The Project Gutenberg EBook of Nach Amerika! Erster Band by Friedrich
Gerstcker



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Title: Nach Amerika! Erster Band

Author: Friedrich Gerstcker

Release Date: May 2006 [Ebook #18475]

Language: German

Character set encoding: ISO 8859-1


***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK NACH AMERIKA! ERSTER BAND***





                              Nach Amerika!
                              Ein Volksbuch

                               Erster Band
                                   von
                          Friedrich Gerstcker.
Illustrirt von Theodor Hosemann.
Leipzig, Hermann Costenoble, Verlagsbuchhandlung
Berlin, Rudolph Gaertner, Amelang'sche Sort-Buchhandlung

1855





                                 [image]






                              NACH AMERIKA!


Wie man ein Bild, aus einem Werk heraus, vorn auf den Umschlag bringt, den
Beschauer dadurch gewissermaen in den Charakter des Ganzen einzuweihen,
so will auch ich hier den Anfang des einen Capitels, aus der Mitte des
Bandes heraus, zum Vorwort whlen, den Leser gleich von vorn herein mit
dem bekannt zu machen, was ich ihm biete.

Nach Amerika! -- Leser, erinnerst Du Dich noch der Mrchen in Tausend
und eine Nacht, wo das kleine Wrtchen Sesam dem, der es wei, die
Thore zu ungezhlten Schtzen ffnet? hast Du von den Zaubersprchen
gehrt, die vor alten Zeiten weise Mnner gekannt, Geister heraufzurufen
aus ihrem Grab, und die geheimen Wunder des Weltalls sich dienstbar zu
machen? -- Mit dem ersten Klang der einfachen Sylbe schlugen, wie sich die
Sage seit Jahrhunderten im Munde des Volkes erhalten, Blitz und Donner
zusammen, die Erde bebte, und das kecke, tollkhne Menschenkind das sie
gesprochen, bebte zurck vor der furchtbaren Gewalt die es
heraufbeschworen.

_Die_ Zeiten sind vorber; die Geister, die damals dem Menschengeschlecht
gehorcht, gehorchen ihm nicht mehr, oder wir haben auch vielleicht das
rechte Wort vergeben sie zu rufen -- aber ein anderes dafr gefunden das,
kaum minder stark, mit _einem_ Schlage das Kind aus den Armen der Eltern,
den Gatten von der Gattin, das Herz aus allen seinen Verhltnissen und
Banden, ja aus der eigenen Heimath Boden reit, in dem es bis dahin mit
seinen strksten, innigsten Fasern treulich festgehalten.

Nach Amerika, leicht und keck ruft es der Tollkopf trotzig der ersten
schweren, traurigen Stunde entgegen, die seine Kraft prfen sollte, seinen
Muth sthlen -- nach Amerika, flstert der Verzweifelte der hier am Rand
des Verderbens dem Abgrund langsam aber sicher entgegen gerissen wurde --
nach Amerika, sagt still und entschlossen der Arme, der mit mnnlicher
Kraft, und doch immer und immer wieder vergebens gegen die Macht der
Verhltnisse angekmpft, der um sein tgliches Brod mit blutigem Schwei
gebeten -- und es nicht erhalten, der keine Hlfe fr sich und die Seinen
hier im Vaterlande sieht, und doch nicht betteln _will_, nicht stehlen
_kann_ -- nach Amerika lacht der Verbrecher nach glcklich verbtem Raub,
frohlockend der fernen Kste entgegen jubelnd, die ihm Sicherheit bringt
vor dem Arm des beleidigten Rechts -- nach Amerika, jubelt der Idealist,
der wirklichen Welt zrnend, weil sie eben wirklich ist, und ber dem
Ocean drben ein Bild erhoffend, das dem in seinem eigenen tollen Hirn
erzeugten, gleicht -- nach Amerika und mit dem einen Wort liegt hinter
ihnen, abgeschlossen, ihr ganzes frheres Leben, Wirken, Schaffen -- liegen
die Bande die Blut oder Freundschaft hier geknpft, liegen die Hoffnungen
die sie fr hier gehegt, die Sorgen die sie gedrckt -- _nach Amerika!_

So ghrt und keimt der Saame um uns her -- hier noch als leiser, kaum
verstandener Wunsch im Herzen ruhend, dort ausgebrochen zu voller Kraft
und Wirklichkeit, mit der reifen Frucht seiner gepackten Kisten und
Kasten. Der Bauer drauen hinter seinem Pflug, den der nahe Grenzrain, der
ihn zu wenden und immer wieder zu wenden zwingt noch nie so schwer
gergert, und der im Geist schon die langen geraden Furchen zieht, weit
ber dem Meer drben, in dem fetten, herrlichen Land; -- der Handwerker in
seiner Werkstatt, dem sich Meister nach Meister in die Nachbarschaft
setzt, mit Neuerungen und groen, marktschreierischen Firmen, die wenigen
Kunden die ihm bis dahin noch geblieben in _seine_ Thr zu locken; der
Knstler in seinem Atelier, oder seiner Studirstube, der ber einer
freieren Entwickelung brtet, und von einem Lande schwrmt wo
Nahrungssorgen ihm nicht Geist und Hnde binden; -- der Kaufmann hinter
seinem Pult, der Nachts, allein und heimlich, die Bilanz in seinen Bchern
zieht, und, das sorgenschwere Haupt in die Hand gesttzt, von einem neuen,
andern Leben, von lustig bewimpelten Schiffen, von reich gefllten
Waarenhusern trumt; in Tausenden von ihnen drngt's und treibt's und
qult's, und wenn sie auch noch vielleicht Jahre lang nach auen die alte
frhere Ruhe wahren, in ihren Herzen glht und glimmt der Funke fort -- ein
stiller aber ein gefhrlicher Brand. Jeder Bericht ber das ferne Land
wird gelesen und berdacht, neue Arzenei, neues Gift bringend fr den
Kranken. Vorsichtig und ngstlich, und wie weit herum um ihr Ziel, da man
die Absicht nicht errathen soll, fragen sie versteckt nach dem und jenem
Ding -- nach Leuten die vordem hinber gezogen und denen es gut gegangen
-- nach Land- und Fruchtpreis, Klima, Boden, Volk -- fr Andere natrlich,
nicht fr sich etwa -- sie lachen bei dem Gedanken. Ein Vetter von ihnen
will hinber, ein entfernter Verwandter oder naher Freund, sie wnschen
da es dem wohl geht, und hufen mehr und mehr Zunder fr sich selber auf.

So ringt und drngt und whlt das um uns her; keiner ist unter uns, dem
nicht ein lieber Freund, ein naher Verwandter den _salto mortale_ gethan,
und Alles hinter sich gelassen, was ihm einst lieb und theuer war -- aus
dem, aus jenem Grund -- und tglich, stndlich noch hren wir von anderen,
von denen wir im Leben nie geglaubt da _sie_ je an Amerika gedacht, wie
sie mit Weib und Kind und Hab und Gut hinberziehn.

Und dort?  --

--  Die vorliegenden Bltter sollen dem Leser ein Bild geben von dem Leben
und Treiben solcher Leute. Hier aus unserer Mitte heraus, aus den
verschiedenartigsten Verhltnissen und Sphren, aus allen Schichten der
menschlichen Gesellschaft sehen wir sie ziehen -- Gute und Bse, den
Leichtsinnigen und den Spekulanten, den Bauer und Handwerker, den
Gelehrten und den Arbeiter, den rechtschaffenen Brger und den heimlichen
Verbrecher, Alle dem _einen_ Ziel entgegenstrebend. Und _Alle_ vereinigt
sie das Schiff; der eine kleine Bau, der hunderte von Menschen auf seinem
schwanken Kiel hinbertrgt, dem fernen Welttheil zu; oh was fr
Hoffnungen, was fr Plne und Trume birgt er in seinem Schoo. Aber die
Auswanderer liegen die langen Wochen, ja Monate, verpuppten Raupen gleich,
im engen Haus, still und gedrngt beisammen; Jeder mit dem alten Leben
abgeschlossen hinter sich, mit dem neuen noch nicht begonnen, in einem
wunderlichen unnatrlichen Zustand, ungeduldiger Ruhe, bis der Anker in
die Tiefe rollt, und die ausgeschobene schmale Planke der bunten Schaar
von Tag- und Nachtfaltern den Weg in's Freie ffnet.

Hinaus flattern sie da nach allen Seiten, wie eine Hand voll Spreu, vom
Winde fort gefhrt; die Einen selbstbewut und keck dem fremden,
unbekannten Leben in die Arme springend, die Anderen scheu und zaghaft bei
jedem Schritte fast moralische Selbstschsse und Fuangeln frchtend; Alle
aber entschlossen, die meisten sogar gezwungen, dem neuen Vaterlande die,
im alten aufgegebene Existenz abzuringen, Jeder in seiner Art, auf seine
Weise.

Dort nun sehen wir sie schaffen und wirken in Gutem und Bsen, die Einen
mit ihren khnsten Hoffnungen erfllt, Andere, zerknirscht und zertreten,
die Stunde verwnschend, die den Gedanken an Auswanderung gebar -- sehn wie
sich die Wildni lichtet, wie Farmen und Stdte entstehn, und sich das
deutsche Element ausbreitet nach allen Seiten, und folgen den einzelnen
Bekannten und Freunden, die wir zu Hause schon, oder auf der Fahrt erst
lieb gewonnen, oder fr die wir uns interessiren, auf ihren verschiedenen,
oft wunderlichen Bahnen.

Manchen alten Reisegefhrten fhr ich dabei dem Leser vor, und hoffe ihn
nicht zu langweilen, den weiten Weg; schlafen wir dann auch manchmal
drauen im Freien, oder in niederer Blockhtte auf dnnem Quilt, mssen
wir auch eine Zeit lang mit Maisbrod und Wildpret, oder gar mit Speck und
Syrup verlieb nehmen, wie es der Farmer am Ohio liebt, wir lernen doch das
Land kennen, mit seinen guten und schlechten Eigenschaften, seinen
Vortheilen und Mngeln, seinen Brgern und Einwanderern, seinen inneren
Verhltnissen, seinem Leben und seiner Lebenskraft, und bin ich im Stande
ihn auch nur einen Blick in jene ferne, von Tausenden so hei ersehnte
Welt, wie ich sie selbst gefunden, thun zu lassen, so hab ich meinen Zweck
mit diesem Buch erreicht.

_Rosenau_ bei Coburg im September 1854.

                                                     Friedrich Gerstcker.





                        INHALT DES ERSTEN BANDES.


Das Dollinger'sche Haus
Der rothe Drachen
Der Diebstahl
Franz Loenwerder
Die Auswanderungs-Agentur
Die Weberfamilie
Nach Amerika
Der Tanz im rothen Drachen
Rstungen
Die beiden Familien





                                Capitel 1.


                         DAS DOLLINGER'SCHE HAUS.


Im Hause des reichen Kaufmanns Dollinger zu Heilingen -- einer nicht
unbedeutenden Stadt Deutschlands -- hatte am Sonntag Mittag, ein kleines
Familienfest die Glieder des Hauses um den Speisetisch versammelt, und
diesen heute in auergewhnlicher Weise mit Blumen geschmckt, und
delicaten Speisen und Weinen gedeckt. Es war der Geburtstag der zweiten
Tochter des Hauses, der liebenswrdigen Clara und nur ihr erklrter
Brutigam, ein junger deutscher, in New-Orleans ansssiger Kaufmann, als
Gast der Familie zugezogen worden.

Am oberen Ende des Tisches, um dem Leser die Personen gleich in
Lebensgre vorzufhren, sa Vater Dollinger, ein etwas wohlbeleibter aber
behbiger, stattlicher Mann, mit klaren, blauen, unendlich gutmthigen
Augen und schneeweien Locken und Augenbrauen, die aber dem edel
geschnittenen Gesicht gar gut und ehrwrdig standen. Ihm zur Rechten sa
seine Frau, allem Anschein nach etwa funfzehn oder sechzehn Jahre jnger
wie er selber, und durch ihr volles, dunkelbraunes Haar vielleicht auch
noch sogar jnger aussehend, als sie wirklich war. Sie ebenfalls, mit
ihrer stattlichen Gestalt, hatte einen leichten Anflug zu Corpulenz, aber
das etwas ausgeschnittene Kleid, wie die schwere goldene Kette, Broche und
Ohrringe, die sie fast etwas zu reichlich schmckten, paten nicht ganz zu
dem sonst so freundlichen, matronenhaften Aeuern.

Clara neben ihr, war das veredelte Bild der Eltern; die lieben treublauen
Augen schauten gar so vertrauungs- und unschuldsvoll hinein in die Welt,
an deren Schwelle sie stand, und die ihr, wie ein eben geffnetes,
prachtvoll gebundenes Buch auf den ersten, flchtig durchbltterten
Seiten, nur freundliche Blumen und ihr zulchelnde Gestalten zeigte. Kein
Schmerz hatte diese engelsanften Zge noch je durchzuckt, keine Thrne
wirklichen Schmerzes den reinen Blick getrbt, und die ganze zarte,
sinnige Gestalt glich der eben entkeimenden Frhlingsblthe im sonnigen
Wald, die dem jungen Frhlingstag in Glck und Unschuld die schwellenden
Lippen zum Kusse bietet, und in der blitzenden Thauperle ihres Kelchs, den
reinen Aether ber sich, nur schner, nur glhender zurckspiegelt.

Ihre um nur wenige Jahre ltere Schwester, Sophie, die an des Vaters Seite
sa, hnelte der Schwester in mancher Hinsicht an Gestalt, aber das
einfach kindliche, was Clrchen jenen unendlichen Reiz verlieh, fehlte
ihr. Ihre Gestalt war voller, majesttischer, aber auch ihr Blick mehr
kalt und stolz; ich bin des reichen Dollingers Kind lag klar und
deutlich in den scharf zusammengezogenen Mundwinkeln, in dem fest und
entschieden, blitzenden Auge, und auch ihre Kleidung, ihr Schmuck war,
wenn nicht reicher, doch jedenfalls mehr in's Auge springend, Bewunderung
fordernd.

Zwischen Beiden sa Clara's Brutigam, ein junger, bildhbscher Mann in
moderner, fast fr einen Mann etwas zu gewhlter und sorgfltig geordneter
Kleidung; er trug das Haar in natrlichen dunkelbraunen Locken und das
Gesicht glatt rasirt, bis auf einen kleinen, aufmerksam gekruten, und
nur bis zur halben Backe reichenden Backenbart, an den Fingern aber mehre
sehr kostbare Diamant-Ringe, eine Brillant-Tuchnadel von prachtvollem
Feuer, und eine schwere goldene, ebenfalls mit kleinen Edelsteinen
besetzte Uhrkette.

Die Bekanntschaft Clara's und ihrer Eltern hatte er dabei auf eine etwas
romantische Weise, und zwar gleich als ihr Lebensretter oder doch Befreier
aus einer nicht unbedeutenden Gefahr gemacht. Herr und Frau Dollinger
waren nmlich mit ihren beiden Tchtern im vorigen Herbst auf einer
Rheinreise bei Rdesheim aus- und zu dem kleinen Waldtempel oben ber
Asmannshausen hinaufgestiegen, um sich von dort nach dem Rheinstein
bersetzen zu lassen; die Mutter hatte aber durch das nicht gewohnte
Bergsteigen heftige Kopfschmerzen bekommen oder, was wahrscheinlicher ist,
ennuyirte sich am Land und wnschte an Bord des Dampfers zurckzukehren,
und als sie gerade mit dem Kahn ber den Rhein fuhren, kam ein Dampfboot
stromab, und hielt auf ihr Winken, sie an Bord zu nehmen. Herr und Frau
Dollinger, mit Sophie, von den Kahnfhrern untersttzt, hatten auch schon
glcklich die Treppe und das Deck erreicht, und dicht hinter ihnen folgte
Clara, als diese sich pltzlich erinnerte, ihre Geldtasche im Kahn
vergessen zu haben, und anstatt diese sich heraufreichen zu lassen, selber
wieder zurcksprang sie zu holen. Durch das Hineinspringen fing aber der
schmale Kahn an zu schwanken, whrend sie, die vergessene kleine Tasche
aufhebend, das Gleichgewicht verlor und, mit dem Kopf voran, in den Rhein
strzte. Unglcklicher Weise waren gerade in dem nmlichen Augenblick die
Kahnleute an Deck des Dampfers gestiegen, den Koffer eines Passagiers, der
mit an Land fahren wollte, in ihren Kahn zu heben, und wenn sie jetzt
auch, auf das Geschrei an Bord, rasch in diesen zurcksprangen, trieb doch
Clara schon hinter dem Dampfboot aus, als der junge, eben von Amerika
zurckgekehrte Mann, der dem ganzen Vorfall vom Deck des Dampfers
zugesehn, mit keckem Muth ins Wasser sprang und die Jungfrau doch
wenigstens so lange an der Oberflche untersttzte, bis das Boot herbeikam
sie beide aufzunehmen.

Das Weitere nahm einen ziemlich einfachen Verlauf, Joseph Henkel, wie der
junge Mann hie, gewann sich in den nchsten Wochen, die er in der
Gesellschaft der ihm zu groen Dank verpachteten Familie zubrachte, die
Achtung des Vaters und die Liebe von Mutter und Tochter, und als er zuerst
bei der Mutter um die Hand der Tochter anhielt, sagten Beide nicht nein.
Allerdings wollte der Vater erst, wenn auch nicht gerade Schwierigkeiten
machen, doch etwas Genaueres ber die Existenzmittel eines Mannes
erfahren, dem er das Glck und Leben eines lieben Kindes anvertrauen
sollte. Henkel selber bot ihm dazu die Hand und gab ihm Adressen an
verschiedene Huser in New-Orleans, die ihm ber seine dortige Stellung
genaue Auskunft geben konnten.

Nach seinem Vermgen mochte der alte Dollinger, wenn auch Kaufmann, nicht
so genau forschen; er war selber reich genug, einen _reichen_
Schwiegersohn entbehren zu knnen, und etwas Vermgen mute der junge Mann
haben, dafr brgte sein ganzes Auftreten, brgte besonders in den Augen
seiner Frau der reiche und wirklich kostbare Schmuck, den er trug. Joseph
Henkel war aber auch auerdem ein interessanter und sehr gescheidter Mann,
der Manches in der Welt schon gesehen und erlebt, und das Gesehene und
Erlebte mit lebendigen Farben und Worten zu schildern wute. Er hatte die
ganzen Vereinigten Staaten von Nord nach Sd und von Ost nach West
durchstreift, und dort theils seinen Geschften gelebt, theils gejagt,
sogar ein kleines Dampfschiff auf dem Arkansas laufen gehabt, mit den
Indianern Handel zu treiben, und ihnen die Produkte des Ostens gegen ihre
eigenen Fabrikate und den Gewinn ihrer Jagden einzutauschen. Er war auch
einmal von jenen wilden trotzigen Stmmen, die uns Cooper so herrlich und
unbertroffen beschrieben, gefangen genommen und zum Opfertod verdammt,
und damals wirklich nur durch ein halbes Wunder gerettet worden, und Clara
hatte eine ganze Nacht nicht schlafen knnen, nur in der Angst und Unruhe
um die entsetzliche Gefahr, der sich der tollkhne Mensch damals schon
ausgesetzt.

Der junge Mann schien aber zwischen jenen wilden Stmmen den Umgang mit
civilisirten Menschen keineswegs verlernt zu haben, und besa ganz
besonders ein fast wunderbares Geschick, sich seiner Umgebung
anzuschmiegen, und sich in ihre Charaktere ordentlich hineinzuleben. Als
ein tchtiger und raffinirter Kaufmann, der vorzglich eine vortreffliche
statistische Kenntni der Union besa, gewann er sich dabei, und gleich
von allem Anfang an, die Achtung des alten Dollinger. Der Frau aber hatte
er leicht ihre kleinen, oft liebenswrdigen Schwachheiten abgelauscht, und
wute ihnen auf so geschickte Art zu begegnen, da Frau Dollinger, mit der
Rettung des geliebten Kindes im Hintergrund, schon nach sehr kurzer Zeit
ganz entzckt von ihm war, und sein Lob dem Gatten unaufhrlich redete.
Auch mit der lteren Schwester, Sophie, wute sich Henkel bald auf guten
Fu zu stellen; er hatte bei ihr das leichteste Spiel, denn ihre Schwchen
lagen offen zu Tag, denen aber schmeichelte er mit solcher
Liebenswrdigkeit, da ihm Clara, die es fhlte wie er dabei aus sich
herausging und etwas annahm was ihm nicht natrlich war, oder doch
jedenfalls dem Mann, den sie liebte, nicht natrlich sein _sollte_,
dennoch nicht bse darber werden konnte.

Desto freier, offener und natrlicher war er dafr gegen sie selber; er
las, sang und spielte Pianoforte mit ihr, lehrte sie eine Menge kleiner
reizender, schottischer und irischer Lieder, oder plauderte mit ihr leicht
und sorglos Stunden lang in den Tag hinein, und konnte oft so herzlich
dabei lachen, da es Einem ordentlich gut that, ihm zuzuhren. Selbst
Sophie entsagte dann nicht selten ihrem sonst etwas mehr abgeschlossenen,
fast steifen Wesen und kam zu ihnen, Theil an ihrer Frhlichkeit zu
nehmen.

Nur in den letzten Tagen war der junge Amerikaner wie er im Hause
gewhnlich scherzhaft hie, oder der Delaware wie ihn Sophie, wenn sie
manchmal bei recht guter Laune war, nannte, auffllig niedergeschlagen
gewesen; er hatte Briefe von Amerika bekommen, wie er sagte, und ein sehr
lieber Freund von ihm war dort schwer erkrankt, auch ein Schiff das ihm
gehrte, und das nicht versichert worden, so lange ausgeblieben, da sein
Compagnon fast den Untergang desselben befrchte. Der alte Herr Dollinger
trstete ihn deshalb, und er schien sich auch darber hinwegzusetzen, die
sonst so blhende Farbe seiner Wangen wollte aber doch nicht sogleich
wieder dorthin zurckkehren, und das Auge hatte etwas Unsicheres,
Unsttes, ihm sonst gar nicht Eigenes bekommen.

Nur heute, zu dem Fest der holden Jungfrau, die er bald die seine zu
nennen hoffte, hatte er all die trben Gedanken, welcher Art sie auch
gewesen, und woher sie stammten, von sich abgeschttelt, und war ganz
wieder der frohe glckliche Mann, wie ihn Clara kennen -- _lieben_ gelernt.
Auf seinen Wunsch nur, womit Frau Dollinger eigentlich nicht ganz
einverstanden gewesen, war auch heute keine grere Gesellschaft geladen
worden, sondern die kleine Familie speiste ganz unter sich in dem
festlich mit Blumen und Guirlanden geschmckten Zimmer des jungen
liebenswrdigen Geburtstagkindes. Frau Dollinger hatte sich eigentlich
schon lnger auf eine zu diesem Zweck einzuladende, grere Gesellschaft
gefreut. Herr Dollinger selber hielt aber nicht viel von solchen Ften;
dafr jedoch bedung sie sich aus, da sie wenigstens den Nachmittag
spatzieren fahren wollten, wobei sie der junge Henkel gewhnlich zu Pferde
begleitete.

Etwas that aber der alte Herr Dollinger gern, und zwar ein Glas Champagner
trinken, und der zweite Stpsel war eben lustig hinausgeknallt, der
Gesundheit des jungen Brautpaares zu Ehren, als die Thr aufging und
Loenwerder, ein Comptoirdiener des Hauses, mit einem kleinen Paket in's
Zimmer trat.

Loenwerder war schon seit elf oder zwlf Jahren im Haus, und seinem
Aeuern nach eben keine angenehme Persnlichkeit; er hinkte auf dem linken
Bein, das er als Kind einmal gebrochen, war berhaupt hlicher und
magerer Natur, und schielte auf dem rechten Auge, wodurch sein sonst
gerade nicht unangenehmes Gesicht einen etwas falschen Ausdruck bekam. Das
Strendste aber an dem ganzen Menschen war sein Stottern, wegen dem man
sich auf ein lngeres Gesprch gar nicht mit ihm einlassen konnte, und kam
er einmal in Affekt, konnte er kein Wort mehr herausbringen. Frau
Dollinger sowohl wie Sophie konnten ihn auch nicht leiden, ja die letztere
behauptete sogar er verstelle sich und sie habe ihn schon ganz ordentlich,
wenigstens zehntausend Mal besser sprechen hren, als er es jedesmal
affektire, wenn er zu ihnen in die Wohnung komme; Clara aber hatte Mitleid
mit dem armen Menschen, den sie seines Unglcks wegen innig bedauerte,
schenkte ihm oft eine Kleinigkeit und spottete nie ber ihn, whrend Herr
Dollinger selber, ihn als einen brauchbaren und treuen Diener, der noch
auerdem eine vortreffliche Hand schrieb, kannte und sehr zufrieden mit
ihm war, ihm auch jedes nur mgliche Vertrauen bewie.

Hallo, Loenwerder, was bringst Du mir da in's Haus? rief ihm sein
Principal jetzt halb lachend, halb erstaunt entgegen, als der kleine Mann
das Zimmer betrat und schchtern an der Thre stehen blieb -- ist das fr
mich oder meine Tochter?

Gewi fr mich, Vterchen, rief Clara, rasch von ihrem Sitze
aufspringend -- siehst Du, der Onkel hat mich doch nicht ganz vergessen
mit meinem Fest, und mir Gru und Geschenk geschickt.

Hehehe -- m -- m -- mchten es sich wo -- wo -- wo -- wo -- wohl w -- n --
nschen Frulein lachte aber der Stotternde, indem er Herrn Dollinger
zuwinkte, da das Paket fr ihn sei -- ka -- ka -- ka -- kann ich mir de -- de
-- de -- de -- denken -- Go -- go -- gold und Ba -- ba -- ba -- ba -- bank -- no --
noten. Er zog dabei einen Brief aus der Tasche, den er dem Herrn bergab.

Hm, hm, hm sagte aber dieser kopfschttelnd, und das bringst Du mir
jetzt in's Haus -- gerade wo ich ausfahren will -- warum hast Du es denn
nicht dem Cassirer gegeben?

Ni -- ni -- nirgends zu fi -- fi -- fi -- finden stotterte Loenwerder.

Herr Dollinger warf den Kopf, den Brief flchtig durchfliegend, herber
und hinber, sagte dann aber, aufstehend und das Papier vor sich
hinlegend:

Ja, da lt sich denn weiter Nichts ndern; gieb mir das Paket
Loenwerder, und sieh dann zu, da Du Herrn Reibich findest. Ich lasse ihn
bitten um sieben oder halb acht Uhr heute Abend auf einen Augenblick zu
mir zu kommen -- verstanden?

Ja -- ja -- jawohl He -- he -- he -- herr Do -- do -- do -- Do -- 

Schon gut lachte Herr Dollinger, ihm zuwinkend, und hier, Loenwerder,
magst Du auch einmal ein Glas auf das Wohl meiner Tochter trinken.
Frulein Clara's Geburtstag ist heute -- hier Clara, reich es dem jungen
Herrn. Er fllte dabei ein Wasserglas bis zum Rande voll von dem
funkelnden, schumenden Na, und whrend Clara mit freundlichem Lcheln
dem armen Teufel das Glas credenzte, nahm Herr Dollinger das Paket mit
Geld, ging zu dem nahen Secretair, in dem der Schlssel stak, ffnete ihn,
legte das Geld hinein, zog dann den Schlssel ab und sagte, diesen der
Tochter berreichend:

So Kinder, heute mt Ihr einmal auf ein paar Stunden mein Cassirer sein,
bis der andere aufgefunden werden kann.

Clara nickte dem Vater freundlich zu, und Loenwerder, der das volle Glas
in der Hand hielt und auf einmal ganz blutroth im Gesicht geworden war,
hob es empor und rief stotternd:

Fr -- re, re, re, re, re, ru -- le -- le -- lein Cla -- ra -- ra -- ra -- ra --
aus ga -- ga -- ganzem He -- he -- he -- he -- he -- he -- her -- ze -- ze -- zen.

Als ob er aber mit den Worten in der Kehle Luft gemacht, setzte er das
Glas an, und der Wein verschwand wie durch Zauberei.

Alle Wetter lachte Herr Dollinger, der sich gerade nach ihm umdrehte,
Loenwerder hat einen vortrefflichen Zug -- nun? -- hat's geschmeckt?

Gu -- gut Herr Do -- do -- do -- do -- do.

Genug, genug winkte ihm der Principal wieder ab -- also bestell mir das
ordentlich.

Loenwerder, der Art entlassen, und vielleicht froh aus einer Umgebung zu
kommen, in der er sich nicht heimisch fhlen konnte, setzte das Glas auf
einen Seitentisch ab, machte eine etwas linkische Verbeugung, und wohl
wissend da er zu einem ordentlichen Danke doch keine Zeit mehr brig
hatte, empfahl er sich ohne weiter auch nur einen Versuch zu mndlichem
Abschied zu machen.

Eine unangenehme Persnlichkeit sagte Frau Dollinger zu ihrem
Schwiegersohn _in spe_, als der Mann noch die Thr nicht einmal ordentlich
hinter sich geschlossen hatte; ich kann mir nicht helfen, auf mich macht
der Mensch immer einen fatalen Eindruck.

Wie -- wie befehlen Sie meine Gndige? sagte der junge Henkel etwas
zerstreut; Sophie bog sich in diesem Augenblick zu ihm nieder und
flsterte ihm ein paar Worte zu  --

Er kann ja doch Nichts fr seine Gebrechen nahm Clara aber die Antwort
auf, und thut gewi Alles in seinen Krften sie eben durch gutes Betragen
vergessen zu machen.

Papa, ich wrde das Geld auch nicht so offen in dem Secretair da liegen
lassen sagte Sophie.

Nicht so offen? -- ich habe ja zugeschlossen  -- 

Nun, es ist immer nicht gerade gut, wenn die Dienstleute wissen wo man
Geld liegen hat stimmte die Mutter bei.

Dienstleute? meinte Herr Dollinger -- es war ja Niemand von ihnen im
Zimmer  -- 

Doch Loenwerder?

Bah lachte der Kaufmann, mit dem Kopf schttelnd.

Ist es denn viel? frug seine Frau.

Nun, der Mhe werth wr's immer sagte Herr Dollinger, fnf Tausend
Thaler etwa -- es soll aber auch nicht ber Nacht da liegen bleiben, und
Loenwerder hat mir auf heute Abend den Cassirer zu bestellen, das Geld an
sicheren Ort zu legen, bis ich morgen darber verfgt habe.

Der Loenwerder verwandte keinen Blick von dem Geld, so lang er im Zimmer
war sagte die Mutter, mit dem Finger vor sich hindrohend.

Lieber Gott, Mtterchen, Du weit ja aber doch da er schielt
vertheidigte ihn lachend Clara -- eben so fest und unverwandt hat er mich
indessen mit dem andern Auge angesehen; seine Schuld ist's nicht da er
zwei Stellen auf einmal im Auge behalten mu.

Lat mir den armen Teufel zufrieden sagte aber auch Herr Dollinger --
der ist mir ntzlicher wie zwei von meinen anderen Leuten; mehr zum
Nutzen wie Staat freilich, aber Staat will er auch nicht machen. Jetzt
brigens Kinder wird es Zeit da wir uns rsten, und Henkel, Sie mssen
noch Ihr Pferd holen lassen.

Ich habe es schon, in der Voraussetzung da wir bei dem schnen Wetter
doch wohl eine kleine Parthie machen wrden, hierher bestellt, erwiederte
rasch der junge Mann -- wnschen Sie den Wagen jetzt?

Ich glaube ja, je eher, desto besser; die Tage sind kurz und wenn wir
noch eine Stunde oder zwei fahren wollen, drfen wir nicht mehr viel
lnger warten.

Aber Ihr Mdchen mchtet Euch ein wenig warm einpacken sagte jetzt die
Mutter, alles Andere in dem Gedanken an ihre Toilette vergessend -- zum
still im Wagen Sitzen pat ein Sommerkleid noch nicht und heute Abend wird
es khl werden.

Und nicht so lange machen, mahnte der Vater, der sich sein Glas noch
einmal voll schenkte und leerte; der Wagen wird im Augenblick da sein.

Der Wagen fuhr auch wirklich kaum zehn Minuten spter vor, Herr Dollinger,
der nun seinen Hut und Stock aufgenommen, ging, seine Handschuh anziehend,
im Hofe auf und nieder, und endlich erschienen, diesmal in wirklich sehr
kurzer Zeit, die Damen, ihre Sitze einzunehmen.

Nun, wo ist Henkel? sagte Herr Dollinger, sich nach seinem zuknftigen
Schwiegersohne umschauend, ich habe sein Pferd auch noch nicht gesehen;
jetzt wird uns der warten lassen.

Die Familie hatte indessen im Wagen Platz genommen, und der alte Herr
schaute etwas ungeduldig zum Schlag hinaus, als der junge Henkel zum Thor,
aber ohne Pferd, hereinkam.

Nun? und Sie sitzen noch nicht im Sattel? rief er ihm schon von weitem
entgegen -- das ist eine schne Geschichte; jetzt drfen wir den Frauen
nie im Leben wieder vorwerfen, da sie uns warten lassen.

Ich mu tausend Mal um Entschuldigung bitten, sagte der junge Mann, zum
Wagen hinantretend, aber mein Stallmeister hat mich sitzen lassen. Wenn
Sie mir erlauben schicke ich einen der Leute danach, oder gehe selber, es
ist nicht weit von hier. Aber thun Sie mir die Liebe und fahren Sie
langsam voraus, ich hole Sie in Zeit von zehn Minuten ein.

Wir knnen ja hier warten, sagte die Mutter.

Ja, wenn die Pferde stehen wollten, brummte Herr Dollinger -- zieh nicht
so fest in die Zgel Johann, das Handpferd kann das nicht vertragen und
wird nur noch immer unruhiger -- wir wollen langsam vorausfahren -- machen
Sie aber da Sie nachkommen; auf dem Balkon vom rothen Drachen trinken wir
Kaffee, dort ist eine wundervolle Aussicht -- der Stalljunge mag
hinberlaufen und Ihnen das Pferd holen.

Die Pferde zogen in diesem Augenblick an, Henkel mute aus dem Weg
springen und verbeugte sich leicht gegen die Damen, von denen ihm Clara
freundlich lchelnd zunickte.

Eine starke Viertelstunde spter sprengte der junge Amerikaner, seinem
Thiere die Sporen gebend, da es Funken und Kies hintenaus stob, ber das
Pflaster, zum Entsetzen der Fugnger dahin, dem Wagen nach, den er nur
erst eine kurze Strecke vor dem bezeichneten Platz wieder einholte. Im
Stall wollte Niemand etwas davon gewut haben, da er sein Pferd bestellt
gehabt -- Einer schob die Vergessenheit natrlich auf den Andern, und
Dollinger's Stallknecht mute die Leute sogar erst zusammensuchen, bis er
das Pferd bekam, deshalb hatte es so lange gedauert. Als er mit demselben
zurckkehrte, ging der junge Mann in dem kleinen, dicht am Haus liegenden
Garten auf und ab, sprang aber dann, dem Burschen ein Trinkgeld zuwerfend,
und dessen Entschuldigung nur halb hrend, rasch in den Sattel und flog,
wie vorher erwhnt, in vollem Carrire die Strae nieder.

Er hatte den Hof kaum verlassen, als Loenwerder, einen groen,
wunderschn blhenden Monatsrosenstock unter dem Arm, vorsichtig und wie
scheu, da ihn Niemand gewahre, ber den Hof und in die Hinterthr des
Hauses schlich, und sich leise und geruschlos die Treppe damit
hinaufstahl. Er blieb etwa zehn Minuten im Haus und wollte dann aus
derselben Thr wieder ber den Hof zurck, als der Stallknecht aus der
Futterkammer kam. Unschlssig blieb der kleine Mann eine kurze Zeit hinter
der Thr stehen, und schlich sich dann, als der Bursche den Platz nicht
verlassen wollte, vorn zur Hausthr hinaus auf die Strae, den Weg nach
seiner Wohnung einschlagend.





                                Capitel 2.


                            DER ROTHE DRACHEN.


Der rothe Drachen, ein Wirthshaus, das wegen seines vortrefflichen
Bieres, wie sonst mancher schtzenswerthen Eigenschaften einen sehr guten
Namen hatte, lag etwa eine halbe Stunde von Heilingen, an der groen
Landstrae, die gen Norden fhrte. Ein freundlicher Thalgrund umschlo
Haus und Garten und die dunklen, den Gipfel des nchsten Hanges krnenden
Nadelhlzer hoben nur noch mehr das freundliche Grn der jungen Birken und
Weieichen hervor, die sich ber die niedere Abdachung erstreckten, und
bis scharf hinan an den hocheingefriedigten und sorgfltig in Ordnung
gehaltenen Frucht-, Gemse- und Blumengarten des Hauses selber lehnten.

Es war ein warmer, sonniger Frhlingsnachmittag; der Bach, der am Hause
dicht vorbeirieselte, pltscherte und schumte in frischem jugendlichen
Uebermuth, des Eises Hlle, die ihn so lange gefangen gehalten oder doch
fest und ngstlich eingeklemmt, nun endlich einmal enthoben zu sein, und
die Vgel zwitscherten so froh und munter in den Zweigen der alten
knorrigen Linde, die unfern der Thre stand, und flatterten und suchten
herber und hinber, aus den blhenden Obstbumen fort ber den Hof und
von dem Hof wieder fort in dicht versteckten Ast und Zweig hinein, mit
einem gefundenen Strohhalm oder einer erbeuteten Feder im Schnabel, da
Einem das Herz ordentlich aufging ber das rege glckliche Leben. Und wie
blau spannte sich der Himmel ber die blhende, knospende Welt, wie leicht
und licht zogen weie duftige Wolken, Schwnen gleich, durch den Aether
hin, farbige, flchtige Schatten werfend ber Wiesen und Feld und die
weite Thalesflucht, die sich dem Auge in die Ferne ffnete und dem
leuchtenden Blick neue Schtze bot, wohin er fiel.

Ein Frhling in Deutschland -- ein Frhling im _Vaterland_; oh wie sich das
Herz da mit der wirbelnden, schmetternden Lerche hebt und jubelnd,
jauchzend gen Himmel steigt; zwinge die Thrne da nicht zurck, die sich
Dir, dem Glcklichen, in's Auge drngt -- in ihrem Blitzen preisest Du den
Vater droben, wie es die jubelnde Lerche dort thut, die mit zitterndem
Flgelschlag ber den grnen Matten schwebt; -- wie das raschelnde
flsternde Blatt im Wald, wie der schwankende, thaugeschmckte Halm und
die knospende, duftende Blthe im Thal. Ein Frhling im Vaterland -- oh wie
schn, wie jung und frisch die Welt da um uns liegt in ihrem brutlichen
Glanz, voll neuer Hoffnungen in jedem jungen Keim, und wie sich das Herz
der schnen Blume gleich zusammenzog, als der Herbststurm ber die Haide
fuhr, mit rauher Hand den Blattschmuck von den Bumen ri und zu Boden
warf und Schnee und Eis vor sich hin jagte ber die erstarrende Flur, so
ffnet es sich jetzt mit vollem Athemzug wieder den balsamischen
Frhlingsgru, und vorbei, vergessen liegt vergangenes Leid -- wie der
verwehte Sturm selber keine Spur mehr hinterlie und die schnsten Blumen
jetzt gerade an den Stellen blhen, wo er am tollsten, rasendsten getobt.

Ein warmer erquickender Regen war die letzten Tage gefallen, und so gut er
dem Land gethan, hatte er doch die Bewohner des nahen Stdtchens in ihre
Huser und Straen gebannt gehalten, von wo aus sie sehnschtig die nahen
grnenden Berge theils, theils die dunklen Wolken betrachteten, die nicht
nachlassen wollten Segen auf die Fluren niederzutrufeln. Heute aber hatte
sich das gendert; voll und warm glhte die Sonne am Himmelszelt und
hinaus strmten sie in jubelnden Schaaren, hinaus in's Freie. Der rothe
Drachen vor allen anderen Pltzen, der so reizend an der Oeffnung des
Thales lag und die Aussicht bot in das darunter liegende freie Land, hatte
dabei sein reichlich Theil erhalten der frhlichen Schaar, da die Wirthin
mit ihren Kellnern und Mgden nicht Hnde genug hatte zu schaffen und
herzurichten, und die Tische und Bnke im Garten drauen fast alle besetzt
waren rund herum von Schmausenden.

Der rothe Drachen sollte brigens, wie die Sage ging, seinen Namen von
einem wirklichen Drachen bekommen haben, der einmal vor vielen hundert
Jahren in der Schlucht weiter oben, die auch noch ebenfalls nach ihm die
Drachenschlucht hie, gehaust und viele Menschen und Rinder verschlungen
hatte. Der Wirth des rothen Drachen nun, Thuegut Lobsich, dessen
Voreltern schon diesen Platz gehalten, behauptete dabei, Einer seiner
Ahnen habe den Drachen im Einzelkampf erlegt -- (die Gste meinten, mit
schlechtem Bier vergiftet) und dafr von dem damals regierenden Frsten
Platz und Wirtschaft als Gerechtsame, mit dem Schild als Wahrzeichen,
erhalten.

Wie dem auch sei, Thuegut Lobsich that wirklich gut auf dem Platz, der ihm
vortreffliche Nahrung bot, und befand sich so wohl, wie sich nur ein Wirth
in einer gut gelegenen Wirthschaft befinden kann. Seine Frau war aber
dabei der Nerv des Ganzen, in Kche und Stall, in Keller und Haus, und
whrend sich Vater Lobsich, wie er sich gern nennen lie, obgleich er noch
jung und rstig war, am Liebsten zu seinen Gsten irgendwo an einen Tisch
drckte und das Bier controllirte, wie er sagte, da ihm die Burschen
kein Saures brachten und die Gste verjagten, arbeitete die Frau im
Schweie ihres Angesichts vor dem Heerd, die bestellten Portionen
herzurichten und zu gleicher Zeit auch den Verkauf von Kaffee, Thee, Milch
und Kuchen zu berwachen. Dabei fhrte sie die Kasse und rechnete mit
Kellnern und Mdchen ab, und wehe denen, die eine halbe Portion Kaffee
oder Kuchen vergessen, ein nichtbezahltes Glas nicht aufnotirt oder einem
schlechten Kunden noch einmal gegen den direkt gegebenen Befehl geborgt
hatten.

Bse Zungen meinten dabei nicht selten, Frau Lobsich sei der einzige Mann
im Hause und Thuegut drfe nur tanzen, wenn sie nicht daheim wre; bse
Zungen erwhnten dann aber nicht dabei, da sie wirklich allein das
Hauswesen in Zucht und Ordnung hielt, und so scharf und heftig sie drauen
in Kche und Wirtschaft, wo sie fremde Leute doch auch eigentlich nur zu
sehen bekamen, sein konnte, und so groe Ursache sie dabei oft hatte
rgerlich zu sein, und die Ursache dann auch fr vollkommen gengend
hielt, es wirklich zu werden, so still und freundlich konnte sie sich
betragen, wenn sie allein mit ihrem Manne war, und so gern gab sie ihm in
Allem nach, was nicht eben zu Ruin und Schaden trieb. Salome Lobsich war
das Muster einer Hausfrau, und was ebensoviel sagen will, eine gute Gattin
dabei -- ob ihr Mann dasselbe auch von sich sagen konnte, stand auf einem
anderen Blatt.

Heute hatte sich brigens eine ziemlich zahlreiche Gesellschaft in dem gar
so freundlich gelegenen Garten des rothen Drachen eingefunden, und dicht
vor der Thr desselben, unter der alten breitschattigen Linde, die ihre
Arme so weit nach rechts und links hinberstreckte, da man sie schon
hatte sttzen mssen, nur den Weg zu ihr und den Platz darunter frei zu
behalten, sa Lobsich selber mit einem kleinen Kreis guter Bekannten,
d. h. alter Kunden und quasi Stammgste von ihm, denn er selber kam selten
irgend wo anders hin, und wer also sein Bekannter _bleiben_ wollte, mute
ihn eben besuchen.

Zu diesen gehrte besonders Jacob Kellmann, ein Krschner und Pelzhndler
aus Heilingen, dann der Aktuar Ledermann von dort, eine lange hagere,
etwas ungeschickte Gestalt, mit aber nicht unangenehmen, gutmthigen
Gesichtszgen, und der Apotheker aus Heilingen, Schollfeld mit Namen, die
es gewhnlich so einzurichten wuten, da sie an einen Tisch mit einander
zu sitzen kamen. Lobsich nahm ebenfalls am Liebsten zwischen dieser
kleinen Gesellschaft Platz, und nur dann und wann, besonders wenn er die
Stimme seiner Frau irgendwo hrte, stand er auf und ging einmal durch den
Garten und die Reihen seiner Gste, zu sehn ob Alle ordentlich bedient
wrden, und keine Klagen einliefen gegen unaufmerksame Kellner, die er in
dem Fall auch wohl gleich an Ort und Stelle mit einem Knuff oder einer
Ohrfeige abstrafte, als warnendes Beispiel. Er mute an irgend Jemand
seinen Aerger auslassen, da er nicht bei seinem Biere konnte sitzen
bleiben.

Ist doch ein prachtvolles Wetter heute, sagte Kellmann, der eben einen
tchtigen Zug aus seinem Glase gethan, und nun mit vollem zufriedenen
Blick ber das freundliche Bild hinaus schaute, das sich, von der warmen
Nachmittagssonne beschienen, in all seinem blitzenden Glanz und
Farbenschimmer vor ihnen aufrollte und es wchst und gedeiht Alles
drauen so schn und steht so prchtig -- merkwrdig dabei, da Alles so
theuer bleibt, und die Preise, statt herunter zu gehen, immer nur steigen
und steigen.

Ja das wei Gott, seufzte der Aktuar, dem der Gedanke selbst den
Geschmack am Bier wieder zu verderben schien, denn er setzte das schon zum
Mund gehobene Glas unberhrt vor sich nieder -- und wenn das noch eine
Weile so fort geht, knnen wir alle mit einander verhungern oder
davonlaufen.

Nun Ihr habt gut reden, sagte Kellmann, Ihr bekommt vom Staat Euer
Gewisses und knnt Euch genau danach einrichten -- Euer Geld mu Euch
werden, wenn der erste jedes Monats kommt, unsereins hngt aber allein von
den Zeiten ab, und wenn die Lebensmittel knapp werden, kauft Niemand einen
Pelz. Holz will auch sein und daran kann sich nachher die ganze Familie
wrmen.

Ihr redet wie Ihr's versteht, brummte der Aktuar, -- unser Gewisses
bekommen wir, das ist wahr, aber nur deshalb, damit wir gewisses Elend vor
den Augen haben. Ich habe fnfhundert Thaler Gehalt, und Frau und Kind und
Dienstmdchen zu ernhren, und soll anstndig dabei gekleidet gehn, denn
vor zehn und zwanzig Jahren hatte ein Aktuar in meiner Stellung auch nicht
mehr, und machte das Alles mglich, ja befand sich wohl dabei. Jetzt aber
wird Brod, Butter, Fleisch, Holz, Wohnung, kurz Alles was wir nun einmal
zum Leben brauchen, gesteigert von Tag zu Tag, aber meine fnfhundert
Thaler _bleiben_; vor zehn Jahren kaufte ich zwanzig Pfund Brod fr
dasselbe Geld, fr das ich jetzt nicht zehn bekomme -- aber _meine_
fnfhundert Thaler _bleiben_. Auch mein Hausherr verlangt hheren Zins --
schon voriges Jahr bin ich hher gegangen, um nicht gesteigert zu werden,
d. h. fr denselben Preis aus der zweiten in die dritte Etage gezogen,
aber dies Jahr mu ich ganz hinaus, denn er will wieder zehn Thaler mehr
haben und ich kann's ihm nicht geben. Ihr Leute habt Euch gut in die
Zeiten schicken, denn wenn das Brod theuer wird, schlagt Ihr desto mehr
auf Euere Waare, der kleine Beamte aber, der Staatsdiener um geringen
Lohn, das ist das geplagte, gefhrdete Geschpf, und jede neue Taxe macht
ihm keine neue Berechnung, sondern schnallt ihm nur den Leibriemen um ein
Loch enger, da er weniger it, bis er in's _letzte_ Loch geworfen wird,
zum ersten Mal von seinen irdischen Strapatzen, ohne Furcht vor rasch
abgelaufenen Ferien, wirklich ungestrt auszuruhen.

Ach geht mit Eueren erbrmlichen Lamentationen an solch freundlichem
Tag, fiel ihm der Wirth hier in die Rede, der sich erst vor ein paar
Augenblicken wieder mit zum Tisch gesetzt und schon eine ganze Weile
ungeduldig mit dem Kopf geschttelt hatte. Das Reden macht's nicht besser
und Sthnen und Seufzen hilft auch Nichts -- Kopf oben, das ist die
Hauptsache; das andere macht sich von selber -- aber hallo -- unterbrach er
sich pltzlich, von seinem Sitze aufstehend und die Strae
hinunterzeigend, die in das weite Thal fhrte -- was kommt dort fr ein
Trupp den Weg entlang? -- und in der That wurde dort oben ein ganzer Zug
Mnner, Frauen und Kinder mit kleinen Handkarren und ein paar einspnnigen
Wgelchen sichtbar.

Das sind Auswanderer! rief Jacob Kellmann, von seinem Stuhl aufspringend
und dem Zug entgegenschauend -- seht nur ein Mensch an, wieder ein ganzer
Schwarm aus dem Hessischen; Heiland der Welt, da mu doch endlich einmal
Platz werden.

Na nu ist wieder der Frieden beim Henker, rief aber der Apotheker
mrrisch -- hier Lobsich setzt Euch auf Eueren Stuhl und trinkt Euer Bier
aus, und Ihr Kellmann, lat das Volk da drauen laufen, wohin sie wollen --
unzufriedene Bande, die es ist und die es nirgends gut genug kriegen kann,
wo ihr nicht das Confekt auf goldenen Tellern prsentirt wird. Na kommt
nur hinber, wenn Euch hier der Hafer zu sehr sticht -- Euch werden sie
schon noch das Fell ber die Ohren ziehn, da Ihr am hellen lichten Tag
die Sterne zu sehn bekommt.

Nein was fr ein Zug! rief aber Kellmann, die langsam nher kommende
Schaar mit unverkennbarem Interesse betrachtend; die armen Teufel.

Hrt Kellmann, rief aber Schollfeld rgerlich, tretet mir da ein wenig
aus dem Weg, da ich auch was sehen kann, und setzt Euch wieder, ich
dchte doch wahrhaftig, Auswanderer hier an der Strae wren nichts so
besonders Neues, da Ihr Maul und Nase aufsperrt und thut, als ob Euch so
etwas noch nicht im ganzen Leben vorgekommen wre.

Schollfeld war brigens nicht umsonst so mrrisch; er hatte einen Zorn auf
Auswanderer, denn er betrachtete Auswanderung als eine indirekte
Beleidigung gegen den Staat, gewissermaen als eine Grobheit, die man ihm
geradezu unter die Nase sage  -- : ich mag nicht mehr in Dir leben und
wei einen Platz, wo's besser ist. Das _dachten_ sich nmlich die
Tlpel, wie er sie nannte, aber Sie _wuten_ es nicht -- gar Nichts
wuten sie und liefen blind und toll in die Welt hinein. Der Staat htte
auch eigentlich den Skandal gar nicht dulden sollen; hunderte von
Menschen, reine Deserteure aus ihrem Vaterland, liefen da frank und frei
vorbei, Anderen noch obendrein ein bses Beispiel gebend, und er begriff
die Regierung nicht, wie sie dem Volke nur noch einen Pa gestatten
konnte.

Der Zug war indessen nher gekommen und Lobsich rasch in das Haus gegangen
Bier herbeizuschaffen, da sich bei solchen Trupps gewhnlich eine Menge
junge Burschen befanden, die noch Geld im Beutel und immer frischen Durst
hatten; um so mehr, da das Bergesteigen heute wirklich warm und den Hals
trocken machte.

                               [Capitel 2]

Die ersten Wgen passirten still vorbei; die Fhrer warfen einen langen,
vielleicht sehnschtigen Blick nach den behaglich hinter ihren Tischen
sitzenden Gsten und dem khlen funkelnden Bier hinber, aber hielten
nicht an, sich lngere Rast dafr auf den Abend versprechend. Nur von den
Fugngern blieben mehre Trupps unfern der Linde, unter der unsere kleine
Gesellschaft sa, und nicht weit von der Gartenthre stehn, und whrend
ein paar der Mnner dem Kellner winkten, ihnen Bier herauszubringen, als
ob sie sich scheuten in ihrer bestaubten schmuzigen Kleidung, mit der
schweibedeckten Stirn, zwischen die geputzten und jetzt nach ihnen
herbersehenden Gruppen hineinzugehn, hielt ein Trupp Frauen ebenfalls
dort. Angezogen von der pltzlichen weiten und freien Aussicht, die ihnen
hier nach unten zu das Thal ffnete, durch das sie gekommen, blieben sie
erfreut und berrascht stehn und schauten dabei auf das reizende Bild hin,
das wie mit einem Schlage so vor ihnen in's Leben sprang.

Heiland der Welt, Lisbeth, rief ein junges, sechzehnjhriges Mdchen
der, vielleicht zwei Jahr lteren Schwester zu -- dort drben liegt
Holstetten, und von da ist's nur noch neun Stunden zu Haus -- dahinter kann
ich den weien Weg durch's schwarze Nadelholz sehn, der hinberfhrt nach
Krisheim.

Ja Marie, antwortete das Mdchen, und whrend sie sprach, liefen ihr die
groen hellen Zhren an den bleichen Wangen nieder, gleich hinter dem
Berg dort mu die Windmhle liegen, und dann kommt Bachstetten und
nachher -- sie konnte nicht mehr sprechen, das Herz war ihr zu voll und
sie mochte doch nicht das der Schwester, wenn diese ihren Schmerz sah,
noch schwerer machen. Aber zurckdmmen lie sich das auch nicht, die
Wunde war noch zu frisch und blutete zu stark, und beide Mdchen standen
wenige Minuten still und weinend da, die schnen thrnenberstrmten Zge
den ihr nchsten Menschen ab- und der verlassenen Heimath, die sie wohl
nie im Leben wieder schauen sollten, zugekehrt.

Ob auch wohl Martha der Mutter Grab ordentlich hlt und pflegt, wie sie
es versprochen, brach die Jngste endlich wieder mit leiser kaum hrbarer
Stimme das Schweigen.

Sie hat's ja versprochen, flsterte fast eben so leise die Schwester
zurck, aber --  --  --  --  so lieb wird sie's doch nicht haben wie wir.

Komm Lisbeth, sagte die Jngere wieder und ergriff, ohne sie aber dabei
anzusehn, der Schwester Hand -- wir wollen gehn -- die Wagen sind schon ein
Stck voraus.

Beide Mdchen nickten leise und kaum bemerkbar der verlassenen Heimath zu
und schritten dann schweigend Hand in Hand den Weg entlang, der nach und
durch Heilingen fhrte, ihre weite, unbekannte Bahn.

He Marie, Lisbeth! rief sie der Vater an, der eben an der Thr des
Gartens ein Glas Bier von einem der Kellner erhalten hatte -- wollt Ihr
einmal trinken Kinder?

Ich danke Vater, sagte Marie zurck, ohne sich umzusehn oder stehn zu
bleiben, wir sind nicht durstig.

Woher des Wegs Ihr Leute? wandte sich jetzt Kellmann, der trotz
Schollfeld's rgerlichen Worten zu dem Alten getreten war, an diesen.

Aus Hessen, sagte der Mann ruhig und that einen langen durstigen Zug aus
dem, mit dem trefflichen Bier gefllten, schumenden Glas.

Und wohin?

Nach Amerika.

Hm -- ist ein weiter Weg -- ist Euch wohl schlecht gegangen hier im Lande?
sagte Kellmann, die krftige und doch gramgebeugte Gestalt des alten
Landmanns teilnehmend betrachtend.

Der Bauer, dessen Blick auch an dem fernen Punkt inde gehangen, wo seine
frhere Heimath lag, lie das Auge einen Moment wie mitrauisch ber den
Frager gleiten und erwiederte dann leise und kopfschttelnd:

Schlecht? -- lieber Gott wie man's nimmt; man soll g'rad nicht klagen; der
liebe Gott hat geholfen und wird weiter helfen.

Ihr wollt Euch wohl ein paar von den gebratenen Tauben holen die in
Amerika herumfliegen? mischte sich hier der Apotheker in's Gesprch, der
nicht umhin konnte dem Auswanderer, wie er sich ausdrckte, einen Hieb
zu versetzen -- habt Ihr auch Messer und Gabeln mit?

Der Bauer sah den kleinen, spttisch lchelnden Mann einen Augenblick
ruhig von der Seite an, zahlte dann dem neben ihm stehenden Kellner, dem
er das Glas zurckgab, sein Bier, und ohne irgend etwas auf die Frage zu
erwiedern, oder rgerlich darber zu scheinen, ja als ob er sie nicht
gehrt htte, wandte er sich und folgte mit einem gr Euch Gott Ihr
Herren, seinen vorangegangenen Tchtern.

Holzkopf, brummte der Apotheker, nur noch mehr gereizt ber diese
anscheinende Misachtung, hinter ihm drein -- dem Volk ist zu wohl hier,
setzte er dann, mit einem krftigen Zug aus seinem Glase hinzu -- der Art
Leute fhlen sich nicht behaglich, wenn sie nicht baumfest unter dem
Daumen gehalten werden.

Guten Abend miteinander, sagte in diesem Augenblick ein Anderer der
Auswanderer, der, mit einem kurzen Pfeifenstummel in der Hand zu dem Tisch
trat, auf dem in einem schtzenden Kelchglas ein Licht mit darum
gesteckten Fidibus zum Anznden der Cigarren stand -- wenn's erlaubt ist,
mchte ich mir wohl einmal eine Pfeife bei Euch anbrennen.

Mit Vergngen, sagte Ledermann, ihm einen Fidibus anzndend und
hinreichend.

Danke schn, nickte der Mann, das Feuer benutzend und den blauen Qualm
in schnellen kurzen Zgen ausblasend.  --

Und wo geht die Reise hin? frug Ledermann dem Rauchenden.

Da hinber, sagte dieser; immer noch scharf ziehend, inde er mit dem
linken, zurckgebogenen Daumen ber die linke Achsel wie -- bers groe
Wasser.  --

Habt Ihr dort schon einen Platz? frug der Aktuar.

Ja, sagte der Mann freundlich -- mein Bruder hat mir geschrieben aus dem
Wiskonsin heraus; da soll's gut sein.

Und geht Ihr Alle dorthin? frug ihn Kellmann.

Die meisten von uns, ja; eine Parthie will aber auch hinber in's
Missuri; da ist's wrmer.

Es sind wohl lauter Landleute hier miteinander?

Ja meistens -- ein Schneider ist dabei, und der Schmied aus dem Dorfe und
der Herr Pastor ist schon voraus.

Der Pastor geht auch mit? frug Kellmann schnell.

Ahem, nickte der Mann, der ist aber mit der Post gefahren, aber er hat
gesagt er wollte sehn da wir Alle auf ein Schiff kmen. Danke schn Ihr
Herren, adje.

Glckliche Reise, rief ihm Kellmann nach.

Danke, nickte der Mann noch einmal zurck, knnens brauchen, und
schlo sich den brigen wieder an, von denen die letzten gerade die Thr
des Wirthshauses passirten.

Es waren rmliche, viele von ihnen krnklich oder wenigstens bleich
aussehende Gestalten, in die Bauerntracht ihrer Gegend gekleidet; die
meisten Frauen mit Kindern auf dem Arm, Manche sogar deren an der Brust,
und ein Bndel dazu auf dem Rcken, die im Schwei ihres Angesichts, wie
sie bis jetzt gelebt, mhsam der fernen ersehnten Heimath
entgegenstrebten. Hie und da waren auch ein paar krftige junge Burschen
von zwlf bis vierzehn Jahren vor ein kleines leichtes Handwgelchen
gespannt, darauf gepackte Betten, Kleidungsstcke und Lebensmittel die
weite Strae entlang zu ziehen. -- Die Leute hatten kein Geld brig, denn
das wenige, was sie zur Reise aufgespart, muten sie fr das Schiff
aufheben, und ein paar Thaler sollten doch auch noch wenigstens, wenn das
irgend anging, brig bleiben, damit sie nur die ersten Tage in Amerika,
ehe sie Arbeit bekmen, vor Sorge geschtzt wren. Den glnzenden
Schilderungen die ihnen von dem neuen Lande ihrer Hoffnungen gemacht
waren, trauten die armen Frauen am wenigsten in ihrem vollen Umfange; von
Jugend auf, wie ihnen nur eben die Krfte wurden ihre jngeren Geschwister
in der Welt herumzuschleppen, hatten sie arbeiten, hart arbeiten mssen,
und viel anders wrde es auch wohl nicht da drben sein. Der Sorgen waren
hier nur gar so viele angewachsen, mit jedem Jahre mehr, wie sie sich auch
plagten und qulten, und schlechter _konnte_ es dort drben nicht sein.
Das war fr jetzt der einzige Trost den sie mit sich trugen die lange,
heie Strae entlang mit einer kleinen Hoffnung mglicher Besserung
vielleicht, und sie drckten dann die Kinder nur fester an ihr Herz und
kten sie, und flsterten ihnen leise und heimlich zu da sie nicht mehr
schreien sollten, denn sie gingen nach _Amerika_, und da wrde schon Alles
gut werden, wie ihnen der Vater gesagt.

Die Mnner und Burschen zogen der fernen Welt aber schon mit mehr
Vertrauen entgegen; das Bewutsein der eigenen Fhigkeit und Kraft hob sie
dabei auch ber Manches hinweg das die abhngigen Frauen schwerer zu Boden
drckte. Wer bei einer langen Wanderung voran geht, und fr den Weg zu
_denken_ hat, wird nie so mde als der, der ihm folgt, nur fr sich denken
lt, und hinter drein zieht. Viele von den Mnnern trugen auch
Jagdtaschen und Gewehre auf dem Rcken, Bchsen und Schrotflinten -- was
sollte es da drben nicht Alles zu schieen geben; -- Manche auch
nachgemachte bunte Blumenstrue auf dem Hut. Einzelne, aus Baiern und
Thringen, die sich ihnen angeschlossen, hatten sogar ein paar kleine
gefrbte Maraboutfedern mit ihren Landesfarben, blau und wei, und grn
und wei in ihrem Hutband stecken; die Meisten aber schienen keine solche
Erinnerung an die Heimath mitnehmen zu wollen, in das neue Vaterland.

Die Leute gingen vorber, und die Gste hatten ihnen schweigend
nachgeschaut, so lange fast, bis sie die nchste Biegung der Strae ihren
Blicken entzog. Auch Lobsich war wieder vor die Thr seines Gartens
getreten, und sich jetzt kopfschttelnd zurck zu seinem Tische wendend,
brummte er vor sich hin.

S'ist mir doch was Unbedeutendes -- es war dieses eine seiner stehenden
Redensarten, die in der That unbegrenztes Erstaunen ausdrcken sollte --
was die Leute die Frhjahr wieder an zu ziehen fangen; Tag fr Tag geht
das so fort; Trupp nach Trupp kommt ber die Berge herber, mit Sack und
Pack, mit Weib und Kind -- und Alles fort, Alles fort, und man merkt nicht
einmal von _wo_ sie fort sind.

Doch, doch, sagte Kellmann, die Augenbrauen in die Hhe ziehend und mit
dem Kopf nickend, doch, doch Lobsich; ob man's wohl merkt? -- geht einmal
da ber die Berge hinber und seht Euch in den Drfern um; da steht
manches alte halbzerfallene _leere_ Haus, an das irgend eine Familie da
drben noch mit Schmerzen zurckdenkt, und in das Niemand anderes mehr
Lust hat einzuziehen, weil er noch eine Menge _bessere_, ebenfalls leer,
in demselben Dorfe findet. Es ist immer ein trauriger Anblick solch ein
leeres Haus, und ich seh's nicht gern.

Und was fr _Geld_ tragen sie auer Land, fiel der Apotheker hier ein,
der inde, sich zu zerstreuen, im Heilinger Tageblatt gelesen hatte, jetzt
aber nicht umhin konnte auch noch ein Wort mit drein zu werfen -- was sie
nicht mit hinbernehmen knnen, lassen sie wenigstens in den Seestdten,
und zu uns kommt Nichts mehr davon zurck. Wenn ich nur das erst einmal
erlebe, da die Leute zu ihrem Glck frmlich _gezwungen_, und nicht mehr
aus dem Land hinausgelassen werden; geht das aber so fort, so werden sie
so lange auswandern, bis uns hier weiter gar Nichts brig bleibt als
mitzugehen, wenn wir nicht eben allein sitzen wollen in dem verdeten
Land, unseren Acker selber zu bauen. Hol sie der Teufel, wofr hat sie
denn eigentlich der liebe Gott in die Welt gesetzt und ihnen den Holzkopf
gegeben, der sie zu allem Anderen untauglich macht. Ackern und Dngen
mssen sie drben doch auch, und weshalb knnen sie das nicht eben so gut
_hier_? -- Nein Gott bewahre, die paar Thaler die sie sich _hier_ erspart
haben, mssen erst wieder verschleppt und hinausgeworfen werden an
Experimente und reinen Uebermuth, und nachher sitzen sie erst recht da;
dort drben _knnen_ sie Nichts mehr sparen, und _mssen_ schon drben
bleiben, wenn sie auch wieder herber mchten. Die Paar die sich doch noch
ein paar Thaler zusammenscharren, die kommen nachher schnell genug wieder
zurck, aber es sind nur wenige, und die anderen armen Teufel haben die
Brcke muthwillig hinter sich abgebrochen, und sitzen nun auf der
wohlriechenden Haide ohne Unterfutter. Jesus Maria und Joseph, es mu ein
ordentlicher Jammer drben sein.

Na, _so_ arg nun denn doch wohl noch nicht, Schollfeld, sagte Kellmann
kopfschttelnd, man hrt doch nun auch so Manches von da drben was nicht
gar so schlecht klingt, und wo sich's schon aushalten liee, wenn man --
wenn man eben einmal einen solchen verzweifelten Schritt absolut thun
mte oder wollte.

Nicht so arg? rief aber Schollfeld, der hier sein Steckenpferd ritt, und
sich selten eine Gelegenheit entgehen lie auf Amerika zu schimpfen --
nicht so arg? da, hier lesen Sie einmal das Tageblatt, was der wackere
Dr. Hayde darber schreibt; das ist ein Mann, der hat Haare auf den Zhnen
und mu die Sache verstehn, denn er ist Einer von den Wenigen die drben
gewesen und glcklich wiedergekommen sind. Er bringt kaum eine Nummer in
der er nicht ein oder den anderen Hieb auf die Verhltnisse Ihres
glcklichen Amerika hat -- das mu ja ein wahres Raubnest sein, lesen Sie
nur einmal.

Hren Sie lieber Schollfeld, ich will Ihnen einmal 'was sagen,
erwiederte ihm Kellmann ruhig, dieser Dr. Hayde, der Ihnen die schnen
Artikel schreibt ist, der Meinung aller ordentlichen Kerle in Heilingen
nach, das wenigste zu sagen eine kleine geschwollene Giftkrte, ein
weggelaufener Advokat, den die Verhltnisse aus Deutschland vertrieben,
und den in Amerika Niemand mit seinen Talenten haben mochte. Zu faul zum
arbeiten, und nicht im Stande etwas Anderes zu thun, wurde er dort
wahrscheinlich vom Schicksal hin- und hergestoen, und wie ein aus einer
Thr geworfener Mops, stellt er sich jetzt drauen hin, wo sich Niemand
die Mhe giebt ihn zu stren, und schimpft und klefft. Ich will Amerika
eben nicht in allem vertheidigen, aber was _der_ gerade darber sagt wrde
mich auch nicht bestimmen. Wie ein Dreckkfer schleppt er sich nur mit
grter Mhe kleine Stckchen Koth herbei, und rollt sie zusammen eine
Kugel zu machen in die er sein Ei legt -- pfui ber den Burschen.

Na jetzt freut mich aber mein Leben, rief Herr Schollfeld erstaunt aus --
erst schimpfen Sie selber auf Amerika, und nun auf einmal soll der arme
Doktor die ganze Schuld tragen.

Ich _schimpfe_ nicht auf Amerika, sagte Kellmann ruhig, ich kann nur
nicht leiden wenn man es auf Kosten unseres eigenen Vaterlandes
herausstreicht, und gegen alle seine Nachtheile blind ist. Es wre
allerdings noch viel gefhrlicher sich die Lichtseiten alle zu bunt
auszumalen; die armen Leute die nachher hinbergehn und es anders finden,
sind dann zu sehr enttuscht, und fallen gewhnlich, wie mir gesagt ist,
aus einem Extrem in's Andere -- aber so taugt's auch Nichts.

Guten Abend selbander, sagte in dem Augenblick eine andere Stimme dicht
hinter ihnen, und als sie sich danach umschauten, stand ein alter
Bekannter von ihnen, Mathes Vogel, ein reicher junger Bauer aus dem
nchsten Dorf, an ihrem Tisch und streckte ihnen freundlich die Hand
entgegen.

Hallo Mathes, wie geht's? rief Kellmann die gebotene herzlich schttelnd
-- Wetter noch einmal Mann, wo habt Ihr jetzt gerade in der Saatzeit
gesteckt, da Ihr in der Welt herumreist wie ein Baron, der seine Gter
verpachtet hat? Ihr seid verreist gewesen.

Ja Herr Kellmann, in Bremen.

Wo seid Ihr gewesen? frug Schollfeld erstaunt.

In Bremen, Herr Schollfeld! rief der junge Bauer, gegen diesen gewandt,
oben in der Hafenstadt.

Guten Abend Mathes, kam hier der Wirth dazwischen, der den alten Kunden
ebenfalls begrte -- lange nicht gesehn, recht gro geworden mein Junge;
hast Du Durst?

Merkwrdigen, sagte der Bauer lchelnd.

Na warte, den wollen wir begieen, schmunzelte aber Lobsich, rasch in
den Garten zurckgehend, der soll mir nicht umsonst in den rothen Drachen
gefallen sein.

Aber was hat Euch nach Bremen gefhrt? wiederholte Kellmann, fast etwas
mitrauisch gemacht durch das wunderliche halb verlegene Benehmen des
jungen Burschen.

Ja Herr Kellmann, sagte der reiche Bauerssohn, wirklich jetzt verlegen
seinen Hut um den Zeigefinger der linken Hand drehend -- das hat -- das hat
so seine eigene Bewandtni --  Ich bin -- ich bin zu einem Entschlu
gekommen --  ich will -- ich will auswandern.

Was will er? schrie Schollfeld, der die Worte nicht ganz verstanden, den
ungefhren Sinn aber etwa errathen hatte. Jedenfalls schpfte er Verdacht
und ehe Kellmann nur im Stande war ein Wort darauf zu erwiedern rief er
nochmals laut: wo will er hin?

Nach Amerika, sagte aber der junge Mann entschlossen und wollte noch
etwas hinzusetzen, aber der Apotheker schlug dermaen auf den Tisch, und
fing so an zu schimpfen und zu fluchen, Niemand wute eigentlich auf was
und gegen wen, da Mathes gar nicht gleich wieder zu Worte kommen konnte,
und vielleicht auch eben nicht bse darber war.

Hallo, wer ist todt? rief aber in dem Augenblick Lobsich, der mit dem
bestellten Bier fr einen seiner besten Kunden selber ankam -- da Dich
die Milz sticht, was ist denn dem Apotheker eigentlich in die Krone
gefahren?

Dem Apotheker Nichts, nahm aber Kellmann kopfschttelnd das Wort, doch
hier dem Dings da, dem Mathes -- was meint Ihr, Lobsich was er vor hat?

_Heirathen_? sagte dieser, und ein breites vergngtes Schmunzeln ber
den so richtig und schnell gerathenen Vorsatz zog sich ber sein dickes
gutmthiges Gesicht.

Heirathen! schrie aber der Apotheker dazwischen, indem er sich seinen
Hut in die Stirn drckte und seinen Rock anfing zuzuknpfen -- heirathen?
-- ja prost die Mahlzeit; _auswandern_ will der Kerl, wie ein blindes Pferd
das durch die Stallwand bricht, in einen Teich zu fallen.

_Auswandern_? schrie aber auch jetzt Lobsich in unbegrenztestem
Erstaunen -- na das ist mir aber doch wahrhaftig was Unbedeutendes.

Oh hol Euch der Teufel mit Eurer albernen Redensart! rief aber der nun
einmal rgerliche Apotheker, und nahm seinen Stock unter den Arm -- sein
stetes Zeichen da er fertig zum Gehen sei -- was Unbedeutendes; ja wohl,
wenn der Raptus erst einmal in _solche_ Kpfe und Geldbeutel fhrt,
nachher werden wir sehn was wir hier anrichten. Ich will mir aber mein
Abendbrod nicht verderben -- gute Nacht Ihr Herren.

Halt Schollfeld! rief aber Kellmann, ihn am Arm fassend und
zurckhaltend -- brennt mir nicht durch, ich gehe auch gleich mit und
wollte nur erst hren, was Mathes den Gedanken in den Kopf gesetzt hat.
Hol's der Henker, er macht sich entweder einen Spa mit uns, oder es ist
nur so eine Idee von ihm, die wir ihm wieder ausreden knnen.

Wenn ich das wte blieb ich die ganze Nacht hier, sagte Schollfeld,
seinen Stock wieder auf den Tisch legend und zu dem verlassenen Stuhl
zurckgehend. Mensch, Mathes, seid Ihr denn rein vom Teufel besessen,
oder habt Ihr nur heute, in irgend einer Kneipe, ein wenig des Guten zu
viel gethan, da Ihr so tolles Zeug zusammenfaselt.

Mathes blieb aber bei allen diesen Ausbrchen des Erstaunens, die erste
Erklrung nur einmal berstanden, vollkommen ruhig, und zog nur, statt
jeder weiteren Antwort, einen Brief aus seiner Brusttasche, den er langsam
auffaltete und vor sich legte, als ob er ihn vorlesen wollte.

Nun was soll's mit dem Wisch? rief aber der Apotheker rgerlich, Ihr
habt Euere Seele doch noch nicht dem Gott sei bei uns verkauft?

So schlimm noch nicht, lachte der junge Bursch, das hier ist nur ein
Brief von Caspar Lauber, den Sie ja Alle kennen und der vor etwa sieben
Jahren nach Wisconsin auswanderte.

Der was that? rief der Apotheker, die Augen zusammenkneifend und das
linke Ohr zu ihm hindrehend -- nuschelt nicht so in den Bart, da Euch ein
Christenmensch noch verstehen kann ehe Ihr unter die Heiden geht.

Der nach Wisconsin auswanderte, sagte der junge Bauer lchelnd -- er
hatte mir damals versprochen zu schreiben wie es ihm ginge, schlecht oder
gut; -- wenn schlecht, wollte ich ihm helfen, wenn gut, vielleicht
nachkommen. Aber er schrieb nicht Jahr nach Jahr, und da er berhaupt
Nichts von sich hren lie, glaubte ich schon er sei da drben gestorben
oder untergegangen in dem weiten Reich, bis ich vor vier Wochen etwa einen
Brief von ihm erhielt und seit der Zeit habe ich keine Ruhe gehabt bis zu
dem heutigen Tag.

Nun ja natrlich, brummte der Apotheker.

Aber so lat ihn doch nur reden, rief jetzt auch rgerlich der Actuar
dazwischen, Ihr raisonnirt nur in einem fort und glaubt nachher, wenn Ihr
recht geschrieen habt, Ihr httet recht.

So lest den Brief einmal! sagte Kellmann, die Arme auf den Tisch
sttzend, nachher wissen wir ja gleich woran wir sind.

Aber erst mu ich noch Bier haben, rief Schollfeld dazwischen, ich mag
die Lgen wenigstens nicht trocken mit anhren.

Lobsich winkte einem der nchsten Kellner, die inde leer gewordenen
Glser wieder zu fllen, denn der Brief interessirte ihn selber zu sehr,
den Tisch jetzt zu verlassen, und Mathes sagte wie entschuldigend:

Der Brief ist sehr kurz, aber es steht Alles darin was ich zu wissen
verlangte, und er lautet:

Lieber Mathes -- ich habe bis jetzt mein Versprechen nicht gehalten, Dir
zu schreiben, weil es mir sehr schlecht gegangen ist.

Na ja, fiel ihm hier der Apotheker in das Wort -- und nun mt Ihr Hals
ber Kopf machen da Ihr auch hinber kommt.

Kellmann wollte dem ewigen Einredner etwas erwiedern, aber Mathes fuhr,
lchelnd die Hand gegen ihn aufhebend, wieder laut fort:

Ich wollte aber nicht gern, da mich Jemand Anders untersttzen sollte,
weil das hier im Lande eine Schande ist; ich wollte mir selber helfen, und
habe mir kmmerlich, aber ehrlich und fleiig durchgeholfen. Jetzt habe
ich eine kleine Farm von achtzig Acker, und vier und zwanzig Stck
Rindvieh, und dreiig Schweine und zwei Pferde und es geht mir gut. Ich
habe hart arbeiten mssen, aber ich komme durch. Wenn Du mit Geld hier
herber kommst und willst mich aufsuchen, da ich Dir mit Rath und That an
die Hand gehen kann, dann brauchst Du keine Angst zu haben, da Du nicht
durchkommst. Wenn Du eine Frau hast, bringe sie mit; Kinder sind ein Segen
hier, kein Fluch wie fr manchen armen Mann in Deutschland. Wer arbeiten
will kommt fort, wer faul ist geht zu Grunde. Es grt Dich zehntausend
Mal Dein Caspar Lauber -- Lauber's Farm bei Milwaukie, Wisconsin.

Und auf den Brief wollt Ihr auswandern? rief aber auch Kellmann jetzt
erstaunt -- Mathes, ist Euch denn das Auswanderungsfieber so pltzlich in
die Glieder geschlagen, da Ihr die Seekrankheit fr das einzige Mittel
haltet die es curiren knnte?

Mathes schttelte aber gar ernsthaft mit dem Kopf, faltete den Brief
zusammen, den er zurck in seine Tasche schob, und sagte mit fester und
entschlossener Stimme:

Lange im Sinn hab' ich's schon gehabt, aber der Brief hat es zuletzt zum
Ausbruch gebracht.

Aber Mathes, Ihr vor allen Anderen habt doch Euer Auskommen hier im
Land, rief jetzt auch Lobsich, whrend der Apotheker das ihm eben
gebrachte Glas auf einen Zug hinuntergo, wie um seinen Ingrimm damit
nieder zu splen -- wenn Ihr nach Amerika auswandern wollt, wer soll denn
noch da bleiben?

Ich _bliebe_ auch, sagte Mathes rasch und mit vor innerer Bewegung fast
erstickter Stimme, ich bliebe auch, wenn mich mein Vater liee, aber --
der will nicht in die Heirath willigen mit Roner's Kthchen, des Huslers
Tochter aus Rodnach; hier hlt er mich dabei unter dem Daumen mit seinem
Gut und Geld, und das Mdchen stirbt mir indessen in Arbeit und Gram; dort
drben aber ist ein Platz, wo fleiige Menschen auch durchkommen knnen
mit Gottes Hlfe _ohne_ Geld, _ohne_ Ansehn. Der Lauber hatte gar Nichts
wie er hinberging; nicht das Hemd auf seinem Rcken war sein, und ich
wei da er nicht einen rothen Pfennig mit in das fremde Land gebracht
hat. Aus dem ist jetzt ein rechtschaffener Farmer geworden, mit eigenem
Land, Haus und Vieh, und was der kann -- schwere Noth noch einmal -- das
kann ich auch. Ich gehe hinber, nehme das Kthchen mit -- Geld zur
Ueberfahrt krieg ich schon, und wenn ich meine beiden Schimmel um den
halben Werth verkaufen sollte, und dort hilft der liebe Gott schon weiter.
Verhungern werden wir nicht, und ich brauche mir hier nicht mehr unter die
Nase reiben zu lassen, das sollst Du thun und das nicht, und _die_ sollst
Du heirathen, die Du nicht magst und willst, und die Dich lieb hat und
Dich glcklich machen kann, der sollst Du das Herz brechen -- weil ihr eben
nur der volle Geldsack fehlt.

Unsinn! sagte der Apotheker, jetzt wieder und zwar im Ernste aufstehend
-- wenn Jemand einmal rein verrckt geworden ist, lt sich auch nicht
mehr mit ihm streiten. Gehn Sie mit Kellmann?

Ja, gleich, erwiederte der Gefragte -- wei denn aber schon Euer Vater
um den Plan, Mathes?

Heute hab' ich's ihm gesagt, erwiederte der Gefragte leise -- aber er
glaubt es noch nicht.

Und ist es denn schon wirklich so fest bestimmt? sagte Kellmann
theilnehmend.

Meine Passage in Bremen fr mich und -- meine _Frau_ ist schon bezahlt,
rief der junge Bursch da entschlossen -- den funfzehnten geht das Schiff
ab, und ich habe nur noch eben Zeit das Nothwendigste in Ordnung zu
bringen.

Ja da kmmt freilich jeder gute Rath zu spt, sagte Kellmann, jetzt
ebenfalls aufstehend und seinen Hut ergreifend, wenn der Sprung erst
einmal geschehen ist, braucht man nicht mehr ber das Springen zu streiten
und ich wnsche Euch das Beste in Euerer neuen Heimath.

Ich wei es, ich wei es, sagte Mathes gerhrt -- aber vielleicht seh
ich Sie selber noch einmal auf freiem Boden drben, mit Axt oder Pflug in
der Hand, wie ein wackerer, richtiger Farmer.

Wen -- mich? rief aber Kellmann ordentlich erschreckt aus -- ich nach dem
vermaledeiten Lande, da alle unsere besten Brger frit? Nein Mathes, fr
dies Leben nicht -- aber wann geht Ihr fort? vielleicht lt Euer Vater
doch noch mit sich reden, und lenkt ein wenn er sieht da es Euch wirklich
Ernst ist.

Mathes schttelte mit dem Kopf und der Actuar rief:

Ein Bauer und einlenken, Kellmann? -- da kennt Ihr unseren deutschen Bauer
nicht; worauf der einmal seinen Dickkopf gesetzt hat, da mu er durch, und
wenn's nicht geht, so zerhaut er sich eben den Schdel, aber er lt nicht
nach. Der alte Vogel und nachgeben; Du lieber Gott, wenn er den eigenen
Sohn mit einem einzigen Wort vom Verderben retten knnte -- er sprch es
nicht.

Na, da kann ich wohl auch meine Bude hier bald zuschlieen und mitgehn,
sagte Lobsich, sich den Kopf kratzend -- Schwerebrett das ist mir -- hm --
hm -- ist mir doch was Unbedeutendes, das -- das Amerika.

Und was sagt denn das Kthchen dazu? frug Kellmann jetzt den Mathes,
whrend die Uebrigen schon aufgestanden waren und sich zum fortgehn
gerstet hatten.

Die weint und will nicht mit, sagte Mathes leise -- aber sie wird schon
gehen.

Sie will nicht mit?

Sie meint, es brche meinem Vater das Herz.

Das Herz brechen? -- dem alten Vogel? lachte aber dieser verchtlich --
na Gott sei Dank, die hat einen guten Begriff von ihm -- als ob dem etwas
das Herz brechen knnte.

Nun, es frgt sich nur jetzt wem sie es lieber bricht, meinte der
Actuar, dem Alten, wenn sie geht, oder dem Jungen, wenn sie bleibt -- die
Wahl wird ihr nicht schwer werden. Aber Schollfeld, Ihr seid ja auf einmal
so still geworden?

Ach lat mich zufrieden, brummte dieser rgerlich -- wei es Gott, man
mchte am Ende selber mit hinberlaufen, nur Nichts mehr von dem
verwnschten Auswandern reden zu hren.

Hahahaha! rief da Kellmann, Schollfeld bekmmt auch berseeische
Ideen.

Ueberseeische -- htte bald was gesagt, knurrte dieser aber, auf der
Strae hingehend, ohne weder Mathes noch Lobsich gute Nacht zu sagen.

Die Uebrigen wechselten noch kurzen Gru mit ihren Bekannten dort,
zndeten sich frische Cigarren an, und schlenderten langsam, den
freundlichen Abend so viel als mglich zu genieen, die Strae hinab, der
eigenen Heimath zu.





                                Capitel 3.


                              DER DIEBSTAHL.


Zehn Minuten mochten sie so etwa schweigend nebeneinander hergegangen
sein, als hinter ihnen auf der Strae eine Equipage und klappernde
Hufschlge gehrt wurden, die sie rasch einholten und an ihnen
vorbeirauschten, eine dicke Staubwolke dabei ber den Weg wlzend. Es war
die Familie Dollinger mit dem, neben dem Wagen hin galoppirenden Fremden,
dem Brutigam der Tochter.

Die kommen schneller von der Stelle als die armen Auswanderer vorhin,
sagte Kellmann, als sie vorbei waren -- Wetter noch einmal, es ist doch
ein anderes Ding so ein paar flchtige Rappen vor sich zu haben, und wie
im Flug durch die Welt zu jagen, als mit einem schweren Packen auf dem
Rcken und wunden Fen vielleicht, mhselig die staubige Strae entlang
zu keuchen.

Ja, die Gaben sind ungleich vertheilt in der Welt, seufzte der Actuar,
was der Eine haben mchte, _hat_ der Andere schon, und das ist auch wohl
das ganze Geheimni der socialen Frage, lt sich aber nun einmal nicht
ndern, und wir drfen vielleicht den Kopf darber schtteln, und wnschen
da es anders wre, aber weiter eben Nichts.

Der auf dem Pferd, war der Dings da von Amerika, sagte der Apotheker
jetzt, der das schmhlige Geld hat und des reichen Dollingers Tochter
noch dazu heirathet. Soll mir noch einmal einer sagen da Eisen der
strkste Magnet sei; Gold ist's, und wo das liegt zieht es anderes hin.

Und wie steht's mit Actien? lachte Kellmann.

Bah -- bleibt immer dasselbe, brummte der Apotheker, das Gold steckt
darin, und kann durch einen sehr einfachen chemischen Proce leicht
herausgezogen werden -- wenn man sie hat.

Es wundert mich brigens da der alte Dollinger sein Kind ber das groe
Wasser hinberziehen lt, meinte der Actuar -- dem htte es doch auch
hier im Lande nicht an einer eben so guten Parthie gefehlt.

Liebe, meinte Kellmann achselzuckend -- Liebe ist blind sagt ein altes
Sprichwort; dagegen lassen sich eben keine Grnde anbringen. Wr's
brigens auch nicht wegen dem groen Wasser, der Bursche gefllt mir
auerdem nicht, und ich mchte ihm meine Tochter nicht geben und wenn er
bis ber die Ohren in Golde stcke. Er hat ein verschlossenes,
hochfhrtiges Wesen, behandelt den gemeinen Mann wie einen Hund, und
spricht von Allem was wir hier haben, unseren Einrichtungen, unseren
Gesetzen, unseren Vergngungen selber, ja unserem Klima und Land, das doch
zum Henker auch _sein_ Vaterland ist, mit der grten Verachtung. Amerika,
und immer wieder Amerika, hinten und vorn; ei Blitz und Hagel, ich will
gar nicht leugnen da es manche gute Seiten haben mag, das Amerika, wenn
ich sie auch gerade nicht einsehen kann, aber so viel besser wie unser
Deutschland ist es doch auch nicht drben, und wenn's so einem Burschen da
einmal zufllig geglckt ist, sollt' er nicht als Lockvogel sich hier
mitten zwischen uns hineinsetzen, anderen vernnftigen Leuten
unglckselige Ideeen in den Kopf zu pflanzen.

Wenn sich andere vernnftige Leute solche Ideeen einpflanzen _lassen_,
geschieht's ihnen ganz recht, sagte der Apotheker -- man braucht nicht zu
glauben was jeder dahergelaufene Lump eben sagt.

Nun _ganz_ ohne kann's aber auch nicht sein, meinte Kellmann
kopfschttelnd, und ich -- ich halt' es immer fr gefhrlich. S'ist
merkwrdig, wie rasch sich das mit der Hochzeit gemacht hat.

Nun, wer sich die Braut gleich fix und fertig aus dem Wasser zieht hat
leicht freien, sagte der Actuar -- Glck mu der Mensch haben, dann geht
Alles wie am Schnrchen; wer aber _das_ nicht hat, der mag sein Lebtag
fischen und fngt doch Nichts -- am wenigsten aber solch einen Goldfisch.

Wo stammt er denn eigentlich her? frug der Apotheker jetzt, wie sie
wieder eine Weile schweigend neben einander hingegangen waren, man hrt
doch sonst eigentlich gar Nichts von ihm, und er kommt auch mit keinem
Menschen weiter zusammen -- stolzer aufgeblasener Bursche der.

Gott wei es, sagte der Actuar; er ist, glaub' ich, mit einem
hollndischen Schiff herbergekommen, und hatte einen Pa von Amsterdam.

Und der Pa lautete nach Heilingen?

Nun nicht gerade nach Heilingen, aber doch nach der Residenz, und wie
sich die Sache dann hier mit der Dollingerschen Familie gestaltete, nun
lieber Gott, da drckte der Stadtrath das eine, und die Stadtverordneten
drckten das andere Auge zu, und man sah nicht so genau nach den Papieren.
Ueberdie verzehrte er ja hier viel Geld; wr' es ein armer Teufel
gewesen, htten wir ihn wahrscheinlich schon bald wieder ber die Grenze
gehabt.

Hm, ja, glaub's, sagte Kellmann mit dem Kopfe nickend, s'ist in
Heilingen eben nicht anders wie -- wie anderswo -- warum auch?

Das Gesprch drehte sich von da ab, auf die stdtischen Einrichtungen,
deren wrmster Vertheidiger der Apotheker war, und ber die sich der
Actuar natrlich nur sehr vorsichtig auslie, whrend sie Kellmann um so
unnachsichtiger angriff; kam dann auf die Saat und die Preise, und wieder
mit einem Seitensprung auf die jetzige Politik unseres lieben deutschen
Reiches, bis sie das Thor und zwar gerade mit Sonnenuntergang erreichten,
wo Jeder seinen Weg ging, die eigene Heimath aufzusuchen.

Der Actuar Ledermann besonders, der an dem entgegengesetzten Ende der
Stadt wohnte, beeilte seine Schritte, noch vor einbrechender Dunkelheit
seine Wohnung zu erreichen; das Gercht ging nmlich in der Stadt, da ihn
seine Ehehlfte bei solchen Gelegenheiten oft allerdings sehr unfreundlich
empfange, und ihm einmal sogar schon einige sonst sehr ntzliche, bei
_der_ Gelegenheit aber nichts weniger als passende husliche Gerthe
entgegen und vor die Fe geworfen habe. Thatsache war, da Madame oder
Frau Actuar Ledermann, was auch ihres Gemahls Thtigkeit und Ansehn
auerhalb seiner eigenen vier Pfhlen sein mochte, _innerhalb_ derselben
jedenfalls das Commando, und nicht immer mit Migung fhrte, und der
Actuar suchte den Hausfrieden wenigstens soviel als mglich zu erhalten
und jeden Anla, zu irgend einer Strung desselben, zu vermeiden.

Mit solchen Gedanken vielleicht im Kopf, wollte Ledermann eben vom
Marktplatz aus in die Strae einbiegen, an deren uersten Ende seine
eigene, sehr bescheidene Wohnung stand, als er seinen Titel genannt und
sich selber gerufen hrte.

Herr Actuar -- Herr Actuar Ledermann.

Er drehte sich rasch um und sah einen Gerichtsdiener eilig auf sich
zukommen, der, die Mtze abnehmend, vor ihm stehen blieb und ihm meldete,
da er eben abgeschickt worden ihn zu holen oder aufzusuchen, da ein
Einbruch geschehen sei, ber den an Ort und Stelle Protokoll aufgenommen
werden solle.

Protokoll aufnehmen? sagte Actuar Ledermann, keineswegs angenehm
berrascht; ja was hab ich denn heute damit zu thun, wo ist mein
_College_?

Herr Actuar Beller sind unwohl geworden, heute Nachmittag, berichtete
der Polizeidiener, und muten zu Hause gehn; ich bin eben abgeschickt zu
sehn, welchen von den andern Herren ich zuerst treffen knnte.

Hm -- ist sehr amsant, brummte Ledermann vor sich hin -- kommt mir
gerade apropos. Bei wem ist es denn?

Bei Herrn Dollinger.

Was? -- bei Kaufmann Dollinger? rief der Actuar rasch und erstaunt -- am
hellen Tag, whrend er ausgefahren war?

Er ist, wenn ich nicht irre, eben zu Hause gekommen, berichtete der
Mann, und hat glaub' ich sein Pult geffnet, und eine bedeutende Summe
Geldes entwendet gefunden.

Hm, hm, hm, sagte der Actuar kopfschttelnd und seinen Rock dabei, den
er der Bequemlichkeit wegen aufgelassen hatte, zuknpfend, es wird immer
besser hier bei uns. Am hellen lichten Tage. Aber die ganze Stadt steckt
auch voll fremden Volkes, das sich natrlich keine Gelegenheit
entschlpfen lt Reisegeld zu bekommen.

Es mu doch wohl Jemand gewesen sein der mit dem Hause genau bekannt
war, sagte der Polizeidiener -- nach dem wenigstens, was ich bis jetzt
von den Dienstleuten darber gehrt habe, kann's nicht gut anders sein.

Nun wir werden ja sehn; da mu ich aber erst  -- 

Wenn sich der Herr Actuar nur eben an Ort und Stelle bemhen wollen,
sagte jedoch der Diener des Gerichts, alles Nthige ist schon dorthin
geschafft und ich war eben nur fortgelaufen, einen der Herren zu suchen.

Der Actuar, dem Dienste natrlich Folge leistend, seufzte tief auf und
schritt, im Geist wahrscheinlich des Empfangs gedenkend, der seiner
harrte, wenn seine Frau auf ihn mit dem Abendessen warten mute, rasch die
Poststrae hinaufbiegend, dem gar nicht weit entfernten Dollinger'schen
Hause zu, dort den Thatbestand in Augenschein und zu Protokoll zu nehmen,
etwaige Spuren des Uebelthters zu entdecken und zu verfolgen, und die
Leute im Hause nach mglichem Verdachte zu inquiriren.

                                * * * * *

Im Hause des reichen Kaufmanns Dollinger, in dem Alles sonst so still und
ruhig und wie am Schnrchen zuging, wo Jeder seine angemessene und fest
bestimmte Beschftigung hatte, genau wute was ihm oblag, und das that,
ohne eben viel Lrm darum zu machen, lief und rannte und sprach heute
alles durcheinander, und smmtliche Bande der Ordnung schienen gelst.

Frau Dollinger vor allen Dingen lag in Krmpfen in ihrem Boudoir, und
beanspruchte die Hlfe ihrer beiden Tchter und der weiblichen Dienstboten
im Haus, ihren Zustand zu bewachen; Herr Dollinger selber war in seinem
Zimmer des obern Stocks, und ging dort mit raschen Schritten und auf den
Rcken gekreuzten Armen auf und ab, whrend dem jungen Henkel indessen die
Bewachung des Platzes selber bertragen war, und die andern Dienstboten,
mit einem nicht unbedeutenden Theil der Nachbarschaft und deren
Verwandten, in den verschiedenen Winkeln und Ecken des Hauses herumstanden
und kopfschttelnd, die Hnde ein ber das andere Mal in Verwunderung
zusammenschlugen. Die verschiedenartigsten Vermuthungen und Beweise wurden
da laut, und die Orte und Stellungen oder Beschftigungen jedes Einzelnen
auf das Genaueste und Peinlichste angegeben, wo und wie sich Jeder gerade
in der Zeit etwa befunden haben mochte, als die entsetzliche, verruchte
That geschehen und vollbracht sein mute.

Dem Actuar, mit dem ihm folgenden Gerichtsdiener wurde brigens willig und
dienstfertig Platz gemacht; Alle wollten aber hinter drein, und die Frauen
besonders gaben dabei durch die entschiedensten Ausrufe -- Ne Du meine
Gte und Ne so was ihre vollkommenste Misbilligung des Geschehenen zu
erkennen. Nichts desto weniger wurde auch selbst ihnen die Thre vor der
Nase zugemacht, und Einer der Bedienten bekam strenge Ordre die Hausflur
zu rumen, und Niemand mehr, so lange die Untersuchung dauere, die Treppe
hinaufzulassen, ausgenommen, es wisse Jemand noch um den Diebstahl, und
knne irgend einen Fingerzeig geben den Dieben auf die Spur zu kommen;
solche Zeugen sollten nachher vernommen werden.

Oben an der Treppe empfing sie Herr Henkel, um sie gleich zu dem Ort, wo
der Diebstahl verbt worden, hinzufhren; einer der Leute war indessen
abgeschickt Hrn. Dollinger selber zu rufen, und dieser erschien jetzt, den
Actuar freundlich grend.

Es war indessen schon ziemlich dunkel, und im Zimmer Licht angezndet
worden.

Ich bedaure sehr, Herr Dollinger, sagte der Actuar, da, wie ich gehrt
habe, eine so fatale Sache mich hier in Ihr Haus gefhrt haben mu.

Ja allerdings, erwiederte der alte Herr, ist es sehr unangenehm;
weniger des Verlustes wegen, der sich allenfalls ertragen lie, als wegen
dem Bewutsein getuschten Vertrauens, mit selbst keinem gewissen
Anhaltspunkt auf Verdacht. Ich wollte gern das Doppelte verloren haben,
wenn es htte knnen auf andere Weise geschehn.

Das Ganze ist brigens mit einer raffinirten Geschicklichkeit
ausgefhrt, fiel Henkel hier ein, und der Thter, wer auch immer,
jedenfalls ein hchst gefhrliches Subject, von dem ich nur hoffen will
da wir ihm auf die Spur kommen.

Drfte ich Sie bitten mir den Platz zu zeigen?

Treten Sie hier in das Zimmer meiner Tchter; dort der Secretair ist
erbrochen.

Hm -- mit einem breiten meielartigen Instrument, sagte der Actuar nach
kurzer Besichtigung der offenen, arg beschdigten Mahagoniplatte -- und
die Thr ebenfalls eingebrochen?

Nein -- die Thr ist unbeschdigt und mu jedenfalls mit einem
Nachschlssel geffnet sein.

Und was vermissen Sie in dem Secretair?

Eine Summe Geldes, die ich erst vor wenigen Stunden, und im Beisein
meiner Familie und eines zuverlssigen Comptoirdieners, im Paket wie ich
sie von der Post erhalten, hier eingeschlossen hatte, und von der der Dieb
auf eine mir unbegreifliche Weise mu Kenntni bekommen haben.

Wer ist dieser Comptoirdiener?

Oh, Loenwerder; Sie kennen ihn ja wohl?

Loenwerder, sagte der Actuar nachdenkend -- ist wohl schon eine ganze
Weile in Ihrem Geschft?

Schon zwlf Jahr; mit keinem Schatten irgend eines Verdachts; ich nahm
ihn als einen ganz jungen Burschen in mein Haus; er mu aber gegen irgend
Jemand davon gesprochen haben.

Hm, hm, wollen ihn uns doch einmal nachher besehn; also hier hinein
hatten Sie das Geld gelegt?

Es ist ein Secretair, den meine Tchter gemeinschaftlich benutzen, und zu
dem jede von ihnen ihren Schlssel hat. Bitte lieber Henkel, lassen Sie
doch einmal Sophie oder Clara einen Augenblick zu uns herber rufen.

Ich habe schon das Mdchen geschickt, eine der jungen Damen ersuchen zu
lassen, entgegnete der junge Henkel, der indessen im Zimmer umhergegangen
war, und sich berall umgesehen hatte, ob nicht vielleicht doch der Dieb
irgend eine Spur, irgend ein Zeichen hinterlassen habe, an das man sich
spter einmal halten knne.  --

Und vermissen Sie weiter Nichts als das Geld? frug der Actuar.

Auch ein Schmuck meiner ltesten Tochter scheint mit geraubt zu sein,
sagte Herr Dollinger -- aber da kommt Clara, die Ihnen das Nhere davon
selber angeben wird.

Clara betrat in diesem Augenblick das Gemach; sie sah todtenbleich und
angegriffen aus, und Henkel eilte ihr entgegen sie zu untersttzen.

Clara, mein liebes armes Kind, sagte Herr Dollinger, auf sie zugehend
und die Hand nach ihr ausstreckend, fehlt Dir etwas? -- Der Schreck hat
Dich wohl so angegriffen. Mach Dir doch nur keine Sorge, mein Herz;
vielleicht bekommen wir Alles wieder und wenn nicht -- nun ein _Unglck_
ist es dann auch nicht; wenn Ihr mir nur Alle gesund bleibt, knnen wir
die paar tausend Thaler schon verschmerzen.

Es ist nicht der Verlust, lieber Vater, sagte aber das junge Mdchen,
sich gewaltsam zusammennehmend, und des Vaters Hand ergreifend -- nur die
Ueberraschung, der Schreck wahrscheinlich, und das -- das Unheimliche
dabei, als ich mein Zimmer vorhin betrat, und die Spuren des verbten
Verbrechens entdeckte. Ich frchtete die entsetzlichen Menschen noch
irgend wo zu sehn, die vielleicht hinter einer Gardine stehen, unter einem
der Divans liegen, hinter einem Ofen lauern konnten und, wenn entdeckt, zu
verzweifelter Gegenwehr getrieben mich anfallen wrden, und all solch
kindische Gedanken mehr. Dort der auf den Tisch geworfene Regenschirm
dabei, die hinuntergeworfene Stickerei von dem Secretair selber, am
meisten aber der Tabaksgeruch im Zimmer und die verlschte, angerauchte
Cigarre dort auf dem Fensterbret, erfllten mir das Herz mit einem
unbeschreiblichen Grausen.

Eine Cigarre? sagte Ledermann, sich vergebens nach dem bezeichneten
Gegenstand umschauend -- wo lag sie?

Dort im Fenster, als ich zurckkam.

Die alte angerauchte Cigarre? sagte Henkel rasch -- die hab' ich zum
Fenster hinausgeworfen; ich glaubte Einer der Dienerschaft htte sie in
der Aufregung mit hereingebracht und dort abgelegt -- sie mu unten auf der
Strae liegen.

Bitte schicken Sie doch einmal einen Burschen danach, da er sie
heraufholt, sagte der Actuar; man darf auch das Unbedeutendste nicht
unbeachtet lassen, und wir wollen indessen die vermiten Gegenstnde
aufnehmen. Das Geld?  -- 

Davon giebt Ihnen dieser Brief das genaue Verzeichni, sagte Herr
Dollinger, aber ich frchte fast da wir durch das Geld selber nicht auf
die Spur kommen werden, indem das Paket fast nur Gold und kleinere
Banknoten enthielt, die leicht umzusetzen und schwer zu controliren sind.
Eher hoffe ich durch den Schmuck den Dieb verrathen zu sehn, da einige
sehr auffllige Stcke, wie ich hre, dabei gewesen sind.

Drfte ich Sie um eine genaue Angabe derselben, heute Abend noch, wenn
irgend mglich _schriftlich_ bitten? erwiderte, nach einigem Besinnen,
der Actuar, diese Einzelheiten wrden mich jetzt zu lange aufhalten.

Kannst Du das geben, Clara?

Bis auf die kleinste Nadel hinunter, sagte das junge Mdchen rasch,
besonders auffllig war eine kleine, rundum mit Brillanten besetzte
Broche, ein Erbstck unserer Gromutter, und ausgezeichnet vor jedem
andern Schmuck, den ich noch in meinem ganzen Leben gesehen, durch einen,
in der Mitte gefaten, genau dreieckigen, hellblauen und wundervollen
Turquis. Mein Schmuck lag gleich dicht dahinter, den aber mu der Dieb in
der Eile bersehen haben; er ist unangerhrt geblieben.

Das ist allerdings glcklich, sagte der Actuar, wre wohl auch des
Mitnehmens werth gewesen. Lag gleich dabei?

Hier in dem rothen Kstchen.

Aber das ist auch geffnet worden.

Das? -- nein, das hab ich wohl selbst geffnet, nachzusehen, ob auch Alles
darin sei, und nicht wieder ordentlich geschlossen. Die Haken waren
allerdings auf, wenn ich mich nicht ganz irre, aber der Dieb hat
keinenfalls eine Ahnung gehabt, welchen Werth das kleine unscheinbare
Kstchen enthalte, oder es stnde jetzt nicht mehr da.

Sehr wahrscheinlich, hm -- aber Sie vergeben wohl nicht, mein Frulein,
alle diese Einzelheiten besonders zu notiren; wer wei ob sie nicht noch
einmal wichtig werden. Ah, da kommt auch Herr Henkel wieder; haben Sie die
Cigarre gefunden?

Gott wei wo sie ist; lachte dieser, irgend Jemand mu es doch noch der
Mhe werth gehalten haben sie aufzuheben, und in einer Pfeife vielleicht
zu verrauchen -- ich bin selber hinunter gegangen, kann sie aber nirgends
mehr entdecken. Uebrigens ist es auch fast dunkel geworden, und ich werde
morgen ganz frh nachsuchen lassen. Der Stummel wird Ihnen freilich nicht
viel helfen.

Man wei nicht, sagte der Actuar kopfschttelnd, je nach der Gte des
Tabaks lie sich vielleicht auf die Schicht der menschlichen Gesellschaft
schlieen, in der sich unser heimlicher Besuch herumtriebe. Aber das ist
allerdings Nebensache; wo also ist der Dieb hereingekommen? -- hier durch
diese Thr?

Doch wohl vom Garten her durch das Fenster Euers Schlafzimmers, sagte
Herr Dollinger, denn durch das Haus wrde er es sich am hellen Tage im
Leben nicht getraut haben.

Aber ich mchte meine Seligkeit zum Pfande setzen da ich den Schlssel,
der nach unserer Schlafkammer fhrt, ehe wir fortgingen, herumgedreht und
stecken gelassen htte, so da von innen ein Oeffnen unmglich war.

Und war die Thr noch verschlossen wie wir zurckkamen?

Nein, nur in's Schlo gedrckt, aber der Schlssel stak darin.

Hm, hm, hm -- dann ist der Bursche dort wahrscheinlich hinaus -- sagte der
Actuar -- zur Thr hier hereingekommen und dort zur Nothrhre hinaus -- hm,
mu aber genau mit der Gelegenheit bekannt sein. Mein lieber Herr
Dollinger, wir werden Ihre Leute doch ein wenig scharf in's Gebet nehmen
mssen, denn ein ganz Fremder, kann sich die Zeit nicht so abgepat
haben.

Wo kommt der Blumenstock her? sagte da pltzlich Clara rasch und
erstaunt, auf einen sehr schnen Rosenstock deutend, der in ihrem Fenster,
zunchst der Thre stand -- wer hat den jetzt hier heraufgestellt?

So lange wir hier sind Niemand -- rief Henkel -- war er vorher nicht da?

Nicht heute Mittag, das wei ich gewi; aber vielleicht hat ihn eins der
Dienstleute mir heimlich hier hereingesetzt.

Heimlich? -- so? sagte der Actuar, den freundlichen Geber wollen wir
also vor allen Dingen einmal herauszubekommen suchen.

Es ist heute mein Geburtstag, sagte Clara leise und errthend.

Oh? meinte Herr Ledermann mit einem freundlichen Lcheln, da thut es
mir freilich leid, meine ganz ergebensten Gratulationen zu keiner
angenehmeren Zeit vorbringen zu knnen -- will eben nicht passen bei einer
solchen Untersuchung, kann es aber doch auch nicht geradezu
hinunterschlucken -- ich gratulire eben nicht zur Untersuchung.

Es mu gewi ein gesegnetes Land sein, sagte Henkel mit einem leisen,
halb boshaften Lcheln, wo die Polizei sogar witzig sein kann.

Hm, meinte der lange Aktuar, sich nach dem Sprecher umdrehend, die
Polizei macht eben keinen Anspruch darauf, und ist das meistens
Privateigenthum. Aber wir wollen die Zeit nicht mit Allotrien vergeuden;
ist nicht herauszubekommen wer den Blumenstock hier, whrend Ihrer
Abwesenheit in das Zimmer gesetzt hat?

Jedenfalls mssen die Dienstboten darum wissen, sagte der junge Henkel,
und es wird das Beste sein sie einzeln darum zu befragen.

Allerdings; -- Einzelverhr hat berhaupt viele Vortheile, bitte schicken
Sie einmal die Leute herauf, da man vor allen Dingen ihre Gesichter zu
sehen bekommt.

Aber nicht hier, Vterchen, nicht wahr nicht hier in meiner Stube? bat
Clara -- ich wrde den fatalen Gedanken im Leben nicht wieder los.

Wir wollen hinuntergehn in das untere Zimmer, sagte Herr Dollinger,
freundlich dem Wunsch der Tochter nachgebend, es lt sich das dort eben
so gut abmachen als hier.

Manchmal ist der Platz des Verbrechens selber der geeignetste, warf der
Actuar ein, aber wie Sie wnschen -- nur um eines mchte ich Sie noch
vorher bitten, da ich mir einmal die Stelle oder das Fenster ansehn darf,
durch das sich Ihrer Vermuthung nach, der oder die Diebe entfernt haben
knnten.

In unserem Schlafzimmer?

Doch durch diese Thr?

Lieber Henkel, Sie sind wohl indessen so freundlich, meine Leute unten
zusammenzurufen; wir kommen gleich hinunter. Sie werden heut viel
belstigt.

Aber ich bitte Sie, bester Herr Dollinger, sagte der junge Mann, rasch
seinen Hut aufgreifend, wenn ich Ihnen nur darin von irgend einem
wirklichen Nutzen sein knnte. Lieber erlauben Sie mir vielleicht mit
Ihnen einer mglichen Spur zu folgen, denn meine Augen sind darin
vielleicht schrfer als manche andere.

Es wird in der Dunkelheit nicht eben mehr viel zu spren geben, meinte
inde der Actuar; das werden wir uns mssen auf morgen frh aufsparen --
also jetzt noch das Fenster, wenn ich bitten darf -- ich mchte mir nur die
Gelegenheit einmal von oben besehn.

Clara selber ffnete die Thr und fhrte dem Actuar mit ihrem Vater in das
kleine freundliche Gemach, dessen beide, schon von Bltter schieenden
Weinranken berzogene Fenster, auf den Garten hinaussahen. Das eine
Fenster war allerdings geffnet gewesen, aber der Rankenwuchs so dicht
zusammengezogen, da sich ein Krper kaum htte hindurchzwingen knnen.
Die Hhe nach dem Garten hinunter, und gerade unter dem Fenster sollte ein
kleiner Rasenplatz sein, war eben nicht betrchtlich, vielleicht zehn oder
zwlf Fu, und unten umgab niederer aber ziemlich dichter Hollunder den
Rasen. Im Zimmer selber lie sich aber nicht das mindeste erkennen, das
einen solchen Verdacht untersttzt htte; das Einzige was dafr sprach,
war die aufgeschlossene Thr.

Zu der Unterstube des Hauses waren indessen die Dienstleute versammelt
worden, streng examinirt zu werden. Der Hausmagd vor allen andern lag die
Pflicht ob, die Etage, wenn sie nach unten in die Kche ging, in
Abwesenheit der Herrschaft verschlossen zu halten. Diese aber behauptete
steif und fest, und weinte dabei und rief Gott und alle Heiligen zu Zeugen
an, da sie die Vorsaalthr auch ordentlich, zweimal herum abgeschlossen
und den Schlssel zu sich gesteckt htte, und Niemanden in der weiten
Gotteswelt gesehen habe, der das Haus in der Zeit betreten haben knne.
Trotzdem aber sei die Vorsaalthr, als sie wieder nach oben gekommen
offen, wenigstens aufgeschlossen, wenn auch zugeklinkt gewesen, und sie
htte selber im Anfang nicht begreifen knnen wie das mglich wre, aber
auch nicht weiter darber nachgedacht, und es ihrer eigenen
Unaufmerksamkeit zugeschoben. Nach der Abfahrt der Herrschaft sei sie aber
nur eine ganz ganz kurze Zeit unten geblieben um -- sie wollte erst nicht
mit der Sprache heraus, aber der Herr Actuar drngte gar so sehr -- um den
jungen Herrn Henkel fortreiten zu sehn. Nachher mochte sie vielleicht noch
zehn Minuten der Kchin geholfen haben, und war dann nicht wieder von dem
Vorsaal oben fortgekommen, auf dessen Balkon sie gesessen und genht
hatte. In der Zeit habe Niemand mehr den Vorsaal oder des Fruleins Zimmer
betreten, darauf wolle sie das heilige Abendmahl nehmen, und der Diebstahl
msse jedenfalls in den paar Minuten, die zwischen dem Fortreiten des
jungen Herrn und ihrem eigenen Wiederhinaufgehn nach oben gelegen htten,
verbt sein -- anders war es nicht mglich.

Wer aber hatte den Blumenstock in des Fruleins Zimmer gestellt?

Einen Blumenstock? -- whrend die Herrschaft fort war?

Allerdings, eine Monatsrose -- in das Fenster nchst der Thr.

Der das gethan hat, msse damit zum Fenster, oder in derselben Zeit mit
einem Nachschlssel zur Thr hereingekommen sein, als der Diebstahl verbt
worden, denn sie htte keine Seele im Haus gesehn.

Die Dienstboten hatten indessen mit einander geflstert, als der Actuar
das Wort nahm und mit langsam bedchtiger, aber ziemlich ernster Stimme
sagte:

Hrt einmal Leute, ich will Euch etwas sagen; Ihr habt Euch da gut
unschuldig stellen, als ob Ihr eben erst auf die Welt gekommen wrt, damit
dringt Ihr aber nicht durch. Das Geld ist fort -- Ihr seid die Einzigen die
unter der Zeit im Haus waren, und Euere Pflicht wre es gewesen  --

Aber Herr Actuarius  --

Ruhe da, wenn ich Euch etwas mitzutheilen habe -- und Euere Pflicht wre
es gewesen, sag' ich, aufzupassen, da niemand Fremdes den Platz betrat,
der Euch anvertraut war, und fr den Ihr also auch in der Zeit zu stehn
hattet. Jemand ist aber in der Zeit da gewesen, und hat etwas gebracht und
etwas geholt, und man wird sich jetzt an _Euch_ halten mssen, bis der
Jemand ausfindig gemacht ist. Was giebt's da hinten -- was ist gekommen?

Dullmanns Rieke von ber dem Weg drben, sagte die Kchin jetzt, gegen
den Actuar vortretend, will den Loenwerder haben heimlich aus dem Haus
schleichen sehn. Da _haben_ Sie einen; _uns_ brauchen Sie so etwas nicht
unter die Nase zu reiben, Herr Actuar -- wir sind ehrliche Dienstboten die
sich ihr bischen Brot sauer genug im Schweie ihres Angesichts  -- 

Ach halt' sie das Maul, fiel ihr aber der Actuar etwas unsanft in die
Rede -- _wer_ ist im Haus gewesen, Loenwerder? -- und heimlich
hinausgeschlichen? -- wer hat ihn gesehn?

Hier die Rieke von Dullmann's  -- 

Wann war das? fragte der Actuar das jetzt vorgeschobene Mdchen, das
feuerroth wurde und ihren einen Schrzenzipfel anfing wie einen Plumpsack
zusammenzudrehen. Erst ganz kurze Zeit vorher hatte sie einer ihrer
Freundinnen im Dollinger'schen Haus, und gewi nicht in der Absicht die
Mittheilung gemacht, gleich damit, ohne weitere Warnung, vor die Polizei
gezogen zu werden.

Nun Mamsell -- wie hie sie? -- Rieke? -- Wann haben Sie Loenwerder aus dem
Haus kommen sehn, und ist er ruhig hinausgegangen oder _geschlichen_?

Wenn Loenwerder im Haus war, sagte Herr Dollinger ruhig, so wird er
auch ordentlich hinaus_gegangen_ und nicht geschlichen sein; der wre der
Letzte dem ich so etwas zutrauen mchte.

Die Rieke behauptet, fiel aber hier die Kchin in dem Bewutsein
unrechtlich gekrnkten Ehrgefhls rasch ein, da sie gar nicht auf ihn
geachtet haben wrde, wenn er sich nicht so schnell und heimlich, und
dicht unter den Fenstern, am Hause hingedrckt htte. Wer kein bses
Gewissen hat, kann gerade und offen gehen.

Sie sind aber gar nicht gefragt, zum Henker noch einmal, rief der Actuar
jetzt ungeduldig werdend -- wenn Sie jetzt nicht ruhig sind, lasse ich Sie
so lange hinausfhren, bis wir Sie wieder brauchen. Hier Mamsell Rieke;
wenn Sie sich die Schrze abgedreht haben, dann sein Sie so gut und sagen
Sie uns einmal wo und wie Sie den Herrn Loenwerder gesehen haben.

Ich -- ich wei nicht gewi߫ -- stammelte das Mdchen verlegen -- aber --
aber Loenwerder kam -- bald nachher wie die Herrschaft fortgefahren war  --


Wie lange nachher? frug der Actuar.

Etwa eine halbe Stunde denk' ich -- vielleicht nicht so lange -- kam er
viel rascher als es sonst seine Art ist, denn er geht gewhnlich immer
sehr langsam -- kam er -- kam er aus der Thr heraus, die er geschwind
hinter sich zuzog -- und dann  -- 

Und dann?  --

Und dann hielt er den Kopf nieder, als ob er nicht wollte da ihn Jemand,
der vielleicht von oben heruntershe, erkennen mchte -- hielt er den Kopf
nieder und drckte sich -- drckte sich dicht am Haus hin, so schnell er
konnte die Strae hinunter, und um die Ecke.

Und nachher? frug der Actuar.

Nu, um die Ecke kann sie doch nicht sehn, sagte die Kchin.

Ob Sie still sein wird, sagte Herr Ledermann jetzt aber wirklich bse
gemacht -- Wenzel, wenn mir die Person da jetzt noch einmal das -- noch
einmal den Mund aufthut, dann wissen Sie was Sie zu thun haben.

Sehr wohl, Herr Actuar, sagte der Gerichtsdiener  --

Und sind Sie dann nachher nicht herbergekommen und haben das den Leuten
im Hause gesagt, was Sie gesehn? frug der Actuar.

Ich habe ja aber Nichts gesehen, sagte die Rieke.

Sie haben doch den Loenwerder gesehn  --

Ja aber der geht doch so oft in das Haus hier herein, und kommt nachher
immer wieder heraus.

Der Actuar warf sich ungeduldig herber und hinber und sagte endlich
mrrisch:

Unsinn -- baarer Unsinn -- aber hatte er denn irgend etwas in der Hand? --
_trug_ er etwas?

_Trug_? -- ja -- ja sehn Sie Herr Actuar -- das kann ich Sie nicht sagen --
das wei ich nicht  -- 

Nun Sie werden doch gesehen haben, ob er irgend ein schweres Paket in der
Hand hatte oder nicht.

Ja sehn Sie, das wei ich Sie wahrhaftig nicht, aber ich glaube es fast,
sagte das Mdchen, denn ich habe den Herrn Loenwerder eigentlich noch
gar nicht anders gesehn, als da er irgend 'was getragen htte; und wenn's
nur ein paar Briefe gewesen wren, oder ein Regenschirm.

Lieber Herr Actuar, ich glaube Sie sind da auf einer falschen Fhrte,
sagte Herr Dollinger jetzt -- man kann einem Menschen allerdings nicht
in's Herz sehen, aber fr den Loenwerder mchte ich fast selber
einstehen.

Mein bester Herr Dollinger, sagte aber der Actuar kopfschttelnd, es
ist das mit den Untersuchungen eine wunderliche Sache, und Leute auf die
man am allerwenigsten gedacht, von denen man nie das geringste Unrechte
vermuthet hatte, kommen da oft in den sonderbarsten Verwickelungen vor und
-- sind schuldig. Ich selber kenne Loenwerder als einen ordentlichen
braven Menschen, und will zu Gott hoffen, da unser ganzer Verdacht
unbegrndet ist; das heimliche Schleichen aus dem Haus aber, und da ihn
Niemand sonst im Haus gesehen hat macht ihn verdchtig. Meine Pflicht ist
es wenigstens ihn selbst deshalb zu vernehmen und ich werde jedenfalls
noch heute Abend nach ihm schicken mssen -- unsere Eisenbahnverbindungen
sind jetzt zu schnell, und man darf keiner Menschenseele mehr zwlf
Stunden Vorsprung lassen, wenn man nicht oft das leere Nachsehn haben
will.

Passen Sie auf, sagte Herr Dollinger, der Loenwerder wird den
Blumenstock zum Geburtstag Clara's oben hinaufgetragen haben, und zum Dank
dafr kommt der arme Teufel jetzt noch in den Verdacht des fatalen
Diebstahls.

Wie aber ist er ohne Nachschlssel in die verschlossene Thr gekommen,
warf der Actuar ein  --

Hm  --  sagte Herr Dollinger, das wei ich freilich nicht -- nun fragen
Sie ihn selber, das wird jedenfalls der krzeste Weg sein.

Um das Verzeichni der gestohlenen Gegenstnde drfte ich Sie dann
vielleicht nachher noch bitten.

Meine Tochter wird es gerade jetzt eben schreiben, sagte Herr Dollinger,
wenn Sie nur noch kurze Zeit warten wollen.

Dann drfte ich Sie wohl bitten, es mir gleich in meine Wohnung zu
schicken, meinte der Actuar nach kurzer Ueberlegung, ich mu vor allen
Dingen erst in meine Wohnung und werde dann von da gleich noch einmal in's
Bureau gehen. Wo ist denn der Loenwerder wohl am leichtesten zu finden?

Ich habe eben nach seinem Hause geschickt, sagte Herr Dollinger, aber
dort ist er nicht. Paul, der Bursche, behauptet, er ginge manchmal, aber
selten, in eine Bierstube an der Ecke der Rnitzer und Hertzergasse, aber
dort war er auch nicht; es ist brigens an beiden Orten bestellt, ihn
gleich, so wie Jemand seiner ansichtig wird, hierherzuschicken.

Sehr wohl, sagte der Actuar, seine Papiere zusammenpackend, und sie dem
Gerichtsdiener bergebend; nach kurzer Begrung wollte er sich dann eben
entfernen, als er noch einmal in der Thr stehen blieb und, sich scharf
auf dem Absatz herumdrehend, fragte:

A prospos -- _raucht_ Loenwerder?

Soviel ich wei _nicht_, sagte Herr Dollinger.

Doch ja, manchmal, sagte Einer der Leute -- Sonntags nach Tisch z. B.
regelmig eine Cigarre.

Hm, so? sagte der Actuar und verlie dann rasch das Zimmer und Haus.

Er hatte brigens auch alle Ursache sich zu beeilen, denn daheim wartete
ein mit jeder Minute drohender aufsteigendes Unwetter auf ihn, das er mit
einer Art von verzweifelten Hoffnung immer noch mit den, dem
Gerichtsdiener wieder zu dem Zweck abgenommenen, und geschftsmig unter
den Arm geklemmten Streifen Akten abzuleiten gedachte. Jedenfalls mute
ihm der Vorfall im Dollinger'schen Haus, der so viel von seiner Zeit in
Anspruch genommen, entschuldigen. Frau Actuar Ledermann aber hatte sich
schon den ganzen Nachmittag ber, mit immer wachsender Ungeduld,
vorgenommen gehabt mit ihrem Gatten gegen Abend einen der vor der Stadt
gelegenen Grten, wo Concert sein sollte, zu besuchen und die Parthie war
ihr jetzt -- was halfen alle Grnde dagegen -- zu Wasser geworden; es
verstand sich von selbst da Actuar Ledermann die Schuld, und deshalb auch
die Folgen trug.

Frau Actuar Ledermann hatte sich brigens vor einigen Tagen, wo sie trotz
dem nassen Wetter und allen Vorstellungen ihres Mannes spatzieren gegangen
war, furchtbar erkltet, und brachte keinen lauten Ton ber die Lippen.
Das aber, und da sie ihren gerechtfertigten Ingrimm nicht mit der vollen
Kraft ihrer Stimme hinaus_gieen_ konnte ber den Gatten, wie sie es -- und
er auch -- gewohnt war, sondern alles das was sie ihm zu sagen hatte -- und
sie hatte ihm viel zu sagen -- heraus_flstern_ mute, reizte ihren Zorn
nur noch immer mehr.

Aber liebes Kind, ich versichere Dich, sagte der Actuar in einem
vergeblichen Versuch den aufsteigenden Sturm zu beschwichtigen, da ich
mich ber anderthalb Stunden bei dem verwnschten Diebstahl im
Dollinger'schen Hause aufgehalten habe und  -- 

Und ich versichere Dich, zischte sie, mit einem Gesicht, dem die
Anstrengung die es sie kostete die Worte hrbar zu machen, einen noch viel
unfreundlicheren, ja sogar boshaften Ausdruck gab -- da ich Dich vor
anderthalb Stunden schon gerade so erwartet habe wie jetzt, und seit drei
Stunden vollkommen angezogen dasitze und auf Dich passe.

Aber Du _bist_ ja gar nicht angezogen, beste Therese.

Weil ich mich wieder ausgezogen habe, rief die Frau -- glaubst Du ich
soll mir ein Beispiel an einem liederlichen Menschen nehmen, und bei Nacht
und Nebel noch drauen herumstreichen, wie Leute die das Licht zu scheuen
haben? -- Und dann mit meinem Katharr -- da ich mir den Tag ber im warmen
Sonnenschein ein wenig Bewegung machte, das fllt Dir nicht ein; aber
Nachts, wenn der schdliche Thau niederfllt, der fr mich gerade Gift
wre, da mchtest Du mich jetzt wohl noch hinausschleppen nicht wahr?
damit ich nur recht schnell unter die Erde kme -- o ich armes
unglckseliges Weib  -- 

Aber Therese Du bist unbillig, ich habe Dir doch angeboten heute
Nachmittag mit mir nach dem rothen Drachen hinauszugehn  -- 

Weil Du wutest da das nichtsnutzige Geschpf von einer Wscherin mir
mein Kleid nicht vor vier Uhr bringen wrde, zischte die Frau.

Aber Du hast ja noch andere  -- 

Am Sonntag zum Skandal der andern Menschen mit einer solchen _Fahne_ zu
einem anstndigen Vergngungsort hinausziehn, nicht wahr? -- _Dir_ lge
natrlich Nichts daran was die Leute ber Deine Frau sagten; aber Du bist
auch an anderen Orten lieber wie zu Hause, und statt Deiner Frau einmal
ein paar Stunden Gesellschaft zu leisten, und nachher mit ihr zusammen
auszugehen, mut Du natrlich g'rad in's Wirthshaus laufen, und ein
Bischen vor Mitternacht dann wieder zu Hause kommen.

Liebes Kind, es ist halb neun Uhr jetzt -- sagte der Actuar ruhig, dann
aber Therese, fuhr er nach kleinem Zgern, mit einer fast gewaltsamen
Anstrengung etwas herauszubringen, das er auf dem Herzen hatte, fort --
bist Du theilweise mit selbst Schuld daran, _da_ ich mir eben auer dem
Hause mein Vergngen suchen _mu_.

Ich? wollte die Frau erstaunt rufen, der etwas zu hoch eingesetzte Ton
blieb aber total aus, und Ledermann sah nur, mit der entsprechenden
Gesticulation, das zum Hchsten erstaunte Gesicht der Gattin. Dadurch aber
vielleicht, und durch die ungewhnliche, freilich erzwungene Stille, etwas
muthiger gemacht, fuhr er entschlossen fort:

Ja liebes Kind, Du; denn anstatt Deinem Mann, wenn er von seinen
Berufsgeschften ermdet zu Hause kommt den Aufenthalt daheim zu einem
freundlichen zu machen, in dem er gerne bleibt, lt Dich Dein
unglckseliges, heftiges Temperament nicht ruhen noch rasten, sondern Du
mut irgend eine Gelegenheit vom Zaune brechen mit mir zu zanken. Gebricht
es Dir aber vollkommen an Stoff, was jedoch nur in hchst seltenen Fllen
zu sein scheint, so bist Du mrrisch und verschlossen, machst ihm ein
finsteres, verdrieliches Gesicht, und sprichst kein Wort.

Sprachlos nur vor Zorn und Staunen ber die unerhrte, bodenlose
Frechheit, hatte die Frau indessen dem heute so redseligen Gatten (der
aber nicht dabei zu ihr aufzuschauen wagte, sondern bald die rechte, bald
die linke Ecke der Stube mit den Augen suchte) angesehn. Es war eine
allerdings noch jugendliche schlanke, aber eher magere als volle Gestalt,
die Frau Actuar Ledermann, mit etwas vorstehenden, wenigstens stark
markirten Backenknochen und durchdringend scharfen, wenn auch kleinen
lichtgrauen Augen, die Lippen schmal und um den Mund in vielen kleinen
Fltchen, zusammengezogen, das Kinn jedoch etwas zurckstehend, was ihr
ein besonderes, und nicht eben angenehmes Profil gab. Auch in ihrem Anzug
lie sie sich zuviel gehn; der Zauber reinlicher Kleidung fehlte ihr, der
selbst der rmlichsten Tracht etwas Nettes, Freundliches giebt; die Krause
die das oben am Hals dicht anschlieende Kleid einfate, war schon mehrere
Tage getragen und verdrckt, ebenso zeigten die Manschetten Spuren
lngeren Dienstes, und die Haube sa ihr verschoben und zu viel
zurckgedrngt auf dem, nicht berreich mit Haaren bedeckten Scheitel.
Frau Actuar Ledermann war nicht hbsch, und der Affect der ihre Zge in
diesem Augenblick mehr entstellte als belebte, nahm ihnen leider auch die
letzte Spur sanfter Weiblichkeit, die sonst doch wohl noch hie und da
darin verborgen lag. Der bis jetzt mehr durch Erstaunen als Migung
niedergekmpfte Zorn gewann aber auch endlich die Oberhand, und whrend
die Anstrengung, sich bei ihrer Heiserkeit gehrt zu machen, ihr Antlitz
fast dunkel frbte, keuchte sie, die Arme in die Seite gestemmt, den
Oberkrper gegen den berrascht einen Schritt zurckweichenden Gatten
vorgebeugt:

Spreche kein Wort, _heh_? sagt der Herr? -- prahlt da, wenn er von
Berufsgeschften nach Hause kommt -- spreche kein Wort? -- sitzt in der
Kneipe den ganzen gesegneten Nachmittag -- im rothen Drachen und das nennt
er Berufsgeschfte; vertrinkt das Geld das wir hier zum nothwendigsten
Leben brauchten, und wirft mir jetzt meine Heiserkeit vor, die mir der
Himmel geschickt hat, oder mein bses Glck, dem ich auch einen solchen
Mann verdanke -- da ich kein Wort spreche und verdrielich bin. Ich soll
wohl _tanzen_? eh? -- wenn mir das Herz zum Zerspringen voll ist vor Jammer
und Elend daheim, und wenn ich den ganzen Tag da sitze, und brte und
denke wie wir auskommen wollen mit den paar Groschen, die zum Sterben und
Verhungern zu viel, zum Leben aber zu wenig sind. Dann soll ich nachher,
wenn der gestrenge Herr sein Gesicht zeigt, lachen und vergngt und lustig
sein, nur damit der Haustyrann sich nicht unbehaglich fhlt in _seinen_
vier Wnden.

Heftiger Husten unterbrach hier die Zornesrede der Frau, der die bermig
angestrengte Luftrhre den Dienst versagte, und der Actuar Ledermann nahm
still und schweigend, den Moment benutzend, ein Licht von dem kleinen
Seitenschrank, zndete es an der Lampe an, und verlie kopfschttelnd und
seufzend das Gemach, sich auf sein eigenes kleines Stbchen zurckzuziehn.





                                Capitel 4.


                           FRANZ LOSSENWERDER.


In Heilingen, in der Glockenstrae, stand ein vortreffliches Weinhaus, in
dem die wohlhabenderen Brger Abends gewhnlich zusammenkamen und ihr
Flschchen, aus denen auch oft zwei und drei wurden, tranken. Das Lokal
war ziemlich gemtlich, und dem Zweck entsprechend, in eine Menge kleiner
Zimmerchen abgetheilt, die theils durch wirkliche Thren und Verschlge,
theils durch Vorhnge von einander getrennt lagen, einzelnen
Gesellschaften zu gestatten eben einzeln zu bleiben, und ihr Glas,
ungestrt von dem Nachbar, zu trinken.

Das Haus hie der Pechkranz nach einer alten Sage, die der Wirth sehr
gern mit der Heilinger Chronik belegte, und die noch in dem
dreiigjhrigen Kriege spielte; ein, ber der Eingangsthr in neuerer Zeit
erst aus Stein gehauener Bachus, hielt auch in der einen Hand einen
Tyrsusstab, und in der anderen einen Pechkranz, in hchst wunderlicher
Weise Sage und Geschft mit einander vereinigend. Die Allegorie war aber
gar nicht so bel angebracht, und htte sich auch schon ohne Tilly recht
leidlich und gengend erklren lassen, denn Bachus hatte hier schon in der
That in manchen Kopf seinen Pechkranz hineingeworfen, da es lichterloh
zum Dache hinausbrannte, ohne weiter eben greren Schaden anzurichten,
als der alte Pechkranz in damaliger Zeit angerichtet haben sollte.

Der Wirth war brigens nicht in Heilingen geboren und erzogen, sondern ein
Rheinlnder, der sich hier erst vor einigen Jahren niedergelassen, und
durch gute Getrnke auch bald gute und schlechte Kunden genug bekommen
hatte. Seine Preise waren allerdings ein wenig theuer, aber, sagten die
Heilinger, wer einmal Wein trinkt, dem darf es auch nicht auf einen
Groschen dabei ankommen, wenn er nur cht und rein ist, und Wirth und
Gste befanden sich wohl dabei.

Es war am Abend des nmlichen Tages, an welchem ich meine Erzhlung
begann, als die Gste, die den Tag ber meist auf Spaziergngen im Freien
gewesen waren, anfingen einzutreffen, und die Kellner geschftig herber
und hinber sprangen, Wein und Speisen den Hungrigen und Durstigen zu
bringen. Die kleinen Rumlichkeiten fllten sich nach und nach, und selbst
in dem groen Mittelsaal, der ungefhr das Centrum des Ganzen bildete,
hatten sich schon hie und da einzelne Gruppen gebildet, oder auch einzelne
Gste saen in irgend einer Ecke, ihre Flasche Wein vor sich, und auf
eigene Hand, in ungeselliger Gemthlosigkeit, langsam Glas nach Glas zu
leeren. Es ist das aber nicht die rechte Art; zu einer schnen Landschaft
und einer guten Flasche Wein gehren mindestens zwei Personen, um Beides
recht und ordentlich zu genieen, die eine sich _darber_, die andere sich
_dabei_ auszusprechen; wenn man allein ist, geht mehr als der halbe Genu
von Beiden verloren. Es giebt allerdings Menschen, die sich zufriedener
fhlen wenn sie Alles allein genieen knnen, aber denen geh' aus dem Weg;
es sind Hypochonder oder Schlimmere, und der einzige Dank, den Du ihnen
schuldig bist ist dafr, da sie sich eben auch von Dir zurckziehn. Nur
wer Niemanden hat an den er sich anschlieen darf, wer allein und
freundlos in der Welt dasteht und das Leid das ihn drckt, allein tragen,
die wenigen frohen Momente seines Lebens allein genieen mu, den bedauere
und hilf ihm, wenn Du kannst, denn er ist der Unglcklichste von Allen.

Es mochte neun Uhr Abends sein, als ein Bekannter von uns, der
Krschnermeister Kellmann, die Weinstube betrat und, sich berall
umschauend, ob er nicht irgend einen Freund trfe zu dem er sich setzen
knnte, in einer der Ecken eine bekannte Gestalt entdeckte. Aber er sah
erst ein paar Secunden wirklich aufmerksam dorthin, ehe er seinen Augen
traute, und sagte dann, auf Jenen losgehend und neben dem Tisch stehen
bleibend:

Hallo, _Loenwerder_? Ihr hier im Pechkranz? na da mchte man doch, wie
die Schwaben sagen, den Ofen einschlagen. Alle Wetter Mann und vor einer
Flasche Rdesheimer; nun das la ich gelten und es freut mich wahrhaftig,
da Ihr endlich einmal aufthaut und unter Menschen kommt. Aber was ist
denn heute los bei Euch? denn einen ganz besonderen Grund mu doch die
Festlichkeit haben.

Ha -- ha -- ha -- hat sie auch He -- he -- he -- he -- herr Ke -- ke -- ke --
kellmann, sagte der kleine Mann verlegen lchelnd und sich etwas
schchtern dabei umschauend, denn es schien ihm nicht angenehm, die
Aufmerksamkeit der brigen Gste so direkt auf sich gelenkt zu sehn.

Jetzt kann ich aber auch den Leuten widersprechen, sagte Kellmann,
seinen Hut und Stock an einen der nchsten Haken hngend und sich neben
ihn setzend, wenn sie behaupten Ihr trnkt nur Wasser, und Sonntags
hchstens einmal ein Glas Dnnbier -- ich kriege Leibschneiden, wenn ich
nur an das Zeug denke -- und sonst lebtet, als ob Ihr die Woche mit einem
halben Thaler auskommen mtet. Alle Wetter Mann, das ist recht, da Ihr
Euch auch manchmal ein Glas Rheinwein gnnt; das hlt Leib und Seele
zusammen, und strkt die Nerven und Muskeln mehr wie Rindfleisch. Wrde
mir schwer ankommen, wenn ich unseren vaterlndischen Wein entbehren
mte, setzte er mit einem halbunterdrckten Seufzer hinzu.

Ha -- ha -- ha -- haben Sie a -- a -- a -- auch wohl ni -- ni -- nicht n -- n --
n -- n -- n -- nthig, be -- be -- be -- bester He -- he -- he -- he -- he -- he.

Ih nun wer wei was Einem noch Alles bevorsteht, unterbrach ihn Kellmann
-- hier Kellner -- mir auch eine Flasche von dem Rdesheimer; der Duft hat
mir Appetit gemacht.

Hallo Loenwerder bei einer Flasche Rdesheimer, rief aber jetzt noch
eine andere Stimme aus dem nchsten Stbchen, wo ein paar junge Kaufleute
bei ihrem Glase zusammensaen -- da mssen wir auch dabei sein;
Loenwerder hat vielleicht heute seinen splendiden Tag und traktirt --
haben Sie was in der Lotterie gewonnen?

Die jungen Leute, die Kellmann und Loenwerder begrten, kamen mit ihrer
Flasche heraus, und setzten sich an denselben Tisch, mit dem immer
verlegener werdenden kleinen Mann anstoend und trinkend. Denen gesellten
sich aber noch bald darauf Andre zu; Loenwerder war in der ganzen Stadt
bekannt und oft auch, seiner krperlichen Mngel wegen, zum Besten
gehalten. Vertheidigen konnte er sich aber schon seines Stotterns wegen
nicht, was den Gegnern gleich nur noch mehr Anla und Stoff gegeben htte;
so wurde denn diese freilich gezwungene Zurckhaltung endlich fr
Gutmtigkeit ausgelegt, mit der er sich Scherz und Stichelrede ruhig
gefallen lie, und was die schrfste Erwiderung nicht vermocht, erreichte
er unfreiwillig dadurch, da man es endlich mde wurde, den sich nicht
Verteidigenden zum Besten zu haben, und ihn eben zufrieden lie. Aber in
des Verwachsenen Betragen nderte das Nichts; abgestoen und verhhnt -- in
nur sehr wenigen Ausnahmen -- von Allen, mit denen er in Berhrung kam, zog
er sich mehr und mehr in sich selbst zurck, ging, auer den nthigen
Geschftswegen und auer der Geschftszeit, fast nirgends hin, und lebte
so einfach, ja fast drftig, wie nur ein Mensch leben kann, der eben _nur_
Geld ausgiebt, um zu existiren. In einem Weinkeller hatte ihn aber noch
Niemand gesehn, und die Gste dort, die berdies keinen weiteren Zweck da
hatten als sich zu amsiren, glaubten das einmal einen Abend mit dem
kleinen Stotterberg, wie er spottweis, seines Stotterns und Hckers
wegen genannt wurde, am Besten thun zu knnen.

Im Anfang wollte sich Loenwerder aber auf Nichts einlassen, ja machte
sogar zwei oder drei, wenn gleich vergebliche Versuche, sich zu entfernen,
denn von allen Seiten wurde er gehalten, und Jeder wollte und mute mit
ihm trinken. Nach und nach aber fing er an aufzuthauen; der ungewohnte
krftige Wein mochte ihm das Blut leichter und rascher durch die Adern
jagen. Nun sollte er erzhlen, aber das ging nicht, sein Stottern wurde,
mit der schwereren Zunge, kaum verstndlich, bis Einer, im Spott eben, auf
den Gedanken kam, ihn zum Singen aufzufordern. Loenwerder weigerte sich
erst ganz verschmt; das aber kam den Anderen zu komisch vor, und mit
Lachen und Toben, whrend ein paar schon Champagner bestellten, den Genu
wrdig zu feiern, rusperte sich Loenwerder pltzlich und stieg, von dem
Wein erregt, und jetzt unter dem lauten Jubel der ihn umdrngenden Gste,
auf einen Stuhl.

                               [Capitel 4]

Was aber, wie sich die Uebrigen gedacht, Spott und Scherz hatte werden
sollen, das erstarb in athemlosem Schweigen, nur von leisen Ausrufungen
des Staunens und der Bewunderung unterbrochen, als der kleine verkrppelte
Mensch, mit einer hellen, glockenreinen Stimme, und Tnen, die zum
innersten Herzen drangen, erst noch scheu, dann aber immer
zuversichtlicher werdend, und wie von dem Inhalt des Liedes mit
fortgerissen, dieses also begann:

  Ich habe schon zu oft geschaut
  In Deiner Augen Glanz, Du Holde,
  Auf meine Kraft zu fest vertraut,
  Viel mehr, als ich vertrauen sollte.

  Doch nein, fr Dich Geliebte sind
  Des Lebens schnste, reinste Blthen,
  Von keinem Schmerz getrbt, bestimmt,
  Und was knnt' ich dafr Dir bieten?

  Nichts -- gar Nichts, als ein treues Herz;
  Doch nimmer sollst Du es erfahren  --
  Ich kann, wie frher, meinen Schmerz
  In tiefer, innerer Brust bewahren.

  Sei glcklich! -- wenn auch ohne mich,
  Ich will Dich lieben, aber schweigen
  Und mein Gebet nur soll fr Dich
  Empor, zum Thron des Hchsten steigen.

  Wenn dann mein Herz im Grabe liegt,
  Und austrumt seine stillen Leiden,
  Dann soll der Geist zum Himmel nicht
  Entfliehn, und zu der Seel'gen Freuden.  --

  Ein schn'res Loos werd' ihm zu Theil,
  Umschwebend Dich in trben Tagen,
  Soll er, zu Deinem Schutz und Heil,
  Selbst seiner Seligkeit entsagen.

Loenwerder war ganz gerhrt geworden beim Schlu des Liedes, und die
Thrnen standen ihm in den Augen; whrend sein wirklich hliches Gesicht
durch den Schmerz aber eher einen komischen als ernsten Ausdruck bekam,
jubelte die Schaar jetzt um ihn her, die wirklich erst wieder Athem und
Laut gewann, als der wundersame Zauber dieser Stimme von ihnen genommen
war.

Bravo -- bravo Loenwerder -- bravo dacapo! Donnerwetter Mann, Ihr habt ja
eine Stimme wie eine Nachtigall, und stottert nicht die Probe dabei -- wie
am Schnrchen geht das!

Es ist erstaunlich! rief Kellmann, vor lauter Verwunderung ber das eben
Gehrte wirklich fast sprachlos.

Nun aber auch trinken -- hier Loenwerder -- hier, riefen sie, ihm das
Glas bis zum Rand mit dem schumenden Trank fllend, und dann noch ein
Lied; bei Gott, das zuckt und prickelt Einem ordentlich durch die Adern,
und klingt wie Glockenton so rein und voll; Loenwerder wo habt Ihr das
Singen gelernt?

Vo -- vo -- vo -- vo -- vo -- von mi -- mi -- mir se -- se -- se -- se -- selb --
bber, stotterte der kleine Mann, kaum im Stande jetzt mit immer schwerer
werdender Zunge nur die paar Worte vorzubringen, whrend ihm im Gesang die
Strophen wie der Lerche das schmetternde Lied; aus der Kehle wirbelten.

Und da hat bis jetzt noch gar kein Mensch etwas davon erfahren, rief
Kellmann wieder -- behlt die liebe Gottesgabe da ebenfalls fr sich
allein, kommt nirgends hin, spricht mit Niemand, trinkt und singt mit
Niemand, und hat eine Stimme in der Luftrhre sitzen, die Einer, wer es
darauf anzulegen verstnde, in reines Gold verwandeln knnte.

Von allen Seiten tranken sie jetzt dem kleinen Mann zu, und berschtteten
ihn mit Lob und Jubel, und dieser schwamm wirklich in einem wahren Meer
von Wonne. So wohl war ihm auch noch nie geworden -- Niemand hatte sich bis
jetzt um ihn bekmmert, Jeder ihn verspottet und verhhnt, und zum ersten
Mal, vielleicht seit langen, langen Jahren, fhlte er sich unter Menschen
einem Menschen gleich, wute sich nicht mehr verachtet und unter die Fe
getreten, und sah freundliche Augen um sich her, die ihn wie ihres
Gleichen anschauten.

Dem lste sich auch endlich seine Zunge, oder wenigstens sein guter Wille
zu reden, so weit, da er beginnen wollte Geschichten zu erzhlen. Das
ging aber unter keiner Bedingung; beim Singen ja, aber beim Sprechen
brachte er kein Wort mehr ber die Lippen, und selbst das Singen versagte
ihm zuletzt den Dienst; die Augenlider wurden ihm schwer, er fing an zu
lallen, und war eben zurck auf seinen Stuhl und dem Schlaf in die Arme
gesunken, als die Thr aufging und zwei Gerichtsdiener in's Zimmer traten.
Es war etwa elf Uhr Abends und die meisten Gste, mit Ausnahme des einen
Tisches, hatten das Haus schon verlassen.

Hallo was ist das? sagte Herr Kellmann, der die beiden Leute zuerst
bemerkte, das ist wunderlicher Besuch -- es wird doch nicht etwa eine
Polizeistunde eingefhrt in Heilingen?

Aber auch der Wirth war die Diener der Gerechtigkeit, wie sie meist
etwas poetisch genannt werden, gewahr geworden und ging auf sie zu, sich
zu erkundigen was sie hierher gefhrt.

Ein kleiner buckliger Mann soll hier heute Abend bei Ihnen sein, sagte
der Erste -- er ist aus dem Dollingerschen Geschft.

Dort sitzt er in der Ecke, sagte der Wirth vom Pechkranz nach
Loenwerder hinberzeigend, hat er etwas verbrochen?

Ich wei nicht, erwiederte der Zweite ziemlich kurz -- wir sollen ihn
abholen.  --

Wird schwer sein, meinte der Wirth -- sie haben ihm heute Abend hier
ordentlich zugetrunken, und der Wein hat jetzt das Uebergewicht -- wenn er
aufsteht kippt er wieder um.

Hm -- da wird wohl auch nicht viel mit Fragen aus ihm herauszubringen
sein, Meier; was meinst Du, nehmen wir ihn mit?

Ich denke das Beste wird sein wir fhren ihn zu Haus, und Einer bleibt
bei ihm bis er morgen frh wieder zu Verstande kommt; jetzt ist doch
Nichts mit ihm anzufangen.

Aber um Gottes Willen was ist denn vorgefallen? frug Kellmann bestrzt;
der arme Teufel hat doch nicht etwa irgend 'was verbrochen?

Noch ist nichts Gewisses bekannt, erwiederte der erste Polizeidiener,
nur bei Dollinger's ist heute Nachmittag eingebrochen, und die
Untersuchung mu jetzt erst ergeben, wer schuldig sei.

Bei Dollinger's eingebrochen? riefen Mehrere, heute Abend?

Nein heute am hellen Tag, sagte der Mann.

Alle Wetter das mu dann gewesen sein whrend sie nach dem rothen Drachen
gefahren waren, sagte Kellmann rasch -- sie kamen an uns vorbei mit dem
jungen Henkel.

In der Zeit war's, besttigte der Polizeidiener, denn wie sie zu Hause
kamen, wurde es entdeckt -- hier da Loenwerder -- Sie da -- wachen Sie auf.

Ja wenn Sie den stoen wollen bis er munter wird, lachte Einer der
jungen Leute, da haben Sie Arbeit.

Sie -- Loenwerder -- hren Sie?

Ja -- ja -- stammelte der von dem ungewohnten Weine, von dem er eigentlich
gar nicht so sehr viel getrunken, Betubte -- me -- me -- me -- mehr We -- we
-- wein; ich za -- za -- za -- zahle A -- a -- a -- a -- a -- alles!

So? sagte der Polizeidiener ruhig -- nun fr heute mcht' es doch wohl
genug sein; komm, fa ihn da drben unter den Arm, er wohnt ja auch nicht
so sehr weit von hier -- wo ist sein Hut?

Hier -- armer Teufel, das wird ein bses Erwachen werden.

Wie man sich bettet so schlft man, sagte der zweite Polizeidiener, und
den Betrunkenen in die Hhe richtend, der dabei unverstndliche Sachen
stammelte und sogar einen total misglckenden Versuch machte wieder zu
singen, fhrten sie ihn hinaus und seiner Wohnung zu, inde die Gste noch
das fr und wider der Schuld des Mannes, von dem sie nie etwas Uebles
gehrt bei einer anderen Flasche besprachen.

Und es _war_ ein bses Erwachen fr den Mann; von dem Weindunst betubt
schlief er, wie ein Todter, bis zum lichten Tag, und als er die Augen
aufschlug und ihm der Kopf schmerzte zum Zerspringen, fiel sein erster
Blick auf den ungeduldig in seinem Zimmer auf und ab gehenden
Polizeidiener, den er einen Moment bestrzt anstarrte, und dann die Augen
wieder schlo, wie vor einem unangenehmen Traumbild.

Nun Loenwerder, ausgeschlafen? sagte der Mann aber, froh endlich einmal
zu einem Resultat zu kommen -- das hat lange gedauert -- kommen Sie, stehn
Sie auf und ziehn Sie sich an.

Die Stimme war _kein_ Traum, und der kleine Mann richtete sich erschreckt
von seinem Bett, auf dem er noch mit den Kleidern vom vorigen Abend lag,
empor. Wo war er? -- wie war er hierher gekommen? er drckte sich mit
beiden Hnden die Stirn und der klare Angstschwei brach ihm aus ber den
ganzen Krper; er _wute_ nicht mehr was gestern Alles geschehn, und die
unheimliche finstere Gestalt vor ihm fllte sein Herz mit einer wilden
Ahnung von Unheil, die alles Blut dorthin in jhem Strom zurcktrieb.

Wie ein Schlag da hinein traf ihn die Nachricht von dem entdecktem
Diebstahl, das Gefhl, da der Verdacht auf ihm laste, und die nchste
Stunde -- whrend ein anderer Polizeibeamter bei ihm visitirte und man
nichts weiter, als in einem Winkel seines kleinen Schreibtisches, unter
dreifachem Schlo, ein Pckchen mit 200 Thalern in fnf und zwanzig Thaler
Cassenanweisungen, wie noch einige Goldstcke fand, wie seine Abfhrung
dann nach dem Dollingerschen Hause, da Herr Dollinger gebeten hatte den
Mann, an dessen Schuld er nicht glauben wollte, erst einmal an Ort und
Stelle selber zu befragen -- lag wie ein Alp auf seiner Seele, unter dessen
Last er auch kein Wort zu seiner Verteidigung zu sagen, ja nicht einmal
eine an ihn gerichtete Frage zu beantworten vermochte.

In dem Dollingerschen Hause angekommen, wurde er gleich in Herrn
Dollinger's Zimmer hinaufgefhrt, und der alte Herr ging, als Loenwerder
die Stube betrat, mit auf dem Rcken gekreuzten Hnden in seinem Zimmer
auf und ab. Der junge Henkel sa in der einen Ecke des Sophas, das rechte
Knie ber das linke geschlagen, mit einem Buch in der Hand, ber das hin
er aufmerksam den Gefangenen betrachtete.

Loenwerder war bleich wie ein Todter -- jeder Blutstropfen hatte sein
Antlitz verlassen, und bei dem Versuch den er zum Reden machte, kam kein
Laut ber seine Lippen.

Loenwerder, sagte Herr Dollinger endlich, nach einer kleinen Weile vor
ihm stehen bleibend und ihn ernst, ja traurig betrachtend -- ein bser
Mensch ist gestern, whrend unserer Abwesenheit, in unser Haus geschlichen
und hat, auer einigen Juwelen, auch noch das Geld entwendet, das Du mir
gestern Mittag gebracht und das ich, wie Du weit, in den Secretair dort
schlo. Warst Du whrend unserer Abwesenheit wieder im Haus und in dem
Zimmer meiner Tchter?

He -- he -- he -- he -- he -- he -- he -- rr Do -- Do -- Do -- Do.

Schon gut Loenwerder, Du bist jetzt aufgeregt und das Sprechen wird Dir
schwer; beschrnke Dich auf ein einfaches ja und nein.

Ja -- a -- !

In dem Zimmer meiner Tchter?

J -- a -- a -- a aber -- i -- i -- i -- i -- ich wo -- wo -- wollte  --

Sie haben einen Blumentopf dort hineingesetzt? sagte Herr Henkel jetzt
ruhig.

Das Blut stieg dem kleinen Mann rasch bis in die Schlfe hinauf, aber der
nchste Moment lie sein Antlitz wieder so wei als vorher; er nickte nur,
zur Bettigung des eben Gesagten, mit dem Kopf.

Loenwerder, sagte der Herr Dollinger mit leiser, bewegter Stimme und
dicht zu dem kleinen Mann hinantretend, wobei er die Hand auf dessen
Schulter legte, Loenwerder, noch gestern wrde ich eben so leicht
geglaubt haben, da eines von meinen eigenen Kindern eines schlechten,
unrechtlichen Streiches fhig wre, bis mich leider die immer deutlicher
sprechenden Thatsachen in meinem Glauben an Dich _wankend_ gemacht haben.

He -- he -- he -- he -- he -- herr Do -- Do -- Do -- Do --   -- Dollinger  --

Ich will Dir klar und einfach unseren ganzen Verdacht vorlegen, sagte da
der alte Herr, dem Angeklagten jedes unntze Wort zu ersparen -- gestern,
whrend unserer Abwesenheit, ist der Secretair meiner Tchter erbrochen
und das Dir bekannte Geld entwendet worden -- drben ber der Strae hat
Dich ein Mdchen gesehn, wie Du heimlich aus dem Hause geschlichen bist.
Ebenso besttigt Wilhelm, der Stalljunge, Dich gesehn zu haben, wie Du
httest das Haus durch die nach dem Hofe zu fhrende Thr verlassen
wollen, bei seinem Anblick aber, was selbst dem Jungen aufgefallen ist,
zurckgefahren, und dann auch nicht ber den Hof gekommen wrst. Das
Stubenmdchen, die keine Ahnung davon haben konnte da Geld in dem
Secretair lag, ist bereit den schwersten Eid abzulegen, da sie, wenige
Minuten spter, nachdem man Dich hatte aus dem Hause schleichen sehen, die
Vorsaalthr nicht mehr aus den Augen gelassen, und gewi wre, da Niemand
die Schwelle mehr berschritten habe, bis sie den zurckkehrenden Wagen in
den Hof einfahren gehrt. Heimlich bist Du im Haus gerade in der Zeit, in
welcher das Geld entwendet wurde, gewesen, und die gestrige Ausschweifung,
die man an Dir nicht gewhnt ist, wie die bei Dir gefundene Summe, lassen
allerdings das Schlimmste frchten. Loenwerder -- ich brauche Dir nicht zu
sagen, wie weh -- wie weh mir das gerade von _Dir_ thut, und ich wollte die
doppelte Summe, so bedeutend sie ist, gern verschmerzen, wenn es _nicht_
geschehen wre. Mache aber jetzt Deinen Fehler, wenigstens so weit das
noch in Deinen Krften steht, wieder gut; gestehe was Du mit dem brigen
Gelde gemacht, wo Du es verborgen hast, und ich selber will dann auch
Alles thun was in meinen Krften steht, Deine Strafe zu erleichtern. Ein
anderer Welttheil mag Dir nachher in spterer Zeit Gelegenheit geben
Deinen Fehltritt zu bereuen, und das wieder zu werden, fr was ich Dich,
selbst bis diesen Morgen noch, gehalten habe.

Loenwerder hatte whrend dieser Auseinandersetzung wie aus Stein gehauen
vor seinem Prinzipale gestanden, nur das Zittern seiner Glieder verrieth
da er lebe; jetzt aber brach er in die Knie, und zum ersten Mal
vielleicht mit dem vollen Bewutsein der gegen ihn erhobenen Anklage --
oder auch von Schuld und Angst zu Boden gedrckt, denn wer konnte in den
stieren, berdies nicht geraden Augen und in den todtenbleichen, mit
groen Schweiperlen bedeckten Zgen das richtige lesen -- umfate er die
Knie des alten Herrn und bat mit wild stotternder Stimme, aus der dieser
nur mit uerster Anstrengung einen Sinn herausfinden mute -- ihn nicht
unglcklich zu machen -- Nichts so Schreckliches von ihm zu denken.

Ein aufrichtiges Gestndni, Loenwerder, entgegnete darauf Herr
Dollinger, ist das Einzige, was Deine Schuld jetzt noch in etwas
erleichtern kann. Das Gericht wird einen unbewachten Augenblick, dem die
Reue auf dem Fue folgt, nicht so schwer strafen, wie den hartnckigen
Uebelthter.

A -- a -- a -- a -- a -- aber ich bi -- bi -- bin ni -- ni -- ni -- nicht schu --
schu -- schu -- schuldig, -- stotterte der Unglckliche -- ich we -- we -- we
-- we -- wei vo -- vo -- vo -- von Ni -- ni -- ni -- nichts  -- 

Du weit von Nichts, Loenwerder? sagte Herr Dollinger leise mit dem
Kopf schttelnd -- und woher ist das Geld das man bei Dir gefunden, woher
die Fnfundzwanzig Thaler-Note, die Du locker in der Tasche getragen, und
die Dir der Polizeidiener gestern Abend noch herausgenommen hat?

Ge -- spa -- pa -- pa -- pa -- partes Geld -- e -- e -- e -- e -- e -- ehrlich ge --
ge -- gespartes G -- g -- g -- geld! stammelte der arme Teufel.

Herr Henkel stand jetzt auf und ging langsam auf Herr Dollinger zu, dem er
ein paar Worte in's Ohr flsterte und dann, whrend dieser leise und
traurig mit dem Kopf nickte, das Zimmer verlie. Loenwerder aber, der ihm
ngstlich mit den Augen folgte und vielleicht in einer unbestimmten Ahnung
fhlte da man ihn fortfhren -- in ein Gefngni bringen werde, ergriff
wieder und jetzt aber wie in Todesangst des alten Mannes Hand, und bat ihn
um Gottes -- um seiner Seligkeit willen, soweit es ihm die, jetzt in der
Aufregung nur noch mehr fehlende Sprache immer gestattete, da er ihm nur
das nicht anthun -- da er ihn in kein Gefngni mge fhren lassen. Herr
Dollinger erklrte aber natrlich darin Nichts thun zu knnen, denn wenn
er Nichts gestehen wolle oder zu gestehen habe, so msse allerdings das
Gericht, bei so stark vorliegendem Verdacht, die Untersuchung aufnehmen,
wonach sich bald seine Schuld oder Unschuld herausstellen wrde.

Hab' ich aber einmal erst auf solchen Verdacht gesessen, stotterte der
Unglckliche, so bin ich gebrandmarkt mein Lebelang  --

Herr Dollinger zuckte die Achseln, und die Thr ffnete sich in diesem
Augenblick, den einen Polizeidiener zeigend, der Loenwerder leise auf die
Achsel klopfte und freundlich sagte:

Wenn's gefllig wre.

Loenwerder zuckte zusammen als ob er einen Schlag bekommen, und wandte
sich noch einmal, wie Hlfe suchend, an Herrn Dollinger, aber ein Blick
auf diesen berzeugte ihn, da er schon nicht mehr helfen knne, wo das
Gericht die Sache in die Hand genommen, und sein Gesicht in den Hnden
bergend, folgte er dem Gerichtsdiener fast willenlos hinaus.

Gerade als er durch die Thr schritt begegnete ihm, noch auf der Schwelle,
Frau Dollinger, und rasch bei Seite tretend, als ob sie selbst durch seine
Berhrung angesteckt zu werden frchte, warf sie ihm einen zornigen,
verchtlichen Blick zu und ging an ihm vorber.

Loenwerder seufzte tief auf, sagte aber kein Wort, denn wie er den Kopf
hob, sah er am andern Ende des Vorsaals Clara mit dem jungen Henkel in
eifrigem Gesprch, und auch dort mute er vorbei. Das war zu viel und wie
unschlssig blieb er stehn und sah sich um, als ob er einen Weg zur Flucht
suche.

Na kommen Sie, Loenwerder, machen Sie keine Dummheiten, sagte aber, ihm
ermunternd auf die Schulter klopfend, der Polizeidiener -- es ist Alles
ein Uebergang, wie der Fuchs sagte, als sie ihm das Fell ber die Ohren
zogen.

Loenwerder nahm sich zusammen und schritt festen Trittes an dem jungen
Mdchen vorber, das ihn mitleidig betrachtete.

Etwas ber zweihundert Thaler hat man schon bei ihm gefunden, flsterte
der junge Henkel ihr leise zu -- ich hoffe da Vater Dollinger das andere
auch noch wieder bekommen soll.

Ach Loenwerder, warum habt Ihr das gethan? sagte Clara, leise und
mitleidig den Gefangenen ansehend, als er an ihr vorberging.

U -- u -- u -- und Si -- si -- si -- si -- sie g -- g -- g -- glau -- ben d -- d --
das a -- a -- a -- a -- auch? rief Loenwerder und die groen hellen Thrnen
standen ihm dabei in den Augen, aber der Polizeidiener hatte sich schon
lnger mit ihm aufgehalten, als er meinte verantworten zu drfen, nahm ihn
leise an der Hand und fhrte ihn die Treppe hinunter. Loenwerder folgte
ihm wie in einem Traum.

Das Polizeigebude war nur hchstens fnfhundert Schritt von dort
entfernt, und stand an der andern Seite einer kleinen steinernen Brcke
die ber den, mitten durch die Stadt und hufig berbrckten kleinen Flu
fhrte. Als sie hinunter auf die Strae kamen, lie der Polizeidiener
seinen Gefangenen los, kein Aufsehn zu erregen, und flsterte ihm zu nur
ruhig neben ihm hinzugehn. Loenwerder verstand ihn wohl gar nicht, denn
er sah verstrt zu ihm auf, und dann um sich her, und fand die Augen der
Vorbergehenden alle neugierig auf sich geheftet; sich aber doch, wenn
auch nur dunkel, des Zwanges bewut der auf ihm lag, nahm er sein
Taschentuch heraus, trocknete sich die feuchte Stirn damit ab, und ging
mit krampfhaft zusammenengebissenen Zhnen neben seinem Wchter her. So
erreichten sie die Brcke, wo vier oder fnf Jungen standen, die neugierig
die Ankommenden betrachteten; Loenwerder's Blick schweifte ber sie hin,
aber er sah sie nicht, bis er dicht bei ihnen war und einer derselben
spottend rief:

Hoho, hoho -- Stotterberg hat gestohlen, Stotterberg hat gestohlen!

Die Anderen stimmten lachend mit in den Ruf ein, und der Polizeidiener
drehte sich rgerlich und drohend gegen die Buben um, die scheu
auseinander stoben; Loenwerder aber fuhr sich mit beiden Hnden
krampfhaft gegen die Stirn  -- hat gestohlen! schrie er dabei, ohne zu
stottern, mit gellendem wilden Schrei, und ehe sein Wchter es verhindern
konnte, ja nur eine Ahnung davon hatte, warf er sich mit einem
verzweifelten Sprung, ber die niedere Ballustrade hin in den unten
vorbeilaufenden Strom. Noch ber dem Gelnder erfate ihn der
Polizeidiener an einem Rockzipfel, das Gewicht des niederfallenden Krpers
war aber zu gro, als da er es mit einer Hand htte aufhalten knnen, ja
er mute sogar loslassen, nicht selber das Gleichgewicht zu verlieren, und
der Unglckliche schlug gleich darauf auf das Wasser, unter dessen
Oberflche er im nchsten Augenblick verschwand.

Der Flu war inde hier weder breit noch tief, und auf der ziemlich
belebten Strae fanden sich gleich mehre Leute, die unterhalb der Brcke
in's Wasser sprangen, das ihnen etwa bis unter die Arme reichte, den
niedertreibenden Krper aufzufangen. Sie hatten ihn auch bald erreicht und
gefat, und von krftigen Armen wurde derselbe an die Oberflche gehoben
und zum Ufer gezogen. Wenn ihm jedoch auch das Wasser selber noch nichts
geschadet hatte, war der Unglckliche doch durch den Sturz, in dem er
wahrscheinlich durch das Zurckhalten seines Rockes gegen einen der
Brckenpfeiler geworfen worden, schwer am Kopf verletzt -- die Wunde
blutete stark, und die Mnner trugen den Bewutlosen zuerst auf die
Polizei, und von dort, auf den Ausspruch eines rasch herbeigerufenen
Arztes, in die Charit.





                                Capitel 5.


                        DIE AUSWANDERUNGS-AGENTUR.


Am Marktplatz zu Heilingen, und an der Ecke eines kleinen, auf diesen
auslaufenden Gchens, stand ein ziemlich groes, grn gemaltes und gewi
sehr altes Erkerhaus, dessen Giebel und Sttzbalken geschnitzt, und mit
wunderlichen Kpfen und Gesichtern verziert, und braun angestrichen waren,
und sich so weit dabei nach vorn berneigten, da es ordentlich aussah,
als ob der ganze Bau mit dem spitzen, wettergrauen Dach nchstens einmal
ohne weitere Meldung nach vorn ber, und gerade mitten zwischen die Tpfer
und Fleischer hineinspringen wrde, die an Markttagen dort unten ihre
Waare feil hielten.

Nichtsdestoweniger wurde es noch immer, bis fast unter das Dach hinauf
bewohnt, und der untere Theil desselben ganz besonders zu kleinen
Waarenstnden und Lden benutzt. Die Ecke desselben nun, hatte seit langen
Jahren ein Kaufmann oder Krmer in Besitz, der sich zu seinen
Materialwaaren, Kaffee, Zucker, Tabak, Lichten, Grtze &c. auch noch in
der letzten Zeit die Agentur mehrer Bremer und Hamburger Schiffsmakler zu
verschaffen gewut, und damit bald in einer Zeit, wo die Auswanderungslust
so berhand nahm, solch brillante Geschfte machte, da er die
Materialwaarenhandlung seiner Frau, wie seinem ltesten Sohn bertrug, und
fr sich selber nur ein kleines Stbchen, ebenfalls nach dem Markt hinaus,
behielt, ber dessen Thre ein riesiges, sehr buntgemaltes Schild jetzt
prangte. Dies Schild verdient brigens mit einigen Worten beschrieben zu
werden, da die Heilinger in den ersten Tagen -- als es eben erst
aufgehangen worden -- in wirklichen Schaaren davor stehen blieben und es
anstaunten.

Es war ein breites, lnglich viereckiges Gemlde, ein groes, dreimastiges
Schiff vorstellend, wie es sich unter vollen Segeln der fremden, ersehnten
Kste nherte. Die See selber war hellgrn gemalt, mit einer Unmasse von
sichtbar darin herumschwimmenden Fischen, die den Beschauer wirklich etwas
besorgt um die Sicherheit des Fahrzeugs selber machen konnten. Dessen
wackerer Kiel schumte aber mitten hindurch, und der, dem Anschein nach
vollkommen runde, nur nach hinten zu etwas lnglich auslaufende Rumpf,
prete eine groe grn und wei gestreifte Welle vorne auf, die sich wie
eine breite Falte quer vor seinen Bug legte. Die Segel standen dazu fast
ein wenig zu sackartig, und nur an den vier Zipfeln festgehalten, stramm
und steif von den Raaen ab, und die langen blutrothen Wimpel mit roth und
weier Bremer Flagge hinten an der Gaffel, strmten und flatterten lustig
nach hinten aus, wahrscheinlich den raschen Durchgang des Schiffes durch
das Wasser anzuzeigen, das derart, durch den Wind getrieben, selbst diesen
berflgelte. Ueber Deck war aber auch die Mannschaft, und Kopf an Kopf
eine volle Reihe bunter Passagiere sichtbar, mit sehr dicken rothen
Gesichtern, die Gesundheit an Bord des Schiffes besttigend, und mit sehr
hellgelben und sehr breitrndigen, rothbebnderten Strohhten auf, whrend
hinten auf Deck der Capitain des Schiffes mit einem dreieckigen Hut, wie
einem Fernglas in der einen und einem Dreizack in der andern Hand stand.
Was der Maler mit dem Dreizack andeuten wollte wei nur er und Gott; er
mte denn gemeint haben da der Capitain, wie frher Neptun, das Meer
beherrsche. Uebrigens war es auch mglich da er fischen wolle, und sich
mit dem Fernrohr nur eben den strksten und fettesten der ihn reichlich
umschwimmenden Fische ausgesucht habe.

Den Hintergrund dieses prachtvollen Seestcks bildete ein schmaler
Streifen mit einzelnen Palmen bedeckter Kste, an der eine Anzahl
pechschwarzer, nackter Mnner standen, die nur einen gelb und blauen
Schurz um die Hfte und einen grnen Busch in der Hand trugen. -- Diese
sahen brigens gerade so aus, als ob sie die Ankunft des Schiffes schon
sehnschtig und vielleicht sehr lange Zeit erhofft htten, und nun die
Zeit nicht erwarten knnten da die Fremden an Land stiegen, damit sie
geschwind fr sie arbeiten, und ihnen den Boden urbar machen drften.

Neben dem Bild, und zu beiden Seiten der Thr, wie sogar noch an dem
innern Theile des Fensterschalters, hingen lange Listen der verschiedenen
anzupreisenden Pltze fr Auswanderung. Obenan New-York, Philadelphia und
Boston, dann Quebeck und New-Orleans, Galveston; in Brasilien, Rio de
Janeiro und Rio Grande; in Australien Adelaide, dann Chile, Valdivia und
Valparaiso, und Buenos Ayres mit einer Menge neu entdeckter verschiedener
Kolonien und Ansiedlungen, wohin berall die besten kupferfesten Schiffe
A, in unglaublich kurzer Zeit und mit Allem versehen ausliefen, was dem
glcklichen Passagier das Leben an Bord eines solchen Schiffes nur in der
That zu einer Vergngungsfahrt machen msse und wrde.

Weigel, wie der Eigentmer dieser auslndischen Versorgungsanstalt (ein
Spottname den die Heilinger der Weigelschen Agentur gaben) hie, war ein
dicker, vollgenhrt und blhend aussehender Mann, ungefhr sechs bis
achtunddreiig Jahr alt, mit ein wenig fest umgeschnrter Cravatte, was
seinen Augen etwas Stieres gab, und sonst einem leisen Anflug von Grau in
den sonst braunen, widerspenstigen Haaren. Die Augen waren gro, blau und
ziemlich ausdruckslos; ein fast mitleidiges Lcheln aber, das oft, und
besonders dann wenn er irgend Jemandes Meinung bestritt, um seine
Mundwinkel spielte, gab dem Ausdruck seiner Zge jene scheinbare
Ueberlegenheit, die sich zuversichtliche Menschen oft ber Andere, wenn
mann es ihnen gestattet, anzumaen wissen. Ganz vorzglich wute er diese
Miene anzunehmen, wenn er ber Amerika, oder irgend einen berseeischen
Fleck Landes sprach, ber dem fr ihn ein gewisser heiliger und
unantastbarer Zauber schwamm, und Jemand dann irgend einen Zweifel gegen
das Gesagte zu hegen wagte. Er schwrmte besonders fr Amerika, und es gab
deshalb auch, seiner Aussage nach, keinen greren Lgner in der Stadt,
als den Redacteur des Tageblatts, den Advokaten und Doctor Hayde in
Heilingen. Dieser und er waren denn auch, wie das sich leicht denken lt,
grimme und erbitterte Feinde und Gegner, woselbst sich nur irgend eine
Gelegenheit dazu fand.

Weigel bekam, wie das gewhnlich bei den Agenturen der Schiffsbefrderung
blich und der Fall ist, fr jede Person die er einem Bremer oder
Hamburger Rheder sicher an Bord lieferte, einen Thaler, kurzweg genannt
fr den Kopf und er theilte deshalb die Leute -- seine Mitbrger sowohl
wie smmtliche brige Bewohner Deutschland's, in solche ein die Energie
hatten, d. h. zu ihm kamen und sich bei ihm einen Platz nach Amerika
besorgen lieen, wo sie nachher drben selber sehn konnten wie sie fertig
wurden, und in solche, die im alten Schlendrian hinkrochen, und hier
lieber verfaulten, ehe sie einen mnnlichen entscheidenden Schritt thaten,
ihrer Existenz auf die Beine zu helfen. Jeder der hier blieb betrog ihn
aber wissentlich und mit kaltem Blut um seinen, ihm in ehrlichem Verdienst
zustehenden Thaler, und es verstand sich von selbst, da er vor einem
solchen Menschen keine Achtung haben konnte.

Er selber kannte die Verhltnisse Amerika's nur aus Bchern die das Land
lobten, denn andere las er gar nicht, und bekam er sie einmal zufllig in
die Hand, so warf er sie auch gewi mit einem Kernfluch ber den
nichtswrdigen Literaten, der wieder einmal einen ganzen Band voll Lgen
zusammengeschmiert in die Ecke. Sein grter Aerger war aber jedenfalls --
und so regelmig wie die Uhr Morgens acht schlug -- das Tageblatt, das er
der hufigen Annoncen wegen halten _mute_, und das ebenso regelmig
kleine gehssige und schmutzige Artikel gegen Amerika wie berhaupt gegen
Alles brachte, was sich frei und selbststndig bewegte.

Zehnmal hatte er sich schon vorgenommen den kleinen erbrmlichen Doctor
zu prgeln, und sehr vielen Leuten wrde er dadurch ein groes Vergngen
bereitet haben; aber er unterlie es doch jedesmal auch wieder, wenn sich
ihm gleich oft genug die Gelegenheit dazu bot; Beide muten jedenfalls
schon einmal frher etwas mit einander gehabt haben, vielleicht mehr von
einander wissen als Beiden zutrglich war, und ein solcher Bruch wre da
nicht rthlich gewesen.

Sonst lebte Weigel still, und anscheinend als ein vollkommen guter und
achtbarer Brger, vor sich hin, aber im Stillen wirkte und whlte er
seinem Ziel entgegen, und richtete in der That viel Unheil an. Seine
Beschreibungen Amerika's, die er sich selber in kleinen Brochren aus
anderen Bchern zusammentrug, und um ein Billiges verkaufte, waren ein
langsames Gift, das er in manche friedliche und glckliche Familie warf,
ein Saatkorn das dort wucherte und Wurzel schlug, und whrend es die Leser
anreizte nur gleich ohne weiteres ihr Bndel zu schnren und jenen
herrlichen Lnderstrichen zuzueilen, wo von da an ihr Leben nur einem
murmelnden Bache gleichen wrde, der zwischen Blumen dahin fliet, fllte
er ihre Kpfe mit falschen Ideen und Begriffen von dem Land, das ihre neue
Heimath werden sollte, und machte viele, viele Menschen unglcklich. In
der neuen Heimath dann angekommen, die ihnen, mit migen Ansprchen,
wirklich Manches geboten haben wrde was ihre Lage, im Vergleich mit dem
alten Vaterland gebessert haben knnte, fanden sie sich jetzt pltzlich in
all den wilden extravaganten Ideen, die sie durch solche Lectre
eingesogen, enttuscht, fanden die Hoffnungen nicht realisirt, die man
ihnen gemacht, hielten sich fr schlecht behandelt und unglcklich, und
verfielen nun oft in das Extrem trostloser und eben so unbegrndeter
Verzweiflung, wobei sie den Mann verwnschten, der sie hierverlockt, und
sie verleitet hatte, Heimath und eigenen Heerd zu verlassen, einem Phantom
zu folgen. Weigel aber hatte seinen Thaler fr den richtig abgelieferten
Kopf bekommen, und dachte schon gar nicht mehr an die frher
Befrderten, die seiner Meinung nach jetzt in einem Meer von Behagen
schwammen und unter Palmen wandelten.

Herr Weigel war allein in seinem kleinen Bureau, einem niederen, etwas
dumpfen und nicht berhellen Stbchen, dessen eines breites Fenster mit
durch Zeit und Rauch arg mitgenommenen Gardinen verziert war, whrend die
Wnde durch Karten und statistische Tabellen-Anzeigen von Schiffen und
Gasthusern, Plnen von neuangelegten Stdten oder zu verkaufenden Farmen
fast vllig bedeckt hingen. Er sa an einem hohen, ziemlich breiten Pult,
das einen mchtigen Kamm von Gefachen und Schiebladen trug und las, mit
einer Tasse Kaffee neben sich, eben seinen tglichen Aerger, das
Tageblatt, als es an die Thr klopfte, und auf sein lautes Herein ein
junger, sehr anstndig, aber trotzdem etwas rmlich gekleideter Mann das
Zimmer betrat.

Herr Weigel? sagte der Fremde mit einer leichten Verbeugung.

Bitte -- ja wohl, sagte Herr Weigel, seine Brille rasch in die Hhe
schiebend und auf seinem Drehstuhl herumfahrend, seinen Besuch besser in's
Auge zu fassen -- womit kann ich Ihnen dienen?

Sie befrdern Passagiere nach Amerika?

Nach Amerika? -- denke so, hehehe, lachte Herr Weigel, sich vergngt die
Hnd reibend, habe schon ganze Colonien hinber geschafft, Mnner und
Frauen, Weiber und Kinder; sitzen jetzt drben in der Wolle und schreiben
einen Brief ber den andern an mich, wie gut es ihnen geht -- da nur den
einen hier, den ich vor ein paar Tagen bekommen habe -- der Mann ist blos
mit zwei tausend Dollarn hinbergegangen und hat schon eine eigene Farm,
achtzig Acker Land, vierundzwanzig Stck Rindvieh, einige sechzig
Schweine, fnf Pferde und will jetzt eine Schferei anlegen -- schreibt an
mich ich soll ihm einen Schfer hinber schicken, aber einen der die Sache
aus dem Grund versteht, kommt ihm auf ein paar Dollar Lohn nicht dabei an
-- bitte lesen Sie einmal den Brief.

Sie sind sehr freundlich Herr Weigel, sagte der junge Fremde mit einem
verlegenen wie schmerzhaften Zug um den Mund -- aber der Brief wrde
gerade nicht magebend fr mich sein, da ich mich gegenwrtig nicht in den
Verhltnissen befinde, gleich einen Platz zu _kaufen_. Sind die
Passagierpreise jetzt theuer?

Theuer? spottbillig, lachte Herr Weigel, den Brief offen wieder zurck
auf sein Pult, und seine Brille darauf legend, ihn zu weiterem Gebrauch
bereit zu haben; spottbillig sag' ich Ihnen, man knnte wahrhaftig auf
dem festen Land nicht einmal dafr leben -- _so_ nicht; und unter uns -- ich
wei wahrhaftig nicht wie die Leute dabei auskommen, aber es mu eben die
rasende _Menge_ von Passagieren machen, die sie jetzt wchentlich, ja fast
tglich hinber spediren. Es ist fabelhaft was jetzt fr Menschen
auswandern; auf einmal werden sie Alle gescheidt, und merken endlich was
sie hier haben, und was sie dort erwartet -- ist doch ein famoses Land, das
Amerika.

Und wie viel betrgt die Passage nach dem _nchsten_ Hafen der Vereinigten
Staaten, wenn ich fragen darf, fr -- fr eine erwachsene Person und ein
Kind?

_Nchsten_ Hafen? -- hehehe, frchten sich wohl vor der Seekrankheit?
lieber Gott, daran gewhnt man sich bald; ist auch gar nicht so arg wie's
eigentlich gemacht wird. Der Mensch, der Doctor Hayde hier im Tageblatt,
hat neulich einen Artikel ber die Seekrankheit gebracht den er
wahrscheinlich auch selber geschrieben, und wonach Einem gleich ach und
weh zu Muthe werden mte; der ist aber nur dazu bezweckt den Leuten das
Auswandern zu verleiden. Sie mchten sie gern hier behalten, damit sie sie
nur recht ordentlich plagen und schinden knnen, weiter Nichts; davor
braucht sich kein Mensch zu frchten.

Sie wollten mir aber den _Preis_ der Passage nennen.

Den Preis? -- ja so -- warten Sie einmal -- sein Blick fiel auf die
Glachandschuhe und die schneeweie Wsche des Fremden, dessen etwas
abgetragene Kleider er in dem halbdunklen Raum nicht so leicht erkennen
konnte, oder auch bersah -- der Preis -- Dampfschiff oder Segelschiff?

Segelschiff.

Segelschiff -- wird -- sein -- Preis in erster Cajte vier und achtzig
Thaler Gold.

Und die -- die billigeren Pltze?

Billigeren Pltze -- zweite Cajte oder Steerage fnfundsechzig Thaler
Gold  -- 

Und Zwischendeck? sagte der Fremde leise und verlegen.

Zwischendeck wrde ich Ihnen nicht rathen, meinte Herr Weigel, seine
Brille jetzt abwischend und wieder aufsetzend; besonders wenn man eine
Frau und ein Kind bei sich hat und es nur irgend ermachen kann, sollte man
nie Zwischendeck gehn, man ruinirt sich's und den Seinigen an der
Gesundheit herunter, was die paar Thaler mehr kosten.

Aber Sie knnen mir wohl den Preis des Zwischendecks sagen?

Ja wohl, mit dem grten Vergngen -- Zwischendeck nach New-York kostet --
warten Sie einmal, ich habe ja hier die letzten Briefe von meinen Husern.
Zwischendeck nach New-York kostet vierundvierzig Thaler Gold.

Vierundvierzig Thaler?

Ja es ist seit ein paar Tagen erst wieder um vier Thaler aufgeschlagen,
weil die Leute eben nicht Schiffe genug anschaffen knnen fr die
Auswanderer. Ist fabelhaft was besonders dieses Jahr fr Leute
bersiedeln. Soll ich Sie vielleicht einschreiben? es trifft sich jetzt
gerade glcklich, denn am 15ten geht ein ganz vortreffliches Schiff ab,
die _Diana_, Dreimaster, gut gekupfert, mit allen nur mglichen
Bequemlichkeiten versehn und einem Capitain, ich sage Ihnen ein wahrer
Schentelmann, wie er sich gerade nicht immer auf den Schiffen findet.

Ich danke Ihnen fr jetzt noch bestens, lieber Herr Weigel, sagte der
junge Mann -- ich mu doch nun erst mit meiner Frau Rcksprache ber die
nehmen, denn erst seit gestern ist mir die Idee berhaupt gekommen
auszuwandern; aber -- noch eine Bitte htte ich an Sie, und er drehte
dabei den Hut den er in der Hand hielt, fast wie verlegen zwischen den
Fingern  -- 

Ja? womit knnte ich Ihnen dienen? frug Herr Weigel.

Knnten Sie mir wohl sagen, ob die Capitaine der Segelschiffe -- ich habe
einmal irgendwo gelesen da das manchmal geschhe -- auch Leute --
Passagiere mitnhmen, die unterwegs ihre Passage -- abarbeiten drften und
also -- auch keine Ueberfahrt zu bezahlen brauchten?

Keine Passage zahlen? sagte Herr Weigel, die Lippen vordrckend und die
Augenbrauen in die Hhe ziehend, whrend er langsam und halb lchelnd mit
dem Kopfe schttelte -- keine Passage bezahlen? -- ne lieber Herr -- ja so
wie heien Sie denn gleich  -- 

Eltrich, sagte der junge Mann etwas zgernd  --

So? -- ne mein lieber Herr Eltrich, davon steht Nichts in unseren
Verzeichnissen und Contracten; im Gegentheil, _da_ kommen wir zusammen;
das ist der Hauptpunkt, der Nervum Rehrum, der die ganze Geschichte
eigentlich zusammenhlt, Amerika und Europa und die umliegenden
Dorfschaften, heh, heh, heh.

Aber wenn nun irgend ein armer Teufel, fuhr der Fremde etwas lauter,
fast wie ngstlich fort -- irgend ein armer Teufel sein ganzes Hoffen eben
auf eine Reise nach Amerika gesetzt htte, und bestimmt wte da er dort,
wenn auch nicht gerade sein Glck machen, doch sein Auskommen finden
wrde?  -- 

Nun dann soll er gehn -- um Gottes Willen gehn, und am 15ten dieses wird
wieder das neue, kupferfeste -- ja so, aber er mu bezahlen, unterbrach er
sich rasch als ihm einfiel von was sie vor erst wenigen Secunden
gesprochen, er mu bezahlen, sonst nimmt ihn kein Capitain der Welt mit
ber See.

Und Sie glauben nicht da da jemals eine Ausnahme stattfinden drfte?
sagte Herr Eltrich -- es werden doch Leute auf See gebraucht zu den
nothwendigsten sowohl, wie den geringeren Arbeiten, und die Capitaine
mssen gewi dafr _bezahlen_. Wenn sich also nun Jemand erbte alle diese
Verrichtungen ganz _umsonst_, nur um Passage und die einfachste
Matrosenkost zu machen, sollte das nicht mglich sein zu erlangen?

Lieber Herr, sagte der Herr Weigel, dem es jetzt so vorkommen mochte als
ob er mit dem Fremden da kein besonders groes Geschft machen wrde, und
der anfing ungeduldig zu werden, zu den Arbeiten an Bord eines Schiffes
werden _Matrosen_ gebraucht, und wer kein Matrose ist, kann die auch nicht
verrichten. Das ist keine kleine Kunst, lieber Herr Schelbig, in den Tauen
den ganzen Tag herumzuklettern und zwischen den Segeln, wenn das Schiff
bald so herberschlenkert und bald so -- und er begleitete dabei seine
Erklrung mit einer entsprechenden Bewegung der vor sich gerade
aufgehaltenen Hand -- da mssen die Leute fest stehen knnen wie die
Mauern, sonst kann man sie nicht gebrauchen.

Aber glauben Sie nicht, wenn man einmal an einen Capitain schriebe, ob er
sich doch nicht am Ende bewegen lie; oder -- setzte er rasch hinzu, wie
von einem pltzlichen Gedanken ergriffen, wenn man sich nun verbindlich
machte die Passage nach einer bestimmten Zeit in Amerika nachzuzahlen --
sie dort abzuverdienen?

Ja da knnte Jeder kommen, sagte Herr Weigel kopfschttelnd, wenn die
Leute erst einmal drben sind, thun sie was sie wollen. Das ist ein freies
Land da drben, Herr Wellrich, und da knnte man nachher jedem Einzelnen
nachlaufen, und sehen da man sein Geld wieder kriegte. Ne, damit ist's
faul, und ich nun einmal vor allen Dingen, mchte mich nicht auf solch
eine Qungelei einlassen; daran hat man keine Freude, und das ist auch
kein rundes Geschft.

Es ist nur ein armer Verwandter, der sich auf solche Weise gern
forthelfen wrde, sagte Herr Eltrich errthend -- er ist sehr fleiig und
wrde arbeiten wie ein Sclave, die Zeit ber.

Ja das glaub' ich, meinte Herr Weigel gleichgltig -- versprechen thun
die Art Herren gewhnlich Alles was man von ihnen haben will.

Knnten Sie mir denn vielleicht die Adresse irgend eines Schiffes oder
Rheders geben, der bald ein Schiff hinberschickt, sagte der junge
Fremde, sich schon wieder zum Gehen rstend -- wenn ich vielleicht selber
einmal dorthin schriebe, um Sie nicht weiter mit der Sache zu belstigen.

Ja, schreiben knnen Sie, sagte Herr Weigel, hehehe; aber Sie werden
keine Antwort bekommen; darauf knnen Sie sich verlassen. Die Leute da
haben mehr zu thun, als sich eines Passagiers wegen, fr den sie noch
umsonst die Kost hergeben mten, in eine Correspondenz einzulassen; kann
ich ihnen auch gar nicht so sehr verdenken.

Und die Adresse?

Die Adresse? -- da, hier liegt die neueste Auswanderer-Zeitung; wenn Sie
wollen, knnen Sie sich da ein oder zwei Adressen herausschreiben. Da
hinten, auf der letzten Seite stehen sie.

Herr Weigel sah nach der Uhr, drehte sich wieder auf seinem Drehstuhl, der
beim Aufschrauben etwas quietschte, herum, schob das Tageblatt zur Seite
und rckte sich einen Bogen Papier zurecht, als ob er irgend einen
nothwendigen Brief zu schreiben htte.

Wieder klopfte es da an die Thr, und diemal, ohne ein ermunterndes
Herein zu erwarten, ffnete sie sich, und drei Bauern, denen die groen
silbernen Knpfe auf Weste und Rock und das feine Tuch der letzteren, die
jedoch ganz nach ihrem alten burischen Schnitt gemacht waren, etwas
ungemein solides gaben, traten, die Hte erst unter der Thr und schon im
Zimmer abziehend, herein, und grten die beiden Leute die sie hier
beisammen fanden, mit einem herzlichen Guten Morgen miteinander.

Das waren die Leute die Herr Weigel gern kommen sah, die wuten wehalb
sie die eine Hand immer in der Tasche trugen, denn sie hatten dort etwas
zu verlieren, und waren nicht selten dabei die Vorboten eines grern
Trupps, oft einer ganzen Schiffsladung voll die aus ein und derselben
Gegend auswandern wollte, und ein paar der Angesehensten inde
vorausgeschickt hatte, Platz fr sie zu bestellen. Wie der Blitz war er
denn auch von seinem Stuhle herunter, schttelte ihnen nacheinander die
Hand, und frug sie wie es ihnen ginge und was sie hier zu ihm gefhrt.

Seid Ihr der Mensch der die Leute nach Amerika schickt? sagte da der
Eine von ihnen, eine breitkrftige, sonngebrunte Gestalt mit vollkommen
lichtblonden Haaren und Augenbrauen, aber dabei gutmthigen vollen und
frischen Zgen, dem das Ganze brigens etwas fremd und unheimlich
vorkommen mochte, denn er warf den Blick whrend er sprach wie scheu von
einer der Schiffszeichnungen zur anderen, und schien sich ordentlich dazu
zwingen zu mssen das zu sagen, was er eben hier zu sagen hatte.

Nun nach Amerika _schicken_ thu' ich sie gerade nicht, lchelte Herr
Weigel, die Anderen dabei ansehend, und etwas verlegen ber die vielleicht
ein wenig plumpe Anrede.

Nicht? sagte der Bauer rasch und erstaunt -- aber hier hngen doch all
die vielen Schiffe.

Nun ja, ich besorge den Leuten Schiffsgelegenheit die hinber _wollen_,
sagte Herr Weigel, jetzt geradezu herauslachend, weil er glaubte da sich
der Mann mit ihm einen Scherz gemacht, auf den er natrlich einzugehen
wnschte.

Ja aber wir _wollen_ eigentlich noch nicht hinber, sagte der zweite von
den Bauern, seinen Hut auf seinen langen Stock stellend, und sich dabei
verlegen hinter den Ohren kratzend -- wir wollten uns nur erst einmal hier
erkundigen ob denn das auch wirklich da drben so ist, wie es jetzt immer
in den Auswanderungszeitungen steht, und ob man blos hinberzugehn und
zuzulangen braucht, wenn man eine gut eingerichtete Farm mit ein paar
hundert Morgen Land haben will.

Ja wenn man Geld hat, lachte Herr Weigel.

I nu -- Geld htten wir, sagte der Bauer, und sah seine Nachbarn an.

Ich bin Ihnen sehr dankbar, unterbrach den Sprecher hier der junge Mann,
der indessen die Zeitung nachgesehn, und sich Einzelnes daraus notirt
hatte. Bitte, sagte Herr Weigel, und nahm ihm das Blatt, ohne sich
weiter um ihn zu bekmmern, aus der Hand, und wandte sich wieder zu den
Bauern, als der junge Fremde sich mit einem artigen:

Guten Morgen meine Herren empfahl.

Adje Herr -- Herr Schnellig, rief der Agent ziemlich laut hinter ihm her,
ohne sich weiter nach ihm umzudrehen, whrend die Bauern freundlich den
Gru in ihrer Art erwiederten.

Wer war der junge Herr? frug der erste Sprecher aber, als er die Thr
rasch hinter sich in's Schlo gedrckt.

Ach, ein armer Teufel, der gern mit umsonst nach Amerika hinber mchte,
sagte Herr Weigel -- er thut zwar als wr' es nur fr einen armen
Verwandten, aber, hehehe, derlei Ausreden kennen wir schon -- kommen alle
Wochen vor.

Umsonst mit nach Amerika? sagte der erste Sprecher verwundert, _der_
sieht doch nicht aus als ob er etwas umsonst haben wollte, der ging ja
_so_ fein gekleidet; Donnerwetter -- mit Handschuhen und allem  -- 

Ja auswendig sind die Leute in der Stadt meist alle schwarz und sauber
angestrichen, lachte Herr Weigel, aber inwendig, in den Taschen, da
hapert's nachher. Wer aber ein Bischen Uebung darin hat, kann auch schon
oben auf erkennen, ob der Lack cht, oder blos nachgemacht ist, hehehe.

Bei dem war er wohl nachgemacht? sagte der zweite Bauer, dem Anschein
nach gerade nicht unzufrieden damit, da der glatte Stadtmensch nicht so
viel galt wie sie, und da der Auswanderungsmann das sogleich durchschaut
hatte. Herr Weigel nickte, seine Zeit war ihm aber kostbarer, als sie noch
lnger an Jemanden zu verschwenden, bei dem er doch voraussah, da er von
ihm keinen Nutzen haben wrde, und er suchte das Gesprch wieder dem mehr
praktischen Anliegen der drei Bauern zuzulenken.

Also Sie wollten mitsammen nach Amerika gehn und sich eine ordentliche
Farm, gleich mit Land, Vieh, Husern und was dazu gehrt, ankaufen heh? --
'wr keine so schlechte Idee.

Ja erst mchten wir aber einmal wissen wie die Sache steht; sagte der
Erste wieder, der Menzel hie, wenn man ber einen Zaun springen will,
ist es viel vernnftiger da man erst einmal hinber guckt was drben ist,
und wenn man das nicht kann, da man Jemanden fragt der es genau wei.
Sind denn die Farmen da drben wirklich so billig? -- ist das wahr, da man
dort noch gutes frisches Land fr ein und einen Viertel Thaler kaufen
kann?

Thaler? -- nein, sagte Herr Weigel, _Dollar_. Ja nun, das ist aber
auch nicht viel mehr, meinte der Zweite, Mller.

Nun ein Dollar ist ungefhr ein Speciesthaler, sagte Herr Weigel --
lassen Sie mich einmal sehn -- die stehn jetzt -- stehn jetzt 1 Thlr. 12
Silber- oder Neugroschen.

Nu ja, sagte Menzel wieder, das ist aber immer kein Geld -- und fr
tausend Dollar kauft man da eine fix und fertig eingerichtete Farm, wie
sie's glaub' ich nennen? mit Allem was dazu gehrt?

Ich habe hier gerade, sagte Herr Weigel in seinen Papieren suchend, ein
paar Anerbietungen von hchst achtbaren Leuten -- wirklichen Amerikanern --
die mir Farmen zu hchst migen Bedingungen offeriren. -- Die Leute wissen
da drben da hier Viele zu mir kommen und sich nach solchen Pltzen
erkundigen, und wenn sie dann 'was Gutes haben, schicken sie's mir. -- Wo
hab' ich denn die verwnschten Plne jetzt hingelegt -- ah, hier ist der
eine -- sehn Sie, Gebude und Alles sind darauf angegeben -- und der andere
kann nun auch nicht weit sein; ich habe sie erst vorgestern meinem Bruder
gezeigt, der gar nicht bel Lust hatte eine davon fr sich zu kaufen -- da
ist er.

Die drei Bauern drngten sich um den kleinen Tisch herum auf dem Herr
Weigel die Plne jetzt ausbreitete, und suchten sich in den kreuz und quer
laufenden Strichen zu orientiren, wie der Platz eigentlich liege, und was
darauf stnde.

Ja aber wo ist denn das nun eigentlich, und wie sieht's dort aus? sagte
Menzel endlich, nach einigen vergeblichen Versuchen deshalb -- aus der
Geschichte hier wird man nicht klug.

Ja sehn Sie, sagte Weigel, mit seinem Finger den Plan erklrend, und den
angegebenen Zahlen folgend, das hier, Nr. 1 ist das Wohnhaus, ein
Doppelgebude, der Zeichnung nach mit einer offenen Veranda dazwischen,
des warmen Klima's wegen, denn drum herum stehen Baumwollenbume
angegeben; Nr. 2 da ist ein anderes Gebude, bis jetzt zu Negerwohnungen
benutzt, denn der bisherige Besitzer scheint Sclaven gehalten zu haben;
Nr. 3 ist eine Scheune; Nr. 4 ist ein Rauchhaus, die Leute verschicken von
dort aus viel getrocknetes Fleisch; Nr. 5 ist, wie es scheint, ein
Waschhaus, und Nr. 6 ein anderes Wohnhaus, was dem ersten gegenbersteht,
und wahrscheinlich den ganzen Hofraum, da die Front nach dem Flusse zu
liegt, abschliet.

Und welcher Flu ist das?

Der Missouri, einer der grten Strme Amerika's, ber eine englische
Meile breit, und viel hundert Meilen hinauf schiffbar; alle Wetter meine
Herren, von den dortigen Strmen knnen wir uns hier gar keinen Begriff
machen.

Hm -- und wieviel Land gehrt dazu?

Dazu gehrt ein Died von 40 Acker, was frher als Congreland gekauft
und schon bezahlt ist, und natrlich mit bernommen wird, und um den Platz
herum kann noch so viel Congreland dazu genommen werden, wie man haben
will -- nur die vierzig Acker, von denen aber ein Theil schon urbar gemacht
ist, mssen natrlich hher bezahlt werden.

Und was soll die ganze Geschichte kosten? frug Mller. -- Der dritte,
dessen Name Brauhede war, hatte noch kein einziges Wort zu der ganzen
Verhandlung gesagt.

Die ganze Geschichte, erwiederte Weigel, sich das Kinn streichend, wie
ich sie Ihnen hier gleich an Ort und Stelle berlassen kann, mit Husern
und Grundstck und dazu noch einem kleinen Viehstand von vielleicht
einigen achtzig Stck Rindvieh, und fnfundfunfzig oder sechzig Schweinen,
wrde -- etwa -- ein tausend und einige sechzig spanische Dollar betragen  --


Und das wre nach unserem Geld? sagte Menzel, Mller dabei heimlich
unter dem Tisch anstoend  -- 

Nach unserem Geld? wiederholte Herr Weigel, mit einem Stck dort
liegender Kreide die Summen rasch auf dem Tisch selber aufaddirend --
wrde es in einer runden Zahl etwa 1000 -- 400 -- eine Kleinigkeit ber
1400 Thlr. Preu. Courant betragen.

Wieviel Stck Rindvieh? sagte Mller.

Einige achtzig Stck sind angegeben, sagte Weigel, und mssen auch
berliefert werden; aber gewhnlich sind es noch mehr, denn das Vieh luft
drauen im Freien herum und bekommt Klber und man wei es oft nicht
einmal -- die Klber werden berhaupt nie mitgezhlt.

Und die Passage hinber kostet? frug Menzel  --

Zwischendeck oder Cajte?

Zwischendeck -- immer wo's am Billigten ist, lachte Menzel, und strich
sich wohlgefllig ber die silbernen Knpfe.

Ja, kann mir's denken, rief Herr Weigel, auf den Scherz eingehend, und
ihn leise gegen den Arm von sich stoend -- Sie sehn mir auch gerade aus,
als ob's Ihnen auf ein paar Thaler ankme.

Ja, wo man's kann mu man's zusammennehmen, betheuerte aber auch Mller
-- also wieviel kostet's im Zwischendeck  Person?

Vierundvierzig Thaler fr die Person -- Kinder zahlen die Hlfte.

Aber ganz kleine Kinder? sagte Mller.

Nun Suglinge gehen ein, lachte Herr Weigel, das ist die Beilage, die
doch auch nur vom Schiff aus indirecte Nahrung bekommen.

Leichten Zwieback? frug Menzel.

Ja wohl, sagte Herr Weigel, etwas verlegen lchelnd, da er nicht wute
ob der Bauer das im Spa oder Ernst gemeint -- wie viel Personen sind Sie
denn aber wohl etwa?

Nu, so eine sechzig mchten wir immer zusammen herausbekommen, meinte
Mller  --

Aber Alle auf ein Schiff mtet Ihr uns bringen, sagte Menzel.

Nun das versteht sich von selbst, rief Herr Weigel, und ein famoses
Schiff geht gerade den funfzehnten ab -- ich glaube das beste, das von
Bremen und Hamburg berhaupt luft -- die Diana.

Ne das wr' uns noch zu frh  -- 

Am ersten nchsten Monats geht ein noch besseres, sagte Herr Weigel --
wenigstens gerumiger und ein besserer Segler.

Ne das wr' uns auch noch zu frh, sagte Menzel.

Gut, dann trfen Sie es gerade ausgezeichnet mit dem Meteor, versicherte
Herr Weigel, keineswegs auer Fassung gebracht; ich wollte Ihnen den im
Anfang nicht anbieten, weil ich frchtete da Sie frher zu reisen
wnschten, wenn Sie aber _so_ lange Zeit haben, dann kann ich Ihnen
allerdings die vorzglichste Reisegelegenheit bieten, die sich nur
berhaupt denken lt.

So -- na das pate schon besser  --  sagte Mller -- wie hie das Schiff
gleich?

Meteor.

Hm -- werd' es mir merken -- aber nicht wahr, beim _Dutzend_ kriegen wir
die Passage doch auch was billiger.

Ne, das geht nicht, lachte aber Herr Weigel da gerade heraus; es ist ja
nicht so, da ein Schiff nur eben so viel Menschen an Bord nehmen kann wie
darauf Platz haben, sondern es mu auch genug Raum, und ber und ber
genug Essen und Trinken fr sie dabei sein, wenn einmal die Reise, in
einem unglcklichen Fall lnger dauerte als gewhnlich. So ein Schiff hat
deshalb auch nur eine bestimmte Zahl von Auswanderern, die es an Bord
nehmen kann, und nach Amerikanischen Gesetzen nehmen _darf_, und auf die
ist Alles mit Kosten und Preis ausgerechnet, auf's tz. Die kleinen Kinder
werden eingegeben, aber die groen men bezahlen. Und wie war's mit der
Farm?

Wo ist denn der andere Platz -- zu dem da der lange Zettel gehrt? sagte
Menzel, der sich diesen indessen genau betrachtet, und nach allen Ecken
herum und herumgedreht hatte, ohne, wie er meinte, einen Handgriff dran
bekommen zu knnen.

Der hier? der ist in Wisconsin; auch ein guter Platz, aber kein so groer
Strom dabei, sagte Herr Weigel -- ist aber auch billiger. Dort kann ich
Ihnen eine Farm, allerdings nur mit einigen vierzig Khen, fr etwa
siebenhundertundfunfzehn Dollar berlassen, und dann habe ich noch fnf
andere von sechs, acht, elf, neun und ich glaube zwlfhundert Dollar -- die
letztere ist aber eine wirkliche Musterwirthschaft mit importirtem
Schweizervieh, und Backsteingebuden, und einer prachtvollen Lage Milch
und Butter in die nicht zu entfernte Stadt zu bringen; wird Ihnen aber
auch freilich wohl zu theuer sein?

Zu theuer? -- warum? sagte Menzel -- wenn man sich einmal etwas kauft,
soll man sich auch gleich 'was ordentliches anschaffen. Ich habe mir
brigens die Sache immer viel schwieriger vorgestellt mit dem Ankaufen,
und gedacht, da man da erst lange in der Welt umher fahren und sein Geld
verreisen mte. Wenn man das gleich hier an Ort und Stelle abmachen kann,
ist das ja weit bequemer.

Auf eins mchte ich Sie brigens noch aufmerksam machen, meine Herren,
was Sie ja nicht versumen drfen, sagte Herr Weigel -- nmlich sich hier
gleich Ihre Billets zur Weiterfahrt in's Innere, wohin Sie auch immer
wollen, zu lsen.

Von Neu-York aus? sagte Menzel verwundert.

Ja wohl von Neu-York oder Philadelphia oder wohin Ihr Reiseziel liegt.

Ja aber kann man denn die _hier_ bekommen? frug Mller.

Gewi kann man das, lchelte Herr Weigel, und das ist gerade der
ungeheure Vortheil unserer jetzigen Verbindung, die den Auswanderer von
der Thr seiner alten Heimath fort, vor die seiner neuen setzt, ohne da
er ein einziges Mal in die Tasche zu greifen und mehr zu bezahlen braucht,
als was er gleich von allem Anfang entrichtet hat. Das eben macht auch das
Reisen jetzt so billig, da man mit _einem_ Blick im Stande ist smmtliche
Kosten zu bersehn; die Extra-Ausgaben fallen ganz weg.

Das wre freilich ein Glck, sagte Mller, von dem erst vor einigen
Monaten ein Bruder hinber gegangen war -- die Extra-Ausgaben fressen
sonst das meiste Geld.

Ob sie's fressen, bester Herr, ob sie's fressen, sagte Herr Weigel, sich
wieder vergngt die Hnde reibend.

Und wo kann man die Billete also bekommen? frug Menzel.

Bei mir hier, versteht sich, sagte Herr Weigel -- alle bei mir.

Und die gelten dann drben?

Nun versteht sich doch von selbst, lachte der freundliche Agent, ich
wrde sie ja Ihnen doch sonst nicht verkaufen. Sehn Sie, wenn die
Deutschen hinber kommen, dann sprechen sie gewhnlich noch kein Englisch
-- oder haben Sie das etwa schon gelernt?

Ne  -- 

Nun sehn Sie, und dann werden sie dort von ihren Landsleuten -- denn der
Amerikaner ist nicht halb so schlimm -- die sich das richtig zu Nutze zu
machen wissen, tchtig ber's Ohr gehauen, und mssen gewhnlich gerade
noch einmal so viel bezahlen, als die Sachen eigentlich kosten.

Aber es soll doch eine Deutsche Gesellschaft drben in Neu-York sein,
sagte jetzt Brauhede, der zum ersten Mal bei der ganzen Verhandlung den
Mund aufthat -- die sich eben der Deutschen annimmt und Nichts dafr
verlangt.

Leben wollen wir _Alle_, sagte Herr Weigel achselzuckend -- umsonst ist
der Tod, und da die Leute, wenn sie ihre Zeit darauf verwenden fr die
Deutschen zu sorgen, auch etwas dafr nehmen werden, lt sich wohl an den
fnf Fingern abzhlen. Neu-York ist aber ein theures Pflaster, die Leute
_brauchen_ dort mehr wie wir hier, und wer es daher _billiger_ thun kann
ist auch wieder leicht einzusehn. Ich will mich auch keineswegs empfehlen;
lieber Gott es giebt noch eine Menge Leute in Deutschland, die sich
demselben schwierigen und undankbaren Geschft unterzogen haben wie ich,
und die es sich vielleicht eben so sauer werden lassen gerade und ehrlich
durch die Welt zu kommen; aber Einen der es besser _meint_ dabei, werden
Sie wohl schwerlich finden, und ich berrede gewi Niemanden nach Amerika
auszuwandern. Jeder Mensch mu seinen freien Willen haben, und auch am
Besten selber wissen was ihm gut ist.

Ne gewi, sagte Menzel -- da habt Ihr ganz recht, das ist auch mein
Grundsatz; aber das mit dem Amerika leuchtet mir auch ein, und umsonst
thut da gewi Niemand etwas -- das sind verflixte Kerle da, hab' ich mir
sagen lassen, besonders die Deutschen, und wo die nicht wollen gucken sie
nicht 'raus.

Also die Billete kann man hier bei Euch kriegen? sagte Mller.

Wohin Sie wollen, und ich stehe Ihnen dafr da sie nicht allein cht
sind, sondern da die hier in Deutschland gelsten Pltze auch noch den
Vorrang haben vor allen in Amerika genommenen, wenn einmal Eisenbahn oder
Dampfboote zu sehr besetzt sein sollten. Es ist ja hier gerade so mit der
Post, wo Die, die sich zuerst, und auf der lngsten Station haben
einschreiben lassen, den Vorrang behalten mssen vor denen die nachher
kommen.

Ahem, das ist klar, sagte Menzel; na also da dcht' ich lieen wir uns
gleich einmal Pltze belegen und gben das D'raufgeld, damit wir die Sache
richtig htten, und nachher knnen wir ja einmal ber die Farmen sprechen;
ich habe verwnschte Lust.

Du, das hat noch Zeit, sagte aber jetzt Brauhede wieder, Menzel am Rocke
zupfend; erst mssen wir es uns doch einmal mit den Anderen zu Hause
berlegen.

Wenn aber nachher die Pltze auf dem ganz guten Schiffe fort sind, sagte
Mller mit einem sehr bedenklichen Gesicht.

Ja, _stehen_ kann ich Ihnen _nicht_ dafr, versicherte Herr Weigel die
Achseln zuckend, da sie beinah seine Ohrlppchen berhrten.

Na mein'twegen, sagte Brauhede, der allerdings auch in der Absicht
hierher gekommen war, ihre Passage fest zu accordiren, jetzt aber, da es
dazu kam Geld zu zahlen, nur ungern damit herausrckte -- aber von wegen
der Farm mssen wir noch erst mit den Anderen sprechen, und eine Farm
kriegen wir auch noch immer.

Ja aber was fr eine, sagte Herr Weigel.

Brauhede blieb brigens bei seiner Meinung, und Menzel bestand jetzt nur
wenigstens darauf die beiden Plne einmal mitzunehmen, damit sie sich zu
Hause ordentlich hinein denken knnten. Wenn auch Herr Weigel sie im
Anfang nicht auer Hnden geben mochte, ja sogar versicherte er habe nicht
bel Lust die eine Farm fr sich selber auf Spekulation zu kaufen, lie er
sich doch zuletzt berreden ihnen, aber allerdings nur auf zwei Tage, die
Plne zu berlassen, und dann das Weitere ber den Ankauf mit einer
zweiten Deputation der Gesellschaft zu besprechen.

Menzel bezahlte dann das Aufgeld auf ihre Passage im _Meteor_ fr
siebenundfunfzig Personen und dreizehn Kinder, die smmtlich aus _einer_
Ortschaft auswandern wollten, und nahm dann auch noch, nach einer kurzen
Berathung mit den beiden anderen, die nthigen Billete auf der Eisenbahn
von Neu-York aus, oder machte wenigstens eine Anzahlung darauf, da sie
ihnen der Agent aufbewahrte, da dieser sie versicherte er sei nur noch im
Besitz einer sehr kleinen Anzahl, und wisse nicht, wann er gleich wieder
andere bekommen wrde, whrend die Anfrage darnach sehr stark wre.

Auerdem kauften sie sich auch noch ein halbes Dutzend kleine Brochren,
die Herr Weigel, wie er sagte, gerade frisch aus der Druckerei als etwas
_ganz Neues_ bekommen hatte -- ein Datum stand nicht darauf -- und die drei
Mnner verlieen dann wieder, von dem schmunzelnden Agenten bis an die auf
den Markt fhrende Thr begleitet, das Haus.

Hre Du, sagte aber Brauhede als sie wieder vor dem Haus und auf der
Strae waren, und langsam ber den Markt weggingen, mit dem Landkaufen
wollen wir uns doch lieber hier noch nicht einlassen, das ist eine
wunderliche Geschichte und will mir nicht recht in den Kopf.

Nicht in den Kopf? rief aber Menzel -- und warum nicht? -- der Mann
bekommt alle Tage Briefe aus Amerika, warum soll der nicht wissen was dort
zu verkaufen ist?

Wenn's aber so gut und billig wre, brauchten sie's doch nicht hier
herberzuschicken, meinte Brauhede kopfschttelnd.

Das ist Alles was Du davon verstehst, sagte Mller, Amerikaner knnten
sie gewi genug zu Kufern kriegen, aber deutsche Bauern wollen sie, die
ihnen zeigen wie man das Land behandeln mu, und darum schicken sie
herber -- die sind froh drben, wenn unsereins hinber kommt.

Nun, mag sein, brummte Brauhede -- aber sicher ist doch sicher, und wenn
ich mein Geld hier weggegeben habe, und kann das Land was mein sein soll
nachher nicht finden, wie's dem Niklas seinem Bruder gegangen ist, nachher
wre die Geschichte aber faul.

Dem Niklas sein Bruder war aber auch ein Esel, sagte der Andere, der
sich hier Land von einem herumziehenden Vagabunden gekauft; da sollt' er
nachher wohl suchen. Aber _der_ Mann hier ist in der Stadt ansssig und
hat ein Geschft; was der verkauft das mu gut sein, sonst wr' er ja gar
nicht sicher da man ihn einmal deshalb beim Kragen kriegte.

Ja krieg' ihn einmal wenn Du drben in Amerika bist, sagte Brauhede
ruhig -- das ist ein verwnscht weiter und umstndlicher Weg und -- wenn
man sich einmal hat anfhren lassen, will man auch nicht gern noch dazu
ausgelacht werden.

Papperlapapp! sagte Menzel -- dafr hat Jeder seine Augen da er sie
offen hlt, und ehe ich ihm mein gutes Geld gebe, werd' ich mich schon
sicher stellen da er mir Nichts aufbindet.

Und die Mnner schritten, Jeder von jetzt an mit seinen eigenen Gedanken
ber die nahe Auswanderung beschftigt, langsam die Strae hinunter,
whrend in seinem kleinen Bureau, vergngt die Hnde zusammenreibend, Herr
Weigel auf und ab spazieren ging, und sich im Geist die nchst zu
ziehenden Summen zusammenaddirte, die er in kurzer Zeit, nach eifriger
Aussaat, einzuerndten hoffte. Die Geschfte gingen vortrefflich; Lust zur
Auswanderung hatte in der That ein Drittel der smmtlichen Bevlkerung,
und es bedurfte nur manchmal wirklich einer leisen Anregung, die Leute zu
etwas zu bewegen, zu dem sie schon halb und halb selber entschlossen
gewesen waren.

Herr Weigel war sehr guter Laune; er legte jetzt die Hnde auf den Rcken
und summte ein leises Lied vor sich hin, seinen Marsch dabei fortsetzend.
Aber er sang falsch; er hatte keine Idee von irgend einer Melodie; doch
das schadete nichts, er _meinte_ wenigstens eine, und da er selber nicht
hrte was er sang, gengte es ihm vollkommen.

Die Thr ging jetzt auf und der Tischler oder Schreiner kam herein, irgend
etwas an dem Pult auszubessern -- er hatte zweimal angeklopft ohne da der
vergngte Agent darauf geantwortet htte.

Guten Morgen Herr Weigel.

Ah guten Morgen Meister -- nun kommen Sie endlich? ich hatte schon ein
paar Mal nach Ihnen hinbergeschickt  -- 

Ja lieber Gott Herr Weigel, ich war gerade drben beim Herrn Geheimen
Rath Brlich beschftigt -- die Leute sind so eigen wenn man von der Arbeit
fort geht  -- 

Sehn Sie, hier das Bein mcht' ich gemacht haben; der Tisch wackelt da
immer, und wenn man etwas darunter legt, verschiebt sich das doch jedesmal
wieder. Knnen Sie es mir wohl bis heute Nachmittag in Ordnung bringen?

Ja gewi, sagte der Mann, das ist ja nur eine Kleinigkeit.

Und wie ist es mit den Auswandererkisten die ich bestellt habe? -- werden
die bis heute Abend fertig?

Ja wohl Herr Weigel; sechs habe ich schon in das Gasthaus Stadt
Breslau, wie Sie mir sagten, abgeliefert.

Nun das ist gut, denn der ganze Zug wird noch heute Vormittag ankommen,
und will morgen frh wieder fort -- es sind doch noch keine Auswanderer
heute Morgen hier eingetroffen?  -- 

Nicht da ich gesehen htte -- aber gestern Abend zogen Viele durch.

Ja ich wei -- von Hessen herber -- die armen Teufel; denen wird's einmal
wohl drben werden. Nun wie gehn denn bei Ihnen die Geschfte jetzt?

Ih nu gut, Herr Weigel, ich kann gerade nicht klagen; das Brod wird
freilich immer theuerer, aber man schlgt sich so durch -- Kinder haben wir
nicht, und was verdient wird reicht eben ordentlich aus.

Ich begreife nicht, sagte Herr Weigel da kopfschttelnd vor dem Mann,
der seine Mtze eben wieder aufgegriffen hatte und sich zum Fortgehen
anschickte, stehen bleibend -- wie Ihr Leute Euch hier vom Morgen bis
Abend plagt und schindet, eben nur das liebe Brod zu verdienen, wo Ihr in
ein paar Wochen drben sein knntet und so viel Dollare fr Euere Arbeit
bekmt, wie hier Groschen.

Drben, wo?

Nun in Amerika  -- 

Hm, ja, sagte der Mann, sich nachdenkend das Kinn streichend, und einen
leichten Seufzer unterdrckend -- gedacht hab' ich auch schon ein paar Mal
daran, aber -- das geht nicht gut und -- es ist auch so eine unsichere Sache
mit da drben. Hier wei ich einmal was ich habe und da ich auskomme, und
wie mir's da drben geht wei ich _nicht_.

Aber Freund, rief Herr Weigel verwundert -- ein Mann der fleiig
arbeitet bringt es dort immer zu was. Wetter noch einmal, Meister, Amerika
ist gerade der Platz fr Euch, wo Ihr Euch rhren und ausbreiten knntet --
wenn Ihr dort wret, ein geschickter Arbeiter wie Ihr! in fnf Jahren
httet Ihr zwanzig Gesellen.

Meister Leupold nickte langsam mit dem Kopf, und sah ein paar Secunden
still vor sich nieder, als ob das Bild mit der groen Werksttte und dem
regen Treiben sich vor seinem inneren Geist eben auszubreiten beginne,
dann aber sagte er, jetzt herzhaft aufseufzend  -- 

Und es geht doch nicht, Herr Weigel -- ich habe die alte Mutter zu Hause,
die ich unmglich hier allein zurck lassen knnte  -- 

Hierlassen? das fehlte auch noch, rief der Agent -- die nehmt Ihr mit,
Mann -- knnt Ihr der denn eine grere Freude machen, als wenn sie noch
vor ihrem Ende she wie wohl es Euch geht auf der Welt, und wie sich Euer
Zustand mit jeder Woche, mit jedem Tage fast bessert? -- Mu sie hier nicht
in Sorge und Kummer leben da Ihr einmal krank werdet und Nichts verdienen
knnt, und wie sieht's dann aus?

Wenn ich aber nun dort drben krank werde? sagte der Meister leise.

Wenn das nur nicht gleich die ersten Monate geschieht und fr ein Unglck
kann Niemand -- warf dagegen Herr Weigel ein, so knnt Ihr Euch auch
schon so viel gespart haben, das eine Weile mit ruhig anzusehn; und wenn
Ihr nicht krank werdet, seid Ihr in ein paar Jahren ein wohlhabender
Mann.

Es ist eine verwnschte Geschichte mit dem Amerika, seufzte der Mann
wieder, sich hinter dem Ohr kratzend -- man hrt so viel davon, und sieht
eine solche Masse Menschen hinberziehen, die alle voller Hoffnung sind
da es ihnen gut geht -- und mchte am Ende ebenfalls gern mit -- wenn man
nur erst so einmal hinbergucken knnte wie es eigentlich aussieht.

Dazu ist es ein Bischen zu weit, meinte Herr Weigel.

Ja nun eben, sagte der Tischler -- und so auf's gerathewohl  -- 

Das knnt Ihr aber nicht auf's gerathewohl nennen, wo wir alle Tage
Briefe von drben herber bekommen, von denen einer immer besser lautet
als der andere. Da -- hier liegt gleich einer, der letzte den ich bekommen
habe, wo ein Deutscher, den ich selber hinberbefrdert, und dem es jetzt
ausgezeichnet gut geht, an mich schreibt, und ein oder zwei gute gelernte
Schaafknechte haben will; lesen Sie einmal den Brief.

Leupold legte seine Mtze wieder hin, nahm den Brief und las ihn
aufmerksam durch; er nickte dabei mehrmals mit dem Kopf, und sah dann
wieder zu dem Agenten auf, der ihn indessen mit einem triumphirenden
Lcheln betrachtet hatte.

Nun? frug der Letztere, als Jener das Schreiben beendet und wieder
zusammenfaltete -- wie klingt das?

_Sehr_ gut sagte Leupold leise, aber -- es hilft mir doch Nichts. Wenn
ich jetzt mein kleines Huschen, das ich mir mit Mhe und Noth
zusammengespart und aufgebaut, auch verkaufen wollte; fnde ich erstlich
keinen Kufer, und dann bekm ich auch das nicht dafr wieder, was es mich
selber gekostet; wie gesagt, der Sperling in der Hand ist doch wohl besser
wie die Taube auf dem Dache.

Bah, Taube, sagte Herr Weigel mrrisch -- wenn die Taube auf dem Dach
eben so fest und sicher sitzen bleibt bis man sie holen kann, wie Amerika
ruhig liegt, und auf die wartet die hinber kommen, so ist sie mir lieber
wie ein erbrmlicher Sperling, zum Sterben zu viel, und zum Leben zu
wenig; aber -- berlegt's Euch -- ah da kommt der Brieftrger -- 'was fr
mich?

Nun guten Morgen Herr Weigel, sagte der Tischler und wollte sich eben
entfernen, whrend der Brieftrger dem Agenten mehrere fr ihn gekommene
Briefe berreichte.

Siebzehn Silbergroschen drei Pfennige sagte er dabei.

_Siebzehn_ Silbergroschen? rief Herr Weigel verwundert -- aha da ist ein
Amerikaner dabei -- halt, wartet noch einmal einen Augenblick Leupold -- da
ist vielleicht gleich noch was fr uns, und was ganz Neues -- wollen gleich
einmal sehn was die Leute schreiben. Wahrscheinlich wieder von Jemand den
ich hinber befrdert habe, und der sich jetzt bedankt -- das kostet aber
viel Geld  -- 

Apropos Neues, sagte Leupold, whrend der Agent den Brieftrger bezahlt
hatte und seine Papierscheere vom Tisch nahm, den Amerikanischen Brief
aufzuschneiden -- haben Sie schon gehrt da gestern Nachmittag bei Herrn
Dollinger eingebrochen und fr sieben tausend Thaler Gold und Juwelen
gestohlen sind?

Alle Wetter, rief Herr Weigel, mit der zum Schnitt ausgehaltenen Scheere
in der Hand -- gestern Nachmittag?

Am hellen Tage, besttigte Leupold.

Und wei man nicht wer der Thter ist?

Sie haben den einen Comptoirdiener in Verdacht und auch schon
eingezogen, sagte der Tischler.

Gewi den Loenwerder, rief Weigel.

Ich glaube so heit er -- er ist ein wenig verwachsen  -- 

Und schielt -- derselbe, ich habe den Burschen von jeher nicht leiden
knnen; hat mir auch schon ein paar Mal Kunden abspenstig gemacht, aus
reinem Brodneid; ich wte wenigstens sonst nicht weshalb, und habe ihn
dabei stark in Verdacht, da er selber damit umgeht eine Agentur fr
Auswanderer zu errichten. Da knnte Jeder hergelaufen kommen, ohne Briefe,
ohne Connexionen und ohne Kenntni vom Land --  schickte nachher die Leute
in's Blaue hinein, da sie dort sen und nicht wten wo aus noch ein. Na
nun, wird ihm das Handwerk wohl gelegt werden; ich gnne nicht gern einem
Menschen etwas Uebles, aber bei dem freut mich's da sie's wenigstens
herausbekommen haben, und er seine Schurkerei nicht mehr heimlich
forttreiben darf. Ist denn das Geld schon wieder gefunden?

So viel ich wei nicht, einige hundert Thaler ausgenommen, von denen aber
der Mann betheuert da er sie sich gespart htte; es ist brigens Manches
dabei zusammengekommen was ihn verdchtig macht; das Nhere wei ich
freilich nicht.

Hm, hm, hm, sagte Herr Weigel, kopfschttelnd den Brief, den er noch
immer in der Hand hielt, anschneidend -- bse Geschichten -- bse
Geschichten, was man nicht Alles hrt auf der Welt. -- Nun wollen wir also
einmal sehen was der Herr da aus Amerika schreibt -- hm -- Washington
County, Tennessee den siebenten Januar 18 -- alle Wetter der Brief ist
lange unterwegs gewesen -- Herrn F. G. Weigel in Heilingen, Hauptagent der
Central-Auswanderungs- und Colonisations-Gesellschaft in Deutschland --
ahem -- Sie nichtsw -- hm -- Sie haben -- hm -- vor allen Dingen -- hm --  hm --
hm -- hm -- Herrn Weigels Gesicht verlngerte sich immer mehr, je weiter er
in seiner, wie es schien nicht eben angenehmen Lectre vorrckte, aber er
brach mit dem Lautlesen des Inhalts, dessen Einleitung unerwarteter Weise
hchst derber Art war, schon gleich nach den ersten Sylben ab, und
murmelte, das Ganze nur flchtig berfliegend, blos einzelne
unzusammenhngende Worte, aus denen Leupold Nichts herausfinden konnte,
vor sich hin.

Nun, was schreiben sie? sagte dieser endlich lchelnd; er wre schon
lange gegangen, wenn ihn Weigel nicht eben zurckgehalten htte -- gute
Neuigkeiten?

Bah! sagte Herr Weigel, den Brief zurck auf seinen Schreibtisch werfend
-- Jemand der seine Geschwister will hinbergeschickt haben und mich
ersucht das Geld fr ihn auszulegen. Da mt' ich schne Capitale
herumstehn haben, wenn ich allen Leuten umsonst wollte die Familie
nachschicken. Nachher sitzt der mitten im Land drin, und ich kann ihn dann
suchen.

Ne, das ist ein Bischen viel verlangt, sagte der Meister, wieder nach
der Klinke greifend -- und diemal hielt ihn Herr Weigel nicht zurck --
aber nun leben Sie auch recht wohl, und verlaen Sie sich darauf ich
besorge Ihnen das heute noch.

Sein Sie so gut, sagte der Agent -- er war auf einmal ganz einsylbig
geworden, und Meister Leupold verlie mit nochmaligem Gru das Zimmer, in
dem jetzt Herr Weigel mit in die Tasche geschobenen Hnden, aber
keineswegs mehr so guter Laune als vorher, raschen, heftigen Schrittes auf
und ab ging.

Und vierzehn Groschen bezahlt fr den Wisch -- es ist eine Frechheit
wahrhaftig, die in's Bodenlose geht. Lumpengesindel! glaubt die gebratenen
Tauben sollen ihm da in's Maul fliegen, so bald sie's nur aufsperren. Und
wieder ri er den Brief vom Pult, rckte sich die Brille zurecht, und las
mit halblauter, aber heftiger Stimme den Inhalt noch einmal, und zwar
aufmerksamer durch als vorher.

Sie nichtswrdiger Hallunke -- wenn ich Dich nur hier htte mein Bursche,
dafr solltest Du mir brummen -- schndlich betrogen und angefhrt -- wozu
hat Dir denn der liebe Gott die groen Glotzaugen gegeben, wenn Du sie
nicht aufsperren willst -- Land eine Wste -- na versteht sich, ein
Gewchshaus hab' ich ihm nicht verkauft -- Hlfte gar nicht zu bekommen --
Holzkopf -- kein Mensch wollte die Billete nehmen -- bah, geschieht Dir
recht -- Wohngebude zu schlecht fr einen Hund -- fr Dich noch immer
viel zu gut, mein Schatz -- wenn Sie nur einmal herber kmen, Sie
miserabeler -- bah -- unterbrach sich Herr Weigel in dieser nichts weniger
als schmeichelhaften Lectre, indem er den Brief in zwei Hlften ri, und
sich dann ein Streichhlzchen mit einem Gewaltstrich an der Thr
entzndete so viel fr den Wisch! und das Papier anbrennend, warf er das
auflodernde in den Ofen, und schlo die Klappe so heftig er konnte.

Allerdings wollte er sich nun ber den Brief hinwegsetzen, aber gergert
hatte er sich doch, und Rock und Stiefeln anziehend drckte er sich seinen
Hut in die Stirn, griff seinen Stock aus der Ecke, und verlie sein
Bureau, das er sorgfltig hinter sich abschlo, und eine kleine Pappe
mitten an die Thr hing, auf der die Worte standen.

Kommt um elf Uhr wieder.





                                Capitel 6.


                            DIE WEBERFAMILIE.


Nicht weit von Heilingen, und in Hrweite der Domglocke selbst, in
ziemlich bergigem, aber unendlich malerischem Land, lag ein kleines armes
Dorf, dessen Bewohner, da ihre Felder gerade nicht zu den besten gehrten,
sich kmmerlich, aber meist ehrlich, mit verschiedenen Handwerken und
Gewerben, mit Holzschnitzen wie auch hie und da mit dem Webstuhl,
ernhrten. Das Dorf hie eigentlich Zur Stelle, welchen Namen aber die
Bewohner im Laufe der Zeit, und mit Hlfe ihres Dialekts, zu dem von
_Zurschtel_ umgearbeitet hatten, und mochte etwa dreiig Huser und
Htten, mit der doppelten Anzahl von Familien, wie der sechsfachen von
Kindern zhlen. Es ist eine wunderliche Thatsache, da man in den
rmlichsten Distrikten stets die meisten Kinder findet.

Mitten im Dorf lag eins der besseren Huser; es war wei getncht, und
hinter den sauber gehaltenen Fenstern hingen weie, reinliche Gardinen.
Vor dem Hause, ber dessen Thre ein frommer Spruch mit rothen und grnen
Buchstaben angeschrieben war, stand ein Brunnen- und Rhrtrog, und ein
kleiner Koven an der Seite desselben, zeigte in der nach auen befestigten
Klappe des Futterkastens dann und wann den schmuzigen Rssel eines seine
Kartoffelschalen kauenden Schweines. Auch ein ordentlich gehaltenes Staket
umgab das Haus wie den kleinen Hofraum, und die Wohnung stach sehr zu
ihrem Vortheil gegen manche der Nachbarhuser ab.

Im Inneren selber sah es ebenfalls sehr reinlich, aber nichtsdestoweniger
sehr rmlich aus. In der einen Ecke stand ein groer, viereckiger, sauber
gescheuerter Tisch aus Tannenholz, an zweien der Wnde waren Bnke aus dem
nmlichen Material befestigt, und um den groen viereckigen Kachelofen,
der fast den achten Theil der Stube einnahm, hingen verschiedene
Kochgerthschaften, whrend auf darber angebrachten Regalen die braunen
Kaffeekannen und geblmten Tassen gewissermaen mit als Zierrath zur Schau
ausstanden. Die dritte Ecke fllte der Webstuhl des Mannes aus, und dem
gegenber stand eine riesengroe, braunangestrichene Kommode, mit
Messinghenkeln und Griffen und fnf Schiebladen, die, mit wirklich
rhrender Eitelkeit als eine Art von Nipptisch benutzt, zwei mit bunten
Blumen bemalte Henkelglser, eine vergoldete Tasse mit der Aufschrift der
guten Mutter -- ein Geschenk aus frherer Zeit -- und ein gelb irdenes aber
allerdings sehr wenig benutztes Dintenfa trug, whrend dahinter, in zwei
ordinairen Stangenglsern, in dem einen Schilfblthenbschel, und in dem
anderen groe stattliche Aehren von Roggen, Waizen, Gerste und Hafer
standen, zur Erinnerung an eine frhere segensreiche Erndte.

Die Bewohner der kleinen Stube paten genau in ihre Umgebung; es war eine,
nicht mehr ganz junge aber doch rstige Frau, in die nicht unschne
Bauertracht der dortigen Gegend gekleidet, die an ihrem Spinnrad sa und
eifrig das Rdchen schnurren lie, whrend die rechte Hand manchmal eine
neben ihr stehende Wiege berhrte, den darin ruhenden kleinen Sugling,
der immer wieder die groen dunklen Augen zu ihr aufschlug, endlich in
Schlaf zu bringen. Sie war reinlich, aber in die grbsten Stoffe
gekleidet, ebenso der Bube von etwa vier Jahren, der ihr zu Fen mit
einer kleinen Mulde auf dem ber die Diele gestreuten Sand Schiff
spielte.

Auerdem war noch eine vierte Person im Zimmer, die alte Mutter der Frau,
eine Greisin von nahe an siebzig Jahren, die auch noch ihr Spinnrad
drehte, sich aber mit dem hinter den noch warmen Ofen gesetzt hatte, weil
ihr das heutige nakalte, unfreundliche Wetter frstelnd durch die alten
Glieder zog. Es war eine gutmthige, aber mrrische alte Frau, selten
zufrieden mit dem was sich ihr gerade bot, und unermdlich darin, sich und
ihren Kindern die Last vorzuwerfen die sie ihnen mache, und den lieben
Gott tglich zu bitten da er sie doch bald zu sich nhme. Nur eine
kleine, ganz kurze Frist erbat sie sich immer noch -- dann wollte sie gerne
sterben. Erst; wie das Aelteste geboren war, wollte sie das noch gerne
laufen sehn; dann htte sie gern erlebt wie es zum ersten Mal in die
Schule ging; dann war es Frhjahr geworden und sie hoffte nur noch einmal
neue Kartoffeln zu essen, zu Jacobi aber wollte sie noch einmal von dem
Pflaumenbaum die Frchte kosten, den ihr Seliger noch gepflanzt. Wie der
Herbst kam wnschte sie im Frhjahr begraben zu werden, und die knospenden
Maiblumen weckten den Wunsch nach den Astern, ihrer Lieblingsblume, von
denen sie sich eigenhndig ein schmales Beet in den kleinen Garten dicht
am Hause gepflanzt. So lebt und webt die Hoffnung in unseren Herzen mit
immer neuer, nie sterbender Kraft, und je lter wir werden, desto mehr
lernen wir die schne Erde lieb gewinnen, desto mehr klammern wir uns an
sie, und wollen uns gar nicht mehr von ihr trennen.

Der Tag neigte sich dem Abend zu; der Mann war in die Stadt gegangen seine
Steuern zu zahlen, und Manches einzukaufen was sie nothwendig im Hause
brauchten -- zum Ersatz dafr hatte er das zweite Schwein, das sie bis
dahin gehalten, hineingetrieben, und der Erls sollte seine Ausgaben
bestreiten.

Der Regen wurde jetzt wieder heftiger, die groen schweren Tropfen
schlugen gegen das Fenster, und das Kind wurde vollstndig munter und fing
an zu schreien. Die Mutter schob ihr Spinnrad zurck, nahm das Kleine aus
der Wiege, und ging damit trllernd im Zimmer auf und ab. Die Alte spann
inde ruhig weiter, und suchte mit zitternder leiser Stimme ein
geistliches Lied zu singen, und mit dem Rad trat sie den Takt dazu. Sonst
sprach keine ein Wort.

Endlich wurde die Hausthr geffnet, Jemand kam von drauen herein, und
strich sich die Fe auf den Steinen und der Strohdecke ab, und sie hrten
gleich darauf wie der zurckkehrende Vater und Gatte seinen groen
rothblauwollenen Schirm auf die Steine stie, das Wasser so viel wie
mglich davon abzuschtteln, und den Mantel auszog und ber den groen
Schleifstein hing der drauen im Flur stand, wie er das gewhnlich that.
Die Frau ffnete rasch die Thr den Mann zu begren, der den Hut abnahm,
sich die nassen Haare aus der Stirn strich, und das Kind kte, das sie
ihm entgegenhielt.

Jesus ist das ein Wetter, Gottlieb, sagte sie dabei, als sie ihm den Hut
aus der Hand nahm und neben den Ofen an den Nagel hing, komm nur herein,
da Du 'was Trockenes auf den Leib bekommst; wo hast Du denn den Jungen? --
ist er nicht bei Dir? setzte sie, fast ngstlich, hinzu.

Er ist drauen bei Lehmann's hineingegangen, denen wir ein paar Sachen
aus der Stadt mitgebracht, sagte der Mann -- wird wohl gleich kommen --
wie geht's Frau? -- wie geht's Mutter? -- ha, das regnet einmal heute was
vom Himmel herunter will; was nur d'raus werden soll wenn das Wetter so
fort bleibt. Ein paar gute trockene Tage haben wir gehabt, und jetzt
wieder Gu auf Gu -- Gu auf Gu, als ob sie uns unsere paar Stcken Feld
noch hinunter in die Wiesen waschen wollten. Von dem einen Acker ist die
Saat schon halb fortgesplt -- wenn dasmal das Korn misrth, wei ich nicht
wo der arme Mann das Brod hernehmen soll.

Klag nicht, Gottlieb, sagte aber die Frau freundlich -- es geht noch
Vielen schlechter wie uns, und was sollen da die _ganz_ armen Leute sagen.
Lieber Gott, es ist viel Noth in der Welt, und wer heut zu Tage eben sein
Auskommen und ein Dach ber dem Kopf hat und gesund ist, sollte sich nicht
versndigen.

Sie hatte dabei das Kind auf die Erde gesetzt, holte den Topf aus der
Rhre, in der, trotz der vorgerckten Jahreszeit, noch ein Feuer brannte,
der alten, frstelnden Mutter wegen, und go den darin hei gehaltenen
Kaffee -- sie nannten das braune Getrnk von gebrannten gelben Rben und
Gerste wenigstens so -- in die eine braune Kanne, damit sich der Mann, der
den ganzen Tag drauen im Regen herumgezogen war, daran erquicken knne.
Zugleich auch deckte sie ein weies Tuch ber den Tisch, auf den sie noch
Butter und Brod stellte, die versumte Mittagsmahlzeit wenigstens in etwas
nachzuholen. Der Mann setzte sich an den Tisch, schenkte sich eine Tasse
Kaffee ein, in den ihm die Frau die Milch go, und schnitt sich ein groes
Stck Brod ab, das er mit Butter bestrich und verzehrte. Er sprach kein
Wort dabei, und beendete still seine Mahlzeit, schob dann die Tasse und
den Butterteller zurck, nahm das Kleinste, das die Mutter zu ihm auf die
Erde gesetzt hatte, herauf auf sein linkes Knie, blieb, den rechten
Ellbogen auf den Tisch gesttzt, den Kopf gegen die Wand gelehnt,
regungslos sitzen, und schaute still und schweigend nach dem Fenster
hinber, an das die Regentropfen immer noch, vom Wind drauen gepeitscht,
hohl und heftig anschlugen.

Die Frau hatte ihn eine ganze Zeit lang mit scheuem Blick betrachtet; es
war irgend etwas vorgefallen, aber sie wagte nicht zu fragen, denn
Gottlieb, so seelensgut er auch sonst sein mochte, hatte doch auch seine
verdrielichen Stunden und war dann, wenn gestrt, oft rauh und
unfreundlich; aber eine eigene Angst berkam sie pltzlich. Ihr ltester
Sohn -- der Hans -- war nicht mit zu Hause gekommen -- konnte dem -- heiliger
Gott, wie ein Stich traf es sie in's Herz und sie sprang erschreckt von
ihrem Stuhl auf und auf den Mann zu.

Gottlieb -- um aller Heiligen Willen wo ist der Hans? -- es ist -- es ist
ihm doch nicht etwa ein Unglck geschehn?

Der Hans? sagte der Mann aber ruhig und sah erstaunt zu ihr auf, was
fllt Dir denn ein? was soll denn dem Hans zugestoen sein? ich habe Dir
ja gesagt da er bei Lehmann's etwas abgegeben hat, und dort
wahrscheinlich das Wetter abwarten wird.

Ich wei nicht, sagte die Frau, der dadurch allerdings eine Centnerlast
von der Seele gewlzt wurde -- aber Du bist so sonderbar heut Abend, so
still und ernst, und da schlugs mir wie ein Schreck in die Glieder, ber
den Hans. Ist etwas vorgefallen Gottlieb?  -- 

Gottlieb schttelte den Kopf langsam und sagte. -- Nicht da ich wte --
nichts Besonderes wenigstens, oder nichts Anderes, als was jetzt alle Tage
vorfllt -- Geld zahlen.

War es denn so viel? sagte die Frau leise und schchtern.

Der Mann schwieg einen Augenblick und sah still vor sich nieder; endlich
erwiederte er seufzend:

Das Schwein ist d'rauf gegangen, und vier Thaler Siebzehn Groschen sind
immer noch mit Gerichtskosten und der alten Procegeschichte mit der
Brckenplanke, mit der ich eigentlich gar Nichts mehr zu thun hatte,
stehen geblieben, und ich mu sie bis zum ersten Juli nachzahlen, unter
Androhung von Pfndung.

Nun lieber Gott, sagte die Frau trstend -- wenn das das Schlimmste ist,
lt sich's noch ertragen; da verkaufen wir eben das andere Schwein und
behelfen uns so. Wie wenig Leute im Dorf haben berhaupt eins zu
schlachten, und leben doch; warum sollen wir nicht eben so gut ohne eins
leben knnen als die.

Ja, sagte der Mann leise und still vor sich hin brtend -- verkaufen und
immer nur verkaufen, ein Stck nach dem anderen, und whrend wo anders die
Leute mit jedem Jahr ihr kleines Besitzthum vergrern, und fr ihre
Kinder etwas zurcklegen knnen, sieht man es hier mehr und mehr
zusammenschmelzen, unter Mh und Plack das ganze Jahr lang.

Aber kannst Du's ndern? sagte die Frau leise und fuhr, wie der Mann
schwieg und mit der Faust die Stirn sttzend vor sich nieder starrte,
schchtern fort -- arbeitest Du nicht von frh bis spt fleiig und
unverdrossen? gnnst Du Dir eine Zeit der Ruhe, wo Dich irgend eine
nthige Beschftigung ruft, und haben wir uns etwa das Geringste
vorzuwerfen?

Nein, sagte der Mann, whrend er die Hand auf den Tisch sinken lie und
die Frau voll und fest ansah -- nein, aber das ist es ja eben, was mir am
Leben frit. Wir knnen nicht mehr arbeiten, nicht mehr verdienen wie wir
jetzt thun, und jetzt sind wir noch jung und krftig, unsere Kinder noch
klein und gesund, und dennoch geht es mit jedem Jahr zurck, wird es mit
jedem Jahr schlechter und schlimmer. Wie nun soll das werden, wenn uns
erst einmal Krankheit heimsuchte, wenn die Kinder heranwachsen und mehr
brauchen, wenn wir selber lter werden und nicht mehr so zugreifen knnen
wie jetzt? -- Schon jetzt knnen wir uns nicht mehr in der theueren Zeit
oben halten -- das eine Schwein ist verkauft, das andere wird noch fort
mssen; unser Acker ist kleiner geworden in den letzten zehn Jahren,
unsere Bedrfnisse aber sind gewachsen -- wie soll das enden?

Aber Gottlieb, sagte die Frau freundlich -- wie kommen Dir jetzt doch
nur solche Grillen? haben Dir die paar Thaler Steuern den Kopf verdreht?
Mann, Mann, Du bist doch sonst so ruhig, und hast immer vertrauungsvoll in
die Zukunft gesehn, wie sind Dir auf einmal solche schwarze Gedanken durch
den Sinn gefahren?

Die alte Mutter hatte, schon so lange wie die Beiden mit einander
gesprochen, ihr Spinnrad ruhen lassen, und dem Gesprch aufmerksam
zugehrt; dabei schttelte sie fortwhrend mit dem Kopf, und sagte endlich
mit ihrer schrillen, scharf klingenden Stimme:

Ja wohl, ja wohl -- das Geld wird rar und das Brod theuer, und mehr Muler
kommen -- mehr Muler sind da zum Verzehren, wie zum Verdienen. Schlagt
mich todt; schlagt mich todt da ich weg komme aus dem Weg und Euch Platz
mache -- schlagt mich todt.

Mutter, bat die Frau, in Todesangst da sie dem Manne mit solcher Rede
wehe thun wrde, denn _er_ gerade hatte sie immer auf das Freundlichste
behandelt, und Alles gethan was in seinen Krften stand, ihr jede
Erleichterung, die ihr Alter bedurfte, zu verschaffen -- wie drft Ihr nur
so etwas reden; versndigt Ihr Euch denn nicht?

Wir haben noch genug fr uns Alle Mutter, sagte aber der Mann
freundlich, der ihre Launen kannte und der alten Frau nicht wehe thun
mochte -- nur fr sptere Zeit ist mir bange; Sie aber wren die Letzte
die darunter leiden sollte. Wir werden Alle alt, und wenn wir unsere
Schuldigkeit in unserer Jugend gethan, wie Sie, dann ist es nicht mehr wie
Pflicht und Schuldigkeit der Jngeren fr ihre Eltern zu sorgen -- wenn sie
nicht auch einmal wieder von ihren Kindern wollen verlassen werden.

Die Alte war wieder still geworden, sah noch eine Zeit lang vor sich
nieder, und begann dann auf's Neue ihre Arbeit, aber die Frau fuhr fort
und sagte, fast mit einem leisen Vorwurf im Ton zu ihrem Mann.

Siehst Du Gottlieb, das hast Du nun davon mit Deinen trben und traurigen
Ideen; Du machst Dir und mir und der Mutter nur das Herz schwer, und
ntzest und hilfst doch Nichts. Der liebe Herr Gott da oben wird's schon
machen und lenken; Er hat die Welt so viele Jahrhunderte hindurch in ihrer
Bahn gehalten, und die Menschen darauf geschirmt und gepflegt, wie unser
Herr Pastor sagt, Er wird's auch schon weiter thun, und wir drfen uns
eigentlich gar nicht sorgen und kmmern um den nchsten Tag.

Doch, doch Frau, sagte aber der Mann, aufstehend und jetzt, die Hnde in
den Hosentaschen, in der Stube auf und ab gehend -- doch Frau, der Mann
_mu_, denn wenn er's _nicht_ thte, wr er ein schlechter Hausvater, und
ihm allein fielen dann all die schweren Folgen zur Last, die daraus
entstnden. Ich kann Dir das nicht so mit Worten deutlich machen, wie
mir's neulich der Schulmeister, mit dem ich darber sprach, erklrte, aber
der meinte es wre etwa so wie wenn Einer im Wasser wre. Da sei es auch
nicht genug da man sich oben hielte an der Luft, und im Kreis herum
schwmme eben nur nicht zu ertrinken, das thte nicht einmal ein
unvernnftiges Stck Vieh; nein des Menschen, des verstndigen Menschen
Pflicht sei es sich schon im Wasser nach dem festen Lande umzusehn, ob man
das nirgends erreichen knne, denn zuletzt wrde man da im Wasser, man
mchte noch so tapfer schwimmen, doch mde, und lieen erst einmal die
Krfte nach, dann hlfe auch zuletzt das Schwimmen Nichts mehr, und man
snke eben langsam zu Boden.

Ich verstehe nicht recht was Du damit meinst, sagte die Frau, aber Du
siehst mich so sonderbar dabei an -- hast Du noch 'was anderes dahinter?

Nein und Ja, sagte der Mann nach kleiner Pause, indem er sich mit dem
Rcken an den Ofen lehnte, und langsam dazu mit dem Kopfe nickte,
eigentlich nicht, denn Gott da oben wei da es wahr ist, und wei wie,
und ob's einmal enden kann; aber dann -- dann hab' ich allerdings noch was
dahinter, denn ich meine -- ich meine  --  er schwieg und es war
augenscheinlich, er hatte etwas auf dem Herzen, das er sich scheue so mit
blanken klaren Worten heraus zu sagen, die Frau aber, die eben damit
beschftigt war das Geschirr hinaus zu rumen, setzte die Kanne wieder auf
den Tisch, sah den Mann erstaunt an, ging dann langsam zu ihm an den Ofen
und sagte leise, vor ihm stehen bleibend:

Geh her, Gottlieb -- Du hast 'was, was Dich drckt und willst nicht mit
der Sprache heraus -- es ist irgend noch etwas vorgefallen in der Stadt,
was Du nicht sagen magst. Du darfst doch nicht _sitzen_?

_Sitzen_? -- weshalb? lchelte der Mann kopfschttelnd -- ich habe nie
etwas Bses gethan.

Nun was ist's denn, so sprich doch nur, denn Du ngstigst mich ja mehr
mit Deinem Schweigen, als wenn Du mir das Schlimmste gleich vornheraus
erzhlst -- dem Hans fehlt doch Nichts?

Was soll dem Hans fehlen, nrrische Frau -- wenn's aufhrt zu gieen wird
er schon kommen.

Und was ist's denn? -- gelt, Du sagst mir's?

Ich mu Dir's wohl sagen; seufzte der Mann, nun sieh Hanne, ich meine --
ich habe so darber nachgedacht, da es jetzt hier in Deutschland immer
schlechter wird mit uns -- und da wir's zu Nichts mehr bringen knnen,
trotz aller Arbeit, trotz allem Flei, und da jetzt -- da jetzt doch so
viele Menschen hinber ziehen  -- 

Hinber ziehen? frug die Frau erstaunt, fast erschreckt, und legte die
Hand fest auf's Herz, als ob sie die aufsteigende Angst und Ahnung ber
etwas Groes, Schreckliches da hinunter und zurckdrcken wolle, eh sie zu
Tage kme -- wo hinber Gottlieb?

Nach Amerika; sagte der Mann leise -- so leise da sie das Wort wohl
nicht einmal verstand, und nur an der Bewegung der Lippen es sah und
errieth. Wie ein Schlag aber traf sie die Wirklichkeit ihres Verdachts,
und ohne ein Wort zu erwiedern, ohne eine Sylbe weiter zu sagen, setzte
sie sich auf den, dicht am Ofen stehenden Stuhl, deckte ihr Gesicht mit
der Schrze zu und sa eine lange, lange Weile still und regungslos. Auch
der Mann wagte nicht zu sprechen -- er hatte den Gedanken wohl schon eine
Zeit lang mit sich herumgetragen, aber sich immer davor gefrchtet ihm
Worte zu geben, sogar gegen sich selbst, wie viel weniger denn gegen die
Frau. Jetzt war es heraus, und er betrachtete nur scheu die Wirkung die er
hervorgebracht.

Auch die alte Mutter sa, mit der Hand auf dem Rad das sie im Drehen
aufgehalten, und horchte nach den Beiden hinber, was sie mitsammen
hatten, und wie die so still waren und kein Wort mehr sprachen, mochte es
ihr auch unheimlich vorkommen und sie sagte laut und mrrisch:

Nun Gottlieb was giebt's -- was hast wieder Du mit der Hanne -- was habt
Ihr denn da Ihr so still und heimlich thut -- macht Einem nicht auch noch
Angst unntzer Weise -- was ist nun wieder los?

Ja Mutter, sagte der Mann jetzt, der sich gewaltsam Muth fate ber das,
was nun doch nicht lnger mehr verschwiegen bleiben konnte und besprochen
werden _mute_, auch laut zu reden, da er's vom Herzen herunter bekam --
es geht mit uns hier den Krebsgang, und ich habe eben zu Hannen gesagt
da uns zuletzt nichts anderes brig bleiben wrde als -- als es eben auch
wie andere zu machen, und  -- 

Und? -- und was zu machen? frug die alte Frau gespannt  --

Als _auszuwandern_, sagte der Mann mit einem pltzlichen Ruck und
seufzte dann tief auf, als ob er selber froh wre es los zu sein.

Herr Du meine Gte! rief die alte Frau, lie die Hnde erschreckt in den
Schoo sinken und lehnte sich in ihren Stuhl zurck, whrend ihr alle
Glieder am Leibe flogen -- Herr Du meine Gte! wiederholte sie noch
einmal, und die Finger falteten sich unwillkrlich zusammen, so hatte sie
der Schreck getroffen.

Auswandern, sagte aber auch jetzt Gottliebs Frau mit tonloser Stimme,
und lie die Schrze vom Gesicht herunterfallen -- auswandern, das ist ein
schweres -- schweres Wort Gottlieb -- hast Du Dir das auch recht -- recht
reiflich berlegt?

Tag und Nacht die ganze letzte Woche hindurch, rief aber der Mann, der
jetzt, da das Eis einmal gebrochen war, wieder Leben und Wrme gewann.
Wie ein Mhlstein hat's mir auf der Seele gelegen, und ich habe lange und
tapfer dagegen angekmpft, aber es wre das Beste fr uns, was wir auf der
weiten Gotteswelt thun knnten; und wenn auch nicht einmal fr uns, wenn
wir selber auch schwere und bittere Zeiten durchzumachen htten, doch fr
die Kinder, die einmal den Segen erndten, den wir mit unserem Schwei,
unseren Thrnen geset.

Auswandern? ja, sagte aber jetzt die Gromutter, mit dem Kopfe nickend
und schttelnd, als ob sie den schrecklichen Gedanken wieder von sich
abwerfen wollte -- ja wohin es euch lstet, aber erst wenn ich todt bin.
Die paar Tage mt Ihr noch hier bleiben die ich noch zu leben habe, oder
sonst schlagt mich todt, werft mich in's Wasser, oder schlagt mich mit dem
Beil auf den Kopf da ich fortkomme, und hier auf dem Kirchhof unter der
alten Linde liegen kann, wo der Leberecht liegt. In der Welt knnt Ihr
mich doch nicht mehr umherschleppen, und nutz bin ich auch Nichts mehr,
wie das mit zu verzehren was andere verdienen. Wenn Ihr jetzt fort wollt
schlagt mich vorher todt.

Ach Mutter wenn Sie nur nicht gar so hlich reden wollten, sagte die
Frau traurig, whrend der Mann wieder zum Tisch ging, sich dort auf den
Stuhl setzte, und den Kopf in die Hand sttzte -- Sie sind noch wohl und
rstig und werden, will's Gott, noch manches Jahr leben und sich Ihrer
Kinder freuen. Wo die dann hin ziehen und sich ihr Brod suchen mssen, da
gehren Sie auch hin, und was die verdienen, das haben Sie auch verdient
mit Mhe und Noth und banger Sorge schon vor langen Jahren, wie wir noch
klein und unbehlflich waren, wie unsere Kinder jetzt.

Wozu mich mitnehmen, sagte aber die Frau, strrisch dabei mit dem
Oberkrper herber und hinber schwankend, unterwegs mtet Ihr mich doch
aus dem groen Schiff hinaus in's Wasser werfen, die Fische zu fttern.
Bleibe im Lande und nhre Dich redlich, das ist _mein_ Spruch und meines
Leberecht Spruch von alter Zeit her gewesen, und wir haben uns wohl dabei
befunden, aber das junge Volk jetzt will immer alles anders haben, will
oben zur Decke 'naus und fliegen und schwimmen, anstatt hbsch auf der
Erde und im alten Gleis zu bleiben. Warum ist's denn frher gegangen? --
nein Gott bewahre, jetzt soll Alles mit Eisenbahnen und Dampf gehen und
keine Geduld, keine Ausdauer mehr; nur fort, immer gleich fort, in die
Welt hinein und mit dem Kopf gegen die Wand -- schlagt mich todt, dann seid
Ihr mich los und knnt hingehn wohin Ihr wollt.

Und die alte Mutter stand auf, rckte ihr Spinnrad bei Seite, und
humpelte, noch immer vor sich hin murmelnd und grollend, aus der Stube
hinaus.

Sie meint es nicht so bs, Gottlieb, sagte die Frau zu dem Mann tretend
und ihre Hand auf seine Schulter legend, es ist eine alte Frau die an
ihrer Heimath mit ganzem Herzen hngt und sich vor der Reise frchtet.

Und Du nicht, Hanne? rief der Mann sich rasch nach ihr umdrehend, und
ihre Hand ergreifend -- Du nicht? Du wrdest Dich dazu entschlieen knnen
unsere Heimath hier, unser Huschen, unser Feld zu verlassen, und mit mir
und den Kindern ber das weite Meer zu fahren, in eine fremde Welt?

Die Frau schwieg und ihre Hand zitterte in der des Mannes -- endlich sagte
sie leise  -- So weit fort? -- und mu es denn sein, ist es denn gar nicht
mglich mehr, da wir hier gut und ehrlich durchkommen durch die Welt,
wenn wir uns auch ein Bischen knapper einrichten wie bisher? Ach Gottlieb,
es ist gar hart so von zu Hause fortzugehn, die Thr zuzuschlieen und zu
denken da man nun nie und nimmer wieder dahin zurckkommt  -- 

Der Mann nickte traurig mit dem Kopf und sagte endlich:

Du hast recht Hanne; es ist ein schwerer, recht schwerer Schritt, und man
sollte ihn sich wohl vorher berlegen ehe man ihn thut, denn zurck kann
man nicht wieder, wenn man nicht wenigstens Alles opfern will, was Einem
bis dahin noch zu eigen gehrt hat. Thun wir aber recht nur allein an uns
zu denken? -- Sieh, wir schleppen uns vielleicht noch wenn auch kmmerlich,
doch ehrlich, durch, bis wir einmal sterben, und wenn es auch hart ist,
da es Einem nachher im Alter schlechter gehn soll wie in der Jugend,
brauchten wir doch gerade keine Furcht zu haben da wir verhungerten; aber
die Kinder -- die Kinder -- was wird aus denen? Unser kleines Grundstck ist
die Jahre ber kleiner und kleiner geworden; mit dem Geschft geht's auch
kmmerlicher wie bisher -- neue, geschicktere Arbeiter, junge Burschen die
noch keine Familie haben und weniger brauchen, sitzen in den Drfern
herum, und die Fabriken und Maschinen geben uns ohnedies den Todessto.
Stahl und Holz braucht Nichts zu essen und arbeitet unermdet Tag und
Nacht durch, und die Rder und Walzen und Hmmer klopfen und drehen und
schwingen ununterbrochen fort gegen den Schwei des armen Arbeiters der
darber zu Grunde geht. Ich murre auch nicht darber, es mu wohl schon so
recht sein, denn Gott hat's den Menschen selber gelehrt und die Welt mu
vorwrts gehn -- wir lteren Leute knnen uns aber eben nicht mehr darein
schicken, knnen nichts Anderes mehr ergreifen, und wieder von vorne
anfangen, wenigstens hier im Lande nicht wo Einem die Hnde nach allen
Seiten hin gebunden sind, und darum ist mir der Gedanke gekommen
auszuwandern. Da drben ber dem Weltmeere hat der liebe Herr Gott noch
einen groen gewaltigen Fleck Erde liegen, fr uns arme Leute bestimmt,
den Maschinen und Rderwerken zu entgehn; dort haben wir Platz uns zu
bewegen, und wer nur da ordentlich arbeiten will hat nicht allein zu
leben, sondern kann auch vielleicht fr sich und die Kinder was vorwrts
bringen und braucht sich nicht mehr vor der Zukunft zu frchten und vor
Hunger und Noth. Wenn wir nicht auswandern, was bleibt unsern Kindern da
einmal anders brig, als in Dienst zu gehn und sich bei fremden Leuten
doch herumzuschlagen ihr Lebelang.

Und die Mutter? sagte die Frau, sich ngstlich nach der Thre umsehend --
was wrde aus der alten Frau auf dem Meere?

Was aus so vielen alten Frauen da wird, liebes Herz, sagte aber der
Mann, augenscheinlich mit froherem, freudigeren Herzen, als er bei dem
eigenen Weib nicht den Widerstand fand, den er vielleicht gefrchtet --
sie gewhnen sich an das neue Leben, sobald sie das alte nicht mehr um
sich sehen, und die Seeluft soll krftigen und strken.

Aber sie wird nicht mit uns wollen.

Sie wird ihre Kinder nicht verlassen, trstete sie der Mann, und ohne
sie drften wir ja auch gar nicht fort.

Die Frau reichte ihm schweigend die Hand, die er herzlich drckte, und
wandte sich dann, und wollte eben das Zimmer verlassen, als drauen Jemand
die Thr aufri und in das Haus trat. Das Unwetter hatte jetzt seinen
hchsten Grad erreicht, und der Regen schlug in ordentlichen Gssen gegen
die Fenster an, whrend der Wind die Wipfel der Bume herber und hinber
schttelte und die Blthen von den Zweigen ri mit rauher Hand.

                               [Capitel 6]

Schnen Gru mit einander, sagte dabei eine rauhe Stimme, whrend die
Stubenthr halb geffnet wurde -- darf man hinein kommen?

Gott gr Euch, sagte die Frau -- kommt nur herein, bei dem Wetter ist's
bs drauen sein -- es tobt ja, als ob der letzte Tag hereinbrechen
sollte.

Der Fremde hing seinen Hut und Mantel drauen ab und trat mit nochmaligem
Gru in die Stube.

Gott gr Euch, sagte auch Gottlieb -- da, nehmt Euch einen Stuhl und
setzt Euch zum Ofen; es ist heut unfreundlich drauen, und man kann ein
Bischen Feuer brauchen.

Sauwetter verdammtes, fluchte der Mann, als er der Einladung Folge
geleitet und sich die nassen Haare aus der Stirne strich -- ich wollte
erst sehen da ich die Schenke erreichte; hier um die Ecke herum kam der
Wind aber so gepfiffen da er mich bald von den Fen hob, und es war
gerade als ob sie Einem von da oben einen Eimer voll Wasser nach dem
andern entgegen gossen. Schnes Wetter fr Enten, aber fr keine
Menschen.

Es war eine rauhe, krftige Gestalt, der Mann, mit krausem dicken
schwarzen Bart und ein paar tiefliegenden unstten Augen, in einen groben
braunen Tuchrock gekleidet, wie ihn die Fleischer nicht selten auf dem
Lande tragen. Die ebenfalls braunen Hosen hatte er dabei heraufgekrempelt,
bis fast unter das Knie, mit seinen derben Wasserstiefeln besser durch
alle Pftzen und Schlammwege hindurch zu knnen; die aus ungeborenem
Kalbfell gemachte Weste war ihm bis an den Hals hinauf zugeknpft, und
eine lange silberne Kette, an der die in der Westentasche steckende Uhr
befindlich war, hing ihm darber hin.

Ihr seid wohl weit von hier zu Haus? frug Gottlieb nach einer lngeren
Pause, in der er den Mann und dessen Aeueres flchtig nur betrachtet
hatte -- hab' Euch wenigstens noch nicht hier bei uns gesehen.

Zehn Stunden etwa, sagte der Fremde, seine Pfeife jetzt aus der
Brusttasche seines Rockes nehmend und mit Stahl und Schwamm, den er bei
sich fhrte, entzndend -- wie weit ist's noch bis Heilingen.

Eine tchtige Stunde -- wenn der Weg jetzt nicht so schrecklich wre,
knnte man's recht bequem in krzerer Zeit gehn.

Hm -- ist noch verdammt weit, puh wie das drauen strmt; und die
Pflaumenblthen pflckt's beim Armvoll herunter -- Pflaumenmu wird theuer
werden nchsten Herbst.

Das wei Gott, sagte Gottlieb -- es wird Alles theuer, immer mehr jedes
Jahr, langsam aber Sicher.

Bah, es geschieht denen recht die hier bleiben, wenn sie nicht hier
bleiben mssen; 's giebt Pltze die besser sind.

Wollt Ihr auch auswandern? sagte Gottlieb rasch.

Auswandern? -- nach Amerika? -- hm -- ich wei noch nicht, brummte der
Fremde, sich den Bart streichend  -- es wre aber mglich da sie Einen
noch dazu trieben. Sind das Euere Kinder?

Ja.  -- 

Habt Ihr noch mehr?

Noch einen Jungen von elf und ein halb Jahr.

Und Ihr seid ein Weber? sagte der Fremde mit einem Blick auf den
Webstuhl -- auch schwere Zeiten fr derlei Arbeit, mit einer Familie
durchzukommen.

Ja wohl, schwere Zeiten, seufzte Gottlieb, als in diesem Augenblick die
Thr drauen wieder aufging und die Mutter laut ausrief:  --

Der Hans, lieber Himmel kommt der in dem Wetter.

Es war Hans, der lteste Sohn des Webers, durch und durch na, aber mit
frischem gesunden Gesicht und rothen Backen, auf denen das Regenwasser in
groen Perlen stand.

Guten Tag mit einander, sagte er, als er in's Zimmer trat und die
triefende Mtze vom Kopf ri -- guten Tag Mutter.

Guten Tag Hans, aber wo um Gottes Willen kommst Du in dem Regen her;
warum hast Du das Wetter nicht bei Lehmann's abgewartet?

Es wurde mir zu spt Mutter und ich war hungrig geworden; habe auch noch
heute Abend dem Vater etwas zu helfen.

Ein derber Junge, sagte der Fremde, der sich den Knaben inde mit
finsterem Blick betrachtet hatte -- kann wohl schon ordentlich mit
arbeiten.

Ach ja, er packt tchtig mit zu, sagte der Vater -- lieber Gott in
jetziger Zeit mu Alles mit Brod verdienen helfen.

Die Kinder fressen Einen arm, sagte der Fremde.

Habt Ihr Kinder? frug Gottlieb.

Ich? -- hm, ja, sagte der Fremde nach einer Pause -- knnte noch Jemandem
abgeben davon.

Ich mchte keins hergeben, sagte die Frau rasch, und kte das Jngste,
das sie eben wieder aufgenommen hatte um es zu fttern, Kinder sind ein
Segen Gottes.

Ja -- so sprechen die Leute wenigstens, sagte der Fremde trocken, aber
ich glaube es lt nach mit Regnen; ich werde die Schenke wohl jetzt
erreichen knnen.

Wollt Ihr nicht vielleicht erst eine heie Tasse Kaffee trinken? frug
die Frau, das Kind auf dem linken Arm, zum Ofen gehend, die dort
warmgestellte Kanne wieder vorzuholen.

Danke, danke, sagte aber der Fremde abwehrend -- kann das warme Zeug
nicht vertragen; ein Glas Branntwein ist mir lieber.

Das thut mir leid, sagte der Mann, den kann ich Euch nicht anbieten;
ich habe keinen im Hause.

Thut auch Nichts, lachte der Fremde; so lange halt ich's schon noch
aus. Sind doch hlflose Dinger so junge Menschen, ehe sie die Kinderschuh
ausgetreten haben, setzte er dann hinzu, als das Jngste das Mulchen
nach dem schon einmal gereichten Lffel vorstreckte -- was machte nun so
ein jung Ding, wenn man es hinsetzte und sich selber berliee.

Ach Du lieber Gott, sagte die Frau bedauernd -- so ein armer Wurm mte
ja elendiglich umkommen.

Bis den Nachbarn das Geschrei zu arg wrde und sie kmen und es
ftterten, lachte der Andere.

Dafr haben die Kinder Eltern, sagte die Frau, das kleine, die Aermchen
zu ihr ausstreckende Mdchen liebkosend und kssend, die sorgen schon
dafr da kein Nachbar danach zu sehen braucht.

Wenn die aber einmal pltzlich strben, wie dann? frug der Fremde, mit
einem Seitenblick auf die Frau, indem er seinen Rock wieder zuknpfte und
sich zum Gehen rstete.

Dann ist Gott im Himmel, sagte Hanne, mit einem frommen
vertrauungsvollen Blick nach oben.

Ja, das ist wahr; sagte der Fremde mit einem leichtfertigen Lcheln,
der hat allerdings die groe Kinderbewahranstalt. Aber es hat wirklich
aufgehrt mit Gieen, unterbrach er sich rasch, den Augenblick will ich
doch lieber benutzen. So schn Dank fr gegebenes Quartier Ihr Leute, und
gut Glck.

Bitte, Ihr habt fr Nichts zu danken, beht' Euch Gott, sagte Gottlieb
freundlich.

Beht' Euch Gott; sagte auch die Frau, und der Mann, ihnen noch einmal
zunickend, nahm drauen wieder den nassen Mantel um, drckte sich den
breitrndigen Hut in die Stirn, griff einen derben Knotenstock, der
daneben in der Ecke lehnte, auf, und verlie rasch das Haus, die Richtung
nach der Schenke einschlagend.

Mich freut's da er fort ist, sagte die Frau, die dem Knaben gerade das
Essen auf den Tisch setzte und den Kaffee einschenkte -- bewahr uns Gott,
was hatte der Mann fr ein finstres Gesicht und ein barsches Wesen; nicht
schlafen knnt' ich die Nacht, wenn ich den unter einem Dach mit mir
wte. In dem Gesicht liegt auch nichts Gutes -- und wie er fluchte und
ber die Kinder sprach -- ob er nur wirklich selber welche hat.

Er sagt's ja, besttigte Gottlieb -- aber mir schien's ein Fleischer zu
sein, seinem Gewerbe nach, und die sind immer rauh und derb, meinen's aber
nicht immer so bs.

So bess're ihn Gott, sagte die Frau mit einem Seufzer, und je seltener
er unseren Weg kreuzt, desto besser.





                                Capitel 7.


                              NACH AMERIKA.


Nach Amerika! -- Leser, erinnerst Du Dich noch der Mrchen in Tausend
und eine Nacht, wo das kleine Wrtchen Sesam dem, der es wei, die
Thore zu ungezhlten Schtzen ffnet? hast Du von den Zaubersprchen
gehrt, die vor alten Zeiten weise Mnner gekannt, Geister heraufzurufen
aus ihrem Grab, und die geheimen Wunder des Weltalls sich dienstbar zu
machen? -- Mit dem ersten Klang der einfachen Sylbe schlugen, wie sich die
Sage seit Jahrhunderten im Munde des Volkes erhalten, Blitz und Donner
zusammen, die Erde bebte, und das kecke, tollkhne Menschenkind das sie
gesprochen, bebte zurck vor der furchtbaren Gewalt die es
heraufbeschworen.

Die Zeiten sind vorber; die Geister, die damals dem Menschengeschlecht
gehorcht, gehorchen ihm nicht mehr, oder wir haben auch vielleicht das
rechte Wort vergessen sie zu rufen -- aber ein anderes dafr gefunden, das
kaum minder stark mit _einem_ Schlage das Kind aus den Armen der Eltern,
den Gatten von der Gattin, das Herz aus allen seinen Verhltnissen und
Banden, ja aus der eigenen Heimath Boden reit, in dem es bis dahin mit
seinen strksten, innigsten Fasern treulich festgehalten.

Nach Amerika, leicht und keck ruft es der Tollkopf trotzig der ersten
schweren, traurigen Stunde entgegen, die seine Kraft prfen sollte, seinen
Muth sthlen -- nach Amerika, flstert der Verzweifelte der hier am Rand
des Verderbens dem Abgrund langsam aber sicher entgegen gerissen wurde --
nach Amerika, sagt still und entschlossen der Arme, der mit mnnlicher
Kraft und doch immer und immer wieder vergebens, gegen die Macht der
Verhltnisse angekmpft, der um sein tgliches Brod mit blutigem Schwei
gebeten -- und es nicht erhalten, der keine Hlfe fr sich und die Seinen
hier im Vaterlande sieht, und doch nicht betteln _will_, nicht stehlen
_kann_ -- nach Amerika lacht der Verbrecher nach glcklich verbtem Raub,
frohlockend der fernen Kste entgegen jubelnd, die ihm Sicherheit bringt
vor dem Arm des beleidigten Rechts -- nach Amerika, jubelt der Idealist,
der wirklichen Welt zrnend, weil sie eben wirklich ist, und ber den
Ocean drben ein Bild erhoffend, das dem, in seinem eigenen tollen Hirn
erzeugten, gleicht -- nach Amerika und mit dem einen Wort liegt hinter
ihnen, abgeschlossen, ihr ganzes frheres Leben, Wirken, Schaffen -- liegen
die Bande die Blut oder Freundschaft hier geknpft, liegen die Hoffnungen
die sie fr hier gehegt, die Sorgen die sie gedrckt -- _nach Amerika!_

So ghrt und keimt der Saame um uns her -- hier noch als leiser, kaum
verstandener Wunsch im Herzen ruhend, dort ausgebrochen zu voller Kraft
und Wirklichkeit, mit der reifen Frucht seiner gepackten Kisten und
Kasten. Der Bauer drauen hinter seinem Pflug, den der nahe Grenzrain der
ihn zu wenden und immer wieder zu wenden zwingt noch nie so schwer
gergert, und der im Geist schon die langen geraden Furchen zieht, weit
ber dem Meer drben, in dem fetten, herrlichen Land; -- der Handwerker in
seiner Werkstatt, dem sich Meister nach Meister in die Nachbarschaft setzt
mit Neuerungen und groen, marktschreierischen Firmen, die wenigen Kunden
die ihm bis dahin noch geblieben in _seine_ Thr zu locken; der Knstler
in seinem Atelier, oder seiner Studirstube, der ber einer freieren
Entwickelung brtet, und von einem Lande schwrmt wo Nahrungssorgen ihm
nicht Geist und Hnde binden; -- der Kaufmann hinter seinem Pult, der
Nachts, allein und heimlich, die Bilanz in seinen Bchern zieht und, das
sorgenschwere Haupt in die Hand gesttzt, von einem neuen, andern Leben,
von lustig bewimpelten Schiffen, von reich gefllten Waarenhusern trumt;
in Tausenden von ihnen drngt's und treibt's und qult's, und wenn sie
auch noch vielleicht Jahre lang nach auen die alte frhere Ruhe wahren,
in ihren Herzen glht und glimmt der Funke schon -- ein stiller aber ein
gefhrlicher Brand. Jeder Bericht ber das ferne Land wird gelesen und
berdacht, neue Arzenei, neues Gift bringend fr den Kranken. Vorsichtig
und ngstlich, und weit herum um ihr Ziel, da man die Absicht nicht
errathen soll, fragen sie versteckt nach dem und jenem Ding -- nach Leuten
die vordem hinber gezogen und denen es gut gegangen -- nach Land- und
Fruchtpreis, Klima, Boden, Volk -- fr Andere natrlich, nicht fr sich
etwa -- sie lachen bei dem Gedanken. Ein Vetter von ihnen will hinber, ein
entfernter Verwandter oder naher Freund, sie wnschen da es dem wohl
geht, und hufen mehr und mehr Zunder fr sich selber auf.

So ringt und drngt und whlt das um uns her; keiner ist unter uns, dem
nicht ein lieber Freund, ein naher Verwandter den _salto mortale_ gethan,
und Alles hinter sich gelassen, was ihm einst lieb und theuer war -- aus
dem, aus jenem Grund -- und tglich, stndlich noch hren wir von anderen,
von denen wir im Leben nie geglaubt da _sie_ je an Amerika gedacht, wie
sie mit Weib und Kind, mit Hab' und Gut hinberziehn. Und _dort_? -- noch
liegt ein dichter Schleier ber ihrem Schicksal dort, doch Gottes Sonne
scheint ja berall -- Dir aber lieber Leser, greif ich aus dem Leben noch
hie und da ein paar Freunde heraus, die wir begleiten wollen auf dem
weiten Weg.

                                * * * * *

Oben in der Brandstrae -- nicht weit vom Brandthor entfernt, und dem
Gasthaus zum Lwen schrg gegenber, wohnte Professor Lobenstein mit
seiner Familie, in der ersten Etage eines, zwar sehr alten, aber auch sehr
wohnlich eingerichteten Hauses, das ihm eigen gehrte.

Der Professor war ein Mann, gerade an der anderen Seite der besseren
Jahre, etwa einundfnfzig alt, aber rstig und gesund, nur erst mit
einzelnen grauen Haaren zwischen den rabenschwarzen Locken, die ihm ber
die bleiche, aber hohe und geistvolle Stirn fielen, wie mit fast
jugendlichem, elastischem Gang und Wesen. Ein tchtiger Kopf dabei, hatte
er _jura_ und _cameralia_ studirt, und einen groen Schatz von Kenntnissen
aufgehuft; auch in manchem, mit schweren mhsamen Nachtwachen erkauften
Werk der Welt, der undankbaren Welt das Resultat seiner Studien und
Forschungen gebracht und dargelegt. Unzufrieden aber mit dem Erfolg, und
der kalten Aufnahme die es gefunden, wandte er sich spter wieder von den
bis dahin bevorzugten juristischen Wissenschaften ganz ab und allein
seinem Lieblingsstudium den Cameralien zu, in denen er besonders der
Gewerbskunde seine Thtigkeit widmete, auch mit einem Buchhndler in
Heilingen eine Gewerbszeitung grndete und herausgab.

Hierin hatte er Unglck; der Buchhndler machte bankerott und er bernahm
die Zeitung, mit ziemlich groen Verlusten schon, allein.

So vortrefflich aber Professor Lobenstein in der Theorie seiner
Wissenschaft bewandert sein mochte, so wenig sattelfest war er es in der
Praxis, und seine Zeitung wollte und wollte keinen Boden gewinnen. Mit
fabelhaftem Flei suchte er dem zu begegnen, umsonst -- umsonst auch da er
Capital nach Capital in das, zuletzt nur noch zur Ehrensache gewordene
Unternehmen steckte. Sein Haus bekam Hypothek auf Hypothek und mit einer
hchst ungnstigen politischen Periode, in der ihm eine groe Anzahl
Abonnenten absprang, trafen ihn auch so bedeutende pecunire Verluste, da
er sich endlich genthigt sah sein Blatt vollstndig aufzugeben. Es war
das das schwerste Opfer, das er bis dahin gebracht.

Professor Lobenstein hatte eine ziemlich starke Familie, eine Frau, zwei
erwachsene Tchter von siebzehn und zwanzig Jahren, einen Sohn von
achtzehn, und zwei kleinere Kinder, einen Knaben von acht und ein Mdchen
von sieben Jahren. Wenn auch nicht in Reichthum doch in einem gewissen
Wohlstand erzogen, war aber der Familie bis jetzt das schwere Wort
_Nahrungssorgen_ fremd geblieben; der Professor hatte immer, was man so
nennt, ein Haus gemacht, und sich in einem Umgangskreis bewegt, der ihnen
schon an und fr sich eine gewisse Verpflichtung auferlegte Manches
mitzumachen, was seinen, sonst mehr einfachen Neigungen eben nicht
Bedrfni schien. Das Alles sollte, ja _mute_ sich jetzt ndern, denn
wenn er auch aus den Trmmern seines Vermgens, nach allen erlittenen
Verlusten, einen kleinen Theil zu retten vermochte, gengte der nicht, das
bisherige Leben fortzufhren. Die Wahl blieb ihm jetzt allein, von Neuem
eine Laufbahn mit geringeren Mitteln anzufangen, und sich und den Seinen
schwere und ungewohnte Entbehrungen an einem Orte aufzuerlegen, wo ihn
Alles und Jedes an frhere und bessere Zeiten erinnerte oder -- es war eine
schwere Stunde in der ihm das Bild zum ersten Mal vor die Seele stieg -- in
einem anderen Welttheil, ungekannt, aber auch nicht bemitleidet oder
verspottet, ein vollkommen neues _Leben_ zu beginnen.

Aber die Frauen? -- wrden sie den Mhseligkeiten einer so langen Reise,
einer Ansiedlung drben in einem noch wilden Lande gewachsen sein? -- Da
er selber die Beschwerden eines solchen Lebens leicht ertragen wrde,
daran zweifelte er keinen Augenblick; er hatte so viel ber Amerika
gelesen, sich mit den dortigen Verhltnissen aus allen erschienenen
Schriften so vertraut gemacht, da er Alles kannte was ihn dort erwartete,
und einem derartigen Wirken eher mit Freude und Lust, als Bangen
entgegenging; aber durfte er seine Frau all den sie erwartenden
Unbequemlichkeiten und Strapatzen aussetzen? durfte er seine Tchter aus
ihrem geselligen glcklichen Leben reien, und ihnen mit einem Schlage
alle jene Vergngungen entziehen, die ihnen hier schon mehr als Erholung,
die ihnen fast Bedrfni geworden?

Einen langen und schweren Kampf kmpfte er mit sich selber, Monate lang,
und er wurde alt in der Zeit; die Augen lagen tief in ihren Hhlen und
seine Zge bekamen etwas Mattes und Abgespanntes, das sie sonst, in seiner
schwersten Arbeitszeit noch nie gehabt. Wenn auch die Kinder dabei sich
leicht mit einem vorgeschtzten Unwohlsein beruhigen lieen, dem scharfen
Blick der Gattin entging die Sorge nicht, die an seinem Herzen heimlich,
aber desto gewaltiger nagte, und ihren dringenden, ngstlichen Bitten
konnte er zuletzt nicht lnger widerstehen. Was sie doch zuletzt htte
erfahren _mssen_, vertraute er ihr an und wenn es die arme Frau auch wie
ein Schlag aus heiterem Himmel traf, nahm sie das Ganze doch viel ruhiger
auf als er erwartet, gefrchtet, und damit eine schwere Last von _seinem_
Herzen -- auf das ihre. Aber leichter trgt sich die getheilte, und bereden
konnten sie jetzt zusammen was zu thun, welchen Weg zu gehen, die
Mglichkeit besprechen die sich hier ihrem Leben bot, die Mglichkeit
errwgen, die ihnen dort eine andere freiere Zukunft ffnete. Und die
Kinder? wohin Mtter und Vater gingen folgten die ja gern; nur die Scene
wechselte fr sie, anderen, vielleicht selbst bunteren Bildern Raum zu
geben, und Kummer und Sorge kannten die ja nicht.

An demselben Abend waren die beiden ltesten Tchter zu einem kleinen
Fest, dem Geburtstag einer Freundin, eingeladen und hatten schon den
ganzen Tag mit rastlosen Fingern an dem bunten blitzenden Ballstaat
genht. Der Vater begleitete sie dorthin, nur die Mutter blieb daheim,
Kopfschmerz vorschtzend, und die Sorge um das jngste Kind, das mit einem
leichten Unwohlsein in seinem Bettchen lag. Aber gegen zehn Uhr
schlummerte es sanft und ruhig auf dem weichen Lager ein, und daneben, das
sorgenschwere Haupt in die Hand gesttzt, sa die Mutter und weinte --
weinte als ob sie mit dieser Thrnenfluth all den Gram und Kummer
fortwaschen wollte, der jetzt, ein dunkler Wolkensaum, am Horizonte ihres
Glcks erschien, und wild und drohend hher und hher stieg.

Lachend und plaudernd kehrten die Tchter, mit dem Vater spt in der Nacht
zurck; den leichten, sorglosen Herzen lag die Welt noch, ein weiter
Garten offen da, und was etwa an wuchernden Giftpflanzen dazwischen stand,
mischte noch sein fastgrnes Laub, dem jungen Auge nicht erkennbar, mit
Blum' und Blthenpracht.

Aber der Moment nherte sich auch, wo mit der vorgerckten Jahreszeit all'
die nthigen und mannichfaltigen Vorbereitungen zu einer so langen Reise,
zu einer gnzlichen Umgestaltung aller ihrer Verhltnisse, getroffen
werden _muten_; auch schien die Zeit eine passende fr den Sohn, der, von
der Schule gerade abgegangen, eben sein Abiturienten-Examen glcklich
bestanden hatte. Der Vater wnschte allerdings da er hier erst studiren,
und ihnen dann spter, wenn er etwas Tchtiges gelernt, vielleicht folgen
sollte, dachte ihm aber doch die freie Wahl zu lassen, und seinem Herzen
keinen Zwang aufzuerlegen.

Am nchsten Morgen nach dem Balle nun -- es war spt mit Aufstehn geworden
nach der durchschwrmten Nacht und die zweite Tochter Marie eben erst zum
Kaffee herbergekommen, whrend der Sohn das Haus schon, irgend eines
notwendigen Ganges wegen verlassen hatte -- sa der Vater, ungewohnter
Weise nicht in seiner Studirstube an der Arbeit, sondern im Sopha, aus der
langen Pfeife den Dampf in weien Kruelwolken von sich blasend, und die
Mutter am Nhtisch, Kleider ausbessernd fr das Jngste, das in seinem
herbergeschafften Bettchen wieder mit klaren Augen seine Puppe
schaukelte.

Schon ausgeschlafen, Vterchen? sagte Marie als sie, etwas beschmt, die
Letzte am Kaffeetische Platz genommen, ich habe wohl recht lange heut
geschlafen, aber -- was ist Dir denn? -- und der Mutter auch? -- rief sie
vom Stuhl wieder aufspringend, als sie das ungewohnte ernste Wesen der
Eltern gewahrte -- bist Du bse auf mich, Mtterchen?

Nein mein Kind, sagte diese und zwang ein Lcheln auf die Lippen, aber
der Vater hat Euch etwas recht Ernstes heute zu sagen, etwas von dem wir
noch nicht wissen, ob es Euch betrben wird oder nicht.

Der Vater? rief Marie erschreckt, und auch Anna, die lteste Tochter,
sah ngstlich zu ihm auf; Professor Lobenstein aber, so in die Enge und
zum Aeuersten getrieben, hustete, paffte den Dampf ein paar Mal scharf
vor sich hin, die Pfeife ordentlich in Gluth zu bringen, und sagte:

Ja Kinder, Ihr wit -- wir -- wir haben doch in den letzten Tagen viel ber
Nord-Amerika gesprochen, und auch Manches gelesen  -- 

Ja, die herrlichen Romane von Cooper, rief Marie rasch.

Und die schrecklichen Berichte im Tageblatt, lchelte Anna.

Der Doctor Haide ist ein Esel, sagte der Professor, den Rauch wieder ein
paar Mal rasch ausstoend -- wenn der htte in Amerika ordentlich arbeiten
wollen, brauchte er sich jetzt nicht von einer Winkeladvocatur und vom
Schimpfen auf freisinnige Leute zu ernhren; ber dessen Berichte wollen
wir uns keine Sorgen machen, aber  --  er schwieg wieder einen Augenblick
und sah, wie furchtsam, nach der Frau hinber. Die jedoch arbeitete um so
emsiger weiter, und selber mit dem Bedrfni dem, was ihn schon so lange
gedrckt, endlich einmal Worte zu geben, fuhr er rasch fort -- ich habe
eine Frage an Euch zu thun, Kinder -- Httet Ihr -- httet Ihr wohl selber
Lust hinber nach -- nach Amerika zu gehn?

Nach Amerika? rief Anna rasch und auch wohl erschreckt. Marie aber
sprang auf, schlug in die Hnde und rief jubelnd:

Nach Amerika? oh das wre ja prchtig -- das wre herrlich -- nicht wahr da
sind auch Blle, Vterchen?

Die Mutter seufzte tief auf und der Vater zog wieder, etwas verlegen an
der Bernsteinspitze.

Hm -- ich wei nicht, sagte er langsam mit dem Kopf schttelnd -- wo wir
im Anfang hinwollten, werden wohl keine sein. Hngst Du so an Bllen,
Marie?

Ich tanze gern, lchelte das junge frhliche Mdchen etwas verlegen und
schchtern.

Nun tanzen wirst Du dort hoffentlich auch knnen, mein Kind, sagte der
Vater freundlich -- wenn auch nicht gerade gleich auf solchen Bllen wie
wir sie hier gewohnt sind -- das Leben ist dort einfacher.

Oh, und bis zum nchsten Fasching sind wir gewi auch wieder zurck,
rief Marie.

Der Vater schwieg erst eine kleine Weile, und sagte dann leise aber
entschlossen.

Wir wollen _ganz_ hinberziehn, mein Kind.

Auswandern? rief die ltere Schwester fast erschreckt -- das Wort, dessen
Bedeutung sie noch gar nicht vollkommen verstand, traf sie mit einem
unbekannten ahnenden Gefhl von Schmerz und Leid -- und die Mutter?

Ihr werdet mich doch nicht wollen allein zurcklassen? lchelte die
Frau, sich gewaltsam zwingend ber den Schmerz dieser Stunde.

Mutter! sagte Anna, warf die Arme um ihren Nacken und kte sie.

Und Eduard? frug Marie.

Bleibt, wenn er meinem Rathe folgt, noch hier bis er ausstudirt und etwas
ordentliches gelernt hat, sagte der Vater -- wo nicht, hat er seinen
freien Willen und mag uns begleiten; sowie er zu Hause kommt werde ich mit
ihm sprechen.

Aber  --  rief Marie -- wer verwaltet unterdessen unser Haus?

Wenn wir einmal fort sind von hier, sagte der Professor ausweichend,
kann uns auch das Haus nichts mehr ntzen, und ich werde es verkaufen.

_Verkaufen_? -- unser Haus und den Garten? riefen Maria und Anna fast wie
aus einem Munde erschreckt und rasch  --

Unser freundliches Stbchen, wo wir als Kinder gespielt, setzte Marie
traurig hinzu.

Und die Bume die Vater alle gepflanzt -- die Laube, die wir uns selbst
gebaut, und die so schn geworden ist in diesem Jahr, sagte Anna leise --
verlassen wollt' ich es ja gern, wenn wir Alle gehn, aber da fremde
Menschen jetzt darin hausen sollen, die vielleicht gar nicht wissen wie
wir das Alles gehegt und gepflegt und  --  ihr Blick fiel in diesem
Augenblick auf der Mutter, halb von ihr abgewandte bleiche Zge, und fate
das Blitzen einer heimlich fallenden Thrne. Anna erschrak und wurde
todtenbleich -- hier lag mehr verborgen als man ihnen gesagt, und
heimlicher Gram, heimliche Sorge nagte an der Eltern Herzen, durfte sie
die vermehren? Sie schwieg einen Augenblick und sah sinnend vor sich
nieder, dann aber Mariens Hand ergreifend sagte sie mit leichterem
vielleicht gezwungen frhlicherem Ton:

Aber wir wollen nicht klagen; Vater und Mutter wissen am Besten was sie
zu thun haben, und was uns gut ist, und dort baut uns Vater dann ein
anderes Haus, und wir selber pflanzen uns ein neues Grtchen, schner als
das unsere hier.

Aber ich bliebe hier, wenn ich an Vaters Stelle wre, schmollte Marie,
und was wird Herr Kellmann dazu sagen, wenn er es erfhrt? der ist so
immer gegen Amerika, und hat sich schon oft mit Vater darber gezankt.

Ach der macht mir die geringste Sorge, sagte Anna in ihrem Schmerz
lchelnd -- wenn man _fr_ Amerika spricht, schimpft er aus Leibeskrften,
und citirt Gott wei was fr Stellen aus Briefen und Zeitungen, alles
Gnstige zu widerlegen, oder wenigstens stark zu bezweifeln, und kommt
Jemand der das Land ordentlich angreift, dann hab' ich auch schon gesehn,
da er den Handschuh wacker dafr aufnimmt, und man wirklich glauben
sollte er bekme so und so viel fr den Kopf, Leute zu bereden
hinberzuziehn. Das ist ein wunderlicher Kauz, der die meiste Zeit selber
nicht wei was er will, und ich glaube, wenn es Jemand recht ordentlich
bei ihm darauf anlegte, knnte man ihn selber, nur durch Widersprechen,
dahin bringen, da er in eigener Person hinberginge.

Herr Kellmann? lachte Marie -- nun _den_ mcht' ich in Amerika sehn.

Und wer wei, ob Dir das nicht noch passirt, besttigte der Vater, mit
dem Kopfe nickend.

Und darf ich mein neues seidenes Kleid mitnehmen, Mama? frug das junge
lebenslustige Mdchen jetzt die Mutter -- hier lassen mcht' ich es doch
nicht gern, und drben im Wald  -- 

Liebes Kind, wir werden auch nicht mitten in den Wald gehn, sagte die
Mutter, die indessen heimlich die verrtherische Thrne aus dem Auge
geschttelt, freundlich dabei der zu ihr getretenen Tochter die Stirn
streichend und kssend, denkt es Euch nicht so schlimm. Der Vater wird
uns schon einen Platz aussuchen, wo wir wenigstens unter Menschen und der
Cultur nicht ganz verschlossen sind -- er hielte es ja dort sonst selber
nicht aus.

Aber warum gehst Du nur, Vterchen? bat Marie  -- es ist doch hier so
wunderhbsch in Heilingen, und was wir da drben haben, wissen wir noch
nicht.

Der Professor, zu dem Anna ngstlich aufsah, hatte seinen Sitz verlassen
und ging, langsam dabei mit dem Kopf nickend, im Zimmer auf und ab; er
fhlte da er, auch den Tchtern gegenber, diesen eine Erklrung seines
Handelns schuldig sei, denn er ri sie aus einem liebgewonnenen Leben
heraus, und fhrte sie vielen, vielen Entbehrungen -- er durfte sich das
nicht leugnen -- entgegen. Von ihrer spteren Haltung dabei hing auch viel
ihrer Aller Glck, ihrer Aller Zufriedenheit ab, und sie waren alt genug
ihrem Urtheil zu vertrauen. Aber es kostete ihm der Entschlu einen
schweren Kampf, und wo ihm die Frau war auf halbem Weg entgegen gekommen,
frchtete er hier gerade, nicht Widerstand zu finden, denn dafr hatten
sie ihn zu lieb, aber Schmerz und Sorge zu wecken in den jungen Herzen,
denen er die ungebetenen Gste gern noch fern gehalten htte so lang als
mglich. Sie standen jedoch an einem wichtigen, bedeutungsvollen Abschnitt
ihres Lebens, und muten _sehen_, wohin der Weg sie fhrte.

In kurzen, einfachen Worten, frei vom Herzen weg, und zu den Herzen
sprechend, weil sie aus dem Herzen kamen, schilderte er ihnen jetzt die
vernderte Lage in die er, durch das gezwungene Aufgeben seiner
Zeitschrift sowohl, wie durch manche schwere, ihn betroffene Verluste
gekommen. Er verheimlichte ihnen nicht lnger da er einen Theil -- einen
groen Theil seines Vermgens eingebt, und das ihm selber liebe Haus
nicht verkaufen wrde, wenn ihn eben nicht -- die Verhltnisse dazu
_zwngen_. Aber noch blieb ihnen genug nach einem fernen Welttheil
berzusiedeln und dort, mit bescheideneren Bedrfnissen, von Neuem zu
beginnen; Amerika mit seiner ungeheuren Lebenskraft bot ihnen nach allen
Seiten hin die Mglichkeit der Existenz, und das gut und zweckmig
angelegte kleine Capital konnte dort gute Zinsen tragen fr sptere Zeit.
Hatten sie sich dann etwas verdient, waren die Hoffnungen, mit denen sie
hinber gingen, Wahrheit geworden, und sehnte sich ihr Herz noch nach dem
Vaterland, wer hinderte sie dann zurckzukehren zu den theueren Pltzen,
die ihnen ewig lieb bleiben wrden in der Erinnerung?

Dem Professor war es leichter um die Brust geworden, wie er das Eis nur
erst gebrochen. Selbst berzeugt von dem was er sprach, wurde er warm,
indem er den Gedanken weiter dachte, und seine Phantasie verlor sich
zuletzt sogar, Luftschlsser aufbauend, zauberschnell in weiter Ferne. Der
Professor ging mit dem Menschen durch, und die leicht gertheten Wangen
belebte ein eigenes, inneres Feuer. Und die Mutter sa dabei, still und
schweigend, und ngstlich bemht, in der wiederaufgenommenen Arbeit die
eigene Bewegung zu verbergen. Marie und Anna aber, die des Vaters Hnde
erfat und in den ihren hielten, schmiegten ihre Hupter an seine
Schultern und flsterten; die groen, zu ihm aufgeschlagenen Augen voll
von Thrnen.

Genug, genug, Vterchen; mal' uns das Alles nicht so prchtig aus -- wohin
Du und Mutter gehn, gehn auch wir, und wr' es mitten hinein in den
wildesten Wald. Kein unzufriedenes Wort sollst Du dabei von uns hren,
keine Klage, kein bses Gesicht weiter -- keine Thrne -- nur die hier sind
uns so ganz von selber ber die Backen gelaufen, weil wir die Mutter
weinen sahen. Mit Lieb und Lust wollen wir das Leben dort beginnen  -- 

Und Khe und Hhner schaffen wir uns an! rief Marie, und die Khe
melken wir selber und machen Butter und Kse.

Wie gut, sagte Anna, da wir im vorigen Jahr auf dem Land bei der Tante
waren, und dort das Alles zum Spa gelernt haben; jetzt wird es uns
ntzen.

Aber nicht wahr, Mtterchen, nun weinst Du auch nicht mehr, rief Marie,
zur Mutter hinbergleitend, ihren Arm um deren Nacken legend und sie
kssend -- drben wird schon Alles hbsch werden. Und ein paar von den
groen Holzschuhen nehm' ich mir mit, wie sie die Bauern tragen, fr
drauen bei nassem Wetter; hei wie wir da herumpatschen wollen und
schaffen und arbeiten; und pltten thun wir auch selbst, dafr nimmst Du
kein Mdchen mehr.

Den frohen, leichten Herzen schwammen schon die gewaltigen Umrisse ihrer
ganzen fernen, so ungewissen Zukunft, in den einzelnen bunten
Kleinigkeiten zusammen, die ihrem Geist, von dem Reiz der Neuheit mit
frischem Duft berhaucht, entstiegen. Nur die Lichtpunkte ersphte der, in
die Ferne arglos hinausschauende Blick, und die go er sich lustig
zusammen zu einem Ganzen: was dahinter lag, der dstere Hintergrund, den
das erfahrenere Mutterauge wohl erkannt, diente ihnen nur dazu die
einzelnen Lichter strker hervorzuheben, deutlicher erkennen zu knnen,
und der Himmel spannte sich blau und rein ber ihren glcklichen Huptern.





                                Capitel 8.


                       DER TANZ IM ROTHEN DRACHEN.


Drei volle Monat waren nach den, in den vorigen Capiteln betriebenen
Scenen verflossen, und der Diebstahl im Dollingerschen Hause zu Heilingen,
der eine ganze Woche lang fast das alleinige Stadtgesprch gebildet, wurde
kaum noch erwhnt. Der vermuthete Dieb (gegen den aber allerdings
nachtrglich keine weiteren Beweise aufgefunden worden), war zwei Tage
nach dem Sturz von der Brcke an seiner Kopfwunde gestorben; er hatte die
beiden Tage vollkommen bewutlos gelegen, und kein Wort mehr gesprochen.
Das brige Geld aber -- auer den zweihundert und einigen Thalern -- wie die
vermiten Pretiosen, konnten, trotz den genausten Nachforschungen nirgends
aufgefunden werden, und hatte er es wirklich gestohlen, so lie sich jetzt
gar nichts Anderes vermuthen, als da er es irgendwo an einer heimlichen
Stelle vergraben, und auer Sicht gebracht habe.

Actuar Ledermann hatte dabei ganze Actenste ber den Fall geschrieben --
man wute wirklich nicht wo er nur den Stoff dazu herbekommen; aber mit
dem blichen Canzleistyl wurde die Sache, der jede grndliche Vorlage
mangelte, nach Mglichkeit gereckt und ausgedehnt und dann, als sich
Nichts weiter darber ergab, mit starkem Bindfaden umschnrt und
etiquettirt, um spter vielleicht, mit Jahreszahl und Nummer versehn, in
irgend ein staubiges Gefach geschoben zu werden, dort ein Jahrhundert
fortzutrumen, -- wie der Verstorbene unter dem Rasen, dicht an der
Kirchhofsmauer, an die er, ohne Sang und Klang damals, noch vor Tag, still
und heimlich hinausgeschafft worden.

Die Geistlichkeit von Heilingen hatte dem Unglcklichen allerdings sogar
dies ehrliche Begrbni߫ versagen und den Krper der Anatomie
berantworten wollen, da er unter dem Verdacht eines schweren Diebstahls
und gewissermaen als Selbstmrder seinen Tod gefunden -- was kmmerte die
stolzen Geistlichen die duldende Liebe die Christus gelehrt, wo _ihre_
Autoritt Gefahr leiden konnte gekrnkt zu werden, und sie hatten einmal
verordnet, da solchen Sndern ein christliches Begrbni߫ versagt werden
solle; aber die Polizei war milder und verstndiger als die Diener des
Hchsten und erklrte den Tod des Armen fr keinen Selbstmord, indem er
nur auf der Flucht umgekommen, whrend wahrscheinlich der ihm
beigegebene Wchter die allerdings unschuldige, und nicht zur
Verantwortung zu ziehende direkte Ursache, seines Todes gewesen sei.

Aber fort -- fort mit den traurigen Bildern; das menschliche Leben hat der
dunklen Seiten so viele, und sie drngen sich uns doch auf, wohin wir
gehen -- nur der Augenblick gehret uns, und nicht muthwillig wollen wir
den Schmerz suchen. So mag mir der Leser denn noch einmal zum rothen
Drachen hinaus folgen -- es dauert vielleicht lange, ehe wir den Platz
wieder zu sehn bekommen -- und dort tnt heut frhliche Musik aus dem
hellerleuchteten Saal des groen Hauses, der mit Guirlanden und Blumen und
jungen Birkenreisern festlich geschmckt ist, inde ihn eine muntere, laut
und lustig durcheinander wogende Schaar belebt.

Kaum eine Viertelstunde -- oder eine halbe Pfeife Tabak, wie die Bauern
sagten -- vom rothen Drachen entfernt, lag Schlo Hohleck an der anderen
Seite des nmlichen Hgelrckens, das gegenber liegende Thal
berschauend, und der Besitzer desselben, Graf von Hohleck, feierte heute
die Vermhlung seines ltesten Sohnes, der dabei das Gut selber bernahm,
und nun seinen Leuten dem Tag zu Ehren ein Fest in der Schenke gab. Bier
und Branntwein waren dabei zu freier Verfgung gestellt, und ein starkes
Musikchor aus der Stadt engagirt worden, den Leuten die ganze Nacht
hindurch zum Tanze aufzuspielen -- und sie machten Gebrauch davon.

Aber auch aus Heilingen selber hatten sich eine Menge Gste eingefunden,
dem muntern Leben und Treiben der frhlichen Menschen zuzuschauen, und
whrend der untere Gartensaal einzig und allein den Dienstleuten des
Rittergutes eingerumt war, zu dem den Stadtleuten jedoch gastlich der
Zutritt gestattet wurde, hatten sich die letzteren noch besonders in einem
paar der kleineren Stuben festgesetzt, wo sie ihren Wein oder ihr Bier
tranken oder auch eine Parthie spielten, die Zeit auszufllen.

Zu den Gsten aus der Stadt gehrten auch mehre unserer alten Bekannten,
unter ihnen Kellmann und Schollfeld, zwei Stammgste des rothen Drachen.
Ledermann war ebenfalls, wenn auch spter, herausgekommen und ihnen hatte
sich noch der Auswanderungsagent Weigel -- sehr zum Aerger Schollfeld's,
der ihn nicht ausstehen konnte -- zugesellt. Weigel blieb aber nicht ruhig
an ihrem Tisch sitzen, sondern ging ab und zu, und hatte sein Glas nur mit
bei ihnen stehn, gewissermaen seinen Platz zu belegen.

Ledermann war brigens heute sehr still und niedergeschlagen, er hatte
sein einziges Kind vor etwa vierzehn Tagen verloren, und schien sich das
sehr zu Herzen zu nehmen, erklrte auch nur herausgekommen zu sein, sich
ein wenig zu zerstreuen und die Gedanken los zu werden, die ihn in der
Stadt drin peinigten.

Uebrigens war ihm in den letzten Tagen hchst unerwarteter Weise eine
kleine Erbschaft von 600 Thalern zugefallen und Schollfeld, der heute
Abend auergewhnlich gut aufgerumt schien, versuchte jetzt sein Bestes
des Freundes Grillen oder trbe Gedanken ebenfalls zu verscheuchen.

Hren Sie einmal Ledermann, begann er, mit dem Deckel seines Kruges
klappend und mehr Bier verlangend -- wie ist denn die Geschichte nun mit
den 600 Thalern?  -- beilufig gesagt schneiden Sie ein Gesicht dabei, als
ob Sie Schwefelsure verschluckt htten.

Er hrt nicht einmal, sagte Kellmann, als der Actuar kein Wort darauf
erwiederte, und die Anrede in der That gar nicht verstanden zu haben
schien -- Ledermann, Mensch, wo sind Sie jetzt mit Ihren Gedanken, im
rothen Drachen bei Heilingen, im Monde, oder in Amerika?

Wo? sagte der Actuar, rasch und fast verstrt aufschauend, als aber die
Anderen laut lachten, schttelte er mit dem Kopf und seinen Krug nehmend
und trinkend sagte er ruhig und ernst:

Ach lat mich zufrieden Kinder -- ich habe den Kopf voll, und bin
wahrhaftig heute Abend nicht zum Spaen aufgelegt.

Nicht zum Spaen aufgelegt? rief aber Schollfeld, Kellmann unter dem
Tisch anstoend -- ist auch gar nicht nthig mein lieber Actuar -- wir
spaen auch hier gar nicht; Jemand aber, der eine Erbschaft macht und
irgendwo Stammgast ist, berkommt dabei die moralische Verpflichtung
irgend etwas zum Besten zu geben, und es bleibt ein Skandal, da man einen
solchen Glckspilz auch nur noch daran erinnern mu. Hat der Henker da
wieder den Schleicher, den Weigel, unterbrach er sich aber pltzlich mit
etwas leiserer Stimme, als er sah wie dieser das Zimmer wieder betrat, und
sich ihrem Tische zuwandte -- ich hatte schon gehofft wir wrden ihn heute
Abend los sein; jetzt ist _mein_ Vergngen beim Teufel.

Nun meine Herren, noch so frhlich beisammen? sagte Weigel jetzt, indem
er zum Tisch trat -- ah, da sind ja der Herr Actuar auch noch dazu
gekommen -- bitte behalten Sie ja Platz, ich rcke ein klein wenig hier
herber -- so -- das geht vortrefflich. Nun, der Herr Actuar haben in diesen
Tagen ein groes Glck gehabt -- da darf man ja wohl gratuliren.

Danke herzlich, sagte Ledermann ruhig; es wird brigens so viel von den
paar hundert Thalern gesprochen, als ob's eben so viel Tausende wren.

Ih nun, das lassen Sie gut sein, sagte aber Weigel, mit dem Kopf
schttelnd -- sechshundert Thaler richtig angewandt knnten in der That in
kurzer Zeit zu so viel Tausenden werden.

Wenn man sich Schsische Lbau-Zittauer Eisenbahnactien dafr kaufte,
nicht wahr? sagte Schollfeld, das Gesicht halb in den ebengebrachten Krug
versteckt, und einen grimmigen Blick ber den Rand desselben hin, nach dem
Auswanderungsagenten schieend.

Nun das gerade nicht, schmunzelte Herr Weigel, sein Glas ein wenig
weiter auf den Tisch schiebend, und sich die Hnde reibend, da wte ich
doch noch eine bessere Speculation.

Und die wre, sagte der Actuar, seitwrts zu ihm aufschauend.

Wenn Sie sich eine kleine Farm in Amerika kauften.

Puh! rief Schollfeld, verchtlich den Kopf abwendend, jetzt sein Sie so
gut, kommen Sie uns hier nicht mit Ihrer alten Leier von dem verdammten
Amerika, und verderben Sie uns das Bier nicht -- hier ist auch Nichts zu
verdienen, denn von uns geht doch keiner hinber.

Lieber Herr Schollfeld, sagte aber Weigel mit groer Ruhe, von _uns_
wei noch Niemand was er nchstes Jahr thun wird, und verschwren lt
sich so eine Sache nun einmal gar nicht -- Amerika ist immer noch ein
Zufluchtsort.

Ja fr die Spitzbuben und Hallunken, _da_ haben Sie recht! rief der
Apotheker.

Ne lieber Herr Weigel! rief aber auch Kellmann jetzt -- mit sechshundert
Thalern kann ich da drben auch Nichts anfangen, und bin dann noch
obendrein bei jedem Schritt und Tritt der Gefahr ausgesetzt, da ich
betrogen und hintergangen werde. Man kann dort ja nicht einmal seinem
eigenen Bruder trauen.

Aber mein bester Herr Kellmann, das sind die unglckseligen Ideen, die
von -- na, ich will keinen Namen nennen -- ausgesprengt werden, um die Leute
blind zu machen, rein blind. Sie sollen eben nicht sehen was fr
Vortheile, fr fabelhafte Vortheile dort gerade fr sie zu Tage liegen,
und die Gerchte von dort verbten Betrgereien hngen eben als
Vogelscheuche ber den Erbsen. Wir haben _hier_ eben so viele schlechte
Charaktere wie in Amerika.

Ob eben so _viel_, will ich dahingestellt sein lassen, sagte Schollfeld
mit einem nichts weniger als freundlichen Seitenblick auf den Agenten --
aber eben so schlechte gewi.

Nun also, erwiederte Weigel freundlich, ohne auf den Hieb einzugehn, ja
im Gegentheil die Waffe lchelnd umdrehend -- sehn Sie, selber Herr
Schollfeld stimmt mir darin bei.

Ja aber nicht wie _Sie_ es meinen! rief da Schollfeld entrstet,
keineswegs gesonnen sich die Worte so im Munde verdrehen zu lassen.

Von den Betrgereien will ich noch gar Nichts sagen, unterbrach ihn aber
Kellmann, ziemlich in Eifer -- was ich dagegen sehr guten Grund habe zu
bezweifeln, sind die billigen Landkufe, sind dabei die Erleichterungen,
welche diese republikanische Regierung allen mglichen Gewerken und
Unternehmungen bietet, die geringen Taxen, der freie Verkehr und Umsatz im
Innern. Das wird Alles ausgemalt mit Gold und Silber und Himmelblau, und
kommt man am Ende hinber, so hat man die ganze nmliche Geschichte wie
bei uns. Da all das nichtsnutzige Gesindel dort ohne _Pa_ herumlaufen
darf, mag wahr sein, das halte _ich_ aber eben fr keinen Fortschritt.

Verehrtester Herr Kellmann! rief aber Weigel in Eifer -- gegen
_Thatsachen_ knnen wir doch nicht anstreiten; wir wollen doch nicht blind
und taub mit dem Kopf gegen die nchste, und womglich hrteste Wand
rennen? wir sind doch vernnftige Menschen, aber haben Sie nicht alle die
neueren Schriften jetzt gelesen, die  -- 

Ach gehn Sie mit Ihren Schmierereien, rief aber Schollfeld, dem das
Gesprch jetzt zur Last wurde, fr einen Thaler den Bogen malen ihnen die
lumpigen Literaten selbst die Hlle himmelblau an, und kleben von oben bis
unten Sterne drber. Lat mir jetzt Euer Geschwtz von Amerika hier, oder
ich stehe, Gott straf mich, auf, und setze mich wo anders hin.

Nun, jeder darf sich hinsetzen wo es ihn gerade freut, sagte Weigel,
wirklich etwas beleidigt, obgleich er sonst einen ziemlichen Theil
vertragen konnte.

Ja leider, sagte aber Schollfeld, mit wieder einem Seitenblick auf den
Agenten, der diesen doch jetzt vermochte aufzustehn und sein Bier
auszutrinken.

Herr Schollfeld, sagte er dabei, Sie sind in der Stadt als ein
Antiamerikaner bekannt, und ich glaube Sie wrden den Leuten eher zu einer
Auswanderung nach Sibirien wie nach Nordamerika rathen.

Wrde ich auch, sagte Herr Schollfeld trotzig, sich den Hut noch fester
in die Stirn drckend.

Nun ja, der Geschmack ist verschieden -- Jeder wei am Besten wohin er
gehrt, und dahin treibt ihn der Instinkt, sagte Herr Weigel
achselzuckend, indem er den Tisch verlie, und Kellmann erwischte eben
noch zur rechten Zeit Schollfeld hinten am Frackzipfel, der aufspringen
und dem sich rasch entfernenden Weigel nach wollte.

Aber so fangen Sie hier doch um Gottes Willen keinen Skandal mit dem
Menschen an! rief Kellmann leise und bittend.

Instinkt treibt? rief aber Schollfeld jetzt, da er sich hinten,
vielleicht gern, gehalten fhlte -- laut hinter dem Davoneilenden her --
Sie wird bald 'was anders treiben Sie -- Sie _Seelenverkufer_ Sie!

Pst! rief aber auch der Actuar jetzt, ihn rasch zu sich niederziehend --
Sind Sie denn ganz vom Bsen besessen Apotheker? auf das Wort knnte er
Ihnen, wenn er's noch gehrt htte, die schnste Injurienklage an den Hals
hngen.

S'ist aber wahr -- der Lump! rief Schollfeld rgerlich, den leeren Krug
zum hastigen Trunk aufhebend, und denselben dann laut auf den Tisch
aufstoend -- es ist ein Seelenverkufer, der Kerl, und um einen Thaler
beschwatzt er das Kind, da es die Eltern, den Mann, da er die Frau
verlt -- hier Kellner, noch ein Glas Bier. -- Sprecht mir von Raubmrdern
und Straenrubern, gegen die das Gericht einschreitet und ihnen das
Handwerk legt -- allen Respect vor einem Mann, der es den Leuten geradezu
in's Gesicht wirft, ich _bin_ ein schlechter Kerl -- ich stehle wo ich's
bekommen kann, und wo ich's nicht gutwillig kriege mord' ich auch; aber
solche heimliche Hallunken sind die Upasbume der menschlichen
Gesellschaft -- sie vergiften was sie erreichen knnen, und von auen geben
sie sich das Ansehen eines ehrlichen Baumes und haben grne Bltter und
glatte Rinde. Gegen _die_ Schufte sollte eingeschritten werden, nicht mit
Geldstrafen oder Gefngni, nein mit Knute und Strang --
Himmeldonnerwetter, wenn ich da 'was in der Regierung zu befehlen htte.

Sie wrden schne Geschichten anrichten, kann ich mir etwa denken, sagte
der Actuar trocken, s'ist so schon manchmal wie's ist. Lassen Sie doch
jeden seinen Weg gehn in der Welt; der liebe Gott wei wohl wozu's gut
ist. Blutigel sind auch unangenehme Geschpfe in der Naturgeschichte, und
doch verwendet sie die Natur wieder zu hchst ntzlichen und nothwendigen
Zwecken; denken Sie sich so ein Individuum wre ein menschlicher
Blutigel.

Dann trink' ich aber nicht mein Bier an einem Tisch mit ihm, rief der
Apotheker.

Bah, das ist wieder zu weit gegangen, sagte Kellmann, viel zu weit
gegangen. 'Was Schlechtes knnen Sie dem Mann berhaupt nicht nachsagen,
denn da er fr Amerika wirbt, ist einesteils sein Geschft, anderntheils
seine Ansicht, und er knnte Ihnen von _seinem_ Standpunkt aus dann
ebensogut wieder vorwerfen, da Sie eine Menge Menschen absichtlich
unglcklich machten, die sie von einer Auswanderung nach jenem Lande
abhielten.

Unsinn -- baarer Unsinn! rief aber Schollfeld, unwillig den Kopf herber
und hinber werfend -- Jemand unglcklich machen, da man ihm von einer
Auswanderung nach Amerika abrth, wre gerade so, als ob ich als eines
Menschen Mrder betrachtet wrde, den ich abhalte aus dem dritten Stock
auf die Strae zu springen. Aber hol den Lump der Henker, brach er kurz
und rgerlich ab, ich war so guter Laune und jetzt hat er mir den ganzen
Abend verdorben. --  Nach Sibirien auswandern  --  brummte er dabei,
whrend er eine neue Cigarre aus der Tasche nahm und sie an dem, auf dem
Tisch stehenden Licht entzndete -- Holzkopf der -- nach Sibirien
auswandern -- ich will nur einmal in den Saal gehn und sehn wie sie's da
treiben, da man auf andere Gedanken kmmt -- ich bin bald wieder da. Und
von seinem Stuhl aufstehend verlie er langsam, und immer noch vor sich
hin murmelnd, das Zimmer.

Der Actuar stand ebenfalls auf und nahm seinen Hut.

Na nu? sagte aber Kellmann erstaunt -- was ist das fr eine Wirthschaft
heut Abend? Schollfeld luft fort, Lobsich hat sich gar nicht sehen
lassen, und Sie wollen jetzt auch Fersengeld geben? wo bleibt denn da
heute Abend unser Solo? -- wir knnen doch nicht wie die Pferde zu Bette
gehn, ohne unsere Parthie gespielt zu haben?

Mir ist heute nicht wie spielen, sagte der Actuar, langsam mit dem Kopfe
schttelnd, ich habe auch Kopfschmerzen, und an der frischen Luft wird
mir wohl besser werden.

Fort drfen Sie aber noch nicht, sagte Kellmann, indem er sein Bier
austrank, und ebenfalls aufstand, da wollen wir lieber einmal unten im
Garten auf und ab gehn.

Der Actuar zgerte einen Augenblick, dann aber legte er schweigend seinen
Arm in den Kellmann's und beide Freunde gingen mitsammen die Treppe
hinunter.

Es war indessen vollkommen dunkel geworden, und die Leute hatten sich, des
feuchten Abends, wie des im Saal wogenden Tanzes wegen, meist alle aus dem
Garten hinaus, und in die mehr geschtzten Rume der Gebude gezogen. Nur
hie und da sa noch irgend ein kosendes Prchen in einer Laube, oder
schwrmte auch wohl auf dem Vorbau des Gartens nach dem, gerade ber dem
nebelgefllten Thal jetzt aufzeigenden Vollmond hinber, dessen groe
rothe Scheibe sich glhend aus den Bergen hob, und das weite,
thaublitzende Thal berschaute.

Kellmann ging ruhig neben dem still vor sich nieder schauenden Freund her,
bis sie den breiten Fuweg der schnen ebenen Chaussee erreichten, und
eine kleine Strecke derselben hinauf gewandert waren; dann aber blieb er,
diesen zurck haltend, pltzlich stehen, und sagte mit freundlichem,
herzlichen Ton:

Aber lieber Ledermann, Sie drfen sich Ihrem Schmerz um das Kind nicht so
ganz und rcksichtslos hingeben; lieber Gott ich begreife da es ein
schwerer, recht schwerer Verlust ist, aber Gott hat's gegeben und Gott
hat's genommen, und wer wei ob dem kleinen lieben Wesen dadurch nicht
vielleicht ein recht trbes und schmerzliches Dasein erspart wurde.

Es ist nicht das Kind, Kellmann, sagte aber der Actuar, leise mit dem
Kopf schttelnd, nicht der Tod meiner kleinen Adele nagt mir jetzt am
Herzen, obgleich der da oben wei wie weh er mir gethan -- nein, ich halte
ihn sogar unter den jetzigen Verhltnissen, in denen ich lebe, fr ein
_Glck_, und es ist _furchtbar_, da ich gezwungen bin so etwas von dem
Tod meines eigenen, einzigen Kindes zu sagen.

Aber was, um Gottes Willen, haben Sie _denn_? rief Kellmann, verwundert
vor ihm stehen bleibend und ihn anschauend. Irgend etwas _ist_
vorgefallen, aber was? -- etwa wieder zu Hause der alte wunde Fleck?

Ledermann nickte finster und schweigend mit dem Kopf.

Aber was _will_ sie denn eigentlich, rief Kellmann finster die Brauen
zusammen und seinen Arm aus dem des Freundes ziehend, um besser
gesticuliren zu knnen -- Wetter noch einmal, Ledermann, Sie htten da
schon lange ernst und entschieden auftreten sollen, die Sache ist jetzt
schon viel zu weit eingerissen, und die Frau bringt sie, wenn das so fort
geht, wahrhaftig noch unter die Erde.

Ernst und entschieden auftreten? -- lieber Gott, sthnte der Actuar
kopfschttelnd -- soll ich mir denn die letzte leiseste Hoffnung auf
einen, nur mglichen Hausfrieden selber muthwillig vernichten? -- _Sie_
haben gut reden; _Ihr_ Geschft ist in Ihrer eignen Wohnung, und Ihre
Erholung gestattet Ihnen, _die_ auerhalb desselben zu suchen, ich aber
sitze und schwitze den ganzen lieben ausgeschlagenen Tag auf dem
verwnschten Bureau, und komme ich dann Abends zu Hause, und sehne mich
nach einer halbstndigen gemthlichen Ruhe, so beginnt die Frau, und wenn
sie eine Ursache aus der Luft greifen sollte, mir das Leben zu einer Hlle
zu machen. Lieber Gott, es fiele mir ja gar nicht ein Abends in ein
Wirthshaus zu gehn, wenn ich Frieden daheim htte; es giebt vielleicht
wenig Menschen in der Welt, die sich so nach einem stillen, huslichen
Leben sehnen, wie gerade ich, und keinen, Kellmann, keinen weiter, dem es
_so_ verbittert, so gnzlich aus dem Fenster geworfen wird, jeden Abend
wieder von Frischem, wie gerade mir.

Aber was ist denn nur vorgefallen?

Das Ganze ist mit wenig Worten erzhlt, sagte der Actuar nach kurzer
Ueberlegung entschlossen, und Sie sollen mir rathen, wie ich im Stande
bin mich einem Zustand zu entziehn, der mir unertrglich wird. Sie haben
gehrt da ich von einem entfernten Verwandten sechshundert Thaler geerbt,
die ich in den nchsten Wochen ausgezahlt bekomme. Das Vernnftigste nun
wre das Geld in irgend einem _sichern_ Staatspapier, oder in guten Actien
anzulegen, und mit den wenigen, aber gewissen Zinsen meinen, berdies
rmlichen Gehalt zu erhhen -- ich habe fnfhundert Thaler jhrlich und
wei bei Gott oft nicht wie ich auskommen soll.

Nun gut, das ist ja Alles so schn und glatt wie es nur sein kann.

Jawohl, aber meine Frau besteht darauf das Capital ihrem Bruder geben zu
wollen, der ein Geschft hat und mir _fnf_ Procent verspricht.

Ih nun, wenn es da sicher angelegt ist -- fnf Procent wre aller Ehren
werth.

Aber es _ist_ nicht sicher angelegt; der Bursche ist ein liederlicher
leichtsinniger Mensch, der schon einmal Bankerott gemacht hat und -- wie
ich ziemlich guten Grund habe zu vermuthen -- an der Grenze eines zweiten
steht.

Ahem, sagte Kellmann nachdenkend.

Geb ich _ihm_ das Geld, fuhr der Actuar fort, so ist es ber Jahr und
Tag, so sicher wie dort drben der Mond aufgeht, verloren, und geb' ich es
ihm _nicht_, so wei ich da mir die Frau zu Hause den eignen Heerd zur
Hlle macht.

Aber Donnerwetter, Ledermann, nehmen Sie mir das nicht bel, sagte
Kellmann stehen bleibend, da wrde ich denn doch einmal einen Trumpf
darauf setzen und mein Recht als Mann und Herr im Hause wahren; nur durch
Ihr ewiges Nachgeben haben Sie die Geschichte schon so, in Grund hinein
verdorben.

Aber was _soll_ ich thun? rief der Actuar verzweifelnd --  mit Worten
_kann_ ich nicht gegen sie anstreiten, nicht sechs Mnner knnten das; in
Ruhe und Gte ist Nichts anzufangen mit ihr, und schlagen darf und will
ich sie ebenfalls nicht.

So lassen Sie sich scheiden, zum Wetter noch einmal; rief Kellmann,
lieber doch eine trockne Brodrinde kauen, als mit solchem Drachen das
ganze Leben, eine ganze Existenz, mhselig und qualvoll hinzuschleppen.

Heute Abend zum ersten Mal, sagte der Actuar seufzend, habe ich ihr
selber damit gedroht; ich habe ihr vorgehalten, da sie sich mit mir nicht
glcklich fhlen _knne_, weil sie fortwhrend, und ohne auch nur einen
einzigen Tag Frieden zu gestatten, zanke, und das Beste sein wrde, wir
lieen uns, einem Leben zu entgehen das auf die Lnge der Zeit doch nicht
durchgefhrt werden knne, gerichtlich scheiden.

Nun? -- und was hat sie darauf erwiedert?

Ich bin fortgelaufen, sagte der Actuar, seufzend den Kopf von dem Freund
abwendend, denn sie wurde -- sie wurde so heftig, und betrug sich -- betrug
sich so unvernnftig, da ich mich vor den Nachbarn schmte, und lieber
Hut und Stock nahm, den Frieden wieder, wie schon so oft, auswrts zu
suchen.

Also sie weigert eine Scheidung?

Sie schwur sie wolle mir die Augen auskratzen, wenn ich noch einmal ein
derartiges Wort erwhne, zerbrach dann in ihrer Wuth Gott wei was Alles,
und -- ich glaube sie bekam nachher Krmpfe -- ihr altes Leiden. Erst hatte
ich gehofft der Tod des Kindes wrde sie milder stimmen, aber nein, und
wenn mich etwas ber den Verlust des kleinen lieben Wesens trsten knnte,
so ist es gerade der Gedanke, es dem bsen Beispiel, das ihm die eigene
Mutter tglich gab, entrissen zu sehn -- was htte zuletzt aus ihr werden
sollen, als eben eine solche Frau.

Und so ist gar keine Hoffnung, mit Gte durchzukommen?  -- 

Der Actuar schttelte schweigend mit dem Kopf.

Hm, das ist eine verfluchte Geschichte, sagte Kellmann, da -- da wei
ich wahrhaftig auch nicht was ich rathen soll. Das Geld vertraute ich aber
-- wenn die Sache _so_ steht  -- meinem Schwager auch nicht an, soviel ist
sicher -- Sie sind das sich selber und Ihrer eigenen Existenz schuldig.

Der Actuar seufzte tief auf und die beiden Mnner gingen wieder eine
Zeitlang, jeder mit seinen eigenen Gedanken beschftigt, nebeneinander
hin. Sie waren inde die Strae ein Stck hinauf- und wieder
zurckgegangen, und blieben jetzt mehre Minuten nicht weit von dem Eingang
des Gartens stehn, den Rcken diesem, und ihr Gesicht dem sich gerade ber
die Berge hebenden Monde zugewandt, als ein junges Mdchen, noch ein Kind
fast und augenscheinlich auf der Wanderung, ganz allein mit einem kleinen
Bndel in der linken Hand, und einem groen dunklen Tuch ber dem rechten
Arm, die Strae herunter kam und ziemlich dicht an ihnen vorberging. So
viel sie im Mondenlicht erkennen konnten, war sie nur rmlich gekleidet,
und auch wohl ermdet von einem vielleicht langen Marsch, denn sie blieb
zweimal stehen und trocknete sich dabei den Schwei von der Stirn.

Das zweite Mal als sie Halt machte geschah das fast dicht vor den beiden,
hier im Schatten eines Hollunderbusches stehenden Mnnern, die sie im
Anfang gar nicht bemerkte, und sie schien den Tnen zu lauschen die aus
dem etwa zweihundert Schritt davon gelegenen hellerleuchteten Gartenhaus
wild und lustig heraustnten.

Frhliche Menschen, flsterte sie dabei -- _Glckliche_; wie sie aber
den Kopf dem Lichte zuwandte, fiel ihr Blick auch auf die beiden dunklen
Schatten unter der Mauer, und wie unwillkrlich fuhr sie zurck; dabei
glitt ihr das Bndel aus der Hand und fiel zu Boden.

Wir thun Dir Nichts, Kind, sagte Kellmann, der die Bewegung gesehen
hatte, gutmthig; wo willst Du denn noch so spt hin?

Nach Heilingen, antwortete das fremde Mdchen, ihr Bndel wieder
aufnehmend -- ist es noch weit bis dorthin?

Eine halbe Stunde etwa, wenn Du rstig zugingst; aber Du scheinst mde zu
sein und wirst wohl lnger brauchen.

Ich komme weit her, sagte die Fremde, aber sie zgerte dabei und es war
als ob sie noch nach irgend etwas fragen oder um etwas bitten wolle, und
sich auch wieder scheue es zu thun.

Du bist wohl hungrig, Kind? frug sie da Kellmann, dessen gutes Herz ihn
zu helfen drngte, wo das in seinen Krften stand -- sag's gerad' heraus;
und wenn Du kein Geld hast macht das nichts, ich schaffe Dir was.

Das Mdchen schwieg und drehte seufzend den Kopf ab und Kellmann, dem
richtigen Princip der Gastlichkeit und Menschenliebe treu, nicht viel zu
fragen erst, wo man gern giebt, sagte ihr sich einen Augenblick auf die
kleine Bank am Thor zu setzen, und er werde ihr einen Imbi holen -- sie
knne dann Heilingen bald erreichen. Ohne erst eine Antwort abzuwarten
ging er darauf rasch in's Haus, und das Mdchen zgerte noch einen
Augenblick und folgte dann, augenscheinlich zum Tod ermdet, der
freundlichen Einladung.

Du kommst weit her? sagte der Actuar endlich, der neben ihr stehn
geblieben, im Anfang aber noch zu sehr mit seinen eigenen Gedanken
beschftigt war, viel auf die Fremde zu achten.

Von Erfurt.

Von Erfurt? hm -- das ist eine lange Strecke; zu Fu den ganzen Weg?

Ja.

Und willst in Heilingen bleiben?

Ich wei es noch nicht.

Hast Du Verwandte dort?

Einen Bruder.

Hast Du denn einen Pa bei Dir?

Ja, sagte das Mdchen und holte, mit einem scheuen Blick auf den Frager,
ihr kleines Bndel vor, das sie Miene machte aufzuknpfen, der Actuar
aber, der die Bewegung verstehen mochte, sagte rasch:

Nein nein -- la nur sein -- ich will ihn nicht sehen --  ich frug nur
Deinethalben, damit Du hier in der Stadt in keine Verlegenheit kmest. Da
ist auch Freund Kellmann schon mit dem Essen -- nun la Dir's schmecken.

Da, sagte der kleine Krschner, der schnellen Schrittes mit einem groen
gestrichenen Weibrod und einem hohen Glas Milch herankam und es der
Fremden reichte -- das wird Dir gut thun.

Das junge Mdchen nahm das Glas mit schchternem Danke an und trank -- erst
ein wenig, dann aber herzhafter --  sie mochte wohl recht durstig gewesen
sein. Wie sie fertig war setzte sie das Glas auf die Bank zurck und nahm
ihr Bndel wieder auf.

Ich danke Ihnen auch noch viel tausend Mal, sagte sie dabei mit weicher,
ergriffener Stimme -- ich hatte seit heute Morgen Nichts gegessen und war
recht matt geworden.

Armes Kind, sagte Kellmann mitleidig -- aber hast Du denn schon einen
Platz in der Stadt wo Du bernachtest?

Ja, sagte die Kleine -- ich denke so -- knnen Sie mir aber wohl noch
sagen ob das Haus des reichen Herrn Dollinger nahe am Thore ist, oder weit
in der Stadt drin?

Dollinger's Haus? oh nicht so weit in der Stadt drin --  aber was willst
Du dort?

Mein Bruder ist in Herrn Dollinger's Geschft -- wohnen auch die Leute bei
ihm im Hause?

Nicht da ich wte, sagte Kellmann.

Aber man kann es doch dort erfahren wo sie wohnen?

Gewi -- gleich unten im Haus bei dem Hausmann; frage nur nach der
Poststrae, wenn Du in's Thor kommst.

Gute Nacht Ihr Herren, und nochmals schnsten Dank --  Gott mag es Ihnen
vergelten.

Gute Nacht Kind, guten Weg, sagte Kellmann, aber --  wie heit denn Dein
Bruder?

Franz Loenwerder, sagte das Mdchen und ging langsam die Strae hinab.

Oh Du mein Gott, rief der Actuar leise und erschreckt vor sich hin, wie
er den Namen hrte -- das ist ja schrecklich.

Du lieber Gott, das arme Ding mu von dem Schicksal des Bruders gar
Nichts wissen, seufzte auch Kellmann  -- und wenn sie das jetzt heute
Abend erfhrt -- o wo wird sie nur die Nacht bleiben?

Armes, armes Kind, sagte der Actuar, und selbst ohne Geld in der
fremden Stadt.

Ich geb' ihr etwas, rief Kellmann, rasch entschlossen, und eilte heh! --
pst! rufend die Strae hinab dem Mdchen nach, das stehen blieb und nach
Bndel und Tuch fhlte als sie den Ruf hrte, weil sie glaubte da sie
vielleicht etwas vergessen htte.

Liebes Kind, stotterte aber Kellmann verlegen, als er sie eingeholt,
denn er konnte es nicht ber's Herz bringen ihr die Wahrheit zu sagen --
ich -- ich kenne Deinen Bruder, aber -- er ist jetzt nicht in Heilingen --
Du -- Du wirst es morgen schon hren, und im Dollingerschen Hause knnen
sie Dir auch heute nichts weiter sagen, es ist sogar sehr die Frage ob der
Mann unten im Haus noch auf ist. Gleich wenn Du in's Thor hineinkommst,
das dritte Haus an der rechten Seite, vor dem die beiden Laternen stecken,
ist ein Gasthaus -- ein gutes anstndiges Haus, wo sie Dir Quartier geben
werden -- da gieb ihnen diese Karte, der Wirth kennt mich, und sage ihm nur
ich htte Dich hingeschickt.

Aber bester Herr, sagte das Mdchen bestrzt, als ihr der gutmthige
Krschnermeister mit der Karte zwei groe Stcken Geld -- es waren zwei
Thaler -- in die Hand drckte -- ich wei gar nicht  -- 

Kellmann lie sie aber gar nicht zu Worte kommen.

Schon gut -- schon gut, rief er, drehte sich um, und kehrte, das Mdchen
allein auf der Strae zurcklassend, eben so rasch nach dem Platz zurck,
wo der Actuar noch seiner harrend stand.

Haben Sie es ihr gesagt? frug dieser ihn.

Nein -- um Gottes Willen nein; das mgen Andere thun, _ich_ knnte es
nicht.

Aber was soll jetzt aus ihr werden?

Ich werde mich im Lwen schon nach ihr erkundigen, sagte Kellmann nach
kurzer Ueberlegung -- und wenn es ein ordentliches Mdchen ist, hab ich
Bekannte genug hier in der Stadt, ihr einen Dienst zu verschaffen. Aber
wie ist es denn mit der Loenwerderschen oder Dollingerschen Geschichte
geworden? ist denn noch etwas von dem gestohlenen Gut zu Tage gekommen? --
man hrt ja keine Sterbenssylbe mehr darber.

Nichts -- gar nichts weiter, sagte der Actuar; im Gegentheil hat der
arme Teufel von Loenwerder ein kleines Tagebuch gefhrt gehabt, was sich
unter den confiscirten oder mit Beschlag belegten Sachen fand, und worin
er jeden bis dahin eingenommenen Groschen sorgfltig und ordentlich, mit
seinen hchst bescheidenen Ausgaben, aufnotirt. Das aber als gltig
angenommen -- und wir haben nicht die mindeste Ursache es zu bezweifeln da
es fast zwlf Jahre zurckfhrt -- wre im Gegentheil der Beweis geliefert
da die aufgefundenen zweihundert Thaler mhsam und redlich gespartes Geld
gewesen wren.

Und _kein_ anderer Beweis hat sich gegen ihn herausgestellt?

Keiner, als da er im Hause war und sich auffllig heimlich daraus
entfernt hat; aber auch selbst das findet nach den Acten eine
wahrscheinliche, wenn auch etwas wunderliche Erklrung. Nach einer Zahl
vieler hchst mittelmiger, oft aber auch ziemlich guter Gedichte, in
denen sich besonders viel Gemth ausspricht, scheint der arme verwachsene
und hlflose Mensch eine Art von -- Liebe -- ich kann es nicht anders
nennen, gegen Dollinger's jngste Tochter und Henkel's Braut in seinem
unschnen Krper mit herumgetragen, und nur, seinen Standpunkt gar wohl
erkennend, den einzelnen, in seinem Pult verschlossenen Blttern
anvertraut zu haben  -- doch das unter uns. Diese unglckselige und
hoffnungslose Neigung _kann_ ihn mglicher Weise dazu getrieben haben, dem
jungen Mdchen zu ihrem Geburtstag einen Blumenstock zu schenken -- er hat
sogar ein Gedicht geschrieben was den Punkt berhrt, und worin er sich
glcklich fhlt da sie eine Blume pflegen knnte die er gezogen, wenn sie
auch nicht wte von wem sie kme. Da er unter solchen Umstnden nicht
wollte im Hause gesehen sein lt sich denken, und ein Diebstahl in ihrem
eigenen Zimmer verliert, diesen Thatsachen gegenber, an
Wahrscheinlichkeit, wenn er auch nicht eben zu einer Unmglichkeit
gehrte. Das Menschenherz ist schwach, und Mancher schon ist geringerer
Verfhrung erlegen.

Hm, hm, hm, sagte Kellmann vor sich hin -- das ist ja eine rechte,
rechte bse Geschichte, und der arme Teufel da am Ende ganz und gar
unschuldig in sein Verderben gesprungen.

Ja, und eine Sache die mir selber schon manche schlaflose Nacht gemacht
hat, sagte der Actuar, denn ich _kann_ den Gedanken nicht los werden,
welchen Antheil ich selber daran gehabt, den Unglcklichen dahin zu
treiben -- obgleich ich eben nicht mehr als meine Pflicht gethan, und an
einen solchen verzweifelten Schritt nicht denken konnte; war er
unschuldig, htte sich das ja bald in der Untersuchung herausgestellt.

Ja, und die Untersuchung rechnet Ihr Herrn vom Gericht eben fr Nichts,
sagte Kellmann finster -- aber wenn das sein erspartes, und Gott wei dann
_wie_ mhsam erspartes Geld war, wird es doch auch seinen Erben nicht
knnen vorenthalten werden.

Die Untersuchung ist noch nicht ganz geschlossen, sagte der Actuar,
aber ich glaube auch nicht da irgend Jemand anders einen Anspruch darauf
wird geltend machen knnen. Diese Schwester erwhnte er berhaupt mehrmals
in seinen Notizen, und hat sie auch dann und wann untersttzt, das Geld
wird ihr spter allerdings zugesprochen werden.

Und keine Spur ist sonst aufgefunden von dem mglichen, von dem
wirklichen Dieb?

Keine -- die Dienstboten sind Alle mehrmals scharf inquirirt und auf das
Genauste die ganze Zeit beobachtet, zu sehen ob eins von ihnen vielleicht
grere Ausgaben als gewhnlich mache, oder sich durch irgend etwas
anderes verrathen wrde; ja die Leute haben untereinander fast eben so
scharfe Wacht gehalten, den Verdacht von sich abzuwlzen und den
Schuldigen aufzufinden, aber es hat sich bis jetzt nicht das Mindeste
herausstellen wollen. Mit Geld ist das eine bse Sache, und wenn der Dieb
die Juwelen nur vorsichtig ein paar Jahr an sich hlt, und dann vielleicht
noch gar auer Landes schafft, wer soll ihn da aufspren? allwissend sind
wir auch nicht.

Das wei Gott, sagte Kellmann -- wie damals mit der Pelzdecke, die mir
Jemand von der Ladenthr weggestohlen, und die ich zwei Jahr spter ganz
gemthlich im Polizeibureau, beim Polizeidirector selber in der Stube
wiederfand; da hrt denn doch Alles auf. Aber mir ist wahrhaftig jetzt
nicht wie spaen zu Muth; der Anblick des armen Mdchens hat einen
wehmthigen Eindruck auf mich gemacht; lieber Himmel, was es doch fr
Elend auf der Welt giebt, und still und bewutlos gehen wir meist daran
vorber.

Und die Musik da drinnen, whrend das arme Kind dort allein und freundlos
seine Strae geht, und trotzdem jetzt noch glcklich ist gegen den
Augenblick, wo es das Furchtbare doch erfahren _mu_. Mich leidet's heute
nicht lnger hier drauen, Kellmann, brach er kurz ab -- ich mag die
Tanzmusik nicht hren -- wollen wir zurck in die Stadt gehn? es ist
berdies schon spt.

Ich habe Nichts dagegen, sagte Kellmann, tief aufseufzend --  mir ist
der Abend heute auch verdorben, aber wir wollen Schollfeld erst abrufen.

Da drin ist wohl Prgelei? sagte da Ledermann, als aus dem Hause wilder
Lrm zu ihnen heraus tnte.

Das wre frh, meinte Kellmann -- die kommt gewhnlich sonst erst
spter, oder ganz zum Schlu. Es ist doch sonderbar, da ein deutscher
Tanz nie ohne eine Schlgerei enden kann; es scheint auch ungefhr
dasselbe, wie der Cotillon bei einem Ball, nur da sich die jungen Mdchen
nicht dabei betheiligen -- hchstens verheirathete Frauen, ihre Eheherren
zu schtzen, und die Verwirrung womglich noch grer zu machen -- hallo
aber das kommt hier heraus.

Sie werden Jemanden hinauswerfen, sagte der Actuar ruhig -- lassen Sie
uns an die Seite treten da wir nicht in das Gewirr gerathen.

Der Actuar hatte allerdings recht, denn unter dem Lachen, Schreien und
Jubeln der Menge, durch das einzelne wilde Flche einer, ihnen keineswegs
unbekannten Stimme tnten, wlzte sich ein Haufen Menschen aus dem Saal
heraus, in der Mitte einen Mann schleppend, der sich mit Hnden und Fen,
wenn auch umsonst, gegen solche unwrdige Behandlung strubte, und in dem
die beiden Freunde sehr zu ihrem Erstaunen den Auswanderungsagenten Weigel
erkannten.

Lat mich los! schrie dieser dabei, mit den wildesten, ungemessensten
Flchen und Schimpfreden -- lat mich los oder ich rufe die Polizei --
Hlfe! -- Mrder! Feuer!

Brll nur mein Herzchen! sagte aber der Verwalter von Hohleck, eine
riesige breitschultrige Gestalt, der den machtlos dagegen Ankmpfenden wie
in einer eisernen Klammer am Kragen gepackt hielt -- Dich knnten wir hier
brauchen, die Leute heimlich beschwatzen da sie Hof und Dienst verlassen
und nach Amerika liefen -- ei Du Hallunke, Du kommst mir einmal wieder vor
die Fuste.

Halt da -- Hohmeier! lat ihn los! rief aber in diesem Augenblick eine
andere, etwas schwer klingende Stimme, die dem also Gefhrdeten zu Hlfe
zu eilen schien -- der hier -- Homeier -- der hier ist mein Freund -- mein
ganz intimer Freund und den la ich mir -- Homeier, den la ich mir nicht
aus dem Hause werfen.

Es war Niemand anderes als der Wirth, Lobsich, selber, aber, wie es die
Seeleute nennen, halb im Wind, mit schwerer Zunge und schon etwas
taumelndem Gang, da sich der Zustand in dem er sich befand, nicht gut
verkennen lie. Er versuchte dabei den Agenten zu halten und aus den
Hnden derer die ihn gefat hatten fortzuziehn; Hohmeier, der Verwalter
schob ihn aber mit seinem linken Arm bei Seite, als ob es ein Kind gewesen
wre, und sagte ruhig:

Geht zu Bett Lobsich, das wr' Euch viel besser heut Abend, aber mischt
Euch nicht in Sachen die Euch Nichts kmmern.

Nichts kmmern? rief aber der Wirth gereizt, indem er den Verwalter mit
groen stieren Augen ansah -- nichts kmmern _Hoh_meier? -- oh _Hoh_meier
wem gehrt denn dies Haus, heh? -- nichts _kmmern_? wem gehrt denn der
rothe Drache, heh, _Hoh_meier.

Die Schaar war indessen bis grade dorthin gekommen, wo Kellmann und der
Actuar standen, und wo sie den Agenten zwischen zwei ziemlich nah zusammen
wachsenden Akazienbumen durchtragen wollten als dieser, solche letzte
Gelegenheit vielleicht, benutzend, Arm und Beine auseinanderspreitzte, da
sie ihn nicht hindurchbringen konnten, whrend er von Neuem sein Hlfe!
Mrder! Feuer! aus voller Kehle schrie.

Wenn ihm nur Jemand die Beine ausheben wollte! sagte Herr Schollfeld,
der ein hchst vergngter Zeuge der Scene war, ohne jedoch seines
schwchlichen Krpers wegen selber Theil daran zu nehmen, jetzt
wohlmeinend. Ein paar Knechte vom Hof, die ihren Verwalter in seinem
Richteramt untersttzten, lieen sich das auch nicht zweimal sagen, und
der wthend, aber vergebens dagegen Antretende fand sich bald in der
vollkommnen Gewalt der Leute, ohne im Stande zu sein auch nur den
geringsten erfolgreichen Widerstand zu leisten.

Heh _Hoh_meier! schrie aber Lobsich, der sich inde durch die im Garten
stehenden Sthle und Tische wieder nach vorn gedrngt hatte den Mann frei
zu machen, von dem er sich pltzlich einbildete da er sein Freund sei,
lat mir den Menschen los, sag ich Euch _Hoh_meier -- Donnerwetter ich
will doch einmal sehn wer hier in meinem eigenen Hause zu befehlen hat.
Ihr oder ich -- _Hoh_meier. Es ist mir doch was Unbedeutendes! Er schien
sich auch in der That den Leuten entgegenwerfen zu wollen; im Vorspringen,
und das viele Getrnk im Kopf, blieb er aber mit dem einen Fu in einer
dort stehenden Fubank hngen, und schlug der Lnge lang in den Garten,
whrend die Knechte den jetzt wthend um sich schlagenden Agenten rasch
aufgriffen und, lachend ber des Wirthes Unfall, aus der Gartenthr auf
die Strae warfen.

Ein furchtbarer Lrm entstand jetzt, die Leute jubelten und lachten, und
erzhlten sich untereinander wie der Auswanderungsmann einen
Schaafknecht vom Gut htte bereden wollen als Schaafmeister nach Amerika
auszuwandern, und vom Verwalter dabei erwischt wre, und der
Auswanderungsmann stand vor dem Gartenthor und schimpfte und wthete,
bis einer der Knechte das Schlo wieder aufdrckte und hinaus und ihm nach
wollte, und dann auf der Chaussee stehen blieb und hinter dem davon
Laufenden herfluchte, und Steine hinter ihm drein warf.

Drinnen im Saal tnte die Musik aber wieder rauschender als vorher, und
die jungen Burschen durften die Zeit hier nicht lnger im Garten
versumen. Whrend die aber wieder in den Saal drngten, Tnzerinnen zu
bekommen, und Schollfeld von Kellmann angerufen war, mit ihnen zurck nach
der Stadt zu gehn, blieb Lobsich noch im Garten, an dessen Thre er trat,
und nach der Strae hinaus mit lauter und immer rgerlicher werdender
Stimme Weigel's Namen schrie. Lobsich war jedenfalls stark angetrunken und
wollte sehr wahrscheinlich den Mann zurck holen, um ihm jetzt ernstlich
beizustehn und den Skandal noch einmal von Neuem zu beginnen.

Die drei Freunde hielten sich dabei im Schatten eines dichten
Fliederbusches, von dem aufgeregten und jetzt doch nicht
zurechnungsfhigen Menschen nicht bemerkt zu werden, und dann unbelstigt
den Garten zu verlassen, als Lobsich's Frau, die das Toben ihres Mannes
wohl im Haus gehrt, von dort her und den Mittelweg herunter eilte. Ohne
da er sie bemerkte kam sie auch bis dicht an ihn hinan, und hier seinen
Arm ergreifend sagte sie mit leiser, bittender Stimme.

Lobsich -- Vater -- komm sei vernnftig, la das Schreien und Toben hier
auf der Landstrae und geh zu Bette -- thu _mir's_ zu Liebe Lobsich, wenn
ich Dich darum bitte.

Lamchfrieden, stammelte aber der Betrunkene mit schwerer Zunge und
suchte sie von sich abzuschtteln -- la mchfrieden sag ich -- Dnrrwttrrr --
ich wei -- ich wei was ich ss -- se thun habe  -- 

Aber Lobsich, ich bitte Dich um Gottes Willen, flsterte die Frau in
Todesangst -- Du machst Dich und mich unglcklich wenn Du Dich nicht
nderst -- was soll daraus werden?  --

Lamch -- frieden, stammelte aber der Mann, sie unwillig von sich
abschttelnd, aber er verlie den Thorweg wenigstens und taumelte durch
den Garten fort, seitwrts vom Hause ab -- Weibervolk, murmelte und
fluchte er dabei -- Himmelsakkrments Weibervolk -- Unsinn -- violettblaues --
ist mir doch -- ist mir doch was Unbe -- Unbedeutendes  --  und er
verschwand damit hinter den Bschen. Die Frau aber blieb, den Ellbogen auf
das Thrschlo gesttzt und das Gesicht in den Hnden bergend, allein
zurck, richtete sich aber rasch wieder auf, als sie Schritte auf sich
zukommen hrte, und wollte nach dem Haus zurck.

Frau Lobsich, sagte Kellmann, der es war, gutmthig, ja fast herzlich --
macht denn das Lobsich jetzt fter da er so ber die Schnur haut?

Ach Sie sind es Herr Kellmann, sagte die arme Frau beruhigt. Lieber
Gott, ich wei meinem Herzen keinen Rath mehr, wenn er's so fort treibt;
wie soll das enden?

Aber ich habe Ihren Mann so doch noch in meinem Leben nicht gesehn,
sagte Kellmann verwundert.

Ach ja, seufzte die Frau -- es ist nicht das erste Mal, aber ich habe
immer gesucht es so viel als mglich zu verheimlichen, es giebt gar solch
ein bses Beispiel fr die Leute. Es sind auch eigentlich nur einige
Wochen erst da er so scharf zu trinken anfngt. Lieber Gott, im Kopf hat
er frher schon manchmal eins gehabt, aber er artete doch nie aus, jetzt
jedoch geht der Spiritus mit ihm durch, und er wird zum Thier. Ach guter
Herr Kellmann, wenn Sie einmal ein recht ernstes aber doch freundliches
Wort mit ihm sprechen wollten; auf Sie hlt er etwas. Mir verspricht er's
wohl auch, setzte sie leiser hinzu, aber -- er vergit es immer nur zu
rasch wieder.

Ich will mein Mglichstes mit ihm versuchen, Frau Lobsich, sagte
Kellmann freundlich -- aber, setzte er rascher und leiser hinzu -- dort
glaub' ich kommt er schon wieder zurck, es wird besser sein wenn Sie
versuchen ihn heute Abend zu Bett zu bringen; mit einem betrunkenen
Menschen lt sich Nichts anfangen.

Na? -- Donnrrwttrrr, stammelte aber in diesem Augenblick der Wirth, der
auf seinem Zickzack Cours wieder nach der Thr zurckkam, und die Arme
einstemmend einen, wenn auch vergebenen Versuch machte, mit gespreitzten
Beinen vor seiner Frau stehen zu bleiben -- Dnnrrrwttrrr, wiederholte er,
herber und hinber schwankend -- was's das vor Wirthschaft heh? wo gehrt
die -- gehrt die Frau hin, heh?  -- in die Hofthr mit fremden Kerlen
schwatzen heh? -- ist mir doch -- ist mir doch was Unbe -- Unbedeutendes.

Aber lieber Lobsich, nahm hier der jetzt auch hinzugetretene Schollfeld
das Wort, sein Sie doch vernnftig und gehn Sie  -- 

Hallo? rief aber der Wirth, sich halb nach dem Redner herumdrehend, in
dessen hell vom Mond beschienenen Zgen er den Apotheker erkannte -- sin'
wir auch hier? heh?  -- haben auch mit g'holfen mein' besten Freund -- mein'
besten Freund mit hinaus zu werfen -- heh? Sie -- Sie Giftmischer Sie -- Sie
-- 

Herr Lobsich! rief Schollfeld rgerlich, Sie sind heute nicht
zurechnungsfhig, sonst  -- 

Was? -- Pillendreher will noch -- will noch raiss  -- raiss'niren -- heh?
rief aber der gereizte Wirth und that einen Schritt gegen den Mann an.

Aber Lobsich so bedenke doch um Gottes Willen was Du sprichst, bat ihn
die Frau, seinen Arm ergreifend  -- komm mit mir in's Haus -- wir haben
noch so viel zu thun.

Viel zu thun? -- heh? -- habe keine Zeit mehr heut Abend -- hickup --
stammelte aber der Mann gegen den Schlucken ankmpfend -- mu noch -- mu
noch -- hickup -- mu noch Wein abziehn und -- und Bier trinken  -- hickup --
und -- und hahahahaha -- da ist -- da ist ja die ganze Gesellschaft -- ja wohl
-- hickup -- ja wohl, komme schon -- komme schon meine Herrn -- Lobsich ist
immer da  -- ein verfluchter Kerl, der -- der -- hickup -- der Lobsich  -- ist
mir doch -- ist mir doch was Unbedeutendes; -- und in einer unbestimmten
Idee da ihn vom Haus aus Jemand gerufen htte, wobei er seine Umgebung
ganz verga, taumelte er dem Saal wieder zu, wohin ihm die Frau ngstlich
folgte. Sie mute ihn ja zurckhalten, da er so seinen Gsten und Leuten
nicht wieder unter die Augen kam.





                                Capitel 9.


                                RSTUNGEN.


Nach New-Orleans!

Das ausgezeichnet schne, 360 Last groe, schnellsegelnde, kupferfeste
und gekupferte dreimastige Bremer Schiff erster Klasse:

_Die Haidschnucke_, Capitain _E. Siebelt_, mit vorzglicher Gelegenheit
fr Cajts- und Zwischendecks-Passagiere -- wird am 30. August expedirt.

Agent dafr, I. G. Weigel,

Hauptagent des Central-Bureau's fr Norddeutsche Auswanderung in
Heilingen, am Markt Nr. 17.

Diese Anzeige stand am Morgen nach den, im letzten Capitel beschriebenen
Vorfllen im Heilinger Tageblatt, und Dr. Haide, der Redacteur desselben,
hatte die Gelegenheit nicht unbenutzt wollen vorbergehen lassen, einige
entsetzliche Mordgeschichten und falsche Bankerotte aus den Vereinigten
Staaten, wie zur Entmuthigung aller Auswanderungslustigen, in der
nmlichen Nummer seines Blattes abzudrucken.

Weigel war wthend darber, und schrieb augenblicklich einen anderen
Artikel dagegen; den nahm Doctor Haide aber nicht auf, weil er, wie er
ganz naiv erklrte, sich dadurch selber blamiren wrde. Uebrigens sei
die Sache auch schon erledigt, indem die Schiffsanzeige _fr_, sein
Artikel aber _gegen_ Amerika und die Auswanderung wre, und er es sich zum
Grundsatz gemacht htte, jeden Artikel nach beiden Seiten hin zu
beleuchten -- wenn Herr Weigel etwas gegen ihn wolle einrcken lassen, sei
er keineswegs verpflichtet es aufzunehmen, und er mge ihn deshalb, wenn
er damit durchzukommen glaube, nur ganz einfach darauf verklagen.

Die Abfahrt dieses Schiffes war aber fr Heilingen in so fern von nicht
unbedeutender Wichtigkeit, als sich mehre Familien dieser Stadt ernstlich
dahin entschlossen hatten, mit demselben nach Amerika auszuwandern. So
unter Anderen Professor Lobenstein, der sein Haus jetzt verkauft, und der
Stadt berhaupt durch seine beabsichtigte Auswanderung hchst willkommenen
Stoff zu den mannichfaltigsten Vermuthungen und Errterungen geliefert
hatte. Ja mehrere Kaffeegesellschaften der nheren Bekannten Lobenstein's
waren wirklich nur einzig und allein zu dem Zweck gegeben worden, sich
einmal ordentlich ber die Sache aussprechen zu knnen.

Auch in dem Dollinger'schen Haus hatten die letzten Wochen bedeutende
Vernderungen hervorgebracht, indem der junge Henkel Briefe von Amerika
erhielt, nach denen seine Anwesenheit dort, dringend nothwendig geworden.
Zwei Wechsel trafen zugleich fr ihn ein, wie ziemlich starke Auftrge zu
Ankufen in Tuchen und Seidenwaaren von seinem Haus, welches Geschft er
mit Herrn Dollinger in Gemeinschaft auszufhren gedachte.

Der alte Herr Dollinger, so schwer es ihm auch wurde, und so lange er sich
dagegen gestrubt, mute da wohl endlich seine Einwilligung zu der
Verbindung Clara's mit dem jungen Amerikanischen Kaufmann, ber dessen
Familie und Geschft in New-Orleans er von einem dortigen Geschftsfreund
das Beste erfahren hatte, geben. Nur wunderte man sich dort, da der junge
Henkel in Nord-Deutschland sei, whrend man ihn auf einer grern Tour
durch Italien und Griechenland vermuthet. Die Leute dort konnten nicht
wissen da der junge Mann auf dem Rhein andere Plne fr seine Zukunft
geschaffen, als er sie frher vielleicht ausgesonnen.

Am letzten Sonntag war also, ganz in der Stille, die Trauung vollzogen und
Clara, das liebe holde Mdchen, die Frau des jungen reichen Amerikaners --
wie man ihn berall in der Stadt nannte, geworden. Jetzt galt es nun
freilich noch, in der kurzen Zeit all die nthigen und so mannichfachen
Vorbereitungen zu einer Reise nach Amerika fr die junge Frau zu treffen.
Es sollte aber wirklich auch nicht viel mehr als eine Reise werden, denn
Henkel hatte sich schon selber fest erklrt, seinen knftigen Wohnsitz
keineswegs in Amerika, sondern in Havre nehmen zu wollen, wo berdies, der
bedeutenden Geschftsverbindung wegen mit diesem Hafen, ein Associ des
Hauses sich aufhalten mute. Ein oder zwei Monate gedachten die jungen
Eheleute dann jedes Jahr in dem reizend gelegenen Heilingen zuzubringen,
was ihnen, wie den Eltern, die jetzige Trennung sehr erleichterte, und
sptestens im Mrz oder April schon wieder nach Europa zurckkehren zu
knnen. Die ganze Reise war dadurch wirklich fast nur zu einer etwas
lngeren Vergngungsfahrt geworden.

Auch fr Clara's Mutter war das Bewutsein, ihr Kind nicht fr immer zu
verlieren und bald wieder in die Arme schlieen zu knnen, eine unendliche
Beruhigung, und selbst hierzu hatte es ihr einen groen Kampf gekostet,
ihre Einwilligung zu geben. Clara selbst aber hing mit ganzem Herzen an
dem theuren Mann, und fhlte sich vollkommen glcklich in einer
Verbindung, die seit sie den Fremden kennen und lieben gelernt, ihr das
Ziel ihrer irdischen Wnsche geschienen.

Was war ihr die Reise, was die Gefahr und Mhseligkeit derselben? sie wre
ihm in eine Wildni gefolgt, und htte sich doch glcklich an seiner Seite
gefhlt.

Der junge Henkel wnschte nun die Ueberfahrt in einem Englischen Dampfer
nach New-York, und von da mit einem Amerikanischen Dampfschiff nach
New-Orleans zu bewerkstelligen, Clara frchtete sich aber an Bord eines
Dampfers zu gehn, theils der doppelten Gefahr, theils der unangenehmen
Bewegung derselben in schwerem Wetter wegen, von der sie viel gehrt, und
da es sich jetzt gerade so traf da eine ihr befreundete Familie,
Professor Lobenstein's, ebenfalls nach New-Orleans, und in einem
Segelschiff von Bremen ab auswanderte, bat sie mit diesen reisen zu
drfen. Henkel selber schien nicht recht damit einverstanden, fgte sich
aber doch endlich den Bitten seiner jungen Frau.

Wenn aber bei Dollinger's im Haus wenig mehr als Wsche und Kleider
herzurichten waren, nur zu einer Reise nicht zu einer Uebersiedlung nach
Amerika, und man diese schon groenteils gepackt und vorausgeschickt
hatte, die letzten Stunden in der Heimath durch kein Aussuchen und Packen
gestrt zu haben, so schien dagegen bei Professor Lobenstein das ganze
Haus von innen nach auen gekehrt zu sein.

Der Professor nmlich hatte auf keinerlei Weise bewogen werden knnen mit
seinen Sachen eine Auction anzustellen, und nur das Nothwendigste
mitzunehmen, da Fracht und Spesen unterwegs ein wirkliches Capital
auffressen wrden, fr das er sich Alles was er dort brauchte auch an Ort
und Stelle neu anschaffen knnte. Allen die ihm dies riethen zeigte er aus
verschiedenen Schriften die statistisch aufgestellten Arbeitslhne der
verschiedenen Handwerker, wie die Preise der Provisionen, und bewie ihnen
auf das Klarste und Unumstlichste was jedes einzelne Stck Meublen und
Hausgerth in notwendiger Folgerung in Amerika kosten msse. Eben so hatte
er sich mit unendlicher Ausdauer einen Ueberschlag der verschiedenen
Frachtpreise nach New-Orleans, und von da in's Innere gemacht, bis er
endlich zu dem obigen Resultat gekommen, und nun auch augenblicklich eine
Anzahl Tischler in Arbeit setzte, lauter neue Kisten fr seine Sachen
anzufertigen.

Eine groe Anzahl von diesen war nun schon, gepackt und mit eisernen
Reifen beschlagen, als Fracht vorausgeschickt, eine andere Sendung sollte
heute abgehn, und die letzten dann in den nchsten Tagen befrdert werden,
noch zur rechten Zeit an Ort und Stelle zu sein. Kellmann selbst, dem
Hause eng befreundet, hatte dahin mehrere Auftrge bernommen, und kam
heute Morgen, Bericht ber die Ausfhrung derselben abzustatten.

Er selber war natrlich mit der ganzen Uebersiedlung gar nicht
einverstanden, hatte aber doch, als er alle Grnde des Professors dafr
gehrt, weit weniger dagegen gesagt, als die Familie im Anfang vermuthet
und auch wohl gefrchtet haben mochte. Der Professor sei eben ein
Professor, meinte er nur, und wo der einmal seinen Kopf aufgesetzt habe,
lie sich auch Nichts mehr abstreiten oder gar dagegen beweisen, man msse
ihn eben sich selber berlassen, und -- es thue ihm nur um die Familie
leid. Nichtsdestoweniger gab er sich jede erdenkliche Mhe ihnen, wo er es
nur irgend vermochte, beizustehn, wobei er den Professor doch von manchem
unberlegten oder unpraktischen Schritt zurckhielt. So kmpfte er, und
zwar glcklicher Weise mit Erfolg, gegen die unglckselige Idee des
Professors an, sich hier, trotz Allem was er darber schon gelesen, von
dem Auswanderungsagenten Land und eine Farm zu kaufen. Er wollte drben
nicht in Gefahr kommen von Amerikanischen und betrgerischen
Landspeculanten hintergangen zu werden, und seine Berechnung smmtlicher
Kosten gleich hier an Ort und Stelle machen knnen, was ihm nicht mglich
sei, wenn er die Contracte nicht in der Tasche habe.

Kellmann, auf dessen praktisches und gesundes Urtheil er sonst berhaupt
viel gab, machte ihn mit seinen ernstlichen Vorstellungen aber doch
stutzig, und noch eine authentische Person ber die dortigen Verhltnis zu
hren, wandte er sich zuletzt an den jungen Henkel, und bat diesen um
Meinung und Rath ber die, ihm allerdings sehr am Herzen liegende Sache.
Dieser rieth ihm aber ebenfalls auf das Entschiedenste ab, sein Geld hier
an eine solche Speculation wegzuwerfen, denn dieser Weigel scheine ihm,
was er bis jetzt von ihm gesehn, eine keineswegs volles Vertrauen
verdienende Persnlichkeit. Er solle warten bis sie drben wren, dort
habe er Zeit genug (Kellmann hatte ihm dasselbe gesagt), und finde er in
New-Orleans oder Missouri nichts Besseres, so sei er selber vielleicht im
Stande ihm ein kleines reizendes Gut abzutreten, das er einmal auf einem
Jagdzug in's innere Land gekauft, und jetzt noch verpachtet htte.

Und der Preis?

Er wrde zufrieden sein. Damit war die Sache fr jetzt abgemacht;
freilich zu Weigels Verdru, der die Farm, wie er sich ausdrckte, nun
noch zur Verfgung behielt.

Es mochte etwa Morgens um elf sein, als Kellmann Professor Lobensteins
besuchte. Das Haus war am vorigen Tag ffentlich verauctionirt und von
einem reichen Weinhndler in Heilingen erstanden worden, die Familie aber
jetzt in angestrengter Arbeit eifrig bemht das unangenehme Gefhl nicht
allein zu verscheuchen, sondern auch eines vor dem anderen zu verbergen,
zum _ersten_ Male in der _eigenen_ Heimath _fremd_ zu sein; zum ersten
Mal fremd in den Rumen, die ihrer Kindheit Spiele gesehn, und Zeuge
gewesen waren ihrer keimenden Hoffnungen und Trume.

Der erste schwere Schritt zu einem neuen Leben und Wirken war aber damit
geschehn; freilich auch zu gleicher Zeit die Brcke abgebrochen, die noch
zurck htte fhren knnen in das Vaterland. Das Band war damit zerrissen,
das sie noch an dieses knpfte, und wunderbarer Weise hatte sich jetzt,
wie sie sich gestern noch fast Alle gefrchtet vor dem Gedanken die lieben
theueren Rume zu verlassen, ein fremdes unheimliches Gefhl zwischen sie
und das Haus geworfen, und sie _ersehnten_ den Augenblick wo sie hinaus
konnten, fort, nur fort von hier -- aus den Erinnerungen fort. Und doch
sprachen sie das nicht aus gegen einander; Jedes hielt sich nur allein fr
so thricht und kindisch, mit den qulenden Gedanken; keines wute da das
Gefhl in ihrer Aller inneres Leben verwoben sei, und in des Herzens
feinsten Fasern Wurzel schlug.

Die Stimmung Aller, so sehr sie sich auch hteten dem was sie dachten
Worte zu geben, war denn auch an dem ganzen Morgen schon eine stille,
gedrckte gewesen, und Kellmann's Erscheinen befreite Alle wie von einer
Last. Unten auf der Treppe wurde der aber schon laut.

Na, ist das ein Vergngen zu so einer Auswanderungsfamilie in's Haus zu
kommen, rief er, als er sich mit zusammengehaltenen Schen zwischen
einer Reihe Kistendeckel hindurchdrckte, die, mit den Ngeln nach auen,
an der Wand lehnten, und dabei noch ber eine Unzahl Krbe und Schachteln
wegsteigen mute, nur in die Stube zu kommen.

Nehmen Sie sich in Acht, lieber Kellmann, rief ihm der Professor, der
seine Stimme gehrt hatte, aus der halbgeffneten Thre entgegen (er
konnte diese nicht ganz aufmachen da ebenfalls eine Kiste dahinter stand).
Sie mchten sich da drauen die Kleider zerreien.

Ist schon bereits geschehen, brummte Kellmann, indem er versuchte einen
Blick nach seinem, allerdings beschdigten Rcktheil zu gewinnen, meine
Gte, wie sieht das bei Ihnen aus -- ah guten Morgen meine Damen -- und
schon so fleiig? -- was um Gottes Willen nhen Sie denn da? --
Getraidescke fr die nchste Erndte?

Fehlgeschossen Herr Kellmann, rief ihm aber Marie, die sich gern mit dem
freundlichen Mann neckte, entgegen -- Jacken sind das fr uns, in den
Busch, zwischen den Dornen und Schlingpflanzen, die uns sonst das leichte
Zeug von den Schultern rissen. Warten Sie einen Augenblick, da knnen Sie
uns gleich Ihre Meinung sagen; die meinige ist gerade fertig, und ich will
sie eben anprobiren. Lassen Sie nur, ich werde schon allein fertig, dort
drben mssen wir berdies Alles allein machen -- So -- nun, wie gefalle ich
Ihnen darin?

Gar nicht, sagte Kellmann mrrisch, ich she Sie weit lieber in einem
leichten Ballkleid und mit Ihrem gewhnlichen heiteren Gesicht, als in der
Sackleinwand und -- hm  -- das verdammte Amerika. Geht denn Eduard jetzt
noch mit, oder bleibt er da? wo steckt er denn wieder? -- der ist immer
fort wenn ich komme.

Der geht mit, lieber Kellmann, rief der Professor, er konnte sich nicht
dazu entschlieen, seine Eltern und Geschwister allein in die Welt ziehn
zu lassen, wo er ihnen vielleicht, zum ersten Mal in seinem Leben,
ntzlich sein wrde, und ist jetzt noch in der Geschwindigkeit zu einem
Tischler gegangen, die paar Wochen wenigstens zu benutzen, und doch eine
Idee von dem Handwerk zu gewinnen; wer wei was wir da Alles zu thun
bekommen.

Wird auch was recht's davon in den paar Tagen profitiren, brummte
Kellmann -- bei wem ist er denn, bei Leupold?

Leupold? rief der Professor, der geht ja mit unserem Schiff nach
New-Orleans.

Der Tischlermeister Leupold wandert auch aus? rief Kellmann laut und
verwundert.

Hat sein Huschen und seine Werksttte verkauft, und ist jetzt
wahrscheinlich schon unterwegs nach Bremen, bettigte ihm der Professor.

Na nu ist mir's aber doch ber den Spa, rief Kellmann --  da luft ja
halb Heilingen fort; jetzt freut mich mein Leben; nchstens werden wir uns
unsere Schrnke und Schuhe und Rcke selber machen knnen wenn wir 'was
haben wollen; ich darf nur gleich den meinigen zum Schneider schicken da
er ihn mir noch ausbessert, ehe er auch durchbrennt. S'ist wirklich zum
Verzweifeln.

Lieber Gott, sagte der Professor -- die Leute verlangen nur Ellbogenraum
sich zu rhren; sie wollen einen Platz haben, der ihren Bedrfnissen
Befriedigung verspricht.

Da haben Sie gleich den faulen Fleck, rief Kellmann, _Bedrfnisse
befriedigen_, wenn die Leute lebten wie ihre Voreltern gelebt haben, und
nicht mit jedem Jahre auch neue Bedrfnisse kennen lernten und befriedigt
haben wollten, so htten wir alle Platz, und das verwnschte Amerika
knnte sehen wo es Hnde und Fuste bekm zuzupacken und ihm den Boden zu
bestellen. Aber ich will mich nicht lnger rgern -- lat sie laufen,
nachher wird's hier erst recht gemthlich -- apropos -- Ihren Freund Weigel
haben sie gestern Abend im rothen Drachen hinausgeworfen -- er wollte
Dienstleute, ich glaube einen Schfer, verlocken nach seinem gerhmten
Amerika auszuwandern.

Meinen _Freund_? sagte der Professor achselzuckend, ich habe mit Herrn
Weigel nie in einer solchen Beziehung gestanden, aber ich achte ihn als
einen Mann der ein gutes Herz mit einer tchtigen Portion gesundem
Menschenverstand verbindet, und besonders schtzenswerthe statistische
Kenntnisse Amerika's besitzt.

Bah! sagte Kellmann, den Kopf auf die Seite werfend, und mit den Fingern
schnalzend, so viel fr seine statistischen Kenntnisse; _unverschmt_ ist
er, das halt' ich fr seine Hauptforce, und er wirft Ihnen da mit der
grten Kaltbltigkeit eine Masse Zahlen in den Bart, denen man nicht
gleich widersprechen kann, weil sich der Gegenbeweis eben nicht fhren
lt. Wenn das Alles wahr ist was er ber Amerika sagt, wre _er_ der
grte Esel wenn er nicht selber hinberginge.

Seine Verhltnisse gestatten es ihm nicht, wie er mich oft versichert
hat, vertheidigte ihn aber der Professor.

Ja, das kennen wir schon, sagte Kellmann, und wenn mich irgend etwas
glauben machen knnte da _er_ wirklich Amerika kennt, so wre es der
Umstand da er selber nicht hinbergeht.

Im rothen Drachen war ja wohl gestern ein kleines Fest? frug die Frau
Professorin dazwischen, die das unerquickliche Gesprch abzubrechen
wnschte.

Ja, fr die Dienstleute von Hohleck, sagte Kellmann, und Schollfeld und
ich waren ebenfalls hinausgegangen um den Spa mit anzusehn.

Und ihr Freund, der lange Actuar war nicht dabei? lachte Marie.

Er kam spter nach, sagte Kellmann -- der arme Teufel ist jetzt auch
immer verdrielich und niederschlagen.

Er hat sein Kind verloren, sagte Anna mitleidig.

Ja, und zu Hause fhlt er sich auch wohl nicht so recht wohl und
behaglich.

Wir haben davon gehrt, sagte die Professorin -- seine Frau soll
eigenwillig und heftig sein, und ihm oft gar unangenehme Scenen bereiten.

Seine Frau ist  --  fuhr Kellmann auf, aber er unterbrach sich selber
wieder, und trommelte eine Weile mit den Fingern auf dem vor ihm stehenden
Tisch.

Was ist Ihnen denn nur heute, Herr Kellmann? sagte aber Marie, jetzt zu
ihm tretend und seinen Arm berhrend -- Sie schneiden ja heut Morgen ein
so bitterbses Gesicht, wie ich noch fast in meinem Leben nicht an Ihnen
gesehn. Ist Ihnen irgend etwas Aergerliches begegnet? -- oder -- Sie sind
doch nicht bse mit uns?

Bse mit Ihnen? lieber Gott Mariechen, sagte Kellmann herzlich ihre Hand
ergreifend -- ich mte bse mit Ihnen sein da Sie fortgehn und mich hier
allein zurcklassen; sonst wt' ich wahrhaftig nicht weshalb.

So kommen Sie mit, lachte Marie, indem sie neckisch zu ihm aufsah.

Kellmann seufzte tief auf, sagte dann aber kopfschttelnd, und mit der
Hand ber seine Stirn streichend, als ob er sich daraus all' die trben
Gedanken verscheuchen wollte  --

Nach Amerika? -- ja, weiter fehlte mir gar Nichts; aber heute sind es
wirklich andere Sachen die mir im Kopf herumgehn.

Ist etwas vorgefallen, und knnen wir Ihnen helfen, lieber Herr
Kellmann? sagte Anna freundlich.

Ach Gott nein, sagte der kleine Mann seufzend -- es ist ein Stck von
dem allgemeinen Elend, das ber den ganzen Erdball hinspielt, und das uns
gewhnlich mit einem unheimlichen Gefhl, auch nicht auer dem Bereich
desselben zu liegen, durchschauert, wenn wir ihm einmal auf unserem
Lebenspfad begegnen. Sie sahen mich als ich vor dritthalb Stunden etwa
drben aus dem Lwen kam?

Ja, Sie grten ja herauf, sagte die Professorin  --

Nun gut; ich war dort, einem armen Mdchen nachzufragen, das wir gestern
Abend spt auf der Strae trafen, und das ich dorthin schickte
Nachtquartier zu suchen -- Und nun erzhlte ihnen Kellmann mit kurzen
Worten das gestrige Zusammentreffen mit des unglcklichen Loenwerder
Schwester, und ebenfalls da sich schon jetzt herauszustellen scheine, wie
der arme Teufel von Loenwerder unschuldig in Verdacht gerathen sei. Nur
in reiner Verzweiflung mochte er sich den Tod gegeben haben, als man ihm
das letzte, einzige das er auf der Welt hatte -- seinen ehrlichen Namen --
nehmen wollte -- oder eigentlich schon von Gerichts wegen genommen hatte.
Unsere wackeren Polizeigesetze halten ja nun einmal jeden Menschen fr
einen Spitzbuben, bis er nicht durch Atteste gengend dargethan hat da --
gegen ihn noch nichts Gravirendes bekannt geworden.

Und was geschieht jetzt mit dem armen, armen Mdchen? frugen fast
gleichzeitig Marie und Anna -- lieber Gott, hier in der fremden Stadt,
allein, ohne Mittel, ohne Freunde, wie entsetzlich mte es da sein, wenn
sie vielleicht aus rohem Munde zuerst die furchtbare Nachricht vernhme.

Gestern Abend, sagte Herr Kellmann etwas verlegen, kam uns das Ganze
wirklich so schnell und berraschend, da wir nicht die geringste Zeit zum
Ueberlegen behielten; wir -- wir gaben ihr nur ein paar Groschen und
schickten sie in den Lwen, hier gegenber, um da zu bernachten, damit
sie nicht in der Stadt nach ihrem Bruder frge, und die entsetzliche
Geschichte gleich in der ersten Viertelstunde erfhre; heute Morgen wollte
ich dann selber herkommen und sehn was sich thun lie  -- 

Und jetzt? -- wei sie was geschehen ist? frug die Professorin mitleidig
die Hnde faltend -- Herr Kellmann zuckte mit den Achseln und sagte:

Sie ist fort  -- 

Fort? -- wohin? riefen die Frauen.

Kein Mensch konnte mir darber Auskunft geben, gestern Abend war sie
richtig dort angekommen, und ihres drftigen Aussehns wegen in die
Gesindestube gewiesen, und dort mu sie unglckseliger Weise ihren Namen
genannt, vielleicht nach ihrem Bruder gefragt und das Schrecklichste
gleich erfahren haben, denn sie war, selbst ihr Bndel im Stich lassend,
hinausgelaufen in Nacht und Nebel und -- und nicht wieder zurckgekehrt.

Du lieber Gott, sagte Anna, wenn sie sich nur kein Leides gethan.

Ich bin gleich zu Ledermann und dann auf die Polizei gegangen, diese
aufmerksam zu machen, sagte Kellmann etwas kleinlaut, werde auch selber
noch mein mglichstes thun das arme Ding wieder aufzufinden, aber -- ich
wei wahrhaftig nicht wo man die eigentlich suchen soll, denn sie kennt ja
keinen einzigen Menschen in der Stadt.

Und in ihres Bruders frherem Logis?  -- 

Hat sie Niemand gesehn -- ich war dort.

Waren Sie auch schon -- auf dem Kirchhof? frug ihn Marie jetzt leise und
schchtern.

Wahrhaftig, daran hatte ich gar nicht gedacht, sagte Kellmann rasch
seinen Stuhl zurckschiebend, die Mglichkeit ist da, und ich will keinen
Augenblick mehr versumen -- vielleicht ist es jetzt noch nicht zu spt.

Und Sie sagen uns Antwort?

Sowie ich etwas Bestimmtes ber sie wei -- aber -- aber was dann mit ihr
anfangen? -- hier in der Stadt _kann_ sie nicht bleiben, sagte Kellmann,
die Thrklinke schon in der Hand, und berhaupt scheint mir ihr
schwchlicher Krper zu grober Handarbeit gar nicht geeignet.

Vielleicht bietet sich da fr die Schwester in demselben Haus ein
Ausweg, rief Anna pltzlich, das fr den Bruder ja so viel gut zu
machen, wenn er wirklich unschuldig gelitten. Gestern Nachmittag noch
klagte mir Clara ihr Leid, da ihre Kammerjungfer, mit der sie sehr
zufrieden ist, und die ihr bis dahin fest versprochen mitzugehn, pltzlich
anderes Sinnes geworden wre, und sich jetzt weigerte Heilingen zu
verlassen. Clara ist so seelensgut, sie wrde gewi Alles thun was nur in
ihren Krften steht, das arme Kind den herben Verlust vergessen zu machen.

Aber wird sich das Mdchen selber dazu eignen? sagte Kellmann.

Weshalb nicht, rief aber auch jetzt Marie -- bringen Sie die Arme nur
hierher, sobald Sie sie finden, und nehmen sie Henkel's nicht mit, findet
Papa gewi einen Ausweg.

Ja, Papa einen Ausweg, sagte aber der Professor -- ich kann _Niemanden_
mehr mitnehmen Kinder, so viel solltet Ihr eigentlich jetzt schon wissen,
denn wir sind Leute genug.

Ach wenn sie berhaupt gehen will, rief Kellmann, die Passage bringen
wir hier schon zusammen, und wenn sich Frulein Anna bei Frau Henkel fr
sie verwenden will, wr' es ein Glck fr das arme Mdchen, den hiesigen
fr sie so trben Verhltnissen so rasch wieder entrissen zu werden. Doch
jetzt leben Sie wohl -- ich habe da nicht lange Zeit mehr zu verlieren, und
hoffe Ihnen bald gnstige Nachrichten bringen zu knnen.

                                * * * * *

Actuar Ledermann hatte die Nacht einen heftigen Fieberanfall bekommen, und
sich am anderen Morgen auf seinem Bureau entschuldigen lassen. Erst um
zehn Uhr etwa fhlte er sich etwas besser, und beschlo ein wenig an die
frische Luft zu gehn, in dem sonnigen Morgen drauen die trben qulenden
Gedanken zu verscheuchen.

Er ging auf den Kirchhof, das Grab seines kleinen Lieblings zu besuchen,
und nahm einen Monatsrosenstock mit hinaus, ihn darauf zu pflanzen.

Der Weg der zu dem Grab, zwischen den andern Hgeln hin, fhrte, lief eine
kurze Strecke die Mauer entlang, die bis jetzt leer gelassen und von
Unkraut berwuchert lag. Nur ein einziger, unter Gras und Unkraut fast
versteckter flacher Hgel war dort aufgeworfen, ber dem kein Kreuz den
Namen des Hingeschiedenen kndete, keine Blume ein sorgendes Herz
verrieth, das dem Entschlafenen die stille Thrne nachgeweint. Und dort? --
in das hohe, feuchte Gras geschmiegt, lag eine schlanke Mdchengestalt,
Stirn und Antlitz in dem wuchernden Unkraut verborgen, auf dem die vollen
aufgelsten Locken ruhten.

Lieber Gott, sagte der Actuar, mit dem Blumenstock im Arm neben ihr
stehen bleibend, leise vor sich hin -- es ist doch noch viel, viel Elend
in der Welt, und wenn Einem recht traurig und weh um's Herz ist, sollte
man eigentlich immer hinaus auf den Kirchhof gehn. Da haben die Leute
nicht ihre glatten unbewegten Alltagsgesichter vor, sondern geben sich wie
sie sind, und wenn es auch eben kein Trost sein sollte andere Menschen
unglcklich zu sehn, ist es doch jedenfalls einer, zu wissen da man es
nicht allein ist. Und sich langsam abwendend schritt er dem Grabe seines
Kindes zu, setzte den Blumentopf auf den kleinen Hgel, und sich selber
dann auf eine dicht daneben liegende Marmorplatte, die das Grab eines
anderen Menschen deckte.

Dort blieb er lange, das Gesicht mit den Hnden bedeckt, und regungslos in
seiner Stellung verharrend, seinen schmerzlichen Gedanken berlassen, bis
die Sonne hher und hher stieg, und ein stechender Kopfschmerz ihn mahnte
den, den heien Strahlen vollkommen ausgesetzten Platz zu verlassen, wenn
er sich nicht noch krnker machen wollte als er schon war. Er stand auf,
und sah sich nach dem Todtengrber um, diesen zu bitten den Blumenstock
fr ihn einzusetzen, und fand ihn auch, nicht weit von dort entfernt, mit
einem neuen Grabe beschftigt. Langsam seinen Spaten schulternd ging er
mit ihm zu dem verlangten Platz, und dort sein Handwerksgerth neben sich
in den Boden stoend und sich den Schwei von der glhenden Stirne
trocknend, sagte er freundlich:

Warmer Tag heute, Herr Actuar -- sehn Sie einmal was fr ein schnes
Stckchen; das mssen wir aber ordentlich angieen, sonst vertrocknet es
gleich in der lockeren Erde -- werde Ihnen das schon besorgen.

Bitte sein Sie so gut, sagte Ledermann, und der Mann nahm den Stock auf,
drehte ihn um und schlug mit der flachen Hand unter den Topf, diesen
locker und los zu bekommen.

Kennen Sie das junge Mdchen was da auf dem Grabe an der Mauer liegt?
frug der Actuar jetzt, als sein Blick wieder zufllig dort hinber
streifte -- dort drben meine ich.

Ja ich wei schon, sagte der Mann, ohne den Kopf zu wenden und mit
seiner Arbeit beschftigt -- nein -- sie sa vor dem Kirchhofsgitter schon
heut' Morgen wie ich ffnete, um drei Uhr frh, und mu die ganze Nacht da
zugebracht haben. Wie ich das Thor aufmachte frug sie mich nur nach dem
Grabe eines armen Teufels, den wir hier vor kurzer Zeit zu Ruh gebracht,
und ist seit der Zeit nicht von dort weggegangen. Das kommt manchmal vor.

Und wer liegt da begraben? frug Ledermann schnell, dem ein pltzlicher
Gedanke an das Mdchen von gestern Abend aufstieg.

                               [Capitel 9]

Dort an der Mauer? sagte der Todtengrber, ih Sie wissen ja, der kleine
bucklige Bursche, der von der Brcke gesprungen war, und sich den Kopf
aufgeschlagen hatte.

Dem Actuar fuhr es mit einem eisigen Stich durchs Herz, aber er erwiederte
Nichts, gab dem Mann eine Kleinigkeit fr seine Dienstleistung, und ging
dann langsam, als ihn dieser wieder verlassen und seine frhere Arbeit
aufgenommen hatte, zu Loenwerder's Grab, wo die Trauernde noch still und
regungslos in ihrem Jammer lag. Nur das krampfhafte Zittern des Krpers
verrieth das darin wohnende Leben.

Liebes Kind, sagte Ledermann leise -- das Mdchen bewegte sich nicht --
mein liebes Kind, sagte er lauter, und berhrte ihre Schulter mit seinem
Finger. Langsam hob sie das bleiche, Thrnen berstrmte Gesicht zu ihm
empor, und als sie den fremden Mann neben sich sah, richtete sie sich
verwirrt, beschmt aus ihrer Stellung auf.

Aber wie knnen Sie sich hier so Stunden lang in das feuchte Gras
werfen, sagte der Actuar mit freundlichem Vorwurf -- Sie _mssen_ ja
krank werden -- nicht wahr, Sie kennen mich nicht mehr?

Das Mdchen sah ihn gro und verwundert an, und schttelte dann langsam
mit dem Kopf.

Ich sprach gestern Abend mit Ihnen, drauen vor dem Thor, wo die Musik in
dem Hause war, sagte Ledermann -- hatten Sie gar keine Ahnung von dem
Schicksal des Bruders?

Keine, sagte die Arme leise, das Kpfchen wieder senkend.

Und wo erfuhren Sie seinen Tod?

Das Mdchen schauderte zusammen als sie des Augenblicks gedachte, und
sagte endlich, wie mit angstgepreter Stimme:

Gestern Abend in dem Haus -- die Leute in der Gesindestube frugen mich wo
ich herkme und um meinen Namen, und dann  --

Und dann? frug der Actuar mitleidig, als das Mdchen schwieg und ihr
Antlitz wieder zitternd in den Hnden barg  --

Dann sagten sie -- setzte das Mdchen, am ganzen Krper bebend hinzu --
da Einer der so hie -- und sie spotteten dabei ber sein Gebrechen -- da
Einer -- hier  --  sie vermochte nicht auszureden und warf sich,
rcksichtslos um den neben ihr stehenden Fremden, und in krampfhafter
Verzweiflung, wieder auf das Grab nieder, das sie laut schluchzend mit
ihren Armen umschlang, und den Bruder rief, sie zu sich zu nehmen in sein
stilles, khles Bett.

Nur mit Mhe, und herzlichen trstenden Worten die er zu ihr sprach,
brachte sie Ledermann, als sich ihr Schmerz in etwas ausgetobt, endlich
dahin sich etwas zu fassen und zu beruhigen, und ihm mehr ber ihr
Schicksal und sich selber zu sagen. Sie hie Hedwig, war funfzehn Jahr alt
und hatte bis zu ihrem elften Jahr bei einer entfernten armen Verwandten
zugebracht, nach deren Tode sie, ein Kind noch, bei fremden Leuten in
Dienst gehen mute. Ihre Elteren schienen in besseren Verhltnissen gelebt
zu haben, waren aber frh gestorben, und die Waisen sich selber berlassen
gewesen. Ihr um zehn Jahr lterer Bruder Franz hatte sie dabei noch immer
dann und wann von dem Wenigen was er selber verdiente, untersttzt, auch
ihr vor einigen Monaten -- und das mute etwa grade vor seinem Tode gewesen
sein, geschrieben, da er recht sparsam lebe, und bald so viel zusammen zu
haben hoffe mit ihr, der Schwester, nach Amerika auszuwandern, dort
vielleicht ein kleines Geschft oder irgend etwas Anderes anzufangen,
ehrlich durch die Welt zu kommen. Hedwigs Aussage nach mute er ihr auch
die genaue Summe geschrieben haben, die er besa, und als sie der Actuar
dringend bat ihm den Brief zu verschaffen, wenn es irgend mglich sei, da
der vielleicht vollstndig des Bruders Unschuld beweisen konnte, zog sie
aus ihrer Brust das zusammengefaltete und dort bis jetzt sorgfltig
bewahrte Papier. Es war das letzte was sie von ihm bekommen, und als Monat
nach Monat verstrich und keine neue Nachricht kam, wurde sie zuletzt
unruhig und schrieb nach Heilingen. Aber auch hierauf erhielt sie keine
Antwort und nicht mehr im Stande die Ungewiheit zu ertragen, verlie sie
ihren Dienst und machte sich, mit wenigen Groschen in der Tasche auf, den
weiten Weg zu Fu zurckzulegen. Und ihr Empfang? groer Gott mit Spott
und Hohn wurde ihr Bruder -- das einzige noch auf der Welt ihr gehrende
Wesen, das sie mehr als sich selber liebte -- eines furchtbaren Verbrechens
beschuldigt, in Folge dessen er sich selber das Leben genommen, und
schlimmer, gewaltiger noch als die Nachricht seines Todes, erschtterte
das reine, vertrauensvolle Herz des armen Kindes der erste _Zweifel_ an
den Hingeschiedenen, der doch heimlich und qulend in ihr aufsteigen
wollte, wie sie sich auch dagegen strubte; und doch _wute_ sie da er
keiner schlechten Handlung fhig gewesen sei.

Whrend dieser Erzhlung flossen ihre Thrnen strker; wenn aber der
Schmerz auch nur mehr aufgerttelt wurde durch das Wiederdurchleben
vergangener Scenen, fand sie doch auch einen Trost in dem Aussprechen ber
ihren Verlust. Der Actuar berlas inde flchtig den Brief, und den Datum
mit dem verbten Raub vergleichend sah er, ob Loenwerder nun schuldig
oder unschuldig sei, da jenes, bei ihm gefundene Geld sein Eigenthum
gewesen sein msse, schon vor dem Tag, und nicht mehr als Beweis gegen ihn
gelten konnte.

So traf sie Kellmann, der von Lobensteins direct auf den Gottesacker
gegangen war, das arme Mdchen aufzusuchen. Mit wenigen Worten sagte ihm
der Actuar was er von ihr erfahren, und der gutmthige kleine Krschner
setzte sich neben sie auf das Grab des Bruders, nahm ihre Hand in die
seine, und diese streichelnd sprach er ihr Muth und Hoffnung in das arme
gequlte Herz. Sie sollte nicht mehr allein stehn auf der Welt; er wollte
Freunde fr sie finden, die sich ihrer annhmen, und sie Beide, Ledermann
und er, wollten nicht ruhen noch rasten bis ihres Bruders Name wieder
ehrlich gemacht sei vor der ganzen Stadt; lieber Gott, sie konnten ja
nichts mehr fr den Armen thun.

Hedwig weinte, whrend er sprach; aber die Thrnen lsten ihren Schmerz --
die freundlichen Worte; oh die ersten wieder seit so langer, langer Zeit
die sie gehrt, thaten ihr wohl und bannten die Verzweiflung aus ihrem
Herzen, der sie ja sonst wohl rettungslos verfallen wre. Wieviel Segen
hat schon ein herzliches Wort gebracht, dem Unglcklichen gespendet -- wie
viele Thrnen getrocknet, wie manches Weh, wenn es nicht heilen konnte,
doch gelindert.

Kellmann erbot sich dann auch, sie zu seiner Mutter zu fhren, wo sie
wenigstens bleiben konnte bis sich etwas Weiteres entschieden. Von Amerika
sagte er ihr noch Nichts, die nchsten Tage mochten sie erst mit dem
Gedanken vertrauter machen, wenn sie hrte wie viel Leute die auch ihren
Bruder gekannt und liebe Freunde von ihm selber seien, gerade jetzt nach
dort hinbergingen.

Hedwig zgerte noch schchtern das gtige Erbieten anzunehmen, aber die
Worte klangen so herzlich, so gut gemeint, sie stand so hlflos, so allein
in der weiten Welt, der fremde Mann erschien ihr wie ein Engel des Himmels
in ihrem Schmerz, und unter Thrnen nahm sie seine Hand und dankte ihm,
und sagte da sie ihm folgen wrde, wohin er sie fhre.





                               Capitel 10.


                           DIE BEIDEN FAMILIEN.


Der Leser mu mir noch, ehe wir unsere weitere Wanderung zusammen
antreten, zu zwei Stellen folgen, in Lage und Art freilich gar sehr
verschieden. Den Characteren, die wir dort finden, begegnen wir spter
wieder, theils auf der Reise, theils in ihrem neugewhlten Vaterland.

An der Hannverschen Grenze lag ein kleines Dorf, Waldenhayn mit Namen,
und fast versteckt zwischen mchtigen Linden und Fruchtbumen, die es von
allen Seiten dicht umgaben.

Mitten im Dorf auf einem flachen, aber die ganze Ortschaft berschauenden
Hgel stand die Kirche, und daneben das kleine freundliche Pfarrhaus, das
sein Dach ber gute und glckliche Menschen gespannt hatte, Jahrzehnte
lang -- und heute? -- Guter Gott welche Vernderung in dem Haus -- der Vater,
Pastor Donner, still und ernst in seinem Sorgenstuhl, und, ganz gegen
seine sonstige Gewohnheit, ordentlich eingehllt in eine dichte
Tabakswolke, die Mutter mit verweinten Augen, und doch immer geschftig
herber- und hinbergehend, bald aus der in jene Stube, Kleinigkeiten zu
besorgen die sie immer wieder verga, ehe sie nur das andere Zimmer
betreten.

Der lteste Sohn Georg ging zu Schiff -- ging nach Amerika ber das weite,
wilde Weltmeer nach einem anderen Vaterland, dort fr den unruhigen Geist
das Glck zu suchen, das er hier nicht fand, und wann wrden sie ihn -- ja
wrden sie ihn je wieder sehen? Oh es ist ein groer Schmerz fr ein
Elternherz ein Kind in der Blthe der Jahre zu verlieren -- wie viel Sorge,
wie viel schlaflose Nchte hat es gemacht, bis es wuchs und gedieh; welche
Hoffnungen knpften sich an das junge Wesen, und blhten und reisten mit
ihm; wie treulich wurde da nicht jeder Schritt bewacht, den noch
unsicheren Fu vor Sto und Fall zu schtzen, wie ngstlich jedem bsen
Eindruck gewehrt, der Herz oder Geist htte vergiften knnen. Und nun das
Alles preiszugeben der Welt, ihren Verfhrungen, ihren Gefahren fr Geist
und Krper, das Alles preiszugeben und hinausgeworfen zu sehn auf die
strmischen Wogen des Lebens -- sich selbst berlassen, und der eigenen,
vielleicht doch noch zu schwachen Kraft. Wie viele heimliche Thrnen
werden da geweint, wie trb und traurig liegt da oft des Kindes Zukunft
vor dem ahnenden Blick des Vaters und der Mutter -- Krankheit wird es
erfassen und halten, und keine liebende Hand in der Nhe sein, es zu
pflegen und ihm den Schwei von der heien, glhenden Stirn zu trocknen,
die Verfhrung ihre falschen, goldblinkenden Netze nach ihm auswerfen, und
keine treu warnende Stimme ihm zur Seite stehn -- Noth und Mangel
vielleicht in bitterem Weh auf ihm lasten, und Niemand da sein, der ihm
Hlfe bringt, und den Unglcklichen trstet und untersttzt -- Mutter und
Vater sind fern, fern von dem Geliebten, seine Klage dringt nicht herber
zu ihnen -- ihr Trost und Hlfswort nicht zurck zu ihm.

Und ein solcher Abschied dann -- der Tod pocht nicht viel hrter an des
Glckes Thor, und das Bewutsein den Geschiedenen still und geschtzt in
khler Erde zu wissen, auf der die treu gepflegten Blumen keimen, ist oft
noch weniger bitter als dieser _freiwillige_ Tod -- der Fortgang ber's
Meer, in eine fremde, ungekannte Welt -- vielleicht so ohne Wiederkehr wie
jener, und ohne jedes beruhigende Gefhl der Sicherheit. Der Scheidende
ist da noch immer besser, weit besser daran als die Zurckbleibenden; ihm
liegt die Welt jetzt frei und offen da, jede Stunde drauen, jede Meile
Wegs bringt ihm Neues, Unbekanntes, und wehrt dem Blick nur an dem einen
Schmerz zu haften. Er hat auch zu sorgen, fr sich und sein Gepck, seine
ganze Zukunft ist ihm in der einen Stunde in die eigene Hand gegeben -- ein
ungewohnt Geschft bis jetzt -- und fremde Landschaft, fremde Scenen
wechseln so rasch an ihm vorber, da jedes Bild einen Theil des alten
Schmerzes fortfhrt mit sich. Selbst der Gedanke an die Verlassenen hat
nicht das Herbe, Bittere fr ihn, als es fr diese hat, wenn sie sein
gedenken, und sich mit Vermuthungen qulen mssen wie es jetzt ihm geht,
was er thut, was er treibt, wo er jetzt gerade weilt. _Er wei_ in welchem
Kreis die Seinen sich bewegen, kennt in jeder Tageszeit ihre kleinen,
huslichen Beschftigungen, ihr gleichmiges Wirken und Schaffen, und
sein Herz, das immer noch daheim bei ihnen weilt, wahrt seinen festen
Anhaltspunkt an sie sich unverkmmert fort, bis das Bild, von anderen
dicht umdrngt in weiter immer weiterer Ferne langsam erbleicht, und nur
noch auf dem Hintergrund des Herzens wie schlummernd liegt, in seinen
Trumen ihn zu segnen, oder dereinst, wenn die Welt ihn kalt und rauh von
sich stt, und er allein und freundlos sich da fhlt, wieder aufzuglhen
in aller Frische und Wrme, ein Trost und Hoffnungsziel, dem armen,
einsamen Wanderer.

Georg war ein junger lebenskrftiger Mann von dreiundzwanzig Jahren, mit
dunkelbraunen, vollen, ihm frei und ungescheitelt ber die offene
sonngebrunte Stirn fallenden Locken, schwarzen klaren Augen und freien,
gutmthigen Zgen, die selbst eine breite dunkle Narbe ber den rechten
Backen, der Autograph eines Commilitonen, nicht entstellen konnte. Er
hatte Medicin studirt, und sich das Doctordiplom mit eifrigem Flei
verdient, aber die Aussichten fr einen jungen Arzt waren trb und
unversprechend in seiner Heimath, und jene fremde Welt, von der er schon
so viel gelesen und gehrt, zog ihn mchtig an. Sein Vater konnte und
wollte dieses Streben nicht bei ihm unterdrcken; auch er erkannte die
Banden, die hier einen krftigen Geist so leicht in Fesseln legen, und
ehrte den Wunsch und Drang der jungen, nach Thaten drstenden Brust, einen
Schauplatz zu finden fr ihr Sehnen und Wirken, wenn er sich auch wohl
selber dann wieder mit einem schweren Seufzer gestehen mute, wie manche
Hoffnung der Sohn zertrmmert, wie manche Erwartung er getuscht sehn
wrde in dem neuen Leben, das jetzt ihm freilich im vollen Glanz einer
aufsteigenden Sonne, von warmem Lichte bergossen winkte. Und wie wrde
sich sein Herz dann bewhren, das jetzt jubelnd zu den blinkenden,
Flaggen- und Blumengeschmckten Wllen seiner eigenen Luftschlsser
aufschaute, wenn es an deren Trmmern stand? oh da er dann htte an
seiner Seite stehen und ihn leiten drfen den dunklen, schmalen Pfad zum
wahren Glck -- retten ihn dann vor sich selbst und seinem bittern Weh.

Aber die Zeit lag noch fern, und weshalb sich selbst den Augenblick
vergiften, wo sich der Himmel noch blau und rein ber seiner Zukunft
spannte. Georg selbst sah auch Nichts von solchen trben Bildern, die das
Herz des Vaters oft mit banger Trauer fllten; ihm war das Thor jetzt weit
und frei geffnet, das hinaus in's Leben fhrte und an dessen Schwelle er
stand, und nur die Trennung noch vom Vaterhaus lag schwer auf seiner
Seele.

Am schwersten freilich trug gerade diese Stunde, weil ganz und ungetheilt,
das Mutterherz. Nicht dachte _sie_ in diesem Augenblick an die Hoffnungen
die dem Sohne in der Welt drauen blhen, an die Gefahren die ihm drohen
knnten; sie sah und fhlte Nichts, als die Trennung von dem _Kind_, den
Abschied von dem Heigeliebten, und wie im Traum hatte sie schon den
ganzen Tag ihren gewhnlichen Beschftigungen obgelegen, wie im Traum noch
einmal seine Lieblingsgerichte bereitet fr den Abend, den letzten Abend,
den er im Vaterhause zubringen wrde.

Lieber Gott, die Speisen kamen Abends auf den Tisch und wurden gegessen,
aber Keiner von allen, die jngsten Geschwister ausgenommen, schmeckten
was sie aen; man sprach dabei ber das an dem Nachmittag fortgesandte
Gepck, ber das Wetter, ber die Uhr die zehn Minuten vorging -- Georg
trug Gre auf an alle seine Bekannte, die sich noch seiner erinnerten. Er
hatte an dem Tag noch selber ein paar Briefe schreiben wollen, war aber
nicht dazu gekommen -- Vieles Andere war ihm ebenfalls entfallen; so wollte
er einen Absenker von dem Rosenstock mitnehmen der vor der Mutter Fenster
blhte, und jetzt blieb ihm doch keine Zeit mehr; aber whrend dem Essen
stand die Schwester -- unvermit -- vom Tische auf, ging hinaus, grub einen
Absenker aus, und brachte ihn in einem kleinen Topf dem Bruder, dem sich
die Thrnen in die Augen zwangen -- er mochte kmpfen dagegen wie er wollte
als er die Gabe sah. Die Mutter stand vom Tisch auf und ging hinaus --
nicht ein Wort wurde gesprochen so lange sie fort war. Die Speisen
verschwanden dabei von den Tellern und der Wein wurde getrunken, und die
Mutter kam zurck und nahm ihren Platz wieder ein, lautlos wie vorher; man
konnte den langsamen Gang der Uhr hren, an der Wand.

Da endlich fllte der Vater sein Glas bis zum Rand, hob es mit der Linken
und ergriff mit der anderen Georgs Hand. Er hatte etwas zum Herzen des
Sohnes, zum Trost vielleicht der Mutter sprechen wollen, aber die Worte
schwollen ihm im Mund -- er brachte eine volle Minute keine Sylbe ber die
Lippen, und sich gewaltsam fassend und zusammennehmend sagte er endlich.

Auf ein frohes Wiedersehn Georg!

Georg prete des Vaters Hand und trank ihm und der Mutter und den
Geschwistern zu -- und die Mutter hob ihr Glas und stie mit dem Sohne an,
aber mehr vermochte das Mutterherz nicht -- zu lange hatte sie jetzt
gewaltsam gegen ihr eigenes Gefhl an- und den Schmerz niedergekmpft, den
Anderen zu Liebe; lnger war sie es nicht im Stande, und das Glas mit
zitternder Hand niedersetzend, da der Wein ber und auf das Tischtuch
flo, stand sie auf, warf die Arme krampfhaft um den Hals des Sohnes und
schluchzte laut.

Mutter, liebe -- liebe Mutter  -- 

Mein Kind -- mein Kind, jammerte die Frau und der Schmerz wuchs an
Heftigkeit, wie der mchtig aber still dahinwlzende Strom schumend
hinausdonnert in's Freie, wo er sich erst einmal Bahn gebrochen aus seinem
Bett -- mein liebes -- liebes Kind.

Aber Mutter, bat der Pastor, fasse Dich; es ist ja doch nur vielleicht
auf kurze Zeit, bis sich der Junge drauen die Hrner abgelaufen, und ihm
die Heimath anders aussieht wie jetzt; dann kommt er wieder.

Liebe -- liebe Mutter, flsterte Georg, sie innig an sich schlieend, und
auch ihm erstickten unaufhaltsam flieende Thrnen die Stimme.

Die Geschwister weinten auch, und der Vater war aufgestanden und ein paar
Mal mit raschen Schritten, wie um den Anderen Zeit zu geben, eigentlich
aber nur seine eigene Fassung wiederzugewinnen, im Zimmer auf- und
abgegangen. Jetzt blieb er neben der Gattin und dem Sohne stehn, und sie
langsam trennend sagte er mit sanfter, bittender Stimme:

Kommt Kinder, kommt -- macht Euch selber nicht das Herz zum Brechen
schwer; das ist unrecht. Ueberdies qult Ihr Euch zweimal, und habt morgen
frh noch dasselbe Leid. Es ist eine lange Trennung, aber keine Trennung
fr's Leben -- wir sind Alle noch rstig und gesund, und werden uns, will
es Gott, hoffentlich Alle einmal froh und freudig in die Arme schlieen
knnen.

Aber Du schreibst bald, Georg, flsterte die Mutter sich mit aller Kraft
zusammennehmend -- Du lt uns nie lange ohne Nachricht, nicht wahr Du
versprichst mir das?

Gewi Mutter, gewi -- so oft ich kann -- aber ngstigt Euch nur auch
nicht, wenn einmal ein Brief lnger ausbleibt als gewhnlich; der Weg ist
weit, und ein Brief kann leicht verloren gehn.

So, und jetzt zu Bett Kinder, mahnte der Vater -- es ist spt geworden,
sehr spt, und Du mut frh wieder heraus Georg, die Post nicht zu
versumen; sind Deine Koffer hinbergeschafft?

Es ist Alles drben, sagte die Mutter, sich aus den Armen des Sohnes
windend und ihre Thrnen trocknend, nur sein Ueberrock ist noch hier, den
er anzieht, und die kleine Tasche in die er morgen frh sein Nacht- und
Waschzeug steckt -- doch das besorg' ich schon selber und werd' es nicht
vergessen. Ich bin frh auf, Georg, Du mut ja doch auch noch Deinen
Kaffee haben bevor Du gehst.

Gute Nacht Mutter! rief Georg, umschlang sie noch einmal und kte ihr
Lippen, Augen und Stirn, gute Nacht meine gute, gute Mutter -- gute
Nacht!

Gute Nacht mein Georg, mein Kind, sagte die arme Frau unter Thrnen --
schlaf nur jetzt recht aus -- zum letzten Mal unter unserem Dach -- fr die
nchste Zeit wenigstens, setzte sie rasch hinzu -- denn mit Gottes
Beistand hoff' ich soll es nicht das letzte Mal gewesen sein -- und -- und
meinen Segen nimm mit Dir, wohin Du gehst -- wo Du weilst -- was Du thust --
--  er ruhe auf Dir, mein gutes, gutes Kind!

Georg beugte sich unwillkrlich dem ernsten heiligen Wort -- seine ganze
Gestalt zitterte dabei, und die Mutter mute sich endlich mit freundlicher
Gewalt aus seinen Armen winden; dann aber floh sie auch hastigen Schrittes
aus dem Zimmer, sich in dem eigenen Kmmerlein recht, recht herzlich
auszuweinen.

Die Geschwister sagten dem Bruder jetzt gute Nacht -- die lteste Schwester
Louise hing lange an seinem Hals, aber ri sich los, den Schmerz der
Eltern nicht zu vermehren. Die Jngeren kten ihn auf die Wangen und
sagten. Gute Nacht Georg -- weck' uns nicht zu spt morgen frh, da wir
Dir auch noch knnen glckliche Reise wnschen.

Georg kte sie herzlich und bat sie brav und gut zu sein, und Vater und
Mutter Freude -- viel Freude zu machen, denn er selber ginge nun fort, und
die Eltern wrden deshalb recht traurig sein.

Gute Nacht Georg, sagte der Vater, als die Kinder zu Bett gegangen
waren, und Alle, auer ihm, das Zimmer verlassen hatten, habe keine Angst
da Du die Post morgen verschlfst, ich wache schon auf zur rechten Zeit --
gute Nacht mein Sohn. Komm komm, fange nicht selber wieder an, und mach'
mir das Herz nicht schwer vor der Zeit -- aber Georg, um Gottes Willen was
ist Dir? -- sei ein Mann -- Nun ja -- so lange die Frauen da waren hat es mir
auch das Herz fast abgedrckt -- man darf es sie ja nicht so merken lassen,
sonst zerflieen sie ganz  -- 

Mein lieber -- lieber Vater, schluchzte Georg an seinem Halse.

Mein guter, guter Sohn! flsterte der Pastor, des Kindes Stirne kssend,
und jetzt selber im Innersten ergriffen und bewegt -- bleibe brav -- bleibe
so brav wie Du bist -- ich kann Dir nichts Besseres wnschen -- trage Gott
im Herzen und Dich selbst, und -- Deiner alten Eltern Bild, deren Segen Dir
folgt auf allen Deinen Wegen.

Mein Vater!

So mein Sohn -- jetzt gute Nacht und bete zu Deinem Schpfer da er uns
morgen in der schweren Abschiedsstunde strkt -- gute Nacht mein Georg --
gute Nacht.

Leise machte er sich los aus des Sohnes Arm, kte ihn noch einmal, und
verlie dann rasch das Zimmer. Georg aber blieb lange, lange Minuten auf
dem Stuhle sitzen wo ihn der Vater verlassen, das Gesicht in seinen Hnden
bergend.

Gute Nacht, flsterte er endlich leise und kaum hrbar, als Alles schon
im Hause still war, und zu Ruhe gegangen -- gute Nacht Ihr Lieben und Gott
schtze Euch und mich; aber nicht mglich wre es mir, die furchtbare
Trennungsstunde noch einmal durchzuleben, nicht mcht' ich Dir Vater, Dir
Mutter den Schmerz, das bittere Weh zum zweiten Mal bereiten. Es ist
vorbei -- Alles vorbei, und wenig Stunden noch und die Heimath selber
liegt, ein schner Traum nur, in der Erinnerung Tiefe. So denn an's Werk
setzte er fest und entschlossen hinzu, und ob das Herz darber brechen
will, durch ist mein Wahlspruch jetzt, durch Nacht zum Licht -- _durch_.

Und mit den, fest zwischen den zusammengebissenen Zhnen gemurmelten
Worten stand er auf, und sein Schlafzimmer ffnend warf er den Rock ab,
und badete Gesicht und Nacken in khlem Wasser. Dann, als er die Glut die
ihn durchtobte, in etwas gelscht, packte er den kleinen Nachtsack mit
den, sorglich fr ihn auf dem Waschtisch ausgebreiteten Gegenstnden, zog
sich wieder an, knpfte den Ueberrock bis an den Hals zu, denn die Nacht
war kalt, und nach der gehabten Aufregung frstelten ihn die Glieder, und
im Zimmer umherschauend fiel sein Blick auf den, unter dem Spiegel
stehenden, fr ihn eingeschlagenen Rosenstock. Rasch barg er ihn in der
weiten Tasche seines Ueberrocks, ffnete dann das Fenster, das in den
Garten hinaus und von da ber den Kirchhof fhrte, der Landstrae zu, und
schwang sich auf das Fensterbret.

Ade! flsterte er, ade Du trautes, liebes Haus, ade -- Gott halte seine
Hand ber Dir, und schtze die lieben Menschen -- ade, ade. Und von dem
Bret hinunterspringend in den Garten, durcheilte er diesen, schwang sich
leicht ber die Kirchhofmauer, die er als Kind unzhlige Male
berklettert, und schritt dann langsam und traurig seinen einsam dunklen
Weg entlang.

                                * * * * *

Noch hob sich die Sonne nicht ber den stlichen Fichtenhang, und der
dmmernde Tag grte eben die schlummernde Erde, als sich die Mutter von
ihrem Lager hob, das Mdchen weckte da es Feuer in der Kche mache, den
Kaffee bereit zu halten, und dann den Mann rief, dem Sohn ade zu sagen.
Pastor Donner hatte aber auch nur in unruhigem Schlaf gelegen -- die
Gedanken und Sorgen lieen ihn nicht ruhen, und wie aus bsem Traum fuhr
er oft empor, mit einem wehen Stich durch's Herz zurckzusinken, _da_ es
eben kein Traum sei, der ihn bedrcke und qule.

Er stand auf, zog sich an, und whrend die Mutter drauen in der Kche
sorgte, dem Sohn ein rasches Frhstck zu bereiten, ging der Vater hin ihn
zu wecken.

Georg! sagte er, als er die Thr ffnete, die in des Sohnes Kammer
fhrte -- Georg -- es wird Zeit -- heiliger Gott! unterbrach er sich aber
rasch und erschreckt als er das Gemach leer, das Bett unberhrt und keine
Spur mehr von dem Kinde fand -- heiliger, erbarmender Gott -- er ist fort.
Und wie er sich auch vorgenommen sich zu fassen, und der Frau, dem Kind,
die letzten Augenblicke nicht mehr zu erschweren, durch seine eigene
Schwche, traf ihn _der_ Schlag doch zu hart -- zu unerwartet. In diesem
Augenblick betrat die Mutter das Zimmer, und sah wie der Vater sich
erschttert von der Thr abwandte und das Antlitz in den Hnden barg.

Mein Sohn -- mein Kind! stammelte sie, in der sie durchzuckenden Ahnung
des Geschehenen, der sie wie ein jher Schlag in's Herz traf -- wo ist --
wo ist Georg? Aber der Vater zog sie an die Brust, und ihre Stirn, auf
die seine heien Thrnen fielen, kssend, flsterte er leise:

Er hat uns den Schmerz des Abschiedes sparen wollen, Louise -- er ist
fort.

_Fort!_ hauchte die Frau -- kaum noch den Sinn der Worte fassend, und
brach bewutlos in den Armen des Gatten zusammen.

                                * * * * *

Auerhalb Waldenhayn, wenn auch noch zu demselben Kirchspiel gehrend, und
dicht an der Grenze des bis hier herniederlaufenden Holzes, stand ein
kleines, schon halb verfallenes Haus, das frher einmal von einem
Forstgehlfen des herrschaftlichen Waldes bewohnt, dann aber nicht mehr
benutzt, und um ein Billiges, eigentlich auf Abbruch, verkauft worden war.
Der Mann der es kaufte aber, hatte frher ebenfalls in herrschaftlichen
Diensten gestanden, und dann das Metzger-Handwerk getrieben; sein wildes,
liederliches Leben jedoch lie sein Geschft nicht frdern, noch vorwrts
gehn. Er schien auch keine rechte Lust an einer regelmigen Arbeit zu
haben, heirathete dann, als er Alles was er sein nannte, durchgebracht,
ein Mdchen vom herrschaftlichen Gut, das den Dienst dort verlassen mute
und von dem Herrn selber eine Abstandssumme bekam, und kaufte mit dem
Gelde eben das kleine unwohnliche Gebude, das er nichtsdestoweniger
bezog, und sich jetzt angeblich vom Viehhandel ernhrte. Er zog im Lande
herber und hinber, und kaufte und verkaufte Vieh, mehr aber noch trieb
er sich in den Wirthshusern herum, wo er trank und spielte, und den
schlimmsten Ruf im Lande hatte, den ein Mensch haben kann, ohne da jedoch
die Polizei den mindesten Halt an ihn bekommen konnte. Aber die
ordentlichen Leute zogen sich von ihm zurck; Niemand mochte Umgang mit
ihm oder seinem Weibe haben, und auf dem Weg zu seinem Hause wuchs Gras;
wen dort nicht ein besonderes Geschft hinfhrte, betrat ihn nimmer.

So hatte der schwarze Steffen, wie er im Lande seines dunklen Haares und
Aussehns wegen hie, sechs Jahre in dem kleinen Haus gewohnt, und sein
Weib ihm, auer dem Kind das sie in die Ehe gebracht, noch drei andere
geboren. In der letzten Zeit tauchte dabei ein anderer Verdacht gegen ihn
auf, da er sich nmlich unter der Hand mit Wilddieben einlasse, und --
wenn auch vielleicht nicht selber wildere, doch das Gestohlene kaufe und
unterbringe.

Sicher ist, da nicht alles Fleisch was er zu Markte fhrte, im Stall
gemstet worden, und als nun auch gar einmal, und vor nicht so sehr langer
Zeit, ein Forstgehlfe, in Ausbung seiner Pflicht, erschossen worden,
wurde die Aufsicht ber den schwarzen Steffen, dem man aber doch nicht zu
Kragen konnte, so scharf gefhrt, und diesem zuletzt so unertrglich, da
er schon ein paar Mal mit den Forstbeamten im Wirthshaus Streit gesucht
und gefunden, und ihm zuletzt von der Herrschaft, nach lange gebter
Nachsicht, der Befehl zugestellt wurde, das auf den Abbruch damals
erstandene Haus, von dem brigens kein Ziegel mehr sein gehrte, zu rumen
und abzutragen oder stehen zu lassen, wie es ihm gefalle, seinen Wohnsitz
aber, wider ihn eingelaufener Klagen wegen, wo anders zu nehmen, vom
ersten des nchsten Monats an.

Steffen war heute einmal ausnahmsweise den ganzen Tag zu Haus geblieben,
und hatte manche von seinen Sachen, wobei ihm die Frau half,
zusammengetragen und in einen Ranzen gepackt. Die Kinder aber achteten
wenig darauf; sie waren gewohnt da der Vater oft fortging, und dann immer
mehre, manchmal sogar acht Tage fortblieb, ehe sie ihn wieder zu sehen
bekamen, oder auch nur von ihm hrten. Fragen, wohin er ging, durften sie
nie.

Der Vater war brigens mrrischer heute als je -- er sprach fast kein Wort,
trank aber oft aus der Flasche, die zum ersten Mal offen in der Stube
stand, und woraus sich auch die Mutter zweimal einschenkte, und sich dann
zu dem jngsten Kinde setzte, und es auf den Schoos nahm und kte.

Weshalb weinst Du, Mama? sagte das zweite Kind, ein Junge von etwas ber
fnf Jahren -- hat Dir Jemand 'was zu Leid gethan?

Weil sie eine Nrrin ist, brummte der Vater, der die Frage gehrt hatte,
und jetzt einen rgerlichen Blick nach der Frau scho -- ich dchte wir
htten nun genug darber geschwatzt und die Sache wr' abgemacht.

Nun ja -- ich sage ja auch kein Wort mehr dagegen, erwiederte die Frau --
es -- es berkommt Einen nur noch manchmal so -- nachher wird's besser und
-- es geht ja doch nun einmal nicht anders, setzte sie still und schwer
vor sich hinseufzend, hinzu.

Steffen entgegnete nichts weiter darauf, schickte aber bald darauf, unter
irgend einem Vorwand, die Kinder mitsammen hinaus in den Garten, und sagte
dann, als er sich mit der Frau allein sah, mrrisch und finster.

Du flennst und flennst, und wirst die Blge noch zuletzt aufmerksam und
ngstlich machen mit Deiner Heulerei -- kannst Du sie hier ernhren, so
bleib da, ich habe Nichts dagegen; kannst Du's aber nicht, dann sei auch
vernnftig und mach' jetzt keine dummen Streiche -- es wr' ein Spa, wenn
sie uns abfaten, und Du weit am Besten was uns nachher bevorstnde.

Die Frau war schlank und voll gewachsen, mit besonders kleinen Hnden und
Fen, mute auch einmal in frheren Jahren wirklich schn gewesen sein,
und mehr noch als nur die Spuren war ihr davon geblieben, htte sie eben
etwas gethan sich das zu erhalten. Aber in ihrem ganzen Aeueren ging sie,
wenn nicht geradezu unreinlich, doch vernachlssigt; die ungeordneten
Haare wurden durch einen zerbrochenen, chten Schildpatkamm, und durch ein
schwarzes abgescheuertes Sammetband, in dem vorn eine groe bronzene
Broche mit einem unchten Turquis sa, gehalten; in den Ohren hingen ihr
ebenfalls lange emaillirte unchte Ohrringe, die mit dazu beigetragen
hatten ihr bei ihren bescheidenen und einfachen Nachbarn den Namen der
stolzen Jule zu geben, und das Kleid von gutem Stoff und nach neuem
Schnitt gemacht, zeigte unausgebesserte Risse, und Spuren von Fett, in
Streifen und Flecken, die schlecht zu dem blitzenden falschen Schmucke
paten.

Auch in den Augen selber lag etwas Keckes, Unweibliches, das aber doch
jetzt einem mchtigeren Gefhl gewichen war, denn nur manchmal, bei den
rauhen Worten, blitzte es an gegen den Mann, und um die Lippen zog sich
dann ein eigener fester Zug von Trotz und Zorn.

Ich hab' Dir genug zu Willen gethan, da ich mit Dir gehe und die Kinder
zurcklasse, sagte sie dann nach kleiner Weile -- wenn's mir das Herz
dabei zusammenzieht, wrst Du schlimmer wie ein Thier, wolltest Du's mir
wehren. Der Wolf lt seine Brut nicht im Stich, und wir wollen fort  -- 

Der Wolf hat auch drauen zu leben, und fr die Jungen Milch -- wer
giebt's uns? zischte der Mann zwischen den zusammgebissenen Zhnen durch
-- wir knnten krepiren hier im Nest, keine Katze miaute deshalb im ganzen
Kreis.

Ich wei es, ich wei es, sagte die Frau, und das ist das Einzige was
mich freut, da wir ihnen jetzt einen Streich spielen -- den Lumpen. Und
wie sie schreien und schimpfen werden -- aber ernhren men sie sie doch,
davon hilft ihnen kein Gott. Leid thut's Einem freilich immer, die armen
Dinger, die noch Nichts von der Welt wissen und begreifen, so allein
zurckzulassen -- wenn ich das Jngste nur mitnehmen drfte  --  setzte sie
leise hinzu.

Komm mir nur jetzt nicht wieder mit dem alten Gewsch, rief aber der
Mann finster und rgerlich -- ich dchte das htten wir ber und genug
besprochen und berlegt, und wren einig darber.

Ueberlegt gar nicht, sagte aber die Frau, die Brauen fest
zusammenziehend -- wenn ich davon anfing hast Du mich immer grob
angefahren und ausgezankt, und Deinen Willen gehabt dabei, wie bei allem
Anderen. Ich wei da ich nicht zu den Weichen gehre, aber -- Mutter
bleibt doch Mutter, und -- 's ist immer ein hlich unnatrlich Ding.

Papperlapapp! sagte der Mann den Kopf herber und hinber werfend --
unnatrlich -- natrlich ist's allerdings nicht da die Scheunen
ringsherum voll liegen, und das reiche Lumpenpack das Geld mit vollen
Fausten zum Fenster hinauswirft, whrend wir hier trocken Brod nagen
sollen, und das nicht einmal immer kriegen -- schne Natrlichkeit das.

Wenn Du nur nicht den dummen Streich mit dem  -- 

Halt's Maul! brummte aber der Mann mrrisch -- ich sollte mich wohl
erwischen und anzeigen lassen, da ich jetzt im Zuchthaus s und spnn --
Gott verdamm mich, ich schsse eher die ganze Bande ber den Haufen, einen
nach dem anderen -- bist Du nun fertig mit Deinen Sachen?

Ja! sagte die Frau leise und unwillkrlich zusammenschaudernd -- es kann
fort gehn.

Wir wollen aber doch warten bis es dunkel ist, sagte Steffen nach
kleiner Pause; besser ist besser, und der Mrtens unten an der Strae
braucht nicht gleich zu wissen da wir fortgefahren sind, beide zusammen,
seine Nase hineinzustecken vor der Zeit; er ist mir so schon ein paar Mal
hier oben herumgekrochen, wo er Nichts zu suchen hatte.

Aber wenn sie uns nun doch vor der Zeit vermissen? sagte die Frau, und
unserer Spur nachgehn; wenn's jetzt schlimm ist, nachher wird's erst bs,
und wir drften dann nur gleich mit Sack und Pack abziehn.

In's Arbeitshaus, eh? -- nein, eine Weile halt' ich sie uns schon von den
Hacken, und Gefahr da sie uns finden, hat es auch nicht. Wo wir zur
Eisenbahn kommen bin ich bekannt, und habe schon manchmal Vieh da gekauft,
wenn sie auch eben meinen Namen nicht wissen, und wenn wir fortgehn, lasse
ich einen alten Hut von mir und das gelbe Tuch von Dir unten an dem tiefen
Wasserloch unter den Erlen. Sobald Jemand hier in der Gegend vermit wird,
suchen sie dort immer zuerst, und der Schulze im Dorf hat das Pulver nicht
erfunden, dem ist leicht was aufgehngt. Bis sie eine Weile stromab
geangelt haben, sind wir hoffentlich unterwegs, und wenn nicht unter, doch
ber dem Wasser. Aber ich will jetzt noch einmal hinunter zum Mrtens gehn
und Mehl holen; es ist auch heute der gewhnliche Tag, und hierher kommt
nachher keiner so leicht, nimm Du inde die Kinder vor, und instruire sie
wie sie sich zu verhalten haben.

Und seine Mtze aufgreifend steckte Steffen die Hnde in die Taschen, und
schlenderte langsam den Hang hinunter dem nchsten, eine gute
Viertelstunde entfernten Hause zu, whrend die Frau die Kinder zu sich
hereinrief, das Jngste, ein kleines liebes Mdchen von anderthalb Jahren,
auf den Schoos nahm, und sich damit still und lautlos in die Ecke setzte.

Die Sonne neigte sich indessen ihrem Untergang, und der Vater kam nach
etwa einer Stunde, als es schon vllig dunkel geworden war zurck -- die
Mutter sa noch immer mit dem Kind auf dem Schoos, das bei ihr
eingeschlafen war, und hielt es fest an sich gedrckt.

So Jule, es ist Zeit, sagte der Mann, seine Arbeitsjacke abwerfend und
den Rock anziehend, wei die Albertine was sie zu thun hat?

Die Frau zitterte am ganzen Leib, aber sie erwiederte kein Wort, stand
auf, kte das Kind das sie auf dem Arm trug, und legte es in sein
Bettchen -- einen Kasten, der in der Ecke der Stube stand.

Albertine, sagte sie dann zu der Aeltesten, und wandte sich von der
dster brennenden Oellampe, die Steffen auf den Ofen gestellt hatte, ab,
da die Tochter ihr nicht in die jetzt wirklich todtenbleichen Zge
schauen sollte -- ich gehe mit dem Vater heute Abend eine Weile fort -- den
Karl bring ich erst noch zu Bett -- sollten wir morgen frh nicht bei
Zeiten da sein, so -- so zieh die Kinder an und gieb ihnen zu essen -- der
Brodschrank ist offen, und Milch steht unter der Diele in der Schssel --
Du pat mir auf da den Kleinen Nichts passirt -- Du -- Du bist ja schon ein
groes Mdchen.

Und geht mir nicht vor die Thr morgen, bis wir nicht wieder da sind,
sagte Steffen, wie ich heut Abend drunten gehrt habe, ist hier ein
toller Hund herumgelaufen. Das Beste wird sein Ihr haltet die Hausthr zu,
da er nicht etwa gar herein kommt.

Die Frau hatte dabei das etwa dreijhrige Mdchen das inde gar schlfrig
geworden war, ausgezogen und in sein Bettchen gelegt -- und der Junge,
Carl, sa auf der Bank am Fenster, noch auf sein Abendbrod wartend. Aber
er sah auch erstaunt dabei die Eltern an, die noch nie so spt Abends
fortgegangen waren, und auch wohl noch nie, oder doch nur selten gar so
freundlich mit ihnen gesprochen hatten.

Was fr ein Hund ist es, Vater? frug er jetzt, da der Gedanke an den
tollgewordenen Hund ihn besonders interessiren mochte -- Mrtens' Bello?
der kennt mich, und beit mich nicht.

Nein, der groe Trk aus dem Dorfe unten, sagte Steffen -- der den
Mller auch schon einmal gebissen hat.

Oh der ist schlimm! rief der Knabe erschreckt -- da geh' ich gewi nicht
hinaus.

Geh' nun zu Bett Carl, es ist spt, sagte der Vater.

Ich habe mein Abendbrod noch nicht, brummte der arme kleine Bursch.

So? -- dann wird Dir's Albertine geben -- und -- seid brav und folgt ihr  --


Er gab dem Knaben und ltesten Mdchen die Hand, und ging zu den Bettchen
der Kleinen die er kte; dann aber als ob er sich einer solchen Regung
schme, richtete er sich rasch wieder auf, drckte den Hut in die Stirn,
und sagte, das Zimmer verlassend, und noch in der Thr sich umdrehend:

Ich warte auf Dich unten am Wasser -- mach schnell!

Sei ein gut Kind Albertine, und hab mir gut auf die Kleinen Acht,
flsterte die Frau jetzt dem Mdchen zu, das eben dem Bruder ein Stck
Brod und Salz gegeben hatte, an dem der a und verwundert dabei hinter den
Vater her aus der Thr, und nach der Mutter schaute, die lange -- o lange
Zeit nicht so freundlich mit ihnen gesprochen hatte.

Aber Mutter wo geht Ihr nur hin? -- frug das Mdchen, der das Benehmen
der Eltern ebenfalls auffiel, verwundert.

Auf's Amt, sagte die Frau, auf die Frage schon vorbereitet -- wir mssen
morgen frh mit Tagesanbruch in der Stadt sein, und wollen gehn so lang's
khl ist.

Und wann kommst Du wieder?

Hoffentlich morgen gegen Abend -- wenn wir fertig werden; auf dem Amt sind
sie aber gar weitlufig -- manchmal dauert's lnger als man denkt. Geht mir
aber nicht vor die Thr, Ihr habt zu essen genug -- jedenfalls sind wir
morgen Abend um die Zeit wieder da -- und acht' mir auf die Kleinen, Tine --
sei ein vernnftig gutes Mdchen -- Du bist gro genug. Und -- wenn Jemand
nach uns fragen sollte, so sag nur wir wren in den Wald gegangen, und
kmen gleich wieder -- es wird aber wohl Niemand fragen, --  setzte sie
leise, und wie zu ihrer eigenen Beruhigung hinzu.

Sie sah sich im Zimmer um, ob sie Nichts vergessen habe --  ihr Bndel lag
aber versteckt drauen vor der Thr, wie der Mann seine gepackte
Jagdtasche ebenfalls drauen verborgen gehabt und jetzt mitgenommen hatte.
Ihr Blick berflog auch nur flchtig den kleinen Raum, und haftete dann
auf dem Bettchen des jngsten Kindes -- sie konnte nicht widerstehn, und
trat noch einmal zu dem schlummernden Kind.

Geh doch hinaus Tine, und hole ein paar Stcken Holz herein, so lang ich
noch hier bin, da Du morgen frh Kaffee kochen kannst -- ich bleibe so
lang bei den Kindern, setzte sie langsam und ohne das lteste Mdchen
dabei anzusehn, hinzu. Dieses ging, und in wilder, fast ngstlicher Hast
kte die Frau jetzt die kleine, schon sanft schlummernde Line, und hob
dann das Jngste aus seinem Kasten, auf dessen rosige Lippen sie den
eigenen Mund in wilder Heftigkeit prete, bis es schrie. Die Thrnen -- die
Mutter _konnte_ sich nicht ganz verleugnen in dem Augenblick -- liefen ihr
dabei voll und schwer die Wangen hinunter, und erst als sie das Aelteste
mit dem Holz zurckkehren hrte, legte sie das leicht beruhigte Kind
wieder auf sein Lager, und kte den Jungen, dem die Thrnen auch anfingen
in die Augen zu steigen. Er wute freilich nicht recht weshalb, und nur
vielleicht weil er die Mutter weinen sah, wurd' es ihm auch so weh und
weich um's Herz.

Aber Mutter, was ist Dir nur heute Abend? sagte das Mdchen, dem die
auergewhnliche Bewegung derselben unmglich entgehen konnte -- was habt
Ihr nur, Du und der Vater?

Bah -- der Vater war garstig mit mir, und wir haben uns gezankt, sagte
die Mutter, das Gesicht abwendend von dem Kind.

Ein scharfer Pfiff von drauen her schlug an ihr Ohr, und sie fuhr
erschreckt in die Hhe.

Ja -- ich komme schon! murmelte sie, kaum hrbar, vor sich hin, so adieu
Albertine -- hab auf die Kinder Acht, und -- _beht Euch Gott_! und mit
dem, wie scheu geflsterten und vielleicht seit langer, langer Zeit nicht
ausgesprochenen Segen, verlie sie rasch das Zimmer und das Haus.

Was zum Teufel trdelst Du denn da drin, und lt mich eine Stunde hier
warten? rief der Mann mrrisch, als sie ihn endlich an der verabredeten
Stelle traf -- aber die Frau erwiederte kein Wort, und die fieberheie
Stirn in die Hand pressend, folgte sie dem, jetzt ebenfalls finster und
schweigend Voranschreitenden, durch die Nacht.






***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK NACH AMERIKA! ERSTER BAND***



CREDITS


May 2006

            Project Gutenberg Edition
            richyfortytwo
            Joshua Hutchinson
            Online Distributed Proofreading Team



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