Project Gutenberg's Deutsche Lebensbilder, by Heinrich von Treitschke

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Title: Deutsche Lebensbilder

Author: Heinrich von Treitschke

Release Date: October 3, 2014 [EBook #47033]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DEUTSCHE LEBENSBILDER ***









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Etwas Gleichartiges war nie zuvor erreichbar, auch nicht zu der Zeit,
als Bcher weit wohlfeiler als heute hergestellt werden konnten. Nur
unter der Bedingung ist eine solche Leistung mglich, da diese Bnde
in gewaltigen Mengen gedruckt werden und in fast jedes deutsche Haus
gelangen.

Die Herausgeber sind berzeugt, da diese Hoffnung sich erflle.
Unzhligen, die bisher des Preises wegen solche Schtze nicht erwerben
konnten, mssen diese Bcher bald zum kostbaren Besitztum werden.

Sie werden von angesehenen Literaturkennern ausgewhlt und jedes Werk
ist von einem erluternden Nachwort begleitet.

Der Wortlaut wird von kundigen Gelehrten geprft und, wo die frheren
Drucke dies erforderlich machen, verbessert. Ebenso sollen die aus
fremden Sprachen bersetzten Werke in der denkbar besten deutschen
Gestalt erscheinen.

So drfte alles geschehen sein, um hier der Volksbildung und dem
unterhaltenden Lesen ein neues, gediegenes und ansprechendes
Hilfsmittel darzubieten, wie es in dieser Art noch nicht vorhanden war.

    _Das erluternde Nachwort steht am Schlusse des Bandes_




                        Heinrich von Treitschke

                         Deutsche Lebensbilder

                            [Illustration]

                _H. Fikentscher Verlag / Leipzig_ =C= 1


                            Textrevision:
                        =Dr.= _Lotte Blaschke_

                 Druck von Ackermann & Glaser, Leipzig.




Inhaltsverzeichnis.


                                  Seite

Luther und die deutsche Nation        9

Fichte und die nationale Idee        33

Knigin Luise                        71

Stein                                89

Lessing                             113

Ludwig Uhland                       137

Heinrich von Kleist                 181

Friedrich Hebbel                    229

Otto Ludwig                         261

Gottfried Keller                    289

Nachwort                            312




Luther und die deutsche Nation

                             Vortrag,
              gehalten in Darmstadt am 7. November 1883
              zur Feier des vierhundertsten Geburtstags
                          Martin Luthers.


        Hochansehnliche Versammlung!

Mancher unter Ihnen hat vor einigen Wochen auf der Hhe des
Niederwaldes gestanden, als unser greiser Kaiser das Bild der
schwertumgrteten Germania enthllen lie, und dort das Glck
genossen, mit allen Landsleuten von nah und fern das eine Gefhl
dankbarer Freude zu teilen. Jahrhundertelang ist uns Deutschen dieser
Einmut froher, neidloser Erinnerung, der zum Leben gesunder Vlker
gehrt, versagt geblieben; denn jene Siege, die uns die neue Einheit
unseres Reiches schufen, waren selber seit unvordenklicher Zeit die
erste gemeinsame groe Tat, zu der sich die ganze Nation in schnem
Wetteifer zusammenfand. Wohl ist sie ruhmvoll, die Geschichte dieses
Volkes, das so oft schon dem Weltteil den ersten Mann des Jahrhunderts
geschenkt, so oft in den Kmpfen Europas das erweckende oder das
vershnende Wort gesprochen hat; doch fast alle ihre groen Namen waren
in das Gewirr der Gegenstze, die unser inneres Leben zerrtteten,
so tief verflochten, da sie noch heute breiten Schichten des Volkes
unverstndlich bleiben und ihnen nur als die Vorkmpfer eines Stammes,
einer Partei, eines Glaubensbekenntnisses, nicht schlechtweg als
deutsche Helden erscheinen. Wir haben im achtzehnten Jahrhundert den
letzten und grten Vertreter des alten unbeschrnkten Knigtums unter
uns walten sehen, und seit seine Saat in Halme scho, beginnen die
Einsichtigen zu fhlen, da er fr Deutschland focht, als er gegen
sterreich und das heilige Reich seine Schlachten schlug; dennoch
wird Knig Friedrich, gleich seinem Ahnen, dem groen Kurfrsten,
immer zunchst der Liebling seiner Preuen bleiben und der Masse der
Oberdeutschen niemals ganz vertraut werden. Wir haben ein Jahrhundert
zuvor durch einen greuelvollen Krieg der europischen Welt die
kirchliche Duldung gesichert, aber der Sieg ward um einen furchtbaren
Preis, durch die Verwstung unserer alten Kultur, erkauft, und der
Held, der sich von jener finsteren Zeit als die beinahe einzige lichte
Gestalt abhebt, Gustav Adolf, war ein Fremder; selbst seine Bewunderer
knnen nicht leugnen, da seine Siegeslaufbahn zu unserem Heile
frhzeitig endete, eben in dem Augenblicke, da seine Macht unserem
Vaterlande verderblich zu werden begann.

So ist denn auch die Gedchtnisfeier, zu der sich in dieser Woche
unser protestantisches Volk berall gehobenen Herzens versammelt,
leider nicht ein Fest aller Deutschen. Millionen unserer Landsleute
stehen teilnahmslos oder grollend abseits; sie wollen, sie knnen nicht
begreifen, da der Reformator unserer Kirche der gesamten deutschen
Nation die Bahnen einer freieren Gesittung gebrochen hat, da wir in
Staat und Gesellschaft, in Haus und Wissenschaft, berall noch den
Atem seines Geistes spren. Wer ber ihn redet, der mu bekennen, wie
er sich selber zu den groen sittlichen Aufgaben der Gegenwart stellt.
Leidenschaftlich, als stnde der Reformator noch mitten unter uns,
erklingen die Anklagen derer, die seine Gre nicht zu fassen vermgen.

Schon bei seinen Lebzeiten ist Martin Luther dem tragischen Geschick
der Verkennung, das keinem groen Manne und am wenigsten dem Kmpfer
erspart bleibt, nicht entgangen. In den hoffnungsreichen ersten
Jahren seines ffentlichen Wirkens begrte ihn die Nation mit einer
strmischen Freude, wie sie der deutsche Boden erst in unseren Tagen
wieder erlebt hat. Damals, als er zuerst der Katze die Schelle anband
und dann khn und khner, fortgerissen von der zwingenden Macht des
freien Gedankens und des wachen Gewissens, aus einem treuen Sohne
der alten Kirche zum erklrten Ketzer ward, als er die Bannbulle
des Papstes in das Feuer warf und in dem flammenden Aufruf An den
christlichen Adel deutscher Nation seine Deutschen aufforderte zur
Reform der Kirche und des Reiches an Haupt und Gliedern: da stand er
vor Kaiser und Reich als der Fhrer der Nation, heldenhaft wie ihr
Volksheiliger, der streitbare Michael; da jubelte das Volkslied: Zu
Worms er sich erzeiget, er stand wohl auf dem Plan, seine Feind' hat
er geschweiget, keiner durft' ihn wenden an; da schien es wirklich,
als sollten alle die elementarischen Krfte, die in der tief erregten
Nation arbeiteten, der Glaubensernst der frommen Gemter, der
Forschermut der jungen Wissenschaft, der Nationalha des ritterlichen
Adels wider die welschen Prlaten, der Groll der mihandelten Bauern,
sich zu einem mchtigen Strome vereinigen und gewaltig aufwallend alles
rmische Wesen aus unserem Staate, unserer Kirche hinwegschwemmen.
Aber noch war unsere deutsche Knigskrone fest verkettet mit der
weltumspannenden Politik des rmischen Kaisertums. Einen Zufall drfen
wir es nicht nennen, da in jenem verhngnisvollen Augenblick ein
Fremdling unsere Krone trug, der unseres Herzens Schlag nicht hren
konnte und, whrend die Deutschen dem lauten Freimut ihres Landsmannes
zujauchzten, verchtlich lchelnd sprach: der soll mich nicht zum
Ketzer machen.

Sobald der Kaiser dem Rufe der Nation sich versagte, stand nicht blo
die politische Macht des spanischen Weltreichs wider den Reformator,
sondern auch eine gewaltige sittliche Macht, die feste Kaisertreue
unseres Volkes. Und nun trat auch die alte Todsnde unserer Geschichte,
der Ha der Stnde, wieder hervor. Die Ritterschaft vergeudete ihren
ungestmen Tatendrang in einer ziellosen, unglcklichen Fehde. Die
Bauern nahmen die Lehre der evangelischen Freiheit fleischlich auf
und erhoben sich zu einem wtenden sozialen Kampfe. Luther aber
meinte seine heilige Sache geschndet und lie die Gecken, die das
Evangelium mit Hammern und mit Zangen in den Kisten suchten, die ganze
Wucht seines Zornes empfinden. Als der grliche Aufruhr durch die
unbarmherzigen Herren grlicher bestraft war, da sah sich der Mann,
den sein Volk soeben auf den Schild gehoben, mit den Verwnschungen
der kleinen Leute beladen. Mittlerweile hatte sich auch der erste
Gelehrte des Jahrhunderts, Erasmus, von den Wittenbergern abgewendet;
auch Luthers Lehrer, Staupitz, der sinnige Mystiker, auch die
geistreichen Humanisten Crotus Rubianus und Eobanus Hessus traten
erschrocken zurck. Mit ihrem Abfall war entschieden, da die neue
Lehre selbst unter den Hchstgebildeten der Nation vorerst noch nicht
berall Anklang finden konnte, und da sie mit der Selbstndigkeit
des Denkens auch den trotzigen Eigensinn des deutschen Charakters
entfesselte, so verfielen ihre Anhnger bald einer gefhrlichen
Zersplitterung: zuchtlose Schwarmgeisterei und dogmatischer Streit
schwchten ihre Einheit.

Also von allen Seiten bedrngt und verlassen suchte Luther seine
Zuflucht bei dem deutschen Frstenstande. Noch immer reich an
Erfolgen, waren seine letzten Jahre noch reicher an schmerzlichen
Enttuschungen. Er hatte einst gehofft, in der gesamten Christenheit
oder mindestens in seiner deutschen Nation das kirchliche Leben zu
verjngen. Nun mute es ihm gengen, da nach und nach in den greren
weltlichen Frstentmern Deutschlands kleine evangelische Landeskirchen
entstanden; und wer in der Geschichte nur die Erscheinungen des Tages
obenhin betrachtet, mag es leicht eine glckliche Fgung nennen, da
der durch bermenschliche Arbeit frh Gealterte aus diesem Leben
hinweggerufen wurde, unmittelbar bevor die deutschen Protestanten im
Schmalkaldischen Kriege durch Hader und planlose Schwche den Waffen
der Fremdherrschaft schimpflich erlagen. Ja whrend sonst das Bild der
geschiedenen Helden sich im Gedchtnis der Vlker zu verklren pflegt,
erschien Luther den Nachlebenden kleiner, als er gewesen. In jenen
mden Jahrzehnten der politischen Tatenscheu und des theologischen
Geznks, welche den lichten Tagen der deutschen Reformation folgten,
formte sich ein kleines Geschlecht die Gestalt des Reformators nach
seinem eigenen Bilde, als wre er auch nur ein bibelfester Prediger
und ehrsamer Hausvater gewesen, als htte er wirklich nur eine
Sonderkirche, die sich nach dem Namen eines sndhaften Menschen nannte,
stiften wollen. Erst die historische Wissenschaft unseres Jahrhunderts
hat sich wieder das Herz gefat, den ganzen Luther zu verstehen, den
zentralen Menschen, in dessen Seele fast alle die neuen Gedanken eines
reichen Jahrhunderts mchtig widertnten; sie steht ihm fern genug, um
auch die mittelbaren Folgen seines zerstrenden und aufbauenden Wirkens
zu wrdigen, um alle die Keime einer neuen Kultur, die er ahnungslos,
nach der Weise des Genius, in den deutschen Boden senkte, wahrzunehmen
und dankbar zu erkennen, wie treu er sein Wort erfllt hat: Fr meine
Deutschen bin ich geboren, ihnen will ich dienen. --

Im deutschen Gemte lag von jeher dicht neben der hellen Weltlust ein
beschaulicher Ernst, der die Vergnglichkeit aller irdischen Dinge
schmerzlich empfand, neben der wagenden Tapferkeit eine tiefe Sehnsucht
nach Erlsung von dem Fluche der Snde. Die Germanen allein unter allen
Vlkern Westeuropas haben schon in den Tagen ihres Heidentums etwas
geahnt von dem dereinstigen Untergange dieses frevelnden Geschlechts,
von einer neuen Welt der Reinheit und der Klarheit, die da kommen
solle. In einem solchen Volke mute die frohe Botschaft aus Jerusalem
bereite Herzen finden, und wie andchtig, wie innig die Deutschen den
neuen Glauben aufnahmen, das erzhlen die Wunderbauten unserer alten
Dome. Gleichwohl hatte die christliche Lehre, als sie bei uns eindrang,
bereits in Rom eine Gestalt angenommen, welche dem deutschen Volke
niemals ganz vertraut werden konnte. Diesseits und Jenseits, alle
Zeiten und alle Vlker erschienen eingeschlossen in der einen groen
Gemeinschaft der Heiligen, welche die streitende Kirche hienieden
mit der leidenden Kirche der armen Seelen im Fegefeuer und der
triumphierenden Kirche der Seligen droben im Himmel verband. Aus dem
Gnadenschatze der guten Werke der Heiligen spendete die Kirche ihren
Glubigen die Vergebung der Snden durch den Mund eines herrschenden
Priesterstandes, der durch die geistige Zeugung der Weihe befhigt war,
Brot und Wein in den Leib und das Blut des Erlsers zu verwandeln.
Auer ihr war kein Heil; von der Wiege bis zur Bahre, von der Taufe bis
zur letzten lung umfing und heiligte sie das Leben jedes Christen. Es
war ein wunderbarer groer Gedankenbau; lange Jahrhunderte hindurch
hatten die Weisheit und die Andacht so vieler heiliger Mnner und
eine seltene Kunst der Menschenbeherrschung daran gebaut; festgefgt
stand Stein auf Stein, die unerbittliche Folgerichtigkeit dieser
Lehre lie dem Christen nur die Wahl zwischen der Unterwerfung und
der Ketzerei. Doch die scharfe Logik der Romanen hat dem deutschen
Geiste niemals ganz gengt; nicht so von auen her, nicht allein
durch die Gnadenmittel der Kirche und durch vorgeschriebene gute
Werke konnte das rege Gewissen unseres Volkes seinen Frieden finden.
Schon im vierzehnten Jahrhundert erdrhnte das deutsche Land von den
Kyrieleis-Rufen der Geiler, und immer lauter, immer verzweifelter,
fast so herzzerreiend wie in den Anfngen der christlichen Geschichte,
erklang seitdem der Aufschrei der sndigen Kreatur nach Vershnung mit
ihrem Schpfer.

Zugleich ward auch der kampfmutige Weltsinn der Deutschen an den Lehren
der alten Kirche irr. So viele Krnze des Ruhmes, so viele edle Freuden
bot diese schne Erde dem tatkrftigen Manne; und das alles sollte
nichts gelten neben der hheren Heiligkeit der begebenen Menschen,
der Priester und der Mnche, die auf alles verzichteten, was Menschen
menschlich aneinander bindet, die mit dem holden Glck auch die
heiligen Pflichten des ehelichen Lebens verschmhten! Kummervoll sann
der grte Dichter unseres Mittelalters, Walther von der Vogelweide,
diesem dunklen Rtsel nach und klagte:

    Ach leider kann es nimmer sein,
    Da Gottes Gnade kehre
    Mit Reichtum und mit Ehre
    Je wieder in dasselbe Herz.

Und dieser Priesterstand, der sich so unnahbar hoch ber die
gehorchende Gemeinde erhob, der alle weltliche Arbeit so tief
verachtete, war selber lngst einer schamlosen Weltlust verfallen,
die ihn den Weltlichen als ein Heuchlergezcht erscheinen lie. Er
besa das reichste Drittel Deutschlands, gab auf den Reichstagen durch
seine berzahl den Ausschlag, und seine politische Macht ward von den
Deutschen als Fremdherrschaft empfunden; denn in der Kirche regierte
der Papst mit seinen italienischen Prlaten, und alle die Flle von
Geist, Witz und Bildung, die sich in dem Lgenstbchen des Vatikans
gesellig zusammenfand, alle die Meisterwerke des Meiels und des
Pinsels, die in der Sonne ppstlicher Gnade reiften, konnten unser
Volk doch nicht darber trsten, da die Herrscherin der Christenheit
die ruchloseste Stadt der Erde war. Vergeblich hatten die Deutschen,
allen anderen Nationen voran, auf den Konzilien des fnfzehnten
Jahrhunderts die Schden der Kirche zu bessern versucht. Als Luther
auftrat, war die Nation in unheimlicher Grung, von widersprechenden
Gefhlen strmisch bewegt: hier die Gewissensangst der Frommen, die
ber ihre Snden und guten Werke peinlich Buch fhrten und mit heiligem
Schauer die volkstmlichen Bilder des Totentanzes betrachteten; dort
der kecke bermut eines sinnenkrftigen, lebenslustigen Geschlechts,
das der derben Schwnke nicht satt ward und sich dreist spottend an dem
Zerrbild der verkehrten Welt erfreute; dazu allen Deutschen gemein der
Ha gegen das welsche Wesen.

Die Tat der Befreiung ging aus den Kmpfen des ehrlichen deutschen
Gewissens hervor; aus seiner Demut schpfte Luther die Kraft der
hchsten Verwegenheit. Getrieben von einer leidenschaftlichen Angst
um seine und seiner Brder Seligkeit hatte er einst Vater und Mutter
verlassen und in seiner Klosterzelle durch alle Qualen mnchischer
Bue den Himmel strmen wollen, doch immer wieder klang es in seiner
Seele: O meine Snde, Snde, Snde! -- bis dann endlich das Wort
des Apostels von der Rechtfertigung durch den Glauben zndend in sein
Herz schlug. Und nun kam sie ber ihn, die Wandelung des inneren
Menschen, die $metanoia$ des Paulus; in demtiger Erkenntnis
der Unzulnglichkeit alles menschlichen Verdienstes ergab er sich
glubig der Gnade des lebendigen Gottes und er wagte, dieses seines
Glaubens zu leben. Der ganze Gegensatz romanischer und germanischer
Empfindung tritt uns vor die Augen, wenn wir diese Seelenkmpfe
Luthers vergleichen mit den inneren Anfechtungen, welche spterhin der
Rittersmann der wiederhergestellten alten Kirche, Ignatius von Loyola,
zu berwinden hatte. Der Spanier entledigt sich seiner Pein durch den
Entschlu, diese Wunden seiner Seele nie mehr zu berhren; der Deutsche
beruhigt sich erst, sobald sein Gemt berzeugt ist und alle Zweifel
vor der Gewiheit einer innerlich erlebten Wahrheit schwinden.

Ohne jede Ahnung von der unermelichen Wirkung seiner Tat beginnt
er nun den Kampf gegen den hlichsten Mibrauch der verweltlichten
Kirche, und dann fhrt ihn Gott weiter wie einen Gaul, dem die Augen
geblendet sind. Aus jenem entscheidenden Gedanken ergibt sich ihm
die Erkenntnis, da Gott keinen erzwungenen Dienst will und ber die
Gewissen niemand richten kann denn Gott allein. Kaum drei Jahre nach
dem Beginne des Ablastreites sagt er sich schon los von der gebundenen
Sittlichkeit des Mittelalters durch jenen mchtigen Hymnus der
evangelischen Freiheit, das Buch von der Freiheit des Christenmenschen:
der Christ ist niemand untertan in seinem Glauben und eben darum
jedermanns Knecht, dem geringsten seiner Brder zum Dienst der Liebe
verpflichtet; gute Werke machen nimmermehr einen guten Mann, sondern
ein guter Mann machet gute Werke. Eine zugleich freiere und strengere
Auffassung des sittlichen Lebens, die wieder anknpft an die Kmpfe
Jesu wider die starre Gesetzlichkeit der Phariser und den Schwerpunkt
der sittlichen Welt im Gewissen des Menschen findet. An diese
Erkenntnis wieder schliet sich die Forderung des Priestertums der
Laien und der Gedanke der freien Gemeindekirche, die sich bescheidet,
die ueren Formen der Kirchengemeinschaft wie alles Menschliche in
den Flu der Zeiten zu stellen, und dem mideuteten Worte Auf diesen
Felsen will ich meine Kirche bauen das lebendig verstandene Wort
entgegenhlt: Wo zwei oder drei von euch versammelt sind in meinem
Namen, da bin ich mitten unter ihnen.

Gewi war Luthers Tat eine Revolution, und da der religise Glaube
im innersten Kerne des Volksgemts wurzelt, so griff sie in alles
Bestehende tiefer ein als irgendeine politische Umwlzung der neuen
Geschichte. Es ist wahrlich kein Zeichen evangelischen Mutes, wenn
manche wohlmeinende Protestanten dies zu leugnen oder zu verhllen
suchen. Nur ein Mann, in dessen Adern die ungebndigte Naturgewalt
deutschen Trotzes kocht, konnte so Vermessenes wagen. Die ganze alte
Ordnung der sittlichen Welt, die einem Jahrtausend heilig gewesen,
die lange Kette der ehrwrdigen Traditionen, welche das Leben der
Christenheit gebunden hielten, brach mit einem Schlage zusammen, und
lebhaft knnen wir heute dem Gegner des Reformators, dem Elssser
Murner, nachempfinden, wenn er heim Anblick der ungeheuren Zerstrung
jammernd ausrief:

    Alle Bcher sein erlogen,
    Die je beschrieben sind,
    Die Heiligen han betrogen,
    Die Lehrer sein all blind!

Die Gre der historischen Helden besteht in der Verbindung von
Seelenkrften, die nach der Meinung des platten Verstandes einander
ausschlieen. So gewaltig die Khnheit des schlichten Mannes, der
sich selber nur eine Gans unter den Schwnen nannte und dennoch sich
verma, gegen die strksten politischen und sittlichen Mchte der Zeit
in die Schranken zu treten, ebenso erstaunlich erscheint von Haus aus
seine Migung. Nie war er khner, als da er den Bilderstrmern von
Wittenberg die Mahnung der Liebe zurief: Macht mir nicht aus dem Frei
sein ein Mu sein! Mit kindlichem Vertrauen baute er auf die Macht des
gttlichen Wortes allein. Und sein Glaube trog ihn nicht; denn nachdem
erst die wilden Zuckungen des Bauernkrieges und der Wiedertuferei
berwunden waren, vollzog sich der Sieg der Reformation in Deutschland
fast berall friedlich, frei aus dem Volke heraus. Bei allem
Hlichen, das sich mit ansetzte, trug die groe Bewegung doch jenen
Charakter schlichter Treuherzigkeit und Kraft, der alle groe Epochen
der deutschen Geschichte auszeichnet; sie schenkte unserem Volke die
Form des Christentums, welche dem Wahrheitsdrange und der unzhmbaren
Selbstndigkeit der deutschen Natur zusagt, gleichwie die rmische
Kirche der Logik und dem Schnheitssinne der Romanen, die orthodoxe
Kirche der halborientalischen Gebundenheit der grko-slawischen Welt
entspricht. Und weit hinaus ber den Kreis seiner Glaubensgenossen
wirkte Luthers Wort; er war im Rechte, wenn er den deutschen Bischfen
zurief: Ihr habt mein Evangelium verdammen lassen, habt es aber
heimlich und in vielen Stcken angenommen. Mit gutem Grunde nennen wir
ihn heute einen Wohltter auch der alten Kirche. Denn auch sie ward
durch ihn gezwungen, ihre sittlichen Krfte zusammenzuraffen, auch sie
blieb nicht unberhrt von der innigen, seelenvollen Auffassung des
Glaubens, welche Luther der Christenheit wiedergab. Eine so sinnliche
Ablalehre, wie sie Tetzel einst predigte, wre auf deutschem Boden
jetzt unmglich; und sicherlich steht heutzutage der denkende deutsche
Katholik dem deutschen Protestanten in seiner ganzen Weltanschauung
nher als seinem spanischen Glaubensgenossen.

In allen den mchtigen Wandlungen unseres geistigen Lebens seitdem
ist der Grundgedanke der Reformation, die freie Hingebung der Seele
an Gott, unwandelbar das sittliche Ideal der Deutschen geblieben. Er
kehrt, ins Weltliche gewendet, wieder in dem strengen Ausspruch Kants,
da berall auf der Welt nichts fr gut gehalten werden drfe, als
allein ein guter Wille; er tnt uns entgegen aus dem milden Gesange der
Engel, die Fausts Unsterbliches gen Himmel tragen: Wer immer strebend
sich bemht, den knnen wir erlsen. Wir danken der Reformation das
lebendige Nebeneinander der Glaubensbekenntnisse, worauf die heutige
deutsche Gesittung beruht, jene freie Duldsamkeit, die weder der Furcht
noch dem Kaltsinn entspringt, sondern der Erkenntnis, da das Licht der
gttlichen Offenbarung, wie heute die Welt noch steht, nur gebrochen
in vielen Strahlen dem Auge der Menschheit erkennbar ist; denn so
gewi kein Sohn des sechzehnten Jahrhunderts, auch Luther nicht,
verstanden htte, was wir heute Toleranz nennen, ebenso gewi ist diese
Duldung nur mglich geworden auf dem Boden des Protestantismus, der
den hochmtigen Wahn einer alleinseligmachenden Kirche grundstzlich
verwirft. Wir danken ihr, da der Deutsche zugleich fromm und frei
empfinden kann, da keiner unserer groen Denker, wie khn sich auch
die Flge ihres Geistes erhoben, jemals in den lsternden Spott eines
Voltaire verfiel, und die Todsnde der Heuchelei unter uns eine seltene
Ausnahme ist.

Denn das ist die Gre des Protestantismus, da er einen Widerspruch
zwischen dem Denken und dem Wollen, zwischen dem religisen und dem
sittlichen Leben nicht dulden will, sondern gebieterisch fordert: Was
du erkannt hast, das bekenne und darnach handle! Zu Luthers Zeiten
standen die Italiener unserem Volke in Kunst und Wissenschaft weit
voran. Bereits im vierzehnten Jahrhundert war unter ihnen Petrarca
aufgetreten, der erste moderne Mensch, der ganz auf eigenen Fen
stand und die Binde sich von den Augen gestreift hatte; und nun
gerade in den Tagen des deutschen Ablastreites schrieb Machiavelli
jene zwei Bcher vom Staate, die mit den berlieferten Vorstellungen
des Mittelalters weit rcksichtsloser brachen als Luther. Jedoch den
Romanen fehlte die Kraft, ihre eigenen Gedanken in vollem Ernst zu
nehmen, sie brachten es ber sich, ihr Gewissen zu teilen und einer
Kirche, die sie verspotteten, zu gehorchen. Die Deutschen wagten,
das Leben nach der erkannten Wahrheit zu gestalten, und weil die
historische Welt die Welt des Willens ist, weil nicht der Gedanke,
sondern die Tat das Schicksal der Vlker bestimmt, darum beginnt die
Geschichte der modernen Menschheit nicht mit Petrarca, nicht mit den
Knstlern des Quattrocento, sondern mit Martin Luther. Merkwrdig frh
hat die europische Welt dies erkannt. Nur hundertundvierzig Jahre nach
Luthers Tode stellte der deutsche Historiker Cellarius die Behauptung
auf, gegen den Ausgang des fnfzehnten Jahrhunderts sei eine alte,
fr uns abgeschlossene Zeit zum Ende gelangt, das Mittelalter. Bei
allen Vlkern hat sich seitdem Begriff und Name des Mittelalters
eingebrgert, und dabei wird es bleiben, obwohl die Selbstverliebtheit
unserer Tage zuweilen, ganz vergeblich, versucht, die Geschichte der
neuen Zeit erst mit der franzsischen Revolution zu beginnen. --

Gleich allen echten Germanen hegte Luther ein tiefes Gefhl
historischer Piett, und er liebte, die groe Neuerung, die er in der
Kirche vollzog, sich nur als die Wiederherstellung der ursprnglichen
Zustnde des Christentums zu denken. Dagegen wute er wohl, da er
das politische Leben der Vlker mit einem schlechthin neuen Gedanken
befruchtet hatte. So stund's aber dazumal, -- sagt er ber die
Zeiten der Jugend -- es hatte niemand gelehret noch gehret, wute
auch niemand von der weltlichen Obrigkeit, woher sie kme, was ihr Amt
oder Werk wre oder wie sie Gott dienen solle. In der Tat war der
Staat noch niemals zu seinem vollen Rechte gelangt, seit die schwere,
der heidnischen Welt unbekannte Frage nach den Grenzen geistlicher
und weltlicher Gewalt zuerst in der Christenheit aufgeworfen wurde.
In ihren ersten Jahrhunderten hielt sich die Kirche scheu vor dem
Staate zurck, weil er heidnisch war, und als sie dann im Rmerreiche
die Oberhand gewann, entstand nach und nach, eng verbunden mit
der Verfassung und dem Dogma der Kirche, das politische System
der kirchlichen Weltherrschaft. Das ganze Leben der Christenheit
erscheint als eine fest geordnete Einheit; Staat und Volkswirtschaft,
Wissenschaft und Kunst, alle Berufe der Menschen empfangen ihre
sittlichen Gesetze aus den Hnden der Kirche; die Kirche ist der Staat
Gottes, der weltliche Staat das Reich des Fleisches, ohne eigenen
sittlichen Zweck und nur dann vor Gott gerechtfertigt, wenn er dem
Schiedsrichter der Staatenwelt, dem Papste, seinen starken Arm zum
Dienste leiht. Kein krftiger Staat des Mittelalters hatte diese
herrischen Ansprche des Papsttums jemals vollstndig anerkannt. Seit
Dante, seit Marsilius von Padua und den tapferen ghibellinischen
Schriftstellern, die sich um Kaiser Ludwig den Bayern scharten, war
das Ansehen der kirchlichen Weltstaatslehre auch in der Wissenschaft
bereits tief erschttert. Sie ganz zu berwinden, konnte doch nur dann
gelingen, wenn der Stier bei den Hrnern gepackt und die Herrschaft des
Priesterstandes in der Kirche selbst verworfen wurde.

Erst Luther warf den Satz Geistliche Gewalt ist ber der weltlichen,
diese starke Mauer der Romanisten, in Trmmer und lehrte, da der
Staat selber eine Ordnung Gottes ist, berechtigt und verpflichtet,
seinen eigenen sittlichen Lebenszwecken, unabhngig von der Kirche,
nachzugehen. Damit ward der Staat fr mndig erklrt, und da er
wirklich schon zu seinen Jahren gekommen war, da die weltliche Gewalt
berall an dem erstarkten Selbstgefhl der Nationen eine sichere
Sttze fand, so wirkte diese Tat der politischen Befreiung fast noch
gewaltiger, noch weiter in die Welt hinaus, als die Reformation der
Kirche. Alle Kronen, ohne Ausnahme, katholische wie evangelische,
sagten sich los von der politischen Herrschaft des gekrnten Priesters.
Von einer Obedienzleistung, wie sie der Papst vordem den weltlichen
Gewalten zugemutet, war fortan keine Rede mehr, und noch ehe Luthers
Jahrhundert zu Ende ging, begrndete Bodinus den Gedanken der
Souvernitt des Staates zuerst mit wissenschaftlicher Schrfe --
eine neue Erkenntnis, die, einmal gefunden, das gemeinsame Besitztum
der gesitteten Menschheit geblieben ist. Mochte die Gesellschaft Jesu
noch von der Weltherrschaft des Gottesstaates trumen, unaufhaltsam
verwuchsen die Staaten Europas zu einer neuen freien Vlkergesellschaft
und bildeten sich ein weltliches Vlkerrecht, das, gerechter als
weiland die Urteilssprche der Ppste, in der Interessengemeinschaft
und dem Rechtsbewutsein der Nationen seine Wurzeln hat. Schritt fr
Schritt drngte der moderne Staat die Kirche auf ihr geistliches
Gebiet zurck; er nahm ihr die Rechtspflege, die Schulverwaltung,
das Armenwesen und bewies durch die Tat, da er diesen politischen
Pflichten besser als sie zu gengen vermag. Nichts zeugt so laut
fr die Gesundheit der politischen Gedanken der Reformation, wie
die unleugbare Tatsache, da die politische Entwicklung in den
protestantischen Staaten fast durchweg friedlicher, minder gewaltsam
verlaufen ist, als in der katholischen Welt.

Keinem Volke brachte die Befreiung des Staates von kirchlicher
Herrschaft so reichen, so lang nachwirkenden Segen wie uns Deutschen,
denn nirgends war die alte Kirche fester mit dem Staate verflochten,
als in diesem rmischen Reiche und allen den geistlichen Frstentmern,
welche seine Krone sttzten. Unleugbar hat die Reformation den lngst
schon beginnenden Zerfall des alten Reichs gefrdert, die lngst
schon vorhandenen politischen Gegenstze noch durch kirchlichen Ha
verschrft. Doch wer Wunden zu heilen vermag, darf sie auch schlagen.
Nur aus dem Borne des Protestantismus konnte dies sieche Reich den
verjngenden Trank schpfen. Nur wenn unser Staat wieder wahr wurde wie
seine Kirche, wenn er die zur Lge gewordenen Ansprche seines heiligen
rmischen Kaisertums aufgab und seine Krummstabslande einer weltlichen
Obrigkeit unterwarf, nur dann vermochte er wieder zu wachsen mit der
wachsenden Zeit.

Luther selbst hatte diese letzten Schlsse aus seinen Gedanken nie
gezogen. Ihm graute vor den Schrecken eines Brgerkrieges: Ehe man
in Deutschland eine neue Weise des Reichs anrichtete, so wre es
dreimal verheeret. Er wute, da er kein Staatsmann war, und teilte
mit seinem Volke die ehrfrchtige Scheu vor der kaiserlichen Majestt,
vor dem jung edlen Blut von sterreich; wie viele Zweifel mute er
berwinden, bis er sich nur entschlo, den Widerstand gegen kaiserliche
bergriffe, der doch im alten Reiche Rechtens war, gutzuheien. Die
Natur der Dinge, die Vernunft der Geschichte, hat schlielich dennoch
vollendet, was in dem Heimatlande der Reformation nicht ausbleiben
konnte: unrettbar brachen die geistlichen Staaten Deutschlands nach
und nach zusammen, bis endlich im Anfang unseres Jahrhunderts die
letzten verfaulten Trmmer der rmischen Theokratie verweltlicht und
mit ihnen auch die rmische Kaiserkrone vernichtet wurde. Nun erst,
seit unser Staat sich ehrlich zu seinem weltlichen Wesen bekannte,
ward die Sttte geebnet fr einen Neubau; und auch an dieser letzten
heilvollen Wendung unserer Geschicke hat der Reformator seinen Anteil
durch eine Tat, deren ferne Folgen ihm verhllt blieben. Auf Luthers
Rat entschlo sich der Hochmeister des Deutschen Ordens, Albrecht von
Brandenburg, den weien Mantel mit dem schwarzen Kreuze abzulegen, die
falsche Keuschheit des Mnches zu meiden und eine rechte ordentliche
Herrschaft zu grnden, die ohne Gleien und falschen Namen vor Gott und
der Welt angenehm wre. So ward das Ordensland Preuen, die Pflanzung
des gesamten Deutschlands, in ein weltliches Herzogtum verwandelt
und vor der Begehrlichkeit des polnischen Nachbarn gerettet. Luther
aber schrieb dankbar: Siehe dies Wunder! In vollem Laufe, mit vollen
Segeln, eilt jetzt das Evangelium durch Preuen! Er ahnte nicht,
welche greren Wunder unser Volk noch an seiner entlegenen Ostmark
erleben sollte. Aus diesem, der alten Kirche geraubten Lande, das mit
dem Protestantismus stand und fiel, ist in unvergelichen Kmpfen
die streitbare Gromacht unserer neuen Geschichte hervorgegangen und
endlich, als die Zeiten sich erfllten, der neue Staat der Deutschen,
der nicht heilig sein will und nicht rmisch, sondern, nach den Worten
des Reformators, ohne Gleien und falschen Namen ein weltliches, ein
deutsches Reich. --

Wie die Einheit des deutschen Staates erst mglich ward, seit
die letzten Staatsgebilde der rmischen Kirche von unserem Boden
verschwanden, so verdanken wir auch den Kmpfen der Reformation das
kstliche geistige Band, das uns in den Tagen deutscher Zerrissenheit
lange fast allein zusammenhielt, unsere neue Sprache. Was selbst dem
Zauber unserer ritterlichen Dichtung nicht gelungen war, den deutschen
Norden unter die Herrschaft der hochdeutschen Sprache zu beugen, das
gelang erst, als die schne Lieblingssttte des Minnesanges, die
Wartburg, zum zweiten Male unserem Volke teuer ward und von dort die
ersten Bcher der deutschen Bibel ausgingen -- die Heilige Schrift,
bertragen mit strenger Treue durch einen wahlverwandten religisen
Genius und doch so ganz verdeutscht, so ganz beseelt von dem Hauche
deutschen Gemtes, da wir uns heute das Bibelwort in anderer Fassung
kaum noch denken knnen. Gleich den Italienern empfingen wir unsere
Schriftsprache mit einem Male durch die Tat eines Mannes. Es liegt
aber im Wesen des Genius, das Notwendige, das einfach Natrliche
zu wollen. Wie Dante nicht willkrlich neuerte, sondern nur die
Volkssprache seiner toskanischen Heimat adelte und durchgeistigte,
so hegte auch Luther nur schlicht und recht die Absicht, von seinem
ganzen Volke verstanden zu werden, damit Gott deutsch zu den Deutschen
rede. Er benutzte daher das gemeinverstndliche Mitteldeutsch, das
schon berall, wo Ober- und Niederdeutsche unter einem Herrscher
zusammensaen, in dem Staate des deutschen Ordens, in den Kanzleien
der ltzelburgischen Kaiser und der schsischen Kurfrsten von der
Obrigkeit geredet wurde.

Also wirkten gebend und empfangend alle Stmme der Nation zu den
Taten der Reformation zusammen. Im Norden fand der Protestantismus
seinen festen politischen Rckhalt; die mchtige Sprache aber, welche
fortan das evangelische Deutschland geistig beherrschte, kam aus dem
Oberlande, aus jenen Gauen Sd- und Mitteldeutschlands, die zu allen
Zeiten das warme Nest unserer Dichtung und also auch der Sprachbildung
geblieben sind. Und dies Hochdeutsch war die Sprache von Luthers
Heimat; seine Laute klangen ihm vertraut von Kindesbeinen an; so hatte
er schon das Volk in den Mansfelder Bergwerken, seines lieben Vaters
Schlegelgesellen, reden hren. Sprachgewaltig, wie seitdem nur einer
noch, Goethe, ward er der volkstmlichste aller unserer Schriftsteller.
In seinen Schriften vereinigt sich, was sonst unvereinbar scheint, der
Tiefsinn, die gedrngte Gedankenflle des Buchs und die fortreiende
Macht, der sprudelnde Wrterreichtum der Rede, so da der Leser immer
die herzbewegende Stimme des Predigers zu hren meint; dem Einfltigen
geben sie genug, und der Denkende findet des Nachsinnens kein Ende. In
Kmpfen geboren, kann diese Sprache des Freimuts und der Wahrhaftigkeit
bis zum heutigen Tage die Zeichen ihres Ursprungs nicht verleugnen.
Gewaltig vermag sie zu zrnen, bermtig zu spielen in toller Laune,
zu den Hhen des Gedankens steigt sie khn empor, fr jedes holde
Geheimnis des Herzens findet sie ein liebliches Wort; doch wer sie
zwingen will, ihre Meinung zu bemnteln oder tckisch unterm Zaum
hervor zu beien oder gar den berbildeten Geschmack durch das Pikante
und Scharmante zu reizen, dem schenkt sie wenig, den lt sie betteln
gehen an den Tischen der Fremden.

Mehr denn hundert Jahre hat es noch gewhrt, bis dies neue Deutsch, das
in der Predigt und dem Gemeindegesange der evangelischen Kirche krftig
erklang, zum Gemeingut unseres Volkes wurde, bis auch die Wissenschaft
volkstmlich und weltlich ward und das Wort sich ganz erfllte, das
Ulrich von Hutten schon in den ersten Tagen berschwenglicher Hoffnung
zuversichtlich in die Welt hinausgerufen hatte: Sonst waren nur die
Pfaffen gelehrt, jetzt hat uns Gott auch Kunst beschert, da wir die
Bcher auch verstahn. Um die Mitte des sechzehnten Jahrhunderts
kam ber den lutherischen Zweig des deutschen Protestantismus eine
lange Zeit unheilvoller Erstarrung, da fast allein die weihevollen
Klnge des evangelischen Kirchenliedes noch Kunde gaben von dem
ursprnglichen Geiste der Reformation und in der neuen wie in der alten
Kirche herrschschtige Theologen der weltlichen Wissenschaft Richtung
und Grenze vorschrieben. Nur der Heldenmut seiner tatkrftigeren
Schwesterkirche, nur der Kampf der Calvinisten Niederlands wider die
spanische Krone, bewahrte damals das verkommene Luthertum vor dem
sicheren Untergange. Erst der Jammer des Dreiigjhrigen Krieges
brachte auch uns die Selbstbesinnung. Die Pietisten von Halle erweckten
unserem Volke wieder den lebendigen evangelischen Geist, den Geist
der brderlichen Liebe, der das Evangelium leben wollte und ber dem
den Buchstabengeznk der letzten Jahrzehnte ganz vergessen schien;
Pufendorf vertrieb die Theologen aus den politischen Wissenschaften,
Thomasius wagte zuerst auf deutschem Lehrstuhl deutsch zu reden;
und auf dem also bereiteten Boden erhob sich sodann unsere neue
Wissenschaft und Dichtung, ganz frei von konfessioneller Hrte,
weltlich von Grund aus, weit khner in ihren Gedanken, als Luther
selbst jeweils gebilligt htte, und dennoch protestantisch. Alle ihre
Fhrer gehrten dem Protestantismus an. Nur aus der Autonomie des
Gewissens, die uns Luther errungen, konnte das neue Ideal der Humanitt
hervorgehen. Mit Entsetzen vernahmen die bayerischen Jesuiten das
lutherische Deutsch dieser neuen Bildung; doch unhemmbar hielt sie
ihren friedlichen Siegeszug auch durch das katholische Deutschland, bis
sie schlielich alles, was deutsch war, in den frischen Strom ihrer
Gedanken hineingezogen hatte; und heute sehen wir mit Freude, wie
selbst die Vorkmpfer Roms unter unseren Landsleuten lngst lutherisch
deutsch gelernt haben, wie sie wider uns streiten mit Waffen, die in
unserer Schmiede gehmmert sind.

Seit die Kirche sich auf ihren geistlichen Beruf beschrnkt sah,
erhielt alles redliche weltliche Schaffen erst seine sittliche
Rechtfertigung. Das Rtsel war gelst, das jenem Dichter des
Mittelalters so ganz unlsbar schien: wie Reichtum und Ehre sich mit
der Gnade Gottes vertragen sollten. Die Ewigkeit trat dem Glubigen
mitten in sein Leben hinein, und er fhlte, da er auch mit seiner
Hnde Arbeit dienen knne und solle. Selbst den Kriegsleuten gab Luther
die trstliche Gewiheit, da sie auch in seligen Stand kommen wrden,
wenn sie ihres harten Handwerks in Treue warteten. Seit eine Kirche
ohne Klerisei bestand, konnte auch in den rein katholischen Lndern der
Klerus sich nicht mehr auf die Dauer als der erste Stand behaupten.
In Deutschland aber wurden jene mittleren Schichten der Gesellschaft,
zu denen Luther vornehmlich geredet hatte, mehr und mehr zum Kerne
der Nation. Auch die soziale Macht, welche die gelehrte Bildung und
mit ihr leider der Doktrinarismus im deutschen Leben behauptet, hat
ihren ersten Ursprung in der Wirksamkeit des grten aller deutschen
Professoren.

Der Protestantismus entstammt einem derben mnnischen Jahrhundert,
das nach den Frauen wenig fragte, und die nchternen Formen seines
Kultus vermgen der frommen Sehnsucht des weiblichen Herzens nicht
immer zu gengen. Und doch hat Luther die deutschen Frauen hher
erhoben, als sie je vordem gestanden hatten in den Zeiten, da noch die
gnadenreiche Mutter Gottes angerufen ward; er hat den Wirkungskreis
des Weibes, das Haus wieder zu Ehren gebracht vor Gott und Menschen.
Schwer mute er kmpfen, ehe er sich das Herz fate, um die Hand seiner
Kthe zu werben; was zuletzt den Ausschlag gab, war doch nicht blo
die Sehnsucht nach huslichem Glck, sondern das Gefhl einer heiligen
Pflicht. Wie oft hat er den Klosterleuten zugerufen: Wer hat dich
etwas geloben und schwren heien, was wider Gott und seine Ordnung
ist, nmlich da du schwrest, du seiest kein Mann und kein Weib?
War er berechtigt also zu fragen, war die Ehe wirklich ein heiliger
Stand, Gott wohlgeflliger als die Gelbde der Beschorenen, dann
mute er selber mit seinem Leib und Leben Zeugnis ablegen fr seine
Lehre. Er wute, welch eine Schlammflut ekler Verdchtigungen sich nun
heranwlzen mute gegen ihn, dessen makelloser Name bisher einer groen
Sache zum Schilde gedient und allen Pfeilen der Verleumder widerstanden
hatte. Freiwillig nahm er dies Kreuz auf sich; denn berzeugender,
siegreicher konnte sich die sittliche Macht der evangelischen Freiheit
nicht erweisen, als wenn die Ehe des entlaufenen Mnches und der
entlaufenen Nonne zum Vorbild wurde fr Tausende frommer Menschen.

Und sie ward es. Dies mit allen Flchen der rmischen Kirche
beladene Haus lebt in unser aller Herzen. Wir denken seiner, wenn am
Weihnachtsabend vor dem Tannenbaume die hellen Stimmen unserer Kinder
die frohe Botschaft singen: Vom Himmel hoch da komm ich her; wir
sehen ihn vor Augen, den alten Doktor, wie er, ein Gewissensrat seiner
lieben Deutschen, allen den Zweifelnden und Beladenen, die von nah und
fern zu ihm eilen, Lehre, Trost und Hilfe spendet und immer mit seinem
freien Gemt Partei nimmt fr das Recht des Herzens, fr die Stimme
der Natur, fr die Billigkeit und die Liebe; wir hren sein herzliches
Lachen, wenn er den zagenden Melanchthon mit krftigem Zuspruch
aufrichtet oder in neidloser Freundschaft die Gre seines kleinen
Griechen preist; wir freuen uns seiner goldenen Laune, wenn er abends
um seinen gastlichen Tisch den Becher kreisen lt und die deutscheste
der Knste, Frau Musika, zu den frhlichen Zechern ladet: Hie kann
nicht sein ein bser Mut, wo da singen Gesellen gut; wir klagen mit
ihm, wenn er, berwltigt vom menschlichsten Schmerze, an der Bahre
seines Lenchens weint. So war das erste evangelische Pfarrhaus; und
wie viele Trnen sind seitdem von den Frauen unserer Landpfarrer
getrocknet, wie viele gute und hochbegabte Mnner in diesen friedlichen
Heimsttten einer gelehrten und doch der Natur nicht entfremdeten
Bildung erzogen worden.

All unser Tun ist Stckwerk, und in der Geschichte dauert der Name
keines Mannes, der nicht grer war als seine Werke. Das kstlichste
Vermchtnis, das Luther unserem Volke hinterlassen hat, bleibt doch er
selber und die lebendige Macht seines gottbegeisterten Gemts. Keine
andere der neueren Nationen hat je einen Mann gesehen, der so seinen
Landsleuten jedes Wort von den Lippen genommen, der so in Art und Unart
das innerste Wesen seines Volkes verkrpert htte. Ein Auslnder mag
wohl ratlos fragen: wie nur so wunderbare Gegenstze in einer Seele
zusammenliegen mochten: diese Gewalt zermalmenden Zornes und diese
Innigkeit frommen Glaubens, so hohe Weisheit und so kindliche Einfalt,
so viel tiefsinnige Mystik und so viel Lebenslust, so ungeschlachte
Grobheit und so zarte Herzensgte, und wie derselbe ungeheure Mensch,
der einen Brief an Seine Frstliche Ungnaden Herzog Georg von Sachsen
kurzab unterzeichnete Von Gottes Gnaden Martin Luther, Evangelist
zu Wittenberg, dann wieder zerknirscht vor Gott in den Staub sinken
konnte. Wir Deutschen finden in alledem kein Rtsel, wir sagen einfach:
das ist Blut von unserem Blute. Aus den tiefen Augen dieses urwchsigen
deutschen Bauernsohnes blitzte der alte Heldenmut der Germanen, der
die Welt nicht flieht, sondern sie zu beherrschen sucht durch die
Macht des sittlichen Willens; und weil er heraussagte, was im Gemte
seines Volkes schon lebte, nur halb konnte der arme Mnch, der
soeben noch aus dem stillen Augustinerkloster am Monte Pincio demtig
hinbergepilgert war nach den Hallen von St. Peter, in wenigen Jahren
wachsen und wachsen und schlielich der neuen rmischen Weltmacht
ebenso furchtbar werden, wie einst die deutschen Kohortenstrmer dem
Reiche der Csaren. Ein Menschenalter nach Luthers Tode bekannten sich
schon vier Fnftel unserer Nation zum evangelischen Glauben. In den
meisten der deutschen Landschaften, welche die rmische Kirche heute
beherrscht, verdankt sie ihre Herstellung der Macht des Schwertes, und
fast berall, wo das Evangelium gewaltsam ausgerottet wird, krnkelt
der deutsche Geist noch heute, als wre ihm eine seiner Schwingen
gelhmt. Wo immer deutsches und fremdes Volkstum feindselig aufeinander
stt, da war der Protestantismus allezeit unser sicherster Grenzhter.
In unseren Nordostmarken gilt deutsch und evangelisch, polnisch und
rmisch-katholisch lngst als gleichbedeutend, und unter den deutschen
Stmmen sterreichs bewahrt sich keiner sein Volkstum so treu wie das
evangelische Sachsenvolk Siebenbrgens. --

Wohl ziemt es uns, in diesen Tagen der Feier, da die Gestalt des
Reformators lebendig in unsere Gegenwart hineintritt, auch der Warnung
zu gedenken, die er einst seinen Deutschen zurief: Gottes Wort und
Gnade ist ein fahrender Platzregen, der nicht wiederkommt, wo er einmal
gewesen ist. Er ist bei den Juden gewesen, aber hin ist hin, sie haben
nu nichts. Paulus bracht' ihn in Griechenland. Hin ist hin, nu haben
sie den Trken. Rom und latinisch Land hat ihn auch gehabt: hin ist
auch hin, sie haben nu den Papst. Und ihr Deutschen drft nicht denken,
da ihr ihn ewig haben werdet, denn der Undank und Verachtung wird
ihn nicht lassen bleiben. Darum greif zu und halt zu, wer greifen und
halten kann, faule Hnde mssen ein bses Jahr haben. Dieselben Mchte
des Verderbens, welche einst die Reformation in ihrem natrlichen
Fortgang hemmten, treiben in verwandelter Gestalt noch heute unter uns
ihr Wesen: der lieblose Bruderzwist der Glubigen, das fleischliche
Evangelium der Rottengeister und die dreiste Selbstgerechtigkeit der
Epikureer, wie Luther sie nannte.

Mchtiger als diese dunklen, erscheinen doch die lichten, die
trostvollen Zeichen der Zeit. Das Gefhl einer tiefen inneren
Verwandtschaft verbindet die Gegenwart mit den Zeiten Luthers, zwingt
den Knstler unwillkrlich, die Bauformen des sechzehnten Jahrhunderts
wieder aufzunehmen, den Gelehrten sich forschend in jene Zeit des
Sturmes zu versenken. Vieles, was Luthers Tage nur ahnen konnten, hat
unser Jahrhundert erst gestaltet und vollendet. Die neue Welt, die
damals entdeckte, tritt jetzt erst in die Weltgeschichte ein, und ihre
zukunftreichsten Lande gehren dem evangelischen Glauben, fern am
Stillen Ozean denken in diesen Tagen fromme Herzen des Landes, wo die
Wiege Martin Luthers stand; die Buchdruckerkunst bewhrt sich jetzt
erst als eine vlkerverbindende Macht; die Einheit Deutschlands und
Italiens steht aufrecht, und nach unseren deutschen Krummstabslanden
ist auch der letzte und schlechteste der geistlichen Staaten, der
Kirchenstaat des Papstes, ins Grab gesunken; die Freiheit des Denkens
und des Glaubens ist allen Vlkern der gesitteten Welt gesichert, und
in der evangelischen Kirche arbeitet noch immer die ungebrochene Kraft
eines starken Lebens. Der Unfriede, der sie erfllt, beweist doch
nur, da die Religion in unseren Tagen die Herzen wieder tiefer und
strker ergreift, als einst im Zeitalter der Aufklrung. Und mitten
im Hader sind ihr doch zwei Taten des Friedens gelungen: sie hat die
getrennten Schwesterkirchen des Protestantismus zur evangelischen
Union verbunden, und eben jetzt ist sie berall am Werke, den so lange
verkmmerten Gedanken der Gemeindekirche in den Formen ihrer Verfassung
auszugestalten.

In so reicher Zeit soll kein guter Protestant die Hoffnung aufgeben,
da dereinst noch schnere Tage kommen werden, da unser gesamtes Volk
in Martin Luther seinen Helden und Lehrer verehrt. Wir wissen alle, vor
Zeiten gereichte es unserem Vaterlande zum Heile, da die Reformation
nur einen halben Erfolg errang; vollkommen siegreich, allein
herrschend, htte die evangelische Kirche jenen Geist menschlicher
weitherziger Duldung, der heute im deutschen Leben berwiegt,
schwerlich aufkommen lassen. Doch die Tage, da die Kirchenspaltung
Segen brachte, gehen zu Ende. Seit die rmische Kirche mit der
Unfehlbarkeit des Papstes ihr letztes Wort gesprochen hat, empfinden
wir schmerzlicher denn je, welche Kluft die Glieder unseres Volkes
trennt. Diese Kluft zu schlieen, das evangelische Christentum wieder
also zu beleben, da es fhig wird, unsere ganze Nation zu beherrschen
-- das ist die Aufgabe, welche wir erkennen und sptere Geschlechter
dereinst lsen sollen. Nie kann dies Werk gelingen, wenn wir feig den
Berg wieder hinabsteigen, den unsere tapferen Vter im Schweie ihres
Angesichts erklommen haben. Denn nimmermehr wird eine Priesterkirche
das Volk Martin Luthers um ihre Altre versammeln. Solches vermag nur
eine Kirche, welche die evangelische Freiheit des Christenmenschen,
die Selbstndigkeit des glubigen, bufertigen Gewissens anerkennt und
den sittlichen Mchten dieser Welt, vor allem dem Staate, ihr gutes
Recht gewhrt. Schwerere Zeiten als die unseren hat der Protestantismus
schon siegreich berstanden: wie viele sind unter uns, deren Ahnen am
Weien Berge oder bei Ltzen sich fr das Evangelium schlugen oder
das Brot der Verbannung aen um ihres Glaubens willen. Getrost und
dankbar drfen wir am Geburtstage des Reformators sein hochgemutes Lied
anstimmen:

    Und ob es whrt bis in die Nacht
    Und wieder an den Morgen,
    Doch soll mein Herz an Gottes Macht
    Verzweifeln nicht noch sorgen!




Fichte und die nationale Idee




Fichte und die nationale Idee.


In rascher Folge haben sich in den jngsten Jahren die Feste gedrngt,
welche das Andenken der groen Mnner unseres Volkes feierten. Aber
laut und schneidend klingen in den Jubel der Menge die fragenden
Stimmen der Mahnung und des Spottes: ob wir denn gar nicht mde werden,
uns behaglich die Hnde zu wrmen an dem Feuer vergangener Gre?
ob uns denn gar zu wohl sei in dem Bewutsein einer epigonenhaften
Zeit? ob wir denn ganz vergessen, da alle Straen und Pltze von
Athen prunkvoll geschmckt waren mit den Standbildern seiner groen
Mnner, zur Zeit da Griechenland des Eroberers Beute ward? -- Nicht
ein Wort mag ich erwidern auf den Vorwurf, da wir in einem Zeitalter
der Epigonen lebten. Denn mit solchem Willen soll eine jede Zeit sich
rsten, als ob sie die erste sei, als ob das Hchste und Herrlichste
gerade ihr zu erreichen bestimmt sei; und ruhig mgen wir einem
spteren Jahrhundert berlassen zu entscheiden, ob unser Streben ein
ursprngliches gewesen -- wie ich denn sicher hoffe, es werde unsern
Tagen dies Lob dereinst nicht fehlen. Aber wohl gebhrt sich eine
Antwort auf den anderen Vorwurf der Selbstbespiegelung. Nein, nicht
die Eitelkeit, nicht einmal jene ehrenwerte Piett, die andere Vlker
treibt, ihre groen Toten zu ehren -- ein tieferes Bedrfnis der Seelen
ist es, was gerade jetzt unser Volk bewegt, seiner Helden zu gedenken
mit einer Innigkeit, die von den Fremden vielleicht nur der Italiener
versteht.

Auf uns lastet das Verhngnis, da wir staatlosen Deutschen die Idee
des Vaterlandes nicht mit Hnden greifen an den Farben des Heeres, an
der Flagge jedes Schiffes im Hafen, an den tausend sichtbaren Zeichen,
womit der Staat den Brger berzeugt, da er ein Vaterland hat. Nur im
Gedanken lebt dies Land; erarbeiten, erleben mu der Deutsche die Idee
des Vaterlandes. Jeder edlere Deutsche hat entscheidungsvolle Jahre
durchlebt, da ihm im Verkehre mit Deutschen aus aller Herren Lndern
die Erkenntnis anbrach, was deutsches Wesen sei, bis endlich der
Gedanke, da es ein Deutschland gebe, vor seiner Seele stand mit einer
unmittelbaren Gewiheit, die jedes Beweises und jedes Streites spottet.
Wachsen wir so erst im Verkehre mit den Lebendigen zu Deutschen
heran, so begreift sich das Volk als ein Ganzes in seiner Geschichte.
Und das ist der Sinn jener Feste, deren die politisch tiefbewegte
Gegenwart nicht mde wird, da wir, rckschauend auf die starken
Mnner, die unseres Geistes Zge tragen, erfrischen das Bewutsein
unseres Volkstums und strken den Entschlu, da aus dieser idealen
Gemeinschaft die Gemeinschaft der Wirklichkeit, der deutsche Staat
erwachse. Darum fllt die Feier solcher Tage vornehmlich jenen als
ein unbestrittenes schnes Vorrecht zu, die sich nicht gengen lassen
an dem leeren Worte von der Einigkeit der Deutschen, sondern Kopf und
Hnde regen zum Aufbau des deutschen Staates. -- Und das auch ist ein
rhmliches Zeichen fr das lebende Geschlecht, da aus der langen Reihe
von Jahrhunderten, welche dies alte Volk hinter sich liegen sieht und
in der Gegenwart gleichsam neu durchlebt, keine Epoche uns so traulich
zum Herzen redet, uns so das Innerste bewegt, wie jene siebenzig Jahre
seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts, da unser Volk sich losrang
zuerst von der Geistesherrschaft, dann von dem politischen Joche
unheimischer Gewalten. Erst heute werden die Helden jener Zeit von
ihrem Volke verstanden, besser oft verstanden als von den Zeitgenossen;
und wenn es ein Herrliches war, eine Zeit zu schauen, die einen Stein
und Goethe gebar, so mgen wir auch als ein Glck preisen, in Tagen zu
leben, die diesen Mnnern zuerst ganz gerecht geworden.

Ein gesegneter Winkel des oberschsischen Landes frwahr, der in kaum
hundert Jahren den Deutschen Lessing, Fichte, Rietschel schenkte --
drei Geister im Innersten verwandt, wie fremd sie sich scheinen, der
khne Zertrmmerer der franzsischen Regeln unserer Dichtung, der
tapfere Redner und der weiche sinnige Bildhauer -- jeder in seiner
Weise ein Trger der besten deutschen Tugend, der Wahrhaftigkeit.
Ein Dorfwebersohn, wuchs Fichte auf in drftiger Umgebung, in der
altfrnkischen Sitte der Lausitzer Bauern. Frhzeitig und stark
arbeitet er im Innern mit dem Verstande und mehr noch mit dem Gewissen.
Der so begierig lernt, da er eine Predigt nach dem Hren wiederholen
kann, wie rstig kmpft er doch gegen die Dinge, die so lebendig auf
ihn eindringen! Das schne Volksbuch vom hrnernen Siegfried wirft er
in den Bach als einen Versucher, der ihm den Geist ablenkt von der
Arbeit. Als ihm dann durch die Gunst eines Edelmannes eine gelehrte
Erziehung auf der Frstenschule zu Pforta zuteil wird, stemmt sich
der eigenwillige Knabe wider jene Verkmmerung des Gemts, welche der
familienlosen Erziehung anhaftet, sein waches Gewissen emprt sich
gegen die erzwungene Unwahrhaftigkeit der Gedrckten. Er gesteht seinen
herrischen Oberen den Entschlu der Flucht; er flieht wirklich; auf dem
Wege, im Gebete und im Andenken an die Heimat, kommt das Gefhl der
Snde ber ihn; er kehrt zurck zu offenem Bekenntnis. So frh sind die
Grundzge seines Wesens gereift, wie zumeist bei jenen Menschen, deren
Gre im Charakter liegt. Der Knabe schon bezeichnet seine Bcher mit
dem Sinnspruch, den der Mann bewhrte: =Si fractus illabatur orbis,
impavidum ferient ruinae=.

Schwerer, langsamer entscheidet sich die Richtung seiner Bildung.
Kmmerlich schlgt er sich durch die freudlose Jugend eines armen
Theologen, und sein Stolz -- die verwahrlosteste Seite meines
Herzens -- schmt sich bitterlich der Armut. Erst in seinem
siebenundzwanzigsten Jahre wird ihm das Schicksal gtiger. Er sammelt
auf der weiten Fuwanderung nach einer Hauslehrerstelle in Zrich
eine fr jene Zeit ziemlich ausgedehnte Erfahrung von dem Elend des
armen leidenden Volkes, er wird in der Schweiz mit der groen Arbeit
der deutschen Literatur vertraut, er lernt in Zrich das schmucklose
Wesen eines ehrenhaften Freistaates verstehen, das seinem schlichten
Stolze zusagt, und findet dort endlich in Johanna Rahn, einer
Nichte Klopstocks, das herrliche Weib seiner Liebe. Eine verwandte
Natur, sehr ernsthaft, wirtschaftlich nach Schweizer Weise, nicht
gar jung mehr und lngst schon gewohnt, ihr warmes Blut in strenger
Selbstprfung zu beherrschen, tritt sie ihm fertig und ruhig entgegen,
und oftmals mochten ihre Augen strenge unter dem Schweizerhubchen
hervorblicken: Hre, Fichte, stolz bist du. Ich mu dir's sagen, da
dir's kein anderer sagen kann. Auch in der abhngigen Stellung des
Hauslehrers wei er sich seine feste Selbstbestimmung zu wahren; er
zwingt die Eltern, die Erziehung bei sich selber anzufangen, fhrt ein
gewissenhaftes Tagebuch ber ihre wichtigsten Erziehungsfehler. Nach
zwei Jahren sieht er sich wieder in die Welt getrieben; eine Flle
schriftstellerischer Plne wird entworfen und geht zugrunde.

Da endlich erschien seines inneren Lebens entscheidende Wendung,
als er, bereits achtundzwanzigjhrig, in Leipzig durch einen Zufall
Kants Kritik der reinen Vernunft kennen lernte. Der Hauptendzweck
meines Lebens ist der, hatte er frher seiner Braut geschrieben, mir
jede Art von (nicht wissenschaftlicher, ich merke darin viel Eitles,
sondern) Charakterbildung zu geben. Ich habe zu einem Gelehrten von
Metier so wenig Geschick als mglich. Ich will nicht blo denken, ich
will handeln, ich mag am wenigsten denken ber des Kaisers Bart.
Und mit der gleichen Verachtung wie auf die Gelehrten von Metier
schaute er hinab auf die Denkerei und Wisserei der Zeit, auf jene
Ntzlichkeitslehre, welche nur darum nach Erkenntnis strebte, um durch
einzelne hastig und zusammenhanglos aufgegriffene Erfahrungsstze
die Mhsal des Lebens bequemer, behaglicher zu gestalten. Der rechte
Gelehrte sollte gar nicht ahnen, da das Wissen im Leben zu etwas
helfen knne. Sein Trachten stand nach einer Erkenntnis, die ihn
befhige, ein rechtlicher Mann zu sein, nach einem festen Gesetze und
unwandelbaren Grundstzen einherzugehen. Aber woher diese Sicherheit
des Charakters, solange sein Gemt verzweifelte ber der Frage,
die vor allen Problemen der Philosophie ihn von frh auf qulend
beschftigte, ber der Frage von der Freiheit des Willens? Sein
logischer Kopf hatte sich endlich beruhigt bei der folgerichtigen Lehre
Spinozas, wie Goethes Knstlersinn von der grandiosen Geschlossenheit
dieses Systems gefesselt ward. Sein Gewissen aber verweilt zwar
gern bei dem Gedanken, da das Einzelne selbstlos untergehe in dem
Allgemeinen, doch immer wieder verwirft es die Idee einer unbedingten
Notwendigkeit, denn ohne Freiheit keine Sittlichkeit. Welch ein Jubel
daher, als er endlich durch Kant die Autonomie des Willens bewiesen
fand, als er jenes groe Wort las, das nur ein Deutscher schreiben
konnte: Es ist berall nichts in der Welt, berhaupt auch auerhalb
derselben zu denken mglich, was ohne Einschrnkung fr gut knnte
gehalten werden, als allein ein guter Wille. ber Kants Werken verlebt
er jetzt seine seligsten Tage; all sein vergangenes Leben erscheint
ihm ein gedankenloses Treiben in den Tag hinein, der Weisheit Kants
verdankt er seinen Charakter bis auf das Streben, einen haben zu
wollen. Der Verkndigung dieser Lehre soll nun sein Leben geweiht
sein; ihre Folgen sind uerst wichtig fr ein Zeitalter, dessen Moral
bis in seine Quellen verderbt ist. Und zum sicheren Zeichen, da er
hier einen Schatz von Gedanken gefunden, der seinem eigensten Wesen
entsprach, entfaltete sich jetzt seine Bildung ebenso rasch und sicher,
als sie schwer und tastend begonnen hatte. Eine Reise nach Polen und
Preuen fhrt ihn zu dem Weisen von Knigsberg, dem er ehrfrchtig
naht, wie der reinen Vernunft selbst in einem Menschenkrper. Bei
ihm fhrt er sich ein durch die rasch entworfene Schrift Kritik aller
Offenbarung, 1791.

Damit beginnt sein philosophisches Wirken, das nher zu betrachten
nicht dieses Orts noch meines Amtes ist, so reizvoll auch die Aufgabe,
zu verfolgen, wie die Denker nach dem Worte des alten Dichters, die
Leuchte des Lebens gleich den Tnzern im Fackelreigen von Hand zu Hand
geben. Es genge zu sagen, da Fichte die Lehre von der Selbstndigkeit
und Unabhngigkeit des Willens mit verwegenster Khnheit bis in ihre
uersten Folgestze hindurchfhrte. Weil die Bestimmung unseres
Geistes sich nur verwirklichen lt im praktischen Handeln, das
praktische Handeln aber eine Bhne fordert, deshalb und nur deshalb
ist der Geist gezwungen, eine Auenwelt aus sich herauszuschauen und
als eine wirkliche Welt anzunehmen. Ich bin ja wohl transzendentaler
Idealist, gesteht Fichte, hrter als Kant, denn bei ihm ist noch ein
Mannigfaltiges der Erfahrung; ich aber behaupte mit drren Worten, da
selbst dieses von uns durch ein schpferisches Vermgen reproduziert
wird. Hatte Kant die groe Wahrheit gefunden, da die Dinge sich
richten nach der Beschaffenheit unseres Erkenntnisvermgens: sein
Nachfolger schreitet weiter und behauptet getrost: die Dinge werden
erst durch unser Ich geschaffen; es gibt kein Sein, sondern nur
Handeln; der sittliche Wille ist die einzige Realitt. Allein an
der Khnheit dieser Abstraktionen, der verwegensten, die deutscher
Denkermut zu fassen wagte, knnen wir den aufrechten Trotz des Mannes
ermessen. Zuversichtlich glauben wir ihm, da seine wissenschaftliche
Ansicht nur die zur Anschauung gewordene innere Wurzel seines Lebens
selber war; denn was fr eine Philosophie man whlt, richtet sich
danach, was fr ein Mensch man ist. In sicherem Selbstgefhle fat
der Mann sich jetzt zusammen, als die namenlose Schrift des Anfngers
fr ein Werk des Meisters Kant gehalten wird, und der triviale
Lrm seichter Lobreden ihn rasch die Nichtigkeit der literarischen
Handwerker durchschauen lt.

So steht sein Charakter vollendet, mannhaft, fast mnnisch, des
Willens, die ganze Welt unter die Herrschaft des Sittengesetzes zu
beugen, gnzlich frei von Schwchen, jenen kleinen Widersprchen wider
die bessere Erkenntnis -- und eben darum zu einem tragischen Geschicke
bestimmt, zu einer Schuld, die mit seinem Wesen zusammenfiel, die er
selber unwissend bekannte, indem er sich also verteidigte: Man pat
bei einer solchen Denkart schlecht in die Welt, macht sich allenthalben
Verdru. Ihr Verchtlichen! Warum sorgt ihr mehr dafr, da ihr euch
den andern anpat, als diese euch und sie fr euch zurecht legt?
-- Andere fr sich zurecht legen -- das ist die herrische Snde der
idealistischen Khnheit. Als in der Not des Krieges von 1806 sein
Weib, einsam zurckgeblieben in dem vom Feinde besetzten Berlin, voll
schwerer Sorge um den fernen Gatten, in Krankheit fllt, da schreibt
ihr der gewaltige Mann: Ich hoffte, da du unsere kurze Trennung,
gerade um der bedeutenden Geschfte willen, die dir auf das Herz
gelegt waren, ertragen wrdest. Ich habe diesen Gedanken bei meiner
Abreise dir empfohlen und habe ihn in Briefen wieder eingeschrft.
Starke Seelen, und du bist keine schwache, macht so etwas strker --
und doch! So hart kann er reden zu ihr, die ihm die Liebste ist;
denn er glaubt an die Allmacht der Wahrheit. Ihm ist kein Zweifel,
wo die rechte Erkenntnis sei, da knne das rechte Handeln, ja das
rechte Schicksal nicht fehlen, und jeden Einwand menschlicher
Gebrechlichkeit weist er schroff zurck. Darum keine Spur von Humor,
von liebenswrdigem Leichtsinn, nichts von Anmut und Nachgiebigkeit in
ihm, der das derbe Wort gesprochen: Eine Liebenswrdigkeitslehre ist
vom Teufel. Nichts von jener Sehnsucht nach der schnheitssatten Welt
des Sdens, die Deutschlands reiche Geister in jenen Tagen beherrschte.
Unfhig, ungeeignet sich liebevoll zu versenken in eine fremde Seele,
verkndet er kurzab, er lehre alle Dinge nur von einer Seite zu
betrachten, nmlich von der rechten.

Entfremdet der Natur, die ihm nur besteht, um unterjocht zu werden
von dem Geiste, mahnt er zur Hingebung, zur Selbstvergessenheit eine
sinnliche, selbstschtige Zeit: auch essen und trinken sollen wir
nur um Gottes willen. Nicht die leiseste sinnliche Vorstellung soll
uns den erhabenen Gottesgedanken trben: Ein Gott, der der Begierde
dient, ist ein Abgott. Gott will nicht, Gott kann nicht das Gute, das
wir gern mchten, uns geben auer durch unsere Freiheit; Gott ist
berhaupt nicht eine Naturgewalt, wie die blinde Einfalt whnt, sondern
ein Gott der Freiheit. Die Freuden des Himmels, die bequeme Trstung
schwacher Gemter, mssen schwinden vor einer geistigeren Auffassung:
Die Ewigkeit kommt der neuen Zeit mitten in ihre Gegenwart hinein;
die vollendete Freiheit, die Einheit mit Gott ist schon im Diesseits
mglich.

Beseelt von solchen Gedanken der Erttung alles Fleisches, der
asketischen Sittenstrenge, ist Fichte ein unsthetischer Held
geblieben, wie gro er auch dachte von der Kunst, die der Natur den
majesttischen Stempel der Idee aufdrcke. Auch in ihm, wie in allen
edleren Shnen jener an den Helden Plutarchs gebildeten Tage, wogte
und drngte ein groer Ehrgeiz; er gedachte, an seine Existenz fr
die Ewigkeit hinaus fr die Menschheit und die ganze Geisterwelt
Folgen zu knpfen; aber, fhrt er fort, ob ich's tat, braucht keiner
zu wissen, wenn es nur geschieht! Jene hohe Leidenschaft, die dem
strengsten aller Dichter, Milton, nur als die letzte Schwche edlerer
Naturen erscheint, der Durst nach Ruhm, wird scharf und schonungslos
als eine verchtliche Eitelkeit verworfen von dieser selbstgewissen
Tugend, welche leben will aus dem erkannten rein Geistigen heraus. In
Augenblicken des Zweifels -- als glte es Schillers witziges Epigramm
zu bewhren -- prft der gestrenge Mann, auf welcher Seite seine
Neigung stehe, um dann mit freudiger Sicherheit des anderen Weges zu
gehen. Selber folgerichtig im Kleinsten wie im Grten, sagt er den
Zeitgenossen erbarmungslos auf den Kopf zu, welches die notwendigen
Folgen ihrer weichlichen Grundstze seien. Trocken spricht er: Dies
wei man gewhnlich nicht, gibt es nicht zu, rgert sich daran, glaubt
es nicht; aber es kann alles dieses nichts helfen, so ist's. Er findet
unter den Menschen nur wenige bsartig und gewaltttig -- denn hierzu
gebricht es bei der Mehrzahl an Kraft: -- sondern sie sind in der Regel
blo dumm und unwissend, feige, faul und niedertrchtig. In diese Welt
tritt er ein mit dem stolzen Bewutsein eines apostolischen Berufs: So
bin ich drum wahrhaft Stifter einer neuen Zeit -- der Zeit der Klarheit
-- bestimmt angebend den Zweck alles menschlichen Handelns, mit
Klarheit Klarheit wollend. Alles andere will mechanisieren, ich will
befreien. -- Wenn Goethe frchtete, der eigenrichtige Mann sei fr
sich und die Welt verloren: fr den Philosophen war das Widerstreben
der Welt gar nicht vorhanden. Wenn ich im Dienste der Wahrheit
strbe, sagt er einfach, was tte ich dann weiter als das, was ich
schlechthin tun mte?

Ein Eloge zu halten ist nicht deutsche Weise, und in Fichtes Geiste
am wenigsten wrde ich handeln, wenn ich nicht trotzig sagte, wie
gar fremd unserer Zeit, die an sich selber glaubt und glauben soll,
dieser Idealismus geworden ist, der so nur einmal mglich war und
keinen Schler fand. Seit jenen Tagen ist das Leben unseres Volkes
ein groer Werkeltag gewesen. Wir haben begonnen in harter Arbeit den
Gedanken der Welt einzubilden und sind darber der Natur freundlich
nher getreten. Sehr vieles nehmen wir bescheiden hin als Ergebnis der
Natur und Geschichte, was Fichte dem Sittengesetze zu unterwerfen sich
verma. Mit dem steigenden Wohlstande ist ein hellerer Weltsinn in die
Geister eingezogen; ein schnes Gleichma von Genu und Tat soll uns
das Leben sein. Wer unter uns bezweifelt, da die Sittlichkeit der
Athener eine reinere war als die Tugend der Spartaner und dem Genius
unseres Volkes vertrauter ist? Seitdem ist auch die gute Laune wieder
zu ihrem Rechte gelangt, wir heien sie willkommen selbst mitten in
der Spannung des Pathos; die kecke Vermischung von Scherz und Ernst in
Shakespeares Gedichten ist erst dem realistischen Sinne der Gegenwart
wieder ertrglich geworden. Doch eben weil jener Idealismus Fichtes
unserem Sinne so fern liegt, weil lngst der Zeit verfiel, was daran
vergnglich war, weil Lust und Not des rastlosen modernen Lebens uns
von selber ablenken von jeder berspannung des Gedankens -- eben
deshalb gereicht es unseren frhlicheren Tagen zum Segen, sich in diese
weltverachtenden Ideen weltverachtender Sittlichkeit zu versenken wie
in ein sthlendes Bad der Seele, Selbstbeherrschung daran zu lernen und
zu gedenken, da ein tatloses Wesen dem Humor anhaftet und der Dichter
sicher wute, warum er seinem Hamlet die Flle sprudelnden Witzes lieh.
Wie beschmt mu all unsere heitere Klugheit verstummen vor dem einen
Worte: Nur ber den Tod hinweg, mit einem Willen, den nichts, auch
nicht der Tod, beugt und abschreckt, taugt der Mensch etwas.

Noch immer, leider, werden bergeistreiche Beurteiler nicht mde,
das Bild des Denkers in eine falsche Beleuchtung zu rcken. Man
nennt ihn einen Gesinnungsgenossen der Romantiker -- ihn, dessen
spartanische Strenge so recht den Gegensatz bildet zu der vornehm
spielenden Ironie der Romantiker -- ihn, der, obwohl nicht frei von
mystischen Stimmungen, dennoch als ein herber Protestant, fr alle
katholisierenden Richtungen nur Worte schrfster Verachtung hatte.
Auch Fichte geno ein wenig von dem Segen jener schnen, reizvollen
Geselligkeit, welche die Gegenwart nicht mehr kennt; geistreiche Frauen
saen zu seinen Fen und stritten sich um die Ehre, ihm Famulusdienste
zu leisten, wenn er ber die hchsten Gegenstnde der Erkenntnis
sprach. Und doch ist nie ein Mann freier gewesen von jeder romantischen
Vergtterung der Frauen. Abhngigkeit, Bedrftigkeit war ihm das Wesen
des Weibes. Leidenschaftslos, voll warmer, treuer Zuneigung steht
er ehrenfest neben seinem Weibe, gleich einem jener derben Brger
auf alten deutschen Holzschnitten; kein schneres Lob wei er ihr zu
sagen als mnnlichere Seele, Johanna! -- Das rgste aber in der
Umkehrung der Wissenschaft hat Stahl geleistet; er nennt Napoleon
das verkrperte weltschaffende Ich Fichtes. Also, in dem Helden der
souvernen Selbstsucht wre Fleisch geworden das System des deutschen
Denkers, der unermdlich eifert, es sei die Seligkeit des Ich, sich
der Gattung zu opfern?! -- Auch das ist vielen ein Rtsel gewesen, wie
dieser schroffe, schneidige Charakter gerade aus dem oberschsischen
Stamme hervorgehen konnte. Er selber sagt von seiner Heimat, sie berge
einen Grad von Aufklrung und vernnftiger Religionskenntnis, wie ihn
in dieser Ausdehnung gegenwrtig kein Land in Europa besitzt. Doch
das alles sei durch eine mehr als spanische Inquisition eingezwngt.
Daraus entsteht denn eine knechtische, lichtscheue, heuchlerische
Denkungsart. In der Tat, alle Voraussetzungen echter Geistesfreiheit,
eine Flle von Bildungsmitteln, eine weit verbreitete Volkskultur waren
vorhanden in dem Mutterlande der Reformation. Aber Druck von oben und
das berma geistigen Schaffens, dem kein groes politisches Wirken
das Gegengewicht hielt, hatten in dem ohnedies mehr elastischen als
massiven Stamme endlich jene Schmiegsamkeit und Hflichkeit erzeugt,
welche schroffe, reformatorische Naturen nur schwer ertrgt. Nchst dem
schwbischen hat das oberschsische Land die grte Zahl von Helden
des deutschen Geistes geboren; aber Obersachsen verstie die Mehrzahl
seiner freieren Shne. In allen diesen Heimatlosen, in Pufendorf und
Thomasius, in Lessing und Fichte, erhebt sich der freie Geist, der
solange mit der zahmen Sitte seiner Umgebung gerungen, zu schroffem
Stolze; rcksichtsloser Freimut wird ihnen allen zur Leidenschaft. --

Dem Vielgewanderten kamen endlich frohere Tage, als eine nderung
seiner ueren Lage ihm erlaubte, seine treue Johanna heimzufhren,
und der Ruf ihn traf zu der Stelle, die ihm gebhrte, zum akademischen
Lehramte in Jena. Schon der erste Plan des jungen Mannes war der kecke
Gedanke gewesen, eine Rednerschule zu grnden in einem Volke ohne
Rednerbhne. Nach seiner Auffassung der Geschichte wurden alle groen
Weltangelegenheiten dadurch entschieden, da ein freiwilliger Redner
sie dem Volke darlegte, und er selber war zum Redner geboren. Zur
Tat berufen sind jene feurigen Naturen, denen Charakter und Bildung
zusammenfallen, jede Erkenntnis als ein lebendiger Entschlu in der
Seele glht; doch nicht das unmittelbare Eingreifen in die Welt
konnte den weltverachtenden Denker reizen. Von ihm vor allen gilt das
Stichwort des philosophischen Idealismus jener Tage, da es fr den
wahrhaft sittlichen Willen keine Zeit gibt, da es gengt, der Welt den
Ansto zum Guten zu geben. Auf den Willen der Menschen zu wirken, des
Glaubens, da daraus irgendwo und irgendwann die rechte Tat entstehen
werde, das war der Beruf dieses eifernden geselligen Geistes. Daher
jener Brustton tiefster berzeugung, der, wie alles Kstlichste des
Menschen, sich nicht erklren noch erknsteln lt. Daher auch der
Erfolg -- in diesem seltenen Falle ein sehr gerechter Richter --
denn was der groe Haufe sagt: ihm ist es Ernst, das bezeichnet
mit plumpem Wort und feinem Sinn den geheimsten Zauber menschlicher
Rede. Vergeblich suchen wir bei Fichte jene Vermischung von Poesie
und Prosa, womit romanische Redner die Phantasie der Hrer zu blenden
lieben. Sogar die Neigung fehlt ihm, freie Worte als ein Kunstwerk
abzuschlieen; der Adel der Form soll sich ihm gleich der guten Sitte
ungesucht ergeben aus der vollendeten Bildung. Nur aus der vollkommenen
Klarheit erwchst ihm jede Bewegung des Herzens; die Macht seiner Rede
liegt allein begrndet in dem Ernste tiefen gewissenhaften Denkens,
eines Denkens freilich, das sichtbar vor unseren Augen entsteht.

Er strebt nach der innigsten Gemeinschaft mit seinen Hrern; an
der Energie seines eigenen Denkens soll ihre Selbstttigkeit sich
entznden; er liebt es, eine Anschauung im Diskurs aus den Menschen
zu entwickeln. Ich wrde, sagt er schon in einer Jugendschrift,
die Handschrift ins Feuer werfen, auch wenn ich sicher wte, da sie
die reinste Wahrheit, auf das bestimmteste dargestellt, enthielte,
und zugleich wte, da kein einziger Leser sich durch eigenes
Nachdenken davon berzeugen wrde. Diese Selbstbesinnung des Hrers
zu erwecken, ihn hindurchzupeitschen durch alle Mhsal des Zweifels,
angestrengter geistiger Arbeit -- dies ist der hchste Triumph seiner
Beredsamkeit, und es ist da kein Unterschied zwischen den Reden und
den Druckschriften; alle seine Werke sind Reden, das Denken selber
wird ihm alsbald zur erregten Mitteilung. Ein Meister ist er darum in
der schweren Kunst des Wiederholens; denn wessen Geist fortwhrend
und mit schrankenloser Offenheit arbeitet, der darf das hundertmal
Gesagte noch einmal sagen, weil es ein Neues ist in jedem Augenblicke,
wie jeder Augenblick ein neuer ist. Doch vor allem, er denkt gro
von seinen Hrern, edel und klug zugleich hebt er sie zu sich empor,
statt sich zu ihnen herabzulassen. Die Jugend vornehmlich hat dies
dankend empfunden; denn der die Menschheit so hoch, das gegenwrtige
Zeitalter so niedrig achtete, wie sollte er nicht das werdende
Geschlecht lieben, das noch rein geblieben war von der Seuche der
Zeit? Der stets nur den ganzen Menschen zu ergreifen trachtete, er
war der geborene Lehrer jenes Alters, das der allseitigen Ausbildung
der Persnlichkeit lebt, bevor noch die Schranken des Berufs den
Reichtum der Entwicklung beengen. Endlich -- fassen wir die Gre des
Redners in dem einen von tausend Hrern wiederholten Lobe zusammen
--, was er sprach, das war er. Wenn er die Hrenden beschwor, eine
Entschlieung zu fassen, nicht ein schwchliches Wollen irgend einmal
zu wollen, wenn er die Macht des Willens mit Worten verherrlichte,
die selbst einem Niebuhr wie Raserei erschienen: da stand er selber,
die gedrungene berkrftige Gestalt mit dem aufgeworfenen Nacken,
den streng geschlossenen Lippen, strafenden Auges, nicht gar so mild
und ruhig, wie Wichmanns Bste ihn zeigt, welche die Verklrung des
Toten verkrpert, voll trotzigen Selbstgefhles und doch hoch erhaben
ber der Schwche beliebter Redner, der persnlichen Eitelkeit -- in
jedem Zuge der Mann der durchdachten Entschlieung, die des Gedankens
Blsse nicht berhrte. Darum hat sich von allen Lehrern, die neuerdings
an deutschen Hochschulen wirkten, sein Bild den jungen Gemtern am
tiefsten eingegraben; sein Schatten ist geschritten durch die Reihen
jener streitbaren Jugend, die fr uns blutete und in seinem Sinne ein
Leben ohne Wissenschaft hher achtete denn eine Wissenschaft ohne Leben.

Jene mehr als spanische Inquisition seiner Heimat sollte endlich
auch ihn ereilen. Eine pbelhafte Anklage bezichtigte Fichte bei dem
kurschsischen Konsistorium des Atheismus und vertrieb ihn aus Jena,
weil er nicht imstande war, den Schein des Unrechts auf sich zu nehmen,
wo sein Gewissen ihm recht gab. Da wollte eine glckliche Fgung, da
der Rat des Ministers Dohm ihn nach Preuen fhrte, in den Staat, der
gerade diesem Manne eine Heimat werden mute. Der Staat Preuen hat den
Lehrer und Philosophen zum Patrioten gebildet.

Ein strenger Geist harter Pflichterfllung war diesem Volke eingeprgt
durch das Wirken willensstarker Frsten, fast unmenschlich schwer
die Lasten, die auf Gut und Blut der Brger drckten. Was andere
schreckte, Fichte zog es an. Nur das eine mochte ihn abstoen, da
jener Sinn der Strenge schon zu weichen begann, da zu Berlin bereits
ein Schwelgen in weichlichen unpoetischen Empfindungen, eine seichte,
selbstzufriedene Aufklrung sich brstete, deren Haupt Nicolai unser
Held bereits in einer seiner totschlagenden humorlosen Streitschriften
gezchtigt hatte. Ein rhrender Anblick, wie nun der Khnste der
deutschen Idealisten den schweren Weg sich bahnt, den alle Deutschen
jener Tage zu durchschreiten hatten, den Weg von der Erkenntnis der
menschlichen Freiheit zu der Idee des Staates: wie ihn, dem die
Auenwelt gar nicht bestand, die Erfahrung belehrt und verwandelt. Noch
zur Zeit der Austerlitzer Schlacht konnte er schreiben: Welches ist
denn das Vaterland des wahrhaft ausgebildeten christlichen Europers?
Im allgemeinen ist es Europa, insbesondere ist es in jedem Zeitalter
derjenige Staat in Europa, der auf der Hhe der Kultur steht. Mgen
doch die Erdgeborenen, welche in der Erdscholle, dem Flusse, dem Berge
ihr Vaterland erkennen, Brger des gesunkenen Staates bleiben; sie
behalten, was sie wollten und was sie beglckt. Der sonnenverwandte
Geist wird unwiderstehlich angezogen werden und hin sich wenden, wo
Licht ist und Recht. Und in diesem Weltbrgersinne knnen wir ber die
Handlungen und Schicksale der Staaten uns beruhigen, fr uns selbst und
fr unsere Nachkommen bis an das Ende der Tage. Dann ward durch den
Wandel der Weltgeschicke auch der Sinn des weltverachtenden Philosophen
nicht verwandelt, aber vertieft und zu hellerem Verstndnis seiner
selbst gefhrt. Kein Widerspruch allerdings, aber eine hchst verwegene
Weiterentwicklung, wenn Fichte jetzt erkennt, da der Deutsche Licht
und Recht nur in Deutschland finden knne. Er begreift endlich, da
der Kosmopolitismus in Wirklichkeit als Patriotismus erscheine, und
verweist den einzelnen auf sein Volk, das unter einem besonderen
Gesetze der Entwicklung des Gttlichen aus ihm stehe. --

Lngst schon war der Philosoph der freien Tat durch das Wesen seines
Denkens auf jene Wissenschaft gefhrt worden, welche den nach auen
gerichteten Willen in seiner groartigsten Entfaltung betrachtet.
Aber sehr langsam nur lernte er die Wrde, den sittlichen Beruf des
Staates verstehen. Auch er sah -- gleich der gesamten deutschen
Staatswissenschaft, die ihre Heimat noch allein auf dem Katheder fand
-- im Staate zuerst nur ein notwendiges bel, eine Anstalt des Zwanges,
gegrndet durch freiwilligen Vertrag, um das Eigentum der Brger zu
schtzen. Unvershnlichen Krieg kndete er dem Gedanken an, da der
Frst fr unsere Glckseligkeit sorge: Nein, Frst, du bist nicht
unser Gott; gtig sollst du nicht gegen uns sein, du sollst gerecht
sein. Diese Rechtsanstalt des Staates aber soll sich entwickeln zur
Freiheit, also da jeder das Recht habe, kein Gesetz anzuerkennen, als
welches er sich selbst gab; der Staat mu das Prinzip der Vernderung
in sich selber tragen. -- Der also dachte, war lngst gewohnt, von dem
vornehmen und geringen Pbel sich einen Demokraten schelten zu lassen.
Und radikal genug, mit dem harten rhetorischen Pathos eines Jakobiners,
hatte er einst die Revolution begrt als den Anbruch einer neuen
Zeit, und die staatsmnnische Klte, womit Rehberg die groe Umwlzung
betrachtete, grblich angegriffen. Mit grimmiger Bitterkeit hatte
er dann die Denkfreiheit zurckgefordert von den Frsten; denn die
einzigen Majesttsverbrecher sind jene, die euch anraten, eure Vlker
in der Blindheit und Unwissenheit zu lassen und freie Untersuchungen
allerart zu hindern und zu verbieten.

Doch im Grunde ward sein Geist nur von einer Erscheinung der Revolution
mchtig angezogen: von dem Grundsatze der Gleichheit des Rechts fr
alle Stnde. Privilegien fanden keine Gnade vor diesem konsequenten
Kopfe: aus seinen heftigen Ausfllen wider den Adel redet der Zorn
des schsischen Bauernsohns, der eben jetzt seine mihandelten
Standesgenossen sich erheben sah gegen ihre adligen Bedrcker. Sehr
fern dagegen stand er den Ideen der modernen Demokratie, welche die
freieste Bewegung des Einzelnen im Staate verlangen; eine harte
Rechtsordnung sollte jede Willkr des Brgers bndigen. Dieser
despotische Radikalismus trat in seiner ganzen Starrheit hervor, als
er jetzt das Gebiet des Naturrechts verlie und das wirtschaftliche
Leben der Vlker betrachtete. In sozialistischen Ideen ist jederzeit
der verwegenste Idealismus mit dem begehrlichsten Materialismus
zusammengetroffen. Durch die Miachtung des banausischen Getriebes der
Volkswirtschaft wurde Platon auf das Idealbild seiner kommunistischen
Republik und die Alten alle zu dem Glaubenssatze gefhrt, da der gute
Staat des Notwendigen die Flle besitzen msse; durch die berschtzung
der materiellen Gter gelangten die modernen Kommunisten zu ihren
luftigen Lehren. Und wieder die Verachtung alles weltlichen Genusses
verleitete den deutschen Philosophen zu dem vermessenen Gedanken: der
Staat, als eine lediglich fr die niederen Bedrfnisse des Menschen
bestimmte Zwangsanstalt, msse sorgen fr die gleichmige Verteilung
des Eigentums. Solchem Sinne entsprang die despotische Lehre von dem
geschlossenen Handelsstaate, der in spartanischer Strenge sich
absperren sollte von den Schtzen des Auslandes und das Schaffen der
Brger also regeln sollte, da ein jeder leben knne von seiner Arbeit.

Auf dem Gebiete des Rechtes und der Wirtschaft gelang es dem Idealisten
wenig, die Welt fr sich zurecht zu legen. Indessen sank der Staat
der Deutschen tief und tiefer. Deutsche Frsten, ruft Fichte
zornig, wrden vor dem Dei von Algier gekrochen sein und den Staub
seiner Fe gekt haben, wenn sie nur dadurch zum Knigstitel htten
kommen knnen. In diesen Tagen der Schmach brach ihm endlich die
Erkenntnis an von dem Tiefsinn und der Gre des Staatslebens. Er sah
vor Augen, wie mit dem Staate auch die Sittlichkeit der Deutschen
verkmmerte, er begriff jetzt, da dem Staate eine hohe sittliche
Pflicht auferlegt sei, die Volkserziehung. Auf diesem idealsten
Gebiete der Staatswissenschaft hat Fichte seine tiefsten politischen
Gedanken gedacht. Wir fragen erstaunt: wie nur war es mglich? Ist doch
dem Politiker die Erfahrung nicht eine Schranke, sondern der Inhalt
seines Denkens. Hier gilt es nach Aristoteles Vorbild, mit zur Erde
gewandtem Blicke eine ungeheuere Flle von Tatsachen zu beherrschen,
Ort und Zeit abwgend zu schtzen, die Gewalten der Gewohnheit, der
Trgheit, der Dummheit zu berechnen, den Begriff der Macht zu erkennen,
jenes geheimnisvolle allmhliche Wachsen der geschichtlichen Dinge zu
verstehen, das die moderne Wissenschaft mit dem viel mibrauchten Worte
organische Entwicklung bezeichnet. Wie sollte er dies alles erkennen?
Er, dessen Bildung in die Tiefe mehr als in die Breite ging, der die
Menschheit zur Pflanze herabgewrdigt sah, wenn man redete von dem
langsamen natrlichen Reifen des Staates? Er hat es auch nicht erkannt;
nicht einen Schritt weit kam sein Idealismus der Wirklichkeit entgegen.
Aber er lebte in Zeiten, da allein der Idealismus uns retten konnte,
in einem Volke, das, gleich ihm selber, von den Ideen der Humanitt
erst herabstieg zur Arbeit des Brgertums, in einer Zeit, die nichts
dringender bedurfte als jenen starken und gewissen Geist, den er ihr
zu erwecken dachte. Mit der Schlacht von Jena schien unsere letzte
Hoffnung gebrochen; der Kampf -- so schildert Fichte das Unheil
und den Weg des Heils -- der Kampf mit den Waffen ist beschlossen;
es erhebt sich, so wir es wollen, der neue Kampf der Grundstze, der
Sitten, des Charakters. Wohl mgen wir erstaunen, wie klar der Sinn
des nahenden Kampfes in diesen Tagen der Ermannung von allen verstanden
ward, wie diese Worte Fichtes berall ein Echo fanden. Die Regierung
selber erkannte, da allein ein Volkskrieg retten knne, allein die
Entfesselung aller Krfte der Nation, der sittlichen Mchte mehr noch
als der physischen -- einer der seltenen, nicht oft erlebten Flle,
sagt Fichte rhmend, wo Regierung und Wissenschaft bereinkommen.
So, gerade so, auf dieser steilen Spitze muten die Geschicke unseres
Volkes stehen, einen Krieg der Verzweiflung mute es gelten um alle
hchsten Gter des Lebens, eine Zeit mute kommen von jenen, die
wir die groen Epochen der Geschichte nennen, da alle schlummernden
Gegenstze des Vlkerlebens zum offenen Durchbruch gelangen, die Stunde
mute schlagen fr eine Staatskunst der Ideen, wenn gerade dieser
Denker unmittelbar eingreifen sollte in das staatliche Leben.

Nicht leicht ward ihm, seine Stelle zu finden unter den Mnnern, die
dieser Staatskunst der Ideen dienten. Denn was den Nachlebenden als
das einfache Werk einer allgemeinen fraglosen Volksstimmung erscheint,
das ist in Wahrheit erwachsen aus harten Kmpfen starker eigenwilliger
Kpfe. Wie fremd stehen sie doch nebeneinander: unter den Staatsmnnern
Stein, der Glubige, der schroffe Aristokrat, und Hardenberg, der
Jnger franzsischer Aufklrung, und Humboldt, der moderne Hellene,
und Schn, der trotzige Kantianer; unter den Soldaten die denkenden
Militrs, die Scharnhorst und Clausewitz, denen die Kriegskunst
als ein Teil der Staatswissenschaft erschien, und Blcher, dem der
Schreibtisch Gift war, der eines nur verstand -- den Feind zu schlagen,
und York, der Mann der alten militrischen Schule, der Eiferer wider
das Nattergezcht der Reformer; unter den Denkern und Knstlern
neben Fichte Schleiermacher, dessen Milde jener als leichtsinnig und
unsittlich verwarf, und Heinrich v. Kleist, der als ein Dichter mit
unmittelbarer Leidenschaft empfand, was Fichte als Denker erkannte. Ihm
zitterte die Feder in der Hand, wenn er in strmischen Versen die Enkel
der Kohortenstrmer, die Rmerberwinderbrut zum Kampfe rief. Einen
Schler Fichtes meinen wir zu hren, wenn Kleist seinem Knige die
Trme der Hauptstadt mit den stolzen Worten zeigt: Sie sind gebaut, o
Herr, wie hell sie blinken, fr bere Gter in den Staub zu sinken.
Und er selber war es, der Fichte die hhnenden Verse ins Gesicht warf:

    Setzet, ihr trft's mit euerer Kunst und zgt uns die Jugend nun zu
    Mnnern wie ihr; liebe Freunde, was wr's?

Wenn er seine Adler geschndet sah von den Fremden, wie mochte der
stolze Offizier ertragen, da dieser Schulmeister herantrat, die Nte
des Augenblicks durch die Erziehung des werdenden Geschlechts zu
heilen? Und dennoch haben sie zusammengewirkt, die Mnner, die sich
befehdeten und schalten, eintrchtig in dem Kampfe der Idee gegen
das Interesse, der Idee des Volkstums wider das Interesse der nackten
Gewalt.

Schon vor der Schlacht von Jena hatte sich Fichte erboten, mit dem
ausrckenden Heere als weltlicher Prediger und Redner, als Gesandter
der Wissenschaft und des Talents, zu marschieren, denn was -- ruft
er in seiner kecken, die Weihe des Gedankens mitten in die matte
Wirklichkeit hineintragenden Weise -- was ist der Charakter des
Kriegers? Opfern mu er sich knnen; bei ihm kann die wahre Gesinnung,
die rechte Ehrliebe gar nicht ausgehen, die Erhebung zu etwas, das
ber dies Leben hinaus liegt. Doch das letzte Heer des alten Regimes
htte solchen Geist nicht ertragen. Die Stunden der Schande waren
gekommen. Fichte floh aus Berlin und sprach: Ich freue mich, da ich
frei geatmet, geredet, gedacht habe und meinen Nacken nie unter das
Joch des Treibers gebogen. Auch ihn berwltigte jetzt auf Augenblicke
die Verzweiflung, da er zufrieden sein wollte ein ruhiges Pltzchen
zu finden, und es den Enkeln berlassen wollte zu reden -- wenn bis
dahin Ohren wachsen zu hren! Nicht die Zuversicht fand er wieder,
aber die Strke des Pflichtgefhls, als er nach dem Frieden dennoch
redete zu den Lebendigen ohne Hoffnung fr sie, damit vielleicht
unsere Nachkommen tun, was wir einsehen, weil wir leiden, weil unsere
Vter trumten. In Stunden einsamer Sammlung war nun sein ganzes Wesen
geweiht, geheiligt; der alte Grundgedanke seines Lebens, in eigener
Person das Absolute zu sein und zu leben, findet in dieser weihevollen
Stimmung eine neue religise Form, erscheint ihm als die Pflicht
des Lebens in Gott. Rettung um jeden Preis -- dieser ungeheueren
Notwendigkeit, die leuchtend vor seiner Seele stand, hatte er manches
geopfert von der Starrheit des Theoretikers. Er pries jetzt sogar
Machiavellis Weisheit der Verzweiflung; denn von der entgegengesetzten,
der niedrigsten Schtzung des Menschenwertes gelangte dieser Verchter
aller hergebrachten Sittlichkeit doch zu dem gleichen Endziele, der
Rettung des groen Ganzen auf Kosten jeder Neigung des Einzelnen.
Gereift und gefestigt ward dieser Ideengang, als Fichte jetzt sich
schulte an den groartig einfachen Mitteln uralter Menschenbildung, an
Luthers Bibel und an der knappen Form, der herben Sittenstrenge des
Tacitus.

Also vorbereitet hielt er im Winter 1807/08, belauscht von fremden
Horchern, oft unterbrochen von den Trommeln der franzsischen
Besatzung, zu Berlin die Reden an die deutsche Nation. Sie sind das
edelste seiner Werke, denn hier war ihm vergnnt, unmittelbar zu wirken
auf das eigentlichste Objekt des Redners, den Willen der Hrer; ihnen
eigen ist im vollen Mae jener Vorzug, den Schiller mit Recht als das
Unterpfand der Unsterblichkeit menschlicher Geisteswerke pries, doch
mit Unrecht den Schriften Fichtes absprach, da in ihnen ein Mensch,
ein einziger und unschtzbarer, sein innerstes Wesen abgebildet habe.
Doch auch der Stadt sollen wir gedenken, die, wie eine Sandbank in dem
Meere der Fremdherrschaft, dem khnen Redner eine letzte Freistatt bot;
die hocherregte Zeit und die hingebend andchtigen Mnner und Frauen
sollen wir preisen, welche des Redners schwerem Tiefsinn folgten, den
selbst der Leser heute nur mit Anstrengung versteht. Riesenschritte --
hebt Fichte an -- ist die Zeit mit uns gegangen; durch ihr berma hat
die Selbstsucht sich selbst vernichtet. Doch aus der Vernichtung selber
erwchst uns die Pflicht und die Sicherheit der Erhebung. Damit die
Bildung der Menschheit erhalten werde, mu diese Nation sich retten,
die das Urvolk unter den Menschen ist durch die Ursprnglichkeit ihres
Charakters, ihrer Sprache. -- Unterdrcken wir strenge das wohlweise
Lcheln des Besserwissens. Denn frwahr ohne solche berhebung htte
unser Volk den Mut der Erhebung nie gefunden wider die ungeheuere
bermacht. Freuen wir uns vielmehr an der feinen Menschenkenntnis des
Mannes, der sich gerechtfertigt hat mit dem guten Worte: Ein Volk
kann den Hochmut gar nicht lassen, auerdem bleibt die Einheit des
Begriffs in ihm gar nicht rege. -- Diesem Urvolke hlt der Redner den
Spiegel seiner Taten vor. Er weist unter den Werken des Geistes auf die
Gre von Luther und Kant, unter den Werken des Staates -- er, der in
Preuen wirkte und Preuen liebte -- auf die alte Macht der Hansa und
preist also die streitbaren, die modernen Krfte unseres Volkstums --
im scharfen und bezeichnenden Gegensatze zu Fr. Schlegel, der in Wien
zu hnlichem Zwecke an die romantische Herrlichkeit der Kaiserzeit
erinnerte.

In diesem hochbegnadeten Volke soll erweckt werden der Geist der
hheren Vaterlandsliebe, der die Nation als die Hlle des Ewigen
umfat, fr welche der Edle mit Freuden sich opfert, und der Unedle,
der nur um des ersteren willen da ist, sich eben opfern soll. Und
weiter -- nach einem wundervollen Rckblick auf die Frsten der
Reformation, die das Banner des Aufstandes erhoben nicht um ihrer
Seligkeit willen, deren sie versichert waren, sondern um ihrer
ungeborenen Enkel willen -- die Verheiung eines Lebens auch
hienieden, ber die Dauer des Lebens hinaus, allein diese ist es, die
bis zum Tode frs Vaterland begeistern kann. Nicht Siegen oder Sterben
soll unsere Losung sein, da der Tod uns allen gemein und der Krieger
ihn nicht wollen darf, sondern Siegen schlechtweg. Solchen Geist zu
erwecken, verweist Fichte auf das letzte Rettungsmittel, die Bildung
der Nation zu einem durchaus neuen Selbst -- und fordert damit, was
in anderer Weise E. M. Arndt verlangte, als er der bergeistigen Zeit
eine Krftigung des Charakters gebot. Noch war die Nation in zwei
Lager gespalten. Die einen lebten dahin in mattherziger Trgheit,
in der lauwarmen Gemtlichkeit der alten Zeit; ihnen galt es eine
groe Leidenschaft in die Seele zu hauchen: Wer nicht sich als ewig
erklrt, der hat berhaupt nicht die Liebe und kann nicht lieben sein
Volk. Das sind dieselben Tne, die spter Arndt anschlug, wenn er dem
Wehrmann zurief: Der Mensch soll lieben bis in den Tod und von seiner
Liebe nimmer lassen noch scheiden; das kann kein Tier, weil es leicht
vergisset. Den anderen schwoll das Herz von heiem Zorne; schon war
unter der gebildeten Jugend die Frage, wie man Napoleon ermorden knne,
ein gewhnlicher Gegenstand des Gesprchs. Diese wilde Leidenschaft
galt es zu lutern und zu adeln: Nicht die Gewalt der Arme, noch die
Tchtigkeit der Waffen, sondern die Kraft des Gemtes ist es, welche
Siege erkmpft. Ein neues Geschlecht soll erzogen werden fern von
der Gemeinheit der Epoche, entrissen dem verderbten Familienleben,
erstarkend zu vlliger Verleugnung der Selbstsucht durch eine Bildung,
die nicht ein Besitztum, sondern ein Bestandteil der Personen selber
sei. In Pestalozzis Erziehungsplnen meint Fichte das Geheimnis dieser
Wiedergeburt gefunden. War doch in ihnen der Lieblingsgedanke des
Philosophen verkrpert, da der Wille, die eigentliche Grundwurzel
des Menschen, die geistige Bildung nur ein Mittel fr die sittliche
sei; gingen sie doch darauf aus, die Selbstttigkeit des Schlers
fort und fort zu erwecken. Wenn die Stein und Humboldt unbefangen
den gesunden Kern dieser Plne wrdigten: dem Philosophen war kein
Zweifel, der Charakter der Pestalozzischen Erziehungsweise sei -- ihre
Unfehlbarkeit; fortan sei nicht mehr mglich, da der schwache Kopf
zurckbleibe hinter dem starken.

Zu solchem Zwecke redet er fr Deutsche schlechtweg, von Deutschen
schlechtweg, nicht anerkennend, sondern durchaus beiseite setzend
und wegwerfend alle die trennenden Unterscheidungen, welche unselige
Ereignisse seit Jahrhunderten in der einen Nation gemacht haben.
Bedenket -- beschwrt er die Hrer --, da ihr die letzten seid, in
deren Gewalt diese groe Vernderung steht. Ihr habt doch noch die
Deutschen als Eines nennen hren, ihr habt ein sichtbares Zeichen
ihrer Einheit, ein Reich und einen Reichsverband, gesehen oder davon
vernommen, unter euch haben noch von Zeit zu Zeit Stimmen sich hren
lassen, die von dieser hheren Vaterlandsliebe begeistert waren. Was
nach euch kommt, wird sich an andere Vorstellungen gewhnen, es wird
fremde Formen und einen anderen Geschfts- und Lebensgang annehmen,
und wie lange wird es noch dauern, da keiner mehr lebe, der Deutsche
gesehen oder von ihnen gehrt habe? -- Auch den letzten kmmerlichen
Trost raubt er den Verzagten, die Hoffnung, da unser Volk in seiner
Sprache und Kunst fortdauern werde. Da spricht er das furchtbare Wort:
Ein Volk, das sich nicht selbst mehr regieren kann, ist schuldig,
seine Sprache aufzugeben. So geschieht ihm selber, was er seinem
Luther nachrhmte, da deutsche Denker, ernstlich suchend, mehr finden
als sie suchen, weil der Strom des Lebens sie mit fortreit. In diesem
radikalen Satze schlummert der Keim der Wahrheit, welche erst die
Gegenwart verstanden hat, da ein Volk ohne Staat nicht existiert. --
Es ist daher kein Ausweg, schlieen die Reden -- wenn ihr versinkt,
so versinkt die ganze Menschheit mit, ohne Hoffnung einer einstigen
Wiederherstellung.

Wir Nachgeborenen haben den bewegenden Klang jener Stimme nicht
gehrt, welche die andachtsvollen Zuhrer zu Berlin ergriff, -- und
jeder rechte Redner wirkt sein Grtes durch einen hchstpersnlichen
Zauber, den die Nachwelt nicht mehr begreift -- aber noch vor den
toten Lettern zittert uns das Herz, wenn der strenge Zchtiger
unseres Volkes Freude verkndigt in die tiefe Trauer und an die
mihandelten Deutschen den stolzen Ruf ertnen lt: Charakter haben
und deutsch sein ist ohne Zweifel gleichbedeutend. -- Und welchen
Widerhall erweckten diese Reden in der Welt? Achselzuckend lie der
Franzose den trichten Ideologen gewhren, gleichgltig erzhlte der
Moniteur von einigen Vorlesungen ber Erziehung, die in Berlin einigen
Beifall gefunden. Die Fremden wuten nicht, aus wie tiefem Borne dem
deutschen Volke der Quell der Verjngung strmte, und kein Verrter
erstand, ihnen den politischen Sinn der Reden zu deuten. Mit wieviel
schrferem politischen Blicke hatte einst Machiavelli seinem Volke den
allerbestimmtesten Plan der Rettung mit den bestdurchdachten Mitteln
vorgezeichnet! Aber sein =Principe= blieb ein verwegenes Traumbild; die
Reden des deutschen Philosophen wurden einer der Funken, daran sich
die Glut der Befreiungskriege entzndete. Fichte freilich meinte, sein
Wort sei verhallt in den tiefverderbten Tagen, sein ganzes System sei
nur ein Vorgriff der Zeit. Denn es ist das tragische Geschick groer
Mnner, da sie ihren eigenen Geist nicht wiedererkennen, wenn er von
den Zeitgenossen empfangen und umgeformt wird zu anderen Gestalten,
als sie meinten. Und dennoch war der Redner an die deutsche Nation nur
der Mund des Volkes gewesen, er hatte nur dem, was jedes Herz bewegte,
einen khnen, hochgebildeten Ausdruck geliehen. Denn was war es anders,
als jene hhere Vaterlandsliebe, die der noch ungeborenen Enkel denkt
-- was anders war es, das den Landwehrmann von Haus und Hof und Weib
und Kindern trieb, das unsere Mtter bewog, alles kstliche Gut der
Erde bis zu dem Ringe des Geliebten fr ihr Land dahinzugeben? Was
anderes war es, als da sie unser gedachten? In diesem Sinne -- denn
wer ermit die tausend geheimnisvollen Kanle, welche das durchdachte
Wort des Philosophen fortleiteten in die Htte des Bauern -- in diesem
Sinne hat Fichtes Wort gezndet, und die Kundigen stimmten ein, wenn
Friedrich Gentz, diesmal wahrhaft ergriffen, sagte: So gro, tief und
stolz hat fast noch niemand von der deutschen Nation gesprochen.

Wieder kamen Jahre stiller Arbeit. Unter den ersten wirkte Fichte
bei der Grndung der Berliner Hochschule, die dem erwachenden neuen
Geiste ein Herd sein sollte. Ein Glck, da Wilhelm v. Humboldt,
als ein besonnener Staatsmann, an die altbewhrten berlieferungen
deutscher Hochschulen anknpfte und die verwegenen Gedanken des
Philosophen verwarf; denn mit der ganzen Strenge seiner herrischen
Natur hatte Fichte einen Plan mnchischer Erziehung entworfen, der
die Jugend absperren sollte von jeder Berhrung mit den Ideenlosen,
doch in Wahrheit jede echte akademische Freiheit vernichtet htte.
Um so unerschtterlicher bekmpfte er auf der neuen Hochschule die
falsche akademische Freiheit; er fand es verwerflich, grundverderblich,
Nachsicht zu ben mit alten unseligen Unsitten der Jugend. Das wste
Burschenleben war ihm eine bewute, mit Freiheit und nach Gesetzen
hergebrachte Verwilderung. In diesen Jahren weihte er seine ganze Kraft
dem Lehramte. Die gewohnte Macht ber die jugendlichen Gemter blieb
ihm nach wie vor. Er nutzte sie, den Keim zu legen zu der deutschen
Burschenschaft. Er frderte, wie schon frher in Jena, unter den
Studierenden den Widerstand gegen den Unfug der alten Landsmannschaften
und warnte die Gesellschaft der Deutsch-Jnger vor jenen beiden
Irrtmern, welche spter die Burschenschaften lhmten: sie sollten sich
hten, mittelalterlich und deutsch zu verwechseln, und sorgen, da das
Mittel -- die Verbindung -- ihnen nicht wichtiger werde als der Zweck
-- die Belebung deutschen Sinnes. --

Endlich erfllten sich die Zeiten; dies Geschlecht, das er verloren
gab, fand sich wieder; denn so tief war es nie gesunken, als der
Idealist meinte. Die Trmmer der groen Armee kehrten aus Ruland
heim, die Provinz Preuen stand in Waffen, der ostpreuische Landtag
harrte auf das Wort des Knigs. Der Knig erlie von Breslau den
Aufruf zur Bildung von Freiwilligen-Korps; aber noch war der Krieg an
Frankreich nicht erklrt. Auf der Strae begegneten den franzsischen
Gendarmen dichte Haufen still drohender Bauern, die zu den Fahnen
zogen; und Fichtes Schler zitterten vor Ungeduld, dem Rufe des Knigs
zu folgen, doch sie warteten des Lehrers. Wer meinte nicht, da in
diesen schwlen Tagen der Erwartung ein glhender Aufruf aus Fichtes
Munde wie ein Blitzstrahl htte einschlagen sollen? -- Schlicht und
ernst, wie nach einem groen Entschlusse, tritt er endlich am 19.
Februar 1813 vor seine Studenten. Nur selten berichten die lauten
Annalen der Geschichte von dem Edelsten und Eigentmlichsten der groen
historischen Wandlungen. So ist auch das Herrlichste der reinsten
politischen Bewegung, die je unser Volk erhob, noch nicht nach Gebhr
gewrdigt -- jener Geist schlichter, gefater Manneszucht, der das
Ungeheuere vollzog so ruhig, so frei von jedem falschen Pathos, wie
die Erfllung alltglicher Brgerpflichten. Nichts staunenswrdiger
an diesen einzigen Tagen, als jener ernste, unverbrchliche Gehorsam,
der unser Volk selbst dann noch beherrschte, da die hochgehenden
Wogen volkstmlicher Entrstung die Decke sprengten, die sie lange
gehemmt. Ein Heldenmut ist es, natrlich, selbstverstndlich in den
Tagen tiefer Bewegung, dem Rohre der feindlichen Kanone freudig ins
Gesicht zu blicken, aber jedes Wort des Preises verstummt vor der
mannhaften Selbstbeherrschung, die unsere Vter beseelte. Als ein
Heisporn des ostpreuischen Landtags die Genossen fragte: wie nun,
meine Herren, wenn der Knig den Krieg nicht erklrt? -- da erwiderte
ihm Heinrich Theodor von Schn: Dann gehen wir ruhig nach Hause.
Durchaus getrnkt von diesem Geiste ernster Brgerpflicht war auch die
Rede, die Fichte jetzt an seine Hrer richtete. Er habe, gesteht er,
lange geschwankt, ehe er mit solchem Worte vor seine Schler getreten
sei. Die Wissenschaft allerdings sei die strkste Waffe gegen das Bse,
und in diesem Kampfe wrden Siege erfochten, dauernd fr alle Zeit.
Aber zu dem geistigen Streite bedrfe es des uern und des innern
Friedens: und nur darum, weil diese Ruhe des Gemtes ihn selber, trotz
vielfacher bung in der Selbstbesinnung, zu verlassen beginne, schliee
er jetzt seine Vorlesungen. -- Das einfache Wort gengte, die Jnglinge
in die Reihen der Freiwilligen zu fhren. Noch einmal ist ihm dann der
Gedanke gekommen, als ein Redner in das Lager zu gehen -- noch einmal
vergeblich. Dann ist Fichte krank und halb gelhmt mit den gelehrten
Genossen und dem kaum mannbaren Sohne in den Landsturm getreten; Lanze
und Sbel lehnten nun an der Tr des Philosophen.

Als die Kunde erscholl von den herrlichsten deutschen Siegen, von den
Tagen von Hagelberg und Dennewitz, selbst dann hat er nicht gelassen
von der alten tchtigen Weise, den Dingen nachzudenken bis zum Ende. Im
Sommer 1813 hielt er vor den wenigen Studierenden, die dem Kampfe fern
blieben, Vorlesungen ber die Staatslehre. Auch jetzt noch bewegt er
sich ausschlielich im Gebiete der Ideen; seinen khnsten Stzen fgt
er stolz abweisend hinzu: Es gilt vom Reiche (der Vernunft), nicht von
ihren Lumpenstaaten. Noch immer geht er dem Staate der Wirklichkeit
mit radikaler Hrte zu Leibe; Erblichkeit der Reprsentation ist ihm
ein absolut vernunftwidriges Prinzip, die erste Pflicht der Frsten
wre, in dieser Form nicht da zu sein, der Wahn der Ungleichheit ist
bereits durch das Christentum praktisch vernichtet. Aber wie viel
reicher und tiefsinniger erscheint ihm jetzt der Staat! Mit scharfen
Worten sagt er sich los von der naturrechtlichen Lehre, die er bereits
in den Reden an die deutsche Nation verlassen hatte. Er verwirft die
schlechte Ansicht, welche im Staate nur den Schtzer des Eigentums
erblickt und darum Kirche, Schule, Handel und Gewerbe allein den
Privatleuten zuweist und im Falle des Krieges die Ruhe fr die erste
Brgerpflicht erklrt. Der Staat ist berufen, die sittliche Aufgabe auf
Erden zu verwirklichen. In den beiden schnen Vorlesungen, die von
dem Begriffe des wahrhaften Krieges handeln, stellt er scharf und
schroff die sinnliche und die sittliche Ansicht vom Staate einander
gegenber. Nach jener gilt zuerst das Leben, sodann das Gut, endlich
der Staat, der es schtzt. Nach dieser steht obenan die sittliche
Aufgabe, das gttliche Bild; sodann das Leben in seiner Ewigkeit, das
Mittel dazu, ohne allen Wert, auer inwiefern es ist dieses Mittel;
endlich die Freiheit, als die einzige und ausschlieende Bedingung,
da das Leben sei solches Mittel, drum -- als das einzige, was dem
Leben selbst Wert gibt. -- Der einst mit dem Mitrauen des deutschen
Gelehrten die Zwangsanstalt des Staates betrachtet, er sieht jetzt mit
der Begeisterung eines antiken Brgers in dem Staate den Erzieher des
Volkes zur Freiheit, alle Zweige des Volkslebens weist er der Leitung
des Staates zu. Nur in einem solchen Staate ist ein eigentlicher
Krieg mglich, denn hier wird durch feindlichen Einfall die allgemeine
Freiheit und eines jeden besondere bedroht; es ist darum jedem fr die
Person und ohne Stellvertretung aufgegeben der Kampf auf Leben und Tod.

Schon lngst waren seine radikalen Theorien dann und wann erhellt
worden durch ein Aufblitzen historischer Erkenntnis; bereits in
seiner Jugendschrift ber die franzsische Revolution hatte er
Friedrich den Groen gepriesen als einen Erzieher zur Freiheit. Doch
jetzt erst beginnt er die historische Welt recht zu verstehen. Er
erkennt, da ein Volk gebildet werde durch gemeinsame Geschichte,
und berufen sei, in dem angehobenen Gange aus sich selber sich
fortzuentwickeln zu einem Reiche der Vernunft. Alle Staaten der
Geschichte erscheinen ihm jetzt als Glieder in der groen Kette
dieser Erziehung des Menschengeschlechts zur Freiheit. Ist diese
Erziehung dereinst vollendet, dann wird irgendeinmal irgendwo die
hergebrachte Zwangsregierung einschlafen, weil sie durchaus nichts
mehr zu tun findet, dann wird das Christentum nicht blo Lehre, nein,
die Verfassung des Reiches selber sein. In diesem Reiche werden die
Wissenschaftlichen regieren ber dem Volke, denn alle Wissenschaft
ist tatbegrndend. So gelangt auch Fichte zu dem platonischen
Idealbilde eines Staates, welchen die Philosophen beherrschen. Und
wenn der nchterne Politiker betroffen zurckweicht vor diesem
letzten Fluge des Fichteschen Geistes, so bleibt doch erstaunlich,
wie rasch die groe Zeit sich ihren Mann erzogen hat: der Held des
reinen Denkens wird durch den Zusammenbruch seines Vaterlandes zu
der Erkenntnis gefhrt, da der Staat die vornehmste Anstalt im
Menschenleben, die Verkrperung des Volkstums selber ist. Nher
eingehend auf die Bewegung des Augenblicks schildert er das Wesen des
gewaltigen Feindes, der unter den Ideenlosen der Klgste, der Khnste,
der Unermdlichste, begeistert fr sich selber, nur zu besiegen ist
durch die Begeisterung fr die Freiheit. So stimmt auch Fichte mit
ein in die Meinung unserer groen Staatsmnner, welche erkannten,
da die Revolution in ihrem furchtbarsten Vertreter bekmpft werden
msse mit ihren eigenen Waffen. Fast gewaltsam unterdrckt er den
unabweislichen Argwohn, da nach dem Frieden alles beim alten bleibe.
Nicht ungergt freilich lt er es hingehen, da man in solchem Kampfe
noch gotteslsterlich von Untertanen rede, da die Formel Mit Gott fr
Knig und Vaterland den Frsten gleichsam des Vaterlandes beraube.
Aber alle solche Makel der groen Erhebung gilt es als schlimme alte
Gewohnheiten zu bersehen; dem Gebildeten soll sich das Herz erheben
beim Anbruche seines Vaterlandes. Beim Anbruche seines Vaterlandes --
die aus der Ferne leidenschaftslos zurckblickende Gegenwart mag diese
schne Bezeichnung der Freiheitskriege besttigen, welche die hart
enttuschten Zeitgenossen kummervoll zurcknahmen.

Auch zu einer rein publizistischen Arbeit ward der Denker durch die
Sorge um den Neubau des Vaterlandes veranlat. Alsbald nach dem Aufrufe
des Knigs an sein Volk schreibt er den vielgenannten Entwurf einer
politischen Schrift. Die wenigen Bltter sind unschtzbar nicht blo
als ein getreues Bild seiner Weise zu arbeiten -- denn hier, in der
Tat, sehen wir ihn pochen und graben nach der Wahrheit, den Verlauf des
angestrengten Schaffens unterbrechen mit einem nachdenklichen Halt,
dies schrfer! und die Schlacken der ergrndeten Wahrheit emporwerfen
aus der Grube -- sondern mehr noch, weil uns hier Fichte entgegentritt
als der erste namhafte Verkndiger jener Ideen, welche heute
Deutschlands nationale Partei bewegen. Schon oft war, bis hinauf in die
Kreise der Mchtigsten, der Gedanke eines preuischen Kaisertums ber
Norddeutschland angeregt worden. Hier zuerst verkndet ein bedeutender
Mann mit einiger Bestimmtheit den Plan, den Knig von Preuen als einen
Zwingherrn zur Deutschheit an die Spitze des gesamten Vaterlandes
zu stellen. Parteien freilich im heutigen Sinne kannte jene Zeit noch
nicht, und Fichte am wenigsten htte sich der Mannszucht einer Partei
gefgt; er schreibt seine Bltter nur nieder, damit diese Gedanken
nicht untergehen in der Welt. Aber kein Parteimann unserer Tage mag
das tdliche Leiden unseres Volkes, da es mediatisiert ist, klarer
bezeichnen als er mit den Worten, das deutsche Volk habe bisher an
Deutschland Anteil genommen allein durch seine Frsten. Noch immer
schwebt ihm als hchstes Ziel vor Augen eine Republik der Deutschen
ohne Frsten und Erbadel, doch er begreift, da dieses Ziel in
weiter Ferne liege. Fr jetzt gilt es, da die Deutschen sich selbst
mit Bewutsein machen. -- Alle groen deutschen Literatoren sind
gewandert, ruft er stolz; und jenes freie Nationalgefhl, das diese
glnzenden Geister trieb, die Enge ihres Heimatlandes zu verlassen,
mu ein Gemeingut des Volkes werden, damit zuletzt der Einzelstaat als
berflssig hinwegfalle. Ein haltbarer Nationalcharakter wird gebildet
zunchst durch die Freiheit, denn ein Volk ist nicht mehr umzubilden,
wenn es in einen regelmigen Fortschritt der freien Verfassung
hineingekommen. Aber auch im Kriege wird ein Volk zum Volke, und hier
spricht er ein Wort, dessen tiefster Sinn sich namentlich in Fichtes
Heimatlande als prophetisch bewhrt hat: Wer den gegenwrtigen Krieg
nicht mitfhren wird, wird durch kein Dekret dem deutschen Volke
einverleibt werden knnen. Als einen Erzieher zur Freiheit, zur
Deutschheit brauchen wir einen Kaiser. sterreich kann die Hand nie
erheben zu dieser Wrde, weil es unfrei und in fremde undeutsche Hndel
verwickelt ist; sein Kaiser ist durch sein Hausinteresse gezwungen,
deutsche Kraft zu brauchen fr seine persnlichen Zwecke. Preuen
aber ist ein eigentlich deutscher Staat, hat als Kaiser durchaus
kein Interesse zu unterjochen, ungerecht zu sein. Der Geist seiner
bisherigen Geschichte zwingt es fortzuschreiten in der Freiheit, in den
Schritten zum Reich (das will sagen: zum Vernunftreiche); nur so kann
es fortexistieren, sonst geht es zugrunde.

So -- nicht eingewiegt, nach der gemeinen Weise der Idealisten, in
leere Illusionen, aber auch nicht ohne frohe Hoffnung ist Fichte
in den Tod gegangen fr sein Land. Welch ein Wandel seit den Tagen
der Revolutionskriege, da er der Geliebten noch vorhielt, da sie
gleichgltig sei gegen die Welthndel! Der Schwung der groen Zeit,
die opferbereite Empfindung weiblichen Mitgefhls fhrt jetzt Johanna
Fichte unter die wunden Krieger der Berliner Hospitler. Alle guten und
groen Worte des Gatten von der Macht der gttlichen Gnade werden ihr
lebendig und strmen von ihrem Munde, da sie die unbrtigen Jnglinge
der Landwehr mit dem hitzigen Fieber ringen, in letzter Schwche, in
unbezwinglichem Heimweh die Heilung von sich weisen sieht. In den
ersten Tagen des Jahres 1814 bringt sie das Fieber in ihr Haus. Einen
Tag lang verweilt der Gatte an ihrem Lager, erffnet dann gefat seine
Vorlesungen und findet, zurckgekehrt, die Totgeglaubte gerettet. In
diesen Stunden des Wiedersehens, meint der Sohn, mag den starken Mann
der Tod beschlichen haben. In seine letzten Fiebertrume fiel noch
die Kunde von der Neujahrsnacht 1814, da Blcher bei der Pfalz im
Rheine den Grenzstrom berschritt und das feindliche Ufer widerhallte
von den Hurrarufen der preuischen Landwehr. Unter solchen Trumen von
kriegerischer Gre ist der streitbare Denker verschieden am 27. Januar
1814. Sein Lob mag er selber sagen: Unser Mastab der Gre bleibe der
alte: da gro sei nur dasjenige, was der Ideen, die immer nur Heil
ber die Vlker bringen, fhig sei und von ihnen begeistert.

Seitdem ist eine lange Zeit vergangen, Fichtes Name ist im Wechsel
gepriesen worden und geschmht, ist aufgetaucht und wieder
verschwunden. Als die kriegerische Jugend, heimkehrend von den
Schlachtfeldern, in die Hrsle der Hochschulen zurckstrmte, da
erst ward offenbar, wie tief das Vorbild des Vaters Fichte in den
jungen Seelen haftete. Die Jugend soll nicht lachen und scherzen, sie
soll ernsthaft und erhaben sein, war seine Mahnung, und wirklich,
wie Fichtes Shne erschienen diese spartanischen Jnglinge, wie
sie einherschritten in trutziger Haltung, abgehrteten Leibes, in
altdeutscher Tracht, hochpathetische Worte voll sittlichen Zornes und
vaterlndischer Begeisterung redend. Die Ideen, welche diese jungen
Kpfe entzckten, lagen zwar tief begrndet in der ganzen Richtung der
Zeit, aber unzweifelhaft gebhrt den Lehren Fichtes daran ein starker
Anteil. Vor seinem Bilde, dessen lautere Hoheit uns kein Schopenhauer
hinwegschmhen wird, erfllte sich das junge Geschlecht mit jenen
Grundstzen herber Sittenstrenge, die unseren Hochschulen eine heilsame
Verjngung brachten. Und welch ein Vorbild der Deutschheit besa die
Jugend in ihm, der aus der dumpfen Gemtlichkeit des kurschsischen
Lebens sich emporrang zu jenem vornehmen Patriotismus, welcher nur noch
Deutsche schlechtweg kennen wollte und den Kern unserer Nation in der
norddeutsch-protestantischen Welt erblickte. Mochte er immerhin seinen
politischen Ideen die abwehrende Weisung hinzufgen: Auf Gehei der
Wissenschaft soll die Regierung jene bndigen und strafen, welche diese
Lehren auf die Gegenwart anwenden: -- die Jugend wute nichts von
solcher Unterscheidung. Die Hoheit seiner Ideen und der Radikalismus
seiner Methode wirkten berauschend auf die deutschen Burschen. Der
deutsche Staat ist in der Tat einer; ob er nun als einer oder mehrere
erscheine, tut nichts zur Sache -- solcher Worte diktatorischer Klang
drang tief in die jungen Seelen. Die Vorstellung, da das Bestehende
schlechthin unberechtigt sei und einem deutschen Reiche weichen msse,
ward durch Fichtes Lehren mchtig gefrdert.

Als eine edle Barbarei hat man treffend die Stimmung der Burschenschaft
bezeichnet, und auch an den Snden dieser edlen Barbaren ist Fichte
nicht schuldlos. Seine mnchische Strenge spiegelt sich wider in
dem altklugen, unjugendlichen Wesen, das uns so oft zurckstt
von der wackeren teutonischen Jugend. Wenn er immer wieder die
Bildung des Charakters betonte, war es da zu verwundern, da
schlielich die Jugend, die den Wert eines gereiften Charakters
noch nicht zu beurteilen vermag, mit Vorliebe den polternden
Moralpredigern folgte und an alle glnzenden Geister unseres Volkes
den Mastab der Gesinnungstchtigkeit legte? Wenn er unermdlich
die Jugend darstellte als den noch reinen Teil der Nation und die
Wissenschaftlichen als die natrlichen Lenker des Volkes: -- mute
da nicht endlich die Anmaung aufwuchern in der wissenschaftlichen
Jugend? -- Unser Urteil hat das Gewicht der Geschichte selbst, es ist
vernichtend! -- in solchen Reden, die im Burschenhause zu Jena, als
Arnold Ruge jung war, widerhallten, offenbart sich die Kehrseite des
Fichteschen Geistes. Fichte starb zu frh; bei lngerem Leben wre all
seine wache Sorge dahin gegangen, die edle Barbarei der Jugend mavoll
und bescheiden zu erhalten. Weder Luden noch Oken oder Fries, und am
allerwenigsten der alte Jahn stand hoch genug, um die spartanische
Rauheit des jungen Geschlechts zu migen. -- Vornehmlich in dieser
sittlichen Einwirkung auf die Gesinnung des werdenden Geschlechts liegt
Fichtes Bedeutung fr die Geschichte unserer nationalen Politik -- und
wer darf leugnen, da der Fluch dieses Wirkens tausendmal berboten
ward von dem Segen? Nimmermehr wird diesem Denker gerecht, wer ihn
lediglich beurteilt als einen politischen Schriftsteller. Der Publizist
mag lcheln ber Fichtes ungebten politischen Scharfblick, der
Gelehrte von Metier mag erschrecken vor seiner mangelhaften Kenntnis
der politischen Tatsachen; aber hoch ber die Fachgelehrten und die
Publizisten hinaus erhebt sich der Redner an die deutsche Nation, wenn
er mit der Khnheit des Propheten das Ethos unserer nationalen Politik
verkndet, wenn er den zersplitterten Deutschen den Geist der echten
Vaterlandsliebe predigt, der ber den Tod hinaus zu hassen und zu
lieben vermag.

Das war mithin kein Zufall, da der Name dieses Denkers durch den
deutschen Bundestag in den Kot getreten ward. Viel zu milde, leider,
lautet das landlufige Urteil, da unser Volk mit Undank belohnt worden
fr die Errettung der Throne, die sein Blut erkauft. Als ein Verbrechen
vielmehr galt zu Wien und Frankfurt der Geist des Freiheitskrieges.
Und wer hatte den militrischen Jakobinismus des preuischen Heeres
schroffer, schonungsloser ausgesprochen als Fichte in den Worten:
Kein Friede, kein Vergleich! Auch nicht falls der zeitige Herrscher
sich unterwrfe und den Frieden schlsse! Ich wenigstens habe den
Krieg erklrt und bei mir beschlossen, nicht fr seine Angelegenheit,
sondern fr die meinige, meine Freiheit. Wie sehr mute die Woge
demokratischen Zornes und Stolzes, welche in diesen Worten brandet,
jene Schmalz und Kamptz erschrecken, die den Freiheitskrieg fr eine
Tat gewhnlichen Gehorsams erklrten, vergleichbar dem Wirken der
Spritzenmannschaft, die zum Lschen befehligt wird! Darum, als die
Zentral-Untersuchungskommission zu Mainz den unbeschmten Augen des
Bundestages die demagogischen Umtriebe darlegte, standen obenan unter
den verbrecherischen Geheimbnden -- die Vereine, welche in den Jahren
1807-13 sich gebildet zum Zwecke der Vertreibung der Franzosen, und die
Liste der Verdchtigen ward erffnet mit den erlauchten Namen von --
Fichte und Schleiermacher. Nur mit Errten denken wir der Tage, da man
in Berlin verbot, die Reden an die deutsche Nation aufs neue zu drucken.

Mag es sein, da Fichtes nervige Faust den Bogen zu heftig spannte
und ber das Ziel hinausscho; in der Richtung nach dem Ziel ist
sicherlich sein Pfeil geflogen. Die Zeit wird kommen, die Sehergabe
des Denkers zu preisen, der Preuen die Wahl stellte, unterzugehen
oder fortzuschreiten zum Reiche. Mag es sein, da der verwegene
Idealist oftmals abirrte in der nchternen Welt der Erfahrung: -- ein
Vorbild des Brgermutes ist er uns geworden, der lieber gar nicht sein
wollte, als der Laune unterworfen und nicht dem Gesetz. Und auch das
praktisch Mgliche hat der Theoretiker dann immer getroffen, wenn er
handelte von den sittlichen Grundlagen des staatlichen Lebens. Alle
Vorwnde der Zagheit, all das trge Harren auf ein unvorhergesehenes
glckliches Ereignis -- wie schneidend weist er sie zurck, wenn
er versichert, keiner der bestehenden Landesherren knne Deutsche
machen, nur aus der Bildung des deutschen Volksgeistes werde das
Reich erwachsen. Wenn wir willig diesem Worte glauben, so hoffen
wir dagegen -- oder vielmehr wir mssen es wollen, da ein anderer
Zukunftsspruch des Denkers nicht in Erfllung gehe. Schon einmal sahen
wir ihn, nach der Weise der Propheten, sich tuschen in der Zeit:
sechs Jahre schon nach den Reden an die deutsche Nation erhebt sich
das Geschlecht, das er gnzlich aufgegeben. Sorgen wir, da dies Volk
nochmals rascher lebe, als Fichte meinte, da wir mit eigenen Augen das
einige Deutsche Reich erblicken, welches er im Jahre 1807 bescheiden
bis in das 22. Jahrhundert verschob. -- Wieder ist den Deutschen die
Zeit des Kampfes erschienen; wieder steht nicht der Gedanke gerstet
gegen den Gedanken, nicht die Begeisterung wider die Begeisterung.
Die Idee streitet gegen das Interesse, die Idee, da dieses Volk zum
Volke werde, wider das Sonderinteresse von wenigen, die an das nicht
glauben, was sie verteidigen. Wenn die Langsamkeit dieses Streites,
der uns aus sittlichen noch mehr denn aus politischen Beweggrnden
zu den Fahnen ruft, uns oft lhmend auf die Seele fllt, dann mgen
wir uns aufrichten an dem Fichteschen Worte der Verheiung, da in
Deutschland das Reich ausgehen werde von der ausgebildeten persnlichen
Freiheit und in ihm erstehen werde ein wahrhaftes Reich des Rechts,
gegrndet auf die Gleichheit alles dessen, was Menschenangesicht trgt.
Damit, frwahr, sind bezeichnet die bescheidensten, die gerechtesten
Erwartungen der Deutschen. Was die Deutschen, wenn sie den Einmut
finden, ihren Staat zu grnden, bei miger Macht dennoch hoch stellen
wird in der Reihe der Nationen, ist allein dieses: kein Volk hat je
grer gedacht als das unsere von der Wrde des Menschen, keines die
demokratische Tugend der Menschenliebe werkttiger gebt.

Mit schnen Worten pries Fichte das Schicksal des groen
Schriftstellers: Unabhngig von der Wandelbarkeit spricht sein
Buchstabe in allen Zeitaltern an alle Menschen, welche diesen
Buchstaben zu beleben vermgen, und begeistert, erhebt und veredelt bis
an das Ende der Tage. Nicht ganz so glcklich ist das Los, das den
Werken Fichtes selber fiel; denn nur wenige scheuen nicht die Mhe, den
echten Kern seiner Gedanken loszuschlen aus der Hlle philosophischer
Formeln, welchen die Gegenwart mehr und mehr entwchst. Doch da der
Geist des Redners an die deutsche Nation nicht gnzlich verflogen
ist in seinem Volke, davon gab die Feier seines hundertjhrigen
Geburtstages ein Zeugnis. Wohl mancher Nicolai verherrlichte an jenem
Tage den lauteren Namen des Denkers und ahnte nicht, da er seinen
Todfeind pries. Aber nimmermehr konnte ein ganzes, ehrliches Volk einen
Helden des Gedankens als einen Helden der Nation feiern, wenn nicht in
diesem Volke noch der Glaube lebte an die weltbewegende Macht der Idee.
Und er wird dauern, dieser vielgeschmhte Idealismus der Deutschen.
Und dereinst wird diesem Volke des Idealismus eine schnere Zukunft
tagen, da eine reifere Philosophie die Ergebnisse unseres politischen
Schaffens, unseres reichen empirischen Wissens in einem groen
Gedankensysteme zusammenfat. Wir Lebenden werden Fichtes Geist dann
am treuesten bewahren, wenn alle edleren Kpfe unter uns wirken, da
in unsern Brgern wachse und reife der Charakter des Kriegers, der
sich zu opfern wei fr den Staat. Die Gegenwart denkt, wenn Fichtes
Name genannt wird, mit Recht zuerst an den Redner, welcher diesem
unterjochten Volke die heldenhaften Worte zurief: Charakter haben und
deutsch sein ist ohne Zweifel gleichbedeutend. --




Knigin Luise




Knigin Luise.

    _Vortrag, gehalten am 10. Mrz 1876 im Kaisersaale des Berliner
    Rathauses._


In Wort und Schrift, in Bild und Reim ist die hochherzige Knigin,
zu deren Gedchtnis ich Sie hier versammelt sehe, oft gefeiert
worden; in der Erinnerung ihres dankbaren Volkes lebt sie fort wie
eine Lichtgestalt, die den Kmpfern unseres Befreiungskrieges, den
Pfad weisend, hoch in den Lften voranschwebte. Wollte ich dieser
volkstmlichen berlieferung folgen oder gar jener Licht ins Lichte
malenden Schmeichelei, die nach den Worten Friedrichs des Groen wie
ein Fluch an die Fersen der Mchtigen dieser Erde sich klammert,
so mte ich fast verzweifeln bei dem Versuche, Ihnen ein Bild von
diesem reinen Leben zu geben, wie der Knstler sich scheut, das
unvermischte Wei auf die Leinwand zu tragen. Das ist aber der Segen
der historischen Wissenschaft, da sie uns die Schranken der Begabung,
die endlichen Bedingungen des Wirkens edler Menschen kennen lehrt und
sie so erst unserem menschlichen Verstndnis, unserer Liebe nher
fhrt. Auch diese hohe Gestalt stieg nicht wie Pallas gepanzert, fertig
aus dem Haupte Gottes empor, auch sie ist gewachsen in schweren Tagen.
Sie hat, nach Frauenart, in schamhafter Stille, doch in nicht minder
ernsten Seelenkmpfen wie jene starken Mnner, die in Scham und Reue
den Gedanken des Vaterlands sich eroberten, einen neuen reicheren
Lebensinhalt gefunden. Dieselben Tage der Not und Schmach, welche den
treuen schwedischen Untertan Ernst Moritz Arndt zum deutschen Dichter
bildeten und dem Weltbrger Fichte die Reden an die deutsche Nation auf
die Lippen legten, haben die schne anmutvolle Frau, die beglckende
und beglckte Gattin und Mutter mit jenem Heldengeiste gesegnet,
dessen Hauch wir noch sprten in unserem jngsten Kriege.

Wie die Reformation unserer Kirche das Werk von Mnnern war, so hat
auch dieser preuische Staat, der mit seinen sittlichen Grundgedanken
fest in dem Boden des Protestantismus wurzelt, allezeit einen
bis zur Herbheit mnnlichen Charakter behauptet. Er dankt dem
liebevollen frommen Sinne seiner Frauen Unvergeliches. Am Ausgange
des Dreiigjhrigen Krieges blieb uns von der alten Groheit der
Vter nichts mehr brig als das deutsche Haus; aus diesem Born, den
Frauenhnde hteten, trank unser Volk die Kraft zu neuen Taten. Dem
ffentlichen Leben aber sind die Frauen Preuens immer fern geblieben,
im scharfen Gegensatze zu der Geschichte des katholischen Frankreichs.
Ganz deutsch, ganz preuisch gedacht ist das alte Sprichwort, das jene
Frau die beste nennt, von der die Welt am wenigsten redet. Keine aus
der langen Reihe begabter Frstinnen, welche den Thron der Hohenzollern
schmckten, hat unseren Staat regiert. Auch Knigin Luise besttigte
nur die Regel. Ihr Bild, dem Herzen ihres Volkes eingegraben, ward
eine Macht in der Geschichte Preuens, doch nie mit einem Schritte
bertrat sie die Schranken, welche der alte deutsche Brauch ihrem
Geschlechte setzt. Es ist der Prfstein ihrer Frauenhoheit, da sich
so wenig sagen lt von ihren Taten. Wir wissen wohl, wie sie mit dem
menschenkundigen Blicke des Weibes immer eintrat fr den tapfersten
Mann und den khnsten Entschlu; auch einige, nur allzuwenige,
schne Briefe erzhlen uns von dem Ernst ihrer Gedanken, von der
Tiefe ihres Gefhles. Das alles gibt doch nur ein mattes Bild ihres
Wesens. Das Geheimnis ihrer Macht lag, wie bei jeder rechten Frau,
in der Persnlichkeit, in dem Adel natrlicher Hoheit, in jenem
Zauber einfacher Herzensgte, der in Ton und Blick unwillkrlich und
unwiderstehlich sich bekundete. Nur aus dem Widerscheine, den dies
Bild in die Herzen der Zeitgenossen warf, kann die Nachwelt ihren
Wert erraten. Nach dem Tage von Jena mute auch Preuen den alten
Fluch besiegter Vlker ertragen: eine Flut von Anklagen und Vorwrfen
wlzte sich heran wider jeden Mchtigen im Staate. Noch schroffer und
schrfer hat in den leidenschaftlichen Parteikmpfen der folgenden
Jahre die schonungslose Hrte des norddeutschen Urteils sich gezeigt;
kein namhafter Mann in Preuen, der nicht schwere Verkennung, grausamen
Tadel von den Besten der Zeit erfuhr. Allein vor der Gestalt der
Knigin blieben Verleumdung und Parteiha ehrfrchtig stehen; nur eine
Stimme von Hoch und Niedrig bezeugt, wie sie in den Tagen des Glckes
das Vorrecht der Frauen bte, mit ihrem strahlenden, glckseligen
Lcheln das Kleine und Kleinste zu verklren, in den Zeiten der Not
durch die Kraft ihres Glaubens die Starken sthlte und die Schwachen
hob. --

Das gute Land Mecklenburg hat unserem Volke die beiden Feldherren
geschenkt, welche die Schlachten des neuen Deutschlands schlugen;
wir wollen ihm auch die Ehre gnnen, diese Tochter seines alten
Frstenhauses sein Landeskind zu nennen, obgleich sie fern dem Lande
ihrer Vter geboren und erzogen wurde. An dem stillen Darmstdter
Hofe geno die kleine Prinzessin mit ihren munteren Schwestern das
Glck einer schlicht natrlichen, keineswegs sehr sorgfltigen
Erziehung. Da sie heranwuchs, erzhlte alle Welt von den wunderschnen
mecklenburgischen Schwestern. Jean Paul widmete ihnen seine
berschwengliche Huldigung. Goethe lugte im Kriegslager vor Mainz
verstohlen zwischen den Falten seines Zeltes hervor und musterte die
lieblichen Gestalten mit gelassenem Kennerblicke; seiner Mutter, der
alten Frau Rat, lachte die Kinderlust aus den braunen Augen, wenn die
jungen Damen nach Frankfurt kamen und im Dichterhause am Hirschgraben
Specksalat aen oder an dem Brunnen im Hofe sich selber einen frischen
Trunk holten.

So menschlich einfach wie die Kindheit der Prinzessin verlief, ist
auch der Schicksalstag der Frau in ihr Leben eingetreten; dort in
Frankfurt, am Tische des Knigs von Preuen, fand sie den Gatten,
der ihr fortan der beste aller Mnner blieb. An lauten Huldigungen
hat es wohl noch niemals einer deutschen Frstenbraut gefehlt; das
war doch mehr als der frohe Zuruf angestammter Treue, was die beiden
mecklenburgischen Schwestern bei ihrem Einzug in Berlin begrte. In
einem Augenblicke gewann die Kronprinzessin alle Herzen, da sie das
kleine Mdchen, das ihr die blichen Hochzeitsverse hersagte, in der
Einfalt ihrer Freude, zum Entsetzen der gestrengen Oberhofmeisterin
umarmte und kte. Die unerfahrene siebzehnjhrige Frau, aufgewachsen
im einfachsten Leben, sollte sich nun zurecht finden auf dem
schlpfrigen Boden dieses mchtigen Hofes, wo um den frh gealterten
Knig ein Gewlk zweideutiger Menschen sich scharte, wo der geistvolle
Prinz Ludwig Ferdinand sein unbndig leidenschaftliches Wesen trieb und
der Kronprinz mit seiner frommen Sittenstrenge ganz vereinsamt stand;
da fand sie eine treue und kundige Freundin an der alten Grfin Vo.
Wer kennt sie nicht, die strenge Wchterin aller Formen der Etikette,
die in siebzig Jahren hfischen Lebens das gute Herz, das gerade Wort
und den tapferen Mut sich zu bewahren wute? Sie gab ihrer Herrin den
besten Rat, der einer jungen Frau erteilt werden kann: keinen anderen
Freund und Vertrauten sich zu whlen als ihren Gemahl; und dabei blieb
es bis zum Tode der Frstin.

Fr den edlen, doch frh verschchterten und zum Trbsinn geneigten
Geist Friedrich Wilhelms ward es ein unschtzbares Glck, da er einmal
doch herzhaft mit vollen Zgen aus dem Becher der Freude trinken,
die schnste und liebevollste Frau in seinen Armen halten, an ihrer
wolkenlosen Heiterkeit sich sonnen durfte. Aber auch die Prinzessin
fand bei dem Gatten, was die rechte Ehe dem Weibe bieten soll: sie
rankt sich empor an dem Ernst, dem festen sittlichen Urteile des reifen
Mannes, lernt manche wirre Trumerei des Mdchenkopfes aufzugeben.
Unablssig strebt sie sich zur inneren Harmonie zu bilden; ihre
wahrhaftige Natur duldet keine Phrase, keinen halbverstandenen Begriff.
Etwas Liebenswrdigeres hat sie kaum geschrieben als die naiven
Briefe an ihren alten freimtigen Freund, den Kriegsrat Scheffner. Da
fragt sie kindlich treuherzig, damals schon eine reife Frau und viel
bewunderte Knigin: was man eigentlich unter Hierarchie verstehe, und
wann die Gracchischen Unruhen, die Punischen Kriege gewesen; frgt
man aber nicht und schmt sich seiner Einfalt gegen jeden, so bleibt
man immer dumm, und ich hasse entsetzlich die Dummheit. Sie lebt
sich ein in die Geschichte des kniglichen Hauses, teilt mit ihrem
Gemahl die Begeisterung fr Friedrich den Groen und whlt sich unter
den Frstinnen des Hohenzollernstammes ihren Liebling: jene sanfte
Oranierin, die schon einmal den Namen Luise den Preuen wert gemacht,
die erste Gemahlin des Groen Kurfrsten, die unserem evangelischen
Volke das Lied Jesus meine Zuversicht sang. A. W. Schlegel hatte
einst der einziehenden Braut zugerufen: Du bist der goldnen Zeit
Verknderin. Fast schien es, als sollte der Dichtergru sich erfllen.
Leicht und heiter flossen die Tage; wir Nachlebenden, die wir auch
davon zu reden wissen, schenken der guten Grfin Vo willig Glauben,
wenn sie in ihrem Tagebuche am 22. Mrz 1797 vergnglich von der Geburt
eines Prinzen erzhlt und weise hinzufgt: es ist ein prchtiger
kleiner Prinz. Wenn der Blick der glcklichen Mutter auf der dichten
Schar ihrer schnen Kinder ruhte, dann rief sie wohl: Die Kinderwelt
ist meine Welt!

Nach der Thronbesteigung ihres Gemahls lernte die junge Knigin auch
die entlegenen Provinzen des Staates kennen; berall, selbst bei
den Polen in Warschau, derselbe jubelnde Empfang wie einst in der
Hauptstadt. Sie war stets bereit, fr den schweigsamen Knig das Wort
zu nehmen zu einer freundlichen Ansprache, doch jeden Eingriff in die
Staatsgeschfte des Mannes wies sie bescheiden von sich. Jeder von uns
hat wohl einmal aus dem Munde des alten Geschlechts, das heute zu Grabe
geht, vernommen, wie das Volk mit seiner schnen Knigin lebte. Als ich
vor Jahren auf die Ksseine im Fichtelgebirge wanderte, da erzhlte der
Fhrer, ein steinalter Mann, wie er einst als junger Bursch mit dem
Knig und der Knigin desselben Wegs gezogen; er fand des Schwatzens
kein Ende, dann zerschnitt er ein Farnkraut, zeigte uns die dunklen
Punkte auf dem Querschnitt des weien Stengels und meinte stolz: das
sei der brandenburgische Adler, und dies Adlerfarnkraut wachse nur
hier auf den alten preuischen Fichtelbergen.

berall in Preuen war die junge Frstin behaglicher Ruhe, warmer
Anhnglichkeit begegnet, berall schien das Volk von der alten Ordnung
befriedigt; die getreuen Breslauer versicherten beim Einzuge: von
Freiheit schwatze wer da mag, der Preue finde in dem geliebten
Knigspaare sein hchstes Glck. Und doch schwankte der Staat, der so
sicher schien, lngst haltlos einer entsetzlichen Niederlage entgegen.
Kein Zeitraum der preuischen Geschichte liegt so tief im Dunkel,
wie das erste Jahrzehnt Friedrich Wilhelms =III.= Das furchtbare
Unglck und die glorreiche Erhebung der folgenden Jahre haben ihren
breiten Schatten ber diese stille Zeit geworfen; niemand bemht
sich, sie zu durchforschen. Man schliet aus den schweren Gebrechen,
welche der Tag von Jena blolegte, kurzerhand zurck und verdammt
den Anfang des Jahrhunderts als eine Epoche geistloser Erstarrung.
Dies Urteil kann schon deshalb nur halb richtig sein, weil die Helden
der Wiedererhebung, Stein und Hardenberg, Scharnhorst und Blcher,
allesamt schon vor dem Jahre 1806 dem Staate dienten, manche bereits
in hohen mtern. Fast alle die reformatorischen Taten, welche nachher
dem niedergeworfenen Staate neue Strke brachten, die Befreiung des
Landvolks, die Neugestaltung des Heeres, die Stiftung der Universitt
Berlin, sind schon vor der Jenaer Schlacht erwogen und vorbereitet
worden. Der Knig betrachtete die Bluttaten der Revolution mit dem
Abscheu des ehrlichen Mannes, doch ber den berechtigten Kern der
furchtbaren Bewegung urteilte er unbefangener als die Legitimisten
seines Hofadels. Schlicht und bescheiden, arbeitsam und pflichtgetreu,
ganz unberhrt von adeligen Vorurteilen, wollte er ein Knig der
Bettler sein nach der berlieferung seines Hauses. Er ist Demokrat
auf seine Weise -- sagte einer seiner Minister zu dem franzsischen
Gesandten Otto: -- er wird die Revolution, die ihr von unten nach
oben vollzogen, bei uns langsam von oben nach unten durchfhren; er
arbeitet ohne Unterla, die Vorrechte des Adels zu beschrnken, aber
durch langsame Mittel; in wenigen Jahren wird es keine feudalen Rechte
mehr in Preuen geben. Aber keiner dieser wohlgemeinten Entwrfe kam
zur Reife; es lag wie ein Bann auf den Gemtern. Die Keime frischen
jungen Lebens, die in dem Staate sich regen, vermgen die Decke
nicht zu sprengen; die ganze Zeit, so reich an verborgenen geistigen
Krften, trgt jenen schwunglos philisterhaften Charakter, den wir
alle aus der kahlen Nchternheit ihrer Bauten, aus der Alten Mnze und
hnlichen einst vielbewunderten Kunstwerken genugsam kennen. Man blieb
bei bedachtsam schchternen Vorbereitungen, die kaum fr Tage tiefen
Friedens gengten. Und whrenddem wankte die alte Welt in ihren Fugen,
auf rollenden Rdern strmte die neue Zeit daher, ein kurzes Jahrzehnt
warf die Grenzen aller Lnder durcheinander, erhob auf den Trmmern der
alten Staatengesellschaft das napoleonische Weltreich. Der preuische
Staat verlor den Boden unter seinen Fen; das Deutsche Reich kam ins
Wanken, und die waffenlosen Kleinstaaten des Sdwestens, Preuens altes
Werbegebiet, wurden durch die gewaltige Faust des Eroberers zu greren
Massen zusammengeballt, bildeten sich selber ihre Heere, verschlossen
ihr Land den preuischen Werbern.

Wie war es mglich, da in diesem scharf urteilenden, bis zur
Tadelsucht freimtigen norddeutschen Volke so lange die Frage gar
nicht aufkam: ob denn unser Norden immerdar wie eine friedliche
Insel in dem tosenden Meere des Weltkrieges ruhen, ob Preuen allein
unwandelbar bleiben knne in diesem groen Wandel der Zeiten? Die
Knigin, die so oft das rechte Wort zu finden wute, hat auch hier
die zutreffende Antwort gegeben: Wir waren eingeschlafen auf den
Lorbeeren Friedrichs des Groen. Die Gre der fridericianischen
Tage lastete lhmend auf diesem Geschlechte. Dieser Staat, kaum erst
durch wunderbare Siege emporgehoben in die Reihe der groen Mchte,
war noch vor wenigen Jahren der bestregierte des Festlandes gewesen;
noch im letzten Kriege hatten seine wohlgeschulten Soldaten den
verachteten franzsischen Katzenkpfen ihre berlegenheit gezeigt.
Nun ruhte er so wohlgeborgen hinter der Demarkationslinie des Baseler
Friedens, den ganz Norddeutschland als eine Wohltat pries; unter dem
Schutze der preuischen Waffen blhten Handel und Wandel, die deutsche
Dichtung sah ihre schnsten Tage. Dem Knige schien es ein Frevel, so
vielen Segen leichtfertig auf das Spiel zu setzen. Wenn sein klarer
Verstand zuweilen sich fragte: wie es doch zuging, da die vielen
kleinen Siege der rheinischen Feldzge am Ende nur zu einer politischen
Niederlage gefhrt hatten? und ob die neue Zeit nicht neue Formen
fordere? -- dann traten ihm die alten Generale, die noch die Krnze der
fridericianischen Siege um die Stirn trugen, mit berlegener Sicherheit
entgegen, und scheu verbarg er seine guten Gedanken wieder im Busen.

An einem groen Migeschicke des Gemeinwesens ist niemand ganz
schuldlos, und auch die Knigin war es nicht. Sie wute wohl, warum
sie in den Tagen des Unglcks die rhrende Klage: Wer nie sein Brot
mit Trnen a߫ in ihr Tagebuch schrieb und selbst den letzten herben
Vorwurf sich nicht ersparte: Denn jede Schuld rcht sich auf Erden.
Die unbewute Selbstsucht des Glckes hatte auch ihr den Gesichtskreis
verengert, so da sie von den sittlichen Schden des sinkenden Staates
lange nichts ahnte. In der reinen Luft ihres befriedeten Hauses blieb
ihr verborgen, welche wste, berfeinerte Unzucht ihr Wesen trieb in
diesem Berlin, das wenige Jahre spter allen anderen deutschen Stdten
mit opferfreudiger Vaterlandsliebe voranging; sie selbst wie ihr Gemahl
verkehrte leutselig und schlicht mit jedermann, doch im Heere und in
den hheren Stnden herrschte ein Ton geringschtzigen bermutes gegen
die kleinen Leute, der alle Grundlagen des brgerlichen Friedens zu
erschttern drohte. Die Glckliche ahnte nicht, wie alles morsch ward
in dem Staate, wie das Auge des groen Knigs zrnend auf die Erben
niederblickte.

Die Grfin Vo hatte schon vor Jahren, da ihre Herrin um die Geburt
eines toten Kindes trauerte, feinfhlend erkannt, wie dieser Charakter
durch das Unglck gehoben wurde. Erst als das Verderben dem Staate
nher rckte, begann die Knigin mit gespannten Blicken dem Gange der
Ereignisse zu folgen, und Friedrich Gentz erstaunte, sie so genau und
sicher unterrichtet zu finden. Seit der Besetzung Hannovers durch die
Franzosen lag die Schwche der Monarchie vor aller Augen; nicht einmal
ihren Stolz, die Sicherheit des deutschen Nordens, hatte sie zu hten
verstanden; seitdem ahnte die Knigin, da die Friedensliebe des Hofes
zur Feigheit wurde. Ihr ganzes Wesen wird freier und grer in diesen
sorgenvollen Jahren, auch ihr Geschmack edler und reiner: wenn sie
vordem an den trnenseligen Romanen des Modedichters Lafontaine sich
gern erbaute, so lt sie jetzt nur noch das Echte und Tiefe gelten und
erhebt sich das Herz an Herder und Goethe, wie an Schillers mchtigem
Pathos.

Das heilige Reich brach zusammen, die Frsten des Sdens und Westens
traten als Vasallen unter Frankreichs Schutz. Da endlich wagte
Knig Friedrich Wilhelm allzuspt die berlieferungen seines Oheims
wieder aufzunehmen und die letzten Deutschen unter seinen Fahnen
zu sammeln. Er versuchte, dem Rheinbunde einen norddeutschen Bund
entgegenzustellen; diese Rckkehr Preuens zu seiner alten deutschen
Politik fhrte den verhngnisvollen Krieg herbei. An einem Tage
strzte der Waffenruhm des fridericianischen Heeres in Trmmer, und
es folgte jene Zeit der Schmach und Schande, die uns noch heute, so
oft und so glorreich geshnt, in der Erinnerung emprt. Die Knigin
hat noch spter die Vorstellungen eines franzsischen Unterhndlers
zurckgewiesen mit den Worten: Die Frauen haben ber Krieg und Frieden
nicht mitzusprechen. Sie weilte fern im Bade zu Pyrmont, als in Berlin
der Krieg beschlossen wurde; aber ich wrde -- so gestand sie beim
Ausbruch des Kampfes an Gentz -- fr den Krieg gestimmt haben, wenn
man mich gefragt htte, weil die Ehre gebot, aus unserer zweideutigen
Haltung herauszutreten. Mit sicherem Instinkt ahnte Napoleon die Kraft
des Widerstandes, die in diesem schwachen Weibe schlummerte; wie er
allezeit in den sittlichen Mchten des Vlkerlebens die gefhrlichsten
Feinde seines Weltreichs sah und die Ideologen mit seinem wildesten
Hasse verfolgte, so berhufte er auch die fromme Frau auf dem
preuischen Throne mit den pbelhaften Schimpfreden der Wachtstube; er
schildert sie in seinen Bulletins als die Kriegsfurie Preuens, als die
Armida, die im Wahnsinn ihr eigenes Schlo anzndet: =elle voulait du
sang=!

Die Knigin bemerkte wohl die ratlose Verwirrung im Hauptquartiere,
und zu dem zaudernden Feldherrn, dem alten Herzog von Braunschweig,
wollte sie kein Vertrauen fassen. Einen so jhen Fall, wie er nun ihrer
Krone bereitet wurde, hatte sie doch nicht erwartet. Das glnzende
Bild von dem Staate Friedrichs des Groen, daran sie seit dreizehn
Jahren bewundernd geglaubt, lag pltzlich in Scherben vor ihren Fen;
weinend erzhlte sie ihren Shnen auf der Flucht: Der Knig hat sich
getuscht in der Tchtigkeit seiner Generale, seines Heeres. Aber
mitten im Unglck erhebt sie sich zu jener Ansicht des Vlkerlebens,
welche der mutigste Mann immer mit dem frmmsten Weibe teilen wird.
Die Zeiten machen sich nicht selbst, die Menschen machen die Zeit --
und wieder: Es kann nur gut werden in der Welt durch die Guten. Das
ist die knigliche Auffassung der Geschichte; der gesamte Staatsbau der
Monarchie ruht auf dem Gedanken, da Personen die Geschichte machen.
In solchen Zeiten der hchsten Not darf die Stimme des natrlichen
Gefhles mitreden im Rate der Staatskunst; die Knigin bte Frauenrecht
und Frstenpflicht, wenn sie jetzt dem tiefgebeugten Gemahl trstend
zur Seite stand und ihn bestrkte in dem Entschlusse, den ungleichen
Kampf fortzufhren bis zum Schwinden der letzten Hoffnung. Alle
Schrecken des Krieges brachen ber die Unglckliche herein. Krank und
fiebernd flieht sie aus Knigsberg vor dem Feinde, denn lieber in die
Hnde Gottes fallen, als in die Hnde dieser Menschen; da sie in einem
elenden Bauernhause auf der Kurischen Nehrung bernachtet, jagt der
Sturm die eisigen Flocken durch das zerbrochene Fenster ber das Bett
der kranken Knigin. In Memel, auf der letzten Scholle deutscher Erde,
die noch frei und preuisch war, fand sie ein bescheidenes Obdach.
Damals lernte sie unter strmenden Trnen das Wort verstehen: Leid und
Elend sind Gottes Segen.

Den Ha der Rmerin hat das sanfte Herz der deutschen Frau nie gekannt;
nur ihre stolze Verachtung traf den groen Feind, der ihr der Held
der rohen Selbstsucht war, und niemals wollte sie glauben, da Gottes
Weisheit diese Herrschaft der frechen Gewalt auf die Dauer zulassen
knne. Sie sah, wie der alte deutsche Heldenmut wieder lebendig ward
unter den tapferen Verteidigern von Kolberg, Graudenz und Danzig; ihre
tiefe Frmmigkeit und das gute Zutrauen zu ihrem Volke begegneten
sich in der berzeugung, da dieser Staat nicht untergehen knne:
Der politische Glaube ist wie der religise, eine feste Zuversicht
dessen, was man hoffet, aber nicht siehet. Vor diesen Briefen der
schmerzbeladenen, hoffnungsstarken Knigin wird uns ein uraltes
Gefhl des Germanenherzens wieder lebendig: die fromme Scheu vor dem
Weibe: und wir verstehen, warum unsere Ahnen einst im Dickicht der
cheruskischen Wlder eine heilige und weissagende Macht, =sanctum
aliquid providumque=, an ihren Frauen ehrten. Der Mann geht auf in den
Kmpfen und Sorgen des Augenblicks; das sichere gesammelte Gefhl des
Weibes vermag in schweren Tagen klarer als er die Zeichen der Zeit zu
deuten, hinter dem Glanze des Siegers die hohle Nichtigkeit, unter der
Schmach des Besiegten die ungebrochene Kraft zu ahnen. Als der Knig
nach der Schlacht von Eylau, der ersten, die der Unbesiegte nicht
gewonnen, die lockenden Friedensvorschlge Napoleons zurckweist und
sich weigert, den russischen Bundesgenossen zu verlassen, da schreibt
seine Gemahlin einfltig wie ein glubiges Kind: Das wird Preuen
einst Segen bringen! So einfach, wie sie whnte, sind Lohn und Strafe
im Leben der Vlker nicht verteilt; gleichwohl bleibt dem frommen Worte
seine Wahrheit: ohne den Sinn altpreuischer Ehre, den der Knig bei
jener schweren Versuchung bewahrte, htte der Staat sich nie wieder
erhoben. Was die Preuen empfanden, da sie also den heldenhaften Sinn
ihrer schnen Knigin kennen lernten, das wissen wir aus den Versen
Heinrich von Kleists:

    Denn eine Glorie in jenen Nchten
    Umglnzte deine Stirn, von der die Welt
    Am lichten Tag der Freude nichts geahnt.
    Wir sah'n dich Anmut endlos niederregnen;
    Da du so gro als schn warst, war uns fremd.

Noch eine letzte, schmhliche Demtigung stand der mihandelten Frau
bevor. Zar Alexander gab seinen treuen Bundesgenossen preis und schlo
den Tilsiter Frieden; aus Rcksicht auf den neugewonnenen russischen
Freund verstand sich Napoleon dazu, die Vernichtung Preuens, die
lngst beschlossene Sache war, aufzuschieben und dem Knige die
Hlfte der Monarchie zurckzugeben. Da ersann die frevelhafte Torheit
feigherziger Ratgeber den Vorschlag: die unvergelich beleidigte
Knigin solle selber den Sieger um mildere Bedingungen bitten. Auch
dies uerste nahm sie auf sich, in der frauenhaften Hoffnung, es
knne ihr vielleicht doch gelingen, das Herz des Eroberers zu rhren
und ihrem Volke einige Erleichterung zu bringen. Die Hoffnung trog.
Mit rohem Spotte schrieb Napoleon an seine Josephine: Es htte mir zu
viel gekostet, den Galanten zu spielen; und an Clarke: Sie begreifen,
da der Knig von Preuen sehr unzufrieden ist, da er sein Bollwerk,
Magdeburg, in meinen Hnden lassen mu.

In der entlegensten Provinz des verstmmelten und ausgesogenen
Staates verbrachte nun der Hof zwei schwere Jahre. Man zeigt noch
in dem alten Ordensschlosse zu Knigsberg das bescheidene Eckzimmer
mit dem dunklen Alkoven daneben, wo die Knigin wohnte: ein kleiner
Schreibtisch, ein mehr als einfaches Klavier; von der Wand blickt
das Bildnis Scharnhorsts mit groen, tiefen Augen hernieder. Welche
Zeiten! Ringsum auf Schritt und Tritt die Erinnerungen an Preuens
Macht und Glck: von jenem Fenster da hatte Luise vor zehn Jahren den
Jubel des Huldigungsfestes mit angehrt; hier vor diesem Tore steht das
Schltersche Standbild des ersten Knigs, von ihrem Gemahl einst dem
edlen Volke der Preuen gewidmet; dort im Vorzimmer der Ofenschirm
stammt noch aus den Hohenfriedberger Tagen, da der groe Knig wie ein
junger Gott von Sieg zu Sieg strmte, irgendeine bermtige kleine
Prinzessin hat zierlich die Inschrift darauf gestickt: =pour nous
point d'Alexandre, le mien l'emporte!= Und daneben diese jammervolle
Gegenwart! Der Staat, ausgestoen aus dem Kreise der groen Mchte,
mitten im Frieden von feindlichen Truppen berschwemmt, verspottet
und geschmht von seinen Landsleuten. Die deutsche Nation fand kein
Wort des Mitleids, nur Hohn und Schadenfreude fr die Besiegten.
In Preuen aber lebte noch die alte Treue. Frst und Volk traten
einander nher, wie im verwaisten Hause die berlebenden sich inniger
zusammenschlieen; der rmliche Hofhalt zu Knigsberg und Memel empfing
von allen Seiten rhrende Beweise der Teilnahme, der Knig lud seine
getreuen Stnde als Paten zur Taufe der jngsten Prinzessin. Dies
stolze und trotzige Ostpreuen, das Stiefkind Friedrichs des Groen,
schlo in Not und Trbsal, ohne viele Worte, den Herzensbund mit seinem
Herrschergeschlechte, der im Frhjahr 1813 seine Kraft bewhren sollte.

Die schwere Natur Friedrich Wilhelms verwand nur langsam die Schlge
des Unglcks; er glaubte oft, da ihm nichts gelinge, da er fr jedes
Unheil geboren sei. Da er nun einmal mit der Knigin die Grber der
preuischen Herzge im Chore des Doms zu Knigsberg besuchte, fiel
sein Blick auf die Grabschrift: Meine Zeit in Unruhe, meine Hoffnung
zu Gott. Wie entsprechend meinem Zustande! rief er erschttert und
whlte sich das ernste Wort zum Wahlspruch fr sein eigenes Leben. Nur
das Pflichtgefhl hielt ihn aufrecht unter der Brde seines schweren
Amtes. Er begann mit Scharnhorst die Herstellung des zerrtteten Heeres
und berief den Freiherrn vom Stein fr den Neubau der Verwaltung. Mit
herzlichem Vertrauen begrte die Knigin den Mann groen Herzens,
umfassenden Geistes: Stein kommt, und mit ihm geht mir wieder etwas
Licht auf. Sie war mit ihm und ihrem Gemahl einig in dem Gedanken,
da es gelte, alle sittlichen Krfte des erschlafften Staates zu
beleben; fast wrtlich bereinstimmend mit den allbekannten Worten,
die der Knig seiner Berliner Hochschule in die Wiege band, schrieb
sie einmal: Wir hoffen den Verlust an Macht durch Gewinn an Tugend
reichlich zu ersetzen.

Die Acht Napoleons trieb den stolzen Reichsfreiherrn aus dem Lande,
gerade in dem Augenblicke, da ein neuer Krieg des Imperators gegen
sterreich sich vorbereitete und die Knigin auf eine Erhebung
des gesamten Deutschlands hoffte. Sie besa nach Frauenart wenig
Verstndnis fr die mchtigen Interessen, welche trennend zwischen den
beiden Gromchten des alten Reiches standen, und sah in sterreich
schlechtweg den stammverwandten Genossen. Mit der Mahnung, unsere
leidenden sterreichischen Brder dereinst zu rchen, hatte sie
vor Jahren ihren ltesten Sohn begrt, da er zum ersten Male den
Offiziersrock trug. Vor wie nach dem Kriege bekannte sie: Meine
Hoffnung ruht auf der Verbindung alles dessen, was den deutschen Namen
trgt -- whrend der Knig, die militrische Lage richtiger schtzend,
nicht ohne Rulands Beistand den neuen Kampf wagen wollte. Jetzt aber
fochten die Russen auf Frankreichs Seite; die Absichten des Wiener
Hofes, der die Schlacht von Jena mit kaum verhohlener Schadenfreude
begrt hatte, blieben in verdchtigem Dunkel. Das unfhige Kabinett,
das die Erbschaft Steins angetreten, fand in der schwierigen Lage
keinen festen Entschlu; sterreich unterlag, und die kriegerische
Begeisterung des deutschen Nordens verrauchte in einigen kecken
Parteigngerzgen. Die Knigin aber schrieb verzweifelnd: sterreich
singt sein Schwanenlied, und dann ade, Germania!

Zwei Tage der Hoffnung waren ihr noch beschieden am Abend ihres kurzen
Lebens. Sie kehrt zurck in ihr geliebtes Berlin, und als sie durch
das Knigstor einzog in dem neuen Wagen, den ihr die verarmte Stadt
verehrt, nahebei der Knig zu Ro und die beiden ltesten Shne im Zuge
ihres Regiments, da begrten die dichtgedrngten Massen den Hof wie
die Truppen mit herzlichem Willkommruf; Preuens Volk und Heer, die
einander so bitter gescholten und angeklagt, feierten ihre Vershnung,
um fortan einig zu bleiben fr alle Zukunft. Bald nachher, wenige Tage
bevor die Knigin ihre letzte Reise antrat, entlie Friedrich Wilhelm
das Ministerium Altenstein; er verwarf die Abtretung von Schlesien, die
ihm seine kleinmtigen Rte zumuteten, und berief Hardenberg an die
Spitze der Geschfte. Mit dem neuen Staatskanzler kam frisches Leben in
die Verwaltung; er fhrte das Werk der Reformen des Freiherrn vom Stein
khn und besonnen weiter und bereitete durch ein viel verkanntes kluges
diplomatisches Spiel die groe Erhebung vor, whrend Scharnhorst die
Waffen schrfte fr den Tag der Befreiung. Diesen Tag zu erleben hatte
Luise nie gehofft. Ihr zarter Krper erlag dem verzehrenden Kummer.
In ihrer Heimat, in den Armen des Gatten ist sie den Tod der Christin
gestorben. Die letzten Zeilen ihrer Feder lauteten: Ich bin heute so
glcklich, liebster Vater, als Ihre Tochter und als die Frau des Besten
der Mnner. Das gesamte Volk trauerte mit dem Witwer; doch auf dem
Leben des schwergeprften Frsten blieb ein dunkler Schatten; niemals,
auch nicht in den Tagen der leuchtenden Siege, hat er das starke,
schwellende Gefhl des Glckes wiedergefunden.

Ohne jede Ahnung des eigenen Wertes, wie sie immer war, hat die Knigin
einst selber ausgesprochen, was sie von dem Urteil der Geschichte
erwartete: Die Nachwelt wird mich nicht zu den berhmten Frauen
zhlen; aber mge sie von mir sagen: sie duldete viel, sie harrte aus
im Dulden und sie gab Kindern das Dasein, welche besserer Zeiten wrdig
waren, sie herbeizufhren gestrebt und endlich sie errungen haben.
Wie ber alles menschliche Hoffen hinaus ist diese demtig-stolze
Erwartung in Erfllung gegangen! Die historische Wissenschaft fhrt
ihre denkenden Jnger zurck zu dem schlichten Glauben, da der Eltern
Segen den Kindern Huser baut; denn sie lehrt, wie die Vergangenheit
fortwirkt mitten in der lrmenden Gegenwart, und das Leben des Menschen
nicht abschliet mit dem letzten Atemzuge. Nur wenigen Glcklichen
ist ein so reiches Leben nach dem Tode beschieden gewesen, wie dieser
deutschen Knigin. Die Hoffnung besserer Zeiten war in der Tat, wie
Schleiermachers Trauerpredigt sagte, ihr kstlichstes Vermchtnis. Wer
noch deutschen Stolz im Herzen trug, gedachte ihres Ausspruchs: Wir
gehen unter mit Ehren, geachtet von Nationen, und werden ewig Freunde
haben, weil wir sie verdienen. Der alte Blcher meinte grimmig, da
er die Nachricht ihres Todes empfing: Wenn die Welt in die Luft
flge, mir wr' es recht. Als endlich die Stunde der Erhebung schlug,
da stiftete der Knig an Luisens Geburtstage den Orden des Eisernen
Kreuzes, als ob er ihren Schutz anrufen wollte fr den heiligen Krieg.
Wer wei es nicht aus den Liedern Theodor Krners, wie das Verlangen,
die zu Tode gequlte Knigin an dem ungromtigen Sieger zu rchen, die
tapfere Jugend des Befreiungskrieges entflammte? Wer sprte nicht in
dem gottesfrchtigen, menschenfreundlichen Sinne jener Heldenscharen
einen Hauch von dem Geiste der Verklrten? Da der Friede kam, zogen
jahraus jahrein Tausende zu dem stillen Tempel in Charlottenburg, und
wahrlich nicht blo um das Werk des Knstlers zu bewundern, dem die
Tote einst selber den Weg zu groem Schaffen ebnete, sondern um sich
das Herz zu erquicken an dem Anblick eines geliebten Menschenbildes.
Die beiden gewaltigen Knige unseres achtzehnten Jahrhunderts wurden
geehrt und gefrchtet, wenig geliebt. Mit dem Hause der Knigin
Luise lebte und litt das Land; seitdem erst entstand zwischen den
Hohenzollern und ihrem Volke jenes einfach menschliche Verstndnis, das
die Leidenschaften der Parteien nie zerstren konnten.

Wenn ich die Stimmung recht verstehe, welche an dem Gedenktage der
Knigin ber unserer Stadt und ber diesem Saale liegt, so ist uns
allen zumute, als ob wir heute die ruhevolle Hoheit der lieblichen
Gestalt mit eigenen Augen erblickt htten. Zeiten des Glckes sind
stark im Vergessen; diese Tote aber ward ihrem Volke nach jedem neuen
Siege lieber und vertrauter. Die Mutter schrieb ihr klagendes: Ade
Germania! Ihrem Sohne beschied ein wundervolles Geschick, den Morgen
eines langersehnten neuen Tages ber sein Volk heraufzufhren, mit
seinem guten Schwerte die Herrlichkeit des Deutschen Reiches wieder
aufzurichten. An dem Grabe seiner Eltern -- wir alle erlebten es ja
mit tief erschttertem Herzen -- hat der Sohn sich Mut und Kraft
gesucht fr die Schlachten des groen Krieges, fr den steilen Weg zur
kaiserlichen Krone.

Fern sei es von uns, heute einen verjhrten Ha gewaltsam zu beleben,
der seinen Sinn verloren hat, seit Frankreich lngst die Bue seiner
Schuld gezahlt, oder dies und jenes Wort der Knigin leichtfertig
auszubeuten fr die Parteizwecke der Gegenwart. Wir werden das
Andenken der Mutter unseres Kaisers dann am wrdigsten ehren, wenn
wir auch in den Tagen der Siege die Demut des Herzens und die stolze
Geringschtzung der endlichen Gter des Lebens uns erhalten, wenn wir
in diesem mnnischen Jahrhundert, unter den Hammerschlgen hastiger
Arbeit und dem Lrmen der politischen Kmpfe die alte deutsche
ritterliche Ehrfurcht vor Frauensitte und Frauenanmut uns bewahren, vor
jenen menschlichen Tugenden, welche dem Ruhm und der Macht der Vlker
allein die Gewhr der Dauer geben.




Stein




Stein.


Heinrich Friedrich Karl Freiherr vom und zum Stein wurde den 26.
Oktober 1757 zu Nassau an der Lahn von sehr achtungswerten Eltern
geboren und -- so erzhlt er selbst -- unter dem Einflusse ihres
religisen, echt deutschritterlichen Beispiels auf dem Lande erzogen;
die Ideen von Frmmigkeit, Vaterlandsliebe, Standes- und Familienehre,
Pflicht das Leben zu gemeinntzigen Zwecken zu verwenden und die
hierzu erforderliche Tchtigkeit durch Flei und Anstrengung zu
erwerben, wurden durch ihr Beispiel und Lehre tief meinem jungen
Gemte eingeprgt. Er lernte, nach aristokratischer Weise, sich der
Gewalt des Hauses zu beugen; ein Beschlu der Eltern bestimmte ihn,
den jngsten Sohn, zum alleinigen Erben und Stammhalter des uralten,
reichsfreien Geschlechts. Die Welt des Schnen ergriff ihn weniger
mchtig als die meisten Shne seines Jahrhunderts. Sein krftiger,
auf das Wirkliche gerichteter Geist versenkte sich frh in die
historischen Dinge. Er sah in der Geschichte nicht blo eine Fundgrube
politischer Erkenntnis, sondern vornehmlich eine Schule des sittlichen
Ernstes und jener strengen, tief religisen Frmmigkeit, die er sich
in den Tagen der Aufklrung unwandelbar bewahrte. Als die sittlichen
Vorbilder seines Lebens nennt er selbst seine Mutter (eine Langwerth
von Simmern) und den Minister v. Heynitz. Er besuchte Gttingen,
Wetzlar, Regensburg, Wien, um sich, nach dem Wunsche der Eltern, auf
eine Laufbahn an den Reichsgerichten vorzubereiten. Mit Vorliebe trieb
er whrend diesen akademischen Jahren das Studium der englischen
Geschichte und Politik; Adam Smiths Werke wurden bestimmend fr seine
politische Bildung. In Brandes und Rehberg fand er gleichgesinnte
Freunde, Mnner, ergriffen von den Ideen des philosophischen
Jahrhunderts, doch zugleich auf das historisch Gewordene mit einer
andchtigen Ehrfurcht schauend, welche den meisten Zeitgenossen
abging. Der sittliche Ernst, der krftige realistische Sinn des jungen
Mannes fand keine Freude an dem unwahren, verrotteten Treiben des
Reichsgerichts. Ein Bewunderer Friedrichs des Groen und eifriger
Protestant, entschlo er sich im Jahre 1780, weit abweichend von den
Gewohnheiten des Reichsadels und seines eigenen Hauses, in preuische
Dienste zu treten.

Er fand zunchst Anstellung im Bergdepartement unter dem Minister
v. Heynitz, dem Schpfer des preuischen Staatsbergwesens. Verlie
ich es gleich im Jahre 1793, berichtet er, so hatte doch das Leben
in einem auf die Natur und den Menschen sich beziehenden, die
krperlichen Krfte zugleich entwickelnden Geschfte den Nutzen, den
Krper zu sthlen, den praktischen Geschftssinn zu beleben und das
Nichtige des toten Buchstabens und der Papierttigkeit kennen zu
lehren. Er ehrte die harte Zucht, die angestrengte Arbeitsamkeit des
altpreuischen Beamtentums, aber er erkannte schon jetzt die unseligen
Folgen bureaukratischer Bevormundung. In solcher Ansicht begegnete er
sich mit den Ideen einer aufkommenden jngeren Schule innerhalb des
preuischen Beamtentums, mit Mnnern wie Kraus und v. Schrtter, welche
nach Englands Vorbild von dem freien Spiele der sozialen Krfte die
Strke des Staates erwarteten. Wider Willen ward er einmal aus der
Verwaltungsttigkeit herausgerissen, als er (1785) den Auftrag erhielt,
den Kurfrsten von Mainz fr den Frstenbund Friedrichs des Groen
zu gewinnen. Er vollzog die Sendung mit Glck und erbat rasch seine
Zurckberufung; das Gewirr kaiserlicher und preuischer, franzsischer
und russischer Intrigen an dem geistlichen Hofe hatte ihm jenen tiefen
Widerwillen gegen die Diplomatie eingeflt, den er zeitlebens nicht
berwinden konnte. Zurckgekehrt von einer lngeren technologischen
Reise durch England, begann er im Jahre 1787 sein siebzehnjhriges
groartiges Wirken in der westflisch-niederrheinischen Verwaltung,
zuerst als Kammerdirektor und Kammerprsident in Kleve und Hamm, seit
1796 als Oberprsident in Hamm, spter in dem neuerworbenen Mnster.
Das Land dankte ihm die Anfnge moderner Verkehrsmittel; er lie
die Ruhr schiffbar machen und die Straenverbindung zwischen Rhein
und Weser vollenden. Trotz seiner herrisch durchgreifenden, rastlos
anfeuernden Weise verstand er die Selbstttigkeit des Volkes zu frdern
in diesem Lande, das von allen Provinzen Preuens sich allein eine
freie Gemeindeverfassung bewahrt hatte. Mit Zuziehung der Stnde fhrte
er ein verbessertes Steuerwesen und vollstndige Gewerbefreiheit auf
dem flachen Lande ein und bereitete die Aufhebung der Feudallasten
vor. Die Bewohner lohnten ihm durch Verehrung und Anhnglichkeit,
sie grten ihn als den Wohltter des Landes, einen andern Adolf von
Bhmen. Er selbst lernte Westfalen als seine zweite Heimat lieben und
erfllte sich mit dem Stolze eines preuischen Patrioten, daher er auch
eine Ministerstelle in Hannover von der Hand wies.

Die aufstrebenden Kpfe in den einflureichen Kreisen Preuens schauten
lngst auf den stolzen Reichsfreiherrn als auf eine Sule des Staates.
Im nichtpreuischen Deutschland ward sein Name zum ersten Male im Jahre
1804 genannt. Er hatte die Revolutionskriege am Rhein in der Nhe
beobachtet, der Einnahme Frankfurts durch die Hessen und Preuen selber
beigewohnt und die berzeugung gewonnen, die er spter der Kaiserin von
Ruland vor versammeltem Hofe aussprach, da nicht die Nation, sondern
die Nichtigkeit ihrer Frsten das ungeheure Unglck verschuldete. Nun
sollten die Folgen des Reichsdeputationshauptschlusses sein eigenes
Haus treffen. Der Herzog von Nassau unterwarf die Gter des Steinschen
Hauses eigenmchtig seiner Landeshoheit. Stein verwahrte sein Recht in
einem Briefe vom 10. Januar 1804 und verkndete darin die Ideen einer
hochsinnigen Vaterlandsliebe, die von den Zeitgenossen kaum begriffen
ward. Deutschlands Unabhngigkeit und Selbstndigkeit wird durch die
Konsolidation der wenigen reichsritterschaftlichen Besitzungen mit
denen sie umgebenden kleinen Territorien wenig gewinnen; sollen diese
fr die Nation so wohlttigen groen Zwecke erreicht werden, so mssen
diese kleinen Staaten mit den beiden groen Monarchien, von deren
Existenz die Fortdauer des deutschen Namens abhngt, vereinigt werden,
und die Vorsehung gebe, da ich dieses glckliche Ereignis erlebe....
Es ist noch hrter, alle diese Opfer nicht irgendeinem groen, edlen,
das Wohl des Ganzen frdernden Zweck zu bringen, sondern um der
gesetzlosen bermacht zu entgehen, um -- doch es gibt ein richtendes
Gewissen und eine strafende Gottheit.

In demselben Jahre ernannte ihn der Knig zum Minister fr das
Departement der indirekten Abgaben. Ein Fachminister, ohne Einflu auf
die groe Politik, konnte Stein den unseligen Gang der Haugwitzschen
Staatskunst nicht hindern. In seinem Ressort bewirkte er die Aufhebung
der Binnen- und Provinzialzlle, er vereinfachte den Geschftsgang,
lie zum ersten Male statistische Tabellen fr den ganzen Staat
zusammenstellen, berief Niebuhr zur Reorganisation der preuischen
Bank. Er beschaffte die Geldmittel, womit der Krieg von 1806 gefhrt
wurde, stellte dringend vor, da der Kredit des Staates sich nur
durch eine kraftvolle auswrtige Politik aufrechterhalten lasse, und
beschwor den Knig, im Verein mit mehreren Prinzen und Generlen, das
geheime Kabinett und den Minister Haugwitz zu entlassen. Die Anmaung
ward hart gergt, die Katastrophe von Jena folgte. Stein rettete die
Staatsgelder nach Knigsberg und bewog den Hof zur Fortsetzung des
Kriegs. Jetzt endlich entschlo sich der Knig, einige seiner Rte zu
entlassen. Stein aber verlangte auch die Entfernung des Kabinettsrates
Beyme, bevor er sich entschlieen knne, die Leitung der Geschfte zu
bernehmen. Darauf empfing er den berufenen unbegreiflichen Brief;
der Knig nannte ihn einen exzentrischen und genialischen Mann, der
nur durch Kapricen geleitet, aus Leidenschaft und aus persnlichem Ha
und Erbitterung handelt. Sofort nahm Stein seinen Abschied (Mrz 1807)
und kehrte nach Nassau zurck. Inzwischen wurde der Friede von Tilsit
geschlossen, Napoleon bestand auf Hardenbergs Entfernung und dieser
schlug Stein als einen =homme d'esprit= dem Knige vor, um mit seiner
Hilfe den Neubau des zertrmmerten Staates zu beginnen.

Stein erhielt die Aufforderung zur Rckkehr auf dem Krankenlager. Er
nahm an, das Fieber verlie ihn, nach wenigen Tagen reiste er nach
Memel ab (September 1807). Der Knig empfing ihn tiefgebeugt und
legte vertrauensvoll die Leitung des gesamten Staatswesens in die
Hnde des Ministers, dessen Wirken nicht mehr durch die Rnke eines
geheimen Kabinetts durchkreuzt wurde. Man ging, sagte Stein, von der
Hauptidee aus, einen sittlichen, religisen, vaterlndischen Geist in
der Nation zu heben, ihr wieder Mut, Selbstvertrauen, Bereitwilligkeit
zu jedem Opfer fr Unabhngigkeit von Fremden und fr Nationalehre
einzuflen und die erste gnstige Gelegenheit zu ergreifen, den
blutigen, wagnisvollen Kampf fr beides zu beginnen. Die Ursachen
des tiefen Falles und die Mittel der Wiedererhebung schildert eine
Denkschrift Steins vom Oktober 1807, die man als das Programm des neuen
Regimentes betrachten kann, also: Das zudringliche Eingreifen der
Staatsbehrden in Privat- und Gemeindeangelegenheiten mu aufhren,
und dessen Stelle nimmt die Ttigkeit des Brgers ein, der nicht
in Formen und Papier lebt, sondern krftig handelt, weil ihn seine
Verhltnisse in das wirkliche Leben hineinrufen und zur Teilnahme an
dem Gewirre der menschlichen Angelegenheiten ntigen... Hat eine
Nation sich ber den Zustand der Sinnlichkeit erhoben, hat sie sich
eine bedeutende Masse von Kenntnissen erworben, geniet sie einen
migen Grad von Denkfreiheit, so richtet sie ihre Aufmerksamkeit
auf ihre eigenen National- und Kommunalangelegenheiten. Rumt man
ihr nun eine Teilnahme daran ein, so zeigen sich die wohlttigsten
uerungen der Vaterlandsliebe und des Gemeingeistes; verweigert man
ihr alles Mitwirken, so entsteht Mimut und Unwille, der entweder
auf mannigfaltige schdliche Art ausbricht oder durch gewaltsame den
Geist lhmende Maregeln unterdrckt werden mu. Die arbeitenden und
die mittleren Stnde der brgerlichen Gesellschaft werden alsdann
verunedelt, indem ihre Ttigkeit ausschlielich auf Erwerb und Genu
geleitet wird, die oberen Stnde sinken in der ffentlichen Achtung
durch Genuliebe und Miggang oder wirken nachteilig durch wilden,
unverstndigen Tadel der Regierung. Die spekulativen Wissenschaften
erhalten einen usurpierten Wert, das Gemeinntzige wird vernachlssigt
und das Sonderbare, Unverstndliche zieht die Aufmerksamkeit des
menschlichen Geistes an sich, der sich einem migen Hinbrten
berlt, statt zu einem krftigen Handeln zu schreiten.

Diese Gedanken stehen in einem schneidenden Widerspruche zu dem Geiste
allfrsorgender Staatsgewalt, der in dem Staate Friedrichs des Groen
vorherrschte, sie wollen allerdings die Revolution mit ihren eigenen
Waffen bekmpfen, doch sie enthalten in sich nur den kleinsten, den
probehaltigen Teil der sogenannten Ideen von 89. Niemand hat den
radikalen Bruch mit der Geschichte, den die Revolution vollzogen hatte,
leidenschaftlicher bekmpft als Stein. Eine Verfassung bilden,
schrieb er spter an den Groherzog von Baden, heit in einem alten
Volke, wie das deutsche, nicht sie aus nichts erschaffen, sondern
den vorhandenen Zustand untersuchen, um eine Regel aufzufinden, die
ihn ordnet; und allein dadurch, da man das Gegenwrtige aus dem
Vergangenen entwickelt, kann man ihm eine Dauer fr die Zukunft
sichern. Niemand durchschaute schrfer die Leerheit jener politischen
Formen, worin das neue Frankreich das Wesen der Freiheit suchte:
In Frankreich ist die Nation nur zum Schein zur Teilnahme an den
ffentlichen Angelegenheiten zugelassen, ihr gesetzgebender Krper ist
nur eine der registrierenden Verwaltungsbehrden, das Maschinenwesen
ihrer Bureaukratie ist zusammengesetzt, kostbar, in alles eingreifend
und wird von dem ungebundenen rcksichtslosen Willen eines einzelnen
geleitet. Er wollte den Neubau des Staates von unten beginnen, der
freie Staat sollte getragen werden von der freien Ttigkeit des
Brgers. Mit Stolz drfen wir diese konservativ-liberale Politik
als eine nationale der nivellierenden Staatskunst der Romanen
gegenberstellen. Zur Durchfhrung dieser Reformen fand Stein
treffliche Gehilfen in Schn, Schrtter, Niebuhr, Vincke, Stgemann,
whrend er gleichzeitig alle Mittel aufbot, die Kontributionen an
Frankreich abzuzahlen.

Zunchst vollzog der Minister in den anspruchslosesten Formen eine
tiefgreifende soziale Revolution. Ein uraltes Leiden unseres Nordens,
die Unfreiheit des Landmanns, ward beseitigt, die Emanzipation des
vierten Standes bewirkt durch das Edikt vom 9. Oktober 1807 ber
den erleichterten Besitz und den freien Gebrauch des Grundeigentums
sowie die persnlichen Verhltnisse der Landbevlkerung, welches die
Gebundenheit der buerlichen Grundstcke grtenteils beseitigte und
vor allem jedem, ohne Unterschied des Standes, den Erwerb aller Art
von Grundeigentum freistellte. Die persnliche Leibeigenschaft und der
Gesindezwang ward aufgehoben. Der Edelmann sollte fortan das Recht
haben, ein Bauer zu werden und brgerliche Gewerbe zu treiben -- ein
Recht, das zugleich als Ersatz galt fr die bisherige Bevorzugung
des Adels im Heere. Dergestalt war die scharfe Scheidung der Stnde,
welche eine der Grundlagen des friderizianischen Staates bildete, mit
einem Schlage zerstrt; denn, Aristokrat von Grund aus und ernstlich
gewillt, dem lebensfhigen Teile der Aristokratie eine einflureiche
Stellung im Staate nach englischem Muster zu sichern, verachtete Stein
die Begehrlichkeit und die kastenmige Absperrung des niederen Adels.
Der Adel in Preuen, schrieb er damals, ist der Nation lstig, weil
er zahlreich, grtenteils arm und anspruchsvoll auf Gehlter, mter,
Privilegien und Vorzge jeder Art ist. Die Khnheit des Edikts vom 9.
Oktober erhellt am klarsten aus dem Widerspruche Gneisenaus, der von
dem Gesetze die schwerste Beeintrchtigung des groen Grundbesitzes
erwartete. Es folgten die Edikte vom 28. Oktober 1807 und vom 27. Juli
1808, welche die Erbuntertnigkeit auf den Domnen aufhoben und den
Domnenbauern in Altpreuen das freie Eigentum ihrer Hfe gaben. Die
groen Grundbesitzer wurden erleichtert durch ein Generalindult -- eine
hchst gewagte Maregel, die, mit Schonung und Umsicht gehandhabt, in
der Bedrngnis jener Zeit sich vortrefflich bewhrte. Ein Edikt vom
24. Oktober 1808 gab den Verkehr mit den Lebensmitteln frei, hob den
Zunftzwang fr Bcker, Schlchter und Hker auf. Diese Gesetze bildeten
den Ausgangspunkt fr die neue Agrargesetzgebung in Preuen, obwohl
Stein selbst sich sehr hart und mibilligend uerte ber die verwegene
Fortbildung, welche seine Werke durch Hardenberg erlitten. Sie beruhten
auf der selbstndigen, eigentmlichen Anwendung von Grundstzen, welche
in Frankreich und dessen Vasallenstaaten sich bereits verwirklicht
hatten.

Eine durchaus schpferische Tat, ohne jedes Vorbild in Europa, war
dagegen die Stdteordnung vom 19. November 1808, die ihrem Urheber
den schnen Nachruf verdiente, er sei mit besserem Rechte als Knig
Heinrich der Stdtegrnder der Deutschen zu nennen. In den Stdten
von Kleve und Mark hatte Stein die berreste alter Kommunalfreiheit
achten gelernt. Das neue Gesetz gab den Stdten die Verwaltung der
Finanzen und der Polizei, den Brgern die Wahl der Magistrate und
Stadtverordneten. Es wurde die Grundlage alles dessen, was seitdem in
Deutschland fr eine Selbstverwaltung im deutschen Sinne geschehen;
selbst in England ist es, mit wenig Glck, nachgebildet worden. Ja,
wenn wir den unreifen, zweifelhaften Zustand unserer parlamentarischen
Institutionen betrachten, so erscheint leider die Behauptung
gerechtfertigt, da die an Steins Ideen anknpfenden Gemeindegesetze
bis zur Stunde den bewhrtesten, bestgesicherten Teil deutscher
Volksfreiheit bilden. Dies Gesetz war ein erster entscheidender Schlag
gegen die Bureaukratie, deren Alleinherrschaft Stein bis an sein Ende
mit unvershnlichem Hasse bekmpfte. Unser Unglck ist, schreibt
er im Alter, da wir von besoldeten, buchgelehrten, interesselosen,
eigentumslosen Buralisten regiert werden. Das geht so lange es geht.
Diese vier Worte: besoldet, buchgelehrt, interesselos, eigentumslos --
enthalten den Geist unserer geistlosen Regierungsmaschine. Es regne
oder scheine die Sonne, die Abgaben steigen oder fallen, man zerstre
alte hergebrachte Rechte oder lasse sie bestehen, man theoretisiere
alle Bauern zu Tagelhnern und substituiere an die Stelle der Hrigkeit
an den Gutsherrn die Hrigkeit an den Juden und Wucherer -- alles das
kmmert sie nicht. Sie erheben ihren Gehalt aus der Staatskasse und
schreiben, schreiben, schreiben im stillen, mit wohlverschlossenen
Tren versehenen Bureau und ziehen ihre Kinder wieder zu gleich
brauchbaren Schreibmaschinen an.

Des Ministers Absicht ging auf eine umfassende Neugestaltung des
Staates, und das von Schn verfate Rundschreiben vom 24. November
1808, bekannt unter dem Namen Steins politisches Testament, sowie
die niemals vollzogene, von demselben Tage datierte Verordnung
ber die vernderte Verfassung der obersten Verwaltungsbehrden
zeigen deutlich, in welchem groen Sinne die Reform gemeint war. Das
Nebeneinander von Fachministerien und Provinzialdepartements war
ertrglich gewesen, solange Frsten von so riesiger Arbeitskraft wie
Friedrich Wilhelm =I.= und Friedrich =II.= den lebendigen Mittelpunkt
des Staates bildeten. An der Verwaltungsorganisation des ersten Konsuls
lernte Stein die Notwendigkeit einer bersichtlichen Einteilung der
Staatsgeschfte, wie er aus den Debatten der Nationalversammlung
lernte, da der moderne Staat eine Hauptstaatskasse als den Mittelpunkt
des Kassenwesens erheische. Ein Kabinett von fnf Fachministern
sollte fortan an der Spitze der Verwaltung stehen, in Sachen der
Gesetzgebung aber nur eine Abteilung der hchsten monarchischen
Behrde, des Staatsrats, bilden, der alle hervorragenden Krfte des
Staatsdienstes in sich zu vereinigen htte. Der Plan war nichts
anderes als eine Rckkehr zu den alten Traditionen der preuischen und
jeder anderen groen Monarchie des Weltteils. Die alte Dienstordnung,
welche dem Verwaltungsbeamten das Recht der Unabsetzbarkeit, den
Regierungskollegien die Stellung von Gerichtshfen fr das ffentliche
Recht gab, war unhaltbar, seit die Stdte Selbstndigkeit erlangt
hatten; Stein verlangte Absetzbarkeit der Verwaltungsbeamten. Eine
allgemeine Einkommens- und Vermgenssteuer, ohne Ansehen des
Standes, sollte dieser kraftvollen Regierung reiche Mittel zur
Verfgung stellen. Alle Regierung und Gerichtsbarkeit sollte von
der hchsten Gewalt ausgehen, daher Abschaffung der Gutspolizei und
der Patrimonialgerichte, das will sagen: eine neue Gemeindeordnung
fr das flache Land. Das Edikt vom 9. Oktober, von seinem Urheber
die =Habeas-corpus=-Akte Preuens genannt, mu gesichert werden
durch die Abschaffung der Fronden und eine neue Gesindeordnung.
Reform des Adels, dergestalt, da er sich nach englischer Weise
durch die tchtigsten Elemente aus dem Volke immer neu ergnze.
Krftigung des religisen Lebens und des Volksunterrichts (eben jetzt
geschehen die ersten Einleitungen fr die Grndung der Berliner
Hochschule), Reform des Heerwesens in dem Geiste, der die neue
Militrreorganisations-Kommission (Scharnhorst, Gneisenau, Grolman)
beseelte und aus Blchers militrischem Glaubensbekenntnisse sprach:
Es ist vor einer Nationalarmee zu sorgen, niemand in der Welt mu
eximiert sein. Neben den Provinzialbehrden Landstnde. Zuletzt nach
Vollendung dieses Unterbaues Reichsstnde, zwar wesentlich auf dem
Grundbesitze ruhend, aber mit dem Rechte der Steuerbewilligung und der
Mitwirkung bei der Gesetzgebung, denn auf diesem Wege allein kann der
Nationalgeist positiv erweckt und belebt werden.

Ein Gewaltstreich Napoleons machte diesen Plnen ein Ende, welche,
vollstndig verwirklicht, unserem Vaterlande ein Menschenalter
tastender politischer Versuche ersparen konnten. Mitten in der Arbeit
der inneren Reform ging alles Dichten und Trachten des Ministers auf
die Abschttelung des fremden Jochs, und wenn die neuen Agrargesetze
die Anhnger v. d. Marwitz' unter dem brandenburgischen Landadel
erbitterten und einen York zu Flchen wider das Nattergezcht der
preuischen Jakobiner hinri, so erregte Steins Entschlu, den Kampf
mit dem Eroberer zu wagen, Entsetzen unter der franzsischen Partei
am Hofe, den Kalkreuth und Vo, und bei der Masse der Schwachen
und Trgen. Stein galt in diesen Kreisen, wie Gneisenau berichtet,
als ein Verzweifelter, der sich mit dem Knig auf eine Pulvertonne
setzen wollte, um sich in die Luft zu sprengen. Bereits rstete
sterreich. Stein hoffte auf eine gleichzeitige Erhebung Preuens,
er gedachte die franzsischen Satrapenlnder im Norden zum Aufstande
zu reizen und zhlte auf die Kraft der Bauern und des Mittelstandes,
whrend er nichts hoffte von der Weichlichkeit der oberen Stnde,
und dem Mietlingsgeiste der ffentlichen Beamten. Allerdings mochte
Stein damals die hohe Leidenschaft, die seinen Feuergeist verzehrte,
allzu khn in die Herzen der mden Masse bertragen. Schwerlich war
der Ha gegen die Fremden bereits tief genug in das Volk gedrungen,
um jetzt schon einen Verzweiflungskampf zu wagen. Noch weniger lie
sich erwarten, da Kaiser Franz den Krieg in jenem groen deutschen
Sinne, den Stein verlangte, beginnen und seine Truppen unter
schwarz-wei-gelbem Bundesbanner -- mit den Namen der Befreier der
Nation, Hermann und Wilhelm von Oranien, auf den Fahnen -- in das
Feld schicken werde. Ein Brief Steins, der den Frsten Wittgenstein
ermahnte, die Unzufriedenheit im Knigreich Westfalen zu schren, fiel
den Sphern Napoleons in die Hnde und erschien am 8. September 1808 im
Moniteur. Der Kongre von Erfurt beseitigte jede Hoffnung auf Rulands
Beistand, und Stein sah sich gezwungen, seinen Abschied zu fordern. Er
nahm mit sich das Lob seines Knigs, durch die Wirksamkeit eines Jahres
den ersten Grund, die ersten Impulse zu einer erneuerten, besseren
und krftigeren Organisation des in Trmmer liegenden Staatsgebudes
gelegt zu haben. Am 16. Dezember unterzeichnete Napoleon das Dekret,
welches =le nomm Stein= als einen Feind Frankreichs und des Rheinbunds
chtete und seine Gter einzog. Sie gehren nun der Geschichte an,
rief Gneisenau dem Gechteten zu. Die Nation wute jetzt, wen unter
den Deutschen der Kaiser am bittersten hate. In tausend Herzen prgte
sich jetzt das Bild des Reichsfreiherrn ein -- die gedrungene Gestalt
mit dem breiten Nacken, jh und eckig in jeder Bewegung, die funkelnden
braunen Augen und die Eulennase ber den fest geschlossenen Lippen
-- ein Geist von deutscher Tiefe und Grndlichkeit, hochgebildet und
dennoch schlicht und kernhaft, der seine schwerwiegenden Gedanken oft
in ungelenken Formen, doch mit berzeugender Kraft und volkstmlicher
Derbheit aussprach -- ein Mann ohne Menschenfurcht, vornehm und
herrisch und doch milden Sinnes um die Leiden der kleinen Leute besorgt
-- voll Feuers und heiligen Zornes, aber ein demtiger Christ und klug
besonnen inmitten der Aufregung, unerschtterlich im Glauben an die
Zukunft seines Volkes und an das Walten der Vorsehung -- der ganze Mann
eine wunderbare Verbindung von Naturkraft und Bildung, Tatkraft und
Billigkeit, von glhender Leidenschaft und nchterner Erwgung.

Steins Nachfolger ward nicht Schn, den er vorgeschlagen, sondern
Altenstein, unter dessen Verwaltung der Staat, in tiefe Schwche
versunken, den Gechteten nicht zu beschtzen wagte. In Brnn,
Troppau, Prag verlebte Stein die nchsten Jahre, doch selbst unter dem
Ministerium Stadion konnte man zu Wien sich nicht entschlieen, diese
gewaltige Kraft zum Kampfe gegen Napoleon zu verwerten. Stein durfte
dann und wann den sterreichischen Staatsmnnern einen Rat erteilen, er
versuchte auch, als im Jahre 1810 Hardenberg sein Ministerium bildete,
wieder auf Preuens Geschicke einzuwirken, auf die innere Verwaltung
wie auf die Vorbereitung eines Volkskrieges nach dem Muster Spaniens
und der Vende. Im ganzen blieb er ohne Einflu. Es war die Zeit, da
Gneisenau die entsetzlichen Worte schrieb: Wir drfen es uns nicht
verhehlen, die Nation ist so schlecht als ihr Regiment.

Auch Stein, der soeben die Erhebung sterreichs vom Jahr 1809
mit Bewunderung betrachtet, verlebte jetzt Augenblicke, da er an
dem preuischen Staate und an dem unverbesserlichen Phlegma der
nrdlichen Deutschen verzweifelte. Endlich bei dem Herannahen des
russischen Feldzugs schien ihm die Stunde gekommen fr einen groen
Befreiungsversuch. Er hatte schon im Jahre 1808 den Zaren Alexander zu
einer selbstndigen Politik ermahnt und bot ihm jetzt seine Dienste
an. Fast gleichzeitig (Mai 1812) ereilte ihn die Einladung des Zaren.
Er blieb ohne amtliche Stellung, als ein selbstndiger Rat, eine Macht
durch sich selber, an Alexanders Seite, und soweit die nun folgenden
Ereignisse von dem Willen einzelner Sterblicher abhingen, hat Stein an
der Befreiung Europas ein greres Verdienst als irgendein Mensch. Er
war es, der den Kaiser zu dem Entschlusse bewog, den Krieg bis nach
Sibirien hinein fortzusetzen, er erfllte den schwachen, edelsinnigen
Monarchen mit einem Hauche seiner eigenen Leidenschaft, er bestimmte
ihn, nach dem Siege, den Wnschen des Heeres zum Trotz, den Niemen zu
berschreiten. Je nher die Gefahr sich heranwlzte, um so freudiger
und zuversichtlicher hob sich alles Schneidige und Heldenhafte seines
Wesens. Er verachtete die Oberflchlichkeit der meisten gebildeten
Russen, doch er freute sich an der religisen Begeisterung, dem
Opfermute des Volkes, und auch unter den hheren Stnden fand er
treffliche Helfer, so die Grafen Kotschubey und Lieven. Er sah in
dem russischen Kriege nur ein Mittel fr seinen teuersten Zweck,
die Befreiung Deutschlands. Stein stand an der Spitze des deutschen
Komitees in Petersburg, lie Aufrufe unter den Rheinbundstruppen
verbreiten, um sie zur Fahnenflucht zu verleiten, und durch die
Schriften seines treuen E. M. Arndt auf die Herzen der Deutschen
wirken, er bildete -- mit geringem Erfolg -- die deutsche Legion als
den Kern des knftigen deutschen Heeres, er drang auf Verbindung
mit England und zeigte der Regierung die Mittel, welche ihr nachher
ermglichten, 40 Millionen Rubel russischen Papiergeldes in Deutschland
umzusetzen und also den Krieg fortzufhren. Whrend er also jeden Hebel
in Bewegung setzte zur Bekmpfung Napoleons, fand er doch Worte der
Billigkeit fr jene preuischen Offiziere, welche, dem Fahneneide treu,
im Heere des Imperators fochten.

Die Plne, welche er in jenem Petersburger Winter fr Deutschlands
Umgestaltung entwarf, sind das Idealste und Verwegenste, was jemals
ber deutsche Politik gedacht worden. Und dies bildet, nchst seiner
Teilnahme an der Umgestaltung Preuens und der Befreiung Europas,
das dritte welthistorische Verdienst des Mannes: er hat frher und
schrfer als irgendein Staatsmann die Einheit Deutschlands, ohne
Phrasen und Vorbehalte, als das hchste Ziel deutscher Politik
aufgestellt, er war der erste unter unseren Staatsmnnern, der in jedem
Wechselfalle unwandelbar und mit hellem Bewutsein nur das Wohl des
ganzen Vaterlandes ins Auge fate. Ich habe nur ein Vaterland, das
heit Deutschland -- schrieb er an Mnster, der ihn des einseitigen
Preuentums beschuldigte -- und da ich nach alter Verfassung nur ihm
und keinem besonderen Teile desselben angehrte, so bin ich auch nur
ihm und nicht einem Teile desselben von ganzem Herzen ergeben. Wer ihm
von Schonung der althergebrachten Zersplitterung redete, dem erwiderte
er: einen solchen Zustand wiederherstellen ist gerade so, als wolle
man darauf bestehen, da ein toter Mann auf seinen Beinen stehen
solle, weil er es tun konnte, solange er noch lebte. Jede Rcksicht
auf die Dynastien verwarf er: Als ob es in Deutschland darauf
ankme, ob ein Mecklenburg usw. existiert, und nicht, ob ein starkes,
festes, kampffhiges deutsches Volk ruhmvoll im Krieg und Frieden
dastehe! Sein Ziel war die Einheit, und ist sie nicht mglich, ein
Auskunftsmittel, ein bergang. In jenem Augenblicke, da der gesamte
Lnderbestand Europas im Wanken war, schien ihm selbst das Hchste
erreichbar: eine groe Monarchie von der Weichsel bis zur Maas und den
Vogesen, ebenso Italien zu einer geschlossenen Masse verbunden -- ganz
Mitteleuropa in jenem Zustande der Kraft und Widerstandsfhigkeit,
den er in seiner Lieblingszeit unter den groen Kaisern vom zehnten
bis zum dreizehnten Jahrhundert zu finden glaubte. Sei dies nicht
mglich, so solle man Deutschland nach dem Laufe des Mains zwischen
sterreich und Preuen teilen, die Rheinbundsfrsten als betitelte
Sklaven und Untervgte des Eroberers behandeln und auch die von
Napoleon verjagten Frsten nicht als Bundesgenossen gelten lassen.
Knne man auch dies nicht erreichen, so bleibe als letzter Ausweg,
da man jedem der beiden verfassungsmigen Knigreiche sterreich
und Preuen einige Kleinstaaten als Vasallen unterordne, etwa Bayern,
Wrttemberg, Baden mit geschmlertem Gebiete der sdlichen, Hannover,
Hessen, Oldenburg, Braunschweig der nrdlichen Macht. Man wird in
diesen Plnen den hochherzigen Patriotismus ebensowenig verkennen,
wie die leidenschaftlich unklare Erregung der Zeit und den Stolz des
Mediatisierten, der nicht begriff, warum man mit diesen Zaunknigen so
viel Umstnde mache.

Als das Heer die deutsche Grenze berschritten hatte, nahm er die
Leitung der ostpreuischen Angelegenheiten in die Hnde, zog sich
jedoch besonnen zurck, da er York und Schn und die Mnner des
preuischen Landtags voll Eifers fr die groe Sache, aber auch
voll Sorge wegen der russischen Eroberungslust sah. Am 25. Februar
1813 erschien er mit Anstett in Breslau und beredete den zaudernden
Knig, Scharnhorst in das russische Hauptquartier zu schicken
-- eine Sendung, welche den Abschlu des preuisch-russischen
Bndnisses zur Folge hatte. Er folgte nunmehr dem Hauptquartiere der
Monarchen, rastlos anspornend und ermutigend, ein Todfeind aller
halben Maregeln und verderblichen Waffenstillstnde, der feste
Bundesgenosse des Blcherschen Hauptquartieres. Zugleich leitete er
den Verwaltungsrat, der die eroberten Lnder, zunchst Sachsen, zu
verwalten hatte, und seine khne, schroffe Weise stie hart zusammen
mit der Unentschlossenheit dieser weichen schsischen Wortkrmerei.
Er betrieb eifrig den Abschlu der Allianz mit England. Nach dem
Waffenstillstand trat der lhmende Einflu sterreichs auf die groe
Allianz hervor. Die khnen Gedanken jenes Petersburger Winters
erwiesen sich als unausfhrbar. Steins Zweifel an der Lebenskraft
Preuens waren lngst verstummt angesichts der groen Erhebung, er
fhlte sich unter dem begeisterten Volke Norddeutschlands wie in
einem unbekannten Lande. Andererseits sah er mit Trauer, da in dem
sterreich Metternichs der Geist von 1809 gnzlich verschwunden war,
da die Bevlkerung der Kleinstaaten den Dynastien noch eine sehr
starke Anhnglichkeit entgegenbrachte und England in den Reichenbacher
Vertrgen sich fr Hannover bedeutende Gebietserweiterungen ausbedang.
Sonach war selbst der bescheidenste jener drei Petersburger Plne
unmglich, und Stein hielt jetzt die Herstellung der Kaiserwrde,
des Reichstages und der Reichsgerichte fr notwendig, damit eine
monarchische Gewalt die kleinen Dynastien in Zucht halte und das
halbdeutsche sterreich durch die Pflichten des Kaisertums an
Deutschland gekettet werde. Vergeblich versuchte er, in Bhmen whrend
des Stillstandes der Kriegsoperationen nach der Schlacht von Kulm,
diesen Plan bei den Monarchen durchzusetzen. Metternich erklrte seine
Absicht, die deutschen Staaten nur durch ein System von Vertrgen zu
verbinden, bald darauf schlo sterreich die Vertrge von Ried und
Fulda und erkannte die Souvernitt der rheinbndischen Knige an.
Seitdem war jede Aussicht auf eine gesicherte Verfassung Deutschlands
versperrt, und wenn fortan die Ansichten Steins ber die Zukunft des
Vaterlandes in jhen Sprngen wechselten, so war dies nur die Folge
der Unmglichkeit, auf Grund der gegebenen Sachlage einen dauernden
Rechtszustand zu schaffen.

Nach der Schlacht von Leipzig ward sehr fhlbar, da Stein, beschftigt
mit der Organisation Sachsens und der definitiven Einrichtung der
Zentralverwaltung, dem Hauptquartier nicht gefolgt war. Erst nach
seiner Rckkehr fate man den Entschlu, den Krieg ber den Rhein zu
tragen. Stein entfaltete eine ungeheure Ttigkeit bei der Leitung des
Lazarettwesens und der provisorischen Einrichtung der eroberten Lnder.
Die Zentralverwaltung war bedeutsam fr die ffentliche Meinung, weil
sie der Welt wieder das Schauspiel einer Behrde fr gesamtdeutsche
Angelegenheiten gab. Im Feldzuge von 1814 wiederholte sich das alte
Spiel: Stein und die Helden des schlesischen Heeres drngten vorwrts,
whrend das sterreichische Hauptquartier zauderte. Der Aufenthalt
in Paris erfllte Stein mit tiefem Mimut, man sah ihn stachliger
und heftiger denn je. Sein Einflu auf den Zaren begann zu sinken,
umsonst forderte er bei den Friedensverhandlungen gesicherte Grenzen
fr Deutschland, umsonst verlangte er, da Preuen die gute Stunde zur
Befriedigung seiner gerechten Ansprche benutze. Die Wiedereinsetzung
der Bourbonen war ihm willkommen, als ein Ruhepunkt fr die ermdete
Nation, obwohl er den Doktrinen der Legitimisten nicht huldigte.

Von dem Wiener Kongresse sah er frh voraus, da das Ganze auf eine
flache und bertnchte Weise endigen werde, er sah die Zeit der
Kleinheiten, der mittelmigen Menschen gekommen. In den Hndeln
ber die Territorialfragen ragte er hervor als Verteidiger der
Einverleibung Sachsens, er warf Talleyrand und dessen Genossen die
treffende Beschuldigung zu, da sie es seien, welche die Zerteilung
der Vlker verlangten. Sein Vorschlag, das eroberte Land durch
einen trefflichen Statthalter, den Prinzen Wilhelm, zu gewinnen,
fand keine Erfllung. Wie ihn einst Napoleons Bulletins als einen
Demagogen geschildert hatten, so ward er jetzt in der Presse als ein
Borussomane und ein Spiegeselle der brutalen Gewalt angefeindet.
Er aber hielt noch im hohen Alter mit voller berzeugung seine
wohlbegrndete Meinung fest. Dagegen erkannte er die Unmglichkeit,
ein unabhngiges konstitutionelles Polen mit Ruland auf die Dauer
friedlich zu verbinden. Fr die deutsche Verfassung hatte er whrend
des franzsischen Feldzugs in Chaumont einen neuen Plan entworfen,
wonach die beiden Gromchte mit Bayern und Hannover als Direktoren
die exekutive Gewalt besitzen und den Bundestag leiten sollten. Im
Sommer darauf schlug er wiederum ein Direktorium der vier mchtigsten
Staaten und eine Kreisverfassung vor, welche so tief in die inneren
Landesangelegenheiten eingreifen sollte, da die Gromchte sich ihr
nicht vllig unterwerfen konnten; daher verfiel er auf den Ausweg, da
Preuen nur mit den Lndern links der Elbe, sterreich gleichfalls
nur mit seinen westlichsten Provinzen beitreten solle. Wenn Steins
Meinungen ber die Leitung Deutschlands nicht minder unsicher
wechselten, wie die Ansichten der brigen Zeitgenossen, so bieten seine
Plne doch smtlich eine glnzende Seite, die den groen Staatsmann
bekundet; sie enthalten alle sehr bestimmte Garantien fr die
Volksfreiheit: -- Grundrechte fr alle Deutschen und ausgedehnte, von
Bundes wegen garantierte, durch ein Bundesgericht gesicherte Befugnisse
fr die Landstnde. Desgleichen verlangte er in allen seinen Entwrfen
unbedingte Einheit der Gesetzgebung fr den Verkehr im weitesten Sinne.
Er wnschte, da die beiden Gromchte und Hannover die Vorberatung
der deutschen Verfassung auf dem Kongresse allein in die Hand nhmen.
Als statt dessen das Fnferkomitee gebildet ward und das Werk schon im
Beginn an dem Widerstande Bayerns und Wrttembergs zu scheitern drohte,
rief er den Zaren und den Verein der kleinen Frsten zu Hilfe. Im Laufe
des Winters kehrte er nochmals zu seinem Kaiserplane zurck. Als auch
dieser verworfen ward, versuchte er nur noch, abermals umsonst, dem
Artikel 13 der Bundesakte einen Inhalt zu geben, den Landstnden der
Einzelstaaten bestimmte Rechte von Bundes wegen zu gewhrleisten. Das
vollendete Werk erschien ihm gnzlich hoffnungslos. Er stand allein auf
dem Kongresse, ohne Vollmacht, ohne Stimmrecht, und sein persnlicher
Einflu war im Sinken, je mehr die Erinnerung an die groen Tage des
Krieges verblate.

Nach Napoleons Rckkehr brauste Steins alter Ha wieder auf, ein Ha,
dessen Glut sich doch sehr wohl vertrug mit scharfsichtiger Wrdigung
des Feindes -- wie denn Stein unter den ersten den Zug der Gemeinheit
in dem Wesen des Imperators durchschaute. Stein zuerst ersann den
Gedanken, Napoleon zu chten. Bei den Verhandlungen ber den Zweiten
Pariser Frieden betrieb er rstig die Rckfhrung der geraubten
Kunstschtze, doch umsonst verlangte er, diesmal im Bunde mit den
Staatsmnnern Preuens und der kleinen deutschen Staaten, Elsa und
Lothringen fr Deutschland zurck. Nachdem also fast alle Plne, welche
er an die Befreiung der Welt angeknpft, gescheitert waren, zog er sich
in das Privatleben zurck. Den Posten eines sterreichischen und eines
preuischen Bundestagsgesandten lehnte er ab, den einen, weil er sein
Preuen nicht verlassen, den andern, weil er nicht unter Hardenberg
dienen mochte und von der Frankfurter Versammlung kein Heil erwartete.

Er verlebte ein reiches Alter auf seinen Gtern Cappenberg und Nassau,
in lebhaftem brieflichen und persnlichen Verkehr mit bedeutenden
Mnnern. Die persnlichen Erfahrungen dieser letzten Jahre verstrkten
noch seine Liebe zu Preuen, da er in Nassau den kleinen Krieg
der Bureaukratie wider die Mediatisierten ertragen mute, whrend
er in Cappenberg als Landtagsmarschall der Provinz Westfalen eine
hochangesehene Stellung einnahm. Der Tod seiner Gattin, die erst in
spterer Zeit seinem Herzen nahegetreten war, gab seinem Geiste eine
streng religise Richtung. Im Eifer seiner Rechtglubigkeit wnschte er
wohl, der Staat mge ein Dutzend Rationalisten =extra statum nocendi=
versetzen. Sein Glaube war echt und ohne Prunk, und obwohl er, nach
der Weise dieser romantischen Tage, dem Katholizismus nhertrat, so
blieb er doch allen ultramontanen Bestrebungen feind: Stein wnschte,
wie sein Freund Erzbischof Spiegel, nationale Selbstndigkeit unserer
katholischen Kirche.

Die neuen politischen Zustnde boten ihm wenig Anla zur Freude. Er sah
auf der einen Seite die Bureaukratie mit ihrer Wut zu generalisieren
und berhufte diese Klasse mit schweren Vorwrfen, deren Hrte
sein alter Freund Kunth dem Aristokraten oftmals verwies. Der Adel
andererseits schien ihm in Selbstsucht, Einseitigkeit, Leerheit,
Unbeholfenheit, Egoismus versunken. Stein suchte mit Montesquieu
das Urbild freier Verfassung in England und den deutschen Wldern
und verwarf die durch neufranzsische Ideen befruchtete Richtung
des sddeutschen Liberalismus als seichten, rechtlosen Neologism.
Die neue demokratische Strmung schien ihm darauf hinauszulaufen,
das Ganze in ein Aggregat von Gesindel, Juden, neuen Reichen,
phantastischen Gelehrten zu verwandeln. Die rheinische Gesetzgebung
bekmpfte er mit dem ganzen Hasse des Franzosenfeindes. Whrend er
so alle vorherrschenden Richtungen im Staatsleben der Einzelstaaten
bekmpfte, fand er die gesamtdeutsche Politik noch unglcklicher
bestellt. Den Bundestag verachtete er als eine vom Philistergeist
durchdrungene politische Maschine, und sein Zorn wallte auf, als
die Mainzer Zentraluntersuchungskommission ihn selber als einen
Haupturheber der demagogischen Umtriebe beschuldigte. Ebensowenig
wollte er teilhaben an dem neuen Teutonentum dieser unbrtigen
fratzenhaften Studenten. Die Opposition am Bundestage galt ihm
als eine neue Form der alten Rheinbundsbestrebungen; er verdammte
schonungslos jeden Bund im Bunde und das gesamte Treiben der
Afterbndler.

Dem Kundigen fllt nicht schwer, in dieser Flle des Tadels, die
der Alternde nach allen Seiten hin ausspendete, einige groe
positive Gedanken zu erkennen, welche zeigen, da Stein noch immer
auf der Hhe der Zeit stand, whrend er zu Wien als ein Haupt der
militrischen Jakobiner, unter den Alltagsliberalen als ein Junker
verrufen war. Zunchst verlangte er immer aufs neue Erfllung der dem
Volke gegebenen Verheiungen; denn den durch die lautere Milch des
Jesuitismus noch nicht getrbten Menschenverstand werde man nicht
berzeugen, da es von dem Willen der Frsten abhnge, ob und wie sie
ihr Wort halten wollten. Die unheilvollen Folgen der Ausschlieung
der Nation von der Leitung ihrer eigenen Angelegenheiten, die er
schon in jenem Programme vom Jahre 1807 vorausgesagt, gingen Wort fr
Wort in Erfllung. Jetzt wie damals wollte er den Grundbesitz in den
Reichsstnden berwiegend vertreten sehen, aber der Reichstag sollte
wirksame Rechte haben: Beratende Stnde sind eine inerte Masse oder
ein turbulenter Haufe, der ins Blaue hineinschwtzt, ohne Wrde, ohne
Achtung. Wie schroff und herrisch der Marschall oftmals die liberalen
Redner des westflischen Landtags anlie -- auf dem Verlangen nach
Reichsstnden bestand der gewissenhafte Mann unverbrchlich, auch
nachdem die Julirevolution alle konservativen Neigungen seiner Natur
mchtig aufgeregt hatte. ber alle Verstimmungen und Beschwerden des
Tages rettete er sich seine Anhnglichkeit an das Haus Hohenzollern
und seinen Glauben an Preuen als den Hort unserer Zukunft. Er nannte
Berlin selbst in jenen stillen Jahren, da das ffentliche Leben fast
erstorben war, den interessantesten Ort Deutschlands und sah
mit Stolz auf das preuische Heer; kriegserfahrene Offiziere waren
dem streitbaren Manne die willkommensten Gste. Unberhrt von den
Modekrankheiten des neuen Liberalismus, hielt er den Blick fest auf die
Gre des ganzen Vaterlandes gerichtet. Auch da die kleinen Staaten
des Sdens als die beneidenswerten Sttten der Freiheit gepriesen
wurden, schaute er mit unwandelbarer, grenzenloser Verachtung auf
die unheilbaren Mngel des kleinstaatlichen Lebens. Er wute, die
Zeit sei noch nicht gekommen, die Staatsbildungen Napoleons vom
deutschen Boden hinwegzufegen, und begrte mit Freuden jeden Anfang
praktischer Einigung der Nation, so den werdenden preuisch-deutschen
Zollverein. Auf die unverwstliche Gesundheit unseres Volkes baute
er felsenfest; nur das Land der Phaken, sterreich, schlo er in
der Regel von seinem Lobe aus. Mit unvergelichen Worten rief er den
Demagogenverfolgern zu, ein treues, sittliches, gebildetes Volk, das
soeben einen glorreichen Krieg bestanden, verdiene Vertrauen und
wieder Vertrauen. In solchem hohen patriotischen Sinne hat er auch
das wissenschaftliche Unternehmen der =Monumenta Germaniae= begrndet
und ihm einen guten Teil seines Alters gewidmet. Radikale Bltter
des Rheinlandes witterten in dieser Sammlung der Geschichtsquellen
unserer Vorzeit feudale Bestrebungen. Der instinktive Widerwille aller
Menschen ohne Vaterland, vornehmlich der liberalen Partikularisten,
bildet den sichersten Mastab fr Steins Gre. Wer einzelne Ausbrche
der hypochondrischen Laune und der Tadelsucht des Staatsmanns auer
Dienst auszuscheiden wei, findet in den Briefen seines Alters eine
unvergleichliche Quelle der Belehrung ber die Zeitgeschichte und ber
die wichtigsten Probleme der Politik, dazu in der ausdrucksvollen
Gewalt der eckigen, wuchtigen Sprache mit ihrer Flle sich drngender
Beiwrter ein getreues Charakterbild.

Stein starb, und mit ihm sein Geschlecht, am 29. Juni 1831. Sein
Testament schliet mit der Mahnung an seine Erben, sich des gttlichen
Segens wrdig zu erhalten ... vornehmlich durch treue und zu
jeder Aufopferung bereite Liebe zum Vaterland. Auf der Inschrift
seines Grabes wird er genannt: Demtig vor Gott, hochherzig gegen
Menschen, der Lge und des Unrechts Feind, hochbegabt in Pflicht und
Treue, unerschtterlich in Acht und Bann, des gebeugten Vaterlandes
ungebeugter Sohn, in Kampf und Sieg Deutschlands Mitbefreier. --
Die arge Verbildung unserer Zustnde spiegelte sich wider in der
Teilnahmlosigkeit, womit die Nation die Kunde von Steins Abscheiden
aufnahm. Erst zwanzig Jahre nach seinem Tode ist Steins Bild dem Volke
wieder nhergetreten. Der grte Staatsmann der Deutschen dieses
Jahrhunderts war ein stolzer Preue und ein Unitarier.




Lessing




Lessing.


Allein die Zeitgenossen winden dem Dichter den schnsten der Krnze.
Gerechter vielleicht mag die Nachwelt richten, als einen Seherblick
des Genius mag sie einzelnes preisen, was den Mitlebenden unverstanden
vorberschwebte; doch jene fraglose unwillkrliche Rhrung der Seelen,
die der Knstler als edelsten Lohn erstrebt, wird er am gewaltigsten
in seiner Zeit erregen. Wie knnte heute ein Jngling von den Leiden
des jungen Werther so schmerzlich ergriffen werden wie damals, da die
Werther noch auf unseren Straen verkehrten? Und hat je eine moderne
Hrerschaft den Scherzen der Narren Shakespeares ein so herzliches
baucherschtterndes Gelchter entgegengebracht, wie es dem Dichter
zuscholl aus den Reihen der Grndlinge seines Parterres? Immer wird
heute inmitten der jubelnden Menge ein Nchterner stehen und meinen:
so, ganz so empfinden wir nicht mehr. Alle Welt wei, wie wenigen
Dichtern beschieden ward, noch in der Zukunft vom Volke geliebt, nicht
blo durchgrbelt zu werden von den Fachgelehrten. Warum aber ist bei
den Deutschen die Zahl der Dichter so auffllig gering, welche den
Jahrhunderten getrotzt? Denn wer auer dem Forscher liest noch, was
ber die Literaturbriefe, ber die Werke von Lessings Mannesalter
hinausliegt? Es ist wahr, weit spter als anderen Vlkern ist den
Deutschen der Tag der Dichtung erschienen, und in dem Jahrhundert, seit
jener Morgen graute, hat unser Volk erstaunlich rasch gelebt. Aber ist
mit solcher Antwort das Rtsel gelst? Warum erfreut sich der Brite
noch an seinem Spenser, whrend Klopstock und Wieland unserem Volke
nur Namen sind? Hat doch auch ber den Glanz von Spensers Dichtung
sein groer Nachfahr Shakespeare seinen breiten Schatten geworfen,
und ungeteilte Freude kann der derbe Realismus der Gegenwart an jenen
zierlichen Allegorien so wenig empfinden, wie unser aufgeregtes Wesen
an dem ruhigen Flusse des Epos. Offenbar, wir mssen eine andere
Antwort suchen.

Ein Mrchen ist es, erfunden in philisterhaften Tagen, als knne je ein
vorwiegend literarisches Volk bestehen. Zuerst nach dem Ruhme seiner
Fahnen schaut ein Volk aus, wenn es seiner Vergangenheit gedenkt,
und gern vergit es die Mngel, das Veraltete eines Kunstwerks, wenn
die Glorie einer groen Zeit aus der alten Dichtung redet. Nie genug
werden wir die Briten um jenes vornehmste Zeichen ihrer Gesundheit
und harmonischen Kraft beneiden, da ihnen die Kunst auf dem festen
Boden staatlicher Gre reifte. Liest der Englnder die Verse von
der Feenknigin, so steigt vor seinen Augen auf das Bild der groen
Elisabeth, er sieht sie reiten auf dem weien Zelter vor jenem Heere,
dem die unberwindliche Armada wich, und hinter den kriegerischen
Scharen der Engel in Miltons Verlorenem Paradiese erblickt er kmpfend
Cromwells gottselige Dragoner. So tritt auch dem Spanier aus den
Dichtungen seiner Lope und Cervantes das Weltreich entgegen, darin
die Sonne nicht unterging. Also erhalten durch die Wucht erhabener
politischer Erinnerungen diese Werke einen monumentalen Charakter. Wo
aber fand die deutsche Dichtung des achtzehnten Jahrhunderts solch ein
Fugestell staatlicher Gre, daraus sie sich sicher emporheben konnte?
Von einem gesunkenen, verachteten Reiche, von einem mihandelten Volke
gingen unsere Snger aus, und wie ihnen im Leben keines Mediceers Gte
lchelte, so auch im Tode sind sie, was sie sind, durch sich selbst
allein. Als Lessing sein letztes Drama schrieb, fragte er zweifelnd,
ob die Tage reiner Menschensitte so bald erscheinen wrden, die dies
Werk auf der Bhne ertrgen; Heil und Glck rief er dem Orte zu, der
zuerst die Auffhrung des Nathan schauen wrde. Und -- vor zwanzig
Jahren ging in Konstantinopel der Nathan in neugriechischer Bearbeitung
ber die Bretter. Als dann vor den verwunderten Trken die edlen Worte
erklangen: Es strebe von euch jeder um die Wette, die Kraft des Steins
in seinem Ring an Tag zu legen, und die rechtglubigen Moslemin in
lauten Beifall ausbrachen, da mochte wohl ein Deutscher stolzer den
Nacken heben. Denn hier, weit ber die Grenzen christlicher Gesittung
hinaus, wo keiner des Dichters Namen kannte, keine volkstmliche
Erinnerung des Gedichtes Zauber erhhte -- hier strahlte siegreich die
Macht des deutschen Genius allein, das weltbezwingende Lcheln der
Menschenliebe.

Durch sich selbst allein wirken jene Knstler auf die Nachgeborenen.
Noch mehr, sie selbst erst sind die Schpfer eines freieren
ffentlichen Lebens in unserem Volke, sie standen unbewut im Bunde mit
jenen Staatsmnnern, die dem deutschen Staatswesen ein menschlicheres
Dasein bereitet haben. Wie sich von selbst versteht in einer Zeit,
wo das husliche Leben die beste Kraft der Deutschen erschpfte,
geschah dies Hinberwirken Lessings auf unser ffentliches Leben
vornehmlich durch seine Person, durch die souverne Selbstndigkeit
seines Charakters. Erst vor wenigen Jahren ist ein gutes Bild des
Knaben Lessing bekannt geworden, und mit schalkhaftem Behagen sehen
wir den Mann vorgebildet in den Zgen des Kindes. Da sitzt Theophilus
Lessing, sittsam, ernst, in priesterlich langem Gewande, ehrbarlich ein
Lmmchen ftternd, daneben der aufgeweckte Bruder, mit einem groen,
groen Haufen Bcher, in der eleganten roten Tracht der Zeit; auch der
Unkundige kann erraten, da jenem bestimmt sei, zu leben als dunkler
Ehrenmann und Konrektor, diesem -- als Gotthold Lessing. Kraft und
Wahrhaftigkeit spricht aus den derben Zgen des Knaben, und wahrlich,
hart gebettet hat die Zeit den starken und wahren Mann. Sein Puls
schlug bei voller Gesundheit so schnell wie der Puls anderer im Fieber,
er besa im hchsten Mae jene Lebhaftigkeit des Redens, welche die
Obersachsen vor anderen Deutschen auszeichnet. Wie rasch jagen sich da
Fragen, Ausrufe, schnell wiederholte abgebrochene Worte, und er fand
den Mut also zu schreiben, wie seine Landsleute dachten und sprachen.
Nie hat ein Schriftsteller getreuer jenes Wort erfllt, das seltsam
genug zuerst ausgesprochen ward in einer Nation, die es nicht versteht
-- das Wort: =le style c'est l'homme=. Dramatisch bewegt wie das Leben
selber strmt sie dahin, diese schmucklose, wasserklare Prosa -- dem
Unkundigen ein Kind der Laune, des Augenblicks, dem Tieferblickenden
ein Werk vollendeter Kunst, die schwierigste aller Schreibweisen,
denn unertrglich verletzend mu jeder triviale Gedanke, jede falsche
Empfindung sich verraten unter dieser leichten, nichts verbergenden
Hlle.

Und dieser Natrlichste der Menschen wuchs empor in einer Umgebung, wo
jedes einfache menschliche Gefhl in feste, herzlose, beengende Formen
gebannt war, in einem Vaterhause, wo hart abweisend der Befehl der
Eltern, unterwrfig und in schnrkelhaftem Ausdruck die Antwort der
Kinder erklang. Der ganze Schmerz um eine verbildete Jugend spricht aus
dem Ausruf des Mannes: Der Name Mutter ist s, aber Frau Mutter ist
wie Honig mit Zitronensaft. Als er dann in Leipzig sich herausri aus
der drftigen Buchgelehrsamkeit der Schule und jenes Doppelwesen seiner
Natur, das schon das Bild des Kindes ahnen lt, sich entfaltete -- der
Gelehrte, der in jedem Buche der Wittenberger Bibliothek geblttert,
der an schlechten Bchern mit Vorliebe seinen Scharfsinn bte, und der
Weltmann von feinen Formen, der sich gern im Lrm des Tages tummelte,
um die rasche Wallung seines Blutes zu bertuben: -- da brach jener
schwere Kampf aus mit seinen Eltern, der lngst schon gedroht. Man
kennt jenes bittere Wort, das Lessing am Abend seines Lebens schrieb:
Ich wnsche was ich wnsche mit so viel vorher empfindender Freude,
da meistenteils das Glck der Mhe berhoben zu sein glaubt, den
Wunsch zu erfllen. Seiner Jugend vornehmlich gilt diese Klage wider
das karge Glck. Auch der Geduldigste unter uns ertrge nicht mehr die
de des Daseins jener Tage: ein Volk ohne Vaterland, darum gezwungen,
im Hause jede Freude zu suchen, und dennoch unfrei sogar im huslichen
Leben.

Sie werden freilich immer wiederkehren, am heftigsten in fruchtbaren,
aufstrebenden Zeiten, jene traurigen Zerwrfnisse von Vater und Sohn,
herzergreifend traurig, weil jeder Teil im Rechte ist und das alte
Geschlecht die junge Welt nicht mehr verstehen darf. Aber in Lessings
Leben -- wie herzlich er auch von seinem Vater sprach, wie gro immer
die innere Verwandtschaft der beiden Streitenden war -- in Lessings
Leben erscheint dieser Kampf unmig hart, das alte Geschlecht
ungewhnlich klein und gehssig. Denn der Hader bewegte sich nicht um
politische und religise Fragen, die doch nur mittelbar den Frieden
des Hauses berhren; eine groe gesellschaftliche Umwlzung vielmehr
begann sich zu vollziehen, die Ehre des vterlichen Hauses ward
blogestellt durch die soziale Stellung des Sohnes. Bis dahin war, wer
hinausstrebte aus der Erwerbsttigkeit des Brgertums, in den Dienst
des Staates oder der Kirche gegangen. Die regsamsten Krfte des Adels
und der Mittelklassen hatte das Beamtentum und jene Zunftgelehrsamkeit
des Katheders verschlungen, die kaum noch den Namen der akademischen
Freiheit kannte. Hchstens dem bildenden Knstler ward gestattet seiner
Kunst zu leben, im Gefolge eines Hofes ein Unterkommen zu suchen.
Da wagte der Sohn des ehrenfesten Pastorenhauses, was vordem nur
verdorbene Talente zu ihrem Unsegen versucht hatten, er wurde der freie
Schriftsteller, der erste deutsche Literat -- nicht in klarer Absicht,
nein, wie die Menschen werden, wozu der Geist sie treibt, weil er nicht
anders konnte, weil dieser freie Kopf den Zwang des Amtes nicht ertrug.
Wie er also unserem Volke eine neue ungebundene Berufsklasse erschuf,
so wandte er auch zuerst mit Bewutsein sich an ein neues Publikum.
Nimmermehr mochte er der unfreien Weise der Mehrzahl seiner Vorgnger
folgen, die nur geziert fr die Hfe, plump fr das Volk zu schreiben
wuten. Wohl dachte er gro und menschlich von den niederen Stnden,
von dem mit seinem Krper ttigen Teile des Volks, dem es nicht sowohl
an Verstand als an Gelegenheit ihn zu zeigen fehlt, er wnschte ihnen
als Trstung Gedichte zum Preise der frhlichen Armut. Er selber
indes suchte sich andere Leser. Wie er sich hinausgerettet aus dem
Bannkreise der alten Stnde, so sprach er auch zu einem gebildeten
Publikum, das keine Stnde kennt, und half also diesen Kern unseres
Volkes erziehen, der in der Literatur zuerst, dann im Staate zur
entscheidenden Macht emporwachsen sollte.

Zum ersten Male sahen die Deutschen das ruhelose und doch nie wrdelose
Leben eines abenteuernden Schriftstellers. Lessing, sagt Goethe,
warf die persnliche Wrde gern weg, weil er sich zutraute, sie jeden
Augenblick wieder ergreifen und aufnehmen zu knnen. Wie geistvoll
hier der Herzenskndiger geurteilt, das bezeugt ein erst vor kurzem
wieder aufgefundenes Epigramm aus Lessings Studienzeit; Goethe hat es
nie gekannt, und doch stimmt es wrtlich mit seinem Urteile berein.
Achtlos, bermtig wirft der Dichter in den ersten Zeilen seine Wrde
hin, um sie am Ende gefat wieder aufzunehmen -- in den Versen:

    Wie lange whrt's, so bin ich hin
    Und einer Nachwelt unter'n Fen.
    Was braucht sie, wen sie tritt, zu wissen,
    Wei ich nur, wer ich bin.

Worte, beraus bezeichnend fr Lessings rasche, ungestme Weise des
Lebens -- denn er vor allen besa jenen gemeinsamen Charakterzug
aller vorwrtsstrebenden Geister, die Gleichgltigkeit gegen seine
eigenen Werke, sobald sie vollendet waren -- aber bezeichnender noch
fr die Meinung, welche unseres Volkes beste Mnner von dem Werte des
Nachruhms hegten. Ist den hellen Kpfen der Romanen der Nachruhm das
eingestandene hchste Ziel des Schaffens, so leben die Deutschen des
Glaubens: der Ruhm sei, wie die Liebe, wie jedes echteste und hchste
Glck des Lebens, eine Gnade des Geschicks, die wir in Demut hinnehmen,
doch nimmermehr erstreben sollen. Und noch immer hat unser Volk sich
jener Mnner mit der wrmsten Liebe erinnert, die am wenigsten davon
redeten, da sie ein solches Gedchtnis erhofften. Einen leisen
Schatten freilich hat diese harte, kampferfllte Jugend in Lessings
Wesen zurckgelassen. Jener prosaische, nchterne Zug, der Lessing
von spteren glcklicheren Dichtern in hnlicher Weise unterscheidet,
wie Friedrich der Groe einem Csar, einem Alexander gegenbersteht,
lt sich nicht allein aus der Naturanlage des Dichters erklren. In
den Tagen, wo das Gemt jede Hrte am schmerzlichsten empfindet, hat
kein Frauenauge gtig ber ihm gewaltet, allein die streng abweisende
Mutter, die lieblos meisternde Schwester trat ihm entgegen. Die innige
Zartheit der Empfindung aber, die ein hartes Geschick dem Jngling
verkmmerte -- wie vermchte der Mann sie je aus sich heraus zu
entfalten?

Also hinausgetreten aus den altgewohnten Kreisen des brgerlichen
Lebens hat er mit unverwstlichem Mut seinen Kampf gefhrt wider
die falschen Gtzen der literarischen Welt. Die Freude am Kampfe,
am Widerspruch -- vergeblich hat man es leugnen wollen -- blieb die
herrschende Leidenschaft in ihm, der von frh auf liebte, Rettungen
verkannter Charaktere zu schreiben, der das Bekenntnis streitlustigen
Stolzes niederlegte in dem Worte: Auf wen alle losschlagen, der
hat vor mir Frieden. Wie die Schwche und zugleich die Gre der
modernen Kulturvlker gutenteils darin gelegen ist, da sie nicht
vermgen, wieder ganz jung zu werden, so offenbarte auch die unreife
deutsche Dichtung jener Tage alle Mngel der Kindheit und des
Greisenalters zugleich. Eine Weltliteratur mag man sie nennen, wenn das
widerstandlose Aufnehmen fremdlndischer Ideale und Formen zu solchem
Namen berechtigt. Und doch war die in festen berlieferten Formen
erstarrte Dichtung nicht einmal der korrekten Redeweise mchtig. Von
beiden Schwchen hat Lessing unsere Dichtung geheilt. Man erfat nur
eine Seite seines kritischen Wirkens, wenn man in ihm lediglich den
trotzigen Streiter wider die =rgles du bon got= erblickt, wenn man
ihm nicht folgt in jene ersten Jahre, da er mit der peinlichen Strenge
des Pdagogen die klglichen bersetzungsfehler armseliger Gesellen
rgte.

Kein Wunder aber, da jener Kampf mit den Regeln der franzsischen
sthetik allein noch haftet in dem Gedchtnis der Nachwelt. Denn
das erste dauernde seiner Werke schuf er erst, da er in den
Literaturbriefen auf die zuversichtliche Behauptung: Niemand wird
leugnen, da die deutsche Schaubhne einen groen Teil ihrer ersten
Verbesserung dem Herrn Professor Gottsched zu danken habe -- seinen
kecken Schlachtruf erschallen lie: Ich bin dieser Niemand.
Allerdings der Zorn des tiefemprten nationalen Stolzes redet aus
dieser Polemik. Wider den Dnkel der Kritik lehnt der Kritiker sich
auf und hlt ihr das Recht des Knstlers entgegen, der sich selber
seine Bahnen bricht. Doch schrfer noch befehdet der Deutsche die
Anmaung des fremden Volkes, das jeden anderen Volksgeist in die Enge
seiner konventionellen Empfindungen zu bannen gedachte. Wer hrt nicht
das schadenfrohe Gelchter des nationalen Selbstgefhles aus jenen
erbarmungslosen Zeilen, die der untrglichen franzsischen sthetik
beweisen, da sie die Regeln des Aristoteles nicht verstanden, die
Voltaires Dramatik enthllen, wie sie ist -- gesucht, gemacht, der
Natur entfremdet, so steif, als wre jedes Glied an einen besonderen
Klotz geschmiedet? Mochten die einen im derben Liede den alten Fritz
preisen, der sich auf die Hosen klopft und die Franzosen laufen lt,
die andern Beifall rufen, wenn der deutsche Kritiker Voltaires Ble
zeigt: Beide feierten Siege eines wieder erwachenden Volkstums.

Wucht und Nachdruck erhielten jene kritischen Schlge erst durch
Lessings Dichtertaten. Auch er hatte sich gebt in den berlieferten
Formen und Empfindungen anakreontischer Dichtung, und lange Zeit lockte
seinen Scharfsinn, der zu spielen liebte, das Grenzgebiet zwischen
Dichtung und Prosa: Fabel und Sinnspruch. Doch zur rechten Geltung
gelangte das ihm eigene schne Gleichgewicht ordnenden Verstandes und
schpferischer Phantasie in dem Drama. Das Gleichgewicht, sage ich.
Denn jene noch heute oft nachgesprochene romantische Torheit, die dem
Dichter der Minna von Barnhelm die echte poetische Kraft absprechen
will, ist lngst im voraus widerlegt durch den Denker, den Lessing
selber als den grten der sthetiker verehrte. Aristoteles sagt: zum
Dichten gehrt ein Genius, ein krftig und ebenmig geschaffener Geist
($euphys$), der von Natur schon das Schne und Wahre findet --
oder auch ein Geist von erregbarer, enthusiastischer Phantasie
($manikos$). Wenn in Lessings Seele der lichte Verstand unleugbar
vorherrschte, dieser ekstatische Rausch seinem nchternen Wesen fremd
blieb, so besa er dafr jenes Hhere: die harmonische Kraft des
Genius, die nichts unternimmt, was sie nicht ganz vollbringen kann. Wie
er schon als Student an der wirklichen Bhne sich geschult, ja seine
Rollen gedichtet hatte fr bestimmte Schauspieler aus der Truppe der
Neuberin, die uns als die Vorluferin der modernen Schauspielkunst
gilt: so kamen seine dramatischen Anschauungen zur Reife im Verkehr mit
jener Hamburger Bhne, die heute als die erste Erscheinung des neuen
deutschen Schauspiels bezeichnet wird. Und wie er damals schon unter
den Franzosen sich die natrlichere Schule Marivaux' zum Muster whlte,
so fhrte er die germanische Dichtung auf den geraden Weg zurck,
brachte ihr die Naturwahrheit, die freie Bewegung des Shakespearischen
Dramas. Aber ein Reformer -- wie der malosen Natur des Knstlers ziemt
-- nicht ein Revolutionr -- wie sollte er sich vermessen, auf unsere
verwandelte Bhne den ungebundenen Szenenwechsel des altenglischen
Schauspiels einzufhren? Der so viele falsche Gtzen gestrzt, wie
sollte er sich selber Shakespeare als neuen Gtzen setzen -- was ihm
die Gedankenlosen noch heute nachsagen? In der Charakterzeichnung
allerdings folgte er Shakespeares Spuren; doch der Bau seiner Dramen
wich nur wenig ab von der Weise der Franzosen, die mit ihrer klaren
Verstandesschrfe dem Gegner doch sehr nahe standen und in ihm einen
billigen Richter fanden. Sogar die Rollen, welche das franzsische
Schauspiel uns berliefert, hat er sorglich beibehalten, nur, da jetzt
statt des Liebhabers, des edlen Vaters, der Buhlerin -- die Tellheim,
Odoardo, Orsina erschienen, lebendige Menschen mit dem unendlichen
Recht der Persnlichkeit. Auch die dramatischen Probleme, die er sich
stellt, sind die hchsten nicht; gewaltigere Kmpfe von reicherem
tragischen Gehalt sind seitdem ber unsere Bretter gegangen. Doch in
seinem engen Kreise schaltet er mit einer dialektischen Kunst und
einem Reichtum der Erfindung, die allen Zeiten bewundernswert bleiben
werden. Er reit seine Charaktere in eine leidenschaftliche dramatische
Bewegung hinein, die keiner seiner Nachfolger bertroffen hat.

Wenn alle diese gemeinsamen Charakterzge der Dramen Lessings die Bhne
umgestalteten, wie hat doch jedes einzelne davon noch seinen besonderen
Einflu gebt auf unser ffentliches Leben! Schon Sara Sampson, dies
erste brgerliche Trauerspiel der Deutschen, konnte nur gedichtet
werden in einem Volke, dessen Mittelstnde sich erhoben, und wirkte
belebend zurck auf das Selbstgefhl dieser Klasse. Welch ein Griff
aber mitten hinein in das nationale Leben der Gegenwart, als Lessing
sich des Stiefkindes unserer Dichter, des Lustspiels, erbarmte und
in Minna von Barnhelm -- mit Goethe zu reden -- ein Werk schuf von
spezifisch nationalem Gehalt! Hier klingt etwas wieder von dem Lrm
des schlesischen Winterlagers, von dem Trommelwirbel der Grenadiere
des alten Dessauers, den der Knabe schon vor den Fenstern von St. Afra
gehrt. Wie lange hatten unsere Dichter, wenn sie die Form suchten
fr den unfertigen, nach Gestaltung ringenden Gehalt ihrer Seele,
sich hinweg geflchtet aus der armen Gegenwart und die Heroen einer
Vergangenheit, die so nie gewesen ist, auf des Sittenspruchs geborgte
Stelzen steigen lassen! Jetzt endlich wagte ein Dichter das Gemt der
Gegenwart dramatisch zu verkrpern und gab ein Werk, volkstmlich sogar
in seinen Schwchen, in der Breite der komischen Szenen, und eben darum
ein Werk fr alle Zeiten. Denn wie das Erzbild in freier Luft im Lauf
der Jahre sich verschnt, so haben manche veraltete Wendungen in diesem
Lustspiele fr uns Nachlebende einen neuen schalkhaften Reiz gewonnen.
Als ein Gott aus der Maschine tritt in dieses Drama noch der groe
Knig hinein, mit seinem Herrscherwort die erregten Gemter vershnend.

Wie anders schon der politische Sinn in Emilia Galotti! Nicht
allein das Kunstwerk erquickt uns, das, nach Goethe, gleich der
heiligen Insel Delos aus der Gottsched-Weie-Gellertschen Wasserflut
emporstieg, um eine kreiende Gttin barmherzig aufzunehmen. Keiner
unter uns, der nicht den sittlichen Zorn wider hfische Tyrannei und
Verderbnis aus diesem Drama vernommen htte. Und doch, wer htte vor
der Katastrophe der Emilia nicht empfunden, da der Sinn unseres Volkes
seitdem herzhafter und stolzer geworden, da auch Lessing von der
Schchternheit einer unfreien Zeit sich nicht vllig befreien konnte?
Ein Knabe hat mir einst gesagt: aber warum schlgt der Odoardo nicht
lieber den Prinzen tot? -- und ich frchte nicht, da man dies Wort
belcheln werde. Lernen wir erst wieder jene Bescheidenheit Lessings,
der vor einem Kunstwerke seiner Empfindung nicht traute, wenn sie
von niemandem geteilt wrde, fassen wir den Mut, unbekmmert um
literarhistorische Pedanten, zu bekennen, was wir fhlen, und sagen wir
gerade heraus: wir verstehen diesen Mann nicht mehr, der in gerechter
Sache die mihandelte, freilich in ihrem Herzen nicht mehr schuldlose
Tochter opfert, statt den frechen Drnger zu tten. Angeekelt von dem
falschen Pathos der franzsischen Tragdie strebte Lessing vor allem
die Leidenschaft in seinen Charakteren zu erregen, im schrfsten
Gegensatze zu Corneille wies er die Bewunderung aus dem Drama hinweg,
und wenn es ihm unfehlbar gelingt, unser Mitleid fr seine Helden zu
erwecken, so bemerkt er nicht immer, da unser Mitgefhl mit einem
leidenschaftlich bewegten Menschen auch ein achselzuckendes Mitleid
sein kann. Aber drfen wir ihm eine Unsicherheit des Gefhles nicht
vorwerfen, die einem staatlosen Volke natrlich war, so bleibt ihm
allein der Ruhm einer Khnheit, die unsere freiere Zeit kaum mehr zu
wrdigen wei. Welchen Schrecken mute es in ngstliche Gemter werfen,
da ein Dichter die sittliche Fulnis der Mchtigen auf der Bhne
erscheinen lie -- wenige Jahre nachdem ein adliges Haus seiner Heimat
ein prunkendes Hochzeitsfest gehalten, weil seine Tochter zur Maitresse
des Landesherrn erhoben war! Wenn er absichtlich vermied, seine
Fabel mit dem staatlichen Leben zu verknpfen, wenn er nur durch das
persnliche Schicksal seiner Heldin die Hrer erschttern, nur eine
brgerliche Virginia schaffen wollte, so hat seitdem die Geschichte
seinem Drama einen groen Hintergrund gegeben. Wer hrt das Schluwort
des Prinzen, jenen Ausbruch ohnmchtiger leichtfertiger Reue, und denkt
dabei nicht an das grliche =aprs nous le dluge=? Wer sieht nicht
hinter den Gestalten Marinellis und der Orsina die Schreckensmnner der
Revolution emporsteigen?

Und was war, blicken wir zurck, mit diesem kritischen und
dichterischen Wirken erreicht? Gebrochen war der Aberglaube an fremde
Weisheit, den Deutschen der Mut zurckgegeben, in der Kunst sich eigene
Pfade zu suchen. Selbstndige Werke der Dichtung waren unserem Volke
geschenkt, welche aller Glorie der franzsischen Dramatik vollauf
die Wage hielten. Das Kunstverstndnis endlich unseres Volkes ward
gelutert, die Reinheit der Gattungen in der Kunst wiederhergestellt,
der Vermischung von Dichtung und bildender Kunst in der beschreibenden
Poesie, der Vermischung von Poesie und Prosa in dem Lehrgedichte ein
Ziel gesetzt. Und noch der Lebende sollte die Frchte seines Schaffens
schauen; denn nie wieder wagte unter uns ein Mann von Geist ein
Lehrgedicht zu schreiben, und sah Lessing auf die jungen Strmer und
Drnger, so hrte er die Deutschen mit Stolz, ja mit bermut wegwerfend
reden von den einst vergtterten Franzosen.

Auch durch die beherrschende Vielseitigkeit seiner Bildung ist
Lessing ein Bahnbrecher der gegenwrtigen Gesittung geworden. Der
den theologischen Beruf entschieden von sich gewiesen, sollte der
Theologie seit Luther die erste nachhaltige Umbildung bringen. Die
Freiheit, die wir Luther dankten, die Begrndung des Glaubens auf
die Heilige Schrift, war selber eine neue Knechtschaft geworden.
Lessing aber erkannte in den Schriften des neuen Bundes den Beleg,
nicht die Quelle des christlichen Glaubens, und leitete also auf den
Weg, den die wissenschaftliche Evangelienkritik der neuen Zeit weiter
verfolgt hat. Nicht vllig neu war diese Richtung; freute sich doch
selbst jener harmlose Hamburger Naturdichter Brockes, derselbe, der
neun Bnde lang das irdische Vergngen in Gott besungen, im stillen
an den geheimgehaltenen Streitschriften des Reimarus wider den
Offenbarungsglauben. Neu aber war der Mut, herauszusprechen, was
Tausende meinten, Schmach und Unglimpf zu ertragen von den kleinen
Ppsten, denen Lessing zuerst das tausendmal nachgesprochene Wort
entgegenwarf: lieber einen groen Papst als diese vielen kleinen --
jener Mut, der am schneidigsten aus der ritterlichen Absage an
Goeze spricht: Schreiben Sie, Herr Pastor, und lassen Sie schreiben,
soviel das Zeug halten will; ich schreibe auch. Wenn ich Ihnen in dem
geringsten Dinge, was mich und meinen Ungenannten angeht, Recht gebe,
wo Sie nicht recht haben, dann kann ich die Feder nicht mehr rhren!
Aber vergleichen wir selbst die heftigsten dieser Streitschriften mit
den gleichzeitigen Angriffen der Franzosen auf die Kirche, so nehmen
wir mit Erstaunen wahr, da der deutsche Denker in der Sache die
Romanen an Verwegenheit berbietet, in der Form hingegen jenes edle
Ma einhlt, welches, eine schne Frucht deutscher Duldung, unsere
freien Geister davor bewahrt, Freigeister zu werden in dem von Lessing
gebrandmarkten Sinne.

Und lt sich nicht aus diesem mavollen Wesen des Denkers das Rtsel
erklren: warum doch er, der hinwegschaute ber alle geoffenbarten
Religionen, fr den alten Gedanken einer Union der christlichen
Kirchen sich erwrmen konnte? Es ist ein groes Ding, die Weissagung
des Genius; nicht heute, nicht morgen, nicht so erfllt sie sich, wie
der am Buchstaben haftende Deuter sie auslegt. Jene Union, belchelt
als ein Unding von denen, die an der Oberflche der Dinge verweilen
-- alltglich, stndlich schreitet sie vorwrts, seit die Bildung des
Protestantismus, die Ideen Lessings beginnen das Eigentum unseres
ganzen Volkes zu werden. Auf eine solche Union, die alle kirchlichen
Schranken berwunden hat, auf ein solches neues Evangelium deutet
das reifste Werk dieser theologischen Kmpfe Lessings, die Erziehung
des Menschengeschlechts. Seine ersten Schriften liegen noch jenseits
der Grenze dessen, was modernen Menschen lesbar scheint; mit dieser
tritt er bereits mitten hinein in die neue Wissenschaft. Denn lsen
wir ab, was uns befremdet, die parabolische Hlle, und wir schauen
als Kern: eine Philosophie der Geschichte; wir hren die Lehre von
dem Fortschreiten der Menschheit und von dem Gott, der die ganze Welt
beseelt, wir finden jenen historischen Sinn der Gegenwart, der in den
positiven Religionen den Gang des menschlichen Verstandes erkennt
und seinen stolz-demtigen Ausdruck erhlt in Lessings Worten: Gott
htte seine Hand bei allem im Spiele, nur bei unsern Irrtmern nicht?
Wohl mochte er empfinden, da diesem khnsten Fluge seines Geistes die
Zeitgenossen nicht folgen konnten; darum bat er: lasset mich stehen und
staunen, wo ich stehe und staune.

Auch die Dichtung, welche diesen Kmpfen entspro, ragt hinaus ber das
Verstndnis seiner, und soll ich nicht auch sagen: -- unserer Zeit.
Denn wohl in tausend Herzen lebt jenes Evangelium der Duldung Nathans
des Weisen. Aber vor diesem Werke am schmerzlichsten empfinden wir,
da die besten Mnner unseres Volkes Helden des Geistes waren; hier
gerade tut sich vor uns auf eine unselige Kluft zwischen den Gedanken
unseres Volkes und seinem politischen Zustand. Erst wenn die Ideen des
Nathan in unserer Gesetzgebung sich vollstndig verkrpert haben, dann
erst drfen wir uns rhmen, in einer gesitteten Zeit zu leben. Wie man
auch denken mge ber den Inhalt von Lessings theologischem Systeme --
in einem mindestens ist er schon jetzt der anerkannte Lehrer unseres
ganzen Volkes: er hat die sittliche Gesinnung vorgezeichnet, daraus
alle wissenschaftliche Forschung entspringen soll. Er sagte: Ich wei
nicht, ob es Pflicht ist, Glck und Leben der Wahrheit zu opfern. Aber
das wei ich, ist Pflicht, wenn man Wahrheit lehren will, sie ganz oder
gar nicht zu lehren. Zum Gemeinplatze geworden sind seine Aussprche
ber das Recht der freien Forschung und noch hat keiner die Khnheit
jenes Wortes berboten: Es ist nicht wahr, da Spekulationen ber
Gott und gttliche Dinge der brgerlichen Gesellschaft je nachteilig
geworden; nicht die Spekulationen -- der Unsinn, die Tyrannei ihnen zu
steuern.

Und alle diese Werke in einer durchsichtigen Form, daraus berall
das leuchtende Auge des Denkers hervorblickt. Komisch beinahe, wie
in seinen ersten Werken das leidenschaftlich bewegte Herz ankmpft
gegen die Steifheit des berlieferten Verses. Wie anders der der
ungebundenen Rede aufs nchste verwandte Jambus des Nathan und jene
Prosa, die gar nicht anders kann als die augenblickliche Stimmung des
Schreibers getreulich widerspiegeln! Die augenblickliche Stimmung,
sage ich, denn wenn so hufig geklagt wird ber die Widersprche in
Lessings Schriften, ber die Schwierigkeit, aus seinen Briefen seine
Herzensmeinung herauszulesen, so kann ich in dieser Klage nur den
sichersten Beweis fr die Wahrhaftigkeit, die Unmittelbarkeit seiner
Schreibart finden. Wie ihm zumute war, hat er geschrieben, jede
Regung der Neckerei, des Widerspruchsgeistes, jeden Einfall eines
halbfertigen Gedankenganges rcksichtslos herausgesprochen, jeder
bertreibung bermtig eine andere entgegengestellt. Und eben weil ihn
beim Schreiben nie der Gedanke strte, als knne je die Nachwelt ber
seinen Schriften grbeln, eben darum ist es so leicht, den einen ganzen
Menschen aus allen seinen Widersprchen herauszufinden.

Fragen wir endlich, wie Lessing sich stellte zu dem grten Gegenstande
mnnlicher Arbeit, zum Staate, so liee sich wohl dawider fragen: ist
es nicht genug an den politischen Taten, die ich soeben geschildert?
Waren es nicht politische Taten, als er die Schranken der bestehenden
Stnde durchbrach, als er ein Erzieher wurde des modernen Brgertums,
als er unserem Volke ein starkes Selbstgefhl zurckgab gegenber
der Kunst der Fremden und einer Nation gedrckter Kleinbrger den
unendlichen Gesichtskreis der Humanitt erschlo? Gewi, nur jene
sich liberal dnkenden Pedanten, welche alles staatliche Leben allein
in bestimmten Verfassungsformen enthalten glauben, werden hierauf
mit einem kurzen Nein antworten. Aber auch zu einem herzhaften Ja
werden sich nur wenige zwingen. Denn gelernt haben wir endlich, jeden
Mann zu fragen, ob er ein Vaterland habe, ob er das Wohl und Weh
des Gemeinwesens als seine Lust und sein Leid empfinde? Hier aber
erscheint modernen Augen eine Lcke in Lessings Bildung. Wer stimmt ihm
nicht zu, wenn er die Freunde Ramler und Gleim tadelt, da in ihren
preuischen Kriegsliedern der Patriot den Dichter berschreie? Wer
entschuldigt es nicht, da dem Mitlebenden der welthistorische Sinn
des Siebenjhrigen Krieges verschlossen blieb, und er darin allein den
groen Genius des Knigs zu bewundern fand? Und doch, stellet eine Ode
Ramlers oder das Lied des preuischen Grenadiers: Auf einer Trommel
sa der Held neben jenen geistsprhenden Brief Lessings, der in
solchem Patriotismus nur eine heroische Schwachheit sah -- und ihr
werdet gestehen, da auf diesem Gebiete Lessing jene rmeren Geister
um ihren Reichtum beneiden konnte: sie waren reicher um die groe
Empfindung der Vaterlandsliebe.

Selbst in Tagen, die des freien politischen Lebens entbehren, entzieht
sich keiner gnzlich der Einwirkung des Staates. So lt sich auch
von Lessing manches Wort und manche Tat aufweisen zum Belege, da er
die Unfreiheit, die Kleinheit des deutschen Staatslebens empfand: wie
er gleich seinem Geistesverwandten Thomasius hinausstrmte aus der
Zahmheit und Enge des kurschsischen Wesens, wie er mit berlegenem
Lcheln auf den Gegensatz des Sachsentums und Preuentums hinabsah,
wie er das engherzige Mcenatentum des Pflzer Kurfrsten hochsinnig
zurckwies, wie auch ihm die Klage sich entrang: wann werde Deutschland
je einem Beherrscher gehorchen? Aber blicken wir von solchen
vereinzelten Zgen auf jene Freiheitstragdie Henzi, die von blinden
Verehrern als ein ganz modernes Werk gepriesen wird, so erkennen wir
sofort, wie ganz anders als die Gegenwart Lessings Tage sich zu den
Kmpfen des Staatslebens stellten. Welche Armut der Motive hier bei
ihm, der uns berall sonst durch den Reichtum poetischen Details
entzckt! Wie knstlich wird doch die lebendige Flle des Parteiwesens
zugespitzt zu dem kahlen abstrakten Gegensatze von Tyrannei und
Freiheit! Nicht blo die Jugend des Dichters ist schuld an solcher
Armut, die Gesinnung eines Brgertums vielmehr spiegelt sich darin
wider, das die werkttige Teilnahme am Staate noch nicht kannte und
darum von dem Inhalt politischer Kmpfe noch keine Anschauung besa.
Offenbar hat Lessings Denken die politischen Fragen nur berhrt, an
wenigen Stellen berhrt. Den Publizisten von Gewerbe rief er sogar,
seinem praktischen Wesen getreu, die Mahnung zu, solche Dinge zu
berlassen dem Staatsmanne und vornehmlich demjenigen, den die Natur
zum Weltweisen machen wollte, weil sie ihn zum Vorbilde der Knige
machte.

Trotzdem sind jene hingeworfenen politischen Gedanken Lessings
keineswegs berlebt, nicht einmal erledigt. Denn wie man von der
Humanitt der Deutschen des achtzehnten Jahrhunderts gesagt hat, sie
sei herabgestiegen vom Himmel auf die Erde, so hat auch Lessing, der
die alltglichen Pflichten des Staates bersah, einige der hchsten
Probleme der Staatskunst beleuchtet, die erst eine ferne Zukunft
lsen wird. Die Gesittung der Gegenwart steht zugleich ber und
unter den Ideen der Humanitt unserer Vter. Sie blickt hernieder
auf ein Volk von Privatmenschen, das den Patriotismus nicht kannte,
aber demtig schaut sie empor zu jenen Weisen, die, menschlichen
Sinnes voll, nach der Grenze fragten, wo Patriotismus Tugend zu
sein aufhrt. Mit der traurigen Wirklichkeit, die Lessing umgab,
mit dem Elend der Notstaaten, darin er lebte, entschuldigen wir es,
da auch ihm, wie allen deutschen Denkern seiner Zeit, sehr schwer
ward, die Notwendigkeit des Staates zu verstehen, da auch ihn jene
Frage beschftigt hat, die ein Volk mchtiger und glcklicher Brger
nie lange betrachten mag, die Frage: ist die Abschaffung des Staates
mglich oder zu wnschen? Desgleichen in die berwundene Epoche
vorherrschenden Privatlebens verweisen wir seine Lehre, da der Staat,
obwohl er erst den Anbau der Vernunft mglich mache, doch nur ein
Mittel sei fr die Bildung des einzelnen Menschen. Aber weit hinaus
ber den Gesichtskreis der Nachwelt selber schweift er wieder, wenn er
in den Freimaurergesprchen das tiefsinnige Problem durchdenkt: wie
lassen sich die bel der Beschrnktheit und der Hrte heben, die das
Bestehen mehrerer Staaten notwendig hervorruft? Wie ist eine Verbindung
mglich aller guten Menschen ohne Ansehen des Standes, des Landes und
des Glaubens zum Zwecke rein menschlicher Gesittung? In diesen Worten,
frwahr, erffnet sich die Aussicht auf einen menschlichen Verkehr
der Vlkergesellschaft, den erst ferne Tage schauen werden. Wie aber?
Steht nicht dies Weltbrgertum ein Todfeind gegenber dem ersten und
berechtigtsten Streben der Gegenwart, dem Drange nach nationaler
Staatenbildung? Ich denke, nein. So tiefsinnig, so berschwenglich
reich ist das Leben der Staaten, da niemals eine Geistesrichtung
allein darin herrschen kann. Noch heute leben sie, jene Gedanken von
dem Weltbrgertume, und eben jene drfen sich heute Lessings getreueste
Diener nennen, die -- seinem Geist, nicht dem Klange seiner Rede
folgend -- am rhrigsten fr den nationalen Gedanken wirken. Wenn
erst von den groen Kulturvlkern jedes zerrissene sich geeint, jedes
geknechtete aus seinem Volksgeiste heraus seinen Staat sich gestaltet
hat, wenn damit verschwunden sind die grten, die gefhrlichsten
Anlsse des Haders, die bisher Staat mit Staat verfeindet: dann erst
wird jener gesicherte Verkehr der Menschen, jenes Weltbrgertum sich
vollenden in einem tieferen, reicheren Sinne, als Lessing meinte, und
allberall wird man reden von seinem Sehergeiste. Dann auch wird die
Welt den Kern der Wahrheit herausfinden aus einem Worte, das in dem
schwer ringenden Menschengeschlechte niemals ganz sich verwirklichen
darf -- aus dem himmlisch milden: Was Blut kostet, ist gewi kein Blut
wert.

Und Lessing ahnte, da Zeiten harten, aufreibenden staatlichen Kampfes
unserem Volke kommen wrden. Das bezeugt sein gehaltvolles Urteil
ber die Geschichte. Wie sicher begreift er das der Kunst verwandte
Wesen der Geschichtschreibung, wenn er die Bildung des Gelehrten und
des schnen Geistes zugleich von dem Historiker fordert. Und sollte
wirklich nur eine skeptische Laune, und nicht vielmehr eine Ahnung der
politischen Bedeutung historischer Wissenschaft sich aussprechen in
seinem vielgescholtenen Paradoxon: im Grunde knne ein jeder nur der
Geschichtschreiber seiner eigenen Zeit sein --? So scheinen ihm alle
Vorteile umfassender archivalischer Forschung nichtig gegen die Vorzge
des zeitgenssischen Geschichtschreibers, da er seinen Menschen bis
in Herz und Nieren blicken, da er seine Leser durch die Erzhlung von
ihrer eigenen Schuld und Strafe im Innersten ergreifen und -- vor allem
-- da er eine Macht werden kann unter den Lebenden.

Soll ich noch schildern, wie wenig die Mitlebenden ihm dankten,
wie schwer das Geschick bis zum Ende ihn heimsuchte? Das widrige
Sprichwort, das in jenen weichlichen Tagen von Mund zu Mund ging, das
Wort: Geteilter Schmerz ist halber Schmerz hatte der Jngling schon
mit der stolzen Gegenrede abgewiesen:

    Was nutzt mir's, da ein Freund mit mir gefllig weine?
    Nichts, als da ich in ihm mir zwiefach elend scheine.

Einsam ist er durch das Leben geschritten, und sein alle Weichheit
des Gefhls miachtender Sinn neigte sich zu dem Grundsatze antiker
Sittlichkeit, der Weiber und Sklaven von den hchsten Forderungen des
Sittengesetzes ausschlo. Dann hat ihm der klare und heitere Geist
seiner Eva Knig jene treue und tiefe Neigung erweckt, die mit ihrem
verstndigen, derb brgerlichen Wesen in den Herzensgeschichten der
Dichter ihresgleichen nicht findet. Ein Jahr einer glcklichen Ehe
lehrte ihn grer von den Frauen zu denken; dann am Abend seines
Lebens entrang sich ihm jene schreckliche Klage: Meine Frau ist tot,
und diese Erfahrung habe ich nun auch gemacht. Es ist mir lieb, da
mir viele solche Erfahrungen nicht mehr brig sein knnen, und ich
bin ganz leicht. Wenn er aber aus dem tiefen Schmerze hinausblickte
in sein Haus und in die Welt der Kunst, so hat er sicher empfunden,
da seine Saat aufging. Die Kinder seines Weibes hrte er verkehren
in dem Tone schlichter offener Herzlichkeit, er sah eine segensreiche
Verwandlung des huslichen Lebens und durfte sich sagen, da er selber
ein Groes daran gewirkt. Und in der Kunst, deren Fesseln er gebrochen?
Da strmte Gtz von Berlichingen ber die Bretter, und die Jnglinge
klagten in berstrmender Empfindung um die Leiden des jungen Werther.
Mochte der Mavolle der regellosen Weise des jungen Geschlechts zrnen
und spotten ber die weichen Gefhle, die seinen hellenischen Sinn
nie berhrt, und die Rechte der Kultur verteidigen wider Rousseaus
Naturschwrmerei: -- mit freudigem Verstndnis hat er doch den Genius
begrt, als Goethe jene grandiose Fabel besang, die zu ewig neuen
Liedern den Sinn der Sterblichen begeistern wird, die Fabel von dem
Lichtbringer Prometheus.

Um das Todesjahr Lessings ging von der Einsiedelei in Sanssouci die
denkwrdige Schrift aus ber den Zustand der deutschen Literatur.
Zu ihr mchte ich alle jene fhren, die noch immer das Tendenzmrchen
wiederholen, dem groen Knig habe das Herz gefehlt fr unser Volk.
Ist es nicht genug an dem einen Fluche der Deutschen, der noch heute
gewaltig fortwirkt in allen Zweigen unseres Volkslebens bis hinab in
die Sprache und die traulichen Umgangsformen des Hauses -- da Luther
der einen Hlfte der Nation der gepriesene Erretter, der anderen ein
Greuel ist? Noch fern ist die Zeit -- doch auch sie wird erscheinen
--, wo alles, was deutsche Zunge redet, den deutschen Helden in Luther
begren wird. Schon jetzt aber ist die Stunde gekommen, den anderen
Mann, der nchst Luther am gewaltigsten fr die neueren Deutschen
gewirkt, von den Schmhungen zu entlasten, womit blinde Parteiwut ihn
bedeckt hat. Nicht die preuische Neigung des heutigen Liberalismus
hat unserem groen Knig den Ruhm eines nationalen Helden angedichtet;
kein anderer als Goethe sprach das gute Wort: Friedrich der Groe erst
habe durch seine Taten unserem Volksleben jenen groen heroischen und
nationalen Inhalt gegeben, den Lessing in schne Formen bildete. Ihn,
der also den Stoff geboten fr die neuerstandene Dichtung -- hren wir
ihn reden ber die Kunst der Deutschen! Klagen, bittere Klagen ber
die form- und zuchtlose Sprache, Klagen, da unsere Sprache noch nicht
in die Schnrbrust eines Wrterbuchs der Akademie eingezwngt sei,
da die Dramen Shakespeares, wrdig der Wilden von Kanada, und die
abscheulichen Plattheiten des Gtz von Berlichingen das rohe Volk
erfreuen! Wir erstaunen ber diesen unerhrten Beweis der franzsischen
Bildung des Knigs und seiner gnzlichen Unkenntnis der deutschen
Dichtung; doch lesen wir weiter in derselben Schrift, so redet uns
mchtig zum Herzen die deutsche Empfindung desselben Mannes, der
bewegte Ausdruck des Zornes und der Scham ber solche Armut der Kunst
seines Volks, das frohe Aussprechen endlich einer groen nationalen
Hoffnung. Nicht an Geist gebreche es den Deutschen; schon sei der
Ehrgeiz der Nation erwacht, und vielleicht werden, die zuletzt kommen,
alle Vorhergehenden bertreffen. Ich bin wie Moses, ruft der Knig am
Ende, ich sehe das gelobte Land aus der Ferne, doch ich bin zu alt, um
es je zu betreten.

Nun halte man neben diese Worte des Knigs Lessings berufene Klage:
der Charakter der Deutschen sei, keinen eigenen Charakter haben zu
wollen -- in wie seltsamem Irrtum verfingen sich doch die beiden!
Der Knig erwartet den Glanz unserer Dichtung von den franzsischen
Regeln, und siehe, er kam durch die Freiheit. Der Knig meint in der
Ferne das gelobte Land zu sehen, und siehe, er selbst stand mitten
darin. Desgleichen der Dichter, der so schmerzlich fragte nach dem
Nationalcharakter der Deutschen -- htte er lesen knnen in der Seele
jener preuischen Soldaten, die bei Robach die Franzosen warfen und
bei Leuthen in der Winternacht das Herr Gott Dich loben wir sangen,
gewi, er htte begriffen: die lebendige Staatsgesinnung, die er
suchte, sehr unreif war sie, doch sie war im Werden. So standen die
beiden im Nebel der Nacht: der Knig, der einen Lessing suchte fr
unsere Kunst, und der Dichter, einen Friedrich suchend fr unseren
Staat. Inzwischen ist es Tag geworden, die Nebel sind gefallen, und wir
sehen die beiden dicht nebeneinander auf demselben Wege: den Knstler,
der unserer Dichtung die Bahn gebrochen, und den Frsten, mit dem das
moderne Staatsleben der Deutschen beginnt.

Und wre es denn ein Zufall, da achtzig Jahre nach Lessings Tode
gerade sein Bildnis den Ansto gab zu einem heilsamen Umschwunge
unserer Bildnerkunst? Versuchen wir uns zu versenken in die Seele des
Knstlers, dem jene Aufgabe ward. Sollte er Lessing bilden in der
Toga -- ihn, der das gespreizte Rmertum der Franzosen erbarmungslos
verspottete? Oder in dem beliebten Theatermantel -- ihn, der im Leben
jeden falschen Schein verschmhte? Da blieb kein Ausweg: kraftvoll,
schlicht und wahrhaft wie er selber -- oder gar nicht mute Lessings
Bild erscheinen. Und der glckliche Entschlu einmal gefat, hat unserm
Rietschel jedes Glck des Genius gelchelt, aus jeder Not ward ihm
eine Tugend. Der steife Haarbeutel ward ihm ein Anla, die vollendeten
Linien des wallenden Haares zu zeichnen, und die Enge des kurzen
Beinkleides erlaubte ihm, die gedrungene Kraft der Glieder zu zeigen.
So sehen wir Lessings Bildnis vor uns -- die erste Bildsule der
Deutschen, darin der entschlossene wahrhaftige Realismus der Gegenwart
sich in hchster Ehrlichkeit offenbart -- schmucklos und stark,
gehobenen Hauptes, und diese trotzigen Lippen scheinen zu reden:

    Was braucht die Nachwelt, wen sie tritt, zu wissen,
    Wei ich nur, wer ich bin.




Ludwig Uhland




Ludwig Uhland.


Ist es vorteilhaft, den Genius bewirten, -- wie neidenswert ist dann
das Haus, das eines edlen Sngers Lied preisend gegrt hat! Noch
leben manche, denen Ludwig Uhlands Muse ein herzliches Wort in ihr
Heimwesen gesendet, aber kein Haus in Deutschland hat sie so reich
beschenkt wie das knigliche Haus von Wrttemberg. Als die schweren
Hungerjahre kaum vorbergegangen, lag eine tiefe und gerechte Trauer
auf dem schwbischen Stamme um den Tod der Knigin Katharina. Ihr Volk
hatte von ihr das gute Wort gehrt: Helfen ist der hohe Beruf der Frau
in der menschlichen Gesellschaft, und hatte sie von Htte zu Htte
ziehen sehen in der harten Zeit, Arbeit bringend den feiernden Hnden.
Vor solcher menschlichen Gre beugte sich die Muse des brgerlichen
Sngers, die sich rhmte: Sie hat nicht Anteil an des Hofes Festen.
Fast zaghaft, unwillig, auch nur den Schein der Schmeichelei auf
sich zu nehmen, trat sie unter die Trauernden und legte auf den Sarg
der Knigin den Kranz von hren mit einem der schnsten Gedichte
deutscher Sprache:

    Und hat sie nicht die Lebenden erhoben,
    Die Toten, die nicht hren, darf sie loben.

Ein Menschenalter ging darber hin, und im November 1862 eilten von
nah und fern Leidtragende zu der Bahre des Sngers. Wer aber im Lande
Wrttemberg seine Empfindung nach dem Winke des Hofes zu stimmen wute,
htete sich sorglich, dem Toten, der nicht hrte, ein letztes Zeichen
menschlichen Mitgefhls zu erweisen.

Gern begnne ich diese Schilderung mit einem minder bitteren Worte
-- wre nur diese hliche Tatsache eine vereinzelte Erscheinung!
Doch leider, wenn wir der zahlreichen nationalen Erinnerungsfeste der
jngsten Jahre gedenken: wie gehssig hob sich da die Gleichgltigkeit,
das schlecht verhehlte Mitrauen der Hfe ab von der warmen Teilnahme
der Menge! Der politische Parteikampf wirkt bereits verwirrend und
verflschend auf jene Gefhle, die unser Volk als einen gemeinsamen
Schatz hegen sollte, er lt den einen als fremde, unheimliche
Gestalten jene Mnner erscheinen, zu denen die groe Mehrheit des
Volkes mit herzlicher Liebe emporblickt. Nicht selten zwar haben
solche Feste der Erinnerung den Rnken der Parteien, der eitlen
Selbstbespiegelung als willkommener Vorwand gedient, und sehr
verletzend tritt bei solchem Anla dem ernsten Beobachter eine traurige
Schwche unserer Gesittung entgegen: Wir modernen Menschen sind allzu
bereit, auf gegebenen Ansto gleich einer Herde alle das gleiche zu
tun, das gleiche zu empfinden. Dennoch ist die Gesinnung, welche heute
eine Rede, eine Schrift ber Uhland nach der andern hervortreibt, in
ihrem Grunde echt und tchtig. Denn eben weil die Hfe mit anderen
Augen als das Brgertum auf unsere Geschichte blicken, eben darum
sollen wir laut bezeugen: nicht wir haben es vergessen, wie rein und
schn der Dichter von unserem Hause, von deutschem Land und Volk
gesungen und wie wacker er fr uns gefochten hat.

Wieviel heiterer und menschlicher war doch die Sitte des deutschen
Hauses in den Tagen der Kindheit unseres Dichters, als vordem, da
Schiller sich aufbumte wider die Unfreiheit des schwbischen Wesens!
Ein Stilleben freilich war es, schlicht und schmucklos, das in der Enge
des ehrenfesten wohlhbigen Brgerhauses zu Tbingen sich abspann:
doch keinen gesunden Trieb des Kindes verkmmerte die verstndige
Zucht, und diesem Knaben am wenigsten wre es ein Segen gewesen, htte
er ankmpfen mssen gegen erdrckenden Zwang. Denn wohl die erste
Empfindung, die jedem sich aufdrngt beim Rckschauen auf dies schne
Dasein, ist das Erstaunen, wie leidenschaftslos dieser reizbaren
empfnglichen Knstlerseele das Leben verlief. Selbst jene tiefe
mnnliche Liebe, die Uhlands Herz erfllte, der er so oft im Liede
Worte geliehen, die Liebe zu seiner Kunst, wie gehalten und ruhig
tritt sie zutage! Jahrelang konnte er harren, schmerzlos harren, bis
der Gott ihn rief, und seine Dichterkraft, die man erstorben whnte,
uns mit neuen edlen Gaben beschenkte. Noch ist es nicht unntz, diese
Tatsache laut zu betonen. Denn wenigstens den Nachwehen jener Zeit
der falschen Geniesucht, die auch einen Uhland unter die prosaischen
Menschen verwies, begegnen wir noch heute. Immer wieder hren wir die
Unterscheidung von poetischen Naturen und poetischen Talenten, und
allzuoft vergit man die triviale Wahrheit, da schon der Name einer
poetischen Natur die schpferische Kraft bezeichnet. Wir Deutschen
vornehmlich sind es uns schuldig, solche Vorurteile einer schwchlichen
Epoche entschlossen abzuschtteln. Wir mten ja, wren sie begrndet,
das Ungeheuerliche tun und uns selber unseren polnischen Nachbarn, die
Englnder den Iren als prosaische Naturen unterordnen! Die Erscheinung
freilich ist auch unter deutschen und englischen Knstlern selten, da
zu groer Kraft und Wrme der Phantasie ein gehaltenes Gleichma der
Stimmung, nchterner Ernst und trockene Schroffheit des Auftretens sich
gesellen. Diese Verbindung des Widerstrebenden in Uhlands Bilde hat
oftmals auch jene befremdet, welche bescheiden verstehen, da in den
feinsten Naturen die Charakterzge sich am seltsamsten mischen.

Und doch verdankt der schwbische Dichter seinem nchternen
altbrgerlichen Sinne einen guten Teil seines Ruhmes. Keine
glcklichere Mitgift konnte der Snger sich wnschen in jenen
verworrenen Tagen der Romantik, die Uhlands Bildung bestimmten. Nach
volkstmlichen Stoffen verlangte die junge Dichterschule; sie empfand,
da das Ideal der klassischen Dichtung unserem Volke ein fremdes sei,
und das Bild der Gttin mit den Rosenwangen heute nur das Herz weniger
Hochgebildeter ergreifen knne. Sehr lebhaft fhlte auch Uhland den
Gegensatz der antiken und der germanischen Gesittung. Ein Aufsatz aus
seiner Jugend ber das Romantische sagt darber: Die Griechen, in
einem schnen genureichen Erdstriche wohnend, von Natur heiter,
umdrngt von einem glnzenden, tatenvollen Leben, mehr uerlich
als innerlich lebend, berall nach Begrenzung und Befriedigung
trachtend, kannten und nhrten nicht jene dmmernde Sehnsucht nach
dem Unendlichen. Der Sohn des Nordens, den seine minder glnzenden
Umgebungen nicht so ganz hinreien mochten, stieg in sich hinab. Wenn
er tiefer in sein Inneres schaute als der Grieche, so sah er eben darum
nicht so klar. Er verehrte seine Gtter in unscheinbaren Steinen, in
wilden Eichenhainen: aber um diese Steine bewegte sich der Kreis des
Unsichtbaren, durch diese Eichen wehte der Odem des Himmlischen. --
Glckliche Tage, da eine hochbegeisterte Dichterjugend auszog nach dem
Wunderlande der germanischen Vorwelt und aus den lange verschtteten
Schchten der mittelalterlichen Gesittung ungeahnte Schtze zutage
frderte! Whrend heute Politik, Volkswirtschaft, Wissenschaft im
Vordergrunde unseres nationalen Wirkens stehen, gab damals die Dichtung
dem gesamten geistigen Leben Ansto und Richtung.

Das vielgerhmte Weltbrgertum der Deutschen ward damals erst zur
Wahrheit, seit uns das Verstndnis aufging fr das Gemtsleben unserer
eigenen Vorzeit, seit der historische Sinn unter den Deutschen
reifte. Wir lernten den Volksgeist in seinem Werden belauschen,
den Glauben, die Kunst, die Sitte verschollener Tage in ihrer
Notwendigkeit verstehen. Die religise Innigkeit der Romantik machte
mit einem Schlage dem selbstgeflligen Rationalismus ein Ende,
der so lange ber die Nacht des Mittelalters vornehm gelchelt
hatte. Die Hellenen der modernen Welt erbauten sich wieder an dem
berschwenglichen Reichtume des Gemts, der in den Bildwerken des
Mittelalters so rhrend hervorbricht aus der Gebundenheit unfertiger
Formen. Das Auge der Menschen erschlo sich wieder fr die feierliche
Groheit der gotischen Kunst, die vordem nur von einer stillen
Gemeinde hellblickender Verehrer verstanden ward. Lange hatte sich
der politische Idealismus der Deutschen -- wo er bestand -- an den
Bildern der Reformationszeit und des groen Friedrich begeistert; nur
dann und wann war ein Lied von Arminius erklungen; jetzt umfate
die Sehnsucht der Patrioten mit leidenschaftlicher Bewunderung die
Heldengestalten der Stauferkaiser. Wir wurden wieder Herren im eigenen
Hause und begriffen eben darum jetzt erst die innige Verwandtschaft
der Vlkerfamilie des Abendlandes. Eine neue Welt voll gemtlicher
Innigkeit und Sehnsucht, voll phantastischen Zaubers und malerischer
Schnheit ging den Romantikern auf: Das Dunkelklare, gesteht Uhland,
ist mir berall die bedeutendste Frbung, im menschlichen Auge, im
Gemlde, in der Poesie, wie bei Novalis. Auch das landschaftliche
Auge des Volkes ward ein anderes. Solange Menschen leben, wird der
Streit nicht enden, ob die heitere Pracht eines ionischen Tempels
herrlicher sei als das ahnungsvolle Dunkel eines gotischen Domes,
der zrnende Achilleus erhabener als die rchende Kriemhild. Nur in
einem, in dem Verstndnis der Seele der Landschaft, war die Romantik
der klassischen Kunst ebenso gewi berlegen, als ein schwellender
duftiger Kranz deutscher Waldblumen tausendmal schner ist denn
jene straff gewundenen Lorbeergirlanden, welche die Bildwerke der
Alten schmcken. Herzlicher, sinniger denn je ward nun von den
Dichtern besungen der feierliche Ernst der Waldeinsamkeit, da die
Geister des Waldes ber den schweigenden Blttern weben, und der
wollstige Zauber jener Sommernchte, da der berauschende Duft der
Lindenblten dem Trumenden den Sinn verwirrt und das Mondlicht auf
den bemoosten Schalen klarer Brunnen spielt, und die erhabene Pracht
des Hochgebirges, wo weltbauende Mchte in den gewaltigen Formen jh
abstrzender Felsen sich offenbaren. Niemals, sicherlich auch nicht in
den prosaischen ersten Jahrzehnten des achtzehnten Jahrhunderts, waren
unter den Germanen gnzlich ausgestorben jene trumerischen Gemter,
die vor solchen Szenen ursprnglicher Naturschnheit von den Schauern
des Weltgeheimnisses sich durchzittern lieen; aber jetzt erst ward
weithin im Volke die Freude lebendig an diesen romantischen Reizen
der Natur. Kaum ein Stdtchen heute in Deutschland, das nicht irgendwo
einen lauschigen Platz dem Freunde der Natur wohlumfriedigt zu stillem
Genusse bte; die romantische Dichtung hat an dieser weiten Verbreitung
des Natursinnes im Volke ein reiches Verdienst.

Vergebliche Mhe, in wenigen Worten die vielseitigen Anregungen
zu schildern, die von dieser geistvollen Dichterschule ausgingen.
Sie begngte sich nicht, unserem Volke fr seine Vorzeit, seine
wunderreiche Sagenwelt und die Schnheit seines Landes den Sinn zu
erffnen; bald schweifte sie hinweg zu den Schtzen der Kunst aller
Zeiten und aller Vlker. Das Volkstmliche in der Gesittung aller
Nationen begann sie zu verstehen und zu bertragen. Ihr danken wir
eine unermeliche Erweiterung unseres Gesichtskreises. Unsere harte
mnnliche Sprache erwies sich zum Staunen der Welt zugleich als die
empfnglichste, schmiegsamste, spiegelte getreulich die Schnheit
jeder fremden Dichtung wider, sie nahm in ihrem Tempel gastlich die
Gtter aller Vlker auf. Doch nach so weiten Entdeckungsfahrten war die
romantische Schule unversehens zur gelehrten, dem Volke entfremdeten
Dichtung geworden in einem anderen, rgeren Sinne, als die klassische
Poesie es je gewesen. Den weiblichen Naturen der Tieck und Schlegel war
es eine Freude, sich zu versenken in die Trume einer untergegangenen
Welt, und bald erschien ihnen nur das Fremdartige poetisch, und
aus der Lust an den glcklich bewltigten knstlichen Formen der
romanischen und orientalischen Dichter erwuchs unserer Dichtung, was
der Sprache und dem Gemte der Germanen am meisten zuwider ist: das
virtuose Spielen mit der Form. Mehr feine, empfngliche Kunstkenner als
schpferische Knstler, wandten sich die Hupter der Schule hinweg von
der sprdesten und geistigsten Gattung der Poesie, dem Drama, das vor
allem einen reichen Inhalt verlangt. Als htte nie ein Lessing gelebt,
wurden die Grenzen von Poesie und Prosa wiederum verwischt, und die
berflle der aus der Dichtung aller Vlker aufgesammelten poetischen
Bilder hinbergetragen in die neue Wissenschaft, die nicht mehr nach
Beweisen, nur nach Anschauungen suchte, und in die neue Religion, die
nicht mehr das Gemt erbauen, nur den Schnheitssinn erfreuen wollte.

Vor solchen Verirrungen der Verfeinerung und berbildung ist Uhland
bewahrt worden durch seine kstliche schlichte Einfalt. Er war
aufgewachsen in einer Umgebung, wie sie dem Reifen des Knstlersinnes
nicht gnstiger sein konnte, in einem schnen, reichen, sagenberhmten
Lande, wo doch nirgends eine bermchtige Pracht der Natur den freien
Sinn des Menschen erdrckt. Er ist immerdar ein Schwabe geblieben und
hat der kindlichen Liebe zu seiner Heimat oftmals Worte geliehen,
am rhrendsten wohl in jenen Versen, die ein Tal seiner Heimat also
anreden:

    Und sink' ich dann ermattet nieder,
    So ffne leise deinen Grund
    Und nimm mich auf und schlie ihn wieder
    Und grne frhlich und gesund.

Wer je sdwrts geschaut hat von Hohentbingen, wo der Blick die
ganze Kette der Alb vom Hohenzollern bis zum Hohenstaufen beherrscht,
dem wird dies edle Landschaftsbild aus Uhlands schnsten Liedern
immer wieder entgegentreten. Weil seine Dichtung also natrlich
emporwuchs aus dem mtterlichen Boden des schwbischen Landes und
Volkes, so bewahrte sie sich jene derbe Naturwahrheit, die den meisten
Kunstwerken der Romantik sehr fern liegt: auch wo sie zarte, sanfte
Stimmungen ausspricht, wird sie nur selten verschwommen. Vor langen
Jahren schon ging unter den Schwaben die Rede: jedes Wort, das der
Uhland gesprochen, ist uns gerecht gewesen. Die Stammgenossen erhoben
den Dichter auf den Schild, ber die Schultern gewhnlicher Menschen
empor; wer ihn verkleinert, krnkt den gesamten Stamm. Eben diese
volkstmliche Tchtigkeit gibt seinem Wesen eine harmonische Ruhe,
eine geschlossene Festigkeit, die nur wenigen Sngern der Romantik
eignet. Nicht leicht konnten die Dichter einer Schule, die so ganz in
der Sehnsucht nach lngst entschwundenen Tagen lebte, jene olympische
Ruhe, jene selige Heiterkeit der Seele erwerben, welche dem Klassiker
Goethe das Recht gab, Tadlern und Lobrednern lchelnd zu sagen: Ich
habe mich nicht selbst gemacht. Wahrhaft harmonische Charaktere sind
unter den Heroen der Romantik fast allein die Mnner der Wissenschaft,
so Savigny, die Grimms und der liebenswrdigste der Menschen, Sulpiz
Boissere; unter den Dichtern der Romantik stehen neben Uhland nur sehr
wenige, deren Seele nicht getrbt ward durch einen unklaren, unfreien,
friedlosen Zug.

Auch er schaute mit der inbrnstigen Sehnsucht der Menschen des
Mittelalters zu dem berirdischen empor; so recht den Herzschlag des
Dichters hren wir in dem frommen Gedichte Die verlorene Kirche:

    Ich sah hinaus in eine Welt
    Von heil'gen Frauen, Gottesstreitern.

Aber suchte Friedrich Schlegel in jener Vorzeit den phantastischen
Reiz des Alten und Fremden, einer unfreien Gesittung, so liebte
Uhland das Mittelalter, weil er in ihm die ungebndigte Kraft
eines ursprnglichen, farbenreichen Volkslebens und vor allem die
Herrlichkeit des vaterlndischen Wesens bewunderte. So wurde jener
durch seine sthetische Neigung dem freien Leben der Gegenwart
entfremdet und, obwohl er am lautesten den Ruf nach volkstmlicher
Dichtung erhoben, in eine undeutsche, katholische Richtung getrieben.
Uhland aber ward der vornehmste Dichter jener jngeren, krftigeren
Richtung der Romantik, welche der ursprnglichen Absicht der Meister
getreuer blieb als diese selber, und in unserer Vorzeit nur das noch
heute Lebendige, die deutsche Weise, bewunderte. Darum schpfte er,
gleich den Brdern Grimm, aus der liebevollen Erforschung des deutschen
Altertums Mut und Kraft zum Kampfe der deutschen Gegenwart; darum
verwarf er jeden Versuch, die Formen mittelalterlicher Gesittung in
unseren Tagen wieder zu erwecken, und sprach herbe Worte wider die
erzwungene Begeisterung, als es wieder lebendig ward um den alten
Krahn in Kln und der schnste aller Dome aus Schutt und Trmmern
zu neuer Pracht emporstieg. -- Nicht unsere klassischen Dichter,
deren Werke ihn nur teilweise tiefer berhrten: die Dichtungen des
Mittelalters, die Volkslieder vornehmlich sind seine Lehrer gewesen,
und mit diesen Worten ist auch sein Platz in der Geschichte unserer
Dichtung bezeichnet. Es ist wahr, schon Goethes lyrische Muse hatte
viele ihrer herrlichsten Klnge dem deutschen Volksliede abgelauscht.
Aber fr Goethes geniale Vielseitigkeit war diese Anregung nur
eine unter vielen anderen, ja im Alter stellte er sich zornig dem
romantischen Nachwuchs als einen Plastiker gegenber; Uhland dagegen
hat das Eigenste seiner Kraft an den Gedichten des Mittelalters
gebildet. Sie wirkten auf den Mann kaum minder mchtig als auf den
Knaben an jenem Tage, da er zuerst das Nibelungenlied vortragen hrte
und, so sagt man, in tiefer Bewegung aus dem Zimmer eilte. An dem Liede
von Walther und Hildegunde fand er als Student zuerst eine Poesie, die
sein innerstes Wesen ergriff. Das hat in mich eingeschlagen, bekennt
er. Was die klassischen Dichtwerke trotz meines eifrigen Lesens mir
nicht geben konnten, weil sie mir zu klar, zu fertig dastunden, was ich
an der neueren Poesie mit all ihrem rhetorischen Schmucke vermite,
das fand ich hier: frische Bilder und Gestalten mit einem tiefen
Hintergrunde, der die Phantasie beschftigte und ansprach!

So ward ihm das hohe Glck, inmitten einer berbildeten, nach den
fremdesten und fernsten Reizen jagenden Kunst einen festen Kreis edler
Stoffe zu beherrschen, welche darum unfehlbar wirken muten, weil ein
ganzes Volk sie durch Jahrhunderte gehegt und gebildet hatte. Und
noch schrfer sogar schied er sich ab von den lteren Romantikern
durch seine Weise, die Form der Kunst zu handhaben. Sein feines Ohr
empfand, da eine Sprache voll Hrten des musikalischen Wohlklangs der
romanischen Rede nur bis zu einem gewissen Grade fhig sei. Auch er
hat Sonette und Glossen gedichtet und die Assonanz statt des Reimes
gewagt; aber ungleich mavoller als die Tieck und Schlegel brauchte er
diese fremden Formen, und nach uralter, deutscher Weise war ihm in der
Kunst der Inhalt das Bestimmende. Wre ihm in seinem Sngerstreite
mit Rckert statt der guten Sache: Falschheit krnket mehr denn
Tod, die schlechte Meinung: Eh'r falsch als tot, zur Verteidigung
zugeteilt worden: er htte sicherlich nicht jene kunstvollen, feinen
Wendungen gefunden, wodurch sein Gegner sich zu decken wute; ein
Scherz vielmehr htte ihm aus der Not helfen mssen. Schon im Jahre
1812 lobte er sich die ursprnglich deutsche Art, die Innigkeit der
Empfindung, im Gegensatz zu der formen- und bilderreichen Dichtung
des Sdens. Der alte Spruch: Schlicht Wort und gut Gemt ist das
echte deutsche Lied, war ihm fortan der Wahlspruch seiner Kunst.
Die einfacheren Formen aber, die er dem Genius unserer Sprache gem
fand, hat er mit vollendeter Kunst beherrscht, whrend Tieck mitten in
der gesuchten Formknstelei oftmals sogar die Korrektheit vermissen
lt. Und gelang es der lteren Romantik, weil nur ein sthetisches
Wohlgefallen sie zu dem deutschen Altertume fhrte, sehr selten die
naive Weise des Mittelalters zu treffen, so wute Uhland, weil er mit
ganzer Seele in jene Vorzeit sich versenkte, seine Mren so glcklich
in treuherzig altertmlichem Tone vorzutragen, da wir heute kaum
noch begreifen, wie solche Stoffe jemals anders dargestellt werden
konnten. Sein natrliches, wissenschaftlich geschultes Sprachtalent hat
unserer modernen Dichtung eine Flle schner altertmlicher Wendungen
und Wrter neu geschenkt, davon die junge Welt kaum wei, da sie uns
einst verloren waren. Seinem strengen Formensinne war ein Greuel jenes
phantastische Verzerren der Natur, jenes Spielen mit duftenden Farben
und tnenden Blumen, das die Romantik liebte. Feste, starke Umrisse
gab er, wo es not tat, seinen Gestalten, also da wir aus manchen
seiner Gedichte den tchtigen Zeichner erkennen, der in der Ausbung
der bildenden Kunst sein Formgefhl schulte. Mit Recht hat man ihn
darum einen Klassiker unter den Romantikern geheien.

Dieser ernste Knstlersinn offenbarte sich vornehmlich in Uhlands
weiser Selbstbeschrnkung, einer antiken Tugend, die uns Modernen
nicht leicht fllt. Ein Knstler von Grund aus und ein denkender
Knstler, wie jede Zeile seiner Gedichte zeigt, hat er vielleicht
weniger als irgendeiner unserer namhaften Dichter die Neigung zur
Kritik und literarischen Fehde versprt. Auf das Knnen, das ganze
und rechte Knnen ging er aus; er am wenigsten wollte das Schlagwort
der romantischen Dilettanten gelten lassen, da man ein Dichter sein
knne, ohne je einen Vers geschrieben zu haben. Greren Gedichts
Entfaltungen hatte er einst in jugendlicher Zuversicht seinen Lesern
versprochen; doch als ihn die ersten Versuche belehrten, da ihm
die dramatische Kraft versagt sei, zog er sich zurck auf die Lyrik
und das lyrische Epos. Er begngte sich, auf diesem engen Gebiete
Mustergltiges zu leisten, derweil die Chorfhrer der Romantik nach
allen hchsten Krnzen der Kunst zugleich die Hand ausstreckten, ja
in Plnen ganz neuer Kunstformen sich verloren und, im Grenzenlosen
schweifend, nur wenig in sich Vollendetes schufen.

Den letzten Grund aber dieses tiefgreifenden Unterschieds zwischen
Uhland und der Schlegel-Tieckschen Richtung verstehen wir erst, wenn
wir erkennen: in Uhland lebte ein tief sittlicher, tatkrftiger Ernst,
der die tatlose, ironische Weltanschauung der Romantik schlechthin
verwarf. Solchem sittlichen Pathos hatte einst Schiller die Liebe
des Volkes verdankt, obwohl er sehr selten volkstmliche Stoffe
besang. Denn mit unfehlbarer Sicherheit empfindet das Volk -- unter
den Germanen mindestens --, ob ein Knstler mit seinen Bildern blo
geistreich spielt oder ob er sein Herzblut ausstrmen lt in seine
Gedichte, und noch hat niemand durch ein feines Spiel sich des Volkes
Herz erobert. In der Form allerdings hat Schillers hochpathetische
Weise nicht das mindeste gemein mit dem naiven, einfachen Wesen
der Uhlandschen Dichtung, das der Weise Brgers und Goethes weit
nher steht. Schillers Geist aber, sein sittlicher Ernst, seine
khne Richtung auf die Gegenwart und ihr ffentliches Leben, ward
in Uhland und den Sngern der Freiheitskriege aufs neue lebendig.
Darum ward Uhland durch seine romantischen Neigungen nicht gehindert,
in der Wissenschaft ein nchterner methodischer Forscher, im Leben
ein Verfechter des modernen Staatsgedankens zu sein. Mit sicherem
Takte wute er Leben und Dichtung auseinanderzuhalten, und jeder
mystischen Liebhaberei der romantischen Genossen stellte er seinen
derben protestantischen Unglauben gegenber. Wenn Justinus Kerner
von dem Geiste der Mitternacht erzhlte, dann lachte Uhland, dann
war er selber der Zechgesell, der keinem glaubt. Und wurde er ja
einmal durch eine Erzhlung von geheimnisvollen Naturwundern zum Liede
begeistert, wie schn wute er dann seinen Stoff aus dem trben dumpfen
Traumleben in eine freiere durchgeistigte Luft zu erheben! Als ihm
berichtet ward von dem Mdchen, das im Mohnfelde schlief und, erwacht,
mitten im lauten Leben weiter trumte, so ward ihm dies ein Anla, das
Schlafwandeln des Dichters zu schildern, dem das Leben zum Bilde, das
Wirkliche zum Traume wird:

    O Mohn der Dichtung, wehe
    Ums Haupt mir immerdar!

In unseren nchternen Tagen vermag auch ein flacher Kopf die Schwchen
der Romantik leicht zu durchschauen, und oft vergessen wir, wie tief
wir in ihrer Schuld stehen. Jene geistig hoch erregten Tage durften
sich, nach Immermanns wahrem Gestndnis, einer Dichtigkeit des Daseins
rhmen, die unserem schnell lebenden, unruhig nach auen wirkenden
Geschlechte verloren ist. Noch war die Welt von Schnheit trunken,
noch galt ein edles Gedicht als ein Ereignis, das tausend Herzen
froh bewegte, und auch die Hupter der romantischen Schule umstrahlt
noch etwas von dem Glanze der glckseligen Zeit von Weimar, wo der
bekrnzte Liebling der Kamnen der innern Welt geweihte Glut ergo߫.
Aber eine Dichterschule kann durch eine Flle neuer Gedanken und
Anschauungen, die sie in das Volk warf, die Nation zum bleibenden
Danke verpflichten und dennoch an echten Kunstwerken sehr arm sein.
Stellte nun einer die Frage: Welche Kunstwerke der romantischen Epoche
sind nicht blo historisch wichtig durch die Anregung, die sie unserem
Volksgeiste gaben, sondern in sich vollendet und unsterblich? -- so
wrde ein ganz schonungsloses Urteil doch nur die Antwort finden:
einige meisterhafte bertragungen und Nachbildungen fremdlndischer
Dichtung und -- die lyrischen Gedichte Uhlands und einiger ihm
verwandter Snger.

Als Chamisso in Paris im Jahre 1810 den dreiundzwanzigjhrigen Uhland
kennen lernte, schrieb er mit seiner liebenswrdigen Laune einem
Freunde: Es gibt vortreffliche Gedichte, die jeder schreibt und
keiner liest; doch hier ist einer, der macht Gedichte, die keiner
schreibt und jeder liest. Und langsam, aber einmtiger von Jahr zu
Jahr, begann die Nation in das Lob einzustimmen, als fnf Jahre spter
die Gedichte erschienen waren. Den Weg zum Herzen seines Volkes
hat der Dichter zuerst gefunden durch jene Lieder, welche der Weise
des alten Volksliedes so treu, so naiv nachgebildet waren, wie es
vordem nur Goethe verstanden. Er hat zuerst in weiteren Kreisen das
Verstndnis wieder erweckt fr diese volkstmlichen Klnge, und wenn
Eichendorff und Wilhelm Mller selbstndig, unabhngig von Uhland ihr
lyrisches Talent bildeten, so danken sie ihm doch, da das Volk ihren
Liedern froh bewegt lauschte. Schien es doch, als wre die unselige
Kluft wieder berbrckt, die heute die Gebildeten und die Ungebildeten
unseres Volkes scheidet, als tnte der Gesang, von namenlosen fahrenden
Schlern erfunden, unmittelbar aus der Seele des Volkes heraus.
Unwillkrlich fragte der Hrer, ob nicht am Schlusse des Sanges ein
Vers hinweggefallen sei, das alte treuherzige:

    Der uns dies neue Liedlein sang,
    Gar schn hat er gesungen;
    Er trinkt viel lieber den khlen Wein
    Als Wasser aus dem Brunnen.

Der Gesang ist heute, wie zur Zeit der italienischen Renaissance die
Redekunst, die geselligste der Knste. Das arme Volk liest wenig, am
wenigsten Gedichte; fast allein durch den Gesang wird ihm das Tor
geffnet zu der Schatzkammer deutscher Poesie. An Kunstwert stehen
Uhlands erzhlende Gedichte seinen Liedern ohne Zweifel gleich; aber
die Bedeutung des Mannes fr die Gesittung unseres Volkes beruht
vornehmlich auf den Liedern. Sie haben dem Snger den schnsten
Nachruhm gebracht, der dem lyrischen Dichter beschieden ist. Sie leben
in ihrer leichten sangbaren Form im Munde von Tausenden, die seinen
Namen nie gehrt, sie klingen wider, wo immer Deutsche frhlich in
die Weite ziehen oder zum heiteren Gelage sich scharen. Es war eine
Stunde seliger Genugtuung, als er einmal auf der Wanderung durch die
Hardt in den Klostertrmmern von Limburg unerkannt rastete und seine
eignen Lieder, von jugendlichen Stimmen gesungen, durch das Gewlbe
schallten. Alle die hoffnungsvollen Anfnge freier, volkstmlicher
Geselligkeit, welche heute das Nahen einer menschlicheren Gesittung
verknden, alle die frhlichen Fahrten und Feste unserer Snger und
Turner und Schtzen danken einen guten Teil ihres poetischen Reizes
dem schwbischen Snger; kein Wunder, da er selber sich an solcher
Volksfreude nicht satt sehen konnte. Fast deucht uns ein Mrchen, da
es einst eine Zeit gegeben, wo am Beiwachtfeuer deutscher Soldaten
das Lied noch nicht erklang: Ich hatt' einen Kameraden, da einst
deutsche Handwerksburschen ber den Rhein gezogen sind, die noch nicht
sangen von den drei Burschen.

Doch sehen wir nher zu, so finden wir auch in dem einfachsten dieser
Lieder einen entscheidenden Zug -- eine kunstvolle Steigerung,
einen schlagenden Abschlu --, der das Gedicht alsbald auf die Hhe
der Kunstpoesie erhebt und mit so groer Innigkeit und Frische den
durchgebildeten Verstand des Knstlers gepaart zeigt. Demselben
Lehrer, dem deutschen Volksliede, hat Uhland auch die Kunst der
gemtlich bewegten Erzhlung abgesehen. Er vermag es, einen kleinen
anekdotenhaften Zug mit so viel schalkhafter Anmut zu einer Ballade
zu erweitern, wie vor ihm wieder nur Goethe. Sein Eigenstes und
Schnstes schuf er in der erzhlenden Dichtung dann, wenn er sich
ein Herz fate und die trotzige, reckenhafte Kraft der deutschen
Heldenzeit derb und mit Laune darstellte, wie in den Rolandsliedern,
wohl seinen besten Balladen. Und wie das Volkslied nicht in die
Grenzen eines Landes gebannt bleibt, sondern der Sang von Liebeslust
und -leid, von Heldenzorn und Heldentod durch alle Vlker wandert und
in der Fremde sich umbildet, so hat auch Uhland sein deutsches Wesen
nicht verleugnet, wenn er fremdlndische Sagenstoffe besang. Sein
Gesichtskreis umfate das gesamte Altertum der christlich-germanischen
Vlker; nur sehr selten hat ihn ein Bild der antiken Gesittung zum
Liede begeistert, und gnzlich fern lag seinem deutschen Gemte
die Sagenwelt des Orientes, wie sehr sie auch den Meister der Form
verlocken mochte. Sehr tief hatte er sich eingelebt in den Geist der
sdlndischen Snger des Mittelalters: durch das liebliche Gedicht
Ritter Paris weht ein Hauch schalkhafter Grazie, darum ihn jeder
Troubadour beneiden knnte. Fast scheint es, wenn Uhland die Mren
der liederfreudigen Provence nachdichtet, als singe hier wirklich
ein alter Sdfranzose, als erflle sich die wehmtige Verheiung des
modernen provenalischen Dichters: =O moun pais, bello Prouveno,
toun dous parla pou pas mouri.= Und doch ist dies nur ein Schein: aus
Uhlands sdlndischen Gedichten so gut wie aus seinen angelschsischen
und nordfranzsischen Balladen weht uns heimatliche Luft entgegen, er
behandelt diese fremden Stoffe mit der gemtlichen Innigkeit und in der
tief bewegten Weise der Germanen, nicht mit der feierlichen Grandezza
und dem rhetorischen Pathos sdlicher Romanzen.

Nicht immer freilich ist ihm dies gelungen. Oft nahm er aus den
romanischen Stoffen auch legendenhafte Wundergeschichten mit herber,
die den modernen Hrer kalt lassen, oder hlich phantastische Zge: --
so steht in dem schnen Zyklus Sngerliebe fremd und verletzend die
Romanze von dem Kastellan von Couci, dessen Herz von seiner Geliebten
verspeist wird. Manchmal -- was uns noch mehr abstt -- schleichen
sich mit den fremden Bildern auch fremde Empfindungen in seine Seele.
Vor dem Bilde des Wallers oder der trauernden Nonne, die entsagt
und betet bis ihre Augenlider im Tode fielen zu, steht der gesunde
Sinn der modernen Deutschen befremdet still: was gilt sie uns, diese
zugleich schwchliche und berschwengliche Empfindung der Vorzeit der
Romanen? Ja sogar unter den Balladen, die auf deutschem Boden spielen,
finden sich neben vielen ursprnglichen Schilderungen deutscher
Kraft und deutscher Laune doch auch einige sentimentale Gedichte von
sehnschtigen Mdchen und trauernden Knigen, die uns kein festes
Bild hinterlassen. Desgleichen, wenn wir an seinen Liedern das innige
Naturgefhl und die tief bewegte Stimmung bewundern, so scheinen uns
doch einzelne inhaltslos, wir wnschten, der Dichter htte nicht blo
sein bewegtes Herz, sondern sein reiches Herz gezeigt. Solche Mngel
mochte Goethe im Auge haben, wenn er in Augenblicken bler Laune sehr
hart und bitter von der Uhlandschen Dichtung sprach. Doch all diesen
Schwchen hat der Dichter selber die beste Verteidigung geschrieben:

    Scheint euch dennoch Manches kleinlich,
    Nehmt's als Zeichen jener Zeit,
    Die so drckend und so peinlich
    Alles Leben eingeschneit.

Uns freilich, unserem derben historischen Realismus fllt es
leicht zu erkennen, wann Uhland die harten, barocken Zge unserer
Vorzeit verwischt hat. Wir lcheln, wenn uns in Erzhlungen aus dem
Mittelalter, dieser treulosesten aller Zeiten, von deutscher Treue
berschwenglich geredet wird, und seit die fortschreitende Kultur
das Haar unserer Mdchen gebrunt hat, fllt uns die ausschlieliche
Begeisterung fr blondes Haar und blaue Augen so schwer, wie die
bermige Freude an den Rosen und Gelbveigelein. Aber frage sich
jeder, ob auch das Unsterbliche in Uhlands Gedichten geschaffen werden
konnte von einem Dichter, der minder treuherzig fr das biderbe
Mittelalter schwrmte, der weniger unbefangen sich begeisterte fr
Jugend, Frhling, Festpokal, Mdchen in der holden Blte? In unseren
rauheren Tagen geht auch der Jugend diese naive Schwrmerei sehr
rasch verloren, doch darum mangelt auch unseren neuen Lyrikern die
Jugendfrische, die herzbewegende Innigkeit des alten Sngers. Und wie
verschwindend gering ist doch die Zahl jener Gedichte, welche auch
Uhland angekrnkelt zeigen von der unklaren Gefhlsseligkeit seiner
Zeit! Nur Heinrich Heines Gehssigkeit konnte aus dem Liede: Ade,
du Schfer mein den Grundton der Uhlandschen Dichtung heraushren.
Neben dies eine Lied -- beilufig eines seiner allerfrhesten
Jugendgedichte -- stellen sich hundert andere voll mannhafter Kraft und
unverwstlicher Lebenslust.

Gern verstummt die Kritik vor diesen Gedichten; ber ihnen liegt der
Zauber einer vllig abgeschlossenen Bildung. Sie sind das getreue
Spiegelbild der edelsten Empfindungen einer reichen Zeit, die wir mit
allen ihren Verirrungen aus unserer Geschichte nicht missen knnen,
nicht streichen wollen: die alte Burschenschaft vornehmlich lebt
nur noch in den Liedern Uhlands und seiner Genossen. Ist auch jene
Gesittung in unserem Volke lngst einer anderen, hrteren gewichen: tot
ist sie darum nicht. In allen neueren Vlkern sehen wir eine seltsame
Erscheinung, welche dem modernen Menschen gar sehr erschwert, sich
auf seine eigenen Fe zu stellen. Gedanken und Anschauungen, die das
Volk lngst berwunden, kehren in dem Leben des einzelnen wieder als
Momente seiner persnlichen Entwicklung. Lngst vorber sind unserer
Nation die Tage der Romantik und des jungdeutschen Weltschmerzes; aber
noch heute kommt kein geistreicher Deutscher zu seinen Jahren, der
nicht einmal, wehmtig wie ein Uhlandscher Bursch, dem scheidenden
Freunde das Geleite gegeben und spter mit Byronschem bermute sich
aufgelehnt htte wider die Unnatur der alternden Welt. Dem Manne
ziemt, die Gedanken seiner Jugend zu berwinden, nicht, wie man heute
liebt, sie zu schelten; denn ihnen dankt er, da er ein Mann geworden.
Wir wren die Deutschen nicht mehr, die wir sind, wenn je an der lauten
Tafelrunde unserer Burschen die strmische Weise nicht mehr erklnge:
Wir sind nicht mehr beim ersten Glas. Und mir graut, wenn ich mir
vorstelle, es knnte je die Zeit kommen, da der deutsche Jngling zu
verstndig wre, um in der heien Sehnsucht herzlicher Liebe zu singen:

    Welt, geh nicht unter, Himmel, fall nicht ein,
    Eh' ich mag bei der Liebsten sein!

Was die klugen Leute die unbestimmte nebelhafte Weise von Uhlands
Lyrik nennen, ist oftmals nichts anderes als das Wesen aller lyrischen
Dichtung selber: jene hocherregte Stimmung die den Leser geheimnisvoll
ergreift und ihm einen Ausblick gewhrt in das Unendliche. Oder wre es
ntig, auch nur ein Wort zu verlieren gegen jene Barbarei, die Uhland
darum getadelt hat, da seine Lieder sich der Musik so willig fgen?
In dem Gedichte Traum, das man auch oft allzu weichlich gescholten
hat, liegt doch nichts anderes als der beraus glckliche Ausdruck
einer Stimmung, die unserem Volke von Anbeginn im Blute liegt. Die
Klage um die Vergnglichkeit irdischer Lust wird von unserer gesamten
Dichtung, dem Volksliede insbesondere, in tausend Formen wiederholt und
ist selten rhrender ausgesprochen worden als in dieser Vision von der
Abfahrt der Wonnen und Freuden:

    Sie fuhren mit frischen Winden,
    Fern, ferne sah ich schwinden
    Der Erde Lust und Heil.

Und wieder, wie kstlich heben sich ab von diesen weichen Tnen der
Sehnsucht die Klnge neckischer Lebenslust! Nicht nur die Weise des
derben Spottes wei der Dichter anzuschlagen, auch das harmlose,
sozusagen gegenstandslose Spielen der Laune hat er den Lgenliedern
unseres Volkes abgelauscht, und aus manchen seiner Gesnge klingt uns
die alte lustige Weise entgegen: Ich will anheben und will nicht
lgen: ich sah drei gebratene Tauben fliegen. --

Niemand taugt ohne Freude! Wie sollte Uhland nicht zu dem guten Worte
sich bekennen! Kein Geringerer hat es ja gesprochen als Walther von der
Vogelweide, den er als seinen liebsten Lehrer verehrte. Da Uhland mit
anderem, moderneren Sinn als die Tieck und Schlegel auf das geliebte
Mittelalter zurcksah, das erkennen wir am leichtesten an dieser
Vorliebe fr Walther, den vielleicht freiesten Geist des deutschen
Mittelalters, der mit seiner hellen bewuten Empfindung uns Neueren
nher steht als irgendeiner seiner Zeitgenossen. Und mannigfach,
offenbar, war die Verwandtschaft der beiden. Ein Meister der Form in
der Dichtkunst, aber mehr gestaltend als bilderreich, hat Walther
gleich seinem spteren Schler seine Herrschaft ber die Form nie
mibraucht zu leerem Spiele mit dem Wohllaut der Sprache. Die Form ward
ihm geschaffen durch den Inhalt, seine prchtigen volltnenden Weisen
versparte er, bis es galt Knige zu preisen oder die auserwhlten
schnsten der Frauen. Uhland, der so warm und traulich die behagliche
Enge des huslichen Lebens besang, spottete doch bitterlich des
Dichters, der in einer Welt des Kampfes nur sein gro, zerrissen Herz
zu betrachten wute. Auch hierin war ihm der alte Snger ein Lehrer
gewesen: -- der politische Dichter, der in seinem besonderen Leben
das ffentliche spiegelte und aus voller Kehle seines Landes Ruhm
sang: Deutsche Mann sind wohlerzogen, gleich den Engeln sind die Weib
getan. Sehr ungleich freilich waren den beiden die Gaben des Glcks
zugeteilt, und wir freuen uns der freieren Gesittung der Gegenwart,
wenn wir den stolzen, sehaften, mit seinem Knige kmpfenden Brger
unserer Tage mit dem fahrenden Ritter vergleichen, der Herberg und
Gaben heischend von Burg zu Burg zieht und, als ihm endlich eines
Frsten Gnade eine kleine Hofstatt geschenkt, jubelnd in die Weite
ruft: Ich hab' ein Lehen, all' die Welt, ich hab' ein Lehen. Auch
darin waren die beiden verschieden geartet, da Walthers hchste Kraft
in dem Spruche, dem Sinngedichte sich bewhrte. Dem modernen Dichter
dagegen ist zwar auch manches glckliche Sinngedicht gelungen, so jenes
liebliche Versptete Hochzeitslied, das wirklich aus der Not eine
Tugend zu machen wei und die Sumnis des Sngers also entschuldigt:

    Des schnsten Glckes Schimmer
    Umschwebt euch eben dann,
    Wenn man euch jetzt und immer
    Ein Brautlied singen kann;

doch niemand wird in Uhlands Sinngedichten, denen oftmals die rechte
lakonische Kraft fehlt, das Eigenste seines Talentes suchen.

Es war ein Liederfrhling kurz und reich. Ein edles Bild der Jugend war
Uhlands Dichtung gewesen, und als mit den Jahren diese jugendlichen
Gefhle ihm seltener das Herz schwellten, hrte er auf zu singen. Nach
seinem dreiigsten Jahre sind nur wenige seiner Gedichte entstanden.
Darunter allerdings einige seiner schnsten Romanzen, und auch die
rhrenden Naturlaute zarter inniger Empfindung entflossen noch dann und
wann dem Munde des gereiften Mannes, so damals, da ihm in einem Sommer
beide Eltern starben und er beim Anblick eines fallenden Blattes die
wie im Winde verwehende Klage schrieb:

    O wie vergnglich ist ein Laub,
    Des Frhlings Kind, des Herbstes Raub!
    Doch hat dies Laub, das niederbebt,
    Mir so viel Liebes berlebt.

Es ist mig, ihn darum zu preisen, da seine Formgewandtheit ihn nicht
verfhrt hat zu Schpfungen, die das Geprge der Notwendigkeit nicht
mehr getragen htten. Wir mssen sagen, er konnte nicht anders als
schweigen, wenn der Gott ihn nicht rief. Schon der junge Mann gesteht:
Zu jeder sthetischen, wenn auch nicht produktiven Arbeit ist eine
Stimmung erforderlich, welche die launische Stunde nach Willkr gibt
oder versagt. Einmal erregt pflegte seine dichterische Kraft lange
anzuhalten, es war, als ob ein Lied das andere weckte. Sein Wesen lt
sich nur mit dem franzsischen =entier= bezeichnen. Jeder Gedanke,
jede Beschftigung nahm ihn ganz und auf die Dauer dahin, selbst die
politischen Arbeiten raubten ihm, einmal begonnen, die Lust zu anderem
Tun.

Doch wenn seine Dichtung allmhlich verstummte, umso lauter erhob der
Chor seiner Nachfolger die Stimme, und da ein literarhistorisches
Zeitalter jeden Knstler suberlich in einer Schublade unterbringen
mu, so mute auch er, der dem Unwesen der literarischen Kameradschaft
immer gram war, als das Haupt der schwbischen Dichterschule gelten
und -- manche Snden seiner Nachfahren entgelten. Wohl waren diese
Snger alle getrnkt von dem warmen Naturgefhle ihrer Heimat, und mit
gerechtem Stolze konnte Justinus Kerner rufen:

    Wo der Winzer, wo der Schnitter singt ein Lied durch Berg und Flur,
    Da ist Schwabens Dichterschule, und ihr Meister heit Natur.

Wie sie einst mit gesundem schwbischen Sinne gegenber der
Phantasterei der Schlegelschen Richtung ihre protestantische
Nchternheit bewahrt, so haben sie spter die reinen Formen der
lyrischen Dichtung gerettet, als der Feuilletonstil des jungen
Deutschlands alle Kunstformen zu verwischen drohte; sie haben
deutsches Wesen und zchtige Sitte getreu behauptet, whrend der
weltbrgerliche Radikalismus und die franzsischen Emanzipationslehren
ber uns hereinbrachen. Aber mit der unermdlichen Fertigkeit der
Meistersnger wurde jetzt der so leicht nachzuahmende, so schwer zu
erreichende Balladenstil Uhlands nachgebildet. Die poetische Stimmung,
jenes Dunkelklare, geht manchen gereimten Geschichtserzhlungen
der Schler verloren. Die geringe Empfnglichkeit fr die Schnheit
der Antike war Uhlands natrlicher plastischer Kraft ungefhrlich
gewesen, bei den Nachfolgern bestraft sie sich durch die unklare
verschwommene Zeichnung. Schon dem Meister war das hinreiende Pathos
groer Leidenschaft versagt, ihm fehlte der Trieb, das Geheimnis der
Weltenleitung in schweren Seelenkmpfen zu ergrnden; bei vielen der
Spteren erscheinen diese Schwchen geradezu als platte Gemtlichkeit
und Gedankenarmut, wofr Frische und Natrlichkeit der Darstellung
keinen Ersatz gewhren. Wie berhaupt die Kunst, mit Halbwahrheiten
virtuos zu spielen, den boshaften Satiren Heinrich Heines ihren
gefhrlichen Reiz verleiht, so ist auch eine halbe Wahrheit sicherlich
enthalten in jener Schmhschrift, welche den Spott des bermtigen
ber die Geistesarmut der schwbischen Schule ergo. Als endlich in
Schwaben jeder Fels, wo ein Ritter den andern erschlug, seinen Snger
gefunden hatte, und die Dsseldorfer Maler unsere Galerien immer wieder
mit sehnschtigen blonden Mdchen und trauernden letzten Rittern
ihres Stammes bevlkerten, da entstand -- wesentlich gefrdert durch
die berproduktion der schwbischen Schule -- in unseren tchtigsten
Mnnern der weit verbreitete, beklagenswerte Widerwille gegen alle
lyrische Dichtung. Bei solchem Sinne der Mnner ist Uhland heute
allerdings vornehmlich ein Liebling unserer Jugend, whrend Branger,
der oft mit ihm Verglichene, auch dem lteren Geschlechte unter seinen
Landsleuten noch jetzt aus der Seele redet. Aber, ein leichtsinniges
Pariser Kind, huldigt dieser gleich willig den edlen wie den unwrdigen
Leidenschaften seines Volkes: des deutschen Dichters lauterer Sinn hat
nur der reinen Begeisterung der Jugend Worte geliehen. --

Augen wie ein Kind hat der Alte hren wir oft die Jngeren
erstaunt sagen, wenn sie die verwitterten Zge eines Soldaten der
Freiheitskriege erblicken. In der Tat, eine seltene Frische und
jugendliche Reinheit der Empfindung, die so nicht wiedergekehrt ist,
bildet den entscheidenden Charakterzug jenes Geschlechtes, und sie
ist auch der schnste Reiz von Uhlands Dramen. Fremd zugleich und
liebenswrdig klingt unserem kurz angebundenen Wesen der zrtliche
Ergu der Freundschaft Ernsts von Schwaben an der Leiche seines Werners:

    Die Lfte wehen noch, die Sonne scheint,
    Die Strme rauschen und der Werner stirbt! --

oder die edle Resignation Friedrichs von sterreich, der sich freut:

    Da ich noch Kronen von mir stoen, noch
    Den Kerker kann erwhlen statt des Throns.

An hnlichen Zgen hoher lyrischer Schnheit sind die beiden
Dramen reich. Sogar die Landschaft spielt mit, nach der Weise der
lyrischen Dichtung; sie spiegelt wider oder hebt durch den Kontrast
die Leidenschaften der dramatischen Helden. Nicht minder kommt des
Dichters episches Talent zur Entfaltung in den zahlreich eingestreuten
Erzhlungen -- kleinen Romanzen, die berall eine groe Anmut und
Sicherheit der Zeichnung verraten; ja die gesamte Weltanschauung des
Dichters ist episch; seinen Kaiser schildert er nach homerischer Weise
und mit den Worten des mittelalterlichen Erzhlers:

    Und seine Schulter ragt' ob allem Volk.

Das eigentlich dramatische Talent dagegen hat sich Uhland in edler
Bescheidenheit selbst abgesprochen. Nimmermehr wird es blinden
Bewunderern gelingen, diesem Bekenntnisse des Dichters sein Gewicht zu
nehmen. Uhland deshalb zu den ersten Dramatikern der Deutschen zhlen,
weil seine Dramen nationale Stoffe behandeln, das heit prosaisch am
Stoffe kleben und das Wesen aller Kunst verkennen. Wie im Wettstreit
der Rede der rmere Geist, der die Hrer durch rednerischen Schwung
bezaubert, unfehlbar und mit vollem Rechte den helleren Kopf besiegt,
welchem die hinreiende Gewalt der Rede fehlt: ebenso und mit gleichem
Rechte triumphiert auf den Brettern der bhnenkundige dramatische
Handwerker ber den echten Dichter, der die Kunst der dramatischen
Aufregung nicht versteht. So recht das Gegenteil jenes durchgreifenden,
revolutionren Eifers, der den dramatischen Helden macht, ist die
zhe Kraft des treuen Beharrens, welche das Pathos der Helden Uhlands
bildet. Und wieder so recht das Gegenteil jener ganz bestimmten
endlichen Zwecke, welche der dramatische Held verfolgen soll, ist jene
gegenstandslose sittliche Begeisterung, die einen guten Plan verwirft,
weil nichts darin zu finden sei, nichts, was begeistern knnt' ein
edles Herz. Nur selten zeigt Uhlands Dialog das dramatische Platzen
der Geister aufeinander; mit vorgefaten Entschlssen treten zumeist
seine Menschen auf die Bhne, erzhlen, sprechen ihre Empfindungen
aus und die Szene schliet oft ohne jedes dramatische Ergebnis. Auch
widerstrebt es dem warmen Herzen des Dichters, das Bse mit dem
unbefangenen Behagen des Dramatikers zu schildern. Die politischen
Plne, die er seinen Helden in die Seele legt, erscheinen als Beiwerk,
nicht als ein Pathos, das den ganzen Menschen erfllt. Auf der Bhne
tritt den modernen Hrern das fremdartige Wesen der Kulturformen und
der Empfindungen des Mittelalters sehr auffllig entgegen, um so
aufflliger, da der Dichter manche Szenen -- den Kirchenbann, den
Ritterschlag -- sichtlich nur deshalb mit Vorliebe behandelt hat, weil
der romantische Reiz des fremden Kostms ihn lockte, nicht weil sie
dramatisch notwendig waren.

Dergestalt sind diese Dramen rasch von der Bhne verschwunden. Dem
Leser wird ihre lyrische Schnheit immer teuer bleiben, und eben darum
wird er mit reinerer Freude vor dem lteren der beiden Werke verweilen.
Willig vergit er den verfehlten Bau des Ernst von Schwaben, dessen
Handlung mit dem Hhepunkte beginnt, denn gar zu liebenswrdig tritt
uns aus dem Bilde der beiden treuen Freunde das warme reine Herz des
Dichters entgegen. Das Schauspiel Ludwig der Bayer ist, obwohl es
Schritt fr Schritt den Berichten der alten Chronisten folgt, doch
weit kunstgerechter gebaut als das Erstlingsdrama, und ohne Zweifel
hat keiner der spteren Bearbeiter dieser undramatischen Fabel den
schwbischen Dichter erreicht. Aber der sprde Stoff gewhrte hier
Uhlands lyrischem Talente weniger Spielraum. Am reichsten entfaltet
sich diese Begabung in dem Fragmente Konradin. Keine andere Fabel
unserer Geschichte kam allen Idealen dieses Dichters und dieser
Zeit so willig entgegen. Noch ein anderes schnes Bruchstck hat er
uns hinterlassen, das kleine Epos Fortunat. Es ist lehrreich, zu
beobachten, wie auch ein so schlichter, aller Paradoxie abgeneigter
Dichtergeist durch den Reiz des Kontrastes zum Gesange begeistert
werden kann. Diese bermtigen, mutwilligen Verse entstanden dem
ernsten, strengen Manne in Tagen schwerer Sorge um Haus und Staat.
Aber seltsam, wie er, der in seinen kleinen Gedichten uns durch die
gedrungene Krze der Darstellung in Erstaunen setzt, bei greren
Entwrfen ins Weite zu gehen liebte. Schon der zweite Gesang des
Fortunat ist eine Abschweifung nach Ariostischer Weise, und eben
deshalb mag auch die Vollendung des anmutigen Gedichts unterblieben
sein.

Der Dichtung Uhlands schaut keiner auf den Grund, der nicht Kunde hat
von seinem wissenschaftlichen Wirken. Er selber sagte scharf: wer
sich nicht mit meinen Studien befat hat, kann auch nicht ber mich
schreiben. Die lebensvolle poetische Schilderung unserer Vorwelt
erwuchs ihm aus grndlicher gelehrter Kenntnis. Wohl durfte er von
seinen alten Bchern rhmen: Durch ihre Zeilen windet ein grner Pfad
sich weit. Dank den Romantikern: nicht mehr eine ermdende Masse
gleichgltiger Namen brachten die Gelehrten heim aus der Erforschung
unserer Vorzeit. Die Seele unseres Volkes in der Vorwelt erschlo sich
den Nachlebenden, und Uhland hat ein Groes mitgeschafft an diesem
Werke deutscher Wissenschaft. Ein gutes Wort aus seinen letzten Jahren
bezeichnet schlagend, wie er Sinn und Ziel seines wissenschaftlichen
Schaffens verstand. Eine Arbeit dieser stillen Art, schreibt er einem
Freunde, setzt sich freilich dem Vorwurf aus, da sie in der jetzigen
Lage des Vaterlandes nicht an der Zeit sei. Ich betrachte sie aber
nicht lediglich als eine Auswanderung in die Vergangenheit; eher als
ein rechtes Einwandern in die tiefere Natur des deutschen Volkslebens,
an dessen Gesundheit man irre werden mu, wenn man einzig die
Erscheinungen des Tages vor Augen hat, und dessen edlern, reinern Geist
geschichtlich darzustellen um so weniger unntz sein mag, je trber und
verworrener die Gegenwart sich anlt. Der Gedanke einer Geschichte
der deutschen Dichtung im Zeitalter der Staufer, einer schwbischen
Sagenkunde beschftigte ihn lange, und wenn von diesen weitaussehenden
Plnen nur einiges -- dies wenige allerdings meisterhaft -- ausgefhrt
ward, so erraten wir leicht den Grund: fr den Lyriker liegt der Reiz
des Schaffens im Anlegen und Erfinden. Streng methodisch wie nur sein
Freund Immanuel Bekker betrieb er diese germanistischen Studien, aber
auch den Dichter erkennen wir wieder in dem Verfasser des schnen
Buches Walther von der Vogelweide, woraus oben einige bezeichnende
Urteile mitgeteilt wurden. Seine einfach edle Prosa ist nicht weniger
knstlerisch als der Wohllaut seiner Verse. Wie dem Knstler ziemt,
suchte er hier aus der Person des Dichters die Dichtung zu erklren
und brachte also in die Literaturgeschichte des deutschen Mittelalters
einen neuen notwendigen Gesichtspunkt. Nur die geschichtliche Bedeutung
und den sthetischen Wert der Gedichte unserer Vorzeit hatte man
bisher gewrdigt, noch nicht sie betrachtet als Offenbarungen reicher
dichterischer Persnlichkeiten.

Nicht minder den Dichter erkennen wir, wenn er in der fr die
germanische Mythologie Epoche machenden Abhandlung ber den Mythus vom
Tor nicht nur den allegorischen Sinn der alten Naturmythen entrtselt,
sondern auch den Heidengott uns menschlich nahe fhrt und in dem
Bndiger aller tobenden Elemente uns den demokratischen Gott zeigt,
den gewaltigen Arbeitsmann, den geliebten Freund des Volkes, den der
Bauer neckend am roten Barte zupft. Froh und heimisch fhlt sich der
rstige Mann unter dem starken Volke, das im Donnerhalle die Nhe
seines Freundes erkennt. Und frhlich zog er auf weite Wanderfahrten,
um aus Fels und See, aus dem Geiste des Ortes selber die Gestalten
unserer Sagen greifbar und lebendig hervorsteigen zu sehen. An der Hand
der Natur fhrten dann seine Beitrge zur schwbischen Sagenkunde den
Leser in die fremde Welt halbverschollener berlieferungen ein. Wir
steigen mit ihm auf die Trmmer des alten Schlosses Bodman am Bodensee,
wir hren den Schall entfernter Glocken leise ber den rauschenden
See her klingen und wir verstehen, wie einst hier in karolingischer
Zeit den schlafenden Hirten Pipin das wonnevolle Gelute zum fernen
Kloster lockte. Wir sehen den Nebel ber den Wassern sich ballen, der
den Schiffer beirrt und die Reben mit kaltem Reife schdigt, und wir
begreifen, wie die Launen des Nebelmnnleins seltsam hineinspielen in
das Geschick des alten Geschlechtes der Bodman.

Uhlands erstes gelehrtes Werk war eine Abhandlung ber das
altfranzsische Epos gewesen, und das feine Verstndnis der
Volksdichtung, das die Kenner in diesem Aufsatze erfreut, bewhrte sich
auch in den jahrelangen Forschungen fr sein letztes greres gelehrtes
Werk ber das deutsche Volkslied. Der Tod hat den bedachtsamen Arbeiter
in diesem Unternehmen unterbrochen. Vollendet ist nur der Vorlufer der
verheienen Abhandlung, die kstliche Sammlung deutscher Volkslieder,
die in jedem guten deutschen Hause eine Sttte finden sollte, denn
sie ist, was der Sammler wollte, weder eine moralische, noch eine
sthetische Mustersammlung, sondern ein Beitrag zur Geschichte des
deutschen Volkslebens. Wie Des Knaben Wunderhorn, dem Uhlands Jugend
so Groes verdankte, verrt auch diese Sammlung, da schnheitskundige
Dichterhnde die Auswahl geleitet; aber an der Vergleichung
beider Werke ermessen wir zugleich den ungeheuren Fortschritt der
germanistischen Wissenschaft von dilettantischer Unfertigkeit zu
kritischer Strenge. Schwerlich ist es ein Zufall, da der Sammler den
bedeutenden wirksamen Platz am Schlusse seines Buches den Liedern des
streitbaren Protestantismus angewiesen hat. Des Kranzes letzte Bltter
sind: Eine feste Burg ist unser Gott und jenes herrliche Lied eines
schsischen Mdchens aus den Tagen des Schmalkaldischen Krieges:

    Stets soll mein Angesicht sauer sehn,
    Bis die Spanier untergehn --

der krftige Ausdruck einer groen politischen Leidenschaft, die
seitdem die Seele der mitteldeutschen Stmme leider nie wieder so
gewaltig erschttert hat.

In mannigfachen Formen (schon vielen ist dies aufgefallen) kehrt in
Uhlands Gedichten ein Idealbild wieder -- der streitbare Snger:
mag der Dichter den Normannen singend und die schweren Schwerter
schleudernd vor dem Eroberer reiten lassen, mag er schylos und
Dante preisen, weil sie fr Freiheit und Vaterland gesungen und
gestritten, oder Krners Schatten heraufbeschwren zu zorniger Mahnung
an die berlebenden. In friedlichem, aber nicht minder ernstem und
aufregendem Kampfe hat er selber sich zu diesen Sngern und Helden
gesellt. Die Zeit ist hoffentlich nahe, da wir Deutschen aufhren
werden, etwas Aufflliges zu sehen in dieser Verkettung brgerlichen
und knstlerischen Ruhmes. Wie wir neuerdings in Italien der ruhmvollen
Erscheinung begegnen, da unter den namhaften Denkern und Knstlern
kaum einer sich findet, der nicht sein Herzblut hingbe fr das freie
und einige Italien: so beginnt unter den Deutschen eine hnliche
Wandlung sich zu vollziehen. Das Herz der Nation kehrt sich ab von
jenen Knstlern, die neben dem groen politischen Kampfe der Gegenwart
kalt zur Seite stehen. Seltener, schchterner immer tnt das vordem
in diesen Kreisen oft gehrte Wort, dem Knstler zieme nicht sich zu
kmmern um die Abstraktionen der politischen Debatte, weil er sich
kein Bild davon machen knne. Der politische Kampf der deutschen
Gegenwart ist nicht ein Streit um diese oder jene Staatseinrichtung,
wie eine Doktrin, ein Klasseninteresse sie fordert. Es gilt, der
Nation das Unterpfand jedes schnen Erfolges, das stolze Selbstgefhl
zu retten. Was irgend krankt in unserem Volksleben, in Kunst und
Wirtschaft, Glauben und Wissen, nicht eher wird es vllig gesunden,
als bis die Deutschen ihren Staat gegrndet. Das Geschlecht von
Dichtern aber, dem die Kleist, Arndt, Uhland angehren, war das erste
in Deutschland, welches diese unmittelbare sittliche Bedeutung der
Staatsfragen begriff und solche Erkenntnis in Taten bewhrte. Als
Knig Ludwig von Bayern um das Jahr 1841, in der unheilvollsten Zeit
seiner Regierung, mit dem Plane umging, einen deutschen Dichterverein
zu grnden, und den schwbischen Dichter zum Beitritt auffordern lie,
da erklrte Uhland dem Minister v. Schenk in einem tapferen Briefe,
was er denke ber die Pflicht des Dichters gegen das Vaterland. Bei
Deutschlands politischer Zersplitterung, heit es da, kann auch
der bestgemeinte Vorschlag zur idealen Einigung eher verletzen als
ermutigen; immer nur der Stein statt des Brotes! -- Wenn die deutsche
Dichtkunst wahrhaft national erstarken soll, so knnen ihre Vertreter
nicht auf ein historisches oder idyllisches Deutschland beschrnkt
sein; jede Frage der Gegenwart, wenn sie das Herz bewegt, mu einer
wrdigen Behandlung offen stehen.

Sehr laut, fast berschwenglich ist neuerdings Uhlands politisches
Wirken gepriesen worden. Der Kaltsinn gegen die Kunst, diese Krankheit
der Gegenwart, offenbarte sich auch darin, da in vielen Nekrologen
der Dichter wie ein patriotischer Landtagsabgeordneter erschien, der
nebenbei auch Verse geschrieben. Wohl ist es nicht leicht, diesen
verschlossenen Charakter zu durchschauen, der selten in Gesprchen oder
Briefen die Beweggrnde seines Handelns angab. Nur diese Behauptung
drfen wir zuversichtlich aufrechterhalten: Uhlands dichterisches und
gelehrtes Schaffen war nicht blo fruchtbarer als seine politische
Wirksamkeit, es wurzelte auch ungleich tiefer in seinem Gemte. Uhland
war weit weniger als Kleist oder Arndt eine politische Natur; das
Unglck des Vaterlandes erfllte den ruhigen Mann nicht mit jener
heien Leidenschaft, die jeden andern Gedanken bertubt; gleich den
ausschlielich sthetischen Geistern des lteren Dichtergeschlechts
war ihm noch mglich, whrend der krampfhaften Aufregung des
Freiheitskrieges sich die selige Ruhe knstlerischen Wirkens zu
bewahren. Nicht in die Wiege gebunden war ihm die Lust am Streite,
wie einem Lessing; ihn erfllte nur das unabweisliche Verlangen,
rein und unstrflich vor seinen Augen dazustehen. Wie konnte er also
zurckstehen, wenn um die hchsten sittlichen Gter unseres Volkes
gestritten ward? Zudem hatte er seinen natrlichen Rechtssinn geschult
in den juristischen Studien, die er ohne Freude, aber mit Ernst und
Nachdruck trieb, und war frh mit den Ideen des modernen Liberalismus
vertraut geworden. Seine schmucklos brgerliche Art, dickrindig und
schier klotzig, wie Chamisso sie einmal bermtig nannte, diese
keusche Wahrhaftigkeit sah mit bitterem Ekel auf die Leichtfertigkeit
der Hfe, auf das vornehme Spielen mit dem Ernste des Lebens. So ward
er, der seine gelehrte Arbeit und den besten Teil seiner Dichterkraft
unserer Vorzeit widmete, im Leben ein Streiter fr die modernen
Volksrechte. Bestechend, aber verkehrt ist Heinrich Heines Versuch,
aus diesem scheinbaren Widerspruche von Leben und Dichtung das frhe
Verstummen von Uhlands Gesang zu erklren. Wir wissen lngst, da nicht
das katholisch-feudalistische, sondern das volkstmliche Element
der mittelalterlichen Gesittung seine dichterische Neigung vorwiegend
anzog; also haben seine poetischen Arbeiten seinen vaterlndischen Sinn
vielmehr gekrftigt. Nur einzelne kleine Schwchen seiner Poesie lassen
sich allerdings auf dies zwiegeteilte Streben zurckfhren. Wenn dann
und wann ein Ritter, ein Mnch seiner Balladen uns mit allzu blassen
Farben gemalt scheint, so erinnern wir uns: ein durchaus moderner
Mensch hat dies Bild geschaffen, der bereits mit hellem Bewutsein auf
das Mittelalter als auf eine versunkene Welt zurckschaut.

Es ist nicht ganz richtig, wenn Uhland kurzweg den Dichtern der
Freiheitskriege zugezhlt wird. Der Heldenzorn jenes Kampfes tnt uns
mit voller Gewalt nur aus den Liedern der Arndt, Krner, Schenkendorf
entgegen, die mitteninne standen in dem Schlachtgetmmel. Dem Schwaben
war dies schne Los versagt; darum hren wir aus den Liedern Uhlands
in dieser Zeit nur die Stimme des erregten Beobachters, nicht des
Kmpfers. Besonders schn hat er die Angst der Guten geschildert, da
die letzte Entscheidung sich verzgerte, bis ihm endlich sein heier
Wunsch erfllt ward:

    Das edle Recht, zu singen
    Des deutschen Volkes Sieg.

Demutsvoll stand er zur Seite und fragte sein Land:

    Nach solchen Opfern heilig groen
    Was glten diese Lieder dir!

Erst nach dem Frieden, als Sddeutschland der Brennpunkt unserer
staatlichen Kmpfe war, begannen die groen Tage seiner politischen
Dichtung, welche nun, da der Norden ermattet schwieg, den Geist jener
nordischen streitbaren Snger getreulich bewahrte.

Der wrttembergische Verfassungsstreit brach aus. Schon als Arbeiter
im Justizministerium hatte der junge Jurist erfahren, was die
Willkrherrschaft des geistvollsten und ruchlosesten der Napoleonischen
Satrapen bedeute. Jetzt, ein unabhngiger Rechtsanwalt in Stuttgart,
ward er der beredte Mund des emprten Rechtsgefhls seines Stammes.
Er forderte das alte Recht zurck, verwarf sowohl die neue vom Knig
Friedrich eigenmchtig geschaffene Verfassung als die wohlmeinende
Vermittlung des Nachfolgers Knig Wilhelm und seines alten Gnners,
des Ministers Wangenheim, schrieb unermdlich Adressen, Flugschriften
und die Vaterlndischen Gedichte. Zu ihnen mchte ich alle
Verchter der politischen Dichtung fhren, damit sie erkennen: ein
echter Dichter ist, derweil er singt, immer im Rechte. Auch wer das
starre Festhalten der Altwrttemberger an dem alten Rechte politisch
verwirft, mu ergriffen werden von dem so mnnlich-stolzen und so
christlich-demtigen Gebete:

    Zu unsrem Knig, deinem Knecht,
    Kann nicht des Volkes Stimme kommen.

Und wenn irgendwo, so ist hier Uhland der deutschen Dichterweise treu
geblieben und hat die Form seiner Lieder sich schaffen lassen durch den
Inhalt. Dichter und Staatsmann hatten schier die Rollen ausgetauscht:
der phantastischen, dreist experimentierenden Staatskunst Wangenheims
stand der Snger mit der nchternen bedachtsamen Mahnung gegenber,
das Altbewhrte treu zu hten. Wirken sollten die Lieder, haften im
Gedchtnisse des Volkes. Darum die einfachste Form fr den einfachen
Inhalt, unermdliche Wiederholung, schmucklose, allen verstndliche,
dann und wann fast prosaische Worte:

    Schelten euch die berweisen,
    Die um eig'ne Sonnen kreisen,
    Haltet fester nur am Echten,
    Alterprobten, Einfach-Rechten!

Die verschiedensten Beweggrnde zugleich trieben den Dichter in die
buntscheckigen Reihen der Opposition: die gemtliche Anhnglichkeit an
das altheimische Recht so gut wie der noch ungeschulte Liberalismus,
der die alte Verfassung pries, weil sie die Macht des Monarchen
beschrnkte, doch nicht begriff, da sie den modernen Staat aufhob.
Mchtiger als all dies wirkte in ihm der edle sittliche Zorn, der
freie Mnnerstolz, der auch der wohlmeinenden Macht nicht gestatten
wollte, das Recht zu beugen. In solchem sittlichen Zorn liegt die
Idee, die Berechtigung dieser Opposition. Ihm dankte der Dichter auch
seine poetische berlegenheit, als er jetzt einen neuen heftigeren,
politischen Sngerstreit mit Rckert durchfechten mute. So hatte
einst sein Lehrer Walther fr den Staufer Philipp kampflustige Lieder
gesungen, derweil Wolfram von Eschenbach fr den Welfenkaiser Otto
in die Schranken trat. Diesmal sprach Uhland zum Herzen der Hrer,
whrend der Gegner, indem er Wangenheims Reformplne verteidigte, nur
an den Verstand des Volkes sich wenden konnte. Und nicht an der Scholle
haftete der Blick des Sngers, er sah in dem Ringen seiner Heimat nur
eine Schlacht des langen Krieges, der das weite Vaterland erfllen
sollte, und verwundete die Elenden, die nach geheimen Bnden sprten,
mitten ins Herz mit den Versen:

    Ich kenne, was das Leben euch verbittert,
    Die arge Pest, die weit vererbte Snde:
    Die Sehnsucht, da ein Deutschland sich begrnde,
    Gesetzlich frei, volkskrftig, unzersplittert.

Oftmals in diesen Hndeln traf seine noch unfertige politische Bildung
mit sicherem Takte das Rechte; so, wenn er wider den Plan einer
wrttembergischen Adelskammer das gute, durch schwere Erfahrungen
besttigte Wort sprach: Das heit den Todeskeim in die Verfassung
legen. Auch an den Fehlern der Opposition hatte er seinen Teil,
an jener eigensinnigen Hartnckigkeit, welche die gute Stunde, die
freieste Verfassung in Deutschland zu grnden, verscherzte. In spteren
Jahren hat er selbst eingesehen, wie sehr ihm die Freiheit des Urteils
fehlte, als er die wohldurchdachten Entwrfe der Regierung kurzab als
Machwerke verdammte. Doch von allen Irrtmern dieses Mannes gilt sein
eigenes Wort:

    Wohl uns, wenn das getuschte Herz
    Nicht mde wird, von neuem zu erglh'n:
    Das Echte doch ist eben diese Glut.

Jawohl, das Feuer einer reinen Begeisterung flammt in diesen
wrttembergischen Liedern; darum werden sie auch dann noch in unserem
Volke leben, wenn das Knigreich Wrttemberg lngst aufgehrt haben
wird zu bestehen. Die Lieder zogen als Flugbltter durch das Land.
Einzelne nichtschwbische Zeitungen wagten sie in ihren Spalten
aufzunehmen. So brachte ein norddeutsches Blatt das an den wackeren
Stuttgarter Brgermeister Klpfel gerichtete Gedicht Die Schlacht der
Vlker war geschlagen unter der fr den Geist der Presse jener Tage
bezeichnenden berschrift: An den Reprsentanten einer angesehenen
Stadt bei einer bekannten Stndeversammlung, gesungen bei einem
festlichen Mahle, das dem wrdigen Manne am 18. Oktober 1815 von seinen
Kommittenten gegeben wurde. Diese Gedichte grndeten dem Snger zuerst
einen geehrten Namen in der Literatur, und das schwbische Volk sah mit
begreiflichem Stolze auf den Mann, der also mit Ehren die Stammesart
vertrat. Alsbald nachdem er das gesetzliche Alter erreicht, 1817, ward
er in die Kammer gewhlt, und mit Unwillen mute er jetzt den Umschlag
der Volksmeinung wahrnehmen. Dem zhen Eigensinne folgte bereilte
Nachgiebigkeit, nur das eine ward erreicht:

    Da bei dem biedren Volk in Schwaben
    Das Recht besteht und der Vertrag.

Nicht durch kniglichen Befehl, durch Vertrag zwischen Land und
Krone kam die neue Verfassung zustande, doch fehlte viel, da ihr
Buchstabe zur Wahrheit ward. Bald befestigte sich unter Knig Wilhelm
die gefhrlichste Form des scheinkonstitutionellen Regiments,
welche Deutschland vor der Revolution gesehen hat: ein aufgeklrter
Despotismus, den Gromchten gegenber liberal, nach innen ttig fr
das materielle Wohl, eiferschtig gegen jede selbstndige Haltung des
Landtags, von gewandten klugen Mnnern geleitet, eifrig bestrebt,
alle Talente des Landes in den Dienst der Minister zu ziehen. Ohne
Freude hielt Uhland unter den Landstnden aus. Nur als Freiwilliger,
sagt er selbst, als Brger, als einer aus dem Volke trat ich mit
an. Persnliche Wrde, Pflichttreue und die Gewalt seiner Feder
verschafften ihm trotzdem eine Stelle unter den Fhrern der Opposition.
Whrend des Kampfes um die Verfassung hatte er Staatsmter, die man ihm
anbot, ausgeschlagen. Jetzt mute er fr seine Festigkeit ben; erst
im Jahre 1829 berief ihn die Regierung zu der Stelle, die ihm gebhrte
und seinen liebsten Wnschen entsprach: auf den Lehrstuhl der deutschen
Literatur in Tbingen.

Dort ist fortan sein Wohnsitz geblieben, und es war ein echtdeutscher
Zug, da er an einem Stilleben sich gengen lassen konnte, welches
einen Franzosen von seiner Bedeutung zur Verzweiflung gebracht
htte. Nahe an der Neckarbrcke stand sein freundliches Haus mitten
im Rebgarten am Abhange des sterberges, dessen schngeschwungene
Formen der aus Italien heimkehrende Tbinger Philolog mit dem Vesuv
zu vergleichen liebt. Dort sah er Jahr fr Jahr jene denkwrdigen
Ereignisse an sich vorbergehen, welche die Ruhe dieses akademischen
Flachsenfingen unterbrechen. Immer wieder zogen der Pauperprfekt und
die Armenschler in ihren hohen Hten singend durch die winkligen
rinnsalreichen Gassen, das Vieh ward in den Neckar zur Schwemme
getrieben, die Stadtzinkenisten bliesen ihren Choral vom Turme, und
-- das wichtigste von allem -- die berufenen Fler, die Jockeles,
fhrten das Holz des Schwarzwaldes talwrts und wechselten mit den
alten Erbfeinden, den Studenten, homerische Schimpfreden. Es liegt ein
eigener stiller Reiz ber dieser kleinstdtischen Welt, wo an jedem
Hause ein uralter derber Burschenwitz oder eine gute Erinnerung an
einen tchtigen Mann haftet. Im Verkehr mit vortrefflichen Mnnern
fhlte Uhland sich bald wieder heimisch in der Vaterstadt, und durch
seine kurze akademische Wirksamkeit erweckte er in den Schwaben zuerst
den Sinn fr die germanistische Wissenschaft. Noch ein anderes rhmen
seine Landsleute ihm nach: der angesehene Professor vernichtete
durch persnliche Wrde und gediegene Gelehrsamkeit jene kleinlichen
Vorurteile gegen den Beruf des Dichters, die seit Schubarts und
Hlderlins Tagen von dem schwbischen Brger gehegt wurden.

Nach wenigen Jahren rief ihn eine abermalige Wahl in die Kammer von
seinem gelehrten Wirken ab. In den zwanziger Jahren hatte sich die
Opposition in Wrttemberg vorwiegend auf rtliche Zwecke beschrnkt.
Ein fleiiger Arbeiter in den Kommissionen, ein karger, ungewandter
Redner, aber wenn er sprach, schlagend, gedankenreich, entschieden,
war damals Uhland fr den von der Regierung mihandelten Friedrich
List in die Schranken getreten, hatte gewirkt fr die Neuordnung der
Rechtspflege, namentlich die Unabhngigkeit des Richterstandes, und fr
die Minderung der Militrlast. Hhere Ziele steckte sich die Opposition
nach der Juli-Revolution. Noch immer freilich blieb unter den deutschen
Liberalen die alte weltbrgerliche Neigung lebendig; diese Gesinnung
hatte Uhland vordem zum Eintritt in die Philhellenenvereine bewogen,
ihr verdanken wir auch eines seiner besten Gedichte, die Ballade Die
Bidassoabrcke zum Preise des Verwegensten der Spanier, Mina. Jedoch
unter den Besseren wenigstens prgte sich jetzt -- nach Uhlands
Worten -- ein deutscher Liberalismus aus, der die freisinnige Idee
mit der Vaterlands-Ehre zu verbinden trachtete. Als Sddeutschland
frchten mute, durch die absolutistische Tendenzpolitik sterreichs
in einen Krieg gegen das liberale Frankreich hineingerissen zu werden,
und die nicht minder verblendete Parteiwut vieler Liberalen freudig
den Augenblick ersehnte, der den Sdwesten zum Verrat an Deutschland,
unter die liberale Trikolore der Fremden fhren wrde -- in diesen
angstvollen Tagen wandte sich das Auge der Besseren ber die roten
Grenzpfhle hinaus den deutschen Bruderstmmen zu. Man empfand bitter
den Mangel einer Volksvertretung in sterreich und Preuen und die
Unnatur der deutschen Zustnde, da die schwcheren Schultern die
Trger der greren Volksrechte sein sollen. Aber unverzagt mahnte
Uhland die Freunde, unsere ehrenvolle Brde, das zuknftige Eigentum
des gesamten Deutschlands, einer helleren Zukunft entgegenzutragen.

Mit dem stolzen Bewutsein eines ernsten nationalen Berufs betrat die
Opposition den Stndesaal. Der Landtag des Jahres 1833 ward einer der
wichtigsten in Deutschland vor der deutschen Revolution. Nicht nur eine
groe Zahl von Talenten fllte das Haus: hier ward auch zum ersten
Male grundstzlich eine Lebensfrage der Politik des deutschen Bundes
errtert. Die sittliche ebenso sehr als die politische Pflicht gebot,
da einem groen politischen Lgensysteme ein Ende gemacht werde, da
die konstitutionellen Regierungen nicht mehr durch Bundesbeschlsse im
Geiste des Absolutismus sich ihres Verfassungseides entheben lieen.
Darum stellte Paul Pfizer seine berhmte Motion, da der Verfassung
widersprechende Bundesbeschlsse in Wrttemberg keine Geltung haben
sollten. Umsonst zeigten befreundete Landsleute in der Ferne, wie
Wurm, die Unausfhrbarkeit des Antrags. Es war und ist ein Widersinn,
da ein Bund konstitutioneller Staaten von einer absolutistischen
Krperschaft geleitet wird; der Unwille darob ward unter den Liberalen
so bermchtig, da sie, die Verfechter des Einheitsgedankens, den
Teil grundstzlich ber das Ganze stellten -- ein denkwrdiges
Symptom der Verwirrung und Verbildung deutscher Politik. Das
Verlangen der Minister, die Kammer solle die Motion mit verdientem
Unwillen zurckweisen, ward mit einer scharfen Adresse aus Uhlands
Feder beantwortet. Hierauf erfolgte die Auflsung und eine Reihe von
Ereignissen, welche in jener Zeit der politischen Unschuld ungeheures
Aufsehen erregten, whrend die Gegenwart bereits an einen weit roheren
Mibrauch der Regierungsgewalt gewhnt ist. Schon von dem aufgelsten
vergeblichen Landtage hatten die Minister ihre Gegner durch gesuchte
Gesetzesauslegungen auszuschlieen getrachtet; Uhland war damals fr
die Gltigkeit der Wahl seines alten Gegners Wangenheim aufgetreten
in einer Rede, die seinem Herzen Ehre macht. Jetzt wurden diese alten
Knste der Regierung weiter ausgebildet. Uhland, abermals gewhlt,
erhielt den Urlaub nicht und legte rasch entschlossen seine Professur
nieder.

Von neuem entspann sich der Streit wider die verfassungswidrigen
Bundesbeschlsse. In diesen Debatten verkndete Uhland in schwungvoller
Rede den nationalen Beruf der sddeutschen Opposition und sprach
das khne Wort: Diese Rechte und Freiheiten werden einst von einer
deutschen Nationalvertretung zur vollen und segensreichen Entfaltung
gebracht werden. Was er schon whrend des alten Verfassungsstreites
dunkel geahnt, sah er jetzt klar vor Augen: da alle Snden der
Einzelstaaten ihre Wurzel haben in dem Mangel einer volkstmlichen
einheitlichen Verfassung Deutschlands. Darum deckte er bei der
Beratung des Militrbudgets schonungslos das groe bel auf, das
alle Militrdebatten in den Kleinstaaten noch heute verbittert und
vergiftet. Er fragte: Hat sich die Einigung im Bunde selbst schon als
eine in der Nation begrndete erwiesen? Kann bei solchem Stande der
Dinge Wrttemberg wissen, unter welcher greren Fahne und zu welchen
Zwecken seine Truppen zunchst ausziehen werden? Nicht zufrieden
mit der unfruchtbaren abwehrenden Haltung dem Bunde gegenber,
sprach er jetzt ein altes wohlberechtigtes Verlangen der Liberalen
aus: er forderte, da die Minister wegen der Instruktionen an die
Bundestagsgesandten den Kammern Rede stehen sollten.

Heftiger von Jahr zu Jahr wurde die Erbitterung. In ihrem allerdings
wohlbegrndeten Mitrauen gegen die Minister stimmte die Opposition
einmal sogar fr die Verwerfung des gesamten Budgets, ja, befangen
in kleinstdtischen volkswirtschaftlichen Begriffen und voll
Widerwillens gegen Preuen, erklrte sich Uhland sogar gegen den
Beitritt Wrttembergs zum deutschen Zollvereine. Auch er litt an jener
Verblendung, womit die meisten Liberalen des Sdwestens in jenen
Tagen behaftet waren: stolz auf sein schwbisches konstitutionelles
Leben, das doch in Wahrheit die Willkr der Krone nicht wesentlich
beschrnkte, handelte er unwillkrlich als Partikularist. Aus Liebe
zu Deutschland ward er mitschuldig an der unseligsten politischen
Snde des alten Liberalismus: er widerstrebte dem groartigsten und
wirksamsten Versuche einer praktischen Einigung des Vaterlandes,
der seit Jahrhunderten gewagt worden! Dies Verfahren ist um so
befremdlicher, da Uhland selbst bald nachher die Unfruchtbarkeit
der kleinen Landtage fr das groe Vaterland scharf erkannte: Wir
stehen an der Grenze einer lebendigen Wirksamkeit auf diesem Wege,
schrieb er 1840, der Bndel ist nicht zustande gekommen, das Beil
hat kein Heft und die Stbe liegen zerknickt umher. Endlich, im
Jahre 1839, beging die Opposition einen letzten verhngnisvollen
Fehler. Wie oftmals in reichen, warmen Gemtern, liegt auch in
dem tchtigen Charakter der Schwaben ein Zug von unberechenbarem
Eigensinn, von pessimistischem Trotz. Hufig in ihrer Geschichte, und
immer zum Unheile des Landes, war er zutage gekommen; so whrend des
Verfassungsstreites, so jetzt wieder in anderer Weise, als die Uhland,
Schott, Pfizer, Rmer, vereinsamt unter dem gleichgltigen Volke,
auf die Wiederwahl verzichteten. Dergestalt war der Landtag seiner
besten Krfte beraubt, und dem schwbischen Staatsleben, das in seinem
abgeschlossenen Sonderdasein dringender als die meisten anderen Staaten
der fortwhrenden Mahnung an die nationalen Pflichten bedarf -- ihm
fehlten fortan gerade jene liberalen Talente, welche freieren Blicks
ber die Landesgrenze hinausschauten.

Das zurckgezogene Leben, das der Dichter nun in Tbingen begann,
fiel gerade in die Tage, da von seiner Heimat jene khne theologische
Bewegung ausging, welche durch das Auftreten von David Strau
veranlat war. Abermals bewhrte sich der alte Romantiker als ein
moderner Mensch. Den vorurteilsfreien Forscher erschreckte es nicht,
da die Grundstze der wissenschaftlichen Kritik, die ihm selber das
Verstndnis der heidnischen Gtterlehre erschlossen hatten, jetzt auf
die christliche Mythologie angewendet wurden. Der theologische Streit
lag seinem Sinne fern, doch verteidigte er die Verketzerten und ihr
Recht der freien Forschung. Einen anderen modernen Gedanken dagegen,
der gleichfalls in seiner Umgebung gehegt ward, hat er nie verstanden.
Jenen zukunftreichen politischen Plan, der einst als unbestimmte ferne
Hoffnung vor Fichtes Seele geschwebt und dann in Friedrich Gagerns
lichtem Haupte sich zu greifbarer Gestalt verdichtet hatte -- den Plan
des deutschen Bundesstaates unter Preuens Fhrung verkndete Paul
Pfizer, fast noch ein Jngling, zuerst als ein politisches Programm
dem Volke und eroberte sich damit einen Ehrenplatz in der Geschichte
der deutschen nationalen Bewegung. Dem Dichter, der den alten Ruhm der
Hohenzollern oftmals freudig besungen hatte und den Widerwillen der
Schwaben gegen Norddeutschland nicht teilte, blieb dieser Gedanke immer
ein Greuel. Sein Herz war erfllt von der gemtlichen Vorliebe seines
Stammes fr die sterreichischen Nachbarn; ihm blieb unvergessen, wie
oft er einst im Knabenspiele Partei genommen hatte fr die Kaiserlichen
und in das nahe Rottenburg hinbergewandert war, um das wildfremde
Kriegsvolk der Magyaren und Kroaten zu schauen. Wie einst in dem
wrttembergischen Verfassungsstreite, so wirkten auch jetzt zwei
grundverschiedene politische Beweggrnde in seiner Seele nach einem
Ziele zusammen. Die Freude an der althistorischen Herrlichkeit des
Wahlkaisertums und das Bekenntnis der Volkssouvernitt -- romantische
und demokratische Neigungen zugleich fhrten ihn zu dem Ideale des
Wahlreichs. Auch eine kstliche, dem deutschen Staatsmanne leider sehr
notwendige Tugend brachte Uhland in die Kmpfe der Revolution hinber
-- das wachsame Mitrauen gegen den guten Willen der Hfe. Er hatte
unter Knig Friedrich das frevelhafte Miachten jedes Rechtes, unter
seinem Nachfolger -- was seinem schlichten Sinne noch tieferen Ekel
erregen mute -- das unwahre Buhlen mit dem Liberalismus gesehen, und
nur so schmerzliche Erfahrungen konnten seinem warmen wohlwollenden
Herzen diesen harten Zug einprgen.

Die Revolution brach aus, und dem greisen Dichter vor allen galt
der Jubel des aus langer Gleichgltigkeit erwachenden schwbischen
Stammes. Der beispiellosen Miregierung folgte eine beispiellose
Demtigung: der Bundestag gestand, da ihm das Vertrauen des Volkes
fehle, und umgab sich mit Mnnern des Vertrauens. Auch Uhland ward
unter die Siebzehner gesendet, doch das Vertrauen seines Knigs folgte
ihm nicht nach Frankfurt; ihm ward keine Antwort, als er sich die
persnliche Ansicht des Frsten ber die Aufgabe der Vertrauensmnner
erbat. Als nun in dem Ausschusse Dahlmann mit dem Programme des
Bundesstaates hervortrat, da schraken anfangs -- ich folge hier der
mndlichen Erzhlung eines der Siebzehn -- die meisten zurck vor
der Verwegenheit des Gedankens, und Uhland stimmte eifrig gegen das
preuische Erbkaisertum, als es noch in den Windeln lag. Diese
grodeutsche Gesinnung trennte ihn auch im Parlamente von Dahlmann,
Grimm, Arndt und vielen anderen, die ihm durch Bildung und Begabung
nahestanden. Er hielt sich zu der Linken, und wie sehr auch die
demagogischen Ausschweifungen seinen mavollen Knstlersinn anwiderten:
die demokratische Richtung konnte sich einiger Tugenden rhmen, die
Uhlands Herz an die Partei fesseln muten, obwohl sie in der Demokratie
der Paulskirche sich oftmals verzerrt und entstellt offenbarten. Ihn
erfreute die menschliche Teilnahme der besseren Demokratie fr die
Armen und Leidenden und der willige Opfermut, welcher sie vor den
Mittelparteien auszeichnete. Freilich, der schlichte demokratische
Brgerstolz des ehrwrdigen Mannes hatte im Grunde sehr wenig gemein
mit jenen gellenden Lobpreisungen des Konvents, welche von den Bnken
seiner Parteigenossen erklangen. Ich glaube nicht als ein Parteimann zu
reden, wenn ich sage, Uhlands Verhalten in der Paulskirche hinterlasse
den Eindruck, als sei er dort nicht an seiner Stelle gewesen. Er
stand als ein Wilder zwischen den Parteien und blieb doch in
einer moralischen Verbindung mit der Linken; schon diese seltsame
Mittelstellung lt ihn wie einen Halbfremden in der Versammlung
erscheinen.

Von allen Plnen der Mittelparteien forderte der Gedanke des
preuischen Kaisertums Uhlands heftigsten Widerspruch heraus. Dieser
Widerspruch bewog ihn zu den beiden einzigen greren Reden, welche von
dem Schweigsamen in der Paulskirche gehalten wurden und nach meinem
Ermessen das Allerbeste sind, was je fr die grodeutsche Richtung
gesprochen worden. Nicht in Verstandesgrnden, sondern in gemtlichen
Sympathien liegt die Strke dieser Partei, und wie mchtig wute
Uhland diese Saite in der Brust seiner Hrer anzuschlagen, als er am
26. Oktober 1848 tiefbewegt in schwungvollen Worten das Parlament
ermahnte zu sorgen, da die blanke, unverstmmelte, hochwchsige
Germania aus der Grube steige! Noch krftiger wirkte seine Rede vom
22. Januar 1849. Die Kapuzinerspe Beda Webers waren kaum verklungen,
da hob Uhland die Debatte wieder auf die Hhe ihres Gegenstandes.
Die alte Herrlichkeit des deutschen Wahlkaisertums fhrte er gegen
die preuische Partei ins Feld: Es waren in langer Reihe Mnner von
Fleisch und Bein, kernhafte Gestalten mit leuchtenden Augen, tatkrftig
im Guten und Schlimmen. Als dann die berhmten Worte folgten, bei
jeder Rede eines sterreichers in der Paulskirche sei ihm zumute
gewesen, als ob ich eine Stimme von den Tyroler Bergen vernhme oder
das Adriatische Meer rauschen hrte, da freilich war der nchterne
Verstand schnell bei der Hand, ber die Phrase selbstgefllig zu
lcheln. Wer aber den Worten in die Tiefe sah, erkannte ihren ernsten
Sinn. Allerdings war es ein schrecklicher Widerspruch, in Wahrheit eine
Unmglichkeit, die in unserer Geschichte nicht wiederkehren darf, da
ein Parlament, worin sterreichs Abgeordnete stimmberechtigt tagten,
ber die Trennung Deutschlands von sterreich beraten konnte. Ein
schnes Seherwort des Dichters beschlo die Rede, das allbekannte:
Es wird kein Haupt ber Deutschland leuchten, das nicht mit einem
reichlichen Tropfen demokratischen les gesalbt ist. Damit hatte
er der deutschen Bewegung sein in diesem Zeichen wirst du siegen
zugerufen, und uns, den Gegnern, vornehmlich geziemt es, das gute Wort
in treuem Herzen zu tragen. Die Welt ist heute liberal, und nur im
Bunde mit dieser unhemmbaren liberalen Bewegung des Jahrhunderts wird
es uns gelingen, die Einheit Deutschlands zu grnden. Das bewhrte
sich damals schrecklich, als das Herrscherhaus der Hohenzollern den
rckhaltlosen Bund mit dem Liberalismus verschmhte und dem Rufe der
Nation sich schwach versagte. Furchtlos und treu, ein echter Schwabe,
hielt Uhland auch jetzt noch aus bei seiner Partei,

    So wie ein Fhndrich wund und blutig
    Die Fahne rettet im Gefecht,

und sogar die Worte dieses vaterlndischen Gedichts aus seiner Jugend
kehrten wieder in dem Manifeste vom 25. Mai, das er im Namen des
Rumpfparlaments an die Nation richtete: Wir gedenken, wenn auch
in kleiner Zahl und groer Mhsal, die Vollmacht, die wir von dem
Volke empfangen, die zerfetzte Fahne, treu gewahrt in die Hnde des
Reichstags niederzulegen, der am 15. August zusammentreten soll.

Freilich, unklar, romantisch verschwommen wie der Wortlaut war auch
der Gedankengehalt dieses Aufrufes. Dem Idealisten galt es nur, die
Idee des Parlamentes zu retten: er folgte der Linken nach Stuttgart,
darum da nicht das letzte Band der deutschen Volkseinheit reie.
Unhaltbarer immer ward die Stellung des mavollen Mannes unter der
wsten Leidenschaft des Rumpfparlaments. Schon wurde der Klang seiner
Rede von dem zornigen Lrm des Pbels bertubt, als er vor der
Einsetzung der Reichsregentschaft, vor dem Brgerkriege warnte und
den Verblendeten zurief: Wrttemberg ist nicht beschaffen wie jetzt
diese Versammlung; es stellt nicht wie diese nur eine der Parteiungen
dar, in welche das deutsche Volk zerklftet ist. Nur sehr wenige
Gesinnungsgenossen zhlte er noch in der Versammlung. Der Austritt
aber aus einer unterliegenden Partei war seinem Stolze, seiner Treue
unmglich. So ist er geblieben bis zu dem jammervollen Ende des
deutschen Parlaments, dem Straenkampfe in Stuttgart.

Seine Briefe aus diesen Jahren verknden mnnlichen Schmerz ber den
Zusammenbruch der Hoffnungen des Vaterlandes. Weniger tief mag er, der
mit all seinem Sinnen in der schwbischen Heimat wurzelte, das eine
empfunden haben, was den meisten heimkehrenden Reichstagsmnnern nach
den groen Kmpfen des Parlaments berwltigend, demtigend auf die
Seele fiel: die bettelhafte Armseligkeit der Kleinstaaterei. Seine
demokratische Gesinnung blieb in alter Schroffheit aufrecht: sogar
den Orden =Pour le mrite= wollte er nicht annehmen, den einzigen
noch unentweihten in Deutschland, den selbst der strenge Republikaner
Arago getragen hatte. Die letzten Jahre sind ihm in der Stille
wissenschaftlicher Arbeit vergangen. Da er aber noch lebte in dem
Herzen seines Volkes, davon haben ihm alljhrlich tausend Zeichen der
Teilnahme von fern und nah Kunde gebracht. Sie wurden dem schlichten
Manne oft lstig, dem Schwab einst sagte: Du liebtest nicht das laute
Lieben.

An dem Grabe des Dichters hat das gesamte Volk empfunden, was einst
sein Walther dem sen Liedermunde Reinmars von Hagenau in die Gruft
nachrief:

    Deine Seele mge wohl nun fahren,
    Deine Zunge habe Dank.

Und wie sein Lied nur mit unserer Sprache selber sterben wird, so
wird auch fortleben in unserem Volke das Bild des Mannes Uhland,
der, menschlich irrend, doch in hohen Ehren, manchen wuchtigen Stein
hinzugetragen hat zu dem Neubau des deutschen Staates. Auch im Tode --
er selber hat es uns verkndet -- wollte er nicht lassen von seinem
Volke:

    Wohl werd' ich's nicht erleben,
    Doch an der Sehnsucht Hand
    Als Schatten noch durchschweben
    Mein freies Vaterland.

Uns aber, die ihn betrauern, bleibt die schne Pflicht, mit streitbarem
Worte und fester Tat zu sorgen, da die Sehnsucht des Dichters sich
erflle, da er die Sttte bereitet finde, wenn er kommt -- als
Schatten zu durchschweben sein freies Vaterland.




Heinrich von Kleist




Heinrich von Kleist.


Wer unter den Hellenen nicht verstand, eine feste Stelle zu gewinnen
in der gegebenen Ordnung des Staates und der Sitte, der ging zugrunde,
verachtet und vergessen. Der strenge Brgergeist der Alten verdammte
den Einzelwillen, der sich erdreistete etwas zu gelten neben dem
Willen des Ganzen; ihr auf das Groe gerichteter Sinn blickte gelassen
hinweg ber die geheimsten Schmerzen der ringenden Menschenseele;
ihre Schamhaftigkeit scheute sich den Schleier zu heben, der diese
Abgrnde des Herzens verhllt. Erst die moderne Welt zeigt ein
liebevoll mitleidiges Verstndnis fr die Flle des Elends, die in dem
Worte liegt: ein verfehltes Leben! Und sie hat guten Grund zu solchem
Mitleid. Sie lt den einzelnen aufwachsen in fast schrankenloser
Ungebundenheit: mag er nachher selber zusehen, wie dies junge trotzige
Ich nach hartem Kampfe sich einfge in die handelnde Gemeinschaft der
Menschen. Nicht in den brausenden Jnglingsjahren, deren glckselige
Torheit allein den philisterhaften Sittenprediger erschreckt --
erst spter, um die Mitte der zwanziger Jahre, wenn die Zeit des
Schaffens anhebt, pflegen dem modernen Menschen die schwersten, die
gefhrlichsten Stunden zu kommen. Welcher Mann von halbwegs reicher
Erfahrung htte nicht an dieser Markscheide des Lebens einen geliebten
Genossen seiner Jugend zugrunde gehen sehen und schmerzvoll mit
Heinrich von Kleist gerufen:

    Die abgestorbne Eiche steht im Sturm,
    Doch die gesunde strzt er schmetternd nieder,
    Weil er in ihre Krone greifen kann.

Die fette Mittelmigkeit schwimmt behaglich obenauf, doch manche
der Besten sinken unter, weil ihr reicher Geist sich nicht fgen
will dem Gebote des Lebens: du sollst einen Teil deiner Gaben ruhen,
verkmmern lassen -- einem Gebote, dessen Hrte der Gedankenlose gar
nicht fhlt. Wie viele flattern dahin ihr Leben lang wie mit gelhmter
Schwinge, weil ein Migriff, ein Krpergebrechen, ein alberner Zufall
sie ausschliet von dem Wirkungskreise, in dem sie ihr Hchstes, ihr
Eigenstes leisten konnten. Unter allen, die nicht wurden, was sie
wollten, leidet niemand so furchtbar, wie der hochstrebende Geist,
der sich durch sein ganzes Sein, durch eine unwiderstehliche innere
Stimme in einen bestimmten Beruf -- und nur in diesen -- getrieben
fhlt und schlielich doch entdeckt, da seine Kraft nicht ausreicht.
Solche Grausamkeit der Natur trifft am hrtesten die reizbare Seele
des Knstlers; denn er vermag weniger als irgendein anderer Arbeiter
die Mngel der Begabung durch die Kraft des Willens zu ersetzen,
und die Kunst kennt keine Mittelstrae, sie kennt nur vollendete
und verfehlte Werke. -- In Vischers sthetik, einem der besten und
bestbestohlenen Werke unserer Literatur, wird sehr richtig neben
dem Genius, der sich selber die Regel ist, und dem Talente, das auf
geebneter Bahn frisch und krftig vorwrts schreitet; noch eine dritte
Form der knstlerischen Anlage unterschieden: das partielle Genie --
die Begabung jener tief unglcklichen Geister, welche dann und wann in
seligen Augenblicken mit der Kraft des Genius das Klassische, das Ewige
schaffen, um alsbald ermattet zurckzusinken und sich zu verzehren
in heier Sehnsucht nach dem Ideale. Solche Naturen gleichen einem
herrlichen, grogedachten Gemlde, das irgendwo an aufflliger Stelle
durch eine Lcke, eine widrige Verzeichnung verunstaltet wird, sie
besitzen alles, was den unsterblichen Meister bildet, bis auf jenen
kleinen Punkt ber dem i, der den Buchstaben fertig macht. Die deutsche
Dichtung, die nicht emporwuchs aus einer reifen Volksgesittung, sondern
ihr voranging, zhlt eben deshalb solcher unfertiger, unglcklicher
Genies nur allzu viele, und unter ihnen ragt Heinrich von Kleist als
der Gewaltigste, der Wahrhaftigste hoch empor. Die Hlle gab mir meine
halben Talente, der Himmel schenkt dem Menschen ein ganzes oder gar
keines -- so bezeichnet er den Fluch seines Lebens, und nur er selber
darf also reden, denn die Halbheit, die Armut seiner Gaben gengt
vollauf, um eine Handvoll tchtiger Knstler mit berschwenglichem
Reichtum zu segnen.

Wir Deutschen rhmen uns, da von den Helden unseres Geistes nicht
so unbedingt wie von den meisten Dichtern anderer Vlker gesagt
werden darf: Des Knstlers Leben sind seine Werke. Es ist ein echt
deutscher Spruch, den Schiller einmal hinwirft: Den Schriftsteller
berhpfe die Nachwelt, der nicht grer war als seine Werke. Selbst
vor Goethes Faust berkommt uns die stolze Ahnung, da der Dichter
noch immer eine Flle berschssiger Kraft zurckbehalten hat in
seiner reichen Seele. Darum lassen wir uns die Freude nicht nehmen,
den greren Mann zu suchen hinter den groen Werken, und auch wer
die Vorliebe der Gegenwart fr die Briefe und Papierschnitzel unserer
Dichter nicht teilt, darf das berechtigte Gefhl nicht verkennen, das
diesem berma zugrunde liegt. Die dstere Gestalt Heinrich Kleists
verbietet uns solchen Genu. Whrend seine Werke oft den Tadel, immer
das Lob entwaffnen, einige darunter bis zu den Hhen menschlichen
Schaffens hinaufreichen, ist sein Leben doch nur eine entsetzliche
Krankheitsgeschichte. Zweifel und Kmpfe, wie sie niemals grausamer
ein Menschenherz gepeinigt, Siechtum des Leibes und der Seele, der
ungerechte Kaltsinn der Zeitgenossen, der Zusammenbruch des Vaterlandes
und die gemeine Not um das liebe Brot -- das alles vereinigt sich zu
einem erschtternden Bilde; dem Betrachter bleibt zuletzt nur ein
Gefhl grenzenlosen Mitleids und der wehmtige Hinblick auf die von
dem Unglcklichen so oft angerufene Gebrechlichkeit der Welt. --
Die Biographie steht darum dem reinen Kunstwerke so nahe, weil in dem
Dasein jedes bedeutenden und gesunden Mannes die Geschichte seiner Zeit
wie in einem Mikrokosmos erscheint. Kleists Leben aber, wie mchtig
auch die Strme des Jahrhunderts diesen tiefen Geist erschtterten, ist
die Geschichte hchstpersnlicher Leiden, ein psychologisches Problem.

Wir kennen nicht die Zge seines Gesichts; denn das einzige erhaltene
Portrt -- ein greisenhafter Knabenkopf, den ein Gottverlassener,
dicht auf der Grenze zwischen dem Maler und dem Weibinder stehend,
zusammengepinselt hat -- erweckt keinen Glauben. Von den geheimen
Kmpfen seiner Seele hat er selbst ein treues Bild gegeben in den
Briefen an seine Schwester, die mit ihrer dmonischen Leidenschaft,
ihrem verzehrenden Schmerze in unserer Literatur einzig dastehen; wohl
nur Mirabeaus Jugendbriefe schildern mit gleich schreckhafter Wahrheit
den Aufruhr in einem groen Menschengeiste. Aber selbst wer diese
rckhaltlosen Gestndnisse kennt, steht zuletzt doch traurig vor einem
Unbegreiflichen, vor einer krankhaften Naturanlage, die dem Dichter
selbst ein Rtsel blieb. In allen seinen Irrgngen begegnet uns kein
Zug, der nicht ehrlich, hochherzig, bedeutend wre. Er ringt nach
der Erkenntnis des Wahren und des Schnen, nach den Krnzen hchsten
Dichterruhms; an den platten Freuden des Lebens geht er vorber mit
einer stolzen Verachtung, die unserem genuschtigen Zeitalter fast
unfabar erscheint, kaum da dann und wann die Sehnsucht, nicht nach
dem Behagen, sondern nach dem Frieden des Hauses sich in seine Klagen
mischt. Fr ihn wie fr wenige Menschen gilt das Wort: ihn ganz
verstehen heit ihm ganz verzeihen.

Geboren am 10. Oktober 1776 zu Frankfurt an der Oder, tritt der feurige
junge Mensch nach dem Brauche seines Soldatenhauses frhzeitig in die
Armee. Whrend er teilnimmt an den rheinischen Feldzgen, erschttern
die Ideen des philosophischen Jahrhunderts sein Herz. Er sehnt sich
hinaus in die Freiheit, in das unendliche Reich des Wissens, er will
die Zeit, die wir hier so unmoralisch tten, durch menschenfreundliche
Taten bezahlen. In seinem zweiundzwanzigsten Jahre fordert er seinen
Abschied und kehrt als berreifer Student in seine Vaterstadt zurck.
Er wird der Lehrer, der geistige Mittelpunkt fr einen heiteren Kreis
junger Verwandten, er verschlingt Bcher in rastloser Arbeit und meint
mit seinem Forschen bis in den Kern der Nu einzudringen. Aber schon
nach Jahresfrist treibt ihn eine verzehrende innere Unruhe hinweg
von den Studien, von seiner kaum gefundenen Braut. In Berlin sodann
trifft ihn wie ein Wetterstrahl die Lehre Kants, da der Mensch nicht
die Dinge kennt, nur seine Anschauung von den Dingen. In malosem
Schmerz bricht der junge Himmelsstrmer zusammen vor dieser Erkenntnis.
Die Verzweiflung an aller Wahrheit, an allen Gesetzen des sittlichen
Lebens klagt fortan schauerlich in seinen Briefen: Da wir ein Leben
bedrften, um zu lernen, wie wir leben mten! -- Und so mgen wir
am Ende tun was wir wollen, wir tun recht! Und dazwischen immer
von neuem die glhende Sehnsucht nach dem Ewigen. Zwischen je zwei
Lindenblttern, wenn wir abends auf dem Rcken liegen, eine Aussicht an
Ahndungen reicher als Gedanken fassen und Worte sagen knnen!

Schon in frher Jugend qult ihn die berfeine Zartheit des Gewissens,
welche wir so gern als ein Zeichen innerer Reinheit begren mchten,
whrend sie doch in den meisten Fllen nur der Vorbote ist eines
verdsterten, selbstqulerischen Alters. Mit unbarmherzigem Auge
verfolgt er selbst jeden seiner Schritte, wie ein Geisteskranker
belauscht er sich; selbst ber seine tollsten Streiche, seine
finstersten Seelenkmpfe gibt er sich und andern Rechenschaft -- das
alles ganz unbefangen, ganz wahrhaftig, ganz frei von jedem Streben
sich interessant zu machen. Darber gehen ihm natrlich viele jener
Augenblicke verloren, wo der Mensch, ganz mit sich einig, ohne Wahl
und Frage sein Bestes schafft. Das Doppelleben, das so viele Knstler
fhren, wird ihm zur verzehrenden Krankheit. Nicht genug, da seine
Stimmung in jhen Sprngen von kindlich harmloser Frhlichkeit
zu finsterem Unmut, von rasch aufloderndem Stolze in kleinmtige
Verzagtheit umschlgt, da seine Unbestndigkeit ihm den bitteren
Ausruf entringt, Gleichmut sei die Tugend nur des Athleten; nicht
genug, da seine schneidende Verstandesschrfe ungesellig steht neben
einer glhenden Einbildungskraft und einem weichen Gemte: auch seine
Phantasie bringt ihm keinen Trost. Der so viele mit dem reichen Spiele
seiner Erfindung entzckt, ihm bleibt selbst das harmloseste Vorrecht
des Knstlers versagt. Nicht einmal Luftschlsser kann er bauen, nicht
einmal im Geiste sich zu seinen Lieben versetzen; es ist, als sei
seine Phantasie fr das tgliche Leben nicht vorhanden. Er hat die
Menschen; denn sein Herz und Nieren prfender Scharfblick zeigt ihm
ihre Kleinheit, und sein dsterer Sinn vermag nicht, mit berlegenem,
freundlichen Lcheln das Recht solcher Kleinheit zu wrdigen.
Vielleicht -- so schreibt er einmal seiner Braut -- hat die Natur
dir jene Klarheit zu deinem Glck versagt, jene traurige Klarheit, die
mir zu jeder Miene den Gedanken, zu jedem Worte den Sinn, zu jeder
Handlung den Grund nennt. Fremd, beklommen steht er in den hheren
Kreisen der Gesellschaft, wo das Verbergen jedes starken Gefhls fr
gute Sitte gilt; und doch kann er des Beifalls der Miachteten nicht
entbehren. Die Welt beginnt die Achsel zu zucken ber sein zielloses
Trumen, er fhlt die spttischen Blicke seiner Umgebung auf seinen
Wangen brennen. Der Drang nach Taten erwacht und lastet auf ihm wie
eine Ehrenschuld, die jeden, der Ehrgefhl hat, unablssig mahnt;
er will schaffen, rastlos, unermdlich: Der Mensch soll mit der
Mhe Pflugschar sich des Schicksals harten Boden ffnen. Auch seine
Freunde, seine Braut, seine geliebte Schwester Ulrike drngen und
fragen ihn, was er denn werden, was er leisten wolle. O ihr Erinnyen
mit eurer Liebe! ruft er auer sich.

Wer htte nicht einmal in schweren Stunden erfahren, wie qualvoll
solche zudringliche Einmischung der Welt uns bedrckt, wenn eine ernste
Entscheidung vor unsere Seele tritt? Und eben jetzt, da jedermann ihm
von seinen wissenschaftlichen Plnen spricht, ist Heinrich Kleist schon
verekelt an aller Wissenschaft, er ahnt, da Gelehrte und Knstler
Antipoden sind und -- da er selber ein Dichter sei. Auch dies mssen
wir schweigend hinnehmen als ein psychologisches Rtsel, da in einem
solchen Dichtergeiste die Ahnung seines Berufes so unbegreiflich spt
erwachte. Kein Liebeslied, kein rhetorischer Dithyrambus hat ihm, wie
anderen glcklicheren Knstlern, die holde Schwrmerzeit des Lebens
verschnt; die Erstlinge seiner Muse sind -- seine schmerzbewegten
Briefe an Ulrike. Wir fhlen nach, wie das Ohr des Knstlers sich
erfreut an diesen verhaltenen Gedichten, an dem vollen Klange dieser
leidenschaftlichen Klagen. Zuweilen tritt schon die Sehnsucht nach dem
Schnen klarer hervor; er schildert die Reize der Natur in prchtigen
Farben, er ruft: Wir sollten tglich wenigstens ein gutes Gedicht
lesen, ein schnes Gemlde sehen, ein sanftes Lied hren oder ein
herzliches Wort mit einem Freunde wechseln. -- Dann strmt er hinaus
in die Ferne; jahrelang, auf unsteten Wanderfahrten durch Deutschland,
Frankreich und die Schweiz jagt er dem Traumbilde des Dichterruhmes
nach, das flammend vor seiner Seele steht. Er will der grte der
Kleiste werden -- denn ein naiver Familienstolz liegt in seinem Geiste
dicht neben der Schwrmerei fr die Gleichheit der Menschen. Das
Sprichwort der mrkischen Vettern jeder Kleist ein Dichter soll sich
glorreich erfllen, der Lorbeer des alten Ewald Kleist soll verwelken
neben dem seinen. Er berauscht sich an Goethes Werken, Schillers
ideales Pathos ergreift diesen durch und durch realistischen Kopf
nur wenig. Zugleich sagt ihm eine geheimnisvolle Ahnung, da in ihm
selber eine Gewalt dramatischer Leidenschaft schlummere, die Goethes
harmonischer Genius so nicht kannte: Ich will ihm den Kranz von der
Stirne reien, ruft er frevelnd. Was hat er nicht ausgestanden bei dem
wohlweisen Lcheln der Philister um ihn her, die ihm seine Versche
nicht verzeihen knnen; wie soll das armselige Volk erstaunen, wenn er
einst heimkehrt als der erste der deutschen Dichter!

Und schon ist der Plan gefunden, der alle Wunder von Weimar mit einem
Schlage berbieten soll: das Drama Robert Guiscard. Auf diesen einen
Wurf setzt er sein alles: gelingt ihm dies Gedicht, das der Welt deine
Liebe zu mir erklren soll -- dann will er sterben, so schreibt er der
Schwester. In dem geheimnisvollen Ringen um dieses Werk verzehrt sich
die edelste Kraft seiner Jugend. Bald schwelgt er in der Erfindung,
diesem Spiele der Seligen, bald umflattern die werdenden Gestalten
des Gedichts sein Haupt wie ein verfolgendes Dmonengeschlecht,
also da er mitten in froher Gesellschaft mit halblauter Stimme zu
dichten beginnt. Wieder und wieder vernichtet er das Werk, das seinen
glhenden Wnschen nie gengt. Dann klagt er das Schicksal an, warum
es nicht die Hlfte seiner Gaben zurckgehalten habe, um ihm dafr
Selbstvertrauen und Gengsamkeit zu schenken; dann berfllt ihn die
Reue um die verlorenen Stunden, die ungenossenen wie die ungentzten,
und eine tiefe Verachtung des Lebens: Wer es mit Sorgfalt liebt,
moralisch tot ist er schon, denn seine hchste Lebenskraft, es opfern
zu knnen, modert, indem er es pflegt. Und bald strahlt er wieder von
kecker Siegeszuversicht und ruft gleich seinem Prinzen von Homburg: O
Csar Divus, die Leiter setz' ich an deinen Stern! Sein ueres Leben
in diesen angstvollen Tagen schildert er selbst in der Klage: An mir
ist nichts bestndig als die Unbestndigkeit. Er wandert und wandert,
schliet Bekanntschaften mit bedeutenden Mnnern, um sie ebenso
schnell zu lsen, entwirft neue Lebensplne, um sie sogleich fallen zu
lassen. Er will als ein Landmann in der Schweiz sich eine stille Htte
bauen und bricht mit seiner Braut, weil sie ihm nicht folgen will;
er versucht einmal, inmitten der Pracht der Alpen, auf einer Insel
in der Aar, mit einem anmutigen Schweizermdchen ein beschauliches
Knstlerleben zu fhren -- und das alles zieht an ihm vorber wie ein
Traum, leer und nichtig neben dem einen, was ihm wirklich ist -- neben
dem Dichterschmerz um sein Drama. Da endlich erfolgt die Enttuschung,
deren schneidenden Jammer nur die eigenen Worte des Unglcklichen
schildern knnen. Am 5. Oktober 1803 schreibt er der Schwester:

Der Himmel wei, meine theuerste Ulrike (und ich will umkommen,
wenn es nicht wrtlich wahr ist), wie gern ich einen Blutstropfen
aus meinem Herzen fr jeden Buchstaben eines Briefes gbe, der so
anfangen knnte: >Mein Gedicht ist fertig.< Aber Du weit, wer nach dem
Sprichwort mehr thut, als er kann. Ich habe nun ein Halbtausend hinter
einander folgender Tage, die Nchte der meisten mit eingerechnet,
an den Versuch gesetzt, zu so vielen Krnzen noch einen auf unsere
Familie herabzuringen: jetzt ruft mir unsere heilige Schutzgttin zu,
da es genug sei. Sie kt mir gerhrt den Schwei von der Stirne und
trstet mich, >wenn jeder ihrer lieben Shne nur eben so viel thte,
so wrde unserem Namen ein Platz in den Sternen nicht fehlen<. Und so
sei es denn genug. Das Schicksal, das den Vlkern jeden Zuschu zu
ihrer Bildung zumit, will, denke ich, die Kunst in diesem nrdlichen
Himmelsstrich noch nicht reifen lassen. Thricht wre es wenigstens,
wenn ich meine Krfte lnger an ein Werk setzen wollte, das, wie ich
mich endlich berzeugen mu, fr mich zu schwer ist. Ich trete vor
Einem zurck, der noch nicht da ist, und beuge mich ein Jahrtausend
im Voraus vor seinem Geiste. Denn in der Reihe der menschlichen
Erfindungen ist diejenige, die ich gedacht habe, unfehlbar ein
Glied, und es wchst irgendwo ein Stein schon fr den, der sie einst
ausspricht. Und so soll ich denn niemals zu Euch, meine theuersten
Menschen, zurckkehren? O niemals! Rede mir nicht zu. Wenn Du es
thust, so kennst Du das gefhrliche Ding nicht, das man Ehrgeiz nennt.
Ich kann jetzt darber lachen, wenn ich mir einen Prtendenten mit
Ansprchen unter einem Haufen von Menschen denke, die sein Geburtsrecht
zur Krone nicht anerkennen; aber die Folgen fr ein empfindliches
Gemth, sie sind, ich schwre es Dir, nicht zu berechnen. Mich entsetzt
die Vorstellung. Ist es aber nicht unwrdig, wenn sich das Schicksal
herablt, ein so hilfloses Ding, wie der Mensch ist, bei der Nase
herumzufhren? Und sollte man es nicht fast so nennen, wenn es uns
gleichsam Kuxe auf Goldminen giebt, die, wenn wir nachgraben, berall
kein chtes Metall enthalten? --

Gleich darauf eilt er nach Frankreich, um unter Bonapartes Fahnen
in England zu landen und -- dort den schnen Tod der Schlachten zu
sterben. Unser aller Verderben lauert ber den Meeren. Ich frohlocke
bei der Aussicht auf das unendlich prchtige Grab. Eine schwere
Krankheit rettet ihn aus diesem Anfalle des Wahnsinns; doch die Narben
aus jenen Kmpfen bleiben unvertilgbar seinem Geiste aufgeprgt. Von
neuem beginnen die unsteten Wanderfahrten; ber lange Abschnitte seines
Lebens sind wir noch heute ohne sichere Kenntnis. In diesem reichen
Geiste arbeiten dmonische Krfte, die ber die Enden des Menschlichen
hinausgreifen, er schwankt zwischen seinem Urbild und seinem Zerrbild,
zwischen dem Gott und dem Tier. Sein poetischer Genius bricht sich
endlich seine Bahn durch alle diese Leiden, entfaltet sich stolz und
sicher, stetig anwachsend. Dann bringt das Unglck des Vaterlandes
seinem verwsteten Leben wieder einen neuen reichen Inhalt: mit der
inbrnstigen Liebe eines groen Herzens klammert der Dichter sich
fest an sein versinkendes Volk, und whrend er die herrlichen Werke
schreibt, die ihn an die Spitze unserer politischen Snger stellen,
trgt der Unbegreifliche jenen finstern Lebensberdru mit sich umher,
der ihn schlielich zum Selbstmord treibt.

Es hiee an jeder Freiheit des Willens verzweifeln, wollte man in einem
so unseligen Leben keine Schuld finden. Aber wer ist so vermessen,
nach den drftigen Nachrichten das Ma seiner Verschuldung und das
Ma seines Unglcks abzuwgen? Nur einige widrige Umstnde, an denen
Kleists Wille wenig ndern konnte, seien erwhnt. Durch seinen
frhzeitigen Eintritt in den Soldatenstand ward sein Entwicklungsgang
unterbrochen, seine ganze sptere Bildung autodidaktisch und verwirrt.
Und wie unentbehrlich war nicht eine strenge Geisteszucht gerade
einem so erregbaren, so leicht und vielseitig auffassenden Kopfe! Ein
geborener Edelmann war er hinabgestiegen zu einem Berufe, der jenen
Tagen noch fr brgerlich galt, und vermochte doch den stetigen,
folgerechten Flei des brgerlichen Arbeiters sich niemals anzueignen.
Noch tiefer und unheilvoller mute auf ihn wirken, da das Leben
seinem Gemte so wenig Freuden bot. Eine wahre, beglckende Liebe
hat er nie genossen. Und wenn wir seine Richtung auf das Drama, sein
fr jene Zeit wunderbar lebendiges Interesse am politischen Leben
bedenken, wenn wir uns fragen: Welch ein Geist mute es sein, der in
dem Kthchen von Heilbronn, in der willenlos sich hingebenden Liebe
sein weibliches Ideal finden konnte? -- so erkennen wir, da, bei aller
Reizbarkeit, das mnnliche, ja das mnnische Wesen der hervorstechende
Charakterzug seiner Natur war, so verstehen wir auch, wie schmerzlich
dieser stolze Mann den Mangel teilnehmender Liebe empfinden mute.
Seine Braut hat ihn nie beglckt, das bezeugen seine Briefe. Diese
Liebesbriefe eines Dichters, die uns mit einer Flut drrer, doktrinrer
Prosa berschtten, seien allen denen empfohlen, welche nicht begreifen
knnen, aus wie seltsamen, widerstrebenden Stoffen der Mensch gemischt
ist. Jeder Brief beginnt mit einigen zrtlichen Worten, deren abstrakte
Metaphern starke Zweifel an der Tiefe der Empfindung erregen; darauf
folgt eine regelrechte Schulstunde; er fordert seine Braut zu
Denkbungen auf, er legt ihr Fragen vor, wie: Was ist prchtig? was
niederschlagend? Kurz, er liebt sie nicht, er will sie erst bilden, und
auch eine reiche Phantasie kann eine solche Tuschung des Gefhls nicht
mit poetischem Zauber verklren.

Ulrike Kleist hat mit rhrender Hingebung ihr Vermgen, ihr Glck,
ihr alles dem Bruder geopfert, doch sie war nur die Schwester, zudem
mit ihrem mnnlichen exzentrischen Wesen dem Dichter allzu verwandt:
Es lt sich nicht an ihrem Busen ruhn. Auch eine zweite Geliebte,
die er zu Dresden in Krners Hause fand, verstand nicht in die Launen
seines herrischen Geistes sich zu fgen, und er stie sie von sich.
Wer ein Ohr hat fr die leisen Schwingungen des Gefhls, der errt
auch aus den Werken mannhafter Dichter, ob ihr Herz verdet blieb oder
ob sie einmal wahr und rein und glcklich liebten -- ein feiner und
tiefer Unterschied, der mehr in der Form als im Wesen der Empfindung
sich kundgibt. Wenn es lichte Geister gibt, die in der Einsamkeit
des schaffenden Genius erhaben sind ber solcher Bedrftigkeit --
Kleist zhlte nicht zu ihnen. Ergreifend klingt seine Klage: So viele
junge blhende Gestalten, mit unempfundenem Zauber sollen sie an mir
vorbergehn? O dieses Herz! Wenn es nur einmal noch erwrmen knnte!
Er schildert die Liebe selten unbefangen als die welterhaltende Macht,
die in dem Stammeln des Kindes als die erste Regung der Menschlichkeit
erscheint und den Trotz des Mannes zu der Natur zurckfhrt; er stellt
sie gern dar als eine Krankheit des Leibes und der Seele und verirrt
sich zuweilen in die Mysterien des geschlechtlichen Lebens, die der
Kunst schlechthin verschlossen sind. Er schildert gern das Nackte, und
seine lebensvolle Sinnlichkeit berhrt oft die zarte Grenze, welche die
schne Wrme der Leidenschaft von der fliegenden Hitze des Gelstes
trennt.

Auch der Freunde besa er wenige. Einige ausgezeichnete Mnner
unter seinen Kriegskameraden, wie Rhle und Pfuel, standen seinem
Dichterschaffen allzu fern; und der Verkehr mit dem anmaenden
Phantasten Adam Mller verwirrte nur sein Urteil. Erscheint es nicht
fast tragikomisch, da der derbe, grundprosaische Zschokke und
der jngere Wieland, den die Nachwelt nur als einen warmherzigen
Patrioten kennt, die einzigen Poeten waren, mit denen ihn eine gewisse
Gemeinschaft knstlerischer Arbeit verband? Zschokkes Stunden der
Andacht und Penthesilea! -- Was frommte ihm der Beifall des alten
Wieland, der schon mit einem Fu im Grabe stand? Der eine, zu dem er
emporblickte, Goethe, konnte das Grauen vor den krankhaften Zgen
dieses leidenschaftlichen Talentes nicht verwinden; und die lauten
Strmer der romantischen Schule, die mit ihren formlosen Experimenten
den Markt beherrschten, verziehen ihm seine Tugenden nicht, sie
verachteten den prosaischen Sinn des Mannes, der den Mut besa,
festzuhalten an der strengen Kunstform des Dramas. Den christlichen
Poeten des Tages war der ernste Bekenner Kantischer Sittlichkeit
unheimlich: wenn Fouqu mit ihm zusammentraf, so sprachen sie selbander
-- ber die Kriegskunst. Von solchen Stimmungen beherrscht erwies die
Leserwelt den Werken Kleists eine unbelehrbare Migunst; kein einziger
froher Erfolg verschnte sein Leben. Als er einst einer Freundin einige
seiner Verse rezitierte und jene voll Bewunderung nach dem Verfasser
fragte, da schlug er sich verzweifelnd an die Stirn: Auch Sie kennen
es nicht? O mein Gott, warum mache ich denn Gedichte? Man mag einen
jungen Poeten verachten, der die Kraft nicht findet, das unvermeidliche
Schicksal eines Erstlingswerkes zu ertragen; doch hier erschttert
uns die gerechte Klage des verkannten Genius. Fester und fester spann
er sich ein in sein einsiedlerisches Treiben: das Leid, sprach er
stolz, drckt um so schwerer, wenn mehrere daran tragen. Der Fluch
der Einsamkeit kam ber ihn: sie nhrte sein mimutiges Grbeln, sie
gewhrte ihm nur zu viel Mue, die Dinge wieder und wieder zu bedenken,
also da jeder Entschlu, kaum gefat, ihm alsbald zum Ekel ward.
Und wenn wir schaudern vor den frevelhaften Spielen der Phantasie,
die in solchen Stunden sein Hirn betrten, so sollen wir doch auch
unbarmherzig die Mitschuld seiner Zeit bekennen: dies Knstlervolk lie
den Snger des Prinzen von Homburg verhungern, whrend Kotzebue und
Zacharias Werner als groe Dichter gefeiert wurden.

Es liegt am Tage, da ein so qualvoll ringender Dichtergeist
unwillkrlich Probleme von subjektiver Wahrheit whlen mute. Kleist
wute wohl, warum er die Frage aufwarf, die ihm viele begabte
Dramatiker nachgesprochen haben: ob es denn nicht mglich sei, die
Frauen mindestens fr einige Abende vom Theaterbesuche auszuschlieen.
Seine edelsten Werke sind Bekenntnisse, ganz verstndlich nur dem
reifen Manne, dem verwandte Kmpfe die Seele erschtterten. Wer sich
aber hineingefunden hat in diese subjektive Welt, den umfngt sie
auch wie ein Zauberkreis. Kleist besitzt eine dramatische Energie,
welche dem gemtvollen, gern in die Weite schweifenden deutschen Wesen
fast unheimlich erscheint und von keinem anderen unserer Dichter
erreicht wird. Ein hoher dramatischer Verstand wirft alles zur
Seite, was aufhalten, was den Sinn des Hrers von dem Wesentlichen
ablenken knnte. Unaufhaltsam, wie in den Effektstcken gedankenloser
Bhnenpraktiker, flutet die Handlung dahin; und doch ist nichts blo
gedacht und gedichtet, alles erlebt und angeschaut. Mit wunderbarer
Sicherheit wei er jederzeit die Stimmung in uns zu erwecken, die sein
Stoff verlangt; mit ein paar Worten versetzt er uns in jede fremde
Welt. Vor der Wahrheit seiner Charaktere verstummt die Kritik: diese
Menschen leben, und wenn der Sturm der Leidenschaft sie packt, dann
verliert selbst der nchterne Hrer die Besinnung. In Kleists reiferen
Stcken sind auch die geringfgigen Nebenpersonen des Studiums der
tchtigsten Schauspieler wrdig: der Knecht Gottschalk im Kthchen
war eine der glnzendsten Rollen Ludwig Devrients. Freilich verfhrt
ihn die Fertigkeit, sich selbst zu belauschen, auch in der Zeichnung
seiner Charaktere oft zu virtuoser Kleinmalerei. Er wagt manchmal,
jene flchtigen Gedankenblitze darzustellen, die uns wider Willen
durchzucken, die nur durch ihr augenblickliches Verschwinden ertrglich
werden und darum jeder Darstellung sich entziehen; dann haben wir den
Eindruck, als redeten seine Menschen im Traume. In jenen Augenblicken
der hchsten Wut, wo in der Wirklichkeit die Leidenschaft stumm bleibt
oder nur zerrissene Reden ausstt, verschmht Kleist oft das schne
Vorrecht des Dichters, der mchtigen inneren Bewegung Worte zu leihen;
solche Szenen machen bei ihm, weil er sich zu sehr an die Natur hlt,
nur den Eindruck des Richtigen, nicht der poetischen Wahrheit.

Die malose Leidenschaft, daran des Dichters Leben sich verblutete,
dringt oftmals strend auch in seine Werke: er liebt das Schreiende,
Grliche, verfolgt jedes Motiv gern bis zur uersten Spitze, seine
Helden jagen ihrer Sehnsucht nach so ungestm, so unersttlich wie er
selber dem Traumbilde seines Robert Guiscard. Als Kleist zu dichten
begann, hatte er schon zu vieles, zu Ernstes erlebt, um zu meinen, es
lieen sich die groen Widersprche der Welt mit einer schnen Stelle
lsen. Aber selbst diese echt knstlerische Tugend wird an ihm oft
zum Fehler: er hat nicht blo die Phrasen, er flieht die Ideen. Als
einen Mangel mssen wir es bezeichnen, da die von Lessing verpnten
langweiligen Aushilfen verlegener Dichter in seinen Dramen fast
gnzlich fehlen. Das Trauerspiel hohen Stils verlangt solche Worte der
Weisheit, nur da sie natrlich aus Handlung und Charakter sich ergeben
mssen; der Hrer atmet bei ihnen auf, er ahnt den hellen Dichtergeist
hinter den Schrecken des tragischen Schicksals. Nicht Mangel an Genie
erschwerte ihm, den idealen Gehalt seiner Fabeln an den Tag zu bringen,
wohl aber Mangel an Ruhe: seine Stoffe lasteten auf ihm noch in ganz
anderer Weise, als jedes unfertige Bild den Knstler bedrckt. Er besa
andauernde Begeisterung genug, um fast nur grere Werke zu schaffen,
er arbeitete langsam und kehrte mit gewissenhaftem Fleie immer wieder
zu dem Geschaffenen zurck. Er schildert jede Einzelheit mit peinlicher
Genauigkeit; und doch fhlen wir aus der Mehrzahl seiner Werke die
innere Rastlosigkeit des Dichters heraus, seinen Drang, des Stoffes
ledig zu werden. Man lese die Episode aus dem letzten Feldzuge, ein
keckes Reiterstck, die einfachste Geschichte von der Welt. Wie ein
Husar in einem von den Franzosen bedrohten Dorfe unbekmmert um die
Bitten des Wirts behaglich ein paar Glser trinkt, dann mit einem
wilden Fluche davon sprengt und sich durch die Feinde durchhaut -- das
wird auf mehreren Seiten geschildert, keine Handbewegung des Reiters
wird uns erlassen. Und trotzdem kommen wir dabei nicht einen Augenblick
zur ruhigen Betrachtung, so atemlos ist die Erzhlung.

Auf Kleists Schaffen pat Wort fr Wort die Klage, die Schiller einmal
ber die Aufgabe des Dramatikers schlechthin ausspricht: Ich mu immer
beim Objekte bleiben; jedes Nachdenken ist mir versagt, weil ich einer
fremden Gewalt folge. Und fragen wir, warum Heinrich Kleist mit aller
Schpferkraft seiner Phantasie doch hinter dem Genius Schillers weit
zurckbleibt, so lautet die Antwort: Schiller ist ein Klassiker, er
sucht Probleme, die fr alle Zeiten wahr sind, und lst sie mit der
Sicherheit eines Geistes, der in den Ideen lebt; und weiter: Schiller
steht seinen Werken frei gegenber -- trotz jener Selbstanklage, die
ihn nicht trifft. Kleist aber wird in der Tat oft unfrei, willenlos
fortgerissen von der Gewalt seines Stoffes; ja wir fhlen nicht selten,
wie eine glnzende Erscheinung vor ihm aufsteigt, wie sie Macht gewinnt
ber seinen Geist und ihn zwingt, sie zu gestalten, auch wenn die
Harmonie seines Planes darunter leiden sollte. Einzelne traumhaft
schne Bilder kehren in seinen Gedichten immer wieder, fast wie fixe
Ideen, die er nicht abschtteln kann.

Trotzdem ist Kleist ein denkender Knstler. Zwar kommt ihm niemals
bei, in seinen Briefen ber die Gesetze seines Knstlerschaffens
zu sprechen, ja in einem Aufsatz voll kstlichen zynischen Humors
verhhnt er alle Kunsttheorien und meint, da es, nach Anleitung
unserer wrdigen alten Meister, mit einer gemeinen, aber brigens
rechtschaffenen Lust an dem Spiel, deine Einbildungen auf die Leinwand
zu bringen, vllig abgemacht ist. Doch in seinen Werken ist solcher
Naturalismus nicht zu finden: gewissenhaft hat der Mann, dem die
Schule der Bhne verschlossen blieb, nachgedacht ber die Gesetze des
Dramas; sorgfltig hlt er die Kunstformen auseinander. In seinen
Dramen ist alles Handlung, in den Novellen alles Erzhlung, also da
selbst der Dialog zumeist in indirekter Rede berichtet wird. Man
vergleiche das lange Gedicht an die Knigin Luise, das Graf York
vor kurzem in den Grenzboten mitteilte, mit dem schnen prgnanten
Sonette, das offenbar aus jenem Entwurf entstanden ist, und man wird
ahnen, wieviel Gedankenarbeit in diesen wenigen Zeilen liegt. Auch in
der Form seiner Gedichte bewhrt sich der bewute Knstler. Die ganze
Tonleiter der Empfindung steht dem Sprachgewaltigen zu Gebote, doch am
glcklichsten gelingt ihm der Ausdruck der strmischen Leidenschaft;
er kennt die Laute des edlen Heldenzorns, wie der tierischen Wildheit.
Sein Stil ist hchst persnlich, von unverkennbarer Eigenart und eben
darum echt deutsch: eine knappe, markige Sprache, auch in der Prosa
allein aus dem deutschen Wortschatz geschpft, reich an volkstmlichen
anschaulichen Wendungen, und wenn es sein mu derb und grob, so wie er
einst im Regimente gegen seine Kerls gewettert hatte. Der melodische
Tonfall lyrischer Rede reizt ihn nicht; ihn kmmert's wenig, ob seine
Jamben zuweilen hart, zerhackt, durch hliche Flickwrter entstellt
erscheinen; nur dramatisch, ausdrucksvoll, ein treuer Spiegel des
Inhalts sollen sie sein, und sie sind es.

Mag ihn die Literaturgeschichte immerhin zu der romantischen Schule
zhlen -- die stolze Ursprnglichkeit dieser Erscheinung wird durch
einen Gattungsnamen mit nichten erschpft. Jedes Gedicht Kleists
entspricht der Mahnung, die er einst den nachahmenden Knstlern zurief:
die Werke der alten Meister sollten die rechte Lust in Euch erwecken,
auf Eure eigene Weise gleichfalls zu sein. Er hat die Mrchenpracht
der Romantik mit ahnungsvoller Zartheit besungen, ja der Kantianer
sehnte sich auf Augenblicke nach dem Frieden, den nur die Formenschne
des katholischen Kultus gewhren knne; aber dicht neben diesen
phantastischen Trumen liegt in seinem Geiste der strenge Realismus,
die Freude an dem Schlichtnatrlichen, die Verstandesklarheit des
protestantisch-norddeutschen Wesens. Der uns soeben die gaukelnden
Gestalten einer Wunderwelt geschildert, fhrt uns im nchsten
Augenblick in die Kmpfe des politischen Lebens, lt uns in vollen
Zgen die frische, scharfe Luft der Zeitgeschichte atmen. So steht der
wunderliche Grbler vereinsamt wie ein Fremder in einer Zeit, deren
Kmpfe und Leiden er doch tiefbewegt im Innern mitempfindet; und wir
Nachlebenden wissen nicht zu sagen, ob wir ihn beklagen sollen als
einen Sptling oder als einen zu frh Geborenen. Er erschien zu spt
-- denn dem geistigen Vermgen einer jeden Epoche ist ein festes Ma
gesetzt, es war unmglich, da die deutsche Kunst noch bei Lebzeiten
Goethes jenen neuen Stil htte finden knnen, von dem Kleist trumte.
Und wieder: er kam zu frh, denn erst der Brgersinn, der realistische
Zug der Gegenwart beginnt den Kern dieses Dichtergeistes zu verstehen,
erst den Dramatikern unserer Tage sind seine Werke ein Vorbild.

Nur der Torso des ersten Aufzuges lt uns ahnen, welch ein Werk der
Robert Guiscard zu werden bestimmt war; doch weder das Bruchstck
selbst noch die berlieferung der Normannengeschichte gibt uns einen
klaren Begriff von dem Plane. Wir vermuten lediglich, wenn wir das
Volk als Masse reden und klagen hren, da dem Dichter eine Erneuerung
des antiken Chors in ganz moderner, dramatischer Form, eine Verbindung
des charakteristischen und des idealisierenden Stiles vorgeschwebt
haben mag. Eine wunderbare, von Kleist selber nie wieder erreichte
Pracht der Sprache hebt uns sofort auf die Hhen des Menschenlebens;
hier ist sie wirklich, die =gorgeous tragedy in sceptred pall=, die
Tragdie der Knige und Helden. Wir blicken in das wogende Gewimmel
eines Vlkerlagers, und wie der alte Lwe Robert Guiscard soeben
majesttisch unter die klagenden Normannen tritt, da brechen die Szenen
ab, die einzigen, welche Kleist nach der Vernichtung des Werks zu
erneuern gewagt hat, und traurig legen wir die Bltter aus der Hand, an
denen das Herzblut eines edlen Mannes haftet.

Noch whrend dieser Plan auf der Seele des Dichters lastete, versuchte
er sich an einem bescheideneren Werke, dem Drama Die Familie
Schroffenstein. Neben seiner groen Tragdie erschien ihm das kleinere
Gedicht bald armselig, wie eine elende Scharteke; fast gewaltsam
muten ihn die Freunde berreden, das Drama zu vollenden. Kein Wunder,
da die Kritik mit diesem Erstlingswerke nichts anzufangen wute; der
Dichter war, da er als Neuling auf den Markt trat, lngst in der Stille
durch eine harte Schule dramatischer Arbeit gegangen, lngst hinaus
ber die rhetorische berschwenglichkeit der Jugend.

Der Bau der ersten Akte ist mit der Sicherheit eines gereiften
Verstandes entworfen; die Charaktere, voll gewaltiger, wortkarger
Leidenschaft, sind gezeichnet mit jener unerbittlichen Wahrheit, welche
die Frauen so leicht von Kleists Werken zurckschreckt; das Ganze ein
Bild finsterer blutiger Kmpfe, ohne jede Spur einer hheren Idee. Wenn
Hegel recht htte mit seinem Satze, da ein idealistischer Anfang in
der Kunst immer bedenklich sei, so mte man dies Erstlingswerk mit dem
gnstigsten Auge betrachten. Und doch liegt gerade in dem Mangel jedes
idealen Momentes der Grund seines Fehlschlagens.

Kleist schildert den ererbten Ha zweier verwandter Huser,
deren Kinder sich lieben und endlich durch den Frevel der Vter
untergehen. In Shakespeares Romeo und Julie wird der Ha der Familien
vorausgesetzt, der Schwerpunkt liegt in der Schuld der Liebenden. Bei
dem deutschen Dichter erscheint das Leiden der Liebenden nur als eine
Episode, als das heitere Gegenbild der finsteren Fabel, freilich als
ein Bild von rhrender Innigkeit und bezaubernder sinnlicher Wrme.
Der Kern seiner Aufgabe ist, zu entwickeln, wie die lang gehegte
Erbitterung der beiden Geschlechter durch ein Nichts, einen leeren
Verdacht zum finsteren Hasse gesteigert wird, wie der Wahnsinn des
Argwohns die beiden Stammeshupter -- zwei grundverschiedene und doch
in ihrem zhen, schweren Wesen nahe verwandte Naturen -- bermchtig
packt und sie fortreit von Untat zu Untat. Und dies ist dem Knstler
so vollstndig gelungen, wirkliche und vermeinte Schuld, Schein und
Wahrheit verschlingen sich so fest ineinander, da der Hrer und
schlielich auch der Dichter die Klarheit seines sittlichen Urteils
verliert. Dem Dichter selbst wird das Gefhl verwirrt wie seinen
Helden, er steht ratlos vor dieser jmmerlichen und doch so furchtbaren
Kleinheit der Menschen, die in ihrem Grimm befangen nicht rechts
noch links von ihrem Wahn hinwegzublicken wei; er meint zuletzt,
die durch den Aberwitz der Sterblichen verschuldete Verwicklung
durch einen Aberwitz des Schicksals lsen zu drfen. Durch einen
grundhlichen Zufall erschlgt jeder der Vter, in der Meinung, das
Kind des Feindes zu treffen, sein eigenes Kind. Vor den unschuldigen
Opfern kommt endlich die Nichtigkeit des Argwohns, der all dies Unheil
herbeigefhrt, an den Tag, und die schuldigen Vter feiern eine weder
glaubhafte noch erhebende Vershnung. Mit sichtlicher Unlust hat der
Dichter den Schlu zu diesem krankhaftesten seiner Dramen auf das
Papier geworfen; es ist sein eigenes verstrtes Gemt, das durch den
Mund seines Helden verzweifelnd gen Himmel schreit:

    Gott der Gerechtigkeit,
    sprich deutlich mit dem Menschen, da er's wei,
    auch was er soll! --

Als endlich sein Geist sich langsam erholte von dem Zusammenbruch
seiner liebsten Trume, da begann er eine Neuschpfung des
Molireschen Amphitryon. Eine Neuschpfung, sage ich, denn blo zu
bersetzen war diesem trotzigen Dichter unmglich; in ihm lag nichts
von weiblicher Empfnglichkeit, und selbst die Aufgabe, das Werk
Molires umzugestalten, htte ihn schwerlich gereizt, wenn nicht
die unharmonische Natur des Stoffes jedem neuen Bearbeiter einen
weiten Spielraum erffnete. Die berhmte Fabel, wie Zeus in der
Gestalt Amphitryons dessen Weib Alkmene erkennt, bietet in der tollen
Verwechslung der Personen, in der Figur des geprellten Ehemanns, diesem
zweideutigen Liebling des Lustspiels aller Zeiten, berreichen Stoff
zu komischen Szenen; aber, zu grausam fr einen Scherz, zu lcherlich,
um tiefere Empfindungen zu erregen, kann sie nie einen reinen Eindruck
hervorbringen. Als ein Meister hat Molire verstanden, die bedenkliche
Kehrseite der Handlung zu verdecken, mit herzerquickendem Selbstgefhl
stellt er sich als ein moderner Mensch der antiken Welt gegenber --
so bermtig wie nur Shakespeare in Troilus und Cressida. Er verflacht
absichtlich den nationalen Gehalt des Stoffes, er will nichts wissen
von dem religisen Schauer, den die Erscheinung des Gttervaters in
der Brust des glubigen Hellenen erweckte. Seine Gtter sind ein
lebenslustiges, bermtiges Vlkchen, von den Menschen nur durch ihre
Macht verschieden und sehr geneigt, diese bermacht zu mibrauchen. Er
beginnt mit einem Prologe voll kstlicher Laune: Merkur fordert die
Nacht auf, einige Stunden lnger ber Theben zu verweilen, damit Zeus
seine Freude bis auf die Hefe genieen knne; sie weigert sich, denn
man msse das Dekorum der Gttlichkeit wahren, doch gibt sie nach,
als er ihre Neigung fr galante Abenteuer, wovon sie sich allerdings
nicht freisprechen lt, ihr vorhlt. Mit diesen Spen und dem
possenhaften Wortspiele =Bon jour, la Nuit -- adieu, Mercure=, das den
Prolog schliet, gelangen wir sofort zu der leichtfertigen, lustigen
Stimmung, die der Dichter verlangt. Nun folgt ein buntes Durcheinander
lcherlicher Szenen. Merkur in der Gestalt des Sklaven Sosias zankt
sich mit dem wahren Sosias ber sein Ich, zerprgelt ihn wiederholt
mit gttlicher Urkraft; und zu diesen alten Witzen, wodurch schon
der Amphitryon des Plautus und des Camoens ihre Hrer entzckten,
tritt eine neue glckliche Erfindung hinzu: der eheliche Zwist im
Hause des Frsten wiederholt sich possenhaft im Hause des Sklaven.
Die gewollte Oberflchlichkeit seiner Charakterzeichnung wird dem
Dichter erleichtert durch den Genius seiner Sprache: die franzsische
Leidenschaft tritt in viel zu rhetorischer Form auf, als da sie uns
tief ergreifen knnte. Mit leichtfertiger Grazie schlpft er ber die
ernsten Auftritte dahin, so da wir nie zum Nachdenken, nie aus dem
Gelchter herauskommen.

Der tiefe Gegensatz deutschen und franzsischen Kunstgefhles tritt
uns vor die Augen, wenn wir nunmehr den deutschen Dichter in seiner
Werkstatt belauschen, wie er das fremde Gebilde zu packen und auf den
Kopf zu stellen wagt. In den rein komischen Szenen reicht Kleist,
trotz der ersichtlichen Bemhung, sie mit lustigen Einfllen zu
bereichern, an die schalkhafte Leichtigkeit seines Vorbildes nicht
heran; dafr versucht er, die ernste Seite des Dramas zu vertiefen,
zu bereichern durch die Macht und Glut deutscher Leidenschaft. Als
Amphitryon seinem Weibe nicht glauben will, da er selbst sie am
vergangenen Abend besucht, da ruft sie ihm nicht, wie bei Molire,
seine =transports de tendresse=, seine =soudains mouvements= -- und wie
sonst die franzsischen Phrasen lauten -- ins Gedchtnis: leibhaftig
vielmehr tritt der Vorgang vor uns hin, wie Alkmene in der Dmmerung
am Rocken sa, wie der vermeinte Gatte heimlich ins Zimmer schlich
und sie auf den Nacken kte -- und so folgen wir Schritt fr Schritt
dem Entzcken jener seligen Nacht. Bezeichnend genug liegt bei dem
romanischen Dichter der Schwerpunkt des Stcks in den Situationen,
bei dem Deutschen in den Charakteren. Alkmene, bei Molire eine sehr
gewhnliche Erscheinung, ist bei Kleist ein herrliches Weib, so
urgem dem gttlichen Gedanken in Form und Ma, in Sait' und Klang;
sie bleibt rein in der Umarmung des fremden Mannes, denn Alles was
sich Dir nahet ist Amphitryon. Kleist schildert nicht die noble
Passion eines galanten groen Herrn, sondern den geheimnisvollen Zauber
eines begeisterten Festes der Liebe. Er wagt noch mehr: der christliche
Mythus von der unbefleckten Empfngnis der Maria schwebt ihm vor Augen,
und er erkhnt sich, der alten Heidenfabel ihren religisen Inhalt
wiederzugeben. Sein Zeus ist der Gott, das irdische Haus mu sich
geehrt, begnadigt fhlen durch den Besuch des Allmchtigen. Dergestalt
haben zwar die ernsten Szenen unendlich gewonnen. Wie in den Gesprchen
mit Alkmene das gttliche Wesen des Zeus durch die irdische Hlle
hindurchbricht, wie er endlich mit dem Donnerkeil in der Hand aus dem
Gewlke tritt und zu den in heiligem Schrecken zusammenbrechenden
Sterblichen redet, das sind Auftritte voll Majestt. Aber das
Wesentliche, die Einheit des Stcks, geht verloren. Diese erhabenen
Bilder stehen in grellem Widerspruch zu dem possenhaften Treiben der
beiden Sosias; es ist unmglich, Mitleid zu empfinden mit dem tiefen
Schmerze des Amphitryon, den wir soeben erst seinen Sklaven in hchst
prosaischer Weise prgeln sahen; und mit aller Pracht der Sprache
gelingt dem Dichter nicht, uns die Gttlichkeit eines Wesens glaubhaft
zu machen, das so gro spricht, aber so grausam und zweideutig handelt
wie dieser Zeus. Die zerrissenen, nichtssagenden Reden, womit das
Volk zuletzt die Kunde von der seltsamen Gnade des Gottes aufnimmt,
beweisen, da Kleist selbst nicht daran glaubte. Recht behlt die
faunische Weisheit des Molireschen Sosias: =sur telles affaires
toujours le meilleur est de ne rien dire=.

Wie anders der fast zur selben Zeit vollendete zerbrochene Krug,
das einzige selbstndige Lustspiel des Dichters -- ein Werk aus einem
Gusse, rund und fertig, harmonisch bis in die letzte Zeile. Kleist
hatte sich einst in der Schweiz mit Zschokke und Ludwig Wieland an
einem Kupferstiche ergtzt, der einen plumpen dicken Richter darstellte
inmitten hitziger Parteien, die um die Scherben eines Kruges sich
streiten. Die jungen Leute whlten dies zum Thema eines literarischen
Wettkampfes, und als nun der Grbler sich in das Bild vertiefte, da
kam ihm ein Einfall, so einfach, da er unserem blasierten Publikum
kaum auffllt, und doch so glcklich, so echt komisch, da wir in der
armen Geschichte des deutschen Lustspiels nur wenige seinesgleichen
finden: der Richter selber hat den Krug zerbrochen bei einem unsauberen
Liebesabenteuer und mu, indem er verhrt, sich selbst entlarven.
Mit virtuoser Khnheit macht sich Kleist die Arbeit so schwer als
mglich; er hlt sich genau an das Bild: das ganze Lustspiel stellt,
bis auf eine einleitende Szene, nur die eine auf dem Kupferstiche
wiedergegebene Situation dar, und zum berflu spielt die Handlung in
Holland unter breitspurigen Menschen, die mit umstndlichem Phlegma
jedes Nichts errtern. Der entscheidende Hergang rollt sich nicht vor
unseren Augen ab, er wird nachtrglich enthllt; die Entwicklung des
Dramas ist analytisch, sie erinnert an die Komposition vieler antiker
Tragdien. Doch der Dichter hat wirklich die Not zur Tugend gemacht,
er wei den Gang des Verhres so gewandt zu entwickeln, da wir auf
das Geschehene nicht minder gespannt sind wie in anderen Lustspielen
auf das Knftige. Und welch ein psychologisches Meisterstck --
dieser Richter Adam, wie er sich festlgt mit frecher Stirn, wie er
dann aufgescheucht wird aus allen Schlupfwinkeln seiner dummdreisten
Schlauheit, wie er sich nach und nach entpuppt als ein Ungetm von
feiger Unverschmtheit, ein hollndischer Falstaff. -- Wieviel Kraft
des Willens lag doch in Kleists Seele, wenn er seinen dsteren Sinn
zwingen konnte zu der ausdauernden Heiterkeit der Komdie! Nur an
einzelnen Stellen verrt der geprete knstliche Ton des Scherzes,
da der Dichter diese derblustigen Gestalten schuf, um sein selbst zu
vergessen.

Durchaus nicht auf der Hhe seiner Dramen stehen Kleists Erzhlungen.
Nicht als ob ihm das erzhlende Talent gefehlt htte: seine Virtuositt
in der Detailmalerei konnte sich hier vielmehr am freiesten tummeln.
Aber die lose Kunstform legt seinem strmischen Geiste die Zgel
nicht an, deren er bedarf; alle krankhaften Neigungen seines Wesens,
welche die ideale Strenge des Dramas migte, lassen sich hier haltlos
gehen. Es scheint nicht berflssig, dies hervorzuheben: unsere
besten Dichtertalente sind heute auf dem Felde der Erzhlung ttig;
dabei laufen wir Gefahr, den natrlichen Wert der Kunstgattungen
zu vergessen. Nimmermehr htte Kleist in dramatischer Form so ganz
Verfehltes geschaffen, wie die hlichen Schauergeschichten, Der
Findling und Das Bettelweib von Locarno, oder gar die weinerliche
Legende von der heiligen Ccilie. Nur die Manier der Erzhlung, nicht
das Talent verrt, da diese verunglckten Versuche aus derselben
Feder flossen, welche Das Erdbeben in Chili und Die Verlobung in
St. Domingo schrieb. Das frwahr sind echte Novellen im Stile der
alten Italiener: das neue unerhrte Ereignis, das launische Spiel
des Schicksals, nicht der Kampf in der Seele des Menschen, gilt dem
Dichter als das Wesentliche. In leidenschaftlicher Hast strmt die
Erzhlung vorwrts, wunderbar glcklich stimmt die schwle Luft der
indischen Welt zu dem rasenden Wechsel der Geschicke; dem Leser wird
zumute, als ob ihm selber die Glut der Tropensonne sinnbetrend auf den
Scheitel brenne. Am meisten gerundet in der Form ist die Novelle Die
Marquise von O.. Aber alle Kunst des Dichters bringt uns nicht dahin,
da wir den schndlichen und -- was schlimmer ist -- grundhlichen
Ausgangspunkt der Erzhlung verwinden, da wir dem Helden einen Frevel
an einem bewutlosen Weibe vergeben. Immerhin bleibt erstaunlich,
wie der natrliche Adel des Talents selbst beim Ringen mit einem
widerlichen Stoffe sich nicht verleugnet. Kleists Freund Zschokke
mibrauchte dasselbe Motiv zu einer Novelle voll fauler Spe; unser
Dichter schreitet ber das Gemeine rasch hinweg, um sich in eine feine
und ernste Seelenschilderung zu vertiefen.

Noch strker berwiegt das psychologische Interesse in der groen
Erzhlung Michael Kohlhaas. Nur der Deutsche empfindet ganz die
tragische Macht dieser einfachen Geschichte: wie ein schlichter Mann,
in seinem Rechte gekrnkt, vergeblich den Schutz des Gesetzes anruft
und dann, verzweifelnd an der Ordnung der Welt, in unbndiger Rachgier
Frevel auf Frevel huft, bis endlich der berfeine Rechtssinn des
Rechtsbrechers an der Kleinheit seines Gegenstandes sich selbst die
Spitze abstt. Wir meinen den Schleier fallen zu sehen von einem
Herzensgeheimnis des deutschen Mittelalters. Die Unersttlichkeit,
die Wollust der Rache konnte so wahr, so berzeugend nur ein Dichter
schildern, dem selber das Hirn wirbelte bei dem Gedanken an die
Vernichtung des Landesfeindes, der selber soeben seinem Volke zurief:

    Wenn der Kampf nur fackelgleich entlodert,
    wert der Leiche, die zu Grabe geht!

Aber whrend die modernen Novellisten sich zumeist in eine
Seelenmalerei verlieren, welche der Aufgabe des Dichters ebenso sehr
widerspricht wie die breite Naturschilderung, und mit peinlicher
Langsamkeit das Herz ihres Helden zerfasern und zerschneiden, bleibt
Kleist unwandelbar der Erzhler. Sein Held ist immer in Bewegung,
obgleich wir jeden seiner Gedanken erfahren, der Flu der Ereignisse
stockt niemals, obschon uns kein Nebenumstand erlassen wird -- bis
wir leider pltzlich entdecken, da dem Dichter die Kraft versagt,
die Gestalten unter seinen Hnden zerflieen und die so herrlich
begonnene Fabel in willkrlichen Visionen endet. Die Erzhlung lehrt
zugleich, wie bermtig der echte Dichter umspringen darf mit jener
historischen Treue, deren Wert von der berbildeten Gegenwart so
wunderlich miverstanden wird. Dem Bilde, das wir alle von Johann
Friedrich dem Gromtigen im Herzen tragen, schlgt Kleist fast
mutwillig ins Gesicht; das moderne Dresden wird mit grter Sorgfalt
in das sechzehnte Jahrhundert zurckversetzt, whrend wir doch wissen,
da die Handlung in Dresden gar nicht spielen konnte. Und doch drngt
sich uns nicht der mindeste Zweifel auf: so lebendig tritt uns alles
vor Augen, und so glcklich trifft der Erzhler jenen derben biederen
Ton der Rede, der uns die Weise unserer Altvordern weit eindringlicher
schildert, als die sorgfltigste Zeichnung des Kostms vermchte.
Erst von dem Augenblicke an, wo den Dichter die poetische Kraft
verlt, wo er sich in nachtwandlerische Trume verliert, werden unsere
historischen Bedenken wach. Und nochmals erhebt sich die Frage: warum
Kleist nicht, nach dem Rate seines Freundes Pfuel, diesen kstlichen
Stoff zu einem Drama verwendet hat? In seinen Dramen tritt die Unart
seines Geistes, das schlafwandlerische, phantastische Wesen zuweilen
strend, nie zerstrend auf; hier in der Erzhlung lt er sich gehen,
und das schne Gedicht, ein Werk seiner reifsten Jahre, wird ganz und
gar verwstet.

Verfolgen wir sein dramatisches Schaffen weiter, so beobachten wir
fortan ein mchtiges Aufsteigen seiner dichterischen Kraft, zunchst
an der Tragdie Penthesilea. Man erzhlt von Hegel, da er einst, als
Tieck den Othello vorlas, entsetzt ausrief: Wie zerrissen mute dieser
Mensch, Shakespeare, sein, da er den Jago so darstellen konnte --
worauf Tieck entgegnete: Herr Professor, sind Sie des Teufels? Die
Schnurre ist, wenn nicht wahr, doch gut erfunden. Wer der Kunst nicht
lebt, nur zuweilen aus der befriedeten Welt des Gedankens sich in
ihren Zauberkreis hinberstiehlt, wird sich leicht versucht fhlen,
den Knstler, der ein krankes Menschenherz schildert, selber fr krank
zu halten. Und freilich, solange Kleists Briefe noch verborgen lagen,
blieb die Penthesilea, das subjektivste seiner Werke, unverstndlich
wie der Traum eines Fiebernden; seit wir jene Gestndnisse kennen,
erscheint gerade diese wilde Dichtung als der Anfang seiner Genesung.
Er fate sich endlich das Herz, den Kmpfen seiner letzten Jahre ins
Gesicht zu sehen, er wagte sie zu einem Kunstwerke zu gestalten,
und sobald ein Dichter sein Leid gesteht, beginnt er schon es zu
berwinden. Die Erlsung freilich, die reine dauernde Vershnung,
welche ein Goethe in solchem Gestndnis seiner Qualen fand, sollte
dieser Unglckliche niemals erreichen. Der ganze Schmerz und Glanz
seiner Seele, so sagt er selbst, ist niedergelegt in der Penthesilea;
sein eigenes Ringen und Leiden, jene wilde Jagd nach dem Ruhm, dem
vollendeten Kunstwerk, und sein frchterlicher Fall erschttern uns
in dem Schicksal dieser Knigin der Amazonen, die den Schnsten, den
Herrlichsten der Mnner zu ihren Fen niederzwingen will und nach
kurzem Rausche des bermuts in rasendem Toben untergeht -- denn nicht
dem Speer des Feindes,

    dem Feind in ihrem Busen wird sie sinken!

Wie glcklich fhlt sich der Dichter, einmal etwas recht
Phantastisches zu schreiben, die einfache Groheit des Achilleus und
des Diomedes inmitten der Farbenpracht einer traumhaften Wunderwelt
zu schildern! Wie drr und kahl erscheinen neben dem Duft und Glanz
dieser Verse die gleichzeitigen, durchweg unglcklichen Versuche der
Romantiker, das Altertum auf ihre Weise wiederzubeleben -- ganz zu
geschweigen jener langweiligen Penthesilea, welche Tischbein damals
auf die geduldige Leinwand sndigte. An seine Heldin verschwendet
der Dichter alle Schtze seines Herzens, denn er liebt sie, und oft
klingt uns aus seinen Worten die unbefangene Sinnlichkeit der Heiden
entgegen. Er wagt sich an das unheimliche Geheimnis der Schnheit, das
schon Vater Homer kannte, er will ein Weib schildern, so entzckend
schn, da jedes sittliche Urteil vor ihr verstummt. Ihm ist zumute
wie jenen Greisen von Troja, die auf den Mauern sitzend das Verderben
bejammern, das um eines Weibes willen ber ihr Volk kam -- und da die
Unheilvolle pltzlich unter sie tritt, wagen sie doch nicht zu zrnen,
so schrecklich ($ains$) packt sie der Anblick der schnen Helena.

Aber selbst die Kraft unseres Dichters wird zunichte vor der Unnatur
seines Stoffes. Schon vor einer antiken Amazonenstatue verweilen
wir mit seltsam befremdeter Empfindung, und doch darf die bildende
Kunst in diesem Falle mehr wagen als die Dichtkunst. Unser Erstaunen
steigert sich zum Grauen, sobald uns das Seelenleben eines Mannweibes,
dies wilde Durcheinanderwogen von Heldenstolz und Kampflust, von
edler Liebe und roher Brunst in der hellen Beleuchtung eines modernen
Dramas entgegentritt. Nun gar das Umschlagen der Wollust in Blutgier,
dies allerscheulichste Rtsel des Menschenherzens, an einem Weibe
zu beobachten, wer knnte das ertragen? Was gilt uns die prachtvolle
Schilderung der Rosenfeste von Themiskyra, wo die kriegerischen
Amazonen, seligen Schauers voll, die besiegten Jnglinge bekrnzt zum
Altare der Aphrodite fhren? Von dem Liebeswahnsinn dieser Jungfrau,
die ihre Zhne in den zuckenden Leichnam des Brutigams schlgt,
wendet sich jedes natrliche Gefhl. Und sogar die schne Form leidet
zuletzt unter der Verkehrtheit der Idee, da die Raserei der Knigin in
lppischen Irrsinn bergeht.

Wir fhlen, wie krampfhaft das Herz noch zuckte, dem diese wilden Verse
entstrmten, aber auch wie erleichtert der Dichter aufatmen mute,
da er also seinen Schmerz bekannt hatte. Endlich einmal schien das
Geschick dem Unglcklichen freundlich zu werden; er grndete in Dresden
eine literarische Zeitschrift, den Phbus, hoffte zuversichtlich, sich
jetzt einen ehrenvollen Platz in der Knstlerwelt zu erobern, trat
den geselligen Freuden wieder nher. Schon mehrmals frherhin hatte
der arme Brandenburger seinen Wanderstab ruhen lassen auf diesem
lieblichen Winkel deutscher Erde und stundenlang die Madonnenbilder
der Galerie betrachtet und die dunkeln Waldgrnde durchstreift, die
in das lachende Elbtal mnden, und droben von der Brhlschen Terrasse
trumend hinabgeschaut auf die sanften Windungen des Flusses und das
alles in entzckten Briefen der Schwester geschildert. Es war noch das
alte Dresden, die prchtige und doch stille Stadt, die Canaletto gemalt
hat, so recht ein Platz zum Trumen und zum Dichten, noch nicht der
abgetretene Spaziergang blasierter Touristen. Und -- so seltsam spielt
der Reiz des Kontrastes in dem Knstlergemte -- gerade hier in dem
Schmuckkstlein des Rokokostils erwachte dem Dichter der Sinn fr die
heimische Vorzeit; sein Geist, der so lange in die Ferne geschweift,
kehrte ein in die Flle des deutschen Lebens, um seine schnsten und
reifsten Werke aus dieser reinen Quelle zu befruchten. Er fhlte sich
jetzt Mannes genug, einen neuen Herzenskummer, der ihn traf, sofort als
Knstler zu berwinden. All die Trume von Liebesglck, die ihm so
schmerzlich zerronnen waren, rief er wach, um im Gedichte ein Weib zu
schaffen, wie er es ersehnte und nie finden sollte, und alle sanften,
glcklichen Erinnerungen seines Lebens versammelte er um sich, um dem
geliebten Bilde eine freundliche Umgebung zu bieten. Die alte gotische
Kirche stieg wieder vor ihm auf, die seinem Vaterhause gegenber stand,
mit ihrem schweren Turme und den geborstenen roten Backsteinzinnen,
die der Knabe so oft ahnungsvollen Blickes betrachtet; er sah die
finsteren Tore und die steilen Giebelhuser in der alten Oderstadt;
jene zarten Bilder von dem Cherub mit gespreizter Schwinge, von dem
s duftenden Holunder, die in seinen lteren Gedichten flchtig wie
ein Sonnenblick aus dichtem Gewlk erschienen, erwachten wieder und
mahnten ihn, sie reich und farbig zu gestalten. Also schuf der seltsame
Mann, der in allem von der Regel abweicht, in seinem zweiunddreiigsten
Jahre das jugendlichste seiner Werke: das Kthchen von Heilbronn.

Wir fhlen ihm nach, wie er mit der naiven Freude des Entdeckers vor
den wundersamen Gestalten steht, die er in der Vorzeit seines Volkes
aufgefunden; ein frischer Duft weht uns an, wie der Erdgeruch aus dem
umgebrochenen Acker. Seine Heldin nennt er selbst die Kehrseite der
Penthesilea, ihren anderen Pol, ein Wesen, das ebenso gro ist durch
Hingebung wie jene durch Handeln. Noch nicht sechzig Jahre sind
verflossen, seit dies Werk zuerst an der Wien vor die Lampen trat;
und schon mutet es uns an wie eine Sage aus uralter Vorzeit, kaum
mehr verstanden von der hellen, strengen Gegenwart. In jedem Volke
begegnen uns einzelne Dichtungen, welche, ohne den Stempel klassischer
Vollendung zu tragen, doch unantastbar dastehen, weil sie geweiht sind
durch die Liebe eines vergangenen Geschlechts; sie fordern, da der
Nachlebende sie dankbar hinnehme wie ein Gebilde der Natur. So dies
Gedicht; aus ihm reden alle jene holden traulichen Trume, die unseren
Mttern die Jugend beseligten, die Herzenssehnsucht einer Zeit, die
unser klterer Verstand zugleich bersieht und um die Innigkeit ihres
Gefhls beneidet. Ich kann nicht ohne Rhrung der Stunden denken,
da mir meine Mutter von ihren ersten Gngen zum Theater erzhlte:
wie glckselig hat dies unschuldige Mdchengeschlecht dem Kthchen
gelauscht, wenn sie unter dem Fliederbusch ihre keusche Liebe trumt!
Der Dichter aber, der so glcklich einen Schatz aus dem Gemte seiner
Zeit zutage gefrdert, er war lngst nicht mehr, als das Kthchen
endlich auf allen Bhnen sich einbrgerte; wir meinen oft seinen
Schatten zu sehen, wie er niederschaut auf die verspteten Erfolge und
bitter lachend wie sein Prinz von Homburg die Achseln zuckt:

    Nur schade, da das Auge modert,
    das diese Herrlichkeit erblicken soll!

Selbst heute noch knnen wir die Kraft des einfachen Mrchens erproben:
in unseren Vorstadttheatern weilt ein Publikum, zu arm an Bildung und
zu schwer bedrckt von den Sorgen des eigenen Lebens, um die Gewalt
des tragischen Schmerzes zu ertragen, doch nach deutscher Art zu
gesetzt, um allein dem Lustspiele zu huldigen. Hier ist der rechte
Tummelplatz fr das ernste Drama mit glcklichem Ausgange; hier hat
das Femgericht noch seine Schrecken, hier findet der erbrmliche
Darsteller des wackeren Gottschalk noch seine Bewunderer, die Kunigunde
ihre leidenschaftlichen Feinde. Wir mten sehr niedrig denken von dem
sittlichen Berufe der Kunst, wollten wir solche Erscheinungen ber die
Achsel ansehen; danken wir Gott, da das Pariser Hetrendrama noch
nicht berall sein Zepter schwingt. Es ist nicht blo der ritterliche
Lrm und Pomp, was diese braven Leute so tief ergreift; noch mchtiger
wirkt die Kraft der volkstmlichen Sprache, die Innigkeit des
Gemts, die aus jeder Zeile redet, die Anschaulichkeit der einfach
verstndlichen Motive. Selbst der Ha, sonst der deutschen Gutmtigkeit
so schwer falich, erklrt sich hier von selbst. Der Mensch wirft
alles, was er sein nennt, in eine Pftze, nur kein Gefhl -- das
versteht auch der gemeine Mann, nicht die Worte, doch den Sinn.

Freilich mu das Drama von kundigen und rcksichtsvollen Hnden
vorgefhrt werden, mit Piett nicht vor den schwachen Nerven der
Hrer, sondern vor der krftigen Eigentmlichkeit des Dichters. Welche
Barbarei, wenn der zartsinnige Regisseur die Szene, wo Graf Wetter vom
Strahl dem Kthchen mit der Peitsche droht, verletzend findet, statt
der Roheit eine Niedertrchtigkeit einfgt und den Grafen das Schwert
zcken lt auf die Wehrlose! Freilich mu man die Ansprche der
absoluten Kritik daheim lassen. Ist die hingebende Liebe des Kthchens
nicht schon selbst wunderbar genug? Ist es nicht bare Tautologie, das
grere Wunder durch ein kleineres zu erklren? Verliert Kthchens
Liebe nicht an Wert durch den zwingenden Zauber, der sie an den Ritter
kettet? Und geht nicht zuletzt der ideale Gehalt des Gedichts geradezu
verloren, da nicht das arme Brgerkind durch die Macht der Liebe ber
den Stolz des Ritters triumphiert, sondern die Kaiserstochter dem
Grafen ihre ebenbrtige Hand reicht? Solche unwiderlegliche Einwnde
vergessen nur das Entscheidende, da ein Mrchen, ein dramatisch
behandelter epischer Stoff nicht unbedingt den Gesetzen des Dramas
gehorchen kann; liegt es doch im Wesen des Mrchens, die Wunder des
Herzens durch die Aufhebung der Ordnung der Natur zu erklren, Lohn
und Strafe in der allersinnlichsten Form erscheinen zu lassen. Der
zarte Duft des volkstmlichen Stcks verfliegt, wenn wir mit so
derber Hand daran treten. Wir beklagen nur, was der Dichter selbst
aufs bitterste bereut hat, da er dem mrchenhaften Charakter des
Stcks nicht treu geblieben. Rcksicht auf die Ansprche der Bhne,
denen das Kthchen doch niemals vllig gengen kann, verleitete
ihn, statt der zaubergewaltigen Fee Kunigunde jenes nchterne
rationalistische Scheusal zu schaffen, das so widerwrtig erscheint
hier in der heiteren Fabelwelt, wo hhere Geister noch gern mit dem
farbenreichen Menschenleben verkehren. Die malose Heftigkeit des
Dichters verfhrt ihn auch diesmal, jedes Motiv zu Tode zu hetzen. Er
kann sich nicht genug tun in der Schilderung seiner Heldin, er jagt sie
durch alle Stufen der Erniedrigung hindurch, und whrend er ihr eine
bermenschliche Demut leiht, die der Selbstentwrdigung zuweilen nahe
kommt, huft er auf ihre Feindin Kunigunde eine ganz unmgliche Last
der Schndlichkeit. Er litt noch unter dem Schmerze um seine verlorene
Braut und meinte sich berechtigt, ein Weib ohne Herz mit seinem Hasse
zu zeichnen.

Whrend Kleist so liebevoll die Gestalten der deutschen Vorwelt
schilderte, war in ihm lngst der heilige Schmerz erwacht um die
Gegenwart des Vaterlandes. Er hatte wohl einst ber seinem Dichterleide
die weite Welt und Deutschland mit ihr vergessen, den Tod gesucht,
wo er auch sei. Sobald er sich selber wieder angehrte, regte sich
doch der preuische Offizier. Der Knstler steht der Natur nher als
der Denker; lst er sich ab von seiner Heimat, so geschieht ihm wie
dem starken Baume, der in fremden Boden verpflanzt die Schollen des
mtterlichen Erdreichs an seinen Wurzeln mit sich nimmt. Der freie
Geist des Dichters hatte das de Einerlei des Garnisondienstes nicht
ertragen, er mochte zuweilen von der Hhe seiner philosophischen
Bildung mitleidig herablcheln auf die militrischen Barbaren daheim.
Die stolzen kriegerischen Erinnerungen seines Vaterhauses, dem des
Knigs Rock als das Kleid der Ehre galt, die glnzenden Bilder des
preuischen Waffenruhms, die durch die Trume seiner Kinderjahre
geschritten waren, hafteten doch weit fester, als er sich selbst
gestand, in seinem treuen Gemte; und als das Verderben an seinen
Staat herantrat, da erwachte der Stolz des Preuen, des Deutschen,
die angelernten philanthropischen Ideen fielen zu Boden. Schon
whrend des Feldzugs von 1805 fragt er bitter, warum der Knig nicht
sofort, nachdem die Franzosen durch Ansbach marschiert, seine Stnde
zusammenberufen und durch einen khnen Krieg die Verletzung des
preuischen Gebiets gercht habe. Immer hufiger erklingt fortan in
seinen Briefen die Klage ber die finstere Zeit, wo das Elend jedem
in den Nacken schlgt. Auf die erste Kunde von der Schlacht von Jena
schreibt er mit dem ganzen Stolze und der ganzen Verblendung eines
friderizianischen Offiziers: 20000 Mann auf dem Schlachtfeld und doch
kein Sieg! Dann erfhrt er wie ein Betubter die volle schreckliche
Wahrheit, dann bergibt ein Mann, der seinen Namen fhrt, die erste
Festung Preuens schimpflich an den Feind, dann sieht der Dichter
in Knigsberg aus nchster Nhe den tiefen Fall des Hofes und des
Staates, und endlich mu er die Faust des Unterdrckers noch an seinem
Leibe empfinden. Sein scharfer Verstand hatte schon vor Jahren, da er
umnachteten Sinnes durch Frankreich irrte, die prahlerische Nichtigkeit
der eitlen Welteroberer unbarmherzig durchschaut; auch ihre Roheit
sollte er jetzt erfahren, da er whrend des Feldzuges von 1807 durch
ein Miverstndnis als Spion gefangen und nach Frankreich geschleppt
wurde. Er sa dann durch lange finstere Wochen auf dem Schlosse Joux
hoch im Jura, auf derselben Festung, wo einst Mirabeau die wildesten
Stunden seiner Jugend verlebt hatte.

Nun kehrte er heim in sein geschndetes Vaterland, mit dem vollen
Verstndnis fr die Gre der Zeit, er sah Ungeheures, Unerhrtes
nahen, eine Macht des Unheils heranfluten wider jedes Heiligtum der
Menschheit. Und diese Empfindung wuchs und wuchs, sie wurde etwa seit
der Vollendung des Kthchens (1808) die herrschende Macht in seinem
Geiste, also da Dahlmann den Selbstmord des Dichters kurzweg aus
der Verzweiflung am Vaterlande erklrt. Wer kennt nicht eine jener
einsiedlerischen Naturen, die in tiefer Stille mit der ganzen Macht
ihrer unzerstreuten Leidenschaft alle Zuckungen der vaterlndischen
Geschicke mitempfinden? So lebte auch Kleist in seinem einsamen Zimmer
ein hocherregtes historisches Leben: prchtig, eine himmelhohe Flamme
schlug dann das entfesselte Gefhl aus seiner verschlossenen Brust
empor. Er brauchte nicht erst, wie die zum Vaterlande zurckkehrenden
Gelehrten, die Fichte und Arndt, auf den weiten Umwegen des Gedankens
die Idee des Volkstums und ihr Recht sich selber zu erklren. Er liebte
Deutschland, wie dem Dichter ansteht, unwillkrlich, unmittelbar,
weil es mein Vaterland ist -- so lt er in seinem patriotischen
Katechismus einen deutschen Knaben sprechen. Die glorreiche Fahne, die
er einst in seinen jungen Hnden getragen, da lag sie im Staube. Ihre
Ehre war die seine. Ihre Schmach zu rchen greift er zu jeder Waffe,
er schreibt Pamphlete, Satiren und ohne jedes sthetische Bedenken
Gedichte. Er htte sie nicht verstanden, die armselige Frage, die
in einer spteren mden Zeit unter uns aufgeworfen ward, die Frage,
ob eine Poesie des Hasses ein Recht habe zu sein. Er wute, da die
Dichtung jedes berechtigte Gefhl der Menschenbrust schildern darf
und da in diesen Tagen der Ha die letzte und hchste Empfindung des
deutschen Mannes war. Es galt das Dasein der Nation; die Begeisterung
der Ideologen, die Stimme des natrlichen Gefhls und die Berechnung
des Staatsmannes fielen in eines zusammen; nur eine solche Zeit konnte
einen so ganz in der Anschauung, der Empfindung lebenden Geist zur
politischen Dichtung fhren.

Kleist ward, nach dem alten Gleim und den Poeten des Siebenjhrigen
Krieges, der erste unserer neueren Dichter, der seine Muse den
politischen Zwecken des Augenblickes dienen lie, der erste, dem
dies Wagnis vllig glckte. Er wei und will nur eines -- den Kampf
der Waffen, augenblicklich, unverzglich. Er lacht der Schwtzer,
der Tugendbndler und Philosophen, die von einem Kampfe der Gedanken
faseln, wirft ihnen Spottverse ins Gesicht ganz so ungeschlacht und
ungerecht wie jene, die er einst gegen Goethe geschleudert hatte. Es
leidet ihn nicht mehr im Norden als der Krieg von 1809 beginnt, er
eilt hinaus nach dem Schlachtfelde von Aspern, und da auch diesmal die
Heere der Feinde siegen, fat er in vollem Ernst den Gedanken auf,
mit dem die erbitterte Jugend jener Tage spielte: er will durch die
Ermordung Napoleons das Vaterland befreien und -- mit einer groen Tat
sein eigenes zerrttetes Dasein beenden. So berichtet eine nicht streng
beglaubigte, aber keineswegs unglaubhafte berlieferung; allem Anschein
nach hat nur ein Zufall den grlichen Plan vereitelt. Und derselbe
dmonische Ha, dieselbe frchterliche Wildheit tobt auch durch seine
patriotischen Gedichte. Feuriger hat nie ein Snger zu unserem Volke
gesprochen als Kleist in der mchtigen Ode Germania an ihre Kinder:

    Schlagt ihn tot, das Weltgericht
    fragt euch nach den Grnden nicht!

Die Lust der Vergeltung, unzertrennlich von jeder Erhebung eines
mihandelten Volkes, hat auch in unserem Freiheitskriege mchtiger
gewaltet, als wir nach den verblaten Schilderungen der Nachlebenden
gemeinhin annehmen; schrieb doch Gneisenau nach dem Tage von Leipzig
frohlockend wie ein antiker Held: Wir haben die Nationalrache in
langen Zgen genossen. Wollen wir Kleists furchtbare Zeilen: Alle
Triften, alle Sttten frbt mit ihren Knochen wei߫ geschichtlich
verstehen, so mssen wir uns der Stimmung erinnern, die im Jahre
1813 in den unteren Schichten unseres Volkes lebte: -- der wilden
Kriegsweise der Landwehrmnner: Schlag ihn tot, Patriot, mit der
Krcke ins Genicke; der gefangenen Rheinbundoffiziere, denen der
preuische Soldat die franzsischen Orden von der Brust ri; des
grlichen lautlosen Wrgens in der ersten Landwehrschlacht, bei
Hagelberg, und all der rohen Auftritte, welche des Krieges Gefolge
bilden.

Nur diese Glut der Leidenschaft erlaubt unserem Dichter das Unmgliche:
ein Poet zu bleiben, indem er die allerbestimmteste Tendenz verfolgt.
Seine Lieder halten sich ganz in der Sphre der reinen Empfindung und
streifen nie ber in das Gebiet der Reflexion, der Phrase, wohin seine
Nachfolger, die Snger der Freiheitskriege, sich nicht selten verirren.
Zwar, dem Manne, der seinen Hermann sagen lt, einen Gallier, einen
Deutschen knne er sich wohl als Weltherrscher denken, doch nimmer
diesen Latier, der keine andre Volksnatur verstehen kann -- ihm
wird man nicht vorwerfen, er habe die Idee des groen Kampfes nicht
verstanden. Auch vermag er zuweilen sein erregtes Gefhl zu gehaltenem,
mavollen Ausdrucke zu zwingen; wie wrdig und edel stellt er die
sittliche Gre des gedemtigten preuischen Staates dem rohen Hochmut
des Siegers gegenber, indem er den nach Berlin heimkehrenden Knig
also anredet:

    Blick auf, o Herr, du kehrst als Sieger wieder,
    wie hoch auch jener Csar triumphiert!

Doch der Grundton, der vorherrschende Charakterzug seiner patriotischen
Poesie bleibt nichtsdestoweniger der Ha, und darum stellt sie nur
eine Seite der groen Erhebung dar, welche ein Jahr nach des Dichters
Tode begann. Denn Gott sei Dank, nicht so nach Spanierart, wie dieser
Dichter trumte, sollten die Deutschen in den Entscheidungskampf
hineinstrmen. Von dem sittlichen Pathos und der religisen
Begeisterung der jungen Freiwilligen, von der Gutherzigkeit und dem
Edelmute, die unser Volk auch in seinem wilden Hasse sich bewahrte
-- von diesen herzgewinnenden Tugenden, wodurch die deutschen
Freiheitskriege in der gesamten modernen Geschichte einzig dastehen und
allmhlich selbst die Bewunderung ihrer eitlen Feinde erwecken -- von
alledem ist in Kleists Gedichten wenig zu spren. Er redet die Sprache
einer gequlten Zeit, die sich in wilden Trumen hinaussehnt nach dem
Kampfe und nur den einen Gedanken zu denken vermag: Zu den Waffen, zu
den Waffen, was die Hnde blindlings raffen. Erst mit der Erhebung,
mit der Gewiheit des Sieges konnte die patriotische Leidenschaft Ma
und Haltung gewinnen. Und wer darf bezweifeln, da Kleist, htte er den
Tag der Befreiung erlebt, fhig gewesen wre, mit einzustimmen in die
reineren und freieren Klnge jener glcklichen Zeit? Wer fhlte nicht,
da der Ha des Dichters nur die Kehrseite ist einer innigen Liebe?

Derber, roher noch redet der Ingrimm in den prosaischen Schriften.
Mit unbeschreiblich grausamem Spott wird das mrkische Edelfrulein
geschildert, das sich von einem franzsischen Gecken verfhren lt,
der schsische Offizier, der mit patriotischem Hochgefhl unter den
Fahnen des Rheinbundes weiter dient. Dann folgen Anekdoten aus dem
letzten Kriege, kleine Zge preuischen Soldatenmuts, die den Geist des
Heeres beleben sollen, vorgetragen im allerderbsten Wachstubentone,
mit zynischem, wildem Humor; der Erzhler wei sich vor Entzcken
kaum zu halten, wenn seine Helden noch sterbend mit einem ungeheuren
Witze die Franzosen verhhnen. Auch die erhabene Rhetorik Arndts,
den Ton des Geistes der Zeit, versucht der Dichter in einzelnen
pathetischen Aufstzen nachzuahmen. Ganz unbefangen wiederholt er die
Bilder und Wendungen seiner Gedichte in den prosaischen Schriften.
Mit vollem Rechte; denn der Wert dieser unfrmlichen Versuche liegt
allein in der wilden Naturkraft einer patriotischen Leidenschaft,
welche in unserer gesamten Literatur kaum ihresgleichen findet. --
Was immer uns erschrecken und empren mag an diesem erregten Tun, wir
freuen uns doch, den Dichter also zu sehen. Sein Auge, das so lange in
unfruchtbarem Mimut nur in sich hineingeschaut, blickt freier, offener
in die Welt hinaus; die krankhaften Zge seines Wesens treten zurck
vor der Hoheit einer groen Leidenschaft.

Schon vor dem Kriege von 1809 hatte Kleist in seiner Hermannsschlacht
ein Bild des Befreiungskampfes gezeichnet, wie er ihn sich dachte.
Wir berschauen mit einem Blicke das Aufsteigen unseres Volkes von
der lyrischen zur dramatischen Empfindung, wenn wir dies mchtige
Werk, wo selbst die See, des Landes Rippen schlagend, Freiheit
brllt, mit Klopstocks Hermannsschlacht vergleichen. Nichts mehr
von dem unbestimmten Pathos, das bisher immer den Schilderungen der
germanischen Urzeit angehaftet hatte; leibhaftig, in voller sinnlicher
Wahrheit tritt diese fremde Welt vor uns hin, ausgemalt bis in den
kleinsten Zug und doch ohne alle gelehrte Genauigkeit. Nichts mehr von
dem Bardengebrll abstrakter Heroengestalten; wir sehen den Hermann
der Geschichte, den staatsmnnischen Barbaren, der um des Vaterlandes
willen keine der argen Knste rmischen Truges verschmht. Er sucht
den Tod im Freiheitskampfe, und nichts soll ihn bewegen, das Aug' von
dieser finstern Wahrheit ab buntfarb'gen Siegesbildern zuzuwenden;
nichts ist ihm hassenswrdiger, als was sein Herz erweichen, dem groen
Werke entfremden knnte: Was brauch ich Latier, die mir Gutes tun?
Seines Landes Blte, die Gefhle seines Weibes, die Treue des gegebenen
Wortes opfert er ohne Bedenken; der geborene Herrscher, wohin er tritt,
spielt er voll bermtigen Humors mit seiner Umgebung; doch an der
religisen Andacht, womit er seinen Plan betreibt, mag man erkennen,
wie zartbesaitet das Gemt dieses rauhen Helden ist. Nur einem Boten
vertraut er die verhngnisvolle Botschaft an Marbod, denn wer wollte
die gewalt'gen Gtter also versuchen? -- und als endlich die groe
Stunde erscheint, als die Barden ihren erhabenen Gesang beginnen, da
bricht der eiserne Mann, jedes Wortes unfhig, in tiefer Bewegung
zusammen. Wie in bermtiger Laune, in bewutem Gegensatze zu den
leeren Tugendmustern der Klopstockschen Muse zieht der Dichter das
Idealbild der Thusnelda in die Kleinheit des zeitgenssischen Lebens
herab; er schildert sie wie die Weiberchen sind, die sich von den
franzsischen Manieren fangen lassen, als eine Geistesverwandte jenes
mrkischen Edelfruleins.

Das Gelungene nimmt der Leser hin als selbstverstndlich; wenige
fhlen, welcher Knstlerweisheit der Dichter bedurfte, um einen so ganz
unsthetischen Stoff zu gestalten. Die Rmer werden durch berechneten
Verrat in das Verderben gelockt; die Gefahr liegt nahe, da unsere
Teilnahme von den Unterdrckten sich zu den Unterdrckern wende. Aber
der frevelhafte bermut dieser Fremdlinge macht jedes Mitleid mit
ihrem Untergange unmglich; und doch ist der Rmerstolz zu anziehend
geschildert, als da sie uns sthetisch beleidigen knnten. Der
Grimm des Helden steckt uns an; wir glauben, wir verzeihen alles der
Wahrhaftigkeit dieses Hasses, wir rufen mit ihm:

    Die ganze Brut, die in den Leib Germaniens
    sich eingefilzt wie ein Insektenschwarm,
    mu durch das Schwert der Rache jetzo sterben!

Der epische Stoff gestattet nicht eine wahrhaft dramatische
Verwicklung. Die ersten vier Aufzge enthalten nur die Exposition,
und der Schlu, die Teutoburger Schlacht, kann, da das Drama der
epischen Massenbewegung nicht mchtig ist, dem weit ausholenden
Anlaufe nicht ganz entsprechen. Auch diesen unheilbaren Mangel wei
der Dichter durch kunstvolle Steigerung mindestens zu verdecken: wir
folgen dem Anschwellen der Volksbewegung mit wachsender Spannung, wir
sehen die schwarzen Wasser Zoll fr Zoll emporsteigen und zittern
dem Augenblicke, da die Flut ber den Damm hinberschlagen mu, mit
einer Angst entgegen, welche der echten dramatischen Spannung sehr
nahe kommt. Darum bleibt immerhin mglich, da das Werk noch einmal
dauernd fr die Bhnen gewonnen werde. Allerdings nur fr die zwei oder
drei Bhnen, welche noch ein ertrgliches Ensemble zustande bringen;
denn ewiger Vergessenheit mge er anheimfallen, der zhnefletschende,
in einem Lwenfelle einherstolzierende Unhold, der sich vor einigen
Jahren auf einem namhaften Theater bswillig fr Hermann den Cherusker
ausgab: -- und wo ist der Schauspieler zweiten Ranges, der sich an
die kleine Rolle des Varus wagen darf? der den geknickten Stolz des
Rmerfeldherrn, die Ahnung des hereinbrechenden Verderbens, das Grauen
vor den Schicksalsworten der Alraune in einem Monologe von vier Versen
veranschaulichen knnte?

In einigen Zgen maloser Wildheit verrt sich wieder der Snger der
Penthesilea. Man mag die grliche Szene ertragen, wo der alte Germane
sein geschndetes Kind ersticht: der Dichter hat mit glcklicher Ahnung
erkannt, da Verbrechen wider die Frauen bei allen edlen Vlkern
jederzeit ein Haupthebel groer Emprungen waren. Doch schlechthin
emprend bleibt der Auftritt, wo Thusnelda ihren rmischen Verehrer
von der Brin zerfleischen lt -- unertrglich schon, weil _diese_
Thusnelda solcher Rache nicht wert ist. Die Tendenz des Gedichtes tritt
mit solcher Unbefangenheit hervor, da wir auf die Rheinbundsknige
unter den Germanenfrsten mit Fingern weisen knnen; aber die Tendenz
liegt in dem Stoffe selbst. Und stehen wir selber denn heute, da die
alte Blutschuld der Knige von Napoleons Gnaden noch immer nicht
geshnt ist, den Leidenschaften dieser napoleonischen Zeit ganz
freien Gemts gegenber? Darf der Deutsche gnzlich untergehen in dem
sthetiker? Darf er nicht auch seine patriotische Freude haben an der
erhabenen poetischen Gerechtigkeit, welche dieser Hermann vollstreckt?
Ich bekenne gern, da ich niemals ohne herzliche Erquickung lesen kann,
wie dem Ubierfrsten Friedrich von Wrttemberg der Kopf vor die Fe
gelegt wird.

Wie der Dichter einst der finsteren Erscheinung der Penthesilea die
rhrende Gestalt des Kthchens hatte folgen lassen, so trieb ihn jetzt
ein glcklicher Geist, diesem Gemlde seines patriotischen Hasses ein
heiteres Bild der Heimatliebe entgegenzustellen. Er schuf das reifste
seiner Werke, den Prinzen von Homburg, und knpfte Hoffnungen daran.
Aber die kalte Aufnahme des Werkes sollte ihm zeigen, wie wenig eine
politisch bewegte Zeit fhig ist zu begreifen, da eine patriotische
Idee dem Knstler selten mehr sein kann als ein Motiv. Er sollte
erfahren, wie wenige Leser in jeder Zeit imstande sind, das Ganze
eines Kunstwerks zu fassen. Wir hofften, hie es, einen Helden zu
schauen voll Kraft und edler Gedanken, der alles besitzt, was unserem
gedrckten Geschlechte fehlt; und nun bringst du uns diesen wchsernen
Achilles, so schwach und menschlich wie wir selbst? Und doch ist
Kleists Prinz von Homburg die idealste Verherrlichung des deutschen
Soldatentums, welche unsere Dichtung besitzt. Seltsam genug schreibt
das groe Publikum dem Lager Wallensteins dies Verdienst zu. Weil
Schiller uns selbst unter der ruchlosen Soldateska des Friedlnders
heimisch macht, weil die seltene Erscheinung seines Humors hier in
glnzenden Funken sprht, so hat man sich gewhnt, dem nur dramatisch
Gltigen absoluten Wert beizulegen. Unsre Soldaten singen das ganz
dramatisch gedachte Reiterlied so harmlos, als wre die rohe Kampfwut
einer entsetzlichen Horde ein passendes Gefhl fr unser Volk in
Waffen. Wie bei so vielen Gedichten Schillers, ist auch hier durch den
langen Gebrauch der wahre Sinn verloren gegangen. Nun gar was sich
heute Soldatenpoesie nennt -- jene witzelnden Klatschgeschichten aus
der Langeweile des Rekrutendrillens und des Parademarsches -- das
ist jedem rechten Soldaten ein Greuel. Hier aber redet jener schne
Idealismus des Krieges, der jedem rechten Deutschen unverwstlich im
Blute liegt. In jeder Zeile kriegerisches Feuer, berall die kecke,
frische deutsche Reit- und Schlaglust und doch so gar nichts von dem
polternden Sbelgerassel der Franzosen. Es ist als ob der Dichter
vor- und rckschauend ein ideales Durchschnittsbild gezogen htte aus
der Geschichte der preuischen Armee von Fehrbellin bis Kniggrtz.
Tapfere Krieger, geschart um einen heldenhaften Frsten, in fester
Mannszucht geschult, und doch freie Mnner, deutsche Naturen, die auch
unter der harten Ordnung des Gesetzes sich noch ein selbstndiges Herz
bewahren und dem Herrscher aufrecht die Wahrheit sagen -- so war, so
ist das Heer, das Deutschlands Schlachten schlug, und hier wird es uns
geschildert mit einfacher Treue, mit jener anheimelnden Wrme, welche
nur das Selbsterlebte dem Dichter in die Seele haucht.

Von diesem bewegten Hintergrunde nun hebt sich ab eine fein und tief
gedachte dramatische Verwicklung. Jetzt endlich ist Kleist ganz
Dramatiker; nachdem er sich so oft in epische Stoffe verloren, hlt
er sich hier streng in den Schranken seiner Kunstform. Er zeigt uns,
wie der Jngling vom Manne trumt und dann zum Manne wird -- ein
Problem, althergebracht in den Romanen und leicht zu lsen fr den
Romandichter, doch beraus schwierig fr den Dramatiker. Und wieder,
wie in der Penthesilea, aber milder, heiterer als dort, erzhlt uns der
Dichter die Geschichte seines Herzens; er leiht seinem Helden seine
eigene wundersame Empfindung, diese jhe, strmische Leidenschaft, die
dann pltzlich wie in Zerstreutheit innehlt, sich verliert in se
Selbstvergessenheit. Der Prinz erscheint zu Anfang als ein unreifer
bermtiger Jngling, er lebt wie einst der Dichter selbst immer in
der Zukunft, nie dem Augenblicke; begehrlich schweifen seine stolzen
Trume den Taten um eine Welt voraus; mit all seiner Liebenswrdigkeit
ist er doch noch erfllt von jener naiven Selbstsucht der Jugend, die
den Gedanken der Pflicht, des Gesetzes nicht fassen kann. In solcher
Stimmung unternimmt er in der Schlacht von Fehrbellin gegen den Befehl
des Kurfrsten den kecken Angriff, der den Sieg entscheidet. Und hier
wei der Dichter mit bewunderungswrdigem Knstlerverstande selbst die
dramatisch ganz unbrauchbare rhrende Geschichte von dem Opfertode des
Stallmeisters Froben als einen Hebel der Entwicklung zu verwenden. Der
Kurfrst gilt fr tot, man hat sein weies Schlachtro im Getmmel
fallen sehen. Der Prinz fhlt sich darum als den Fhrer des Heeres, als
den Beschtzer des verwaisten Hofes, er bekennt der Prinzessin Natalie
seine Liebe und steigt zum Gipfel des bermutes empor: alle Krnze
des Ruhmes und der Liebe whnt er mit einem Griffe auf seine trunkene
Stirn herabzureien -- gleich dem Dichter des Guiscard. Da erscheint
der totgeglaubte Kurfrst wieder. Dem Jngling tritt der Mann entgegen,
so gro und so schlicht, so streng und so weich, eine herrliche
Frstengestalt, von der wir nur bewundernd sagen knnen: das ist
deutsche Herrschergre. Der vorwitzige Knabe soll jetzt den Ernst des
Gesetzes empfinden, der ungehorsame General wird zum Tode verurteilt.
Unbarmherzig, wie immer, wenn es gilt, einen tiefen Gedanken bis auf
die Hefe auszuschpfen, treibt nun der Dichter den aus seinen Trumen
Aufgestrten hinab in die tiefste Entwrdigung. Der Prinz bettelt
um sein Leben, und erst als er endlich die Gerechtigkeit des harten
Spruchs erkennt, sein Haupt freiwillig dem beleidigten Gesetze zur
Shne darbietet, wird Gnade und Vershnung dem Jngling zuteil, den wir
vor unseren Augen in fnf kurzen Akten zum Manne heranwachsen sahen.

Haben wir also die Idee des Dramas begriffen und uns befreundet mit
der ungewohnten Erscheinung eines Bhnenhelden, welcher nicht fertig
vor uns hintritt, sondern erst wird, dann verstehen wir auch, da der
Dichter in dieser scheinbar hchstpersnlichen Seelengeschichte einen
hheren Gedanken darstellen wollte als das Recht der militrischen
Subordination: er gab ein Bild von dem Werden des Mannes, hier
zum ersten Male gelang ihm eine typische Gestalt. Dann erscheint
auch die seltsame Schlafwandlerszene am Eingang lediglich als ein
phantastisches Beiwerk, das den Sinn des Sngers gefangen hielt wie ein
schner Traum und doch den Gang des Dramas nicht wesentlich beirrt.
Nur ein Miklang strt das herrliche Gedicht: jene verrufene Szene,
die uns den Prinzen in feig unwrdiger Todesfurcht vorfhrt. Gewi,
die Demtigung des Helden ist unerllich fr den Plan des Dramas,
und ihre poetische Wahrheit empfindet jeder, dem jugendliche Stoiker
verhat sind. Hundertmal lieber diese hellenische Natrlichkeit, dies
naive Schaudern vor dem Tode, als jene gespreizten Eisenfresser der
Nachahmer Schillers, welche zur selben Zeit auf allen Bhnen pathetisch
bejammerten, da der Mensch nur einmal den Heldentod sterben kann.
Aber die ungestme Hast unseres Dichters hat leider versumt, die
Hrer, deren tief eingewurzelte Ehrbegriffe er verletzen will, auf das
Unerwartete vorzubereiten: wir sahen den Prinzen zuletzt aufgeregt,
doch in mnnlicher Haltung, und pltzlich ohne jeden bergang windet
sich derselbe Mensch jmmerlich im Staube. So jhe Sprnge ertrgt die
Seele des Hrers nicht. Dazu tritt die unleugbare Versndigung gegen
das historische Kostm. Uns beirrt nicht das prosaische Bedenken, ob im
Jahre des Heils 1675 ein brandenburgischer General also denken durfte?
Doch wir fragen unglubig: wie kann dieser Kurfrst, dieser Oberst
Kottwitz, der hier auf der Bhne vor uns steht, dem Prinzen einen so
hlichen Versto gegen alle ritterliche Haltung verzeihen? In solcher
Umgebung erscheint der Prinz mit seiner antiken Naivitt allerdings wie
eine Gestalt aus einer anderen Welt.

Jedes echte Kunstwerk ist unerschpflich, bietet einen Ausblick in das
Unendliche. In die leitende Idee des Dramas spielt noch eine zweite
Gedankenreihe hinein, welche freilich aus dem hastigen Tun des Helden
nicht klar hervortritt, desto klarer aus den Reden der Offiziere. Der
Dichter verherrlicht das Recht des freien Heldenmuts, der rettenden
Tat neben der toten Regel. Und hren wir die schnen Worte des alten
Kottwitz:

    Herr, das Gesetz, das hchste, obere,
    das wirken soll in deiner Feldherrnbrust,
    das ist der Buchstab deines Willens nicht,
    das ist das Vaterland, das ist die Krone,
    das bist du selber, dessen Haupt sie trgt --

wer sollte da den Sehergeist des Dichters nicht bewundern? Denn gerade
so dachten drei Jahre spter die Mnner des ostpreuischen Landtags,
als sie, ohne den Ruf des Knigs abzuwarten, fr ihn und fr das
Vaterland sich erhoben.

Noch vor wenigen Jahren wurde auf der Leipziger Bhne der Schluvers
des Dramas, der Schlachtruf der Offiziere: In Staub mit allen
Feinden Brandenburgs, nicht geduldet. Er lautete dort, obschon der
mihandelte Jambus sich heulend wider den Frevel verwahrte, in Staub
mit allen Feinden Germaniens! Ich aber glaube, da eine nahe Zukunft
den preuischen Partikularismus, welcher der kniglich schsischen
Vaterlandsliebe so anstig erschien, dem Dichter zum Ruhme anrechnen
wird. Der Prinz von Homburg darf noch auf ein langes Bhnenleben
zhlen, denn er ist, kurz und gut, das einzige gelungene historische
Drama hohen Stils, das seinen Stoff aus der neuen deutschen Geschichte
schpft -- aus der Geschichte, die noch in Wahrheit die unsere ist,
aus der Geschichte, die mit der derben Prosa ihrer Lebensformen
uns doch traulicher zum Herzen redet als die phantastische Pracht
des Mittelalters. Wir atmen die freie Luft des historischen Lebens
und fhlen uns doch behaglich wie in unserem Hause: niemand unter
uns, der nicht einmal seine Freude gehabt htte an dem ehrlichen
grauen Schnurrbart eines wirklichen Obersten Kottwitz. Wer ganz
empfindet, wie von Grund aus das Gemt unseres Volkes seit den Strmen
des Dreiigjhrigen Krieges sich verwandelt hat, der wei diesen
glcklichen Griff des Dichters auch ganz zu wrdigen. Und jetzt, da
endlich unter dem Segen des preuischen Heerwesens die alte stolze
Waffenfreudigkeit unseres Volkes berall in Deutschland wieder erwacht
ist, wird auch dies schnste Werk deutscher Soldatendichtung zu Ehren
kommen, und selbst die Schwaben und Obersachsen werden dem Snger
verzeihen, da er ein Preue war. In dem groen Zusammenhange unserer
neuen Geschichte erhlt Kleists Gedicht eine noch tiefere Bedeutung.
Fast anderthalb Jahrhunderte hindurch stand das Heer der Hohenzollern
und sein kriegerischer Adel verstndnislos und unverstanden der wieder
aufblhenden Kunst und Wissenschaft der kleinen Staaten gegenber.
Wohl berhrten sich einmal leise die beiden Gegenstze, als das
Heldentum des groen Knigs der deutschen Dichtung einen neuen Inhalt
schenkte, als der Dichter des Frhlings, Ewald Kleist, fr Friedrich
kmpfend niedersank, wie seine Grabschrift sagt -- und die preuischen
Offiziere in Leipzig dem alten Gellert ihre Verehrung bezeigten. Doch
hier zum ersten Male ward der Waffenruhm der Preuen von einem Sohne
des mrkischen Adels mit der vollen Pracht der deutschen Dichtung
gefeiert, und dies erscheint dem Nachlebenden wie die erste Annherung
zweier Mchte der deutschen Geschichte, die beide gleich einseitig der
Ergnzung bedurften.

Wie frei und glcklich schwebt des Sngers Geist ber dem
selbstempfundenen Leide, das er in diesem Gedichte uns darstellt!
Wie sollte der Dichter nicht endlich selber die Vershnung gefunden
haben, die er so heiter an seinem Helden geschildert? Und doch stand
es anders, ganz anders um den Unglcklichen; nur fr kurze Stunden war
ihm das heitere Spiel der Kunst ein Labsal. Er hatte weder aus seinem
edlen Werke den selbstgewissen Frohmut des Knstlers geschpft, noch
im Verkehr mit Dahlmann die patriotische Zuversicht gelernt, welche so
fest und mannhaft aus der ruhigen Versicherung des Freundes sprach:
Napoleon wird fallen, wenn wir nur ausharren! Er sah das Reich des
Hllensohnes wie ein nimmersattes Ungetm ein Glied nach dem andern
vom Leibe unseres Vaterlandes reien, und allenthalben wohin er schaute
-- so sagt die erschtternde Klage seines letzten Liedes --

    kommt das Verderben mit entbund'nen Wogen
    auf alles was besteht herangezogen.

Er sah vor sich ein ruhmloses, sorgenvolles Leben, ohne Liebe, ohne
Hoffnung. Noch einige schlechte Novellen, einige kleine Anekdoten, um
wenig Geld fr ein Berliner Winkelblatt hastig auf das Papier geworfen,
dann wird er matt und matter

    und legt die Leier thrnend aus den Hnden.

Ich lasse mir nicht einreden, die Schtze dieses Geistes, der bis dahin
durch Pein und Krankheit hindurch unaufhaltsam zu immer schneren
Werken aufgestiegen war, seien schon erschpft gewesen. Was diesem
Dichter fehlte, war ein gehobenes, ein groes Vaterland. Ein einziger
Sonnenblick des Glcks -- und wenn auch nur der Brief Dahlmanns, der
den Freund gastlich nach Kiel lud, in die rechten Hnde gekommen wre!
-- und der Unselige konnte auch diesen Anfall des Siechtums wie so
viele vordem berstehen, um in einer schneren Zeit sein Vaterland
mit edlen Gedichten zu entzcken. Es sollte nicht sein. Eben jetzt da
der Trieb der Selbstzerstrung wieder in ihm whlt, tritt ihm eine
Freundin nher, welche, krank wie er, sich nach dem Grabe sehnt,
und abermals berfllt ihn der grliche Gedanke, den er einst der
Schwester schrieb: Das Leben hat doch immer nichts Erhabeneres als
nur dieses, da man es erhaben wegwerfen kann. -- Erhaben wegwerfen!
Ach, wenn auch nur ein Zug der Erhabenheit zu spren wre in dem
jmmerlichen Ende des Dichters. Gleichmtig wie ein Mann, der abends
aus einem Zimmer in das andere geht, um sich zur Ruhe zu legen, mit der
ganzen schrecklichen Gelassenheit des Irrsinns gab Heinrich Kleist der
Freundin und sich selbst den Tod (21. Nov. 1811).

Die Gerechtigkeit der Geschichte hat auch seine Schuld geshnt.
Grausamer strafte sie keinen als diesen Trumer, der zu frh
verzweifelte an seinem Volke. Noch sprote kaum der Rasen auf dem
einsamen Grabe am Ufer des Havelsees, da brachte das Schicksal den
glhenden Wnschen dessen, der dort ruhte, die berschwengliche
Erfllung. Da klirrte durch die Marken der Lrm der Waffen; da wies
ein anderer, ein grerer Prinz von Homburg durch eine rettende Tat
unserem Volke den Weg zum Siege; da drhnten ber das befreite Land die
Donner einer anderen Hermannsschlacht, die herrlicher, menschlicher war
als des Dichters Traumbild. Vielleicht da einmal unter den preuischen
Offizieren ein Wort des Mitleids fiel um den treuen Kameraden, der
nicht warten konnte und nicht den Tod des Helden starb. Doch was
fragten die Hunderttausende, die zur Freiheit erwachten, nach einem
gebrochenen Herzen? Sie strmten vorwrts, dem Siege entgegen, und
brausend klang es um die alten Fahnen:

        In Staub mit allen Feinden Brandenburgs!




Friedrich Hebbel




Friedrich Hebbel

(Knigstein 1860.)


In zwiefachem Sinn ist die Dichtkunst die Herzenskndigerin ihrer Zeit.
Dem Dichter bleibt nicht nur das schne Recht herauszusagen, was die
Gegenwart in ihren Tiefen bewegt; er zwingt auch die Zeitgenossen,
durch die Aufnahme, welche sie seinen Werken angedeihen lassen,
ihr innerstes Wesen der Nachwelt zu enthllen. Die von Grund aus
verwandelte Stellung der Gebildeten zu den Werken der Poesie zeigt
klarer als irgendeine Tatsache der politischen Geschichte, da wir
wirklich binnen weniger Jahrzehnte andere Menschen geworden sind.
Als nach einer langen Zeit vorherrschender literarischer Ttigkeit
die ersten Keime freien politischen Lebens in Deutschland sich
schchtern aus dem Boden emporhoben, da galt es noch als ein Wagnis,
der sthetisch verbildeten Lesewelt politische Geschftssachen in
nchterner geschftlicher Form vorzutragen, und der alte Benzel-Sternau
kleidete weislich den langweiligsten aller Stoffe, einen Bericht ber
die ersten bayrischen Landtage, in die phantastische Hlle eines
Briefwechsels zwischen Hochwittelsbach und Reikiavik. Nur zwanzig
Jahre vergingen, und jede Spur andchtigen Schnheitssinnes schien
hinweggefegt von der politischen Leidenschaft. Alles jubelte, wenn
die Meute gesinnungstchtiger Zeitpoeten wider die vornehme Ruhe
des Frstenknechtes Goethe lrmte. Das Vaterland forderte, wie ein
Wortfhrer jener Tage selbstgefllig sagt,

    von der Dichterinnung
    statt dem verbrauchten Leiertand,
    nur Mut und gute Gesinnung.

Von diesem uersten unsthetischer Roheit freilich, von diesem
Selbstmordversuch der Poesie sind wir zurckgekommen. Der schwere
Ernst der politischen Arbeit lehrte uns die verschwommenen Phrasen der
Tendenzlyrik miachten, und jener schlichte Sinn fr das Wahre, welcher
das kstlichste Gut der Gegenwart bildet, wandte sich mit Ekel von
poetischen Gestalten, die kein eigenes Leben lebten, nur das Mundstck
waren fr des Dichters politische Meinungen. Doch die alte Begeisterung
der Deutschen fr das Schne ist nicht wiedererwacht; dem starken und
tiefsinnigen Dichtergenius fllt in unseren Tagen ein unsglich hartes
Los.

Wir wollen nicht allzu bitter beklagen, da die gesamte Lyrik heute
lediglich von den Frauen gelesen wird, nur selten ein Mann von Geist in
verschmter Stille an seinem Horaz oder an Goethes rmischen Elegien
sich erquickt: die Hrte, der Weltsinn, die Aufregung des modernen
Lebens vertrgt sich wenig mit lyrischer Empfindsamkeit. Und wenn in
sehr zahlreichen und sehr ehrenwerten Kreisen ein junger Mann, von dem
man nur wei, er sei ein Poet, mit verhaltenem Lachen empfangen wird,
wenn man von ihm erwartet, er werde jenes Durchschnittsma von Verstand
und Willenskraft erst erweisen, das wir bei allen anderen Sterblichen
voraussetzen: so sehen wir keinen Anla, sentimental und verstimmt zu
werden ob dieser notwendigen Folge der poetischen berproduktion. Aber
versuchet, in einem Kreise gebildeter Mnner die triviale Wahrheit
zu verfechten, da die Kunst fr ein Kulturvolk tglich Brot, nicht
ein erfreulicher Luxus sei -- und Widerspruch oder halbe Zustimmung
wird euch lehren, wie arg der Formensinn verkmmert ist in diesem
arbeitenden Geschlechte. Es ist nicht anders, der ungeheuren Mehrzahl
unserer Mnner gilt die Kunst nur als eine Erholung, gut genug, einige
mde Abendstunden auszufllen. Wir widmen, was von Idealismus in uns
liegt, dem Staate, uns bedrckt eine Geschftslast, welche die lteren
Geschlechter unseres Volkes nie fr mglich gehalten htten, wir wissen
den Wert der Zeit so genau zu schtzen, da der ruhige briefliche
Gedankenaustausch unter ttigen Mnnern fast ganz aufgehrt hat und
selbst unser geselliger Verkehr berall die Spuren hastiger Unruhe
zeigt. Eine solche ganz nach auen gerichtete Zeit sucht in der Kunst
die Ruhe, die Abspannung. Wer will bestreiten, da Gustav Freytag seine
Popularitt weit weniger seinem edlen Talente verdankt als seiner
liebenswrdigen Heiterkeit, welche auch dem Gedankenlosen erlaubt, vor
dem unverstandenen, aber lustigen Gebaren der Gestalten des Dichters
ein gewisses Behagen zu empfinden? Sehr undankbar ist in solchen Tagen
das Schaffen des pathetischen Dichters. Gelingt ihm sein schweres Werk
nicht vollkommen, so vereinigt sich zu seiner Verurteilung der Ha der
Massen gegen jeden, der ihren dumpfen Schlummer strt, und der gesunde
Sinn fr Harmonie, dem eine niedrige, doch erfolgreiche Bestrebung
erfreulicher scheint als ein gro angelegtes, aber unfertiges Schaffen.

Dabei lebt in diesem prosaischen Geschlechte unausrottbar doch die
stille Hoffnung, da das frhlich aufblhende neue Leben unseres
Staates auch die dramatische Kunst einer groen Zukunft entgegenfhren
msse. Freilich nur eine unbestimmte Ahnung. Kein sicheres Volksgefhl
zeichnet dem jungen Dramatiker gebieterisch bestimmte Wege vor; uns
fehlt ein nationaler Stil, ein festes Gebiet dramatischer Stoffe, jede
Sicherheit der Technik. Unermelich, zu beliebiger Auswahl breitet sich
vor dem Auge des Poeten die Welt der sittlichen, sozialen, politischen
Probleme aus; und wenn schon diese schrankenlose Freiheit der Wahl
den geistreichen Kopf leicht zu unstetem Tasten, zum Experimentieren
verleitet, so wird ihm vollends die Sicherheit des Gefhls beirrt
durch die Wohlweisheit der Kritik. Scheint es doch, als verfolgten
manche Kunstphilosophen nur das eine Ziel, dem schaffenden Knstler
sein Tun zu verleiden, ihm den frischen Mut zu brechen. Was hat diese
Altklugheit nicht alles bewiesen: fr das Epos sind wir zu bewut, fr
die Lyrik zu nchtern, fr das Drama zu unruhig; die alte Geschichte
ist fr unsere Kunst zu kahl, das Mittelalter zu phantastisch, die neue
Zeit steht uns zu nahe -- und wie die anmaenden und doch im Grunde
gehaltlosen Schlagworte sonst lauten. Zu den Fen dieser berreifen
sthetik treibt eine vulgre Kritik ihr Unwesen, deren erschreckende
Roheit tglich deutlicher beweist, da die besten Kpfe der Epoche
sich der Kunst entfremdet haben. Wir wundern uns gar nicht mehr, wenn
ein tief empfundenes Kunstwerk als Nr. 59 unter Fnf Dutzend neuer
Romane abgeschlachtet wird, wenn eine Dichtung von G. Freytag oder
G. Keller allen Ernstes in eine Reihe gestellt wird mit den Arbeiten
der Frau Mhlbach oder hnlichen Produkten einer volkswirtschaftlichen
Ttigkeit, welche sich lediglich durch das Verhltnis von Angebot und
Nachfrage bestimmen lt. Wir fhlen uns nicht mehr befremdet, wenn
jener beliebige Herr Schultze, der im Erdgescho einer politischen
Zeitung seinen kritischen Sorgenstuhl aufgestellt hat, mit den
Dichtern und Denkern, deren Werke er beschwatzt, auf du und du
oder gar im Tone des Schulmeisters verkehrt. Wir empfinden fr den
Kritiker sogar eine gewisse Hochachtung, wenn er die Kenntnisse eines
angehenden Obersekundaners entfaltet -- eine Bildungsstufe, welche in
diesen Kreisen unserer Literatur nicht allzu hufig erklommen wird.
Begreiflich in der Tat, wenn ein starker Knstlergeist, angeekelt von
diesem nichtsnutzigen belletristischen Treiben, auch die ehrenwerten
Ausnahmen bersieht, welche in unserer Presse zuweilen noch auftauchen,
und grimmig seiner Strae zieht.

Doch das schwerste Hemmnis, das die Gegenwart dem dramatischen
Dichter in den Weg wirft, ist die Grung, die Unsicherheit unserer
sittlichen Begriffe. Wieviel einfacher als der moderne Mensch
standen unsere groen Dichter zu den Problemen des sittlichen
Lebens! Welchen sittlichen und sthetischen Schatz besa Schiller an
Kants kategorischem Imperativ -- eine groartige, streng sittliche
Weltanschauung, wie geschaffen fr den Dramatiker, denn sie lt
dem tragischen Charakter ungeschmlert die Freiheit. Seit die neue
Philosophie den Glauben an Gott und Unsterblichkeit erschttert hat,
seit die Naturforschung beginnt, den Zusammenhang von Leib und Seele
schrfer zu beleuchten, steht der Dichter, wenn er zugleich ein Denker
ist, den einfachsten und schwersten sittlichen Fragen minder unbefangen
gegenber; selbst die Idee der tragischen Schuld und Zurechnung,
die dem Dramatiker unbedingt feststehen mu, wird ihm leicht durch
Zweifel verwirrt und getrbt. Und wo ist sie hin, die edle, mit
Geist und Empfindung gesttigte Geselligkeit, die in den Tagen von
Weimar nur einige auserwhlte Kreise unseres Volkes beglckte? Die
schamlose Frechheit der Halbwelt auf der einen, die unleugbar steifen,
gezwungenen Formen unserer guten Gesellschaft auf der anderen Seite
-- in einer solchen Umgebung erlangt der Knstler nicht leicht die
harmonische Bildung der sittlichen und der sinnlichen Krfte.

Das Edle und Groe dieser durchaus von der Politik, der
Volkswirtschaft, der Wissenschaft beherrschten Welt begeistert zu
empfinden, ihr Leben mitzuleben und dennoch das Schne, nichts als das
Schne zu schaffen, das ist die schwere Aufgabe des modernen Dichters.
Ein Zug der Resignation, das Bewutsein, da nicht jede Zeit dem
Knstler das Hchste zu erreichen gestattet, wird in solchen Tagen oft
den Geist des Dichters ergreifen, und sicherlich viele der heutigen
Poeten haben zuweilen mit eingestimmt in die Bitte, welche Friedrich
Hebbel einst an seine Muse richtete:

    Du magst mir jeden Kranz versagen,
    wie ihn die hohen Knstler tragen,
    nur da, wenn ich gestorben bin,
    ein Denkmal sei, da Kraft und Sinn
    noch nicht zu Wilden und Barbaren
    aus meiner Zeit entwichen waren.

Das ganze Wesen des Mannes liegt in diesen Zeilen: sein Stolz, sein
ernster Knstlersinn und jene hoffnungslose Verstimmung, die ihn seinem
Volke entfremdete. Aber wie schwer er auch irrte, den Ruhm, den er
sich in jenen Zeilen erfleht, wird ihm heute kein Unbefangener mehr
versagen. Er dachte gro von seiner Kunst, er lebte ihr mit rastlosem,
fruchtbarem Fleie, mit Andacht und Sammlung, treu seinem Ausspruch:
Leben heit tief einsam sein. Oftmals berhrt von den Snden der
Zeit, die er lsterte, hat er nie wissentlich ihren Launen gehuldigt;
in ihm waltete jene vornehme Selbstgewiheit, welche jedes unmittelbar
tendenzise Einwirken der Poesie auf die Gegenwart verschmht und sich
des freudigen Glaubens getrstet, da der Gehalt der Dichtung ein
ewiger ist und seiner Stunde harren kann.

Ein ditmarscher Kind, in einer engen und harten Welt aufgewachsen,
bewahrte Hebbel immer einen Zug rauher reckenhafter Kraft, also da
starke nordische Naturen, wie der alte Dahlmann, ihm die Teilnahme
des Landsmannes nie versagten, auch wenn sie seinen Wandlungen nicht
folgen mochten. Er selber bezeichnete die altgermanische Welt und die
Bibel gern als die Quellen seiner Dichtung. Doch auch andere, minder
lautere Krfte schlugen in sein Leben ein: die nervse Sinnlichkeit
des modernen Paris, die zersetzende, glaubenlose Reflexion der
jungdeutschen Literatur. Verbittert durch die Entbehrungen einer
freudlosen Jugend, ward der stolze Mann launisch, anmaend, gehssig;
bis zur Grausamkeit selbstisch mibrauchte er die Gte der Menschen,
die sich ihm liebend hingaben. Erst nach langen Irrgngen, da er
endlich wieder zurckgriff zu den Sagengestalten unserer Vorzeit,
die ihm die Trume der Knabenjahre erfllt hatten, gelang ihm ein
Kunstwerk, das dauern wird.

Die Knstlertugend, welche an Hebbel zuerst in die Augen fllt,
ist der seltene, dem Dilettanten allezeit unverstndliche Sinn
fr die Totalitt des Kunstwerks. Er verachtet das Haschen
nach Einzelschnheiten, wie die kleinmeisterliche, an einzelne
Aufflligkeiten sich festklammernde Kritik. Schon aus diesem einen
Grunde sollte man endlich aufhren, ihn mit Grabbe zu vergleichen.
Grabbe war das Kind einer sinkenden Epoche, welche die Ideale einer
groen Vergangenheit in zuchtlosem bermute zerschlug; in diesem rohen
Talente war keine Entwicklung. Hebbel erscheint als der Sohn einer
aufstrebenden Zeit, welche neue Ideale zu gestalten suchte. Freilich
es war ein Suchen, an dem der grbelnde Verstand oft mehr Anteil
hatte als die schaffende Phantasie. Der Dichter experimentierte, er
tastete umher nach einem Kunstwerk der Zukunft, in seinen ersten Werken
erschien die Intention ungleich strker als die lebendige Ausfhrung.
Das traurige Wort, womit Hebbel einst die Frage Man wei doch, was ein
Lustspiel heit? beantwortet hat: -- Dies steht so klar vor meinem
Geist, da, wenn ich's minder hell erblickte, das Werk vielleicht mir
besser glckte -- dieses unselige Gestndnis gibt leider den Schlssel
zu einem groen Teile seines Schaffens. Er hat die Phrase, niemals
drngt sich bei ihm der Verstand in der prosaischen Form undramatischer
Betrachtungen hervor; aber bei aller realistischen Anschaulichkeit im
einzelnen lt das Ganze oft kalt, erscheint als gemacht und geklgelt.
Und so findet sich bei Hebbel, der nach dem edlen Ziele strebt, alles
Geistige zu verleiblichen, das Zusammenfallen von Idee und Bild ebenso
selten wie bei Klopstock, von dem ein altes treffendes Wort sagt, er
habe alles Leibliche des Krpers entkleidet.

Man hat Hebbel schweres Unrecht getan, wenn ihm die Wrme des Gemts
gnzlich abgesprochen ward. Selbst aus den verfehltesten seiner
Gedichte bricht zuweilen, und dann ergreifend, eine starke und tiefe
Empfindung hervor. Wer die Gedichte kennt, worin er Selbsterlebtes, wie
das stille Glck des Hauses besingt, der wird den herzlosen Vorwurf der
Herzlosigkeit nicht wiederholen. Er dichtete nur, wenn der Geist ihn
rief, lie oft jahrelang die halbfertigen Gestalten seiner Entwrfe
ruhen, bis sie von selber wieder erwachten. Trotzdem trat in den also
aus knstlerischem Drange entstandenen Werken die Reflexion zuweilen
so stark hervor, da der Hrer kaum wute, ob ein Dichter oder ein
Denker zu ihm sprach. Dies verrt sich vornehmlich in der Zeichnung
der Charaktere. Otto Ludwig nennt in seiner grobkrnigen Weise Hebbels
dramatische Gestalten kurzab psychologische Prparate, er meint:
sie tun dick, sie wissen sich etwas mit ihrer Eigenart. Ein hartes
Urteil, das Hebbels ltere Werke leider nicht immer Lgen strafen.
Seine Charaktere handeln so folgerecht, da wir jedes ihrer Worte
vorausberechnen knnen; er motiviert oft mit berraschender Feinheit,
und eine groe dialektische Kraft steht ihm zu Gebote, um den Irrgngen
innerer Kmpfe nachzugehen. Aber ber dem allzu eifrigen Bemhen, den
Charakteren feste scharfe Umrisse zu geben, verlieren sie die Farbe,
das Leben. Wohl zwingt die strenge Prgnanz des Dramas den Dichter,
seinen Menschen offenherzige Gestndnisse in den Mund zu legen,
welche der phantasielose Verstand unnatrlich findet; doch die helle
Selbsterkenntnis, welche Hebbel seinen Charakteren leiht, berschreitet
zuweilen die Grenzen der poetischen Wahrheit, und wie selten schallt
aus diesen Menschen der volle Brustton naturwchsiger Leidenschaft
heraus, den, wie alles Herrlichste in der Kunst, keine Anstrengung des
Hirns erklgeln kann!

Es klingt wie ein unwillkrliches Selbstbekenntnis, wenn dieser
zwischen dem Reiche des Gedankens und dem Reiche der Phantasie
einherschwankende Geist einmal ausruft:

    Ein Shakespeare lchelt ber Alle hin
    und offenbart des Erdenrtsels Sinn,
    indes ein Kant noch tiefer niedersteigt
    und auf die Wurzel aller Welten zeigt.

Der Denker verachtet den stofflichen Reiz, das Anekdotenhafte in der
Kunst, er will nicht der Auferstehungsengel der Geschichte sein.
Er fhlt, da die moderne Bildung ein Recht hat, ber die Tragik
Shakespeares hinauszugehen und eine Tragdie der Idee, nach dem
Vorbild des Faust, zu fordern; und so fest hlt er diesen Gedanken,
da er niemals versucht, eine einfache Charaktertragdie zu schreiben.
Die bunte Flle des Menschenlebens reizt ihn nur, wenn sie ihm ein
Problem, einen Kampf der Ideen, zur Lsung darbietet. Unter allen
Rtseln des Menschendaseins hat ihn keines so anhaltend beschftigt
wie das Verhltnis von Mann und Weib; von der Judith bis herab zu
den Nibelungen, in den mannigfachsten Formen versucht er dies groe
Problem knstlerisch zu gestalten, immer tiefsinnig und mit starkem
Gefhle, doch zuweilen spielt auch die hliche berfeinerung moderner
Sinnlichkeit in seine Bilder hinein.

Ganz modern ist auch seine Anschauung der Geschichte: er sieht in ihr
nicht wie Shakespeare die ewig gleiche sittliche Weltordnung, die sich
immer wieder herstellt, wenn die Leidenschaft des Menschen sie auf
Augenblicke gestrt; der Jnger der modernen Philosophen fat sie auf
als ein ewiges Werden. Er liebt den Zusammensto zweier Kulturwelten
zu schildern: wie das Hellenentum aus der orientalischen Gebundenheit
emporsteigt, das Christentum aus der jdischen Welt, die neue Zeit aus
dem Mittelalter. Ich kann jedoch nicht finden, da der Dichter bei
diesem khnen Unterfangen immer glcklich ist. Die neue Welt, die aus
der zerfallenden alten Ordnung sich erhebt, tritt nicht leibhaftig vor
uns hin, sie wird uns lediglich angedeutet durch einen symbolischen
Zug; und nur weil wir historische Schulbildung besitzen, erraten wir,
was uns das Kunstwerk selber nicht sagt, da die heiligen drei Knige,
die am Schlusse von Herodes und Mariamne pltzlich auftreten, den
Anbruch der christlichen Gesittung vorstellen sollen. Diese Neigung fr
symbolische Zge beherrscht den Dichter zuweilen so gnzlich, da er in
eine gleichgltige, ja absurde Fabel willkrlich eine Idee hineinlegt,
welche ihr vllig fremd ist. Und da ja ausschweifende Phantastik im
Innersten verwandt ist mit den Verirrungen berfeinen Verstandes, so
erinnert Hebbel mit solcher Symbolik, solchem Mystizismus oft stark an
Calderon.

In der Einsamkeit brtender Betrachtung mute die dstere Denkweise vom
Leben, wozu Hebbels Natur neigte, zu erschreckender Strke anwachsen.
Der Pessimismus ist insgemein eine Snde begabter Menschen, denn nur
ein heller Kopf wird die tiefen Widersprche des Lebens, wird die
schreckliche Tatsache, da die Ordnung des Rechts eine andere ist als
die Ordnung der Sittlichkeit, in ihrer ganzen Schrfe durchschauen,
nur ein tiefes Gemt sie in ihrer vollen Schwere empfinden. Kein
Wunder, da diese, die Werke aller bedeutenden tragischen Dichter
berschattende, reformatorische Strenge, welche die Welt verachtet und
Lgen straft, von dem Haufen verketzert und als unsittlich gebrandmarkt
wird. Aber selbst ein tiefmelancholisches Gedicht wird dem Poeten nur
dann gelingen, wenn ihm, ob auch verhllt und verborgen, tief in der
Seele der Glaube lebt an den Sieg des Geistes ber die Gebrechen
der Welt. Noch keinem echten Dichter hat dieser Glaube gefehlt, er
atmet selbst in dem schwermtigsten Gedichte, das je in den Nebeln
Altenglands ersonnen ward, in Walter Raleighs =the lye=. Hebbel
wute wenig von solcher Hoffnung. Wie er, der Konservative, nicht
daran dachte, im Leben an der Heilung der kranken Welt mitzuwirken, so
vermgen auch seine Gedichte, obwohl sie dann und wann von knftiger
Vershnung reden, von der Lebendigkeit dieses Glaubens nicht zu
berzeugen. Die furchtbare Anklage, die er in einem abscheulichen
Sonette gegen die menschliche Gesellschaft schleudert: Der Mrder
braucht die Faust nur hin und wieder, du hast das Amt zu rauben und zu
tten -- sie ist nicht ein wilder Ausbruch augenblicklichen Unmuts,
sie blieb durch lange Jahre die Grundstimmung seiner Seele. Er erkannte
mit eindringender Klarheit die Gebrechen der Welt, doch er verzweifelte
an der Heilung. Ganz unertrglich wird diese Verbitterung des Gemts,
wenn Hebbel seinem eigenen Worte zum Trotz die Kirsche vom Feigenbaum
fordert und seiner dsteren Phantasie die hellen Klnge der Komdie zu
entlocken sucht.

Er gesteht, da er mit seinen Gedichten seiner Zeit ein knstlerisches
Opfer dargebracht habe; und gewi, einige der Ideen, welche das
moderne Deutschland bewegten, fanden in den Werken dieses Dichters
einen treuen und groartigen Ausdruck. Doch gerade die schnste und
herrlichste Erscheinung unserer Tage, recht eigentlich die Signatur
der neuen Zeit, das Emporwachsen unseres Volkes zum staatlichen Leben,
blieb diesem verdsterten Auge verborgen. Er sah in der Entwicklung
unseres Volkes nicht eine Lebens-, sondern eine Krankheitsgeschichte.
Nun warf ihn sein Unstern unter das verkommene Deutschtum in
sterreich; wir und germanisieren! rief er hohnlachend. Die frohe
Botschaft des Jahrhunderts, die Verjngung der antiken Sittlichkeit,
welche von jedem Menschen, auch von dem Knstler, zugleich die Tugenden
des Brgers fordert -- an ihm fand sie einen tauben Hrer. Selbst die
Dichtungen unserer kosmopolitischen klassischen Zeit tragen die Spuren
der politisch-nationalen Kmpfe der Epoche weit deutlicher auf der
Stirn als Hebbels Werke die Eindrcke der Gegenwart. Und wird ja einmal
die Natur der Dinge mchtiger als Hebbels Verstimmung, entschliet er
sich ein Zeitgedicht zu schreiben, so finden wir nicht, wie es bei
dem Sohne der Marschen zu entschuldigen wre, einen naturwchsigen
Ausbruch des Zornes ber die Schmach seines Volkes, sondern ein
griesgrmiges Epigramm ber Staatsmnner, welche die Kunst verstehen,
niemals zu erwachen, oder eine wegwerfende Bemerkung ber moderne
Staatsverfassungen -- oder ein Gedicht an Knig Wilhelm, das im Grunde
nicht gehauen und nicht gestochen ist, in schnen Versen nur die
politische Ratlosigkeit des Dichters offenbart.

Bei so trostloser Anschauung des Lebens wei er nichts von jener edlen
Volkstmlichkeit, welche der Ehrgeiz groer Dichter ist. Darum hat
er, der Dramatiker, Schillers Gre lange gnzlich verkannt; darum
verschmhte er die hohe Schule des Dramatikers, den Wechselverkehr mit
der Bhne. Auch dieser Irrtum ist eng verflochten mit einer ehrenwerten
Tugend, einer wohlberechtigten Verachtung gegen die bornierten
Rcksichten der Konvenienz, welche gemeinhin das Bhnenschicksal eines
Dramas bestimmen. Aber nicht die Theaterzensur allein verbannt seine
Werke von den Brettern, sie sind in ihrer Mehrzahl in Wahrheit nicht
darstellbar. Sie behandeln nicht blo extreme Flle, sondern abnorme,
krankhaft seltsame Konflikte, welche keinen Widerhall erwecken in den
Herzen der Hrer; und wer es verschmht, die Edelsten seiner Zeit im
Innersten zu bewegen, der mag der stolzen Hoffnung entsagen, fr das
Theater aller Zeiten zu schreiben.

Hart, ja grausam ward diese gewollte Vereinsamung an dem Lebenden
bestraft. ber den vielgelesenen Schriftsteller bildet sich die Welt
zuletzt immer ein mildes, ausgleichendes Urteil. Doch die Werke dieses
Sonderlings fielen zumeist nur einzelnen Kritikern in die Hnde, die
ihn von den Wllen ihres sthetischen Systems herab schonungslos
bekmpften. Nun geschah ihm, was gemeinhin den Einsiedlern des
Gedankens widerfhrt: wie um Friedrich Rohmer und Schopenhauer --
Mnner, die ich brigens weder unter sich noch mit Hebbel vergleichen
will -- so scharte sich um diesen vielbekmpften Dichter eine kleine
Gemeinde fanatischer Anhnger, die durch unmiges Lob den Hohn der
Gegner erweckten. So zwischen gehssigen Tadel und blinde Bewunderung
gestellt, ward das wohlbegrndete Selbstgefhl des Mannes krankhaft
reizbar. Auch wir halten es fr trockene Philisterweisheit, wenn dem
Poeten zugemutet wird, er solle nicht empfindlich sein. Wer darf
Angriffe auf sein eigen Fleisch und Blut mit Klte ertragen? Und wer
knnte die alte Wahrheit, da ein halbes Lob tiefer verletzt als ein
ganzer Tadel, bitterer empfinden als der Dichter? Fhrt doch der
Knstler das Los des verwunschenen Prinzen: im Leben soll er sich
schelten und stoen lassen wie die anderen auch, und kaum nimmt er
das Saitenspiel zur Hand, so ist er ein geborener Frst und hat immer
recht und treibt mit uns, was ihm gefllt; darum mgt ihr Nachsicht
ben, wenn nicht ein jeder dies gespaltene Dasein mit Haltung zu
tragen wei. Aber es ist ein anderes, seinem rger ber die Kritik
einmal durch einen derben, in Gottes Namen ungerechten Zynismus Luft
zu machen -- und wieder ein anderes, jahrelang die geschmacklose
Rolle des verkannten Genies zu spielen, fortwhrend mit Wichten
und Kannegieern um sich zu werfen, jedes seiner eigenen Worte mit
einer Andacht zu bewahren, die dem reichen Geiste schlecht ansteht, ja
sogar nach Knabenart pathetisch zu prahlen: diese und jene Tugend hat
mir noch niemand abgesprochen. Jene Liebenswrdigkeit, die, nach der
Versicherung seiner Freunde, dem Menschen zuweilen eigen war, blieb dem
Schriftsteller versagt. Es gibt glckliche Naturen -- und viele unserer
streitbarsten Mnner, Lessing vornehmlich, zhlen dazu -- denen wir
niemals grollen, auch wenn wir widersprechen; andere wieder, welche uns
immer in Versuchung fhren, mit ihnen zu rechten, sie mgen sagen, was
sie wollen. Zu diesen letzteren zhlt Hebbel, nach meinem und vieler
anderer Gefhl; er hat den Mitlebenden erschwert, gerecht ber ihn zu
reden.

Dem Toten sollen endlich die menschlichen Schwchen vergessen werden;
auch von dem Kunstwerk seines Lebens gilt das gute Dichterwort, das
er einmal ber das Drama aussprach: In einem Kunstwerk mu immer
die letzte Zeile die erste rezensieren. Er ist wirklich gewachsen
mit seinem Volke, das er nie ganz wrdigte, er befreundete sich als
reifer Mann mit den einfachen Idealen, die er einst miachtet, er
lernte die Gre des edelsten unserer Dramatiker schtzen und schuf
endlich jene hochpoetischen Gestalten der Nibelungen, die nicht mehr
angekrnkelt sind von der Blsse des Gedankens. Von diesen letzten
Werken des Dichters fllt verklrend ein Lichtstrahl zurck auf die
unfertigen Dichtungen seiner frheren Zeit. Kein Zweifel mehr: der
friedlose Sinn, der aus Hebbels lteren Dramen spricht, ist nicht
die blasierte Ironie der Romantiker, nicht die zuchtlose Frivolitt,
der buhlerische Weltschmerz der Jungdeutschen, er ist der tiefe und
wahre Schmerz eines starken Geistes, der erst nach harten Kmpfen eine
Vershnung finden konnte, welche der Glckliche, der Gedankenarme
mhelos erreicht. -- Der Dichter wies in seinem Eigensinne jede Kritik
der Wahl seiner Stoffe zurck, weil das einmal lebendig Gewordene sich
nicht zurckverdauen lasse. Heute, da wir sein Schaffen im ganzen
berschauen, wird uns das Krnlein Wahrheit deutlich, das in diesem
anmaenden Ausspruch liegt; auch in den seltsamsten Experimenten des
Poeten lt sich eine gewisse Notwendigkeit nicht verkennen.

Wir gehen rasch hinweg ber Hebbels erste Novellen, die in der Art des
Humors an Jean Paul, in der Hast der Darstellung an Heinrich Kleist
erinnern. Wie seltsam verkannte der Dichter sein ganz und gar nicht
populres Talent, wenn er hoffte, seine niederlndische Geschichte
Schnock werde im Bauernkittel von Fliepapier auf den Jahrmrkten
feilgeboten werden; den derben Ton herzhaften Spaes, den der Bauer
verlangt, findet dieser Poet des Gedankens nicht.

In seinem ersten Drama Judith versucht Hebbel in der Seele der epischen
Heldin der Bibel einen Bruch, einen Kampf hervorzurufen, er will uns
an ihr das Recht des Weibes auf wahre Liebe zeigen und dergestalt
den Liebling starkgeistiger Maler und Poeten dem modernen Bewutsein
verstndlich machen. Freilich wird das grliche Weib selbst dadurch
kein tragischer Charakter; denn unter den widerstreitenden Gefhlen,
welche ihr Herz bewegen, der religisen Begeisterung fr ihr Volk, der
durch den Anblick klglicher Schwchlinge geschrften Ruhmbegierde,
endlich der geheimen Liebe zu dem einzigen ganzen Manne, den sie kennt,
tritt bald die nackte tierische Sinnlichkeit als das herrschende Motiv
hervor. Noch hlicher ist Holofernes, wohl der unwahrste aller jener
souvernen Kraftmenschen, in deren Schilderung sich die Literatur
jener Tage gefiel, bei aller scheinbaren Gre ein lcherlicher
Prahler. Wahrhaft empfunden sind allein die glaubenseifrigen Gestalten
des jdischen Volkes. Hier war es dem Sohne strenger bibelfester
Bauern leicht, aus voller Seele zu schaffen. Aber wie fremd steht die
Frmmigkeit des Alten Testaments neben einem Materialismus, der an die
hlichsten Ausgeburten der =posie de sang et de boue= gemahnt! Diese
Zerfahrenheit der Stimmung, diese Unsicherheit der sittlichen Begriffe
des Dichters raubt dem Stcke, trotz der in mchtigem Aufschwung stetig
anschwellenden Handlung, die innere Einheit.

Selbst jenes verwirrenden und berauschenden Reizes, den die Judith
bei der ersten Auffhrung immer bewhren wird, entbehrt die Genoveva.
Hebbel versteht noch nicht, den unbestimmtesten und darum bildsamsten
der Verse zu gebrauchen: sein dramatischer Jambus ist korrekt und
entspricht durch die Hrte seiner mnnlichen Endungen uerlich dem
Wesen des Dramas, aber er hat weder lebendige Kraft noch melodischen
Flu. Miachtend das durch die Natur des Stoffes Gebotene hat der
Poet das wehmtig-liebliche Volksmrchen gewaltsam in eine Tragdie
verwandelt, indem er den vershnenden Schlu hinweglie und jede Spur
des Naiven und Naturwchsigen vertilgte. Ja, er benutzte den mythischen
Stoff, um an ihm die Unwahrheit unserer sittlichen Gesetze zu zeigen.
Hier freilich sind Satzungen und Rechte, die das Lebendig-Freie
schamlos knechten. Diese Menschheit ist befangen in formalistischer
Sittlichkeit: nur ein uerliches erblickt sie in der Ehre, der Treue,
dem Glauben, zu deren Schutze sie die blutbefleckten Hnde hebt.
Doch wir erkennen in ihr unser eigenes Gefhl nicht wieder; rein
unbegreiflich erscheint in dieser gebundenen Welt die ganz moderne
Empfindung des Versuchers Golo. Die Handlung ist ein gehuftes Ma
von Schrecknissen -- denn bei Hebbel erscheint der Tod stets als die
grliche Kere, nimmer als milder Genius -- die Diktion bietet einen
jhen Wechsel von Frost und Hitze; der letzte Eindruck ist vollkommene
Ermdung und die ratlose Frage, ob die wirre Symbolik dieser Szenen
wirklich eine Tragdie der ehelichen Treue vorstellt?

Verdankte die Judith ihren Erfolg vor allem ihrer Wahlverwandtschaft
mit gewissen krankhaften Verstimmungen der Zeit, und hatte die Genoveva
als ein Verstandeswerk gar nur das Staunen eingeweihter Literatenkreise
erregt, so fand die Maria Magdalena den verdienten Beifall aller
Unbefangenen, ein wahrhaft poetisches Werk, das ber seiner klaren
und strengen Komposition und ber der ergreifenden Wahrheit seiner
Charaktere alle seine Mngel leicht vergessen lt. Hebbel war
khn genug, aus der Not eine Tugend zu machen, die schreckliche
Gebundenheit in der Einseitigkeit -- jene Klippe, an der die meisten
brgerlichen Dramen und Dorfgeschichten scheitern -- zum Mittelpunkte
des tragischen Konflikts zu erheben. Die Hohlheit kleinbrgerlicher
Ehrbegriffe mit ihren schrecklichen Folgen soll dargestellt werden. Zu
solcher Arbeit ist Hebbels groe dialektische Kraft wie geschaffen.
Auch das Eingehen auf Sitten und Zustnde, welche dem Poeten genau
bekannt waren, ist ihm zum Heile ausgeschlagen. Nicht als meinten wir
mit den Verehrern photographischer Wahrheit, der Knstler solle nur
Verhltnisse schildern, die ihm durch persnliche Erfahrung vertraut
geworden; wer das Zeug hat zu einem Dichter, trgt ein Bild der
Menschheit im Herzen. Hebbel jedoch mute durch einen Stoff, dessen
feste Schranken ihm selbst wie den Lesern wohlbekannt sind, von
seiner Unart, symbolische Zge in die Aktion zu legen, abgehalten
werden. Er bewhrt hier seinen Ausspruch: berall soll der Dichter
konomisch sein, nur nicht in seinen Grundmotiven. Der Bau des
Dramas ist musterhaft knapp und gedrungen, auch die Naturlaute der
Leidenschaft erklingen tief erschtternd, das Stck wrde das Muster
eines brgerlichen Trauerspiels sein, wenn nicht der Dichter durch
die Unsicherheit seines sittlichen Gefhls auch dem Hrer das Gefhl
verwirrte. Der Hrer nimmt Partei -- nicht wie der Dichter will fr
die bende Heldin, sondern fr den harten alten Philister Meister
Anton. Das unglckliche Mdchen hat sich im Zorn verschmhter Liebe
einem ungeliebten Manne verlobt, und da ihr Gewissen sie noch immer
der alten, jetzt sndhaften Liebe zeiht, whnt sie sich verpflichtet,
dem eiferschtigen Brutigam durch verzweifelte Hingebung ihre Treue
zu beweisen. Eine solche Tat ist denkbar -- denn was wre unmglich
fr ein gengstetes Mdchengewissen -- doch sie steht sittlich tiefer
als ein in der Hitze natrlicher Leidenschaft begangener Fehltritt.
Der Dichter soll uns nicht einreden, das Mdchen sei durch diesen
Schritt nicht innerlich befleckt worden. Der alte borstige Vater hat
ganz recht, wenn er die Schande nicht auf seinem ehrlichen Brgerhause
dulden will -- und ber solchen unabweisbaren Verstandesbedenken geht
uns die Freude an dem schnen Gedichte fast verloren.

Mit diesem Werke war ein groer Erfolg errungen, des Dichters
dramatisches Talent unzweifelhaft erwiesen. Wer htte nicht hoffen
sollen, Hebbel werde mit frischem Mute, mit seiner jetzt durch schne
Reisen erweiterten Bildung fortschreiten auf so glckverheiendem Wege?
Statt dessen verlor er sich jahrelang in zielloses Experimentieren,
er schrieb jene unglckseligen Mrchendramen Der Diamant und Der
Rubin, deren Symbolik zu entrtseln der Mhe nicht lohnt.

In Unteritalien lernte er eine Welt verrotteter Zustnde kennen, einen
tief unsittlichen Polizeistaat, einen leeren Lippenglauben, einen
getretenen und verwilderten Pbel, eine gewissenlose Geldmacht. Hier,
wenn irgendwo, war seine Verachtung der schlechten Wirklichkeit am
Platze, hier mute er fhlen, da des Knstlers Hnde zu rein sind, um
die Verwesung byzantinischer Verhltnisse zu berhren. Und hier gerade
lie er sich durch eine aberwitzige Anekdote anreizen zur Erfindung
seiner berchtigten Tragikomdie Ein Trauerspiel in Sizilien, welche
ein tragisches Geschick in untragischer Form darstellen, des Hrers
Lachmuskeln zucken und zugleich ihn vor Grausen erstarren machen soll.
Das heit doch nur die gemeine Prosa des Alltagslebens geradeswegs in
die Kunst einfhren. Das tragische Geschick in untragischer Form sthnt
und chzt auf allen Mrkten; ihm die tragische Form zu finden, ist
des Dichters schnes Recht. Hebbels feiner Formensinn hat ihn davor
bewahrt, den unglcklichen Gedanken weiter zu verfolgen. Auch ein
anderes Experiment dieser Zeit blieb liegen. In der Tragdie Moloch
wollte der Dichter ein Volk stammeln lassen, die Uranfnge der
menschlichen Gesittung, die Entstehung der Religion darstellen -- ein
Versuch, der mit ungemeiner dichterischer Kraft begonnen, schlielich
doch in undramatische Symbolik verlaufen mute. Wiederum in den
zerfressenen italienischen Verhltnissen wurzelt das Schauspiel Julia
-- eine Schilderung moderner Blasiertheit und Verworfenheit, wie sie
nur einem vllig umnachteten Auge erscheinen konnte, ein Drama ohne
Abschlu, ohne jedes Interesse, gerade darum gefhrlich und unsittlich,
weil Hebbel die unnatrliche, klglich-sentimentale Handlungsweise
seines Helden, der sich selber eine wandelnde Leiche nennt, als eine
sittliche darstellen, sittlich erhebend durch das abgeschmackte Drama
wirken will.

Das waren bse Tage fr Hebbel, da sein Selbstgefhl im selben Mae
wuchs, wie die Teilnahme der Leser sich ihm entfremdete. Selbst die
Freunde fragten verwundert, ob er denn aus dem ewigen Rom nichts
anderes davongetragen habe als die feine Durchbildung der Form, welche
fortan alle seine Gedichte auszeichnete. Auch das bedeutendste Drama
dieser unseligen Periode ist ein Werk des kalten Verstandes. Herodes
und Mariamne schildert das Judentum in seiner Selbstauflsung und
ist zugleich eine Tragdie der ehelichen Treue; so bildet es ein
Gegenstck zur Judith und zur Genoveva. Herodes kann es nicht ertragen,
da sein Weib ihn berlebe, zweimal stellt er sie, whrend er zu
gefahrvollen Fahrten verreist, unter das Schwert des Henkers. Gegen
solchen Zwang strubt sich der Stolz der Gattin, denn das kann man
tun, erleiden kann man's nicht. Und dieser bei aller Seltsamkeit
gewaltige, echt dramatische Konflikt, der schon in der Darstellung
des Josephus jedes Herz bewegt, lt bei Hebbel vollkommen kalt. So
sehr ermangeln diese Menschen der Ursprnglichkeit und Freiheit, so
sehr befremdet uns die moderne epigrammatische Sprache an historischen
Personen, deren grundverschiedene Gesittung wir von Kindesbeinen an
kennen.

Endlich, endlich nach so langem theoretischen Umhertasten ffnete
sich Hebbels Gemt wieder natrlicheren, einfacheren Gefhlen, als
er die Agnes Bernauer schrieb und auf heimatlichem Boden Menschen
schuf, so wahr und tchtig, wie sie ihm seit der Maria Magdalena nicht
mehr gelungen waren. Hier erscheint der moralische Revolutionr als
politisch konservativ: die Berechtigung des Allgemeinen, des Staates,
wird gezeigt gegenber dem subjektiven Belieben der Leidenschaft.
Hebbel bleibt vollkommen frei von der sentimentalen Auffassung der
Liebe, deren heute der vornehme Pbel voll ist. Leider verrt die
Heldin kaum durch ein hingeworfenes Wort eine Ahnung von der Schwere
ihrer Schuld, und wir empfinden ihren Tod als eine brutale Mihandlung.
Der wahrhaft innerlich ringende Held des Stcks vielmehr ist Herzog
Ernst; sollte das Werk dramatisch wirken, so mute der alte Herzog
in den Mittelpunkt der Handlung treten. Dann lie sich ein besserer
Schlu finden als dieser unselige fnfte Akt, wo Hebbel, der sonst
das Grliche liebt, einen tdlichen Gegensatz durch eine bereilte
Vershnung beendet. In einem Aufzuge die Ermordung der Agnes, den
wtenden Kampf des Sohnes gegen den Vater und die Beilegung des
Streites darstellen -- das verletzt jene Einheit der Zeit, welche der
Dramatiker auch nach Lessing noch achten soll, das bleibt unglaublich,
obschon der Poet durch die sprudelnde Heftigkeit, welche er dem
jungen Herzoge leiht, uns darauf vorbereitet hat. Aber wie das Land
nach langer Wasserreise, begren wir in dem Stcke wieder eine warme
natrliche Stimmung, wir freuen uns der getreuen Genossen des jungen
Herzogs und der kernhaften Brger. Lebendig tritt die grende Zeit uns
vor die Seele, wo die Tage der Hohenstaufen bereits als ein ferner
schner Jugendtraum in der Sehnsucht der Menschen lebten und moderne
Diplomatenkunst die ritterliche Vasallentreue zu verdrngen begann.

So war das Eis gebrochen, und die gesunde freudige Stimmung hielt an.
Das gemtvolle Versma, das uns Deutschen wie ein liebes altes Mrchen
zum Herzen redet, das Metrum der deutschen Reimpaare, ward von Hebbel
glcklich benutzt fr das kleine Knstlerdrama Michelangelo. Diese
geistreiche Behandlung einer sinnigen Anekdote gewhrt manchen tiefen
Einblick in die Geheimnisse knstlerischen Schaffens; und doch ist
genug Handlung in dem Stcke, um selbst auf der Bhne Interesse zu
erregen. Mgen andere rgen, da die Schilderung der Kunstfreunde und
dilettierenden Knstler sich von tendenziser Bitterkeit nicht frei
hlt und sehr deutlich an des Verfassers eigene Fehden mit der Kritik
erinnert; mgen sie tadeln, da die Gestalt des Raffael, wie fast
alles Holde und Milde bei Hebbel, ganz schattenhaft gehalten ist: --
uns widersteht es, an einem erfreulichen und mit Unrecht vergessenen
Werke zu mkeln. Dieser Michelangelo lebt wirklich -- ein hohes Lob,
da die allzu verbreitete Kenntnis der Kunstgeschichte hier der freien
Ttigkeit des Dichters schwer beengende Fesseln anlegte. Mancher
akademisch korrekte Knstler wird an dem jugendfrischen, vielsagenden
Worte die Ordnung, mein' ich und bleibe dabei, beginnt erst bei der
Staffelei seine eigene Hohlheit erkennen; mancher, der Hebbel mit
Miwollen betrachtet, wird aus diesen einfachen Szenen den heiligen
Ernst des Schriftstellers begreifen.

Noch einmal, in der Tragdie Gyges und sein Ring, hat Hebbel einen
Schatz von Formenschnheit und Kunstverstand an einen undankbaren
Stoff verschwendet. Der Dichter versteht, uns in die Atmosphre
lngst entschwundener Zeiten zurckzuzaubern, an den alten Nil, wo
gelbe Menschen mit geschlitzten Augen fr tote Knige ew'ge Huser
bau'n. Wo nicht stellenweise eine allzu moderne Bewutheit der Sprache
uns die Stimmung verdirbt, steht sie wirklich farbenprchtig vor
uns, die reiche Wunderwelt des Herodot, die mit der Flle ihrer rein
menschlichen Konflikte unseren Poeten ein so dankbares Feld erffnet.
Dennoch wird dies Trauerspiel mit vollem Rechte nie auf der Bhne Fu
fassen, denn es ist ein antiquarisches Stck. Es ist ein sinniger,
freilich mehr fr eine Novelle als fr eine Tragdie der Ehe geeigneter
Gedanke, da auch in der innigsten Vereinigung jeder Gatte ein Etwas
zurckbehlt, das Schonung erheischt, das er dem Gemahl nicht hingeben
kann, ohne sich selbst aufzugeben; aber wie wenige Leser werden aus der
seltsamen Handlung des Gyges diese Idee erraten! Heute, da man den
Dramatiker unaufhrlich auf historische Stoffe verweist, kann nicht
laut genug die einfache Wahrheit wiederholt werden, da der Dichter
seine Menschen in den Herzen seiner Zuschauer, der Kinder seiner Zeit,
entstehen und wachsen lassen mu. Mag er getrost Weltverhltnisse aus
den Tagen vor der Sndflut uns vorfhren: in den Empfindungen seiner
Charaktere dulden wir nichts Antiquarisches. Gerade unser Publikum mit
seinen abgestumpften Gefhlen wird nur durch einfach-drastische, sofort
verstndliche Empfindungen erregt werden. Dieser Knig Kandaules,
welcher Zeugen braucht, da er nicht ein eitler Tor ist, der sich
selbst belgt, wenn er sich rhmt, das schnste Weib zu kssen,
welcher darum den Fremden als Zuschauer an das eheliche Lager fhrt
-- er handelt nach unsern Begriffen mit einer brutalen Roheit, die
seinen Edelmut uns vllig unglaublich macht und jedes tragische
Mitleid aufhebt. Hier aber sind unsere Begriffe im Rechte, weil wir
leben. Nur ein bedauerndes Achselzucken haben wir fr die untadelhafte
Komposition, die Melodie der Sprache und den Gedankenreichtum des
Dichters, der in diesem Werke sich glnzend entfaltet. Wie nmlich
Kandaules in seinem Hause die Schranken altheiliger Sitte zerstrt,
so wagt er auch im Staate an den Schlaf der Welt zu rhren, obwohl
er nicht die Kraft hat, ihr Hheres zu bieten. Und in diese dumpfe
gebundene Menschheit tritt der einzige, den wir ganz verstehen, der
jugendliche Gyges, der Mann der freien entschlossenen Tat, der Sohn
des klaren Hellenenvolkes, das die Fesseln starrer Sitte lchelnd
abgestreift hat.

Wie seine Dramen, so zeigen auch Hebbels kleine Gedichte eine
auffllige Ungleichheit des Werts. Wir sehen eine ursprnglich
poetische Natur vor uns, welche durch bereifrige Verstandesttigkeit
sich der schnsten Frchte ihres Talents beraubt. Hebbel erstrebt
eine Universalitt, woran selbst ein Goethe nie gedacht hat -- ein
Unterfangen, wobei einem pathetischen Dichter das rgste widerfahren
mu. Ein Mann wie er konnte in seiner Jugend ein Mdchen erschrecken
durch heie, despotische Leidenschaft; er konnte dann ein edles Weib
mit jener tiefen und ernsten Mannesneigung erfassen, wovon so manches
schne Gedicht an Christine Kunde gibt; versucht er jedoch zu tndeln
und leicht zu kosen, so zeigt er nur die Grazie eines seiltanzenden
Elefanten. Auch fr das einfache Lied fehlt ihm die Naivitt. Dagegen
sind mehrere der Balladen durch ihre einheitliche Stimmung sehr
wirksam; nur leiden sie meist an zu groer Lnge; denn der Dramatiker
wei nichts von dem Kunstgeheimnis des lyrischen Rhapsoden, durch
Verstummen das Tiefste zu sagen. Die Gedichte Dem Schmerz sein
Recht erschttern durch den heftigen rastlosen Kampf eines aufwrts
strebenden Geistes; doch zeigen auch sie, wie selbst die schnsten
Gedichte der Sammlung, eine ungelste Zutat von Reflexion. Das Epigramm
ist natrlich stark vertreten: fast berall Gedanken eines gescheiten
Mannes, aber auch berall eine unselige Strung, bald durch die Breite
der Darstellung, bald durch die Prosa des Gedankens oder durch ein
geschmackloses Bild. Selbst das verstndigste der Gedichte, selbst das
Epigramm, mu in der Phantasie des Knstlers empfangen werden.

Es ist doch ein frischer, erfreulicher Dichterzug in Hebbels Leben,
wie er, entzckt von dem liebenswrdigen Spiele einer Knstlerin, sie
rasch entschlossen von der Bhne heimfhrte. Beglckt an der Seite
dieser edlen Frau, in dem Frieden eines wohlgeordneten Hauses lie er
jetzt in dem kleinen Epos Mutter und Kind alles wieder zu frischem
Leben erwachen, was vorzeiten seine Phantasie erregt: das derbtchtige
niederdeutsche Bauernleben, das reiche Hamburg und seinen furchtbaren
Brand. Auch die Ideen, welche seinen Kopf vorzugsweise beschftigen,
das Verhltnis von Mann und Weib, die Fragen von der Armut und dem
Sozialismus, spielen in das Gedicht hinein. In dieser kleinen Welt rein
menschlicher Empfindungen hat der Dichter jene Wrme des Gefhls, jene
Freude an dem Milden und Gemtlichen, jene glubige vershnte Stimmung
wiedergefunden, die auf seinen langen spekulativen Irrfahrten fast
verloren schienen.

    Welches irdische Glck ist diesem hchsten vergleichbar,
    das uns ber uns selbst erhebt, indem wir's genieen,
    und wem wird es versagt, wem wird es gekrnkt und geschmlert?...
    Und so ist die Natur gerecht im ganzen und groen
    und verteilt nur den Tand, die Flitter, nach Lust und nach Laune.

Uns scheint, in diesen Worten ber die Elternliebe liegt unendlich mehr
Tiefsinn und krftiger Mannesmut, als in den heftigsten Invektiven,
welche Hebbel je gegen die Gesellschaft geschleudert. Der wesentliche
Mangel des Werks zeigt sich in der Form. Wir meinen hier nicht die
bermige Anwendung des Trochus, die Hebbel sich erlaubt. Denn der
Hexameter ist zwar keineswegs, wie Hebbel meint, der deutscheste
Vers, sondern ein Ma, das einer ursprnglich der Quantitt
entbehrenden Sprache niemals ganz natrlich zu Gesichte stehen kann;
doch gerade deshalb mag der deutsche Dichter bei dessen Handhabung mit
groer Freiheit verfahren. Sein feines Gehr allein mu ihn warnen vor
dem Schein der Drftigkeit, der durch zahlreiche Trochen entsteht,
wie vor dem haltlosen, hpfenden Wesen und dem zischenden Miklang
gehufter Konsonanten, welche die Daktylen der korrekten Platenschen
Schule in den Hexameter bringen. Wir meinen hier die Form in einem
minder uerlichen Sinne. Die ungeheure, vollkommen nur einmal erfllte
Aufgabe, in unserer aufgeregten Zeit das erhabene Gleichma epischer
Diktion und Empfindung zu bewahren, war dem Dramatiker unlsbar. Bald
staut seine Rede sich auf in abgebrochenen Stzen, bald strmt sie
daher in langen Perioden, die ebenmige Wallung des Hexameters geht
verloren. -- Und dies einfach herzliche Gedicht ging in der Lesewelt
fast spurlos vorber. Ist es doch lngst kein Geheimnis mehr, da das
Los der Gedichte heute in den Hnden der jungen Damen liegt. Wirken
Tragdien zu aufregend auf die Gemter der Frulein -- nun, hier
ist ein Epos aus der stillen Welt des Hauses, ganz dazu geschaffen,
ein einfaches Mdchen sanft zu bewegen. Doch leider, keine Spur von
Sentimentalitt und augenverdrehender Frmmigkeit; und diese Buerin
hat so gesunde Nerven, sie untersteht sich sogar, im Grnen zu gebren!
=Mon Dieu=, welche Pensionsdirektrice von Pflichtgefhl darf ihren
Zglingen solche Natrlichkeiten bieten?

Unterdessen reifte langsam des Dichters grtes Werk, die Nibelungen.
Wenn der gebildete Durchschnittsmensch heute schon beim Anblick des
Titels einer Nibelungentragdie mit der Ruhe des Weisen zu sagen
liebt: das sind alte Geschichten, der Himmel bewahre uns vor dieser
tausendjhrigen Hexerei -- so knnen wir nicht bestimmt genug die
berzeugung aussprechen: nur wenige moderne Dichter haben die gewaltige
Versuchung nicht empfunden, die Gestalten des Nibelungenliedes
irgendwie nachzubilden. Da steht sie vor uns, eine jener grandiosen
Fabeln, woran die Kunst und der Glaube von Jahrhunderten gearbeitet,
das Wunderwerk eines ganzen Volkes, in ihren Grundzgen hoch erhaben
ber jeder Anfechtung der Kritik. Und mit dem vollen Reize der Jugend
tritt das altehrwrdige Werk vor unsere Augen. Seit zwei Menschenaltern
erst hat sich die Liebe unseres Volkes wieder der alten Dichtung
zugewendet. Seitdem sind die Gestalten des hrnernen Siegfried und
der Rcherin Kriemhild einem jeden eng verwachsen mit jenen ersten
Empfindungen der Kindheit, welche ewig frisch bleiben, als wren
sie gestern empfunden. Und dieser Schatz gewaltigster menschlicher
Leidenschaft, der unsere Maler zu immer neuen Nachschpfungen reizt,
ist uns berliefert in einer poetischen Bearbeitung, die dem feineren
Kunstsinne der Gegenwart nimmermehr vllig gengen kann. Denn -- zum
Schrecken orthodoxer Germanisten sei gesagt, was jedes einfache Gefhl
sofort empfindet -- neben Stellen von hinreiender Kraft und Schnheit
dehnen sich im Nibelungenliede weite Strecken von langweiliger
Einfrmigkeit. Auch der Inhalt bietet oftmals eine fremdartige,
ja feindselige Mischung von altnordischen, deutschheidnischen und
christlichen Elementen. Die ungeheure Bewegung und leidenschaftliche
Wildheit des Stoffes, welchen die epische Form oft kaum bewltigen
kann, fordert den Dramatiker ebenso laut zum Nachbilden auf, wie jene
Keime verschlungener, eingehender Charakteristik, die sich im Epos nur
halb entfalten drfen. Grnde genug, um in unzhligen modernen Menschen
den Wunsch zu erregen, da die Heldengestalten der alten Sage auf der
Bhne erscheinen mchten, wo, nach Hebbels schnem Worte,

    wo sich die bleichen Dichterschatten rten
    wie des Odysseus Schar von fremdem Blut.

Aber wie lt sich diese ungeheure Fabelwelt dem Verstndnis
unserer Hrer erschlieen? Am nchsten liegt es, durch sorgfltige
psychologische Motivierung die alten Recken uns menschlich nahe zu
fhren. Dieses Weges ist Emanuel Geibel gegangen -- und der Erfolg
bewies, da auf solche Weise die finstere Gre des alten Gedichtes
gnzlich verloren geht. Wie anders ist Hebbel verfahren! Ein ungeheures
Geheimnis bleibt immerdar ber den riesigen Gestalten dieser Sage,
das keine Kunst unserer helleren Zeit lichten kann. Sollen unsere
Hrer an einen Hagen Tronje wirklich glauben, so gilt es nicht, ihn
hinabzuziehen in unsere Kleinheit und Feinheit, nein, es gilt, ihn noch
reckenhafter erscheinen zu lassen und die Wunder der alten Gttersagen,
die im Nibelungenliede schon halb verwischt sind, in voller Pracht zu
entfalten. Von vornherein mu der Hrer empfinden, da er die Welt des
hellen, bewuten Verstandes verlassen hat, da er unter Menschen tritt,
die wahllos, zweifellos, wie die Naturgewalten, das Ungeheure tun, die
der vollbrachten Untat hart und sicher in die Augen sehen und sie auf
sich nehmen wie der Hagen des Liedes, der bei jedem neuen Frevel sich
vordrngt und spricht la mich den Schuldigen sein.

Diese Erhhung der Helden fast ber das Ma des alten Liedes hinaus
hat Hebbel mit bewundernswrdiger Kunst vollzogen. Wie vertraut sind
diese Menschen mit aller Heimlichkeit des Naturlebens. Beredt wird ihre
Zunge nur, wenn sie sich erzhlen von den Geheimnissen des Waldes, von
den Seherworten, die aus dem Nixenbrunnen ertnen, von den Wundern des
nordischen Eislandes, von jenen Runen, darber ein Held vergeblich
sinnen mag bis an seinen Tod. Wo es zu handeln gilt, gehen sie ans Werk
wortlos, sicher, unentwegt; dann und wann bricht aus den geschlossenen
Lippen ein Ausruf jenes grlich wilden Humors hervor, der sich schon
in dem alten Liede findet, wenn es von Volker spricht:

    Das ist ein roter Anstrich, den er am Fidelbogen hat.

Doch whrend der Dichter so trotzig allen unseren konventionellen
Begriffen ins Gesicht schlgt, ist er um so mavoller und schonender
verfahren, wo er unser sittliches Gefhl zu verletzen frchten
mu. Jener Knig Gunther, der schon in dem alten Liede eine sehr
widerwrtige Rolle spielt und bei jedem Versuche eingehender
psychologischer Zergliederung notwendig ekelhaft erscheinen mu,
ist von Hebbel mit sicherem knstlerischen Takte in den Hintergrund
geschoben worden. Jung und schwach lt er den grimmen Hagen gewhren,
der ihn und seine Brder ganz beherrscht. Ebenso ist jener nchtliche
Ringkampf auf Brunhilds Lager von Hebbel sehr schamhaft behandelt, und
wer sich einmal eingelebt in die wunderbare Luft dieses Dramas, wird
ohne jeden Ansto daran vorbergehen.

Auch da Hebbel den ganzen Inhalt des Nibelungenliedes in die
dramatische Form umgegossen hat, knnen wir nur billigen. Denn wenn
man so gern auf die attischen Dramatiker verweist, die nur einzelne
Katastrophen aus der reichen Flle der homerischen Gedichte sich
auswhlten, so will diese gelehrte Vergleichung hier nimmermehr passen.
Wie Schuld die Schuld gebiert -- dies Fortwirken des Frevels, welches
in der ursprnglichen Form der Sage, in dem Fluche, den Andwari ber
das Gold gesprochen, sogar noch schner ausgedrckt war, bildet recht
eigentlich den Kern der Tragik des Nibelungenliedes. Darum mssen wir
sehen, wie Siegfrieds Mrder und ihr ganzes Geschlecht untergehen; eine
Vision, welche dies nur andeutete, kann uns nicht gengen.

Wer diesen Stoff dramatisch gestaltet, mu verzichten auf die
konzentrierte Schnheit des Einzeldramas, er ist gezwungen zur
zyklischen Behandlung. Hebbel griff zur Dreiteilung; er lt auf ein
kurzes Vorspiel Der hrnerne Siegfried zwei Trauerspiele Siegfrieds
Tod und Kriemhilds Rache folgen. Diese Einteilung ist eben deshalb
ein groes knstlerisches Verdienst, weil der Laie meinen wird,
sie verstehe sich von selbst. Sie bietet dem Dichter den Vorteil,
da er, ohne je in undramatische Breite zu verfallen, den reichen
tragischen Gehalt seiner Fabel wirklich erschpfen kann. Es gibt
einige Stoffe von so unergrndlicher tragischer Tiefe, da sie unserer
Seele bei jeder neuen Betrachtung immer neue und immer ergreifendere
Situationen enthllen. Wer hat das Bild von Paul Delaroche Maria
in ihrem Hause in der Nacht nach der Kreuzabnahme gesehen, ohne im
ersten Augenblick zu erstaunen ber die Neuheit der Erfindung und im
zweiten ihre Notwendigkeit freudig anzuerkennen? Und wenn die Bauern
vom Oberammergau ihr Passionsspiel auffhren, was ist es, das diese
Tausende whrend langer Stunden in atemloser andachtsvoller Stille
fesselt, den blasierten Grostdter so gut wie die schwbische Buerin,
die meilenweit gewallfahrt zu der heiligen Handlung? Es ist nicht
blo die einzige Erscheinung, da hier die knstlerische Kraft, die
in den Tiefen unseres Volkes schlummert, frei und freudig aus dem
Verborgenen hervortritt; es ist nicht blo die erhabene Weihe, welche
der Glaube von Millionen ber den grandiosen Mythus von der Kreuzigung
Christi ausgegossen hat. Noch ein anderer, rein sthetischer Grund
gibt den anspruchslosen Zeilen des alten Dorfschulmeisters eine so
mchtig erschtternde Kraft. Jener eine Tag des Todes Christi ist so
berschwenglich reich an tragischen Momenten, da der Nachdichter nicht
ntig hat, zu jenen Verkrzungen zu greifen, welche das Drama insgemein
verlangt. Stunde fr Stunde vielmehr des schmerzensreichen Tages
geht in jenem Passionsspiele an uns vorber. Also hat der Zuschauer
den zweifachen Genu der tragischen Erschtterung und zugleich der
vollen ungetrbten Naturwahrheit; denn auch jener letzte Schein des
Absichtlichen, der nach Goethes tiefem Worte jedem Kunstwerke anhaftet,
verschwindet bei dieser glcklichen Fabel. Einen hnlichen Moment voll
unerschpflicher Tragik bietet die Nibelungensage in dem Morgen nach
Siegfrieds Ermordung, und Hebbel hat verstanden, die Gunst der Fabel
auszubeuten. Kein Augenblick des Grausens wird uns erlassen von der
Stunde an, da Kriemhild erwacht und der Kmmerling ber den toten Mann
vor der Tr stolpert, bis zu jener schrecklichen Totenprobe, da der
grimme Hagen unerschttert ruft:

    Das rote Blut! Ich htt' es nie geglaubt
    nun seh' ich es mit meinen eignen Augen.

In solcher Weise ist der fnfte Akt von Siegfrieds Tod das Schnste
geworden, was Hebbel je geschrieben.

Wenn Hebbel in klarer und berechtigter Absicht das Malose, das
Reckenhafte seiner Helden in den gewaltigsten Umrissen gezeichnet hat,
so war sein Plan doch keineswegs, uns durch das Fremdartige dieser
Erscheinungen lediglich in Erstaunen zu setzen. Nein, wir sollen
empfinden, dies ist das Geschlecht der Heiden, der Gewissenlosen, das
einer neuen reinen Menschheit die Sttte rumen soll. Darum hat er jene
Spuren des Christentums, welche in das Nibelungenlied hineinspielen,
weiter verfolgt und den Heiden Hagen in grimmiger Feindschaft der
Kirche gegenbergestellt. Zuletzt, als die Heiden sich hingemordet,
ergreift der Christ Dietrich von Bern das Zepter der Welt

        im Namen dessen, der am Kreuz verblich.

Dies war sicherlich der einzige Weg, um das Entsetzen dieser Fabel zu
einem fr das moderne Bewutsein vershnenden Abschlusse zu fhren.
Dennoch liegt hier eine Schwche des Werkes. Die christlichen Elemente
treten im Verlaufe der Handlung so wenig hervor, Dietrich selbst greift
so wenig in das Spiel ein, da sein letztes Aufsteigen fast wie ein
symbolischer Zug, zum mindesten nicht als eine Notwendigkeit erscheint.
Der ruhige, gewaltige Alte des Nibelungenliedes ist uns verstndlicher
als dieser Dietrich, der so befremdlich mitten inne steht zwischen der
heidnischen und der christlichen Welt.

Gerade vor diesem schnen Drama haben wir aufs neue empfunden, wie
ganz eigen unser Volk zu seiner Geschichte steht, wie vertraut und
zugleich wie fremd die Jugend unseres Volkes uns erscheint. Jene
jugendliche Naivitt des Naturlebens, welche sich im Drama schon wegen
seiner klaren bewuten Kunstform nur leise andeuten lt und nur in
der Breite des Epos zu ihrem vollen Rechte kommt -- sie ist es, die
noch heute das Gemt des Deutschen zu seinen alten Mythen hinzieht.
Was aber des Dramatikers eigentliche Aufgabe bildet, das Gemtsleben
dieser epischen Zeit, das ist uns in solchem Mae fremd geworden, da
wir dreist behaupten knnen, ein Trauerspiel aus der franzsischen
oder italienischen Gegenwart drfe sich heute mit grerem Rechte ein
deutsches Trauerspiel nennen als eine Dramatisierung der Nibelungensage.

Dem Dramatiker sind, weil seine Kunst gewaltiger als irgendeine
andere den ganzen Menschen erschttert, engere Schranken gesetzt bei
der Wahl seiner Stoffe als dem Maler oder dem erzhlenden Dichter;
und dieser Einsicht voll hat sicher schon mancher moderne Poet der
reizenden Versuchung dieser Fabel widerstanden. So gewi wir beim
Hren von Uhlands Ballade Jung Siegfried uns willig in die alte
Wunderwelt versenken, ebenso gewi ruft das Drama den Verstand zum
schonungslosen Mitsprechen auf. Indem Hebbel seine Recken gnzlich
aus der Welt unseres Denkens und Empfindens heraushob, hat er zwar
den einzigen Ton angeschlagen, der diesem Stoffe geziemt, doch er hat
zugleich verzichtet auf die hchste Lust des Dramatikers, da die
Hrer fortwhrend mit seinen Helden leiden und denken, sie treiben
oder zurckhalten mchten. Allerdings bietet dies Drama auch mehrere
Charaktere, welche uns vllig verstndlich sind, namentlich den
Charakter der Kriemhild, den nach unserem Gefhle schnsten des Werkes
-- wie ja auch Shakespeare in dieser alten Sagenzeit mehrere Stoffe von
rein menschlichem fr alle Zeiten gltigem Gehalte gefunden hat. Aber
daneben stehen sehr viele Zge eines halb bewutlosen Menschenlebens,
das keinen Grund braucht fr sein Handeln, whrend der heutige
Zuschauer sich doch fortwhrend im stillen nach den Grnden fragt.

Und untersuchen wir, was Hebbel neu geschaffen hat in dem alten Stoffe,
so finden wir zwar einzelne berraschend feine Motivierungen, welche
das Lied gar nicht oder nur leise andeutet, wir sehen Brunhilds geheime
Liebe zu Siegfried, wir erfahren, da die Eifersucht Kriemhild bewog,
ihre Schwgerin zu schelten, und da der Neid der letzte Grund des
Hasses ist, den Hagen gegen Siegfried hegt; aber wir knnen nicht
sagen, die Helden seien uns in dem modernen Drama vertrauter geworden
als in dem alten Liede. Unvermeidlich vielmehr treten in dem Drama
einige moderne Zge strend hervor. Die alten Recken beurteilen sich
gegenseitig mit einer bewuten Klarheit, welche zu ihrem eigenen Tun
wenig stimmt; und wenn Brunhild zu Gunther spricht:

                 in dir und mir
    hat Mann und Weib fr alle Ewigkeit
    den Kampf um's Vorrecht ausgekmpft --

so offenbaren auch diese Worte ein helles Bewutsein, das wir der
Knigin von Isenland nicht zutrauen. Gestehen wir also: wenn uns
die Lust anwandelt, uns zu erfreuen an der Gre unserer Sagenzeit,
so greifen wir lieber zu dem Nibelungenliede selber als zu dem neuen
Drama. Denn in einer Erzhlung vergangener Taten nehmen wir vieles
arglos und willig hin, was uns in der unmittelbaren Gegenwart des
Dramas verletzt; und whrend die Mngel des alten Liedes uns nur wie
das Blei erscheinen, worein die Natur das Silber verborgen hat, machen
die Mngel des modernen Werkes den Eindruck einer fremden knstlichen
Zutat. Der Dichter hat das mgliche geleistet, aber er hat gewisse
Bedenken nicht berwinden knnen, welche notwendig gegeben sind durch
die ungeheure Kluft, die unser Empfinden von dem Seelenleben der
epischen Tage trennt.

So war dem krftigen Manne doch gelungen, das Echte seines Wesens der
Mitwelt zu offenbaren, und auch sein letztes Werk gab ein Zeugnis von
der Luterung dieses Geistes. Er nahm die Fabel des Schillerschen
Demetrius wieder auf; doch Schillers Drama einfach fortzusetzen kam ihm
nicht bei: Ich knnte ebensogut da zu lieben anfangen, wo ein Anderer
aufgehrt hat. In seinen jungen Jahren wre ihm unzweifelhaft der
verzwickte Charakter eines tugendhaften Betrgers ein reizender Vorwurf
gewesen; jetzt stand er anders zu den sittlichen Fragen. Sein Sinn war
jetzt so ganz auf das einfach Edle gerichtet, er empfand so lebhaft
die Gemeinheit, die in jedem Betrger liegt, da ihm sogar Schillers
Idealismus nicht mehr gengte. Schiller wre, erklrte er oft, mit
seinem Betrger nicht zu Ende gekommen. Er fate den Demetrius als den
Betrogenen, der erst ganz zuletzt, da er nicht mehr zurck kann, seine
eigene Schuld erfhrt, und stellte den Usurpator so rein und edel hin,
da ich fast zweifle, ob nicht das vollendete Werk an dramatischem
Interesse ebensoviel verloren htte, als der Held an Tugend gewann.
Hebbels realistischer Sinn zeigt sich diesmal nur in der drastischen
Schilderung des slawischen Volkslebens, die unser deutsches Gefhl
fremdartig berhrt. berhaupt liegt ber dem tief durchdachten Werke
eine seltsame Klte; unter den vielen, welche sich an dieser erhabenen
Schicksalstragdie versucht haben, reicht keiner an Schillers feurige,
schwungvolle Weise heran.

Das Gedicht abzuschlieen war dem Dichter nicht vergnnt. Eben jetzt
begann die Welt dem lange Verkannten zu danken, da warf ihn eine
tdliche Krankheit nieder. Er hrte noch auf dem Krankenbette, seinen
Nibelungen sei der groe Berliner Dramenpreis zuerkannt worden. Die
Antwort, die er dem Boten gab, ist wie der letzte Pinselstrich zu dem
Charakterbilde des dsteren, schwerkmpfenden Mannes, der die helle
Lust am Leben niemals ganz gekostet hat. Er sagte trb: Das ist
Menschenlos. Bald fehlt uns der Wein, bald fehlt uns der Becher.




Otto Ludwig




Otto Ludwig.


Kein Satz steht dem sthetiker so fest wie dieser, da die Ideale
unserer Zeit nur im Drama die vollendete knstlerische Gestaltung
empfangen knnen. Und keine Tatsache steht dem Beobachter des
Kunstlebens so fest wie diese, da nicht das Drama, sondern der Roman
sich heute der hchsten Volksgunst erfreut. Man mag diesen Widerspruch
beklagen, und ich beklage ihn lebhaft -- aber die sthetische
Empfnglichkeit eines Volkes lt sich nicht meistern, sie gehorcht
ebensowenig wie die Gestaltungskraft der Knstler den Machtsprchen
der Theorie. Die Vorliebe der Zeitgenossen fr den Roman entspringt
zum Teil der Trgheit; denn das Drama mutet der Phantasie der Hrer
eigene Ttigkeit zu, whrend der stoffliche Reiz des Romans auch den
Stumpfsinn erregt. Doch zugleich sagt uns ein richtiges Gefhl, da
die eigentmlichsten Gedanken der Gegenwart bisher in dem Romane ein
getreueres Abbild gefunden haben als im Drama. Die jngste Epoche der
deutschen Poesie lt sich kurz bezeichnen als eine Zeit, welche nach
dem Drama sucht, ohne es zu finden. Der lebensfhigen Dramen sind heute
so wenige, da man einigen Mutes bedarf, um ernstlich zu glauben, dies
Suchen sei nicht blo den Reminiszenzen der Weimarschen Tage, sondern
einem ursprnglichen Drange der Gegenwart entsprungen. Recht als ein
Vertreter dieser suchenden Zeit, als eine tragische Gestalt erscheint
uns Otto Ludwig, ein Dichter, der mit allen Krften eines starken
Geistes dem Ideale des Dramas nachtrachtete und endlich doch erleben
mute, da eine seiner Erzhlungen den Zeitgenossen als das schnste
seiner Werke galt.

Halb lchelnd halb beschmt gedenken wir heute des sonderbaren Streites
der angeblichen Idealisten und Realisten, welcher in den fnfziger
Jahren die Spalten so vieler Bltter mit gehssigem Zanke fllte. Als
die Auslufer der Romantik sich in phantastische Experimente verloren,
bald die Kunst zum Gegenstande der Kunst machten, bald schattenhafte
Mrchengestalten erschufen, welche jeder menschlichen Wahrheit und
darum der Schnheit entbehrten: -- war es nicht natrlich, da damals
frische, mit gesunder Sinnlichkeit begabte Dichter, jenes schwchlichen
Treibens mde, mit kecker Hand in die derbe Wirklichkeit des niederen
Volkslebens griffen? Dieser aus der Lage der Dinge entsprossenen
Richtung verdanken wir die allmhliche Rckkehr der erzhlenden
Dichtung zu krftigen, lebenswahren Gestalten. Aber die Dorfgeschichte,
die bei ihrem ersten Auftreten, in Immermanns Mnchhausen, wie ihr
gebhrte, nur als eine Episode erschienen war, begann bald sich als
die Herrscherin zu fhlen. Der prosaische Sinn der Zeit, froh der
groen Triumphe der deutschen Arbeit, stellte dem Dichter die Zumutung,
da er das Schne suche unter den Dften des Heus, beim Klappern des
Webstuhls. Man verwechselte das Ideale und das Abstrakte, schalt ber
Unnatur, so oft ein Poet ber die Schilderung des platt Alltglichen
hinausging. Die realistische sthetik bewunderte alles Ernstes den
drftigen Ruhm jenes alten Malers, dessen Trauben die Gier der
Sperlinge reizten; sie lief Gefahr herabzusinken zu der Roheit des
groen Haufens, dessen Kunstgenu, nach Goethes klassischem Worte, nur
darin besteht, da er das Abbild mit dem Urbild vergleicht.

Ihr gegenber scharte sich nach und nach eine seltsam gemischte
Gesellschaft. Zarte musikalisch gestimmte Naturen, welche das lyrische
Element in jenen realistischen Dichtungen mit Recht schmerzlich
vermiten; sinnige Verehrer der Goethischen Muse, die sich aus der
Enge der prosaischen Lebensverhltnisse zurcksehnten nach der
freieren Luft und der reinen Formenschnheit der antiken Welt; vor
allen aber talentlose Schriftsteller, die greisenhaften Epigonen
des jungen Deutschlands, denen die leibhaftige Wahrheit der
Dorfgeschichten ihren eigenen Mangel an Gestaltungskraft klar machte
-- sie alle vereinigten sich zu dem Rufe, bei dem Streben nach dem
Charakteristisch-Wahren gehe die Schnheit verloren. Fr das heutige
Geschlecht bedarf es kaum noch der Versicherung, da die hellen Kpfe
der beiden streitenden Parteien im Grunde eines Sinnes waren. Darin
liegt ja die Gre, der Tiefsinn der Poesie, da sie, vielseitig,
allumfassend, nicht wie die Skulptur den idealistischen, nicht wie die
Malerei den charakteristischen Stil begnstigt, sondern beiden freien
Spielraum gewhrt. Jener zarte Sinn fr die reine Form, welcher mit
selbstvergessenem Entzcken selbst der abstrakten Schnheit der Linien
zu folgen vermag, von den groartigen Umrissen eines Gebirges bis
herab zu den lieblichen Wellenwindungen eines Frauenscheitels -- er
ist dem Dichter nicht minder unerllich als der kecke Mut, der seine
Lust hat an den mannigfachen Verzerrungen, in denen das Menschenleben
die Idee des Schnen entstellt und gebrochen zur Erscheinung bringt.
Erst die Vereinigung dieser Krfte macht den Dichter. Nur ein Mehr
oder Minder, ein Vorwiegen der einen oder der andern Richtung ist an
einzelnen Knstlern wie an ganzen Zeitrumen wahrzunehmen. Und wenn
wir die prosaischen Lebensformen unserer Tage, ihr unstreitbar mehr
auf das Wahre denn auf das Schne gerichtetes Gefhl betrachten, so
lt sich gar nicht leugnen: fr einen modernen deutschen Dichter,
der seiner Zeit ein offenes Herz entgegenbringt, ist die Hinneigung
zur charakteristischen Darstellungsweise nicht Sache der freien Wahl,
sondern Ergebnis geschichtlicher Notwendigkeit. -- In dem heftigen
literarischen Kampfe jener Zeit fanden so einfache Wahrheiten
kein Gehr; jeder Knstler ward unbarmherzig hineingezerrt in den
Parteihader des Tages. Otto Ludwig selbst hat sich von den kritischen
Fehden vornehm zurckgehalten, er hat zur Welt nie anders gesprochen
als durch seine poetischen Taten. Trotzdem erkor ihn die buntscheckige
Menge der charakteristischen Darstellungsweise zur Zielscheibe ihrer
bittersten Anfeindungen; er sollte der wahre Bannertrger sein der
Poesie des Ttendrehens. Wunderlicher Irrtum! Wie wahr ist es doch, da
die Lebenden einander nicht verstehen! Heute, da jener trichte Zank
lngst verstummt ist, da Otto Ludwig nicht mehr unter uns weilt, sei
der Versuch gestattet, ein treues Bild des edlen Mannes zu zeichnen. --

Eine harte freudlose Jugend gewhrte dem Dichter nur allzuoft einen
Einblick in die Nachtseiten des Menschenherzens. Er war zu Eisfeld
im Jahre des deutschen Freiheitskrieges geboren und wuchs heran in
jenen mden Zeiten, da noch kaum ein Lichtstrahl eines ffentlichen
Interesses die Gedanken der Menschen in einer thringischen Kleinstadt
hinweglenkte von den Sorgen und Kmpfen ihres engen huslichen
Daseins. Er erlebte frhzeitigen Liebeskummer, raschen unheilvollen
Schicksalswechsel im Hause der Eltern, sah unter den Verwandten
wilde Auftritte entfesselter Leidenschaft in gedrckten rmlichen
Verhltnissen, und da er eine Zeitlang hinter dem Ladentische stehen
mute, trat ihm das kleine Alltagstreiben der wunderlichen Kuze,
die jene Zeit des ungestrten Philistertums erzeugte, dicht unter
die Augen. Das Vlkchen um ihn her begann bald zu ahnen, da eine
ungewhnliche Kraft in der Seele dieses jungen Menschen arbeitete. Ein
Augenzeuge erzhlte mir einst, wie Thorwaldsen einmal im lebhaften
Gesprche im Zimmer auf und ab ging, die Hnde auf dem Rcken gefaltet
und einen Tonklumpen zwischen den Fingern knetend; nach einer Weile
holt er den Ton hervor und siehe da, er hat die edlen Umrisse eines
schnen Kopfes geformt. Auch in der Phantasie des jungen Thringers lag
ein Zug von dieser unbewuten geheimnisvollen Schpferkraft. Er lebte
und webte in einer reichen Traumwelt; glnzende Gestalten tauchten auf
vor seinem inneren Auge, traten ihm in den Weg, wo er ging und stand,
in krperlicher Flle, in bengstigender Nhe. Vielleicht ist kein
deutscher Dichter seit Heinrich Kleist durch eine solche bermchtige
Naturgewalt des Vorstellungsvermgens zugleich beglckt und gepeinigt
worden. Doch der erlsende Ruf, der den harmonischen, glcklichen
Genius frh auf ein bestimmtes Gebiet des Schaffens drngt, erklang
diesem ringenden Geiste nicht. Seine Phantasie war ebenso unstet als
vielseitig; sein Wesen gemahnt an jene Urzeit des Vlkerlebens, da
die Gattungen der Kunst noch ungeschieden durcheinander lagen und
der Mensch mehr in Bildern und Tnen als in Begriffen dachte. Er
hrt entzckende Melodien in seinem Innern klingen und beginnt zu
komponieren, er zeigt ein lebhaftes Gefhl fr die bildende Kunst
und sieht die Erscheinungen, die ihm aufsteigen, blendend vor sich
in reicher Farbenpracht, so deutlich, da er das leiseste Zucken
ihrer Mundwinkel nachzeichnen knnte; er fhlt die ersten Regungen
seiner Dichterkraft und spielt in einem Liebhabertheater zugleich den
Dramaturgen und den Kapellmeister.

Als er endlich meint, seinen Beruf fr die Musik erkannt zu haben, und
die Gte eines Gnners dem Armen das Studium der Kunst ermglicht, da
fhrt ihn sein Unstern in das hfliche Sachsen. Dem derben Sohne der
Thringer Berge graut vor diesen glatten Stdtern, vor der erlogenen
Jugend auf diesen Leipziger Gesichtern. Er sehnt sich heim nach der
alten Bastei in Eisfeld, wo er so oft mit schlichten, kernhaften
Freunden geplaudert, zieht sich scheu vor den Menschen zurck. Noch
in spteren Jahren, wenn er die hohen Gestalten der Bilder in der
Dresdner Galerie betrachtete, erschien ihm das moderne Volk mit seiner
Hast und seiner Leere oft nur wie ein Haufen aufgepappter Nrnberger
Mnnlein. Er erwarb jetzt, whrend er eifrig seiner Kunst oblag,
durch harte, aufreibende Arbeit eine allgemeine Bildung, die doch
immer unfertig blieb, bis er endlich -- man sagt, nach dem Anhren
einer Beethovenschen Symphonie -- sich traurig gestehen mute, da die
Welt der Musik nicht die seine sei. Nun erwachte seine dramatische
Kraft. In seinen dreiiger Jahren geht er noch tastend die Irrgnge
des Schlers, mannigfach aufgeregt bald durch die reckenhafte Gre
der altnordischen Sagenwelt, bald durch die Spukgestalten der neuen
Romantik. Ich verdanke der Gte der Witwe Otto Ludwigs die Kenntnis
zweier Dramen aus dieser Zeit, und ich vermag lebhaft nachzuempfinden,
wie bald der strenge, rastlos aufstrebende Geist des Dichters, der
sich nie genug tat, von so unreifen, chaotischen Werken sich abwenden
mute. Das Frulein von Scudery ist eine wenig glckliche Bearbeitung
der bekannten Schauergeschichte von Callot-Hoffmann; die phantastische
Willkr der Erfindung, welche der Novellist durch den leichten Flu
seiner Erzhlung, durch eine gewisse diabolische Grazie zu verstecken
wei, tritt in dem Drama grell, in widerwrtiger Klarheit hervor.
Minder formlos, aber auch weniger eigentmlich ist das Trauerspiel Die
Rechte des Herzens.

Es gereicht dem Scharfblick Eduard Devrients zur Ehre, da er aus
einzelnen mchtigen Klngen ursprnglicher Leidenschaft, welche in
diesen unfertigen Dramen zuweilen aufbrausen, das Talent des Dichters
erkannte und ihm die Schule der Dresdner Bhne erffnete. Was wute
die Klatschsucht des ngstlichen Dresdner Philisters nicht zu erzhlen
von dem schweigsamen Sonderling, der zuweilen mit seiner langen Pfeife
im Groen Garten erschien -- eine hohe schlanke Gestalt, schne,
tiefe deutsche Augen, ein groes bleiches Gesicht von langem Haar und
Bart umschattet. Ein Ton matter und platter Gemtlichkeit war aus
der Dresdner Knstlerwelt niemals ganz verschwunden seit jener Zeit,
da die Abendzeitung ihre Wasserknste spielen lie, bis herab zu
diesen neueren Tagen, da der wackere Julius Hammer verstndnisinnig
um sich und in sich schaute. Doch alle mannhaften und tiefen Naturen
aus diesen gefhlsseligen Kreisen suchten gern das stille Haus des
Thringers auf; und wer ihm irgend nher getreten, pries bewundernd
die seltene Hoheit dieses Knstlergeistes, wie besonnen und verstndig
er im tglichen Leben schaltete, wie treu und wahrhaftig die Stimme
der Empfindung aus seinem Herzen klang, und wie geistvoll er in seinem
derben Thringer Dialekte ber die hchsten Probleme der Kunst zu
reden wute, wenn man nur anzuklopfen verstand. Eine glckliche Ehe
und der gnstige Bhnenerfolg zweier Tragdien schienen dem Dichter
endlich, da er das vierzigste Jahr schon berschritten hatte, die Bahn
eines wohlgeordneten ehrenvollen Lebens zu erffnen; da warf ihn ein
grausames Siechtum danieder, betrog ihn und uns um die Frchte seines
Schaffens. Unermdlich ttig, nie verlassen von seiner Seelenstrke,
hat er noch viele Jahre hindurch der Krankheit widerstanden, bis er
endlich, kaum zweiundfnfzigjhrig, erlag.

Es mu ein harter Kampf gewesen sein, der den Dichter des Fruleins
von Scudery befreite von den allzu lange verfolgten romantischen
Idealen. Genug, er brach mit dieser phantastischen Welt, endgltig
nach seiner starken Art; er wollte fortan auf eigenen Fen stehen,
Natur und Wahrheit geben, ja die Wirklichkeit selbst -- so schrieb
er -- nicht die rohe, sondern die schne. In der Tat erschien das
Trauerspiel Der Erbfrster, das in Dresden (1852) zum ersten Male
ber die Bretter ging, wie eine leidenschaftliche Kriegserklrung
gegen alle romantische Verschwommenheit. Es ist kaum mglich, ber die
ungeheuerliche Fabel dieses seltsamen Dramas ein allzu hartes Urteil zu
fllen. Das Thema von Kleists Kohlhaas, das Bild des wackeren Mannes,
der durch gekrnktes Rechtsgefhl ins Unrecht gestrzt wird -- dieser
alte schne grunddeutsche Stoff erscheint hier sonderbar verzerrt. Ein
leichter, ja komischer Streit zwischen dem wackeren Frster und seinem
nicht minder wackeren Herrn wird durch allerlei uere Umstnde, durch
eine verwickelte dramatische Maschinerie, die den Einflu von Lessings
Emilia Galotti nur allzu deutlich erkennen lt, emporgeschraubt zu der
Hhe eines tragischen Kampfes; zuletzt greift gar der gemeine Zufall
ein und der Frster erschiet, indem er den Sohn des Feindes tten
will, sein eigenes Kind.

Und doch, was war es, das damals die Hrer in gespannter Teilnahme auf
den Bnken bannte? Warum regte sich kein Lcheln bei den widersinnigen
Zumutungen, welche der Dichter an uns stellt? In leibhaftiger
Wirklichkeit, mit berwltigender Wahrheit traten uns diese Menschen
entgegen; whrend des Schauens zum mindesten vermochte der Zweifel
nicht sich zu regen. Ein jeder fhlte: das ist tief innerlich
empfunden, das ward geschrieben mit jener Sammlung des ganzen Wesens,
welche in der heutigen Kunst -- bei der Masse von Bildungsstoff, die
auf den Knstler eindrngt und seine Teilnahme zerstreut -- eine
unendlich seltene Erscheinung ist. Diese Gestalten hatten von dem
Blute des Lebens getrunken, sie sagten uns nicht, was der Dichter mit
ihnen wollte, sie sagten, was sie selber wollten, und sie sprachen es
aus, ohne es recht zu wissen. Eine feine und tiefe Unterscheidung,
die den Nagel auf den Kopf trifft und von Otto Ludwig in seinen
Selbstbekenntnissen oft betont wird; der kalte Verstand begreift sie
kaum, das gesunde Gefhl empfindet sie augenblicklich. Gerade die
gebildeten Hrer, befangen in der Reflexion, an stete Selbstbeobachtung
gewhnt, zeigen heute wenig Sinn fr die rechte Objektivitt des
Dramatikers; sie sind befriedigt, wenn die Gestalten auf der Bhne nur
nichts sagen, was ihrem Charakter widerspricht, und hren gern jene
pikanten epigrammatischen Selbstbekenntnisse, welche doch lediglich den
psychologischen Scharfsinn, den analytischen Verstand des Dichters,
nicht seine Gestaltungskraft zeigen. Hier aber erschien ein echter
Dramatiker, der vllig hinter seinem Werke verschwand. Der unglckliche
Dichter, der mit seinem schwerflssigen Talent seinen unablssigen
grbelnden Seelenkmpfen dem fruchtbaren, glckselig heiteren Genius
Albrecht Drers gegenbersteht wie die Nacht dem Tage, zeigt doch in
der naiven Wahrheit, der knorrigen Eigenart seiner Charaktere eine
Verwandtschaft mit dem alten Maler.

Und warum fanden sie so wenig Anklang, jene kritischen Stimmen, welche
mit der naheliegenden Behauptung auftraten, hier sei die krasse
Trivialitt der Schicksalstragdien wieder auferstanden? Nein, hier
ist nichts von jener leichtfertigen Frivolitt, die des Menschen Tun
und Denken an einen rohen Zufall knpft. Ein alttestamentarischer
Ernst schreitet durch das Stck; der Dichter scheint frivol, weil
seine gewissenhafte Strenge zur Hrte wird. Unschuld und Verbrechen
steh'n an den Enden des Menschlichen; aber den Unschuldigen und
den Verbrecher trennt oft nur ein schnellerer Puls -- das ist ein
Ausspruch frevelhafter Schwche, wenn er die Snde entschuldigen soll.
Aber Otto Ludwig versteht ihn im Sinne einer Anklage; er glaubt gerecht
zu handeln, wenn er einem raschen Worte, das unser Herr wird, weil
wir uns nicht die Mhe geben, sein Herr zu sein, die furchtbarsten
Schrecken folgen lt. Eine freudlose, trostlose Lebensweisheit, eine
arge Verirrung, gewi, aber die Verirrung eines tiefen und starken
Geistes!

Vielleicht noch peinlicher als den grausamen Schlu empfand der Hrer
die schwle beklommene Luft, die ber dem gesamten Werke liegt. Diese
starken wilden Leidenschaften im engsten Raume tobend -- das macht
den Eindruck eines Sturmes im Glase Wasser, dabei geht die Harmonie
von Form und Inhalt verloren. Die Berechtigung des drflichen und
kleinbrgerlichen Lebens in der Tragdie bleibt schlechterdings eine
sehr beschrnkte. Worin besteht der poetische Reiz jener schlichten
Lebenskreise? In der Einfachheit, der heimlichen Enge, dem traulichen
Frieden eines der Natur noch nicht entfremdeten Daseins. Wie anders in
dieser Tragdie! Von dem sthetischen Reize des Wald- und Jgerlebens
ist nicht die Rede; nur die Hrte, die Unfreiheit der prosaischen
Lebensverhltnisse tritt uns entgegen. Wo die Leidenschaft tobt, da
erscheint sie in hlicher Form: ausgehauen wird des Frsters Sohn,
und den ruchlosen Mordtaten mu sich die feige Waffe der Bchse als
Mittel bieten. Frwahr, das sind keine uerlichkeiten. Wenn der
Dichter in der ersten Bearbeitung seinen Helden aufs Gericht gehen
lie, um fr den Totschlag den Tod zu finden, wenn er spter den
juristischen Fehler durch einen psychologischen ersetzte und diesen
starren Glubigen durch Selbstmord enden lie: -- liegt darin nicht ein
bedenklicher Fingerzeig, wie wenig diese harmlosen Lebenskreise sich
fr die Tragdie eignen? Die komische, die rhrende Dichtkunst findet
in solchen einfachen Zustnden ihr natrliches Element. Die Tragdie
schreitet auf geweihtem Boden, sie verlangt den Kothurn, sie fordert
eine reine, von dem Dunst und Staub des alltglichen Lebens gesuberte
Luft, sie fordert groe Verhltnisse, wenn die groen Leidenschaften,
welche sie entfesselt, gro erscheinen, harmonisch wirken sollen,
wenn ihr Eindruck nicht traurig statt tragisch, niederschlagend
statt erschtternd sein soll. Oder wre es ein Zufall, da die groe
Familientragdie des Lear, das psychologische Drama des Tasso in der
vornehmen Welt spielen? Wir sind weit entfernt, den niederen Stnden
die tragische Hoffhigkeit kurzweg abzusprechen; aber es bedarf
ungewhnlichen Glckes, wenn der Dichter einer kleinbrgerlichen
Tragdie die arge Klippe umschiffen will, da die Leidenschaften
in diesem engen Raume verkmmert, gebrochen erscheinen, und da
die rchenden Mchte des brgerlichen Lebens, der Gendarm und das
Trillerhusle mit ihrer handgreiflichen Hlichkeit den Kunstgenu
zerstren.

Noch mehr. Die Tragdie verlangt volle Zurechnung, individuelle
Freiheit des Entschlusses der Handelnden, und auch darum sind die
Hhen des Lebens ihr natrlicher Boden. Keine Spur davon in unserem
Trauerspiele. Dieser Held bewegt sich in einer engen Welt fester
Rechts- und Ehrbegriffe, welche nicht minder starr, aber weit minder
sthetisch sind als die Satzungen spanischer Ritterlichkeit in den
Dramen Calderons. Seine Ehre glaubt er geschndet, wenn sein Gutsherr
ihn wegen einer Meinungsverschiedenheit aus dem Dienste entlt, sein
Ansehen denkt er zu wahren, wenn er mit der Furcht statt der Liebe Weib
und Kind an sich fesselt. Auch Kleists Kohlhaas ist ein schlichter
Mann aus dem Volke; doch hier zeigt sich die berlegenheit dieses
mit Ludwig verwandten und doch ungleich greren Geistes. Kleist
lt seinen Helden klar und einfach denken, also da wir alle, hoch
und niedrig, sofort verstehen, warum er in seinem Rechte gekrnkt,
zur Selbsthilfe greift. Dem Erbfrster dagegen widerfhrt zwar eine
Unbill, doch kein Unrecht, er wird als ein widerspenstiger Diener von
seinem Herrn entlassen. Der brave Mann empfindet nun dunkel -- und
wir mit ihm --, da das formelle Recht diesmal zur unsittlichen Hrte
fhrt; in ihm regt sich die uralte, die echt menschliche und doch ewig
unerfllbare Forderung, da die Ordnung des Rechts und die Ordnung der
Sittlichkeit sich decken sollen. Aber der Dichter verschmht, dies
klare und wirksame Motiv zu benutzen; er leiht seinem Helden nicht
die Beschrnktheit der Leidenschaft, welche im Drama ein ewiges Recht
behauptet, sondern die Beschrnktheit der Unbildung, die der Hrer
belchelt. Der unwissende Frster kann das sonnenklare Recht seines
Dienstherrn nicht begreifen, und auf dieser Dummheit des Helden ruht
am Ende der ganze tragische Konflikt! -- So sind meine Thringer --
pflegte Ludwig zu antworten, wenn man ihm solche Bedenken einwarf;
er gedachte dann aller der harten und beschrnkten Naturen, die ihm
droben auf dem Walde begegnet waren, er erzhlte von jenem Manne
in Eisfeld, der mit den Seinen dem Hungertyphus erlag, weil er es
fr eine Schande hielt, der Behrde seine Drftigkeit zu bekennen.
Aber sind solche Empfindungen, weil sie im Leben vorkommen, poetisch
wahr? Ist der Hrer, der mit freieren menschlichen Ideen an das Werk
herantritt, imstande, sie nachzuempfinden oder auch nur zu begreifen?
Die enge kleine Welt, worin der Dichter aufwuchs -- sonst ein Segen
fr den Knstler, denn sie schenkt ihm, was keine Bildung ersetzen
kann, Vertrautheit mit der Natur, mit dem einfachen Ausdrucke starker
Empfindungen -- sie gereicht ihm zum Unsegen. Er vermag nicht, ber
das Reich der Erfahrung sich zu erheben, er zeichnet das Leben selbst,
nicht ein knstlerisches Bild des Lebens. So hinterlt dies Drama
eines ernsten und strengen Knstlers doch einen hnlichen Eindruck,
wie die Werke zuchtloser, nach willkrlichen Effekten haschender
Geister: erstaunt und befremdet verweilen wir, dieser Held ist ein
unverstndliches Original.

Zu diesem Fehler, der aus unfreier Bildung entspringt, gesellt sich
ein anderer, der seinen Grund hat in der berflle der Kraft. Die
sinnliche Wahrheit der bis zur Zudringlichkeit deutlichen Gestalten
berschreitet oft die dem Dramatiker gesetzten Schranken, also da
der Schauspieler gepeinigt oder zum Automaten herabgewrdigt wird;
ber ihnen schwebt nicht jener geheimnisvolle Duft, der die Phantasie
des Hrers zu eigener Ttigkeit erweckt. Wie peinlich der Dichter
durch seine Traumgestalten bedrckt ward, das fhlen wir bei Ludwig
wie bei Kleist am deutlichsten an den Szenen hchster Erregung: hier
finden beide selten die Beredsamkeit der Leidenschaft, sie reden die
stammelnden Laute der rohen Empfindung, sie scheinen zu kalt, weil sie
zu hei sind. Das alles hat Otto Ludwig selbst spterhin eingesehen, da
er sich vorwarf: Wer den Sinn berzeugen will, lhmt die Phantasie.
Endlich -- da einmal auch der begabteste Dichter seine Menschen
teilweis sich zum Bilde schafft -- so haben all diese Charaktere eine
schwere, verschlossene, zurckhaltende Weise, die jede Situation
bermig gespannt und ngstigend macht und dem Hrer zur Qual wird.
-- Wer die Strke dieses Talents bewunderte, der mute wnschen, ein
freundlicher Stern mge die Phantasie des Dichters hinausfhren aus der
engen Welt, die seine Wiege umgab, damit er das Drftige und Hliche
des Alltagslebens vergesse -- und er mge sich befreien von der Schule
Eduard Devrients, welcher er zwar die Bhnenkenntnis und die Sorgfalt
in der Charakterzeichnung, aber auch die einseitige Vernachlssigung
der idealen Elemente des Dramas verdankte.

Und Otto Ludwig erfllte diese Hoffnung, als einige Zeit spter Die
Makkaber erschienen. Der Stoff konnte nicht glcklicher gewhlt
sein; denn der lyrische Schwung, der in der Fabel selbst liegt, half
freundlich einen Mangel in Ludwigs Talent verdecken, und nicht die
sinnlich reizende Pracht, welche heute so viele blasierte Poeten an
die orientalischen Stoffe fesselt, sondern der tiefreligise Ernst der
jdischen Welt, der dem Wesen Ludwigs vollkommen entspricht, hatte
den Dichter angezogen. Das Drama gemahnt oft an den glaubensfreudigen
Siegesjubel, der in den Klngen von Hndels Samson redet. Wie Juda
Makkabus ber die Leiche seines Oheims nach dem Gtzenbilde schreitet
und den Greuel in den Staub wirft -- o arme Beter, rm'rer Gott!
-- und wie den sterbenden Duldern zu Jerusalem aus den Augen des
einziehenden Helden neue Kraft zum Leben zustrmt: diese Szenen
stehen dem Besten unserer Dichtung zur Seite. Und es sind Kmpfe von
ewiger Wahrheit, die der Dichter schildert: die Emprung des freien
Heldenmuts gegen religisen Fanatismus, der Kampf der Glaubenstreue
mit dem Zwange weltlicher Tyrannei. Die beklemmende Dsterheit von
Ludwigs Erstlingsdrama finden wir hier nicht mehr, wohl aber dieselbe
Kraft und Gedrungenheit, denselben sittlichen Ernst. Dies letztere
erscheint besonders erfreulich, wenn wir uns des gleichnamigen Stckes
von Zacharias Werner, das sich mit Ludwigs Tragdie vielfach berhrt,
erinnern; denn an dieser Arbeit des Apostaten emprt uns nicht sowohl
das wste Durcheinander der Szenen und der hohle Klingklang schlechter
lyrischer Verse, als der gnzliche Mangel an Gewissen, die prahlerische
uerlichkeit des religisen Gefhls.

In der Zeichnung der Charaktere hat der Dichter hier nur wenig und
in groen Zgen motiviert, und leider pflegen die Auffhrungen der
Makkaber das Heinesche Witzwort, da Schauspieler und Dichter in
demselben kordialen Verhltnisse zu einander stehen, wie der Henker und
der arme Snder, in besonders schlagender Weise zu bewahrheiten. Es ist
ein Vorzug groer historischer Stoffe, da sie sparsames Motivieren
ermglichen: die erhabenen allgemein-menschlichen Empfindungen der
Vaterlandsliebe, des Heldenmuts, der religisen Begeisterung hat jede
nicht ganz stumpfe Phantasie schon durchempfunden, der Dichter hat
nicht ntig, durch Kleinmalerei sie uns nher zu bringen. Wer sollte
ihn nicht verstehen, diesen kniglichen Juda, den Mann, der seine
Tugenden verhllt, da unsere Armut nicht vor ihm errte, der bei
der Feinde Drohen vor Lust bebt wie ein Baum im Regen? Und neben ihm
in ihrer Demut Niedrigkeit das Rslein von Saron, eine Gestalt, die
nur wenige Zeilen spricht, aber, von einer ertrglich schnen und
gefhlvollen Schauspielerin dargestellt, jeden Zuschauer kaum minder
rhren mu als den Juda selber. Auch der vielgeschmhte Charakter
der Mutter der Makkaber scheint uns durchaus wahr und treu. Kein
Weib war weiser, keine Mutter trichter, dies Wort des Juda lst
das Rtsel. Mit durchdringender Klarheit erkennt sie die Schmach
ihres Volkes, sie glaubt mit einer die Grenzen des Weiblichen schon
berschreitenden Leidenschaft an die Rckkehr der Juden zum alten
Glanze, zum alten Gott; und in weiblicher Weise vermischen sich diese
religis-politischen Bestrebungen mit ihrem Familienstolze, ihrer
blinden Mutterliebe: in jedem ihrer Shne meint sie den Helden ihres
Volkes zu schauen, und indem sie ihnen die Bahn zum Ruhme weist,
zittert sie davor, sie zu verlieren. Es ist ein tiefsinniger Zug, da
diese entgegengesetzten Seiten ihres Wesens zuletzt, da sie selbst ihre
Shne zu Jehovas Ehren in den Tod treibt, miteinander in Kampf geraten.

Leider ist die Komposition sehr unfertig, auf Szenen voll Hoheit folgen
oft matte, fast zwecklose Auftritte. Ludwig hat gleich Z. Werner
zwei Fabeln verbunden, den Glaubenskampf des Juda und die rhrende
biblische Erzhlung von dem Opfertode der sechs Knaben im Marterofen;
aber ihm so wenig als Werner ist die Verschmelzung gelungen. Beide
Stoffe sind durchaus dramatisch, es war mglich, sie mit derselben
Idee zu durchdringen und in hnlicher Weise wie die beiden Tragdien
im Lear zu einer idealen Einheit zu verknpfen. In der einsamen Gre
des Juda, der sich losreit von dem mtterlichen Boden der Gesittung
seines Volkes, ruht ein tieftragischer Gehalt; der Held -- das ist des
Dichters eingestandene Absicht -- soll zu seiner Beschmung erfahren,
da auch er nur ein Werkzeug ist in der Hand Jehovas, und da Israel
gerettet wird nicht durch den Mut des Heerfhrers, sondern durch die
Glaubenstreue der Masse. Aber dann durfte der Glaubenseifer dieses
Volkes nicht blo durch den Mund des Fanatikers Jojakim zu uns reden;
vor Augen muten wir es sehen, wie die Juden sich mit den Waffen in
der Hand erwrgen lassen, weil sie die Sabbatgesetze nicht brechen
wollen; und vor allem: dann durfte in den wenigen Szenen, wo wir es
schauen, das Volk nicht -- in jener Shakespeareschen Weise, die fr
unsere Gesittung unbedingt ein Anachronismus ist -- so gar niedrig und
erbrmlich auftreten, denn auch die entsetzliche Starrheit des Glaubens
hat das Recht einer groen Idee. Diesem elendesten der Vlker gegenber
bemerken wir Judas Schuld kaum, er erscheint als ein makelloser, ein
epischer Held; und wie schwer er leidet, wie tief sein stolzer Geist
sich zerknirscht fhlt durch die Erkenntnis seiner Kleinheit, das
hat der Dichter, wie pltzlich erlahmend, kaum angedeutet. -- Noch
unsicherer entwickelt sich die andere Fabel; sie gelangt erst in der
prachtvollen Schluszene, da die Makkaberin um das Leben ihrer Kinder
fleht, zur vollen dramatischen Wirkung. --

Wie ist eine so seltsame Ungleichheit des Schaffens zu erklren?
Otto Ludwig selber gibt die Antwort in einem rckhaltlos ehrlichen
Bekenntnis. Der Dichter gesteht, da ihn in den Stunden des Empfangens
zuerst eine musikalische Stimmung berkommt; sie wird ihm zur Farbe,
und durchleuchtet von dieser Farbe treten ihm dann einzelne Gestalten
der werdenden Dichtung vor Augen, in einer groen dramatischen
Situation, die gewhnlich nicht die Katastrophe ist. Erst nach diesen
Gesichten hrt er seine Menschen reden, und aus der Farbenpracht
solcher Erscheinungen erwchst ihm nach und nach der Plan seines
Werkes. Wer kann das lesen, ohne sofort befremdet zu rufen: Das
ist das Bekenntnis eines epischen Dichters! Dem Dramatiker mu die
Entwicklung seiner Charaktere, ihr strmisches Fortschreiten durch eine
Welt der Taten und der Leiden das Erste, das Wesentliche sein. Ein
dramatischer Dichter, der also nur einzelne Szenen seines Gedichts in
seiner Seele erlebt, wird unvermeidlich in der Komposition des Werkes
und in den Szenen, die er erst nachtrglich hinzugedacht hat, eine
ermattete Kraft zeigen, zumal wenn ihm, wie diesem treuen Thringer,
die Gabe des Machers, der ber seine Schwchen zu tuschen wei,
gnzlich versagt ist. Und doch ward Ludwig durch sein mnnliches, tief
leidenschaftliches Wesen unwiderstehlich auf das Drama hingewiesen;
von der milden, heiteren Beschaulichkeit des Epikers lag gar nichts
in ihm. Durch solche verschwenderische Kargheit der Natur, die ihm
einige herrliche Gaben des Dramatikers, einige Krfte des Epikers,
doch nicht die Harmonie des Genius schenkte, wird das tiefe Unglck
dieses ringenden Dichtergeistes vollauf erklrt. -- In der Sprache des
Stckes endlich kmpfen zwei Stile: das erhabene, von groen Metaphern
strotzende biblische Wort, das dem idealen Drama sich leicht einfgt,
steht fremd neben der pointenreichen Redeweise des Lustspiels und der
brgerlichen Dramas.

Alle Freunde des Dichters fhlten: in dieser erhabenen Welt hatte das
gro angelegte Talent des Dichters seinen natrlichen Tummelplatz
gefunden. Aber Ludwig berraschte uns einige Jahre darauf durch seine
Rckkehr zu dem Ausgangspunkte seiner Bildung; das Thringer Kleinleben
hatte ihm den Stoff geboten fr die Erzhlung Zwischen Himmel und
Erde. Jene unselige Fertigkeit, uns selbst zu belgen, deren Keim
auch in dem reinsten Menschen schlummert, deren Verirrungen in der
Liebe dem Komiker einen so dankbaren Stoff bieten -- hier ist sie als
der Urgrund der Snde aufgefat. Wie wir uns einspinnen in eine Welt
erlogener Vorstellungen, wie uns der Wahn lieb wird und wir eine Furcht
ebenso schwer aufgeben als eine Hoffnung, wie wir die Welt zu kennen
meinen, derweil wir nur uns selbst kennen, wie endlich die Schuld uns
dahin fhrt, in den Menschen zu hassen, was wir an ihnen getan --
diese Nachtseiten des Herzens hat Ludwig mit wunderbarer Divination
verstanden. Hier, bei Ludwigs reifstem Werke, drfen wir auch die
Frage aufwerfen: was hat dieser Dichter gemein mit den Bestrebungen
und Empfindungen seiner Zeit? Nicht als wollten wir in tendenziser
Weise das =fabula docet= aus den Gebilden des Knstlers ziehen -- nicht
als wollten wir im mindesten die Berechtigung jener, man darf sagen,
zeitlosen lyrischen Dichter bezweifeln, welche, wie Eduard Mrike, eine
kleine Welt einfacher Gefhle mit unverwstlichem Humor verklren:
allein gegenber dem weit bewuteren Schaffen des Novellisten und
des Dramatikers ist die Frage nach seinem Zusammenhange mit den
Ideen seiner Zeit durchaus am Platze. Lange Jahre verleben unsere
besten Mnner im Kampfe mit falschen Gtzen, mit einer verkehrten
Genialitt, mit sentimentalen Phrasen, die wir aus einer unklaren
verschwommenen Zeit ererbt haben. Darum werden wir so mchtig berhrt
von der ungeschminkten Wahrhaftigkeit der Ludwigschen Gedichte; die
schlichte Gre des Juda reit uns hin, und selbst die pedantische
Figur des Apollonius Nettenmair erweckt unsre Teilnahme, denn das
tiefe Klarheitsbedrfnis dieses Mannes, sein Widerwille gegen jede
Selbsttuschung gemahnt uns an selbsterlebte schwere Stunden.

Wie in allen im Herzen des Knstlers empfangenen Gedichten hngen
auch in dieser Erzhlung Ludwigs die Fehler eng zusammen mit den
Vorzgen. Er lt uns die Stimmen hren, die sich in der Menschenbrust
untereinander entschuldigen oder verklagen, doch er verirrt sich auch
oft in eine Kleinmalerei, die dem lebhaften Geiste unertrglich wird.
Wer wte nicht, wie selbst den edlen Menschen zuweilen an heiliger
Stelle eine sinnlos widerwrtige Vorstellung berfllt? Welche Flle
widersprechender Bilder und Gedanken durchtobt uns in einem Augenblicke
der Aufregung, und wie ganz vergeblich ist das Bemhen, jeden dieser
Zge festzuhalten! Wie der Maler um seine Gestalten einen festen Rahmen
zieht und dem Beschauer berlt, diese schne Welt der Trume noch
ins Unendliche auszudehnen, so ist auch dem psychologischen Talent
des Dichters eine Grenze gesetzt. Jede bertriebene Motivierung ist
unschn, denn sie ermdet; sie ist unwahr, denn ein vorbergehender
Gedanke hinterlt, in der Form der Darstellung fixiert, einen
ganz anderen Eindruck als in seiner flchtigen Erscheinung in der
Wirklichkeit; noch mehr, die berladung mit psychologischem Detail
wirkt verwirrend, sie verdunkelt das Wesentliche, das Ergebnis des
psychischen Prozesses.

Ludwig hat das thringische Kleinleben vielleicht noch treuer, er hat
es jedenfalls minder befangen von gebildeter Reflexion geschildert,
als Auerbach die Zustnde seiner Heimat. Doch gerade darum tritt das
Unschne dieser Verhltnisse in der Detailschilderung der Erzhlung
sogar noch aufflliger zutage, als in dem knappen dramatischen Bau des
Erbfrsters. Fr die Kunst gibt es noch heute Banausen. Die Theorie
soll sich nicht anmaen, hier eine feste Grenze zu ziehen, welche der
Mut eines schnheitssinnigen Knstlers jederzeit berspringen kann.
Aber im bestimmten Falle lt sich mit Sicherheit erkennen, ob des
Dichters Helden zu klein, zu alltglich sind fr seine psychologischen
Probleme -- so hier in einer ganz herrlichen Szene. Als das geliebte
Weib in warmem, schwellendem Umfangen in Apollonius' Armen liegt,
als die Versuchung in verlockender Schnheit an ihn herantritt, da
fat ihn die dunkle Vorstellung, als stehe er wie an seinem Tische,
und, bewege er sich, ehe er sich umgesehen, so knne er etwas wie ein
Tintenfa auf etwas wie Wsche oder ein wertvolles Papier werfen.
Jawohl, solche Bilder mgen in solchem Augenblicke das Hirn eines
wackeren Schieferdeckermeisters durchzucken, der an Leib und Seele
die Sauberkeit und Ordnung selber ist. Aber welcher Leser von freier
Bildung kann ein so kleinliches Bild bei so groem Anla ertragen? Die
Kunst hat einen andern Mastab als das praktische Leben. Nicht das
wertvolle Gold, sondern die schne Masse des Marmors ist dem Bildner
der erwnschte Stoff; und wie der wilde Frevel des Mordes und der Liebe
se Snden sthetisch verzeihlicher sind als leichtere kleinliche
Vergehungen, so ist das Ehrenwerte als solches noch nicht berechtigt,
den Tempel des Schnen zu betreten. Ludwig selbst hat das gefhlt,
indem er mit glcklichem Takt seinem Helden ein Gewerbe gab, das mit
seinem kecken Wagen immerhin noch einigen sthetischen Reiz hat.

Auch der ethische Gehalt der Erzhlung leidet unter der Enge
dieser kleinstdtischen Welt. Um zu schweigen von der grenzenlosen
Zurckhaltung, die wie ein Alp auf allen diesen Menschen lastet und den
Ton der Erzhlung noch viel gedrckter macht, als der furchtbar ernste
Inhalt fordert: -- die dargestellten Empfindungen sind nur teilweise
rein menschlicher Art, wir steigen wieder hinab in eine Welt von
konventionellen Begriffen beschrnkter Naturen, denen die Sittlichkeit
als mechanische Ordnung, die Vorsehung als eine finster nachtragende
Macht erscheint, die zu unfrei denken, um die Idee der Schuld und
der Zurechnung zu fassen. Wir wollen zur Not den kleinen Widerwillen
berwinden, den uns die peinliche Ordnungsliebe dieses Apollonius, sein
Federchenlesen und Mbelbrsten einflt, wir wollen den freudigen
Knstlerspruch berhren, der uns dabei mahnend ins Ohr klingt,
Goethes schnes und sittliches Wort: S ist jede Verschwendung!
Wenn wir dem Helden nur seine entscheidenden Entschlsse nachempfinden
knnten! Als Apollonius seine Vaterstadt gerettet und so sich vor
seinen eigenen unerbittlichen Augen von jedem Scheine der Schuld
gereinigt hat, da verschmht er, die Witwe seines ruchlosen Bruders,
die schndlich geraubte Geliebte seines Herzens heimzufhren, ihr und
sich ein sittliches Dasein zu bereiten! Er ist dem Mordstoe seines
Bruders ausgewichen, der Frevler ist dabei umgekommen, und -- hast du
den Lohn der Tat, so hast du auch die Tat! Welche Moral! Empfnden
diese Menschen natrlich, so wre die Vershnung zwar in der Dichtung
schwer zu schildern -- denn so Groes wirkt im Leben nur eine Macht,
welche selbst fr die freieste der Knste kaum darstellbar ist, die
Zeit -- aber sittlich wre sie mglich, ja notwendig. Einem unfreien
Denken bleiben ethische Konflikte unlsbar. Wahrlich, nicht jener
aristokratische Tic, der die Tiefen des Volkslebens nicht versteht,
heit uns so reden, sondern die Erkenntnis, da die freie Bildung
den Menschen zur Natur zurckfhrt! Verstimmt und unfhig, uns der
trbseligen Resignation des Schlusses zu erfreuen, legen wir endlich
das schne Buch aus der Hand. --

Whrend blinde Bewunderer das epische Talent des Dichters priesen,
gestand der strenge Mann sich unbarmherzig ein, da seine Novelle nur
aus einer Reihe dramatischer Szenen bestand. Fr das Epos bleibt das
Berichten der Begebenheiten immer das Wesentliche. Doch wo war hier
der leichte Flu der Erzhlung, wo die behagliche Freude des Epikers
an der Detailschilderung der Auenwelt? Gewi, die Geschichte ist, wie
man sagt, novellistisch spannend, aber nur, weil uns der dramatische
Konflikt der Charaktere mchtig fesselt. Gewi, das Buch ist reich an
wunderschnen landschaftlichen Schilderungen, aber nur da, wo es gilt,
die Stimmung der handelnden Personen in der Natur widerzuspiegeln.
Lat einen Charakter dieses groen Psychologen zwei Zeilen reden,
und der ganze Mensch steht leibhaftig vor euch. Aber lat Ludwig die
Auenwelt um ihrer selbst willen schildern, und ihr empfangt einen
verworrenen, unklaren Eindruck. Am allerseltsamsten spielt das epische
und das dramatische Talent des Dichters durcheinander, wenn er die
uere Erscheinung seiner Helden zeichnet: er sieht sie vor sich,
hell und bestimmt wie der Epiker, aber er schildert mit peinlicher
Unbeholfenheit; wir fhlen die Verlegenheit des Dramatikers, der,
gezwungen zu erzhlen, sich verpflichtet meint, alles zu berichten, was
der Schauspieler agiert.

Jedem Unbefangenen mute jetzt die Befrchtung aufsteigen, die
psychologische Meisterschaft des Dichters werde, wenn er bei der
saloppen Form der Erzhlung verharre, zu virtuoser Manier ausarten,
und seine strenge Wahrheitsliebe werde zum Behagen an der Prosa des
Alltagslebens herabsinken, wenn er in der kmmerlichen Umgebung seiner
Thringer Heimat befangen bliebe. Leider schien das letzte Werk, das
Ludwig verffentlichte -- zwei Novellen unter dem Titel Thringer
Naturen -- die schlimmsten Besorgnisse zu rechtfertigen. Es war die
Zeit, da die neue realistische Richtung ihren Hhepunkt erreicht hatte.
Als unsere Dichtkunst noch jugendlich unsicher nach ihren Stoffen
umhertastete, da brauchte es einen Lessing, um die Marken zwischen
der Poesie und den anderen Knsten zu zeichnen. Hundert Jahre darauf
htte ein Mann von feinem Schnheitssinne wohl nach einem anderen
Lessing rufen knnen, der Poesie und Prosa scheiden sollte. Gebildete
Mnner schmten sich nicht, jedes wohlgeordnete wissenschaftliche
Buch ber Branntweinbrennerei und Drainage ein Kunstwerk zu nennen;
die sthetische Kritik rief ungestm nach patriotischen Stoffen, nach
Schilderungen aus dem deutschen Leben, auf da der haushlterische
Leser zu dem Luxus der Kunst nur ja ein wenig patriotische Erhebung,
ein wenig ethnographische Belehrung mit in den Kauf nehmen knne. Die
blasierte vornehme Welt, der Hetrennovellen und der Redwitzischen
Slichkeit satt, strzte sich, gleichwie Mrike in jenem lustigen
Gedichte ber einen herzhaften Rettich die weichliche Schwche der
Mondscheinpoesie vergit, mit roher stofflicher Lust auf die derbe
Hausmannskost der Dorfgeschichte und fand den Tolpatsch originell, den
Brosi pikant, das Amreile allerliebst! Es war eine Mode wie andere
auch. Aus allen dunklen Winkeln deutscher Erde, aus Kassubien und
aus dem Ries beschworen die ideenlosen Nachtreter Berthold Auerbachs
ein Geschlecht von Tlpeln und Rpeln herauf, und je roher, je
ungeschlachter diese Bauern es trieben, desto mehr waren sie aus
dem Leben gegriffen, mit desto hherem ethnographischen Interesse
betrachtete sie die Lesewelt.

Es schien in der Tat, als htte auch das Talent des Thringer Dichters
sich dazu herabgewrdigt, der neuen Mode zu huldigen. Mit dem hchsten
Aufwande von psychologischer und ethnographischer Treue erzhlte er
in seiner Novelle Die Heiterethei eine drftige Geschichte aus dem
Volksleben seiner Heimat -- den blo scheinbaren Konflikt zwischen
zwei wackeren Liebenden, die nur durch die Zwischentrgerei der
groen Weiber ihres Stdtchens eine Weile getrennt werden. Der
denkende Leser aber fragte verzweifelnd: wozu so vielen Tiefsinn an
einen kmmerlichen Stoff vergeuden? Uns ist, als stnde eine jener
Miniaturkapellen gotischen Stils vor uns, zu klein um erhaben, zu
anspruchsvoll um niedlich zu erscheinen. Die Heiterethei und der
Holdersfritz sind wieder zwei jener stolzen reinen Menschen, denen das
Aussprechen zarter Empfindungen unmglich ist; beide Gestalten und
die Schilderung ihrer sittlichen Wiedergeburt wrden jeden fhlenden
Leser entzcken, erschienen nicht auch sie entstellt und unschn in
der malosen Hlichkeit ihrer Umgebung. Die Heiterethei hat etwas von
einer Heroine -- und sie wird mit dem zrnenden Engel im Paradiese
verglichen, da sie -- den klatschenden Weibern den Kaffee ins Feuer
giet und das Volk zur Tr hinausjagt!! Als der Holdersfritz das
Prgeln in der Schenke verschworen hat, will er den Genossen seiner
strmischen Jugend zeigen, da er die alte Kraft noch besitzt: ein
schwerbeladener Schubkarren wird im Kot festgefahren, die Heiterethei
und alle Mnner versuchen ihre Kraft daran, bis endlich der Fritz
die Adelsprobe besteht! Wir lesen das nicht mit jenem Lcheln durch
Trnen, das der wahre Humor hervorruft, sondern mit der ratlosen Frage
auf den Lippen: Ist das alles Scherz oder Ernst? Wo das Unschne
zurcktritt, da erreicht der Dichter statt sthetischer Erhebung doch
nur moralische Erbauung; so in der Schluszene, als der Fritz endlich
den Trotz seiner Braut gebrochen hat und glcklich rufen darf: Sie
ist raus, die alt' Heiterethei! Und diese beiden Menschen stehen noch
wie ideale Gestalten unter den brigen. Im bittersten Ernste wird uns
seitenlang eine Prgelei in der Schenke beschrieben. O ihr Grazien!
Auf Schritt und Tritt begegnen wir der Schwche aller Dorfgeschichten,
jener unseligen Sprache, welche weder Dialekt noch Hochdeutsch, sondern
ein unsthetisches und unnatrliches Gemisch von beiden ist. Und
diese groen Weiber! Das freie leichte Spiel des Humors ist unserem
ernsten Dichter versagt, in grotesken Zerrbildern erscheinen ihm seine
komischen Gestalten, gespenstisch, peinlich fr ihn selbst wie fr
den Leser. Diese Leute reden nicht, sondern der eine hustet, die
andere spinnt; die Baderin besteht blo aus O und Ach, in ein ewiges
Errten gewickelt, eine andere setzt ihr Zifferblatt auf den Kopf und
nimmt ihr blaues Gehuse um die Schultern, ein dritter schlgt die
Vorderbeine ber den Kopf zusammen. Wahrlich, nur der tiefe ethische
Gehalt in den inneren Kmpfen der beiden Liebenden vermag uns ber so
viel Unschnheit zu trsten.

Noch rger verfehlt ist die letzte Novelle Aus dem Regen in die
Traufe. Ein zwerghafter Schneider, fortwhrend geprgelt, anfangs von
seiner Mutter, dann von seiner Braut -- diese Mutter selbst das alt'
Fegefeuer, mit einem polierten Nasenrcken, der, wenn sie bekmmert
ist, so zu strahlen pflegt, da man von glnzendem Herzeleid reden
kann, endlich jene Braut, die Schwarze, ein Scheusal an Leib und
Seele, wo sie ihrer Natur freien Lauf lassen darf, immer polternd und
mit ihren kolossalen Gliedmaen alles zerschlagend -- dies die Helden!
Das ist zuviel des Hlichen, das erregt physischen Ekel und erinnert
an die abscheuliche Erzhlung Auerbachs von den zwei keifenden und
raufenden alten Hexen Huzel und Pochel, welche freilich damals die
Bewunderung einer verblendeten Kritik erregte. Immerhin erscheint auch
in dieser unglcklichen Novelle eine Gestalt, in der wir die edlen Zge
unseres Dichters wieder erkennen, die kleine Sannel. In diesem guten
Kinde ist der wunderbare Reichtum weiblicher Liebe und Hingebung zu
entzckend liebenswrdiger Erscheinung verkrpert; und -- ein groes
Verdienst in solcher Umgebung -- sie ist hbsch, gottlob, sehr hbsch!
Um dieser braven Dirne willen lie sich manche sthetische Snde
verzeihen.

Die Fanatiker des Realismus jubelten, jetzt endlich habe der Dichter
die ursprngliche Kraft des biderben Volkslebens ganz verstanden;
die Gegner beklagten mit schlecht verhehlter Schadenfreude, so werde
ein groes Talent zugrunde gerichtet durch die Torheit der Mode. Wie
wenig ahnten die Lobredner und die Tadler, was in diesem seltsamen
Menschen vorging! Die Erzhlungen, mit denen der Meister des Realismus
sein letztes Wort gesprochen haben sollte, galten ihm selber nur als
Beiwerke. Er hatte sie hingeschrieben ohne jede Rcksicht auf die Mode
des Tages, lediglich um sich zu beruhigen, um unter den vertrauten
Gestalten seiner Heimat einmal auszurasten; und soviel ich wei, sind
die Thringer Naturen, die fast wie ein Zerrbild von Zwischen Himmel
und Erde erschienen, frher entstanden als diese schne Erzhlung.
Ludwigs beste Gedanken schweiften lngst auf anderen, steileren Pfaden.
Wieder wie vor Jahren, da er sich losri von der Romantik, kam ein
schwerer Kampf ber seinen rastlosen Geist, er begann in der Stille
seines Krankenzimmers seine eigenen Werke zweifelnd zu betrachten, und
wie der bedeutende Knstler immer der beste Kritiker seiner Werke ist,
so fand auch Ludwig, sicherer als das Urteil dritter vermochte, die
Mngel seines Schaffens heraus: Der Gefahr des anatomischen Studiums
mu ich erliegen, ich stehe vor einem Charakter, wie eine Ameise vor
einem Hause. Er fhlt, da er mit seinen Makkabern schon auf dem
rechten Wege gewesen, da das Ideal und die natrliche Wahrheit,
statt einander auszuschlieen, vielmehr fr den rechten Knstler
eines sind, da die Illusion sich ganz von selber einstellt, wenn der
Dichter nur das Schne schafft: Es gilt jetzt nicht, in Opposition
gegen allen Idealismus zu stehen, es gilt vielmehr, realistische Ideale
darzustellen, d. h. Ideale unserer Zeit. Er sucht das Drama hohen
Stils, das in einer einfachen schlanken Handlung, in dem Ringen und
Leiden groer, nicht allzu individueller Charaktere das allgemeine
Menschenschicksal darstellen, das der Natur treu bleiben und doch nicht
roh naturalistisch wirken soll: Die ruhigen Szenen durch rasches
Gesprch belebt, die bewegteren knstlerisch gemigt. So werden beide
Klippen vermieden, dort die zu geringe, hier die zu starke Illusion.

Eine bunte Welt dramatischer Gestalten drngte sich jetzt vor sein
Auge; der alte Fluch geistvoller Naturen, da sie sich bernehmen in
ihren Plnen, ging an dem Kranken grausam in Erfllung. Ein Entwurf
jagte den andern; der Anfang eines Schauspiels Die Brder von
Imola, einige herrliche Szenen aus einer Tragdie Marino Falieri
wurden niedergeschrieben, noch auf dem Totenbette ein Drama Tiberius
Gracchus begonnen. Auch die Heldengestalten des Siebenjhrigen Krieges
haben den Kranken beschftigt; er schilderte in einem Vorspiele
Die Torgauer Haide das friderizianische Heer mit einer derben,
kernhaften Lebenswahrheit, die den wirksamsten Stellen des schnen
Romans Cabanis von W. Alexis nichts nachgibt. Das Lieblingswerk
dieser Jahre war ein Trauerspiel Agnes Bernauerin. Ludwig fhlte mit
feinem Knstlertakt, da dieser Engel von Augsburg in der historischen
berlieferung mehr eine rhrende als eine tragische Gestalt ist; er
versuchte sie zu einem schuldvollen tragischen Charakter zu erheben,
lieh ihr einen dreisten vorwitzigen Zug und lief freilich Gefahr, das
Mitleid fr die Heldin zu ertten. Aber die alte rtselhafte Unart
seiner Phantasie, die nur fragmentarisch schaffen konnte, lie sich
nicht mehr bewltigen. In wundervoller Klarheit erschienen ihm einzelne
Szenen, und was er von solchen Bruchstcken auf das Papier warf,
wirkt hinreiend, bezaubernd auf den Leser. Er meinte wohl, jetzt,
da er mit Bewutsein schaffe, entwerfe er zuerst den Plan, dann erst
erschienen ihm seine Gestalten; doch die unhemmbare vorwrtsschreitende
Gestaltungslust des rechten Dramatikers, welche nicht ruhen kann, bis
sie ihren Helden auf die Hhen der Leidenschaft emporgetrieben und dann
herniedergestrzt hat -- sie erwachte dem Kranken nie. Eine Lcke, die
sich niemals fllen wollte, klaffte immer zwischen den einzelnen in
hchster Pracht geschauten Bildern, der Ring des Kunstwerks schlo sich
nicht. Nun packt er die Stoffe, die er bebrtet, aber und abermals
an, wohl zwlfmal oder mehr wird die Bernauerin umgearbeitet -- nie
vollendet.

Er belauscht sich whrend des Schaffens, er fhlt seine Verwandtschaft
mit Kleist und Hebbel, vergleicht seine Gestalten mit den ihrigen,
er findet in Shakespeare den vollendeten Knstler und versucht aus
dessen Werken die hchsten Gesetze der Kunst abzuleiten. Sein eigenes
Selbstgefhl, seine Knstlerfreudigkeit fhlt sich erdrckt durch die
Gre des Briten, sieben Jahre lang bis zu seinem Tode lt ihn das
Bild des fremden Dichters nicht los, er schreibt Shakespearestudien
und trgt in diese Bltter, wie in ein Tagebuch, alles zusammen,
was ihm Kopf und Herz bewegt: Selbstgestndnisse, sthetische
Regeln, Dramenentwrfe, Studien ber Shakespearesche Charaktere,
Besprechungen eigener und fremder Werke. Der Thringer Natursohn
spricht in Lob und Tadel mit einer unbefangenen Geradheit, die
unserer verzrtelten rcksichtsvollen Zeit wie eine Stimme aus den
cheruskischen Wldern klingt, er berhrt die feinsten und hchsten
Rtsel der Kunst und des Seelenlebens, er errtert Fragen, die nur
ein reicher Knstlergeist aufwerfen kann -- als z. B.: Wie reich ein
Stck Shakespeares an Handlung ist und wie wenig Szenen es doch hat
und wie diese auch so viel poetische Ausmalung haben -- und gleich
darauf befremdet er uns durch einen Erklrungsversuch, der eine fertige
historisch-philologische Bildung verlangt, also der Intuition des
Knstlers allein nicht gelingen kann -- und dann folgt wieder ein
Selbstbekenntnis von fast unheimlicher Klarheit. Auch in Ludwigs Seele
whlte jene krankhafte Neigung, sich selbst zu belauern, welche das
Leben Heinrich Kleists verwsten half. Aber whrend Kleist in der Kunst
sich immer wieder zu frischer Schpferlust ermannte und nur in seinem
ueren Leben ein unglcklicher Grbler blieb, verflo Ludwigs Leben
wohlgeordnet, in gleichmigem Wellenschlage, der krankhafte Trieb
in ihm warf sich allein auf sein knstlerisches Schaffen. Schon ein
berma gelehrten Wissens lhmt oft den freien Flug des Dichtergeistes,
doch noch verderblicher als die allzu schwere Bildung des Verstandes
wirkt auf den Knstler jene vorzeitige Kritik, die ihm die Freude
strt an seinen halbvollendeten Gestalten. Mir ward unsglich traurig
zumute, als ich einst in einigen Heften aus Ludwigs Nachla blttern
durfte. Welch ein ungeheurer Flei in diesen eng beschriebenen Bogen;
nur selten einmal hat die zitternde Hand des Kranken am Rande bemerkt,
er habe heute seinen Kindern zulieb' zeitig Schicht gemacht. Groe
tiefsinnige Entwrfe, prchtige Verse, glnzender, schwungvoller als
die schnsten Stellen der Makkaber, dann wieder einzelne aufgebauschte
geschraubte Bilder, und schlielich doch kein Ganzes -- eine Phantasie,
die uns zugleich durch ihren Reichtum und durch ihre Unfruchtbarkeit in
Erstaunen setzt.

Ganz gewi hat auch die Krankheit und die Sorge um des Lebens Notdurft
den Aufschwung dieser Dichterkraft gelhmt. Man darf von Ludwig nicht
reden, ohne mit ernstem Wort einer hlichen Schwche der deutschen
Gesittung zu gedenken -- des unanstndigen Geizes, den die deutsche
Lesewelt ihren Schriftstellern entgegenbringt. Alle die bequemen
Entschuldigungen, welche auf unseren noch jugendlichen Volkswohlstand
verweisen, zerfallen in nichts vor der beschmenden Tatsache, da
in dem kleinen Holland, dem halbbarbarischen Ruland die Auflagen
guter Bcher weit strker, oft zehnmal strker sind als in dem groen
gelehrten Deutschland. Kein Volk liest mehr, keines kauft weniger
Bcher als das unsere. Namentlich unsere hheren Stnde zeigen im
literarischen Verkehrsleben einen Mangel an Feingefhl, eine Kargheit,
welche unsere Nachbarn mit Recht als unschicklich schelten. Solange
es bei uns noch nicht fr schmutzig gilt, wenn eine reiche elegante
Dame mit Handschuhen bewaffnet ein unsauberes Lesezirkelexemplar eines
Buches liest, das sie im nchsten Laden fr wenige Groschen kaufen
kann -- ebensolange werden alle Schiller- und Tiedgestiftungen die
gedrckte Lage der deutschen Schriftsteller nicht wesentlich bessern.
Ist ein deutscher Dichter vollends wenig fruchtbar, fehlt ihm, wie
diesem Thringer, gnzlich das Talent fr den einzigen gewinnbringenden
literarischen Erwerbszweig, fr die Journalistik, so kann er der
bitteren Not nicht entgehen.

Doch in Wahrheit liegt der letzte Grund der Unfruchtbarkeit von Ludwigs
spteren Jahren nicht in der Krankheit, nicht in der Armut, sondern
in jener rtselhaften Anlage seiner Phantasie. Ihm blieb versagt, der
Welt die Schtze seiner Seele zu zeigen, er war mehr, als er schuf,
und nur seinen Freunden lebt das unverstmmelte Bild seines Wesens
in der Erinnerung. In der Kunst aber gilt nur das Knnen -- der alte
Spruch soll allezeit in Ehren bleiben, ob er auch grausam scheine;
das landlufige Urteil wird bei Otto Ludwigs Namen immer zuerst an
jene Erzhlung Zwischen Himmel und Erde denken, welche er selber fr
ein Nebenwerk ansah. Wer den unendlichen Wert der Persnlichkeit in
der Kunst versteht, wer da wei, da in der Entwicklung des geistigen
Lebens wie in dem Haushalt der Natur nichts verloren geht, der darf
freilich bei einer so uerlichen Schtzung nicht stehen bleiben.
Wie die politische Geschichte dem General Friedrich von Gagern einen
ehrenvollen Platz anweist um der Gedanken willen, die er in der Stille
fr Deutschland dachte, um der unerfllten Hoffnungen willen, die
sich an ihn knpften -- so wird auch die Literaturgeschichte nicht
blo anerkennen, was Otto Ludwig schuf, sondern auch ein Wort des
Dankes brig behalten fr die hohen Ziele, die der Ringende nicht ganz
erreichte; sie wird gerecht und in Ludwigs eigenem Sinne urteilen, wenn
sie ihn auffat als den Dichter der Makkaber, der das realistische
Ideal im Drama zu verwirklichen suchte.




Gottfried Keller




Gottfried Keller


Zwei kstliche Geschenke findet der Schweizer in seiner Wiege, welche
das Reifen echt-menschlicher Bildung und darum auch das Gedeihen der
Kunst mchtig frdern mssen. Von Kindesbeinen an umfngt ihn der
Zauber einer wunderbar reichen und vielgestaltigen Natur, zugleich
einer mchtigen Natur, welche nicht duldet, da der Mensch sich ihr
entfremde und das fromme Bewutsein seiner Abhngigkeit verliere;
und sein Leben sodann verbringt er unter den Segnungen einer uralten
politischen Freiheit. Dennoch hat der rstige Stamm, welcher die
Sehnsucht des groen Mutterlandes, die Einheit, bereits in beglckender
Erfllung besitzt, zu dem kniglichen Reichtum deutscher Kunst kaum ein
rmliches Scherflein beigetragen. Nur zweimal mit bedeutendem Erfolge
wuten die Schweizer die Vorteile ihrer Lage fr die Literatur zu
benutzen.

Als die Eroberungsgelste der Nachbarfrsten an dem Todesmute der
Schweizerbauern gescheitert, da schollen die Sempacher Lieder und die
Burgundischen Kriegsgesnge von den Alpen nieder, und die hochgemute
Weise Der Stier von Uri hat scharpffi Horn, kein Herr ward ihm nie
zhoch geborn fand frohen Widerhall unter den Marschenbauern, die im
Norden zu gleichem Kampfe sich scharten, und unzhlige Nachahmer in
den sangeslustigen Haufen der Landsknechte. Die Reformation zog in der
Schweiz so wenig wie in Deutschland einen Aufschwung der Dichtung nach
sich. Seltsam genug: trug doch jene Bewegung in der deutschen Schweiz
einen freieren, weltlicheren Charakter als bei uns; ist doch unser
Landskraft Zwingli und sein staatsmnnisches Wirken, sein khner
Reitertod ein ganz anders lohnender Stoff fr die Kunst als Luthers
gewaltigere aber mehr innerliche Gre. Erst lange nachher, zur Zeit
der Wehen, welche dem Glanze unserer Dichtung vorausgingen, sprachen
die Schweizer wieder ein entscheidendes und gutes Wort, als ihr
natrlicher Sinn, ihr treu bewahrtes germanisches Wesen sich auflehnte
gegen den Zwang franzsischer und Gottschedischer Regeln. An jener
Bltezeit selbst haben die Schweizer nur insofern einen bedeutenden
Anteil, als ihre Geschichte ein Gegenstand unserer Dichtkunst ward, und
vielleicht mehr als irgendein anderes neueres Ereignis hat Schillers
Tell das Gefhl der Gemeinsamkeit des Zweiges mit dem groen Stamme
unter ihnen wieder angefacht. Auch neuerdings, whrend ihr Staatswesen
so frisch und rstig fortschreitet und der Aufschwung des Verkehrs
den beschrnkten Gesichtskreis der abgeschiedenen Alpengaue tglich
mehr erweitert, ist das Land von den Bewegungen auf dem Gebiete
der Kunst ziemlich unberhrt geblieben. Zwar die franzsischen
Schweizer haben durch die Farbenpracht ihrer unvergleichlichen
Landschaftsmalerei bewiesen, da der Hochlnder ein offenes Auge,
ein empfngliches Herz hat fr die Herrlichkeit seiner Berge. In der
schnen Literatur jedoch war es um so stiller. Die naturwchsige
Kraft des wackeren Berner Pfarrherrn in Ehren: wir verargen es doch
keinem seiner Landsleute, wenn er sich ernstlich verwahrt gegen die
Unterstellung, da die Erzhlungen Jeremias Gotthelfs ein getreues
Bild vom Schweizerleben bten. Nur eine Seite der Schweizer Art wei
er zu schildern: die Hrte, den Trotz, die rtliche Beschrnktheit,
das zhe Beharren der Bauern; aber statt des unbefangenen, allem Guten
hell entgegenblickenden Auges, das wir von dem Brger eines tchtigen
Freistaates erwarten, finden wir kleinlichen Sinn, einen unertrglich
engherzigen Ha gegen alles, was unser Jahrhundert gro macht; und
statt der lieblichen Bilder, die ihm ein Gang ins Freie zeigen konnte,
fhrt er uns nur zu oft eine kmmerliche, hlich-enge Welt vor die
Augen.

Unter den Lebenden ist doch _ein_ Schweizer Poet, der sein Land mit
Ehren vertritt. Das Glck ist dem Erfolge von Gottfried Kellers
Schriften wenig gnstig gewesen, und auch whrend des Schaffens hat ihm
nicht immer die gleiche freundliche Sonne gelchelt. Wenn wir trotzdem
auch seine halbvergessenen Jugendschriften in den Kreis unserer
Betrachtung ziehen, so geschieht es, weil eine lebendige Kritik nur
dem mglich ist, der den Entwicklungsgang des Knstlers bersieht. Die
berflle seichten poetischen Schaffens hat allmhlich in den Reihen
der Kritik einen unwrdigen Ton handwerksmiger Roheit eingefhrt:
Kritik und Kunst leiden gleich sehr, wenn ein begabter Dichter sein
Fleisch und Blut als Nummer 59 unter Fnf Dutzend neuer Romane
besprochen findet. Was der Kritik gegenwrtig vor allem nottut, ist
ein wenig Piett vor der individuellen Eigentmlichkeit der Knstler.
Wer nicht einzusehen vermag, da in jedem Kunstwerke auer seinem
absoluten sthetischen Werte und seiner historischen Bedeutung noch
ein hchst persnliches Element liegt, das gebieterisch Verstndnis
fordert, der ist fr Kunstbetrachtungen verdorben. Von Schiller kennen
wir das bezeichnende Wort: Den Schriftsteller berhpfe die Nachwelt,
der nicht grer war als seine Werke. Lassen wir dies Eingestndnis
uns einen Fingerzeig sein; suchen wir hinter jeder Dichtung, die uns
erquickt, den freien und wohlgeordneten Dichtergeist zu entdecken,
dem wir sie verdanken. Das Suchen wird selten unbelohnt bleiben, am
wenigsten wenn es sich um einen deutschen Dichter handelt. Denn das
Bewutsein unserer Volkseinheit ist bei den meisten von uns nicht
ein Werk der Reflexion und gelehrter Forschung, sondern ein Ergebnis
persnlicher Erfahrung, der Erinnerung an so viele starke Mnner,
aus allen Lndern deutscher Zunge, die wir aus ihren Werken oder von
Angesicht zu Angesicht kennen und in denen allen wir die Spuren _eines_
Volksgeistes wiederfinden. Darum ist uns jeder ganze und tchtige Mann,
in dem wir eine gute Seite deutschen Wesens erkennen, eine Freude:
er ist uns ein Unterpfand mehr fr die Erfllung unserer heiligsten
Hoffnungen.

Sie bildeten eine sehr gemischte Gesellschaft, die Gedichte, mit
denen Gottfried Keller im Jahre 1846 hervortrat. Immer wieder, wenn
eine solche bunte Sammlung von Gutem und Verfehltem erscheint, ertnt
die Klage ber den Mangel an Selbstkritik, und immer wieder vergit
man, wie tief diese kritiklose Redseligkeit in der Natur des Alters,
das zur lyrischen Dichtung besonders neigt, und wohl auch in der Natur
der Lyrik selbst begrndet ist. Es waren damals die Tage, wo die langen
und erbitterten Parteikmpfe, welche die Neugestaltung des Schweizer
Gemeinwesens ankndigten, ihrem letzten gewaltsamen Ausbruche sich
nahten, es schien die Schweiz der Freiheit Werkstatt, wo zornig ihre
Essen sprhn und rauchen. Zugleich erfllten Heinescher Weltschmerz,
ausschweifende Lehren von der Emanzipation des Fleisches und der
fanatische Christenha des Daumerschen Hafis die Kpfe unserer Jugend.
Unser Schweizer Poet strzt sich mit Leidenschaft in das berauschende
Treiben der Zeit, und so stehen in dem seltsamen Bchlein schwungvoll
phrasenhafte Freiheitslieder im Herweghschen Stile und bitterbse
Angriffe gegen die Glatzen der Christenpfaffen friedlich neben
Gedichten, deren wohllautende Verse in heiliger Andacht die Gre der
Natur feiern, oder in denen der Dichter mit rhrender Offenherzigkeit
ber den Snden seiner Jugend zu Gericht sitzt. Das ist das Eigene
an solchen Sammlungen: je mehr lyrisch die Gedichte sind, je mehr
sie nur die Stimmung des Augenblicks wiedergeben, desto verwirrter
der Eindruck, den das Ganze dem Leser hinterlt. Die meisten sind
befriedigt, wenn sie nur das Gefhl mit hinwegnehmen, da der Poet
ein jedem Hauche der Zeit geffnetes Herz und die Gabe besitze, seine
Empfindungen stark und schn auszusprechen. Aus diesen Gedichten war
es doch nicht schwer, ein Mehreres herauszulesen, -- eine tchtige
durchaus eigenartige Natur. Leicht lie sich erkennen, da der Zorn
dieses Dichters Muse nicht ist: seine tendenzisen Lieder sind selten
tief empfunden, und je berzeugender die einfache Plastik seiner Bilder
uns vor die Seele tritt, desto tiefer verletzt uns der Zynismus in dem
Apostatenmarsch, dem Pietistenwalzer oder wie sonst diese weder
singbaren noch witzigen Spottgedichte heien. Der junge Republikaner
ist sehr wohl fhig, seine gute Sache poetisch zu vertreten; aber
nicht der Kampf ist es, der seinem Wesen zusagt: Voran, voran,
ihr Bittern in fegenden Gewittern! wir ziehen heilend, segnend
nach mit klar gestimmten Zithern -- so singt er in Augenblicken,
wo er ganz er selber ist. Das Ziel nur hat einen Reiz fr ihn, das
glckliche Gleichma eines freien mit Recht und Wohlwollen geleiteten
Gemeinwesens; und in diesem Sinne wei er das Glck seiner Heimat
mit einem Vollgefhle der Zufriedenheit zu preisen, um das wir ihn
beneiden. Nicht eine politische Doktrin fhrt ihn in das demokratische
Lager, sondern jene Tugend, deren sich die echte Demokratie mit
grerem Rechte rhmen darf als irgendeine andere politische Richtung,
die vorurteilsfreie, alles Menschliche achtende Humanitt:

    Hernieder lat uns dringen,
    Demtigen Herzens bringen
    Licht in der engsten Htte Nacht!

Noch mehr gefllt uns der Dichter, wenn er mit wenigen, klaren und
sicheren Strichen ein einfaches Bild der Natur nachzeichnet, wenn er
den Knaben besingt, der im Walde liegt, durch die Zweige gen Himmel
blickend, und gern und ruhig duldet, da eine Eidechse ber seinen Hals
schlpft -- oder das Mdchen, wie sie eine Rose in den Brunnen wirft
und das Wasser schlau in Wellen schlgt, bis der Knabe den Blumengru
gewonnen hat. Diese Einkehr in die Natur bleibt bei Keller frei von
aller Sentimentalitt; es ist die kerngesunde Lust am Einfachschnen,
nicht eine mrrisch-trbe Flucht vor den Strmen der Welt. Recht derb
vielmehr wei er die Goethephilister abzufertigen: -- wer spricht
von Anmut, wenn die Berge wanken? Und dann gerade erklingt sein Lied
am schnsten, wenn er die rein menschliche Lebenslust und seine Liebe
zu seiner groen rastlos vorwrtsstrebenden Zeit zugleich ausspricht.
Allbekannt ist sein Gedicht an Justinus Kerner. Als der alte Herr
einmal einen poetischen Stoseufzer ausstie ob der dampfestollen Welt,
die er nicht mehr verstand, da wute ihm der frohmutige Schweizer so
stolz, so jugendfrisch zu antworten, da der greise Snger gewi seinen
Trost davon gehabt hat:

    Und wenn vielleicht, nach fnfzig Jahren,
    Ein Luftschiff voller Griechenwein
    Durchs Morgenrot km' hergefahren --
    Wer mchte da nicht Fhrmann sein?
    Dann bg' ich mich, ein sel'ger Zecher,
    Wohl ber Bord von Krnzen schwer
    Und gsse langsam meinen Becher
    Hinab in das verlane Meer!

Ein Dichter von so jugendlicher Frische, so einfachem Natursinn mute
die zeitgeme Tendenz bald als unntzen Ballast ber Bord werfen.
Reifende Einsicht mute ihn abbringen von der Neigung zum Seltsamen,
Barocken, welcher er in den Gedanken eines Lebendigbegrabenen und
hnlichen Gedichten, die sich schon durch ihre Aufschrift verurteilen,
gefrnt hatte, mute ihn zurckfhren zu dem Sinne fr das Schlichte,
Wahre, der in seinem Wesen lag und aus seinen gelungenen Liedern sprach.

In der Tat zeigen Kellers Neuere Gedichte eine reifere
Gestaltungskraft. Die Strme des Jahres 1848 waren gekommen, und
in den deutschen Parteikmpfen steht der Schweizer natrlich auf
demokratischer Seite. Aber wie anders wei er jetzt seine politischen
Ideen dichterisch zu verkrpern! Kurz entschlossen tritt der bermtige
junge Plebejer vor das Fenster des Frstenhauses und singt sein
Stndchen an eine Prinzessin:

    In die Tiefe tauche khn,
    Jugend und Liebe zu werben,
    Wo die Bume des Lebens blhn
    Und die Augen wie Sterne glhn!
    Droben bei dir ist Sterben,
    Liebliche Brgerin Klara!

Das heit doch die Idee der Brderlichkeit praktisch und als Knstler
verstehen! Wer heute die Schriften liest, woraus damals unsere
Jugend ihre Staatsideale schpfte, der erschrickt nicht blo vor
der Ideenarmut, sondern mehr noch vor der trostlos langweiligen
Nchternheit, die sich, bei aller phantastischen berschwenglichkeit,
in ihnen brstet, vor jener drren Prosa, welche sich allemal
einstellt, wenn die Phantasie sich auf Gebiete wagt, die ihr
verschlossen sein sollten. Wahrlich, kein geringes Ma von Kraft
und Gesundheit gehrte dazu, diese abstrakten Trume des sozialen
Radikalismus in individuelle Gestalten umzubilden:

    Und wo flimmernd Schwan und Leier
    Und das Bild des Kreuzes sprhn,
    Wird dereinst in schnem Feuer
    Karoli Magni Krone glhn.
    Aber dann in tausend Wiegen,
    Hier in Gold und dort in Holz,
    Wird der junge Kaiser liegen,
    Freier Mtter Ruhm und Stolz,
    Wird als Hirt in Blumen weilen,
    Im Gebirg' als Jger gehn,
    Auf des Meerschiffs schwanken Seilen
    Als ein braver Seemann stehn.

Sicher, das Bild einer schnen, menschlich-reinen Zukunft. Und wer
wollte mit dem lyrischen Dichter ber politische Fragen rechten, wenn
er getan hat was er nicht lassen konnte, wenn er einen glcklichen
Traum, der sein Herz bewegt, in tief empfundenen Worten wiedergibt? Die
Frhlingsmonde der deutschen Revolution, die berauschende Hoffnung,
die wie ein Lauffeuer von Land zu Land eilte, das erste mchtige
Aufatmen nach einer langen Zeit dumpfen unnatrlichen Schweigens --
dies, bei all seiner Verkehrtheit doch wunderbar groartige Schauspiel
lebt vielleicht nur denen ganz klar und schn in der Erinnerung,
welche damals zu jung waren, um an dem Kampfe selbst teilzunehmen und
die Sorgen und Gefahren des Augenblicks zu wrdigen. Die furchtbare
Enttuschung, welche dem Rausche folgte, hat es begreiflich jedem
Knstler unmglich gemacht, den berreichen Stoff zu benutzen, den
jene Tage ihm bieten. Kaum da wir einmal in einer Gemldesammlung ein
Genrebild treffen, wie den lustigen Einzug des Reichsverwesers von
Oppenheim, das uns die Stimmung des bewegten Frhlings zurckruft.
Unter all den Gedichten, welche mit dem Sturme kamen und verschwanden,
ist keines so ganz erfllt von dem Pulsschlage jener Zeit, der
fraglosen Hoffnungsseligkeit, wie diese politischen Gedichte von
Keller. Freilich, nicht alle tragen diesen Charakter reiner Empfindung.
Es sind manche darunter, welche in parteiischer Verschrobenheit
Betteljungen und Taugenichtse als das eigentliche Volk verherrlichen.
Doch aus den meisten redet ein echt humaner Freisinn, ein liebevolles
Mitgefhl mit den Armen und Leidenden.

Auch in dieser Sammlung geben wir den einfachen Naturbildern den Preis,
welche, frei von aller Wortmalerei, oft mit glcklicher Wahrheit
die Seele einer Landschaft widerspiegeln oder als echte Idyllen den
Menschen in einfach-frohem Dasein schildern. Natrlich stt dies
offene Auge auch oft auf Hliches, und der Dichter hat nicht immer die
Kraft, es zu verklren; solche Gedichte erscheinen, da seinem ehrlichen
Wesen die kleinen Knste, das Widrige zu bemnteln, gnzlich fehlen,
doppelt grell und abstoend. Seine Weinlieder sind zwar keineswegs
frei von jenen renommistischen Klngen, welche bei solchen Stoffen zum
Handwerk zu gehren scheinen; aber der Grundton ist auch in ihnen ein
gesunder: die einfache herzliche Dankbarkeit fr die reichen Geschenke
der Natur.

Mit dieser schnen Knstlertugend Gottfried Kellers hngt indes eine
wunderliche Grille zusammen, -- ein grimmiger Ha gegen die Idee der
Unsterblichkeit. Er whnt, dieser Gedanke sei unvertrglich mit dem
Gefhle der Daseinsflle, welches das Glck seines Daseins ausmacht,
und er verfolgt ihn wieder und wieder mit dem bittersten Spotte. Wer
unberhrt ist von der Gehssigkeit, womit diese Idee seit alter Zeit
und neuerdings wieder bald verteidigt, bald angegriffen wird, der
erstaunt billig darber, wie grundverschiedene Dinge unter diesem Namen
begriffen werden. Da, wie wir das Schaffen groer Mnner und groer
Vlker handgreiflich fortwirken sehen von Geschlecht zu Geschlecht, so
auch der schwchste Sterbliche ein notwendiges Glied ist in der groen
Kette der Geschichte -- da darum keine unserer Taten ganz verloren
geht, keine wieder zu vertilgen ist durch uerliche Bue -- dieser
Gedanke ist allerdings die Grundlage jeder streng gewissenhaften
Sittlichkeit. Diese Unsterblichkeit soll der Mensch -- nicht glauben,
denn wer darf beim Glauben von einem Sollen reden? -- sondern ernst
und klar erkennen. Und auch der Dichter mag zu Felde ziehen gegen
die Leichtfertigkeit oder die uerliche Religiositt, welche diese
Erkenntnis leugnet. Wie anders der Glaube an ein bewutes Dasein nach
dem Tode! Wenn jetzt schon jeder unbefangene Denker gesteht, da unser
Wissen ber diese Frage nichtig ist, so wird einst eine Zeit reinerer
Menschlichkeit kommen, wo alle Welt ber die heute so arg verketzerte
Wahrheit einig ist, da der Glaube an ein Jenseits mit unserem Glcke,
unserer Tugend an sich nicht das mindeste zu tun hat. Fr schwache
oder gemeine Naturen kann der Glaube an eine Fortdauer nach dem Tode
ebensowohl eine Quelle der Unsittlichkeit werden wie das Leugnen
derselben; wenn es asketische Toren gibt, welche sich die kstliche
Neige der Zeit mit dem Gedanken der Ewigkeit verdnnen, so leben noch
weit mehr Menschen, welche zugleich mit dem Glauben an ein Jenseits
jedes Lebensglck, jeden sittlichen Halt verlieren wrden. Freilich,
wenn der ungeheure Gedanke der Ewigkeit von unreinen Lippen gepredigt
oder durch triviale Vorstellungen getrbt wird, dann soll der Dichter
dagegen, wie gegen alles Kleinliche und Unwahre, sein lauteres Wort
erheben. In dem glcklichen Gedichte Wochenpredigt schildert Keller,
wie am heien Erntetage die lebensmden Alten in der Kirche sitzen und
der Priester ihnen verkndigt, da wir im ewigen Leben von einem Stern
zum andern hupfen und endlich in den Urquell schlupfen. Dann geht
das Pffflein heim, und, um die Zeit bis zu einem abendlichen Feste
totzuschlagen, verschlft es den Nachmittag.

    O Pffflein, liebes Pffflein sag':
    Ist dir zu lang der eine Tag,
    Was willst du mit all den Siebensachen,
    Den Millionen Sternen und Jahren machen?

Gewi, das mu ein arger Pedant sein, dem dieser lustige Einfall
keinen Beifall entlockt. An sich aber ist der Glaube an ein Jenseits
weder sittlich noch unsittlich, weder schn noch unschn; er
mag von Dichtern mit gleichem Glcke verherrlicht oder verworfen
werden. Wer darf dem wie Sphrengesang tnenden Schwunge der von
diesem Glauben durchaus getrnkten Oden Klopstocks oder Hlderlins
sein poetisches Recht bestreiten? Und wieder, wer darf das echt
knstlerische Gefhl verkennen, welches Keller treibt, die Blumen und
die irdische Herrlichkeit ringsumher also anzureden: Ich wende mich
vom Schrankenlosen zu eurer Anmut froh zurck? Nur sollte es kaum
der Bemerkung bedrfen, wie wenig eine dauernde Beschftigung mit so
formlosen abstrakten Stoffen der Dichtkunst frommen kann. Wir lcheln,
lesen wir heute, wie Klopstocks seraphische berschwenglichkeit sich
sogar die Freude an einem Johanniswrmchen durch die Frage verbittert:
Du bist vielleicht, ach! nicht unsterblich? Aber nicht blo lcheln
mssen wir ber den Luftkampf, welchen die materialistischen Poeten von
heute fhren; auch die ernste Frage knnen wir ihnen nicht schenken,
wie es sich mit dem Wesen der heilenden und vershnenden Kunst
vertrgt, einen Glauben zu verspotten, der fr Unzhlige den Inbegriff
alles Heiligen bildet? Lesen wir vollends Zynismen wie das Lied: Ich
hab' so manchen Narren gekannt, der wollte ewig leben oder manche der
Gaselen, so gestehen wir, da dieser materialistische Fanatismus der
Verketzerungssucht der Christenpfaffen vllig ebenbrtig ist. --

Inzwischen hatte Keller seine Kraft zu einem greren Werke gesammelt,
zu dem Romane Der grne Heinrich. Es bedarf keines Tiefblicks, um
zu erkennen, da gar manches in diesem Buche von dem Poeten selbst
erlebt ist, da er in langer und liebevoller Arbeit die Frchte einer
mannigfach bewegten Jugend zusammengetragen hat. Aber hier ist nichts
von jener Schnseligkeit, jener Selbstvergtterung, die seit Rousseaus
Tagen solchen Konfessionen anhaftet. Das Gedicht ist entstanden aus
dem natrlichen Bedrfnisse, mit einer erfahrungsreichen Zeit, die
der Dichter berwunden hat, vllig abzuschlieen. Freilich verliert
so das Werk an Einfachheit und Abrundung der Komposition, was es an
Wahrheit und Lebhaftigkeit gewinnt. Keller hat das naturgemeste
Thema des Romans gewhlt: er schildert den Werdegang eines Charakters;
und wir wten aus den letzten Jahren kaum eine Dichtung, welche
einen jungen Mann in dem Alter, wo man zuerst beginnt, auf sein Leben
zurckzuschauen, so tief und dauernd fesseln knnte. Aber nicht blo
der stoffliche Reiz zieht uns zu dem Buche: auch der Kunstwert der
ersten Bnde ist hoch anzuschlagen. Die gleichmige Heiterkeit seiner
Natur, sein fr alle, auch die kleinsten Schnheiten der Auenwelt
geffnetes Auge, seine frohe zuversichtliche Weltanschauung, der die
Geschichte als ein groes Lustspiel erscheint, worin die berlegene,
unbedingte Einsicht schlielich alles vershnt: -- das alles mute
Keller von selbst zur epischen Dichtung fhren. Wie wahr wei er die
verborgensten Falten in dem Charakter seines Helden aufzudecken, und
doch sind diese Schilderungen nicht peinlich-genau, nach Art englischer
=matter-of-fact=-Novellen, sondern poetisch wahr. Zu den gelungenen
Teilen dieses Romans mchten wir die kritischen Klopffechter des
Idealismus und Realismus fhren: hier, wie an jedem Kunstwerke, knnten
sie lernen, da lebendiger Schnheitssinn zum charakteristischen Stile
so notwendig gehrt wie der Anker zum Schiff. Keller besitzt nicht
jenen leeren abstrakten Formensinn, den sthetische Feinschmecker an
Paul Heyse und Geibel bewundern, sondern ein krftiges, angeborenes,
aber durch Bildung geadeltes Schnheitsgefhl. Auch wenn die Fabel des
Romans das Geheimnis nicht verriete, wrde uns die Darstellungsweise
auf die Vermutung bringen, da ein Stck von Maler in ihm liegen mu.
Knnte der arme Mann von Toggenburg diese lachenden Schilderungen vom
Schweizerlande lesen, wie herzlich wrde der Gute seine Landsleute um
Verzeihung bitten, da er ihnen das Verstndnis der Naturschnheit
abgesprochen. So recht an seiner Stelle ist Kellers Talent, wenn er die
echt epischen, durch ihre Einfachheit groen Empfindungen ausdrckt:
wenn er schildert, wie der Jngling mit befangenem Staunen zum ersten
Male seiner Gromutter begegnet und das seinem Dasein Vorangegangene
gro und unvermittelt ihm gegenbertritt -- oder wenn er uns einfhrt
in das heilige Schweigen der Nacht, wo das Glck der Erde seinen
Rundgang zu halten scheint ber die schlafende Welt. Kellers Sprache
ist von jener anschaulichen Kraft, die dem Sohne des Volkes zu erwerben
leicht wird, und sie wird mit der Freiheit gehandhabt, welche nur die
Frucht gewissenhafter Arbeit ist. Keller hat sich das schne Vorrecht
des Epikers, da er scheinbar absichtslos und ohne Rcksicht auf den
Leser schreiben darf, nicht entgehen lassen: er erregt von Hause aus
unsere Teilnahme fr den Helden, aber nirgends reizt er uns durch jene
prickelnde Neugierde, die den Kunstgenu zerstrt. Sein Buch ist, wie
die Weisheit des Brahmanen verlangt, ein Ganzes, das besteht aus
tausend kleinen Ganzen.

Die Mngel des Romans lassen sich meist darauf zurckfhren, da der
Poet seinem Stoffe nicht frei genug gegenbersteht. Bezeichnend dafr
ist, da die Kindheitsgeschichte des Helden weit unbefangener und
klarer dargestellt wird als seine spteren Erlebnisse, von denen manche
des Dichters persnliches Interesse noch allzu nahe berhren mochten.
Wir lernen den grnen Heinrich kennen, wie er von seiner Mutter und
seiner Schweizer Heimat sich trennt, um in Mnchen Landschaftsmaler zu
werden. Aber schon nach den ersten Reiseabenteuern wird die Erzhlung
abgebrochen, und wir erhalten die Jugendgeschichte des Helden in der
Darstellung, die er, um sich selber Rechenschaft zu geben, aufgesetzt
hat. Strt diese Zerspaltung der Fabel ohnehin den harmonischen
Eindruck, so fhrt sie noch schwerere Nachteile mit sich. Die Form
des Tagebuchs gibt dem Dichter Gelegenheit, sich in behaglicher
Weitschweifigkeit zu ergehen und seiner Neigung fr das Absonderliche,
die er trotz aller sthetischen Bildung doch nicht hat ablegen knnen,
die Zgel schieen zu lassen. In der Absicht, uns mit dem Charakter
des Helden vertraut zu machen, gibt er uns dessen Betrachtung ber
alles Erdenkliche, Herzensergieungen, so derb ehrlich, so verzweifelt
naiv (denn der grne Heinrich verdient seinen Namen nicht blo um der
Farbe seines Rockes willen), da ein gesetzter Leser sich bekreuzen
mchte. Schlimmer ist, da diese Betrachtungen oft die Wahrheit der
Erzhlung zerstren. Das langsame Erwachen des Menschen aus kindischem
Traumleben zu hellem Bewutsein ist vielleicht der zarteste Gegenstand,
den ein Dichter berhren kann: nur die allerruhigste, unbefangenste
Erzhlung kann uns hier berzeugen. Eine Reihe kleiner kindischer
Snden, die uns, einfach erzhlt, ganz natrlich erscheinen wrden,
erregen unser Befremden, weil der zwanzigjhrige Tagebuchschreiber
sich die Motive seiner alten Missetaten nachtrglich zu erklren
sucht. Jedoch solche Migriffe sind nicht hufig. Im ganzen ist es
eine Lust, diese Kindheitsgeschichte zu lesen. Selbst das unbefangen
Tierische im Menschen wird uns gezeigt, seine natrliche Grausamkeit,
seine schamlose Selbstsucht; wir sehen, wie die erste Wurzel der
Unwahrheit, die falsche Scham, sich bildet, wir werden an jene
haarscharfe Grenze gefhrt, welche das naturgeme Erwachen einer
lebendigen Einbildungskraft von der bewuten Lge scheidet: und doch
geht ber dieser Flle des Charakteristischen nicht der wehmtige
Zauber verloren, der ber dem Dmmerleben des Kindes schwebt. Durchaus
bewhrt sich des Dichters sittlicher Takt: er htet sich wohl, den
gedankenlosen Diebereien des Kindes mit dem Strafgesetzbuch in der
Hand entgegenzutreten: aber sein Knstlerzorn erwacht, wenn er den
Helden bei einem kleinlichen, engherzigen Gebaren findet. Die ersten
bewuten Jahre verlebt der Held in engen Verhltnissen unter der
liebevollen Zucht einer ernsten, genauen Mutter. Dann beginnt der
unreife Spieltrieb allmhlich umzuschlagen in die Lust an wirklicher
Ttigkeit. Heinrich beschliet, sich zum Knstler zu bilden. Da sehen
wir mit Rhrung, wie hilflos die arme Witwe dem fremdartigen Treiben
des Sohnes gegenbersteht: kann sie doch den Liebling ihres Herzens
kaum anders untersttzen, als indem sie Strmpfe fr ihn strickt.
Und wie ergreifend erscheint das unselige Streben des Autodidakten,
der, bald fhrerlos, bald mileitet von unfhigen Lehrern, haltlos
seiner unfertigen Empfindungslust, seiner knabenhaften Neigung fr
das Sonderbare preisgegeben ist. Ein Landaufenthalt seines Helden gibt
Keller Anla zu Schilderungen des Volkslebens von so viel Schnheit und
Farbenpracht, da wir uns erstaunt fragen, ob dies dieselben Menschen
sind, welche in Bitzius' Erzhlungen unser sthetisches Gefhl so oft
schwer beleidigen. Diese Bauern sind weder malerisch noch groartig,
sie sind schroff und engherzig, soweit in jenem harten materiellen
Leben der Mann es sein mu, um auf eigenen Fen zu stehen; es sind
starke aufrechte Mnner, sondertmliche, eigenartige Charaktere, wie
sie in freier Unabhngigkeit sich bilden. Aber wie ehrwrdig erscheinen
uns hier die kstlichen Gter des Landmanns, das frische Brot und
der junge Wein; und wie tchtig und beneidenswert das Volksfest der
Tellfeier mit all seiner Derbheit, seinem naiven Ungeschick; denn
ber all dem bunten Treiben sehen wir ein naturwchsiges, freies
Gesamtleben, dem der Staat noch nicht als eine dem Volk entfremdete
mechanische Amtsordnung gilt. Dort auf dem Dorfe empfngt des Helden
Charakter die ersten dauernden Eindrcke der Leidenschaft. Seine
romantische Neigung, seine unklare Schwrmerei wird durch ein zartes
junges Mdchen gefesselt, aber sein Knstlerfeuer, seine lebendige
Sinnlichkeit liegen in den Banden eines gereiften Weibes. Die schne
Judith ist eine jener sicheren, naturfrischen Frauen, die auch in
unseren frommen Tagen nimmer aussterben werden: schn und stark,
heibltig und mit heidnischer Unbefangenheit jeder Leidenschaft
folgend, aber durchaus wahr und eine harmonische Natur, der man nicht
grollen kann. Dies Doppelleben des Helden ist mit ergreifender Wahrheit
geschildert, aber auch mit einer naiven Offenherzigkeit, wie wir
sie nur dem grnen Heinrich verzeihen knnen. Wir sind die letzten,
die verbildete Prderie unserer Frauen, welche ihnen die edelsten
Kunstgensse verdirbt, zu verteidigen, und wir wissen sehr wohl Kellers
krftige Sinnlichkeit von der faunischen Lsternheit der Franzosen
zu unterscheiden: dennoch bedauern wir, da manche schne Hand den
Roman aus der Hand legen wird, erschreckt durch diese Darstellung
des Nackten, fr welche ein knstlerischer Zweck nicht zu finden
ist. Das zarte Mdchen stirbt, von Judith reit Heinrich sich los in
einem gewaltsamen Ausbruche unreifen Tugendstolzes. Endlich zieht der
zuversichtliche junge Held in die Fremde, um -- alles zu vergeuden, was
er besitzt, sein und seiner Mutter Leben.

Von hier hebt die eigentliche Erzhlung wieder an, und sie sticht
auch dadurch von dem Tagebuch in sehr strender Weise ab, da von
den vielen in diesem angeknpften Fden kaum einer von der Erzhlung
wieder aufgenommen wird. Mit des Helden Eintritt in das Mnchener
Kunstleben beginnt auch der Dichter sich eingehender mit der
Kunst zu beschftigen. Sein Buch ist das herbste, unbarmherzigste
Verdammungsurteil ber den Dilettantismus. Nur der Meister, nur
wer seinen Beruf grndlich versteht, ist glcklich, mag er auch
einen Stiefel zurechthmmern -- dies der Kern der Kunstanschauung
Gottfried Kellers. Eine goldene Wahrheit, die dem Sohne eines starken
und regsamen Volksstammes wohl ansteht; ein Kind mag sie fassen,
aber Tausende unserer Gebildeten gehen zugrunde, weil ihnen der
sittliche Mut, ihr zu folgen, mangelt! Die Standrede, welche der
Maler Erikson seinem Freunde, dem grnen Heinrich, hlt, ber die
mchtige Gesellschaft der Wollenden in der Kunst, ber die nahe
schne Zukunft, wo die Stdtebewohner sich an dem Grue: Dichter?
Dichter! Knstler? Knstler! erkennen werden, und ein Senat geprfter
Buchbinder und Rahmenvergolder zu Gericht sitzen wird ber den Werken
des reinen Fleies -- dieser Scherz ist eine meisterhafte Satire, die
jeder junge Knstler einmal lesen sollte. In solchem Geiste frischen
vollkrftigen Knstlertums bekennt sich Keller auch zu jener Auffassung
des geistigen Eigentums, die zu Recht bestehen wird, solange es rstige
Knstler gibt: der ohnmchtige Schwchling, dem eine gute Idee ber
Nacht gekommen, hat nicht das mindeste Recht zur Klage, wenn ein
schpferischer Kopf sie seiner unfhigen Hand entreit und lebendig
gestaltet. Wiederum eine sehr einfache, selbstverstndliche Wahrheit;
aber haben uns nicht die tragikomischen Erlebnisse des Schulmeisters
von Possenhofen gezeigt, wie wenig unsere tonangebenden Schriftsteller
diesen braven Knstlersatz begreifen? -- So gern der Dichter ber
knstlerische Dinge redet, so wenig wird die Schrift dadurch zum
Kunstroman. Weder stellt sich hier die Kunst eitel vor den Spiegel,
noch treten wir in jene Kreise der Aristokratie des Geistes, welche
mit ihrem vorherrschend innerlichen Leben der Dichtung einen noch
weit minder dankbaren Stoff bieten als der Adel. Das Buch bleibt ein
einfacher brgerlicher Roman; der Dichter hat es verstanden, diese
besonderen Erlebnisse zu einem Bilde des Allgemeinen zu erweitern.
Seine Verachtung des knstlerischen Dilettantismus ist lediglich der
Ha des tchtigen Menschen gegen alles Halbe und Schwchliche. Der Held
bleibt ein epischer Charakter, er lt die ganze Flle der Welt der
Erfahrung bildend auf sich wirken. Der Maler Ferdinand Lys schliet
sich an ihn an, einer jener unselig begabten Menschen, an denen die
Gegenwart reich ist: durchaus geistreich, fhig, von allem die hchsten
und khnsten Begriffe zu fassen, auch nicht gerade unproduktiv, aber
mit einem berwiegen des kritischen Denkens ber die schpferische
Begabung, welches ihn am dauernden, beglckten Schaffen hindert.
Oft genug gert der gescheite Skeptiker mit dem unreifen jungen
Freunde in Streit, bis einmal der Junge, stolz auf den willkrlichen
Gottesglauben, den er sich aus den Trmmern der Dogmatik allein
noch gerettet, ihm mit schwer beleidigenden Worten seinen Atheismus
vorwirft. Da folgt eine Katastrophe, wie sie im Jugendleben nicht
selten ist, lcherlich und tief traurig zugleich: seinem Herrgott zu
Ehren verwundet der verblendete junge Mensch den Freund im Zweikampfe,
und Ferdinand stirbt einige Jahre darauf an den Folgen der Wunde.
Heinrich erkennt endlich, da er zum Maler verdorben ist, er zeigt
sich gnzlich ungeschickt zum Erwerben, er gert in bittere Not. Eine
ehrenwerte und doch falsche Scham entfremdet ihn gnzlich seiner
Mutter, und die unglckliche Frau stirbt vor Sehnsucht und Gram um den
verlorenen Sohn.

Hier nun mu es sich entscheiden, ob Heinrich ein wahrer Romanheld ist,
ab er fhig ist, seine inhaltlose, gutmtige Jugendbegeisterung mit
einer krftigen, durch geistigen Schwung geadelten Lebensttigkeit
zu vertauschen. Aber hier erfahren wir, wie selten jene behagliche
Heiterkeit des Gemts, die Keller befhigte, seiner Erzhlung
einen ruhigen epischen Flu zu geben, sich verbunden zeigt mit
der dramatischen Energie, welche zum Abschlusse jedes Kunstwerks
unerllich bleibt. Und noch klarer zeigen sich die schlimmen Folgen
davon, da der Held zu viel von des Dichters Fleisch und Blut hat.
Heinrich fat zwar den mnnlichen Entschlu, der Malerei zu entsagen,
aber er meint sich berufen, im lebendigen Menschenstoffe zu schaffen.
Nein, junger Freund, wenn du, so derb geschttelt durch schwere
Erfahrungen, noch nicht helleren Auges in dein Inneres blicken kannst,
so bist du noch immer der grne Heinrich. Zum Maler taugt dieser
Mensch freilich nicht, denn er ist unfhig, nur mit einem Sinne die
Welt zu erfassen, er hat seine Lust an der sprossenden Frhlingssaat,
whrend seine Malergenossen den giftigen Ton der Farbe beklagen; aber
zum handelnden Leben taugt er darum noch minder. Ein sthetischer
Widerwille war es ja, der schon den Knaben von dem Mysterium des
Abendmahls zurckstie, dichterisch ist die ppige Erfindungslust,
welche sein Malerwirken so bitter strte -- mit einem Worte, in
Heinrich steckt ein Poet. Aber Keller hat nicht den Mut, diesen
Entwicklungsgang aufzudecken, er vernachlssigt darum das fruchtbare
Motiv, das in Heinrichs sthetischer Lebensanschauung -- diesem
Urgrunde seines Glcks und seiner Schuld zugleich -- enthalten ist. Er
wei sich schlielich nur so zu helfen, da er Heinrich, whrend wir
noch auf dem vorletzten Blatte das Beste hoffen, auf der letzten Seite
sterben lt. Diese Ratlosigkeit ber den Ausgang des Helden verdirbt
den letzten Band durchaus; er ist gewandter geschrieben als der Anfang,
aber in der Komposition und der dichterischen Wrme steht er weit
zurck. Er ermdet uns durch lange, vllig zwecklose Schilderungen
und Betrachtungen. Ja, es gelingt dem Dichter sogar einmal, unsere
Teilnahme dem Helden gnzlich zu entfremden, da Heinrich im Elend in
eine unertrglich weinerliche Gramseligkeit verfllt. Am Schlusse
indes erhebt sich die Erzhlung noch einmal zu regerem Leben. Heinrich
schttelt die letzten Spuren seines Jammers von sich, er erstarkt zu
neuem Selbstgefhle, und zum ersten Male kommt die Macht einer tiefen
Liebe gewaltig ber ihn. Aber sein Tod zerreit des Lesers kaum wieder
erwachte Hoffnungen. Es bleibt ein Migriff, der nicht wieder geshnt
werden kann, da der Dichter Heinrichs Freund und Mutter zum Teil
durch seine Schuld sterben lie. Solche Verschuldungen, die mehr dem
Ungeschick des Kopfes als der Schlechtigkeit des Herzens entspringen,
bilden immer einen gefhrlichen Stoff fr die ernste Dichtung. Es ist
hart, da Heinrich um dieser Snden willen, welche ja nicht das Werk
seines freien Willens waren, zu den Verdorbenen und Gestorbenen gehren
soll. Und doch wrden wir es noch minder ertragen, wenn Heinrich auf
dem Grabe seiner Mutter lustig Hochzeit hielte. Im Leben freilich ist
es nicht nur mglich, ja wir drfen sogar verlangen, da ein Mensch
mit so unseliger Vergangenheit noch ein wackerer und glcklicher Mann
werde. Aber so Groes bewirkt im Leben nur jene Macht, welche selbst
fr die freieste und gewaltigste der Knste kaum darstellbar ist -- die
Macht der Zeit! So ist denn die Achillesferse aller Romane, der Schlu
hier besonders schwach. Das Buch endet mit einem grellen Milaute.

Wir durften wohl erwarten, da ein so stark grender Most endlich zu
einem reinen und edlen Wein werde. Nicht gnzlich haben die Erzhlungen
von den Leuten von Seldwyla diese Hoffnungen erfllt. Wie in jenem
Romane breite, ermdende Reflexionen sich neben den schnsten Bildern
bewegten Menschenlebens ausdehnten, so stehen in dieser Schrift einige
gnzlich verfehlte Erzhlungen neben Novellen, die aus dem Schatz
unserer Dichtkunst, will's Gott, nie wieder verschwinden werden.
Die Leute von Seldwyla sind, was schlechte Knstler ein poetisches
Vlkchen nennen. Gegen dieses selige Lumpentum, das die Gemtlichkeit
fr seine besondere Kunst hlt, wendet sich der Dichter mit der
lustigsten und doch bittersten Ironie. Keller hat sehr richtig gefhlt,
da solche flache Lustigkeit, die schlielich ins Elend versinkt, zu
gehaltlos ist, um der Kunst einen Stoff zu bieten. Das verkommene Volk
gibt ihm nur den Hintergrund, von dem sich die Schilderungen einiger
origineller Menschen abheben.

Freilich, wie ganz hat den Dichter sein guter Genius verlassen, als er
seinen Pankraz, den Schmoller schrieb. Uns ist, als mte der lange
Erikson hervortreten, dem Poeten auf die Schulter klopfen und ihn
fragen, ob auch er nach so mannhaftem Kampf gegen das Dilettantenwesen
fr die mchtige Genossenschaft der Wollenden sich habe werben lassen.
Es scheint des Dichters Absicht, zu schildern, wie oft gerade seine
kleinen Eigenschaften des Menschen Schicksal bestimmen, ihn fast
wider Wissen und Willen in ein schweres Schuldverhltnis zu seiner
Umgebung bringen. Und wieder scheint es, er wolle in dem nichtig-eitlen
Charakter der Lydia das unheimliche Geheimnis der Schnheit, das schon
Vater Homer geahnt, enthllen. Aber er versucht nicht einmal, diese
Motive auszufhren. Kurz und gut, die Geschichte entbehrt jeder Pointe
-- so sehr, da wir nicht einmal sicher sind, ob die Vermutungen,
welche wir vorhin ber des Dichters Plan uerten, in Wahrheit
zutreffen.

Kaum anders steht es mit dem Mrchen Spiegel das Ktzchen. Hier
ersteht der ideenlose Humor der alten Romantik aus dem Grabe,
jener leere Humor, der sich nicht begngt, die Poesie von falschen
moralischen Zwecken zu subern, sondern auch die knstlerischen Zwecke
aus der Kunst verbannen mchte, jener Scherz, dem der Halt eines
gedankenvollen Ernstes fehlt. Der Dichter wei den altertmlichen Ton
der Mre vortrefflich anzuschlagen, und einige Stellen der Erzhlung
erinnern an die schnheitssatte Einfachheit der alten italienischen
Novellen; auch die Hexengeschichten sind phantastisch und lustig genug
-- aber wir ahnen nicht einmal, wo hinaus der Poet mit dem Ganzen
will. Wir sehen hier zwar nicht den in vollkommener Tendenzfreiheit,
im reinen Dasein sich ergehenden Flei des Dilettanten, aber eine
sehr verwandte Verirrung: den bermut des Knstlers, der sich bewut
ist, schn zu erzhlen und nun meint, jede grundlose, willkrliche
Erfindung tue es auch. Dabei geht die Eintracht zwischen der Phantasie
und dem schlichten Verstande verloren, welche doch in einem rechten
Knstlerkopfe fein brderlich zusammen hausen sollten.

In dem Schwanke von den Drei gerechten Kammachern hat Keller
durch die Tat gezeigt, was wahrer Humor ist: drollig genug ist die
Erzhlung, recht, was man bei uns daheim eine pudelnrrische Geschichte
nennt; aber hinter den mutwilligsten Einfllen schaut ein ernstes
und starkes Gefhl hervor, eine rstige Verachtung jener Laster,
welche dem Knstler die hassenswrdigsten der Snden sein mssen,
der Engherzigkeit und Heuchelei. Nach dem verlumpten Neste Seldwyla
kommen drei gerechte Gesellen in ein Kammachergeschft. Ein jeder in
der Absicht, des Meisters Nachfolger zu werden, machen sie sich durch
ihren wtenden Flei, ihre makellose Gerechtigkeit das Leben zur Hlle.
Das Ende ist, da die Gerechten um den Preis des Meisterrechts und der
Hand einer alten Jungfer unter dem Jubel der Narren und Lumpe der Stadt
einen aberwitzigen Wettlauf halten. Der Scherz ist lustig genug, das
elende Dasein dieser Menschen mit einer Wahrheit geschildert, welche
freilich oft bis zu den Grenzen des Ertrglichen, ja dann und wann
darber hinaus schreitet. Leider siegt zuletzt des Dichters warmes
Herz ber seinen Kunstverstand. Wir verargen ihm nicht, da er dieser
widerwrtigen Rotte eine derbe Zchtigung zudachte; wir finden es
ganz in der Ordnung, da er den Dietrich unter den Pantoffel jener
schrecklich tugendhaften Schnen bringt; aber wenn er seinen Jobst
am ersten besten Baum aufhngt und Fridolin ins Elend strzt, so hat
einfach der Spa ein Ende.

Gar eigen hebt sich von diesem tollen Treiben die tiefernste Erzhlung
von Frau Regel Amrain ab. Die allereinfachste Geschichte: eine
herrliche junge Frau, die ihren jngsten Sohn erzieht, um es kurz zu
sagen -- ein solches Weib, wie wir unsere Mtter uns vorstellen. Keller
betritt hier ein Gebiet, wo er besonders heimisch, besonders reich ist
an feinen Beobachtungen -- das Kinderleben; und niemand wird ungerhrt
bleiben von der schlichten Einfalt dieser Erzhlung. Freilich, eine
reine Novelle ist sie nicht. Denn nicht nur fhrt sie -- was der
Novelle nicht zusteht -- den ganzen Entwicklungsgang eines Charakters
an uns vorber; sondern sie ist auch -- befremdlich genug bei diesem
freisinnigen Dichter -- nicht ohne einen gewissen moralisch erbaulichen
Beigeschmack. Die Versicherung mindestens, da seine Geschichte
authentisch sei, htten wir ihm, im Interesse der Kunst und des
Dichters, gern geschenkt: Frau Amrain lebt sicherer und leibhaftiger in
dieser Novelle als in einem wirklichen Schweizerstdtchen.

Aber einen glcklichen Dichtersonntag hat Gottfried Keller gefeiert,
als er die Novelle schrieb: Romeo und Julia auf dem Dorfe. Um den
Tadel, der uns drckt, nur gleich vom Herzen zu nehmen: Welcher bse
Geist trieb den Dichter, uns am Schlusse dieser wunderschnen Novelle
durch ein tendenzises Nachwort aus allen Himmeln der Poesie in die
bare Prosa herabzustrzen? Er schreibt alles Ernstes eine Apologie
seiner Fabel, als mte der Leser nicht von selbst empfinden, da
alles gar nicht anders kommen konnte. Nun gar die Behauptung, solche
gewaltige Leidenschaften seien nur noch unter dem eigentlichen Volke
mglich -- eine Parteiverirrung, welche Keller in Goethes Schule htte
verlernen sollen -- dreifach unbegreiflich am Ende einer Erzhlung,
welche ausgesprochenermaen nur ein Gegenbild ist zu einer Geschichte
aus der vornehmen Welt! Dieser Vorwurf ist jedoch der einzige Tadel,
den wir gegen das schne Gedicht zu erheben wissen. Etwa einige
Dichtungen Groths und Hebels abgerechnet, hat uns keine der modernen
Dorfgeschichten so schlagend gezeigt, wie schn das arme Volk ist,
wenn sich das offene Auge findet, es zu schauen. Der Vergleich mit
Shakespeares Tragdie, zu dem der Titel herausfordert, schadet der
Novelle nicht allzusehr, denn die bescheidene Form der Erzhlung und
die kleine Welt, wohin sie uns fhrt, stimmen unsere Ansprche von
Anfang an herab. Um zu schweigen von dem unendlich vielen, das den
groen Briten ber alle modernen Poeten hoch emporhebt -- schon um der
Form der Darstellung willen mu die glhende Sinnlichkeit der Fabel in
der Novelle mehr stofflich, mehr unmittelbar auf uns wirken, als in
der idealen durchgeistigten Atmosphre des Dramas. Aber wie schreckhaft
auch diese starke Leidenschaft verwhnte Nerven berhren mag, sie
bleibt doch lauter, sie bleibt die welterhaltende Macht der Liebe.
Echt tragisch ist das Los der Liebenden; denn was sie heraushebt aus
der Gemeinheit ihrer Umgebung, die Tiefe ihres, reinem Ehrgefhle und
wahrer Leidenschaft zugnglichen Wesens -- das begrndet zugleich ihre
Schuld. --

Es bleibt ein milich Ding mit den heitren harmonischen Menschen,
denen es wohl ist in ihrer eigenen Haut, zu rechten: sind sie doch
imstande, auf jeden Vorwurf die unwiderlegliche Antwort ihres groen
Altmeisters zu geben: Ich habe mich nicht selbst gemacht. Wir wollen
es darauf wagen. Wie wacker er auch das Seldwyler Vlkchen an den
Pranger gestellt hat: es flieen doch ein paar ansehnliche Tropfen
Seldwyler Blutes durch Kellers eigene Adern. Nur so ist es zu erklren,
da sein schnes Talent so ganz Verfehltes schaffen konnte, wie jene
beiden Novellen. Versteht er es, solche Schwachheit mit der Kraft eines
rechten Knstlerwillens zu bndigen, so drfen wir noch schne Gaben
von ihm hoffen. Eine lange Reihe von Jahren liegt noch vor ihm, und wir
preisen ihn in seiner Schweizer Heimat glcklich, da die Bitterkeit
des deutschen politischen Elends nicht unmittelbar verstimmend
auf seinen knstlerischen Gleichmut wirken kann. Vergessen hat er
Deutschland darum nicht; davon hat er noch jngst Zeugnis abgelegt, als
er auf dem Zricher Festschieen die nordischen Gste mit dem Liede
begrte:

    Erzwungen ist der Ha und Groll,
    Ein sndlich Narrenspiel -- -- --
    -- Es gibt ein stolzes Frstenwort,
    Das heit: von Fels zum Meer.
    Doch wird es einst der Vlker Hort,
    Wiegt's noch einmal so schwer.
    Dann eint ein glcklicher Geschlecht
    Vom Firnenrand
    Zum Meeresstrand
    _Ein_ Denken und _ein_ Recht.




Nachwort


Heinrich von Treitschke, geboren in Dresden am 15. September 1834 und
gestorben in Berlin am 28. April 1896, zhlt zu den besten Mnnern des
Zeitalters Bismarcks. Was uns als der strkste Ton in dem groartigen
Zusammenklange der Persnlichkeit Bismarcks erscheint, der tatfrohe,
praktische Idealismus einer rcksichtslosen deutschen Gesinnung, das
klingt auch aus jedem Worte dieses Geschichtsschreibers, der zugleich
ein leidenschaftlicher Mensch und ein Dichter war. Zwar bedeuten seine
Verse und Dramen als Kunstwerke nicht viel; aber als Schilderer groer
Menschen, als Darsteller vergangener Zeiten hat er jenes Dichtertum
bewiesen, das August Wilhelm Schlegel meinte, wenn er den Historiker
einen rckwrts gewandten Propheten nannte. Und dazu gesellte sich bei
Treitschke das leidenschaftliche, in den Glaubenskmpfen der Hussiten
bewhrte Temperament seiner tschechischen Vorfahren. Der Vater stieg
vom Husarenleutnant zum schsischen General auf, die Mutter war die
Tochter eines Kavalleriemajors, und etwas vom khnen Soldatentum hat
Treitschke sein Leben lang behalten, trotzdem ihm seit der Jugend ein
Gehrleiden, das sich bis zu vlliger Taubheit steigerte, das frische
frhliche Dasein verkmmerte.

Frh erwachte die Teilnahme an Geschichte und Politik, die liberale
Gesinnung und die Begeisterung fr Deutschlands Freiheit und Einheit.
Der Schler Dahlmanns in Bonn wurde bereits zum berzeugten Preuen
und geriet damit in Widerspruch zu dem kleinlichen Sondergeist
seiner schsischen Heimat. In unablssiger Arbeit eignete er
sich die Grundlagen geschichtlicher, volkswirtschaftlicher und
literarhistorischer Kenntnisse an und wurde 1859 Privatdozent in
Leipzig. Damals entstand bereits der ausgezeichnete Aufsatz Heinrich
von Kleist, die erste jener Dichter-Charakteristiken, die unser Band
smtlich vereinigt. Mgen sie in Tatsachen und Urteilen jetzt zu
einem kleinen Teil berholt erscheinen -- die edle Form, die groe
Gesinnung, die Schrfe und Feinheit der Charakteristik gesellen diese
durchkomponierten Bilder bedeutender deutscher Schriftsteller und
Dichter zu dem Besten, was unsre sprliche Essayliteratur aufweist.

Der temperamentvolle akademische Lehrer errang sogleich die grten
Erfolge. Die Hrer sprten, da hier eine groe Gesinnung mit
reichem Wissen sich einte, mehr aber noch war es jene fortreiende,
bis zum Schlu des Lebens wachsende Beredsamkeit, die alle in den
Bann Treitschkes zwang. Schon damals keimte auch der Gedanke, die
Entwicklung der neuesten Zeit zu schildern, aus dem spter das
Hauptwerk die Deutsche Geschichte im 19. Jahrhundert erwachsen ist.

In Leipzig scharte sich um Treitschke ein Freundeskreis von bedeutenden
Menschen, darunter Gustav Freytag, Franz Overbeck, Salomon Hirzel,
Friedrich Zarncke. Von hier kam die Anregung der Rede am hundertsten
Geburtstage Fichtes, die zu dem Aufsatz Fichte und die nationale Idee
umgebildet wurde und in dem groen Vorgnger fast das eigene Bild
zeichnete. Greres noch bedeutete die kurz zuvor entstandene mchtige
Schrift Die Freiheit, ein begeistertes Bekenntnis zum politischen und
theologischen Liberalismus, und so manche andere grere und kleinere
Aufstze, darunter der ber den geistesverwandten Lessing.

Als in Preuen der Verfassungskonflikt entstand, war Treitschke
unter den Gegnern Bismarcks, auch in dem damaligen Sachsen konnte
er, der Liberale, nicht auf eine Professur rechnen. So ging er nach
Freiburg. Vorher hatte er noch bei dem groen deutschen Turnerfest am
5. August 1863 auf dem Leipziger Marktplatz eine alles begeisternde
Rede gehalten, jene echte Demokratie preisend, welcher die Zukunft
Europas gehre. Das fhrte zum Bruche mit dem Vater, zum endgltigen
Bruche mit dem Sachsentum und wurde besiegelt in der bedeutendsten
politischen Schrift Treitschkes Bundesstaat und Einheitsstaat, der
Kriegserklrung gegen die verlogene Bundesverfassung Deutschlands,
gegen das ebenso verlogene Legitimittsprinzip, gegen die
Weiterexistenz der Kleinstaaten. Mit Recht behauptet der Biograph
Treitschkes: Wenn von irgendeiner Schrift gesagt werden kann, sie habe
Bismarck den Weg zur Begrndung des Reiches geebnet, so war es diese.

In dem katholischen Freiburg fhlte Treitschke sich im Exil, und so
bedeutete es fr ihn die glcklichste Fgung, als jene Beziehungen
zu Berlin sich anknpften, die durch sein tapferes Eintreten fr
Preuen im Jahre 1866 und die leidenschaftliche Broschre Die Zukunft
der norddeutschen Mittelstaaten gefestigt wurden. Er erhielt eine
Professur in Kiel, kehrte aber schon nach einem Jahre nach Baden,
nach Heidelberg, zurck. Dort verlebte er die sieben glcklichsten
Jahre seines Lebens, trotzdem nun sein Gehr vllig erlosch. Seine
groen Fhrereigenschaften traten in der begeisterten Gefolgschaft
der akademischen Jugend immer sichtbarer vor Augen. Von der frischen
Kraft dieser Jahre zeugen auch die damals entstandenen Geschichtswerke:
Frankreichs Staatsleben und der Bonapartismus, Cavour, und Die
Republik der vereinigten Niederlande.

Vor der Begrndung des Deutschen Reiches erhob Treitschke, ein
wahrhafter Prophet, seine Stimme gegen die selbstschtigen, der
deutschen Einheit schdlichen Ansprche Bayerns, ebenso wie gegen den
partikularistischen Liberalismus, mit dem er jetzt noch uerlich
zusammenging. Er lie sich in den Reichstag whlen und gehrte ihm bis
1884 an, trotzdem seine Taubheit ihm die Teilnahme an den Verhandlungen
sehr erschwerte. Die Beschftigung mit den ffentlichen Fragen, mit
der geistigen und sittlichen Entwicklung brachte Treitschke zu der
berzeugung, da man namentlich gegen die neue in Berlin entstehende
Grostadtkultur ankmpfen msse. Dies war ein Hauptgrund, da er dem
Rufe als Professor der Geschichte an die Berliner Universitt folgte.
Seit dem Sommer 1874 hat er dort auf dem Katheder gewirkt wie in
seiner Zeit kein anderer akademischer Lehrer, vor allem durch das in
jedem Winter gelesene Kolleg ber Politik, ein wahres Stahlbad fr die
Hrer.

Was er hier im gesprochenen Wort verkndete, das bot er einem weit
greren Kreise durch sein Hauptwerk, die Deutsche Geschichte im
19. Jahrhundert. In fnf Bnden schilderte sie, von 1879-1894
erscheinend, die Entwicklung des deutschen Staats- und Geisteslebens
bis zur Revolution 1848. Aber hier wie in dem Streite mit den
Kathedersozialisten zeigte es sich deutlich, da Treitschkes Denken,
seine Vorstellung von der Gesellschaftsordnung und von den eigentlich
ausschlaggebenden Krften immer mehr erstarrte und den Forderungen
einer neuen Zeit nicht gewachsen war. Seine wachsende Verbitterung
suchte im Judentum einen Prgeljungen, an dem er allen Groll gegen die
neuen Zeiterscheinungen auslassen konnte, und das mchtige Temperament
lie sich zu ungerechten demagogischen uerungen hinreien. Auch kam
sein einseitiges Preuentum immer mehr zum Ausdruck, namentlich im
zweiten Band der Deutschen Geschichte.

So wurden die letzten Jahrzehnte Treitschkes von unaufhrlichen Kmpfen
erfllt, bei denen hufig das Recht nicht auf seiner Seite lag.
Freilich konnte er noch bei groen Anlssen, wie den Hundertjahrfeiern
der Knigin Luise und Luthers, das Wort mit der alten reinen
Kraft ertnen lassen. Aber immer mehr wurde er zu einem Werkzeug
der Reaktion, immer mehr verengte sich der Kreis seiner geistig
hochstehenden Freunde, immer ungerechter wurde das Urteil.

Inzwischen waren alle Ehren, die dem groen Gelehrten damals zuteil
werden konnten, auf Treitschkes Haupt vereinigt worden. Er erbte von
Ranke, dem berlegenen Vorgnger, den Titel eines Historiographen
des preuischen Staates, er empfing nach den kleineren Ehrenzeichen
den Orden =Pour le mrite=, er geno die Gunst des jungen Kaisers
Wilhelm =II.= So blind war freilich die monarchisch-konservative
Gesinnung des alten Treitschke nicht, da sie die ungeheuren Mngel
der Persnlichkeit des neuen Kaisers und die verhngnisvollen Folgen
seines Waltens htte bersehen knnen, und gelegentlich erhob auch er
seine warnende Stimme.

Als Treitschke sich den sechziger Jahren nherte, befiel ihn ein
schweres Augenleiden. Nachdem er es berwunden hatte, ging er mit neuer
Kraft an die Fortsetzung der Deutschen Geschichte und schuf sein
Bestes, den fnften Band, die Schilderung der ersten Regierungsjahre
Friedrich Wilhelms =IV.= Es war der Abschlu seines Schaffens. Wenn
auch noch einzelnes nachfolgte, sollte er das Bild der Revolution von
1848, mit dem er sein Lebenswerk krnen wollte, nicht mehr malen. Er
erlag einer tckischen Krankheit, in der Flle seiner geistigen Kraft,
dieser Kraft, die berall dort gro und segensreich waltete, wo nicht
angeborene und anerzogene Eigenschaften zum Nachteil der unabhngigen
erworbenen Gesinnung die Oberhand gewannen.


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  | Anmerkungen zur Transkription                                |
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  | Das Inhaltsverzeichnis wurde vom Ende des Buchs an den       |
  | Anfang verschoben.                                           |
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  | Folgende Inkonsistenzen wurden belassen, da beide            |
  | Schreibweisen blich waren:                                  |
  |                                                              |
  | andern -- anderen                                            |
  | Augenblickes -- Augenblicks                                  |
  | ueren -- uern                                            |
  | Bauernsohnes -- Bauernsohns                                  |
  | bayerischen -- bayrischen                                    |
  | danach -- darnach                                            |
  | Dichterruhmes -- Dichterruhms                                |
  | dunkeln -- dunklen                                           |
  | finsteren -- finstern                                        |
  | fridericianischen -- friderizianischen                       |
  | Generale -- Generlen                                        |
  | Geschichtschreibers -- Geschichtsschreibers                  |
  | Geschlechtes -- Geschlechts                                  |
  | heiteren -- heitren                                          |
  | inneren -- innern                                            |
  | Julia -- Julie (Romeo und ...)                               |
  | Krieges -- Kriegs                                            |
  | napoleonischen -- Napoleonischen                             |
  | Parlaments -- Parlamentes                                    |
  | Regiments -- Regimentes                                      |
  | Reichstags -- Reichstages                                    |
  | Shakespeareschen -- Shakespearischen                         |
  | siebenzig -- siebzig                                         |
  | Staatsmanns -- Staatsmannes                                  |
  | Stcks -- Stckes                                            |
  | Talents -- Talentes                                          |
  | teilweis -- teilweise                                        |
  | Vaterlands -- Vaterlandes                                    |
  | ungeheuere -- ungeheure                                      |
  | unsre -- unsere                                              |
  | Zentraluntersuchungskommission -- Zentral-                   |
  |     Untersuchungskommission                                  |
  | zweifachen -- zwiefachem                                     |
  |                                                              |
  | Im Text wurden weiterhin folgende nderungen vorgenommen:    |
  |                                                              |
  | Inhalt Seite "7" in "9" gendert.                            |
  | S.  55 "Pestolozzis" in "Pestalozzis" gendert.              |
  | S.  84 "Trupppen" in "Truppen" gendert.                     |
  | S.  90 "Langwerkh" in "Langwerth" gendert.                  |
  | S. 103  eingefgt.                                          |
  | S. 108 "Kappenberg" in "Cappenberg" gendert.                |
  | S. 134  entfernt.                                           |
  | S. 140 "prosischen" in "prosaischen" gendert.              |
  | S. 141 "Schachten" in "Schchten" gendert.                  |
  | S. 145 "Boisseree" in "Boissere" gendert.                  |
  | S. 154 "misssen" in "missen" gendert.                       |
  | S. 180 "pour le mrite" in "Pour le mrite" gendert.        |
  |                                                              |
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Foundation as set forth in Section 3 below.

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work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.


Section  2.  Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of computers
including obsolete, old, middle-aged and new computers.  It exists
because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come.  In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
and the Foundation information page at www.gutenberg.org


Section 3.  Information about the Project Gutenberg Literary Archive
Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service.  The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541.  Contributions to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
permitted by U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
throughout numerous locations.  Its business office is located at 809
North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887.  Email
contact links and up to date contact information can be found at the
Foundation's web site and official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:
     Dr. Gregory B. Newby
     Chief Executive and Director
     gbnewby@pglaf.org

Section 4.  Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment.  Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States.  Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements.  We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance.  To
SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
particular state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States.  U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses.  Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations.
To donate, please visit:  www.gutenberg.org/donate


Section 5.  General Information About Project Gutenberg-tm electronic
works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
concept of a library of electronic works that could be freely shared
with anyone.  For forty years, he produced and distributed Project
Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
unless a copyright notice is included.  Thus, we do not necessarily
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search facility:

     www.gutenberg.org

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including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
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