: Am Leben bleiben, solche Gnade! Gezchtigt durch
Zuchthaus fr eine solche Tat! Es kann nicht sein, es darf nicht sein!

Seit der Gewiheit seines Schicksals sprach er berhaupt nicht mehr.
Eine kalte Entschlossenheit lag auf seinem Gesicht, und die freundliche
Ruhe seiner Mienen war dsterem Ernst gewichen. Im Zuchthaus fgte er
sich streng der Ordnung und zeigte sich im Benehmen und im Flei
exemplarisch. Da er still und abgeschlossen seinen Weg verfolgte,
schien jedermann natrlich. Man hatte nicht verfehlt, der Direktion des
Zuchthauses die Selbstmordversuche Holzwarts selbst mitzuteilen, um sich
bei den jetzt vermehrten Grnden zu solcher Tat der Verantwortung zu
entheben. Die Furcht schien unntz. Ein Monat nach dem andern verlief,
ohne der gesteigerten Aufmerksamkeit den geringsten Verdacht zu geben.
Um so unerwarteter wirkte die amtliche Nachricht von Halle:

Der von dem Kniglichen Kreis- und Stadtgericht hier eingelieferte
Christian Holzwart aus Magdeburg strzte sich am Sonntag, den 28. Januar
1850 nachmittags um drei Uhr bei Ausgang aus der Kirche von der
Verbindungsbrcke des Flgels #B# und blieb auf der Stelle tot liegen,
indem er sich den Hirnschdel gespalten und fast alle Glieder
zerschmettert hatte.

So war der unglckliche Mann zur ersehnten Ruhe gekommen. Mit welchen
Gefhlen mag er die acht Monate im Zuchthaus in Gemeinschaft mit
Menschen erlebt haben, die er als das Verchtlichste im weiten
Weltenraum bezeichnet hat? Mit welchen Gefhlen mag er die Tiefe des
Abgrunds ermessen haben, bevor er sich hinunterstrzte? Den Tod zu
zwingen, das war vielleicht seine strkste Regung.




Karl August von Weimar


Die siebzehnjhrige Vormundschaft der Herzogin-Mutter Amalia bedeutet
ein unvergngliches Ruhmesblatt in der deutschen Geschichte, denn unter
ihr wurde Weimar der Sammelpunkt jener Genien, denen die Unsterblichkeit
sicher ist und durch die der Hof von Weimar einen stillen, aber hohen
Glanz erhielt, wie er von keinem andern deutschen Hof jemals ausgegangen
ist.

Amalie von Braunschweig war, als sie die Regierung antrat, erst achtzehn
Jahre alt; fnf Jahre des siebenjhrigen Krieges fielen noch unter ihre
Herrschaft. Die Mnner, die sie im Hof- und Zivildienst vorfand, waren
alle noch aus der alten Schule; desto neuer war ihre Persnlichkeit, und
mit dieser setzte sie es durch, da man sie ihre eigenen Wege gehen
lie. Die Erziehung, die sie ihrem Sohne, dem knftigen Herzog, gab,
machte Epoche in der deutschen Prinzenerziehung; sie wagte es, ihn sich
in voller Freiheit entwickeln zu lassen, ja sie berief sogar einen
Poeten zu seinem Erzieher, den heitern Wieland, der damals Professor in
Erfurt war und eben den goldenen Spiegel geschrieben hatte, einen
Frstenspiegel, der auf den jungen Kaiser Josef gerichtet war.

Ein ungenannter Turist des achtzehnten Jahrhunderts, der in Weimar zum
Hofball geladen war, schildert die Herzogin wie folgt: Sie ist klein
von Statur, sieht wohl aus, hat eine spirituelle Physiognomie, eine
braunschweigische Nase, schne Hnde und Fe, einen leichten und doch
majesttischen Gang, spricht sehr schn, aber geschwind, und ihr ganzes
Wesen ist angenehm. Es war auch ein Pharaotisch da, der geringste
Einsatz war ein halber Gulden. Die Herzogin spielte sehr geners und
verlor einige Louisdor; da sie aber gern tanzte, blieb sie nicht lange
beim Spiel. Sie tanzte mit jeder Maske, die ihr entgegenkam, und ging
nicht eher fort als bis um drei Uhr frh, da alles aus war.

Gouverneur der Prinzen Karl August und Konstantin war der Graf von
Schlitz-Grtz, ein ernster, gravittischer und formenstrenger Herr, der
mit Nachdruck auf Etikette hielt, aber doch im privaten Kreis allerlei
Kurzweil zulie. Friedrich der Groe hatte ihn whrend des bayrischen
Erbfolgekrieges zu einer diplomatischen Mission in Mnchen verwendet,
spter war er Gesandter beim Reichstag zu Regensburg, wo er das deutsche
Reich begraben sah. Da er ein Mann von Geist war, bezeugt der Umstand,
da er Wieland an die Herzogin empfahl. Wieland zog wieder Knebel als
Erzieher des Prinzen Konstantin nach Weimar, und Knebel war es, der dem
jungen Karl August Goethe zufhrte. Goethe berief Herder, und Herder
wurde der Magnet fr Schiller.

Karl Ludwig von Knebel war ein gebrtiger Franke; er war Major unter
Friedrich dem Groen und stand in Potsdam in Garnison. Interessant
durch seine barocke Genialitt, war er zugleich ein tiefer Hypochonder.
Durch eine krankhafte Empfnglichkeit fr unangenehme uere Eindrcke
war er von ihnen abhngig und durch sie gestrt. Wieland war sein
Intimus, Lucrez, den er ins Deutsche bersetzte, sein langjhriges
Studium. Herder nannte ihn seinen lieben alten Mnch und den
menschenfreundlichen Timon. Es war am 11. Februar 1774, als Knebel
seinem Herzog den Verfasser des Gtz und des Werther vorstellte. Auf die
Einladung des Grafen Grtz kam Goethe in das rote Haus in Frankfurt, und
in seiner jugendlichen Schnheit und Liebenswrdigkeit schien er dem
Herzog wie geschaffen, der Genosse bei einem lustigen Genieleben zu
werden, wie es ihm damals im Sinne stand. 1775 wurde Goethe frmlich
nach Weimar eingeladen. Der in Karlsruhe zurckgebliebene Kammerjunker
von Kalb hatte den Befehl, Goethe in einem von Straburg erwarteten
Staatswagen nach Weimar zu bringen. Der Wagen blieb lange aus, Goethes
frstenfeindlicher Vater hatte ihm schon mit dem spottenden Zuruf: Nah
bei Hof, nah bei der Hll die Furcht in die Seele geworfen, er knne
nur der Spielball einer frstlichen Laune gewesen sein; er hatte bereits
die Flucht angetreten und befand sich in Heidelberg, als er dort noch
aufgehalten wurde. So hing es an einem Faden, da Goethe nicht nach
Weimar kam; noch in spten Jahren hat er sich des wahrhaft Dmonischen
dieser Situation erinnert.

Goethe ging wie ein Stern in Weimar auf, der sich eine Zeitlang in
Wolken und Nebel verhllte, schreibt Knebel; jeder hing an ihm,
sonderlich die Damen. Er hatte noch die Werthersche Montierung an, und
viele kleideten sich danach. Er hatte noch von dem Geist und Sitten des
Romans an sich, und dieses zog an. Sonderlich den jungen Herzog, der
sich dadurch in Geistesverwandtschaft seines Helden zu setzen glaubte.
Manche Exzentrizitten gingen zur selbigen Zeit vor, die ich nicht zu
beschreiben Lust habe, die uns aber auswrts nicht in den besten Ruf
setzten. Goethes Geist wute ihnen indessen einen Schimmer von Genie zu
geben.

Die Gerchte ber die Zustnde in Weimar muten von recht schlimmer Art
gewesen sein, da sogar Klopstock den auffallenden Schritt tat, sich als
Mentor und Warner einzumischen. Goethe wies ihn mit Entschiedenheit
zurck, und es kam zum Bruch zwischen beiden.

Einen besondern Hof neben dem des Herzogs, dem regierenden Hof, wie er
hie, bildete der sogenannte verwitwete Hof der Herzogin Amalie. Wieland
nennt die Herzogin eines der liebenswrdigsten Gemische von Menschheit,
Weiblichkeit und Frstlichkeit; sie hatte nicht wenig Gefallen an dem
Leben, das ihr Sohn mit Goethe fhrte, und nahm selbst daran teil. Schon
als Regentin hatte sie wie ein halber Student gelebt; einmal war sie auf
einem Heuwagen mit acht Personen von Tieffurt nach Tennstdt gefahren,
es kam ein Gewitter mit einem heftigen Regengu, und die Herzogin, die
wie die andern Damen in ganz leichtem Kleide war, zog Wielands Oberrock
an. Sie fate alles mit Enthusiasmus an und auf. So lernte sie
Griechisch, und zwar so gut, da sie nach kurzer Zeit den Aristophanes
in der Ursprache lesen konnte. Am begeistertsten trieb sie Musik, malte
auch und schwrmte fr Italien und die italienische Literatur, in der
ihr Fhrer der Rat Jagemann war, ein aus Konstanz entflohener Mnch. Die
theatralischen Feste Amalies wurden entweder in der Stadt abgehalten
oder in den Sommersitzen der Herzogin, in Tieffurt oder in Ettersburg.
Namentlich im Park von Ettersburg wurden vor dem vertrauten Kreise der
Frstin viele lustige Gelegenheitsstcke gegeben, so 1778 Goethes
Jahrmarkt in Plundersweilen, und 1779, zur Feier von Karl Augusts
Geburtstag, eine derbe Parodie der Wielandschen Alceste. Die Arie:
Weine nicht, du Abgott meines Lebens wurde auf die lcherlichste Art
mit dem Posthorn begleitet, und auf den Reim schnuppe ein unendlich
langer Triller gesungen. Nach dem Stck folgte die sogenannte
Kreuzerhhungsgeschichte mit einem blen Buch von Jacoby; Merck nagelte
das Buch mit dem Einband an einen Baum, so da die Bltter im Winde
flatterten, Goethe stieg in den belaubten Wipfel und hielt von dort
herab ein hochnotpeinliches Halsgericht ber die Scharteke.

Neunzehn Jahre war Karl August alt, als er die berhmte Erklrung gab,
die den in sein Konseil einberufenen Dichter betrifft. Sie lautet:
Einsichtsvolle wnschen mir Glck, diesen Mann zu besitzen. Sein Kopf,
sein Genie ist bekannt. Einen Mann von Genie an einem andern Orte
gebrauchen, als wo er selbst seine auerordentlichen Gaben gebrauchen
kann, heit ihn mibrauchen. Was aber den Einwand betrifft, da dadurch
viele Leute sich fr zurckgesetzt erachten wrden, so kenne ich erstens
niemand in meiner Dienerschaft, der meines Wissens auf dasselbe hoffte,
und zweitens werde ich nie einen Platz, welcher in so genauer Verbindung
mit mir, mit dem Wohl und Wehe meiner gesamten Untertanen steht, nach
der Anciennitt, sondern ich werde ihn immer nur nach Vertrauen geben.
Das Urteil der Welt, welches vielleicht mibilligt, da ich den Doktor
Goethe in mein wichtigstes Kollegium setzte, ohne da er zuvor Amtmann,
Professor, Kammerrat und Regierungsrat war, ndert gar nichts. Die Welt
urteilt nach Vorurteilen. Ich aber sorge und arbeite wie jeder andere,
nicht um des Ruhmes, um des Beifalls der Welt willen, sondern um mich
vor Gott und meinem Gewissen rechtfertigen zu knnen.

Er war eher klein als gro von Gestalt, aber in seiner Erscheinung lag
von der Jugend bis in das spteste Alter etwas Selbstndiges und
Energisches in sehr ungebundener und freier, fast studentischer Form;
man pflegte ihn auch den Studenten von Jena zu nennen. Dem Major Knebel
gegenber legte der vierundzwanzigjhrige Frst einmal folgendes
Selbstbekenntnis ab: Ich mu erstaunlich wehren, meinem Herzen und den
Leidenschaften nicht die Zgel schieen zu lassen; es ist gar zu schwer,
sich wieder in den unnatrlichen Zustand zu fgen, in dem unsereiner
leben mu und an den man so langsam sich gewhnt zu haben glaubt.

[Illustration: Karl August von Weimar, nach einem Steindruck von C. A.
Schwerdgeburth; 1824.]

Merck, Goethes wunderbarer Freund, lie sich, als alle Welt ber die
Streiche, die Karl August nach seiner Bekanntschaft mit Goethe machte,
die Kpfe schttelte, nicht beirren und vertrat nachdrcklich den Wert
des seltenen Frsten. Am 3. November 1777 schrieb er aus Darmstadt an
den Buchhndler Nikolai in Berlin: Ich hab Goethe neuerlich auf der
Wartburg besucht, und wir haben zehn Tage zusammen wie die Kinder
gelebt. Mich freuts, da ich von Angesicht gesehen habe, was an seiner
Situation ist. Das Beste von allem ist der Herzog, den die Esel zu einem
schwachen Menschen gebrandmarkt haben und der ein eisenfester Charakter
ist. Ich wrde aus Liebe zu ihm eben das tun, was Goethe tut. Die
Mrchen kommen alle von Leuten, die ohngefhr so viel Auge haben, zu
sehen, wie die Bedienten, die hinterm Stuhle stehen, von ihren Herrn und
deren Gesprch beurteilen knnen. Dazu mischt sich die scheuliche
Anekdotensucht unbedeutender, negligierter, intriganter Menschen, oder
die Bosheit anderer, die noch mehr Vorteil haben, falsch zu sehen. Ich
sage Ihnen aufrichtig, der Herzog ist einer der respektabelsten und
gescheitesten Menschen, die ich gesehen habe.

Wie Goethe, liebte es Karl August, sich nach den Aufregungen des
Weltlebens in die Einsamkeit zu begeben. Er suchte dann die Borkenhtte
im Park auf und konnte, whrend Goethe in seinem Gartenhaus am Stern
weilte, mit dem Freund durch verabredete Zeichen eine telegraphische
Konversation ber das Tal der Ilm hinweg herstellen. Im Sommer 1780
schrieb er aus diesem Retiro an Knebel: Es hat neun Uhr geschlagen,
und ich sitze hier in meinem Kloster mit einem Licht am Fenster. Der Tag
war auerordentlich schn, ich war so ganz in der Schpfung, und so weit
vom Erdentreiben. Der Mensch ist doch nicht zu der elenden Philisterei
des Geschftslebens bestimmt; es ist einem ja nicht grer zumute, als
wenn man so die Sonne untergehen, die Sterne aufgehen, es khl werden
sieht und fhlt, und das alles so fr sich, so wenig der Menschen
halber; und doch genieen sie's, und so hoch, da sie glauben, es sei
fr sie. Ich will mich baden mit dem Abendstern und neu Leben schpfen,
der erste Augenblick darauf sei dein. Lebewohl solange. Nach dem Bad in
der Ilm fhrt er fort: Das Wasser war kalt, denn die Nacht lag schon in
seinem Scho. Als ich den ersten Schritt hineintat, war's so rein, so
nchtlich dunkel; ber den Berg hinter Oberweimar kam der volle rote
Mond. Es war so ganz still. Wedels Waldhrner hrte man nur von weitem,
und die stille Ferne machte mich reinere Tne hren, als vielleicht die
Luft erreichten.

In den achtziger und neunziger Jahren hatte sich der Charakter des
Herzogs zu seiner Reife ausgebildet; der junge Wein hatte sich geklrt,
er stand jetzt goldrein im Pokale. Tglich wchst der Herzog und ist
mein bester Trost, schrieb Goethe 1780 an Lavater. Aber in den Briefen
an die Frau von Stein findet sich auch manches schrfere Urteil ber
Karl August, das freilich spter immer wieder gemildert wurde. Einmal
uerte er sich: Mich wundert nun gar nicht mehr, da Frsten meist so
dumm, toll und albern sind, nicht leicht hat einer so gute Anlagen als
der Herzog, nicht leicht hat einer so gute und verstndige Menschen um
sich und zu Freunden als er, und doch will's nicht nach Proportion vom
Flecke, und das Kind und der Fischschwanz gucken, eh man sich's
versieht, wieder hervor. Vielleicht beirrte es Goethe und machte ihn
ein wenig bitter, da der Herzog hufig sehr mutwillige Neckerei mit
seiner Beziehung zu Frau von Stein trieb. Einmal enthielt er ihm einen
ihrer Briefe vor und schickte ihn dann durch einen Husaren in zehn
bereinander gesiegelten Kuwerten mit folgenden Verszeilen:

    Es ist doch nichts so zart und klein
    So wird's doch jemand plagen.
    Zum Beispiel macht dein Briefelein
    Husaren sehr viel klagen.
    Heut sagte der, der's Goethen bracht
    Und schwur's bei seinem Barte,
    Viel lieber ging ich in die Schlacht
    Als trg so Brieflein zarte.
    Denn wie im Hui ist das Papier
    Aus meiner weiten Tasche,
    Und wer, wer stehet mir dafr,
    Da ich es wieder hasche.
    Unheimlich sagt er, es ihm sei,
    Wenn er so etwas trage,
    Denn Billetdoux und Zauberei
    Ist gleich, nach alter Sage.
    Drum schreibe Du, nach altem Brauch,
    Auf Gro-Royal-Papiere,
    Damit der Trger knftig auch
    Ja nichts vom Teufel spre.

Der Herzog hatte aber auch seine Herzensfreundin, und das war die Grfin
Werthern. Mit seiner Frau vertrug er sich schlecht. Die Herzogin Luise
war eine formenstrenge Dame und hielt so stark auf Zeremoniell, da es
Mhe kostete, Goethe zur Spielpartie bei ihr einzuschmuggeln. Im
September 1776, vor der Fahrt nach Ilmenau, schrieb Goethe an Charlotte
von Stein: Es ist mir lieb, da wir wieder auf eine abenteuerliche
Wirtschaft ausziehen, denn ich halt's nicht aus. So viel Liebe, so viel
Teilnahme, so viele treffliche Menschen, und so viel Herzensdruck.

Die Herzogin war im hchsten Grade schwerbltig und schwerlebig, einsam
in der Welt, ohne Freund, sogar Frau von Stein und Herder waren ihr zu
leicht. Bei der Grfin Werthern war der unruhige Herzog noch am ehesten
festzuhalten. 1782 schreibt er an Knebel: Auf Ostern besuche ich die
Grfin, welche doch die beste aller Grfinnen ist, die ich kenne. Um
dieselbe Zeit schreibt Goethe: Der Herzog ist vergngt, doch macht ihn
die Liebe nicht glcklich, sein armer Schatz ist gar zu bel dran, an
den leidigsten Narren geschmiedet, krank und fr dies Leben verloren.
Sie sieht aus und ist wie eine schne Seele, die aus den letzten
Flammenspitzen eines nicht verdienten Fegefeuers scheidet und sich nach
dem Himmel sehnend erhebt. Der Graf Werthern war nmlich ein
hocharistokratischer Sonderling, zuzeiten verschwenderisch, zuzeiten
geizig wie ein Filz. Er hatte eine seltsame, spanisch zeremonielle
Hausordnung eingefhrt; kamen vornehme Gste, so lie er Bauernjungen,
die als Neger geschwrzt und kostmiert waren, bei Tisch aufwarten. Die
Grfin war zwar eine kleine Dame, hatte aber die grten Manieren, und
Goethe gestand, da er alles, was er von Welt besa, von ihr gelernt
hatte.

Der Herzog gab sehr viel Geld fr Jagd und Tafelfreuden aus, und oft
finden sich unwillige uerungen Goethes ber die Schmarotzer bei Hof
und ihre Unersttlichkeit. In einem Brief an Knebel heit es: Selbst
der Bauersmann, der der Erde das Notdrftige abfordert, htte ein
behaglich Auskommen, wenn er nur fr sich schwitzte. Du weit aber, wenn
die Blattluse auf den Rosen sitzen und sich hbsch dick und grn
gesogen haben, dann kommen die Ameisen und saugen ihnen den filtrierten
Saft aus den Leibern, und so geht's weiter, und wir haben's so weit
gebracht, da oben immer an einem Tage mehr verzehrt wird, als unten in
einem beigebracht werden kann.

So gromtig und freigebig der Herzog sein konnte, so fehlten ihm doch
hufig die Mittel, um diejenigen, die der Hilfe wrdig waren, in
wrdiger Weise von Not zu befreien; deshalb mute auch Schiller am Hof
zu Weimar ein gar trauriges und bedrcktes Leben fhren. Es war nicht so
viel Geld fr ihn da wie fr irgendeinen Kammerjunker, und wie
Beethoven durch englisches, wurde Schiller schlielich durch dnisches
Geld der schlimmsten Sorgen berhoben. Um Charlotte Lengefeld heiraten
zu knnen mute er sich um die Professur in Jena bewerben, die
zweihundert Taler trug, aber Schiller war von so edler und vornehmer
Art, da er dem Herzog selbst fr das Wenige, das er fr ihn tat oder
tun konnte, Dankbarkeit bewahrte. Karl Augusts Finanzen waren eben zeit
seines Lebens in Unordnung. Fast unmglich hielt es, ihn zu gewhnen,
da er seine Ausgaben in das richtige Verhltnis zu seinen Einnahmen
setzte. In spteren Jahren machte er alle seine Geschfte mit
Rothschild; wenn er in Geldverlegenheit war, lie er seinen Wagen
anspannen und fuhr nach Frankfurt.

Sonderbar waren in ihm die Eigenschaften gemischt, leichter Sinn und
burschikose Laune, und dann wieder sittlicher Ernst und Tiefe des
Gemts. Von diesem Ernst und dieser Tiefe legt ein beraus herrlicher
Brief Zeugnis ab, den er am 4. Oktober 1781 an Knebel schrieb. Als der
Prinz Konstantin mit dem Mathematiker und Physiker Albrecht auf Reisen
ging, war Knebel, der bisher der Erzieher des Prinzen gewesen war,
pensioniert worden. Im Unmut darber hatte er den Plan gefat, wieder in
preuische Dienste zu treten; von diesem Entschlu brachte ihn der
Herzog durch folgenden Brief ab.

Sind denn die, die sich Deiner Freundschaft, Deines Umgangs freuen, so
sklavisch, so sinnlicher Bedrfnisse voll, da Du nur durch Graben,
Hacken, Ausmisten und Aktenverschmieren ihnen ntzen kannst? Ist denn
das Rezeptakulum ihrer Seelen so gering, da Du nirgends ein Pltzchen
findest, wo Du irgend etwas von dem, was die Deine Schnes, Gutes und
Groes, die innere Existenz der Edlen bessernd und veredelnd, gesammelt
hat, ausfllen kannst? Sind wir denn so hungrig, da Du fr unser Brot,
so furchtsam und unstet, da Du fr unsere Sicherheit arbeiten mut?
Sind wir nicht mehrerer Freuden als der des Tisches und der der Ruhe
fhig, knnen wir keinen Genu finden, wenn Du, von dem Schmutz und dem
Gestank des Weltgetriebes Reiner, Deine volle Zeit zur Schmckung des
Geistes anwendend, uns, die wir nicht Zeit zum Sammeln haben, den Strau
von den Blumen des Lebens gebunden vorhltst? Sind unsre Klfte so
quellenlos, da wir nicht eines schnen Brunnens brauchen, uns selbst
unsrer Ausflsse freuend, wenn sie schn in demselben aufgefat sind?
Sind wir blo zu Ambossen der Zeit und des Schicksals gut genug, und
knnen wir nichts neben uns leiden als Kltze, die uns gleichen und nur
von harter, anhaltender Masse sind? Ist's denn ein so geringes Los, die
Hebamme guter Gedanken und in der Mutter zusammengelegter Begriffe zu
sein? Ist das Kind dieser Wohltterin fast nicht ebenso sehr sein Dasein
schuldig als der Mutter, die es gebar? Die Seelen der Menschen sind wie
immer gepflgtes Land; ist's erniedrigend, der vorsichtige Grtner zu
sein, der seine Zeit damit zubringt, aus fremden Landen Smereien holen
zu lassen, sie auszulesen und zu sen? Mu er nicht etwa daneben auch
das Schmiedehandwerk treiben, um seine Existenz recht auszufllen? Bist
Du nun so im Bsen, so ber Dich selbst erblindet, da Du Dir einbilden
knntest, Du habest uns nie dergleichen Nutzen verschafft, und achtest
Du uns gering genug, da Du glauben knntest, wir wrden Dich so lieben
wie wir tun, wrest Du uns hierin unntz und berflssig oder
entbehrlich gewesen? Willst Du nun dieses schne Geschft, diese wrdige
Laufbahn aufgeben, alle eingewachsenen Bande ausreien, gleich einem
Anfnger eine neue Existenz ergreifen und Dich, Gott wei wohin, unter
Menschen, die Dich nichts mehr angehen und mit denen Du kein reines und
Dir gewohntes Verhltnis hast, hinwerfen? Neuen Anteil ergreifen oder
Dir machen, mehr Gute, mehr Bse kennen lernen, sehen, wie die
Abscheulichkeiten so berall zu Hause, das Gute berall so befleckt ist?
Und warum? Um etwa einigen Kanzlistenseelen aus dem Wege zu gehen, die
Dir Deine Semmel, die Du mehr hast als sie, beneiden, weil Du nicht
gleich ihnen Maultierhandwerk treibst? Und wohin willst Du Dich
flchten? Nimmst Du nicht berall Deine paar Semmeln mit, die Du mehr
und leichter hast als andere? Sind nicht berall Knechte, die es
entbehren und Dich darum beneiden werden? Wirst Du deren Neid besser
aushalten? Dich, weil Du dort ein paar Monate fremd bist, von ihnen mehr
geachtet halten, als Du es hier sein mchtest? Siehst Du etwas
Erreichbares vor Dir, das Dir das, was Du entbehrst, ersetze? Ist dieses
Erreichbare so gewi? Schlgt's fehl, kann es Deine Existenz dann
ertragen, immer neue Zwecke zu machen, oft abgeschlagen zu werden und
so herumzuirren? Willst Du also das Bestndige fr das Unbestndige
hingeben? La uns die Sache nicht so feierlich nehmen und das bel nicht
fr so unheilbar halten. Ist's Deiner Natur gut, sich zu verndern, so
reise. Warum sich immer ersufen wollen, wenn's mit einem schnen Bade
getan ist?

Es ging damals eine wohlttige Umwandlung mit dem Herzog vor; gleich
Goethe gab er sich mehr und mehr dem Studium der Natur hin, um 1784
schrieb er an Knebel: Die Naturwissenschaft ist so menschlich, so wahr,
da ich jedem Glck wnsche, der sich ihr auch nur etwas ergibt ... Sie
beweist und lehrt so bndig, da das Grte, das Geheimnisvollste, das
Zauberhafteste so ordentlich, einfach, ffentlich, unmagisch zugeht; sie
mu doch endlich die armen unwissenden Menschen von dem Durst nach dem
Auerordentlichen heilen, da sie ihnen zeigt, da das Auerordentliche
so nahe, so deutlich, so unauerordentlich, so bestimmt nahe ist.

Das Jahr 1789 brachte auch fr den Weimarer Hof Vernderungen mit sich,
besonders im Hinblick auf sparsamere Wirtschaft. Herder schreibt an
Knebel: Der Hof ist wieder hier und die Tafel an demselben abgeschafft.
Die Herren Mitesser bekommen Kostgeld, die Damen speisen mit dem
frstlichen Ehepaar auf des Herzogs Zimmer, und jedesmal wird ein
Fremder dazu gebeten. Sie knnen denken, was die Hofdamen dazu sagen,
und es ist unbegreiflich, da sie nicht schon aus Furcht vor zuknftiger
langen Weile zum voraus verschmachten.

ber die franzsische Revolution uerte sich der Herzog am 13. Januar
1793, eine Woche vor der Hinrichtung Ludwigs XVI., wie folgt: Wer die
Franzosen in der Nhe sieht, mu einen wahren Ekel fr sie fassen; sie
sind alle sehr unterrichtet, aber jede Spur eines moralischen Gefhls
ist bei ihnen ausgelscht ... Der Mensch war nie, die Zone, unter der er
lebte, mag sein wie sie wolle, er war nie, sage ich, zur
Treibhauspflanze bestimmt. Sobald er diese Kultur erhlt, geht er
zugrunde; auch beurteilt man die Franzosen falsch, wenn man glaubt, ihre
Reife habe sie auf den jetzigen Punkt gebracht. Eines unterdrckte das
andere im Reich, und nun unterdrcken die Unterdrcker selbst ihre alten
Beherrscher, weil diese nachlssig und stupid waren. Nicht das mindeste
Moralische liegt dabei zum Grunde, sondern man hat jetzt eine Art
Moralitt oder eine philosophische Zunft zum Werkzeug gebraucht.

Die Abneigung Karl Augusts gegen die Franzosen hatte ihre Ursache darin,
da er sich ihnen gegenber ganz und gar als Deutscher fhlte. Karoline
von Wolzogen schrieb darber einmal an Schiller: Ich dankte auch dem
Himmel beim Lesen des Mirabeau, da alles, was mir lieb ist, nichts mit
der Politik zu tun hat. An wie armseligen Fden hngen diese
Weltbegebenheiten! Es mu ein unsichtbares Gewebe das Menschengeschlecht
umstricken und so zusammenhalten wie es hlt; was diese Menschen dabei
zu tun whnen, kann nicht viel sein. So klein und eng sind sie, keine
Spur eines bessern Wesens, das sich selbst an die allgemeine
Glckseligkeit hingbe, jeder denkt nur an einen bequemen Platz fr
sich, um darauf zuzusehen; sie haben nicht einmal die Energie, um
herrschen zu wollen. Des Mirabeau Nationalstolz ist kindisch und
rgerlich, man knnte aus Depit deutsch sein wollen, wie der Tempelherr
im Nathan Christ sein wollte, wenn man anders mit ihm zu tun htte,
glaub ich. Ich will dem Herzog von Weimar wohl darum, da er Mirabeau
bel begegnet hat.

Im brigen wurde das stille Weimar durch die groen Weltereignisse wenig
berhrt. Der Herzog, der zu Goethes Mivergngen eine wachsende
Kriegslust an den Tag gelegt hatte, nahm 1794 an dem Feldzug in der
Champagne teil; Goethe begleitete ihn, und wie man wei, hat er dieses
kriegerische Zwischenspiel wahr und meisterlich beschrieben. Es war in
Karl August ein unstillbarer Drang, sich zu bettigen und auszuleben. So
liebte er auch in seinen Herzensbeziehungen die Abwechslung. Als die
Leidenschaft zur Grfin Werthern vorber war, wurde die reizende
Sngerin und Schauspielerin Caroline Jagemann seine Favoritin. Fr sie
schrieb Goethe die Eugenie in der natrlichen Tochter. Sie war sehr
schn und sehr ehrgeizig und stand den Werbungen Karl Augusts anfangs
khl gegenber, denn eben ihres knstlerischen Ehrgeizes wegen hatte es
nichts Verlockendes fr sie, in einer kleinen Stadt und an einer kleinen
Bhne die Mtresse eines Herzogs zu sein. Ihr Widerstreben steigerte die
Leidenschaft Karl Augusts bis zur Verzweiflung. Endlich gab sie nach;
sie blieb beim Theater, wurde aber zur Frau von Heygendorff erhoben. Es
wird berichtet, da sie noch in ihrem hohen Alter, als schon graue
Locken das Gesicht umrahmten, von bezauberndem Reiz gewesen sei,
besonders habe ihre Stimme etwas unvergleichlich Angenehmes gehabt.
Frisch an Krper und Geist, war sie dem Herzog wie zugeschaffen, seinem
innersten Bedrfnis entsprechend, selbst ihre Art sich auszudrcken war
der seinen gem. Ihr Einflu war gro und dauerte bis zum Tode des
Herzogs. Ihre Hauptfeindin am Hof war die Gemahlin des Erbprinzen, die
russische Grofrstin Marie, und es kam wohl vor, da sie im Gefhl
ihrer berlegenheit diese der Zarentochter zu fhlen gab. Einmal hatte
die Erbprinzessin bei einem Gang durch den Park ihre Freude an einer
schnen Baumpartie ausgesprochen; als sie nach ein paar Tagen wieder
vorber kam, waren die schnen Bume abgehauen. Frau von Heygendorff
hatte den Herzog bestimmt, hierzu den Befehl zu geben. Weil Karl August
frchtete, da seiner geliebten Freundin nach seinem Tod ein bles
Schicksal widerfahren knnte, hatte er seinen Adjutanten unterwiesen,
fr den Fall, da er auerhalb Weimars sterben sollte, den Kurier mit
der Todesnachricht zuallererst zu Frau von Heygendorff zu schicken.
Dieser Fall trat auch ein, und dem Befehl wurde buchstblich Folge
geleistet. Als die frstliche Familie die Kunde von dem Tod des Herzogs
bekam, hatte Frau von Heygendorff bereits ihren Wagen anspannen lassen
und befand sich auf der Fahrt nach Mannheim, wo sie vordem, bei Iffland,
ihre Ausbildung genossen hatte.

Karl August hatte auch fr die Literatur der #Ars amandi# viel brig
und legte sich eine #Bibliotheca erotica# an, welche die seltensten
Exemplare der Gattung enthielt. Er schenkte sie spter seiner guten
Freundin, der Grfin Henckel, die sich sehr fr das geheime Fach
interessierte.

Die Verheiratung des Erbprinzen mit der Grofrstin vernderte alle
Lebensverhltnisse in Weimar. Sie knnen kaum einen Begriff haben von
dem Glanz, der uns neuerlich umgibt, schreibt Frulein von Gchhausen
im September 1804, der Herzog ist mit drei russischen ganz von Juwelen
strahlenden Orden geziert. Meine gute Frstin strahlt nicht weniger ...
berhaupt reden wir jetzt von Gold, Silber und Edelsteinen wie sonst von
Quarz, Gneis und Glimmer. Die wilden Vlker, die noch mehr dergleichen
bringen sollen, werden in diesen Tagen erwartet. Die wilden Vlker, das
waren die Russen. Zwei Monate spter schreibt das Frulein: Der Einzug
war prchtig durch die unglaubliche Volksmenge, die in geordneten Wagen,
zu Pferd und zu Fu festlich entgegenwallten ... Es erschien alles ruhig
und wrdig, ich mchte es die frohe Teilnahme eines gebildeten Volks
nennen. Am Montag kam die Grofrstin zum erstenmal ins Theater. Sie
knnen sich den klatschenden Jubel kaum denken. Ein Vorspiel von
Schiller wurde gegeben, hierauf folgte Mitridat. Diese Prinzessin ist
ein Engel an Geist, Gte und Liebenswrdigkeit; auch habe ich noch nie
in Weimar einen solchen Einklang aus allen Herzen ber alle Zungen
ergehen hren, als seit sie der Gegenstand aller Gesprche geworden.
Sie tut wirklich Wunder; auch unser Vater Wieland ist begeistert und
macht wieder Verse.

Ein Jahr spter kam der Kaiser Alexander nach Weimar zum Besuch seiner
Schwester. Er wurde sehr gefeiert und bezauberte jedermann. Nach seiner
Abreise schrieb Frulein von Gchhausen an Bttiger: Nchst dem
Andenken im Herzen an den liebenswrdigen Kaiser hinterlie er auch
blitzende Andenken in edlen Steinen. Sogar alle Hofdamen, worunter meine
Wenigkeit sich auch befindet, erhielten reiche Geschenke an blitzenden
Halsbndern, Kmmen und Grtelschnallen. Der Kaiser, #le comte du Nord,#
schickte Visitenkarten an die Damen vom ersten Rang und auch an Wieland.
Knftigen Donnerstag kommt das erste preuische Regiment hier an; bald
wird es wie in Wallensteins Lager hier aussehen. Unser Lndchen fhlt
die schtzende Nachbarschaft schwer. Die aufzubringenden
Getreidelieferungen und die ins Land kommenden sechs- bis achttausend
Mann lassen uns ngstliche Blicke in die Zukunft tun.

Whrend der Einquartierung unterhielten sich einmal einige preuische
Offiziere in einem Weinhaus ber die Wohnungen, die sie gefunden hatten.
Ein alter, dickbuchiger Major sagte: Ich stehe da bei einem gewissen
Gothe oder Goethe, wei der Teufel, wie der Kerl heit. Man machte ihn
aufmerksam, es sei der berhmte Dichter Goethe, wo er stehe, da
antwortete er: Kann sein, ja ja, nu nu, das kann wohl sein, ich habe
dem Kerl auf den Zahn gefhlt, und er scheint mir Mucken im Kopfe zu
haben.

Es kam nun die furchtbare Katastrophe der Schlacht von Jena und
Auerstdt. Am 4. Oktober fuhren der Knig und die Knigin von Preuen
auf dem Wege nach Erfurt durch Weimar. Der Herzog befand sich bei dem
preuischen Heere, das sein Oheim, der Herzog von Braunschweig,
kommandierte. Die Herzogin-Mutter Amalie war nach Eutin geflohen, und in
Weimar blieb nur die Herzogin Luise. Schon am Abend des Schlachttags
trafen die gefrchteten Chasseurs ein, in der Nacht brach Feuer in der
Nhe des Schlosses aus. Die Stadt wurde von den Franzosen drei Tage lang
geplndert, manche Familie verlor Hab und Gut. Da sich Napoleon sehr
ungehalten darber zeigte, da der Herzog von seiner Residenz abwesend
und bei der preuischen Armee war, wurden zwei seiner treuesten Diener,
der Oberforstmeister von Stein und der Leutnant von Seebach,
abgeschickt, ihn zu suchen und zu eiliger Rckkehr aufzufordern. Ihr
Unternehmen blieb ohne Erfolg, und in der Not verfiel man auf den jungen
Regierungsrat Mller und betraute ihn mit der schwierigen Aufgabe, den
Herzog vom Heeresdienst abzurufen und heimzuholen. Nach vielen
Abenteuern und Irrfahrten traf Mller den Herzog in Berlin, aber Karl
August war durchaus nicht geneigt, den gewnschten Fufall vor dem
Kaiser zu tun. Napoleon, obwohl hchst ungndig gegen den Herzog
gestimmt, lie ihn doch nicht fallen und verwirklichte keine seiner
Drohungen, denn er brauchte ihn zur Vermittlung beim Kaiser Alexander.
Das kleine Land aber wurde durch die Kriegskontributionen in schwere
Drangsale gestrzt, und nicht immer gelang es dem klugen und
diplomatisch geschickten Friedrich von Mller, das grte Elend
abzuwenden. Die Unnachgiebigkeit Karl Augusts, der es immer wieder
verweigerte, vor Napoleon in Audienz zu erscheinen, trug auch nicht dazu
bei, den Kaiser milder zu stimmen, wenngleich er der Herzogin Luise
gegenber eine groe, vielleicht empfundene Hochschtzung an den Tag
legte.

An den Festlichkeiten des Kongresses zu Erfurt nahm auch Weimar seinen
Anteil. Napoleon hatte gewnscht, dem Kaiser Alexander das Schlachtfeld
von Jena zu zeigen; dazu sollte eine groe Jagd am Ettersberg und auf
den Hgeln gegen Jena hin dienen. Friedrich von Mller berichtet darber
in seinen Memoiren:

Am 6. Oktober war der Weg von Erfurt nach dem Ettersberg von frh an
mit unzhligen Wagen, Reitern und Fugngern bedeckt. Es war der
schnste, klarste Herbsttag, kein Wlkchen am ganzen Himmel. In der
Nacht vorher waren mehrere hundert Hirsche und Rehe aus dem Ettersburger
Walde gegen einen groen freien Rasenplatz zusammengetrieben und umzunt
worden. In der Mitte dieses freien Platzes hatte man einen ungeheuren
Jagdpavillon errichtet, 450 Schritte lang und 50 Schritte breit, mit
drei Abteilungen, wovon die mittlere fr die beiden Kaiser und fr die
Knige bestimmt war. Der Pavillon ruhte auf mit Blumen und Zweigen
umschmckten Sulen. Dicht dabei sah man groe, freistehende Balkone,
von denen bequem das Ganze berschaut werden konnte. Ringsumher liefen
Buden und Zelte mit Erfrischungen. An der Waldgrenze gruppierten sich
um groe Feuer zur Bereitung von warmen Speisen und Getrnken eine
Unzahl von Landleuten, die das Zusammentreiben des Wildes die ganze
Nacht hindurch ermdet hatte. Dazwischen ertnten muntere Jagdhrner und
Gesnge. Die Monarchen, an der Landesgrenze von dem Herzog und der
ganzen Jgerei zu Pferde empfangen, langten mit ihrem Gefolge unter dem
Schalle der Jagdfanfaren gegen ein Uhr mittags an. Nun wurde in
einzelnen Abteilungen das Wild aus dem umzunten Walde heraus und so
getrieben, da es am groen Pavillon in Schuweite vorber mute.
Napoleon ergtzte sich ungemein an diesem Schauspiel und schien
berhaupt sehr vergngt. Um vier Uhr endigte die Jagd; nicht der
geringste Unfall hatte sie getrbt. Ich war in Erfurt zurckgeblieben
und beauftragt, dem Kaiser Napoleon noch vor seiner Abfahrt aufzuwarten,
worauf ich mich eiligst nach Weimar verfgen sollte. Es war fnf Uhr,
als die Monarchen unter dem Gelute aller Glocken in Weimar einzogen.
Wie Napoleon sich in die fr ihn bereiteten Zimmer begab, war ich
zufllig der erste, auf den seine Blicke im Vorzimmer trafen. Er ging
sehr freundlich auf mich zu, tat mir mehrere Fragen, und ich mute ihm
einige umstehende, ihm noch nicht bekannte Personen vorstellen. Eine
Stunde darauf ging es zur kaiserlichen Tafel. Unfern davon war in einer
groen Galerie die Marschallstafel von mehr als hundertfnfzig Personen
bereitet. Ich hatte dem Minister, Staatssekretr Maret und dem
Marschall Soult die Honneurs zu machen, bei denen ich sa. Aber wir
waren noch kaum bis zur Hlfte des Diners gekommen, als gemeldet wurde,
da die Monarchen im Begriff seien, sich von ihrer Tafel zu erheben. Nun
strmte alles dahin. Napoleon liebte bekanntlich sehr rasch zu speisen,
doch hatte er sich dabei lebhaft mit seiner Nachbarin, der Herzogin von
Weimar unterhalten. Nach kurzer Pause fuhr man in das Theater, wohin der
Wagen der beiden Kaiser von weimarischen Husaren eskortiert wurde. Vor
dem Schlosse stand ein sechzig Fu hoher Obelisk, geschmackvoll
erleuchtet, auf dessen Spitze eine helle Flamme loderte. Das ganze
Schlo und seine Umgebungen sowie alle Straen bis zum Schauspielhause
waren illuminiert, die innere Einrichtung und Verteilung der Sitze im
Theater ganz wie die zu Erfurt. Die franzsischen Schauspieler fhrten,
wie ich schon oben erwhnt, #La mort de Csar# von Voltaire auf.
Unbeschreiblich war der Eindruck. Talma als Brutus bertraf sich selbst.
Bei der Stelle am Schlusse des ersten Aktes, wo Csar dem Antonius, der
ihn vor den Senatoren warnt, antwortet:

    #Je les aurais punis, si je les pouvais craindre;
    Ne me conseillez point de me faire hair.
    Je sais combattre, vaincre et ne sais point punir,
    Allons, n'coutons point ni soupons ni vengeance,
    Sur l'univers soumis rgnons sans violence,#

war es, als ob ein elektrischer Funke mchtig alle Zuschauer
durchzuckte.

Hatte die Auffhrung des Trauerspiels #La mort de Csar# immerhin
etwas seltsam Ominses gehabt, so mute es auf diejenigen, die diesen
Abend miterlebt hatten, noch lange nachher einen erschtternden Eindruck
machen, als sie erfuhren, wie wenig gefehlt hatte, da diese Auffhrung
wirklich zum grten Trauerspiel der neueren Weltgeschichte geworden
wre. Es hatte sich nmlich eine kleine Anzahl verwegener preuischer
Offiziere, das Unglck und den trostlosen Zustand ihres Vaterlandes tief
empfindend und von glhendem Ha gegen dessen Unterdrcker erfllt,
verschworen, den Kaiser Napoleon bei seinem Heraustreten aus dem Theater
zu erschieen. Sie hatten die Lokalitt aufs genaueste erkundet,
Voranstalten zu ihrer eiligen Flucht nach vollbrachter Tat getroffen und
sich zum grten Teil in Weimar unbemerkt versammelt, als noch im
letzten Moment einer der Mitverschworenen ausblieb. Sei es, da dieser
Umstand die brigen abschreckte, oder da sie Reue empfanden, genug, das
Vorhaben unterblieb. Welche Verwirrung, welche Greuel das Gelingen so
grausiger Tat unmittelbar und zunchst fr Weimar nach sich gezogen
htte, ist kaum zu ermessen.

Die Befreiung Deutschlands wre durch einen Pistolenschu erfolgt; die
Hunderttausende von Opfern der nchsten Kriegsjahre htten nicht
geblutet, aber es htte auch kein 1813, keine Erhebung des ganzen Volks
gegeben, und so sehen wir wieder das Schicksal abseits von dem Willen
der Menschen seinen ehernen Weg gehen.

Karl August trat mit den brigen Frsten des ernestinischen Hauses dem
Rheinbund bei. 1815 besuchte er den Wiener Kongre persnlich. Graf
Nostiz notiert ber ihn in seinem Tagebuch: Der alte Herzog von Weimar
lebt so burschikos fort, wie er es immer getrieben. Die Welt gefllt
ihm, und er ist ihr immer durch Lebenslust verbunden, wenn auch die
Jahre seine Beweglichkeit schwchen.

Er trat als erster Groherzog zum deutschen Bund. 1825 feierte er sein
fnfzigjhriges Regierungsjubilum und seine goldene Hochzeit. Im Mai
1827 hatte sich seine Enkelin mit dem Prinzen Karl von Preuen
verheiratet, im Frhjahr darauf reiste Karl August zum Besuche des
jungen Paares nach Berlin, und auf der Rckreise starb er auf dem Gestt
zu Graditz bei Torgau am 14. Juli 1828, 71 Jahre alt. Er ward beigesetzt
in der Frstengruft auf dem Friedhof der Jakobskirche zu Weimar, wohin
er wenige Monate frher Schillers sterbliche Reste hatte bringen lassen
und wo vier Jahre spter auch Goethe begraben wurde.

Die letzten Tage vor seinem Tode hatte er in fast bestndiger
Gesellschaft Alexanders von Humboldt verbracht, und Humboldt beschrieb
diese Tage in einem Brief an den Kanzler Mller, der seinerseits wieder
Goethe davon Mitteilung machte. In dem unvergleichlich schnen Gesprch,
das Eckermann unterm 23. Oktober 1828 aufzeichnet, ist darber eingehend
zu lesen, und es mge, auch wegen des profunden und ewig gltigen
Urteils, das Goethe ber seinen Herzog fllt, zum Abschlu hier folgen.

Es war nicht ohne hhere gnstige Einwirkung, sagt Goethe, da einer
der grten Frsten, die Deutschland je besessen, einen Mann wie
Humboldt zum Zeugen seiner letzten Tage und Stunden hatte. Ich habe mir
von seinem Brief eine Abschrift nehmen lassen und will Ihnen doch
einiges daraus mitteilen.

Goethe stand auf und ging zu seinem Pult, wo er den Brief nahm und sich
wieder zu mir an den Tisch setzte. Er las eine Weile im stillen. Ich sah
Trnen in seinen Augen. Lesen Sie es fr sich, sagte er dann, indem er
mir den Brief zureichte. Er stand auf und ging im Zimmer auf und ab,
whrend ich las.

Wer konnte mehr durch das schnelle Hinscheiden des Verewigten
erschttert werden, schreibt Humboldt, als ich, den er seit dreiig
Jahren mit so wohlwollender Auszeichnung, ich darf sagen, mit so
aufrichtiger Vorliebe behandelt hatte. Auch hier wollte er mich fast zu
jeder Stunde um sich haben; und, als sei eine solche Luziditt wie bei
den erhabenen schneebedeckten Alpen der Vorbote des scheidenden Lichtes,
nie habe ich den groen, menschlichen Frsten lebendiger, geistreicher,
milder und an aller ferneren Entwicklung des Volkslebens teilnehmender
gesehen als in den letzten Tagen, die wir ihn hier besaen.

Ich sagte mehrmals zu meinen Freunden ahnungsvoll und bengstigt, da
diese Lebendigkeit, diese geheimnisvolle Klarheit des Geistes, bei so
viel krperlicher Schwche, mir ein schreckhaftes Phnomen sei. Er
selbst oszillierte sichtbar zwischen Hoffnung der Genesung und
Erwartung der groen Katastrophe.

Als ich ihn vierundzwanzig Stunden vor dieser sah, beim Frhstck, krank
und ohne Neigung, etwas zu genieen, fragte er noch lebendig nach den
von Schweden herbergekommenen Granitgeschieben baltischer Lnder, nach
Kometschweifen, welche sich unsrer Atmosphre trbend einmischen
knnten, nach der Ursache der groen Winterklte an allen stlichen
Ksten.

Als ich ihn zuletzt sah, drckte er mir zum Abschied die Hand mit den
heiteren Worten: 'Sie glauben, Humboldt, Tplitz und alle warmen Quellen
seien wie Wasser, die man knstlich erwrmt? Das ist nicht Kchenfeuer!
Darber streiten wir in Tplitz, wenn Sie mit dem Knige kommen. Sie
sollen sehen, Ihr altes Kchenfeuer wird mich doch noch einmal
zusammenhalten.' Sonderbar! Denn alles wird bedeutend bei so einem
Manne.

In Potsdam sa ich mehrere Stunden allein mit ihm auf dem Kanapee; er
trank und schlief abwechselnd, trank wieder, stand auf, um an seine
Gemahlin zu schreiben, dann schlief er wieder. Er war heiter, aber sehr
erschpft. In den Intervallen bedrngte er mich mit den schwierigsten
Fragen: ber Physik, Astronomie, Meteorologie und Geognosie, ber
Durchsichtigkeit eines Kometenkerns, ber Mondatmosphre, ber die
farbigen Doppelsterne, ber Einflu der Sonnenflecke auf Temperatur,
Erscheinen der organischen Formen in der Urwelt, innere Erdwrme. Er
schlief mitten in seiner und meiner Rede ein, wurde oft unruhig und
sagte dann, ber seine scheinbare Unaufmerksamkeit milde und freundlich
um Verzeihung bittend: 'Sie sehen, Humboldt, es ist aus mit mir!'

Auf einmal ging er desultorisch in religise Gesprche ber. Er klagte
ber den einreienden Pietismus und den Zusammenhang dieser Schwrmerei
mit politischen Tendenzen nach Absolutismus und Niederschlagen aller
freieren Geistesregungen. 'Dazu sind es unwahre, Bursche,' rief er aus,
'die sich dadurch den Frsten angenehm zu machen glauben, um Stellen und
Bnder zu erhalten! -- Mit der poetischen Vorliebe zum Mittelalter haben
sie sich eingeschlichen.'

Bald legte sich sein Zorn und er sagte, wie er jetzt viel Trstliches in
der christlichen Religion finde. 'Das ist eine menschenfreundliche
Lehre,' sagte er, 'aber von Anfang an hat man sie verunstaltet. Die
ersten Christen waren die Freigesinnten unter den Ultras.'

Ich gab Goethe ber diesen herrlichen Brief meine innige Freude zu
erkennen. Sie sehen, sagte Goethe, was fr ein bedeutender Mensch er
war. Aber wie gut ist es von Humboldt, da er diese wenigen letzten Zge
aufgefat, die wirklich als Symbol gelten knnen, worin die ganze Natur
des vorzglichen Frsten sich spiegelt. Ja, so war er! -- Ich kann es am
besten sagen, denn es kannte ihn im Grunde niemand so durch und durch
wie ich selber. Ist es aber nicht ein Jammer, da kein Unterschied ist
und da auch ein solcher Mensch so frh dahin mu! -- Nur ein lumpiges
Jahrhundert lnger, und wie wrde er an so hoher Stelle seine Zeit
vorwrts gebracht haben! -- Aber wissen Sie was? Die Welt soll nicht so
rasch zum Ziele, als wir denken und wnschen. Immer sind die
retardierenden Dmonen da, die berall dazwischen und berall
entgegentreten, so da es zwar im ganzen vorwrts geht, aber sehr
langsam. Leben Sie nur fort und Sie werden schon finden, da ich recht
habe.

Die Entwicklung der Menschheit scheint auf Jahrtausende angelegt, sagte
ich.

Wer wei, erwiderte Goethe, -- vielleicht auf Millionen! Aber la die
Menschheit dauern, so lange sie will, es wird ihr nie an Hindernissen
fehlen, die ihr zu schaffen machen, und nie an allerlei Not, damit sie
ihre Krfte entwickle. Klger und einsichtiger wird sie werden, aber
besser, glcklicher und tatkrftiger nicht, oder doch nur auf Epochen.
Ich sehe die Zeit kommen, wo Gott keine Freude mehr an ihr hat und er
abermals alles zusammenschlagen mu zu einer verjngten Schpfung. Ich
bin gewi, es ist alles danach angelegt und es steht in der fernen
Zukunft schon Zeit und Stunde fest, wann die Verjngungsepoche eintritt.
Aber bis dahin hat es sicher noch gute Weile, und wir knnen noch
Jahrtausende und aber Jahrtausende auf dieser lieben, alten Flche, wie
sie ist, allerlei Spa haben.

Goethe war in besonders guter erhhter Stimmung. Er lie eine Flasche
Wein kommen, wovon er sich und mir einschenkte. Unser Gesprch ging
wieder auf den Groherzog Karl August zurck.

Sie sehen, sagte Goethe, wie sein auerordentlicher Geist das ganze
Reich der Natur umfate. Physik, Astronomie, Geognosie, Meteorologie,
Pflanzen- und Tierformen der Umwelt und was sonst dazu gehrt, er hatte
fr alles Sinn und fr alles Interesse. Er war achtzehn Jahre alt, als
ich nach Weimar kam; aber schon damals zeigten seine Keime und Knospen,
was einst der Baum sein wrde. Er schlo sich bald auf das innigste an
mich an und nahm an allem, was ich trieb, grndlichen Anteil. Da ich
fast zehn Jahre lter war als er, kam unserm Verhltnis zugute. Er sa
ganze Abende bei mir in tiefen Gesprchen ber Gegenstnde der Kunst und
Natur und was sonst allerlei Gutes vorkam. Wir saen oft tief in die
Nacht hinein, und es war nicht selten, da wir nebeneinander auf meinem
Sofa einschliefen. Fnfzig Jahre haben wir es miteinander fort
getrieben, und es wre kein Wunder, wenn wir es endlich zu etwas
gebracht htten.

Eine so grndliche Bildung, sagte ich, wie sie der Groherzog gehabt zu
haben scheint, mag bei frstlichen Personen selten vorkommen.

Sehr selten, erwiderte Goethe. Es gibt zwar viele, die fhig sind,
ber alles sehr geschickt mitzureden; aber sie haben es nicht im Innern
und krabbeln nur an den Oberflchen. Und es ist kein Wunder, wenn man
die entsetzlichen Zerstreuungen und Zerstckelungen bedenkt, die das
Hofleben mit sich fhrt und denen ein junger Frst ausgesetzt ist. Von
allem soll er Notiz nehmen. Er soll ein bichen Das kennen und ein
bichen Das, und dann ein bichen Das und wieder ein bichen Das. Dabei
kann sich aber nichts setzen und Wurzel schlagen, und es gehrt der
Fonds einer gewaltigen Natur dazu, um bei solchen Anforderungen nicht in
Rauch aufzugehen. Der Groherzog war freilich ein geborener groer
Mensch, womit alles gesagt und alles getan ist.

Bei allen seinen hheren wissenschaftlichen und geistigen Richtungen,
sagte ich, scheint er doch auch das Regieren verstanden zu haben.

Es war ein Mensch aus dem Ganzen, erwiderte Goethe, und es kam bei
ihm alles aus einer einzigen groen Quelle. Und wie das Ganze gut war,
so war das Einzelne gut, er mochte tun und treiben, was er wollte.
brigens kamen ihm zur Fhrung des Regiments besonders drei Dinge
zustatten. Er hatte die Gabe, Geister und Charaktere zu unterscheiden
und jeden an seinen Platz zu stellen. Das war sehr viel. Dann hatte er
noch etwas, was ebensoviel war, wo nicht noch mehr: Er war beseelt von
dem edelsten Wohlwollen, von der reinsten Menschenliebe und wollte mit
ganzer Seele nur das Beste. Er dachte immer zuerst an das Glck des
Landes und ganz zuletzt erst ein wenig an sich selber. Edlen Menschen
entgegenzukommen, gute Zwecke befrdern zu helfen war seine Hand immer
bereit und offen. Es war in ihm viel Gttliches. Er htte die ganze
Menschheit beglcken mgen. Liebe aber erzeugt Liebe. Wer aber geliebt
ist, hat leicht regieren.

Und drittens: Er war grer als seine Umgebung. Neben zehn Stimmen, die
ihm ber einen gewissen Fall zu Ohren kamen, vernahm er die elfte,
bessere, in sich selber. Fremde Zuflsterungen glitten an ihm ab, und er
kam nicht leicht in den Fall, etwas Unfrstliches zu begehen, indem er
das zweideutig gemachte Verdienst zurcksetzte und empfohlene Lumpe in
Schutz nahm. Er sah berall selber, urteilte selber, und hatte in allen
Fllen in sich selber die sicherste Basis. Dabei war er schweigsamer
Natur, und seinen Worten folgte die Handlung.

Wie leid tut es mir, sagte ich, da ich nicht viel mehr von ihm gekannt
habe als sein ueres; doch das hat sich mir tief eingeprgt. Ich sehe
ihn noch immer auf seiner alten Droschke, im abgetragenen, grauen Mantel
und Militrmtze und eine Zigarre rauchend, wie er auf die Jagd fuhr,
seine Lieblingshunde nebenher. Ich habe ihn nie anders fahren sehen als
auf dieser unansehnlichen alten Droschke. Auch nie anders als
zweispnnig. Ein Geprnge mit sechs Pferden und Rcke mit Ordenssternen
scheint nicht sehr nach seinem Geschmack gewesen zu sein.

Das ist, erwiderte Goethe, bei Frsten berhaupt kaum mehr an der
Zeit. Es kommt jetzt darauf an, was einer auf der Wage der Menschheit
wiegt; alles brige ist eitel. Ein Rock mit dem Stern und ein Wagen mit
sechs Pferden imponiert nur noch allenfalls der rohesten Masse und kaum
dieser. brigens hing die alte Droschke des Groherzogs kaum in Federn.
Wer mit ihm fuhr, hatte verzweifelte Ste auszuhalten. Aber das war
ihm eben recht. Er liebte das Derbe und Unbequeme und war ein Feind
aller Verweichlichung.

Spuren davon, sagte ich, sieht man schon in Ihrem Gedicht Ilmenau, wo
sie ihn nach dem Leben gezeichnet zu haben scheinen.

Er war damals sehr jung, erwiderte Goethe, doch ging es mit uns
freilich etwas toll her. Er war wie ein edler Wein, aber noch in
gewaltiger Grung. Er wute mit seinen Krften nicht wo hinaus, und wir
waren oft sehr nahe am Halsbrechen. Auf Parforcepferden ber Hecken,
Grben und durch Flsse, und bergauf, bergein sich tagelang abarbeiten,
und dann nachts unter freiem Himmel kampieren, etwa bei einem Feuer im
Walde: das war nach seinem Sinne. Ein Herzogtum geerbt zu haben war ihm
nichts, aber htte er sich eines erringen, erjagen und erstrmen knnen,
das wre ihm etwas gewesen.

Das Ilmenauer Gedicht, fuhr Goethe fort, enthlt als Episode eine
Epoche, die im Jahre 1783, als ich es schrieb, bereits mehrere Jahre
hinter uns lag, so da ich mich selber darin als eine historische Figur
zeichnen und mit meinem eigenen Ich frherer Jahre eine Unterhaltung
fhren konnte. Es ist darin, wie Sie wissen, eine nchtliche Szene
vorgefhrt, etwa nach einer solchen halsbrecherischen Jagd im Gebirge.
Wir hatten uns am Fue eines Felsens kleine Htten gebaut und mit
Tannenreisern gedeckt, um darin auf trockenem Boden zu bernachten. Vor
den Htten brannten mehrere Feuer, und wir kochten und brieten, was die
Jagd gegeben hatte. Knebel, dem schon damals die Tabakspfeife nicht kalt
wurde, sa dem Feuer zunchst und ergtzte die Gesellschaft mit allerlei
trockenen Spen, whrend die Weinflasche von Hand zu Hand ging.
Seckendorf, der schlanke, mit den langen, feinen Gliedern, hatte sich
behaglich am Stamm eines Baumes hingestreckt und summte allerlei
Poetisches. Abseits, in einer hnlichen, kleinen Htte, lag der Herzog
im tiefen Schlaf. Ich selber sa davor, bei glimmenden Kohlen, in
allerlei schweren Gedanken, auch in Anwandlungen von Bedauern ber
mancherlei Unheil, das meine Schriften angerichtet. Knebel und
Seckendorf erscheinen mir noch jetzt gar nicht schlecht gezeichnet, und
auch der junge Frst nicht, in diesem dstern Ungestm seines
zwanzigsten Jahres.

    Der Vorwitz lockt ihn in die Weite,
    Kein Fels ist ihm zu schroff, kein Steg zu schmal;
    Der Unfall lauert an der Seite
    Und strzt ihn in den Arm der Qual.
    Dann treibt die schmerzlich berspannte Regung
    Gewaltsam ihn bald da bald dort hinaus,
    Und von unmutiger Bewegung
    Ruht er unmutig wieder aus.
    Und dster wild an heitern Tagen,
    Unbndig, ohne froh zu sein,
    Schlft er, an Seel und Leib verwundet und zerschlagen,
    Auf einem harten Lager ein.

So war er ganz und gar. Es ist darin nicht der kleinste Zug
bertrieben. Doch aus dieser Sturm- und Drangperiode hatte sich der
Herzog bald zu wohlttiger Klarheit durchgearbeitet, so da ich ihn zu
seinem Geburtstage im Jahre 1783 an diese Gestalt seiner frheren Jahre
sehr wohl erinnern mochte.

Ich leugne nicht, er hat mir anfnglich manche Not und Sorge gemacht.
Doch seine tchtige Natur reinigte sich bald und bildete sich bald zum
besten, so da es eine Freude wurde, mit ihm zu leben und zu wirken.

Sie machten, bemerkte ich, in dieser ersten Zeit mit ihm eine einsame
Reise durch die Schweiz.

Er liebte berhaupt das Reisen, erwiderte Goethe, doch war es nicht
sowohl, um sich zu amsieren und zu zerstreuen, als um berall die Augen
und Ohren offen zu haben und auf allerlei Gutes und Ntzliches zu
achten, das er in seinem Lande einfhren knnte. Ackerbau, Viehzucht und
Industrie sind ihm auf diese Weise unendlich viel schuldig geworden.
berhaupt waren seine Tendenzen nicht persnlich egoistisch, sondern
rein produktiver Art, und zwar produktiv fr das allgemeine Beste.
Dadurch hat er sich denn auch einen Namen gemacht, der ber dieses
kleine Land weit hinausgeht.

Sein sorgloses einfaches uere, sagte ich, schien anzudeuten, da er
den Ruhm nicht suche und da er sich wenig aus ihm mache. Es schien, als
sei er berhmt geworden ohne sein weiteres Zutun, blo wegen seiner
stillen Tchtigkeit.

Es ist damit ein eigenes Ding, erwiderte Goethe. Ein Holz brennt,
weil es Stoff dazu in sich hat, und ein Mensch wird berhmt, weil der
Stoff dazu in ihm vorhanden. Suchen lt sich der Ruhm nicht, und alles
Jagen danach ist eitel. Es kann sich wohl jemand durch kluges Benehmen
und allerlei knstliche Mittel eine Art von Namen machen. Fehlt aber
dabei das innere Juwel, so ist es eitel und hlt nicht auf den andern
Tag.

Ebenso ist es mit der Gunst des Volkes. Er suchte sie nicht und tat den
Leuten keineswegs schn; aber das Volk liebte ihn, weil es fhlte, da
er ein Herz fr sie habe.




Werke von Jakob Wassermann


Die Juden von Zirndorf. Roman. Neubearbeitete Ausgabe. Vierte Auflage.

Die Geschichte der jungen Renate Fuchs. Roman. Dreizehnte Auflage.

Der Moloch. Roman. Neubearbeitete Ausgabe. Vierte Auflage.

Der niegekte Mund -- Hilperich. Novellen.

Alexander in Babylon. Roman. Neubearbeitete Ausgabe. Fnfte Auflage.

Die Schwestern. Drei Novellen. Dritte Auflage.

Caspar Hauser oder die Trgheit des Herzens. Roman. Neue wohlfeile
Ausgabe. Neunte Auflage.

Die Masken Erwin Reiners. Roman. Achte Auflage.

Der goldene Spiegel. Erzhlungen in einem Rahmen. Achte Auflage.

Die ungleichen Schalen. Fnf einaktige Dramen.

Faustina. Ein Gesprch ber die Liebe. Zweite Auflage.

Der Mann von vierzig Jahren. Roman. Zehnte Auflage.


S. Fischer, Verlag, Berlin


Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig




[Anmerkungen zur Transkription: Dieses elektronische Buch wurde auf
Grundlage der 1915 bei S. Fischer erschienenen Erstausgabe erstellt. Die
nachfolgende Tabelle enthlt eine Auflistung aller gegenber dem
Originaltext vorgenommenen Korrekturen.

p 039: die kleinen, aufs feinste und schnste gemalten Figuren -> bemalten
p 032: [Illustration] Joh. Friedr. Bttger -> Bttiger
p 113: [Illustration] Leonhard Thurneysser -> Thurneyer
p 123: erhielt sich Turneyer -> Thurneyer
p 159: Wer einem Menschen stiehlet -> einen
p 160: Der Tischer legte sich -> Tischler
p 189: hielt ihm dem Kronprinzen -> ihn
p 195: Im Jahre 1656 -> 1756
p 207: sauer lassen werden sollte -> werden lassen
p 234: [Punkt ergnzt] wie er selbst es gefhrt.
p 274: [Punkt ergnzt] alle Zuschauer durchzuckte.

Die Originalschreibweise wurde prinzipiell beibehalten, insbesondere bei
folgenden Wrtern:

Inful: Stirnbinde, Bischofsmtze
Gelahrtheit: veraltet/dichterisch: Gelehrtheit

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen
wurden folgendermaen ersezt:

Sperrung:       _gesperrter Text_
Antiquaschrift: #Antiquatext# ]



[Transcriber's Note: This ebook has been prepared from the first print
edition published in 1915 by S. Fischer. The table below lists all
corrections applied to the original text.

p 039: die kleinen, aufs feinste und schnste gemalten Figuren -> bemalten
p 032: [Illustration] Joh. Friedr. Bttger -> Bttiger
p 113: [Illustration] Leonhard Thurneysser -> Thurneyer
p 123: erhielt sich Turneyer -> Thurneyer
p 159: Wer einem Menschen stiehlet -> einen
p 160: Der Tischer legte sich -> Tischler
p 189: hielt ihm dem Kronprinzen -> ihn
p 195: Im Jahre 1656 -> 1756
p 207: sauer lassen werden sollte -> werden lassen
p 234: [added period] wie er selbst es gefhrt.
p 274: [added period] alle Zuschauer durchzuckte.

The original spelling has been maintained throughout the book.

The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been
replaced by:

Spaced-out: _spaced out text_
Antiqua:    #text in Antiqua font# ]






End of the Project Gutenberg EBook of Deutsche Charaktere und Begebenheiten, by 
Jakob Wassermann

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defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
written explanation to the person you received the work from.  If you
received the work on a physical medium, you must return the medium with
your written explanation.  The person or entity that provided you with
the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
refund.  If you received the work electronically, the person or entity
providing it to you may choose to give you a second opportunity to
receive the work electronically in lieu of a refund.  If the second copy
is also defective, you may demand a refund in writing without further
opportunities to fix the problem.

1.F.4.  Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5.  Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
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provision of this agreement shall not void the remaining provisions.

1.F.6.  INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
with this agreement, and any volunteers associated with the production,
promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
that arise directly or indirectly from any of the following which you do
or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need, is critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Its 501(c)(3) letter is posted at
http://pglaf.org/fundraising.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at
809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
business@pglaf.org.  Email contact links and up to date contact
information can be found at the Foundation's web site and official
page at http://pglaf.org

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org


Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit http://pglaf.org

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit: http://pglaf.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For thirty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.


Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.


Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     http://www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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